
Titel: Three days of darkness
Autor: Silentthunder
Inhalt: Etwa unheimliches braut sich über Sunnydale zusammen.
Altersfreigabe: keine
Teile: 11
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Buffy/Spike
Three Days of Darkness
Unruhig warf Spike sich in dem todesähnlichen Zustand, den er als Schlaf bezeichnen würde, hin und her. Irgendetwas stimmte nicht. War anders als sonst. Nicht so, wie er es gewohnt war und nicht so, wie es eigentlich sein sollte.
Fast panisch schreckte er hoch, blickte sich hektisch um und betrachtete argwöhnisch eine dunkle Ecke nach der anderen. Seine Sinne sagten ihm, dass er alleine war und doch hatte er nicht das Gefühl, dass er es auch war.
Er fühlte sich beobachtet. Belauert! Seine Haut brannte, wie mit Weihwasser übergossen und doch zeigten sich keine Brandblasen. Er fuhr mit der Hand über seinen Unterarm und fühlte nur eines, Kälte. Dessen ungeachtet brannte es weiter, schmerzte und machte ihn wütend, weil er die Ursache nicht kannte.
Behände sprang er aus dem Bett, kletterte, jede Faser seines Körpers gespannt, die Leiter hinauf in den oberen Teil der Gruft. Bereit sich auf den Eindringling zu stürzen, der für sein Befinden zuständig war. Er durchsuchte mehrfach jeden Zentimeter seiner Behausung, aber er war alleine.
Mit gerunzelter Stirn öffnete er den Kühlschrank und entnahm ihm einen Blutbeutel. Wieder überkam ihn das Gefühl beobachtet zu werden und er blickte sich um. Noch immer lag die Gruft im Dunkeln, nichts hatte sich verändert.
Spike goss den Inhalt des Beutels in eine Tasse und war gerade im Begriff sie in die Mikrowelle zu stellen, als er inne hielt. Irgendetwas war ihm gerade ins Auge gefallen. Aber was? Sein Blick wanderte zu dem kleinen verschmutzten Fenster. Kein Licht fiel herein, nicht der kleinste Schimmer. Der Vampir runzelte sie Stirn. Sein Zeitgefühl sagte ihm, dass früher Nachmittag sein musste. Wo also war die Sonne?
Er stellte die Tasse zurück in den Kühlschrank. Das herauszufinden, war jetzt wichtiger. Spike sammelte seine verstreut liegenden Kleidungsstücke auf, zog sich rasch an und öffnete dann vorsichtig die Tür. Er blickte in tiefste Finsternis und misstraute ihr sofort.
Der Vampir kehrte seinen Dämon heraus und versuchte angestrengt, durch die Dunkelheit zu blicken. Doch er sah nichts. Ein Blick in den Himmel ließ ihn frösteln. Da war nichts. Keine Wolken, keine Sterne, kein gar nichts! Verwundert verwandelte er sein Gesicht zurück und kramte eine Zigarette aus seiner Manteltasche.
„Also keine verfluchte Sonnenfinsternis, die ich verpasst habe", brummte er undeutlich und zündete sie an. Er überlegte kurz eine Decke oder Ähnliches mitzunehmen, für den Fall, dass es schlagartig hell werden würde. Allerdings verwarf er den Gedanken sehr schnell wieder. Eine innere Stimme sagte ihm, dass das mit absoluter Sicherheit nicht geschehen würde.
Die feinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf und ihn überkam eine tiefe Unzufriedenheit. Ohne es zu wollen oder es auch nur geplant zu haben, übernahm der Dämon die Führung und fauchte böse. Aber nicht einmal die Sinne des Dämons konnten die Finsternis durchdringen. Alles war und blieb dunkel. Schwarz. Unendlich schwarz!
„Es wird Zeit, dass ich der Jägerin einen Besuch abstatte", murmelte er leise vor sich hin und warf den Zigarettenstummel auf die Erde. „Dringend Zeit!"
Die Straßenbeleuchtung war intakt und er war froh, vom Friedhof heruntergekommen zu sein, ohne über irgendwelche Grabsteine oder anderes zu stolpern. Noch niemals zuvor hatte er sich so blind gefühlt. Alles war schwarz, nicht der kleinste Farbunterschied, bis endlich die Laternen seinen Weg erhellt hatten.
Aber auch dieses Licht war schwächer als gewöhnlich, fast so, als würde es von einer unbekannten Quelle aufgesaugt werden. Seine Sinne spielten völlig verrückt. Spike wusste es war kalt, aber seine Haut brannte nach wie vor. So schnell es ging durchquerte er die Straßen und öffnete beinahe hektisch die Eingangstür der Magic Box und stürmte hinein.
Allerdings achtete niemand der Anwesenden sonderlich auf ihn. Wie er erwartet hatte, hatte der Wächter bereits alle zusammengetrommelt und sie besprachen das neue Phänomen.
Buffy blickte ihn kurz an, nickte ihm zu und wandte sich dann wieder mit neuen Fragen an Giles.
‚Wenn Buffy nicht mal einen blöden Spruch loslässt wenn ich ankomme, dann ist es schlimmer als erwartet’, überlegte der Vampir und setzte sich verkehrt herum auf einen der freien Stühle. Ausnahmsweise hörte er erst einmal zu, bevor er sich, wie üblich, in das Gespräch einmischte.
„Woher wissen Sie dann, dass es ein lokales Problem ist?", wandte er sich mit hochgezogenen Augenbrauen an den Wächter. „Wenn die ganze Erdkugel im Dunkeln liegt, warum ist es dann ein Höllenschlund Problem?"
„Weil es hier angefangen hat", erwiderte der Wächter und rückte seine Brille zu Recht. „In L.A. zum Beispiel ist es heute Morgen hell geworden, wenn auch nur für kurze Zeit. Es hatte in Sunnydale seinen Anfang und hat sich dann kreisförmig ausgebreitet, bis es auch den letzten Winkel der Erdkugel erreicht hatte."
„Und wir wissen ansonsten gar nichts? Überhaupt nichts?", fragte Buffy und schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Ahnung, ob es tatsächlich *mein* Problem ist. Vielleicht bekommen wir ja Besuch von irgendwelchen Außerirdischen!"
„Die Möglichkeit können wir ausschließen", erwiderte Giles und schüttelte den Kopf. „Keine Außerirdischen, definitiv magisch!"
„Wie kalt wird es noch werden?", wandte sich Willow jetzt an den Wächter. „Es muss schon nahe am Gefrierpunkt liegen."
„Ich kann es dir nicht sagen", erwiderte der Angesprochene hilflos. „Ich wüsste es selbst gerne. Aber das ist nicht unser größtes Problem."
„Wohl eher nicht", meinte Xander scheinbar gelangweilt. „Wir müssen wissen, mit was wir es zu tun haben."
„Das natürlich auch. Aber es gibt noch ein anderes. Bisher glauben die Menschen den merkwürdigen Erklärungen ihrer jeweiligen Regierungen. Aber wie lange noch?"
„Oh", machte Willow und hielt sich vor Schreck über die Erkenntnis die Hand vor den Mund. „Ausschreitungen, Angst und Panik… Plünderungen…"
„Genau das", murmelte der Wächter leise. „Und wir werden es kaum aufhalten können."
„Das heißt: Nationalgarde", meinte Spike leise und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem übertriebenen Grinsen. „Dann fangen unsere Probleme erst richtig an. Überall kleine Möchtegernsoldaten, die den starken Mann spielen. Ausgangssperre und Kontrollen jeglicher Art."
„Und was machen wir dagegen?" Buffy sah ihren Wächter fragend an und wartete auf eine vernünftige Lösung, die dieser scheinbar nicht parat hatte, denn er zog nur einmal kurz die Schultern hoch und verzog sein Gesicht.
„Willow, Tara und ich werden versuchen mit Magie einige unserer offenen Fragen zu beantworten. Der Rest von euch sollte sich in Sunnydale umsehen. Vielleicht fällt euch irgendetwas Besonderes auf. Oder irgendjemand hat etwas Außergewöhnliches beobachtet."
„Willie", meinte Buffy und stand auf. „Kommst du?", wandte sie sich an Spike, der sich bisher nicht bewegt hatte, jetzt aber sofort aufstand und ihr aus der Tür heraus folgte.
„Dann wollen wir dem guten Mann mal ein wenig auf die Finger klopfen", meinte der Vampir und grinste hinterhältig. Genau so etwas brauchte er jetzt. Eine kleine Schlägerei mit einem der dämonischen Gäste der Bar. Und sei es nur, um sich selbst ein wenig abzulenken.
Buffy zog den Gürtel ihre Lederjacke strammer und blies sich ihren warmen Atem in die Hände, bevor sie die Tür des schäbigen Ladens auftrat.
Willie stand hinter der Bar und polierte mit einem schmierigen Lappen Gläser. Erwartungsvoll sah er auf, zuckte dann zusammen und seufzte vernehmlich. „Ihr seid es nur. Hätte mich auch gewundert."
„Du scheinst nicht gerade sehr beschäftigt zu sein", brummte Spike missmutig. Weit und breit kein Gast zu sehen. Kein Dämon, kein Vampir, nicht mal ein lumpiges menschliches Wesen in der Bar.
„Nein", brummte der Wirt leise. „Es ist kein Gast hier gewesen seit…, seit…, es nicht mehr hell wird. Nicht einmal die Nachtschwärmer sind unterwegs."
„Weißt du irgendwas darüber?", meinte Buffy, lehnte sich an die Theke und stieß sich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck sofort wieder ab. Irgendeine grünlich schimmernde Flüssigkeit klebte nun an ihrer Jacke und sie betrachtete sie argwöhnisch, bevor sie um die Theke ging, um nach einem sauberen Lappen zu suchen.
Willie, ihre Mimik falsch deutend, ließ vor Schreck beinahe das Glas fallen, dass er polierte seitdem sie in den Laden gekommen waren. „Ich weiß gar nichts!", rief er ihr entgegen und ging einige Schritte rückwärts.
Spike grinste spöttisch, griff über die Theke nach einer angebrochenen Flasche mit Whiskey und schraubte den Deckel ab. „Du weißt immer irgendetwas", brummte er und setzte die Flasche an die Lippen.
„Hey", versuchte der Wirt den Vampir zu bremsen. „Das Zeug ist teuer!" Aber, nachdem er einen vernichtenden Blick des Vampirs aufgefangen hatte, setzte er kleinlaut „du könntest jedenfalls ein Glas nehmen" hinzu.
„Vielleicht solltest du zwischendurch mal ein sauberes Tuch nehmen", erwiderte Buffy und wischte sich mit einem Stück Küchenrolle die undefinierbare Flüssigkeit von der Lederjacke. „Wie auch immer", meinte sie und warf das Papiertuch in den offen stehenden Mülleimer. „Wie Spike eben schon sagte, du weißt immer irgendetwas. Also, müssen wir erst wieder deine Einrichtung zertrümmern und dich ein wenig durch die Gegend schubsen oder sagst du uns freiwillig, was du weißt?"
„Ich weiß überhaupt nichts", erwiderte Willie missmutig und zuckte zusammen, als die Jägerin langsam auf ihn zukam. „Verdammt! Guck dich mal um hier! Wer hätte mir denn was erzählen sollen? Es ist niemand hier!"
Buffy sah Spike an, doch der war immer noch damit beschäftigt, die Whiskeyflasche leerzutrinken. Sie warf ihm einen grimmigen Blick zu und wandte sich dann wieder an den Wirt. „Ehrlich gesagt, habe ich im Moment nicht die geringste Lust, dein nettes Etablissement auseinander zunehmen. Aber!!! Sollte mir zu Ohren kommen, dass du doch irgendetwas vor uns verheimlichst", meinte sie und warf einen erneuten Blick auf den Vampir. „Dann wird Spike mit Sicherheit gerne wiederkommen und den Rest deines alkoholischen Vorrats austrinken."
„Verflucht noch mal! So geht das nicht", motzte Willie und versuchte Spike aufzuhalten, der gerade die leere Flasche auf den Tresen gestellt hatte, nur um gleich die nächste Flasche in seiner Manteltasche verschwinden zu lassen.
„Sieh es mal so", grinste Spike hinterhältig. „Ob du nun neues Mobiliar kaufst, oder einfach zwei Flaschen Whiskey ersetzen musst… Überleg dir gut, was dir lieber ist. Ich meine, ich hätte nichts dagegen …!"
„Schon gut, schon gut", brummte Willie und stellte genervt das Glas ins Regal, das er noch immer in der Hand hielt. „Wenn ich etwas weiß, werde ich mich melden."
Buffy lachte höhnisch und ging Richtung Ausgang. „Melden? Freiwillig? Dass ich nicht lache. Wir kommen wieder!"
Zusammen traten sie auf die Straße und sofort zog die Jägerin ihre Jacke enger um sich. „Vielleicht sollten wir noch bei mir zu Hause vorbeigehen. Nachsehen, ob mit Mom und Dawn alles in Ordnung ist", murmelte sie undeutlich.
„Warum sagst du nicht einfach, dass dir kalt ist und du was Wärmeres anziehen willst", grinste Spike, der sie sofort durchschaut hatte. „Selbst mir ist kalt", gab er schließlich zu. „Auch, wenn meine Haut wie Feuer brennt. Außerdem hätte ich nichts gegen einen heißen Kakao mit Marshmallows einzuwenden."
„Was du immer mit heißem Kakao hast", erwiderte Buffy und schüttelte den Kopf. „Aber was ich noch weniger verstehe: Warum Mom dir immer welchen macht."
„Weil ich einfach unwiderstehlich bin", meinte Spike und grinste. „Los jetzt! Bevor wir uns hier die Beine in den Bauch stehen."
Teil2
„Dieses Mal wird es schlimm, oder?", fragte Joyce und sah Spike nachdenklich an, während sie eine Tasse dampfenden Kakao vor ihn auf den Tisch stellte. Sie legte eine Tüte mit kleinen Marshmallows daneben und zog einen der Küchenstühle heran, um sich dem Vampir gegenüber zu setzen.
„Ich denke schon…Ich weiß nicht…", und da Joyce ihn verwundert ansah, sprach er weiter. „Ich weiß es wirklich nicht. Nicht einmal der Wächter hat eine Ahnung, um was es sich handelt. Aber mein Gefühl sagt mir, es ist nichts Gutes."
Joyce nickte bedächtig. Sie war heute morgen, trotz der Umstände, pünktlich in der Galerie gewesen und hatte sie beizeiten geöffnet. Als sich jedoch bis zum Mittag nicht ein einziger Kunde blicken ließ, hatte sie ihre Mitarbeiterin kurzerhand nach Hause geschickt und den Laden geschlossen.
„Geht es Ihnen nicht gut?" Spike hatte sein Gegenüber genauestens beobachtet und ihre blasse Gesichtsfarbe durchaus wahrgenommen.
„Es sind nur Kopfschmerzen. Aber tun Sie mir bitte den Gefallen und sagen Sie Buffy nichts davon."
Der Vampir wurde sofort hellhörig. „Nur Kopfschmerzen und dann soll ich nichts verraten?" Er legte den Kopf schräg und sah sie herausfordernd an.
„Es ist nicht… Ich habe es schon seit ein paar Tagen… Wenn Buffy weiß, dass es mir nicht gut geht… Sie macht sich ansonsten zu viele Gedanken und gerade jetzt sollte sie den Kopf frei haben und nicht die ganze Zeit an mich denken müssen."
„Ich verstehe", erwiderte Spike und rührte bedächtig in seinem Kakao. „Wo ist der Krümel?", fragte er dann.
„Sie ist oben. Beleidigt, weil ich sie nicht zu Janice gehen lassen wollte", antwortete Joyce und seufzte. „Ach, sie wird sich schon wieder beruhigen."
„Soll ich mal mit ihr reden", fragte Spike und zuckte zusammen, als Buffy die Tür aufstieß und in den Raum trat.
„Mit wem willst du sprechen?", meinte die Jägerin und griff nach ihrer Jacke, die über einer Stuhllehne hing.
„Unwichtig", brummte der Vampir und trank widerwillig seine Tasse aus. Wie es aussah wollte Buffy keinerlei Zeit verlieren, also stand er auf. „Auf Wiedersehen, Joyce, und danke schön für den Kakao."
Sie nickte ihm einmal zu und Spike verließ die Küche durch den hinteren Eingang. Die Jägerin stand bereits auf der Terrasse und wartete ungeduldig auf ihn.
„Was machen wir jetzt", brummte der Vampir. Er hatte keinerlei Lust mehr durch das menschenleere Sunnydale zu laufen. Doch genau das schlug sie gerade vor.
„Und wenn wir nichts finden, gehen wir zurück zur Magic Box. Vielleicht haben Giles, Willow und Tara ja mittlerweile etwas herausgefunden."
Missmutig stimmte er zu und zusammen machten sie sich auf den Weg in die Stadtmitte. Niemand war unterwegs. Keine Menschenseele traute sich in diese abgrundtiefe Finsternis. Nicht einmal ein wagemutiger, gerade erwachter Vampir war unterwegs und Spike ging die Stille langsam aber sicher schwer auf die Nerven. Seine Haut brannte noch immer und, obwohl er sich langsam an dieses Gefühl gewöhnte, störte es ihn sehr, dass er die Ursache nicht kannte. Er hatte nicht übel Lust, seine überschüssigen Energien ein wenig abzubauen. Allerdings hatte er bisher noch keine Gelegenheit dazu gefunden.
Buffy beobachtete den Vampir argwöhnisch. Irgendetwas an ihm war merkwürdig. Na ja, merkwürdiger als üblicherweise. Sie schrak zusammen als Spike einen plötzlichen Satz au sie zu tat und dann grimmig einer streunenden Katze hinter herblickte, die es gewagt hatte, unangemeldet aus dem Gebüsch zu kriechen.
„Okay. Wir gehen dann mal zur Magic Box", meinte Buffy leise und sah den Vampir verwirrt an. So nervös hatte sie ihn niemals vorher gesehen. „Wollen wir mal hoffen, dass den anderen etwas eingefallen ist."
Spike drehte auf der Stelle um, und ging in die entgegengesetzte Richtung als bisher. Buffy sah ihm einen Moment verwundert hinterher und beeilte sich dann, ihn einzuholen.
„Was hast du vor?"
„Ich will zu deinem beknackten Wächter. Du hast doch gerade gesagt, du wolltest dahin."
„Ja, aber du gehst in die falsche Richtung", erwiderte Buffy und blieb stehen. ‚Was wird das jetzt?’, schoss es ihr durch den Kopf.
„Nicht, wenn ich noch einmal bei Willie vorbei will", brummte der Vampir und ging, ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, einfach weiter.
„Was willst du denn da schon wieder? Wir waren vor nicht einmal einer Stunde da", rief sie ihm hinterher.
Der Vampir drehte sich um, schüttelte den Kopf und sah sie genervt an. „Die Stadt ist tot. Kein Mensch unterwegs. Wenn überhaupt etwas los ist, dann da." ‚Und wenn nicht, dann kann ich jedenfalls meinen alkoholischen Vorrat ein wenig auffüllen’, überlegte Spike hinterhältig. ‚Mit ganz viel Glück kann ich da noch eine kleine Schlägerei anzetteln.’
Mit einem Schulterzucken gab Buffy nach und eilte ihm hinterher. Im Grunde war es egal welchen Weg sie gingen. Solange sie irgendwann bei Giles ankamen.
„Hast du das gesehen?", fragte Spike im Flüsterton und deutete die Straße herunter.
„Was gesehen?", erwiderte Buffy und folgte seiner Hand mit den Augen. „Alles, was ich sehe, ist Schwärze."
„Ja, aber irgendetwas bewegt sich in der Dunkelheit."
Buffy strengte sich an und starrte in die endlose Dunkelheit, konnte allerdings außer Schatten nichts entdecken. Sie stutzte einen Moment. Ja, sie sah Schatten. Aber diese Schatten bewegten sich. Und es waren definitiv keine Bäume, die im Wind hin und her schwangen.
„Was ist das?", fragte sie leise und warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Keine verfluchte Ahnung. Ich habe nur ein paar Schemen gesehen. Aber scheinbar ist es, was immer es war, jetzt verschwunden."
