Titel: The Price of Betrayal
Autor: Silentthunder
Inhalt: Diesmal verschlägt es die junge Elisabeth auf ein Handelschiff. Eigentlich… ja eigentlich sollte es nur ein Ablenkungsmanöver werden, doch es entwickelt sich anders als gedacht.
Altersfreigabe: keine
Teile: 17
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Elisabeth/William (Buffy/Spike)

 

 

The Price of Betrayal

Die Nacht hatte den lang ersehnten Regen mitgebracht, auf den der ausgedörrte Landstrich rund um Brighton schon so lange wartete. Die Natur atmete sichtbar auf, die Blätter der Pflanzen, noch nass und schwer von dem unerwarteten Regenguss, hingen nicht mehr trübe herab, sondern leuchteten wieder in sattem Grün. Die Köpfe der ausgetrockneten Büsche und Sträucher richteten sich wieder auf und sogar die Vögel sangen lauter als in den vergangenen Tagen.

Elisabeth lenkte den kräftigen Rappen durch die verschlungenen Pfade des zum Gut gehörenden Waldes und atmete erleichtert die frische Luft ein. Viel zu lange hatte sie ihrer Meinung nach auf solche ausgedehnten, so erholsamen Ausritte verzichten müssen. Schon seit Wochen gaben sich die unterschiedlichsten Gäste ihres Onkels praktisch die Klinke in die Hand. Reiste einer ab, schien kaum eine Stunde zu vergehen, bis es erneut an der Tür klopfte und ein neuer Gast um Einlass bat. Und so freimütig ihre Verwandten auch sonst waren, bei solchen Gelegenheiten hatte sie sich standesgemäß zu benehmen und durfte das Haus nur für kurze Spaziergänge im Garten verlassen.

Der letzte Besucher war ein junger arroganter Kapitän gewesen, der die Waren ihres Onkels nach Venedig transportieren sollte, um sie dort an den Meistbietenden zu verkaufen. Vielleicht besaß er Geschick, wenn es um Verhandlungen ging, doch Elisabeth hielt ihn für mürrisch und blasiert. Sie hatte ihn nur während des Dinners gesehen, doch die zwei Stunden hatten gereicht, um ihn als das zu erkennen, was er war. Ein langweiliger Kerl, der kaum seine eigene Meinung vertreten konnte. Missmutig hatte er dreingeblickt, kaum über den Tellerrand gesehen und die Fragen ihres Onkels nur widerwillig und schleppend beantwortet.

„Ein ungehobelter Klotz", murmelte Elisabeth und führte das vom langen Ritt müde Pferd auf den Hauptweg des Guts zurück. Sie schüttelte langsam den Kopf und dachte an den gestrigen Abend zurück. Obwohl der Kapitän offensichtlich eine gute Erziehung genossen hatte und anständige Manieren besaß, hatte er, wenn er denn überhaupt aufgesehen hatte, ihren Cousin Justin ins Visier genommen. Und Justin war bei jedem dieser durchdringenden Blicke ein kleines Bisschen mehr in sich zusammengesackt.

Elisabeth lächelte bei dem Gedanken an ihren jungen Anverwandten. Justin war eine seltsame Seele. Er konnte den ganzen Tag im Gras liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, aber er schaffte es nicht, auch nur die kleinsten Aufträge seines Vaters auszuführen, ohne dabei die Hälfte zu vergessen. Sie war sich ziemlich sicher, dass aus Justin ein guter Streuner geworden wäre. Wäre er nicht aus gutem Hause, so hätte er sicherlich hier und da mal einen Apfel geklaut und das Leben ansonsten in vollen Zügen genossen.

Doch Justin war noch so jung und hatte noch genügend Zeit, um zu reifen und erwachsen zu werden. Obwohl nur ein Jahr jünger als sie selbst, schien er eher wie ein vierzehnjähriger Jüngling, der mit Zwille und Kirschkernen bewaffnet auf die Pirsch ging. Leise seufzend sah sie auf. Sie selbst war allem Anschein nach erwachsen genug, um so schnell wie möglich zu heiraten. Allein in diesem Sommer waren drei junge Männer im Haus ihres Onkels vorstellig geworden und ihr Onkel hatte sie alle freudig empfangen.

Eigentlich war es unnötig sich zu verheiraten. Ihre Eltern, Gott sei ihrer Seele gnädig, hatten sie bestens versorgt und sobald sie erst einmal die Volljährigkeit erreicht hatte, würde sie eine vermögende und vor allem unabhängige Frau sein. Doch das schien ihre Verwandten nicht sonderlich zu beeindrucken, oder gar davon abzuhalten, ständig neue Verehrer ins Haus zu schleppen.

„Elisabeth, Liebling", hatte ihre Tante sie zur Seite genommen, als sie auch den dritten Bewerber erfolgreich in die Flucht geschlagen hatte. „So geht das nicht mehr lange weiter. Irgendwann lässt dir dein Onkel keine Wahl mehr und stellt dich vor vollendete Tatsachen. Dann sucht er den Mann aus, den du heiraten musst." Sie hatte traurig den Kopf geschüttelt und herzergreifend geseufzt. „Auch wenn du mit deinen achtzehn Jahren noch weit davon entfernt bist, willst du denn als alte Jungfer enden? Du bist hübsch und außerdem eine gute Partie. Und dein Onkel und ich können nicht immer für dich sorgen."

Tante Margret war eine herzensgute Frau, die in ihrem Leben durch so manches Leid gegangen war. Drei Kinder hatte sie begraben müssen, um dann auch noch das Kind ihrer Schwester aufzunehmen. Elisabeths Eltern waren vor langer Zeit bei einem Brand ums Leben gekommen und sie hatte keinerlei Erinnerungen mehr an Vater und Mutter. Ihr Zuhause war hier. Hier war sie aufgewachsen, behütet und beschützt wie eine leibliche Tochter. Der Gedanke dieses Haus verlassen zu müssen, fiel ihr nicht leicht und dennoch wusste sie, dass diese Zeit kommen würde. Doch noch war sie nicht bereit dazu, noch war die Zeit nicht gekommen, in der sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen musste.

Am Pferdestall angekommen hüpfte sie behände aus dem Sattel, reichte die Zügel ihres Rappen an den herbeigeeilten Stallknecht weiter und zog die schweren Lederhandschuhe aus, die sie bei jedem Ritt trug. Bald war es Zeit für das Mittagessen und sie wollte sich keinesfalls verspäten. Es gab noch einiges vor ihrer Abreise morgen in aller Herrgottsfrühe zu besprechen. Der alljährliche Pflichtbesuch bei einer Großtante väterlicherseits stand an und wie Elisabeth schon vorhersagen konnte, würden Onkel und Tante sie vorher noch tüchtig ins Gebet nehmen und ihr wie üblich einen Haufen Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg geben.

Dabei ging Großtante Victoria langsam auf die achtzig zu, war fast taub und so blind wie ein Maulwurf. Sie bemerkte eh kaum, dass sie Besuch hatte. Die gute Frau schlief ein, kaum dass sie irgendwo fünf Minuten still saß und Elisabeth konnte sich noch an das letzte Jahr erinnern, als Großtante Victorias Nase beim Mittagessen Bekanntschaft mit der Hummercremesuppe gemacht hatte, die als Vorspeise serviert worden war.

Leise lächelnd stieg sie die Stufen zum Haus empor und erschrak furchtbar, als plötzlich eine Hand aus den Büschen auftauchte, nach ihr griff und sie ins Unterholz zog. „Justin! Was soll denn das?", schimpfte sie, doch er hielt sich den Zeigefinger vor den Mund und sah sie beinahe flehentlich an.

„Ich muss mit dir sprechen. Jetzt gleich!" Er zog sie weiter, einen zugewucherten Pfad entlang, der zu einer Lichtung führte, auf der sie als Kinder immer Verstecken gespielt hatten. Dort angekommen ließ Justin ihre Hand los und startete eine unruhige Wanderung.

„Was ist denn los?", fragte Elisabeth und bändigte eine Haarsträhne, die sich auf dem Weg durchs Gebüsch gelöst hatte. „Du wirkst vollkommen aufgelöst. Justin, was ist mit dir?"

„Gott steh mir bei. Buffy", seufzte er, ihren Kosenamen aus frühester Jugend benutzend. „Weißt du, warum Kapitän Hamilton gestern hier war?"

„Ich vermute, er hatte Geschäftliches mit deinem Vater zu besprechen", meinte Elisabeth und sah ihren Cousin fragend an. Er war kaum größer als sie, genauso zierlich gebaut und so mancher Besucher hatte sie für Zwillinge gehalten. Und doch war sie um einiges robuster als er, nicht so wehleidig und schon gar nicht so empfindlich und zimperlich. Doch jetzt konnte sie ihn nur verwirrt ansehen, denn er sah schrecklich aus. Was immer ihn auch bedrückte, er zitterte am ganzen Leib und so langsam machte sie sich Sorgen. „Justin?"

Doch ihr Cousin starrte sie nur an. „Du hast wirklich keine Ahnung", stellte er fest. „Ich dachte, der ganze Hausstand wüsste es schon", seufzte er. „Mein Vater hat Kapitän Hamilton überredet, mich mit auf die Reise zu nehmen." Justin schluckte hörbar. „Gott hilf mir! Ich soll mit auf das Schiff!"

„Das kann ich mir nicht vorstellen", lächelte Elisabeth beruhigend und legte ihre Hand auf seinen bebenden Arm. „Du hast dich bestimmt verhört. Warum sollte er denn auf so einen Gedanken kommen?"

„Du weißt genau, dass er mich seit Jahren ausschimpft und mir immer wieder sagt, ich solle endlich erwachsen und ein ganzer Mann werden!" Justins Stimme überschlug sich und er hielt nur mühsam die Tränen zurück. „Aber ich kann das nicht. Ich will das nicht. Ich will…"

„Ach, Justin", seufzte Elisabeth kopfschüttelnd. „Deine Mutter wird das bestimmt nicht zulassen. Pass auf, noch heute Abend wird sie deinen Vater ordentlich ins Gebet nehmen und ihn umstimmen. Ganz bestimmt!"

„Meine Mutter wird es nicht zulassen", seufzte Justin so leise, das Elisabeth ihn kaum verstehen konnte. Dann lachte er abgehackt. „Gott, Buffy. Gerade in diesem Augenblick ist sie in meinem Zimmer und packt mit Charles zusammen meine Koffer. Sie hat gesagt, Vater hätte Recht und ich solle mich zusammenreißen. Ich habe sie angefleht, habe gebettelt, aber sie sagt, es wäre Zeit für mich. Ich soll auch an Vater denken und daran, seine Geschäfte irgendwann übernehmen zu müssen."

Mitleidig sah Elisabeth ihren Cousin an. Er war kein Kämpfer und allein der Gedanke an eine entbehrungsreiche Schiffsreise brachte ihn an den Rand der Verzweiflung. So Leid er ihr auch tat, vielleicht hatten Onkel und Tante Recht und es wurde wirklich Zeit für ihn erwachsen zu werden. „So schlimm, wie du denkst, wird es bestimmt nicht. Ich habe die Sundowner das letzte Mal in Brighton vor Anker liegen sehen. Sie ist ein großes modernes Schiff und Kapitän Hamilton wird dich bestimmt ordentlich behandeln. Er kann gar nicht anders. Immerhin ist dein Vater sein Geldgeber."

„Du verstehst das nicht", beklagte sich Justin und war den Tränen nah. „Mir wird auf einem Pferderücken schon schlecht. Was glaubst du, wie es mir dann erst auf einem Schiff ergeht? Ich werde das nie im Leben überstehen. Eine so lange Reise bis nach Venedig? Nie im Leben. Vorher laufe ich von hier fort."

„Untersteh dich, so etwas Dummes zu tun", tadelte Elisabeth, doch ihre Stimme war milde. „Hast du überhaupt schon versucht, mit deinem Vater zu reden?", erkundigte sie sich dann. „Vielleicht hört er dir ja zu und bläst die Reise ab."

„Ich habe den ganzen Vormittag nichts anderes getan, als auf ihn einzureden", gestand Justin und setzte sich mit hängenden Schultern auf den Stamm eines umgekippten Baums. „Allerdings habe ich ihn damit erst richtig in Rage gebracht und er hat gewütet und geschrieen. Und als ich dann sagte, ich würde vorher weglaufen, hat er Charles beauftragt, mich wie ein kleines Kind überallhin zu begleiten. Es hat ewig gedauert ihn abzuschütteln und ich musste doch alleine mit dir sprechen." Wieder seufzte er. „Der arme gute Charles. Er darf mich nicht mehr aus den Augen lassen, wenn wir das Haus erst einmal verlassen haben. Und für Brighton hat er besondere Order. Er darf den Hafen erst dann verlassen, wenn ich sicher auf dem Schiff bin und die Segel irgendwann am Horizont verschwunden sind."

„Ach, Justin", lächelte Elisabeth mitleidig, „vielleicht wird es gar nicht so schlimm und es gefällt dir sogar." Sie ging vor ihrem unglücklichen Cousin auf die Knie und lächelte ihn aufmunternd an. „Freu dich doch darüber. Du darfst eine große Reise machen, ich dagegen muss zu Großtante Victoria." Jetzt war es an Elisabeth zu seufzen. „Ich würde gerne mit dir tauschen. Denk nur, du hast die Möglichkeit die Welt zu sehen. So viele verschiedene Menschen und dann Venedig. Es muss eine atemberaubend schöne Stadt sein. Und denk nur dran, was es alles zu erleben und zu entdecken gibt."

Dann sah Justin auf und ein schmales Lächeln zierte sein Gesicht. „Das ist die Idee", flüsterte er begeistert. „Wir tauschen einfach die Plätze."

 

                                                                                            *~*~*

 

Natürlich hatte Elisabeth den verrückten Vorschlag ihres Cousins weit von sich gewiesen, doch ihre Sorgen waren seitdem nicht weniger geworden. Weder zum Mittagessen noch zum Diner am Abend war er erschienen und sie fragte sich, ob er es tatsächlich gewagt hatte das Haus zu verlassen? Würde er so dumm sein und weglaufen? Und wenn ja, wohin? Wen kannte Justin, der ihn aufnehmen würde? Niemand im ganzen Umkreis würde sich gegen ihren Onkel auflehnen, dass wusste Elisabeth ganz sicher.

Ihre Tante hatte nur ein mürrisches Gesicht gemacht, als Elisabeth leise nach ihm gefragt hatte. Doch dann hatte sie sich herabgelassen, mit gerümpfter Nase zu berichten, ihr Sohn befinde sich wohl oben und Charles würde auf ihn aufpassen. Sie hatte Elisabeth lange über den Tisch hinweg angesehen und schließlich, als ihr Onkel gerade damit beschäftigt war, sich einen neuen Kelch Wein einschenken zu lassen, gemurmelt, sie würde schon nicht zulassen, dass er weglief. Immerhin würde er bald siebzehn Jahre alt werden und er müsste lernen, Verantwortung zu tragen.

Gesagt hatte Elisabeth an diesem Abend herzlich wenig. Ganz im Gegenteil, sie hatte sich zurückgehalten und war stets darum bemüht gewesen, die Spannung im Haus nicht durch unbedachte Äußerungen noch weiter anzuheizen. Und als ihr Onkel schließlich vom Tisch aufstand und seine Serviette weglegte, verabschiedete sie sich schnell und schlüpfte aus dem Speisesaal. Sie musste unbedingt noch einmal mit Justin sprechen. Sie musste ihm begreiflich machen, dass er diese Reise nicht als Strafe, sondern als Chance ansehen musste. Doch kaum hatte sie die Treppe erklommen, wurde sie von Justins treuem Kammerdiener Charles aufgehalten.

„Es tut mir Leid, Miss, aber ich habe den Auftrag, niemanden zu ihm zu lassen", seufzte der gute Mann und zuckte andeutungsweise mit den Schultern. Er arbeitete schon sehr lange in diesem Haus, aber eine solch seltsame Order hatte er noch nie erhalten und der junge Mann, um den er sich seit frühester Kindheit kümmerte, tat ihm Leid. „Vielleicht schaffen Sie es ja morgen früh noch mit ihm zu sprechen, Miss Elisabeth. Soweit ich gehört habe, reisen Sie Beide zur gleichen Zeit und mit der gleichen Kutsche ab."

„Danke, Charles", nickte Elisabeth und sprang die Treppe hinab, um in ihre eigenen Gemächer zu gelangen. Sie musste jetzt dringend mit ihrer Vertrauten Willow reden. Denn Willow wusste immer einen guten Rat. Sie war ein ganz besonderer Mensch und ließ sich durch nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Sie war nur ein paar Jahre älter als Elisabeth selbst und ihr vor einigen Jahren als Kammerzofe zur Seite gestellt worden, doch Elisabeth betrachtete sie eher als Freundin. „Sie wird wissen, was zu tun ist", murmelte sie und stürmte in ihr Zimmer. „Sie weiß immer, was zu tun ist."

Teil 2

Die gute, immer so lebensfrohe Kammerzofe hatte ihr Bestes getan, um Elisabeth die Sorgen abzunehmen, die sie den ganzen Tag über schon quälten, doch gelungen war es ihr nicht. Elisabeth konnte das verzweifelte, beinahe ängstliche Gesicht ihres Cousins nicht aus ihrem Gedächtnis vertreiben und ihre eigene Laune verfinsterte sich von Minute zu Minute.

„Ach, Miss", hatte Willow weise gelächelt. „Sie machen sich viel zu viele Gedanken. Master Justin wird es auf der Sundowner gut gehen und wenn er erst mal ein paar Tage dort ist, wird er kaum einen Unterschied zu hier mehr bemerken. Dazu kommt die frische Luft… das Meer…, es wird eine Erholungsfahrt werden", hatte sie gemeint und Elisabeth von dem schweren Brokatkleid befreit. „Außerdem wird sich Kapitän Hamilton gut um ihn kümmern. Immerhin übernimmt er die Verantwortung, und da Euer Onkel der Besitzer des Schiffes ist, wird es Master Justin an nichts fehlen."

„Aber Justin passt nicht in eine solche Welt", hatte Elisabeth leise gesagt, sich vor das kleine schmucke Tischchen gesetzt und sich das blonde, leicht gewellte Haar vor dem Spiegel gebürstet. „Er kann sich gar nicht zur Wehr setzen und auf dem Schiff wird ein rauer Ton herrschen. Ich befürchte, das schafft er nicht."

„Ich glaube nicht, dass Master Justin jemals in die Bedrängnis kommen wird, sich zur Wehr setzen zu müssen", hatte Willow gemeint und ihr das Nachtkleid gereicht. „Charles war heute mit einem der Stallburschen in der Stadt. Die beiden haben schon ein paar Habseligkeiten des jungen Herrn auf das Schiff gebracht und Charles hat erzählt, dass Master Justin eine eigene Kabine auf dem Achterdeck bekommt und ein junger Bursche nur dafür da ist, sich um sein Wohlergehen zu kümmern. Master Justin wird jeden Wunsch erfüllt bekommen. Es wird wie zuhause sein."

 

                                                                                                  *~*~*

 

Elisabeth jedoch konnte trotz der guten Zurede nicht zur Ruhe finden und als weit nach Mitternacht schließlich Justin in ihre Kammer schlich, war sie keineswegs überrascht. Schon früher hatte er sich bei Sorgen immer an sie gewandt und das hatte sich bis heute nicht geändert. Auch wenn er, seitdem sie erwachsen waren, auf nächtliche Besuche verzichtet hatte. Doch Elisabeth hatte sich fast gedacht, dass der heutige Tag eine Ausnahme bildete und sie hatte schon auf ihn gewartet.

„Buffy", flüsterte er auch sogleich. „Gut, dass du noch auf bist. Ich muss unbedingt mit dir reden." Er setzte sich auf die Bettkante und sah sie aus müden, verweinten Augen an. „Ich konnte nicht eher. Ich musste warten, bis Charles eingeschlafen ist. Der Gute durfte nicht mal zur Nacht seinen Platz vor meiner Tür verlassen. Er ist auf einem Stuhl vor meinem Zimmer zusammengesackt und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt, bis er wieder erwacht."

„Justin", seufzte Elisabeth leise und griff nach seiner Hand. Sie musste ihm einfach begreiflich machen, dass sie ihm diesmal nicht helfen konnte. Sein Vater hatte sich entschieden und es gab nichts, was sie dagegen unternehmen konnten. Nicht einmal Margret hatte sich gegen ihren Mann aufgelehnt und das, obwohl sie sonst immer schützend die Hand über Justin hielt. Vielleicht hatte sogar sie verstanden, dass ihr Sohn erwachsen werden musste. „Ich weiß, aus welchem Grund du hier bist. Aber ich kann dir nicht helfen. Verstehst du das? Wie sollte das gelingen? Wie sollte ich deinen Platz einnehmen können und dass dann gleich für eine so lange Zeit?"

„Hör mir doch bitte erst zu", flehte der junge Mann verzweifelt und sprang auf. Er lief unruhig hin und her und setzte sich schließlich wieder. „Du bist doch die Einzige, auf die ich mich immer verlassen konnte", sagte er leise und sah ihr ins Gesicht. „Bitte lass mich jetzt nicht hängen. Du alleine kennst mich wirklich. Du bist die Einzige, die mich überhaupt ein kleines Bisschen versteht. Und du weißt, dass ich auf dem Schiff zugrunde gehen werde. Ich bin zu weich für diese harte Welt. Es würde nie im Leben gut gehen."

„Aber das weißt du doch gar nicht", versuchte Elisabeth ihn zu beruhigen, doch er schüttelte nur wild den Kopf und sprang wieder auf.

„Nein! Ich kann nicht", sagte er bitter und ein wenig zu laut. Er lauschte, ob sich im Haus etwas regte und sprach dann leiser weiter. „Bitte hör mir erst zu, bevor du endgültig Nein sagst." Er räusperte sich und seufzte wieder. „Ich habe Vaters Gespräche mit Kapitän Hamilton belauscht", gestand er freimütig. „Ich habe gehört, dass sie Plymouth erwähnten. Dort wird es einen Zwischenhalt geben, um noch mehr verkäufliche Waren aufzunehmen, vor allen Dingen Stoffe. Verstehst du, worauf ich hinaus will?"

„Nein", gestand Elisabeth und schüttelte den Kopf. „Außerdem, was sollte dieser Stopp dir bringen?"

„Buffy! Das ist die Lösung!", meinte er eifrig und rang nervös die Hände. „Wenn du an meiner statt auf dem Schiff bist, dann wird Kapitän Hamilton dich wohl oder übel in Plymouth an Land gehen lassen müssen. Es wäre kaum ein Tag für dich und ich weiß, wie mutig und tapfer du im Gegensatz zu mir bist." Er lächelte und nahm wieder ihre Hand. „Und deine Großtante Victoria lebt keine zehn Meilen von Plymouth entfernt. Ich würde dich dort erwarten und wir erzählen der alten Frau, ich hätte sie unbedingt auch einmal besuchen wollen." Er sah sie an und lächelte verwegen. „Mein Plan ist nahezu perfekt und für dich wäre es kaum ein Umweg. Du würdest nur mit dem Schiff, anstatt einer Kutsche reisen."

„Wenn es so einfach ist, warum gehst du dann nicht selbst auf das Schiff?" fragte Elisabeth, alles andere als überzeugt. „Wenn es sich nur um einen Tag handelt… warum soll ich dann einspringen? Das wäre auch für dich kein Problem."

„Weil Kapitän Hamilton meinem Vater schwören musste, mich nicht vom Schiff zu lassen. Egal wie ich mich benehme", seufzte Justin mit hängenden Schultern. „Denn das war mein erster Plan. Solange zu jammern, bis man mich achtkantig von der Sundowner werfen würde." Beinahe verlegen zuckte er mit den Schultern. „Das wäre bestimmt nicht schwierig für mich geworden. Im Jammern bin ich gut."

„Trotzdem", schüttelte Elisabeth mitleidig den Kopf. „Das klingt viel zu einfach. Es muss einen Haken geben."

„Es gibt keinen", lächelte Justin. „Es ist alles genauso einfach, wie ich dir eben aufgezählt habe. Willow wird morgen in aller Herrgottsfrühe mit der Gepäckkutsche aufbrechen und Charles hat, wie du weißt, einen ganz besonderen Auftrag. Er muss an Land zurückbleiben und darf erst wieder zurück nach Hause, wenn die Segel der Sundowner am Horizont verschwunden sind. Außer dem Kutscher ist niemand da, der uns gut kennt und den werden wir austricksen müssen." Er lächelte breit. „Das einzig Schwierige ist, dass du dich in der Kutsche umkleiden musst. Und natürlich müssen wir deine Haare unter einem Hut bändigen."

„Und was passiert dann?", erkundigte sich Elisabeth nervös. Sie war noch immer unsicher, ob sie sich auf das Abenteuer einlassen sollte. „Ich gehe auf das Schiff und du lässt dich an meiner Stelle zu Großtante Victoria fahren?"

„Wir tauschen einfach die Reiseumhänge und wenn der Kutscher fragt, ob er fahren soll, dann sage ich einfach ja. Er wird nicht bemerken, dass ich deinen Platz übernommen habe und Charles wird nur Augen für das Schiff haben. Buffy, es ist so einfach. Du musst nur solange warten, bis sich die Sundowner Plymouth nähert. Wenn du dich dann vor Kapitän Hamilton zu erkennen gibst, wird ihm gar nichts anderes übrig bleiben, als dich ziehen zu lassen. Er wird wahrscheinlich sehr wütend sein, aber vielleicht auch erleichtert, da er sich nicht mit mir befassen muss." Wieder lächelte Justin. „Und ich werde dich in Plymouth empfangen. Heimlich natürlich, um nicht erwischt zu werden. Danach fahren wir einfach weiter zur Großtante und werden die geplante Woche dort verbringen."

„Und was dann? Was passiert nach dieser Woche? Ich kann mir kaum vorstellen, dass dein Vater sonderlich erfreut darüber sein wird." Noch immer unsicher schüttelte Elisabeth den Kopf. „Er wird uns beiden das niemals verzeihen." Sie kannte ihren Onkel nun auch schon ein paar Jährchen länger und wusste, wie unnachgiebig und streng er sein konnte. Einen solchen Verrat würde er nicht ohne weiteres hinnehmen.

„Ich werde die Schuld ganz auf mich nehmen", versicherte Justin, schluckte und lächelte dann tapfer. „Natürlich wird Vater furchtbar böse werden… aber immerhin kann er mich dann nicht mehr zu einer Schiffsreise verdonnern."

