
Original
Titel: Wenn Sterne vom Himmel fallen
Autor: Silentthunder
Inhalt: Weihnachtsmärchen
Altersfreigabe: keine
Teile: 1
Beta: Dana
Storypic: Indiansummer
Hauptcharakter(e): /
Wenn Sterne vom Himmel fallen
Über Nacht hatte es heftig geschneit und Anna rückte nah an das von Eisblumen überzogene Fenster. Sie hauchte ein paar Mal heftig gegen die kalte Scheibe, wischte mit ihrer kleinen Hand ein Guckloch frei und spähte hinaus. Alles war weiß. Überzogen von einer flauschigen, weißen, im Schein der Sonne silbrig glitzernden, Decke.
„Endlich", murmelte sie leise und lief geschwind durch den Flur, die Treppe hinab und sprang ihrem Vater in die Arme, der gerade zur Haustür hereinkam.
„Hast du es gesehen, Papa? Es hat endlich geschneit. Ganz viel sogar", plapperte sie munter drauf los. „Können wir heute Schlitten fahren? Ach, bitte."
„Aber, Anna. Du weißt doch…"
„Ja, ich weiß. Matthias ist krank", seufzte sie traurig. „Aber einmal könntest du …", sie stockte und ihre kleinen Schultern sackten herab. „Ist schon gut. Ich fahre alleine mit dem Schlitten. Vielleicht sind ja nachher noch andere Kinder auf dem kleinen Hügel hinter Johanssons Scheune."
„Das ist eine gute Idee", erwiderte ihr Vater und streichelte ihr sanft über das lange dunkelblonde Haar. „Aber erst solltest du dich anziehen und frühstücken. Ich hole dir in der Zeit schon mal den Schlitten aus dem Schuppen und schleife die Kufen ein bisschen. Wenn du Lust hast kannst du ja auch Matthias noch guten Morgen sagen."
„Okay", brummte Anna undeutlich und lief über die Treppe zurück in das obere Stockwerk.
Matthias tat ihr schrecklich leid, aber manchmal hätte sie auch gerne soviel Zeit mit ihrem Vater verbracht. Und ein kleines bisschen Eifersüchtig war sie schon, das wusste sie selber und manchmal schämte sie sich heftig dafür.
Ihr kleiner Bruder war im Sommer sechs Jahre alt geworden und schon damals war er krank gewesen. Irgendetwas mit seinem Blut war nicht richtig, hatte der Vater ihr erklärt. Aber wirklich verstanden hatte Anna es nicht.
Sie wusste nur, dass Matthias immer sehr blass war und manchmal nicht mal die Kraft hatte, aufzustehen. Jetzt hatte er sich auch noch erkältet und in der letzten Nacht so furchtbar gehustet, dass sie gar nicht hatte einschlafen können.
Rasch lief sie zurück in ihr Zimmer, öffnete den bunt bemalten Schrank und suchte sich mollig warme Kleider heraus. ‚Ob ich Matthias überhaupt erzählen soll, dass ich Schlitten fahren gehe? Dann ist er bestimmt richtig traurig’, überlegte Anna und seufzte.
Sie wusste nicht, wie sie ihm helfen sollte. Eigentlich konnte sie gar nichts tun, außer an seinem Bett sitzen und ihm Geschichten vorlesen. Manchmal spielten sie auch zusammen, aber meistens hatte Matthias nicht die Kraft dafür und sah sie einfach nur aus müden Augen an.
Wieder seufzte Anna. Wenn sie sie doch nur irgendetwas tun könnte. Sie goss sich Wasser in die Waschschüssel, schnappte sich das gut duftende Stück Seife und betrachtete sich dabei im Spiegel. Sie dachte an das Gespräch, das sie vor ungefähr vier Wochen mit angehört hatte.