Zusammen starrten sie noch einige Minuten reglos in die Dunkelheit, doch sie nahmen keine Bewegung mehr wahr. „Lass uns gehen", murmelte Buffy schließlich. „Ich habe das Gefühl, je länger ich in diese Finsternis sehe, desto weniger kann ich überhaupt erkennen."
Spikes einzige Antwort war ein kurzes, zustimmendes Brummen. Er zuckte mit den Schultern, deutete mit dem Kopf die grobe Richtung an und lief im gleichen Moment los.
Es dauerte nicht lange, und sie standen vor der schäbigen Kneipe. Buffy öffnete die Tür, ausnahmsweise ohne sie mit Kraft aufzustoßen oder gar aufzutreten. Gemeinsam traten sie in die heruntergekommene Bruchbude und sahen Willie, der sich an die Theke gesetzt hatte und laut schnarchte. Kein Kunde war zu sehen, genau wie vor einer Stunde.
Spike grinste, trat näher an den schlafenden Mann und zuckte dann die Schultern. ‚Es macht zwar nur halb soviel Spaß Alkohol mitgehen zu lassen, wenn der Besitzer tief schläft. Aber… Aber egal.’ Er langte über den Tresen, besah sich die verschiedenen Flaschen und deren Inhalt und entschied sich schließlich für eine Flasche Wodka.
Buffy, die die ganze Szene kopfschüttelnd betrachtet hatte, drehte sich schließlich um und verließ die Kaschemme. Sie stand auf dem Gehweg und ohne weiteres Zutun stellten sich ihre Nackenhärchen auf. Unbewusst nahm sie Kampfhaltung an und starrte in die Dunkelheit, um den möglichen Gegner ausfindig zu machen.
Gerade in dem Moment als Spike Willies Schuppen verließ, sah sie verschwommene Umrisse in der Finsternis. Der Vampir, der ihre Haltung sofort erkannte, stellte sich lautlos neben sie und folgte ihrem Blick.
„Also habe ich doch etwas gesehen", flüsterte er so leise, dass Buffy ihn kaum verstehen konnte.
„Scheinbar", raunte sie zurück. „Aber was ist das?" Eine Statur konnte sie nicht wahrnehmen, nichts, was darauf schließen würde, dass es ein Mensch oder gar ein Dämon war.
„Was sind die? Müsste es heißen", murmelte Spike und ein ungutes Gefühl überkam ihn. „Ich sag das jetzt nur ungern, aber wir sollten machen, dass wir von hier verschwinden."
„Jetzt, wo wir endlich etwas gefunden haben?"
„Wir haben etwas entdeckt. Aber was immer das ist, es erschreckt sogar meinen Dämonen. Es wäre vielleicht ratsam, etwas mehr Unterstützung zu haben bevor wir uns damit anlegen."
„Was für Unterstützung?", zischte Buffy. „Wenn wir Beide damit nicht zurechtkommen, wer dann?"
„Magische Unterstützung, Slayer. Zauber, Flüche, irgendwas."
„Ich will wissen, wo sie hingehen", erwiderte Buffy und schlich, dicht an den Häuserfronten gedrängt, auf das Unbekannte zu.
„Scheiße", brummte Spike. Alles in ihm sträubte sich, und doch eilte er ihr hinterher.
Sie waren näher gekommen und versuchten, jedes Geräusch zu vermeiden. Erkennen konnten sie in der absoluten Dunkelheit noch immer nicht mehr, doch die Schatten waren größer geworden. Buffy zählte drei dieser schemenhaften Wesen, doch sie war sich nicht sicher, ob nicht noch ein weiteres irgendwo lauerte.
„Was immer sie sind", flüsterte Spike dicht an ihrem Ohr. „Sie sprechen."
„Kannst du sie verstehen?", flüsterte Buffy ebenso leise zurück.
Noch bevor der Vampir antworten konnte, riss er die Jägerin von den Beinen und hielt sich den schmerzenden Kopf, während eine Art Feuerball direkt über ihnen an der Hauswand explodierte.
„Verfluchte Scheiße! Weg hier und zwar schnell", zischte er und sprang auf. Er riss an Buffys Arm, ignorierte den Schmerz so gut es ging und so schnell als möglich entfernten sie sich.
„Okay", meinte Buffy, nachdem sie mehrere Straßenblöcke hinter sich gelassen hatten und sich sicher waren, nicht verfolgt zu werden. „Definitiv Zauberei. Aber was können wir dagegen unternehmen?"
„Wir wohl nichts", erwiderte Spike. „Nicht einmal du kannst gegen eine solch mächtige Magie etwas ausrichten. Wir werden den Wächter und die beiden Hexen brauchen."
Buffy nickte zustimmend. „Hast du gesehen, wo sie hingegangen sind?"
„Ins Rathaus würde ich sagen, außer sie haben es sich anders überlegt."
„Ich denke auch, dass sie ins Rathaus wollten. Aber ich verstehe es nicht. Als Wilkins noch da war, wäre es beinahe logisch. Aber ohne ihn?"
„Vielleicht kann Giles mit der Auskunft etwas anfangen", erwiderte der Vampir mürrisch. „Wir sollten mal nachfragen, ob die Hexen und er etwas herausgefunden haben."
Buffy nickte stumm, sah sich kurz um und orientierte sich neu. Während ihrer Flucht hatte sie kaum etwas von ihrer Umgebung wahrgenommen. Sie hatten noch einigen Feuerbällen ausweichen müssen und hatten keine Zeit gehabt darauf zu achten, in welche Richtung sie liefen. Sie wandten sich nach links, bogen um die nächste Straßenecke und liefen den direktesten Weg.
Spike war während der ganzen Zeit merkwürdig still, Buffy wunderte sich kurz, zuckte dann mit den Schultern und hing ihren eigenen Gedanken nach.
Der Vampir hingegen platzte fast vor Wut. Es störte ihn enorm, dass es etwas gab, was ihn in Panik versetzen konnte. Ihn, der selber über ein Jahrhundert lang Angst und Schrecken verbreitet hatte… Ihn, der mit Freuden gemordet und gefoltert hatte… ‚Was auch immer es ist… Ich werde ihm zeigen, mit wem er es jetzt zu tun hat!’, schwor er sich.
Mit grimmigem Gesichtsausdruck stieß er die Tür des Zauberladens so heftig auf, das sie aufschwang, in den Angeln knirschte und zurück prallte. „Abwarten", knurrte er, als er in das Ladeninnere trat. „Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten!"
Teil3
„Oh, Buffy", murmelte Giles erleichtert, nachdem er einen kurzen Blick auf die beiden Ankömmlinge geworfen hatte. „Habt ihr etwas herausfinden können?"
„Nun ja", erwiderte Buffy und zuckte mit den Schultern. „Die Stadt ist wie ausgestorben und nicht einmal in Willies Müllhalde war etwas los."
„Der sitzt auf seinem Barhocker und pennt", meckerte Spike. Seitdem sie die Magic Box betreten hatten, war er unstet hin und her gelaufen und man konnte ihm die Anspannung deutlich ansehen. Die sonst so lässigen, geschmeidigen Bewegungen waren verschwunden und sein Gesicht spiegelte seine Nervosität wieder.
„Außerdem haben wir etwas gesehen, das wohl am besten als Schatten zu beschreiben ist." Buffy sah kurz zu Spike, sah ihn zustimmend nicken und wandte sich dann wieder an ihren Wächter. „Definitiv schwarze Magie!"
„Warum bist du dir da so sicher?" Anja, die bisher stumm die Einnahmen des Tages kontrolliert hatte, sah auf und hob die Augenbrauen. „Schatten? Das kann alles Mögliche gewesen sein."
„Ganz sicher schwarze Magie", mischte Spike sich in das Gespräch ein. „Nette Feuerbälle, die direkt über unseren Köpfen explodiert sind. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und Buffy hatte das Gefühl, dass er sich dringend abreagieren musste.
„Feuerbälle?" Giles Augen weiteten sich und er nahm seine Brille ab, um sie zu polieren. „Das heißt, sie wissen, dass sie beobachtet werden. Ich weiß nicht, ob das in unserer Situation von Vorteil ist. Eigentlich… Wissen diese… Schattenwesen, wer ihr seid?"
„Da können Sie Gift drauf nehmen!" Der Vampir kniff die Augen zusammen, zuckte dann unmerklich mit den Schultern und wandte sich um, um in Richtung des Trainingsraumes zu verschwinden. „Ich habe zu tun", zischte er, ohne sich noch ein letztes Mal umzudrehen.
Erstaunt blickten Buffy, Giles und Anya ihm hinterher. Einige Sekunden später hörten sie ihn geräuschvoll den Sandsack malträtieren.
„Frustabbau", murmelte die Jägerin und konnte es ihm nicht einmal verübeln. „Wie auch immer", holte sie Giles in die Wirklichkeit zurück, der noch immer auf die geschlossene Tür starrte. „Wenn mich nicht alles täuscht und sie nicht kurzfristig doch noch einen anderen Weg eingeschlagen haben, dann waren sie auf dem Weg ins Rathaus."
„Zum Rathaus?" Giles blickte seinen Schützling verwundert an. „Was wollen sie denn… Warum das Rathaus?"
„Das kann ich Ihnen nicht sagen", erwiderte Buffy wahrheitsgemäß. „Wo sind Xander, Willow und Tara?
„Sie wollten etwas zu Essen besorgen", meinte Anya leise und man konnte ihre Unsicherheit deutlich spüren. „Aber sie sind schon sehr lange unterwegs."
„Sie werden schon kommen", brummte der Wächter leise. Griff nach einem der vielen dicken Wälzer auf dem Tisch und blätterte darin herum. Sekunden später knallte er das Buch wieder zu, zog dann einen Stuhl zurück und setzte sich Buffy gegenüber, die ihn aufmerksam ansah.
„Mach dir keine Sorgen", wandte sich Buffy an die Ex-Dämonin. „Die meisten Lokale und Geschäfte haben geschlossen. Es wird nicht so einfach sein, eine Pizza oder ähnliches zu bestellen."
„Buffy", meinte Giles. „Kannst du mir bitte einmal ausführlicher erklären, was ihr heute abend gesehen habt."
„Schwarze, schattenhafte Wesen, die in Richtung Rathaus unterwegs waren", erklärte Buffy und zuckte mit den Achseln. „Sie haben Feuerbälle auf uns geworfen."
„Ja, aber… Da muss doch irgendetwas mehr gewesen sein." Giles war unzufrieden. Bisher hatte er kaum irgendwelche Ansatzpunkte und er wusste einfach nicht, nach was er suchen sollte.
„Ich weiß nur, dass Spike sich merkwürdig verhält."
„Tut er das nicht immer?", fragte Xander, der bepackt mit Einkaufstüten in den Zauberladen trat. Willow und Tara folgten ihm und waren ebenfalls mit vielen braunen Papiertüten bestückt.
„Was habt ihr gemacht?", fragte Anya, eilte dann auf ihren Freund zu und nahm ihm einige Pakete ab. „Habt ihr einen Supermarkt leer gekauft?"
„So ungefähr", brummte er. „Den letzten, der überhaupt noch geöffnet hatte."
„Und da wir nicht wissen, wie lange diese Dunkelheit noch anhält", schnaufte Willow und stellte ihren Einkauf erleichtert auf den Tisch. „haben wir gleich ein bisschen mehr mitgebracht." Die Rothaarige dachte mit Schaudern an das Szenario, dass sich vor ihren Augen abgespielt hatte, als sie an den Ausnahmezustand dachte, der früher oder später ausgerufen werden würde.
„Warum hat Spike sich merkwürdig verhalten?" Giles versuchte, das Gespräch wieder in andere Bahnen zulenken. Außerdem brauchte er dringend Antworten.
„Ich dachte, dass hätten wir schon geklärt", grinste Xander und hob dann entschuldigend die Arme, nachdem der Wächter ihn mit einem finsteren Blick bedacht hatte.
„Er ist sehr nervös", erklärte Buffy und überlegte, wie sie Spikes Verhalten am besten erklären konnte. „Er sagte, seine Haut würde brennen, so, als wäre sie mit Weihwasser übergossen. Und ich glaube, dass ihm seine vampirischen Sinne im Moment nicht besonders helfen."
„Was meinst du damit?" Giles sah sie abwartend an.
„Ich weiß nicht, ob es ihm bewusst ist, aber seine Sinne scheinen gestört. Er kann nicht so gut sehen wie sonst und ich meine, dass auch sein Gehör nicht funktioniert. Oder anders als sonst funktioniert. Oder wie auch immer", erklärte Buffy und sah neugierig in eine der Einkaufstüten.
„Kannst du das bitte einmal genauer erklären?"
Buffy seufzte und zuckte dann mit den Schultern. „Er hat sich mehrfach erschreckt, bei völlig belanglosen Sachen. Ein Mal war es eine dämliche Katze, die durchs Gebüsch schlich. Solche Sachen halt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, seine Sinne sind menschlich. Zumindest im Moment. Er sieht nicht besser, hört nicht besser… All so was."
„Aber er ist schon noch ein Vampir, oder?", fragte Xander mit hinterlistigem Grinsen. „Er hat sich nicht über Nacht in einen Menschen verwandelt."
„Das wohl eher nicht", gab der Wächter einen kurzen Kommentar dazu. „Aber vielleicht… Willow! Ist dir irgendetwas aufgefallen?" Und da die Rothaarige ihn verständnislos ansah, sprach er weiter. „Was ist mit dir? Hast du noch immer das Gefühl, deine gesamte magische Kraft zu besitzen, oder ist sie schwächer geworden?"
„Ich fühle mich nicht anders als sonst. Aber genau kann ich es nicht sagen. Ich meine, ich habe ja nicht versucht, zu zaubern…"
„Ich verstehe", erwiderte Giles und sprang auf. Er durchquerte den Raum, kletterte die Leiter hinauf in das obere Stockwerk und kramte aus dem Bücherregal heraus. Er hatte eine Idee. Eine sehr vage, aber immerhin. Besser als dazusitzen und nichts zu tun. Einen flüchtigen Moment blätterte er planlos in dem uralten Werk herum, dann wanderte sein Blick zu seiner Jägerin. „Buffy, du sagtest, die Stadt wäre wie ausgestorben. Aber wärst du in der Lage, einige Dämonen aufzuspüren?"
„Keine Ahnung", erwiderte die Angesprochene einigermaßen verwirrt. „Irgendwo müssen sie ja sein. In den Abwässerkanälen, irgendwelchen Gruften…, keine Ahnung."
„Warum?", fragte Tara leise. „Ich meine, ich weiß nicht, ob es eine besonders gute Idee wäre, jetzt in die Höhle des Löwen zu gehen."
„Tara hat recht", stimmte Willow nickend hinzu. „Wenn sie nicht in der Stadt sind, ist es gut möglich, dass sie zu Dutzenden in ihren Verstecken sind."
„Das mag sein", stimmte der Wächter zu. „Aber ich brauche Informationen. Ich muss wissen, ob auch andere Dämonenspezies ein Teil ihrer, nun sagen wir mal, Kraft eingebüßt haben, oder ob es nur Spike so ergeht."
Das verstehe ich nicht", warf Xander ein. „Wenn sie tatsächlich irgendwelche Kräfte verloren haben, wäre es für uns doch zum Vorteil und nicht andersrum. Also könnte es uns eigentlich egal sein."
„Das wäre richtig", erklärte der Wächter. „Aber die Frage ist, warum sie ihre Kräfte verloren haben? Wenn es denn so ist."
„Okay", meinte Buffy. „Ich verstehe es auch nicht wirklich. Für mich wäre es jedenfalls bedeutend einfacher, sie zu töten und darum…"
„Wenn die Dämonen keine Kräfte mehr haben", erläuterte Giles, Buffy unterbrechend. „Dann hat es einen Grund. Und im Moment ist völlig eindeutig, dass diese Schattenwesen dafür verantwortlich sind. Wenn es denn so ist! Wir wissen bisher nur von Spike. Die große Frage dahinter ist, warum haben diese Schattenwesen die Dämonen, wie soll ich sagen…, ausgebremst? Versteht ihr? Es muss einen triftigen Grund dafür geben!"
„Sie meinen…", überlegte Willow. „Sie glauben also, diese Wesen haben die Dämonen gestoppt, weil diese ihnen ansonsten irgendwie gefährlich werden können?"
„Richtig", erwiderte Giles erleichtert. „Ich habe eine kleine Idee im Hinterkopf. Aber dazu brauche ich Antworten."
„Na denn", murmelte die Jägerin und schob geräuschvoll ihren Stuhl zurück. „Dann werde ich mal nachsehen, ob ich ein paar Monster auftreiben kann. Soll ich sie herbringen?" Und nachdem sie den entsetzten Blick des Wächters aufgefangen hatte, lachte sie leise. „Das war ein Witz, Giles. Ich werde ihnen ein wenig auf den Zahn fühlen."
„Aber nimm Spike mit", meinte Giles und deutete mit dem Kopf in Richtung Trainingsraum. „Auch wenn ihm wirklich einige Sinne fehlen, oder sie auch einfach nur schwächer sind als sonst, er wird dir helfen können."
„Einverstanden", nuschelte Buffy und verzog das Gesicht.
„Was machen wir in der Zwischenzeit?", fragte Anya.
„Einer sollte vielleicht erst mal die Einkäufe wegräumen, damit wir Platz auf dem Tisch haben", meinte Giles. „Wir haben eine Menge Bücher durchzusehen."
„Ich hasse das", brummte Xander. „Kann ich nicht mit Buffy mitgehen?"
„Nein", erwiderte Willow und drückte ihm ein paar der Tüten in die Arme. „Du räumst alles weg und bist hinterher der Chefkoch. Wenn ich das richtig sehe, haben wir alle schon länger nichts mehr gegessen."
„Essen ist eine gute Idee", meinte Buffy und griff nach einem Apfel, der ihr aus einer der Tüten entgegenlachte. „Dann wollen wir mal!" Sie ging durch den Raum und öffnete die Tür, die in die hinteren Räume der Magic Box führte.
Spike hatte sich ausgetobt. Der Sandsack hing in Fetzen von der Decke herab und Buffy sah sich fragend um. Wo war der Vampir abgeblieben? Sie durchquerte auch diesen Raum und öffnete die Tür, die nach draußen führte. Spike stand lässig an die Hauswand angelehnt und rauchte genüsslich eine Zigarette.
„So wie es aussieht, hast du deinen Frust ablassen können", meinte Buffy und deutete rückwärts in den Trainingsraum. „Bereit, noch ein paar Dämonen auseinander zunehmen?"
„Du willst die Schatten jagen?", fragte Spike verblüfft und schnipste seine Zigarettenkippe in hohem Bogen durch die Luft. „So verrückt kannst nicht einmal du sein!"
„Nein, keine Schattenwesen! Die üblichen Allerweltsdämonen."
„Okay! Wenn du an einem solchen Abend nichts Besseres zu tun hast! Mir egal!"
„Ich habe durchaus Besseres zu tun", antwortete Buffy gereizt. „Ich habe den Auftrag von Giles. Er will wissen, ob auch andere Dämonen einen Teil ihrer, ähm…, Kräfte verloren haben."
Spike kniff die Augen zusammen. „Ihr meint also, ich wäre zum Waschlappen mutiert, nur weil diese Mistwesen in Sunnydale ihr Unwesen treiben? Darf ich an den Sandsack erinnern? Sieht das so aus, als hätte ich meine Kraft verloren?"
„Mein Gott", meckerte die Jägerin. „Du hast mir doch selber erzählt, dass sich deine Haut anfühlen würde, als würde sie brennen. Und ob es dir nun gefällt oder nicht! Mir ist durchaus aufgefallen, dass du nicht so gut siehst, hörst und riechst heute."
„Ach das", brummte der Vampir. „Ich habe nur einen schlechten Tag. Das verschwindet von selbst wieder."
„Schon klar", nörgelte Buffy. „Kommst du jetzt mit oder nicht? Ich habe keine Lust, hier in diesem stinkigen Hinterhof Wurzeln zu schlagen."
„Sicher komme ich mit. Einer netten Schlägerei bin ich noch nie aus dem Weg gegangen! Hast du schon eine Idee, wo wir suchen sollen? Und! Ist die Spezies egal, oder suchen wir was Bestimmtes?"
