
Throwing it all away
Langsam und vorsichtig rutschte Elisabeth ein kleines Stück tiefer. Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust und es kostete sie einiges an Überwindung, nicht zu wimmern oder gar laut um Hilfe zu schreien. Doch Elisabeth hatte diesen Weg selbst gewählt und es gab kein Zurück mehr. Gerade jetzt war sie im Begriff ihr gesamtes Leben wegzuwerfen. Alles, was sie kannte oder zu kennen geglaubt hatte.
Ihre Muskeln versagten ihr langsam den Dienst und die Finger, die die dünnen Stoffbahnen umschlangen, brannten wie Feuer. Einen Blick nach unten wagte die junge Frau nicht, stattdessen sah sie hinauf zu dem Fenster, aus dem sie vor wenigen Minuten gestiegen war. Erleichtert stellte sie fest, dass sie schon einen langen Weg hinter sich gebracht hatte und es nicht mehr weit sein konnte, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
„Du schaffst das", murmelte sie tonlos und versuchte den Mut wieder zu wecken, der sie überhaupt dieses Risiko hatte eingehen lassen. „Du hast nur diese eine Nacht, danach ist alles verloren."
Das Schicksal hatte dem jungen Mädchen übel mitgespielt. Vor ungefähr sechs Monaten war sie noch glücklich und zufrieden mit ihren Eltern in New York angekommen, doch nun wollte sie nichts weiter, als so schnell zurück nach England wie möglich.
Ihr Vater hatte in den vereinigten Staaten sein Geschäft vergrößern und weiter ausbauen wollen und seine Familie mitgenommen, um ihr das großartige Land zu zeigen und näher zu bringen. Doch ein Feuer hatte das Glück zerstört und Elisabeth als Waise in einem fremden Land zurückgelassen.
Ihre Tante hatte sich auf den weiten Weg gemacht, um sie zurückzuholen, doch der jungen Dame gefiel es hier einfach zu gut und der Heimweg nach England war wieder und wieder verschoben worden. Elisabeth hätte sich die Reise auch alleine zugetraut, doch da das in der Gesellschaft, in der sie sich bewegte, nicht als schicklich galt, blieb ihr nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass Tante Lydia sich entschloss, zurückzufahren, oder von ihrem Mann die Aufforderung dazu bekam.
Elisabeth dachte an ihren Onkel Edward, der nun Titel, Anwesen und Vermögen ihres Vaters geerbt hatte. Er war ein herzensguter Mann, doch leider auch manchmal recht einfältig. Lydia war seine zweite Frau, bedeutend jünger als er und besaß so etwas wie Narrenfreiheit. Doch eben diese Narrenfreiheit hatte sie nun zu weit getrieben und Elisabeth blieb nichts weiter als aus dem Fenster zu klettern. Es war eine Flucht, das wusste sie selbst nur zu gut, doch für sie gab es keinen anderen Ausweg.
Lydia war jung und schön und schon am Tag ihrer Ankunft war klar ersichtlich gewesen, dass sie Elisabeth als Dorn im Auge betrachtete. Sie wollte nicht die Ersatzmutter für ein fast erwachsenes junges Mädchen spielen und mittlerweile glaubte Elisabeth, dass Lydia von Anfang an geplant hatte, sie nicht wieder zurück nach England zu bringen. Sie hatte nach einem passenden Ehemann für Elisabeth gesucht und Onkel Edward, still und behäbig wie immer, hatte ihr sein Einverständnis gegeben, als ein für Lydia passender Kandidat auf der Bildfläche erschienen war.
Nur war eben dieser Kandidat nicht das, was Elisabeth sich für ihr Leben vorstellen konnte. Er war weit über sechzig Jahre alt, offensichtlich sehr vermögend und in der feinen Gesellschaft bekannt wie ein bunter Hund. Aber alleine ein Blick in seine wässrigen blauen Augen hatte gereicht, ihr eiskalte Schauer über den Rücken zu werfen.
Sofort war klar gewesen, dass sie dem schrecklichen Mann niemals die Hand reichen konnte, doch Lydia hatte all ihre Einwände mit einer Handbewegung weggewischt. „Er ist das Beste, was dir passieren konnte", hatte sie gesagt und das Thema beendet.
Doch für Elisabeth war das Thema damit keineswegs beendet gewesen und seit dem Tag hatte sie nach einem Ausweg aus dem Dilemma gesucht. Der Verzweiflung nahe hatte sie dann durch baren Zufall das Gespräch einiger Herren mit angehört, die bei einer der unzähligen Dinnereinladungen, an denen sie mit ihrer Tante teilnehmen musste, über Schiffe diskutierten.
Still und stumm hatte sie in einer Ecke des Saals hinter einer breiten Säule gestanden und sich den ganzen Abend schon so unsichtbar wie möglich gemacht. Ihr so genannter Verlobter war ebenfalls anwesend und die Blicke, die er ihr zugeworfen hatte, waren äußerst beunruhigend gewesen, sodass sie sich an einen stillen Platz zurückgezogen hatte, der kaum einsehbar war.
Und eben dort hatte sie die Männer fachsimpeln hören. Erst war das Gespräch mehr oder weniger an ihr vorbeigerauscht, doch dann war sie hellhörig geworden. Einer der älteren Herren erzählte ganz aufgeregt von dem Geschwindigkeitsrekord, den ein Windjammer auf dem Weg von Plymouth nach New York aufgestellt hatte.
„Es ist das schnellste Schiff, das derzeit durch die Weltmeere kreuzt, meine
werten Herren", hatte er gesagt und wichtig mit dem Kopf genickt. „Ich bin schon
sehr gespannt, ob William Grey auf dem Rückweg seinen eigenen Rekord einstellt."
Das Gespräch hatte sich dann erst einmal um den ihr unbekannten Mann gedreht,
doch Elisabeths Gedanken nahmen vage Pläne an. Ein Schiff! Natürlich! Sie musste
nur irgendwie auf ein Schiff gelangen, das seinen Weg zurück in ihre Heimat
aufnahm. Nur leider war dieser Plan nicht ganz so leicht durchführbar, wie es
vielleicht zuerst den Anschein hatte. Sie war noch nicht volljährig und ohne
eine Anstandsdame würde sie keinen der begehrten Plätze auf einem Schiff
bekommen, nicht ohne die Erlaubnis ihres Vormunds, der diese sicherlich
verweigern würde.
*~*~*
„Er reist morgen in aller Herrgottsfrühe ab!"
Das war der Satz, der Elisabeth aus ihren Gedanken gerissen hatte und sie hatte sich sofort wieder auf die Männer konzentriert, die noch immer über Schiffe redeten.
„Dann scheint der gute William Grey es aber äußerst eilig zu haben", lachte einer der Männer. „Er war kaum einen Monat hier. Doch ich habe gehört, dass er sich nicht viel um gesellschaftliche Ereignisse schert. Das sei schon in England nicht anders gewesen, heißt es."
„Ich kenne seinen Vater", sagte ein anderer. „Besser gesagt, ich kannte ihn, denn er ist nun schon seit ein paar Jahren tot. Er war auch einer dieser seltsamen Menschen, der lieber für sich selbst blieb. Selbst in Plymouth, wo sie ihren Stammsitz haben, besuchte er nur die gesellschaftlichen Ereignisse, die man keineswegs absagen konnte. Wenn sein Sohn ihm ähnlich ist, dann wird er es genauso halten."
Das alles interessierte Elisabeth wenig, wichtig waren nur die Sätze, die direkt darauf folgten. Es war wieder der alte Mann, der schon zuvor so begeistert von dem Rekord gesprochen hatte. „Wie auch immer. Ich beneide den jungen Mann um das Schiff. Selbst der Name scheint gut gewählt", schwärmte er. „Angels Wing", sagte er leise und betonte jede Silbe. „Wie passend, wo sie doch über die Meere zu schweben scheint."
Wieder drehte sich das Gespräch um verschiedene Schiffstypen, um ihre Lage im Wasser und mit wie vielen Männern sie sich steuern ließen. Doch Elisabeth hörte gar nicht mehr zu. „Die Angels Wing" und „morgen in aller Herrgottsfrühe" waren die Worte, die wieder und wieder durch ihre Gedanken geisterten. Sie musste auf das Schiff, koste es, was es wolle!
*~*~*
Elisabeth verließen die Kräfte. Ihre tauben Finger konnten die dünnen Stoffbahnen, die sie sich in Ermangelung eines Seils aus Bettlaken zurechtgeschnitten und zusammengeknotet hatte, nicht mehr fassen und sie stürzte ab. Doch der Sturz dauerte nicht sehr lange und sie landete unsanft auf den Füßen. Für einen Moment stand sie still und nach Atem ringend im Park des gepachteten Hauses, dann sah sie sich rasch um, ob ihre Flucht und der Sturz jemanden aus dem Schlaf gerissen hatte. Doch es blieb alles ruhig und auch im Haus leuchtete nirgendwo ein Licht auf.
Mit Erleichterung im Herzen schnappte sie sich die kleine Reisetasche, die sie zuvor schon aus ihrem Fenster geworfen hatte und machte sich leise auf den Weg. Sie musste sich beeilen und schon der Weg durch die ihr fast unbekannte Stadt war eine große Herausforderung für sie. New York war riesig und es würde Stunden dauern, bis sie endlich am Hafen anlangen würde.
Angst machte ihr jedoch nur der Gedanke, zu spät zu kommen, oder keine Gelegenheit zu haben, unbemerkt auf die Angels Wing zu gelangen. Um William Grey würde sie sich Gedanken machen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Sicher war nur, dass er keinesfalls begeistert auf einen blinden Passagier reagieren würde, doch Elisabeth baute darauf, dass sie dann schon weit entfernt von New York waren und er sich zumindest bereit erklärte, sie bis nach England mitzunehmen.
Sie hatte noch ein wenig Geld in der Tasche und egal in welchem englischen Hafen William Grey sie von Bord werfen würde, sie würde es gewiss bis nach London schaffen. Und da ihr Vater kein dummer Mann gewesen war und sowohl die englischen Gesetze, die nur die männliche Erbfolge guthieß, wie seinen einfältigen Bruder kannte, hatte er für den Fall eines Falles vorgesorgt und Elisabeth mit einem nicht zu knappen Vermögen an Bargeld ausgestattet. Sie musste nur noch einmal zurück in ihr Elternhaus und die Schatulle mit dem Geld holen. Was danach kam, wusste nur der Wind. Sie hatte sich noch keinerlei Gedanken darum gemacht, denn es machte wenig Sinn von Dingen zu träumen, die unerreichbar waren.
„Du schaffst es schon", murmelte Elisabeth wieder, als sie durch die dunklen Straßenschluchten New Yorks huschte. „Du hast es bis hierher geschafft und wirst auch den Rest schaffen."
Doch so schnell sie auch durch die Straßen lief, der Hafen schien nicht näher zu kommen und schließlich musste sie erschöpft eine Pause einlegen. Die Reisetasche war weder sonderlich groß noch schwer, doch die Flucht aus dem Fenster hatte sie total erschöpft und zum ersten Mal machten sich Zweifel in ihr breit, ob sie sich nicht doch zu viel zugemutet hatte.
Elisabeth drängte in die Schatten eines Hauseingangs. Das entfernte Dröhnen
von Kutschenrädern drang in ihr Ohr und sie versteckte sich so gut es ging, denn
die Angst kroch wie eine Spinne ihren Rücken hinauf und hinterließ eine
Gänsehaut. War schon bekannt, dass sie das Haus verlassen hatte und suchte man
bereits nach ihr?
Zu ihrer Erleichterung sah sie jedoch, dass es lediglich ein Händler war, der
seinen Wagen mit leeren Kisten beladen hatte, die seltsam nach Fisch rochen.
Elisabeth Augen wurden groß, als sie die Bedeutung dieser Entdeckung begriff und
sofort machte sie sich dran, dem Wagen zu folgen. Und da der Kutscher sich noch
in einer Art Halbschlaf zu befinden schien, schaffte sie es sogar, sich hinten
auf die Ladefläche zu stehlen.
„Hafen, ich komme", lächelte sie und verbarg sich hinter den muffigen Kisten. Nun musste sie nur noch die Angels Wing finden und hoffen, dass sie noch immer fest vertäut vor Anker lag.
*~*~*
Das Glück schien ihr auch weiterhin hold zu sein, denn kaum war sie am Hafen angelangt, konnte sie den stattlichen Windjammer im schwachen Mondlicht ausmachen. Es war das einzige Schiff, dem man nicht schon von weitem den Frachter ansehen konnte und sogar in der Dunkelheit schien es sich von allen anderen abzuheben. Er dümpelte träge auf den flachen Wellen dahin und Elisabeth sprang lautlos vom Karren des Fischhändlers. Für einen Moment stand sie still, um sich zu orientieren, dann setzte sie die Kapuze des schwarzen Umhangs auf und rannte, wie es ihr erschien, um ihr Leben.
Die riesige Silhouette des Windjammers wuchs und wuchs und Elisabeth wunderte sich im Stillen, dass ihr nicht mehr Menschen begegneten. Sie hatte mit einer Menge Wachmänner gerechnet, doch es schien sich auf den einen Seemann zu beschränken, der hin und wieder über die Reling der Angels Wing blickte. Nun musste sie nur noch an ihm vorbei und dann ungesehen in den Bauch des Schiffes gelangen. Irgendwo würde sie schon ein stilles Plätzchen finden, an dem sie sich verbergen konnte. Da war sie sich ganz sicher.
An Deck der Angels Wing zu gelangen gestaltete sich noch einfacher, als sie sich in ihren kühnsten Träumen erhofft hatte. Wo der Seemann geblieben war, vermochte sie nicht zu sagen, doch er war schon seit einigen Minuten nicht mehr auf der Runde über das Deck und Elisabeth lief rasch den Steg hinauf. Für einen Moment verharrte sie reglos, dann eilte sie den kurzen Weg auf die Aufbauten des Schiffes zu und war schon Sekunden später im Inneren der Angels Wing verschwunden.
Über eine schmale Stiege erreichte sie einen breiten Gang, von dem beidseitig eine Menge Türen abgingen. Sie lauschte an der ersten, konnte jedoch Atemgeräusche hören und zog sich schnell zurück. Sie folgte dem Muster der Reihe der Türen nach und schließlich, an der letzten, war sie sich sicher, dass sich niemand hinter der schweren Holztür verbarg. Vorsichtig und leise drehte sie den Türknauf und konnte gerade noch ein erleichtertes Stöhnen unterdrücken.
Vor ihr tat sich eine offensichtlich leere Kabine auf, denn die wenigen Möbel waren mit Staubhüllen verdeckt. „Perfekt", flüsterte sie glücklich und schlich hinein. Doch kaum hatte sie die Tür leise hinter sich verschlossen, machten sich sofort wieder Zweifel in ihr breit. Es war alles viel zu einfach gewesen und das bedeutete meist, dass noch ein dickes Ende folgte.
Was wäre, wenn vielleicht am frühen Morgen doch noch ein Passagier an Bord kam, für den diese Kabine vorgesehen war? Konnte sie auf die Schnelle ein anderes Versteck finden oder würde man sie schon dann achtkantig von Bord werfen? Die versuchte sich zu beruhigen und atmete leise ein und aus. „Nein! Das darf nicht passieren! Und außerdem wäre die Kabine längst vorbereitet worden und die Staubhüllen wären gewiss zur Seite geräumt worden."
Leise durchschritt sie die gesamte Kajüte und suchte nach einem günstigen Versteck. Einfach aufs Bett legen wollte sie sich gewiss nicht, denn es bestand die Möglichkeit, dass vor der Abreise noch einmal alle Räumlichkeiten durchgesehen wurden. Aber es gab weder viele Möbel noch viele Versteckmöglichkeiten und schließlich entschloss sie sich, in den großen Schrank zu klettern und es sich auf dessen Boden gemütlich zu machen.
So wenig Geräusche wie möglich machend, schob sie die teuren Damenkleider einer Unbekannten zur Seite, stieg hinein und schloss die schwere Tür bis auf einen schmalen Spalt breit. „Jetzt heißt es Daumendrücken", flüsterte sie leise und lehnte sich zurück. „Es muss einfach gut gehen! Es muss einfach!"
Teil 2
William Grey hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der unchristlichen Zeit aufzustehen um dabei zuzusehen, wie sein Windjammer von einem Schlepper aus dem Hafen heraus in tiefere Gewässer gezogen wurde. Wenn überhaupt war das der einzige Nachteil, den sein Schiff hatte. Durch die Takelung mit Rahsegeln konnte sein Schiff schlecht kreuzen und war in küstennahen Gewässern auf Schlepper angewiesen, die es durch schmale Passagen und Engpässe manövrierten.
Im Grunde, das wusste er genau, war ein Windjammer viel zu groß und zu teuer, um ihn vorherrschend nur für den eigenen Bedarf zu nutzen und der Bau, der ganz nach seinen Wünschen verlaufen war, hatte eine stattliche Summe Geld verschlungen. Doch die Angels Wing war jeden Penny wert und seine Geschäfte, die ihn öfter nach New York oder auch Venedig verschlugen, rechtfertigten die Ausgaben immerhin ein Stück weit.
Das Äußere des Schiffes unterschied sich kaum von baugleichen Windjammern seiner Art, der so genannte Brigg, der Innenraum, dagegen sehr. Die Quartiere der Mannschaft waren größer und bequemer als es für die Zeit üblich war und der Laderaum war auf nicht einmal die Hälfte geschrumpft, doch immer noch ausreichend groß genug, um jegliche Ladung aufzunehmen, die er handelte.
Selbstverständlich hatte er auch an das eigene Wohl und etwaiger Gäste gedacht. Vier luxuriöse Kabinen standen den Passagieren zur Verfügung, und weiterhin ein großer bequemer Raum, der als Bibliothek, Wohnzimmer, aber auch als Esszimmer genutzt werden konnte.
„Ein perfektes Schiff", murmelte er zufrieden, doch seine leisen Worte drangen zumindest teilweise in das Ohr des Kapitäns, der am Ruder stand und den Schlepper nicht aus den Augen ließ.
„Habt Ihr etwas gesagt, Sir?", erkundigte er sich beflissen.
William warf dem Mann einen Blick zu und musste unwillkürlich lächeln. Seinem Empfinden nach hatte er den besten Mann überhaupt für diesen Posten ausgesucht. John Swift war mit Leib und Seele Seemann, doch im Gegensatz zu vielen anderen Kapitänen setzte er seine Macht nur selten mit Gewalt ein. Er war gerecht, niemals herablassend seinen Männern gegenüber und im Ganzen ein recht umgänglicher Mann.
„Nichts Besonderes", sagte William und stellte sich neben den Kapitän. „Ich habe mich nur gefragt, ob wir auf dem Rückweg genauso schnell sein werden?"
„Das kann ich noch nicht beantworten, Sir", erwiderte Kapitän Swift und rief seinen Männern einige Befehle zu. Die Angels Wing hatte das offene Meer erreicht und die Leinen zum Schlepper wurden gekappt. „Es kommt darauf an, wie sich das Wetter macht. Ich befürchte noch immer, dass wir in schweres Wetter geraten." Er zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. „Wir hätten noch in der Nacht ablegen und nicht bis zum frühen Morgen warten sollen."
„Ihr denkt noch immer, dass ein Unwetter droht?", erkundigte sich William leise und wandte sich um. Über New York hingen nur ein paar dicke Regenwolken, doch von einem Unwetter war nicht viel zu sehen. Allerdings war er schlau genug, dem Können seines Kapitäns voll und ganz zu vertrauen, denn immerhin hatte der gute Mann sich noch nie geirrt und er schien einen Riecher für Wetterumschwünge zu haben.
„Beschreien kann ich es nicht, Sir", sagte Kapitän Swift und sah ihn das erste Mal an. Bisher hatte er seine Männer, das Schiff und das Meer vor sich nicht aus den Augen gelassen, nun hatte er die Zeit dafür. Der Windjammer hatte das offene Meer erreicht, der Schlepper war abgedreht und er hatte die Zeit für eine kurze Unterhaltung. „Ich kann nicht einmal erklären, woher ich weiß, was ich weiß", sagte er und lachte über seine umständliche Äußerung. „Aber ich glaube fest, dass New York heute einen der schwersten Stürme erleben wird, den die Stadt je gesehen hat."
Einen langen Augenblick standen beide Männer stumm auf dem Achterdeck und genossen die Fahrt des immer schneller werdenden Schiffes. Dann aber drang ein lang gezogenes Grollen in ihre Ohren, das beständig anwuchs, sich auf dem Meer ausbreiten zu schien und schließlich doch verebbte.
Erneut blickte William zurück auf die große Stadt, deren Silhouette rasch kleiner und kleiner wurde. Die wenigen Regenwolken, die er noch vor ein paar Minuten gesehen hatte, hatten sich zu schwarzgrauen Ungetümen zusammengeballt und auch der Wind hatte merklich zugenommen. „Und schon geht es los", sagte er leise und bewunderte im Stillen seinen Kapitän dafür, wieder einmal richtig gelegen zu haben.
„Noch liegen wir gut im Wind", sagte Kapitän Swift, der ebenfalls einen Blick zurück warf. „Sollte er aber noch heftiger werden, werde ich einen Teil der Segel einholen lassen." Er drehte sich um, trat an die Reling und rief seinen Männern einige kurze Befehle zu. Dann wandte er sich wieder an den Eigentümer des Schiffes. „Sollte uns der Sturm einholen, sollten wir die Besegelung klein halten. Ich will die Angels Wing nicht zu hart rannehmen. Außerdem bringt es nichts, wenn die Masten unter der Gewalt des Windes zusammenbrechen."
„Ich verlasse mich ganz auf Euer Können, Kapitän", nickte William und verabschiedete sich. Hunger machte sich in seinem Magen bemerkbar und er fragte sich, ob er zu dieser frühen Uhrzeit schon nach einem Frühstück fragen konnte.
*~*~*
Ein unsanftes Rütteln weckte Elisabeth wieder und es dauerte einen Moment, bis sie wusste, wo sie war. Ihr Nacken schmerzte furchtbar und sie fühlte sich taub und stumpf. Gleichzeitig jedoch durchflutete sie ein unglaubliches Glücksgefühl, denn die Bewegung des Schiffes zeigte, dass ihre Flucht gelungen war. Sie reckte sich vorsichtig, streckte die Beine so weit, wie die Enge des Schrankes es zuließ und lockerte ihre verspannten Nackenmuskeln.
Wie spät mochte es wohl sein? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und das winzige Stück Himmel, dass sie von ihrem Versteck aus sehen konnte, war dunkel. Doch da das Schiff von einer auf die andere Seite schlingerte, ahnte sie, dass sie daran keine Zeit fest machen konnte, sondern dass die Dunkelheit eher davon zeugte, dass sie in ein Unwetter geraten waren.
„Du musst noch durchhalten", murmelte sie leise. Keinesfalls durfte sie zu früh gefunden werden, denn das würde vermutlich bedeuten, dass sie sofort den Kurs ändern und zurück nach New York fahren würden. Jedenfalls dachte sie, dass der, ihr noch unbekannte, Schiffseigner so handeln würde. Sie an seiner Stelle hätte es zumindest so gehalten.
Aber vollkommen unvorbereitet war sie nicht darauf, eine lange Zeit ausharren zu müssen, bis sie sich bemerkbar machen konnte. Viel Proviant hatte sie natürlich nicht mitnehmen können, doch zwei Äpfel und eine Flasche Wasser mussten so lange reichen, wie es eben nötig war. Einen Moment überlegte sie, dann entschied sie sich, eine der mitgebrachten Früchte zu verspeisen und so öffnete sie ihre Reisetasche.
Als erstes fiel ihr das kleine gerahmte, so kunstvoll gemalte Bild ihrer Eltern in die Hände und Elisabeth seufzte schwer, dann entschied sie sich jedoch gegen jeden bitteren Gedanken und schob es vorsichtig zurück. Wenige Sekunden später hatte sie gefunden, wonach sie gesucht hatte und biss ein großes Stück des Apfels ab. Schon am Abend bei dieser schrecklichen Dinnereinladung hatte sie nicht viel essen können und die Anstrengungen, die es sie gekostet hatte, bis auf das Schiff zu gelangen, hatten eine große Leere in ihrem Magen hinterlassen.
Ihre Gedanken wanderten zu dem Mann, der dieses stolze Schiff sein Eigen nannte. Wirklich viel wusste sie nicht über ihn, nur das, was sie von anderen aufgeschnappt hatte. Er handelte mit allem, was ihm unter die Finger kam und schien ein gewisses Gespür dafür zu haben, was seine Taschen am besten füllte, denn es hieß, er habe ein wahres Vermögen mit seinen Geschäften gemacht.
Zudem wurde erzählt, dass er einer adligen Familie aus Devonshire entstammte, die ohnehin schon eine der reichsten Familien Englands war. Doch ob das Gerücht der Wahrheit entsprach, vermochte sie nicht zu sagen. Es gab stets genügend Neider und vielleicht gönnten ihm auch einige den Erfolg nicht.
Was jedoch viel wichtiger für Elisabeth war, war, dass er zweimal die Einladung ihrer Tante Lydia abgelehnt hatte, sie in dem New Yorker Stadthaus zu besuchen. Natürlich nicht brüsk und zurückweisend, sondern stets mit einer guten Erklärung und sehr schreibgewandt, wie seine Erwiderungen zeigten. Doch Elisabeth überlegte ernsthaft, ob er vielleicht schon einmal in London die Bekanntschaft ihrer Tante gemacht hatte und sie nun absichtlich mied.
Elisabeth kannte die Gerüchte über ihre Tante nur zu gut. Man sagte ihr so manche Affäre nach und Elisabeth hatte des Öfteren überlegt, ob ihr Onkel sich absichtlich taub und blind stellte, oder ob er sie einfach nicht zu bändigen wusste. Jedenfalls hatte das, was sie hier in Amerika von ihrer Tante gesehen hatte, die Gerüchte bestätigt und Elisabeth hatte so manchen gutaussehenden Herrn früh morgens aus dem Haus schleichen sehen.
Für sie war ein solches Leben undenkbar. Sollte sie tatsächlich einmal heiraten, dann sollte es aus Liebe heraus geschehen und sich nicht nur darum drehen, gute Geschäfte, oder die beste Partie zu machen. Doch durch ihre Flucht war eine normale Hochzeit praktisch ausgeschlossen. Eine letzte kleine Chance blieb ihr zwar, doch das bedeutete, ihren Onkel umstimmen zu müssen. Sie musste ihm deutlich machen, wie furchtbar eine Vermählung mit Jonathan Hart für sie gewesen wäre. Sie musste ihm begreiflich machen, wie fürchterlich es gewesen wäre, einen Mann zu heiraten, der ihr Großvater sein konnte und dazu noch in den Staaten bleiben zu müssen.
Ihr Onkel Edward würde vielleicht sogar einsehen, dass Elisabeth Recht hatte und die Verlobung lösen. Doch wahrscheinlich würde er sich doch wieder nur an das halten, was seine Frau sich wünschte.
Elisabeth seufzte leise. Darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn sie es endlich bis nach London geschafft hatte. Zur Not blieb ihr immer noch die Schatulle mit dem Geld, dass ihr Vater so klug für sie zurückgelegt hatte. Damit würde sie sich irgendwo auf dem Land ein kleines Häuschen pachten und das Leben so nehmen, wie es kommen würde.
„Doch das hat noch Zeit", nickte sie und biss wieder in den Apfel. Nur eins stand für sie felsenfest. Sie würde eher in die eisigen Fluten des Atlantiks springen, als sich zurück nach New York bringen zu lassen.
*~*~*
Emerson Grey reckte sich in dem bequemen Bett seiner Kabine und grinste vergnügt vor sich hin. Seine Laune konnte kaum besser sein, da konnte auch das Auf- und Abgeschaukel des Schiffes nichts dran ändern. Seit langer Zeit hatte er nicht mehr so luxuriös genächtigt und er fühlte sich wohl und entspannt. Nur der Hunger meldete sich langsam, doch das war kaum verwunderlich, denn immerhin war die Mittagsstunde längst verstrichen.
Eigentlich sollte er sein großes Glück nicht überstrapazieren, doch er dachte gar nicht daran, den schönen Tag mit bitteren Gedanken zu verderben. Bisher hatte er noch niemals in Schwierigkeiten gesteckt, aus denen es kein Entkommen mehr gab und genauso war es auch dieses Mal gewesen.
„Auf die Familie ist eben doch immer Verlass", lächelte er und schälte sich unter der Decke hervor. Sein Cousin war zwar der Einzige, der auf sein Rufen reagiert hatte, doch immerhin hatte er reagiert. Nun hieß es für ein paar Tage seine Dankbarkeit zu bekunden, danach konnte er sein weiteres Leben planen. Und wenn er sich clever genug anstellte, konnte er dem guten William noch das eine oder andere Versprechen abluchsen, bevor sie Plymouth erreichten.
Gut gelaunt goss er Wasser in die Waschschüssel und betrachtete unterdessen sein Gesicht in dem Spiegel über dem Waschtisch. Noch war er jung und er wusste, dass die Natur ihn mit einem guten Aussehen bedacht hatte. Er lächelte sich selbst entgegen, wackelte mit den Augenbrauen und nickte. Er hatte alles, was er brauchte, um sein zukünftiges Leben geschickt in eine erfolgreiche Bahn zu lenken.
Die Frage war nur, in wie weit er William in diese Pläne mit einbeziehen konnte. Sein Cousin war eine herzensgute Seele, jedenfalls so lange, wie er sich nicht ausgenutzt oder betrogen fühlte. Er musste also behutsam vorgehen und alles von langer Hand planen, damit sich sein Verwandter nicht über den Tisch gezogen vorkam.
Emerson lächelte fröhlich vor sich hin und zog saubere Kleidung an, die ihm ebenfalls der gute William geborgt hatte. Sein Aufenthalt in New York war keineswegs so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte und William war im rechten Augenblick gekommen. Anders konnte man es kaum ausdrücken. Doch so war es eigentlich immer. Die Rettung nahte, wenn auch stets in letzter Sekunde.
„Ich bin eben ein Glückspilz", grinste Emerson und machte sich auf den Weg in die Kombüse. Er würde Williams Angestellten mal ein bisschen antreiben und sehen, was sie noch Leckeres für ihn zu essen hatten.
Teil 3
William genoss die Ruhe in seiner Kabine. Lang ausgestreckt lag er auf dem Bett, die Hände unter dem Kopf verschränkt und die Augen halb geschlossen. Sein immer so lebenslustiger Cousin ging ihm schon jetzt schwer auf die Nerven, und das, obwohl sie erst seit anderthalb Tagen auf See waren. Das Frühstück hatte er noch alleine genießen können, doch schon kurz danach war Emerson in den Raum gestürzt, angefüllt mit einem Tatendrang, der hier, wo es für ihn weiter nichts zu tun gab als aufs Meer zu starren, nicht sonderlich angebracht war.
Überhaupt wunderte sich William über seinen merkwürdigen Verwandten. Am ersten Tag der Reise hatte er ihn kaum zu Gesicht bekommen, doch nun wäre es ihm lieber, es wäre auch für den Rest der Überfahrt so geblieben. Familie hin oder her, Emerson war nicht gerade sein liebster Cousin und schon in Kindertagen hatten sie nicht viel miteinander anfangen können.
Vielleicht hätte ein zufälliger Beobachter ihn für missmutig oder übellaunig gehalten, doch William wusste es einfach besser. Alles, was Emerson plante, ging früher oder später daneben und er hatte nicht vor, sich in ebenso viele Katastrophen hineinziehen zu lassen, wie Emerson sie schon durchgestanden hatte. Grob gesagt hielt er nichts von seinem Cousin, doch da er noch immer zur Familie gehörte, hatte er sich breitschlagen lassen, ihn aus Amerika abzuholen.
