Original
Titel: Wintersonnenwende
Autor: Nightsky
Inhalt: Ein kleine Story, die Nightsky für den Adventskalender gezaubert hat.
Altersfreigabe: keine
Teile: 1
Beta: Ladybird
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e):
 

 

Wintersonnenwende

Noch immer schneite es. Der Waldboden, der durch die wochenlange Kälte bis tief hinein gefroren war, kühlte den Schnee von unten und verhinderte somit, dass dieser schmelzen konnte. Der Schnee lag unberührt und glänzte im Licht der untergehenden Sonne.

Die Tiere waren in ihre Nester, Höhlen und anderen Behausungen zurückgekehrt und bereiteten sich auf ihre Nachtruhe vor. Der Tag war kurz gewesen, aber das war um diese Jahreszeit nichts Besonderes. Die Tage waren kurz, während die Nacht länger dauerte. Für sie war es eine Nacht, wie jede andere in diesem Winter.

Im Wald wurde es still. Unheimlich still, denn nicht einmal die Eulen und anderen Nachttiere schienen heute einen Ton von sich geben zu wollen. Als dann wirklich der letzte Laut im Wald erstarrte, herrschte eine Stille, die man diesen Winter noch nie vernommen hatte.

Stille. Absolute Stille. Kein Ton, kein Laut. Nicht einmal das Rauschen des Windes, wenn dieser durch die kahlen Äste der Bäume wehte. Kein einziger Ton, der aus dem Wald in angrenzenden Ebenen vordrang. Der Vollmond schwebte ruhig am Himmel und schickte seine seichten Strahlen durch die Äste. Vereinzelt leuchteten Sterne am Himmel.

Ein leises Knacken. Eine Pfote, die auf einen am Boden liegenden Ast getreten war. Das Fell des Tieres schimmerte silbern im Mondlicht. Vereinzelt waren schwarze Flecke in dem sonst einfarbigen Fell zu sehen. Anmutig setzte es eine Pfote vor die andere, hob witternd die Schnauze und schritt dann schnell über den sonst so unberührten Schnee auf das zu, was es soeben durch den Geruch gefunden hatte. Es schien auf der Suche, aber nicht auf der Jagd.

Das Tier schien über den Schnee zu schweben, denn es hinterließ absolut keine Spuren, genauso wie es, bis auf das Durchbrechen des Astes, keine Geräusche machte und hätte der Mond nicht so hell geschienen, wäre es sehr wahrscheinlich auch mit der Dunkelheit der Nacht verschmolzen.

Der Weg des Tieres führte aus den tiefen des Waldes hinaus zur Ebene. Am letzten Baum setzte es sich hin und schaute erst über die vor sich ausbreitende Ebene, bevor es seinen Blick zum Mond richtete. Das Tier wurde nun vom Mond voll beschienen. Es war ein Wolf.

Er stieß einen kurzen Ruf aus, der sich quer über die Ebene erstreckte und auch noch hunderte von Kilometer weit entfernt zu hören war. Minutenlang wartete der Wolf auf die Antwort seines Rufes und schließlich war aus der Entfernung ein weiterer Ruf zu hören und kurz darauf ertönten weitere Rufe.

Es dauerte auch nicht lange, bis man in der Ferne Gestalten sah. Weitere silbergraue Wölfe waren auf dem Weg zum Waldrand, wo noch immer der andere Wolf wartete, der den Ruf über die Ebene geschickt hatte. Aber nicht nur die Wölfe waren auf dem Weg zu ihm.

Hinter sich vernahm der Wolf das Schlagen von Hufen. Das Tier wusste, wer sich da hinter ihm näherte und wendete somit keine Kraft auf um sich zu drehen. Durch die dichten Bäume des Waldes drang ein leichtes Glimmen, was immer heller wurde, je näher es dem Waldrand und dem Wolf kam. Schließlich erkannte man ein weißes Pferd, dass das Mondlicht zu reflektieren schien. Die Reiterin des Pferdes war das genaue Gegenteil des Tieres. Sie war ganz in schwarz gekleidet. Einige Meter bevor die Reiterin den Wolf erreichte, wurde das Leuchten des Pferdes wieder weniger bis es gänzlich verschwand und das Tier und die Reiterin mit der Dunkelheit verschmolzen.