 

                                                                                               *~*~*

 

Elisabeth schien verrückt geworden zu sein, denn sie hatte dem Plan ihres Cousins schließlich zugestimmt. Die halbe Nacht hatten sie damit verbracht alles akribisch zu planen und Justin war noch einmal in sein Zimmer geschlichen, um eine Hose, ein Hemd und ein Wams für sie zu holen. Immerhin musste sie sich während der kurzen Fahrt nach Brighton umziehen und so packte Elisabeth zusätzlich zu ihrem Gepäck noch eine kleine Tasche, die sich mit sich führen konnte, ohne dass es sonderlich auffiel.

Doch jetzt war es soweit, sich von Onkel und Tante zu verabschieden, denn die beiden würden nicht mit zum Hafen kommen können und standen augenblicklich aufgeregt vor der Kutsche und rangen nervös die Hände. Tante Margret kämpfte mit den Tränen und Elisabeth kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Sie hasste Lügen und kämpfte schwer mit ihrem Gewissen. Doch war es so falsch, ihren leider sehr schwach geratenen Cousin zu beschützen? Vielleicht hatte Justin Recht und nur sie verstand, was für eine sensible Seele er war. Aber vielleicht, so dachte sie bedrückt, war das auch falsch und er brauchte doch nur einen Ansporn, um so zu werden, wie sein Vater es sich wünschte.

Jedenfalls war es nicht angenehm für Elisabeth zu sehen, wie stolz ihr Verwandter auf seinen Sohn war und ihn immer wieder in seine Arme riss. Auch Justin selbst wirkte eher beklommen, als dass er glücklich und zufrieden wirkte. Doch dann war es irgendwann soweit und sie bestiegen die Kutsche.

Die ersten fünf Minuten verbrachten sie schweigend und Justin warf ihr immer wieder kurze, hilflose Blicke zu. „Vielleicht solltest du doch fahren", sagte sie leise, doch ihr Cousin schüttelte sofort erschrocken den Kopf.

„Nein, auf gar keinen Fall", fuhr er hoch. „Aber ich habe nicht gewusst, wie weh es tun würde, Vater so zu sehen. Er ist das erste Mal in seinem Leben stolz auf mich und ich…", er schluckte schwer. „Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass ich eine solche Schiffsreise nicht überstehen könnte. Mir bleibt gar keine andere Wahl." Eine einsame Träne bahnte sich einen Weg über seine Wange und Justin ließ sie einfach laufen. „Ich hoffe, er verzeiht mit. Irgendwann!"

„Du bist dir wirklich und absolut sicher?", hakte Elisabeth noch einmal nach und als Justin entschlossen nickte, zog sie die mitgebrachten Kleidungsstücke aus der Tasche. „Umdrehen", forderte sie ihren Cousin auf und Justin nickte schnell und lehnte sich einfach aus dem Kutschenfenster.

Keine zehn Minuten später war sie fertig und ließ sich helfen, ihre Haarflut unter dem Hut zu verbergen. „Und du meinst, das geht?", erkundigte sie sich und kontrollierte ihr Aussehen in einem kleinen Handspiegel. Ihrer Meinung nach war offensichtlich, dass eine Frau in Männerkleidung steckte und sie schüttelte unsicher den Kopf. „Ich werde niemanden täuschen können", murmelte sie leise und schob letzte Haarsträhnen unter die Kopfbedeckung.

„Es kennt dich niemand. Nur Kapitän Hamilton hat dich überhaupt einmal gesehen", meinte Justin siegessicher und lächelte zufrieden. „Wenn du jetzt noch meinen Reiseumhang nimmst, ist die Täuschung perfekt. Niemand wird den Unterschied merken. Wahrscheinlich hat Hamilton eh schon allen gesagt, was für ein Waschlappen ich bin. Sie erwarten keinen hoch gewachsenen Hünen."

„Du bist kein Waschlappen", versicherte Elisabeth schnell, doch Justin schüttelte nur resignierend den Kopf. „Doch, genau das bin ich. Aber ich kann es nicht ändern. Niemand kann das ändern. Es ist, wie es ist."

Für eine längere Unterhaltung blieb ihnen keine Zeit, denn der Kutscher hatte den Hafen erreicht und sie rollten über unebenes Kopfsteinpflaster. Der Geruch des Meeres strömte in das Innere der Kutsche und Justin verzog das Gesicht. „Ein schrecklicher Gestank nach Salz, Fisch und Dreck. Das könnte ich keinen Tag aushalten", schimpfte Justin auch sogleich und Elisabeth lächelte. „Auf dem Meer selbst wird es angenehmer sein."

„Du wirst es mir ja heute Abend erzählen können", grinste Justin, doch dann wurde sein Blick ernst. „Wir sind da." Er machte sich lang und blickte aus dem Fenster. „Am besten warten wir, bis Charles meine Sachen in die Kajüte gebracht hat. Danach postiert er sich sicherlich irgendwo auf dem Kai und du kannst mehr oder weniger ungesehen an ihm vorbeihuschen."

Elisabeth nickte, konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Plan aufgehen würde. Irgendwer würde sie bestimmt als Frau erkennen und aufhalten, noch bevor sie einen Fuß auf die Planken des Schiffes gesetzt hatte. Doch niemand hielt sie auf, als sie schließlich die Kutsche verließ. Charles hatte sich tatsächlich etwas abseits postiert und nickte ihr kurz zu, dann schickte er die Kutsche los und Elisabeth konnte noch einmal Justins lachendes Gesicht sehen.

„Master Justin", rief eine Stimme sie aus ihren Gedanken und sie fuhr herum. „Ja?"

„Mein Name ist Alexander Harris und ich bin Bootsmann auf der Sundowner. Wenn Sie mir bitte folgen würden… ich bringe Sie in Ihre Kajüte."

Teil 3
Die Luft schien stillzustehen, sämtliche Geräusche verebbten und Elisabeth war sich absolut sicher, dass der Bootsmann sie auf den ersten Blick durchschaut hatte. Doch der fremde Mann sah sie nur abwartend an und so nickte sie schnell. Ihr Hals war staubtrocken und sie würde eh keinen vernünftigen Laut über die Lippen bringen, deswegen beeilte sie sich, hinter dem kräftigen Mann den schmalen Steg heraufzulaufen.

Mit klopfendem Herzen drehte sie sich ein letztes Mal um, bevor sie endgültig das Schiff betrat, das auf den sanften Wellen auf- und abschaukelte. In der Ferne rollte die Kutsche, in der eigentlich sie sitzen sollte, über die holprigen Straßen, dann fiel ihr Blick auf Charles und ein kleines Bisschen hoffte sie, dass er den Betrug bemerkte, doch er hatte sich einen schlechten Platz gewählt, guckte gegen die Sonne und versuchte die Augen mit den Händen abzuschirmen. Als er sie schließlich im Blick hatte, hob er zum Abschied die Hand und Elisabeth schluckte und tat es ihm nach.

„Alles in Ordnung?", riss der Bootsmann sie aus ihrer Versteinerung und sie nickte schnell. „Gut, dann folgen Sie mir bitte. Hier entlang."

Auf dem Weg über das Schiff redete der junge dunkelhaarige Mann ohne Unterlass, doch Elisabeths Verstand war nicht in der Lage, auch nur ein Wort davon aufzunehmen. Möglicherweise war es wichtig, was er erzählte, möglicherweise wollte er sie auch nur ablenken, doch Elisabeth schaffte es einfach nicht, sich auf seine Aussagen zu konzentrieren. Sie nahm nicht einmal wahr, welchen Weg sie nahmen und fühlte nur das dumpfe Drücken in ihrem Bauch, dass sie seitdem ersten Schritt aus der Kutsche nicht mehr verlassen hatte.

Irgendwann fand sie sich alleingelassen in einer niedrigen, muffigen Kajüte wieder, in der Justins Schrankkoffer an der Wand aufgereiht standen. Vorsichtig und langsam sah sie sich um und betrachtete den spärlich möblierten Raum. Dafür, dass das Schiff neu war, hatten sich Konstrukteure nur wenig Mühe mit der Einrichtung gegeben, fand sie. Außer einem unbequem wirkenden schmalen Bett gab es nur eine Kommode mit einem schweren Krug und einer Waschschüssel darauf, einen Tisch und zwei Stühle.

Vielleicht’, so dachte sie, ‚hat der Kapitän auch extra den schlechtesten Raum für Justin ausgesucht, um ihm so zu zeigen, wie wenig willkommen er auf der Sundowner ist.’

Doch das sollte sie nicht belasten, immerhin würde sie noch am gleichen Abend das Schiff wieder verlassen und so setzte sie sich auf das Bett und zuckte mit den Schultern. Erst dann bemerkte sie die lange Fensterfront mit den kleinen in Blei eingefassten Butzenscheiben und sie sprang wieder auf. Offensichtlich befand sie sich am Heck des Schiffes, denn außer einem schmalen Vorsprung, der fast wie ein kleiner Balkon wirkte, gab es nichts weiter zu sehen als das Meer.

Ein dicker Kloß breitete sich urplötzlich in ihrem Hals aus und nur mit Mühe schaffte sie es, den wieder herunterzuschlucken. „Reiß dich zusammen", schimpfte sie mit sich selbst, doch das seltsame Gefühl des Ausgeliefertseins wollte nicht verschwinden. „Jetzt ist aber gut", murrte sie und stampfte mit dem Fuß auf. „Die paar Stunden wirst du schon überleben. Du stellst dich schlimmer an als Justin!"

 

                                                                                               *~*~*

 

Eine ganze Weile später, die Elisabeth auf dem Bett liegend verbracht hatte, klopfte es wieder an der Tür und sie sprang nervös auf. „Herein!"

Die Tür öffnete sich und der Bootsmann, Alexander Harris, steckte seinen Kopf durch den Zwischenraum. „Der Kapitän lässt Euch mitteilen, dass wir in Kürze ablegen. Und da Ihr Euch sicherlich von Eurer Heimatstadt verabschieden wollt, sollt Ihr doch bitte herauf an Deck kommen." Er nickte und sprach dann gleich weiter. „Außerdem soll ich Euch ausrichten, es täte ihm Leid, dass er bisher nicht die Zeit gefunden hat, Euch angemessen zu begrüßen. Er lässt aber mitteilen, dass Ihr Euch heute Abend zum Diner in seiner Kabine einfinden sollt, damit alles Weitere besprochen werden kann."

„Danke", nickte Elisabeth und wartete darauf, dass der Bootsmann ihre Kajüte wieder verlassen würde, doch der dachte scheinbar gar nicht daran und deswegen sah sie zu ihm auf. „Sonst noch etwas?"

„Ähm… ich dachte, ich begleite Euch an Deck." Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er sie an. „Oder möchtet Ihr lieber auf eigene Faust das Schiff erkunden? Der Anker wird sofort eingeholt… deswegen…"

„Ach so, ja … einverstanden." Elisabeth hätte sich lieber einfach weiter im Inneren des Schiffes verborgen, doch dann dachte sie an Charles, der sicherlich immer noch auf dem Kai stand. Sollte er sie nicht an Deck sehen, so würde er bestimmt davon ausgehen, Justin hätte einen Weg gefunden und sein ihm angedachtes Gefängnis verlassen. „Ich komme sofort", nickte sie dem Mann zu. „Geht ruhig vor, ich werde den Weg schon finden."

Elisabeth wartete, bis der Seemann die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann zückte sie den Handspiegel und warf prüfende Blicke hinein. Bisher hatte sie sich nicht getraut, den Hut abzunehmen und wie sich jetzt herausstellte, war das eine gute Idee gewesen. Sie strich ein paar verirrte Strähnen zurück in ihr Versteck und verließ dann ihre Kabine.

Der Weg hinaus aufs Deck war wirklich nicht besonders schwer zu finden. Nur ein schmaler Gang und eine kleine Treppe trennten sie vom Hauptdeck und als sie ins Sonnenlicht heraustrat, blinzelte sie für einen Moment. Dann sah sich um, doch niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit und so lief sie einfach auf die Reling zu, an der sich schon mehrere Männer versammelt hatten und ihren Familien zum Abschied winken.

In einiger Entfernung von den anderen Seeleuten baute sie sich auf, suchte und fand Charles und hob grüßend ihren Arm. Doch der gute alte Kammerdiener hatte keine Zeit sich länger mit ihr zu befassen. Er hatte mit zwei verhutzelten Frauen zu kämpfen, die Glücksbringer und Amulette feilboten und sich an ihn klammerten, als würde ihr Leben davon abhängen. Elisabeth konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und als dann ein Ruck durch das Schiff ging, zuckte sie zusammen.

Die Männer hatten den Anker an Deck gezogen und die letzten Haltetaue wurden gekappt. Das erste kleine Segel wurde gesetzt und die Sundowner nahm langsam Fahrt auf. Befehle wurden gerufen und Elisabeth drehte sich um. Das erste Mal, seitdem sie an Bord war, sah sie den Kapitän, der sich auf dem Achterdeck positioniert hatte und das Schiff aus dem Hafen dirigierte.

Frischer Wind wehte ihr ins Gesicht und sie drehte sich schnell wieder zum Kai. Charles hatte sich von den beiden alten Frauen gelöst und winkte jetzt mit seinem Hut. Elisabeth musste lachen. Eigentlich stand einem Kammerdiener eine solche Geste nicht zu, aber mit Charles und Justin verhielt es sich fast so, wie mit ihr und Willow. Die beiden waren Freunde, ungleiche Freunde, aber doch verbunden, und es war beinahe tröstlich, ihn so zu sehen. Sie hob den Arm und winkte zurück. „Alles Gute", murmelte sie und fühlte erschreckt, dass ihr Tränen in die Augen traten. Schnell wischte sie sie weg und schalt sich einen Dummkopf. Immerhin würde sie ihn in einer Woche wiedersehen und sich nicht für immer von ihm verabschieden.

 

                                                                                              *~*~*

 

Die Zeit verging und Elisabeth konnte schon längst nichts weiter sehen als das ruhige Meerwasser, auf dem die Sundowner dahin glitt. Doch noch immer hatte sie ihren Platz an der Reling nicht verlassen. Ein seltsames Gefühl hatte sie befallen und machte ihr angst. Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ganz alleine war. Niemand Vertrautes war bei ihr und sie konnte Justins Gefühle noch besser verstehen als jemals vorher.

Hinter ihr waren die Matrosen noch immer damit beschäftigt die Waren und den Proviant zu verstauen und sie hörte sie leise erzählen und lachen. Sie alle schienen sich wohlzufühlen, die Freiheit zu genießen und glücklich und zufrieden mit dem zu sein, was sie hatten, doch Elisabeth wusste, dass ein solches Leben nichts für sie gewesen wäre. Sie brauchte die Gewissheit nicht alleine zu sein, brauchte ihre Familie, in deren Schoß sie sich immer sicher und geborgen fühlen konnte.

„Kann ich etwas für Euch tun, Master Justin?"

Wieder war es der Bootsmann, der sie aus ihren Gedanken riss und sie schüttelte den Kopf und verkniff sich gerade noch so ein Lächeln. „Nein, danke. Alles bestens." Doch dann sah sie auf. „Wisst Ihr, wann wir in Plymouth anlegen?"

„Plymouth?", wiederholte der Angesprochene verwirrt. „Ihr scheint schlecht informiert zu sein", meinte er und zuckte mit den Schultern. „Die Sundowner war letzte Woche in Plymouth. Wir ankern erst wieder vor Cabo de Sao Vincente, an der Südküste von Portugal. Dort werden noch einmal der Proviant und die Wasservorräte aufgeforstet, danach geht es direkt nach Venedig."

„Danke", schluckte Elisabeth schwer. „Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würden." Sie schob sich an dem Bootsmann vorbei, eilte so schnell als möglich über das Deck und rannte die Treppe hinauf zu ihrer Kabine.

Dort angekommen warf sie sich auf das Bett und schluchzte haltlos. Sie hatte es gewusst, hatte gewusst, dass sie für ihren Betrug zahlen musste. Doch gleich so hart? „Cabo de Sao Vincente", schluchzte sie hoffnungslos. Sie kannte niemanden dort. An wen sollte sie sich wenden? Wie sollte sie zurück nach England kommen?

Eine lange Zeit verbrachte sie weinend, dann wischte sie die Tränen energisch weg. Sie musste nur zum Kapitän gehen und ihm gestehen, was sie und Justin getan hatte. Er würde sicherlich fuchsteufelswild werden, doch dann würde er das Schiff bestimmt wenden und zurück nach Brighton segeln. Aber so, wie sie jetzt aussah, konnte sie ihm nicht unter die Augen kommen. Sie sprang auf, goss sich kaltes Wasser in die Waschschüssel und wusch ihr Gesicht. Dann kühlte sie ihre Augen und überlegte dabei, wie erschrocken Justin am Abend reagieren würde, wenn er begriff, dass die Sundowner nicht ankommen würde.

Doch momentan war Elisabeth egal, wie sehr er sich fürchten würde. Sie war böse auf ihn, denn immerhin war es nur seiner Dummheit zu verdanken, dass sie auf einem Schiff festsaß. Aber dann seufzte sie. Sie war selbst Schuld. Sie ganz alleine. Sie hätte sich von Anfang an nicht auf diesen verrückten Plan einlassen dürfen.

Sie kontrollierte ihr Äußeres, richtete Hut und Haare und sprach sich selbst Mut zu. Es würde keine einfache Aufgabe werden, Kapitän Hamilton unter die Augen zu treten, doch das war ihre einzige Chance, Schlimmeres zu verhindern. Ein letztes Mal holte sie tief Luft, dann eilte sie an Deck und suchte nach dem Kapitän. Er stand noch immer auf dem Achterdeck und unterhielt sich mit ein paar Männern, darunter auch dem einzigen, den sie bisher kennengelernt hatte. Der Bootsmann sah sie kommen, nickte ihr zu und Elisabeth stieg die Holztreppe hinauf.

„Ah, Master Justin", begrüßte William Hamilton sie mit eisiger Stimme. „Ich habe mich schon gefragt, wann Ihr Euch hier herauftrauen würdet."

Elisabeth erwiderte nichts, aber die Courage, die eben noch durch ihre Adern gerauscht war, hatte sie verlassen. Es würde noch viel viel schlimmer werden, als sie es sich ausgemalt hatte. Doch so leicht würde sie sich nicht unterkriegen lassen und so nickte sie ihm zu und ging langsam auf ihn zu.

„Gut, dass Ihr zu uns stoßt", brummte jetzt der Kapitän. „Wir sprechen gerade über alles, was einem Schiff und seiner Mannschaft Unglück bringt. Master Oliver hier", meinte er und klopfte einem jungen Mann auf die Schulter, „ ist auch das erste Mal mit an Bord. Das dürfte Euch doch sicherlich auch interessieren."

Außer einem Nicken brachte Elisabeth nichts zustande und so gesellte sie sich einfach zu dem Grüppchen. Frei und offen vor allen Anwesenden wollte sie ihr Geheimnis nicht verraten, auch wenn die durchdringenden Blicke des Kapitäns erahnen ließen, dass er wusste, das etwas nicht stimmte. Er legte den Kopf ein wenig schräg und sah sie unverwandt an.

„Also…", meinte jetzt Master Oliver, „… Frauen bringen Unglück." Er lachte. „Und jeder weiß warum. Doch was noch?"

„Es gibt eine Menge Dinge", nickte jetzt der Bootsmann. „Auf fast jedem Schiff wird irgendeine Schauergeschichte wieder und wieder erzählt. Von Geisterschiffen und riesigen Meeresungeheuern. Aber was wirklich Unglück bringt, ist in den Hafen zurückzukehren."

„Wie darf ich das verstehen?", krächzte Elisabeth mit großen Augen. „Früher oder später muss es doch zurück in den Hafen." Ihr schwante Böses und sie holte tief Luft.

„Das ist natürlich richtig", nickte jetzt der Kapitän und ein hinterlistiges Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Aber bevor ein Schiff seinen Zielort nicht erreicht hat, oder zumindest anderswo von Anker gegangen ist, darf es nicht zurück in den Heimathafen." Er lachte leise. „Ich würde nicht umkehren, auch wenn wir den Proviant, den Schiffsarzt und die Ladung vergessen hätten."

Die Männer lachten und Elisabeth fiel mit ein. Allerdings entsprang ihr Lachen nicht einem Anflug von schlechtem Humor, sondern purer Angst. So schnell es ging, nickte sie allen Anwesenden zu und rannte die Treppe hinab zum Hauptdeck.

„Was für ein Waschlappen", brummte Kapitän Hamilton und sah ihr hinterher. „Ein schlimmeres Omen, als diesen Kerl auf dem Schiff zu haben, gibt es wohl kaum." Er sah seinen Bootsmann an und seufzte. „Hoffentlich müssen wir ihm nicht jeden Abend ein Schlaflied singen."

Wieder lachten die Männer, doch der Kapitän selbst blieb ernst und so löste sich das Grüppchen schnell auf. Zurück blieb William Hamilton, der mit gerunzeltem Gesichtsausdruck hinaus auf das Meer blickte. Irgendetwas stimmte mit diesem verfluchten Master Justin nicht, das spürte er wie die Geldstücke in seiner Hosentasche. „Und ich werde es herausfinden!"

Teil4

Wie viel Zeit vergangen war, seitdem Elisabeth die schreckliche Wahrheit erkannt hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Denn sie hatte sich, wie junge Frauen es nun einmal zu tun pflegten, auf ihr hartes Bett geworfen und sich die Seele aus dem Leib geweint. Irgendwann war sie einfach eingeschlafen und nun beim Aufwachen war es stockdunkel und sie konnte kaum die Hand vor Augen sehen.

Vorsichtig tastete sie sich auf die Tür zu, denn ein schwacher Lichtschein darunter machte ihr ein wenig Hoffnung. Im Gang vor ihrer Kajüte fand sie zwei Öllampen, eine davon brennend, und ferner ein Tablett mit ihrem Abendessen und einem Krug Wasser. Offenbar hatte man versucht, sie zu wecken, zumindest aber in ihr Zimmer geguckt und ihr wurde heiß und kalt bei dem Gedanken, dass ein wildfremder Mann ihr Zimmer betreten hatte und sie es nicht einmal mitbekommen hatte.

Leise seufzend lehnte sie sich gegen die Türzarge und ihr Herz wurde bei jedem Atemzug schwerer. Was hatte sie nur getan? Was hatte sie sich mit ihrer Großherzigkeit eingebrockt? Es sollte doch nur ein simpler kleiner Trick werden, um Justins Hals aus der Schlinge zu ziehen. Und nun? Nun war sie eine Gefangene auf einem Segelschiff, auf dem sie nicht willkommen war und dessen Kapitän sie hasste wie die Pest.

„Der Kapitän", murmelte sie leise und schüttelte den Kopf. Sie hatte die Einladung zum Diner nicht wirklich vergessen, sondern eher verschlafen und wahrscheinlich machte sich der schreckliche Mann gerade böse über sie lustig.

Doch viel schlimmer war, dass keiner der Männer davor zurückscheute, einfach ihre Kajüte zu betreten. Natürlich dachte keiner der Matrosen sich etwas dabei, immerhin hielt man sie für einen Mann, doch das nächste Mal würde sie sicherheitshalber einen der Stühle vor die Tür stellen und zusätzlich die Vorhänge zuziehen. Sie schauderte und zum ersten Mal begriff sie, wie verloren und einsam sie wirklich war.

Bevor sie sich wieder in schaurige Gedanken verstricken konnte, schnappte sie sich schnell die Lämpchen, brachte sie zum Tisch und lief dann, um das Tablett zu holen. Elisabeths Magen knurrte. Außer einem dürftigen Frühstück hatte sie den ganzen Tag über nichts zu sich genommen und mit Heißhunger machte sie sich nun über das kalte Rebhuhn her. Schließlich gesättigt lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück und überdachte die Möglichkeiten, die ihr jetzt noch offen waren.

Sollte sie dem Kapitän trotz allem ihr Geheimnis offenbaren und darauf hoffen, dass der widerliche Mann ein Einsehen hatte und sie zurück nach England brachte? Ihr wäre jeder Hafen recht gewesen, aber sie befürchtete, dass er ihr niemals diesen Gefallen tun würde. Sie konnte ihn vor sich sehen. Lachen würde er, lachen und dann all seinen Männern erzählen, welchen Gast sie wirklich auf der Sundowner hatten. Immerhin hasste er sie, beziehungsweise Justin, und im Grunde konnte sie es ihm nicht einmal verdenken.

Blieb also noch Cabo de Sao Vincente. Aber in Portugal kannte sie niemanden und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie von dort ohne Geld wieder zurück in ihre Heimat kommen sollte. Gab es dort einen britischen Konsul oder zumindest einen Verwalter, der ihr weiterhelfen konnte? Konnte sie sich dort überhaupt verständlich machen? Trotz hervorragender Ausbildung war es ihr nie gelungen, mit der Sprache warm zu werden. Peinlich wurde ihr bewusst, dass sie keinen blassen Schimmer davon hatte, wie sie alleine in der Welt zurechtzukommen sollte und sie seufzte leise. Nein, in Cabo de Sao Vincente von Bord zu gehen, war keine Lösung.

Als dritte und letzte Möglichkeit blieb ihr, die Scharade weiter aufrecht zu halten und die Schiffsreise bis ans Ende mitzumachen. Es würde alles andere als einfach werden, aber immerhin kam sie so irgendwann wieder sicher in England an. Würde sie alleine in Cabo de Sao Vincente von Bord gehen, bestand die Gefahr, dass sie ihr Heimatland nie wieder sah.

Elisabeth schnappte sich einen Apfel vom Tablett, drehte ihn in den Händen und überlegte hin und her. Dann zuckte sie die Schultern und biss hinein. Sie würde auf dem Schiff bleiben, denn das war das kleinere Übel. Alles andere erschien ihr einfach unmöglich, sowohl auf den guten Willen des Kapitäns zu hoffen, als auch in einem wildfremden Land alleine dazustehen.

 

                                                                                           *~*~*

 

Trotz der nur spärlichen Beleuchtung machte sie sich daran, Justins Koffer zu durchforsten. Im dritten fand sie endlich, was sie suchte und sie schleppte die Sachen durch die Kajüte. Ein kleiner Tischspiegel war dabei, den sie sogleich an den Rand des Waschtisches gegen die Wand lehnte und außerdem eine Schere. Doch als sie schließlich ihre Haare aus dem Hut befreit hatte, seufzte sie nur, anstatt sie abzuschneiden. Sie brachte es einfach nicht über das Herz sie kurz zu schneiden und mutlos legte sie die Schere wieder weg. Doch irgendwas musste ihr einfallen. Also schnappte sie sich die Bürste, strich die Haarmenge zurück und zog sie in einen engen Pferdeschwanz.