„Und ich hoffe, ich werde es nicht bereuen", brummte er, hörte in der Ferne jemanden Niesen und sagte prompt: „Gesundheit."
Doch dann runzelte er die Stirn. War das überhaupt ein menschliches Geräusch gewesen, oder hatte er es sich gar nur eingebildet? Kein Mann würde jemals einen solchen Laut von sich gegeben und er spitzte die Ohren. Alles blieb still. Bis auf die üblichen Geräusche der Angels Wing und dem Rufen der Männer an Deck war kein Laut zu vernehmen und er schüttelte den Kopf und lachte leise. „Jetzt hörst du schon die Mücken niesen", sagte er, doch genau in dem Augenblick hörte er das gleiche Geräusch ein zweites Mal und sofort setzte er sich auf.
„Was zur Hölle…", leise stand er auf, durchmaß seine Kabine und öffnete die Tür. Er warf einen Blick nach Rechts und Links, doch es war niemand auf dem Gang. Emersons Stimme drang vom Oberdeck zu ihm herunter, also durfte außer ihm niemand in den Quartieren auf diesem Deck sein. Aber was hatte er dann gehört?
Mit gerunzelter Stirn blieb er eine Zeit lang stehen, dann überlegte er, sich einfach wieder hinzulegen. Doch irgendetwas ließ ihm keine Ruhe und er öffnete die Tür, die seiner gegenüberlag. Es war Emersons Kabine und wie nicht anders zu erwarten war, war sie verlassen. Allerdings ärgerte er sich schon beim Anblick des unaufgeräumten Zimmers wieder über seinen Cousin und er nahm sich vor, mit seinen Bediensteten darüber zu sprechen. Es wurde dringend Zeit, dass Emerson erwachsen wurde und sich selbst ein wenig zurück nahm. Seine Angestellten würden nicht die Putzfrau für ihn spielen und damit Basta!
Seufzend zog William die Tür wieder zu und öffnete ein weiteres Gästequartier. Da die Kabine unbenutzt war, lagen Staubhüllen auf den Möbeln und etwas Außergewöhnliches gab es auch hier nicht zu entdecken. „Du hörst wirklich Mücken niesen", murmelte er leise, ließ es sich jedoch nicht nehmen, noch in die beiden letzten Kabinen zu sehen. Auch sie waren unbenutzt und es bot sich das gleiche Bild wie in der Ersten. Staubhüllen lagen auf allen Möbeln und es zeigte sich keinerlei Anzeichen dafür, dass sich jemand darin aufhielt.
Doch gerade in dem Augenblick, als er auch die letzte der Türen wieder schließen wollte, sah er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Die Schranktür stand ein Stück weit offen und sollten ihn seine Sinne nicht ganz trügen, schloss sie sich gerade Millimeterweise. Auf Zehenspitzen schritt er darauf zu, machte sich auf alles gefasst und riss sie auf.
„Was…?", bellte er und erkannte ein Mädchen, das sich an eine kleine Reisetasche klammerte. „Wer zum Teufel sind Sie?", fauchte er, war dann doch Gentleman genug und bot ihr die Hand an.
„Es tut mir Leid", murmelte sein Gegenüber kleinlaut und kam auf wackeligen Beinen zum Stehen. „Hätte ich eine andere Möglichkeit gehabt…."
„Eine andere Möglichkeit? Was für eine andere Möglichkeit?" Er war fassungslos. So etwas war ihm noch nie untergekommen. An ihrer Kleidung und auch ihrer Haltung erkannte er sofort, dass er kein dahergelaufenes Dienstmädchen vor sich hatte, doch das verbesserte seine Laune nicht sonderlich. Ganz im Gegenteil, das verschlimmerte seine Wut und er ging drohend einen Schritt auf das verschüchternd dreinblickende Mädchen zu. „Ich bitte um eine Erklärung", schnaubte er. „Wer seid Ihr und was macht Ihr auf meinem Schiff?"
„Mein Name ist Elisabeth Summers und ich… ich brauchte dringend eine Mitfahrgelegenheit, um möglichst schnell nach England zurückzukommen." Elisabeth hatte sich die erste Begegnung mit William Grey anders vorgestellt und die Wut in seinen Augen machte ihr Angst. So oft hatte sie sich ausgemalt, was sie zu ihm sagen würde und wie genau sie ihre Situation erklären sollte, doch jetzt bekam sie kaum ein Wort über die Lippen.
„Eine Mitfahrgelegenheit?", wiederholte William perplex und seine Augenbrauen
zogen sich zornig herab. Das brachte das Fass zum Überlaufen. „Sieht dieses
Schiff wie ein Passagierdampfer aus? Verdammt! Die Angels Wing ist mein Schiff
und für gewöhnlich weiß ich ganz gerne, wer darauf mitfährt und wer nicht."
„Ich… ich möchte es Euch ja erklären", stotterte Elisabeth und hielt noch immer
eisern ihre Reisetasche umklammert. „Ich weiß nur nicht… nicht, wo ich anfangen
soll."
„Wie wäre es am Anfang?", knurrte William, holte tief Luft und ging ein paar Schritte. Er musste sich jetzt bewegen, sonst würde er platzen, das wusste er genau. „Erklärt es mir!"
„Für Euch wird es albern klingen, aber ich… ich musste auf dem schnellsten Weg weg von New York. Meine Tante … ich sollte verheiratet werden und …"
„Oh, mein Gott. Jetzt erzählt mir nicht, ihr hättet Angst vor Eurer verdammten Hochzeit", seufzte William Grey und nahm seine Wanderung wieder auf. „So weit ich weiß, ergeht es den meisten jungen Mädchen so. Das sollte…."
„Es ist aber nicht so, wie Ihr denkt", schimpfte Elisabeth mit plötzlicher Wut im Bauch. „Meine Eltern sind erst vor kurzem gestorben und meine Tante hat nichts Besseres zu tun, als mich an den nächst Besten zu verschachern." Langsam geriet sie in Rage und alles, was so lange unausgesprochen geblieben war, platzte nun aus ihr heraus. „Ich kann keinen widerlichen alten Mann heiraten, nur damit ich aus dem Weg bin und meine Tante noch mehr Zeit für ihre Affären hat! Er könnte mein Großvater sein und schon seine Augen…. Widerlich, wie er mich ansieht! Einfach nur widerlich! Wie ein Stück Fleisch! Ich musste dort weg! Ich hatte keine andere Chance als zu versuchen, zurück nach Hause zu gelangen und das auf dem schnellsten Weg!"
William erwiderte nichts. Doch er wusste nun, wen er vor sich hatte. Lady Elisabeth Summers. Natürlich. Es war das Gespräch in Plymouth gewesen. Die Eltern bei einem Feuer in einem großen Hotel ums Leben gekommen und sie war alleine zurückgeblieben. Zudem wusste er auch, von welcher Tante sie gerade sprach und er konnte ihr nicht verdenken, dass sie nichts als auf und davon wollte. Er selbst hatte in London ihre Bekanntschaft gemacht und war ihrer Gier nach Männern nur mit knapper Not entkommen. Er hasste diesen Typus Frau wie den Teufel und konnte es dem jungen Mädchen nicht einmal verdenken, das es geflohen war. Und da er schon ein wenig in der Weltgeschichte herumgekommen war, kannte er auch ihren Verlobten. Jonathan Hart war vierundsechzig Jahre alt, ein Spieler, Säufer und schlicht widerlicher Mensch, mit sonderbaren Gelüsten, die ein solch junges Mädchen nicht einmal erahnen konnte. Doch auch das Wissen um ihre Situation verbesserte seine eigene nicht sonderlich.
„Ich kann Euch nicht mitnehmen", sagte er deswegen und atmete heftig aus. „Nicht ohne die Erlaubnis Eures Vormundes. Es tut mir außerordentlich Leid, aber ich kann die Verantwortung dafür nicht tragen." Seine Wut war verraucht und er sah das junge Mädchen mitleidig an. „Wüsste ich einen Rat, so würde ich ihn Euch geben, doch so bleibt mir nichts anderes übrig, als das Schiff auf der Stelle wenden zu lassen."
„Bitte", versuchte Elisabeth es, doch er schüttelte nur den Kopf. „Ich werde
niemals nach New York zurückkehren!", flüsterte sie. „Niemals."
„Es tut mir wirklich und wahrhaftig Leid, doch das liegt nicht in Eurer Hand."
Schon jetzt würde es einen Eklat geben, wenn bekannt wurde, dass er ein junges
Mädchen mit auf die Fahrt genommen hatte. Was erst passieren würde, wenn sie bis
Plymouth auf dem Schiff bliebe… darüber mochte er gar nicht nachdenken. Es gab
nur einen Ausweg und das hieß das kleinere Übel zu wählen. Zurück nach New York
und darauf hoffen, dass außer ihrer Tante niemand etwas von ihrer Abwesenheit
erfahren hatte. Mit ganz viel Glück ließe sich ein Skandal gerade noch so
verhindern und es würde für niemanden irgendwelche Folgen haben.
„Es liegt sehr wohl in meiner Hand", sagte Elisabeth ernst und ihre Tasche
landete mit einem vernehmlichen Knacks auf dem Boden. „Nichts, rein gar nichts
wird mich dahin zurückbringen."
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen rannte sie auch schon los. Sie drückte
sich an William vorbei, eilte über den Gang und noch bevor William begriff, was
gerade vor sich ging, hörte er das Geschrei einer seiner Matrosen. „Mann über
Bord!"
*~*~*
„Das kann ja wohl nicht wahr sein", stöhnte William Grey, doch dann löste sich seine Starre und er rannte so schnell es ging an Deck. Viele Matrosen hatten sich an der Reling versammelt und zeigten auf eine Stelle im Wasser, auf der ein kleiner Fleck in den Wellen auf- und abschaukelte.
„Was ist denn hier los?", meldete sich nun Emerson zu Wort, der planlos herumstand und verständnislos von einem zum anderen blickte.
Doch William hatte weiß Gott keine Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Er riss die Jacke vom Körper, streifte die Schuhe ab und rief dem Kapitän zu, er solle so schnell wie möglich das Schiff wenden. Dann sprang er kopfüber hinein in die Fluten.
So schnell er nur konnte, schwamm er durch die Wellen, stets geleitet von ein
paar Männern, die das Geschehen von Deck aus beobachteten und ihm die Richtung
zuriefen. Doch als er schließlich an der Stelle anlangte, war von dem jungen
Mädchen nichts mehr zu sehen. „Gott, verdammt! Das auch noch!"
Er holte tief Luft und tauchte ab. Das Salzwasser brannte in seinen Augen, doch
er konnte Elisabeth nicht finden. Rudernd kam er wieder an die Wasseroberfläche.
Die Angels Wing näherte sich langsam, doch sie war immer noch zu weit weg, um
helfen zu können und so tauchte er ein weiteres Mal.
Dem Ende der Atemluft nahe, sah William einen Stofffetzen unter Wasser treiben und griff zu. Mit Mühe und aller Kraft, die er aufbringen konnte, schaffte er es, Elisabeth solange über Wasser zu halten, bis einige Matrosen vom Deck des nun nahen Windjammers sprangen und ihm zu Hilfe eilten. Er übergab seine leblose Fracht nur zu gern und war dankbar dafür, dass einer der kräftigen Matrosen nun auch ihn packte und zurück zum Schiff zog.
*~*~*
Als William endlich wieder zu Atem kam, hatte man ihn bereits auf das Hauptdeck der Angels Wing gehievt und der Schiffsarzt kümmerte sich um die junge Frau, die bewegungslos auf den Planken lag. „Lebt sie noch?", schnaufte er, spuckte Salzwasser und sah erleichtert, dass der Doktor nickte.
„Allerdings hat sie eine Menge Wasser geschluckt und ich weiß nicht, ob sie
durchkommt. Sie ist noch immer nicht wieder bei Bewusstsein." Er richtete sich
auf und sah William an. „Kommen Sie ohne meine Hilfe aus? Ich würde nur
ungern…."
„Sicher", nickte William und wurde von starken Armen auf die Füße gehoben. Seine
ersten Schritte waren noch ein wenig wackelig, doch dann fing er sich wieder und
wehrte auch sogleich seine Cousin ab, der Frage über Frage stellte. „Jetzt
nicht, Emerson. Ich erkläre dir alles später."
„Ich wusste gar nicht, dass wir Damen an Bord haben", meldete sich nun der Kapitän zu Wort und William wusste genau, warum er es tat. Er wollte eine klare Aussage, die so präzise war, dass sie jedermann an Bord verstehen konnte. Unfrieden an Bord konnte er nicht gebrauchen und so kam er etwaigem Gerede zuvor. Es war eine von Kapitän Swifts Vorzügen. Er wusste immer genau, was es zu tun oder zu sagen galt, denn seine Matrosen würden sich von einem Gerücht in das nächste stürzen, bis ihnen die Wahrheit offenbart würde.
„Das wusste ich bis vor wenigen Minuten auch nicht", sagte er laut und nickte
dem Seemann zu. „Ein blinder Passagier, wie man so schön sagt. Ich habe sie erst
vor wenigen Minuten in einer der leeren Kabinen gefunden." Dann wandte er sich
dem Doktor zu. „Bringt sie in eine freie Kabine und tut für sie, was Ihr könnt."
Dann wandte er sich an den Kapitän. „Ich muss dringend mit Euch sprechen."
*~*~*
William Grey stand auf dem Achterdeck an der Reling und sammelte seine Kräfte. Einer der Matrosen hatte ihm eine schwere Decke gebracht, die er nun über den Schultern trug und der Kapitän, der nun ebenso viel wusste, wie William selbst, runzelte die Stirn.
„Es ist natürlich Eure Entscheidung, Sir", sagte er vorsichtig. „Und ich kann die Auswirkung dieser… dieser Sache nicht einmal benennen, doch wenn ich es nur vom Seemännischen her betrachte, so würde ich Euch abraten, den Kurs wieder auf New York zu setzen. Wir sind dem Hexenkessel gerade noch so entronnen und ich kann nicht sagen …."
„Es geht nur leider nicht nur um das Seemännische", sagte William und seufzte. Er wusste nicht, was zu tun war und sich nun eine Entscheidung abzuringen war nicht gerade einfach. „Setzt wieder Kurs auf England", sagte er schließlich leise und schüttelte den Kopf. „Auch wenn ich es sicherlich bitter bereuen werde."
Teil 4
William Grey fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut und eine seltsame, ihm unbekannte Nervosität hatte sich seiner bemächtigt. Zum ersten Mal befand er sich in einer Situation, mit der er nicht umzugehen wusste und er hasste das Gefühl der Machtlosigkeit. Im Grunde wusste er, dass es das Beste war, umzukehren und sofort zurück nach New York zu segeln, doch er durfte die Warnungen seines Kapitäns nicht einfach so in den Wind schlagen und zudem konnte er die Reaktion der jungen Dame auf seine simple Aussage sie zurückzubringen nicht vergessen.
Elisabeth Summers musste am Ende ihrer Kräfte sein, wenn sie einen solchen Ausweg suchte und sogar den Tod einer Rückkehr zu ihrer Familie vorzog. Und obwohl er nichts für ihre Anwesenheit auf der Angels Wing konnte, so fühlte er sich doch seltsam verantwortlich für sie. Immerhin war sie nun auf seinem Schiff und somit musste er Sorge dafür tragen, dass sie heil dort ankam, wo auch immer sie schlussendlich landeten.
Ob er wollte oder nicht, er hatte sich längst Gedanken darüber gemacht, ob es nicht sinnvoller war, nicht Plymouth, sondern London anzusteuern und die junge Lady höchst persönlich bei ihrem Onkel abzuliefern. Er kannte Edward Summers, war ihm auf einigen Bällen und diversen gesellschaftlichen Ereignissen begegnet und hielt ihn für einen rechtschaffenen Mann, der allerdings sehr behäbig und schlicht im Denken war.
Vielleicht konnte er helfen…. „Verdammt, William, was tust du dir da an?" Er sprang auf und wanderte nervös in seiner Kabine auf und ab. „Es ist nicht deine Aufgabe, auf dieses verrückte Weibsbild aufzupassen!"
Er blieb stehen, guckte aus dem Fenster hinaus auf die offene See und seufzte. Die Fahrt zurück nach Hause würde in einem Fiasko enden, dessen war er sich sicher. Nicht nur, dass er einen blinden Passagier an Bord hatte, er hatte auch noch einen Cousin im Schlepptau, der nicht selbst auf sich aufpassen konnte und ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte. Doch noch bevor er in Selbstmitleid baden konnte, klopfte es an der Tür und besagter Cousin trat unaufgefordert hinein.
„Ah, endlich", sagte Emerson und klatschte vor Begeisterung mit den Händen. „Ich habe schon gedacht, ich würde dich heute gar nicht mehr zu Gesicht bekommen."
„Was willst du?", erkundigte sie William genervt und ließ sich auf seinen Stuhl am Schreibtisch fallen.
„Was ich will?", Emerson lachte. „Ich will alles wissen. Wer ist die junge Dame? Hast du sie vor mir versteckt? Oder ist sie wirklich ein blinder Passagier, wie du deinem Kapitän glauben machen wolltest?" Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich seinem Cousin gegenüber. „Nun erzähl schon", forderte er ihn auf, da William keinerlei Anstalten machte, auch nur ein Wort zu sagen.
„Die junge Dame heißt Elisabeth Summers und ich denke sogar, du wirst gehört
haben, was ihrer Familie zugestoßen ist. Ganz England hat darüber gesprochen und
ich denke, in Amerika war es nicht viel anders. Und nein, ich habe sie nicht vor
dir versteckt. Ich wusste nichts von ihrer Anwesenheit auf dem Schiff und hätte
wahrscheinlich noch immer nichts davon geahnt, hätte sie nicht niesen müssen."
„Du hast sie niesen gehört? Hier unten, bei all dem Krach!", sagte Emerson und
nickte bewundernd mit dem Kopf. „Ich höre hier nichts als Knarren des Schiffes
und das Krachen der Wellen an den Schiffsrumpf."
„Je länger du auf einem Schiff bist, desto eher überhörst du die alltäglichen
Geräusche", meinte William. „Es ist genau wie in London. In den ersten Nächten
machen dich die unzähligen Kutschen, die zu jeder Tages und Nachtzeit durch die
Straßen fahren, verrückt, doch irgendwann nimmst du sie nicht mehr wahr."
„Wenn du das sagst", lachte Emerson und seine braunen Augen funkelten
vergnügt. Er hatte schon das Schlimmste befürchtet und gedacht, er würde auf der
Reise vor Langeweile sterben, doch nun boten sich unzählige Möglichkeiten, die
alle gut durchdacht werden mussten. „Hat sie dir gesagt, warum sie auf dem
Schiff ist, oder ist sie bei deinem Anblick so erschrocken, dass sie gleich über
die Reling sprang?"
„Sehr witzig", knurrte William. „Wie äußerst amüsant du doch sein kannst!"
„Ach nun komm schon. Du weißt genau, dass ich dich nur aufziehen wollte."
Emerson runzelte die Stirn. „Allerdings interessiert es mich doch, warum sie …
naja, über Bord gesprungen ist. Hat sie dir viel erzählt? Ist sie unglücklich
verliebt oder hat sich gar ihre große Liebe gegen sie gewandt und sie konnte
deshalb nicht in Amerika bleiben? Oder eilt sie gar einer verlorenen Liebe
hinterher?"
„Deine Phantasie geht mit dir durch", sagte William und schüttelte den Kopf. Er
langte auf das Regal, griff nach einer Flasche Whiskey und zwei Gläsern, goss
sich selbst eine große Portion ein und speiste Emerson mit einer weitaus
kleineren ab.
Emerson trank die ihm zugedachte Portion, wartete einen Augenblick gespannt
und warf dann genervt die Hände in die Luft. „Du meine Güte, William! Du bist
wirklich wie dein Vater! Genauso wortkarg und ständig in Gedanken versunken!
Wenn du mir schon vorwirfst, meine Phantasie gehe mit mir durch, dann kläre mich
doch bitte über den wahren Sachverhalt auf."
„Ich habe kaum fünf Minuten mit ihr gesprochen und ich glaube kaum, dass das
Gesagte auch für deine Ohren bestimmt war. Allerdings wirst du genügend
Gelegenheiten bekommen, die junge Dame auszufragen, denn ich habe mich
entschlossen, sie bis nach England zu bringen."
„Junge Dame?", grinste Emerson. „Ist sie hübsch? Und wie alt ist sie? Ich
habe sie nur sehr kurz zu sehen bekommen und mit dem ganzen Wasser und den
nassen Haaren in ihrem Gesicht…."
William hatte keine Lust, sich noch weiter mit seinem neugierigen Verwandten zu
unterhalten, doch er kannte ihn gut genug um zu wissen, dass dieses
Frage-und-Antwort-Spiel nie ein Ende haben würde, wenn er nicht so reagierte,
wie Emerson sich das wünschte. „Ob sie hübsch ist? Ich kann es dir nicht sagen.
Ich war viel zu aufgeregt, als ich sie in ihrem Versteck entdeckte und danach
blieb mir kaum die Zeit, ihr länger ins Gesicht zu sehen. Wie du dich vielleicht
erinnern kannst, ist sie davon gelaufen und über die Reling…."
„Sicher, schon verstanden", nickte Emerson. „Aber wie alt ist sie? In einem
Alter, in dem ich mich für sie interessieren würde?"
„Du überspannst den Bogen gerade enorm", erwiderte William unwirsch und kanzelte
seinen Cousin mit einem bitterbösen Blick ab. „Bisher weiß ich nicht einmal, ob
sie überleben wird und du hast nichts Besseres im Sinn, als mit ihr anbändeln zu
wollen! Verdammt, Emerson, hast du denn immer noch nichts dazugelernt?" Er
schüttelte den Kopf über so eine Unverfrorenheit. „Du steckst doch schon bis zum
Hals in Schwierigkeiten. Musst du dir dann noch mehr aufhalsen?"
Doch Emerson hörte gar nicht mehr zu. Er war diese ewigen Predigten über Moral
und Anstand so satt. Früher hatte sein Vater ihn ständig ins Gebet genommen, nun
schien William diese Aufgabe übernommen zu haben. Konnte man ihn nicht endlich
mal in Ruhe lassen und ihm die Chance geben, sein Leben in den Griff zu
bekommen?
*~*~*
Elisabeth wusste nicht, was schlimmer war. Die Scham, die sie fühlte oder die Angst vor der nächsten Begegnung mit William Grey. Doktor Hastings war lange bei ihr gewesen und hatte ihr ausgiebig von der heldenhaften Tat des Schiffseigners erzählt, sie aus den tosenden Fluten des Atlantiks gerettet zu haben. Das Schlimme an der ganzen Sache war, dass sie sich nicht wirklich darüber freuen konnte, noch am Leben zu sein.
Sie war eine lange Zeit bewusstlos gewesen und wusste nicht, ob das Schiff längst seinen Kurs geändert hatte und es nicht mehr lange dauern würde, bis sie ihrer Tante Lydia unter die Augen treten musste, oder ob William Grey vielleicht doch so großzügig war, sie nach Hause zu bringen. Und diese Ungewissheit schwebte wie ein Damoklesschwert über jedem ihrer positiven Gedanken.
Schon seit Stunden lag sie nun dick eingemummt unter schweren Decken in einem fremden Bett und harrte der Dinge, die da kommen mussten. Hätte sie die Kraft dazu gehabt, wäre sie möglicherweise sogar aufgestanden und hätte einen weiteren Versuch gestartet, ihr sinnloses Leben zu beenden, doch sie war kaum in der Lage, eine Hand zu heben. Außerdem nistete noch immer ein kleiner Funken Hoffnung in ihrem Kopf, alles würde sich doch noch zum Guten wenden.
Es klopfte an der Tür und Doktor Hastings trat hinein. „Ich freu mich, Sie
wach vorzufinden", sagte er und lächelte. „Das bestärkt mich in der Hoffnung,
dass Sie Ihren… Ausflug ohne Schaden zu nehmen überstanden haben."
Er trat näher, beugte sich zu Elisabeth herab und legte prüfend seine Hand auf
ihre Stirn. „Fieber haben Sie keines, junge Dame." Dann wurde sein Blick ernst.
„Mr. Grey wartet draußen vor der Tür. Er wünscht Sie zu sprechen, wartet
allerdings auf meine Erlaubnis, Sie besuchen zu dürfen. Ich kann durchaus
verstehen, wenn Sie noch Zeit brauchen, sich darauf vorzubereiten. Es würde mir
keinerlei Schwierigkeiten bereiten, ihn auf morgen zu vertrösten."
„Nein", krächzte Elisabeth, und räusperte sich mühsam. „Ich muss es hinter
mich bringen. Je früher, desto besser." Sie sah zu dem älteren Mediziner hinauf,
der sich Stunde um Stunde so liebevoll um sie gesorgt hatte. „Ich würde es
allerdings begrüßen, wenn ich ihn … zumindest sitzend empfangen kann."
„Selbstverständlich", nickte Doktor Hastings und löste die Decken, die so stramm
um ihren schlanken Körper gewickelt waren, dass sie fast einer Mumie glich. Dann
half er ihr sich aufzusetzen und deckte sie wieder zu. „Mr. Grey ist eigentlich
ein sehr gutmütiger, stets hilfsbereiter Mensch", sagte er so leise, dass
Elisabeth ihn kaum verstehen konnte. „Ich weiß nicht, was genau zwischen Ihnen
Beiden vorgefallen ist", murmelte er und hatte den Anstand, ein kleines bisschen
rot zu werden, „doch ich denke, es ist am besten, wenn Sie ihm offen und ehrlich
begegnen."
„Ich kenne ihn kaum. Besser gesagt, gar nicht. Ich bin ihm heute Nachmittag zum
ersten Mal begegnet", erwiderte Elisabeth seufzend. „Aber nachdem… nach meinem….
Ich glaube kaum, dass er sich mir gegenüber noch gutmütig oder hilfsbereit
verhalten kann."
„Nun, wir werden ja sehen", sagte Doktor Hastings und drückte ihr aufmunternd
die Hand. „Ich bleibe sicherheitshalber im Gang. Sollten Sie mich brauchen, so
scheuen Sie sich nicht davor, laut nach mir zu rufen."
„Ich danke Ihnen sehr", sagte Elisabeth und lächelte tapfer. Dann sah sie dem Mediziner beim Verlassen der Kabine zu und wartete mit Anspannung und auch Angst auf die Ankunft ihres nächsten Besuchers.
*~*~*
William Grey ließ nicht lange auf sich warten, doch er stürmte nicht in die Kabine, wie sie es vermutet hatte, sondern bewegte sich langsam und ruhig auf ihre Liegestatt zu. „Darf ich mich setzen?", erkundigte er sich und zog auf ihr Nicken einen Stuhl heran. Dann sah er sie an und suchte offenbar nach Worten.
Elisabeth konnte seinem Blick nicht standhalten, blickte schnell zur Seite und knetete nervös ihre Bettdecke. „Es tut mir Leid", brach es aus ihr heraus. „Alles, was ich… was ich….", sie schluckte schwer und drängte die Tränen zurück, die mit Macht in ihre Augen traten. Jetzt auch noch wie ein Schlosshund zu heulen war einfach jämmerlich und so beherrschte sie sich und atmete tief ein und aus. „Ich weiß, dass es keine Worte gibt, um das zu entschuldigen, was ich…." Sie brach ab und sah zu ihm auf. „Alles, was ich sagen oder vorbringen könnte, wäre zu banal und nichtig."
William antwortete nicht, sondern zog nur erstaunt die Augenbrauen hoch. Er hatte damit gerechnet, dass sie ihn anbetteln würde, doch offensichtlich stand ihr eher der Sinn danach, ihre Handlungen zu entschuldigen. „Doktor Hastings sagt, Sie befinden sich auf dem Weg der Besserung", lenkte er erst einmal vom Thema ab.
„Ja, wie auch immer", seufzte sie und setzte sich weiter auf. Dann sah sie ihn an und schluckte schwer. „Es gibt kaum einen Vorwurf, den ich mir nicht schon selbst gemacht habe und ich kann nur wiederholen, wie Leid es mir tut. Ich war so von dem Gedanken beseelt aus New York zu fliehen, dass ich kaum über den eigenen Horizont hinaussehen konnte. Ich kann es Ihnen also nicht verübeln, wenn Sie Ihr Schiff schnurstracks gewendet haben und…."
„Sie sind eine wirklich sehr außergewöhnliche Person", unterbrach William sie
und konnte ein Schmunzeln nicht verbergen. „Eigentlich bin ich hierher gekommen,
um Ihnen gehörig die Leviten zu lesen, doch sie haben mir sämtlichen Wind aus
den Segeln genommen." Er hob den Zeigefinger und wedelte damit hin und her. „Auf
Ihren Lippen liegt bereits die nächste Entschuldigung, dass ist gut zu sehen.
Sparen Sie sich diese für unsere nächste Unterhaltung auf, denn auch dieses Wort
nutzt sich schnell ab."
„Das mag daran liegen, dass ich schlicht nicht weiß, was ich sonst sagen
könnte." Elisabeth sah ihren unfreiwilligen Gastgeber an und eine Frage brannte
ihr auf der Zunge. Doch da sie Angst vor der Antwort hatte, kam sie einfach
nicht über ihre Lippen.
William erhob sich, stellte den Stuhl wieder zurück an seinen Platz und nickte ihr zu. „Man wird Ihnen gleich etwas zu essen bringen und so blass wie Sie sind, sollten Sie es nicht verschmähen. Ich kann nicht verantworten, dass Ihr Onkel mir Vorwürfe macht, Sie halb verhungert nach London gebracht zu haben."
Es dauerte eine Weile, bis Elisabeth begriff, was er gerade gesagt hatte und diesmal hielt sie die Tränen nicht zurück. „Sie nehmen mich mit nach England, Sir? Mit nach Hause?"
„Allerdings", erwiderte William ernst. „Auch auf die Gefahr hin, in
schreckliche Schwierigkeiten zu geraten." Doch dann, er wusste selbst nicht
warum, fügte er noch grimmig einen Satz hinzu: „Ich muss jedoch gestehen, dass
der Umschwung meiner Meinung nicht Ihr Verdienst ist, sondern ich mich nach
meinem Kapitän richte, der es für das Beste hielt, nicht wieder umzukehren!" Er
nickte ihr ein letztes Mal zu und verließ dann ihre Kabine.
Teil 5
Seit drei Tagen drehten sich Williams Gedanken im Kreis. Zumindest kam es ihm
so vor, denn jeden Gedanken schien er mehrfach überdacht, verworfen und neu
überdacht zu haben. Die junge Dame, nur wenige Türen von ihm entfernt,
beherrschte jegliches Denken und es war an der Zeit sie aufzusuchen und einmal
eindringlich mit ihr zu reden.
So viele Fragen mussten gestellt und beantwortet werden, doch bisher hatte sich nicht die Gelegenheit dazu ergeben. Elisabeth selbst hatte er kaum zu Gesicht bekommen. Nur einen flüchtigen Blick hatte er auf sie erhaschen können, als sie darum bat, sich ein Buch aus der kleinen Auswahl an Lektüre auswählen zu dürfen, die er in drei Bücherregalen verwahrte.