„Wir haben ihn gefunden, Herrin", sprach der Wolf, als das Pferd neben ihm zum Stehen kam.

„Wer hat ihn gefunden, mein treuer Freund?", fragte die Reiterin. Erst jetzt hob der Wolf seinen Kopf und sah die Schönheit, die auf dem Pferd saß, an. Sie saß elegant im Damensattel. Der schwarze Rock, den sie trug schmiegte sich an ihre Beine und schützte sie vor der Kälte, genauso wie der schwarze lange Mantel, der über ihrer Schulter lag und sich auch über das Pferd ausbreitete. Ihre Haare schimmerten rot im Mondlicht. Ihre Hände wurden von schwarzen Handschuhen geschützt und umschlossen sanft die Zügel des Tieres, auf dem sie saß.

„Mein Jüngster, Ataris, hat ihn heute nicht weit von hier entdeckt. Er ist auf den Weg hierher. Ich habe ihnen bereits Bescheid gegeben, dass ihr auf dem Weg seid. Sie müssten in wenigen Augenblicken hier eintreffen, Herrin."

„Ataris also. Er ist ein guter Wolf. Ich glaube, seine Mutter Neela wird verdammt stolz auf ihn sein", lächelte die Reiterin.

„Das wird sie, auch wenn sie traurig sein wird, dass nun auch unser Jüngster erwachsen geworden ist", meinte der Wolf und klang wehmütig.

„Salis, höre ich da etwa ein wenig Melancholie aus deiner Stimme?", fragte die Reiterin scherzend. Der Wolf wurde sofort wieder ernst.

„Wo denkt ihr hin, Herrin. Es ist mir, wie auch Neela und Ataris, eine Ehre dies für euch tun zu dürfen."

„Ach Salis, du weißt genau, wie sehr ich mir wünsche, dass das alles endlich ein Ende hat. Aber solange nicht ein Kind geboren wird, dass die Macht hat unseren Fluch zu lösen, solange werden wir immer und immer wieder diese Kinder schützen. Du weißt, wie sehr ich dich und deine Familie frei wünsche."

„Ich weiß, Herrin. Aber seid euch versichert. Selbst wenn das alles nicht wegen eines Fluches geschehen würde, wir würden immer treu an eurer Seite stehen."

Die Reiterin nickte und schaute gen Himmel. „Der Mond scheint im vollen Glanz. So eine klare Nacht hatten wir lange nicht mehr. Selbst die Sterne leuchten heute heller. Der Himmel ist klar. Vielleicht haben wir dieses Mal das Kind gefunden, was wir so verzweifelt seit Tausenden von Jahren suchen." Der Wolf schwieg und auch als sich weitere sieben Wölfe versammelt hatten, wurde die Stille nicht unterbrochen.

Einer der Wölfe trat ein paar Schritte weiter vor. Das Pferd blieb ruhig, als würde es gewohnt sein, von Wölfen umkreist zu sein. Der Wolf war kleiner als sein Vater, was wahrscheinlich daran lag, dass er noch nicht voll ausgewachsen war. Was wahrscheinlich auch besser so ist, dachte die Reiterin. Sanft ließ sich die Frau vom Pferd gleiten und kniete sich vor den jungen Wolf.

„Ataris, mein Lieber" Der Wolf hob den Kopf und schaute seiner Herrin direkt in die Augen. Er sprach nicht, übermittelte aber durch seine Augen der Herrin Bilder eines kleinen Dorfes und den Weg zu diesem. „Ich danke dir, dass du ihn für mich gefunden hast." Sie erhob sie wieder und schaute in die Runde der Wölfe, die sie noch immer erwartungsvoll anschauten. „Ich danke euch allen, dass ihr ihn für mich gesucht habt. Lasst uns ihn nun besuchen. Es ist einiges zutun, noch bevor die Nacht zu Ende geht."