„Soweit ich weiß, ist es völlig egal. Wir sollen nur sehen, ob alle noch im Besitz ihrer gesamten Fähigkeiten sind."
„Alles klar. Dann lass uns gehen. Ich habe da schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wo wir fündig werden." Spike straffte sich, grinste die Jägerin hämisch an und lachte dann. „Auf in die Höhle des Löwen!"
„Ja, ganz toll!", erwiderte Buffy mit mürrischem Gesicht. „Ich bin ja so was von begeistert!" Sie setzte sich in Bewegung und wurde sofort von dem Vampir gestoppt.
„Warte. Ich werde deinen Wächter fragen, ob er ein paar vernünftige Taschenlampen hat. Ich habe keine Lust mehr, wie ein Blinder durch die Gegend zu stolpern."
Buffy sah ihm hinterher, als er durch die Tür verschwand. Die Idee war gut, aber so langsam war ihr das auch egal. Sie hatte schlechte Laune und die verbesserte sich dadurch auch nicht mehr. ‚Warum immer ich’, schoss es ihr durch den Kopf, doch dann schüttelte sie eben diesen. ‚Meckern hilft nichts! Nur Augen zu und durch!’
Teil4
„Was ist denn los, Slayer?", fragte Spike zehn Minuten später mit dem harmlosesten Gesichtsausdruck, den er über sich brachte. Kurz leuchtete er ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht, lenkte dann den Strahl zurück auf das alte Gemäuer vor dem sie standen und lachte, da er den giftigen Blick der Jägerin durchaus gesehen hatte.
Buffy sagte kein Wort, sondern starrte auf das bisschen Gruft, dass sie im Schein der Lampe erkennen konnte. Die Gruft, deren Geheimgang sie in die unterirdische Höhle führen würde, in welcher der Meister sie einst getötet hatte. Ein Schaudern überkam sie und ihre Nackenhärchen richteten sich auf.
„Soll ich alleine weiter gehen?"
Spikes harmloser Tonfall riss sie aus ihrer Trance und ihre Wut erwachte. „Nein, danke!", zischte sie. „Ich würde es mir nie verzeihen, wenn dich eine niedliche kleine Ratte in Ohnmacht fallen lässt!"
„Haha", machte der Vampir und nun klang seine Stimme gereizt. Er wusste sehr wohl, dass sie auf die Katze anspielte, wegen der er sich am Nachmittag erschrocken hatte. Er ärgerte sich noch immer darüber, aber am meisten störten ihn seine fehlenden Sinne. Seit Hundertzwanzig Jahren war er nun damit ausgestattet und noch niemals hatte er ohne sie auskommen müssen. Wenn er sich anstrengte, konnte er Regenwürmer die Erde durchwühlen hören. Und heute? Nichts! Er fühlte sich taub und blind und er hasste dieses Gefühl!
Zusammen betraten sie schließlich die alte Grabkammer und tauchten in die Dunkelheit des engen Geheimganges ein. Buffy umklammerte ihre Taschenlampe, als wäre sie der einzige Schlüssel zurück ins Licht. Ihre Gänsehaut verstärkte sich bei jedem Schritt, den sie sich weiter in die Finsternis wagte. Seltsamer Weise verschlang die Dunkelheit hier, tief unter der Erde, nicht alles, so wie es draußen im Moment den Anschein hatte. Schemen und Umrisse waren deutlich zu erkennen und trotzdem schaffte Buffy es nicht, auch nur einen Schritt ohne großes Unbehagen zu machen. Völlig in ihre düsteren Gedanken versunken, rempelte sie den Vampir an, der ohne ersichtlichen Grund plötzlich stehen geblieben war. Sie richtete ihre Taschenlampe auf ihn und sah, dass er scheinbar angestrengt lauschte. Schließlich verzog er das Gesicht und brummte leise wüste Beschimpfungen und Beleidigungen in Richtung der Schatten, die für seinen Zustand verantwortlich zu sein schienen.
Buffy konnte es ihm nicht einmal verübeln. Nur zu gut erinnerte sie sich an ihren achtzehnten Geburtstag, an dem ihr all ihre Kräfte genommen worden waren, nur um einen dämlichen Test zu bestehen! Sie hatte sich vollkommen hilflos gefühlt und verfluchte noch heute den Rat der Wächter dafür, dass er ihr das angetan hatte.
„Gehen wir jetzt weiter, oder willst du weiter Löcher in die Luft starren?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er los und die Jägerin starrte dem Vampir hinterher. Sie musste dringend ihre verbitterten Gedanken aus dem Kopf bekommen und was noch wichtiger war, sie musste den Vampir stoppen, denn er lief in eine völlig falsche Richtung. Sie eilte ihm hinterher, griff nach seinem Ärmel und bremste ihn.
„Spike, du bist falsch abgebogen, wir müssen…"
„Bin ich nicht", murrte der Vampir und befreite sich aus ihrem Griff. „Ich mag ohne meine Fähigkeiten nichts Besonderes sein, aber deswegen bin ich noch lange nicht verblödet. Ich weiß durchaus, wo ich hin will und wie ich dahin komme!"
„Aber der Eingang ist dahinten!", erwiderte Buffy und machte sich auf das Wortgefecht gefasst, das nun mit Sicherheit kommen würde.
„Wer sagt, dass ich dahin will? Slayer, überleg mal! Nirgendwo draußen ist auch nur ein Dämon zu finden! Das bedeutet, dass sie unterirdisch in wahren Rudeln auftreten werden."
„Und was hilft uns das? Gar nichts! Wir müssen uns eben einen nach dem anderen schnappen!"
„Was uns das hilft? Oh, verdammt! Ich bin noch immer ein verfluchter Vampir und ich kenne mich hier unten genauso gut aus wie jeder andere beschissene Dämon!"
„Und weswegen regst du dich schon wieder so auf, dass du hier rumbrüllen musst?", fragte Buffy und sah ihn erstaunt an. „Wenn du so weiter machst, besorge ich dir nachher eine Beruhigungspille. Nicht, dass du deinem toten Herzen noch einen Anfall bescherst!"
Spike sah sie fassungslos an, schüttelte dann den Kopf und drehte sich weg, nur um sich Sekunden später zurückzudrehen. „Warum ich mich aufrege? Verfluchte Scheiße! Ich habe eben Lust dazu!", brüllte er los.
„Wirklich eine ganz tolle Idee von dir, hier so los zu schreien! Jetzt können wir auch den normalen Eingang nehmen! Uns hat im Umkreis von zehn Kilometern jeder gehört, unterirdisch wie überirdisch!"
„Deswegen marschiere ich trotzdem nicht mit einer Jägerin in eine mit Dämonen überfüllte Höhle! Ich mag verrückt sein, aber nicht lebensmüde!"
„Wir wissen aber doch gar nicht, ob hier unten überhaupt irgendein Dämon lungert!", erwiderte Buffy genervt.
„Genau! Und genau deswegen gehe ich jetzt gucken." Beleidigt drehte er sich um, leuchtete einmal kurz den Tunnel mit der Lampe aus und verschwand. Buffy blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Wenige Minuten später standen sie eng aneinandergedrängt in einer schmalen Nische und blickten durch ein Loch in der Felswand. Komplett überrascht stellte Buffy fest, dass sie von ihrem Standpunkt aus fast die gesamte Höhle einsehen konnte. Zähneknirschend gab sie dem Vampir Recht. Es wäre Selbstmord gewesen, wenn sie den direkten Weg in die Höhle genommen hätten. Im Kopf überschlug sie die Anzahl der Dämonen, und sie stellte fest, dass es weit über dreißig sein mussten.
Dämonen verschiedenster Gattungen teilten sich den Platz. Sie sah Orlyns- und Keralan Dämonen friedlich beieinander sitzen und das, obwohl sie sich als Jägerin mit den beiden Rassen kaum beschäftigen brauchte, da sie sich gegenseitig jagten und umbrachten. Eine uralte Fehde zwischen den beiden Völkern lieferte ständig neuen Zündstoff und die beiden Arten waren soweit dezimiert, dass Giles glaubte, sie würden komplett aussterben. Schleimdämonen bevölkerten eine Ecke der ehemaligen Kirche, Vampire waren da und mehrere Dämonen, die sie niemals zuvor gesehen hatte.
Spike zupfte an ihrem Ärmel und flüsterte leise. „Wir können gehen."
„Gehen? Wir wissen doch noch überhaupt nichts!"
„Siehst du das nette Kerlchen an dem zusammengebrochenen Stützpfeiler da drüben? Der Dämon mit den grünen Hörnern, die seinen Rücken herunterwachsen?"
„Ja", erwiderte Buffy leise. „Was ist mit ihm?"
„Guck in dir noch mal genau an. Den wirst du niemals in deinem Leben wieder sehen! Das ist ein Gnorl. Er ist mental hoch begabt und kann Gefahren aus dem Weg gehen, weil er sie schon vorher erkennt!"
„Und das heißt?"
„Das heißt", erwiderte Spike mit genervtem Gesichtsausdruck. „Er wäre nicht hier und würde planlos da sitzen, wenn er wüsste, dass du in der Nähe bist."
„Ich verstehe", antwortete Buffy. „Also hat auch er seine Fähigkeiten verloren."
Spike nickte und machte sich auf den Rückweg und Buffy folgte ihm, allerdings nicht ohne einen letzten Blick auf diesen seltsamen Dämonen zu werfen. Als sie in den Tunnel kam, war von dem Vampir nichts mehr zu sehen und sie beeilte sich, ihm zu folgen. Sie durchquerte den Tunnel und war froh, den Eingang in die Gruft zu erreichen. Sekunden später schoss Adrenalin durch ihren Körper. Sie hörte Kampfgeräusche. Spike, der unterdrückt fauchte und eine unbekannte, verzehrte Stimme, die sie nicht einordnen konnte. Sie rannte die letzten Meter und sprang ins Freie, jeden Muskel, jede Faser ihres Körpers gespannt.
Der Vampir rollte mit seinem Gegner über die feuchte Erde und Buffy richtete ihre Taschenlampe auf den Aggressor. Für einen Moment stockte ihr der Atem, doch dann stürmte sie los. Im schwachen Schein der Lampe sah sie, dass der Vampir seinem Dämon die Oberhand überlassen hatte, doch was sie schockierte, war eher die Tatsache, dass sein Gegner keine feste Form zu haben schien. Die Umrisse verflüchtigten sich und wurden Sekunden später wieder fassbar.
Hilflos stand sie schließlich vor den beiden Kämpfenden und wusste nicht, ob und wie sie eingreifen sollte. Schließlich zog sie einen Pflock aus der Jackentasche und jagte ihn dem Schatten in den Rücken. Entsetzt stellte sie fest, dass sie keinerlei Widerstand spürte und sie hatte große Mühe, ihren Schwung zu bremsen, bevor der Pflock den Vampir erreichte.
Spike hingegen lag unter seinem kaum angreifbarem Gegner und sah einen Pflock auf sich zukommen, der Millimeter vor seinem Gesicht zum Halten kam. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Jägerin, die ihn mit großen Augen anstarrte. „Nur die Stellen, die wirklich sichtbar sind, sind auch angreifbar", schrie er und bekam im nächsten Moment einen heftigen Schlag verpasst.
Buffy hörte unter den Kampfgeräuschen Knochen brechen und sie sah sich hektisch um. Es musste eine Möglichkeit geben, zu helfen! Sie leuchtete die Umgebung aus und strengte sich an, in dem schwachen Licht überhaupt etwas zu erkennen. Ein Baum stand in der Nähe und sie zuckte mit den Schultern, als sie auf ihn zu rannte und im Sprung einen großen Ast abbrach. Sie kürzte ihn, eilte zurück und richtete die Lampe zurück auf die beiden Kämpfenden. Das einzige was sie jetzt brauchte, war der richtige Zeitpunkt. Das Schattenwesen verpasste dem Vampir immer neue Schläge und sie sah, dass Spikes Gegenwehr langsam schwächer wurde. Er versuchte sich zu wehren, doch scheinbar konnte er seinen Gegner nicht zu fassen bekommen, da sich dessen Körper immer wieder verflüchtigte.
Dann war der Zeitpunkt da. Der Rücken des Angreifers war nicht mehr durchsichtig und sie holte aus und schlug mit aller Kraft fest zu. Im Stillen hoffte sie, der Schlag würde den Richtigen treffen und nicht Spike entgültig ausschalten. Sie hörte ein lautes Knacken und sah zu ihrer Erleichterung, dass das Schattenwesen leblos auf dem Vampir zusammenbrach.
Spike stieß das Wesen, das jetzt nicht mehr durchscheinend aussah, heftig fluchend von sich und versuchte sich aufzurichten. Sein schmerzverzehrtes Gesicht ließ Buffy ihre Hand ausstrecken und er zog sich qualvoll langsam daran hoch.
„Verfluchte Scheiße", bellte er und trat dem Wesen, das noch immer wie tot da lag, heftig in die Rippengegend.
Buffy bückte sich, drehte es auf den Rücken und zog ihm eine Kapuze vom Kopf, die erst jetzt sichtbar wurde. Mit großen Augen stellte sie fest, dass der Schatten ein Mensch war, mit einem schwarzen Umhang, wie ihn Mönche trugen.
„Hast du gewusst, dass es ein Mensch ist?", fragte sie den Vampir, der seine gebrochenen Rippen massierte.
„Nein!", fauchte dieser. „Aber für mich würde das auch keinen großen Unterschied machen!"
„Das meine ich nicht!", erwiderte Buffy und richtete sich auf. „Hat dein Chip reagiert?"
Verwundert hielt Spike inne. „Nein! Ich habe ihn mehrmals getroffen, ganz ohne Kopfschmerzen."
„Schlag mich", befahl Buffy und baute sich vor ihm auf.
„Was soll der Scheiß?", meckerte Spike und ging langsam einen Schritt zurück.
„Wir müssen wissen, ob es an deinem Chip lag, oder an diesem Typen", erklärte Buffy ihr Anliegen und deutete auf den am Boden Liegenden. „Nun mach schon!"
Spike hatte eigentlich nicht die geringste Lust, sich jetzt zu seinen Verletzungen auch noch Kopfschmerzen anzutun, doch er wusste, die Jägerin würde keine Ruhe geben. Er hob den Arm, schlug ihr mit der Faust schwach auf den Oberarm und hielt sich Sekunden später den schmerzenden Kopf.
„Okay!", sagte Buffy erleichtert. „Also liegt es an diesem Mistkerl."
„Das hätte ich dir auch vorher sagen können!", knurrte er und er atmete unnötiger Weise heftig ein.
„Und woher hättest du das wissen sollen?"
„Einfach so! Ich habe nicht einmal gespürt, dass er ein Mensch ist. Und glaub mir, meine Sinne habe ich vielleicht verloren, nicht aber meinen Hunger."
„So genau wollte ich das dann auch wieder nicht wissen!", erklärte Buffy und verzog angewidert das Gesicht.
„Mir egal", brummte Spike missmutig. „Was machen wir jetzt mit dem Scheißkerl? Darf ich ihn essen? Das wäre zumindest ein angebrachtes Ende für ihn!"
„Nein! Wir bringen ihn zu Giles. Das ist bedeutend wichtiger, als deinen Hunger zu stillen!"
„Das meinst auch nur du!", nörgelte der Vampir, beugte sich dann zu dem bewusstlosen Mann herunter und schüttelte ihn hin und her. „Okay, das Genick hast du ihm nicht gebrochen. Er atmet noch."
„Dann sollten wir uns beeilen und ihn in die Magic Box schaffen, bevor er wieder aufwacht", meinte Buffy, bückte sich und griff nach seinen Füßen. Ihre Hände schossen zurück und auch Spike sprang einen Meter rückwärts.
Der Körper des Mannes brannte lichterloh und er schrie aus Leibeskräften. Buffy und Spike sahen hilflos dabei zu, wie aus dem Körper ein Haufen glühender Asche wurde.
„Das war dann wohl nichts", meinte Spike und grinste hämisch. „Außer du möchtest seine Überbleibsel mitnehmen. Zumindest brauchen wir dann nicht so viel zu schleppen."
„Sehr witzig", erwiderte Buffy, die das Gefühl hatte, etwas sehr Wichtiges verloren zu haben. „Sei es, wie es ist. Wir müssen zu Giles. Und das so schnell wie möglich."
Spike zuckte mit den Schultern und verzog unter Schmerzen das Gesicht. „Ich denke, das ist eine gute Idee." Er kramte eine Zigarette aus seiner Manteltasche und zündete sie an. „Dann mal los", knurrte er und atmete den Rauch aus.
Teil5
Bevor Jägerin und Vampir auch nur einen Fuß auf die Straße gesetzt hatten, schubste Buffy ihn zurück auf den Friedhof und sprang selber hinter das nächste Gebüsch, um Deckung zu suchen. Sie hatte den knatternden Motor eines Lastkraftwagens gehört und ein flüchtiger Blick ließ sie erkennen, dass es sich um einen Wagen in Tarnfarben handelte.
„Das ging bedeutend schneller als gedacht", raunte sie leise, als der Truppentransporter der Nationalgarde an ihnen vorbei fuhr. Der Vampir antwortete nicht und sie blickte in die Finsternis und rief leise seinen Namen.
„Spike?" Buffy hatte ihre Deckung verlassen, nachdem sie sicher war, dass keiner der Soldaten sie gesehen hatte. Sie lief in die Richtung, in die sie ihn gestoßen hatte und fand ihn schließlich. Er lag mit verzerrtem Gesicht auf der Seite und presste seine Hand auf die Rippen.
„Alles okay mit dir?"
„Sieht es so aus, als wäre es okay?" Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen und sein zynisches Grinsen verkam zu einer Grimasse.
Buffy war sofort klar, dass er bei dem Kampf bedeutend mehr abbekommen hatte, als ein paar gebrochene Rippen. Sie kniete sich vor ihm hin und sah ihn ernst an. „Lass mich sehen! Und dieses Mal ohne das übliche Gezanke vorher!"
Spike nahm widerwillig seine Hand weg und sie schaltete ihre Taschenlampe an, da das schwache Licht der Straßenlaternen nicht ausreichte. Oberkörper und Brust des Vampirs waren von Schnitten überzogen, aber der weitaus schlimmste Schnitt begann unterhalb der rechten Rippen und zog sich über seinen gesamten Bauch bis zur linken Hüfte.
Kein normaler Mensch hätte diese Verletzung überlebt und Buffy war froh, dass er keiner war. Sosehr sie sich manches Mal stritten, sich gegenseitig auf die Palme jagten, sosehr hatte sie sich an seine Hilfe gewöhnt. Seitdem er sie bei ihrem Kampf unterstützte, war ihr Dasein als Jägerin einfacher geworden. Er war der Einzigste, auf den sie bei ihren Kämpfen nicht aufpassen musste und dafür war sie ihm dankbar. Er hatte ihr oft das Leben gerettet und sie das seine.
‚Wie bekomme ich ihn von hier weg?’, überlegte sie fieberhaft. ‚Ist schon eine Ausgangssperre verhängt worden, oder kann ich Giles anrufen, damit er uns abholt?’ Zur Not würde sie ihn tragen. Allerdings war sie sich nicht sicher, was mehr auffallen würde. Ein Auto, oder eine junge Frau, die einen Mann durch die Gegend trägt.
Spike nahm ihr die Entscheidung ab. Er kramte langsam und unter Schmerzen in seinen Manteltaschen, drückte ihr dann ein Handy in die Hand und versuchte ein Grinsen. „Frag nicht!"
Buffy nickte, nahm ihm das Mobiltelefon ab und wählte die Nummer der Magic Box. Ein aufgeregter Giles meldete sich und sie unterbrach ihn sofort in seinen Ausführungen. Sie sagte ihm, wo sie zu finden waren und er versprach, sofort loszufahren.
„Giles wird gleich hier sein", flüsterte sie leise und versuchte aufmunternd zu klingen. Warum sie es tat, wusste sie selber nicht genau. Ihr war durchaus bewusst, dass seine Wunden wieder heilen würden, aber ihr war auch bewusst, dass er ohne sie gar keine gehabt hätte. Unwirsch schüttelte sie den Kopf. Giles würde sie abholen und Willow wäre mit Sicherheit in der Lage, ihm mit Magie die Heilung zu erleichtern.