Die Einladung, die Mahlzeiten zusammen mit ihm und seinem Cousin einzunehmen, hatte sie jedes Mal höflich abgelehnt und William wusste, ohne das sie es auch nur angedeutet hatte, dass sie sich so unsichtbar wie möglich verhalten wollte, um nicht wieder sein Missfallen oder gar seinen Zorn zu wecken.
‚Vielleicht’, so überlegte er, ‚ist es wirklich an der Zeit mit ihr zu sprechen.’ Doktor Hastings hatte ihm mehrfach versichert, dass sie sich wohl befände und da William ein Mann der Tat war, sprang er auf und machte sich auf den Weg. Vor Elisabeths Kabinentür angekommen, blieb er jedoch einen Moment stehen, um seine Gedanken zu sammeln. Schließlich klopfte er an.
*~*~*
„Herein", kam von drinnen die zögerliche Antwort und William trat ein.
„Miss Summers", sagte er zu ihr und verbeugte sich kurz. „Ich muss mich für meinen so plötzlichen Besuch entschuldigen, doch ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns einmal unterhalten. Ich habe doch einige Fragen zu Ihrer Anwesenheit und ich möchte Sie eindringlich bitten, mich in Kenntnis über gewisse Dinge zu setzen."
„Selbstverständlich", nickte Elisabeth und erwiderte seine höfliche
Begrüßung, indem sie kurz einknickste und den Kopf senkte. Im Stillen wünschte
sie, dass die Aufregung, die sie durchflutete, nicht zu offensichtlich war und
so mühte sie sich, ein angedeutetes Lächeln aufzusetzen. „Ich hoffe, es ist
nicht zu vermessen, wenn ich Ihnen auf Ihrem eigenen Schiff einen Platz
anbiete."
„Ich danke Ihnen", sagte William, wartete, bis sie selbst einen Platz gefunden
hatte und setzte sich dann möglichst weit entfernt von ihr auf das kleine Sofa.
„Nun", meinte er und sah sie unverwandt an. „Warum Sie auf meinem Schiff sind,
weiß ich bereits und ich denke nicht, dass wir das Thema noch vertiefen müssen."
Er machte eine Pause, doch da sie offenbar nichts erwidern wollte, sprach er
weiter.
„Doch da Sie sich nun unter meiner Obhut befinden, glaube ich, dass Sie mir noch einige Erklärungen schuldig sind. Ich würde…, nein, ich bestehe darauf zu erfahren, was Sie zu tun gedenken, sobald wir London erreicht haben!"
„Sie bringen mich tatsächlich nach Hause?" Elisabeth hatte seine Worte bei ihrem letzten Zusammentreffen durchaus nicht vergessen, doch da er ihr ebenso offenkundig gezeigt hatte, wie wenig er von ihr hielt, hatte sie damit gerechnet, er würde sich noch umentscheiden.
„Das gedenke ich zu tun", nickte William ernst und seufzte dann. „Miss Elisabeth, ich kann nicht verhehlen, dass mit die Art und Weise, wie Sie auf dieses Schiff gelangt sind, sehr missfällt, doch es ist immer noch mein Schiff. Und da ich die Entscheidung getroffen habe, nicht wieder umzukehren, sondern stattdessen London anzusteuern, werde ich auch die Verantwortung übernehmen und dafür Sorge tragen, Sie munter und gesund nach Hause zu bringen."
„Das ist wirklich äußerst liebenswürdig von Ihnen und weitaus mehr, als ich verdient habe", sagte Elisabeth reuevoll. „Soviel Großmut Ihrerseits hatte ich nicht erwartet, nachdem ich… ich…."
„Nun denn", sagte William, da ihr offensichtlich die Worte fehlten, „ich muss dennoch nach Ihren Plänen fragen. Was gedenken Sie zu tun, wenn wir England erreicht haben und Sie Ihre Füße wieder auf heimischen Boden stellen?"
„Ich hoffe sehr, dass ich meinem Onkel erklären kann, wie unmöglich die Situation für mich war", erklärte sie leise und wandte den Blick ab. Seine tiefblauen Augen musterten sie so unerbittlich, dass ihre Hände zu zittern anfingen. „Ich erhoffe mir, dass er versteht … und mich aus meiner Pflicht entlässt." Sie schluckte hörbar. „Sollte er wider Erwarten dennoch auf einer Vermählung mit Jonathan Hart bestehen, so werde ich… werde ich…."
„Was werdet Ihr dann?", fragte William und lehnte sich vor. Auf die kommende Erklärung war er mehr als gespannt. Sollte sie nun behaupten, sie würde sich dann der Entscheidung ihres Vormundes beugen, so würde er sie eigenhändig zurück ins Meer werfen.
„Mein Vater war ein weiser Mann", sagte Elisabeth so leise, dass William sie kaum verstehen konnte. Sie sah auf und schluckte wieder. „Ihr kennt das Erbfolgegesetz in England ebenso gut wie ich", flüsterte sie. „Und da mein Vater seinen Bruder nur zu gut kannte, hat er nicht nur für eine großzügige monatliche Zuwendung gesorgt, sondern mich zudem mit einer stattlichen Summe Bargeld ausgestattet, von der weder Onkel noch Tante wissen."
Sie holte tief Luft. Sie hatte einem wildfremden Mann gerade ihr tiefstes Geheimnis verraten und konnte nun nur noch beten, er würde es für sich behalten. Sie stockte und überlegte, wie und ob sie wirklich erzählen sollte, was sie im Sinn hatte. Doch dann nahm sie sich ein Herz. William Grey wusste schon mehr, als es ihr lieb war, also konnte er auch die ganze Wahrheit erfahren. „Sollte mein Onkel die Verlobung nicht lösen, so sehe ich mich gezwungen, ein weiteres Mal… wegzulaufen."
Es dauerte einen Augenblick, bis zu William durchsickerte, was sie ihm gerade gestanden hatte und er musste den irrwitzigen Drang zu lachen unterdrücken. Entweder war Elisabeth sehr viel mutiger, als ihre kleine Statur vermuten ließ, oder aber ihre Entscheidung stand so unweigerlich für sie fest, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass irgendwer sie aufhalten konnte. „Ihr wisst schon, dass ich Eurem Onkel davon erzählen könnte?"
„Selbstverständlich", nickte Elisabeth und hob den Kopf. „Doch auch das würde meinen Entschluss nicht ändern. Selbst wenn ich vollkommen mittellos wäre, würde mich das nicht aufhalten." Schnell sah sie wieder zur Seite. „Ich würde mich lieber als Dienstmädchen verdingen, als…."
„Es wird einen Moment dauern, das Gehörte zu verdauen", gestand William nach einer langen Weile. „Doch ich sehe es so, als hätten Sie es mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit erzählt und Sie können sich sicher sein, dass ich Ihr Geheimnis wahren werde."
„Ich danke Ihnen sehr dafür, Mr. Grey", sagte Elisabeth und Erleichterung schwang in ihrer Stimme mit. Doktor Hastings hatte ihr zwar mehrfach versichert, wie großmütig William Grey war, doch nach all den Problemen, die sie ihm aufgehalst hatte, hatte sie nicht daran geglaubt, dass dieser Großmut auch sie treffen konnte.
Während der langen Zeit, die sie nach ihrem Ausflug in den Atlantik für sich alleine verbracht hatte, war ihr erst bewusst geworden, in welche Schwierigkeiten sie ihn mit ihrer Flucht gebracht hatte und die Schuld daran wog schwer. Noch überwältigender war daher die Freundlichkeit, die er ihr dennoch entgegenbrachte und Elisabeth fand einfach keine Worte, um ihm dafür zu danken.
„Nun denn", sagte William und sprang auf. „Ich danke für die Offenheit mir
gegenüber und muss gestehen, dass Ihr mir Anlass zum Nachdenken damit gegeben
habt." Er verbeugte sich vor ihr und war gerade im Begriff die Kabine zu
verlassen, als er es sich anders überlegte und noch einmal zurückkehrte. „Wir
werden noch eine lange Zeit auf der Angels Wing verbringen und ich denke, Sie
sollten die Einsamkeit Ihrer Kabine hin und wieder verlassen."
Er stockte und ein spitzbübisches Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.
„Allerdings kann ich Ihnen den Zugang an Deck nur gestatten, wenn Sie mir
versprechen, keinen weiteren Versuch zu unternehmen, sich in die tosenden Fluten
des Atlantiks zu stürzen."
Elisabeth musste unwillkürlich lachen und war gerade im Begriff etwas zu erwidern, als es an der Tür klopfte und sie fast im gleichen Augenblick aufgerissen wurde.
„Ah, dachte ich doch, hier eine Unterhaltung gehört zu haben!" Emerson trat lächelnd ein und verbeugte sich. „Emerson Grey", stellte er sich vor. „Cousin ersten Grades unseres stets so griesgrämigen Schiffseigners."
„Emerson", schimpfte William auch sogleich. „Kannst du dich nicht einmal benehmen? Man könnte meinen, du hättest niemals eine so vorzügliche Erziehung genossen, wie sie dir zuteil wurde."
„Sie müssen meinen werten Cousin entschuldigen", lächelte Emerson Elisabeth unerschrocken an, die noch immer einen erstaunten Gesichtsausdruck zur Schau trug. „William hält viel von Anstand und Etikette. Jedenfalls viel mehr, als ich es tue." Er trat vor und näherte sich ihr mehr als ihr lieb war. „Es freut mich außerordentlich, Sie endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Sie haben sich lange versteckt." Er grinste und deutete mit dem Kopf auf William, der mit grimmigem Gesicht neben ihm stand. „Allerdings kann ich Ihnen das kaum verdenken. So übellaunig, wie er immer ist, ist es keine Freude und …"
„Ich wollte die junge Dame gerade verlassen", unterbrach William wütend, doch Emerson kümmerte sich gar nicht darum.
„Sie müssen uns unbedingt heute Abend beim Dinner Gesellschaft leisten", strahlte er Elisabeth an. „William und ich wissen schon nach nur vier Tagen nicht mehr, worüber wir sprechen sollen." Er trat noch näher an Elisabeth heran und sprach im Flüsterton weiter. „Oder besteht mein Cousin etwa darauf, dass Sie Sich den Rest der Reise in Ihrer Kabine aufzuhalten haben?"
„Miss Elisabeth ist nicht meine Gefangene, Emerson", knurrte William Grey nun sichtlich böse. „Sie darf sich durchaus frei auf dem Schiff bewegen." Er funkelte seinen Verwandten bitterböse an. „Allerdings sollte ich mir überlegen, vielleicht dich irgendwo einzusperren, denn du benimmst dich unmöglich!"
„Er ist gar nicht so mürrisch, wie es immer den Anschein hat", sagte Emerson keineswegs beeindruckt in verschwörerischem Ton zu Elisabeth, die darauf hin ein Kichern nicht unterdrücken konnte.
„Wie schön, sie einmal lächeln zu sehen", sagte Emerson und blickte stolz auf
seinen Cousin herab. „Als ich die Kabine betrat, machte sie ein Gesicht wie
sieben Tage Regenwetter und ich bin mir sicher, dass es an deinem Schimpfen
lag."
„Ihr Cousin hat nicht geschimpft", warf Elisabeth schnell ein und machte
daraufhin ein betretenes Gesicht. „Ganz im Gegenteil. Mr. Grey war weitaus
großzügiger, als ich es verdient habe."
„Immer ganz der Gentleman also", nickte Emerson. „Und ja, auch wenn ich gerne Späße auf seine Kosten mache, so muss ich dennoch gestehen, dass William durchaus ein sehr großzügiger Mann von edelstem Charakter ist." Er klopfte seinem Cousin herzhaft auf die Schulter. „Aber so warst du ja schon immer. Noch immer dann zur Stelle, wenn andere sich längst abgewandt hatten."
„Wir sollten uns jetzt verabschieden, Emerson", sagte William und ein gefährlicher Unterton in seiner Stimme ließ keinen Widerspruch mehr zu. Das wusste selbst Emerson und er nickte, allerdings noch immer lächelnd.
„Vielleicht hast du Recht", meinte er leichthin. „Aber ich muss gestehen, ich möchte erst gehen, wenn Miss Elisabeth ihr Erscheinen für heute Abend verspricht." Er lächelte sie vorfreudig an. „Sie können sich die Langeweile gar nicht vorstellen, die uns jeden Abend überkommt. Wir schweigen uns an und das Ticken der Wanduhr ist unsere einzige Unterhaltung. Das müssen Sie unbedingt ändern, Miss Elisabeth." Er zwinkerte ihr wagemutig zu. „Dürfen wir also auf Ihre Zusage hoffen?"
„Sehr gerne", sagte Elisabeth, verbeugte sich und sah lächelnd dabei zu, wie Emerson von seinem Cousin aus der Kabine getrieben wurde. Doch bevor William die Tür verschloss, blieb er noch eine Sekunde stehen.
„Miss Elisabeth, sagte er, verbeugte sich und ging seufzend hinaus.
‚Gegensätzlicher können zwei Menschen gar nicht sein’, dachte Elisabeth belustigt. ‚Der eine blond, blauäugig und ernst, der andere dunkel, mit ebensolchen Augen, in denen der Schalk zu sitzen scheint.’
Natürlich hatte sie die Ernsthaftigkeit ihrer Situation nicht vergessen, doch der Abend schien unterhaltsam zu werden und für eine gewisse Zeit einmal ihre Sorgen hinter sich lassen zu können, war bestimmt nicht das Schlechteste.
Elisabeth lächelte noch immer. Emerson würde seinen Cousin auf der Reise gewiss noch des Öfteren zur Weißglut treiben, doch ob das unbedingt eine gute Idee war, wagte sie zu bezweifeln. Emerson hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass William ihm stets zur Seite stand, doch ob der werte Mann sich das noch lange gefallen würde, vermochte sie nicht zu sagen. Sicher war nur, dass William ein weitaus edlerer Mann war, als sie vermutet hatte und sie dankte Gott dafür, auf seinem Schiff gelandet zu sein. Ein anderer Mann wäre gewiss nicht so hilfsbereit gewesen und hätte sie ohne jede Überlegung zurück gebracht.
„Ich hoffe, ich kann es ihm eines Tages vergelten", sagte sie leise und stellte sich wieder an das Fenster. „Ja, das hoffe ich sehr!"
Teil 6
Der Abend gestaltete sich noch unterhaltsamer, als Elisabeth es je vermutet hatte. Emerson bemühte sich aus Leibeskräften sie wieder und wieder zum Lachen zu bringen, auch wenn er sich dieses Mal zusammenriss, und seinen Cousin aus dem Spiel ließ. Die beiden Männer wechselten zwischendurch immer wieder Blicke und es war mehr als offensichtlich, dass Emerson Schelte für sein Verhalten am Nachmittag von seinem Cousin bekommen hatte.
Allerdings störte das den Verlauf des Abends nur wenig. Elisabeth hatte jedenfalls so viel gekichert, dass ihr Bauch wehtat und sie ihn schon mit den Händen umklammerte. Doch in Emersons Augen konnte man sehen, dass ihm das Spiel gefiel und er noch lange nicht genug davon hatte, Anekdote auf Anekdote zu erzählen. Offenbar gefiel ihm die Rolle des Spaßmachers und er mühte sich aus Leibeskräften, möglichst viel Interessantes zu erzählen.
„Und Sie haben Lord Warlington wirklich nicht zu Gesicht bekommen?", fragte
er nun und Elisabeth schüttelte den Kopf. „Dabei sieht er zu lustig aus, mit
dieser riesigen Warze über der Lippe, die wie ein Porträt seiner hochgeschätzten
Ehefrau aussieht!" Er lächelte sie über den Tisch hinweg an. „Nun, das verstehe,
wer will. Eine so junge Lady sollte doch so viele Gesellschaften besuchen, wie
sie es nur kann. Immerhin kommt der Ernst des Lebens früh genug."
„Ich gestehe, ich bin um jedes Mal froh, wenn ich nicht gehen muss", erzählte
Elisabeth leise. „Derartige Feste sind mir… nun, zuwider ist vielleicht zu viel
gesagt, doch kommt es dem sehr nahe. Mir sind es einfach zu viele Menschen, die
offenbar alle nichts Besseres zu tun haben, als nach passenden Partien Ausschau
zu halten oder über die Leute zu lästern, deren Hände sie noch vor wenigen
Minuten geschüttelt haben."
„Mein Gott", sagte Emerson und schüttelte fassungslos den Kopf. „Man könnte fast
annehmen, unser guter William hätte Ihnen diese Antwort eingetrichtert. Ihm
ergeht es nämlich ebenso und er bekommt schon Ausschlag, wenn er weiß, dass er
eine Einladung nicht ausschlagen kann." Er sah seinen Cousin über den Esstisch
hinweg an. „Ist es nicht so?"
„Wenn du das sagst, soll es wohl stimmen", brummte William und trank sein Glas
Rotwein in einem Zug aus. Dann wandte er sich an Elisabeth. „Doch Emerson hat
nicht so Unrecht. Ich mag es tatsächlich nicht besonders, ständig in die
gleichen Gesichter zu sehen, die alle darum bemüht sind, einem Honig um den Bart
zu schmieren. Und kaum dreht man ihnen den Rücken zu…."
„Du nimmst das alles viel zu ernst, werter William", meldete sie Emerson zu
Wort. „Bälle und Feste sollten als das gesehen werden, was sie sind.
Festivitäten, um den langweiligen Alltag hinter sich zu lassen und einmal nicht
an die Sorgen und Nöte zu denken, die einem sonst zu Erb und Eigen sind." Er
zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Ich habe das noch nie verstehen
können", meinte er dann. „Auch du musst dich hin und wieder entspannen. Wie
schaffst du das nur, so ganz ohne jegliche Freude in deinem Leben?"
„Mein Leben ist durchaus nicht so freudlos, wie du es gerade beschreibst",
murrte William, der sich den ganzen Abend schon sehr still verhalten hatte. „Ich
entspanne nun mal lieber bei anderen Dingen als du, hochgeschätzter Cousin."
Elisabeth konnte die Spannungen zwischen den Beiden förmlich spüren und hielt
sich zurück. Nun auch noch zwischen die Fronten zu gelangen, konnte sie sich
beim besten Willen nicht leisten und so stand sie auf. „Ich danke Ihnen für den
wunderschönen Abend", sagte sie, nickte erst William und dann Emerson zu. „Doch
für mich ist es jetzt an der Zeit mich zurückzuziehen."
„Sie müssen noch nicht gehen", versuchte Emerson sie aufzuhalten. „William und ich benehmen uns immer so. Sie wissen sicherlich, wie das mit Familien ist." Er lachte. „Man kann nicht mit, aber auch nicht ohne sie leben."
„Nein, wirklich", sagte Elisabeth und stand auf. „Die Müdigkeit hat mich übermannt und ich möchte jetzt lieber gehen."
„Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht", sagte William und stand auf. „Doch bevor
ich es wieder vergesse.... Sie haben sicherlich schon die Damengarderobe im
Schrank in Ihrer Kabine entdeckt. Lady Catherine hat sie nach der letzten Reise
hier zurückgelassen. Sie ist vielleicht ein wenig größer, als Sie es sind, doch
in Anbetracht des geringen Gepäcks, dass Sie mit sich führen, wäre es vielleicht
angebracht, das ein oder andere Kleid auszuprobieren."
„Ich weiß nicht, ob das schicklich wäre", sagte Elisabeth und schämte sich. „Ich
kann kaum erwarten…."
„Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass Lady Catherine gewiss keine Einwände
erheben würde", beeilte sich William zu sagen. Er verbeugte sich und Elisabeth
nickte schwach.
„Danke schön", murmelte sie und verabschiedete sich von den beiden Cousins, die nun beide aufgestanden waren und sich höflich verbeugten. „Gute Nacht."
*~*~*
Geräuschvolle Stimmen drangen bis in Elisabeths Kabine. William und Emerson schienen eine lautstarke Diskussion zu führen, doch darum konnte sie sich gerade keine Gedanken machen. Tränen liefen in rascher Folge über ihr Gesicht und sie schluchzte haltlos in ihr Kissen. Die Freundlichkeit, die ihr hier auf dem Schiff zuteil wurde, war zu viel für ihr schlechtes Gewissen und sie hatte es nur mit knapper Müh und Not geschafft, würdevoll in ihre Kabine zu gelangen. Nun überließ er ihr auch noch die gewiss teure Garderobe seiner Ehefrau!
Immer wenn sie glaubte, William Grey könnte sie nicht besser behandeln, setzte er noch einen drauf und sie fühlte sich schlechter und schlechter, ihn in diese Situation gebracht zu haben. Es klang beinahe lächerlich, doch ihr wäre es lieber, er würde sie ausschimpfen oder nicht beachten, denn damit hätte sie besser umgehen können. Doch seine Freigiebigkeit schien schier unerschöpflich und Elisabeth wusste, dass sie nichts tun konnte, um all das wieder auszugleichen.
Sie weinte und weinte und es fiel ihr immens schwer, sich aus dieser Niedergeschlagenheit herauszureißen. Doch was sie auf gar keinen Fall wollte, war ihm am nächsten Morgen mit rot unterlaufenen Augen zu begegnen und so mobilisierte sie ihre ganze Kraft. Er hatte durch sie schon genug Sorgen und sollte nicht auch noch damit belastet werden.
Eine lange Zeit lag sie auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Die Streitigkeiten zwischen den beiden Männern schienen beendet und außer den Geräuschen des Schiffes und des Meeres war nichts mehr zu hören. Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie William vor sich und ihre Scham wuchs beständig an. Das Einzige, was sie noch tun konnte, war, die Fahrt würdevoll zu überstehen und dafür zu sorgen, dass sie ihm keinerlei weitere Schwierigkeiten mehr bereiten würde.
Seufzend wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her und ein befremdliches Gefühl breitete sich in ihr aus. Williams Ehefrau musste sich glücklich schätzen, einen solchen Mann geheiratet zu haben und Elisabeth fühlte eine plötzliche Wehmut in sich aufsteigen. Vor einem solchen Mann wäre sie gewiss nicht davongelaufen. Ganz gewiss nicht!
*~*~*
Der späte Vormittag war angebrochen und Elisabeth drehte sich vor dem Wandspiegel in ihrer Kabine hin und her. Eine lange Zeit hatte sie vor dem Schrank gestanden und die wertvollen Kleider begutachtet, und noch länger hatte es gedauert, sich dazu durchzuringen, auch eines davon anzuziehen. Sie hatte das Für und Wider abgewogen, sich dann entschieden, das Angebot anzunehmen. Nicht nur, weil William Grey recht hatte und ihre Garderobe wahrhaftig nur sehr beschränkt war, sondern auch, weil sie ihn keinesfalls brüskieren wollte. Er bot ihr so viel und sie wollte nicht undankbar erscheinen.
Allerdings schien Williams Ehefrau doch ein ganzes Stück höher gewachsen zu sein, als sie selbst und es hatte lange gedauert, etwas einigermaßen Passendes herauszufinden. Fünf Kleider hatte sie gefunden, die auch sie tragen konnte ohne all zu oft über den Saum zu stolpern und sie beglückwünschte Lady Catherine nicht nur für ihren tadellosen Geschmack, sondern auch dafür, eine solche Menge an Kleidungsstücken einfach zurücklassen zu können, ohne sie zu vermissen.
Wahrscheinlich, so hatte Elisabeth gedacht, stimmte das Gerücht doch, dass William Grey im Geld nur so schwamm, doch das konnte ihr eigentlich egal sein. Höchstwahrscheinlich würde sie ihn niemals wiedersehen, wenn sie erst einmal in England gelandet waren und das seltsame Gefühl des Bedauerns ließ sich auch durch Vernunft nicht verdrängen.
Elisabeth warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Von ihrem Weinkrampf am Abend zuvor war keine Spur mehr zu entdecken und so nickte sie sich lächelnd zu. Sie hatte sich vorgenommen, zum ersten Mal hinaus an Deck zu gehen und hoffte, es wäre ihm recht. Doch da er gesagt hatte, sie könnte sich auf dem Schiff frei bewegen, machte sie sich keine allzu großen Sorgen darum.
Sie huschte durch den Flur, stieg die Treppe hinauf und musste blinzeln, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel und blendete sie. Es dauerte einen Augenblick, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, doch kaum war das geschehen, sah sie Emerson Grey auch schon auf sie zueilen.
„Miss Elisabeth. Wie schön, Sie hier an Deck zu sehen", sagte er und reichte ihr die Hand. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen gerne alles."
Elisabeth nahm die dargebotene Hand, doch bevor sie nur einen Schritt tun konnte, verfing sich ihr Schuh in dem etwas zu langen Kleid. Entschuldigend sah sie ihren Begleiter an. „Misses Grey muss ein Stück höher gewachsen sein als ich."
„Williams Mutter?", fragte Emerson verwirrt.
„Nein, nein", lachte Elisabeth und befreite sich aus der misslichen Lage. „Ich meine Lady Catherine. Williams Ehefrau."
Emerson lachte. „William ist nicht verheiratet. Wie auch, wenn er sich nicht
in der Gesellschaft zeigt? Lady Catherine ist seine jüngere Schwester. Ein
wirklich ganz reizendes Mädchen", sagte er dann und runzelte die Stirn, als er
Elisabeths verstörtes Gesicht sah. „Geht es Ihnen gut?"
„Ja, danke", nickte Elisabeth und versuchte ein Lächeln. „Es liegt bestimmt nur
an der frischen Luft hier an Deck. Es ist weitaus kälter, als der Sonnenschein
es vermuten lässt."
„Ich verstehe", nickte Emerson, offenbar zufrieden mit der Antwort. „Warten
Sie", sagte er dann und zog seine Jacke aus, die er prompt über ihre Schultern
legte. „So geht es bestimmt gleich viel besser." Dann nahm er wieder ihre Hand
und führte sie hinauf auf das Hauptdeck der Angels Wing.
*~*~*
Ihr Auftritt an Deck verursachte mehr Aufsehen, als es Elisabeth lieb war und wäre Emerson nicht gewesen, der sie an der Hand hinter sich herzog und ihr alles Sehenswerte zeigte, wäre sie gewiss schnell wieder in ihre Kabine geeilt. Die Matrosen in ihrer Nähe musterten sie mit unverhohlener Neugierde und Elisabeth wurde zum ersten Mal wieder bewusst, dass alle sie zumindest schon einmal gesehen hatten. An dem Tag, als die Hoffnungslosigkeit Überhand gewonnen hatte und sie sich in das Meer gestürzt hatte.
„William steht übrigens da oben beim Kapitän", sagte Emerson und riss Elisabeth damit aus ihren Gedanken. „Ich denke, wir sollten zu ihm hinaufgehen und ihn begrüßen."
Elisabeth nickte und ließ sich die Treppe hinaufbegleiten. William Grey kam ihr auch sofort entgegen, maß seinen Cousin dabei mit einem fragenden Blick und konzentrierte seine Aufmerksamkeit dann wieder auf sie.
„Miss Elisabeth. Wie schön, Sie an Deck begrüßen zu können", sagte er und verbeugte sich. „Darf ich Ihnen Kapitän Swift vorstellen?", fragte er, übernahm Emersons Platz an ihrer Seite und führte sie zu einem bärtigen Mann, der am Ruder des Schiffes stand und ihr freundlich zunickte.
„Ich bin sehr erfreut, Sie wohlauf zu sehen, Miss Elisabeth", sagte der Kapitän und begutachtete die drei Personen vor sich sehr aufmerksam. Er hatte schon immer etwas gegen Frauen an Bord gehabt, doch er würde seine Meinung für sich behalten, bis jemand danach fragte. Aber sollte ihn je jemand danach fragen, so würde er sagen, dass es noch Ärger auf dem Schiff geben würde, bevor sie England erreichten. Dessen war er sich ebenso sicher, wie er beim Wetter sicher war. „Gefällt Ihnen die Angels Wing?"
„Ich finde, sie ist ein wunderschönes Schiff", nickte Elisabeth ein wenig hilflos. „Doch ich muss gestehen, dass ich keinerlei Kenntnisse über Schiffe habe und mich nur auf meinen eigenen Geschmack verlassen kann."
„Nun", lächelte der Kapitän. „Mr. Grey könnte Ihnen so einiges darüber
erzählen", sagte er und nickte William zu. „Ich habe nie zuvor einen Mann
gesehen, der nie selbst zur See gefahren ist, und doch so viel über das Seewesen
weiß wie er."
„Ich werde mich bei passender Gelegenheit daran erinnern", murmelte Elisabeth,
die sich immer unwohler fühlte. Es waren einfach zu viele Augen auf sie
gerichtet und sie wäre am liebsten in einem Loch verschwunden. „Ich muss jedoch
gestehen, dass ich mich nun gerne wieder in meine Kabine zurück begeben würde.
Mir ist es doch ein wenig zu frisch an Deck."
„Selbstverständlich", nickte William. „Ich werde Sie hinunter geleiten", sagte
er schnell und kam Emerson zuvor, der ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Meine
Herren, wenn Sie uns bitte entschuldigen würden…"
Teil 7
William Grey konnte nicht schlafen. Längst hatte er sich aus seinem durchwühlten Bett geschält und saß nun in einem bequemen Lehnsessel in seiner Kabine und starrte hinauf zum Mond, der am nächtlichen Himmel seine Bahn zog. Derlei Schwierigkeiten hatte er gewöhnlich nie, sondern schlummerte schon, kaum dass sein Kopf das Kissen berührte. Nun aber wollte der erlösende Schlaf nicht kommen, wie auch schon in den vergangenen Nächten vorher, in denen er sein Bett ebenso entnervt wie müde schlussendlich verlassen hatte.
Zu viele schwere Gedanken geisterten durch seinen Kopf und ließen sich auch nicht vertreiben. Allen voran galt seine Sorge Emerson, der ihn mittlerweile durch seine bloße Anwesenheit zur Weißglut trieb. Hatte sein Cousin denn noch immer nicht begriffen, dass er etwas verändern musste? Emerson war nun vierundzwanzig Jahre alt und schien noch immer nicht verstanden zu haben, dass er kein Jüngling mehr war, dem jeder Fehltritt verziehen wurde.
William hatte so gehofft, dass er endlich erwachsen geworden war und die Verantwortung für sein Leben übernahm. Nach allem was vorgefallen war, hätte das Denken längst einsetzen müssen. Doch offenbar lernte der junge Mann nichts dazu und William ärgerte sich, wieder auf seine Hilferufe reagiert zu haben. Wieder einmal war er auf leere, hohle Versprechungen hereingefallen und er begriff langsam aber sicher, dass Emerson nur von seiner oft viel zu gutmütigen Art profitieren wollte.
„Das sollte dir langsam eine Lehre sein", murmelte er mit grimmigem Gesichtsausdruck und schalt sich dämlich, immer auf die gleiche Masche hereinzufallen. Doch er war nun mal ein Familienmensch und konnte nicht einfach beiseite sehen, wenn es einem Mitglied schlecht erging. Emerson jedoch hatte den Bogen einmal zu viel überspannt und William nahm sich vor, in Zukunft sämtliche Briefe ungelesen zu verbrennen, die von ihm abgeschickt worden waren.
Aber Emerson war nicht der einzige, der durch seine Gedanken kreuzte. Die junge Miss Elisabeth ließ ihn ebenso wenig zur Ruhe finden, wie sein Cousin, und William seufzte leise. Auch wenn es ihn im Grunde gar nichts anging, so machte er sich dennoch große Sorgen über ihr künftiges Leben. Sie war eine so kleine, so zierliche Person und er wusste schon jetzt, dass er sie nicht einfach sich selbst überlassen konnte, sollte ihr Onkel sich weigern, die unheilvolle Verlobung zu lösen. Geld besaß sie nach eigener Aussage genug, doch für eine vernünftige Unterbringung würde er sorgen müssen. Denn so wie das Recht in England es momentan verlangte, durfte nur ein Mann einen gültigen Kaufvertrag tätigen. Frauen waren noch immer von solchen Rechten ausgeschlossen und so würde er sich um eine passende Wohngelegenheit kümmern.