Mit diesen Worten schwang sie sich wieder auf ihr Pferd und trieb es an. Das Pferd lief schnell über die Ebene, die vor ihm lag. Gefolgt von acht silbergrauen Wölfen. Und der Mond spendete ihnen das Licht, welches sie brauchten, um den Weg zu finden.

~*~*~*~*~*~

Als sie das Dorf erreichten, welches Ataris ihr gezeigt hatte, hatte es aufgehört zu schneien. Wenige hundert Meter vor dem Dorf war die Frau in schwarz von ihrem Pferd gestiegen und führte es nun durch die Straßen dieses kleinen schweigenden Dorfes. Auch hier war kein Laut zu hören. Nur ein kleines Paar leuchtender Augen betrachtete die Frau, die ihr Pferd führte und der acht Wölfe folgten. Die kleine Katze, die auf der niedrigen Mauer saß, die den Garten eines Familienhauses umschloss, blickte erwartungsvoll von den Wölfen zu der Frau. Die Frau lächelte, fuhr mit den Fingern über das weiche Fell des Kätzchens und lächelte.

„Hast du lange auf mich gewartet?", fragte die Frau. Das Kätzchen schmiegte seinen Kopf in die Handfläche der Frau und schnurrte. „Bring mich zu ihm, meine Liebe, wir haben leider nicht viel Zeit. Das Kätzchen mauzte einmal leise und sprang dann von der Mauer, um in Richtung Haus zu laufen.

„Ataris und Salis, kommt mit. Ihr anderen wartet hier draußen", sprach die Frau und folgte zusammen mit den zwei Wölfen der kleinen Katze, die bereits vor der Haustür wartete. Ohne irgendeine Geste oder ein Wort schwang die Haustür auf. Salis schlüpfte als erstes ins Haus, gefolgt von der Frau und zum Schluss trat sein Sohn ein, der sofort wieder zu der jungen Frau aufschloss und neben ihr hertrottete. Kurz blieben die Drei stehen, um sich zu orientieren. Die Haustür schloss sich wieder leise und nur Augenblicke später traten die zwei Wölfe und ihre Herrin in ein anderes Zimmer ein.

Es war ein Kinderzimmer mit großen Fenstern. Zwei kleine Truhen standen an der Wand, ein Schaukelstuhl neben dem Fenster. In einer Ecke war eine große weiche Decke ausgebreitet, auf der vereinzelte Spielsachen verstreut lagen. Durch das Fenster schien der Mond und tauchte das Kinderbettchen, das darunter stand, in ein sanftes Licht. Die beiden Wölfe traten darauf zu und stellten sich rechts und links daneben auf. Ihre Herrin näherte sich nun fast ehrfürchtig dem kleinen Bett und blieb schließlich davor stehen.

In dem kleinen Bettchen lag ein Baby, welches seelenruhig schlief. Die blasse Haut reflektierte das Mondlicht. Die kleinen Ärmchen lagen neben seinem Köpfchen. Sein Gesicht zum Mond gedreht, lag das Baby schlafend in seinem Bettchen, nichts ahnend, was um ihn herum geschah.

„Er ist ein niedlicher Junge", meinte die junge Frau leise und strich vorsichtig mit ihren Fingern über die Wangen des schlafenden Jungens. „Ich habe ihn nun schon so oft so gesehen und dennoch wundert es mich jedes Mal, wie unschuldig er aussieht."

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, schob die Frau ihre Hände unter den kleinen zerbrechlichen Körper und hob ihn aus seinem Bettchen, wohl achtend, dass die Decke, die seinen Körper umfloss, nicht wegrutschte. Mit dem Jungen im Arm begab sie sich zu dem Schaukelstuhl neben dem Fenster, der genau wie das Bettchen auch durch den Mond beleuchtet wurde.

„Wie lange ist es her, dass ich ihn gesehen habe, Salis?"

„Ein ganzes Jahr, doch damals war er ein Mann, Herrin", antwortete Salis.