*~*~*
Der Doktor war wieder einmal da gewesen, hatte Matthias untersucht und danach mit ihrem Vater gesprochen. Ihr Papa hatte dem Arzt einen kräftigen Tee serviert, bevor dieser sich auf den beschwerlichen Heimweg machte und zusammen hatten die Beiden in der guten Stube gesessen und sich unterhalten.
Anna wusste es noch, als wäre es gestern erst geschehen. Sie hatte auf der Treppe gesessen und keiner der Erwachsenen hatte sie gesehen.
„Weißt du, Ole. Ich mag es dir fast nicht sagen, aber ich glaube dieses Weihnachten wird für deinen Sohn das Letzte sein. Wenn er es überhaupt solange schafft", hatte der Doktor leise gesagt und es hatte eine lange Zeit gedauert, bis ihr Vater mit verzerrter Stimme überhaupt geantwortet hatte.
„Es gibt keine Möglichkeit? Nichts, was wir tun können?" Die Verzweiflung in seiner Stimme hatte Anna eisige Schauer über den Rücken geworfen und die Tränen, die über ihr Gesicht gelaufen waren, hatten heiße Spuren auf ihren Wangen hinterlassen.
„Helfen könnte nur noch ein Wunder", hatte der Arzt geantwortet und sich verabschiedet. „Ich bin in zwei Wochen wieder hier. Es tut mir sehr Leid, das musst du mir glauben. Ich würde wirklich gerne mehr tun."
Anna hatte sprachlos auf der Treppe gesessen und geweint. Die Tränen waren ungehindert über ihr kleines Gesicht gelaufen und sie hatte sich nicht bewegen können. Hatte einfach nur dagesessen und ihrer Trauer freien Lauf gelassen. Sie hatte immer gedacht, dass Matthias wieder gesund werden würde. Genauso wie sie selbst, wenn sie Windpocken oder Masern gehabt hatte.
*~*~*
Sie war jetzt acht Jahre alt und hatte begriffen, dass Matthias Krankheit nicht einfach verschwinden würde. Der Doktor hatte gesagt, sie bräuchten ein Wunder, um ihn zu heilen. Und genau dafür betete sie jede Nacht. Sie hatte in Gedanken schon mit dem Nikolaus und dem Christkind darüber verhandelt. Anna verzichtete gerne auf jedes noch so schöne Geschenk und auf die leckeren Süßigkeiten, wenn dafür nur ihr Bruder gesund werden würde.
Sie hatte wunderschöne Träume gehabt. Träume in denen sie zusammen mit Matthias auf dem Schlitten den Hügel herunterbrausen würden. Und Matthias hätte rote Wangen und würde vor Begeisterung laut johlen.
Auch mit ihrer Mama hatte sie viel und lange gesprochen. Ihre Mutter war auch schon seit langer Zeit im Himmel und erst war Anna furchtbar böse auf sie gewesen und hatte ihr die Schuld dafür gegeben, dass ihr Bruder krank war. Anna hatte überlegt, ob ihre Mama wohl nicht alleine sein wollte und Matthias deswegen krank geworden war.
Aber den bösen Gedanken hatte sie schnell verworfen. Nein! Das hätte sie niemals zugelassen. Sie konnte sich nicht mehr viel an ihre Mutter erinnern, aber eins wusste sie genau. Ihre Mama war lieb gewesen und so was hätte sie niemals getan.
*~*~*
„Guten Morgen, Matthias", flüsterte Anna leise und strich ihrem kleinen Bruder sanft über die Wange. „Hast du gut geschlafen?"
„Ja", krächzte er heiser und lächelte sie mit fiebrigen Augen an. „Mathilda hat gesagt, es hätte ganz viel geschneit letzte Nacht. Gehst du gleich Schlitten fahren?"
Anna hätte am liebsten schon wieder geweint. Matthias war genauso weiß wie seine Bettwäsche, nur seine dunklen Haare fielen ins Auge. Die Haare und die furchtbar dunklen Ringe unter seinen blauen Augen, die früher immer so gestrahlt hatten.
„Ja, mal gucken. Bestimmt wird es furchtbar langweilig", log sie ihn an.