„Elisabeth", murmelte er leise und schüttelte den Kopf. Sie hatte sein Leben ganz schön auf den Kopf gestellt, auch wenn es sicherlich nicht ihre Absicht gewesen war. Doch mit ihrer Ankunft auf dem Schiff hatte sie ihn in die Pflicht genommen. Andere Männer mochten anders handeln und sie einfach Zuhause abliefern, er hingegen konnte das nicht.
Sie war so anders als andere Frauen der Gesellschaft und es hatte ihn das ein oder andere Mal überrascht, wie oft sie seine Meinungen und Empfindungen teilte. Emerson hatte sich schon immer über ihn lustig gemacht, weil er lieber für sich allein, oder zumindest in der Gesellschaft seiner Familie blieb. Feste und Bälle verabscheute er aus tiefstem Herzen, genauso wie die junge Dame, die sich nur ein paar Kabinen entfernt aufhielt und nun sicherlich tief und fest schlief.
Auch seine Gründe waren ähnlich wie die ihren, wenn auch aus der Sicht eines Mannes. Denn kaum zeigte er sich einmal in der Öffentlichkeit, sahen sich alle beflissenen Mütter dazu aufgefordert, ihm sämtliche Töchter im heiratsfähigem Alter vorzustellen und selbst wenn er sich bemühte, hatte er bereits nach wenigen Minuten sämtliche Namen wieder vergessen. Er wusste, er galt als eine der besten Partien des Landes und mit langsam zunehmendem Alter wurde es schlimmer und schlimmer und man ließ ihn nicht einmal mehr in Ruhe Besorgungen erledigen, ohne dass nicht mindestens eine Mutter versuchte, ihre Tochter an ihn abzugeben.
Vielleicht war auch das einer der Gründe, warum es ihn wieder und wieder auf sein Schiff verschlug. Seine Handelspartner kannten ihn bereits seit Jahren und es wäre durchaus nicht notwenig gewesen, bei jeder Transaktion anwesend zu sein. „Ich flüchte genauso, wie Elisabeth es getan hat", wurde ihm plötzlich bewusst und er schüttelte den Kopf.
William konnte ihr gut nachfühlen, einen Mann wie Jonathan Hart nicht ehelichen zu wollen. Auch er wollte keine Frau aus bloßem Kalkül heraus heiraten, dazu dann auch noch einsam und verlassen in ein anderes Land abgeschoben zu werden, musste die wahre Hölle sein.
Seine Gedanken kreisten. Emerson und Elisabeth, Elisabeth und Emerson und William fühlte plötzlichen Zorn in sich aufsteigen. Emerson benahm sich fruchtbar und es ärgerte ihn immens, dass dessen gesamte Aufmerksamkeit nur auf die junge Dame gerichtet zu sein schien. Er ballte die Hände zu Fäusten und runzelte im gleichen Augenblick die Stirn. Warum ärgerte er sich nur so darüber? War es nur, weil er wusste, dass Emerson ein Schuft war und Elisabeth etwas Besseres verdient hatte?
Das musste der Grund sein. Immerhin stand Elisabeth nun unter seinem Schutz und da er seinen Cousin und dessen Unzulänglichkeiten nur zu gut kannte, erwartete er das Schlimmste. Dann seufzte William und gab zum ersten Mal zu, dass es noch viel mehr war, dass ihm Kummer bereitete. Wann immer er Elisabeth und Emerson zusammen sah, sei es an Deck beim Spazierengehen oder beim Tee im Wohnzimmer, fühlte er einen Stich im Herzen, der mehr schmerzte, als er es jemals zugeben würde. Elisabeth hatte das geschafft, was andere Frauen seit Jahren mit Macht versuchten. Sie hatte sich in sein Herz geschlichen. Und dabei hatte sie es nicht einmal darauf angelegt!
„Sei nicht albern", schimpfte er mit sich selbst, stand auf und goss sich ein großes Glas seines Lieblingswhiskeys ein. „Sie würde dich niemals auch nur in Betracht ziehen. Du bist um Jahre älter und zudem scheint sie an Emerson weitaus mehr Gefallen zu finden."
William setzte das Glas an seine Lippen und trank es in einem Zug leer. Er konnte Elisabeth sogar verstehen, immerhin war sein um fünf Jahre jüngerer Cousin äußerst redegewandt und unterhaltsam, wogegen er oft nichts zu sagen wusste und lieber schwieg. Doch auch wenn man ihm Selbstsucht unterstellen würde, so würde er doch dafür sorgen, dass Emerson und Elisabeth niemals zusammenfanden. Emerson war bei Weitem nicht gut genug für Elisabeth und würde ihr ohnehin schon kompliziertes Leben ins Chaos stürzen!
Eine ganze Weile dachte er noch darüber nach und seine Flasche leerte sich rapide. Doch da die Müdigkeit nun vollends verschwunden war und er sich zudem nicht sinnlos betrinken wollte, schälte er sich aus seinem Lieblingssessel und warf seinen Morgenmantel über. Er würde ins Wohnzimmer gehen und sich ein Buch aussuchen. Vielleicht würde die Lektüre die Bilder aus seinem Kopf vertreiben, die ihm soviel Kummer bereiteten.
*~*~*
Auf Zehenspitzen schlich William durch den Gang, um keinen seiner Gäste zu wecken, blieb vor Elisabeth Kabinentür kurz stehen und erlaubte sich einen lautlosen Seufzer, dann ging er weiter und öffnete die Wohnzimmertür.
„Oh… Miss Elisabeth", murmelte er verwirrt, als er sie mit einem Kerzenleuchter vor den Bücherregalen stehen sah. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe nicht geahnt, dass zu so später Stunde noch jemand auf ist."
Elisabeth richtete schnell ihren Morgenmantel und knickste, wie die
Höflichkeit es ihr gebot, kurz ein. „Mr. Grey", sagte sie und sah ihn unsicher
an. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt", meinte sie und lächelte, als er den
Kopf schüttelte. „Ich gestehe, ich konnte nicht einschlafen und deswegen wollte
ich mir rasch ein Buch ausleihen."
„Ich verstehe", erwiderte William und konnte den Blick kaum von ihr abwenden.
Elisabeth trug das Haar offen und selbst im fahlen Licht der Kerze leuchtete es
in den verschiedensten blonden Schattierungen. Ihr liebliches Gesicht wirkte bei
den vorherrschenden Lichtverhältnissen noch sanfter als gewöhnlich und in ihren
grünen Augen schienen Funken zu tanzen. „Mir erging es ebenso wie Ihnen",
brachte er über die Lippen und räusperte sich. „Wie es aussieht, hatten wir die
gleiche Idee, um uns abzulenken. Auch ich wollte mich gerade mit einer passenden
Lektüre beschäftigen."
„Ich verstehe", sagte sie und machte ihm Platz, um an ihr vorbeigehen zu können.
Er nickte und drückte sich eng an das Regal, um sie ja nur nicht zu berühren und nickte ein weiteres Mal, als sie ihm den Kerzenhalter überreichte. „Danke." Mit dem Kopf deutete er auf das Buch in ihrer Hand. „Wie ich sehe, haben Sie etwas Passendes gefunden?"
„Ich schwankte zwischen Shelley und Keats, habe mich dann jedoch für Keats zusammengefasste Werke entschieden", erwiderte sie und trat ein paar Schritte zurück. „Sie haben eine ausgezeichnete Auswahl an Werken der verschiedensten Autoren auf dem Schiff und ich werde sicherlich noch die Gelegenheit nutzen, um das eine oder andere Buch auszuleihen."
„Sehr gerne", sagte er und versuchte sich auf die Werke vor ihm zu
konzentrieren. Doch die Bücherrücken sahen alle gleich aus und die Namen der
Autoren las er zwar, vergaß sie jedoch postwendend wieder. Schlussendlich
fischte er einfach eines heraus und überreichte den Kerzenständer wieder. „Soll
ich Ihnen vielleicht einen Tee bringen lassen?"
„Auf gar keinen Fall", platzte es aus ihr heraus und sie sah ihn um
Entschuldigung bittend an. „Das ist wirklich nicht notwendig. Danke. Aber meine
Anwesenheit auf der Angels Wing ruft auch so schon mehr Aufmerksamkeit hervor,
als es mir lieb ist." Sie lächelte schwach. „Ich sollte jetzt wieder in meine
Kabine gehen", sagte Elisabeth und blickte zur Seite. „Es ist schon sehr spät
und der Morgen ist nicht mehr weit."
„Dann bleibt mir nur, Ihnen trotz allem noch eine gute Nacht zu wünschen", sagte William und fühlte sich merkwürdig taub. Zu gerne hätte er sie zurückgehalten, nur um sich mit ihr zu unterhalten, doch das war natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem nagte noch ein Zweifel an ihm. Er war sich nicht sicher, ob er sie vor Emerson warnen sollte, oder nicht doch lieber abwarten sollte, ob sich vielleicht alles im Sande verlief.
„Gute Nacht", sagte Elisabeth, die Tür bereits in der Hand.
„Gute Nacht, Elisabeth", nickte William, verbeugte sich und starrte noch eine lange Zeit auf die geschlossene Tür. Er hatte sich entschieden. Er würde Elisabeth nichts von seinen Befürchtungen erzählen. Zum einen, weil er seinem Cousin nicht in den Rücken fallen wollte. Vielleicht täuschte er sich auch in ihm und Emerson bekam sein Leben doch noch in den Griff. Zum anderen, weil er nicht wusste, wie Elisabeth auf eine solche Botschaft reagieren würde. Sie würde ihn gewiss für hinterhältig und gemein halten.
Er würde sich einfach noch mehr bemühen, sie nicht allzu lange in der Obhut seines Cousins zu lassen, um so das Schlimmste verhindern zu können. William seufzte und blickte auf das Buch, das er in der Hand hielt. „Shakespeare", murmelte er und rollte mit den Augen. Nein, noch mehr Dramen brauchte er nun wirklich nicht und so stellte er es zurück.
*~*~*
Es war beinahe Mittag, als William Elisabeth das nächste Mal begegnete. Wie eigentlich immer verbrachte er die meiste Zeit an Deck und da auch Emerson sich heute noch nicht gezeigt hatte, hatte er die Gelegenheit genutzt und auf das Meer hinausgeschaut. Die unendliche Weite ließ ihn oft zu klaren Gedanken finden, doch nicht einmal das gelang heute.
Nun jedoch richtete er seine Aufmerksamkeit auf seinen Gast und rief sie hinauf auf das Achterdeck. „Guten Tag, Miss Elisabeth", rief er, winkte und kam sich unglaublich dumm dabei vor.
„Was für ein wunderschöner Tag", sagte sie, als er sie oben an der Treppe in Empfang nahm. „Das Wetter bessert sich um jede Meile, die wir England näher kommen. Wenn das kein gutes Omen ist."
William lächelte. „Ihr Wort in Gottes Ohr", sagte er, unterließ es jedoch darauf hinzuweisen, dass das Wetter in England um diese Jahreszeit nicht unbedingt das Beste war. Es war erst Anfang April und noch drohten heftige Stürme. „Haben Sie noch schlafen können?", erkundigte er sich und bereute die Frage sofort. Eine solche Frage stellte man keiner Dame, schon gar nicht, wenn sie nicht zur Familie gehörte. „Ich frage nur, weil ich Sie während des Frühstücks nicht gesehen habe", ruderte er, so gut es ging, zurück.
Doch Elisabeth schien nicht verstört wegen seiner Äußerung zu sein. Sie lächelte und nickte. „Für gewöhnlich schlafe ich niemals so lange, doch hier auf dem Schiff scheint mir jegliche Normalität verloren." Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern und bedachte ihn mit einem hinreißenden Lächeln. „Ich fürchte, dass ist Ihre Schuld, Mr. Grey. Mir geht es hier viel zu gut und ganz ohne Aufgaben werde ich mich sicherlich schon bald dem Müßiggang verschreiben."
„So schlimm wird es sicherlich nicht werden", sagte er und führte sie an die Reling auf der Steuerbordseite. Dann war es an ihm zu lächeln. „Ich würde Ihnen gerne einen spannenderen Ausblick zeigen, doch außer Wasser gibt es auf dem Meer nur wenig zu sehen." Doch Elisabeth lachte nicht und William seufzte innerlich. Er sollte sich Späße jeglicher Art einfach ersparen.
„Entschuldigt bitte, aber was ist das dort hinten?", fragte sie und auch wenn
es als unschicklich galt, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm hinaus auf das
offene Meer. „Es sieht beinahe wie Feuer aus, doch das wird wohl kaum möglich
sein."
William folgte ihrer Geste und es dauerte nur einen Augenblick, bis er wusste,
wovon sie sprach. Er runzelte die Stirn. Ein Feuer war auf dem Meer gar nicht so
selten, wie man es vermuten würde. Viele Schiffe brannten aus, oft aus
Unachtsamkeit, denn Schiffe bestanden noch immer größtenteils aus Holz und eine
simple Öllampe, die umgestoßen wurde, konnte eine wahre Katastrophe auslösen.
„Kapitän Swift", rief er den Mann zu sich, der gerade die Treppe zum Achterdeck
erklomm. „Sie sollten Sich das ansehen. Ich befürchte, wir werden unsere Reise
unterbrechen müssen, um zu retten, was noch zu retten ist."
Teil 8
Auf der Angels Wing brach Hektik aus, Matrosen rannten übers Deck und sammelten sich auf der Steuerbordseite, um einen Blick auf das brennende Schiff zu erhaschen. Doch noch war nicht viel mehr als eine Rauchfahne zu sehen, die sich haushoch gegen den Horizont abzeichnete. Kapitän Swift unterbrach die Aufregung, in dem er kurze und knappe Kommandos gab und somit für betriebsame Ruhe sorgte. Dann stellte er sich höchstpersönlich ans Ruder, änderte den Kurs und steuerte geradewegs auf das verunglückte Schiff zu.
Elisabeth konnte kaum den Blick abwenden, doch anders als die Matrosen auf dem Schiff, fühlte sie keine Aufregung, sondern Angst. Ein ungutes Gefühl hatte sie überfallen und sie konnte es nicht abschütteln. „Was passiert jetzt?", fragte sie leise, doch William, der immer noch neben ihr stand, hörte sie dennoch.
„Wie Sie sicherlich bemerkt haben, hat Kapitän Swift direkten Kurs auf das brennende Schiff genommen. Noch ist leider nicht viel zu erkennen, doch wir hoffen, noch einige Überlebende an Bord nehmen zu können." Ein junger Matrose eilte auf ihn zu und überreichte ihm ein Fernrohr, das er sogleich auszog. „Es ist keine Beflaggung mehr zu sehen", sagte er zu Kapitän Swift, der sich neben ihn gestellt hatte.
„Es ist überhaupt nicht mehr sonderlich viel von dem Schiff zu sehen",
erwiderte der Kapitän, der sich ebenfalls ein Fernglas vor die Augen hielt.
„Doch wie mir scheint, war es ein Frachter. Zumindest lassen die Trümmer auf ein
großes Boot schließen." Er ließ das Fernglas über das Wasser schweifen. „Es sind
noch Männer im Wasser. Die armen Teufel. Ich hoffe, wir sind schnell genug vor
Ort!"
William wandte sich an Elisabeth, doch noch bevor er etwas sagen konnte,
polterte Emerson auf das Achterdeck und bestürmte ihn mit Fragen. „Was ist
passiert? Warum herrscht hier so eine Aufregung? Was ist das? Brennt da ein
Schiff? Gib mir das Fernrohr." Er riss es William förmlich aus der Hand und
blickte hindurch. „Ach du meine Güte", sagte er, doch seine Stimme klang nicht
bedrückt, sondern vorfreudig. „Werden wir helfen?"
„Selbstverständlich", knurrte William, schüttelte den Kopf und nahm ihm das
Fernrohr wieder ab. Dann wandte er sich endgültig an Elisabeth. „Ich möchte,
dass Sie unter Deck gehen, bevor wir die Unglücksstelle erreichen."
„Warum?", fragte Elisabeth verwirrt. „Vielleicht kann ich…."
„Miss Elisabeth", sagte William ernst und umfasste ihren Arm. „Das war keine Bitte. Ich wünsche, dass Sie unter Deck gehen. Am besten jetzt gleich." Er sah sie geduldig, und doch sehr eindringlich an, denn er wusste in etwa, was in wenigen Minuten an Deck vor sich gehen würde und dem wollte und konnte er sie nicht aussetzen.
Sie schluckte schwer, aber in seinen Augen sah sie, dass er keinen Widerspruch zulassen würde und nickte ergeben. „Ich werde gehen", versprach sie. „Noch bevor wir das Schiff erreichen. Und ich werde in meiner Kabine bleiben, bis …."
„Ich kann Sie begleiten", lächelte Emerson galant, doch William hielt ihn auf.
„Dich benötige ich hier oben. Wir können jeden einzelnen Mann brauchen!" Auch
sein Cousin fing seinen ernsten Blick auf und er nickte langsam. „Gut", sagte
William, nachdem das geklärt war, dann wandte er sich an den Kapitän. „Sollten
wir Boote zu lassen, oder würden Sie dazu raten, abzuwarten?"
„Die Boote sind schnell im Wasser", sagte Kapitän Swift langsam. „Doch wir
sollten uns erst einmal vergewissern, mit wem oder was wir es zu tun haben."
„Ganz wie Sie meinen, Sir", sagte William. „Elisabeth, wenn ich Sie nun bitten dürfte…."
Elisabeth warf einen Blick hinaus über den Bug und unterdrückte ein Schaudern, denn sie waren dem verunglückten Schiff schon sehr nahe. Sie konnte Männer im Wasser sehen, viele von ihnen leblos treibend und sie verstand, warum sie gehen sollte. „Wenn ich…, wenn ich irgendwie helfen kann, so scheuen Sie Sich nicht davor, mich rufen zu lassen", sagte sie zu William, doch ihre Stimme bebte. Sie verabschiedete sich schnell, raste die Treppe hinab auf das Hauptdeck und verschwand in Richtung ihrer Kabine.
„Glaubst du wirklich, wir können Sie alleine lassen?", fragte Emerson und in seiner Stimme klang eine vage Hoffnung mit. „Sie ist bestimmt sehr verängstigt und hier an Deck sind genügend Männer. Wie soll ausgerechnet ich da helfen können?" Zuerst hatte er sich über die Abwechslung gefreut, doch er hatte begriffen, dass das, was er gleich zu sehen bekommen würde, kein Spiel war und er hätte sich vor der Aufgabe am liebsten geweigert.
„Du wirst dich diesmal nicht drücken", schimpfte William und funkelte ihn wütend an. „Wie du dir vorstellen kannst, rechnen wir mit einer Menge Verletzter und Doktor Hastings wird sich nicht um alle gleichzeitig kümmern können." William warf einen Blick über das Schiff, das Kapitän Swift gerade drehte, um längsseits des Verunglückten zu gehen. „Und jetzt reiß dich zum ersten Mal in deinem Leben zusammen und beweise, dass du ein Mann bist", fauchte er Emerson an und lief seinerseits los, um zu helfen.
*~*~*
Elisabeth zitterte am ganzen Leib. Sie hatte den schweren Fehler begangen, aus dem Fenster zu sehen und das, was sie dort erspäht hatte, würde sie ihr Leben lang nicht wieder vergessen. Rauchschwaden waberten über das Meer und Leichen wippten im seichten Wellengang auf und ab, grässlich entstellt und mit verbrannter Haut, die sich in Fetzen vom Körper lösten.
Das hektische Treiben und das Geschrei an Deck über ihr waren auch nicht gerade beruhigend und obwohl sie William versprochen hatte, in ihrer Kabine zu bleiben, wäre sie doch am liebsten wieder hinaufgelaufen. Nur um nicht alleine zu sein und zu wissen, was gerade vor sich ging. Denn diese Ungewissheit machte sie fast wahnsinnig vor Angst.
Doch die Betriebsamkeit auf der Angels Wing ließ schneller nach, als sie erwartet hatte und sie wanderte in ihrer Kabine auf und ab. Sollte sie es wagen und zurück an Deck zu gehen, oder sollte sie lieber warten, bis William oder Emerson zu ihr kamen, und berichten würden? Doch dann hörte sie Schritte im Gang vor ihrer Tür und wie der Blitz eilte sie durch den Raum und riss sie auf. William erschrak und Elisabeth konnte die Erschöpfung in seinen Augen sehen.
„Es tut mir Leid", murmelte sie, doch da sie oft sagte, was sie dachte, konnte sie sich auch dieses Mal nicht bremsen. „Ich möchte gewiss nicht aufdringlich erscheinen, doch nicht zu wissen, was vor sich geht, ist einfach nur furchtbar."
„Wir haben nicht viel tun können", sagte William leise. „Nur sieben Männer
haben wir lebend an Deck bringen können, aber vier von ihnen waren zu schwer
verletzt, als dass Doktor Hastings noch etwas für sie tun konnte." Er wischte
Blut von seinen Händen und sah niedergeschlagen zu ihr auf. „Die drei
Überlebenden stehen nun unter Doktor Hastings Aufsicht und werden sicherlich gut
versorgt."
Emerson taumelte durch den Gang und auf seinem Gesicht zeigte sich das blanke
Entsetzen. Er drückte sich an William vorbei, nickte Elisabeth nur kurz zu und
verschwand wortlos in seiner Kabine.
Sowohl Elisabeth als auch William blickten einen Moment die geschlossene Tür
an, dann wandten sie sich einander wieder zu. Elisabeth war die Erste, die
sprach. Es hatte einen Moment gedauert, das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten,
doch nun schluckte sie schwer. „Wenn es wirklich eins der großen Frachtschiffe
war, dann waren mindestens hundert Menschen an Bord. Und nur drei… drei davon
haben das Unglück überlebt?"
Leise seufzend senkte William das Haupt. „Es war ein Frachtschiff", nickte er.
„Die Sea Cloud mit Heimathafen Plymouth." Er sprach immer leiser und Elisabeth
musste sich sehr anstrengen, um ihn überhaupt noch zu verstehen. „Insgesamt
befanden sich einhundertneunundfünfzig Menschen an Bord. Sie hatten ganze
Familien dabei, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten, aber... in der
neuen Welt ihr Glück suchen wollten. Unter den Toten sind viele kleine Kinder,
aber auch Kapitän Swifts Schwager und mehrere Männer, die auch schon auf der
Angels Wing gesegelt sind."
Vor Schreck hob Elisabeth die Hand vor den Mund, doch sie wagte nicht zu
sprechen. Sie wusste auch nicht, was sie sagen sollte, denn ein „tut mir leid"
war hier gewiss nicht angebracht. „Warum… warum…?"
„Warum das Feuer auf dem Schiff ausgebrochen ist, vermag ich nicht zu sagen.
Auch keiner der Überlebenden weiß es." Er atmete heftig aus. „Die meisten wurden
von einer Explosion auf dem direkten Weg ins Meer geschleudert." William
schluckte schwer und schüttelte den Kopf. „Die Sea Cloud hatte Waffen und
Schießpulver geladen, was auch erklärt, warum das Schiff so schnell
niedergebrannt ist."
„Kann ich irgendetwas tun? Irgendetwas, um zu helfen?", fragte Elisabeth leise.
„Im Augenblick gibt es nichts viel zu tun", sagte William Grey. „Doch ich… wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich würde mich gerne…."
„Selbstverständlich", nickte Elisabeth, trat zur Seite und schämte sich, ihn so lange aufgehalten zu haben. Sie sah ihm hinterher, bis er in seiner Kabine verschwand und eilte dann in ihre eigene zurück.
Sie warf sich auf das Bett und ärgerte sich über sich selbst. Warum nur hatte sie sich wieder nicht zurückhalten können? William musste sie für eine neugierige dumme Pute halten, die sich nicht unter Kontrolle hatte. Dabei hatte er schon genügend Probleme, die durch den heutigen Vorfall nicht gemindert wurden.
„Du benimmst dich wie ein verzogenes kleines Gör", schimpfte sie mit sich selbst und gab ihrem Kissen einen heftigen Knuff. „Werde endlich erwachsen und benimm dich gefälligst auch so!"
*~*~*
Die Stimmung beim Abendessen war sehr betrübt und nicht einmal Emerson machte irgendwelche Späße. Auch schien ihm das Erlebte auf den Magen geschlagen zu sein, denn er stocherte nur lustlos darin herum, ohne wirklich viel zu sich zu nehmen. Sein sonst stets so fröhliches Gesicht spiegelte den Schrecken des Gesehenen noch immer wider und ebenso wie William würde er gewiss eine Zeit brauchen, um es zu verarbeiten.
Elisabeth warf immer wieder heimliche Blicke von ihm zu William, doch da beide nicht sprachen, hielt auch sie sich an die Stille. Sie würde gewiss nicht wieder ins Fettnäpfchen treten und ein Thema ansprechen, über das niemand reden wollte.
Es dauerte auch nicht sehr lange, bis Emerson aufstand, sich entschuldigte und rasch aus dem Raum verschwand. Elisabeth nestelte nervös an ihrem Kleid herum, doch noch bevor sie wusste, was sie sagen sollte, wandte sich William ihr zu.
„Sie müssen meine Wortkargheit entschuldigen", sagte er leise, „doch um ehrlich zu sein, weiß ich nicht wirklich, was ich sagen soll. Die Dinge, die ich heute Nachmittag erlebt habe, waren das Schlimmste, was ich…." Er stockte und hob hilflos die Schultern.
„Sie müssen es mir nicht erklären", beeilte sich Elisabeth die Stille zu
füllen. „Ich verstehe durchaus, dass dies eine Angelegenheit ist, über die man
nicht sprechen kann." Sie nickte ihm zu. „Auch hätte ich mich heute Nachmittag
zurückhalten müssen, denn Sie hatten gewiss andere Sorgen, als meine Neugierde
zu stillen."
„Schon gut", sagte er, stand auf und wanderte im Zimmer auf und ab. „Und zudem
kann ich nachvollziehen, dass Sie auf dem Laufenden sein wollten. Immerhin hatte
ich Sie unter Deck geschickt und Sie konnten nicht sehen, was…"
„Ich habe mehr gesehen, als mir lieb war", unterbrach Elisabeth und holte tief
Luft, als die Erinnerung sie durchflutete. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren
ist, doch ich … ich konnte einfach nicht anders und habe aus dem Fenster
gesehen."
„Es tut mir leid", sagte William und ging auf sie zu. „Ich habe nicht bedacht,
dass sich Ihre Kabine auf der Steuerbordseite befindet und…"
„Es ist gewiss nicht Ihre Schuld", unterbrach Elisabeth abermals und seufzte.
„Niemand trägt Schuld an diesem Unglück, doch ich kann durchaus verstehen, warum
Mr. Grey so betrübt ist."
„Emerson?", lachte William auf. „Er hat nur einen kurzen Blick auf die Männer im
Wasser gewagt, danach hat er sich über die Reling geworfen und seinen
Mageninhalt…." Wieder stockte er, doch diesmal zeigte sich Entsetzen auf seinem
Gesicht. „Oh mein Gott, es tut mir leid. So etwas hätte ich nicht sagen dürfen.
Emerson ist … ist nun mal…." Er schüttelte den Kopf und seine Miene zeigte den
Unwillen, der ihn gerade überkam. „Emerson ist eher ein Mann des Wortes als der
Tat."
Er wandte sich um und nahm seine Wanderung wieder auf. Wie hatte er sich nur so vergessen können? Was sollte Elisabeth nur von ihm denken? Doch bevor er sich noch weiter über sich selbst ärgern konnte, hörte er, wie sie den Stuhl zurückschob und sich erhob.
„Ich sollte mich nun auch zurückziehen. Ich denke, der Tag war anstrengend genug und wie alle bräuchten eine Pause, um das Geschehene zu verarbeiten." Sie sah zu William auf, der müde und erschöpft wirkte. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Nacht mehr Ruhe finden, als in der vorherigen. Gute Nacht, Mr. Grey."
„Ich danke Ihnen, Miss Elisabeth", erwiderte William und seufzte leise. „Ein wenig Schlaf dürfte uns allen gut tun." Er verbeugte sich höflich und nickte ihr zu. „Gute Nacht."
Teil 9
Wie schon in den Nächten zuvor, konnte William auch dieses Mal nicht zur Ruhe finden und lief nervös in seiner Kabine auf und ab. Doch es waren nicht die Erinnerungen an den Nachmittag und die schauderhaften Bilder, die dieser mitgebracht hatte, sondern Elisabeths entsetztes Gesicht, das ihm wieder und wieder vor Augen auftauchte.
Wie hatte ihm nur ein solcher Ausrutscher passieren können? Die Abscheu über Emersons Feigheit rechtfertigte nicht sein eigenes Verhalten, das jenseits jeglicher Erziehung gelegen hatte. Niemals, wirklich niemals hätte er in Elisabeths Gegenwart so über seinen Cousin schimpfen dürfen, denn das würde sie noch eher in seine Arme treiben.
Blut rauschte durch seine Adern, so wütend war er auf sich selbst. Er griff nach der halbvollen Whiskeyflasche, verzichtete auf ein Glas und setzte sie so an die Lippen. Er trank, bis kein Tropfen mehr in ihr war und hielt sie dabei so eisern umklammert, dass es schmerzte.
Dann seufzte er und ließ sich in seinen Sessel sinken. Entsetzen! Blankes Entsetzen hatte er in ihrem Blick gesehen. Entsetzen darüber, wie schändlich er sich über ein Familienmitglied geäußert hatte und er konnte es ihr nicht einmal verdenken. Damit konnte er nun endgültig den kleinen Funken Hoffnung begraben, sie jemals für sich zu gewinnen.
„Elisabeth", seufzte er leise und rief sich das Bild in Erinnerung, wie sie mit offenem Haar und einem Kerzenleuchter in der Hand vor den Bücherregalen gestanden hatte.
Ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, dann schlummerte er ein. Die unzähligen durchwachten Nächte und die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut und William Grey schlief einen traumlosen Schlaf, der keine Erlösung mit sich brachte.
*~*~*
Auch Elisabeth war noch wach; sie saß auf ihrem Bett und starrte ohne wirklich zu sehen an die gegenüberliegende Wand. Es war nicht leicht die Bilder der toten, verstümmelten Körper zu vergessen, die sie gesehen hatte und sie wusste, dass diese Bilder sie noch unendlich viele Nächte in ihren Träumen begleiten würden. Doch noch schwerer wog das Gefühl der Schuld, dass sie William Grey gegenüber empfand.
Die Erschöpfung war mehr als deutlich auf seinem Gesicht zu lesen gewesen, doch noch immer tat er alles Erdenkliche, um ihr das Leben auf der Angels Wing zu erleichtern. Nach den Strapazen des Tages hätten sich andere Männer einfach zurückgezogen, er aber hatte noch immer bereitwillig jede ihrer Fragen beantwortet und wieder einmal schämte sie sich dafür, ihm nichts von seiner Freundlichkeit zurückgeben zu können.
Nur zu gern hätte sie am Nachmittag im Gang vor ihrer Kabine seine Hand genommen, um zumindest ein wenig Trost zu spenden. Doch eine solche Geste stand ihr nicht zu und es schmerzte schrecklich.