„Aber du weißt doch, Salis. Auch der Mann war einmal ein süßer kleiner Junge gewesen."

Lange schwieg die junge Frau. Ein Lächeln lag auf ihren Zügen, während sie das schlafende Baby in ihren Armen hielt und manchmal ein wenig hin und her wiegte. Der Mond tauchte die beiden Personen unter dem Fenster in ein seichtes Licht und ließ das Haar der jungen Frau in einem roten Ton leuchten. Während sie so saßen, bemerkten weder die Wölfe noch ihre Herrin, die kleine Person, die nun in der Tür zum Kinderzimmer stand und das Farbspiel in den Haaren der Frau, die ihren Bruder in den Händen hielt, beobachte.

Ihr Blick glitt durchs Zimmer und besah die beiden Wölfe, die neben dem Schaukelstuhl standen. Der große Wolf hatte seinen Kopf auf den Schoß seiner Herrin gelegt und die Augen geschlossen, während der Jüngere von beiden sich auf dem Boden zusammengerollt hatte.

„Wer seid ihr?", brach das junge Mädchen nun die Stille. Der Wolf, der seinen Kopf auf dem Schoß seiner Herrin gelegt hatte, stand nun vor ihr und knurrte sie an.

„Salis, hör auf. Du erschreckst das Mädchen noch und immerhin sind wir hier die Eindringlinge und nicht sie", meinte die Frau an den Wolf, bevor sie sich wieder zu dem Mädchen wand. „Entschuldige bitte, Salis wollte uns nur beschützen. Komm her, Liebes. Er wird dir nichts tun und ich werde dir deine Fragen beantworten."

Das Mädchen sah die Frau skeptisch an. Irgendwie verspürte das Mädchen keine Angst, weder vor dem Wolf, noch vor der Frau, die sie nicht kannte und die auch noch ihren Bruder in den Armen hielt, der immer noch seelenruhig schief. Schließlich trat sie ins Zimmer und ging auf die Frau zu. Der große Wolf hatte sich wieder neben seine Herrin gestellt und behielt sie im Auge. Der junge Wolf beobachtete sie ebenfalls, lag aber immer noch auf dem Boden.

„Möchtest du dich auf meinen Schoß setzten, Liebes? Dann kannst du dich versichern, dass es deinem kleinen Bruder gut geht. Ich werde dir und ihm nichts tun, das verspreche ich dir." Das junge Mädchen blieb kurz vor dem Wolf stehen und legte den Kopf schief. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und fuhr damit über den Kopf des Tieres. Erstaunlicherweise schloss der Wolf darauf hin die Augen und schmiegte sich in die Hand, die ihn streichelte. Die junge Frau im Schaukelstuhl lachte leise. „Wenn man das bei ihm macht, verliert er schnell aus den Augen, was seine Aufgabe ist", meinte sie, doch der Wolf entzog sich der Streichelei nicht.

„Wie heißt du, meine Liebe?", fragte die Frau sie schließlich direkt.

„Ich heiße Josephine." Kurz schauten nicht nur die Frau, sondern auch die beiden Wölfe, sie verwundert an.

„Das ist ein hübscher Name, Josephine. Komm her, meine Liebe. Du hattest Fragen und die will ich dir gerne beantworten." Das Mädchen ging an dem Wolf, den sie gestreichelt hatte, vorbei und auf die Frau im Schaukelstuhl zu. Sie blieb kurz davor stehen und sah sie mit großen Augen an.

„Warte einen Moment, ich werde meinen Umhang abnehmen und dann können wir beide reden."