Matthias schnaufte furchtbar. Für Anna hörte es sich so an, als würde er kaum noch Luft bekommen und sie bekam schreckliche Angst, als er dann auch noch anfing furchtbar zu husten. Er hörte gar nicht wieder auf und so rannte sie schnell in den Flur und rief laut nach ihrem Vater.
„Papa! Komm ganz schnell! Ich glaube, Matthias bekommt keine Luft mehr!"
Sie sah noch, wie ihr Vater und Mathilda die Treppe hinaufstürmten und dann wurde ihr Matthias Zimmertür vor der Nase zugeknallt.
Ob sie wollte oder nicht, ihr rannen die Tränen nur so das Gesicht herab und sie lief in ihr Zimmer und warf sich auf das Bett. Sie schimpfte unterdrückt mit dem lieben Gott und vor allen Dingen dem Nikolaus. Sie hatte so oft gebetet, er würde nicht hierher kommen und seine Süßigkeiten behalten, wenn er dafür nur ihren Bruder wieder gesund machen würde. Aber er war trotzdem da gewesen und hatte ihr eine Tüte voller Leckereien gebracht.
Anna war verzweifelt. Wenn das Christkind sie auch nicht gehört hatte, was dann? Was wenn unter dem Tannenbaum trotzdem Geschenke lagen? Was, wenn die Puppe, die sich so wünschte auch dabei war?
Ihr Vater weckte sie lange Zeit später, in dem er ihr die Haare aus dem Gesicht strich und sanft flüsterte. Sofort setzte sie sich auf, wischte den Schlaf aus den Augen und blickte ihn fragend an. „Was ist mit Matthias?"
„Es geht ihm wieder gut. Er schläft jetzt und darum wäre es auch gut, wenn es still im Haus ist. Das Frühstück hast du ja schon lange verpasst, aber Mathilda hat dir Mittagessen hingestellt. Danach kannst du Schlitten fahren gehen."
Anna sah, dass auch ihr Vater müde war und sie wusste, dass es für ihn nicht einfach war. Auch er würde alles tun, um Matthias wieder gesund zu machen. Aber auch er konnte nicht helfen und sie erkannte seine Verzweiflung.
Langsam nickend krabbelte sie vom Bett und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen. So leise wie möglich schritt sie die Treppe hinunter und ging in die Küche, wo Mathilda sie schon empfing.
„Hallo junges Fräulein", versuchte die Magd sie aufzuheitern. „Du freust dich bestimmt aufs Schlitten fahren? Immerhin ist es das erste Mal in diesem Winter."
Aber Anna war alles egal. Sie bemühte sich nicht einmal um eine Antwort, sondern schob ihr Essen auf dem Teller wortlos hin und her.
„Kann ich jetzt gehen?", fragte sie schließlich.
„Aber du hast ja noch gar nichts gegessen", meinte die Magd und trat näher. „Es hilft nicht, wenn du auch noch krank wirst."
Das reichte. Anna schob ihren Stuhl wütend zurück, funkelte die ältere Frau böse an und rannte dann aus der Küche. Im Flur griff sie nach Jacke, Mütze, Schal und Handschuhen und verschwand aus dem Haus.
*~*~*
Anna hatte sich so auf das Schlitten fahren gefreut, doch diesmal blieb der Spaß aus. Die anderen Kinder aus dem Dorf waren auch alle da. Lachten und johlten und Anna versuchte, zumindest ein bisschen gute Laune zu zeigen. Doch es misslang ihr völlig. Es dauerte nicht lange und sie stand ganz allein da. Keiner wollte mit ihr spielen, aber eigentlich war es ihr nur recht.
Ihre Gedanken beschäftigten sich nur mit dem morgigen Tag. Morgen war Heiligabend und alle Kinder waren nervös und aufgeregt. Alle unterhielten sich über die Geschenke, die das Christkind bringen würde, aber ihr war das alles egal.