Wie versprochen, mussten sie nicht lange warten, bis der klapprige Citroén des Wächters zu hören war. Buffy stellte sich an die Straße und Giles parkte seinen Wagen mit angezogener Handbremse. Er sprang aus dem Wagen, half Buffy, den verletzten Vampir auf den Rücksitz zu verfrachten und drängte zur Eile.
„Ich bin gerade eben noch so durchgekommen", erklärte er, nachdem der Motor des alten Vehikels endlich angesprungen war. „Die Nationalgarde sperrt bereits alle Straßen und wir müssen geschwind zurück. Und zwar am besten, ohne gesehen zu werden."
Buffy nickte. Ihr war völlig klar, dass sie etwaige Fragen kaum überstehen konnten. Vor allem nicht mit einem schwerstverletzten Vampir.
„Wie ist das passiert?", wollte der Wächter wissen und deutete sachte mit dem Kopf rückwärts. Er fuhr vorsichtig und blickte dauernd in den Rückspiegel, während er kreuz und quer über die Nebenstraßen in Richtung Innenstadt fuhr.
„Ich weiß es nicht genau. Spike war eher wieder draußen als ich und, als ich auf den Friedhof kam, war er schon in den Kampf mit diesem Schattenwesen verwickelt." Buffy machte eine kurze Pause, dann sah sie ihren Wächter an. „Giles, das sind Menschen! Wir haben einen niedergeschlagen und er ging in Feuer auf, als wir ihn in den Zauberladen bringen wollten."
„Menschen? Verbrannt?", fragte der Wächter verwundert. Das brachte seine gesamten Nachforschungen bedeutend weiter. Immerhin konnte er die Aroklyn Dämonen, die er ebenfalls auf seiner Liste hatte, somit gänzlich ausschließen. „Du sagst, er ging in Flammen auf. Wie genau ist das geschehen?"
„Er hat gebrannt!", motzte Spike vom Rücksitz aus.
„Das habe ich verstanden. Ich dachte eher, ob es irgendwelche Anzeichen vorher gab. Oder, wo das Feuer angefangen hat zu brennen." Giles seufzte erleichtert. Sie hatten es geschafft. Nur noch eine letzte Straße, dann waren sie am Zauberladen. Er bog links ab und sah zu seinem blanken Entsetzen einen Jeep in oliv vor der Magic Box stehen. So schnell er konnte, bog er in die kleine Gasse ein, die in den Hinterhof des Ladens führte.
Der Wächter stellte den Motor aus, sah seine Jägerin eindringlich an und deutete dann auf Spike. „Wir müssen uns beeilen. Vielleicht haben wir Glück und es ist noch niemand von der Nationalgarde im Geschäft aufgetaucht."
„Gut", erwiderte Buffy. „Aber wo bleiben wir mit Spike?"
„Das ist eine gute Frage!" Der Wächter runzelte die Stirn. „Erst einmal sollten wir hineingehen, dann sehen wir weiter."
Zusammen hievten sie den Vampir vom Rücksitz und Spike umklammerte Buffys Schultern, während sie langsam und bedächtig die letzten Schritte bis zur Hintertür machten. Giles öffnete die Tür und sie quetschten sich zu dritt gleichzeitig hinein, um sich sofort danach einem Uniformierten gegenüber zu sehen.
„Ah, sieh mal an. Da sind ja die drei Vermissten", sagte der Soldat, auf dessen Namensschild Chambers stand.
Verdattert versuchte Giles zu antworten, doch außer Gestotter kam nicht viel dabei raus. Er war noch nie ein guter Lügner gewesen.
„Und wie ich sehe, haben sie Ihre Einkäufe tatsächlich noch zusammenbekommen. Sie müssen wirklich gute Bekannte in der Stadt haben, immerhin sind seit über einer Stunde sämtliche Geschäfte geschlossen."
Buffy sah verwirrt zu ihren Freunden, die sich hinter dem Soldaten aufgebaut hatten. Sie brauchte nur einen Blick auf Willow zu werfen und schon war die Sache klar. Die Rothaarige nutzte ihre Kräfte. Buffy wusste nicht genau, was es war, aber sie vermutete einen Illusionszauber, denn einen fast bewusstlosen Mann konnte so leicht niemand übersehen.
„Wirklich eine wunderschöne Wohnung haben sie hier", sagte Soldat Chambers munter.
Scheinbar war er auf eine Unterhaltung aus und Buffy fragte sich, wie lange Willow den Zauber aufrechterhalten konnte. Aber, wenn er schon hier war, dann musste sie auch Fragen stellen. Sie drückte dem Wächter Spike praktisch in die Arme und tat ein paar Schritte auf den Soldaten zu.
„Was wird jetzt geschehen? Ich meine, hier in Sunnydale?"
„Das kann ich Ihnen nicht genau sagen", antwortete der Soldat höflich. „Im Moment herrscht totale Ausgangsperre. Und deswegen bin ich auch ganz froh, dass Sie drei noch rechtzeitig zurückgekommen sind. Sonst hätte ich jetzt Meldung machen müssen."
„Ich verstehe", erwiderte Giles, der seine Sprache wieder gefunden hatte. Auch er hatte die Angelegenheit durchschaut und nach einem kurzen Blick auf Willow war ihm klar, dass er den Nationalgardisten so schnell wie möglich loswerden musste. „Wirklich außerordentlich nett von Ihnen, dass Sie gewartet haben. Wir versprechen auch den La…Wohnkomplex nicht zu verlassen. Sie haben ja bestimmt noch einige Besuche vor sich."
„Das stimmt", erwiderte Soldat Chambers liebenswürdig. „Ich werde mich jetzt lieber verabschieden. Und bitte daran denken, Ihre Wohnung nicht zu verlassen."
„Nein", erwiderten alle im Chor und sogar Spike brummte irgendwas vor sich hin.
„Auf Wiedersehen", lächelte Buffy freundlich und geleitete den Gardisten zur Vordertür.
„Da bist du ja, John. Ich wollte gerade einen Suchtrupp nach dir ausschicken. Aber bei der hübschen jungen Lady kann ich verstehen, warum du solange weggeblieben bist." Ein lüsternes Grinsen legte sich auf das Gesicht des zweiten Soldaten und er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.
Buffy lächelte noch einmal nett in die Runde. Die Antwort von Chambers wollte sie gar nicht erst hören und so knallte sie die Tür zu und schloss sicherheitshalber gleich doppelt ab. Sie rannte zurück in den Trainingsraum und kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Willow in Xanders Armen zusammenbrach.
„Ich bräuchte hier mal Hilfe", keuchte Giles, der alle Mühe hatte, den fast bewusstlosen Vampir noch aufrecht zu halten.
Hin und hergerissen entschied sich Buffy schließlich dafür, ihrem Wächter Spike abzunehmen. Immerhin kümmerten sich Anya, Xander und Tara um Willow. Sie kam gerade rechtzeitig. Giles hatte keinerlei Kraft mehr und atmete erleichtert auf, als Buffy ihm sein Paket abnahm. Buffy trug den Vampir hinüber zu den Turnmatten und legte ihn sachte darauf ab.
„Mir geht es gut", hörte sie Willow leise krächzen und Buffy lächelte. So zart und zierlich die Rothaarige manches Mal wirkte. Sie war eine Kämpferin und sie rappelte sich immer wieder auf.
„Tara", rief die Jägerin leise. „Kannst du dir das vielleicht mal ansehen?"
Die Blondine löste sich nur ungern von ihrer Freundin, doch da Willow ihr zunickte, ging sie schließlich doch.
„Eigentlich wollte ich Willow fragen, ob sie helfen kann", flüsterte Buffy leise. „Aber momentan möchte ich sie damit nicht auch noch belästigen." Sie sah der schüchternen Hexe ins Gesicht und schob dann langsam Spikes T-Shirt hoch.
„Oh", entfuhr es Tara und sie hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Ich weiß, dass Willow Wunden magisch schließen kann… Kannst du es auch?"
Die blonde Hexe schluckte, straffte sich dann und lächelte tapfer. „Willows Macht ist bedeutend größer, aber ich werde es versuchen. Könntest du mir aus dem Laden meine Tasche holen?"
„Sicher", erwiderte Buffy und stand auf. Sie blickte sich um, sah, dass der Wächter sich erholt hatte und sich gerade über Willow beugte, die noch immer mit blassem Gesicht auf dem Boden lag.
„Alles okay hier?", fragte sie leise und sah beruhigt alle Anwesenden zustimmend nicken.
„Ja, mir geht’s gut", meinte Willow sachte, räusperte sich dann und versuchte sich aufzurichten. Xander war sofort an ihrer Seite und half der Freundin auf die Beine.
„Ich bin gleich wieder da", sagte Buffy und nickte ihrer besten Freundin aufmunternd zu. „Übrigens. Du hast wirklich eine tolle Vorstellung gegeben."
„Danke", erwiderte Willow mit schwacher Stimme und versuchte ein Lächeln. „Geh jetzt und hilf Spike."
Und genau das tat Buffy. Sie eilte in den Laden, suchte Taras Tasche und lief zurück. Sie kam genau im richtigen Moment zurück, um zu sehen, wie sich Spike Wunden schlossen.
„Ich dachte, du brauchst deine Tasche", flüsterte die Jägerin leise.
„Nein", erwiderte Tara lächelnd. „Ich wollte nur keine Zuschauer."
„Ich verstehe", lächelte Buffy. „Aber es gibt keinen Grund, dich zu verstecken."
„Mag sein", erwiderte die blonde Hexe schüchtern. „Aber so ist es mir lieber." Sie erhob sich, lächelte Buffy noch einmal zu und nahm ihr dann die Tasche ab. „Ich gehe dann wieder zu Willow. Wenn du mich brauchst…"
Buffy nickte ihr zu und beugte sich dann wieder über den Vampir. Er schien noch immer bewusstlos, aber da die Wunden geschlossen waren, konnte sie nicht viel tun. Sie wandte sich um, stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass Willow wieder auf ihren eigenen Füßen stand und auch Giles Gesichtsfarbe wieder Normalzustand angenommen hatte. Sie warf einen letzten Blick auf den Bewusstlosen und entschied, ihn einfach in Ruhe schlafen zu lassen. Sie selbst musste jetzt dringend mit ihrem Wächter sprechen. Vor allem über diesen, wie hieß er noch? … Gnorl.
Teil6
Die Lage hatte sich weitgehend wieder beruhigt. Buffy hatte Giles ihren Exkurs geschildert und all seine Fragen beantwortet. Nun saß sie mit Tara und Willow am Tisch und unterhielt sich leise. Giles kochte Tee und Anya und Xander waren damit beschäftigt, Sandwichs zu machen.
Das Telefon klingelte und Anya nahm das Gespräch entgegen. Sie sah Buffy an, nickte ihr zu und streckte ihr den Hörer entgegen. „Deine Mutter."
Buffy nahm mit einem Augenrollen das Telefon an und verzog sich in eine stillere Ecke. „Nein, Mom. Es ist wirklich alles in Ordnung. Ich kann nur nicht nach Hause…Ja, genau. Wegen der Ausgangssperre… Willow ist auch hier und… Nein, wir haben genügend zu Essen. Ganz bestimmt. Mom, ich muss Schluss machen… Ich rufe wieder an. Ja, Mom. Bye!"
„Geht es deiner Mutter und Dawn gut?", erkundigte Willow sich mitfühlend.
„Ja, es ist alles in Ordnung. Dawn hat schlechte Laune wie immer, ansonsten alles normal."
„Das ist gut", meinte Giles und stellte ein Tablett mit Teekanne und Teetassen auf den Tisch. „Dann können wir ja weitermachen." Er hatte noch viele Fragen und er brauchte Antworten. „Erzähl mir noch mal von dem Gnorl."
„Ich habe Ihnen doch schon dreimal davon berichtet", seufzte Buffy genervt. „Warum interessiert Sie dieser Dämon so sehr?"
„Weil er weiß, dass er niemals einen sehen wird." Spike stand im Türrahmen und blickte durch die Runde. Seine bleiche Haut wirkte noch blasser als gewöhnlich. Beinahe durchscheinend. „Ihr habt nicht zufällig auch Blut mitgebracht, als ihr einkaufen ward?"
„Doch, haben wir", erwiderte Anya. „Sogar eine ganze Menge! Setz dich irgendwo hin, du siehst aus, als würdest du gleich umkippen."
Xander brannte ein Satz auf der Zunge. Er sah aus als wollte er sagen, dass es egal wäre, wenn Spike umfallen würde, doch er schluckte die Worte herunter. Er würde es zwar niemals zugeben, aber er mochte die verbalen Schlagabtausche mit dem blondierten Vampir. Nur schien der dazu im Moment nicht in der Lage zu sein.
„Ähm, da fällt mir ein", meinte Giles plötzlich. „Ich hatte zwar schon einmal danach gefragt, aber keine Antwort bekommen. Als dieser Schattenmann in Flammen aufging…, wie genau lief das ab?"
„Soweit ich weiß, hatte ich geantwortet", brummte Spike. „Er hat gebrannt. Lichterloh. Ist einfach verpufft." Er zog einen Stuhl ab, drehte ihn um und setzte sich verkehrt herum darauf. „Warum ist das so wichtig?"
„Nun, das ist recht simpel", erklärte Giles und polierte seine Brille. „Wenn er selber dafür verantwortlich war, dann wäre es mehr ein kurzes Aufglühen und er wäre bereits tot gewesen, bevor die Flammen sich einen Weg aus seinem Körper gebahnt hätten."
„Dann war er wohl eher nicht dafür verantwortlich", meinte Buffy leise und schüttelte sich bei dem Gedanken an das Erlebte. „Sein ganzer Körper stand in Flammen und er hat…, er hat lange leiden müssen, bis es vorbei war." Sie schluckte bei der Erinnerung an die Schreie und schüttelte den Kopf, fast so, als ob sie damit die schrecklichen Bilder vertreiben könnte.
„Dann war es mehr als die Furcht davor, dass er etwas ausplaudern könnte", meinte Giles leise.
„Genau", sagte Anya und stellte die Platte mit Sandwichs in die Mitte des Tisches. „Dann war es eine Bestrafung."
„Eine Bestrafung? Wofür?" Willow sah mit entsetztem Blick von einem zum andern.
„Er hat seinen Auftrag nicht ausgeführt", meinte Anya und zuckte gelassen mit den Schultern.
„Was für einen Auftrag?", mischte sich Xander ein, der eine Schüssel Popcorn mitbrachte und sich auf einen freien Platz setzte.
„Das ist eine gute Frage!" Giles trank vorsichtig einen Schluck heißen Tee und wandte sich dann an den Vampir. „Was hat er gemacht, als Sie ihn, ähm…, nun ja, trafen?"
„Ich habe ihn nicht irgendwo angetroffen. Er griff mich an, kaum, dass ich die Gruft verlassen hatte", erwiderte Spike und nahm Anya die extra große Tasse mit Blut ab. Er nickte der Ex-Dämonin zu und fragte sich, warum anscheinend keiner an ihm rummeckerte wollte und er sogar sein Blut hier am Tisch zu sich nehmen durfte.
„Er hat nichts gemacht? Ich meine…hm, vermeintlich waren Sie sein Ziel.", Überrascht sah Giles auf und stoppte mitten in der Bewegung. Eigentlich hatte er sich ein Brot nehmen wollen, doch nun setzte er sich zurück und legte die Stirn in Falten. „Das kann nur eines bedeuten…"
„Spike war der Auftrag", entfuhr es Buffy. Sie sah über den Tisch und bemerkte, dass der Vampir sich beinahe an seinem Blut verschluckte.
„Ganz genau", erwiderte der Wächter und räusperte sich. „Dann müssen wir jetzt nur noch rausfinden, warum."
„Das würde mich dann aber auch interessieren", knurrte der Blonde böse. „Scheiße! Das fehlt mir auch noch."
Das Gespräch versiegte und jeder hing scheinbar seinen eigenen Gedanken nach. Die Platte auf dem Tisch leerte sich langsam und Buffy schob schließlich ihren Stuhl zurück. „Ich bin pappsatt", erklärte sie und stand auf. „Ich weiß nicht was ihr macht, aber ich werde mich draußen noch einmal umsehen."
„Ich komme mit", meinte Spike und stand ebenfalls auf.
„Nein, das machst du nicht. Du bleibst hier bei den anderen", sagte die Jägerin bestimmend. „Wenn du wirklich das Ziel oder ein Ziel von denen bist, dann bist du hier besser aufgehoben."
„Ich brauche keine verdammten Kindermädchen", motzte der Vampir erbost und zog die Augenbrauen zornig zusammen.
„Spike", meinte Tara leise. „Vielleicht wäre es doch besser, wenn du hier bleibst. Immerhin bist du heute schon einmal schwer verletzt worden."
„Genau", meinte Willow. „Außerdem sollten wir erst herausfinden, warum du so wichtig bist." Und da der Vampir fragend die Augenbrauen hob, sprach sie schnell weiter. „Ich meine, für die Schatten. Wir müssen herausfinden, warum sie dich ausschalten wollten."
„Das bedeutet, wir werden eine Menge lesen müssen, richtig?", fragte Xander und verzog das Gesicht.
„Du nicht", warf Buffy ein. „Du kommst mit mir!"
Normalerweise wäre der Dunkelhaarige froh gewesen, um die lästige Aufgabe dicke Wälzer durchzusehen herumzukommen, doch dieses Mal war er sich nicht sicher, welche Aufgabe das kleinere Übel war.
Buffy sprach leise mit Giles und dieser nickte zustimmend. „Aber seid vorsichtig. Wir wissen nicht, wie viele von diesen schwarzen Magiern in Sunnydale sind."
„Was genau hast du mit Giles besprochen?", wollte Xander wissen, als er Buffy durch den Trainingsraum folgte.
„Ich habe ihm gesagt, dass wir uns das Rathaus mal näher ansehen werden."
„Das Rathaus?" Xander, der gerade seine Taschenlampe überprüfte, sah erstaunt auf. „Hast du nicht gesagt, dass diese Schatten, oder schwarzen Magier, oder was auch immer, genau dahin wollten?"
„Deswegen will ich mir das ja mal genauer ansehen", erwiderte Buffy und blieb stehen. „Willst du lieber hier bleiben?"
Xander überlegte einen kurzen Moment und schüttelte dann verneinend den Kopf. „Nein", erwiderte er mit fester Stimme. „Ich frage mich nur, ob es eine gute Idee ist, in die Höhle des Löwen zu tigern?"
„Ob es eine gute Idee ist, weiß ich nicht", sagte Buffy ehrlich. „Aber ich muss mehr über sie herausfinden und das kann ich nicht von hier. Vielleicht haben wir die Möglichkeit, näher heranzukommen. Wenn sie es auf Spike abgesehen haben, dann haben sie vielleicht ihn heute Nachmittag gespürt und nicht mich."
„Du meinst, als sie diese Feuerbälle auf euch abgeschossen haben?"
„Ja", erwiderte Buffy und nickte ernst. „So ganz begreifen kann ich es nicht. Ich meine das mit Spike. Es gibt jede Menge Vampire hier in Sunnydale. In der verfallenen Kirche waren auch mehrere. Warum schnappen sie sich nicht einen, der sich irgendwo versteckt hat? Mit der Menge an schwarzer Magie müsste es ein Leichtes sein, einen zu finden."
Xander überlegte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. „Vielleicht gibt es an Spike irgendwas Besonderes. Irgendetwas, von dem wir noch nicht wissen."
Buffy blieb wie angewurzelt stehen. Sie durchwühlte ihre Jackentasche und wählte Giles Nummer. „Giles…, nein, es ist alles okay. Xander hat mich nur gerade auf einen Gedanken gebracht." Sie erklärte ihm, was sie meinte und er hörte gespannt zu.
„Ist gut, ich werde mich darum kümmern", sagte der Wächter und beendete das Gespräch.
„Um was genau wird er sich kümmern?", fragte Xander.
„Wenn Spike wirklich etwas Besonderes ist, aus welchen Gründen auch immer, dann werden sie ihn suchen. Denke ich zumindest. Und wie gesagt, mit der schwarzen Magie werden sie ihn auch finden."