Eine einsame Träne bahnte sich einen Weg über ihre Wange, doch sie mühte sich nicht sie wegzuwischen. Sie hatte ihr Herz verschenkt, ohne jegliche Hoffnung, diese Gefühle irgendwann erwidert zu sehen.
*~*~*
Der neue Tag brach an und Elisabeth schlüpfte unter der Bettdecke hervor. Sie würde sich schnell waschen, anziehen und dann an Deck gehen. Wenn sie Glück hatte, konnte sie Doktor Hastings erwischen und ihm Hilfe bei der Versorgung der Verwunderten anbieten. Sie hatte nur wenig geschlafen und sich den Kopf zermartert, auf welche Art und Weise sie sich nützlich machen konnte, doch etwas anderes als das war ihr nicht eingefallen.
Um kein Kleid von Lady Catherine zu beschmutzen, suchte sie sich eins ihrer mitgebrachten aus. „Das muss reichen", murmelte sie nach einer kurzen Begutachtung. Es war zwar weitaus nicht so kunstvoll gearbeitet und auch ein wenig verknittert, doch darauf kam es ihrer Meinung nach heute nicht an.
Ein letzter Blick in den Spiegel und sie war bereit, den Tag zu beginnen. Doch kaum hatte sie die Kabinentür geöffnet hinter sich geschlossen, kam ihr auch schon Emerson entgegen, der offensichtlich zu dieser frühen Morgenstunde schon an Deck gewesen war.
„Miss Elisabeth", sagte er lächelnd und verbeugte sich. „Wie ich sehe, sind William und ich nicht die einzigen, die schon vor dem ersten Hahnenkrähen auf den Beinen sind." Er deutete auf den Raum, der drei Räume ineinander vereinte und gewöhnlich als Wohnzimmer bezeichnet wurde. „Ich war gerade im Begriff zu frühstücken, denn die frische Luft weckt stets meinen Appetit. Hätten Sie die Güte mich zu begleiten? Ich muss gestehen, ich bin lieber in Gesellschaft als alleine am Tisch zu sitzen."
„Nun", murmelte Elisabeth. „Eigentlich war ich gerade auf dem Weg auf das Hauptdeck. Ich wollte Doktor Hastings sprechen."
„Sie fühlen Sich doch hoffentlich nicht unwohl?", fragte Emerson und zog die Augenbrauen hoch.
„Nein, nein", beeilte sich Elisabeth zu sagen. „Ich wollte meine Unterstützung beim Versorgen der Verwundeten anbieten."
„Um Gottes Willen", sagte Emerson. „Das ist nun wirklich keine Aufgabe für eine junge Dame." Er hakte sie unter und führte sie den Gang entlang. „Zudem weiß ich, dass mein werter Cousin sich längst darum gekümmert hat. Der gute William ist immer so beflissen und kümmert sich um alles. Er hat Doktor Hastings einen jungen Burschen zur Seite gestellt, der ihm hilfreich zur Seite steht."
„Ich verstehe", sagte Elisabeth und ließ sich von Emerson in das Wohnzimmer führen. „Allerdings bin ich gar nicht hungrig und wäre gewiss keine gute Gesellschaft." Enttäuschung durchflutete sie und sie brachte nur mit Mühe ein Lächeln auf ihre Lippen. Eigentlich hätte sie sich denken können, dass William auch daran gedacht hatte, doch das machte es ihr noch schwerer, etwas wahrhaft Nützliches zum Leben auf der Angels Wing beizusteuern.
Emerson hatte offenbar nicht die Absicht, sie so schnell gehen zu lassen und klingelte nach den Bediensteten, die ihm das Frühstück bringen sollten. Dann setzte er sich Elisabeth gegenüber und strahlte sie an wie eh und je. Der gestrige Tag schien vergessen und seine Laune war ausgezeichnet.
„Ist Mr. Grey schon lange wieder auf den Beinen?", erkundigte sie sich und sah ein flüchtiges Zusammenziehen seiner Augenbrauen.
„William scheint immer präsent zu sein, wenn etwas Wichtiges geschieht", erwiderte Emerson und das Lächeln gefror auf seinem Gesicht. „Ganz im Gegensatz zu mir. Doch ich bin nun mal kein Mann, der nur den Ernst des Lebens erfahren will, sondern im Gegenteil, möglichst viel von dem Spaß, den es machen kann, wenn man nicht strikt auf Anstand und Etikette achtet."
Elisabeth wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, doch zum ersten Mal fühlte sie etwas wie Verachtung dem Mann gegenüber, der sich ständig so nett um sie bemühte und sie oft zum Lachen gebracht hatte. Auf eine merkwürdige Art und Weise hatte er Recht, nicht alle Männer konnten sich Problemen stellen, wie William es offenbar konnte. Auch ihr Onkel gehörte einer solchen Spezies an, doch Emerson schien an nichts interessiert, was über Klatsch und Tratsch hinausging.
„Entschuldigen Sie meinen Ausbruch", sagte Emerson Grey reuevoll, der sich wieder vollkommen in der Gewalt hatte. Er lächelte sie über den Tisch hinweg an und zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Doch William und ich hatten schon wieder Streit und er hat … nun, das ist nicht so wichtig." Er räusperte sich. „Wie Sie sicherlich bemerkt haben, rasseln unsere beiden Charaktere hin und wieder aneinander. Aber das muss wohl so sein. Nicht alle Menschen sind gleich und auch wenn wir miteinander verwandt sind, ähneln wir uns nicht im Geringsten."
„Da haben Sie gewiss Recht", sagte Elisabeth, glücklich darüber, überhaupt einmal etwas sagen zu können. „Mein Onkel und mein Vater waren sich auch nicht sonderlich ähnlich und das trotz der Tatsache, dass sie Brüder waren."
„Ich habe natürlich von Ihrem Verlust gehört", nickte Emerson ihr zu. „Es tut mir außerordentlich Leid, dass Sie einen solch herben Schicksalsschlag erdulden mussten." Er machte eine Pause. „Ich hoffe, Ihr Onkel und Ihre Tante kümmern sich gut um Sie?"
„Nun", sagte Elisabeth und reckte das Kinn. „Wenn dem so wäre, hätte ich mich bestimmt nicht an Bord der Angels Wing geschlichen." Es war nicht das erste Mal, dass Emerson versuchte sie auszuhorchen. Doch ihm gegenüber wäre sie niemals so offenherzig gewesen, wie sie es William gegenüber war. So unterhaltsam und lustig Emerson auch war, etwas an ihm wirkte nahezu gefährlich und sie würde sich hüten, ihm etwas von dem Geld zu erzählen, dass Zuhause in einer Schatulle auf sie wartete.
„Entschuldigen Sie bitte, ich vergaß…", beeilte sich Emerson zu sagen. „Ich habe mich so an Ihre Gesellschaft gewöhnt, dass mir der Grund Ihrer Anwesenheit komplett entfallen ist."
Und da Emerson Grey sein Frühstück beendet hatte, erhob sich Elisabeth. „Ich
werde nun an Deck gehen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Zudem würde
mir ein wenig Bewegung gut tun."
„Ich werde Sie natürlich begleiten", sagte Emerson galant, erhob sich ebenfalls
und verbeugte sich. „Wenn ich bitten darf", sagte er und hielt den Arm so, dass
Elisabeth nichts anders übrig blieb, als sich unterzuhaken. Emerson lächelte
breit, nickte und führte sie hinaus.
*~*~*
William stand wie immer auf seinem Platz auf dem Achterdeck und unterhielt sich mit seinem Kapitän, der heute zum ersten Mal müde und angespannt wirkte. Doch Mr. Swift hatte eine schwere Nacht hinter sich, denn er hatte nicht nur seinen Schwager am gestrigen Tag verloren, sondern auch eine Menge Seemänner, die er zum Teil schon Jahre kannte und mit denen er schon über die Weltmeere gesegelt war.
„Ich hoffe, Ihre Schwester übersteht den Schock", sagte William nun leise und sah sein Gegenüber mitfühlend an.
„Ich glaube, dass alle Ehefrauen, deren Männer einen solchen Beruf gewählt haben, stets mit dem Schlimmsten rechnen, wenn das Schiff den Hafen verlässt. Doch wenn es dann wirklich passiert…." Kapitän Swift seufzte und schüttelte den Kopf. „Dora wird es gut gehen. Ich werde mich um sie kümmern, Sir. Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Meine Kinder sind aus dem Haus und auch Dora ist nun alleine. Sie kann also zu uns kommen, denn Platz haben wir genug. Meine Frau wird sich über die Abwechslung gewiss freuen."
William nickte, erwiderte jedoch nichts, denn er hatte Emerson entdeckt, der Elisabeth am Arm über das Deck führte. Diese Vertrautheit dieses Bildes versetzte ihm einen herben Schlag und er kniff zornig die Augen zusammen.
„Sir?", fragte der Kapitän verwirrt, folgte dann seinem Blick und räusperte
sich. „Verstehe", sagte er leise. „Ich weiß, ich sollte das nicht sagen, Sir und
es geht mich auch nichts an. Doch ich an Ihrer Stelle würde das unterbinden.
Nicht nur, dass es Unfrieden bringt, Ihr werter Cousin…."
„Ich weiß", knurrte William und unterbrach seinen Kapitän damit. „Ich werde mich
darum kümmern." Er ging über das Achterdeck und blieb oben an der Treppe stehen.
„Was macht er denn jetzt?", überlegte er laut und sah Emerson zu, dessen Fuß
sich offenbar in einem Tau verheddert hatte. Williams Augen wurden groß. In der
Nacht war eine der großen Segelvertäuungen gerissen und nur behelfsmäßig
ausgebessert worden, da es bei Tageslicht so viel einfacher zu reparieren war.
„Emerson nicht", rief er, als sein Cousin an dem Tau herumzog. „Nicht!"
Wie ein geölter Blitz schoss er die Treppe hinab, hinauf auf das Hauptdeck, doch
da war es schon zu spät. Emerson hatte den Knoten losgetreten und das schwere
Großsegel rauschte in die Tiefe. Wie von Taranteln gestochen jagte William über
das Hauptdeck, sprang ab, erwischte Emerson und Elisabeth und warf beide um.
Dann donnerte das schwere Segel mit Getöse herab, viel auf ihn und begrub ihn
unter sich.
Teil 10
Elisabeth sah verstört umher, denn sie wusste nicht mehr, was ihr zugestoßen war. Der plötzliche Sturz hatte sie vollkommen überrascht und ihre Hände und Knie schmerzten schrecklich. Doch dann erinnerte sie sich wieder an das, was vor wenigen Sekunden passiert war und sie holte tief Luft. Emerson lag noch immer dicht neben ihr auf den Planken, doch auch sein Gesicht spiegelte vollkommene Überraschung wider. Elisabeth versuchte sich aufzurichten, doch das Geschrei und die Verwirrung an Deck brachten sie aus dem Konzept und Bilder schossen durch ihren Kopf.
Aus den Augenwinkeln hatte sie William noch gesehen, der mit entsetztem Gesichtsausdruck auf sie zu gehechtet kam, doch sie hatte nicht verstanden, warum. Allerdings war es auch zu spät gewesen, darauf zu reagieren und sie hatte einen heftigen Stoß im Rücken gespürt, der sie von den Füßen gerissen hatte.
Nun jedoch griffen starke Arme unter ihre Achseln und zogen sie hinauf. Doch erst als sie stand und einen Blick auf das Durcheinander vor sich warf, begriff sie, was sich gerade zutragen hatte und sie stürzte auf die Stelle zu, an der das Unglück geschehen war. Eine Menge der Matrosen waren damit beschäftigt, das schwere Großsegel zur Seite zu räumen und sie mühten sich dabei, denn alleine der Holm wog sicherlich eine halbe Tonne.
„Macht Platz", schrie der Kapitän, der längst hinzugeeilt war. Er schnappte sich einen der jungen Matrosen und befahl ihm sofort loszulaufen, um Doktor Hastings zu holen. Dann packte er eigenhändig mit an und half dabei, den leblosen Körper William Greys aus der verwirrten Takelage zu befreien. „Um Gottes Willen", entfuhr es ihm. „Lebt er noch?"
Elisabeth hielt den Atem an und schob sich brüsk an Emerson vorbei, der sich ebenfalls aufgerappelt hatte und sie offensichtlich unter Deck bringen wollte. „Miss Elisabeth", sagte er. „Das ist gewiss nicht für die Augen einer jungen Lady geeignet. Seien Sie doch vernünftig."
„Ich gehe nirgendwo hin", erwiderte sie heftig und eilte hinüber zum Kapitän, von dem sie sich Unterstützung erhoffte. „Was ist mit ihm? Lebt er noch?" Emerson hatte genau zu dem Zeitpunkt gesprochen, als einer der Matrosen Mr. Swift geantwortet hatte und sie hatte die wichtigen Nachrichten verpasst.
„Ja, er lebt noch, Miss, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen." Er rückte zur Seite, denn Doktor Hastings hastete mit seiner Arzttasche über das Deck.
„Um Himmels Willen", rief der gute Mann und ließ sich neben William nieder.
„Was ist passiert? Ich war unter Deck und habe einen lauten Knall gehört, der
wie ein Donner hallte."
„Das Großsegel wurde aus seiner Verankerung gerissen", erklärte Kapitän Swift,
auch wenn es nicht ganz so einfach war, wie er es gerade darstellte. Für eine
ausführlichere Erklärung war auch später noch Zeit, nun galt seine Sorge dem
Mann, den er in sein Herz geschlossen hatte wie einen eigenen Sohn. Wut stieg in
ihm auf und er warf Emerson einen bitteren Blick zu, der allerdings schlicht das
Kinn reckte und beinahe stolz den Kopf hob. „Mr. Grey hat versucht, Miss
Elisabeth und Mr. Grey aus der Gefahrenzone zu bringen und es hat ihn selbst
erwischt."
„Lassen Sie ihn in seine Kabine bringen", befahl Doktor Hastings. „Auf der
Stelle!" Er stand auf, schloss seine Tasche wieder, denn es gab kein Instrument,
dass William helfen konnte. Dann wartete er, bis mehrere Seemänner William
vorsichtig aufhoben und ging angespannt hinterher den Männern her, die seinen
Arbeitgeber so sanft wie möglich unter Deck transportierten.
Auch Elisabeth wollte ihnen folgen, doch diesmal war es der Kapitän, der sie zurückhielt. Er wartete einen Moment, bis er mit ihr alleine war und schüttelte den Kopf. „Ich weiß, es geht mich nichts an, Miss und vielleicht werden Sie meine Gründe, mich einzumischen, nicht verstehen. Doch ich kann Ihnen nur raten, sich von Mr. Emerson Grey fernzuhalten." Er seufzte und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf. „Sie sollten sehr, sehr vorsichtig sein." Dann nickte er und ging.
Vollkommen verwirrt blieb Elisabeth alleine an Deck zurück und konnte kaum fassen, was gerade geschehen war. Ihre Sorge galt natürlich William, doch Kapitän Swifts Worte hatten sie aus der Fassung gebracht und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich so weit gefangen hatte, dass sie wieder wusste, was sie nun zu tun hatte. Sie raffte die Kleider und versuchte an Emerson vorbeizustürmen, der am Zugang zu den Kabinen auf sie wartete.
Doch so leicht ließ sich Emerson nicht zurückweisen und er eilte hinter ihr her, packte sie und hielt sie fest. „Miss Elisabeth, bitte. Ich weiß, das gerade Geschehene war ein schwerer Schock, der Sie sicherlich aus der Bahn geworfen hat. Mir ergeht es ebenso wie Ihnen. Doch Sie müssen sich nun beruhigen. Sie können eh nichts weiter unternehmen, als abzuwarten. Gehen Sie mit mir zusammen hinein in das Wohnzimmer. Ich lasse uns einen heißen, starken Tee machen." Noch immer hielt er sie fest und seine braunen Augen blickten eindringlich in die ihren.
Doch Elisabeth machte sich los. „Wie können Sie jetzt an Tee denken? Ihr
Cousin ist schwer verletzt." Sie stockte und wischte eine Träne beiseite.
„Vielleicht … vielleicht überlebt er dieses Unglück nicht einmal." Nur mit
knapper Not schaffte sie es, Emerson nicht an den Kopf zu werfen, dass er
alleine daran Schuld trug, denn es war sicherlich keine böse Absicht gewesen,
als er sich mit seinem Fuß in dem Tau verfing. „Lassen Sie mich bitte vorbei.
Ich möchte … möchte nachsehen, ob ich helfen kann."
„Doktor Hastings kümmert sich um William", sagte Emerson und seine Stimme klang
seltsam hart. „Und solange er ohne Bewusstsein ist, bin ich wohl derjenige, der
das Sagen hat."
„Das ist durchaus eine falsche Annahme", knurrte der Kapitän, der mit
grimmigem Gesichtsausdruck näher kam. „Mr. William Grey ist der Schiffseigner
und wenn er an Bord ist, bespreche ich durchaus jede Entscheidung mit ihm. Doch
ich bin der Kapitän der Angels Wing und nur ich alleine habe hier Sagen." Er kam
näher und stellte sich so, dass Emerson ein paar Schritte zurückweichen musste
und Elisabeth plötzlich mehr Raum hatte. „Haben Sie Probleme damit, Sir?"
„Nein, selbstverständlich nicht", murrte Emerson und seine Augen sprühten
Funken.
„Nun, das habe ich mir gedacht", nickte Kapitän Swift, musterte ihn mit bösem
Blick und wandte sich an Elisabeth. „Laufen Sie, Miss. Sehen Sie, was Sie für
ihn tun können."
Elisabeth nickte, schob sich eilends an Emerson vorbei und rannte die Treppe
hinab, die zu den Kabinen führte. Erst vor Williams Zimmertür blieb sie stehen
und sammelte sich. Sollte sie wirklich hineingehen? Konnte sie überhaupt etwas
tun und was noch wichtiger war, würde Doktor Hastings sie überhaupt einlassen?
Doch dann hörte sie Emerson auf der Treppe und sie klopfte eilends an.
*~*~*
„Miss Elisabeth", sagte der Doktor verwundert, der sich gerade um William
gekümmert hatte. „Was kann ich für Sie tun?"
„Für mich?" Sie runzelte die Stirn. „Mir geht es den Umständen entsprechend",
sagte sie und sah mit besorgtem Blick zu dem netten Mediziner auf. „Eigentlich
wollte ich fragen, ob ich vielleicht behilflich sein kann?" Sie stellte sich auf
Zehenspitzen und versuchte einen Blick auf den Verletzten zu erhaschen, doch der
Doktor machte es ihr einfach und trat einen Schritt beiseite.
„Ehrlich gesagt wären Sie mir eine große Hilfe", sagte er und schloss die Tür. „Mr. Grey ist noch immer ohne Bewusstsein, doch ich habe leider drei Patienten, deren Verletzungen ständiger Behandlung bedürfen. Zudem kann ich nicht wirklich etwas für ihn tun", seufzte er und warf einen Blick auf William, der leblos und blass unter einer dicken Decke lag. „Wir können nur abwarten."
„Es gibt nichts, was wir tun können?", wiederholte Elisabeth leise. „Gar
nichts?"
„Ehrlich gesagt ist die Situation durchaus als ernst zu betrachten", sagte der
Doktor leise. „Ich kann nicht sagen, in wie weit sein Gehirn in Mitleidenschaft
gezogen wurde. Wenn der Holm seinen Schädel getroffen hat, befürchte ich das
Schlimmste. Ich mag es kaum aussprechen, doch es kann durchaus sein, dass er
nicht wieder erwacht." Er schüttelte den Kopf. „Aber wir wollen nicht den Teufel
an die Wand malen. Vielleicht ist es nur eine leichte Gehirnerschütterung und er
erholt sich rasch."
„Ich verstehe", sagte Elisabeth mit krächzender Stimme. „Wie kann ich helfen?"
„Es wäre mir eine große Hilfe, wenn Sie meine Augen und Ohren in der Zeit
ersetzen könnten, in denen ich nicht anwesend bin. Setzen Sie sich einfach zu
ihm und achten Sie auf jegliche Anzeichen dafür, dass er wieder erwacht." Er
schluckte. „Ich wage es kaum zu erwähnen, doch sollte er…."
„Ich verstehe schon", unterbrach Elisabeth ihn, denn sie wollte diese Worte
nicht hören. „Sie können sich auf mich verlassen, Sir. Ich werde meinen Platz
hier nicht verlassen und Sie sofort rufen lassen, sollte sich eine Veränderung
abzeichnen."
„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Miss Elisabeth. Ich verspreche auch, mich regelmäßig hier einzufinden. Sollten Sie dennoch aus dem einen oder anderen Grund meine Unterstützung benötigen, so lassen Sie mich bitte sofort rufen." Doktor Hastings seufzte leise. „Ich lasse ihn wirklich nicht gerne alleine, doch mir bleibt leider keine Wahl. Die drei Überlebenden der Sea Cloud haben größtenteils heftige Verbrennungen erlitten und es bedarf großer Vorsicht, damit die Wunden sich nicht entzünden."
„Lassen Sie mich noch einmal versichern, dass ich mit Freude helfe", sagte Elisabeth und sah dabei zu, wie der gütige Mediziner seine Tasche packte. Dann begleitete sie ihn zur Tür und verabschiedete sich von ihm mit der nochmaligen Versicherung, sofort nach ihm schicken zu lassen, sollte sich irgendetwas an Williams Verfassung verändern.
*~*~*
Für einen Augenblick stand Elisabeth still an der Tür und konnte den Blick nicht von William abwenden, der kein Lebenszeichen von sich gab, dann nahm sie allen Mut zusammen und schlich auf Zehenspitzen auf ihn zu. Vorsichtig und langsam zog sie einen der schweren Stühle heran und setzte sich.
Tränen stiegen erneut in ihre Augen doch dieses Mal drängte sie sie zurück. Es war jetzt nicht die Zeit um sich gehen zu lassen und der Verletzte bedurfte ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Sie beugte sich vor, strich behutsam die Decke glatt und seufzte. Nur seine regelmäßigen Atemzüge zeugten davon, dass noch Leben in ihm steckte und ihr Herz wurde schwer.
Das alle wäre niemals geschehen, wenn sie sich nicht an Bord der Angels Wing geschlichen hätte, da war sie sich ganz sicher und sie machte sich bittere Vorwürfe deswegen. Schon seit ihrer ersten Minute auf dem Schiff hatte sie seinem Eigentümer nichts als Schwierigkeiten und Probleme bereitet und hätte sie jemals einen Blick in die Zukunft werfen können, hätte sie sicherlich nach einem anderen Ausweg für sich gesucht.
Aber auch seinem Cousin machte sie Vorwürfe. Ständig stritt er mit ihm und natürlich war ihr aufgefallen, dass er alles tat, um William vor Augen zu führen, dass er wortgewandter und witziger war. Doch Elisabeth hatte ihn schnell als das entlarvt, was er war. Ein Blender, der außer seinem guten Aussehen nicht viel zu bieten hatte. Zudem machte sich nichts aus diesen Eigenschaften. Sie waren so unwichtig wie die Tanzveranstaltungen, die sie weitestgehend mied.
Für sie zählten andere, weitaus wichtigere Dinge wie Großzügigkeit, Ehrlichkeit und Verständnis. Doch Emerson wollte aus der Menge herausstechen, ja, er riss sich geradezu darum, ihr ständig etwas Besonderes zu bieten und hätte er heute nicht darauf bestanden, sie unbedingt über das Deck spazieren zu führen, wäre dieses Unglück niemals geschehen. Obgleich es müßig war darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn, denn es ließ sich nicht rückgängig machen.
*~*~*
Die Zeit verstrich, längst war es dunkel geworden, doch noch immer hatte William kein Lebenszeichen von sich gegeben. Doktor Hastings war schon einige Male zurückgekommen, um nach seinem Patienten zu sehen und auch der Kapitän hatte kurz seine Aufwartung gemacht. Elisabeth hatte ihn lange angeschaut, doch der Seemann verlor kein weiteres Wort über Emerson. Er hatte sich nur nach Williams Befinden erkundigt und sich dann damit verabschiedet, noch das ein oder andere regeln zu müssen.
Elisabeth war ein wenig irritiert, denn sie verstand nicht, was dieses ein oder andere sein sollte, doch sie hatte nicht den Mut danach zu fragen. Auch verstand sie nicht, warum Emerson sich nicht einmal blicken ließ. Er musste doch an dem Zustand seines Cousins interessiert sein.
Wieder klopfte es leise an der Tür und Doktor Hastings trat hinein. „Sie
sehen müde aus", sagte er leise zu ihr. „Vielleicht sollten Sie sich hinlegen.
Ich kann auch einen der Matrosen bitten, des Nachts auf Mr. Grey aufzupassen."
„Nein, nein", sagte Elisabeth und schüttelte den Kopf. „Ich schaffe das schon."
Sie seufzte und sah dabei zu, wie er William den Puls maß. „Allerdings muss ich
gestehen, dass ich gerne ein bisschen frische Luft schnappen würde. Könnten Sie
bitte auf mich warten, bis ich wieder zurück bin?"
„Sicher", nickte Doktor Hastings und tauschte mit ihr den Platz. „Doch Sie
sollten auch unbedingt etwas essen. Es hat wenig Sinn, mein nächster Patient zu
werden." Er lächelte und Elisabeth nickte und verbeugte sich.
„Ich bin bald zurück", sagte sie und lief zur Tür. Draußen auf dem Flur stand
bereits die nächste Überraschung für sie parat. Ein hünenhafter Seemann nickte
ihr zu, als sie auf den Gang trat. „Entschuldigen Sie", murmelte sie verwirrt.
„Darf ich bitte vorbei?"
„Miss Elisabeth", sagte er und nickte. „Selbstverständlich. Doch ich muss Sie
leider fragen, wohin Sie gehen wollen?"
„Warum denn das?" Nun war sie vollends durcheinander und sie sah den Mann an, der im dunkler werdenden Licht größer und gefährlicher auf sie wirkte.
„Kapitän Swift hat mir den Auftrag gegeben, weder Sie, noch Mr. Greys Kabine
aus den Augen zu lassen, Miss."
„Ich… ich wollte ein wenig an Deck gehen, um frische Luft zu schnappen",
stotterte sie, doch dann hörte sie den Kapitän sprechen, der gerade einen
weiteren Besuch bei William geplant hatte.
„Schon gut, Master Andrew. Ich werde die junge Dame an Deck begleiten. Bleiben Sie ruhig auf Ihrem Platz." Er wartete, bis Elisabeth zu ihm aufgeschlossen hatte und machte ihr Platz, um vorbeizugehen. „Ich hatte gehofft, mir das ersparen zu können", sagte er, als sie an ihm vorbei ging. „Doch ich denke, ich werde Ihnen einiges erklären müssen."
Teil 11
Die Nacht war dunkel, denn der Mond hielt sich hinter dicken Regenwolken versteckt, die auf wenig günstiges Wetter hinwiesen. Zudem wehte ein eisiger Wind über das Deck, der einem in Mark und Bein zu dringen schien. Doch Elisabeth genoss diese Kälte, denn sie weckte ihre müden Lebensgeister und sie holte tief Luft, um die Müdigkeit aus ihrem Körper zu vertreiben.
Es war anstrengender gewesen als gedacht, stundenlang still am Bett zu sitzen und auf jeden einzelnen Atemzug zu achten, den William Grey machte. Doch nicht einmal ein leises Stöhnen war über seine Lippen gedrungen, geschweige denn sonst irgendein Laut. Still und stumm lag er da, beinahe wie schlafend, doch Elisabeth wusste es leider besser und mit jeder Stunde, die verging, machte sie sich mehr Sorgen.
Kapitän Hastings hatte bisher noch kein Wort von sich gegeben und wann immer sie ihm einen Seitenblick zuwarf, war in seinem Gesicht zu lesen, dass er mit sich rang. Offenbar wusste er nicht genau, was er ihr sagen wollte, doch so langsam platzte Elisabeth schier vor Neugierde.
Schließlich hielt sie die Ungewissheit nicht mehr aus. „Sir", sagte sie darum. „Warum haben Sie es als nötig erachtet, eine Wache aufzustellen?" Sie räusperte sich. „Ich glaube kaum, dass es meinetwegen ist, also bleibt nur Mr. Emerson Grey, der Ihnen Sorgen bereitet."
Kapitän Swift blieb stehen, lehnte sich an die Reling und sah hinaus auf das Meer. Einen langen Moment blieb er stumm, dann wandte er sich ganz langsam zu Elisabeth um. „Wussten Sie, dass Mr. Grey, Mr. William Grey meine ich natürlich, weitaus mehr als nur mein Brotgeber ist? Ich arbeite bereits seit Jahren für ihn, doch wir sind trotz des Standesunterschieds gute Freunde geworden und ich … ich halte es für meine Aufgabe, mich nun, da er es nicht kann, um ihn zu kümmern. Und das bedeutet auch für seine Sicherheit zu sorgen." Er ging ein paar Schritte und sah Elisabeth an, die ihm langsam folgte.
„Sehen Sie es als Vertrauensbruch, wenn Sie es so wollen, Miss. Doch ich befinde mich in einer Ausnahmesituation und sehe mich genötigt…." Er schüttelte den Kopf. „William Grey vertraut mir, und ich vertraue ihm. Wir verbringen oft viel Zeit miteinander und da kommt es nun mal vor, dass man mehr erzählt, als es … nun ja, vielleicht üblich ist. Er weiß von meiner Familie und ich von seiner." Wieder stockte er und warf einen Blick auf das Meer. „Und ich weiß, was ihm Sorgen bereitet."
Elisabeth erwiderte nichts, doch sie verstand langsam, worauf der Kapitän hinauswollte. „Emerson macht ihm Sorgen", sagte sie leise und Kapitän Swift nickte langsam.
„Offenbar gibt es auch in solch … vornehmen Familien hin und wieder Menschen,
die ich als schwarze Schafe bezeichne, Miss Elisabeth." Er seufzte schwer, doch
dann schien er allen Mut zusammenzunehmen. „Ich hoffe sehr, dass Mr. Grey mir
verzeiht, wenn ich Ihnen anvertraue, dass Emerson Grey ein Geselle übelster
Natur ist. Er bereitet seiner Familie nichts als Ärger und William … William war
der einzige, der überhaupt noch Kontakt zu ihm hatte. Und das nicht, weil er an
Emerson einen Narren gefressen hatte. Ganz und gar nicht, Miss. Doch William
Grey kümmert sich um seine Angehörigen, wie kaum ein anderer es tut und er hat
immer gehofft, Emerson würde irgendwann ein Einsehen haben und zur Räson
kommen."
„Ich verstehe", sagte Elisabeth leise. Doch im Grunde waren das kaum
Neuigkeiten, denn das meiste hatte sie längst selbst herausgefunden. Immerhin
stritten beide Cousins oft genug lautstark und es war nicht zu vermeiden
gewesen, das ein oder andere von dem Gesagten mitzubekommen. „Kapitän Swift, ich
habe Ihre Warnung heute Nachmittag durchaus ernst genommen und doch verstehe ich
nicht genau, was Ihnen solch große Sorgen bereitet."
„Ich kenne die Menschen", sagte der Kapitän leise und sah sie schulterzuckend
an. „Ich bin unzähligen begegnet und ich brüste mich damit, schnell zu wissen,
was in ihren Köpfen vorgeht. Und der Blick, den ich heute in den Augen vom
Emerson Grey gesehen habe, bedeutet nichts Gutes, Miss Elisabeth. Vielleicht
irre ich mich auch und es war der Schock über den … Unfall. Doch ich glaube
nicht daran. Und da ich ein vorsichtiger Mann bin, habe ich es als nötig
erachtet, dass jemand ein wachsames Auge auf William und Sie hat."