Sie konnte einfach nicht vergessen, was der Doktor gesagt hatte. Es würde Matthias letztes Weihnachtsfest sein und Anna war böse. Böse auf alle gesunden Kinder, böse auf sich selbst und vor allen Dingen auf Weihnachten. Das konnte keine schöne Zeit werden wenn…
Verwundert blickte sie sich um. Sie erkannte nichts von ihrer Umgebung. Ganz in Gedanken war sie die ganze Zeit marschiert, immer den Schlitten hinter sich herziehend. ‚Das gibt Ärger’, dachte sie noch und sah dabei zu, wie die Schlittenspuren im fallenden Schneegestöber langsam aber sicher verschwanden.
Teil 2
Anna wurde es angst und bange. Ihr Vater hatte mehr als genug Sorgen. Wie würde er reagieren, wenn er Matthias jetzt alleine lassen müsste um nach ihr zu suchen? Sie wollte lieber gar nicht darüber nachdenken. ‚Ich schaffe das auch alleine. Ich finde den Weg zurück’!
„Hast du dich verlaufen, Anna?", fragte eine warme und sehr freundliche Stimme hinter ihr und sie erschrak furchtbar.
Schnell blickte sie sich um und sah zwischen zwei hohen Fichten, ein junges Mädchen stehen, dass sie sanft anlächelte. „Nein, ich…. Doch", gab sie schließlich zu und ließ ihre kleinen Schultern hängen. „Ich habe nicht auf den Weg geachtet."
„Warum warst du denn so in Gedanken versunken?"
„Ich habe an meinen Bruder gedacht, und daran, das Weihnachten ein blödes Fest ist." Aufmerksam betrachtete sie das fremde Mädchen, dem offenbar trotz des dünnen Umhangs nicht kalt war. Es war groß gewachsen, lächelte unentwegt und die Wangen glühten rot im kalten Wind.
„Du magst Weihnachten nicht?", fragte das Mädchen überrascht und schaute verwundert, doch immer noch lächelnd auf sie herunter.
„Nein. Doch. Nein! Jetzt nicht mehr!" Anna seufzte und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen dabei verdrehten. „Früher war Weihnachten das schönste Fest im Jahr, jetzt möchte ich, dass es … schnell vorbei ist."
„Ich würde den Grund wirklich gerne erfahren. Aber zuerst sollten wir uns auf den Weg machen und dich nach Hause bringen. Es wird bald dunkel", sagte das Mädchen und deutete auf den dunklen Wald. „Komm, ich zeige dir den Weg."
Anna sah sie lange prüfend an. ‚Eigentlich darf ich nicht mit Fremden mitgehen, aber sie ist doch nett. Und wenn sie den Weg nach Hause kennt.…Und so wunderschöne lange blonde Haare habe ich noch nie gesehen’. Viele verschieden Gedanken schossen durch ihren Kopf, doch sie nickte zustimmend.
„Setzt dich ruhig auf deinen Schlitten, ich zieh dich ein Stück des Weges."
Aber das wollte Anna nicht. Sie schüttelte ablehnend den Kopf und fragte dann ganz tapfer, in welche Richtung sie gehen musste?
Doch das blonde Mädchen lächelte nur lieb. „Ich werde dich begleiten. Komm!"
Zusammen stapften sie durch den immer tiefer werdenden Schnee und Anna hatte große Mühe mit dem größeren Mädchen schrittzuhalten. Sie versank mit ihren kurzen kleinen Beinen bis zum Knie und war schnell erschöpft.
„Setzt dich auf den Schlitten und ruh dich etwas aus", meinte das Mädchen und nickte ihr aufmunternd zu. „Mach eine Pause."
„Der Schnee ist viel zu tief", erwiderte Anna. „Der Schlitten wird einsacken, wenn ich mich darauf setzte."
„Ich schaffe das schon. Ganz bestimmt. Und du erzählst mir dann, warum du so traurig bist."