„So könnte es gehen", murmelte sie leise und betrachtete sich von allen Seiten im Spiegel. Sie nickte sich selbst Mut zu und flocht den Pferdeschwanz zu einem engen Zopf, den sie mit einem Samtband zusammenhielt. Dann steckte sie das Bündel in ihren Hemdkragen und begutachtete sich erneut im spärlichen Licht der Öllampe. Viele Männer trugen ihre Haare so und sie seufzte einigermaßen zufrieden. Sie musste es zumindest versuchen und da die Länge des Zopfes nicht zu erkennen war, war sie sich recht sicher, dass niemand etwas bemerken würde.

Elisabeth warf den schrecklichen Hut auf das Bett, schwor sich, ihn erst wieder aufzusetzen, wenn sie in England war und stand auf. Sie würde jetzt an Deck gehen und ein wenig frische Luft holen. Stimmen von draußen konnte sie kaum vernehmen und das bedeutete wohl, dass die meisten Männer ihren wohlverdienten Schlaf hielten. Jetzt war die beste Zeit, um ihr neues Äußeres zu testen und so verließ sie ihre Kajüte.

Einen kurzen Moment zögerte sie auf der schmalen Treppe, dann zuckte sie die Schultern. Sollte sie als Frau erkannt werden, dann war es eben so. Sie konnte es doch nicht ändern, denn wirklich verbergen konnte sie sich über Monate hinweg kaum. Entweder die Männer an Bord würden sie als verweichlichten Jüngling betrachten, oder aber ihre wahre Natur erkennen und die Katze war endgültig aus dem Sack.

„Und wenn schon", murmelte sie trotzig und musste ein kleines bisschen lächeln. Ob der Kapitän sich wohl einer Frau gegenüber genauso ungehörig benehmen würde? Elisabeth zuckte mit den Achseln. Wirklich wissen wollte sie es gar nicht. Sie hatte sich eine Meinung über ihn gebildet und die würde sich nicht ändern, selbst wenn das verdammte Schiff unterging!

                                                                                            *~*~*

 

Eine lange Zeit schlich sie einsam und verlassen über das Deck. Keiner der wenigen Matrosen, die noch immer bei ihrer Arbeit waren, würdigte sie auch nur eines Blickes, dann plötzlich stand Kapitän Hamilton vor ihr.

„Könnt Ihr nicht schlafen, Master Justin?", erkundigte er sich spöttisch. Sein Bootsmann hatte ihm natürlich mitgeteilt, dass er den jungen Mann schlafend auf dem Bett vorgefunden hatte und sie hatten beim Diner so manchen Spaß auf seine Kosten gemacht. Ihn jetzt hier an Deck zu sehen, verwunderte ihn ein bisschen, denn eigentlich hatte er nicht erwartet, ihn vor morgen früh wiederzusehen. Wenn überhaupt! Er war eher davon ausgegangen, dass sich der schnöde Jüngling die nächste Woche über in seinem Bett verkriechen würde.

Elisabeth hatte nicht damit gerechnet, ausgerechnet auf den Kapitän zu treffen, doch sie hatte auch nicht vor, sich so leicht ins Bockshorn jagen zu lassen und so hob sie trotzig das Kinn. „Ich habe lange genug geschlafen, wie Ihr sicherlich wisst", sagte sie bissig und lehnte sich dann über die Reling und hielt die Nase in den Wind.

„Ihr habt gedacht, ihr könntet in Plymouth das Schiff verlassen, richtig?", fragte der furchtbare Mann weiter. Er lachte leise und schüttelte den Kopf.

„Das war mein Plan", gestand sie und zuckte mit den Schultern. „Einen Versuch war es wert. Ich habe nicht darum gebeten, an Bord gehen zu dürfen. Ganz im Gegenteil, ich wurde vor eine vollendete Tatsache gestellt. Ihr könnt kaum erwarten, dass es mir gefällt!"

Der Kapitän lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling und sah hinauf in den Himmel. „Ich habe Eurem Vater versprechen müssen, Euch unter keinen Umständen von Bord zu lassen", erklärte er dann, was Elisabeth schon längst wusste.

„Nicht jeder ist dazu geboren, ein Seemann zu werden", meinte Elisabeth und spürte den prüfenden Blick ihres Nebenmanns. „Ich persönlich fühle mich an Land bedeutend wohler."

Der Kapitän sagte nichts, sah sie nur wieder abwägend an. „Irgendetwas ist anders an Euch", meinte er dann. „Vor allem Eure Offenheit. Im Haus Eures Vaters habt ihr kaum den Mund aufbekommen und wenn dann nur, um Belanglosigkeiten von Euch zu geben."

„Was Ihr für Belanglosigkeiten haltet", schnappte Elisabeth, und drehte sich schnell wieder weg. Sein Blick durchbohrte sie und sie war sich ziemlich sicher, dass er sie als den falschen „Mann" erkannt hätte, wäre das Licht besser gewesen. Immerhin hatte er Justin gegenüber gesessen und ihn mehr als einmal finster angestarrt. „Doch was gibt Euch das Recht dazu?", schnaubte sie dann mit einer schrecklichen Wut im Bauch und sie sah ihn finster an. „Ihr könnt mich nicht leiden und das nur aus einem Grund. Weil mein Vater Euch ein Versprechen abgerungen hat, dass Ihr nicht halten wollt."

„Mag sein", gestand er freimütig. „Aber eine so weite Schiffsreise ist kein Kinderspiel und ich kann keinen Mann auf der Sundowner brauchen, der ständig einen Aufpasser braucht."

„Und was bitte, bringt Euch zu der Annahme, dass ich einen solchen Aufpasser brauche?" Elisabeths Kampfeslust war endgültig geweckt und trotzig schob sie ihr Kinn vor. „Ich bin durchaus in der Lage, ohne ein Kindermädchen auszukommen."

„Wir werden sehen", lächelte William Hamilton schief und schüttelte dann den Kopf. „Ich habe nichts gegen Euch. Ich kenne Euch nicht einmal, aber ich möchte Euch dennoch bitten, den Männern auf dem Schiff nicht im Wege zu sein und sie ihre Arbeit machen zu lassen. Der Weg bis nach Venedig ist lang und ich kann keinen Unfrieden gebrauchen."

„Ich hatte nicht vor, Unfrieden zu stiften", schimpfte Elisabeth und stieß sich von der Reling ab. „Aber ich werde Euch den Gefallen tun und mich möglichst unsichtbar machen." Sie nickte ihm zu und verschwand ohne eine Antwort abzuwarten.

Was bildet sich dieser ungehobelte Kerl eigentlich ein’, schimpfte Elisabeth in Gedanken und stampfte die Treppe zu ihrer Kajüte hinauf. Dort angekommen riss sie die Tür auf und schlug sie mit Macht zu, kaum dass sie das Innere betreten hatte. „Ungehobelter Klotz!"

Er wollte, dass sie sich unsichtbar machte? Gut, das konnte er haben. Sie würde keine Probleme damit haben, sich die Zeit zu vertreiben. Einer von Justins Koffern war angefüllt mit Büchern und trotz allem Ärger musste Elisabeth plötzlich lachen. Die Bücher waren sicherlich die Idee ihrer Tante Margret gewesen und sie war sich ziemlich sicher, dass Justin den Koffer keines Blickes gewürdigt hätte.

Doch Justin war auch nicht auf dem Schiff, er war jetzt… bei ihrer Großtante und würde sich vor Sorgen die Haare raufen. Wirklich Leid tat er ihr nicht, denn seine Dummheit hatte sie in diese katastrophale Lage gebracht. Und doch mochte sie kaum daran denken, was geschah, wenn er schließlich erkannte, dass die Sundowner englische Gewässer längst verlassen hatte und erst in vielen Monaten zurückkehren würde. Wie konnte er seinem Vater je wieder unter die Augen kommen? Aber noch schlimmer war der Gedanke daran, ob ihr Onkel ihre Dummheit jemals verzeihen konnte.

Doch Elisabeth hatte alle Zeit der Welt, sich damit auseinanderzusetzen. Jetzt und hier waren andere Dinge wichtig. Vor allem die Frage, wie sie diese furchtbar lange Zeit überstehen sollte? Ganz alleine und ohne einen Freund. Immerhin war es mehr als offensichtlich, dass der Kapitän sich wünschte, nie auch nur wieder ein Wort mit ihr wechseln zu müssen.

„Das kann er haben", murrte sie trotzig, öffnete ein Fenster und atmete tief die würzige Seeluft ein. Der Mond stand hoch am Nachthimmel und warf ein silbriges Licht auf die ruhige See. Hätte sie nicht so furchtbar schlechte Laune, so hätte sie diesen Anblick sicherlich genossen, doch so konnte sie nichts weiter tun als leise vor sich hinzumurmeln und den Kapitän für seine Arroganz zu verfluchen.

Doch dann legte sich ein hinterhältiges Grinsen auf ihr Gesicht. Sie wusste, wo sie ihre viele freie Zeit verbringen würde, ohne auch nur jemandem aus der Schiffsbesatzung über den Weg zu laufen. Und dieser Platz lag direkt vor ihr. Die kleine Ausbuchtung vor ihrem Fenster! Dort konnte sie sich hinsetzen, lesen oder auch einfach nur nachdenken. Vor allem aber musste sie diesem grässlichen William Hamilton nicht wiedersehen.

Teil 5

Die Tage auf der Sundowner vergingen nur sehr langsam, doch Elisabeth hielt sich eisern an ihr selbst gegebenes Versprechen, sich so unsichtbar wie möglich zu verhalten. Sie verbrachte die endlosen Stunden der Tage mit Lesen, Dösen und damit, stundenlang auf das Wasser zu starren. Nie zuvor im Leben war sie so untätig gewesen, doch ihr Stolz gebot ihr, auszuharren, und das Beste zu hoffen. Nie im Leben würde sie vor einem so schrecklichen Menschen wie dem Kapitän zu Kreuze kriechen. Niemals!

Ganz langsam arrangierte sie sich mit dem Leben auf einem Segelschiff, hatte ihre ganze eigene Art gefunden, damit umzugehen und sich die Langeweile zu vertreiben. Mit Hilfe eines Stuhls kletterte sie gewöhnlich aus einem der schmalen Fenster ihrer Kajüte und nahm die Nische in Beschlag, die ihr eine absolute Einsamkeit sicherte, und ihr dennoch nicht das Gefühl des Eingesperrtseins gab, dass gewiss aufgekommen wäre, hätte sie die ganze Zeit in dem muffigen Kabuff verbringen müssen, dass jetzt ihr Zuhause war.

Stunden hatte sie dort gesessen und sich durch die meist unsagbar langweiligen Bücher gequält, die Tante Margret eigentlich ihrem Sohn zugedacht hatte. Es waren hauptsächlich Predigten eines faden Pfarrers aus Kent, die Bibel selbst und auch ein paar wissenschaftliche Abhandlungen. Zumeist über Viehzucht und Ackerbau. Was Justin damit hatte anfangen sollen, war ihr immer noch ein Rätsel, aber selbst diese Bücher hatte sie gelesen. Denn selbst die langweiligste Lektüre war besser, als zum Nichtstun verdammt zu sein.

Seufzend blickte Elisabeth wieder hinaus auf das Meer, doch wirklich etwas zu sehen gab es dort auch nicht. Kein einziges Schiff hatte bisher ihren Weg gekreuzt und auch die See selbst hatte sich nicht verändert. Doch halt, das stimmte nicht, wie sie gerade feststellte. Heute war das Wasser weitaus weniger blau, sondern graugrün und auch der Wellengang war stärker als in den vorhergehenden Tagen. Doch ob das irgendwelche Vorzeichen waren oder es einfach daran lag, dass sie tieferes Wasser durchquerten, vermochte sie nicht zu sagen. Dazu verstand sie viel zu wenig von der Schifffahrt und es hätte eines erfahrenen Seefahrers bedurft, um darüber ein Urteil abzugeben.

Fast automatisch kam ihr der Kapitän der Sundowner, William Hamilton der Schreckliche, wie sie ihn insgeheim nannte, in den Sinn und sie verzog spöttisch die Lippen. Seit ihrer ersten Nacht auf dem Schiff hatte sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, was hauptsächlich daran lag, dass sie das Deck seitdem nicht mehr betreten hatte und sie außerdem die allabendlichen, vom Bootsmann überbrachten Einladungen mit dem Kapitän zu speisen, ausschlug.

Erst war es reiner Trotz gewesen, der sie dazu veranlasst hatte, mittlerweile gefiel ihr eher der Gedanke, ihm damit wieder und wieder vor den Kopf zu stoßen, indem sie seine Angebote schlichtweg ignorierte.

Doch das verdonnerte sie auch gleichzeitig zu totaler Einsamkeit. Sie konnte wohl kaum den Tag über an Deck herumlaufen, mit den Männern reden und sich dann abends in ihrer Kajüte einschließen. „Du wirst es überleben", sprach sie sich selbst Mut zu und griff nach dem nächsten Buch, das sie aus dem schweren Koffer genommen hatte. ‚The Tragedy of Macbeth’ stand auf dem Einband geschrieben und Elisabeth seufzte. „Jetzt auch noch Mord und Totschlag. Na, das kann ja heiter werden!"

 

                                                                                               *~*~*

 

An Deck der Sundowner herrschte geschäftiges Treiben. Auf Veranlassung des Kapitäns wurde alles festgezurrt, was nicht niet- und nagelfest war. Sie steuerten direkt auf einen Sturm zu und mehr und mehr schwarzgraue Wolken türmten sich zusammen, verdunkelten den Himmel im Süden und jeder, der schon einmal auf einem Segelschiff gefahren war, wusste, was das zu bedeuten hatte.

„Bootsmann", rief der Kapitän über die Länge des Schiffs hinweg und winkte ihn heran. Er wartete, bis der dunkelhaarige Mann zu ihm herauf auf das Achterdeck gestiegen war und sah ihn ernst an. „Wie sieht es aus? Ist das Schiff bereit, einem Sturm zu trotzen? Uns bleibt nicht die Zeit ihm auszuweichen."

„Ja, Sir", nickte Alexander Harris. „Ein paar der Männer kümmern sich noch um die Weinfässer im Laderaum, aber sie werden sicherlich rechtzeitig fertig."

„Gut", nickte der Kapitän. „Sag allen Männern, die nichts mehr an Deck zu suchen haben, sie sollen in die Mannschaftsquartiere verschwinden und dort bleiben, bis wir das Unwetter hinter uns gelassen haben."

„Aye, Sir", nickte er Bootsmann und war gerade im Begriff den erteilten Befehl auszuführen, als der Kapitän ihn zurückrief.

„Habt ihr Master Justin gesehen?"

„Nein, Sir", schüttelte der Gefragte den Kopf. „Ich war eben in seiner Kajüte, um ihn vorzuwarnen, doch er war nicht da. Ich habe keine Ahnung, wo er sich herumtreibt."

Verwirrt schüttelte der Kapitän den Kopf. „Wo kann er abgeblieben sein? Hat er sich mit irgendwelchen Männern aus der Besatzung angefreundet?" Doch dann murrte er leise vor sich hin. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Waschlappen sich ausgerechnet mit echten Seebären anfreundete. „Ich habe ihn auch nicht gesehen. Schon seit Tagen nicht!"

Der Bootsmann zuckte die Schultern. „Ich habe ihn gestern Abend das letzte Mal gesehen, als er…"

„… wieder einmal meine Einladung mit mir zu speisen ausschlug", führte der Kapitän den Satz grimmig zu Ende. Er seufzte und schüttelte wieder den Kopf. „Der junge Mann benimmt sich wie ein Kleinkind." Er sah seinen Vertrauten an. „Such ihn, Xander. Wir können es uns nicht leisten, ausgerechnet den Sohn des Schiffseigners zu verlieren. Und irgendwo muss er ja stecken!"

„Aye, Sir", nickte der Bootsmann und verschwand schnell.

 

                                                                                                *~*~*

 

Elisabeth bekam von dem ganzen Trouble nichts mit, auch nicht davon, dass zweimal die Tür ihrer Kajüte aufgerissen wurde und dann wieder zuklappte. Sie hatte es sich mit einem Kissen auf dem kleinen Balkon gemütlich gemacht und hielt die Augen fest geschlossen.

Allerdings schlief sie nicht. Sie hatte nur bemerkt, dass es ihr dabei half, sich in Gedanken an andere Orte zu versetzen. Es war ihre Art, um der unglaublichen Eintönigkeit Herr zu werden und mit jedem Tag waren ihr die vertrauten Bilder tröstlicher vorgekommen, die vor ihrem inneren Auge aufflammten. Gerade jetzt lenkte sie ihren stolzen Rappen durch die verschlungenen Pfade des Waldes, den sie wie ihre Westentasche kannte. Mehr und mehr verlor sie sich in den Tagträumen und sie konnte den Geruch des Waldes förmlich riechen.

Von allem um sie herum nahm sie nichts mehr wahr, weder, dass das Wetter umgeschlagen hatte und es merklich kühler geworden war, noch hörte sie die Rufe der Seemänner, die immer wieder ihren Namen riefen und das ganze Schiff nach ihr absuchten. Elisabeth fühlte und hörte nur die Welt, in die sie am liebsten sofort wieder zurückkehren würde.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Wir haben ihn nicht gefunden, Sir", teilte der Bootsmann seinem Kapitän eine halbe Stunde später atemlos mit. „Wir haben das ganze Schiff abgesucht. Zweimal. Wir waren sogar in der Bilge. Er ist wie vom Erdboden verschluckt!"

„Verdammter Mistkerl", schnaubte William Hamilton und kaute nervös an der Unterlippe. Dann sah er seinen Vertrauten ernst an. „Glaubst du… wäre es denkbar, dass er über Bord gegangen ist? Freiwillig?"

Das war etwas, was er wirklich nicht gebrauchen konnte auf seiner letzten Fahrt als Kapitän eines Schiffes. Ausgerechnet den Sohn des Mannes zu verlieren, der sein Geldgeber und auch Geschäftspartner war. „Dreck, verfluchter. Denkst du, er hat sich umgebracht?"

„Ich weiß es nicht, Sir", zuckte Xander Harris mit den Schultern. „Aber vorstellen kann ich es mir nicht. Ich glaube eher, dass er dazu zu feige ist. Er ist ein trotziges kleines Kind und nicht stark genug, um eine solche Tat zu begehen."

„Aber wo steckt er dann?"

„Wenn ich das nur wüsste", meinte der Bootsmann und zuckte ein weiteres Mal mit den Schultern. „Aber ich werde persönlich jeden Fleck absuchen, an dem sich ein Mann verbergen kann." Er nickte seinem Kapitän zu und lief dann eilig davon.

Kapitän Hamilton stapfte indes wütend auf dem Achterdeck hin und her. „Was bildet sich dieser verdammte Bengel überhaupt ein", knurrte er böse und trat mit dem Fuß gegen die Reling.

Viel Zeit blieb nicht mehr, bevor der Sturm sie umklammerte und es konnte Stunden dauern, bis das Unwetter vorbei war und sie dessen Krallen entkommen waren. Längst hatte der Wind zugenommen und die dunklen Wolken hatten die Sonne verjagt. Nicht mehr lange und sie mussten sämtliche Segel einholen und anfangen zu beten. Nie zuvor war er mit der Sundowner in einen Orkan geraten und er wusste nicht, wie sich das Schiff in einem solchen Unwetter lenken ließ.

Mehr und mehr geriet der Kapitän in Rage und er trat an die Heckreling und brüllte seine Wut aus Leibeskräften heraus: „Wo zur Hölle steckt Ihr, Master Justin?"

 

                                                                                               *~*~*

 

Elisabeth riss die Augen auf und sprang aus ihrem bequemen Nest. Irgendjemand hatte lauthals nach Justin, also nach ihr gerufen, dass hatte sie deutlich gehört. Oder war das nur ein schlechter Traum gewesen? Nein, geschlafen hatte sie nicht, da war sie sich ganz sicher.

„Ich bin hier", rief sie deswegen, blickte nach oben und erkannte den Kapitän der Sundowner, der sich weit über die Reling lehnte und sie finster anfunkelte.

„Was zum Teufel macht Ihr da?", fauchte er und Elisabeth fühlte sich sofort wieder in die Ecke gedrängt.

Trotzig schaute sie zu ihm hoch und reckte das Kinn. „Ich mache mich unsichtbar. Genau wie Ihr es von mir erwartet!"

Es dauerte einen Moment, bis der Kapitän antwortete und Elisabeth wunderte sich, dass er nicht Gift und Galle spuckte. „Ich will Euch auf Deck sehen. Auf der Stelle!"

Einem so direkten Befehl konnte sie sich nicht widersetzen und seufzend krabbelte sie durch das Fenster zurück in ihre Kajüte und schloss es hinter sich. Doch dann meldete sich ihr Kampfgeist wieder und sie trug den Kopf hoch, als sie auf die Tür zumarschierte. „Glaub ja nicht, dass ich Angst vor dir habe", schnaubte sie und machte sich auf den Weg auf das Deck.

Teil 6

Ein heftiger Windstoß riss Elisabeth fast von den Füßen, kaum dass sie das Deck betreten hatte, raubte ihr für einen Moment den Atem und sie starrte erschrocken und verwirrt auf das riesige, grauschwarze Wolkengebirge, durch das immer wieder grelle Blitze zuckten und das den ganzen Himmel im Süden eingenommen hatte.

Fassungslos stand sie auf Deck, hielt sich am Treppengeländer fest und schüttelte ungläubig den Kopf. Wie hatte sie einen solch heftigen Wetterumschwung nicht mitbekommen können? Wie hatte sie die ganze Hektik, das laute Geschrei und die Rennerei der Männer einfach überhören können? Doch dann fiel ihr ein, dass die kleine Nische hinter ihrer Kajüte nach Achtern raus lag und dort war der Himmel noch immer blau. Außerdem war sie nicht wirklich auf dem Schiff gewesen. Gedanklich jedenfalls hatte sie es verlassen.

„Master Justin!", die harte Stimme des Kapitäns ließ sie herumfahren und zu ihm aufsehen. Breitbeinig stand er mit grimmig in die Hüften gestemmten Armen da und trotzte dem Wind. „Wenn Ihr die Güte hättet, zu mir heraufzukommen!" Er sah sie missmutig an und Verachtung stand in seinem Gesicht zu lesen.

Seine Stimme troff nur so von falscher Freundlichkeit und er gab sich keinerlei Mühe, seinen Unwillen zu verbergen. Elisabeth seufzte, nickte nur schnell und setzte sich in Bewegung. Hin und her überlegte sie, wie sie ihm begegnen sollte, entschied dann aber im Anbetracht der Lage, sich zurückzuhalten und sich nicht gegen ihn aufzulehnen.

Auf dem Achterdeck angekommen, ging sie mit staksigen Schritten auf ihn zu, denn so langsam machte der schwere Seegang sich bemerkbar und das Segelschiff rollte unsanft auf den Wellen.

„Es tut mir Leid", sagte sie, noch bevor der Kapitän auch nur den Mund aufmachen konnte. „Ich wollte niemandem Scherereien machen." Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern und sah ihn vorsichtig und um Nachsicht heischend an. „Ich habe mich nur an die Anweisung gehalten, niemandem auf dem Schiff im Weg zu stehen."

Der Kapitän erwiderte nichts, funkelte sie nur aus tiefblauen Augen böse an und kaute auf der Unterlippe, um nicht laut loszubrüllen. „Master Justin", sagte er dann mit einer Schärfe in der Stimme, die er nicht verhindern wollte und konnte. „Könnt Ihr Euch auch nur im Geringsten vorstellen, wie viele Männer ihren Platz und ihre Arbeit verlassen haben, nur um nach Euch zu suchen? Nach Euch! Verdammt noch mal! Und Ihr habt nichts Besseres zu tun, als Verstecken mit uns zu spielen!"

„Es tut mir wirklich sehr Leid. Hätte ich gewusst…", erwiderte Elisabeth zerknirscht. Im Grunde war es nicht einmal ihr Fehler gewesen und doch wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, mit dem furchtbaren Mann zu streiten. Also schluckte sie ihre Widerworte herunter und bemühte sich, freundlich und nett zu bleiben. „Aber wie ich Euch bereits erklärte, lag es nicht in meiner Absicht. Ich wollte bestimmt nicht, dass…"

„Spart Euch das", knurrte der Kapitän und schüttelte wütend den Kopf. „Geht jetzt unter Deck und verkriecht Euch wieder in Eurer Kajüte", schnaubte er. „Irgendwann, wenn der Sturm hinter uns liegt und ich die Zeit finde, schicke ich Euch den Bootsmann, und ich wünsche, nein, ich verlange, dass Ihr dann zu mir kommt. Verstanden? Es gibt so einiges zu bereden und wenn ich das richtig sehe, wird es dringend Zeit! Es gibt eine Handvoll Verhaltensmaßregeln auf einem Schiff und auch Ihr habt Euch daran zu halten."

„Ja, Sir", nickte Elisabeth, verschreckt von der Heftigkeit seines Ausbruchs. Doch dann sah sie ihn an und nahm allen Mut zusammen, den sie aufbringen konnte. „Dürfte ich darum bitten, noch ein wenig auf Deck bleiben zu dürfen?", fragte sie ihn leise, den Blick schnell auf das wild tobende Meer richtend.

William Hamilton lachte und schüttelte den Kopf. „Versteh einer, was zum Teufel in Euch vorgeht, Master Justin", schimpfte er ungehalten. „Ihr seid unberechenbar wie eine Frau! Was denkt Ihr Euch eigentlich? Wollt ihr Euch vom Sturm über Bord tragen lassen, oder von einer der riesigen Wellen, die uns bevorstehen, ins Meer ziehen lassen? Habt Ihr noch nicht genug Probleme bereitet und müsst es unbedingt auf die Spitze treiben?"

„Nein, natürlich nicht", erwiderte sie kleinlaut und schwankte bedenklich im Wind. Wie sollte er auch verstehen, was gerade auf sie einstürzte. Schon an Land fürchtete sie sich vor Unwettern und der Gedanke, den Sturm über alleine in ihrer Kajüte ausharren zu müssen, brachte sie nah an den Rand der Verzweiflung. Sie sah ihn an, doch kein Funke des Verständnisses war in seinem Gesicht zu lesen und Elisabeth seufzte.