Sie stand auf und legte das Baby wieder in das Kinderbettchen. Dann löste sie den Knoten, der ihren Umhang hielt, streifte diesen ab und legte ihn auf einen Stuhl, der im Raum stand. Dann hob sie das Kind wieder aus dem Bettchen und setzte sich wieder auf den Stuhl. Als sie wieder in das Mondlicht trat, konnte man erkennen, was sie trug. Sie war ganz in schwarz gekleidet. Das schwarze langärmlige Oberteil wurde durch ein Band im Rucken zusammengezogen. Unter diesem Oberteil trug sie noch einen schwarzen Pullover. Um ihren Hals trug sie ein Tuch, das mehrmals um sie gewickelt war. Das Oberteil war solang, dass man den Übergang zu ihrem Rock kaum sah. der Rock den sie trug, war ebenso lang, dass er hinten den Boden berührte, während er vorne in Höhe ihrer Knie endete. Der Saum war wellig. Darunter konnte man die schwarzen Strümpfe sehen, die sie über die Knie gezogen hatte und die schwarzen Stiefel, die sie trug. Ihre Hände steckten in schwarzen fingerlosen Handschuhen.

Ihr Haar schimmerte noch immer rot und ihre Haut schien blass im Mondlicht. Die einzigen Kontraste zu den schwarzen Kleidern, die sie trug.

Die Frau lächelte sie an, streckte eine Hand aus, die sich um die Hüften des Mädchens legten und sie auf ihren Schoß zogen. Das Mädchen war noch immer von der Schönheit der Frau begeistert. Doch schließlich glitt ihr Blick zu ihrem Bruder, der im linken Arm der Frau lag. Irgendwann schien sich Josephine wieder daran zu erinnern, warum sie hier war.

„Sagt ihr mir nun, wer ihr seid?", fragte Josephine.

„Natürlich, ich hab dir doch versprochen deine Fragen zu beantworten", lächelte die Frau Josephine an. „Mein Name ist Josephine Daria Delaro und meine beiden Wölfe heißen Salis und Ataris."

„Du hast den gleichen Namen, wie ich. Magst du ihn auch so wenig wie ich?", stellte das Mädchen fest.

„Ja, ich trage den gleichen Namen wie du. Aber ich trage ihn mit Stolz und das schon seit vielen Jahren. Jeder der diesen Namen trägt, sollte seinen Namen mit Stolz tragen, denn er hilft dabei, so zu werden, wie wir sind. Unser Name bedeutet ‚Gott möge hinzufügen.’ Die Menschen mit dem Namen Josephine werden erst zu dem, was wir werden sollen, wenn wir unseren Gegenpart gefunden haben. Ich weiß, es ist für dich noch schwer zu verstehen, aber wenn du deinen Seelenpartner gefunden hast, dann wirst du wissen, was ich meine." (A/N: meine Interpretation der Bedeutung des Namens)

„Was willst du von meinem Bruder?", fragte Josephine schließlich.

„Das meine Liebe ist eine lange Geschichte, die ich dir gerne erzählen werde."

„Aber Herrin", wollte Salis einwerfen.

„Ist schon gut. Ich bin mir sicher, dass sie vertrauenswürdig ist, Salis. Außerdem wird sie ihren Bruder beschützen. Nicht wahr, Josephine." Das Mädchen nickte.

„Weißt du, in dieser Welt passieren Dinge, die sich niemand erklären kann", begann Daria. „Nicht mal die Wissenschaft kann sich diese Dinge erklären. Diese Dinge geschehen durch eine Kraft, die wir Magie nennen. Vor einigen Jahrtausenden herrschte auf dieser Welt so viel Magie, dass jedes Wesen was lebte, diese Magie beherrschen und manipulieren konnte. Auch solche kleinen Wesen wie du und dein kleiner Bruder auch schon. Damals lebten Wesen, die mit der Magie lebten und die Umwelt so beeinflussten, dass die Natur nicht geschadet wurde. Doch nach und nach änderte sich etwas. Die Wesen änderten sich. Es gab einige, die die Macht der Magie plötzlich einsetzen, um ihresgleichen oder der Natur zu schaden. Jahrelang gab es nur kleine Auswirkungen, doch schließlich grenzten sich diese Wesen, die nach Macht hungerten, von den anderen ab. Schließlich nannte man sie Dunkelwesen. Während die Lichtwesen, die noch immer mit der Natur in Einklang lebten, versuchten in Ruhe weiter zu leben, wurden sie immer und immer mehr von den Dunkelwesen bedroht. Irgendwann waren die Bedrohung und die Kluft zwischen den zwei Arten so groß, dass es zum Krieg kam. Doch beide Seiten waren gleich stark und so dauerte der Krieg Jahrhunderte. Eine Macht, die über uns allen steht und die neutral ist, konnte diesen Krieg nicht mehr mit ansehen. Diese Macht schickte einen Krieger, die die beiden Seiten trennen sollte. Die Dunkelwesen sollten unter die Erde verbannt werden, weil sie die Dunkelheit liebten und die Lichtwesen sollten auch die Erde verlassen und in den Himmel geschickt werden."