„Du meinst, die anderen sind in Gefahr?"
„Giles, Willow und Tara werden sich um einen Schutzzauber kümmern", erklärte Buffy dem aufgeregten Freund. „Zusammen bekommen sie das hin. Willow alleine ist vielleicht schon mächtig genug und, wenn Tara und Giles helfen, wird es auch gelingen."
„Dein Wort in Gottes Ohr", brummte der Dunkelhaarige unwirsch. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, vielleicht nicht helfen zu können, wenn es darauf ankam.
„Xander", sagte Buffy eindringlich und hielt ihn am Arm fest. Erst, als er ihr in die Augen sah, sprach sie weiter. „Wir könnten nicht einmal helfen, wenn wir da wären. Verstehst du nicht? Gegen Magie kann nicht einmal ich etwas ausrichten. Unsere Aufgabe ist es, möglichst viel herauszufinden, um Willow und Giles zu helfen."
„Du hast ja Recht. Aber gefallen tut es mir nicht."
Buffy nickte ihm aufmunternd zu und blickte dann um die nächste Hausecke. „Von jetzt an wird es schwerer. Dahinten steht eine Kontrolle der Nationalgarde. Wir werden unsere Taschenlampen jetzt auslassen müssen und jeden Schatten ausnutzen, der sich uns bietet."
Der Dunkelhaarige nickte. „Dann mal los!" Zusammen schlichen sie durch die Dunkelheit.
Sie brauchten viel Zeit bis zum Rathaus, da sie viele Seitenstraßen und Umwege in Kauf nehmen mussten. Zusätzlich mussten sie zweimal eine Straßensperre der Nationalgarde umgehen und die Finsternis machte die Sache nicht unbedingt leichter. Sie hatten zwar so einen zusätzlichen Schutz um nicht gesehen zu werden, aber Xander hatte einige Male Hausecken und Mauern angestoßen.
Das Gebäude selbst war in völlige Finsternis getaucht. Kein Lichtschimmer war zu sehen. Alle Fenster waren dunkel und Buffy fragte sich, ob sie vielleicht zu dunkel waren. Seit mehr als fünf Minuten verharrten sie jetzt bereits reglos hinter einem Müllcontainer und ließen das große Haus nicht aus den Augen.
„Vielleicht sind sie doch nicht hier", flüsterte Xander leise, doch Buffy hielt sich einen Finger vor die Lippen und deutete mit der Hand auf den Seiteneingang, den sie von ihrem Standpunkt aus ebenfalls überblicken konnten.
„Siehst du das da?", raunte sie zurück. Sie warf einen kurzen Blick auf ihren Freund und sah ihn nicken. „Da bewegt sich etwas und ich könnte darauf wetten, dass es sich um einen Wachposten handelt."
„Und was hilft uns das? Du willst da doch nicht etwa rein, oder?"
„Nein, aber ich möchte mich zu gerne mit der Wache unterhalten", flüsterte sie leise und verzog das Gesicht zu einem überzogenen Grinsen.
„Hier mein Plan: Wir schleichen uns an ihn heran und ich verwickele ihn in einen Kampf. Du musst mir dabei helfen. Sie sind nur wirklich greifbar, wenn sie nicht durchscheinend sind. Du musst ihn niederschlagen und das, so schnell es geht."
„Niederschlagen?", fragte Xander entsetzt. „Womit den? Mit meiner Taschenlampe?"
„Hiermit", erwiderte die Jägerin und drückte ihm ein fünfzig Zentimeter langes Metallrohr in die Hand, das sie eben aus dem Container gefischt hatte.
Xander seufzte leise und nickte dann zustimmend. „Ich hoffe nur, dass nicht noch zwanzig dieser Schattendingens dazukommen. Dann haben wir definitiv verloren!"
„Komm", meinte Buffy nur.
Sie hatte sich entschieden die Wache nicht direkt anzugreifen, sondern eher aus dem Hinterhalt. Dafür mussten sie allerdings erst einmal einen Straßenzug zurück, dann einen großen Bogen machen, um schließlich die Straße in sicherer Entfernung zu überqueren, an der das Rathaus lag. Zusammen schlichen sie über verwinkelte Hinterhöfe und Wildwuchernde Gärten, bis es schließlich soweit war und sie das Gelände des Rathauses erreichten. Zusammen bewegten sie sich lautlos und versteckten sich in einem hohen Gestrüpp.
Buffy beobachtete den Magier angestrengt, wartete auf den richtigen Augenblick. Aus der Nähe betrachtet, sahen seine Bewegungen bei weitem nicht so mysteriös aus, als gedacht. Seine Schritte waren deutlich zu erkennen und Buffy wartete gespannt auf den richtigen Moment. Jede Faser ihres Körpers gespannt, sprang sie schließlich mit nur einem Satz auf den Wachposten und der Kampf auf Leben und Tod begann.
Teil 7
Xander kaute nervös an seiner Unterlippe, während er die Kämpfenden umrundete und auf die passende Gelegenheit wartete. Auf gar keinen Fall wollte er Buffy mit dem Rohr ausknocken. Und eins war so gut wie sicher. Dieser Wachposten war mit absoluter Sicherheit nicht der einzige. Es würde nicht lange dauern und sie würden umzingelt sein von schwarzen Magiern. Und dann… Er wollte lieber nicht länger darüber nachdenken.
Dann hörte er Buffy ein „Xander, jetzt" krächzen, holte aus und schlug kraftvoll zu. Ein sattes klong ließ ihn die Augen schließen und beten, dass er die richtige Person getroffen hatte.
„Xander, komm schon", zischte Buffy leise. „Fass mit an. Wir müssen hier weg und zwar schleunigst."
Erleichtert warf er das Metallrohr ins Gebüsch, bückte sich und griff nach den Füßen des bewusstlosen Mannes. Zusammen trugen und zerrten sie ihn den Weg zurück, den sie gekommen waren. Der Dunkelhaarige schnauft dabei wie eine alte Dampflokomotive. Ganz weit würden seine Kräfte nicht mehr reichen und als sich dann auch noch die Kapuze des Magiers im Gestrüpp verfing und abriss, ließ Xander erschreckt los.
Buffy legte den Oberkörper ab, sah dann verwirrt zu Xander, der seinerseits völlig verstört wirkte.
„Komm schon! Wir haben nicht viel Zeit und wir müssen weiter vom Rathaus weg."
„Ich kann… Oh Gott, Buffy. Schau ihn dir an. Er ist höchstens zwanzig, wahrscheinlich jünger und ich habe ihn umgebracht!"
„Er ist noch nicht tot", brummte die Jägerin leise. „Zumindest jetzt noch nicht!"
„Wir schaffen es niemals bis zur Magic Box. Nie im Leben! Es ist viel zu weit und die Nationalgarde…"
„Wir müssen es auch nicht bis zu Giles und den anderen schaffen", erklärte Buffy eindringlich. Im Stillen wunderte sie Xanders Verhalten. Er hatte sie schon so oft unterstützt und es war nicht das erste Mal, dass er jemanden im Kampf bewusstlos geschlagen hatte. „Wir brauchen nur mehr Abstand zwischen uns und etwaigen Verfolgern. Jetzt reiß dich zusammen und nimm seine Beine!"
Xander kam nicht mehr dazu, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Aus dem Körper des Bewusstlosen schossen Flammen und er zuckte unkontrolliert. Angewidert drehte der Dunkelhaarige sich weg und versuchte angestrengt, den Brechreiz zu unterdrücken.
Buffy hingegen hatte am Hals des Magiers etwas aufblitzen sehen und griff beherzt zu. Sie spürte, wie die unglaubliche Hitze ihre Haut verbrannte und riss an dem Etwas, dass sie zwischen die Finger bekommen hatte. Aufmerksam betrachtete sie ihre Hand. Die Brandblasen und die versengte Haut waren vergessen, als sie das Medaillon in Augenschein nahm, dass sie vor den Flammen gerettet hatte.
Es war achteckig, schien aus Silber oder Platin zu bestehen und war übersät von ihr unbekannten Symbolen. Die Mitte des Schmuckstücks bildete ein schwarzer, glänzender Stein, der durchscheinend wirkte und in dem eine kleine Rauchwolke pulsierte. Unbewusst zuckte sie mit den Schultern. Die Symbole sagten ihr nichts, aber dem Wächter oder Willow würde dazu schon etwas einfallen.
„Jedenfalls hat er nicht geschrieen", krächzte Xander und atmete heftig ein, nachdem er Buffys Verletzung gesehen hatte. „Verdammt! Was hast du gemacht?"
„Ich habe das hier von seinem Hals abgerissen" erwiderte sie, als wäre es die normalste Sache der Welt.
„Aber deine Hand…! Buffy, ich…"
„Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht", versuchte sie ihren Freund zu beruhigen und die Verletzung herabzusetzen. „Komm schon. Wir sollten schleunigst von hier verschwinden, bevor seine Freunde da sind."
Xander nickte und straffte sich. „Dann nichts wie weg!"
Sie rannten den Weg zurück über die Hinterhöfe und tauchten in den Schatten der nächsten Seitenstraße unter. Buffy hielt Xander zurück, flüsterte ihm leise ins Ohr und zusammen drückten sie sich eng an eine Wand.
„Giles? Ich muss mit Ihnen reden", raunte Buffy in das Mobiltelefon.
Sie hatten viel Glück gehabt. Bisher! Die Nationalgarde patrouillierte auch weiterhin durch Sunnydale, doch sie hatten alle Sperren bisher umgehen können und waren nicht entdeckt worden. Auch von den Schattenmagiern wurden sie nicht verfolgt. Aber gerade das war etwas, was Buffy Sorgen bereitete.
„Buffy! Geht es euch gut?", antwortete der Wächter und Buffy konnte die Nervosität in seiner Stimme hören.
Sie sah zu Xander, der mit leicht grünlichem Gesicht an der Hauswand lehnte und nach Luft schnappte.
„Ja, wir sind in Ordnung". Die verbrannte Hand, die wie verrückt pochte und mittlerweile stark geschwollen war, ließ sie ein gedankliches ‚fast’ hinzufügen. Sie verbannte den Schmerz und kam auf den Grund ihres Anrufs zu sprechen. Sie erklärte dem Wächter, was vorgefallen war und beschrieb das Medaillon ausführlich. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich es mit in die Magic Box bringen sollte."
Giles antwortete und sie sprach weiter. „Irgendetwas muss ja die…, wie soll ich sagen… Mitglieder in Brand stecken und überwachen. Vielleicht ist der Anhänger die Ursache. Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob ich es wirklich mitbringen soll. Wenn das Medaillon dafür zuständig ist, dann kann man uns auch damit aufspüren."
Gespannt lauschte sie den Worten des Wächters, die wieder bedeutend ausführlicher waren als nötig. Buffy warf einen besorgten Blick auf Xander und nickte ihm aufmunternd zu, als er ein schwaches Lächeln versuchte.
„Was hat er gesagt?", fragte der Dunkelhaarige, nachdem sie das Mobiltelefon wieder in ihrer Jackentasche verstaut hatte.
„Wir sollen es auf jeden Fall mitbringen. Er meinte, der Schutz, den Willow, Tara und er über das Gebäude gelegt haben würde ausreichen, auch das Ding hier abzuschirmen", erwiderte Buffy und wedelte mit dem Schmuckstück vor den Augen ihres Freundes.
„Ganz toll", brummte Xander undeutlich.
„Schaffst du den Rest des Weges?", fragte Buffy besorgt und wunderte sich wieder über sein Verhalten. Gewöhnlich warf ihn so leicht nichts aus der Bahn.
„Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben", meinte er mit einer Stimme die nicht ihm zu gehören schien. „Aber eins ist schon mal ganz sicher. Dieses Jahr wird die Grillsaison so an mir vorüberziehen. Ich kann und will kein verbranntes Fleisch mehr riechen!"
Buffy antwortete nicht und ihr war vollkommen klar, dass ihr Freund auch keine Antwort erwartete. Stattdessen klopfte sie ihm aufmunternd auf die Schultern und grinste.
Fünfzehn Minuten später standen sie vor der Hintertür des Zauberladens und Xander hielt die Tür zu, als Buffy sie öffnen wollte. Er hatte den gesamten Weg kein Wort gesprochen und Buffy sah ihn abwartend an.
„Ich…", murmelte er leise und sah sie hilflos an. „Ich war keine große Hilfe heute Abend, oder?"
Vollkommen perplex sah Buffy ihn an. Ihre Hand brannte teuflisch und eigentlich wollte sie nur noch eins, hineingehen und sich um ihre Wunden kümmern. Die traurigen Augen ihres besten Freundes hielten sie jedoch zurück.
„Xander, das war nicht gerade ein Spaziergang…"
„Ich weiß. Aber… Verdammt! Ich weiß gar nichts mehr."
„Du hast dein Bestes gegeben und ich war froh, da draußen nicht alleine zu sein", erwiderte Buffy ernst.
„Aber mir war schlecht und ich…"
„Xander", unterbrach sie ihn. „Ich kann mich immer auf dich verlassen und wenn es hart auf hart kommt, bist du der Erste, der hilft. Du tust mehr als jeder andere normale Mensch es jemals würde."
„Danke", seufzte der Dunkelhaarige leise und gab die Tür frei. „Wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich gerne etwas alleine sein."
„Ja. Sicher. Kein Problem. Ich werde den anderen alles erzählen", meinte Buffy, drückte seine Hand und verschwand im Laden.
„Wo ist Xander?", fragte Anya sofort beunruhigt, als die Jägerin alleine in den Verkaufsraum trat.
„Er ist noch draußen", und da die Ex-Dämonin sofort aufsprang, sprach Buffy weiter. „Er will alleine sein."
„Alleine sein?", wiederholte Anya verblüfft. „Ich bin seine Freundin und ich werde…"
„Anya", sagte Buffy eindringlich. „Er hat einiges mit ansehen müssen. Gib ihm fünf Minuten."
Widerwillig setzte sich die Ex-Dämonin wieder und murmelte unverständliche Worte.
„Was ist mit deiner Hand?", fragte Spike und hob neugierig den Kopf.
Wieder einmal wunderte sich Buffy darüber, dass ausgerechnet der Vampir immer alles, was sie betraf sofort bemerkte. ‚Und dieses Mal war es nicht sein Geruchssinn’, stellte sie erstaunt fest. Und da alle anderen sie abwartend anblickten, zog sie ihre Hand hervor, die bisher schützend unter der Jacke verborgen gewesen war.
„Oh, Göttin", riefen Willow und Tara gleichzeitig und die Rothaarige sprang auf und eilte um den Tisch. „Wie ist das passiert?"
Buffy zuckte mit den Achseln. „Als ich Brandopfer Nummer zwei dies hier abgenommen habe." Sie übergab das Medaillon ihrem Wächter und wandte sich dann wieder Willow zu. „Könntest du vielleicht?", fragte sie und bewegte die verletzte Hand leicht hin und her. „Ich wäre dir sehr dankbar."
„Sicher. Kein Problem", antwortete die rothaarige Hexe und lächelte.
Sicherheitshalber schloss Buffy ihre Augen. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie dabei zusehen wollte, wie Willow sich um die Wunde kümmerte. Sie hörte die Hexe leise lateinische Worte murmeln und fühlte ein leichtes Kribbeln, das durch ihren gesamten Körper wanderte. Als Willow verstummte, öffnete sie vorsichtig ein Auge und besah sich ihre Hand. Die Brandwunden waren verheilt, aber die Haut wirkte noch immer wund und sie leuchtete rot.
„Besser geht es nicht", murmelte Willow zerknirscht. „Ich habe heute wohl schon zuviel meiner Energien verbraucht."
Buffy schüttelte den Kopf. „Alles bestens! Immerhin sind die Wunden geschlossen und den Rest erledigt meine eigene Heilfähigkeit. Danke schön."
„Die fünf Minuten sind jetzt um", brummte Anya mürrisch und schob geräuschvoll ihren Stuhl zurück. Böse vor sich hinmurmelnd verließ sie den Raum, ohne Buffy auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Was ist denn mit Xander?", meinte Tara leise und sogar Giles ließ von seinem neuesten Rätsel ab. Die Antwort wollte er nicht verpassen und er sah Buffy neugierig an.
„Er stand daneben, als der Besitzer des Medaillons in Rauch aufging", erklärte Buffy und warf Spike einen warnenden Blick zu.
Der Vampir verkniff sich darauf hin seine Antwort und grinste nur hämisch.
Betretenes Schweigen machte sich breit, dass Willow dann unterbrach. „Habt ihr etwas Neues in Erfahrung bringen können?" Sie goss ein Glas Mineralwasser ein, überreichte es Tara und sah dann wieder zu Buffy.
„Eigentlich nicht besonders viel. Höchstens, dass sie sich definitiv im Rathaus aufhalten. Ansonsten nur die übliche Schlägerei mit dem netten Feuer als krönenden Abschluss." Seufzend ließ Buffy sich auf einen Stuhl fallen und runzelte plötzlich die Stirn. Jetzt wusste sie wieder, was sie die ganze Zeit gestört hatte.
„Giles, kann es sein, dass all diese Magier taub sind?"
„Ich verstehe nicht, was du…", erwiderte der Wächter verwirrt, nahm dann seine Brille ab und polierte sie.
„Ich habe mit dem Besitzer des Anhängers gekämpft", erklärte die Jägerin und deutete dabei auf das Schmuckstück. „Es muss Lärm gemacht haben, vor allem, als Xander ihm ein Metallrohr übergezogen hat. Wenn das Rathaus so etwas wie die Kommandozentrale oder was auch immer ist, dann verstehe ich nicht, warum ihm niemand zur Hilfe kam."
„Das ist eine gute Frage", sagte Giles und kratzte sich am Kinn. „Leider kann ich dir darauf keine Antwort geben. Noch nicht!"
Teil 8
„Tara und ich, wir gehen jetzt schlafen", verkündete Willow schließlich und die beiden Hexen standen auf.
Erstaunt sah Buffy auf die Uhr. Es war bereits weit nach Mitternacht und sie konnte den Beiden nur zustimmen. Die Stunden waren dahin geschmolzen und jeder war in irgendwelche Bücher vertieft gewesen. Am besten wäre es, sie würde sich selbst schlafen legen. Niemand konnte genau sagen, was der nächste Tag bringen würde und da war es sinnvoll, dass sie ihre Kräfte schonten.
„Haben Sie schon etwas gefunden?", wandte sich Buffy an den Wächter, nachdem sie Willow und Tara eine gute Nacht gewünscht hatte.
„Leider nichts", gab der Angesprochene zerknirscht zu. „Gar nichts. Aber ich denke, dies hier wird uns weiterbringen", meinte er und deutete auf die eingravierten Symbole des Medaillons. „Du und Spike, ihr solltet euch auch hinlegen und ausruhen. Ich werde noch mal nachsehen, ob ich eine Übersetzung dafür finden kann und mich dann auch schlafen legen."
„Wo genau schlafen wir eigentlich alle?"
„Willow und Tara haben Matten und Schlafsäcke im gesamten Laden verteilt. Soweit ich weiß, schlafen Anya und Xander hinter dem Verkaufstresen. Oben bei den Büchern ist noch Platz, vorne neben dem Eingang und…Ich weiß es nicht ganz genau. Du müsstest nachsehen…"
„Mein Platz ist wie üblich im Keller", meldete sich Spike plötzlich zu Wort, der die ganze Zeit über merkwürdig ruhig gewesen war. „Zumindest wird mich da die Sonne nicht stören, die sowieso nicht aufgeht", brummte er missmutig und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Buffy runzelte die Stirn. Selbst der Abgang war außergewöhnlich leise und sie fragte sich, ob sie sich darüber Sorgen machen musste. Vielleicht sollte sie ihm nachgehen und fragen, was er auf dem Herzen hatte. Doch dann überlegte sie es sich anders. ‚Er wird es überleben!’
„Wenn Sie nichts dagegen haben, dann nehme ich den Platz am Eingang." Sie sah ihren Wächter prüfend an, doch der antwortete nur mit einem zustimmenden Brummen. Er war viel zu sehr in seine Aufgabe vertieft, als dass ihm seine Schlafstelle irgendwie wichtig gewesen wäre.