William Hamilton konnte kaum fassen, was gerade vor sich ging. Begriff dieser ungezogene Bengel denn gar nichts? Einen solchen Jammerlappen konnte er bei einem Orkan nun wirklich nicht an Deck gebrauchen. „Ist das jetzt alles?", fragte er kalt. „Dann verschwindet endlich", zischte er und zeigte auf die schmale Treppe, die zum Hauptdeck herunterführte. „Und, Master Justin, wenn Ihr einen Vertrag mit Gott geschlossen habt, dann fangt an zu beten. Ein wenig göttlichen Beistand können wir dringend brauchen!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Elisabeth hatte kaum den schmalen Gang erreicht, der zu ihre Kajüte führte, da stieß sie auch schon mit dem Bootsmann zusammen, der sie in dem Eiltempo, dass er vorlegte, glatt übersehen hatte.

„Da seid Ihr ja", schnaufte er und sah sie fassungslos an. „Wir haben Euch schon überall gesucht."

„Ich weiß schon", seufzte sie. „Ich hab mir die Schelte dafür schon abgeholt."

Der Bootsmann lachte. „Nehmt es dem Kapitän nicht übel. Er sorgt sich halt."

„Er sorgt sich höchstens, weil ihm sein Geldgeber sonst den Hals abschneiden würde, wenn mir etwas geschehen würde", brummte Elisabeth und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Das Schiff schwankte nun bedenklich und sie wunderte sich, dass der Bootsmann keinerlei Schwierigkeiten hatte sich aufrecht zu halten.

„Ihr unterschätzt ihn", nickte Xander Harris. „Doch nun, wo ich Euch endlich gefunden habe, sollten wir so schnell wie möglich Eure Kajüte sturmfest machen. Sie ist der einzige Raum, in dem noch nicht alles festgezurrt und verstaut ist." Er nickte wieder und setzte sich dann in Bewegung, ohne auf ihre Antwort zu warten.

Elisabeth beeilte sich hinter ihm herzukommen, doch durch die schrecklichen Auf- und Abbewegungen der Sundowner wurde sie in dem schmalen dunklen Gang hin und her geworfen und machte des Öfteren unsanft mit der Wand Bekanntschaft.

„Kommode, Tisch und Bett sind fest am Boden verankert", erklärte er ihr, während er die verrutschten Schrankkoffer wieder an die Wand schob. Dann schnappte er sich einen der Stühle und verkeilte ihn so zwischen den Truhen und dem Bett, das alles festklemmte und nicht mehr umfallen konnte. „So, das müsste halten."

Elisabeth wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, also nickte sie nur und sammelte die Sachen auf, die durch die Kajüte kullerten. Allerdings war die Aufgabe schwierig zu lösen, da sowohl die Öllampen, als auch der Wasserkrug immer wieder wegrollten, kaum dass sie sie erreicht hatte. „Wie schlimm wird es?", brach es dann aus ihr heraus. „Ich gestehe, ich fühle mich äußerst unwohl und der Kapitän sagte überdies noch, ich solle anfangen zu beten. Das wiegt mich nicht gerade in Sicherheit."

„Ich weiß nicht, wie schlimm es werden wird", gestand der Bootsmann und stand mit gespreizten Beinen in der immer dunkler werdenden Kajüte. „Eine solch gewaltige Wetterwand habe ich nie zuvor gesehen", sagte er und schnappte sich den zweiten Stuhl, der unkontrolliert über den Boden rutschte. Er klemmte die Lehne unter die Kommode und hinter ein Tischbein und zuckte mit den Schultern. „Die Sundowner ist ein starkes, solides Segelschiff. Sie wird dem Sturm schon trotzen."

„Das trägt auch nicht gerade zu meiner Beruhigung bei", murmelte Elisabeth seufzend und setzte sich auf das schwankende Bett.

„Es tut mir Leid, Master Justin, aber ich kann Euch nicht anlügen. Niemand weiß, ob wir heil durch den Sturm kommen." Er zuckte mit den Schultern, verzog das Gesicht und ging dann auf die Tür zu. „Kapitän Hamilton weiß, was er zu tun hat. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass er alles Menschenmögliche tun wird, um die Sundowner und alle, die auf dem Segler sind, heil durch das Unwetter zu bringen." Er nickte, und öffnete die Tür. „Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt, eine unschöne Angelegenheit wartet noch auf Erledigung."

„Was für eine Aufgabe ist das denn?", erkundigte sie sich schnell. Sie hatte Angst vor dem Alleinsein und hätte den einzigen Mann auf dem Schiff, der je ein freundliches Wort zu ihr gesagt hätte, am liebsten bei sich behalten.

„Der Schiffsarzt ist tot", sagte er leise und hielt sich an der Zarge fest. Der Sturm wurde heftiger und nicht einmal er schaffte es noch, sich ohne Hilfe aufrecht zu halten.

„Oh mein Gott", murmelte Elisabeth. „Aber der Sturm bricht doch erst los. Wie konnte er…"

„Es lag nicht am Sturm", brummte der Bootsmann unwirsch. „Meiner Meinung nach hat er sich zu Tode gesoffen!" Wieder verzog er das Gesicht. „Ich muss Euch jetzt verlassen, Master Justin. Mir läuft die Zeit weg", sagte er und nickte ihr zu. „Alles Gute für Euch und haltet Euch gut fest. Ein Beinbruch wäre jetzt fatal", grinste er und verschwand.

 

                                                                                        *~*~*

 

„Zu Tode gesoffen", murmelte Elisabeth dankbar für jeden Gedanken, der sie von ihrer Trübsal und ihrer Angst ablenkte. Sie hatte den Schiffsarzt nur ein einziges Mal gesehen und ihn schon da als nicht besonders vertrauenswürdig eingeschätzt. Aber ein Schiff ganz ohne Doktor? Das konnte doch nicht gut gehen. Selbst wenn die Sundowner den Sturm überstehen würde, es würde sicherlich viele Verletzte geben. Wer sollte sich dann um sie kümmern?

Willow schoss durch ihre Gedanken. Zuhause war ihre junge Kammerzofe für Verletzungen zuständig, die nicht unbedingt eines Arztes bedurften. Woher sie ihr Wissen hatte, war Elisabeth noch immer schleierhaft, denn Willow hatte stets betont, nie auch nur irgendetwas über Medizin gelernt zu haben. Und doch war sie in der Lage kleine Wunder zu vollbringen. Sie hatte einst den Sohn der Köchin praktisch dem Tode entrissen, und das, obwohl der Doktor ihn aufgegeben hatte.

Hin und wieder hatte Elisabeth dabei zugesehen, wie die junge Frau Schnitt- und Schürfwunden versorgte. Tante Margret hatte das natürlich nicht für gut befunden, denn es sei einer Dame nicht würdig, behauptete sie oft. Jetzt allerdings konnte es von Nutzen sein. Womöglich, wenn sie selbst dieses Unwetter überleben würde.

„Wahrscheinlich liegt es Willow im Blut", überlegte Elisabeth, in Gedanken wieder bei ihrer treuen Freundin und sie seufzte traurig. Wie schön wäre es, jetzt in ihrem Zimmer vor dem Kamin zu sitzen und einfach ein wenig mit ihrer Vertrauten zu plaudern. Doch dann musste Elisabeth lachen. Es war Sommer und sie würden überall sitzen, nur nicht vor dem Kamin. Irgendwie war ihr sämtliches Zeitgefühl verloren gegangen, seitdem sie auf dem Schiff war und sie musste wahrlich überlegen, wie viele Tage sie nun schon von Zuhause fort war.

Ob Willow wohl schon wusste, was mit ihr passiert war? Und was sagten Onkel und Tante dazu? Mittlerweile müsste Justin längst wieder im Haus sein, selbst wenn er die geplanten Tage bei Großtante Viktoria verbrachte hatte und Elisabeth konnte sich kaum vorstellen, was dort gerade vor sich ging. War ihr Onkel wütend oder machte er sich Sorgen? Würde er sie jemals wieder aufnehmen, sollte sie doch noch wie durch ein Wunder England jemals wiedersehen?

Sie setzte sich weiter nach hinten auf das Bett, zog die Füße unter den Körper und riss dann ein Kissen heran, das sie an ihren Bauch drückte. Doch diese Haltung ließ sie noch mehr hin- und herschaukeln und sie sprang rasch auf, als ihr Magen sich bemerkbar machte und sich langsam umdrehte.

Mittlerweile war es stockdunkel in der Kajüte, das Schiff schlingerte bedenklich und das Ächzen des Holzes ließen ihr die Haare zu Berge stehen. Sie umklammerte den Bettpfosten schloss die Augen, nur um sie Sekunden später wieder aufzureißen. Rasch sprang sie auf, torkelte auf die Fensterreihe zu und öffnete eins davon. Eisiges Wasser schlug ihr ins Gesicht, dann beugte sie sich über den Rahmen und ihr Mageninhalt suchte sich einen Weg nach draußen.

Teil 7

Wie lange der Sturm schon andauerte, vermochte Elisabeth nicht zu sagen, allerdings wusste sie, dass sie sich nie elender gefühlt hatte. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, sie zitterte vor Kälte und ihr Magen hatte so oft das Innerste nach außen gekehrt, dass schließlich nichts mehr herauskam. Zurück blieben nur die schrecklichen Krämpfe und der Kampf gegen den immer wiederkehrenden Brechreiz.

Das Schlimmste aber war, dass sie sich in der totalen Finsternis ganz allein und verlassen vorkam. Niemand war da, der sie unterstützte oder gar aufmunterte und niemand war da, um ihre furchtbare Angst aufzufangen, die sie eisern umklammerte und keinen positiven Gedanken zuließ. Ein paar Mal war sie aus dem Bett gestürzt, weil das große Segelschiff so steil in Seitenlage auf den Wellen schlingerte, dass eine einzige große Woge es zum Kentern gebracht hätte. Wie durch ein Wunder war das bisher nicht geschehen, aber was nicht war, konnte bekanntlich schnell werden.

Doch so langsam hatte Elisabeth das Gefühl, dass der furchtbare Sturm langsam schwächer wurde. Das Auf und Ab der Sundowner war nicht mehr ganz so schlimm und auch das schreckliche Ächzen des Seglers hatte nachgelassen. Elisabeth kämpfte sich wieder in ihr Bett und krabbelte unter die Decke. Dann schloss sie erschöpft die Augen. In ihrem Kopf drehte sich alles, doch sie war so müde, dass sie schließlich trotz der widrigen Umstände einschlief.

 

                                                                                                *~*~*

 

Nur Augenblicke später, jedenfalls kam es ihr so vor, wurde sie durch lautes Klopfen wieder geweckt. „Herein!" Die Aufforderung fand einen Weg über ihre Lippen, noch bevor sie einen klaren Gedanken gefasst hatte.

Die Tür öffnete sich und ein abgekämpft aussehender Bootsmann steckte seine Nase in ihre Kajüte. „Oh, gut", nickte er, als er sie wohlauf vorfand. „Ich wollte nur nachsehen, ob Ihr alles gut überstanden habt."

Noch im Halbschlaf setzte Elisabeth sich auf. „Schickt Euch der Kapitän? Er sagte, ich solle zu ihm kommen, wenn alles vorbei ist. Und wir haben es doch überstanden, oder?" Es war noch immer stockdunkel, doch der Seegang hatte sich beruhigt und die Sundowner glitt wieder sanft durch das Wasser.

„Der Sturm ist vorbei", nickte der Bootsmann. „Doch zum Kapitän braucht Ihr nicht." Er lächelte flüchtig, dann wurde seine Miene wieder ernst. „Der Kapitän ist verletzt. Ich komme aber auf seine Anweisung. Er wollte wissen, wie es Euch geht."

„Verletzt? Was ist mit ihm geschehen?" Elisabeth sprang aus dem Bett und machte ein paar tapsige Schritte auf ihren Besucher zu. Dann erinnerte sie sich daran, wie besudelt ihr Hemd war und sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Er hat jeden Mann von Deck geschickt, als der Sturm zu heftig wurde. Nur er selbst hat nicht gehen wollen oder können", brummte Xander Harris missmutig. „Er hat sich ans Steuerrad binden lassen. Der Sturkopf wollte unbedingt dafür sorgen, dass die Sundowner immer möglichst senkrecht auf die riesigen Wellen trifft, damit das Schiff nicht kippt." Er zuckte mit den Schultern und kratzte sich am Kopf. „Wahrscheinlich haben wir alle unser Überleben nur ihm zu verdanken. Mit der ganzen Ladung an Bord lag die Sundowner verdammt tief im Wasser, aber er wollte sie nicht über Bord werfen und muss gekämpft haben wie ein Löwe." Wieder zuckte er mit den Schultern. „Ein schier unmögliches Unterfangen, das ihm doch geglückt ist."

„Oh, mein Gott", murmelte Elisabeth fassungslos. Einen solchen Mut hatte sie ihm gar nicht zugetraut und in Gedanken bat sie darum um Abbitte. „Was ist mit ihm geschehen?"

„Ein Mast ist gebrochen, Sir, und der Kapitän hat eine tiefe Fleischwunde davongetragen." Er grummelte leise und verzog das Gesicht. „Der verdammte Schiffsarzt hätte wirklich zu keinem schlechteren Zeitpunkt sterben können. Im Moment werden alle Seeleute befragt, ob sie jemals… ob sie helfen können die Wunde des Kapitäns zu versorgen." Wieder zuckte er mit den Schultern. „Die Reise scheint unter keinem guten Stern zu stehen." Er nickte ihr zu. „Ich muss jetzt los." Der Bootsmann war gerade im Begriff die Tür zu schließen, als Elisabeth ihn aufhielt.

„Ich kann helfen", sagte sie bestimmt. „Ich komme mit." Dann dachte sie an ihr Aussehen und grinste schief. „Ich komme nach", meinte sie dann. „So möchte ich dem Kapitän nicht unter die Augen treten. Wenn Ihr die Zeit findet, dann lasst bitte nach der Tasche des Arztes suchen. Ich werde sie brauchen."

„Einverstanden", nickte der Bootsmann und schloss die Tür. Warum ausgerechnet der junge, zart besaitete Mann helfen wollte, war ihm ein Rätsel, doch er war in einer verzweifelten Lage und würde keine Angebote ausschlagen. Sollte nun eine Meerjungfrau an Bord hüpfen und erklären, nur sie könnte den Kapitän retten, dann würde er sogar ihre Hilfe annehmen. Ihm war jedes Mittel recht, um seinem Freund zu helfen!

 

                                                                                           *~*~*

 

Die Kapitänskajüte war weitaus weniger pompös, als Elisabeth sich das vorgestellt hatte. Wie ihre eigene war sie eher spartanisch eingerichtet und außer einem Tisch mit sechs Stühlen, glich sie der ihren vollkommen.

Der Kapitän saß, nein, hing auf einem der Stühle und grinste schief, als sie erklärte, sie wolle die Wunde in Augenschein nehmen, die jetzt noch von blutdurchtränkten Verbänden verdeckt wurde.

„Ausgerechnet Ihr, Master Justin", erkundigte er sich spöttisch, doch dann verzog er das zerkratzte, wunde Gesicht. „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht umfallt, sobald Ihr einen Blick darauf geworfen habt?"

„Das lasst meine Sorge sein", erwiderte Elisabeth und ließ sich auf keine weiteren Diskussionen ein. Sie brauchte jetzt alle Kraft, die ihr noch geblieben war, um sich der Wunde zu stellen und ihre Furcht zu verbergen. Bisher war sie immer nur der Zuschauer gewesen und Willow war diejenige gewesen, die agiert hatte. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte sich an alles zu erinnern, dass ihre Freundin ihr je zu solchen Wunden und deren Behandlung erklärt hatte.

Mit der Unterstützung des Bootsmanns wickelte sie die Verbände vom Oberarm des Kapitäns und schluckte schwer, als sie die große klaffende Schnittwunde sah, die sich bis hoch zur Schulter erstreckte. „Das muss genäht werden", krächzte sie heiser. Dann räusperte sie sich. „Habt Ihr die Tasche des Doktors gefunden?"

„Ganz wunderbar", brummte William Hamilton und griff mit seinem gesunden Arm nach einer Flasche Rum. Er trank einen tiefen Schluck und lachte, während der Bootsmann den kleinen Koffer auf den Tisch hievte. „Ich wiederhole meine Frage. Ausgerechnet Ihr?", knurrte er und sah Elisabeth an. „Ausgerechnet Ihr wollt das machen?"

„Von Wollen kann keine Rede sein", murrte Elisabeth. „Aber wenn Ihr wollt, dann kann ich es auch lassen und wir sehen Euch dabei zu, wie Ihr langsam verreckt!" Woher sie den Mut nahm, wusste sie nicht, aber sie reckte das Kinn und sah ihn herausfordernd an. „Es ist Eure Entscheidung."

„Macht, was Ihr wollt", murrte der Kapitän und hob erneut die Flasche an seine Lippen. „Macht, was Ihr wollt!"

„Also gut", nickte Elisabeth mit den Gedanken ganz bei Willows Erklärungen. Sie wandte sich an den Bootsmann, der neben ihr stand und offenbar auf Anweisungen wartete. „Haben wir Aquavit an Bord?"

„Wollt Ihr Euch besaufen, Master Justin?", lachte der Kapitän spöttisch und streckte ihr die Flasche entgegen. „Das geht hiermit auch."

Doch Elisabeth kümmerte sich gar nicht darum, was er sagte, und wandte sich wieder an den Bootsmann. „Ich brauche ihn, um die Wunde zu reinigen. Außerdem eine Schüssel mit kochendem Wasser und ein paar saubere Tücher und Verbände." Dann setzte sie sich William Hamilton gegenüber, der mit halb geschlossenen Lidern und schmerzverzerrtem Gesicht dasaß. „Und Euch kann ich nur raten, den Rum so schnell es geht auszutrinken. Das wird eine schmerzhafte Angelegenheit!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Eine halbe Stunde später hatte sie die schier unlösbare Aufgabe die Wunde zu versorgen bewerkstelligt und stand mit zitternden Knien auf. „Mehr kann ich nicht tun", krächzte sie heiser und starrte auf ihre blutverschmierten Hände. Dann räusperte sie sich und sah zum Bootsmann auf, der den Platz an ihrer Seite nicht verlassen, und sie mit allem Nötigen versorgt hatte. „Sorgt dafür, dass er sich ausruht und den Arm schont", meinte sie und wusch schnell die Hände in dem übrig gebliebenen, mittlerweile fast kalten Wasser.

„Ich werde dafür sorgen", nickte der Bootsmann und presste die Lippen aufeinander. „Ich habe schon so einige Wunden gesehen, aber niemals… niemals gesehen, dass sie so gut verschlossen wurden." Beinahe ehrfurchtsvoll sah er Elisabeth an. „Und Ihr seid nicht einmal ein Arzt!"

„Was wohl hauptsächlich Glück war", gab sie freimütig zu, doch dann lächelte sie. „Ich denke, wir haben es gut gemacht und er wird es schaffen."

Sie drehte sich zum Kapitän um, der nach wie vor halb auf dem Stuhl hing. Von der ganzen Aufregung hatte er nichts mitbekommen, denn er hatte ihren Rat befolgt und die Flasche mit Rum in Windeseile ausgetrunken. Zu dem ganzen Alkohol kamen noch die Anstrengungen gegen den Sturm zu kämpfen und er war eingeschlafen, noch bevor sie die Nadel aus der Tasche des Doktors auch nur einmal angesetzt hatte.

„Jetzt heißt es Daumen drücken", murmelte sie leise. „Wie Ihr schon sagtet, bin ich kein Fachmann, aber ich hoffe, die Naht hält und er kommt schnell wieder auf die Beine." Sie wandte sich Xander Harris zu, der bereits begonnen hatte, die Kajüte des Kapitäns aufzuräumen und sein Bett zu richten, sodass er den Bewusstlosen gleich umbetten konnte. „Ich gehe nun zurück in meine eigene Kajüte", sagte sie und spürte auf einen Schlag die bleierne Müdigkeit, die ihre Arme und Beine schwer machte und sie schwanken ließ. Doch noch einmal hob sie den Kopf. „Gibt es noch weitere Verletzte?"

„Keine, um die Ihr Euch kümmern müsstet", sagte der Mann und blieb vor ihr stehen. „Es ist kaum etwas passiert, was wir wohl unserem Kapitän zu verdanken haben. Nur ein paar Prellungen, Abschürfungen und einige Männer hat die Seekrankheit fest im Griff, doch das alles bedarf keiner ärztlichen Unterstützung." Er grinste breit, nahm den Koffer des verstorbenen Doktors und drückte ihn ihr in die Hand. „Und das seid Ihr nun für den Rest der Reise." Er nickte ihr zu und lächelte breit. „Ihr habt Euren Platz auf dem Schiff gefunden, Master Justin."

„Danke", stotterte sie, nicht sicher, ob sie sich darüber freuen sollte. Doch dann lächelte sie. „Ich wünsche Euch eine gute und vor allen Dingen ruhige Nacht, Master Harris."

„Das wünsche ich Euch auch", nickte der Bootsmann mit Blick auf seinen Freund. „Ich möchte mich noch einmal bedanken", sagte er plötzlich wieder ganz ernst. „Ohne Euch hätte er es bestimmt nicht überstanden. Ich stehe in Eurer Schuld."

„Nein", erwiderte Elisabeth leise. „Das tut ihr nicht. Ich habe nur getan, was ich tun konnte." Dann seufzte sie und ihre Schultern sackten herab. „Es wird Zeit für mich", sagte sie. „Sonst habt Ihr gleich noch eine … einen Mann zu versorgen."

Der Bootsmann lachte und klopfte ihr herzhaft auf den Rücken. „Schlaft gut, Master Justin, Ihr habt es Euch verdient!"

 

                                                                                         *~*~*

 

Vollkommen erschöpft taumelte Elisabeth den kurzen Weg zurück in ihre eigene Kajüte. Sie konnte selbst kaum fassen, was sie gerade getan hatte, doch da war auch ein unbändiger Stolz, der in ihr aufloderte und sie die Strapazen der vergangenen Stunden vergessen machte.

„Sie haben Ihren Platz auf dem Schiff gefunden", wiederholte sie die Worte des Bootsmanns und sie stellte lächelnd die Doktortasche auf ihren Tisch. Vielleicht hatte sie ihren Platz gefunden, doch solche Wunden wollte sie trotzdem nicht noch öfter versorgen müssen.

Ein schwacher Lichthauch drang durch ihre Fenster und Elisabeth lächelte sanft. Ein neuer Tag begann und der ganze Horror der vergangenen Nacht war überstanden und auch schon fast vergessen. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen, krabbelte ins Bett und zog die Decke bis über die Nase, dann war sie auch schon eingeschlafen.

Teil 8

Die Sonne hatte ihren Zenit längst überschritten, als Elisabeth wieder erwachte. Für einen Moment lag sie wie benommen da, dann erinnerte sie sich wieder an die vergangene Nacht und der Stolz flammte wieder in ihr auf. Gespickt mit guter Hoffnung schlich sie zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Mit Erleichterung sah sie die Sachen, die der junge Seemann, der sie seit dem ersten Tag mit allem Nötigen versorgte, auch diesmal gute Dienste geleistet hatte.

Ein mit frischem Wasser gefüllter Waschkrug stand bereit, ebenso wie ein Tablett mit ihrem verpassten Mittagessen. Rasch holte Elisabeth die Sachen herein, wusch sich in Windeseile und machte sich über ihr Essen her. Zum ersten Mal hatte sie es eilig an Deck zu kommen, denn sie wollte unbedingt wissen, wie es dem Kapitän ging.

Schließlich auf dem Hauptdeck angekommen, bemerkte sie mit Bestürzung, dass sie keiner der Männer, die hauptsächlich mit der Reparatur des Schiffes beschäftigt waren, ignorierte, sondern sie im Gegenteil auffällig musterten und ihr zur Begrüßung zunickten.

Die Angst enttarnt zu werden flammte in ihr auf und sie beeilte sich auf das Achterdeck hinaufzukommen, auf dem der Bootsmann mit einigen der Matrosen sprach und dabei wild gestikulierte. Als er Elisabeth sah, nickte er und deutete ihr an, einen Moment zu warten. „Ich habe gleich Zeit für Euch, Master Justin", sagte er und wandte sich dann wieder den Männern zu, die Meldungen über den Zustand des Schiffes machten und über den Fortschritt der Reparaturen berichteten.

Elisabeth nickte schnell, stellte sich an die Heckreling und blickte hinaus auf das Meer. Noch vor ein paar Tagen hätte es ihr nichts ausgemacht, als das erkannt zu werden, was sie war. Jetzt hatte sie Angst, dass man sie einfach in Portugal vom Schiff werfen würde und das musste sie mit allen Mitteln verhindern. Es war schon schwer genug sich auf einem Schiff mit lauter Männern durchzusetzen, sie wollte nicht auch noch einsam und verlassen in einer vollkommen fremden Umgebung zurückgelassen werden, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gab.

„Wir kommen gut voran", riss der Bootsmann sie aus ihren Gedanken. Er hatte die Aufgabe des Kapitäns übernommen, die Männer mit neuen Aufträgen losgeschickt und sich nun zu ihr gesellt. „Mit viel Glück hat der Sturm uns nicht mehr als einen halben Tag zurückgeworfen und wir werden morgen gegen die Mittagszeit in Cabo de Sao Vincente einlaufen."

„Das ist gut", nickte Elisabeth und die Angst flammte wieder in ihr auf. Wenn es nach ihr ging, dann bräuchte das Schiff nirgendwo vor Anker gehen, jedenfalls nicht, bevor sie England wieder erreicht hatten. Doch dann wischte sie den Gedanken beiseite und sah den Bootsmann direkt an. „Wie geht es dem Kapitän?"

„Erstaunlich gut", grinste der Bootsmann verwegen. „Ich hatte große Mühe, ihn davon abzuhalten, direkt wieder an Deck zu gehen. Sein unbändiger Drang sich um alles selbst zu kümmern, ist ungebrochen und ich musste ihn praktisch dazu zwingen, in seiner Kajüte zu bleiben." Er schüttelte den Kopf und nickte dann. „Allerdings soll ich Euch seinen Dank ausrichten."

Lachend sah Elisabeth wieder hinaus aufs Meer. Sie konnte sich das Gesicht des Kapitäns vorstellen und auch seinen Unglauben darüber, das ausgerechnet sie ihm geholfen hatte. „Er hat nicht geglaubt, dass ich die Wunde versorgt habe, oder?", fragte sie dann. „Nein, er hat es sicherlich nicht geglaubt", gab sie sich auch sogleich selbst die Antwort.

„Stimmt", lachte Master Harris. „Ich musste ihn davon abhalten die Verbände abzureißen, da er es unbedingt mit eigenen Augen sehen wollte." Dann machte er eine Pause und verzog das Gesicht. „William Hamilton ist kein schlechter Kerl", sagte er dann und zuckte mit den Schultern. „Ihr hattet nur nicht das Glück, ihn auf normalem Weg kennenzulernen."