„Dahin wo die Engel sind?", fragte das Mädchen auf ihrem Schoß.

„Ja. Der christliche Glaube hat die Lichtwesen als Engel bezeichnet", erklärte Daria geduldig. „Doch auch als die Kriegerin zur Erde geschickt wurden war, dauerte der Krieg noch einige Jahre. Bis sie ihre Kraft, die sie von der Macht erhalten hatte, einsetzen konnte, musste noch so einiges passieren. In den Jahren, die sie kämpfte, um beide Seiten zu trennen, lernte sie einen jungen Mann kennen, der weder für das Licht noch für die Dunkelheit kämpfte. Er wollte genau wie sie nur, dass dieser Krieg endlich ein Ende hatte. Sie verliebte sich in ihn und er war auch der Auslöser, dass sie ihre wahre Kraft endlich einsetzen konnte. Sie schaffte es auch und konnte beide Seiten endlich trennen. Die Dunkelwesen wurden unter die Erde verbannt und die Lichtwesen verließen die Erde freiwillig, denn sie wussten, dass die Natur durch diesen Krieg zu viel Schaden genommen hatte und sie ruhen musste. So lag die Erde ruhig, bis sich erneut Wesen entwickelten. Aber diese hatten nicht die Macht die Magie zu beherrschen. Sie spürten sie nicht mal."

„Was hat das mit meinen Bruder zu tun?", fragte Josephine. Daria lächelte.

„Du hast Recht, diese Geschichte sagt nicht aus, was ich von deinem Bruder will. Pass auf, meine Kleine. Die Lichtwesen fügten sich ihrem Schicksal und verließen die Erde. Doch die Dunkelwesen waren wütend, dass sie verbannt wurden. Sie sprachen einen starken Zauber aus. Sie wussten, wer verantwortlich war, dass sie nun unter der Erde leben mussten. Der Zauber war ein Fluch und legte sich über die Kriegerin und ihren Gefährten. Der Fluch war für beide. Die Kriegerin wurde mit dem ewigen Leben verflucht, während ihr Gefährte altern und sterben sollte. Sein Fluch bestand darin, dass er in einem gewissen Alter erfuhr, was geschehen war. Er spürte die Liebe, die die beiden verband. Doch sie können nicht einfach in jedem Leben erneut zusammen kommen. Die Kriegerin wurde durch diesen Fluch in eine andere Welt verbannt und es ist ihr nur gestattet zur Wintersonnenwende in diese Welt zu reisen. Dadurch bleibt ihnen nur wenig Zeit, in denen sie sich treffen können, was für beide nicht sehr leicht ist."

„Kann er nicht einfach mit in ihre Welt?", fragte das Mädchen.

„Leider nicht. Ihre Welt ist so voller Magie gefüllt, dass diese Macht ihn umbringen würde. Durch diesen Fluch ist die Kriegerin gezwungen, ihren Gefährten und Freund nur einmal im Jahr sehen zu können. Und da er altert, stirbt und wiedergeboren wird, werden auch die Zeiten des glücklichen Zusammenseins sehr selten."

„Das ist sicherlich nicht leicht für die beiden", stellte Josephine fest.

„Nein, das ist es wirklich nicht", meinte nun auch Daria traurig.

„Und was ist nun mit meinem Bruder?"

„Wie alt bist du, Josephine?", stellte Daria die Gegenfrage.

„Sechs."