„Ich danke Ihnen dafür", nickte Elisabeth und fragte sich, ob er möglicherweise
sogar Recht hatte. Emerson hatte sich am Nachmittag tatsächlich anders benommen
als sonst und wenn sie daran zurückdachte, wie er sie aufgehalten und dabei
umklammert hatte, kroch es ihr eisig den Rücken hinauf.
Doch dann seufzte sie und sah ihr Gegenüber vorsichtig an. „Ich weiß, dass Sie nicht sonderlich glücklich über meine Anwesenheit an Bord sind, Kapitän Swift", sagte sie dann. „Und ich kann es Ihnen nicht einmal verübeln. Doch ich möchte betonen, dass es niemals meine Absicht war, Unfrieden zu stiften oder… oder Schlimmeres. Ich habe mir selbst deswegen die schlimmsten Vorwürfe gemacht, doch ich kann leider nicht mehr ändern, was geschehen ist." Sie seufzte. „Wenn ich es könnte, würde ich sofort die Zeit zurückdrehen und … und niemals auch nur einen Fuß auf die Planken der Angels Wing setzen."
Langsam nickend wandte sich der Kapitän um und führte Elisabeth zurück über das Deck. „Doktor Hastings fragte mich, ob ich einen Matrosen erübrigen kann, der heute Nacht über Mr. Grey wacht."
„Sie brauchen keinen Mann dafür abstellen, Kapitän", sagte Elisabeth sofort.
„Ich werde bei ihm bleiben. Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach allem,
was Mr. Grey für mich getan hat."
„Das habe ich mir gedacht, Miss", erwiderte Kapitän Swift und ein müdes Lächeln
huschte über sein Gesicht. „Bitte lassen Sie es mich sofort wissen, wenn er
wieder erwacht. Ich werde mich nun zur Ruhe begeben, doch seien Sie gewiss, dass
mich jede Botschaft Ihrerseits postwendend erreicht und ich sofort reagiere. Was
auch immer passiert."
„Selbstverständlich", sagte Elisabeth mit gerunzelter Stirn und lief rasch
wieder unter Deck. Kapitän Swift schien sich weitaus mehr Sorgen zu machen, als
er ihr gegenüber zugegeben hatte und sie fragte sich, was er im Sinn hatte. Doch
dann wischte sie den Gedanken beiseite. Sie hatte ganz andere Sorgen und so
eilte sie schnell durch den Gang, vorbei an der Wache und hinein in William
Greys Kabine.
*~*~*
Doktor Hastings lächelte schwach, als Elisabeth in den Raum huschte und er stand sofort auf. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen ein Abendessen zu bestellen", sagte er und deutete auf den Tisch, auf dem ein Tablett stand. „Sie müssen unbedingt etwas zu sich nehmen", sagte er und sah sie eindringlich an. „Die Nacht wird lang und Sie werden all Ihre Kräfte brauchen."
„Ich werde etwas essen", versprach Elisabeth, auch wenn ihr nicht der Sinn danach stand. Sie sah zu William hinab, der noch immer keinerlei Regung zeigte und erneut wurde ihr Herz schwer. „Gab es irgendeine Veränderung?"
„Nein, bisher leider nicht", sagte Doktor Hastings und unterdrückte ein Gähnen. „Und je länger es dauert, desto mehr Sorgen mache ich mir. Wenn es nur eine Gehirnerschütterung wäre, hätte er längst erwachen müssen. William Grey ist ein kräftiger Mann, der eine solche Verletzung besser wegstecken müsste."
„Er hat in den letzten Nächten nur wenig Schlaf gefunden", sagte Elisabeth
und wurde rot. „Ich war nicht…, er war nicht…." Sie räusperte sich. „Mr. Grey
scheinen die gleichen Schwierigkeiten zu plagen, wie auch mich sie seit vielen
Tagen quälen. Zu viele Sorgen und Nöte, um zur Ruhe finden zu können. Denn auch
ich habe nicht viel schlafen können in den vergangenen Nächten und ich habe ihn
in seiner Kabine auf- und abgehen hören."
„Ich verstehe", nickte Doktor Hastings. „Nun, vielleicht liegt es daran. Dennoch
sollte er nun bald erwachen, denn sonst sehe ich schwarz für eine baldige
Genesung." Er schüttelte den Kopf. „Ich versteh noch immer nicht, wie das
überhaupt passieren konnte. Kapitän Swift sagte mir, es wäre ein Unfall gewesen,
doch…." Doktor Hastings seufzte und man sah ihm die Müdigkeit an. „Es wäre ein
schreckliches Unglück, sollten wir William Grey auf solch erschreckende Art und
Weise verlieren." Er verbeugte sich höflich vor ihr. „Ich muss nun leider zurück
zu meinen Verwundeten, doch Sie wissen sicherlich…"
„Ich werde Sie rufen lassen", sagte Elisabeth bedrückt, denn sie wusste schon,
worauf er hinauswollte. „Auf Wiedersehen, Doktor Hastings."
*~*~*
Einen Moment stand sie still da und starrte auf die Tür. In nur wenigen Stunden war so unglaublich viel geschehen, dass es ihr manchmal vorkam, als durchlebte sie einen Albtraum. Doch dass es kein Traum war, bewies leider die reglose Gestalt im Bett hinter ihr und Elisabeth setzte sich seufzend wieder auf den Stuhl, den Doktor Hastings vor dem Kopfende von Williams Bett hatte stehen lassen. Sie wollte helfen, irgendetwas tun, denn stillsitzen bedeutete gleichzeitig, viel Zeit zum Nachdenken zu haben und ihr platzte auch so schon fast der Kopf.
„Oh, mein Gott", murmelte sie, als ein weiteres Mal Tränen in ihre Augen traten. „Er muss einfach wieder gesund werden, denn ich könnte mir nie verzeihen, Schuld an seinem Tod zu tragen." Doch wieder blieb sie tapfer und drängte die Tränen mit Macht zurück. Zeit zum Weinen blieb ihr sicherlich noch genügend, nun hieß es Tapferkeit zu zeigen. Und so straffte sie sich und versuchte ihre Gedanken in wichtigere Bahnen zu lenken.
*~*~*
Die Zeit schlich nur so dahin und Elisabeth fielen langsam aber sicher die Augen zu. Doch da sie keinesfalls einschlafen wollte, entschloss sie sich den Ratschlag des Arztes zu beherzigen und etwas zu essen. Sie erhob sich schnell, ging ein paar Meter und reckte ihre tauben Glieder. Dann setzte sie sich an den Tisch und hob das Tuch an, das über den Speisen ausgebreitet lag.
Es gab Zwieback, in Öl eingelegten Fisch und gepökeltes Fleisch. Frisches Obst und Gemüse waren seit ein paar Tagen Mangelware auf dem Schiff, doch es reichte durchaus um ihren leeren Magen zu füllen. Zudem hatte man eine Tasse starken Tee dabei gestellt, der nun natürlich kalt war. Doch Elisabeth genoss den herben Geschmack und trank ihn in kleinen Schlucken.
Kapitän Swift kam ihr wieder in den Sinn und sie fragte sich erneut, was er vor ihr verborgen hielt? Wenn er und William tatsächlich so gute Freunde waren, wie er behauptete, wusste er bedeutend mehr als er zugegeben hatte und seltsamerweise bereitete ihr das mehr Sorgen, als all das, was sie über Emerson gehört hatte. Welchen Grund konnte es für solch eine Geheimniskrämerei geben?
Sie erhob sich seufzend und schüttelte unwirsch den Kopf. Wildes Spekulieren brachte sie nicht weiter und sie sollte sich lieber darauf konzentrieren wach zu bleiben und das Versprechen zu halten, auf jede Regung Williams zu achten. Also setzte sie sich wieder auf ihren Beobachtungsplatz und sah hinab zu William. Seine Hände lagen über der Bettdecke und woher sie den Mut nahm, vermochte sie nicht zu sagen, doch sie nahm seine Hand und drückte sie leicht.
In wachem Zustand hätte sie sich eine solche Geste niemals getraut, doch nun war es ein seltsam tröstliches Gefühl, die Wärme seines Körpers zu spüren und Elisabeth übermannte erneut die Traurigkeit. Doch diesmal gelang es ihr nicht mehr, sich zu beherrschen und so ließ sie die Tränen einfach laufen. Sie war allein, niemand sah sie, nicht einmal William. Es gab keinen Grund sich zu verstecken und zum ersten Mal erlaubte sich Elisabeth, einfach nur eine junge hilflose Frau zu sein.
*~*~*
William erwachte nur sehr langsam und wie es schien aus dichtem Nebel heraus. Sein Kopf schmerzte höllisch, ebenso wie sein Nacken und es war unglaublich schwer die Augen zu öffnen. Es dauerte Minuten, jedenfalls kam es ihm so vor, und zuerst begriff er nicht, was sich vor seinen Augen abspielte.
Er war ganz offensichtlich in seiner Kabine und es musste finstere Nacht sein. Der Himmel, den er von seinem Platz aus durch die Fenster sehen konnte, war tiefschwarz und in der Kabine brannten nur ein paar wenige Kerzen. Doch das war es nicht, was ihn in Erstaunen versetzte.
‚Das kann nur ein Traum sein’, dachte er, doch der Nebel um ihn herum begann sich mehr und mehr zu lichten. Er wusste wieder, was passiert war und warum die Schmerzen ihn übermannt hatten. Doch seinen Augen traute er noch immer nicht, denn es konnte einfach nicht sein, was er sah.
Elisabeth kleines Gesicht lag nicht sehr weit von dem seinem entfernt und sie schien tief und fest zu schlafen. William wollte sich aufrichten, doch erst dann bemerkte er, dass sie offenbar seine Hand hielt und ein seltsam warmes Gefühl durchströmte seinen Körper.
Nach und nach kamen immer mehr Erinnerungen wieder zurück und ihm wurde bewusst, warum sie in seiner Nähe war. Sie hatte offensichtlich die Nachtwache bei ihm gehalten und war dann auf ihrem Stuhl eingeschlafen. Dass ihr Kopf einfach auf sein Bett hinabgesackt war, war sicherlich keine Absicht und sofort fühlte er wieder die Leere, die ihn immer überkam, wenn er an sie dachte.
‚Doch warum hält sie dann meine Hand?’, überlegte er weiter, aber sein Kopf schmerzte einfach zu sehr und so nahm er sich vor, diese liebevolle Geste einfach zu genießen. Jedenfalls solange, bis sie wieder erwachte. Denn William war sich ganz sicher, dass sie ihm ihre Hand sofort entreißen würde, würde sie erwachen.
Teil 12
Der Morgen graute und William lag noch immer ruhig und still in seinem Bett. Elisabeth hatte sich hin und wieder ein wenig im Schlaf bewegt und wie es ihm erschien, wurde sie von schweren Träumen geplagt, doch seine Hand hielt sie noch immer eisern fest und er würde den Teufel tun und das ändern. Es war gewiss das einzige Mal, dass er ihr so nahe sein würde und er genoss den Augenblick mehr, als er es jemals eingestehen würde.
William war zu sehr Realist, um sich wahrhaftig Chancen bei dem jungen Mädchen auszurechnen. Elisabeth hatte die Volljährigkeit von einundzwanzig Jahren noch nicht einmal ganz erreicht und er würde in wenigen Monaten die Dreißig füllen. Zudem war er sich ziemlich sicher, dass Elisabeth Emerson vorzog, so wie sich sein werter Cousin um sie bemüht und sie umgarnt hatte. Das Schlimme war, er konnte deswegen nicht einmal böse auf sie sein. Es war mehr als verständlich sich an den offensichtlich Unterhaltsameren zu wenden und Emerson hatte schon immer gewusst, nur das Beste von sich zu zeigen und sich stets ins Licht zu stellen.
Leise seufzend wandte er den Kopf und warf erneut einen Blick aus dem Fenster. Es würde keine leichte Aufgabe werden Elisabeth die Augen zu öffnen, ohne auf Emersons wahren Charakter hinzuweisen. Doch noch blieb ihm ein wenig Zeit und vielleicht würde sich das ein oder andere auch von ganz alleine ergeben. Dann fiel ihm siedendheiß ein, dass er ihr noch gar nicht gesagt hatte, das sie nicht London ansteuern würden, wie er es ihr versprochen hatte, sondern doch wie geplant Plymouth. Die Überlebenden der Sea Cloud hatten Vorrang, ebenso wie die Familien der Seemänner, die das Unglück nicht überlebt hatten und es würde eine harte Aufgabe werden, den Witwen und Waisen zu begegnen.
Elisabeth würde verstehen, dass er so entscheiden hatte müssen, da war er sich sicher. Zudem hatte er natürlich nicht vor, sie einfach von Bord gehen zu lassen. Er würde sie über den Landweg nach Hause bringen. Das würde vielleicht eine Zeitverzögerung von zwei Tagen mit sich bringen, doch er war sich ziemlich sicher, dass sie noch vor jedem möglichen Schiff ankommen würden, das ebenfalls die Überfahrt von New York angetreten hatte. Ihre Flucht war noch nicht bekannt und somit war ihr Onkel noch vollkommen unwissend und das mussten sie zu ihrem Vorteil nutzen.
William seufzte, denn es war immer schwieriger still zu liegen. Seine Muskeln fühlten sich taub und schwer an, doch noch war er nicht bereit, das winzige Stück Hoffnung loszulassen und so hielt er eisern durch und hielt die Hand der Frau, der es als einzige gelungen war, einen direkten Weg in sein Herz zu finden. Sein Kopf schmerzte noch immer, aber lange nicht mehr so schlimm wie beim Augenblick des Aufwachens und wie es nicht anders zu erwarten war, war mit der Besserung auch die Erinnerung zurückgekommen. Hart und heftig hatte sie ihn getroffen und er wünschte sich beinahe zurück in die Unwissenheit.
Viele zu viele Sorgen stürmten auf ihn ein und Emerson beschäftigte ihn ebenso sehr, wie Elisabeth es tat. Sein Cousin würde sich nicht ändern, dass hatte er nun verstanden und ihm blieb nichts anders übrig, als die Hoffnung aufzugeben. Doch dann wurde sein Gesicht hart. Er war wie immer zu milde. Emerson musste begreifen, dass alles einmal ein Ende hatte und auch das Ende seiner Großmütigkeit war erreicht. Sollte noch ein Brief seines Cousins bei ihm eintrudeln, so würde er ihn ungelesen im Kamin verbrennen.
Gefleht und gebettelt hatte er, geschworen endlich begriffen zu haben, dass er sein Leben ändern musste und William war dumm genug gewesen darauf hereinzufallen und sofort die Segel zu setzen, um ihn abzuholen. ‚Doch die Zeiten sind endgültig vorbei’, dachte er und seufzte erneut. Wenn er Emerson erst einmal von Bord geworfen und Elisabeth in London abgeliefert hatte, würde er sich auf das Anwesen seiner Familie zurückziehen und sich nur noch um seine Geschäfte, seine Mutter und seine kleine Schwester kümmern.
*~*~*
Es klopfte leise an der Tür und Sekunden später steckte Doktor Hastings seinen Kopf durch den schmalen Spalt, um den er sie geöffnet hatte. Er lächelte erleichtert, als er sah, dass William erwacht war, sagte jedoch kein Wort, denn sein Patient hielt sich den Finger an die Lippen und deutete mit der freien Hand auf Elisabeth.
„Sind Sie schon lange wach, Sir?", fragte er flüsternd, nachdem er sich auf Zehenspitzen dem Bett genähert hatte.
„Schon eine Zeit lang", erwiderte William ebenso leise.
„Ich habe befürchtet, dass Miss Elisabeth einschläft", seufzte der Doktor. „Doch ich kann es ihr nicht verdenken. Sie hat den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht über Sie gewacht und ihrer eigenen Aussage nach, hat sie auch vorher schon unter Schlafproblemen gelitten." Er trat nahe an das Bett heran, prüfte Williams Puls und ebenso seine Temperatur, dann nickte er zufrieden. „Sie haben unglaubliches Glück gehabt, Sir", lächelte er. „Wir haben schon das Schlimmste befürchtet, nachdem Ihre Bewusstlosigkeit so lange anhielt."
„Wir?", fragte William, ehe er überlegen konnte und ärgerte sich darüber.
„Allen voran wohl Miss Elisabeth", erwiderte der Doktor leise. „Sie hat sich nicht für eine Minute ablösen lassen und wahrhaftig Stunde um Stunde an ihrem Bett gewacht. Und natürlich haben der Kapitän und ich uns große Sorgen gemacht." Er lächelte. „Und ich muss Ihnen sagen, Sir, dass jeder Matrose, dem ich auf meinem Weg zwischen Ihrer Kabine und dem Krankenlager begegne, sich nach Ihrem Befinden erkundigt. Die ganze Mannschaft wird sich freuen, wenn sie die gute Nachricht hört."
„Wo ist Emerson?", fragte William, doch da ruckte Elisabeth Kopf hoch und sie sah ihn verwirrt an.
Sie lächelte flüchtig, doch dann verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck und zurück blieb wahres Entsetzen. Sie zog rasch ihre Hand zurück, sprang auf und stolperte über Doktor Hastings, der dicht hinter ihr stand. Entschuldigungen murmelnd taumelte sie rückwärts, knickste dann und sah von einem Mann zum anderen. „Ich freue mich Sie wach und gesund und munter zu sehen, Mr. Grey", sagte sie, knickste ein weiteres Mal und raste aus dem Raum.
„Nun", lächelte Doktor Hastings. „Wie es scheint, haben wir der jungen Dame
einen gehörigen Schrecken eingejagt."
„Bedauerlicherweise", sagte William und versuchte sich aufzusetzen. Doch Doktor
Hastings hielt ihn zurück.
„Sie sollten wirklich liegen bleiben, Sir. Der Schlag von dem fallenden Segel
muss sehr heftig gewesen sein und wir wollen doch nicht, dass Sie uns gleich
wieder zusammenbrechen."
„Doktor Hastings", erwiderte William mit aufkommendem Zorn. „Ich liege schon
seit Stunden und mein Rücken bringt mich um. Wenn ich mich jetzt nicht ein wenig
bewege…." Er hielt sich an der Matratze fest und schob sich ein Stück höher,
sodass er jedenfalls aufrecht sitzen konnte. „Ich weiß Ihre Besorgnis durchaus
zu würdigen und da es Ihr Beruf ist, können Sie sicher sein, dass ich Ihre
Ratschläge beherzige. Doch ein wenig Bewegung müssen Sie mir schon zugestehen."
„Wenn Sie mir versprechen Ihr Bett nicht zu verlassen, Sir, so will ich Ihnen
dieses kleine Zugeständnis machen." Der Doktor blickte auf den Stuhl vor dem
Bett und William bedeutete ihm, sich zu setzen. „Sie wollten sich vor Miss
Elisabeth so plötzlichem Aufbruch nach Ihrem Cousin erkundigen", sagte er
langsam.
„Allerdings", nickte William. „Ich nehme an, er hat sich in seine Kabine
zurückgezogen und schläft."
„Davon würde ich ausgehen, Sir", sagte Doktor Hastings vorsichtig. „Kapitän
Swift hielt es für angebracht, ihn für diese Nacht dorthin zu verbannen. Er hat
ausdrückliche Order bekommen, seine Kabine des Nachts nicht zu verlassen und
zudem hat der Kapitän eine Wache auf dem Gang postiert."
Es dauerte einen Augenblick, bis William verstand, was ihm gerade mitgeteilt
wurde. Dann fuhr er hoch. „Der Kapitän hat was…?"
„Nun, Sir, es lag wohl an dem seltsamen Gebaren, dass Ihr werter Cousin nach
Ihrem schrecklichen Unfall an den Tag gelegt hat. Allerdings weiß ich nichts
Genaues und es wäre sicherlich besser, gleich mit dem Kapitän zu sprechen."
„Das wäre durchaus angebracht", erwiderte William und schüttelte verwirrt den
Kopf. Kapitän Swift musste einen guten Grund für eine solche Handlung gehabt
haben und er wollte sofort mehr darüber erfahren. „Glauben Sie, dass der Kapitän
schon zu so früher Stunde auf ist?"
„Ich weiß nur, dass er sofort benachrichtigt werden wollte, sobald sich etwas an
Ihrem Zustand ändert", sagte Doktor Hastings, doch noch bevor er weitersprechen
konnte, fuhr sein Patient wieder hoch.
„Miss Elisabeth hat sich sicherlich sehr bemüht und es war meine Entscheidung
sie schlafen zu lassen." Er seufzte leise. „Entschuldigen Sie bitte meinen
Ausbruch, Doktor. Ich denke, es war doch alles ein wenig viel heute und zu
meiner Verteidigung muss ich anführen, dass mich mehr Sorgen und Nöte plagen,
als ich bewältigen kann."
„Ich verstehe", nickte Doktor Hastings und lächelte gutmütig. Dann stand er auf.
„Sir, ich möchte Sie wirklich eindringlich darum bitten, die nächste Zeit das
Bett zu hüten. Eine Verletzung wie die Ihre kann schreckliche Folgen nach sich
ziehen und damit wäre Ihnen sicherlich nicht geholfen." Er stellte den Stuhl
zurück an den Tisch und verbeugte sich. „Ich werde Ihnen nun etwas Zwieback und
auch Wasser bringen lassen. Schwerere Kost sollten Sie heute meiden. Außerdem
werde ich Kapitän Hastings eine Nachricht zukommen lassen. Ich bin mir sicher,
es wird nur wenig Zeit vergehen, bis er hier vorstellig wird." Er nickte William
zu, verabschiedete sich, doch an der Tür blieb er noch einmal stehen. „Ich werde
in ein paar Stunden wieder nach Ihnen sehen, doch sollten sich noch weitere
Symptome zeigen, so lassen Sie mich bitte zügig rufen."
William bedankte sich und rutschte tiefer in sein Bett. Er konnte es kaum
glauben, doch mit jeder Minute, die verstrich, schien sein Leben sich mehr und
mehr zu komplizieren. Er kannte John Swift schon einige Jahre und er war stolz
ihn einen Freund nennen zu dürfen. Er musste einen guten Grund für seine
Handlungen haben, denn er war ein besonnener Mann, der nicht so leicht die
Nerven verlor. Doch er würde sicherlich in einigen Minuten mehr darüber wissen.
*~*~*
Elisabeth hatte eine lange Zeit auf dem Achterdeck verbracht und nachgedacht. Kapitän Swift hatte ihr durch seine bloße Anwesenheit den Schutz geboten, den sie sich von ihm erhofft hatte, denn Emerson, der mehrere Mal nach ihr gesehen hatte, hatte sich nicht heraufgetraut und war jedes Mal unverrichteter Dinge wieder unter Deck gegangen.
„Irgendetwas bedrückt Sie sehr", sagte der Kapitän und kam langsam auf sie zu. „Ich habe es schon bemerkt, als Sie heute Mittag hier herauf kamen, Miss. Doch da Sie offensichtlich etwas Ruhe suchten, habe ich es mich nicht gewagt, Sie danach zu fragen."
„Mich plagen eine Menge Sorgen, Sir", sagte Elisabeth leise. „Da ich annehme,
Mr. Grey hat Ihnen den Grund für meine Anwesenheit genannt, können Sie es
sicherlich verstehen." Sie seufzte und sah auf. „Wie weit ist es noch bis
London?"
„Oh, Miss. Hat William es Ihnen noch nicht erzählt? Wir werden doch Plymouth
anlaufen, nicht London." Er räusperte sich und zuckte vage mit den Schultern.
„Wir müssen die Überlebenden der Sea Cloud auf dem schnellsten Weg nach Hause
zurück zu ihren Familien bringen. Und auch all diejenigen, die einen geliebten
Menschen bei diesem Unglück verloren haben, haben ein Anrecht darauf es zu
erfahren."
„Ich verstehe", nickte Elisabeth. „Das hat natürlich Vorrang." Sie ging ein
paar Schritte auf die Treppe zu, drehte sich aber noch einmal um. „Hat Mr. Grey
ein Wort darüber verloren, was er … welche Pläne er für mich hat?"
„Soweit ich es verstanden habe, will er Sie über den Landweg nach Hause bringen,
Miss. Doch Sie sollten lieber ihn danach fragen. Er wird Ihnen gewiss Genaueres
sagen können."
„Das werde ich", nickte Elisabeth, vergewisserte sich noch einmal, dass Emerson
sich nicht auf dem Hauptdeck befand und ging dann langsam die Treppe hinab. Es
würde sich nicht vermeiden lassen William gegenüberzutreten und sie hoffte, es
würde nicht zu peinlich für sie werden. Doch bestimmt war William Grey zu sehr
ein Gentleman, als sie auf ihren Fauxpas hinzuweisen.
Neuen Mut schöpfend wandte sie sich dem schmalen Gang zu, der zu den Kabinen führte und kaum hatte sie einen Schritt in das Innere gesetzt, hörte sie wütende, sehr laute Stimmen. William und Emerson stritten wieder, doch diesmal klang es weitaus ernster als gewöhnlich und sie drehte auf der Stelle um, lief zurück und rief Kapitän Swift.
Teil 13
Elisabeth war ganz und gar nicht wohl dabei, William und seinen Cousin Emerson so furchtbar streiten zu hören. Zudem machte sich ihr schlechtes Gewissen bemerkbar und ließ sich auch nicht abschalten, egal wie sie ihre Tat rechtfertigte. Es gehörte sich einfach nicht, die Gespräche anderer Menschen zu belauschen, selbst wenn sie noch so laut geführt wurden.
Kapitän Swift, der dicht hinter ihr ging, schien ihre Gedanken zu erraten, denn er beugte sich vor und flüsterte ihr leise ins Ohr. „Gehen Sie ruhig weiter, Miss, und sehen Sie es nicht als Vertrauensbruch an. Uns treibt nicht die Neugierde an, sondern nur die Sorge um Mr. Grey, der nach seinem gestrigen Unfall sicherlich noch sehr geschwächt ist. Wenn nichts weiter geschieht, werden wir einfach wieder gehen und niemand muss je erfahren, dass wir zugegen waren."
Wortlos nickend ging Elisabeth weiter und stoppte erst unmittelbar vor Williams Kabinentür, hinter der die beiden Männer mit den übelsten Beschimpfungen nur so um sich warfen. Eine Gänsehaut hatte ihren gesamten Körper überfallen und sie blickte Kapitän Swift niedergeschlagen an. Doch der gute Mann nickte nur aufmunternd und so holte sie tief Luft und versuchte zu verdrängen, dass sich ihr Gewissen stärker und stärker meldete.
*~*~*
„Verdammt, Emerson", sagte William und seine Stimme klang müde. „Reicht es
denn noch immer nicht? Musst du es immer auf die Spitze treiben? Ist es nicht
genug, dass dein Vater dich enterbt hat und du vollkommen mittellos dastehst?"
Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Und ich Dummkopf bin wieder einmal
hereingefallen und habe deinen Worten geglaubt. So herzzerreißend wie dein Brief
war, konnte ich gar nichts anderes tun, als mich gleich auf den Weg zu machen.
Doch nun hast du den Bogen überspannt, Emerson, bei Weitem überspannt! Und ich
werde gewiss nie wieder auf solch heuchlerische Worte deinerseits hereinfallen!"
„Meine Güte, William. So dumm kannst nicht einmal du sein", lachte Emerson
höhnisch. „Du kannst nicht gedacht haben, ich hätte mich geändert und auf einmal
ein Gewissen, dass mich zwickt. Hast du wirklich geglaubt, ich würde vor meinem
verfluchten Vater zu Kreuze kriechen? Hast du wirklich geglaubt, ich könnte mich
in einen ehrenhaften Mann verwandeln?" Er schnaubte abfällig und lief aufgeregt
durch die Kabine. „Was hast du gedacht, was passiert, wenn ich nach England
zurückkehre? Du kannst ja wohl nicht vergessen haben, dass ich triftige Gründe
hatte, überhaupt von hier zu verschwinden und England den Rücken zu kehren."
William seufzte laut. „Ich war dumm genug das Gleiche zu hoffen, wie dein Vater,
Emerson. Ich habe fest geglaubt, du würdest endlich ein Einsehen haben und
zumindest eins der beiden jungen Mädchen heiraten, dass du in Schwierigkeiten
gebracht hast. Dir kann es doch nicht egal sein, dass dir ständig Häscher auf
den Fersen sind, die dir nach dem Leben trachten. Wie viel einfacher wäre es,
deine Schulden zu bezahlen und mit einer guten Frau ein neues Leben zu
beginnen?"
Lautes Gegacker war die Antwort und Emerson schien sichtlich belustigt. „Ich heirate doch keine Frau, der irgendwelche Bälger am Rockzipfel hängen…."
„Es sind deine Bälger, Emerson, um es mit deinen Worten zu sagen", fuhr William hoch. „Du hast nicht nur die Ehre der beiden jungen Damen beschmutzt, du hast zwei ganze Familien ins Unglück gestürzt. Du könntest jedenfalls so anständig sein und einem deiner Kinder deinen Namen zu geben!"
„Woher willst du wissen, dass es meine Kinder sind?", lachte Emerson auf.
„Wer weiß denn schon so genau, wo diese beiden Weibsbilder sich sonst noch
herumgetrieben haben? Sicherlich war ich nicht der einzige, der…."
„Du bist ein ekelhafter Widerling", knurrte William. „Ein dreckiges, unwürdiges
Schwein!"
„Du kannst einem beinahe Leid tun, William", sagte Emerson nun verächtlich. „Du und deine Moral, deine Korrektheit und dein ständiges Bestreben es allen und jedem Recht zu machen. Nicht jeder kann so edel und großmütig sein wie du, William! Wage es nicht, über mich zu richten, denn du bist derjenige, der auf einem riesigen Vermögen hockt und…."
„Du wärst der Erbe eines ebensolchen Vermögen gewesen", unterbrach William
wütend. „Aber du hast es versaut, Emerson! Du ganz alleine! Also fang nicht an,
mir deine Unzulänglichkeiten zuzuschieben! Dein Vater würde dir vergeben,
solltest du dich bereit erklären, eine deiner beiden Liebschaften zu heiraten
und wenn er sich sicher wäre, dass du dein Leben in den Griff bekommst, würde er
dich gewiss wieder als Erben einsetzen. So aber…."
„Als Erben einsetzen", wiederholter Emerson giftig. „Als Erben einsetzen! Das
ich nicht lache! Jahr um Jahr müsste ich mich mühen, nur um dann zuzusehen, dass
auch dieses Geld an dich fällt! Mein Vater mag so einiges sein, aber dumm ist er
nicht. Selbst wenn er mir eine monatliche Summe zugestehen würde, so würde er
doch dich als Haupterben einsetzen und früher oder später gehört alles dir
allein! Das Anwesen, die Ländereien, einfach alles!" Er lachte wieder und die
blanke Verachtung war dabei herauszuhören. „Und da keins dieser Flittchen, die,
wie du es sagst, die Mütter meiner Kinder sind, auch nur annähernd eine Mitgift
bekommt, die mein Leben sichert, werde ich den Teufel tun und mich an eins der
Weibsbilder binden!"
„Verstehe es, wer will", seufzte William. „Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass du so gar kein Einsehen hast. Sieh dich doch einmal an! Sieh, was aus dir geworden ist! Nicht einmal die Kleidung, die du trägst, ist noch dein Eigentum! Ohne jeden Penny hast du in New York in dieser heruntergekommenen Pension gehaust und wäre ich nicht so dämlich gewesen, dich dort freizukaufen, wärst du sicherlich längst verhungert!"