„Mag sein", gab Elisabeth zu. „Keiner von uns hat sich darauf gefreut, einander zu begegnen und ich kann es dem Kapitän nicht verdenken, dass er mir nicht mit blanker Freundlichkeit gegenübergetreten ist." Doch dann wechselte sie schnell das Thema und zeigte herunter auf das Hauptdeck des Seglers. „Ihr habt tatkräftige Männer an Bord, Master Harris. Es sind kaum noch Schäden auszumachen."

„Das ist wohl wahr", nickte der Bootsmann bedächtig. „Sie ackern seit dem Morgengrauen, denn alle wissen, wie viel sie dem Kapitän zu verdanken haben. Nicht jeder Kapitän, schon gar nicht so ein junger Mann wie William Hamilton, gibt sein Letztes, um Schiff und Besatzung zu retten. Sie sind eine solche gute Behandlung nicht unbedingt gewohnt, und das zeigt sich auf der Sundowner. Die Männer arbeiten, ohne dass man sie antreiben muss und auch Streitigkeiten gibt es hier kaum. " Auch er deutete jetzt hinunter auf die Männer, die gerade dabei waren, den zersplitterten Rest des Mastes aus seiner Verankerung zu heben. „Im Moment wird alles getan, damit wir bis zum nächsten Hafen seetüchtig bleiben. Bis Cabo de Sao Vincente sollten wir auch ohne dritten Mast auskommen, dort allerdings werden wir einen neuen fertigen und einbauen lassen. Uns steht die Straße von Gibraltar bevor und auch dort kann es heftige Winde geben. Die Sundowner sollte dann voll einsatzbereit sein."

 

                                                                                            *~*~*

 

Noch eine ganze Weile hatte Elisabeth sich mit dem Bootsmann unterhalten und zum ersten Mal fühlte sie sich einigermaßen willkommen und auch wohl auf dem großen Segler, doch dann hatte sie sich schnell verabschiedet, denn ihr war bewusst, dass sie ihn nur von seiner Arbeit abhielt.

Doch kaum hatte sie das Achterdeck verlassen, flammte auch schon wieder die Langeweile auf und sie seufzte leise. „Also wieder zurück zu den faden Büchern", murmelte sie und verschwand in dem schmalen Gang zu ihrer Kajüte.

 

                                                                                            *~*~*

 

Der Abend dämmerte und als wieder einmal der Bootsmann sie zum Diner beim Kapitän einlud, nahm sie lächelnd an. Sie schnappte sich die Tasche des verstorbenen Doktors, mit deren Inhalt sie sich am Nachmittag eingehend beschäftigt hatte, und machte sich auf den Weg.

Unglaublich viele Gerätschaften, Ampullen und Röhrchen waren darin und sie hatte sich fest vorgenommen, nicht eine einzige davon zu benutzen, denn sie hatte nicht die geringste Ahnung, um was es sich dabei handelte. Doch schon die Tasche selbst gab ihr die Selbstsicherheit zurück, die ihr sonst zu Erb und Eigen war und das allein reichte, um sie mit sich herumzuschleppen.

„Master Justin", begrüßte William Hamilton sie, kaum dass sie die Tür seiner Kajüte zugezogen hatte. Er saß wieder am Tisch, doch er wirkte noch immer blass und erschöpft. Seine sonst so blauen Augen strahlten an diesem Abend weitaus weniger und man merkte ihm an, wie viel Kraft der Sturm und die Wunde ihn gekostet hatte. „Wie gut, dass Ihr da seid. So kann ich mich jedenfalls persönlich bedanken." Er stand auf, reichte ihr die Hand und Elisabeth schüttelte sie nervös.

„Ich habe nur getan, was getan werden musste", murmelte sie und sah sich um. Außer dem Bootsmann war noch Master Oliver anwesend, doch der junge Mann war bei Weitem nicht so gut gelaunt, wie beim ersten Mal, als sie sich getroffen hatten. Sie begrüßten sich kurz und Elisabeth setzte sich auf den Stuhl, den der Bootsmann ihr abzog.

„Mich würde wirklich interessieren", begann der Kapitän, „wo Ihr Euer Können erlernt habt", sagte er zu Elisabeth. „Da ich es leider nicht mit eigenen Augen gesehen habe, musste ich mich auf die Worte meines guten Freundes verlassen und er hat Euch in den höchsten Tönen gelobt."

„Meine Kam… meine Cousine hat eine Kammerzofe, die in der Verarztung von Wunden sehr bewandert ist", sagte sie und schluckte schwer. Beinahe hätte sie sich verraten. „Ich hatte das große Glück, ihr hin und wieder zusehen zu dürfen." Sie nickte und verbarg ihre Verängstigung hinter einem Grinsen. „Aber lobt meine Tat nicht zu sehr, nicht, bevor sich gezeigt hat, dass ich wirklich gute Arbeit geleistet habe."

 

Die Gespräche bei Tisch drehten sich schnell nur um das Eintreffen in Cabo de Sao Vincente und Elisabeth entspannte sich langsam. Es war nicht so unangenehm und derb, wie sie es unter Männern erwartet hatte und außerdem erfuhr sie, dass Master Oliver dort von Bord gehen würde, um sich einer Delegation Botschafter anzuschließen, die in die Kolonien in Übersee reisen würde. Wie sie selbst war er wenig begeistert darüber, eine so lange Seereise machen zu müssen und sie konnte ihn gut verstehen.

Doch dann verabschiedeten sich sowohl der Bootsmann als auch Master Oliver und Elisabeth blieb allein mit dem Kapitän zurück, der müde und wortkarg auf seinem Stuhl saß.

„Ich werde noch schnell Euren Verband wechseln", sagte sie hastig, denn sie fühlte sich in seiner Gegenwart noch immer unwohl. Ganz davon abgesehen, dass ihr Onkel ihr kräftig den Kopf waschen würde, wenn er wüsste, dass sie Zeit mit einem Mann verbrachte, der nur ein paar Jahre älter war als sie selbst und zudem noch ein sehr einnehmendes Wesen hatte. Sie sah ihn an, blickte in sein markantes, jetzt müdes Gesicht, seine trüben Augen und verzog das Gesicht. „Ich kann das auch morgen erledigen, Sir", sagte sie schnell, denn irgendetwas in ihrem Innern, mahnte sie so rasch wie möglich zu verschwinden.

„Nein, nein", erwiderte er und schüttelte den Kopf. „Ich würde mich gerne persönlich von Eurer Arbeit überzeugen", meinte er und zog sich mit seinem gesunden Arm das Hemd über den Kopf.

Elisabeth schluckte und holte tief Luft. Nie zuvor hatte sie einen Mann so gesehen und es fiel ihr schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Ich… also, ich werde dann mal…", stotterte sie und kramte in der Tasche des Doktors. Dann nahm sie allen Mut zusammen, löste die Verbände und holte rasch den Krug mit Trinkwasser, um die letzten Blutspuren auf dem Oberarm des Kapitäns zu entfernen.

William Hamilton pfiff durch die Zähne, als er die Wunde und die Naht sah. „Verdammt, Master Justin, das war wirklich hervorragende Arbeit." Er drehte den Arm weiter herum um besser sehen zu können und bekam so nicht mit, dass Elisabeth zusammenzuckte und ein wenig rot wurde.

„Die Wunde sieht gut aus", sagte sie schnell. „Sie wird sicherlich gut verheilen."

„Das nehme ich stark an", nickte der Kapitän und streckte ihr dann den Arm entgegen. „Geht Ihr morgen mit an Land? Cabo de Sao Vincente ist eine interessante kleine Hafenstadt und dürfte Euch sicherlich interessieren."

„Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht", meinte Elisabeth nicht ganz wahrheitsgemäß. Dann lachte sie auf. „Ich war mir nicht einmal sicher, ob wir dort überhaupt ankommen." Sie legte neue Verbände bereit, trocknete den Arm und umwickelte ihn dann schnell.

„Ihr hattet nicht gerade viel Vertrauen in mein Können", lächelte William Hamilton und zuckte dann mit den Schultern. „Ich kann es Euch nicht verdenken. Immerhin hatte ich genauso wenig in das Eurige."

„Wir hatten keinen guten Start", nickte sie, „was wohl daran lag, dass weder Ihr noch ich wolltet, dass ich an Bord komme. Und ich kann es Euch nicht verübeln, ich habe mich furchtbar aufgeführt." Den wahren Grund dafür konnte sie ihm wohl kaum verraten, doch sie mussten sich wohl oder übel arrangieren, wenn sie noch eine lange Zeit gemeinsam auf dem Schiff verbringen wollten. Und Elisabeth hielt es für das Beste, wenn sie einen Schritt in die richtige Richtung machte.

Er nickte bedächtig, zog sein Hemd wieder über und stand auf. „Lasst uns die Vergangenheit hinter uns lassen", meinte er und reichte ihr wieder die Hand. „Wir schließen Frieden", meinte er und lächelte schräg.

„Einverstanden", nickte Elisabeth und schüttelte ein zweites Mal an diesem Abend seine Hand. „Aber ich werde jetzt gehen. Ihr braucht Ruhe, vor allem, wenn Ihr morgen von Bord gehen müsst, um Verhandlungen mit den Händlern zu führen."

Kapitän Hamilton brachte sie bis zur Tür und wandte sich dann noch einmal an sie. „Ich würde Euch wirklich dazu raten, mit an Land zu gehen. Portugal ist ein herrliches Land und Cabo de Sao Vincente eine bunte laute Hafenstadt, die jedoch nicht zu groß ist und wo man noch viel von der Ursprünglichkeit des Landes sehen kann."

„Ihr wart schon da?", erkundigte sie sich.

„Zwei- oder dreimal", nickte er. „Es gibt viel zu sehen und nicht weit von der Küste entfernt gibt es sogar einen kleinen See, der durch einen Vulkansausbruch entstanden sein soll. Sein Ufer ist von rauen Steinen eingefasst und die Einheimischen meiden ihn, weil dort böse Geister hausen sollen." Er lachte und schüttelte den Kopf über soviel Aberglauben. „Ich selbst bin schon darin geschwommen und kann versichern, dass ich keinem Geist begegnet bin."

„Ich glaube auch nicht an Geister", meinte Elisabeth und nickte ihm zu. „Ich werde es mir überlegen", sagte sie dann, nickte ein weiteres Mal und verabschiedete sich schnell von ihm.

Teil 9

Der Hafen von Cabo de Sao Vincente war bedeutend kleiner, als Elisabeth gedacht hatte, doch da sie nur Brighton und Plymouth zum Gegenstück hatte, war dieser Vergleich vielleicht auch ungerecht. Außer der Sundowner lag jedoch kein weiteres großes Schiff vor Anker, sondern nur ein paar Fischerboote, die in der seichten See auf und ab dümpelten.

Voller Vorfreude stand Elisabeth an Deck und wurde mit jeder verstreichenden Minute unruhiger und ungeduldiger. Erst hatte sie überlegt, sich mehr oder weniger unter Deck zu verstecken, doch jetzt konnte sie es kaum erwarten, endlich wieder auf festem Boden zu stehen und sie trommelte nervös mit den Fingern auf dem harten Holz der Reling.

Schon von weitem war die kleine portugiesische Hafenstadt eine Augenweide und sie brannte darauf, durch die schmalen Gassen und Straßen zu laufen und jeden Winkel zu erforschen. Im Gegensatz zu den eher tristen Farben ihrer Heimatstadt, war Cabo de Sao Vincente farbenfroh und auch laut. Bunte Markisen an den Geschäften sorgten für Schatten und sogar die einzelnen, seltsam aussehenden Häuschen waren in grellen Farben gestrichen und leuchteten im strahlenden Sonnenlicht um die Wette.

Elisabeth sah hinauf zum Achterdeck, wo der Kapitän in gewohnt lässiger Haltung stand, wie fast immer von einer Traube Männern umringt, die alle wild durcheinander sprachen. Hin und wieder konnte sie einzelne Worte und Gesprächsfetzen auffangen, die vom Wind zu ihr herüber getragen wurden und somit wusste sie, dass es hauptsächlich um den neu zu errichtenden Mast ging, aber auch die Menge des Proviants, der noch zusätzlich an Bord genommen werden sollte.

Erst heute, am frühen Morgen, hatte sie darüber mit dem Bootsmann gesprochen, denn sie konnte sich kaum vorstellen, dass ein Schiff, das so groß war wie die Sundowner, nicht genügend Proviant mit sich führen konnte, um eine Reise bis nach Venedig zu überstehen.

„Es fahren doch auch Schiffe bis in die Kolonien der neuen Welt", hatte sie gemeint und ihn aufmerksam angesehen. „Die nehmen doch zwischendurch auch keine neuen Lebensmittel auf."

„Das ist allerdings richtig", hatte er ihr zugestimmt. „Aber Ihr könnt Euch kaum vorstellen, wie verhungert und ausgemergelt die meisten Seeleute dort ankommen. Es ist auch keine Seltenheit, dass viele Männer es nicht einmal bis dorthin schaffen, da sie entweder vom Skorbut, vom Hunger oder vom Durst dahingerafft werden." Er hatte sie angesehen und mit den Schultern gezuckt, als sie das Gesicht verzogen hatte. „Kapitän Hamilton hält nicht viel davon, die Männer, die wirklich schwere Arbeit leisten, mit Schiffszwieback und getrocknetem Fisch zu verköstigen und das ist einer der Gründe, warum sich die Männer darum schlagen, unter seinem Kommando fahren zu dürfen. Sie wissen, sie bekommen genug zu essen und werden auch ausreichend belohnt, wenn sie gut arbeiten."

„Ich hatte nie vorher überlegt, wie entbehrungsreich eine solche Fahrt sein kann", sagte Elisabeth und dachte über das Gehörte nach. „Es muss schlimm sein, wenn die Männer hungern müssen."

„Leider kann man Lebensmittel nur beschränkt haltbar machen und je mehr es von dem salzigen Fleisch oder Fisch gibt, desto mehr Frischwasser muss an Bord sein", meinte der Bootsmann. „Und eine Überfahrt nach Amerika kann bei schlechten Wetterverhältnissen gut und gerne drei Monate oder mehr dauern, je nachdem, welchen Hafen man ansteuert. Irgendwann ist auch der teuerste Schiffszwieback von Maden durchsetzt und vom Wasservorrat brauchen wir gar nicht reden. Es hat sich bis dahin in eine stinkende Brühe verwandelt, in der es von Viechern nur so wimmelt."

Wieder hatte Elisabeth das Gesicht verzogen und sich geschüttelt. Dann hatte sie sich wieder an den dunkelhaarigen Mann gewendet, der immer für ihre Fragen Zeit hatte. „Habt Ihr selbst je eine solche Reise unternommen?", hatte sie sich erkundigt und der Bootsmann hatte den Kopf geschüttelt und gelacht.

„Gott bewahre, nein", hatte er gesagt und wieder gelacht. „Und da dies meine letzte Fahrt ist, wird es auch kaum dazu kommen."

Doch, noch bevor Elisabeth weiter hatte nachhaken können, hatte er sich mit der Entschuldigung verabschiedet, sich um die Männer kümmern zu müssen. Dabei hätte sie zu gern gewusst, ob er und der Kapitän Freunde waren und sie sich deshalb gemeinsam dazu entschlossen hatten, nach dieser Reise wieder ein normales Landleben zu führen. Doch noch mehr interessierte sie, was sie nach ihrem Leben als Seefahrer geplant hatten.

„Es ist soweit", sagte der Kapitän, der plötzlich neben ihr stand.

Elisabeth sah auf und lächelte. „Ich kann es kaum erwarten", gestand sie und sah zu, wie der schmale Steg zwischen dem Schiff und dem Anleger festgezurrt wurde, auf dem sie schon auf den Segler gekommen war.

„Wollt Ihr mich begleiten?", fragte William Hamilton und Elisabeth sah überrascht zu ihm auf. „Wenn ich Euch nicht im Weg bin, dann sehr gerne."

 

                                                                                          *~*~*

 

So kam es, dass sie fast drei Stunden später ein lautstarkes und sehr aufgeregtes Feilschgeschäft mit anhörte und erstaunt darüber die Augen aufriss. Die Sprache selbst erinnerte sehr an Spanisch und wie sie bemerkte, beherrschte der Kapitän sie perfekt. Da sie selbst nicht sonderlich gut darin war, hielt sie sich lieber im Hintergrund und sah fassungslos mit an, wie die beiden Männer aufeinander losgingen und sich zankten wie die Kesselflicker.

Bisher hatten sie schon frischen und getrockneten Fisch bestellt, ebenso wie frisches Fleisch und eine Unmenge von Brot. Doch bei keiner der Verhandlungen war es so heiß hergegangen wie hier beim Obsthändler. Der dunkeläugige Verkäufer übertraf alles, was sie bisher gesehen und gehört hatte und so zog sie sich noch ein kleines Stück weiter zurück.

Sie sah sich lieber in dem Meer aus Früchten um, das in Hülle und Fülle um sie herum war und sie mit seinem süßlichen Duft umschloss. Viele der verschiedenen Obstsorten hatte sie nie zuvor gesehen und sowohl der Kapitän als auch der Händler selbst hatten anfänglich versucht, ihr die Sorten näher zu bringen, jedenfalls bevor sie sich wie die Wilden aufeinander gestürzt hatten. Elisabeth hatten es besonders die riesigen Melonen angetan, aber auch die dicken prallen gelben Pflaumen, die ein köstliches Aroma versprühten. Doch es gab auch Orangen, Zitronen, Aprikosen und allerlei Gemüsesorten, an deren Auswahl sie sich kaum sattsehen konnte.

Dann bemerkte sie die plötzliche Stille und wandte sch zu den beiden Männern um, die wie Kampfhähne aufeinander eingehackt hatten und sich jetzt zufrieden die Hände schüttelten. ‚Männer!’, dachte Elisabeth und schüttelte den Kopf. ‚Und dabei ging es nur um den Preis. Selbst Kriegsverhandlungen werden ruhiger geführt.’

William Hamilton lächelte, als er sich umdrehte und ihr eine Aprikose zuwarf. „Dieser kleine Halsabschneider", sagte er und schüttelte den Kopf. „Es wundert mich doch immer wieder, dass sie sich nicht längst daran gewöhnt haben, dass auch Engländer verhandeln können und nicht jeden überteuerten Preis bezahlen."

„Sie versuchen den besten Preis herauszuhandeln. Sehr verständlich", meinte sie und teilte die Frucht mit den Daumen und entfernte den Stein. Ein zweites Mal würde sie nicht darauf hereinfallen und einfach hinein beißen.

„Deswegen lasse ich mir aber noch lange nicht das letzte Hemd ausziehen", brummte der Kapitän und trat hinaus auf den sonnenüberfluteten Marktplatz. Dort angekommen blieb er stehen und wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte. „Unsere Besorgungen haben sich somit erledigt", meinte er dann. „Master Harris war so nett, mir den Hafenmeister abzunehmen, der ein griesgrämiger, geldgieriger alter Kauz ist und er wird sich außerdem um das Frischwasser kümmern. Der Schiffszimmermann sorgt derweil für den neuen Mast… bleibt also nur die Frage, ob Ihr zurück auf die Sundowner wollt oder ob Ihr Euch noch ein wenig in der Stadt umsehen wollt."

„Was macht Ihr für gewöhnlich?", erwiderte Elisabeth mit einer Gegenfrage und sprach schnell weiter, als der Kapitän sie verständnislos ansah. „Mich würde interessieren, was Ihr für gewöhnlich unternehmt, wenn Ihr die Chance habt, nach langer Zeit wieder an Land zu gehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihr einfach Eure Bestellungen aufgebt und danach an Bord ausharrt."

„Nein, gewiss nicht", grinste er plötzlich spitzbübisch und schüttelte den Kopf. „Master Justin, Ihr lebt zu zurückgezogen in Eurer kleinen Welt!" Er wartete, doch da sein Gegenüber scheinbar nichts einwenden wollte, sprach er weiter. „Was machen Matrosen, wenn sie nach Wochen auf See endlich festen Boden unter den Füßen haben? Sie besaufen sich, vergnügen sich mit willigen Frauen und haben einfach nur Spaß!"

„Verstehe", murmelte Elisabeth und spürte die Hitze in ihren Wangen aufsteigen. Es war wirklich und wahrhaftig eine dämliche Frage, die sie da gestellt hatte und sie wandte sich schnell ab, damit er ihre Verunsicherung nicht bemerkte.

„Ihr seid noch so jung", lachte William Hamilton und klopfte ihr herzhaft auf die Schulter. „Nun gut, wir wollen Eure Tugend nicht überstrapazieren und deswegen schlage ich vor, in ein kleines Restaurant am Hafen zu gehen, wo ein köstlich gegrillter Fisch serviert wird."

„Ihr müsst Euch nicht mit mir abgeben", brach es aus ihr heraus und sie verzog das Gesicht. „Ihr habt sicherlich Besseres zu tun, als mein Kindermädchen zu spielen. Ich kann durchaus alleine den Weg zurück zur Sundowner finden. So groß ist die Stadt nicht und ich…"


Elisabeth war die ganze Angelegenheit furchtbar peinlich. Sie hätte selbst darauf kommen können, denn immerhin befand sie sich seit Wochen auf einem Schiff voller Männer und sie hatte die vielen Andeutungen über Frauen natürlich gehört. Nur mühsam behielt sie ihre Ruhe bei und schaffte es sogar, dem Kapitän in die Augen zu sehen, doch darin erkannte sie nur Belustigung.

„Ihr seid ein seltsamer Mensch, Master Justin", lachte William Hamilton. „Aber Ihr dürft mir glauben, dass ich mich keinesfalls von Euch aufhalten lassen würde, wenn ich denn irgendetwas geplant hätte." Dann sah er sie an. „Also, gehen wir jetzt was essen? Ich habe einen Bärenhunger!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Fast zwei Wochen lagen sie nun schon vor Cabo de Sao Vincente vor Anker und jeden Tag wurden neue Vorräte an Bord gebracht. Auch der neue Mast war angeliefert und bereits befestigt worden, es fehlte nur noch die Takelage und Elisabeth wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie wieder in See stachen.

Unzählige Male war sie mittlerweile in der kleinen malerischen Hafenstadt gewesen, zum Teil mit und zum Teil auch ohne Begleitung, aber noch immer brannte ihr die Neugierde unter den Fingernägeln. Zu gern hätte sie den verwunschenen See gesehen, von dem der Kapitän ihr so farbenfroh berichtet hatte. Doch da die Arbeiten an jedem Tag hektischer wurden, traute sie sich nicht, jemanden zu bitten, sie dorthin zu begleiten. Und eigentlich kannte sie den Weg. Schon am Tag ihrer Ankunft hatte William Hamilton ihr den schmalen Pfad gezeigt, der in die Hügel hinaufführte.

Kurz entschlossen verließ sie das Schiff, eilte den Anlegesteg herab und lief durch die kleine Hafenstadt, die im heißen Sonnenschein des Nachmittags friedlich vor sich hin schlief. Der kleine Weg im hintersten Winkel von Cabo de Sao Vincente war schnell gefunden und mit einem verwegenen Lächeln auf dem Gesicht flitzte sie ,so schnell es ging, hinauf.

Der See selbst war genauso atemberaubend, wie sie ihn sich vorgestellt hatte und sie hob ein paar der kleinen, merkwürdig leichten braungrauen Steinchen auf, die das Ufer säumten, und warf sie in das klare, tiefblaue Wasser.

„Ob ich es wagen soll?", überlegte Elisabeth und kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Schon immer war sie gerne schwimmen gegangen, doch ob wirklich niemand hier herauf kam, wie der Kapitän es erzählt hatte, wusste sie nicht. Eine Weile lief sie am Ufer auf und ab, doch noch immer war weit und breit kein Mensch zu sehen und so zog sie rasch ihre Männerkleidung aus und huschte ins kühle Nass.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Wo ist Master Justin?", erkundigte sich derweil der Kapitän. „Ich habe ihn eben noch an Deck stehen sehen."

„Er hat irgendwas von einem See gemurmelt und ist verschwunden, Sir", gab einer der Matrosen bereitwillig Antwort. „Erst vor ein paar Minuten ist er davongelaufen."

„Dieser kleine Teufel ist mutiger, als ich dachte", lachte William Hamilton und gab seinem Bootsmann einen freundschaftlichen Klaps auf den Oberarm. „Vielleicht gelingt es uns tatsächlich, einen Mann aus ihm zu machen."

„Ich habe da so meine Zweifel", lachte Xander Harris, doch dann wurde seine Miene wieder ernst. Er wusste, warum der Kapitän gefragt hatte, denn der Wind stand günstig und da außerdem die Flut bald einsetzen würde, wollte er die Gunst der Stunde nutzen und noch am gleichen Abend auslaufen. „Soll ich ihn suchen?"

„Nein, das mache ich selbst. Ich brauche nicht suchen, ich weiß, wo er steckt."

 

                                                                                              *~*~*

 

Kaum zwanzig Minuten später erklomm William Hamilton den kleinen Hügel, hinter dem der See verborgen lag und er grinste, als er Master Justins Kopf aus den Fluten auftauchen sah.

Am liebsten wäre er selbst gerne in die kühlen Fluten gestiegen, doch die Wunde an seinem Arm hielt ihn zurück. Bisher war sie wunderbar verheilt und das wollte er nicht aufs Spiel setzen, vor allem, da noch immer die Fäden in seinem Fleisch steckten, die der junge Mann im Wasser so vortrefflich verknotet hatte.

Für einen Moment überlegte er, ob er sich durch Rufen bemerkbar machen sollte, doch möglicherweise würde er Master Justin damit verschrecken und so setzte er sich einfach in einiger Entfernung auf den steinigen Untergrund. Lange warten brauchte er auch nicht, da der junge Mann offenbar genug vom Schwimmen hatte und zum Ufer zurückkehrte. Langsam und Schritt für Schritt kam er aus den Fluten und William Hamilton blieb der Mund offen stehen. Er brauchte einen Moment, um das Gesehene zu verarbeiten, dann sprang er mit grimmigem Gesicht auf. „Es gibt wohl einiges, was Ihr mir zu erklären habt, MASTER JUSTIN", schnaubte er, dann drehte er sich auf dem Absatz herum und rauschte davon.