„Das ist toll, meine Kleine. Du bist aus dem Kindesalter heraus, indem man die magischen Wesen sieht und du siehst noch immer meine Wölfe. Jetzt bin ich sicher, dass ich dir die ganze Wahrheit erzählen kann." Josephine sah Daria erwartend an.

„Weißt du, Josephine. Meine Wölfe und ich kommen jedes Jahr, um zu sehen, wie es dem Gefährten der Kriegerin geht. Letztes Jahr war er ein junger Mann. Doch er war schwer krank und war scheinbar auch daran gestorben. Und so wurde der Gefährte der Kriegerin erneut geboren, nur dieses Mal in deinem Bruder."

„Du meinst, mein Bruder ist der Gefährte der Kriegerin?", fragte Josephine überrascht und sah ihren immer noch schlafenden Bruder an.

„Ja und Ataris", Daria zeigte auf den jungen Wolf der noch immer am Boden lag, „hat den Gefährten in deinem Bruder gefunden. Er wird über ihn wachen und ihn ein Leben lang begleiten."

„Aber Mum und Dad mögen sicher keine Wölfe, ich durfte ja nicht einmal einen Hund haben", meinte Josephine traurig.

„Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen. Ataris ist ein magisches Wesen aus einer anderen Welt. Er ist nur für deinen Bruder sichtbar und für dich. Er wird euch nun beide beschützen." Josephine schaute zu dem Wolf auf dem Boden.

„Kann er auch sprechen, so wie der große Wolf?"

„Ataris ist noch jung. Er ist der jüngste aus Salis’ Familie. Er wird erst sprechen können, wenn sein menschlicher Gefährte es ebenfalls lernt. Also wenn dein Bruder mit sprechen beginnt, wird auch Ataris seine Stimme finden. Komm wir legen deinen Bruder zurück in sein Bettchen und du musst auch zurück in dein Bett. Die Sonne geht bald auf und ich muss zurück in meine Welt."

Josephine kletterte von Darias Schoß und Daria stand auf, um das kleine Kind, das immer noch ruhig in ihrem Arm schlief, wieder in sein Bett zu legen. Bevor sie den Jungen niederlegte, küsste Daria noch einmal seine Stirn und sprach leise Worte. Worte des Segens der heiligen Mutter und Worte der Liebe. Sie hatte ihren Gefährten wieder gefunden und dieses Mal sollte der Junge seinen Weg nicht alleine beschreiten, denn er hatte eine Schwester, die sich um ihn kümmern würde.

Also Daria sich umdrehte, kniete Josephine neben Ataris und streichelte ihn. Der Wolf hatte die Augen geschlossen und genoss, wie zuvor sein Vater, die Streichelei des Mädchens. Daria lächelte, als sie die Vertrautheit der beiden sah.

„Salis", sprach Daria ihren tierischen Gefährten an, der sofort auf sie zugelaufen kam. Auch Josephine sah sie jetzt wieder an. Daria strich Salis über das Fell und graulte seinen Nacken. Als sie ihre Hand zurückzog, hielt sie eine einfache silberne Kette, mit einem runden Stein in der Hand. Der Stein leuchtete im kalten Mondlicht hellblau und zwei silberne Wölfe waren zu erkennen, bei denen man meinen könnte, sie spielten mit dem Stein.

„Dies, Josephine, möchte ich dir schenken. Es ist ein Geschenk, das dir helfen wird, wenn du Hilfe brauchst. Es wird dich und deinen Bruder beschützen, wenn ihr zusammen seid. Ataris wird immer in der Nähe deines Bruders sein. Solltet ihr aber mal getrennt sein, brauchst du keine Angst haben. Ataris wird auf deinen Bruder aufpassen und der Stein in dieser Kette wird dich schützen vor allem was auch kommen mag."

Josephine besah sich das Schmuckstück, bevor Daria es ihr um den Hals legte und ein paar Worte sagte: „Dies, meine Kleine, ist ein Geschenk von Josephine Daria Estrelle de Aja, der Kriegerin des Schicksals. Möge es dich beschützen und leiten." Josephine lächelte Daria an, stand kurz entschlossen auf und umarmte sie.