Und genau das tat Anna. Sie setzte sich erleichtert auf den Schlitten und zog die Beine hoch. Nach einem weiteren Nicken des Mädchens erzählte sie von ihrem kranken Bruder, von ihrer Mutter und von ihrem Vater, der immer nur noch ein trauriges Gesicht machte.
„Das ist wirklich schlimm. Ein kleines Mädchen wie du sollte eigentlich glücklich und zufrieden sein. Aber, du hast mir noch immer nicht gesagt, warum du Weihnachten nicht magst."
„Weil es Matthias letztes Weihnachten sein wird", flüsterte sie fast tonlos. Dann sah sie auf und zuckte traurig mit den Schultern. „Das hat der Doktor gesagt. Und dabei hab ich mir doch so gewünscht, dass mein Bruder wieder gesund wird", schimpfte Anna mit plötzlich aufsteigender Wut im Bauch.
„Aber es ist doch erst morgen Heiligabend. Vielleicht geht dein Wunsch ja doch noch in Erfüllung", meinte das fremde Mädchen leise und sah sie an.
„Ich weiß. Aber ich glaube nicht mehr daran", seufzte Anna traurig. „Der Nikolaus war auch da, obwohl ich die Süßigkeiten nicht wollte." Verdutzt blickte sie sich um. Sie standen oben auf dem Hügel hinter Johanssons Scheune. Alle anderen Kinder waren bereits nach Hause gegangen, denn es war mittlerer Weile schon sehr dunkel.
„Guck mal, Anna", sagte das Mädchen sanft. Sie zeigte auf den Himmel, der sich schlagartig aufklarte und einen Blick auf die Sterne freigab.
Anna folgte ihrem Blick und sah eine Sternschnuppe, die über den Himmel schoss und langsam verglühte.
„Wünsch dir was!", meinte das Mädchen leise.
„Ich mag mir nichts mehr wünschen", nörgelte Anna.
„Manchmal werden Wünsche wahr."
Anna blickte sich suchend um. Die Stimme des fremden Mädchens hatte sich so merkwürdig angehört. So, als käme sie von ganz weit weg. Und tatsächlich. Sie war verschwunden. So sehr Anna sich auch anstrengte, sie konnte keine Spur mehr von dem Mädchen finden.
„Ich muss nach Hause", fiel es ihr siedend heiß ein. Sie setzte sich wieder auf ihren Schlitten, rodelte den flachen Berg hinab und lief die restlichen Meter bis zu ihrem Haus.
*~*~*
„Oh, gut das du da bist", meinte Mathilda, als Anna zur Küchentür herein kam. „Dein Vater wollte dich schon suchen gehen."
„Tut mir leid, ich wollte nicht zu spät kommen. Ich…"
„Ich verstehe schon", unterbrach die Magd sanftmütig. „Immerhin war es der erste Tag mit Schnee. Geh dich rasch waschen, dann mache ich dir dein Abendbrot."
Anna nickte nur, flitzte aus der Küche und blieb unten an der Treppe stehen um zu lauschen. Anscheinend war Matthias wach, denn sie konnte die Stimme ihres Vaters hören, der ihrem Bruder eine Geschichte vorlas.
„Hallo Papa, hallo Matthias", meinte sie leise, als sie in das Kinderzimmer trat.
„Du bist aber spät dran heute", sagte ihr Vater und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Ich weiß. Es tut mir sehr leid. Ich werde von nun an besser aufpassen", erklärte sie zerknirscht. Auf gar keinen Fall würde sie erzählen, dass sie sich verlaufen hatte. „Mathilda macht mir etwas zu essen, danach werde ich noch ein bisschen basteln."
„Ich lese noch die Geschichte zu Ende, dann werde ich kommen und dir gute Nacht sagen", meinte ihr Papa sanft und nickte ihr zu. „Bis gleich."
*~*~*
Anna war müde, sie hatte gegessen und ihr Vater hatte ihr auch schon gute Nacht gesagt. Sie hatte noch schnell den kleinen Elefanten zu Ende geschnitzt, den sie Matthias schenken wollte, und nun lag sie in ihrem kuschelig warmen Bett und dachte an das fremde Mädchen.