Schließlich stand sie auf und ging zu dem von ihr gewählten Platz. Sie sah auf die Matte und ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. ‚Typisch Willow’, dachte sie und musste dann lachen. Verschiedene Kleinigkeiten lagen sauber angeordnet auf dem Schlafsack. Eine Zahnbürste, Zahnpasta und ein kleines Stück Schokolade waren auch darunter und sie fragte sich, ob auch Spike in den gleichen Genuss gekommen war. Buffy warf ihre Jacke auf den Boden, zog den Pullover über den Kopf und rollte ihn als Kopfkissenersatz zusammen. Nur mit T-Shirt und Hose bekleidet, krabbelte sie in den Schlafsack und zog den Reißverschluss zu. ‚Dann wollen wir mal hoffen, dass der morgige Tag mehr Ergebnisse liefert!’
********************
Nur sehr langsam wachte Buffy wieder auf. Sie wusste sofort wo sie war, hatte aber keinerlei Lust, die Augen zu öffnen. Viel zu lange hatte sie noch wach gelegen und sich gefragt, was sie unternehmen konnte, um die Schattenmagier aufzuhalten.
‚Wie spät es wohl ist’, überlegte sie und empfand eine Antwort auf diese Frage im nächsten Moment als komplett überflüssig. In der Magic Box herrschte absolute Stille. Keine Schritte, keine Unterhaltung. Nichts war zu hören, außer den typischen Geräuschen, die zu dem Gebäude gehörten.
Das leise Rieseln des Staubs, der Wind, der sich unter der Eingangstür fing und das genervte Brummen eines Vampirs. Kurz davor, wieder in die Traumwelt abzutauchen, riss sie ihre Augen auf und erblickte Spike, der im Schneidersitz vor ihrer Matte saß und sie fies grinsend ansah.
„Musst du mich so erschrecken", meckerte sie und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
„Ich sitze seit weit über einer Stunde hier", erwiderte Spike gut gelaunt und grinste. „In der ganzen Zeit hat es dich auch nicht gestört, dass ein großer böser Vampir in deiner Nähe war."
Buffy klappte der Mund auf. Sie hatte seine Worte durchaus verstanden, aber alles, was wirklich zu ihr durchdrang, war sein erster Satz. Ich sitze seit weit über einer Stunde hier...
Sie setzte sich auf und funkelte ihn böse an. „Warum weckst du mich nicht einfach, wenn du etwas von mir willst?" Sie konnte nicht gerade behaupten, dass ihr der Gedanke gefiel, während des Schlafens beobachtet zu werden.
„Es war ja nicht wirklich eilig" grinste Spike und legte den Kopf schräg. „Man hat mir gestern sehr ausführlich dargelegt, dass ich dieses nette Etablissement nicht verlassen darf. Da war es mal ganz lustig, was anderes schnarchen zu hören, als die Ratten unten im Keller. Und glaub mir, dich zu beobachten macht bedeutend mehr Spaß, als dem Wächter dabei zuzusehen, wie er seine Bücher voll sabbert."
Buffy machte sich lang, blickte um die Ecke und sah Giles, der immer noch am Tisch saß und scheinbar einfach irgendwann eingeschlafen war. Seine Brille war verrutscht und hing mit einem Bügel in seiner Teetasse.
Sie wandte sich wieder dem Vampir zu. „Was willst du überhaupt von mir?
„Ich habe es vergessen", erwiderte er prompt und grinste hinterhältig.
„Wirklich ganz toll", meckerte sie und krabbelte aus dem Schlafsack. „Wie spät ist es überhaupt?"
„Gleich Mittag", erwiderte er und zuckte mit den Schultern. „Im Grunde sowieso unwichtig, oder? Es ist durchgehend dunkel und wir können eh nichts machen, bis das Sabbermonster da drüben etwas rausgefunden hat."
„Mag sein", brummte sie undeutlich. Eigentlich hatte der Vampir Recht, aber das brauchte sie ihm ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Sie schnappte sich ihre neue Zahnbürste und winkte Spike missmutig zu. Im Vorbeigehen weckte sie ihren Wächter und verschwand dann, um sich zu waschen.
Kaum hatte sie sich wieder in ein menschliches Wesen verwandelt, hörte sie, wie es aufgeregt an der Ladentüre klopfte. Giles war gerade dabei, sein Durcheinander aufzuräumen, sah sie an und blickte dann zur Tür.
„Ich werde öffnen", meinte Buffy. „Wenn es die schwarzen Magier wären, würden sie höchstwahrscheinlich nicht anklopfen. Sie drehte den Schlüssel, öffnete die Tür einen Spalt und sah sich einem jungen Soldaten gegenüber.
Er streckte ihr eine Reisetasche entgegen, die ihr sehr bekannt vorkam. „Buffy Summers?", fragte er und lächelte erleichtert, als sie zustimmend nickte. „Eigentlich hätte ich das ja nicht dürfen, aber Ihre Mutter hat nicht locker gelassen."
„Danke schön", erwiderte die Jägerin verblüfft und nahm ihm die Tasche ab. Er nickte kurz und verschwand in der Dunkelheit.
„Was ist das?" fragte Giles und kam neugierig näher.
„Das? Ich würde sagen, meine Mutter hat mir Anziehsachen geschickt. Sie hat einem der jungen Soldaten scheinbar so lange zugesetzt, bis er die Tasche mitgenommen hat."
Der Wächter schmunzelte und fuhr sich durch das vom Schlaf wirre Haar. „Ich werde mich dann auch mal frisch machen. Wenn dann irgendwann alle wach sind, sollten wir uns zusammensetzen. Ich denke, ich habe so einiges herausgefunden. Und ich weiß sogar, warum sie sich im Rathaus aufhalten."
„Oh, gut. Ich werde mich umziehen und dann die anderen wecken." Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, fiel ihr auf, dass der Vampir verschwunden war. „Wo ist Spike?"
„Ich weiß es nicht. Ist er schon aufgestanden?", meinte der Wächter und kramte schon wieder in seinen Büchern.
„Er war so nett, mich zu wecken", brummte Buffy undeutlich. Sie stellte die prall gefüllte Tasche auf den Tisch und öffnete den Reißverschluss. Buffy konnte nicht anders, sie musste ihre Mom einfach bewundern. So wie es aussah hatte sie es geschafft, den gesamten Inhalt ihres Kleiderschrankes in dieser einen Tasche unterzubringen.
Sie kramte ihren Lieblingspullover hervor, den sie leider nur sehr selten anziehen konnte, da er für die Klimaverhältnisse in Sunnydale normalerweise viel zu warm war. Außerdem entdeckte sie auch einen Beutel mit ihrem Waschzeug. Erleichtert öffnete sie ihn und grinste ihre Bürste an, als wäre sie ein lang erwarteter Freund. „Ich geh mich schnell umziehen", rief sie ihrem Wächter zu, der schon wieder in seine Arbeit vertieft war und keine Antwort gab. ‚Und dann werde ich nachsehen, wohin Spike verschwunden ist!’
Sie fand ihn schließlich im Hinterhof. In der Dunkelheit hätte sie ihn fast übersehen, doch seine glühende Zigarette verriet ihn.
„Meinst du, es ist eine gute Idee, hier alleine rumzustehen? Du weißt doch, dass diese netten schwarzen Männer die so nett unsichtbar werden, hinter dir her sind."
„Giles und Willow werden wohl so schlau gewesen sein, den Schutz ein wenig großzügiger zu gestalten. Ansonsten wäre die beste Tarnung nichts, da sie dich dann direkt zu diesem Haus führt." Er schnipste seinen Zigarettenstummel in die Luft und seufzte. „Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum ich nicht einfach von hier verschwinde."
„Weil du genau weißt, dass sie dich in deiner Gruft schon lange gefunden hätten."
„Was macht euch eigentlich so verdammt sicher, dass sie nach mir suchen? Vielleicht war ich wirklich nur zur falschen Zeit am richtigen Ort!"
„Das glaubst du doch nicht wirklich?", antwortete Buffy und hob überrascht die Augenbrauen.
„Ich bin einmal angegriffen worden. Verflucht! Als wäre mir das zum ersten Mal passiert! Ich bin ständig in irgendwelche verdammten Schlägereien verwickelt. Und warum haben diese Idioten dann nur einen von ihren kleinen Helfern geschickt?"
„Wow! Du warst vorhin aber bedeutend besser gelaunt!", erwiderte die Jägerin. „Was hat dir jetzt die Laune so verhagelt?"
„Ich lasse mich nun mal nicht gerne einsperren! Und meine Frage hast du auch nicht beantwortet!", nörgelte Spike munter weiter.
„Welche Frage?"
„Warum nur einer von diesen Idioten auf mich angesetzt war? Da muss aber schon ein bisschen mehr kommen als ein Hampelmann!"
„Ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht hast du ja sogar Recht und es war wirklich nur ein Zufall. Sei es, wie es ist. Giles hat eine Menge herausgefunden. Hat er zumindest behauptet. Er wollte es uns gleich sagen. Wenn du deine schlechte Laune dann mal wieder wegpacken könntest…"
Die Jägerin öffnete die Tür und sah den Vampir, der mürrisch näher trat, auffordernd an. „Nun komm schon. Wenn du wieder soviel Glück hast wie gestern, bekommst du von Anya glatt wieder eine Tasse Blut serviert."
„Das glaube ich eher nicht! Unsere heißgeliebte Ex-Dämonin ist seit gestern etwas missmutig."
„Sie wird es überleben", erwiderte Buffy schulterzuckend und ließ den Vampir vorbeigehen. „Ich habe Hunger. Mal sehen, was Willow gestern Nettes eingekauft hat."
In dem Zauberladen war Hektik ausgebrochen. Willow kramte gerade in Buffys Reisetasche und lächelte verlegen, als sie ihre Freundin sah. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich mir was ausleihe?"
„Nein" erwiderte Buffy und musste lachen. „So wie ich das sehe, hat Mom sie extra vollgestopft. Sie hat sich so etwas bestimmt denken können."
„Deine Mutter ist eine kluge Frau", meinte Xander und biss in einen Schokoriegel. „Aber das habe ich ja immer schon gesagt."
„Wo ist Anya?", fragte Tara, die sich mit verschlafenen Augen zu Willow stellte.
„Sie ist gerade im Keller. Sie meinte, es wäre ja heute wohl genug Zeit, um die Vorräte wieder aufzufüllen."
Buffy und Willow wechselten wissende Blicke, sagten aber kein Wort. „Haben wir noch etwas anderes als Schokolade?", fragte die Jägerin dann.
„Jede Menge gesundes Futter", grinste Xander. „Dies hier ist aus meinem privaten Lager."
„Slayer, fang…", rief Spike plötzlich und Buffy schaute in seine Richtung. Eine Banane flog quer durch den Raum und ein Apfel folgte sofort. „Wie ich dich kenne, wird das genau richtig sein." Er grinste und kramte für sich einen Blutbeutel hervor, den er demonstrativ sofort aufriss und geräuschvoll trank.
Keiner der Anwesenden verzog auch nur eine Miene. Sie alle hatten sich viel zu sehr daran gewöhnt, als dass es sie noch schocken konnte und Buffy biss kurzerhand in ihren Apfel.
„Sind dann alle soweit?", fragte Giles. Er trug seine Trainingskleidung und wirkte bedeutend munterer als vor zwanzig Minuten. Die übliche Tasse Tee in der Hand sah er von einem zum andern und nickte, als sich alle am Tisch versammelten. „Dann wollen wir mal!"
Teil 9
„Also gut", sagte Giles und wartete darauf, dass alle einen Platz fanden und sich setzten. Er hatte einiges zu erzählen und es waren nicht unbedingt gute Nachrichten. Er sah von einem zum anderen und nickte. „Dann können wir ja loslegen." Er selbst zog einen Stuhl ab und setzte sich, während die Augen der anderen auf ihm ruhten.
„Dank des Medaillons habe ich es geschafft, Licht ins Dunkle zu bringen. Wir wissen jetzt, mit wem wir es zu tun haben. Buffy erwähnte, dass das erste…, ähm, der erste tote Schattenmagier eine Art Mönchskutte trug. Damit lag sie nicht unbedingt verkehrt." Er sah sich um, vergewisserte sich, ob er die Aufmerksamkeit aller hatte und räusperte sich. „Wir haben es mit der Bruderschaft der Troikaner zu tun. Alles hochrangige schwarze Magier, aber keinesfalls so viele, wie wir befürchtet haben."
„Deswegen also immer nur einer", brummte Spike und verzog angewidert das Gesicht.
„Nicht unbedingt nur deswegen. Sie sind der Meinung, dass derjenige, dem eine
Aufgabe übertragen wurde, sie auch zu bewältigen hat. Wer seinen Pflichten nicht
nachkommt, wird bestraft."
„Ach so", knurrte Spike. „Der darf dann brennend in die Hölle fahren."
„Ähm, ja", murmelte Giles leise.
„Aber das ist doch gut für uns", meinte Willow und sprach schnell weiter. „Ich meine nicht, dass sie verbrennen. Ich dachte eher an die Anzahl der Magier. Unsere Chancen sind doch so bedeutend größer…"
„Was wollen sie eigentlich?", fragte die Jägerin und winkte gleich ab. „Blöde Frage. Eigentlich kann ich es mir schon denken. Wieder mal ein Weltuntergang", fügte sie genervt hinzu und sah ihren Wächter an, der zustimmend nickte.
„Warum ausgerechnet hier, wissen wir auch", feixte Xander und grinste. „Der uns allen so gut bekannte Höllenschlund!"
Giles räusperte sich. „Ich habe in der letzten Nacht noch lange telefoniert. Ich habe mit ein paar Kollegen gesprochen, die sich mit dem Thema besonders gut auskennen und mir einiges über die Bruderschaft sagen konnten." Er machte eine Pause und überlegte, wie er seine Erklärung am besten fortführen konnte. „Wo fange ich am besten an? Ihr erinnert euch sicherlich alle noch an Bürgermeister Wilkins und wir brauchen diesen Mann nur am Rand ansprechen. Wilkins hat, auch für seinen eigenen versuchten Aufstieg, einige sehr alte und sehr gefährliche magische Gegenstände gesammelt. Die meisten davon in seinem Büro! Tatsächlich wurden diese Artefakte zum größten Teil gefunden und werden seitdem sicher verwahrt." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und seufzte dann. „Wie gesagt, die meisten wurden gefunden, aber eben nicht alle. Ich hatte schon lange den Verdacht, dass er auch im Besitz eines sehr alten und sehr gefährlichen magischen Gegenstandes war, konnte es aber niemals beweisen. Allerdings gibt mir die Bruderschaft da auf gewisser Weise recht, denn sie sind auf der Suche nach eben diesem Kunstwerk. Der Yoinische Kelch ist ein sehr altes magisches Artefakt, älter als die Menschheit selbst. Wo genau er herkommt, oder wer ihn hergestellt hat, kann niemand mehr sagen. Aber wir wissen, wer der letzte Besitzer war. Und! Ich muss dazu sagen, dass eben dieser Kelch nur über die Blutlinie weitervererbt werden kann."
„Bürgermeister Wilkins war demnach der letzte Besitzer", meinte Willow leise. „Hatte er Kinder?"
„Ähm, nein. Wilkins war nicht der Besitzer, er hat ihn nur an sich genommen." Er machte eine erwartungsvolle Pause und holte tief Luft. „Der Kelch gehörte dem Meister." Giles sah seine Jägerin nach Luft schnappen und nickte ihr aufmunternd zu. „Und genau da kommt Spike ins Spiel!"
„Warum ausgerechnet Spike?", fragte Xander verblüfft.
„Weil der Meister mein…, wie würdet ihr dazu sagen...? mein Ururgroßvater war! Wenn man es dann so nennen muss", beantwortete der Vampir die Frage. „Darla, Angelus, Drusilla und dann ich."
„Aber du bist doch nicht der einzigste Nachkomme", meinte Buffy. „Du hast es gerade selber gesagt. Erst Darla, dann Angel und schließlich Drusilla. Sie alle stehen in der Erbfolge höher als du. Außerdem gibt es mit Sicherheit noch tausend andere Nachkommen von ihm. Also, warum gerade er?", wandte sie sich an ihren Mentor.
„Weil er der einzigste Nachfahre in Sunnydale ist", versuchte Giles zu erklären. „Zumindest ist er der stärkste!"
„Das hat sich ja mit dem Chip erledigt", warf Xander ein und grinste Spike hinterhältig an.
„Deswegen kann er trotzdem sein Erbe fordern", mischte sich Anya in das Gespräch ein und stellte den Schrumpfkopf zurück in das Regal, dass sie gerade umräumte. „Chip hin oder her. Er ist aus der Blutlinie des Meisters und hat somit das Recht dazu."
„Das stimmt", bestätigte Giles und nickte bedächtig.
„Das ist doch völliger Quatsch! Da kann ja jeder kommen. Ich meine, jeder Vampir, ganz egal, wie weit er von seinem ähm…, Urahnen entfernt ist. Wenn dieses magische Dingens wirklich so mächtig ist, warum kämpfen die Nachfolger des Meisters dann nicht darum?", meinte Buffy und schüttelte verwirrt den Kopf.
„Im Grunde könnte ihn jeder Nachkomme an sich nehmen, aber die meisten wissen nicht einmal von der Existenz des Kelches. Außerdem braucht man als Besitzer einiges an magischer Macht. Ansonsten ist er wertlos." Giles zuckte leicht mit den Schultern und räusperte sich.
„Dann ist die ganze Angelegenheit doch ein Klacks. Wir schicken Spike zum Rathaus und lassen ihn diesen blöden Kelch holen", meinte Xander schulterzuckend. „Kein Kelch, kein Weltuntergang."
„Wenn er das Rathaus betritt, wird er sofort getötet", sagte Giles und sah den Dunkelhaarigen scharf an.
„Okay! Das ist mir jetzt zu hoch." Buffy stand auf, ging ein paar Schritte und drehte sich dann ihrem Wächter zu. „Sie haben gerade gesagt, er wäre der Erbe des Yoinischen Kelchs und er könnte ihn fordern, da er sich auf die Blutlinie berufen kann. Dann haben sie gesagt, dass er getötet wird wenn er es versucht. Das ist ein Widerspruch in sich."
„Ja und nein. Der Vampir ist der Erbe und ja, er kann sein Erbe fordern. Aber, da diese Bruderschaft im Moment der vorläufige Besitzer ist, wird er sich auf einen Kampf einlassen müssen. Sie werden ihn mit Sicherheit nicht mit offenen Armen empfangen und ihm sein Erbe aushändigen. Und gegen eine solche Macht von schwarzer Magie kann auch der Vampir nichts ausrichten. Es wäre sein Tod."
„Der Vampir sitzt hier mit am Tisch", motzte Spike. „Und er kann es überhaupt nicht leiden, wenn von ihm in der dritten Person gesprochen wird!"
Buffy, Willow und Tara lachten und selbst Giles konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. Allerdings verschluckte er es sehr schnell, da Spike ihn finster anfunkelte.
„Wozu haben diese Schattenmagier dann allen Dämonen die Kräfte genommen?", fragte Buffy und warf einen Blick auf Spike, der sich mit verschränkten Armen zurücklehnte. „Oder zumindest einen Teil davon?"
„Das ist mehr ein Nebeneffekt der Finsternis als ein wahrer Versuch, ihnen die Kräfte zu rauben", erklärte der Wächter und sein Gesicht wurde ernst. „Sie müssen sich sehr sicher sein, dass ihr Plan aufgeht. Sie haben sich mit dem Zauber, der diese endlose Nacht auslöst, selber ein Zeitlimit gesetzt."
„Ein Zeitlimit?" Xander sah ihn entsetzt an. „Wie lange?"
„Drei Tage", antwortete Giles leise.
„Wirklich ganz toll!" Buffy beendete ihre Wanderung und ließ sich wieder auf ihren Platz fallen. „Wann genau?"
„Morgen um Mitternacht!" Der Wächter nahm seine Brille ab und polierte sie ausführlich.
„Kann ich mal eben eine Zwischenfrage stellen?", warf Tara ein und wartete gespannt. „Warum überhaupt diese ganze Finsternis? Ist die zu etwas gut?"
„Die Finsternis ist mehr symbolisch anzusehen", erklärte Giles leise. „Eher um zu uns und allen anderen zu zeigen, was auf uns zukommt."