„Ich danke dir, Daria. Ich werde es hüten und ich verspreche dir, dass ich auf meinen Bruder und deinen Gefährten acht geben werde."

Daria sah sie verwundert an. Josephine hatte gesprochen als wäre sie schon um einiges älter, als das sechsjährige Mädchen, das hier vor ihr stand.

Der Abschied der beiden und die der beiden Wölfe ging schnell vonstatten. Salis und Daria baten Ataris, auf beide zu achten. Der junge Wolf hatte sich noch einmal an seinen Vater geschmiegt und sich vor seiner Herrin verneigt und war dann zurück zu dem Baby gegangen. Daria hatte die kleine Josephine ins Bett gebracht und ihr eine gute Nacht gewünscht. Dort hatte sie die Kleine auch das erste Mal gefragt, wie ihr Bruder überhaupt hieße. Alexander, war ihre Antwort, bevor ihr die Augen zugefallen waren und sie ins Land der Träume versunken war.

Nun saß Daria wieder auf ihrem Pferd und galoppierte mit ihren Wölfen in Richtung des Waldes. Als sie den Wald endlich erreichten, wendete sie noch einmal ihr Pferd. Bis auf Salis waren die Wölfe, die sie noch begleitet hatten, schon im Wald verschwunden. Salis und Daria beobachteten die ersten Sonnenstrahlen, die über den Horizont krochen.

„Das Mädchen war eigenartig, Herrin", meinte Salis schließlich.

„Nein, nicht eigenartig. Sie war machtvoll. In ihr ruht ebenfalls eine alte Seele, Salis. Wenn sie älter wird, wird sie eine der wenigen Menschen sein, die die Magie dieser Welt beherrschen können. Sie wird einzigartig sein und doch eine Außenseiterin in dieser Welt."

„Meint ihr, sie wird ihren Bruder beschützen können." Daria schaute in die Richtung in der sie das kleine Dorf wusste.

„Ich weiß, dass sie es kann. Nun brauche ich keine Angst um meinen Alvaro haben. Denn er wird in seiner Schwester jemanden finden, der sich um sie kümmert und der ihn liebt, so wie ich es tue."

„Aber er wird wie all die anderen vor ihm, einsam sterben, weil der Schmerz eurer Trennung, die ihr nicht überwinden könnt, zu groß ist, Herrin."

Daria sah ihren Wolf nachdenklich an. „Vielleicht auch nicht, Salis. Vielleicht ist er es endlich, der uns helfen kann, diesen Fluch zu zerstören. Du weißt, dass er nicht nur der Auslöser war, dass ich meine Macht einsetzen konnte. Es war seine und meine Macht gebündelt. Vielleicht erreicht Alexander das Alter, in der seine Macht erwacht und wenn das geschieht, werde ich da sein und wir brechen gemeinsam diesen gottlosen Fluch, der auf uns lastet. Vielleicht ist er es, der uns unsere Erlösung bringt."

Mit diesen letzten Worten wendete Daria hier Pferd und trieb es in die Dunkelheit des Waldes, während die Ebene durch die Sonnenstrahlen erhellt wurde. Salis folgte seiner Herrin.

So brach der Tag der Wintersonnenwende an und als nun auch der Wald von den Sonnenstrahlen erhellt wurde, waren Daria und ihre Wölfe verschwunden und keine einzige Spur war von ihnen zu sehen. Der Schnee war noch immer unberührt und glitzerte im Licht.

Auch das kleine Dorf, in dem Josephine und Alexander wohnten, wurde von der Sonne erhellt. Das kleine Mädchen schlief ruhig, mit der Hand an der Kette, die sie von Daria geschenkt bekommen hatte. Und vor dem Bettchen ihres kleinen Bruders schlief ein junger Wolf, dessen Aufgabe es war, das kleine Wesen und seine Schwester zu beschützen. Solange bis der Moment kommen würde, dass der Fluch der Kriegerin des Schicksals und ihrem jungen Gefährten endlich gebrochen wurde.

Ende