‚Woher hat sie gewusst, dass ich Anna heiße? Und sie hat mich nicht mal gefragt wo ich wohne. Sie hat mich einfach nach Hause gebracht’, stellte Anna fest und gähnte herzhaft. „Und sie hatte wunderschöne Haare, wie ein Engel.", murmelte sie undeutlich und glitt sanft in die Traumwelt.
*~*~*
„Heraus aus den Federn", weckte sie die gut gelaunte Stimme der Magd. „Du hast schon so lange geschlafen. Wenn du so weitermachst, verschläfst du heute Abend noch das Christkind."
Anna blickte ihr aus verschlafenen Augen hinterher. Und als Mathilda das Zimmer verließ sackte sie zurück auf das Kissen. Sie hatte wunderschöne Träume gehabt und wollte eigentlich lieber wieder einschlafen. Ganz viele Engel hatte sie gesehen, mit goldenem Haar und sie war fest davon überzeugt, auch ihre Mutter gesehen zu haben. ‚Hach, war das schön’, seufzte Anna und wünschte sich zurück in den Traum.
Sie hörte, wie ihre Zimmertür erneut aufging und überlegte schnell, was sie der Magd antworten sollte. Sie öffnete ihre müden Augen und starrte auf die offene Tür. Matthias stand in ihrem Zimmer. Auf wackeligen Beinen, aber er strahlte über das ganze Gesicht und seine blauen Augen leuchteten.
„Du hast mir ganz viele Engel geschickt", krächzte er heiser und tapste weiter ins Zimmer. „Ganz, ganz viele. Sie waren alle heute Nacht bei mir und haben mir erzählt, das alles wieder gut wird."
Anna konnte nichts weiter als ihn anstarren. Hatte sie das jetzt richtig verstanden? Hatte Matthias auch von den Engeln geträumt, genau wie sie? Das konnte nicht sein, oder doch?
„War Mama auch da?", schaffte sie es zu fragen und sah ihn bestätigend nicken.
„Mama hat mir erzählt, du hättest mit einem Engel gesprochen. Stimmt das?"
Anna sah ihn zittern, sprang schnell auf und führte ihn zu ihrem Bett. Zusammen krabbelten sie unter die Bettdecke und kuschelten sich aneinander.
„Hast du gestern mit einem Engel gesprochen?", wiederholte Matthias seine Frage.
„Ich glaube schon", murmelte Anna leise. „Ich weiß es aber nicht genau."
Sie erzählte ihm leise von ihrer gestrigen Begegnung und davon, dass sie sich verlaufen hatte. Matthias hatte viele Fragen, vor allen Dingen wollte er eines wissen: „Warum hast du mir die Engel geschickt?"
„Weil du so krank warst und ich wollte, dass es dir wieder gut geht", antwortete Anna leise.
Flüsternd unterhielten sie sich und bemerkten ihren Vater nicht, der in der offenen Tür stand und seine Kinder mit Tränen in den Augen beobachtete. Auch er hatte von Engeln geträumt. Und von seiner Frau. Sie hatte ihn angelächelt und ihm gesagt, alles würde endlich wieder gut werden.
Nur sehr mühsam war Ole aufgewacht und er war enttäuscht. ‚Alles nur ein Traum’, hatte er gedacht. Aber jetzt, wo er seine beiden Kinder leise flüstern und kichern hörte, wusste er, es würde wahr werden. Anna hatte mit einem Engel gesprochen. Er würde nie erfahren warum oder wie. Aber seine kleine Tochter hatte das geschafft, was er sich so sehr wünschte.
Endlich würde Matthias gesund werden.
„Und nächstes Jahr fahren wir zusammen Schlitten", krächzte Matthias und grinste über das ganze Gesicht. „Wir beiden werden die Schnellsten sein!"
Ende