Teil 10

Elisabeth wusste gar nicht, wie ihr geschah, so schnell prasselten die Eindrücke auf sie ein und vollkommen verwirrt riss sie ihre Sachen an sich und zog sich in Windeseile an. Scham empfand sie keine und das, obwohl sie wusste, dass der Kapitän der Sundowner sie gerade so gesehen hatte, wie Gott sie geschaffen hatte. Sie war entsetzt, maßlos entsetzt darüber, dass ihr Versteckspiel aufgeflogen war und in ihr kroch die Angst hoch, dass er schnurstracks zum Hafen geeilt war und das Schiff ablegte, noch bevor sie ihm eine Erklärung geben konnte.

Und doch schaffte sie es nicht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, oder gar einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mit starrem Blick sah sie auf den schmalen Fußweg, den er wutentbrannt hinabgestürzt war und hielt nur mit Mühe die Tränen zurück, die sich mit Gewalt in ihre Augen drängten. War nun doch das eingetreten, wovor sie soviel Angst gehabt hatte? Mutterseelenallein in einem fremden Land gestrandet zu sein, ohne einen Funken Hoffnung?

 

                                                                                               *~*~*

 

William Hamilton war wütend, so wütend, wie er nie zuvor in seinem Leben gewesen war. Was bildete sich dieses verfluchte Frauenzimmer eigentlich ein und wie konnte sie es wagen, ihn so hinters Licht zu führen? Aufgebracht stapfte er den schmalen Weg hinunter in die Stadt, doch kaum war er unten angekommen, drehte er sich um und lief den Weg zurück. Er würde nicht weglaufen und ihr so die Chance geben, sich ein weinerliches Märchen auszudenken. Oh nein! Sie würde ihm jetzt auf der Stelle Rede und Antwort stehen müssen!

„Was zum Teufel habt Ihr Euch dabei gedacht?", schnaufte er außer Atem, kaum dass er am See angekommen war.

Elisabeth schreckte aus ihrer Starre hoch und schluckte schwer, als sie die Wut in seinen Augen erkannte. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und eine ungewisse Angst durchströmte sie. „Es ist nicht… nicht so, wie… wie Ihr denkt", stotterte sie und ging sicherheitshalber ein paar Schritte zurück. „Ich hatte nie vor… wollte nie, dass …"

„Was hattet Ihr nicht vor?", schnaubte er und ging drohend weiter auf sie zu. Er hatte sich fest vorgenommen, nicht auf Gejammer oder gar Geheule einzugehen. Tränen würden ihn höchstens noch wütender machen und genau das schien sie zu spüren, denn außer einem heftigen Schlucken war ihr nichts anzumerken. „Erklärt mir auf der Stelle, was diese verdammte Scharade zu bedeuten hat!"

Elisabeth schluckte wieder, dann sah sie zu Boden und nickte. Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, dann fing sie ganz leise an zu erzählen und William Hamilton musste noch näher an sie herantreten, um überhaupt ein Wort zu verstehen. Sie berichtete, dass sie niemals vorgehabt hatte, ein solches Versteckspiel zu veranstalten und erzählte dann leise davon, dass sie sich nur aus Sorge um ihren Cousin überhaupt dazu bereit erklärt hatte.

„Ich habe das wirklich nicht gewollt", murmelte sie leise und sah in seine kalten Augen. „Wir, das heißt Justin und ich, waren fest davon überzeugt, dass die Sundowner noch am gleichen Abend in Plymouth vor Anker gehen würde und dort wollte ich mich zu erkennen geben und das Schiff wieder verlassen." Sie seufzte und ihre Schultern sackten herab. „Aber dann ging alles schief. Von Plymouth war keine Rede mehr und, als ich dann auch noch hörte, dass Ihr keinesfalls zurück in den Hafen von Brighton segeln würdet…"

Einen Moment herrschte Ruhe, dann brach Kapitän Hamilton in schallendes Gelächter aus, das nicht unbedingt Humor ausdrückte, sondern eher Fassungslosigkeit. „Herrgott im Himmel! Glaubt Ihr denn an jeden verdammten Aberglauben?", fragte er und schüttelte böse den Kopf. Dann wurde er wieder ernst. „Wenn ich gewusst hätte, wen zum Teufel ich da an Bord hatte, dann hätten mich keine zehn Pferde halten können und ich wäre sofort umgedreht."

„Es tut mir leid", seufzte Elisabeth und drehte sich so, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. „Ich hatte einfach Angst und wusste nicht, was ich tun sollte." Sie konnte kaum fassen, was sie da gerade hörte. Warum hatte sie sich ihm nicht anvertraut? Dann wäre sie längst wieder Zuhause und die ganze Geschichte hätte ein Ende gefunden. Aber so wie die Lage an dem Tag gewesen war, hätte sie nie den Mut gefunden, auch nur ein einziges Wort zu ihm zu sagen.

William Hamilton war noch immer wütend, doch merkte er, dass die junge Frau tatsächlich betrübt darüber war, was geschehen war und so war es an ihm zu seufzen. „Verdammt, wovor hattet Ihr Angst? Habt Ihr geglaubt, ich würde Euch über Bord werfen oder Euch auf einer einsamen Insel aussetzen?"

„So ähnlich", gestand sie leise. „Ich war noch nie so weit von Zuhause fort", sagte sie dann. „Ich habe leider schnell gemerkt, wie hilflos ich ohne meine Familie oder zumindest ohne eine vertraute Person bin."

„Und was hattet Ihr geplant? Wolltet Ihr Euer Versteckspiel weiterführen, bis wir wieder nach Hause gesegelt wären? Hattet Ihr überhaupt vor, mich jemals ins Vertrauen zu ziehen?"

„Nein", sagte sie, blickte ihm ins Gesicht und schüttelte den Kopf. „Ich hätte nichts gesagt und mich weitestgehend in meiner Kajüte verborgen. Ich wollte Euch nie in Schwierigkeiten bringen, denn an meiner Misere bin alleine ich schuld. Ich ganz alleine, aber ganz gewiss nicht Ihr."

„Verstehe", seufzte William und blickte hinauf in den Himmel, an dem sich erste Vorboten des nahenden Abends abzeichneten. „Und was machen wir jetzt? Zurück nach England kann ich Euch nicht bringen, das ist Euch klar, oder?"

Noch immer war er sich nicht ganz schlüssig, was er von der Geschichte halten sollte, doch irgendwo in seinem Kopf meldete sich eine leise Stimme, die ein wenig Bewunderung für diese junge Frau verkündete. Nur wenige Ladies hätten überhaupt den Mut gehabt, sich auf ein solches Spiel einzulassen und er rechnete ihr außerdem hoch an, dass sie ihn und auch die gesamte Mannschaft der Sundowner nicht mit in die Scharade hereingezogen hatte.

„Das weiß ich natürlich", sagte Elisabeth und alle Kraft schien sie verlassen zu haben. „Ich wäre schon glücklich, wenn Ihr mich überhaupt wieder auf das Schiff lassen würdet." Sie hatte das angesprochen, wovor sie am meisten Angst hatte. Wie würde er reagieren? Würde er jetzt laut loslachen und sie einfach stehen lassen? Oder würde er sie an Deck zerren und vor jedem Mann auf der Sundowner lächerlich machen und sie dann achtkantig von Bord jagen?

„Ihr glaubt immer noch, ich würde Euch hier zurücklassen", stellte er entsetzt fest. „Ihr müsst mich wahrlich für ein Monster halten!" Seine Wut kehrte zurück und er funkelte sie finster an. „Was habe ich getan, um Euch zu einer solchen Meinung zu bringen?"

„Nichts, gar nichts", beeilte sie sich zu sagen. „Ich dachte eher an meine …" Sie drehte sich laut seufzend so, dass sie ihm gegenüber stand und sah ihm scheu in die Augen. „Ich war alles andere als glücklich, als ich auf das Schiff kam und wie Ihr Euch erinnert, habt auch Ihr mir keinen guten Willen entgegengebracht", sie stoppte ihn schnell, als er etwas erwidern wollte. „Ich wollte Euch damit nicht angreifen, sondern nur begreiflich machen, wie es mir erging." Sie schluckte heftig und nickte dann. „Ich habe schnell gemerkt, wir sehr Eure Männer Euch schätzen und ich habe noch schneller begriffen, dass sie jeden Grund dazu haben." Sie blickte wieder auf den Boden. „Es ging eher um den Betrug, den ich mir geleistet habe…"

Über ihre Offenheit verwundert, fühlte er, wie ihm der Wind aus den Segeln genommen wurde und er setzte sich auf den steinigen Boden und blickte eine lange Zeit einfach über den See, der im rotgoldenen Licht der untergehenden Sonne wie pures Gold glitzerte. Dann blickte er sich um, sah, dass sie es ihm gleichgetan hatte und nun etwas abseits von ihm saß und mit trübem Blick ebenfalls auf den See hinaussah. „Wir werden noch heute Abend in See stechen", sagte er leise und blickte wieder hinauf in den Himmel. „Man wartet schon auf uns und wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Ansonsten schickt uns Master Harris einen Suchtrupp hinterher."

„Einverstanden", seufzte Elisabeth und stand auf.

„Aber", sagte er und erhob sich ebenfalls, „ich stelle so einige Bedingungen." Er wartete auf eine Gegenwehr, doch da sie scheinbar keine Einwände hatte, sprach er schnell weiter. „Ich werde Master Harris erzählen, wer und was Ihr wirklich seid", meinte er und sah ihr in die Augen. „Er wird Euer Geheimnis bewahren, genau wie ich es werde… von Euch erwarte ich jedoch, dass Ihr Euer Spiel vor dem Rest der Mannschaft weiter spielt und des Weiteren erwarte ich, dass Ihr Euch größtenteils von den Männern fernhaltet. Ich kann Unruhe auf dem Schiff nicht gebrauchen und das würde unweigerlich auftreten, wenn man Euch als Frau erkennt."

Elisabeth nickte nur stumm und lief dann hinter ihm her, da er es offenbar nicht für nötig erachtete, auf sie zu warten. Doch das war ihr recht. Ihr war alles recht, wenn das nur bedeutete, dass sie zurück auf die Sundowner und somit auch irgendwann zurück nach England kehren durfte.

 

                                                                                           *~*~*

 

Drei Tage waren seit ihrer Enttarnung nun vergangen und Elisabeth versteckte sich in ihrer Kajüte, um keinen weiteren Groll gegen sich zu entfachen. Seitdem sie das Schiff betreten hatte, hatte sie kein weiteres Wort mit dem Kapitän gesprochen und auch der Bootsmann hatte sich rar gemacht. Ihr blieben wieder nur die kleine Nische vor ihrer Kajüte und die langweiligen Bücher von Tante Margret. Doch im Grunde störte es sie nicht wirklich, auch wenn ihr so manches Mal die Decke auf den Kopf fiel. Sie war noch immer glücklich darüber, dass sie überhaupt wieder an Bord der Sundowner war und sie würde den Teufel tun, den Kapitän noch einmal in Rage zu bringen.

Doch dann klopfte es an der Tür und der Bootsmann steckte seine Nase herein. „Guten Tag, Mi… Master Justin", sagte er seltsam ernst. „Ich überbringe Euch die Bitte des Kapitäns, heute Abend mit ihm zu speisen."

„Er will… will, dass ich…?", fragte sie fassungslos.

„Die Wunde an seinem Arm ist verheilt und er möchte, dass Ihr die Fäden entfernt."

„Ach so", nickte Elisabeth. „Selbstverständlich. Richtet Ihm bitte aus, ich werde mich heute Abend in seiner Kabine einfinden."

Master Harris nickte und war dabei, die Kajütentür zu schließen, als Elisabeth ihn aufhielt. „Ihr seid mir auch böse", sagte sie leise und seufzte.

„Was nicht weiter verwunderlich ist", sagte er mit finsterem Blick. „Ein solcher Betrug ist kein Pappenstiel, auch wenn es Euch vielleicht so vorkommt." Beinahe trotzig reckte er das Kinn. „William Hamilton ist seit Kindertagen mein Freund und ich weiß sicher, das er so etwas nicht verdient hat. Er ist einer der besten, ehrenhaftesten Männer, die ich kenne und …"

„Ich habe es nicht getan, um Master Hamilton in Schwierigkeiten zu bringen", unterbrach Elisabeth finster. „Gewiss nicht. Ich kannte ihn nicht einmal. Mein so genannter Betrug ist der Sorge um meinen Cousin entsprungen und nicht…" Doch dann schüttelte sie seufzend den Kopf. „Es ist gut. Ich habe es nicht anders verdient." Sie seufzte wieder und setzte sich aufs Bett. „Ich danke Euch für die Botschaft, Master Harris. Und ebenso danke ich Euch für die Freundlichkeit, die Ihr mir entgegengebracht habt, bevor… bevor mein so schandhaftes Verbrechen entlarvt wurde. Ihr wart mir eine große Stütze und ich werde es Euch nie vergessen."

Jetzt war es an dem Bootsmann bestürzt dreinzublicken. Vom Kapitän hatte er schon gehört, dass die junge Frau frei von der Leber weg sprach, doch geglaubt hatte er es nicht. Er sah sich um, sah, dass ihn niemand beobachtete und öffnete die Tür, um ganz in die Kajüte einzutreten. „William hat mir gesagt, dass es keine böse Absicht war", sagte er grimmig und lehnte sich gegen die Holzwand. „Bisher habe ich das nicht geglaubt, aber jetzt stimme ich ihm zu. Vielleicht hattet Ihr nicht vor, ihn zu hintergehen, aber ich traue mich trotzdem zu sagen, dass er sich getäuscht und ausgenutzt vorkommt. Und wie ich eben schon erwähnte, hat er das nicht verdient. Er ist ein guter Mann und ein guter Mensch und ein solches Verhalten ist weit unter seiner Würde."

Elisabeth sah auf und nickte. „Ich weiß", murmelte sie leise. „Ich kenne ihn nicht so gut, wie Ihr das tut, Master Alexander, aber auch ich habe gemerkt, dass ich mich in ihm getäuscht habe. Ich gebe Euch Recht. Er ist ein guter Mann und ein guter Mensch und ich werde mich heute Abend noch einmal bei ihm entschuldigen." Sie schluckte schwer und sah dem Bootsmann in die Augen. „Es lag nie in meiner Absicht, irgendwen zu hintergehen oder in eine Angelegenheit zu verstricken, in die er nicht hineingehört. Könnt Ihr mir das glauben?"

„Das glaube ich Euch durchaus", nickte der Bootsmann. „Doch das ändert kaum etwas an der Situation", schnaubte er, keineswegs besänftigt. „Sollte jemals herauskommen, dass er eine junge, noch unverheiratete Frau durch halb Europa geschleppt hat, dann ist sein Ruf für immer ruiniert. Habt Ihr auch nur einen einzigen Moment daran gedacht, was es für ihn bedeutet? Habt Ihr je überlegt, was Euer Onkel mit ihm macht, wenn wir wieder in Brighton einlaufen?" Er sah in ihr verwirrtes Gesicht und schüttelte den Kopf. „Nein, das habt Ihr wohl nicht", knurrte er und verließ wütend die Kajüte.

Teil 11

Die Zeit schlich dahin, es dämmerte langsam, doch Elisabeth hatte ihren Platz auf dem Bett noch immer nicht verlassen. Stur blickte sie geradeaus, den Kopf angefüllt mit bitteren Gedanken. Bisher hatte sie nur mit ihrem eigenen Schicksal gehadert, was es für den Kapitän bedeuten konnte, wenn ihr Schwindel bekannt wurde, hatte sie nie bedacht. Doch nun hatte der Bootsmann ihren Kopf zurechtgerückt und sie fühlte sich so schrecklich wie nie zuvor in ihrem Leben.

Wie hatte sie das nur vergessen, nein, übersehen können? Es war offensichtlich, dass der Kapitän aus gutem Hause kam und solche Gerüchte könnten sein gesamtes weiteres Leben beeinflussen. Noch schlimmer, sie könnten es sogar zerstören. Sie hatte die Pflicht dafür zu sorgen, dass das nie geschehen würde und fieberhaft dachte sie nach. Onkel und Tante, und natürlich einige der Hausangestellten würden wissen, wo und in welcher Situation sie sich befand, doch keiner würde auch nur ein Wort darüber verlieren, da war sie sich ganz sicher.

Ihre Verwandten hatten bestimmt viel schneller als sie selbst begriffen, was ihre Scharade für schlimme Auswirkungen haben könnte. Denn die Tatsache, dass sie sich auf einem Schiff befand, auf dem es weit und breit nur Männer gab, konnte nicht nur das Leben des Kapitäns zerstören. Ihr guter Ruf war genauso in Gefahr und auch, wenn sie durch das Vermögen ihrer Eltern abgesichert war, durfte niemals herauskommen, was sie getan hatte.

Doch ihr eigenes Schicksal war unwichtig, denn sie war selbst Schuld an ihrer Lage. Sie hätte es von Anfang an besser wissen müssen und sich gar nicht erst darauf einlassen dürfen. Doch William Hamilton hatte nichts damit zu tun. Er war ein Opfer ihrer Dummheit und Elisabeths Magen drehte sich bei dem Gedanken daran um.

Das konnte sie nie wieder gutmachen, dafür gab es keine Entschuldigung. Hilflos seufzte sie auf, doch dann rief sie sich zur Ordnung. Es wurde Zeit aufzustehen und den Schlamassel zu beseitigen, den sie und Justin mit ihrer verrückten Idee angerichtet hatten. Wie sie bereits vorgehabt hatte, würde sie sich ein weiteres Mal für ihr schlechtes Betragen entschuldigen und dann musste sie dafür sorgen, dass wirklich kein Mensch je auch nur auf den Gedanken kam, sie könnte möglicherweise eine Frau sein. Und wenn das bedeutete, dass sie sich die Haare bis zu den Wurzeln abschneiden musste, dann würde sie eben genau das tun!

Doch ihr Vorhaben scheiterte. Sie schaffte es nicht aufzustehen und an Deck zu gehen, oder gar das zu tun, was sie geplant und überlegt hatte. Und je länger sie wartete, desto schlimmer wurde ihre Angst und irgendwann schien es unmöglich, sie zu überwinden.

Die Tage verstrichen und außer dem jungen Mann, der sie dreimal täglich mit Mahlzeiten versorgte, bekam sie niemanden zu Gesicht. Und doch war es eine selbst gewählte Einsamkeit. Sie hatte den kleinen Balkon wieder in Beschlag genommen und war in Gedanken Gespräche mit dem Kapitän durchgegangen. Doch sie endeten immer gleich. Mit einem abgehakten Lachen und einem bösen Kopfschütteln des Mannes, dessen Leben sie möglicherweise auf dem Gewissen hatte.

 

                                                                                              *~*~*

 

Es hat keinen Sinn sich verrückt zu machen’, dachte Elisabeth, kletterte zurück in ihre Kajüte und durchwühlte ein weiteres Mal Justins Koffer. Vielleicht hatte sie noch ein oder zwei Bücher übersehen, die ihr helfen konnten, ein wenig Zeit zu vertrödeln.

Kaum hatte sie den Deckel zugeklappt, da klopfte es an der Tür und wie selbstverständlich rief sie „Herein!"

Der Kapitän steckte seinen Kopf herein, sah sie unergründlich an und nickte dann. „Ich muss mit Euch sprechen."

„Selbstverständlich", murmelte sie schnell und hob das Buch auf, das sie vor Schreck fallen gelassen hatte. „Kommt herein."

William Hamilton starrte sein Gegenüber einen Moment an, dann zog er sich einen Stuhl vom Tisch ab und setzte sich seufzend. „Ich weiß nicht einmal, wie ich Euch ansprechen soll. Wenn ich mich an Lady Elisabeth gewöhne, rutscht es mir vielleicht auch vor den Männern heraus." Argwöhnisch sah er sie an und schüttelte den Kopf.

„Das wird nicht geschehen", erwiderte Elisabeth schnell und legte das Buch auf ihr Bett. Nervös rang sie die Hände, dann setzte sie sich und blickte dem Kapitän in die Augen. „Ich habe beschlossen, den Rest der Reise in meiner Kajüte zu verbringen. Das Leben auf dem Schiff geht gewiss auch ohne mich weiter und vielleicht habe ich das Glück, dass man mich vergessen hat, bis wir wieder in England landen."

„Genau aus diesem Grund bin ich hier", sagte er, vollkommen unbeeindruckt. „Die wildesten Gerüchte huschen über das Schiff. Ihr wäret krank, würdet mit einem schlimmen Fieber im Bett liegen. Andere behaupten, Ihr könntet den Gestank der Männer an Deck nicht mehr ertragen…"

„Aber das stimmt doch gar nicht", unterbrach Elisabeth sichtlich verwirrt.

„Wie auch immer", brummte William Hamilton. „Bisher bin ich ehrlich gesagt erleichtert, dass niemand auf den wahren Grund gekommen ist." Er griff sich einen Apfel aus der kleinen Obstschale und drehte ihn in den Händen. „Auf einem kleinen Segler wie der Sundowner geschieht nicht sehr viel und jedes noch so kleine Gerücht wird breitgetreten. Es wäre also angebracht, wenn Ihr Euch hin und wieder auf Deck sehen lassen würdet."

„Es scheint, als könnte ich wirklich gar nichts mehr richtig machen", seufzte Elisabeth traurig. „Dabei hatte ich gedacht, das einzig Mögliche zu machen. Mich zu verstecken und so wenig zu zeigen, wie es nur denkbar ist." Ihr Blick verfing sich an der Wand hinter dem Kapitän. „Hätte ich gewusst… auch nur geahnt, was geschehen würde, ich hätte niemals auch nur einen Fuß auf das Schiff gesetzt. Es tut mir aufrichtig Leid."

„Wie auch immer", brummte William Hamilton. „Es ist müßig darüber nachzudenken." Er nickte ihr zu und erhob sich. „Ich möchte außerdem darum bitten, dass Ihr mich von den Fäden befreit. Die Wunde ist verheilt und auch, wenn Master Alexander sich angeboten hat, würde ich das lieber von ruhigeren Händen machen lassen."

„Ob meine ruhiger sind, wage ich doch zu bezweifeln", murmelte Elisabeth und streckte ihre Hände vor, die wie Espenlaub bebten und nicht stillhalten konnten.

„Man könnte glauben, Ihr habt immer noch Angst davor, ich könnte Euch über Bord werfen." Seine Stimme hatte einen beleidigten Unterton angenommen und Elisabeth beeilte sich den Kopf zu schütteln und aufzuspringen.

„Es ist eher mein schlechtes Gewissen als die Angst vor Euch", sagte sie betreten und schaute schnell zur Seite. „Es gibt wohl keine Entschuldigung für mein Verhalten und ich kann kaum um Vergebung bitten. Aber genau das ist es, was ich mir erhoffe. Ich wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen. Euch nicht, Master Alexander nicht … Ich…"

„Das habe ich verstanden. Das weiß ich schon, seit dem Tag am See", sagte der Kapitän und verzog das Gesicht.

„Aber es ändert trotzdem nichts", seufzte sie und ihre Stimme zitterte genau wie ihre Hände. Auch drängten Tränen in ihre Augen, doch sie hielt sie tapfer zurück. „Ich habe schreckliches Unheil angerichtet."

„Bisher ist kein Unheil geschehen", nickte William Hamilton. „Und wenn wir Vorsicht walten lassen, dann wird auch nichts geschehen. Die Männer auf dem Schiff haben Euch als Master Justin angenommen und wir werden dafür Sorge tragen, dass es auch so bleibt." Beinahe wohlwollend sah er sie an. „Ich erwarte Euch später an Deck zu sehen", sagte er und drehte den Türknauf. „Ach… und heute Abend erwarte ich Euch zum Dinner in meiner Kajüte. Bringt die Tasche des Doktors mit."

 

                                                                                          *~*~*

 

Von da an wurde es seltsamerweise leichter. Elisabeth und der Kapitän schienen eine unausgesprochene Verabredung einzuhalten, alles bisher Geschehene zu vergessen und nie wieder zu erwähnen. Sie verbrachte jeden Tag länger an Deck, auch wenn sie sich wieder weitestgehend von den Matrosen fernhielt. Die meiste Zeit verbrachte sie auf dem Achterdeck, immer in einiger Entfernung vom Kapitän, doch der rief sie immer öfter zu sich.

Schon bei den allabendlich gemeinsam eingenommenen Dinnern hatten sie Frieden geschlossen und selbst Master Alexander hatte scheinbar seinen Groll gegen sie vergessen und unterhielt sich wie vorher mit ihr, wann immer sie ihm über den Weg lief.

Sizilien hatten sie längst umrundet und durchquerten nun die seichten Gewässer der Adria. Elisabeth konnte sich an der üppig grünen Küste kaum sattsehen, doch die heiße Sonne Italiens brannte unbarmherzig herab und eine Flaute hielt sie gefangen, die sie kaum vorankommen ließ.

Elisabeths Haut hatte einen goldbraunen Schimmer angenommen und sie konnte sich vorstellen, wie ihre Tante darauf reagieren würde.

„Für eine Lady schickt es sich nicht, wie eine Bauernmagd auszusehen", hätte sie mit gerümpfter Nase gesagt und Elisabeth lächelte still vor sich hin und erschrak furchtbar, als der Kapitän plötzlich hinter ihr stand.

„Ihr habt an Zuhause gedacht", sagte er mit entschuldigendem Blick. „Richtig?"

„Allerdings", nickte sie und stieß sich von der Reling ab. „Woher wusstet Ihr das?"

„Ein solch seliges Lächeln zaubert nur eine schöne Frau oder der Gedanke an Daheim auf ein Gesicht", grinste er. „Und da bei Euch die Frau wegfällt, bleibt nur Euer Zuhause."

Elisabeth lachte. „Ich habe an meine Tante gedacht. Sie würde nie gutheißen, dass meine Haut Bräune angenommen hat." Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Sie wird mich umbringen, wenn ich je wieder nach Hause komme. Und wenn Tante Margret mich nicht umbringt, dann übernimmt das mein Onkel."

„Es wird gewiss nicht leicht für uns, die Situation zu erklären", erwiderte er leise. „Aber ich…"

„Oh", unterbrach sie schnell. „Macht Euch keine Sorgen. Ich werde meinem Onkel erklären, dass Euch keinerlei Schuld trifft und nur Justin und ich an dem Dilemma schuld sind. Ihr werdet keine Schwierigkeiten bekommen. Dafür werde ich sorgen." Sie seufzte leise und drehte sich zurück, um wieder hinaus aufs Meer zu blicken. „Die Frage ist nur, ob ich noch ein Zuhause habe, wenn ich zurück in England bin. Mein Onkel ist nicht sonderlich streng… eigentlich… aber ich glaube, hiermit habe ich seine Ehre verletzt und das ist etwas, was er nicht verzeihen wird."