„Ewige Finsternis", raunte Willow und schüttelte sich beim Gedanken daran.
„Also gut." Buffy blickte von Einem zum Anderen. „Nur damit ich das richtig verstehe. Sie brauchen diesen dämlichen Kelch um den Weltuntergang herbeizuführen und Spike ist derjenige, der ihnen den abnehmen könnte, wenn er denn selber ein Hexenmeister wäre?"
„In einfachen Worten ausgedrückt, ja", erwiderte Giles und trank einen Schluck Tee.
„Gibt es andere Möglichkeiten, ihnen das Ding abzunehmen?", fragte Buffy weiter.
„Nein. Leider nein!"
„Also liegen all unsere Hoffnungen auf dem da?", zischte Xander und deutete auf Spike. „Das kann nicht Ihr Ernst sein!"
„Doch! Ich befürchte, genauso ist es!"
„Also haben wir schon verloren?", fragte Tara und sah entschuldigend den blonden Vampir an. Sie rutschte näher zu Willow und sprach leise weiter. „Wir können doch nicht einfach so aufgeben!"
„Sie hat Recht. Es muss eine Möglichkeit geben", sagte Willow und drückte die Hand ihrer Freundin.
„Nur, wenn Spike sich über Nacht in einen schwarzen Magier verwandelt." Anya, gerade im Begriff die Fledermausohren abzustauben, hielt inne. „In einen wirklich mächtigen schwarzen Magier."
Stille kehrt ein. Niemand sprach ein Wort und alle hingen ihren eigenen Gedanken nach. Spike stand schließlich auf, blickte finster durch die Runde und verließ den Laden, indem er durch die hintere Tür in den Trainingsraum verschwand. Erst wollte Buffy hinter ihm her, doch Sekunden später hörte sie, dass er den Sandsack wieder bearbeitete. Besser gesagt, die Überreste des Sandsacks.
Xander starrte auf seine Hände und schien völlig in seinen eigenen Gedanken verloren zu sein. Willow und Tara unterhielten sich leise und Giles blätterte durch seine Bücher. Wahrscheinlich immer noch auf der Suche nach einer anderen Möglichkeit, das Ende abzuwenden. Aber nach einer gezielten Suche sah es nicht aus. Eher nach dem Versuch, einen letzten Strohhalm zu finden.
Anya stand noch immer vor ihren Regalen, hatte jedoch ihre Arbeit unterbrochen und starrte ins Leere. Scheinbar war sie sich nicht sicher, ob sich ihre Anstrengungen noch auszahlen würden oder ob sie einfach aufhören sollte. Sie sah zu Xander und entschied, ihre Arbeit zu unterbrechen. Sollten sie wirklich nur noch einen letzten Tag haben, dann wollte sie ihn anders verbringen. Nicht hier im Zauberladen und vor allem ohne die anderen.
„Giles, können wir gehen?", fragte sie unverblümt und baute sich neben dem Wächter auf. „Giles!", rief sie, da er nicht reagierte.
„Ja", schreckte der Angesprochene hoch. „Was gibt es?"
„Ich habe gefragt, ob wir gehen können. Hier gibt es nichts zu tun und ich würde gerne nach Hause gehen. Xander und ich. Wir könnten die letzten Stunden weitaus sinnvoller nutzen, als hier herumzusitzen."
„Ich befürchte nein!", erwiderte Giles. „Die Nationalgarde würde euch abfangen, oder noch schlimmer, die Bruderschaft bekommt euch in die Hände."
„Vielleicht schaffen wir es aber auch ungesehen bis nach Hause!", nörgelte die Ex-Dämonin.
„Aber wenn nicht, dann verbringt ihr die Zeit in einem Arrest oder schlimmeres", warf Buffy ein und erntete dafür einen bitterbösen Blick von ihr.
„Sie hat recht", versuchte Xander seine Freundin zu beruhigen. Er griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. „Wir können es nicht ändern."
„Aber ich will nicht hier bleiben. Zuhause könnten wir zumindest noch einmal guten Sex haben!"
Xander atmete heftig aus. „An, Süße. Wie oft…", er brach mitten im Satz ab. ‚Wenn wir diesmal wirklich keine Möglichkeit finden, dann ist es jetzt auch nicht mehr wichtig, sie zu verbessern!’ Er schob seinen Stuhl zurück und zog sie auf seinen Schoß. Beruhigend sprach er im Flüsterton auf sie ein und es dauerte nicht lange und ihr Gesichtsausdruck wurde etwas milder.
„Ich werde meine Mom anrufen", sagte Buffy leise, schnappte sich das Gerät und stand auf. Sie ging hinüber zum Eingang und setzte sich auf ihre Matte. Sie schluckte und wählte dann. „Hi, Mom! Ja, mir geht’s gut. Nein! Mom, warte… Ich muss mit dir reden!" Sie erklärte ihre Mutter, was Giles herausgefunden hatte und Joyce schnappte hörbar nach Luft.
Irgendwie hatte Buffy das schreckliche Gefühl, als Jägerin und auch als Tochter versagt zu haben und sie sackte in sich zusammen. Sie sprachen lange und ausführlich und plötzlich runzelte sie die Stirn. Ihre Mutter hatte gerade nach Willow gefragt und das brachte sie auf eine Idee. Sie verabschiedete sich schnell und versprach, wieder anzurufen. Dann sprang sie auf, eilte zu ihrem Wächter und riss ihn aus seinen Gedanken.
„Können wir Spike nicht irgendwie Magie übertragen?"
„Hm…" machte Giles und sah sie verwirrt an.
„Kann man nicht, ich weiß auch nicht, Willows magische Kräfte auf den Vampir transferieren?"
„Ich verstehe, was du meinst. Ich habe schon einmal so etwas gehört…, warte, ich schau nach."
Die anderen wurden hellhörig und wandten sich von ihrem jeweiligen Partner ab. Willow sah Buffy neugierig an. „Ich habe gerade meinen Namen gehört, richtig?"
„Ja", nickte Buffy und erklärte den anderen, was Giles gerade nachschlug.
Der Wächter kam wenige Minuten später wieder, allerdings sah er nicht sonderlich triumphierend aus, sondern eher besorgt. Er räusperte sich und blickte in die angespannten Gesichter der Andern. „Es ist möglich. Wir können Willows Macht auf Spike übertragen, aber sie wird vermutlich nicht reichen. Tara und ich müssten unsere ebenfalls abgeben."
„Aber, das ist eigentlich eine gute Nachricht", meinte Willow. „Nur Ihr Gesichtsausdruck passt nicht wirklich dazu."
„Nun, ähm. Dieser Transfer der Magie findet freiwillig statt, kann also nicht erzwungen werden."
„Und wo liegt dann das Problem?", fragte Buffy und runzelte die Stirn.
„Wenn, und ich sage nur wenn Spike diesen Kampf überlebt und den Kelch aus den Fängen der Bruderschaft reißen kann… Wer garantiert uns dann, dass er die Magie auch freiwillig zurückgibt? Wir würden ihn dadurch sehr gefährlich machen. Gefährlicher, als er je zuvor war. Ihm wären im Grunde kaum noch irgendwelche Grenzen gesetzt."
Schweigen legte sich über die Anwesenden der Magic Box. Alle wussten nur zu gut, dass Spike im Grunde nur darauf wartete seinen Chip wieder loszuwerden. Und mit der gesammelten Macht von Tara, Giles und Willow wäre es für ihn ein Leichtes, eben diesen Chip zu entfernen.
„Es bleibt uns keine große Wahl", sagte Buffy leise. „Wir haben keine andere Möglichkeit. Wir müssen ihm vertrauen."
Teil 10
Die Stimmung in der Magic Box war bis auf das Zerreißen gespannt, allerdings herrschte momentan absolute Ruhe und man hätte eine Stecknadel fallen hören. Dass diese Ruhe nicht mehr lange anhalten würde, konnte man den Gesichtern der Jägerin und ihres Wächters mehr als deutlich entnehmen.
„Buffy!", platzte es schließlich aus Giles heraus. „Du machst ihn damit zum mächtigsten Vampir, der jemals gelebt hat. Er ist nicht wie Angel! Er hat keine Seele! Das einigste was ihn zurückhält, ist der Chip in seinem Schädel und genau das ist es, was ihn antreibt uns zu überhaupt zu helfen."
‚Und genau da bin ich mir schon lange nicht mehr so sicher’, dachte Buffy, sprach es aber nicht laut aus, weil sie nur mit Unverständnis rechnen konnte. Sie konnte es ja selbst nicht einmal näher benennen, warum sie dieser Meinung war. „Giles, was sollen wir denn machen?", fragte sie leise. „Warten und hilflos zusehen, wie diese Magier den Weltuntergang herbeiführen? Einfach so? Ohne irgendetwas zu unternehmen? Finden Sie eine andere Möglichkeit und ich wäre die erste, die dafür ist, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich kann nicht tatenlos zusehen!"
„Das verstehe ich ja", erwiderte der Wächter hitzig. „Aber ich kann auch keinen Supervampir auf die Menschheit loslassen! „Was geschieht, wenn er selber die Macht des Yoinischen Kelches ausnutzt, um eben das zu tun, was wir so angestrengt verhindern wollen?"
„Es hilft auch nicht, wenn wir uns gegenseitig anschreien", sagte Willow mit Nachdruck und blickte Beiden bittend ins Gesicht. „Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden. Buffy hat Recht, wenn sie alles versuchen will, um den Untergang zu verhindern. Und Sie haben ebenso Recht", wandte sie sich dem Wächter zu. „Keiner möchte einen übermächtigen Vampir erschaffen. Ganz zu schweigen davon, dass ich meine Kräfte nicht gerne abgebe. Die Frage die wir uns stellen müssen ist, ob es überhaupt eine andere Möglichkeit gibt."
„Mir gefällt das jedenfalls gar nicht", brummte Xander missmutig. „Ausgerechnet Spike! Mir hätte Angel schon kaum in dieser Rolle gefallen, aber der hat zumindest eine Seele!"
„Angel", sagte Tara. „Er lebt doch in L.A. und er ist auch ein Nachkomme dieses Meisters. Können wir ihn nicht einfach anrufen und fragen, ob er herkommen könnte?"
„Ihr unterschätzt immer die Nationalgarde", meinte Giles, nahm seine Brille ab und rieb seine müden Augen. „Ich weiß nicht, ob er es rechtzeitig schaffen könnte. Der Ausnahmezustand ist über das ganze Land verhängt worden, nicht nur über Sunnydale!"
„Aber er ist ein Vampir. Immer gut, wenn es um Täuschen und Tarnen geht", sagte Anya. „Einen Versuch ist es wert!"
Buffy fackelte nicht lange. Sie nahm das Telefon, ging in eine ruhigere Ecke und wählte die bekannte Nummer. Das Telefonat war nur sehr kurz und ihr Gesichtsausdruck sprach Bände, als sie zu den anderen zurückkehrte. „Angel wird uns nicht helfen können. Er, Lorne und Wesley jagen einen Kladeresch und sind ihm sogar bis in seine Heimatwelt gefolgt. Cordelia sagt, sie wären seit drei Tagen verschwunden. Sie wissen noch gar nichts von dem hier", erzählte sie missgelaunt und deutete mit einer weit ausholenden Bewegung nach draußen.
„Warum sind sie ihm in eine andere Dimension gefolgt?", fragte Giles neugierig.
„Ich habe keinen blassen Schimmer." Buffy drückte ihm genervt das Telefon in die Hand. „Cordy wird es Ihnen mit Sicherheit gerne erzählen!"
„Gibt es eine andere Möglichkeit, unsere Energien zu bündeln?", meinte Willow leise und sah den Wächter hoffnungsvoll an. „Wir haben Buffy damals im Kampf gegen Adam auch auf ähnliche Weise geholfen. Können wir so etwas in der Art nicht wieder machen? Immerhin ist sie die Jägerin!"
„Das wird dieses Mal nicht funktionieren", erwiderte Giles niedergeschlagen. „Der Kelch wird nicht auf sie reagieren. Er lässt sich nur von seinen Besitzern lenken und das sind momentan die Schattenmagier. Die Bruderschaft hat den Countdown bereits eingeläutet. Selbst wenn Buffy es schaffen würde alle Mitglieder auszulöschen, so würde es ihr doch nicht gelingen den Kelch zu stoppen."
„Warum nicht alle Energien auf Buffy und Spike geht mit, um dieses mistige Artefakt an sich zu nehmen!", warf Xander hoffnungsvoll ein.
„Weil es Spike ist, der die magischen Energien braucht, um den Kelch überhaupt an sich nehmen zu können", klärte ihn Anya seufzend auf. „Spike, nicht Buffy!"
„Ich denke, das reicht jetzt", sagte Buffy bestimmend. „Ich habe es schon einmal gesagt und ich sage es wieder. Ich werde nicht kampflos zusehen, wie diese Welt vernichtet wird. Entweder wir finden eine andere Möglichkeit die Schattenmagier zu stoppen, oder aber Spike wird es tun!" Für sie war die Diskussion damit beendet und sie blickte einem nach dem anderen herausfordernd ins Gesicht. Da keiner es wagte ihr zu widersprechen, seufzte sie laut und ging in Richtung Trainingsraum davon.
„Du willst das nicht wirklich durchziehen?", fragte Spike, kaum dass sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. „Und nein! Ich habe nicht gelauscht. Ihr seid laut genug gewesen."
„Ich habe keine verdammte Ahnung", schimpfte Buffy aufgebracht. „Ich weiß nicht, ob ich dir so weit vertrauen kann und darf!" Sie holte aus, legte all ihre Wut in diesen einen Schlag und fegte den zerfetzten Sandsack aus seiner Halterung. Mit einem leisen Klatschen kam er direkt vor der Hintertür zum Liegen und sie sah ihm zornig hinterher. Schließlich wandte sie sich wieder Spike zu. „Ich werde es wohl darauf ankommen lassen müssen! Oder?"
Spike antwortete nicht, legte nur den Kopf schräg und sah sie abwartend an. Ihm brannten eine Menge Fragen auf der Zunge, aber er war sich sicher, dass das hier nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Was ihn wirklich brennend interessierte war, warum sie es tatsächlich in Erwägung zog, ihm eine solche Aufgabe anzuvertrauen?
„Komm!", sagte Buffy, schob mit dem Fuß die Überreste des Sandsacks an die Seite und öffnete die Außentür. „Wir gehen jetzt ein wenig Frust abbauen. Irgendwelche Dämonen werden wir wohl finden, die sich auf einen Kampf einlassen."
Spike lachte und stieß sich von der Wand ab. „Mit Sicherheit! Und wenn nicht, dann gehen wir noch einmal bei Willie vorbei, knöpfen ihm seinen gesamten alkoholischen Vorrat ab und besaufen uns!"
„Haha!", war alles, was Buffy sagte, bevor sie die Tür zuknallte.
**********************
„Wann die Beiden wohl wiederkommen", sagte Willow und blickte verstohlen auf die Uhr. Mittlerweile war es bereits nach dreiundzwanzig Uhr und Buffy und Spike waren seit Mittag wie vom Erdboden verschluckt.
Die Gemüter der Anwesenden hatten sich nur langsam wieder beruhigt. Giles war schlicht und ergreifend wütend und Xander meckerte in einer Tour. Irgendwann war es Anya zuviel geworden und sie hatte den Dunkelhaarigen hinunter in den Keller geführt. Die beiden Hexen hatten sich angegrinst, waren jedoch sofort wieder ernst geworden, nachdem der Wächter sie mit einem unwirschen Blick angefunkelt hatte.
Die drei suchten seit Stunden ununterbrochen alle Bücher durch, um eine andere Möglichkeit zu finden die Magier aufzuhalten. Bisher allerdings vergeblich und der Wächter hatte Willow vor gut einer Stunde den Auftrag erteilt, alles über die Übertragung der Zauberkräfte herauszufinden. Für ihn war dies der letzte Ausweg und er hoffte noch immer, etwas anderes zu finden. Doch er wusste, dass seine Chancen einen Ausweichplan zu finden, langsam aber sicher dahinschmolzen.
„Buffy musste sich abreagieren", meinte er leise, nahm seine Brille ab und legte sie auf das Buch, das er zum wiederholten Male durchsah. Er rieb sich die müden Augen und lehnte sich dann auf seinem Stuhl zurück. „Den Beiden ist nichts passiert", meinte er. „Sie sind clever genug, sich jetzt, in diesem Moment, nicht mit der Bruderschaft einzulassen."
Giles beantwortete damit Willows unausgesprochene Frage. Das Radio hatte heute den ganzen Tag gelaufen und die Rothaarige hatte es so verzaubert, dass es die Funksprüche der Nationalgarde auffing. Es hatte mehrere Versuche von Plünderungen gegeben und außerdem hatten sie gehört, dass beim Einbruch in ein Juwelierfachgeschäft drei Menschen getötet worden waren.
„Nein, bestimmt nicht. Ihnen ist nichts geschehen", erwiderte Tara fest und wandte sich dann dem Wächter zu. „Giles, ich glaube es ist Zeit den Tatsachen ins Auge zu sehen. Es gibt keine andere Möglichkeit."
„Wahrscheinlich hast du recht", gab er geschlagen zu. „Aber…, wirklich
gefallen tut es mir nicht."
„Keinem gefällt die Idee wirklich", warf Willow ein. „Und das aus verschiedenen Gründen. Aber, ich stimme Buffy zu. Versuchen müssen wir es."
„Und das werden wir", sagte Buffy, die gerade durch die Tür kam. Spike stand direkt hinter ihr und man konnte deutlich sehen, dass die Beiden in einen Kampf verwickelt gewesen waren. „Übrigens, um die Vampire, die immer im Rudel jagten, brauchen wir uns keine Gedanken mehr machen. Die haben wir heute…ähm, in Staub verwandelt."
„Immerhin", murmelte der Wächter leise. Er war noch immer wütend, und das zeigte er deutlich. „Setzt euch bitte. Wir haben einiges zu besprechen. Willow war so nett, alles über das Ritual herauszusuchen, das wir durchführen müssen, um Spike unsere magischen Fähigkeiten zu übertragen."
„Also gibt es keinen anderen Weg?", fragte Spike und sah Giles die Augenbrauen hochziehen.
„Nein. Leider nicht! Wir werden das jetzt einmal durchsprechen und danach wäre es sinnvoll, wenn wir alle früh schlafen gehen. Morgen wird ein anstrengender Tag und auch das Ritual selber wird einige Zeit in Anspruch nehmen."
„Ihr Beide werdet morgen auf euch alleine gestellt sein. Giles, Tara und ich können nicht mehr helfen, nachdem der Ritus durchgeführt wurde", erklärte Willow und nickte Buffy aufmunternd zu. „Selbst du als Jägerin bist dieses Mal absolut hilflos. Spike wird die ganze Angelegenheit praktisch alleine durchziehen müssen."
„Buffy nickte, setzte sich an den großen Tisch und lauschte gespannt den Erklärungen, die Willow und Giles abwechselnd von sich gaben. Die Zeit verflog und es war bereits sehr spät, als sich schließlich alle in ihre Schlafecken zurückzogen. Nur Spike hatte Pech. Er musste sich einen anderen Platz aussuchen, da Anya und Xander noch immer nicht wieder aufgetaucht waren. „Du kannst die Beiden ja von deinem Platz verjagen", hatte Buffy spöttisch gesagt, doch der Vampir hatte nur müde gegrinst und ihr dann seinen Mittelfinger entgegengestreckt. „Mit absoluter Sicherheit nicht!"
„Buffy, warum…", begann der Vampir und unterbrach sich dann. „Vergiss es! Es ist nicht wichtig!"
„Okay", antwortete Buffy und sah ihn aufmerksam an. Im Grunde wollte sie gar nicht wissen, was er fragen wollte. Sie wollte wissen, ob sie ihm vertrauen konnte. Durfte sie so etwas tatsächlich von ihm verlangen? Er war nach wie vor ein Vampir ohne Seele und er hatte oft genug betont, dass er alles tun würde, um den von der Initiative eingepflanzten Chip wieder loszuwerden. Sie starrte ihm noch lange hinterher, obwohl er den Raum bereits vor Minuten verlassen hatte.