„Es gibt immer Mittel und Wege, um an Geld zu gelangen", spuckte Emerson ihm
entgegen. „Und ich wäre sicherlich nicht vor die Hunde gegangen. Mir wäre schon
noch was eingefallen!"
„Was denn?" Nun war es an William, höhnisch zu lachen. „Ziehst du nun los und
stürzt ein weiteres junges Mädchen ins Unglück? Eins, deren Mitgift groß genug
ist um dein kümmerliches Leben zu bezahlen?" Angewidert schüttelte er den Kopf.
„Ich werde das nicht zulassen, Emerson. Und wenn das bedeutet, deinen Häschern
Hinweise auf deinen Verbleib zu geben. Du hast noch so viele Schulden, dass es
ihnen sicherlich eine wahre Freude wird, dich von London fernzuhalten!"
„Warum sollte ich mich denn nach London begeben?", schrie Emerson aufgebracht, dann lachte er. „Das Gute liegt doch so nah! Hier auf deinem Schiff ist doch eine junge und dazu noch sehr hübsche Lady, deren Onkel sicherlich einen ganzen Batzen Geld springen lässt, damit ich aus ihr eine anständige Frau mache. Wie du weißt, wäre sie nicht die Erste, die ich in Schwierigkeiten bringe…."
„Ich warne dich, Emerson", zischte William eisig. „Lass deine dreckigen
Finger von Elisabeth oder ich schwöre…."
„Mach dich doch nicht lächerlich", schnaubte Emerson abfällig. „Schau dich doch
einmal an! Du bist geschwächt und hilflos wie ein Baby! Du könntest mich nicht
aufhalten, selbst wenn du es wolltest." Er lachte wieder. „Vielleicht sollte ich
einmal hinauf an Deck gehen und nach ihr sehen. Wie du weißt, besitze ich eine
große Überzeugungskraft und Elisabeth wird wie Wachs in meinen Händen sein."
„Emerson", drohte William wieder, doch Emerson lachte ihn aus.
„Es gibt nichts, was du tun kannst, William. Sieh es doch ein!" Emerson öffnete die Tür und sein abscheuliches Grinsen gefror in seinem Gesicht, als er Elisabeth und Kapitän Swift erkannte. Doch bevor er auch nur ein Wort über die Lippen bringen konnte, hatte Elisabeth ihm links und rechts eine Ohrfeige verpasst und war in ihre Kabine gestürzt.
„Ich denke, dieses Mal haben Sie es übertrieben", sagte der Kapitän und warf einen flüchtigen Blick auf William, der blass und erschöpft auf der Bettkante saß. Offenbar hatte er seinen Cousin aufhalten wollen, doch nun würde er William Grey diese Aufgabe abnehmen. „Wenn Sie mir bitte folgen würden, Mr. Emerson Grey. Ich habe unter Deck ein nettes Plätzchen für Sie, dass Ihnen durchaus gerecht werden wird. Nach all dem, was vorgefallen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Ihr Cousin noch länger auf Ihre Anwesenheit Wert legt." Wieder blickte er William an und dieser nickte sachte und gab somit seine Zustimmung.
„Ich gehe nirgendwo hin", winkte Emerson ab und wollte sich an dem Seemann
vorbeischieben, doch John Swift versperrte ihm den Weg.
„So wie ich es sehe, haben Sie genau zwei Möglichkeiten, Sir. Entweder sie
folgen mir, oder aber sie wählen den einzigen Weg, der Ihnen noch offen steht.
Und der führt direkt über die Reling in den eiskalten Atlantik. Mir persönlich
würde die zweite Möglichkeit am besten gefallen, doch ich denke nicht, dass Sie
den Mut dazu aufbrächten." Eisig betrachtete er den Mann, den er seit der ersten
Begegnung mit ihm nicht leiden konnte. „Es ist Ihre Wahl!"
„William", fuhr Emerson von plötzlicher Panik übermannt herum. „Sag deinem
verrückten Angestellten, er soll mir den Weg frei machen! William!"
Doch sein Cousin dachte gar nicht daran, helfend für ihn einzuspringen. „Sperren
Sie ihn in den Laderaum, Kapitän. Oder von mir aus auch in die Bilge", sagte er
müde. „Nur bringen Sie ihn irgendwohin, wo ich ihn nicht mehr sehen muss."
„Mit dem größten Vergnügen", lächelte Kapitän Swift fies, packte Emerson grob am Arm und schob ihn unsanft vor sich her.
Doch so einfach gab Emerson nicht auf und er versuchte sich aus der
Umklammerung des kräftigen Mannes zu befreien. Er schimpfte und keifte wild,
aber auch das schien den Kapitän nicht sonderlich zu beeindrucken. „Machen Sie
ruhig so weiter, Sir. Doch Sie sollten stets bedenken, dass der Weg bis ins
tiefe Meer nicht sonderlich weit ist."
Emerson Grey gab sich geschlagen und ließ sich widerstandslos abführen. „Habe
ich es mir doch gedacht, Sir", lächelte Kapitän Swift falsch. „Ein Mann, wie Sie
einer sind, kann nichts weiter als große Reden schwingen, doch kommt es darauf
an, kneift er den Schwanz ein!" Er schob seinen ungeliebten Passagier unsanft
die Treppe hinauf und freute sich diebisch. Schon seit seinem ersten
Zusammentreffen mit diesem Mann hatte er gewusst, es würde kein gutes Ende mit
ihm nehmen und dies war eine Art der Genugtuung, die er sicherlich noch ein paar
Tage genießen würde.
*~*~*
William saß noch immer auf der Bettkante und sein Kopf fühlte sich an, als würde er in tausend Teile zerspringen. Zudem war ihm übel und die Kabine schwankte weit mehr, als das es sich nur auf den Seegang zurückführen ließ. Doch seine Gedanken drehten sich nur um Elisabeth und er stemmte sich mühsam und ächzend hoch. Er musste unbedingt sofort mit ihr sprechen. Er musste ihr erklären, was gerade vorgefallen war, musste alles tun, damit es ihr nicht schlecht erging.
„Was denken Sie, wo Sie hin gehen, Sir?" Doktor Hastings stürmte in die Kabine, weiter auf ihn zu und drückte ihn zurück ins Bett. „Mr. Grey, ich habe Ihnen strikte Bettruhe verordnet und soweit ich mich erinnere, haben Sie mir Ihr Versprechen gegeben, sich auch daran zu halten."
„Sir, Sie verstehen nicht", versuchte William ihn abzuwehren, doch ihm fehlte
die Kraft dafür. „Ich muss…."
„Ich verstehe nur zu gut", erwiderte der Doktor und bugsierte ihn in eine
liegende Stellung. Dann nahm er die Bettdecke und versuchte seinen Patienten
zuzudecken, der dies jedoch zu verhindern wusste, indem er wild mit den Armen
ruderte. „Mr. Grey! Ich weiß durchaus, was vorgefallen ist. Ich war gerade an
Deck als Kapitän Swift Ihren Cousin…. Nun, jedenfalls hat der Kapitän mir mit
kurzen, knappen Worten geschildert, was sich hier zugetragen hat."
„Aber ich muss wirklich dringend mit Miss Elisabeth sprechen." William stöhnte und hielt sich den Kopf. „Doktor, bitte. Es ist wichtig, dass sie versteht…"
„Ich werde mich um die junge Dame kümmern", versprach Doktor Hastings. „Doch
dafür müssen Sie erst einmal zur Vernunft kommen." Er konnte die Halsstarrigkeit
seines Patienten nicht nachvollziehen. William Grey war sonst ein so
vernünftiger Mann, doch nun war er kaum zur Räson zu bringen. „Sir! Ich sage es
nicht gerne, aber wenn Sie sich jetzt nicht entspannen, werde ich Ihnen ein
Beruhigungsmittel geben, dass Sie mindestens vierundzwanzig Stunden außer
Gefecht setzt!"
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, ließ William die Arme sinken und lag
ruhig und still da. „So ist es besser", sagte Doktor Hastings erleichtert und
holte tief Luft. Er öffnete seine Arzttasche und kramte ein kleines Fläschchen
hervor. „Das ist nur ein leichtes Schlafmittel", sagte er zu William, der schräg
zu ihm aufsah. „Es wird Ihnen helfen, sich ein wenig zu entspannen." Schnell
goss er den Inhalt des Fläschchens in einen kleinen Silberbecher und setzte ihn
William an die Lippen. „Trinken Sie das, Sir, und ich verspreche, ich werde mich
sofort um die junge Lady kümmern."
Und William trank, ergab sich seinem Schicksal und lehnte sich erschöpft zurück.
Er schloss die Augen und seufzte lautlos. ‚Oh, mein Gott, Elisabeth’,
dachte er. ‚Kannst du mir jemals verzeihen?’ Dann entglitten ihm seine
Gedanken und er schlief ein.
Teil 14
Elisabeth war so wütend, wie sie es nie zuvor in ihrem Leben gewesen war und es war unglaublich schwer, die Kontrolle über sich zu behalten. Zu groß war der Drang, alles was sie in ihre Finger bekam, an die Wand zu werfen, doch diese Blöße würde sie sich nicht geben und für einen langen Augenblick schloss sie die Augen und sammelte ihre Kräfte. Doch das Bedürfnis nach Bewegung milderte sich nicht und da sie nicht an Deck hinauf wollte, begann sie mit einer Wanderung durch ihre Kabine. Jetzt mit dem Kapitän oder einem anderen sprechen zu müssen, war einfach zu viel für sie und so musste sie sich mit den kurzen Wegen im Inneren ihres Zimmers zufrieden geben.
Seit vielen Minuten lief sie nun ziellos in ihrer Kabine auf und ab und zum ersten Mal, seitdem sie auf der Angels Wing war, war der Raum viel zu klein für ihre Bedürfnisse. Sie setzte sich seufzend auf ihr Bett, sprang wieder auf und stellte sich vor das Fenster.
Sie konnte kaum glauben, was sie vor nur wenigen Minuten alles gehört und erfahren hatte und am liebsten wäre sie zurückgelaufen, nur um Emerson ein weiteres Mal zu Ohrfeigen. Ihre Hand brannte noch immer wie Feuer, doch das war es wert gewesen und nur ein kleiner Preis für ihre Genugtuung. „So ein Schuft", entfuhr es ihr, und nur ihre gute Erziehung ließ sie keine schlimmeren Worte für Emerson wählen. „Wie konnte er nur…?"
Nur zu gut erinnerte sie sich an ihren ersten Abend an Bord und wie dankbar sie ihm gewesen war, dass er überspielte, auf welche Art und Weise sie auf das Schiff gelangen war. Er hatte sich wie ein wahrer Gentleman benommen, sie zum Lachen gebracht und wunderbar unterhalten. Ihr wurde jetzt noch schlecht, wenn sie nur daran dachte. Allerdings musste sie sich zu Gute halten, dass sie schnell bemerkt hatte, dass nicht viel in ihm steckte. Sie hatte sich nicht von ihm blenden lassen wie diese armen Mädchen, von denen sie vor wenigen Minuten erfahren hatte.
Ihre eigene Situation war auch nicht gerade einfach und es war gewiss, dass sich ihr Leben drastisch ändern würde, nachdem sie ihrem Onkel einen Besuch abgestattet hatte. Doch um nichts in der Welt wollte sie mit den jungen Frauen tauschen, deren Ehre für immer beschmutzt war. „Widerlich", entfuhr es ihr. „Einfach nur widerlich!"
Es klopfte an der Tür und einen langen Moment starrte sie sie misstrauisch an. „Wer ist da?" Eine solche Frage hatte Elisabeth bisher noch nie gestellt, doch sie hatte keinerlei Bedürfnis nach weiteren Überraschungen und so nahm sie es mit der Etikette ausnahmsweise nicht so genau, wie es ihr ihre Erziehung eigentlich gebot.
„Doktor Hastings, Miss Elisabeth", kam die Stimme des gutmütigen Mediziners
hinter der dicken Tür hervor. „Darf ich eintreten?"
„Selbstverständlich", erwiderte Elisabeth sofort, war sich allerdings nicht
sicher, ob Gesellschaft jetzt das Richtige für sie war. Wut rauschte noch immer
durch ihre Adern und sie wollte den armen Mann nicht mit etwas belasten, für das
er keine Schuld trug.
„Mr. Grey schickt mich", sagte Doktor Hastings, während er sie prüfend ansah. „Er macht sich große Sorgen und …."
„Wir sprechen gerade von Mr. William Grey, nehme ich an?" Elisabeth rechnete mit allem, doch der Doktor machte große Augen.
„Gewiss, gewiss", beeilte er sich zu sagen. „Mr. Emerson Grey ist… nun, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich denke, Sie werden Ihm nicht noch einmal in die Augen sehen müssen. Kapitän Swift hat ihn… unter Deck an einen sicheren Ort gebracht."
Stumm nickend wandte sich Elisabeth um und blickte wieder aus dem Fenster.
Dann holte sie tief Luft. „Wie geht es William? Ich hatte keine Gelegenheit mich
nach seinem Befinden zu erkundigen." Ihr Magen kribbelte seltsam bei der Frage.
Die ganze Zeit hatte sie nur voller Wut an Emerson gedacht, nicht jedoch an
William, der sicherlich erschöpft und ausgelaugt nach diesem schrecklichen
Vorfall war.
„Er war furchtbar aufgebracht und kaum zu beruhigen", sagte Doktor Hastings
besorgt und ging langsam auf Elisabeth zu. „Ich habe ihm ein leichtes
Schlafmittel gegeben, das sofort seine Wirkung tat. Es wird Ihm freilich helfen,
Sich ein wenig zu erholen." Er stellte sich neben sie und auch sein Blick
wanderte hinaus auf das Meer. „So aufgebracht habe ich ihn niemals zuvor gesehen
und dabei ist er sonst für sein so besonnenes Gemüt bekannt."
„Nun", sagte Elisabeth leise. „Ich kann gut nachvollziehen, dass Emerson ihn aus
der Fassung gebracht hat. Dieser schreckliche Mann hat ihm Dinge an den Kopf
geworfen, die… die…."
„Das mag sein", erwiderte Doktor Hastings und räusperte sich. „Es war gewiss Mr.
Greys Cousin, der ihn so aufgeregt hat, doch William Grey schien nur Ihretwegen
besorgt zu sein." Er schwieg einen Moment und erwiderte den Blick, den Elisabeth
ihm zuwarf. „Er wollte unbedingt aufstehen und mit Ihnen sprechen. Allerdings
war er nicht in der Verfassung dazu und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, dass
ich es unterbunden habe."
„William Grey wollte mit mir sprechen?", erkundigte sich Elisabeth verblüfft.
„Warum?"
„Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen, Miss", sagte Doktor Hastings, auch wenn er eine gewisse Ahnung hatte. „Aber einen solch halsstarrigen Patienten habe ich nie zuvor gesehen und er ließ sich erst beruhigen, als ich ihm drohte, ihm ein starkes Beruhigungsmittel zu geben."
„Sie haben gut daran getan", nickte Elisabeth und schüttelte Sekunden später den Kopf. „Erst gestern hatte er diesen schrecklichen Unfall und es war solange ungewiss, ob er sich überhaupt erholt." Ihr Blick wurde finster. „Noch ein Grund mehr, um über Emerson Grey zu schimpfen. Er hätte jedenfalls solange warten sollen, bis sein Cousin wieder vollständig genesen ist, anstatt sich wie eine Hyäne auf ihn zu stürzen und ihn dadurch zu gefährden!"
Doktor Hastings schmunzelte leise. „Jedenfalls ist es gut zu sehen, dass Sie
offenbar gut mit dieser furchtbaren Situation umgehen können." Er zuckte mit den
Schultern. „Verzeihen sie mein Indiskretion, doch William schien zu befürchten,
dass es Ihnen… nun sehr nahe gegangen ist, etwas derartiges über Emerson Greys
wahren Charakter herausgefunden zu haben."
„Warum sollte ich… sollte ich…?" Vielleicht lag es daran, dass sie sich noch
immer nicht vollkommen beruhigt hatte, doch sie verstand nicht, worauf der
Doktor hinaus wollte und blickte ihn mit großen Augen an. „Was bringt Ihn auf
solche Gedanken?"
„Das", sagte Doktor Hastings leise, „sollten Sie vielleicht lieber mit ihm besprechen. Doch ich möchte Sie bitten, Ihn für mindestens drei Stunden ruhen zu lassen und auch danach darauf zu achten, dass er sich nicht überanstrengt." Er räusperte sich. „William Grey ist ein sehr stolzer Mann und er wird Ihnen gegenüber vermutlich den Anschein erwecken wollen, es ginge ihm hervorragend. Aber eine solche Verletzung ist nicht harmlos und auch wenn ich nicht mehr um sein Leben bange, könnten schwere Nachwirkungen sein künftiges Leben belasten." Er nickte, verbeugte sich vor ihr und ging.
Elisabeth starrte ihm hinterher und schüttelte langsam den Kopf. Ihre Wut war verraucht, und ihr Kopf beschäftigte sich mit allerlei Fragen, die gerade durch ihre Gedanken schossen. Sie runzelte die Stirn. Es ereignete sich einfach viel zu viel in furchtbar kurzer Zeit und es häuften sich eine Menge Fragen an, auf die sie keine Antworten wusste. Einen Teil dieser Ungewissheiten würde William Grey sicherlich auflösen können, doch da sie dem Doktor versprochen hatte, ihn erst am späten Nachmittag aufzusuchen, blieb eine Menge Zeit, die sie füllen musste.
*~*~*
„Miss, Elisabeth", sagte William erstaunt und setzte sich sofort in seinem Bett auf. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn aufsuchen würde und umso mehr freute er sich, sie offenbar wohlauf zu sehen. „Kommen Sie doch bitte herein", sagte er und nickte lächelnd. Sie wirkte nicht verstört und auch ihre Augen waren nicht verweint, wie er es befürchtet hatte, und ihm fiel ein Stein vom Herzen.
Elisabeth knickste kurz und trat ein. „Ich hoffe, ich störe nicht, Sir", sagte sie. „Doktor Hastings war sehr besorgt um Sie, doch er hat es mir gestattet, Ihnen einen kurzen Besuch abzustatten."
„Doktor Hastings übertreibt gerne ein wenig", sagte William und wandte sich seinem Angestellten zu, der im hinteren Teil der Kabine offenbar schwer damit beschäftigt war ein Regal abzustauben. „Er hat mir einen Bewacher zur Seite gestellt, damit ich es mich nicht wage, aus dem Bett zu steigen." Er lächelte verschmitzt. „Auch wenn Jefferson das natürlich nicht zugeben würde", er nickte seinem Dienstboten zu, der erschrocken aufblickte und dann verschämt zur Seite sah. „Sie müssen wissen, Jefferson putzt seit Stunden das gleiche Regal wieder und wieder ", sagte er verschwörerisch zu Elisabeth, die daraufhin kicherte.
„Doktor Hastings meint es sicherlich nur gut und nach Ihrem gestrigen Unfall, muss ich Ihm Recht geben. Sie sollten Sich schonen und viel schlafen.", erwiderte sie. „Doch es freut mich sehr zu sehen, dass es Ihnen offenbar besser geht." Sie sah ihn an und atmete tief ein. „Ich hatte heute Mittag leider nicht die Gelegenheit, mich nach Ihrem Befinden zu erkunden. Nach dem was ich gehört hatte, war ich zu entsetzt und musste auf dem schnellsten Weg gehen."
Williams Gesicht wurde ernst. Offenbar hatte sie nicht die Absicht lange um
den heißen Brei herumzureden und so nickte er nur. „Jefferson, wären Sie so
nett, der jungen Dame einen Stuhl an mein Bett zu stellen?"
Der Angestellte nickte beflissen, legte seinen Staubwedel beiseite und beeilte
sich, Elisabeth den Stuhl zurechtzurücken. Dann verbeugte er sich und nahm seine
Arbeit wieder auf.
Elisabeth setzte sich, blickte in Williams ernsthaftes Gesicht und seufzte leise. „Zuerst einmal muss ich mich entschuldigen, Ihr Gespräch mit Ihrem Cousin belauscht zu haben. Doch zu meiner Verteidigung muss ich anfügen, dass es aus Sorge heraus geschah." Sie blickte auf ihre Knie und nestelte nervös an ihrem Kleid herum. „In kurzer Zeit war so unglaublich viel geschehen, und als ich in den Gang kam und Ihre lauten Stimmen hörte, dachte ich, es wäre da Beste, Kapitän Swift zu holen, der notfalls in der Lage wäre einzugreifen."
„Es gibt nichts, wofür Sie Sich entschuldigen müssten", beeilte sich William zu sagen. „Ganz im Gegenteil. Es wäre an mir, eine Entschuldigung vorzutragen." Er stützte sich ab und richtete sich noch ein kleines Stückchen weiter auf. „Es tut mir leid, doch ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll."
„Ich denke nicht, dass Sie Sich für das abscheuliche Verhalten ihres Cousins
entschuldigen müssen, Mr. Grey. Geschweige denn, dass Sie es erklären müssen.
Durch einen Zufall war ich selbst in der Lage zu hören, welch ein
verabscheuungswürdiger Mann er ist."
„Gewiss, gewiss", nickte William. „Und doch fühle ich mich verantwortlich
dafür." Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich hatte mir längst ausgemalt, auf
welche Weise ich Ihnen alles Geschehene erkläre, doch nun muss ich gestehen,
dass mir die richtigen Worte fehlen." Er nickte ihr aufmunternd zu. „Doch wie
ich sehe, hat Ihnen diese furchtbare Sache nicht so zugesetzt, wie ich es
erwartet hatte."
„So wütend war ich noch nie", gestand sie leise und zuckte beinahe verloren
mit den Schultern. „Ich habe zwar von Anfang an gewusst, dass Emerson Grey nur
ein Blender ist, doch solch ehrlose Taten hatte ich ihm nicht zugetraut." Sie
machte eine Pause. „Es muss schwer gewesen sein, ihm wieder und wieder hilfreich
die Hand zu reichen, nur um dann zu entdecken, dass er niemals vorhatte sich zu
ändern." Sie wurde rot. „Nun, wie Sie sicherlich bemerkt haben, haben Kapitän
Swift und ich eine Menge von den gesagten Worten gehört."
„Das erspart mir einiges", sagte William, doch ihre offenen Worten hatte ihn
verstört. „Es ist gut, nicht alles erklären zu müssen." Augenscheinlich hatte er
Elisabeth vollkommen falsch eingeschätzt, oder aber, so dachte er, sie war eine
grandiose Schauspielerin. Konnte es wirklich sein, dass er sich so geirrt hatte?
Hatte er mehr in ihren Blicken gesehen, als tatsächlich in ihnen gelegen hatte,
wenn sie Emerson angeschaut hatte? „Ich muss zugeben, ich bin einigermaßen
verwirrt", sagte er, noch bevor er nachgedacht hatte.
„Verwirrt? Warum, Mr.Grey?", fragte Elisabeth und sah erschreckt auf. „Geht
es Ihnen etwa nicht gut? Soll ich Doktor Hastings kommen lassen?"
„Nicht auf diese Art verwirrt", winkte William ab. „Miss Elisabeth, ich hoffe
ich trete Ihnen nicht zu nahe, doch ich muss es wissen." Er stockte und es
dauerte einen Augenblick, bis er die richtigen Worte gefunden hatte. „Emerson
und Sie wirkten immer so vertraut miteinander, wenn Sie zusammen waren und ich
hatte die Befürchtung, dass Sie … dass Sie mehr für ihn empfinden, als es gut
gewesen wäre."
Elisabeth lachte auf, doch nach einem Blick in Williams ernste Augen holte sie
tief Luft. „Ihr Cousin versteht es durchaus Menschen zu unterhalten und ich muss
eingestehen, ich habe Ihn als durchaus lustig und amüsant erlebt. Doch ich kann
Ihnen versichern, dass ich keinerlei Gefühle für ihn hegte. Er ist nicht die Art
Mann, die mich anspricht."
„Das freut mich sehr zu hören", sagte William und seufzte erleichtert auf.
„Emerson war einer der Gründe, warum ich Sie zurück nach New York bringen
wollte", gestand er dann. „Er ist ein Bohemien, ein Herumtreiber, von dem nichts
Gutes zu erwarten ist und ich hatte schlimme Befürchtungen, er würde auch Sie
ins Unglück stürzen."
Beide verstummten und sahen Jefferson zu, der durch den Raum huschte und hier und da mit seinem Staubwedel herumhantierte. Doch dann erhob sich Elisabeth. „Ich sollte jetzt gehen. Doktor Hastings hat darauf bestanden, dass ich Sie nicht zu lange aufhalte." Sie knickste und ging zur Tür.
„Vielleicht sollte ich es nicht sagen", meinte William und seufzte. „Doch ich bin sehr erleichtert, dass Sie Ihr Herz nicht an einen Mann verschenkt haben, der es nicht wert ist."
Elisabeth nickte, murmelte etwas, dass er nur schwer verstand und entschwand aus der Tür. „Jefferson", rief er seinen Dienstboten zu sich. „Die junge Dame hat gerade noch etwas erwähnt, dass ich nicht gut verstehen konnte. Sie standen doch viel näher an der Tür. Haben Sie es hören können?"
„Ja, Sir", nickte Jefferson. „Das habe ich."
„Dann erzählen Sie es mir", forderte William ungestüm. Er hatte einige Worte im Sinn, war sich jedoch nicht sicher und wollte eine Bestätigung.
„Ich glaube nicht, Sir, dass ich das tun sollte." Jefferson schaute verlegen auf den Boden und William seufzte.
„Ich verstehe", nickte er. „Sie wollen keine Indiskretion begehen und das
rechne ich Ihnen hoch an."
Jefferson verbeugte sich offensichtlich sehr erleichtert und wollte sich wieder
seiner Arbeit widmen, als William ihn erneut rief. „Wie wäre es, wenn ich sage
was ich verstanden habe und Sie sagen mir nur, ob ich Recht oder Unrecht habe."
„Das kann ich tun", nickte Jefferson nach reiflicher Überlegung.
„Also gut", sagte William und konnte seine Aufregung kaum verbergen. „Ich glaube, Miss Elisabeth sagte, ihr Herz gehöre längst einem anderen Mann."
„Genau das war es, Sir", nickte Jefferson. „Genau das hat sie gesagt."
„Ich danke Ihnen sehr, Jefferson", lächelte William und sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust. „Sie können Sich nun beruhigt zurückziehen und Doktor Hastings berichten, ich würde mich gewiss nicht aus meinem Krankenlager erheben. Ich weiß nun alles, was ich wissen muss und kann mir Ruhe gönnen."
Teil 15
So schnell wie das Hochgefühl seinen Körper durchströmt, ja sogar jede einzelne Faser erreicht hatte, zerplatzte dieses Gefühl auch wieder und Williams Miene wurde ernst. Wie konnte er nur so selbstverliebt sein und davon ausgehen, dass ausgerechnet er es war, der diesen Platz in ihrem Herzen erobert hatte? Elisabeth war ein junges, wunderschönes Mädchen und es gab sicherlich hunderte von Bewunderern. Ganz London würde ihretwegen Kopf stehen, da war er sich sicher. Sie entsprang nicht nur einer angesehenen Familie sondern war zudem noch liebreizend wie kaum eine andere und ihr Benehmen war tadellos.
‚Bestimmt, so dachte er seufzend, ‚wartet schon ein junger Mann sehnsüchtig auf ihre Rückkehr.’ Seine Stirn legte sich in Falten und er schüttelte den Kopf. „Das ist gewiss auch der Grund, warum sie auf keinen Fall diesen schrecklichen Jonathan Hart hatte heiraten wollen. Sicherlich gibt es in London einen jungen Mann, der ihrer Liebe wert ist, und mit dem sie bis ans Ende aller Zeiten glücklich sein kann."
Williams Gedanken spielten ihm Streiche und er sah sie mit einem Unbekannten über eine Wiese tanzen, sich drehen, herumwirbeln und lachen und fast augenblicklich machten sich Mordgelüste in ihm breit. Rasende Wut stieg in ihm auf, krabbelte über seinen Rücken und landete schließlich in seinem Kopf, wo sie sich als heftiges Puckern manifestierte. „Verdammt, William", schimpfte er. „Schlag sie dir endlich aus dem Kopf. Sie ist viel zu jung, um sich für einen Mann wie dich zu interessieren!"
Doch so sehr er auch versuchte, sie aus seinen Gedanken zu vertreiben, es wollte ihm nicht gelingen und wieder hatte er das Bild vor Augen, wie sie im Kerzenschein vor dem Bücherregal gestanden hatte. Es war nur ein geringer Trost, doch diese Erinnerung gehörte nur ihm und er würde sie hüten wie einen Schatz.
*~*~*
Elisabeths Herz klopfte ihr noch immer bis zum Hals. Sie war direkt nach ihrem kurzen Besuch bei William in ihre Kabine geeilt, denn sie brauchte jetzt Zeit um über alles nachzudenken und auch sein lächelndes Gesicht aus ihren Gedanken zu vertreiben.
Ihr Gastgeber war seltsamerweise nicht böse gewesen, dass sie und Kapitän Swift seinen Streit mit Emerson mit angehört hatten. Und schon das verwunderte sie sehr. William Grey war ein sehr stolzer Mann und sie hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet, zumindest jedoch mit einer Rüge für ihr unpassendes Benehmen. Doch er hatte mit keiner Regung darauf reagiert und man konnte glatt seiner Lüge glauben, er wäre darüber erleichtert. Doch das hatte er bestimmt nur gesagt, um Elisabeths Gewissen zu besänftigen.
Doch dann schüttelte sie den Kopf. Er war viel zu großmütig, um ihr gegenüber seine Wut zu zeigen und hatte sie einfach verborgen. Warum er jedoch auf den Gedanken kam, ihr Emersons und auch sein eigenes Verhalten erklären zu müssen, war ihr schleierhaft. Es gehörte nicht zu seinen Aufgaben sich für das schreckliche Gebaren seines Cousins zu entschuldigen. Er war nur sich selbst gegenüber Rechenschaft schuldig, ganz gewiss nicht ihr.
Überhaupt benahm sich William Grey mehr als nur tadellos und sie konnte dankbar dafür sein, ausgerechnet auf seinem Schiff gelandet zu sein. Wie gefährlich diese Situation für sie hätte werden können, war ihr erst bewusst geworden, als sie Emersons furchtbare Worte vernommen hatte. Er wäre gewiss einer der Männer gewesen, der ihre Hilflosigkeit ausgenutzt hätte und Elisabeth schüttelte sich unter einer heftigen Gänsehaut.
Sie hatte Glück gehabt, großes Glück, denn ihre Flucht hätte auch schreckliche Folgen haben können, an die sie nicht einen Gedanken verschwendet hatte. Doch war all die Besorgnis, die William an den Tag legte, wirklich nur auf sie bezogen, oder hatte er hauptsächlich Emerson im Sinn gehabt?
„Emerson war einer der Gründe, warum ich Sie zurück nach New York bringen
wollte", wiederholte sie leise seine Worte und fühlte Traurigkeit in sich
aufsteigen. Hatte er nun sie vor seinem Cousin beschützen wollen, oder aber
befürchtete er, Emerson würde sich nicht um seine gut gemeinten Worte scheren,
wenn eine junge Frau an Bord war, die offensichtlich gut in sein Beuteschema
passte?
Er versuchte alles, um seinen Cousin den rechten Weg im Leben aufzuzeigen und da war ein junges Mädchen, dass Emerson ablenkte, gewiss die falsche Gesellschaft. Aber Emerson hätte sich so oder so nicht einsichtig gezeigt, da war sie sich sicher. Doch dachte William ebenso? Schrieb er ihr die Schuld zu, Emerson für immer verloren zu haben? Und warum hatte er angenommen, sie könnte mehr für Emerson empfinden?