„Ich kenne Euren Onkel nicht so gut wie Ihr, aber ich glaube, er wird heilfroh sein, wenn Ihr wieder gesund in Brighton seid." Der Kapitän stockte einen Moment. „Habt Ihr irgendwelche gesellschaftlichen Verpflichtungen?" Er stockte wieder. „Ich meine, Ihr seid eine junge Frau und …"

„Ich verstehe, was Ihr meint", murmelte Elisabeth leise. „Nein, ich habe keine sonderlichen Verpflichtungen und falls doch jemand nach mir fragen würde, dann könnte man leicht eine Ausrede erfinden, warum ich nicht mit Anwesenheit glänze." Sie seufzte leise. „Bisher habe ich mich nicht sonderlich angestrengt, um der feinen Gesellschaft näher zu kommen. Ich habe ein bisher sehr freies Leben genossen, doch das hat nun ein Ende. Sicherlich…"

„Was sicherlich?", fragte der Kapitän und stellte sich neben sie an die Reling.

„Nun", lachte sie hastig. „Das ist nicht unbedingt ein Thema, dass man mit einem Mann bespricht."

„Aber hier gibt es weit und breit keine Frau", grinste William breit. „Und ich bin ein guter Zuhörer."

Für einen Moment überlegte sie, dann zuckte sie ansatzweise mit den Schultern. Das Thema brannte schon seit Tagen in ihrem Inneren und vielleicht war es gut, wenn sie es einfach laut aussprach. „Mein Onkel versucht schon seit längerem mich zu verheiraten", sagte sie und eine leichte Röte legte sich auf ihre Wangen. „Bisher habe ich noch jeden Bewerber in die Flucht schlagen können. Doch ich befürchte, nach dieser … Reise bleibt mir kaum eine Wahl."

„Verstehe", murmelte der Kapitän, nun doch etwas verwirrt. Mit so etwas hatte er nicht unbedingt gerechnet. Doch dann fing er sich. „Warum habt Ihr nicht heiraten wollen? Ich dachte, das wäre das Einzige, wofür junge Frauen sich interessieren. Einen möglichst gutsituierten Mann zu finden, der einer jungen Lady ein passables Leben bieten kann."

„Das mag für viele junge Frauen so sein", gestand sie leise. „Doch ich wollte immer…", sie lachte leise, „das ist wirklich nicht unbedingt ein Thema, dass ich mit Euch besprechen sollte."

„Ihr wolltet nicht einfach irgendwen heiraten", stellte er fest, ganz so, als hätte er ihre Aussage überhört. „Ich kann das seltsamerweise gut verstehen", meinte er dann. „Auch von uns Männern wird erwartet, dass wir eine gute Partie finden."

„Es fragt einfach niemand, ob man mit der Person ein ganzes Leben aushalten kann", platzte es aus ihr heraus. „Gott, ich habe bisher nur junge Männer kennengelernt, die nicht über den eigenen Horizont hinausblicken können." Doch dann riss sie sich zusammen und schüttelte den Kopf. „Vielleicht sollten wir ein anderes Thema wählen."

„Vielleicht", gestand er lachend. „Aber wirklich viel gibt es auf einem Segler nicht zu bereden. Außer… Ihr möchtet eventuell den Umgang mit Seekarten und einem Kompass lernen. Es kann ja sein, dass Ihr plant, ein weiteres Schiff zu entern, dann wären diese Dinge sicherlich hilfreich."

„Ich glaube nicht, dass ich je wieder ein Schiff betrete", lächelte Elisabeth, dankbar für die Ablenkung. „Was glaubt Ihr, wie lange die Flaute noch anhält?"

„Nicht mehr sehr lange", meinte er und zeigte auf den Horizont. „Ein Gewitter braut sich zusammen und das bringt uns den nötigen Wind, um bis nach Venedig zu segeln."

„Ganz sicher, das es nur ein Gewitter ist?", fragte Elisabeth plötzlich nervös und folgte seiner Handbewegung mit den Augen. „Es ist kein Sturm wie beim letzten Mal?"

„Kein Sturm", versicherte er schnell. „Außerdem hat Master Alexander mir erzählt, wie tapfer Ihr das letzte Unwetter durchgestanden habt. Ihr sollt Euch hervorragend geschlagen haben und mit dem jetzigen Wissen über Euch, kann ich dem nur zustimmen."

„Hervorragend geschlagen", wiederholte Elisabeth und lachte abgehakt, bei der Erinnerung an das grausliche Unwetter. „Eher nicht", sagte sie und schüttelte den Kopf. Dann sah sie William Hamilton direkt ins Gesicht. „Also… wie benutzt man einen Kompass?"

Der Kapitän lachte aufgrund ihrer Wandlung und zog den Kompass aus der Hosentasche, den er schon als kleiner Junge von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. „Dann kommt, ich werde es Euch erklären."

Teil 12

Venedig! Unzählige Berichte und Erzählungen hatte Elisabeth über diese sagenhafte Stadt gehört, doch auch die schillerndsten Geschichten darüber schienen beim Anblick der herrlichen Lagunenstadt zu verblassen. Und dabei hatte sie das Spannendste verpasst. Die Einfahrt in den Hafen. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, dieses Ereignis keinesfalls zu verpassen, so hatte sie doch weit nach Mitternacht aufgeben müssen und war todmüde in ihr hartes, aber doch so lieb gewonnenes Bett gefallen.

Kurz nach Sonnenaufgang war sie wieder erwacht und die sonst so ausführliche Morgentoilette war einer Katzenwäsche gewichen, da sie es kaum abwarten konnte, endlich einen Blick auf die italiensche Stadt zu werfen, die so berühmt und auch berüchtigt war.

Und nun war es endlich soweit. Sie hatten das Ziel ihrer Reise erreicht und ein kleiner Stein fiel von ihrem Herzen, denn eigentlich hatte sie nicht erwartet, jemals wirklich anzukommen. Nun stand sie, aufgeregt wie ein kleines Kind, auf Deck und versuchte alle Eindrücke zu verarbeiten, die auf sie einströmten.

Die wenigen Brücken und Kanäle, die sie von ihrem Platz an Deck der Sundowner sehen konnte, reizten sie, sofort von Bord zu eilen und die Stadt für sich zu erobern. Doch dieses Mal, das hatte sie sich fest vorgenommen, würde sie keinesfalls ohne Begleitung das Schiff verlassen. Schon einmal war ein solcher Ausflug gründlich daneben gegangen und sie wollte ihr Glück nicht ein weiteres Mal herausfordern.

„Wunderschön", murmelte Elisabeth leise und blickte auf die in der Sonne silbrig und grün glitzernden schmalen Wasserstraßen, die nach Erzählungen die gesamte Stadt durchzogen. Wirklich vorstellen konnte sie es sich nicht, aber sie hoffte darauf, es irgendwann selbst einmal zu sehen und zu erleben.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Ich werde Euch die Stadt zeigen, sobald ich Zeit dafür finde." Wieder einmal war Kapitän Hamilton auf leisen Sohlen nah an sie herangetreten und stellte sich neben sie an die Reling. „Doch erst muss ich zum Dogenpalast. Drückt mir die Daumen, dass der gute Mann sich heute dazu herablässt, mich zu empfangen."

Er verdrehte die Augen und Elisabeth lachte. „Warum müsst Ihr zum Dogen? Ist es üblich, sich gleich an die höchste Stelle zu wenden?", erkundigte sie sich. „Ich muss gestehen, ich habe gedacht, die mitgeführten Waren würden einfach an die Großhändler der Stadt verkauft." Dann lächelte sie. „Und warum macht Ihr ein solches Gesicht? Ist der Doge ein solch schrecklicher Mensch, dass es Euch vor dem Besuch graut?"

Der Kapitän grinste. „Eine Menge Fragen auf einmal", meinte er dann und nickte ihr zu. „Ihr habt allerdings durchaus Recht. Die meisten Waren werden direkt an die hiesigen Händler vergeben. Aber ich hatte bei meinem letzten Besuch das zweifelhafte Vergnügen, vom Dogen selbst einen Auftrag zu erhalten. Und das mit der Bitte, sofort bei ihm vorstellig zu werden, sobald ich wieder in der Stadt bin."

„Das klingt äußerst merkwürdig", überlegte Elisabeth laut und schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber trotz allem erklärt es nicht sehr viel. Eigentlich erklärt es gar nichts."

„Der Doge", versuchte es William Hamilton, „ist, nun sagen wir mal, ein sehr seltsamer Mensch. Sehr extravagant und zwar in allen Belangen. Zudem sind seine Launen geradezu berüchtigt. Seine Launen und seine zum Teil sehr merkwürdigen Einfälle."

„All Eure Erklärungen machen die ganze Angelegenheit noch mysteriöser", lachte Elisabeth. „Ich bin schon sehr gespannt, ob Ihr mich irgendwann so aufklärt, dass ich es auch verstehe." Sie sah hinaus auf die Stadt. „Aber soviel ich verstanden habe, ist er ein schwieriger Verhandlungspartner."


„Allerdings", nickte der Kapitän. „Doch leider habe ich jetzt keine Zeit, weitere Fragen Eurerseits zu beantworten. Sicher haben die Späher des Dogen unsere Ankunft längst gemeldet und ich muss mich beeilen, damit ihm nicht die Zeit bleibt, sich irgendwelche seltsamen Forderungen auszudenken."

Mit einem Nicken verabschiedete er sich und Elisabeth blickte ihm mit gerunzelter Stirn hinterher, während er über die Gangway hinaus auf den breiten hölzernen Pier lief, an dem die Sundowner fest vertäut war. Doch dann zuckte sie die Schultern. Früher oder später würde er ihre Fragen schon beantworten.

Leise seufzend lehnte sie sich wieder an die Reling und blickte hinaus auf die Stadt, in der langsam das Leben erwachte. Händler und Fischer lenkten ihre schmalen Gondeln durch die Kanäle und hin und wieder schallte lautes Lachen von Frauen zu ihr herüber, die Wäschebündel mit sich trugen.

Zu gern hätte Elisabeth den Kapitän begleitet und beinahe wehmütig sah sie ihm hinterher, bis er zwischen den schmalen Gassen verschwunden war. Doch sicherlich war es keine gute Idee und er konnte ihr Beisein nicht gebrauchen. Sie musste sich halt in Geduld üben und warten, bis die Zeit für sie gekommen war.

 

                                                                                                  *~*~*

 

Viele, scheinbar endlose Stunden später, erblickte Elisabeth den Kapitän zwischen den Matrosen auf dem Pier und ein sanftes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Sie hatte ihren Platz am Bug des Seglers nicht verlassen und auf ihn gewartet. Doch so schnell, wie das Lächeln erschienen war, verblasste es auch wieder und ihr stockte der Atem. Schon von weitem war zu sehen, dass er äußerst übler Laune war. Seine kräftigen harten Schritte hallten auf dem Holzsteg und seine Körperhaltung ließ nichts Gutes erwarten.

„Dreckskerl, verdammter", waren die ersten Worte, die sie von ihm hörte und sie drückte sich an die Reling. Für einen Moment wäre sie am liebsten unsichtbar geworden, denn sie hatte Angst, dass er seinen Zorn an ihr entladen würde. Bisher hatte er sich zwar nicht ein einziges Mal wegen ihrer Misere ausgeschimpft, doch vielleicht war es nun so weit und er musste sich abreagieren.

„So ein verfluchter Mistkerl", schnaubte William Hamilton, kaum dass er an Deck war. Mit finsterem Gesichtsausdruck sah er sich um, dann winkte er den Bootsmann zu sich heran, der bereits mit dem Entladen der Waren beschäftigt war. „In meine Kajüte! Auf der Stelle!" Dann drehte er sich zu Elisabeth um. „Ihr auch, Master Justin!"

 

                                                                                            *~*~*

 

Elisabeth drückte sich in eine Ecke der Kapitänskajüte, kaum dass sie sie betreten hatte. Ihr war angst und bange. Nie zuvor hatte sie einen Mann gesehen, dessen Zorn so offensichtlich war. Sein ganzer Körper schien zu beben und seine sonst so blauen Augen wirkten schwarz und bedrohlich im dämmrigen Licht unter Deck. Leise wie ein Mäuschen achtete sie auf jede seiner Bewegung und zuckte jedes Mal zusammen, wenn er laut fluchte und schimpfte. Doch das allein langte ihm nicht, denn jedes Teil, dessen er habhaft werden konnte, warf er krachend gegen die Wand und Elisabeth hielt sicherheitshalber den Atem an.

„Was ist denn passiert?", erkundigte sich Master Alexander nun zum dritten Mal. Bisher hatte er auf seine Fragen keine Antwort bekommen, doch wie Elisabeth bemerkte, blieb er trotzdem vollkommen gelassen. „William", sagte er nun eindringlich und packte den Kapitän an der Schulter. „Erzähl endlich, was geschehen ist!"

„Dieser Mistkerl von einem Dogen spielt wieder Spielchen mit mir", schnaufte der Angesprochene. „Verdammt! Ich hätte es besser wissen müssen und hätte mich gar nicht erst auf diesen Auftrag einlassen dürfen!"

„Du hattest gar keine andere Wahl", versuchte der Bootsmann den Kapitän zu beruhigen. „Wenn ein Mann wie der Doge auf dich zukommt, dann kannst du wohl schlecht ablehnen. Außerdem fördert es deine Geschäftsbeziehungen immens."

„Das weiß ich, verflucht noch mal!" William Hamilton ließ sich laut seufzend auf einen der Stühle fallen, hob einen der geworfenen Zinnbecher auf und streckte ihm seinem Freund entgegen. „Voll machen", forderte er. „Und ich meine randvoll!"

Elisabeth sah dabei zu, wie der Kapitän den Becher angefüllt mit Rum hinunterstürzte und sich gleich darauf noch einmal nachschenken ließ. Offenbar hatte man sie ganz vergessen und sie tat ihr Möglichstes, damit es auch dabei blieb. Sie atmete nur flach und bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle.

„Du wusstest doch, dass es kein Kinderspiel werden würde. Der Mann ist knallhart und er ist verdammt clever auf seine Art und Weise." Der Bootsmann setzte sich mit an den Tisch und klopfte seinem Gegenüber freundschaftlich auf die Schulter. „Er würde praktisch alles tun, wenn er dafür den Preis drücken kann."

„Da hast du verflucht Recht", knurrte William Hamilton und schüttelte böse den Kopf. „Doch diesmal treibt er seine Gemeinheiten wirklich auf die Spitze!"

„Was verlangt er denn diesmal?", fragte der Bootsmann und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Er hat mich nicht einmal empfangen, der verdammte Kerl! Er hat mich zwei Stunden warten lassen und mir dann ausrichten lassen, dass er in den nächsten zwei Wochen wohl keine Zeit für mich finden könnte. Seine dämliche Frau feiert ihren Geburtstag und er ist so mit den Vorbereitungen für die vielen Festivitäten beschäftigt, dass er mich nicht dazwischenquetschen könnte." Seine Lippen pressten sich zusammen und er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Geschäftsbeziehungen hin oder her, ich bin heilfroh, dass das hier unsere letzte Fahrt ist. Soll sich doch jemand anderes mit ihm auseinandersetzten!"

„Nicht schlecht, der Mann", murmelte der Bootsmann und goss sich diesmal selbst einen Becher voll mit Rum. „Er ist wirklich verdammt clever. Er lässt dich am Haken zappeln, guckt zu, wie du immer ungeduldiger wirst und lacht sich ins Fäustchen." Er schüttelte den Kopf, setzte den Becher an die Lippen und leerte ihn.

„Und das ganze Spektakel nur, um den Preis zu drücken", murrte der Kapitän und schüttelte wieder den Kopf. „Doch diesmal wird er sich die Zähne an mir ausbeißen. Und wenn das bedeutet, wir feiern noch Weihnachten in dieser verdammten Stadt! Ich werde nicht klein beigeben. Auf gar keinen Fall!"

„Gewöhnlich lässt er dir doch einen Ausweg", meinte der Bootsmann. „Irgendeine verrückte Forderung, die er stellt, oder eine schier unlösbare Aufgabe… Hat er diesmal auch etwas darüber verlauten lassen, wie du deinen Hals aus seiner Schlinge bekommst?"

„Das hat er allerdings", schnaufte Kapitän Hamilton, lehnte sich über den Tisch und angelte nach dem Krug mit Rum. „Und genauso unlösbar wie immer."

„Was ist es diesmal?" Der Bootsmann runzelte die Stirn. „Was hat der verdammte Kerl sich jetzt einfallen lassen?"

„Er hat mir ausrichten lassen, er würde darüber nachdenken mich zu empfangen, wenn ich es schaffe, eine wunderschöne englische Lady aufzutun und mit ihr auf den verdammten Geburtstagsball seiner dämlichen Frau zu gehen!" Er lachte abgehakt, hob den Rumkrug an die Lippen und trank. „Kannst du mir sagen, wie ich das anstellen soll?"

Für einen Moment wurde es totenstill, dann drehten beide Männer ihren Kopf und starrten Elisabeth an, die noch immer klein und schweigsam in ihrer Ecke stand.

„Oh, oh", murmelte sie leise und hoffte darauf, der Boden unter ihren Füßen würde sich öffnen und sie verschlingen.

„Das ist doch die Lösung", lachte der Bootsmann schallend und klopfte sich auf die Oberschenkel. „Wir haben doch eine englische Lady an Bord."

William Hamilton hingegen sah noch immer unverwandt Elisabeth an, runzelte die Stirn und nickte schließlich. „Wir werden Weihnachten also doch Zuhause feiern!"

Teil 13

Elisabeth hatte sich rasend schnell aus der Kapitänskajüte verabschiedet. In ihrem Kopf drehte sich alles und es war für sie beinahe unerträglich mit anzuhören, wie die beiden Männer, beschwingt durch den Genuss einer Unmenge Rum, ihren Plan und Sieg feierten und nun ins Detail gingen, um jede Kleinigkeit zu besprechen. Rasch war sie in ihre eigene Kajüte gelaufen und starrte nun in den Spiegel, der noch immer auf seinem Platz auf dem Tisch stand.

Warum nur schockierte es sie so, als Lady aufzutreten? Immerhin war sie eine junge Frau und sie war durchaus nicht unansehnlich. Und natürlich hatte sie gelernt, ihre Vorzüge noch zu betonen. Außerdem war sie auf einer Menge solcher Veranstaltungen gewesen, aber das hier war anders und sie konnte sich kaum mit dem Gedanken anfreunden, in Venedig ein Tanzfest zu besuchen. Doch was war an dem Gedanken so schrecklich, mit dem Kapitän zusammen einen Ball zu besuchen?

Lag es daran, dass ihr Spiegelbild ihr seit Wochen einen jungen Mann vorgaukelte? Sie war so in dieser Rolle gefangen, dass sie einen Teil ihres Selbst vergessen hatte und sich manchmal schon für einen jungen Mann hielt. Mittlerweile war sie mehr Justin, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen gedacht hatte und vielleicht machte es ihr nach all dem, was sie erlebt hatte Angst, einfach wieder Elisabeth zu sein.

Oder lag es daran, dass sie niemals zuvor in Venedig gewesen war und die hier vorherrschende Etikette nicht kannte? Hatte sie Angst vor all den fremden Menschen, die garantiert auf sie starren würden? Hatte sie Angst vor der Öffentlichkeit? Kannte sie die Tänze? Kannte sie die gebräuchliche Mode?

Elisabeth setzte sich seufzend auf einen Stuhl und starrte ihr Spiegelbild an. Dann wusste sie plötzlich, was sie so in Schrecken versetzte. Es war der Kapitän selbst. So viel Zeit hatten sie zusammen verbracht und sie waren sich so nahe gekommen, wie ihre Rolle als Master Justin es zuließ, doch was würde geschehen, wenn William Hamilton sie als Frau nicht mochte? Wie würden die langen Wochen der Rückreise sein, wenn er sie nicht mehr so freundschaftlich behandelte, wie er es im Augenblick tat?

Wütend über sich selbst schüttelte sie den Kopf. „Und wenn schon! Du bist es ihm schuldig! Nach all dem Ärger, den du ihm bereitet hast", schimpfte sie mit dem Bild im Spiegel, „und all dem Ärger, der uns noch bevorsteht, wenn wir erst einmal wieder Zuhause sind… Dir bleibt gar nichts anderes übrig, als ihm diesen Gefallen zu tun!"

 

                                                                                                 *~*~*

 

In der Kapitänskajüte hingegen ging es hoch her. Die beiden Seemänner frönten noch immer dem Alkohol und hatten sich in der Zwischenzeit bis zur Hälfte der zweiten Flasche vorgearbeitet.

„So einfach war es wirklich noch nie, dem Dogen eins auszuwischen", freute sich der Bootsmann und verscheuchte träge eine Mücke, die es sich auf seiner Nase bequem gemacht hatte. „Er hat sich selbst ein faules Ei ins Netz gelegt und es wäre interessant zu sehen, wie er darauf reagiert." Er lachte, doch dann runzelte er die Stirn. „Diesmal muss er klein beigeben! Obwohl… ich muss gestehen, ich kann mir Miss Elisabeth kaum als Lady vorstellen. Schon gar nicht als schöne junge Frau, so wie der Doge es offenbar verlangt hat."

„Oh, sie ist durchaus hübsch", meinte der Kapitän und verscheuchte seinerseits das lästige Insekt. „Sehr hübsch sogar. Hätte ich an dem Tag meines Besuchs bei ihrem Onkel nicht so schlechte Laune gehabt, hätte ich ihr bestimmt mehr Aufmerksamkeit geschenkt!" Vom Alkohol beschwingt, grinste er und erschlug die Mücke, die nun auf seinem Arm saß.

„Ich habe sie nie anders gesehen, als sie hier an Bord in Erscheinung tritt", sagte der Bootsmann schulterzuckend. „Und ich finde, dass sie durchaus als junger Mann durchgeht. Als sehr junger, sehr verweichlichter Mann."

„Und ich könnte dich durchaus vom Gegenteil überzeugen", lachte der Kapitän und dachte daran, wie sie Schritt für Schritt aus dem See in Cabo de Sao Vincente gestiegen war. „Aber ein Gentleman genießt und schweigt."

Alexander Harris lachte und goss beide Becher erneut voll. „Womöglich hast du Recht. Immerhin ist sie eine Frau und sie hat bestimmt gelernt, wie man einem Mann den Kopf verdreht." Er seufzte und schüttelte sein dunkles Haar. „Es scheint, als wären alle Frauen nur darauf aus, sich den besten Mann zu angeln." Sein Glück bei Frauen war nicht sonderlich erwähnenswert und er seufzte wieder. „Frauen! Sie wollen doch immer nur das Eine! Einen Mann mit viel Einfluss und viel Geld!"

„So ist sie nicht", murrte der Kapitän beinahe trotzig und sein Freund sah ihn über den Tisch hinweg aufmerksam an.

„Wie auch immer", sagte der Bootsmann und hob seinen Becher ein weiteres Mal. „Auf jeden Fall braucht sie jemanden, der ihr Haar frisiert. Nach der langen Zeit auf See… und sie trägt die Haare immer sehr streng nach hinten gekämmt…" Der Alkohol tat seine Wirkung und seine Gedanken verschwammen allmählich. „So wie sie nun ausschaut, kann sie jedenfalls nicht auf einen Ball."

William Hamilton nickte bedächtig. „Und sie braucht ein Kleid. In den Männerklamotten können wir sie wohl kaum auf ein solches Ereignis schicken." Er überlegte einen Moment. „Und wir brauchen einen sicheren Ort, an dem sie ihre Verwandlung durchführen kann. Wir können unseren Matrosen wohl kaum erklären, warum wir Master Justin in Frauenkleider gesteckt haben." Wieder überlegte er und seine Stirn legte sich in Falten. „Ach was, sie würden sie sofort durchschauen. Sie würden Elisabeth auf der Stelle enttarnen und das können wir nicht erlauben."

Elisabeth?’, dachte der Bootsmann, ein weiteres Mal erstaunt. Er mochte ja langsam betrunken sein, doch die winzigen Kleinigkeiten drangen noch immer tief in sein Gehirn und er zuckte unmerklich mit den Schultern. „Die Männer auf der Sundowner dürfen keinesfalls erfahren, wen sie wirklich vor sich haben", nickte er, den Gedankengängen seines Freundes folgend. „Es gäbe nur böses Blut. Einige würden von einem Fluch reden, der über uns gekommen ist, andere würden sie als böses Omen sehen und schlussendlich würden sie doch alle wie die Motten das Licht umschwärmen."

„Und genau das darf ich nicht zulassen", murmelte der Kapitän und machte dabei ein Gesicht, dass seinem Bootsmann erneut die Falten auf die Stirn zauberte. „Wir werden Sorge dafür tragen, dass sie unbeschadet und vor allem unerkannt wieder an Bord kommt."

 

                                                                                              *~*~*

 

Viele Stunden später, das Sonnenlicht hatte längst dem fahlen silbrigen Schein des Mondes Platz gemacht, klopfte es an Elisabeths Tür. Schnell sprang sie auf, richtete ihre Kleidung und rief: „Herein!"

Kapitän Hamilton betrat die Kajüte und sah sie entschuldigend an. „Darf ich Euch zu so später Stunde noch stören?

„Sicher", murmelte Elisabeth und lud ihn mit einer Armbewegung ein, sich an den Tisch zu setzen. „Es ist ja nicht gerade so, als hätte ich dringende Verabredungen einzuhalten oder andere gesellschaftliche Verpflichtungen, die mich aufhalten könnten."

William Hamilton lachte leise, wartete, bis sie Platz genommen hatte und setzte sich ihr dann gegenüber. „Zuerst einmal möchte ich mich für mein furchtbares Gebaren entschuldigen, dessen Zeuge Ihr wurdet. Es lag nicht in meiner Absicht, Euch Angst einzujagen."

„Ihr seid ein sehr aufbrausender Mann", sagte sie leise. „Dennoch kann ich Eure Wut nachvollziehen. Nicht gutheißen, aber verstehen."


„Danke", nickte er, dann lächelte er sachte. „Master Xander und ich haben heute einiges über den Durst hinaus getrunken", sagte er vorsichtig. „Und das ist auch ein Grund, warum ich noch zu so vorgerückter Zeit vorstellig werde. Ich wollte Euch so nicht unter die Augen kommen und erst ein starker Kaffee vom Koch und einige Eimer eiskaltes Wasser haben dafür gesorgt, dass ich wieder vorzeigbar bin." Aufmerksam sah er sie an, doch da sie offenbar nichts dazu sagen wollte, sprach er schnell weiter. „Alexander und ich haben eine Menge Pläne geschmiedet, doch etwas Wichtiges ist uns dabei entgangen. Wir haben nicht gefragt, ob Ihr überhaupt bereit seid, mich auf den schrecklichen Ball zu begleiten?"