‚Das wird eine lange Nacht’, überlegte sie und legte die Stirn in Falten. Morgen war sie nicht mehr als ein Zuschauer. Ihr war durchaus bewusst, dass sie gegen Magie nicht kämpfen konnte und ein nervöses Kribbeln überkam sie. Hatten sie wirklich nur diese eine Möglichkeit? Und wenn es nicht funktionieren würde? Was, wenn genau das eintreffen würde, was Giles vorhersagte? Würde sie mit ihrer Entscheidung leben können?
Voll dunkler Vorahnungen kroch sie in ihren Schlafsack und zog langsam den Reißverschluss zu. Sie warf einen letzten Blick durch den abgedunkelten Verkaufsraum der Magic Box und hoffte, dass sie das Geschäft morgen nach dem Kampf genauso vorfinden würde, wie es jetzt war. „Es muss gut gehen", murmelte sie leise und schloss die Augen. ‚Es muss einfach gut gehen!’
Teil 11
Die Nacht war lang gewesen. Lang, hart und unbequem, und Buffy hätte schwören können, dass sie nicht einmal eine Stunde durchgehend geschlafen hatte. Langsam schälte sie sich aus dem Schlafsack und blickte zu Giles, der seinen Platz am Tisch nicht für eine Minute verlassen hatte.
Der Wächter suchte noch immer nach einem letzten rettenden Anker, der ihn davor bewahrte, dem Vampir eine solche Macht zu übertragen. Im Stillen bewunderte Buffy ihn dafür, dass er niemals aufgab und immer weiter machte, auch wenn die Lage scheinbar aussichtslos war.
Lautlos zog sie einen Stuhl ab und setzte sich ihm gegenüber. Er bemerkte sie erst einige Minuten später und sah sie mit hochgezogenen Augenbraunen fragend an. Sie lächelte ihm sachte zu und entschuldigte sich für ihre gestrige Laune, aber der Wächter winkte schnell ab. Er sah vollkommen übermüdet aus und hatte scheinbar keine Lust, sich weiterhin zu streiten.
„Es ist deine Aufgabe, diese Welt wieder und wieder zu retten. Mir gefällt nur die Wahl der Mittel dieses Mal nicht."
Sie unterhielten sich leise und doch dauerte es nicht lange, bis die beiden Hexen aus dem Trainingsraum kamen. Beide hatten dunkle Ringe unter den Augen und wirkten alles andere als munter.
„Hi", sagte Willow leise. „Es hat wohl niemand gut geschlafen, oder?"
„Nicht unbedingt", erwiderte Buffy und lächelte schwach. „Ich werde mich waschen, umziehen und dann mit Spike reden. Zumindest werde ich es versuchen."
„Meinst du, dass es eine gute Idee ist?", fragte Tara leise und zuckte verlegen mit den Schultern. „Glaubst du, er wird dir die Wahrheit sagen, wenn er etwas Böses ausgeheckt hat?"
„Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, ich… Vielleicht hast du Recht."
Giles nickte seiner Jägerin aufmunternd zu und wandte sich dann an Willow und Tara. „Wir sollten das Ritual vorbereiten. Heute brauchen wir nicht auf die Dunkelheit warten. Spike hat genügend magische Kräfte, um sich gegen das Sonnenlicht zu schützen. Vorausgesetzt es gelingt ihm, die Troikaner aufzuhalten."
Buffy kramte in ihrer Reisetasche und verabschiedete sich flüchtig. Ihr brannten eine Unmenge Fragen auf der Zunge, aber sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sie auch stellen sollte. Vermutlich hatte Tara Recht und Spike würde ihr nicht die Wahrheit sagen, wenn er irgendetwas plante.
Sie fand ihn schließlich genau da, wo sie ihn vermutet hatte. Er lehnte im Hinterhof lässig gegen eine Wand angelehnt und rauchte. Buffy kam es allerdings so vor, als wäre diese Lässigkeit heute nur vorgetäuscht.
„Na, Slayer", meinte er und versuchte ein Grinsen. „Auch schon wieder munter?"
„Nicht besonders! Aber das dürfte heute ziemlich egal sein." Sie machte eine Pause und betrachtete ihn aufmerksam. An seinem Gesicht war nichts Außergewöhnliches abzulesen, doch seine Haltung zeigte Angespanntheit. Wieder schossen die Fragen durch ihren Kopf. Was hatte er vor? Würde er die Macht des Yoinischen Kelches für seine Zwecke nutzen? Und wenn nicht, was bewog ihn dazu, ihr zu helfen? Sie schluckte ihre Fragen herunter, öffnete stattdessen wieder die Tür und hielt sie weit auf. „Giles ist gleich soweit. Er sagte, wir brauchen nicht die Nacht abwarten, weil du dich selber gegen das Sonnenlicht schützen kannst."
„Das ist doch mal etwas, was man glatt genießen könnte. Die große Frage ist nur, ob es jemals wieder hell wird?" Spike schnipste auf gewohnte Art seinen Zigarettenstummel in die Luft und stieß sich von der Wand ab. „Na denn, dann will ich mir mal meine Superkräfte abholen!"
Giles, Tara und Willow hatten bereits alles vorbereitet und als Buffy in den Verkaufsraum zurückkam sah sie gerade noch, wie die Rothaarige einen magischen Kreis auf den Fußboden zeichnete. Anya und Xander hatten sich mittlerweile auch dazugesellt, saßen allerdings etwas abseits und unterhielten sich flüsternd mit sehr ernstem Gesichtsausruck.
„Oh, gut", brummte Giles leise, als auch Spike hinter Buffy in den Raum trat. „Dann können wir beginnen!" Er wartete, bis alle Anwesenden sich am Tisch versammelt hatten, räusperte sich und begann dann mit seinen ausschweifenden Erklärungen. Zum Abschluss wandte er sich direkt an Spike. „Sie werden am Ende des Rituals einen Kristall von jedem von uns Dreien in den Händen halten. Sie bilden sich automatisch und sind praktisch die letzte Verbindung zwischen uns und unserer magischen Energie. Sollte es Ihnen gelingen, die Bruderschaft aufzuhalten und den Yoinischen Kelch an sich zu nehmen, müssen Sie nur die Kristalle zerstören und die Magie kehrt zu ihrem Besitzer zurück."
Buffy beobachtete den Vampir mit zusammengekniffenen Augen. Eines war sicher, er hätte einen hervorragenden Schauspieler abgegeben, denn seine Miene zeigte auch weiterhin keinerlei Gefühlsregung. Während des folgenden Zaubers umrundete sie gedankenverloren die vier Personen, die in dem magischen Kreis standen. Giles und die beiden Hexen murmelten ununterbrochen irgendwelche Formeln und der Vampir wurde langsam von einer weißen Wolke umhüllt, die es immer schwieriger machte, ihm ins Gesicht zu sehen.
„Das geht niemals gut", murmelte Xander leise und kaute dann wieder nervös auf seiner Unterlippe. „Ausgerechnet Spike. Das kann nichts werden!"
Beruhigend klopfte Anya ihm auf die Schulter. „Immerhin hatten wir letzte Nacht noch einmal guten Sex."
Xander sparte sich eine passende Antwort, sondern deutete mit dem Daumen auf die Anderen. „Sie sind fertig!"
Buffy drehte sich genau in dem Moment um, als der Nebel sich lichtete und ein überheblich grinsender Spike zum Vorschein kam. Der Vampir öffnete seine Hände und blickte hinein. „Red, ich glaube, du besitzt bedeutend mehr Magie, als du auch nur im Entferntesten ahnst!"
„Wie kommst du darauf?", fragte Buffy und trat vorsichtig näher.
Spike öffnete seine linke Hand und zwei fast gleichgroße, grün schimmernde Kristalle kamen zum Vorschein. Dann öffnete er seine rechte Hand und ein Stein, in Größe eines Hühnereis, wurde sichtbar. Der Kristall pulsierte hell und von schien innen heraus zu leuchten.
„Woher weißt du, dass das meine Energie darstellt?", fragte Willow leise. Der Zauber hatte sie stark mitgenommen und sie schwankte leicht. Giles und Tara hatten sich bereits hingesetzt und die Rothaarige tat es ihnen nach.
„Ich kann es fühlen", erwiderte Spike schlicht und zuckte mit den Schultern.
„Woher weiß Spike eigentlich, wie er mit der Magie umgehen kann?", warf Xander ein. „Willow macht das schon seit Jahren und es hat doch so einige…, ähm, Unfälle gegeben."
„Ich kann es einfach", meinte Spike überheblich und streckte das Kinn vor. „Scheinbar eine nette Zugabe des Rituals."
Der Wächter nickte bedächtig. „Er hat nicht nur unsere Magie bekommen,
sondern auch unser gesamtes Wissen darüber." Er nahm seine Brille ab, rieb sich
die müden Augen und richtete sich auf. „Wir werden in einigen Minuten
aufbrechen. Wenn noch jemand…"
„Was heißt, wir brechen auf?", unterbrach der Vampir unwirsch. „Sie glauben doch
nicht wirklich, dass ich fünf Menschen mitnehme, die praktisch nichts ausrichten
können? Ganz gewiss nicht! Mir reicht es, dass ich die Jägerin mitnehmen muss.
Und nicht einmal sie kann heute etwas erreichen!" Seine Stimme war kalt und
schneidend und er lächelte abfällig.
„Wir werden dich ganz sicher nicht alleine lassen", schimpfte Xander und sprang auf. „Mit absoluter Sicherheit nicht!"
„Und ich werde nicht den bescheuerten Babysitter für euch spielen!", zischte Spike, griff nach Buffys Arm und zusammen lösten sie sich innerhalb weniger Sekundenbruchteile in Luft auf.
„Das kann er doch nicht machen", schrie Xander, während er wütend seine Arme in die Luft warf.
„Was willst du dagegen unternehmen?", fragte Anya und wirkte völlig gelassen.
„Er hat doch Recht."
„Er hat Recht?", wandte sich der Dunkelhaarige an seine Freundin. „Er hat Recht?
Wie kannst du…"
„Weil es so ist", unterbrach der Wächter und seine Stimme sagte deutlich, dass der beginnende Streit damit beendet war. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten!"
„Und zu hoffen", murmelte Willow leise. „Hoffen und beten!"
********************
„Wo, zum Teufel, sind wir?", krächzte Buffy heiser, als sie erleichtert feststellte, dass sich die Welt um sie herum langsam verfestigte und wieder stofflicher wurde. Ihr war nicht wirklich schlecht, aber sie hatte ein flaues Gefühl im Magen und ihr war vollkommen klar, dass diese Art des Reisens niemals bevorzugen würde.
„Im Keller des Rathauses", erwiderte der Vampir gelassen. Sein Gesichtsausdruck war nach wie vor unleserlich, allerdings hatte sich seine Körperhaltung verändert und er demonstrierte eine Überheblichkeit, die der Jägerin eine Gänsehaut über den Rücken schickte. „Es hat wohl wenig Sinn, dir zu sagen, dass du hier bleiben sollst? Du kannst mir da oben nicht helfen. Eher das Gegenteil davon!"
„Ich werde nicht hier bleiben und warten. Das kannst du so was von vergessen!", antwortete Buffy trotzig und schob das Kinn vor. „Ich werde mitgehen, ob es dir gefällt oder nicht!" Sie bedachte ihn mit einem giftigen Blick, den er jedoch nur mit einem müden Lächeln quittierte.
„Unsere Freunde wissen bereits, dass wir hier sind", flüsterte er leise und kniff die Augen zusammen. Allerdings sollten sie sich ein wenig mehr einfallen lassen, als das!"
„Wie viele sind es?", fragte Buffy verblüfft.
„Nicht genug", grinste der Vampir und kniff die Augen zusammen. „Bei Weitem nicht genug." Lässig schritt er durch den spärlich beleuchteten Kellerraum und öffnete eine Tür, die zur Treppe zu führen schien.
Buffy folgte ihm und erstarrte, als sie den leblosen Körper eines Schattenmagiers sah, der direkt auf der Türschwelle zusammengebrochen war. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie groß die Macht des Vampirs wirklich war und ihr wurde angst und bange. Wenn er sich dafür entscheiden sollte den Kelch selber zu nutzen, so hatte sie keinerlei Chancen, ihn jemals aufzuhalten. Er tötete mit nur einem einzigen Gedanken und erst jetzt wurde sie sich der vollen Tragweite bewusst, die sie mit ihrer Entscheidung bewirkt hatte.
Einigermaßen verwirrt folgte sie ihm die Treppe hinauf, stieg dabei über mehrere leblose Körper hinweg und sah, am Rand der Treppe angekommen, wie die toten Magier Feuer fingen. Ihre Gedanken jagten und sie beeilte sich in die große Eingangshalle des Rathauses zu gelangen. Von dem Vampir war weit und breit nichts mehr zu sehen und sie blieb einen Moment stehen, um zu lauschen. Die Bewegung hinter sich fühlte sie mehr, als dass sie sie hörte. Kampfbereit sprang sie herum und sah einen der Schattenmagier, der im vollen Lauf direkt auf sie zu hielt. Bevor sie überhaupt reagieren konnte, kam er ihr zu nahe und rannte… geradewegs durch sie hindurch. Vollkommen perplex starrte sie ihm hinterher und begriff dann, dass der Hexer sie nicht einmal gesehen hatte. Der Vampir hatte sie nicht nur unsichtbar werden lassen, sondern sie in einen Art Geist verwandelt. In ein nichtstoffliches Wesen, dass zum bloßen Zusehen verdammt war. Willows magischer Kristall schoss ihr durch den Kopf und sie fragte sich, wie groß die Zauberkräfte der Rothaarigen wirklich waren.
Mit einem unguten Gefühl im Magen folgte sie dem Magier, der in Richtung des Bürgermeisterbüros gelaufen war. Kaum im Korridor angekommen, musste sie einen großen Bogen um zwei leblos daliegende Gestalten machen. Vorsichtig stieg sie über einen dritten toten Magier hinweg und hörte dann die kalte, schneidende Stimme des Vampirs, die die Herausgabe des Kelches forderte. Langsam betrat sie das Büro und stellte sich seitlich neben Spike, der mit finsterem Blick die letzten drei Schattenmagier betrachtete.
Die übrigen Mitglieder der Bruderschaft hatten sich hinter dem Schreibtisch aufgebaut und versuchten, den magischen Kelch zu schützen. Viel mehr als die drei Hexer jedoch schockierte Buffy der Ausdruck von Spikes Augen. Eiskalt und ohne jede Gefühlsregung.
„Der Yoinische Kelch ist mein Erbe und ich werde ihn an mich nehmen", donnerte Spike mit drohender Stimme und kniff die Augen zusammen.
„Das kann ich sehr wohl", zischte er dann und Buffy warf ihm einen erstaunten Blick zu. Sie fragte sich, auf welche Aussage hin er geantwortet hatte und ihr wurde klar, dass die Unterhaltung nur gedanklich geführt wurde, denn der Vampir bewegte seine Lippen beim Sprechen nicht.
„Das würde ich lassen", drohte Spike und die Jägerin sprang einen Schritt zurück, als der links stehende Magier in die Luft gewirbelt wurde. Er rotierte wild um sich selbst, prallte dann gegen eine Wand und brach zusammen. Bevor er sich wieder aufrappeln konnte, hörte Buffy, wie sein Genick brach und er leblos zusammenklappte.
„Ich habe ihn gewarnt", lachte Spike höhnisch und beförderte den rechts stehenden Magier mit nur einer kurzen Handbewegung aus dem Fenster.
Entsetzt sah Buffy, wie er in Flammen aufging und in einer Rauchwolke verpuffte, bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte. Die Gänsehaut auf ihrem Rücken breitete sich aus und legte sich über ihren gesamten Körper. Sie war hilflos, völlig auf den guten Willen des Vampirs angewiesen und sie fürchtete sich vor dessen Entscheidung.
„Nur du und ich!", donnerte der Vampir wieder. „Gib mir, was ich fordere und ich lasse dir dein jämmerliches Leben. Ich bin mit einer magischen Kraft bewaffnet, die du dir nicht einmal im Entferntesten vorstellen kannst!"
„Niemals", hörte Buffy verblüfft die Antwort des Letzten der Troikanischen Bruderschaft. „Ich habe es bei meinem Leben geschworen und ich werde so kurz vor dem Ziel nie und nimmer aufgeben!"
Die Luft im Raum knisterte beinahe und die Magie war förmlich spürbar. Keiner der beiden Kontrahenten bewegte sich sonderlich und doch sah Buffy, wie Wunden entstanden und sich wieder schlossen. Spikes linke Gesichtshälfte war für wenige Sekunden mit furchtbaren Brandwunden übersät, bevor sie auf wundersame Weise wieder verschwanden. Mehrere Minuten des Schweigens vergingen und Buffy sah zitternd dabei zu, wie der Schattenmagier langsam immer schwächer wurde und seine Wunden nicht mehr selbst heilen konnte. Spike hingegen schien zu wachsen, seine Macht wurde größer und es schien, als genieße er das Leid des Gegenübers. Mit einem letzten höhnischen Grinsen tötete er den Magier und lachte grausam, als er dessen Genick brach.
Ohne einen Blick auf die Jägerin zu verschwenden, trat er mit weit ausholenden Schritten an den Schreibtisch heran, nahm den Kelch an sich, der in einem kleinen magischen Kreis stand und von vielerlei Zauberutensilien umgeben war. Mit einer lässigen Handbewegung beförderte Spike die Reste von der Tischplatte und schritt dann hoch erhobenen Hauptes aus dem Raum.
Buffy atmete heftig ein und aus. Genau das hatte sie befürchtet. Wie konnte sie erwarten, dass er ihr helfen würde, wenn er selbst zu einer solch gefährlichen Macht gewachsen war. Sie eilte ihm hinterher und fand ihn im Foyer. Er stand mitten im Raum und hielt sein Eigentum weit von sich gestreckt, um es eingehender zu betrachten.
Vorsichtig trat sie näher. „Spike", flüsterte sie leise und er drehte sich zu ihr um. Seine Augen leuchteten gefährlich gelb, auch wenn der Rest des Gesichts nichts Vampirisches zeigte. „Spike, kannst du…"
Er knurrte böse, senkte dann den Kopf und atmete unnötiger Weise heftig ein. Er streckte ihr, ohne den Kopf zu heben, den Kelch entgegen und Buffy nahm ihn mit zitternden Händen entgegen. Ein heftiges Ausatmen später warf er die beiden kleineren Kristalle auf den Fußboden und trat heftig darauf, sodass sie knirschend auseinander barsten. „Du solltest auf Red achten. Ihre Magie ist enorm und ich bin mir nicht sicher, ob das gut für sie ist."
Seine Stimme war schneidend und eiskalt und Buffy war überrascht, als der den pulsierenden Kristall, der Willows Magie symbolisierte, auf den Boden legte. Mit einem lauten Knurren sprang er darauf und zerbrach auch diesen. Augenblicklich sackten seine Schultern ein Stück tiefer und er senkte wieder den Kopf.
„Warum…", begann Buffy leise, wurde allerdings sofort von ihm unterbrochen.
„Das würdest du doch niemals verstehen, Slayer", zischte er, straffte sich dann und verschwand in Richtung Kellereingang. Er verschwand ohne ein weiteres Wort und ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen.
Minutenlang starrte Buffy ihm hinterher. Er hatte Recht. Sie verstand es nicht. Aber sie war ihm sehr dankbar, was auch immer der Grund für seine Hilfe gewesen war. Den Kelch noch immer in den zitternden Händen, ging sie langsam auf den Ausgang zu, blickte durch die Glastüren und sah zu ihrer Erleichterung, dass es langsam, aber sicher hell wurde. Sie warf einen letzten Blick zurück auf den Kellereingang und flüsterte ein leises „Danke". Dann stieß sie die Tür auf, trat hinaus in den Sonnenschein, der sich seinen Weg durch die Dunkelheit bahnte, und atmete die frische Luft ein. Wieder einmal war ein Weltuntergang verhindert worden, doch dieses Mal ging es alleine auf das Konto des Vampirs. Wahrscheinlich würde sie seine Beweggründe niemals verstehen, aber vergessen würde sie es ihm auch nicht! Niemals!
Ende