Elisabeth warf sich lang auf ihr Bett und runzelte die Stirn. Wenn auch Emerson das gleiche gedacht hatte, dann hatte sie sich offensichtlich falsch verhalten und vielleicht trug sie eine Mitschuld daran, dass sich beide Männer stets wie Kampfhähne in den Haaren gelegen hatten. Niemals im Leben hatte sie einen solchen Eindruck erwecken wollen und sie schämte sich heftig.
Die Decke bis zur Nase hochziehend legte sich Elisabeth zurück in ihre Kissen. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt, gleichzeitig aber auch erleichtert darüber, dass William den falschen Mann im Kopf hatte. Niemals würde sie ihm gestehen, dass er es war, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Stets war er ihr großzügig und zuvorkommend begegnet und sie wollte auf keinen Fall, dass er sich ihr gegenüber noch mehr verpflichtet fühlte, als er es ohnehin schon tat.
Leise machten sich wieder ein paar Tränen in ihren Augen bemerkbar und sie hasste sich dafür, so weinerlich zu sein. Doch seit sie sich zu einer Flucht aus New York entschieden hatte, schien ihr Leben sich in eine einzige Katastrophe zu verwandeln und es gab nicht einen winzigen Lichtblick am Himmel, auf den sie all ihre Kräfte richten konnte. Elisabeth gab es sich gegenüber nicht gerne zu, doch die Tatsache William in wenigen Tagen nie mehr wiederzusehen, setzte ihr sehr zu und drückte ihre Stimmung auf den Tiefstpunkt.
Seufzend schloss sie die Augen und versuchte das markante Gesicht ihres Gastgebers aus ihren Gedanken zu vertreiben. Es machte keinen Sinn weiter über ihn und seine Motive nachzudenken. In nur wenigen Tagen war ihre Reise beendet und wenn sie das Gespräch mit ihrem Onkel überstanden hatte, würde ein ganz neues Leben für sie beginnen, aus dem es kein Zurück mehr gab.
*~*~*
Zwei Tage waren vergangen, in denen William Elisabeth kaum zu Gesicht bekommen hatte. Es hatte ihn Zeit gekostet, um mit sich und seiner Situation ins Reine zu kommen und durch das Glück im Unglück eine gute Ausrede für sein Fehlen zu haben, hatte er sich mehrfach entschuldigt. Doktor Hastings hatte ihm auf sein Drängen hin schlussendlich seine Zustimmung gegeben wieder an Deck zu gehen und so hatte William sich heute Morgen auch das Achterdeck begeben, wo er sich gewöhnlich die meiste Zeit des Tages aufhielt.
Zu seinem Leidwesen jedoch war der gutmütige Mediziner auf die Idee gekommen, ihm einen Sessel auf seinen Stammplatz herauf tragen zu lassen und hatte schon zweimal einen Kontrollgang unternommen, um seinen Patienten im Auge zu behalten. Doch William reichte es langsam und er hielt diese Vorsicht für übertrieben. Er fühlte sich wohl, die Kopfschmerzen waren verschwunden und die Kraft war zu ihm zurückgekehrt.
Leise grummelnd erhob er sich und sah seinem Kapitän in die Augen, der diese Bewegung mit gerunzelter Stirn beobachtet hatte. „Sagen Sie kein Wort, Sir", sagte William mit zusammengekniffenen Augen. „Sonst pack ich das dumme Ding und werfe es eigenhändig über Bord!"
John Swift schmunzelte nur. „Ganz wie Sie meinen, Mr. Grey. Doch ich darf daran erinnern, dass es Ihr Mobiliar ist, dass Sie gewiss eine ganze Stange Geld gekostet hat, nicht das meinige."
William stutzte einen Moment, dann lachte er und es fühlte sich unglaublich gut an. Sofort besserte sich seine Laune und er holte tief Luft. Er hatte die frische Meeresbrise in seiner Kabine sehr vermisst, ebenso wie den Geruch der See und er reckte sich vorsichtig. „Kommen wir gut voran?"
„Wir sind nicht ganz so schnell wie auf der Hinreise, aber mehr als einen halben Tag hängen wir nicht hinterher", nickte Kapitän Swift. „Ich rechne damit, dass wir morgen in der Frühe in Plymouth vor Anker gehen werden."
„Das klingt gut", nickte William, brachte ihn seinen Problemen allerdings auch wieder näher und er runzelte die Stirn. „Was macht Emerson?" Bisher hatte er seinen Cousin erfolgreich aus seinen Gedanken verdrängt, doch es war an der Zeit, sich über seinen Verbleib Gedanken zu machen.
„Den ersten Tag hat er ein wahres Affentheater veranstaltet, Sir", sagte der Kapitän und sah seinen Freund aufmerksam an. „Er hat geschrieen, getobt und schlussendlich wie ein Baby geweint. Doch nach einer kurzen Erinnerung meinerseits, hat er sich in sein Schicksal gefügt." Er machte eine Pause. „Was gedenken Sie mit ihm zu tun?"
„Was soll ich schon groß tun? Ich kann ihn kaum für den Rest seines Lebens einsperren und werde ihn in Plymouth wohl oder übel von Bord gehen lassen." William zuckte seufzend mit den Schultern. „Es fällt mir nicht leicht, doch ich werde wohl mein Möglichstes tun, damit er keine weiteren Menschen ins Unglück stürzen kann. Und wenn das bedeutet, ihn in aller Öffentlichkeit bloßzustellen, dann werde ich auch das tun. Ich kann vielleicht ihn nicht retten, die Menschheit jedoch vor ihm."
„Ich verstehe", sagte John Swift und war schlau genug nicht weiter in seinen Freund einzudringen. Für William musste es immens schwer gewesen sein, eine solche Entscheidung zu treffen und er rechnete es ihm hoch an, nicht einfach die Augen zu verschließen und darauf zu hoffen, die schreckliche Situation würde sich einfach in Luft auflösen.
Eine ganze Weile blieb es still auf dem Achterdeck. Weder William noch Kapitän Swift sprach ein Wort und beide schienen eine stumme Übereinkunft geschlossen zu haben, den jeweils anderen in Ruhe seine Gedanken ordnen zu lassen. Doch dann wandte sich John Swift wieder an William und so wie es aussah, wählte er seine Worte mit Bedacht.
„Haben Sie schon entschieden, wie Sie die junge Lady nach London bringen und ob Sie mit ihrem Onkel sprechen wollen?" Absichtlich machte er William Platz und stellte sich an die Reling. Ihm brannte eine Frage unter den Fingern und da William ihn gut kannte, wollte er nicht, dass er ihm jetzt in die Augen sah. Sie waren vielleicht Freunde, doch er wollte diese gute Beziehung keinesfalls durch eine unbedachte Äußerung aufs Spiel setzen und so zog er sich ein wenig zurück.
„Ehrlich gesagt, habe ich nicht sonderlich viel darüber nachgedacht", gestand William und sah hinauf aufs Meer. „Ich werde sie über den Landweg bringen, das geht schneller, als die Angels Wing ein weiteres Mal auslaufen zu lassen. Und sicherlich werde ich mit Edward Summers sprechen. Elisabeth wird jede Hilfe brauchen, die sie bekommen kann. Wenn bekannt wird, dass sie ohne weibliche Begleitung hier auf dem Schiff war, wird es einen Eklat geben und nicht nur um Elisabeths Willen, sollten wir dem entgegenwirken." Um sich selbst machte er sich keine Sorgen. Es würde Gerede geben, doch das würde sich irgendwann im Sande verlaufen. Für Elisabeth, aber auch ihre Familie, wäre dieser Skandal tödlich und bedeutete das gesellschaftliches Aus.
„Es gäbe eine weitere Möglichkeit, der jungen Dame ihre Ehre zu erhalten", hüstelte Kapitän Swift. Er musste es einfach sagen, auch wenn William ihm die Freundschaft kündigte. Offenbar kam der junge Mann nicht von alleine auf die Idee und brauchte einen kleinen Stoss in die richtige Richtung. „Wenn sie als verheiratete Frau nach London zurückkäme…."
William fuhr herum und sah seinen Vertrauten an. „Wollen Sie sagen, ich solle sie heiraten, nur um sie zu schützen?" Sein Körper stand in Flammen und er konnte kaum glauben, was er gerade gehört hatte. Er selbst hatte diesen flüchtigen Gedanken nicht einmal zugelassen und nun sagte ausgerechnet John Swift solche Worte zu ihm.
„Ich habe lange mit mir gerungen, Sir", sagte Kapitän Swift und holte tief
Luft. „Wir kennen uns schon sehr lange und ich weiß wie kaum ein anderer Ihren
Edelmut zu schätzen. Doch das ist es nicht, was ich meinte." Er machte eine
Pause und kaute nervös auf seiner Unterlippe. „Es steht mir nicht zu, dass ist
mir entschieden bewusst, doch wie ich gerade schon sagte, kennen wir uns schon
sehr lange und ich kann Ihre Stimmungen erkennen, sobald ich in Ihre Augen sehe.
Und ich sehe eine Menge, wenn Sie von Miss Elisabeth sprechen."
Williams Wangen verfärbten sich und er drehte sich rasch weg. „Ich dachte, ich
hätte es erfolgreich vor jedem verborgen."
„Sie mögen die anderen getäuscht haben, Sir", sagte Kapitän Swift leise und fühlte eine unglaubliche Erleichterung in sich aufsteigen. „Mich aber nicht." Er hatte damit gerechnet, William würde wütend die Treppe hinab laufen oder ihn zumindest zurechtstutzen, doch Mr. Grey hatte offenbar gemerkt, dass hinter seiner Aussage kein Vorwurf steckte, sondern schlichte Besorgnis.
„Sie denken also, ich sollte es wagen und ihr einen Antrag machen?", fragte
William leise, dann seufzte er. „Ich kann mir beim besten Willen nicht
vorstellen, dass sie eine Heirat mit mir auf nur in Erwägung zieht. Ich bin so
viel älter als sie und…"
„Sir", unterbrach Kapitän Swift und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Haben Sie denn nie in ihre Augen gesehen, wenn Sie zu Ihnen aufblickt?"
„Sie meinen… Sie meinen… Oh Gott! Sie können nicht denken, dass sie… dass
sie…."
„Doch, William, genau das meine ich", sagte er und musste ein Lächeln
unterdrücken. So aufgeregt und durcheinander hatte er seinen Freund noch nie
gesehen. Seine Mimik wandelte sich in Sekundenbruchteilen. Erstaunen, Unglaube,
pures Glück und dann wieder Unglaube. „Vielleicht habe ich mich zu weit aus dem
Fenster gelehnt, doch wie Sie sicherlich wissen, behaupte ich selten etwas,
dessen ich mir nicht ganz sicher bin."
„Ich muss darüber nachdenken", murmelte William, nickte und lief auch schon die Treppe hinab. Doch auf halber Strecke blieb er stehen und warf einen fragenden Blick zurück. „Und Sie sind sich Ihrer Sache wirklich sicher?"
„Ich weiß nicht, woher ich weiß, was ich weiß…." Er lächelte, als William in seine Kabine stürmte, denn das war der Satz, den er immer anbrachte, wenn er sich sicher war. Und William hatte die Anspielung sofort verstanden. Doch dann wurde seine Miene ernst und er hoffte, es würde sich so entwickeln, wie er es für richtig hielt. Wenn nicht, dann würde es seinem Freund das Herz brechen und er musste mit der Schuld leben.
Teil 16
Williams Herz klopfte ihm hinauf bis zum Hals und er fühlte sich, als würde es noch weit darüber hinausspringen. Niemals zuvor war er so aufgeregt, aber auch so glücklich gewesen und er konnte kaum still stehen blieben. Konnte Kapitän Swift wirklich Recht haben? Konnte es sein, dass doch er es war, an den Elisabeth ihr Herz verschenkt hatte? Zweifel meldeten sich in seinem Hinterkopf, aber er wollte sie nicht zulassen und schob sie weit von sich. John Swift hatte sich noch niemals geirrt und dieses Mal würde er nicht zulassen, dass dieser winzige Funken Hoffnung, der gerade in ihm aufkeimte, wieder von bitteren Gedanken gelöscht wurde.
Nervös und die Hände ringend lief er in seiner Kabine auf und ab. Sollte er Elisabeth aufsuchen und versuchen, in ihren Augen das zu sehen, was sein guter Freund darin zu sehen glaubte? Allerdings war er viel zu aufgeregt und so wie er sich aufführte, würde er höchstens Verwirrung in ihnen sehen, dessen war er sich gewiss.
„Was mache ich denn nur?", murmelte er, blieb stehen, schüttelte den Kopf und lief weiter. „Ich kann wohl kaum einfach in ihre Kabine eilen und mich vor ihr auf die Knie werfen. Sie ahnt nicht einmal etwas von meinen Absichten!" Er seufzte und schüttelte wieder den Kopf. „Gott, William! Beherrsch dich! Wo bleibt denn dein sonst so ruhiges Gemüt?"
Stocksteif blieb er stehen, senkte den Kopf und atmete zur Beruhigung tief ein und aus. Nur sehr langsam kehrte seine Fassung zurück und in seinem Kopf zeichneten sich erste, vage Pläne ab. Alles musste gut durchdacht sein und es gab vieles zu bedenken. Sollte Elisabeth es überhaupt in Erwägung ziehen, seinen Antrag anzunehmen, dann wollte er es richtig machen und wie es sich gehörte, bei ihrem Onkel vorsprechen. Doch erst einmal musste er sich dafür überlegen, wie er ihm gegenüber Elisabeths Anwesenheit auf seinem Schiff erklären würde.
So behäbig Edward Summers hin und wieder auch war, er war ein Mann von Ehre und würde es gewiss nicht gut aufnehmen, dass Elisabeth Woche um Woche auf einem Schiff mit einem Haufen Männern gesegelt war. Nein, das konnte er ihr nicht antun. Er brauchte einen Plan. Er brauchte eine Menge Pläne! Und alle diese Pläne mussten sich zu einem großen Ganzen entwickeln.
William eilte auf seinen Schreibtisch zu, kramte Papier aus der Schublade und griff nach der Feder. Er hatte nun eine Menge zu tun und viel zu wenig Zeit, um all das zu verwirklichen, was sich langsam aber sich in seinem Kopf abzeichnete. „Beruhige dich endlich!", schimpfte er mit sich selbst. „Wenn du alles wieder ins rechte Lot rücken willst, brauchst du jetzt einen klaren Verstand und keinen dummen Schuljungen, der aufgeregt auf- und abhüpft." Er nickte sich selbst zu, holte ein letztes Mal tief Luft und machte sich daran, alles Wichtige aufzuschreiben und nach und nach fein auszuarbeiten.
*~*~*
„Geht es Ihnen gut?", ganz langsam näherte sich William Elisabeth, die seit dem ersten Sonnenstrahl in aller Herrgottsfrühe am Bug der Angels Wing stand und das immer näher kommende Festland nicht aus den Augen ließ.
„Ich habe Angst", gestand sie, und als sie sich ihm zuwandte, musste er das dringende Bedürfnis unterdrücken, sie zu trösten. „Nackte Angst sitzt mir im Nacken. Ich habe nicht gedacht, dass es so hart sein würde…." Elisabeth stockte und wandte den Blick zurück auf das Meer vor sich. „Auf dem Ozean ließen sich alle Sorgen so leicht wegschieben, doch nun kehren sie mit doppelter Kraft zurück."
Tausend Worte spukten durch Williams Kopf, doch alle klangen wie belanglose Floskeln und so schwieg er lieber. Einen Augenblick blieb er still und stumm stehen, dann stellte er sich neben sie, wenn auch in gewissem Abstand, denn er wollte ihr keineswegs zu nahe treten und sie erschrecken.
„Was geschieht nun mit mir?", fragte sie ohne den Blick zu wenden. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll", leise seufzend sah sie ihn an. „Ich könnte verstehen, wenn Sie mich von Bord schicken, sobald das Schiff angelegt hat, doch ich hoffe noch immer darauf, dass Sie mich nach London begleiten. Ich glaube, es wäre leichter meinem Onkel gegenüberzutreten, wenn ich eine Person an meiner Seite habe, die meine Geschichte jedenfalls weitestgehend bestätigen kann."
Sie sah so furchtbar traurig aus, dass es ihm beinahe das Herz brach. Doch
die Neuigkeiten, die er für sie hatte, würden gewiss nicht dazu beitragen, dass
sie sich besser fühlte und er hatte fast Angst davor ihr davon zu erzählen. „Ich
habe mir eine Menge Gedanken darum gemacht und mich dazu entschlossen, Ihrem
Onkel einen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, auf dem schnellsten Weg nach
Plymouth zu reisen. Sobald wir angelegt haben wird ein Bote nach London eilen
und…"
„Mein Onkel soll mich abholen?" Erschreckt sah sie auf. „Oh, mein Gott. Das geht
nicht. Das macht alle meine Pläne zunichte. Wie soll ich denn jemals nach London
kommen? Wie soll ich jemals an das Geld kommen, das mir mein Vater hinterlassen
hat?"
„Miss Elisabeth", versuchte er sie zu beruhigen. „Bitte, Sie müssen mir vertrauen. Alles wird sich zum Guten wenden." Aufrichtig sah er sie an, doch es lag nicht Vertrauen in ihrem Blick, sondern blanke Panik. „Ich habe es mir reiflich überlegt und für das Beste erachtet, wenn Edward Summers nach Plymouth kommt. Bitte! Schenken Sie mir ein letztes Mal Ihr Vertrauen. Es wird sich bestimmt jedes Problem lösen lassen."
„Entschuldigen Sie, Sir, aber das bezweifle ich sehr." Sie schluchzte auf, knickste schnell und rannte dann über das Deck.
Hilflos sah er ihr hinterher und sein Herz fühlte sich wie aus Blei gemacht an. So schwer war es niemals zuvor gewesen und er hoffte und betete, das alles, was er so lange ausgeklügelt hatte, auch wirklich funktionierte.
*~*~*
Den zweiten Tag lag die Angels Wing nun schon vor Plymouth vor Anker und an Deck war es seltsam still. Emerson Grey war längst achtkantig von Bord geworfen worden, unter großem Beifall der versammelten Mannschaft, und da sie keine Ladung an Bord hatten, hatten die meisten Matrosen das Schiff längst verlassen, nur einige wenige waren zurückgeblieben, um ein letztes Mal klar Schiff zu machen. Auch Kapitän Swift verließ für mehrere Stunden pro Tag den Windjammer, kehrte jedoch am Abend zurück, um seinem Freund jedenfalls ein wenig Unterstützung zukommen zu lassen.
„Das dürfte er sein", sagte William nervös, schob das Fernrohr zusammen und
sah seinen Freund an. „Edward Summers ist angekommen und es wird nur noch wenige
Minuten dauern, bis er an Bord kommt. Ich hoffe, es ist alles vorbereitet."
„Selbstverständlich", nickte John Swift und machte sich auf den Weg, um
Elisabeth in ihrer Kabine zu besuchen. Das junge Mädchen hatte sich nicht mehr
blicken lassen, seitdem die Angels Wing fest am Pier vertäut lag und er konnte
es ihr nicht einmal verdenken. Nun war es jedoch an ihm, ihr die Pläne
vorzulegen, die William und auch er ausgearbeitet hatten. Sie hatten sich darauf
verständigt, Elisabeth erst im letzten Augenblick davon zu erzählen, denn gewiss
hätte sie sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt. Er seufzte, warf einen
letzten Blick auf William Grey, der nun langsam die Treppe vom Achterdeck
hinabstieg, und ging dann ins Innere des Schiffes. „Nun heißt es Daumen
drücken!"
*~*~*
Edward Summers vergaß jede Etikette, stürmte geradezu auf das Schiff und sah sich schnell einer Menge fremder Personen gegenüber. „Wer von Ihnen ist Mr. William Grey?", donnerte er.
„Das bin ich, Sir", sagte William und trat aus der Reihe hervor. Er verbeugte sich höflich und bat seinen Gast, näher zu treten. „Wenn ich bekannt machen darf. Meine Tante Fanny und ihre Tochter Mabel, Doktor Hastings und nicht zuletzt John Swift, der Kapitän dieses Schiffes."
„Sehr schön", nickte Edward Summers, auch wenn sein Gesichtsausdruck etwas anderes sagte. „Wo ist Elisabeth?"
„Sie befindet sich unter Deck. Sie fühlt sich heute nicht sehr wohl, wie Sie
gewiss verstehen werden, Sir", sagte Fanny und knickste vor ihm. „Ich allerdings
muss gestehen, dass ich mich sehr freue, Sie endlich einmal kennenzulernen. Ihre
Nichte hat mir auf der Reise so viel Gutes über Sie erzählt, dass ich es kaum
abwarten konnte, Ihnen endlich einmal zu begegnen."
Man sah Edward Summers an, dass er überlegte. „Darf ich das so verstehen, dass
Sie und Ihre werte Tochter ebenfalls an Bord waren während der langen Reise?"
„Gewiss, gewiss, Sir", nickte Fanny und lächelte liebenswürdig. „Mein lieber
Neffe war so freundlich mich und meine Tochter einzuladen, eine Fahrt auf diesem
vorzüglichen Schiff zu unternehmen. Wir haben die Zeit in New York wirklich
genossen. So eine große, aufregende Stadt. Und als dann noch Ihre werte Nichte
hinzukam und uns auf der Rückreise begleitete, war mein Glück perfekt. So ein
liebes, nettes Mädchen. Eine ausgezeichnete Erziehung. Ich kann Ihnen dazu nur
beglückwünschen."
„Danke", nickte Edward Summers und sein Gesichtsausdruck milderte sich beträchtlich. „Ich muss allerdings gestehen, dass ich nun gerne mit ihr sprechen möchte. Sie werden gewiss verstehen, dass ich nach den Vorkommnissen…"
„Oh", rief Fanny. „Seien Sie bitte nicht zu streng mit ihr, Sir. Sie ist noch
so jung und musste dennoch schon manch harten Schicksalsschlag überstehen." Sie
knickste, ebenso wie ihre Tochter. „Wenn Sie uns nun bitte entschuldigen würden.
Meine Kutsche wird gewiss gleich hier sein und für Mabel und mich wird es Zeit,
zurück nach Hause zu fahren." Dann eilte sie auf William zu, herzte ihn kurz und
zwickte ihm in die Wange. „Und vergiss nicht, uns bitte so schnell es geht zu
besuchen, mein lieber Junge."
William nickte nur und staunte über das perfekte Schauspiel, dass Kapitän Swifts
Ehefrau und Tochter hier gerade abgeliefert hatten. „Das werde ich, Fanny. Ganz
gewiss." Er verbeugte sich, ebenso vor seiner angeblichen Cousine und
verabschiedete sich von ihnen. Dann wandte er sich Edward Summers zu. „Wenn Sie
mir bitte unter Deck folgen würden. Es gibt einiges zu besprechen."
*~*~*
Das Gespräch mit Edward Summers verlief weitaus besser, als William es sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Längst hatte der gute Mann sich entspannt, es wurde gelacht und gescherzt, was aber sicherlich auch an dem guten Whiskey lag, den William beständig in das Glas seinen Gastes nachfüllte. Auch diese Unterhaltung hatte er bis ins Detail geplant. Viel Lob über Elisabeth und ihre perfekte Erziehung, eine Menge Komplimente für den Onkel und schlussendlich das Angebot auf ein lukratives Geschäft, hatten Edward in beste Stimmung versetzt und er nickte nun auch zustimmend auf Williams letzte, vielleicht wichtigste Frage überhaupt.
„So würde sich die verfahrene Situation praktisch in Luft auflösen", nickte
Edward Summers und griff erneut nach seinem Whiskeyglas. „Gibt es unter Ihnen
Beiden schon eine Art Übereinkunft?"
„Nein, Sir", sagte William ehrlich und schüttelte den Kopf. „Sie ahnt nicht
einmal etwas von meinen Absichten."
„Was mir noch mehr deutlich macht, wie anständig sie hier auf dem Schiff behandelt wurde", sagte Edward Summers hoch zufrieden. „Nun, da bleibt mir nur, Ihnen viel Glück zu wünschen Mr. Grey." Er lehnte sich wohlig zurück. „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mir gerne ein paar Minuten Ruhe gönnen. Seitdem mich Ihr Brief erreicht hat, waren meine Nerven doch sehr angespannt und der gute Whiskey tut sein Übriges."
„Selbstverständlich", nickte William und plötzlich wurde er wieder nervös. Nun hieß es die Frau zu überzeugen, die er über alle Maße liebte und er befürchtete, dass sich das nicht als allzu einfach erweisen würde. „Fühlen Sie sich ganz wie Zuhause." Er verbeugte sich und verließ das Wohnzimmer.
*~*~*
Elisabeth sprang auf, kaum dass William ihre Kabine betreten hatte. „Wo ist mein Onkel? Ist er auf den Trick hereingefallen und ist er sehr böse auf mich?" Sie rang die Hände und sah ihn seufzend an. „Er wird jetzt mit mir sprechen wollen?!"
„Ihrem Onkel geht es den Umständen entsprechend sehr gut", sagte William und eigentlich hatte er dabei lächeln wollen. Doch seine Gesichtsmimik ließ sich gerade nur sehr schwer lenken und so sprach er schnell weiter. „Wie ich es mir gewünscht habe, ist er auf all meine Vorschläge eingegangen und … und … Elisabeth, ich weiß, dass Sie nun sicherlich überrascht sind und ich weiß auch, dass nicht gerade die rechte Zeit ist, doch ich möchte Sie fragen… fragen, ob Sie sich vorstellen könnten, meine … meine Frau zu werden?" Er schluckte schwer, sah zu ihr auf und sackte in sich zusammen.
Elisabeth schüttelte wild den Kopf. „Oh, Gott. Nein, nein. Ich könnte niemals… oh, bitte… nein!" Tränen rannen in Strömen über ihre Wangen. „Ich kann Sie nicht heiraten, Sir", keuchte sie, raffte ihre Kleider und lief, wie er es schon kannte, aus der Kabine.
Er hatte es ja gewusst. Wie hatte er nur glauben können…? Dann runzelte William die Stirn und beeilte sich ihr hinterherzulaufen. Das letzte Mal, als sie sich in einer ähnlichen seelischen Verfassung befunden hatte, war sie geradewegs über die Reling gestürzt und er hechtete hinter ihr her. Doch kaum war er an Deck, wurde er von Kapitän Swift aufgehalten.
„Es sieht nicht so aus, als würde Ihr Plan aufgehen", sagte er leise und
hielt William fest, der nichts als an ihm vorbei wollte. Doch wie es aussah,
brauchte sein Freund gerade alle Hilfe, die er bekommen konnte und so nahm er
sich die Freiheit, ihn aufzuhalten. „Und keine Sorge, Miss Elisabeth ist nur vor
zum Bug gelaufen."
William entspannte sich ein wenig und sein Blick war hundeelend, als er zum
Kapitän der Angels Wing ansah. „Sie will mich nicht", sagte er leise.
„Darf ich fragen, Sir, ob Sie Ihr auch erklärt haben, aus welchen Gründen heraus Sie handeln? Oder muss Miss Elisabeth davon ausgehen, dass dies ein Teil Ihres Handels mit ihrem Onkel ist?" John Swift ahnte Schlimmes. „Ich habe noch nie ein Mädchen so sehr weinen sehen, wenn sie sich wahrhaftig geliebt fühlt."
William runzelte die Stirn. John Swift hatte natürlich Recht. Elisabeth hatte keine Ahnung, dass es kein Geschäft war, das mit ihrem Onkel vereinbart worden war. „Ich befürchte, ich habe mich benommen wie ein Esel. Ich habe sie geradezu überfallen und… und…", gestand er im Flüsterton und seufzte herzerweichend.
„Nun, Sir", lächelte der Kapitän. „Noch ist es nicht zu spät und sie wollen doch gewiss nicht so kurz vor der Ziellinie aufgeben." Er gab ihm einen kräftigen Schlag auf den Rücken und schickte ihn somit auf den Weg.
*~*~*
„Elisabeth?", wie in Zeitlupe bewegte er sich auf sie zu. Sie weinte noch immer bitterlich und um sicherzugehen, dass sie nicht wieder weglief, verstellte er ihr den Weg. „Darf ich bitte erklären…?"
„Es gibt nicht viel zu erklären", fuhr sie schluchzend zu ihm herum. „Doch
dieses Mal werde ich Ihre Freundlichkeit nicht ausnutzen. Ich kann und werde
nicht… nein, niemals."
„Elisabeth, bitte", sagte er und wagte sich ein paar Schritte weiter vor. „Ich
kann verstehen, dass … dass…." Er seufzte. „Ich hätte Sie nicht so überrumpeln
dürfen und vor allem hätte ich besser erklären müssen…."
„Dass Sie einen Handel mit meinem Onkel eingegangen sind, der mir die Ehre
rettet und ihn mit Geld versorgt", fuhr Elisabeth hoch und wischte sich
entschieden die Tränen aus dem Gesicht. „Nein, Sir. Das werde ich niemals
annehmen. Vorher werde ich…"
„Elisabeth", bremste er sie und wagte es sich, für einen kurzen Moment ihre Hand
zu nehmen. „Bitte, es ist nicht so, wie Sie denken." Dann nahm er allen Mut
zusammen und lächelte verlegen. „Elisabeth, ich lie…liebe Sie. Schon vom ersten
Augenblick an haben Sie mir vollständig den Kopf verdreht und ich kann nicht…
kann nicht sagen, wie sehr es mich schmerzen würde, Sie niemals wieder zu
sehen." Er holte tief Luft. „Sollten Sie meine Gefühle nicht erwidern, so werde
ich gewiss nicht auf eine Vermählung beharren. Sollten Sie sie jedoch auch nur
im Geringsten erwidern, so würden Sie mich zum glücklichsten Mann der Welt
machen, wenn Sie meinen wahrlich sehr ernst gemeinten Antrag annehmen."
Elisabeth schluckte schwer, als sie in seine liebevollen Augen blickte und es dauerte einen Moment, bis sie sich gefangen hatte. „Ich… ich…", sie lächelte schüchtern und ließ ihn nicht einen Moment aus den Augen. „Ich könnte mir kaum ein größeres Glück vorstellen", brachte sie schließlich über die Lippen.
*~*~*
„Dann hat sich diese furchtbare Geschichte in Wohlgefallen aufgelöst", sagte Edward Summers, der leicht angetrunken neben dem Kapitän stand und dabei zusah, wie William vor seiner Nichte auf die Knie niedersank. „Und ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen."
„Nun, Sir", sagte der Kapitän und freute sich für seinen Freund. „Ich kann
Ihnen versichern, dass William ein Mann von tadellosem Ruf ist und er sich
sicherlich stets gut um Ihre Nichte kümmern wird."
„Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen", nickte Edward Summers, „und kann
Ihnen nur zustimmen. Er scheint ein Mann von Ehre zu sein. Allerdings habe ich
von einem missratenen Cousin gehört, doch nicht einmal der scheint seinen guten
Ruf zu schmälern." Er schwankte ein wenig. „Da fällt mir ein. Ich habe in der
Kutsche noch Elisabeths Schmuckschatulle. Ich weiß nicht, warum sie sie
unbedingt bei sich haben wollte, doch ich bin Mr. Greys Bitte nachgekommen und
habe sie mitgebracht. Ob wohl jemand Ihrer Männer so gut wäre sie heraufzutragen?
Sie scheint aus Blei gemacht, so schwer ist sie."