„Selbstverständlich werde ich Euch begleiten", sagte Elisabeth beinahe entrüstet. „Nach allem, was Ihr für mich getan habt, kann ich Euch diesen Gefallen kaum ausschlagen."

„Ich danke Euch", lächelte der Kapitän der Sundowner erleichtert. „Übrigens waren wir nicht vollkommen untätig. In der Hoffnung, Ihr würdet meine Bitte nicht ausschlagen, haben wir bereits einiges arrangiert. Wir haben ein Zimmer in einer kleinen Pension gemietet, in dem Ihr Euch in aller Ruhe vorbereiten könnt und wir haben uns die Freiheit genommen, Euch einen Coiffeur zu bestellen." Er sah sie an, wartete auf eine Regung und lächelte, als sie langsam nickte. „Zudem habe ich es mir erlaubt, ein Kleid für Euch auszusuchen. Es blieb nicht die Zeit, Euch nach Eurem Geschmack zu fragen und ich hoffe, Ihr werdet Gefallen daran finden." Dann wurde sein Gesicht ernst. „Allerdings konnte ich Eure Größe nur schätzen…"

Elisabeth antwortete eine lange Zeit nicht. Zum einen, weil sie das Gesagte verarbeiten musste, und zum anderen, weil die blauen Augen des Kapitäns, die im Schein der Öllampe funkelten, sie gefangen hielten. Schnell räusperte sie sich. „Es wird schon passen. Das Kleid meine ich. Ich verlasse mich vollkommen auf Euren Geschmack." Sie versuchte ein Lächeln. „Was sagt ihr den Männern, warum wir das Schiff verlassen?"

„Gar nichts", erwiderte der Kapitän mit hochgezogenen Augenbrauen. Darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht und er schüttelte den Kopf. „Sie werden denken, dass ich einem jungen Mann die „Schönheiten" der Stadt zeige."

Es dauerte einen Moment, bis Elisabeth begriff, worauf er anspielte und ein sanftes Rot legte sich auf ihre Wangen. „Verstehe", murmelte sie leise und blickte schnell zur Seite. „Wird Master Alexander uns begleiten?" Der Gedanke, ein weiteres bekanntes Gesicht würde sie begleiten, würde die ganze Angelegenheit für sie vereinfachen. Doch Elisabeth hatte kein Glück.

„Nein", erwiderte der Kapitän verblüfft. „Er bleibt auf der Sundowner. Er wird sich darum kümmern, dass nicht all unsere Seeleute von Bord eilen, um sich in der Stadt zu vergnügen und außerdem darauf achten, dass wir noch Ladung an Bord haben, wenn wir zurückkehren."

Dann tat er etwas, mit dem Elisabeth nicht gerechnet hatte. Er griff ihre Hand und sein Daumen fuhr sachte über ihren Handrücken. „Ich weiß gar nicht, wie ich das jemals wieder gut machen kann. Ihr seid mir wahrlich eine große Hilfe."

„Gerne", nickte Elisabeth und zog schnell ihre Hand unter der seinen weg. „Ich werde mein Möglichstes tun, um Euch zu unterstützen."

 

                                                                                                 *~*~*

 

Die ganze Nacht über konnte Elisabeth kaum zur Ruhe finden. Wirre Gedanken verfolgten sie und sie machte sich darüber Sorgen, ob sie sich überhaupt in der feinen venezianischen Gesellschaft zu Recht finden würde. Aber noch viel mehr Gedanken machte sie sich über den Mann, der am Abend ihre Hand genommen hatte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass sie seitdem durchströmte und sie konnte nicht festmachen, woran es lag. Ihre Hand schien noch immer an der Stelle zu brennen, an dem sein Daumen über ihre weiche Haut gefahren war und in ihrem Magen rumorte es, als wolle die Seekrankheit wiederkehren, die sie während des Sturms gepackt hatte.

Lange lag sie wach, überlegte, woher dieses schrecklich mulmige Gefühl in ihrem Magen kommen konnte und fiel schließlich vollkommen übermüdet in einen unruhigen Schlaf.

Dass auch der Kapitän der Sundowner nicht schlafen konnte, ahnte sie nicht im Geringsten. William Hamilton lief nervös in seiner Kajüte auf und ab, blieb hin und wieder stehen, um zu überlegen und lief dann weiter.

Seit langer Zeit war er auf keinem Ball mehr gewesen und nun würde ihn auch noch eine junge Frau begleiten, dessen Obhut er übernommen hatte. Würde er sie auch dort schützen können? Eine Menge Gerüchte über venezianische Männer waren in seine Ohren gedrungen und er schüttelte sich beim Gedanken daran, Elisabeth in den Armen eines anderen Mannes zu sehen.

Aber vielleicht reichte es auch, wenn Elisabeth und er nur eine kurze Zeit im Dogenpalast verbrachten. Immerhin hatte der Doge nicht erwähnt, dass er bis nach Mitternacht bleiben musste. Er hatte überhaupt keine Zeitangaben gemacht, schon deshalb nicht, weil er nicht erwartete, dass William Hamilton es schaffte, eine englische Lady aufzutreiben.

„Vielleicht sollte ich das ganze Theater lieber absagen", überlegte er laut. Sofort wurde ihm leichter ums Herz, denn nur hier auf dem Segler konnte er wirklich gut für die junge Lady sorgen. Hier auf dem Schiff war sie in Sicherheit.

Dann setzte er sich seufzend auf sein Bett. Würde er tatsächlich nicht auf dem Ball erscheinen, dann würde der Doge wieder die Oberhand gewinnen und ihn wochenlang warten und zappeln lassen. „Verdammt", schimpfte er leise und seufzte wieder. Miss Elisabeth würde schon nichts geschehen. Immerhin war es nur ein Tanzfest im edelsten Palast der Stadt und nicht ein Gelage in irgendeiner Spelunke.

„Und ich werde sie keine Sekunde aus den Augen lassen", nickte er und legte sich hin. Doch der Schlaf wollte nicht kommen und als schließlich die ersten blassen Sonnenstrahlen in seine Kajüte fielen, stand er wieder auf. Etwas Wichtiges hatte er bisher außer Acht gelassen und er schüttelte den Kopf. Wie hatte er das nur vergessen können?

Teil 14

Nervös wie nie zuvor in ihrem Leben, wartete Elisabeth auf den Kapitän der Sundowner. Der ganze Tag war nur so dahin geschlichen und mit jeder Minute, die verstrich, wuchs ihre Aufregung. Da half es auch nicht, sich einzureden, dass der Besuch eines Balls für sie beinahe etwas Alltägliches war.

Schon unzählige Male war sie bereits auf solchen Festivitäten und ähnlichen gesellschaftlichen Anlässen gewesen, und gewöhnlich langweilte sie sich dabei schnell, doch dieser Ball machte ihr noch immer Angst und sie zerbarst fast vor Anspannung. Dementsprechend heftig zuckte sie dann auch zusammen, als sich endlich der Kapitän der Sundowner an ihrer Tür bemerkbar machte.

„Wie ich sehe, habt Ihr mich schon erwartet", lächelte er, nachdem sie ihn eingelassen hatte.

William Hamilton war pünktlich. Wie abgesprochen wollten sie den Segler am späten Nachmittag verlassen. Zum einen, damit Elisabeth genügend Zeit hatte, sich wieder in der Rolle als junge Frau zurechtzufinden, zum anderen, weil es durchaus denkbar war, dass noch Änderungen an dem Kleid vorgenommen werden mussten, dass der Kapitän für Elisabeth ausgewählt hatte.

Allein beim bloßen Gedanken an das Kleid zitterten ihre Lippen wie Espenlaub. Sie hatte nicht viel und nicht lange geschlafen, geträumt hatte sie dennoch. Und in eben diesem Traum hatte William Hamilton ihr ein Kleid überreicht, dessen Hässlichkeit alles in den Schatten stellte, was sie bisher gesehen hatte. In einem blassen Lila war es gewesen, mit schrecklich bunten Blumenapplikationen und einer grauen Borte am Hals, die ihr die Luft zum Atmen genommen hatte.

„Ist Euch nicht gut?", riss William Hamilton sie aus ihrer Starre. „Wenn es nicht an dem fahlen Licht liegt, dann seid Ihr tatsächlich gerade grün angelaufen."

„Mir geht es blendend", erwiderte sie schnell, vielleicht zu schnell, denn der Kapitän sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Elisabeth seufzte leise und zuckte mit den Schultern. „Ich bin doch sehr nervös", gestand sie im Flüsterton. „Ich weiß einfach nicht, was mich erwartet und…"

„Macht Euch keine Sorgen", beruhigte er sie sofort. „Wir werden nur solange bleiben, wie es unbedingt von Nöten ist. Immerhin machen wir dieses ganze Theater nur mit, um dem Dogen eins auszuwischen."

„Verstehe", nickte Elisabeth. Und sie war keineswegs beleidigt deswegen, sondern eher erleichtert. Der Kapitän sah das Ganze einfach nur geschäftlich und darum musste sie sich nur wenig Sorgen machen, nicht standesgemäß zu agieren.

„Wenn Ihr erlaubt, bringe ich Euch nun in die Pension. Allerdings müssen wir wohl oder übel zu Fuß gehen, da eine Kutsche meine Männer nur unnötig neugierig machen würde." Er nickte ihr zu, sah sie ebenfalls zur Bestätigung nicken und zusammen verließen sie Elisabeths Kajüte.

                                                                                                 *~*~*

 

Eine halbe Stunde später setzte der Kapitän Elisabeth vor dem angemieteten Zimmer in der Pension ab. „Ihr habt eine gute halbe Stunde, dann wird eine junge Frau hier aus dem Haus zu Eurer Unterstützung eilen. Sie wird Euch beim Ankleiden helfen und Euch zu Diensten sein, sofern Ihr noch irgendwelche Wünsche habt."

„Danke schön", murmelte Elisabeth, noch immer aufgeregt und wollte schon in dem Zimmer verschwinden, als William Hamilton sie zurückhielt.

„Ich kann nicht dafür garantieren, an alles gedacht zu haben, was eine junge Lady braucht", sagte er und lächelte. „Also scheut Euch nicht, irgendwelche Dinge oder Sachen zu bestellen, die Ihr benötigt." Er nickte ihr zu und verschwand.

 

                                                                                                 *~*~*

 

Allen Mut zusammen nehmend, betrat Elisabeth das abgedunkelte Zimmer. Das schreckliche Kleid aus ihren Träumen begleitete sie noch immer und ihr stand der Mund offen, als sie das Kleid entdeckte, das der Kapitän ihr zugedacht hatte. Es lag ausgebreitet auf dem Bett und entlockte ihrer Kehle einen trockenen Laut.

„Oh, mein Gott", murmelte sie und ihre Finger fuhren sachte über feinste Seide. Es war smaragdgrün, eine Farbe, die die ihrer Augen noch unterstrich und recht schlicht gehalten, was Elisabeth sehr begrüßte. Sie konnte kaum glauben, was sie sah und deshalb hob sie es hoch und eilte durch den Raum auf den mannshohen Spiegel zu. Dort angekommen hielt sie es vor sich und drehte sich leicht hin und her.

Der Kapitän hatte einen außergewöhnlichen Geschmack, wie Elisabeth anerkennend feststellte, doch das Dekollete war weitaus großzügiger geschnitten, als sie es je vorher gesehen hatte. Es würde mehr zeigen als verstecken und wieder einmal legte sich eine sanfte Röte auf ihre Wangen. Vielleicht konnte sie ja noch einen Schal oder eine Stola dazubekommen.

Doch dann riss sie sich zusammen. Sie wollte nicht wie eine englische Matrone aussehen und bestimmt wäre sie die Einzige, die etwas über dem Kleid tragen würde. „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie es aussieht", überlegte sie laut und hielt es wieder vor sich.

Dann erinnerte sie sich daran, dass sie einiges zu tun hatte, bis der Kapitän sie wieder abholen würde und so lief sie zurück zum Bett und legte das teure Kleid zurück. Keinesfalls wollte sie wie ein Mann aussehen, wenn die junge Frau, die ihr als Hilfe angekündigt worden war, das Zimmer betrat und so löste sie als erstes den Zopf, den sie schon seit Wochen trug.

Sie nahm die schwere Bürste und versuchte die Strähnen zu ordnen und verzweifelte schnell, da ihre Haare nach wie vor wie angeklatscht an ihrem Kopf anlagen. „Der Friseur wird seine helle Freude daran haben", lachte sie und schüttelte den Kopf.

Im Spiegelbild sah sie etwas, das ihre Aufmerksamkeit erregte und so drehte sie sich um und ging darauf zu. Es war ein Paravent, hinter dem eine Wanne mit duftendem Badewasser verborgen war. Voller Vorfreude klatschte sie in die Hände.

Eine Badewanne! Es gab viele Dinge des alltäglichen Lebens, die sie auf der Sundowner vermisste, doch eine Wanne stand ganz oben auf ihrer Liste und so begann sie eilends damit, ihre Kleidung abzulegen. Sie wollte nicht auf die junge Frau warten und so stieg sie schnell in das wohlriechende Wasser und entspannte sich.

 

                                                                                             *~*~*


Die Zeit in der Pension war wie im Flug vergangen und wieder einmal wartete Elisabeth nervös auf Kapitän Hamilton. Was würde er sagen, wenn er ihrer ansichtig wurde? Wie würde er reagieren? Eine vage Angst durchflutete sie und ihr Magen kribbelte. Ihr war furchtbar wichtig, dass ihm ihr Äußeres gefiel, doch warum das so war, konnte sie nicht sagen. Vorsichtig, um das Kleid nicht zu zerknittern, setzte sie sich aufs Bett und erwischte sich dabei, wie sie aufgeregt an ihrer Unterlippe nagte. „Beruhige dich! Es ist keine Verabredung! Es geht nur ums Geschäft!"

Der Friseur fiel ihr wieder ein und ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. Auch für ihn war es nur ein Geschäft gewesen, aber wie sie vorhergesagt hatte, hatte er seine helle Freude an ihren Haaren gehabt und der gute Mann hatte des Öfteren seine Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Schlussendlich war es ihm dennoch gelungen, ihre unbändige Haarmähne in eine ausgefallene, mit Perlen besetzte Steckfrisur zu verwandeln, von der er selbst behauptete, es wäre die Beste, die er je gemacht hatte.

Elisabeth gefiel diese Haartracht, die weitaus eleganter gesteckt worden war, als jeder Friseur in England es je getan hatte. Auch an ihr Dekollete hatte sie sich gewöhnt. Immerhin hatte sie stundenlang vor einem Spiegel gesessen und damit Zeit genug gehabt, sich mit dem großzügigen Ausschnitt anzufreunden.

„Wie spät es wohl ist?", überlegte sie wieder laut. Doch dann klopfte es an der Tür und sie holte so tief Luft, wie das enge Kleid es zuließ und ging zur Tür.

 

                                                                                            *~*~*

 

Zum allerersten Mal in seinem Leben war er, William Hamilton, sprachlos. Die Tür zu dem kleinen angemieteten Zimmer hatte sich geöffnet und er konnte nichts weiter tun, als die Frau, die ihm nun gegenüberstand, anzustarren. Eine lange Zeit verharrte er reglos, dann sprach er aus, was er dachte.

„Ich habe immer schon gewusst, dass Ihr hübsch seid, aber Ihr seid viel mehr als das… Ihr seid eine wahre Schönheit."

Elisabeth lächelte verlegen, gleichzeitig überglücklich, und sah schnell zur Seite. Es war nicht einfach gewesen, ihn so wortlos da stehen zu sehen und sie hatte schon befürchtet, ihn enttäuscht zu haben. Doch als er dann endlich sprach, hatte sie in seinen Augen gesehen, dass es keine Lüge war und er auch meinte, was er sagte.

„Darf ich hereinkommen?", fragte er leise und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Selbstverständlich", lächelte sie und trat einen Schritt zur Seite, um ihn vorbeizulassen. „Ihr habt Euch auch fein gemacht", nickte sie anerkennend, nachdem sie ihn gemustert hatte. William Hamilton trug dunkelblaue enge Kniehosen, ein weißes Hemd mit einem silberfarbenen Wams darüber, in das ein hauchfeines Muster eingewebt war.

„Ihr müsst entschuldigen", lächelte er und sah sie beinahe entschuldigend an. „Aber ich habe etwas Wichtiges fast vergessen und es hat mich Stunden gekostet, das Richtige zu finden", sagte er und zog eine kleine schmale Schachtel aus seinem Wams. Er überreichte sie Elisabeth, die sie mit zittrigen Fingern in Empfang nahm.

Sie löste die Schleife, hob den Deckel an und holte im gleichen Moment tief Luft, als sie den Inhalt erkannte. „Oh, mein Gott", murmelte sie fassungslos und angelte mit fahrigen Fingern die feingliedrige silberne Kette heraus, an der ein daumennagelgroßer Smaragd baumelte. „Sie ist wunderschön", hauchte sie leise. „Noch nie habe ich…."

„Ich möchte sie Euch schenken", lächelte William Hamilton. „Zudem passt sie hervorragend zu dem Kleid, dass selbstverständlich auch Euer Eigen ist."

„Das ist wirklich … sehr … großzügig, aber ich kann diese Geschenke nicht annehmen", seufzte Elisabeth traurig.

„Aber warum denn nicht? Ich dachte, ich hätte Euren Geschmack getroffen." Die Stimme des Kapitäns klang enttäuscht und auch sein Gesichtsausdruck passte dazu.

„Es tut mir aufrichtig leid", murmelte sie verschämt. „Aber ich kann nicht zulassen, dass Ihr Euch wegen mir in Unkosten stürzt. Und … wie sollte ich Zuhause erklären, warum Ihr mich so reichlich beschenkt habt?"

Elisabeths Traurigkeit war nicht gespielt. Die prächtige Kette, die sie noch immer fest in ihrer Hand hielt, war das Schönste, was sie je zu Gesicht bekommen hatte, von dem kostbaren Kleid ganz zu schweigen. Doch es macht wenig Sinn darüber nachzudenken. Sie konnte die Geschenke nicht behalten.

Es würde schon schwierig genug werden, ihren Aufenthalt auf einem Schiff überhaupt zu erklären und sie mochte kaum darüber nachdenken, was Onkel und Tante dazu sagen würden, dass sie sich wochenlang in einer rein männlichen Umgebung aufgehalten hatte. Wie sollte sie dann auch noch solch teure Geschenke erklären?

„Also gut", gab William Hamilton sich geschlagen. „Aber für heute Abend gehört sie Euch und ich wünsche, dass Ihr sie tragt." Für ihn war das Thema noch lange nicht erledigt und er würde sowohl die Kette als auch das Kleid aufbewahren. Vielleicht ergab sich irgendwann doch die Gelegenheit, die beiden Dinge der rechtmäßigen Besitzerin zu übergeben.

Teil 15

Warum Elisabeth eine Kutsche erwartet hatte, konnte sie nicht sagen, doch der Kapitän führte sie zu einem der unzähligen Kanäle, auf dem schon eine wunderschön geschmückte Gondel auf sie wartete.

Behände stieg er in das wackelige kleine Boot und reichte ihr die Hand. „Wenn ich bitten darf, Mylady", sagte er galant und Elisabeths Magen kribbelte, als wären in ihm hundert Schmetterlinge gefangen.

Trotz der Abenddämmerung war die Stadt durch unzählige Feuer und Fackeln so hell beleuchtet, das sie jede Kleinigkeit der prächtigen Stadt in sich aufnehmen konnten. Die luxuriösen hohen Bauwerke leuchteten im Widerschein des wenigen Lichtes und Elisabeth konnte sich kaum daran sattsehen. William Hamilton gab sich alle Mühe, ihr die verschiedenen Gebäude zu erklären, doch es war einfach zuviel und schließlich gab sie lachend auf.

Die Fahrt mit der Gondel war viel zu kurz und als sie schließlich am Dogenpalast ein Ende fand, konnte Elisabeth nur staunen. Das Gebäude hatte gigantische Ausmaße und seine gotische Fassade war ein Glanzwerk venezianischer Baukunst.

„Ich habe nicht gewusst, dass der Palast so gewaltig ist", murmelte sie, während William Hamilton ihr beim Aussteigen behilflich war.

„Von Innen ist er noch weitaus pompöser", sagte er und lächelte sie an. „Er kann durchaus mit Königshäusern mithalten. Wenn er nicht sogar viele übertrumpft."

Durch ein großes Tor, das Porta della Carta hieß, gelangten sie in den Innenhof des Palastes und wieder konnte Elisabeth nur staunen. Nie zuvor war sie auf einem Ball gewesen, der nicht in einem großen Saal gefeiert wurde. Hunderte von Menschen tummelten sich auf dem gewaltigen Innenhof und überall hingen bunte Lampions, die zu funkeln schienen.

„Kommt", riss der Kapitän sie zurück in die Gegenwart. „Ich werde Euch dem Dogen vorstellen und wenn uns die Zeit bleibt, werde ich Euch ein wenig von der Pracht des Palastes zeigen."

Elisabeth nickte schnell und ließ sich durch das bunte Treiben führen. Auch wenn sie gar nicht wusste, wohin sie als erstes blicken sollte, so riss sie sich doch zusammen und trug den Kopf so hoch wie möglich. Sie wollte nicht für ein kleines neugieriges Mädchen gehalten werden und den Kapitän brüskieren.

Über eine breite, weit ausladende Treppe führte William Hamilton seine Begleiterin hinauf in die Privatgemächer des Dogen, doch als er schließlich vor der alles entscheidenden hohen Tür stand, überlegte er es sich anders und führte sie in das Innerste des Palastes.

Unglaublicher Prunk strahlte ihnen entgegen und da sie fast alleine waren, erlaubte es sich Elisabeth, den Augenblick zu genießen. Sie legte den Kopf in den Nacken und bewunderte die herrlichen Decken, die mit Ornamenten und Bildern angesehener Künstler verziert waren.

„Unglaublich", murmelte sie leise. „Ich glaube nicht, dass unser Königshaus mit einem solchen Pomp mithalten kann. So etwas habe ich niemals zuvor gesehen."

Die Ausstattung der Innenräume war gewaltig. Überall gab es Stuck, vergoldete Schnitzereien, Statuen bedeutender Künstler, Historiengemälde und Allegorien. Unzählige Kunstwerke, die durch die Epochen führten und Elisabeth war sprachlos über den ganzen Prunk, der immense Summen verschlungen haben musste.

„Man würde Wochen brauchen, um all die Herrlichkeiten zu Gesicht zu bekommen, die es hier zu sehen gibt", flüsterte William Hamilton. Er hatte Elisabeth nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen und freute sich, ihr etwas so Schönes zeigen zu können. „Venedig zeigt gerne, über welche Geldmengen es verfügt und selbst die Bürgerhäuser sind prachtvoll verziert und aufwendig gearbeitet."

„Das glaube ich gerne", staunte sie, dann lächelte sie ihren Begleiter an. „Vielleicht sollten wir nun doch beim Dogen vorstellig werden, denn immerhin sind wir aus diesem Grund hier."

„Auf ein paar Minuten kommt es kaum an", meinte der Kapitän, doch dann lächelte er und führte sie zurück in die privaten Gemächer. „Vielleicht bleibt uns noch genug Zeit in dieser Stadt, sodass ich Euch deren ganze Pracht zeigen kann."

 

                                                                                               *~*~*

 

Dem Dogen selbst, übrigens hielt Elisabeth ihn für einen griesgrämigen alten Mann, waren fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als er ihrer ansichtig wurde. Dann hatte er gelacht und Kapitän Hamilton respektvoll auf die Schulter geklopft. In raschem Italienisch hatten die beiden Männer aufeinander eingeredet und sie hatte nur so viel verstanden, dass der Kapitän am Nachmittag des nächsten Tages erscheinen solle, um alles Geschäftliche zu regeln.

Eigentlich hatte sie nun all das erfüllt, weswegen sie gekommen waren, doch der Kapitän machte keine Anstalten, den Ball wieder zu verlassen und schien nun bester Laune zu sein. Elisabeth war das nur recht. So hatte sie mehr Zeit, das ganze Geschehen auf sich einwirken zu lassen.

Verstohlen blickte sie sich um. Natürlich kannte sie niemanden der anwesenden Gäste, und doch schien sie alle Blicke auf sich zu ziehen. Sowohl die Frauen als auch die Männer starrten sie voller Neugierde an und sie war dankbar, dass William Hamilton nicht von ihrer Seite wich.

Obwohl sie in Italienisch unterrichtet worden war, hatte sie schnell aufgeben müssen. Die Menschen hier sprachen viel zu schnell und das ein oder andere Mal war der Kapitän ihr helfend zur Seite geeilt, da Elisabeth einfach nicht verstand, was gerade von ihr verlangt wurde.

„Warum werde ich so angestarrt?", fragte sie ihren Begleiter leise. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut und schüttelte sich unter einer Gänsehaut.

„Warum sie Euch anstarren?", wiederholte William Hamilton mit hochgezogenen Augenbrauen, doch dann lächelte er. Die Frage war nicht nur rhetorischer Art, sie wusste es wirklich nicht. Lachend schüttelte er den Kopf. „Zum Einen, weil Ihr die einzige Frau mit blonden Haaren seid und zum Anderen, weil Eure Schönheit die aller anderen in den Schatten stellt."

Und noch bevor Elisabeth sich wieder verschämt zur Seite drehen konnte, machte er vor ihr eine tiefe Verbeugung. „Haben Mylady die Ehre, mit mir zu tanzen?"

„Sehr gerne", nickte sie und ließ sich von ihm in die wogende Menge führen. „Jedenfalls sind die Tänze ähnlich", raunte sie ihm zu und er nickte lächelnd.

„Wenn die ungewöhnliche Musik nicht wäre, das italienische Geplapper und die seltsamen Speisen, dann könnte man glatt meinen, wir wären daheim in England." Er lachte laut und auch Elisabeth fiel mit ein.

„God save the Queen", murmelte sie und ließ sich im Takt der Musik herumwirbeln.

William Hamilton hingegen genoss seinen Sieg über den Dogen. Seine gute Laune war ihm an der Nasenspitze anzusehen und er legte auch keinen Wert darauf, sie zu verbergen. Sollten doch alle anwesenden Adligen und Geschäftsmänner wissen, dass er dem Dogen ein Schnippchen geschlagen hatte. Für seine geschäftlichen Beziehungen in dieser wunderbaren Stadt konnte das nur von Vorteil sein.

 

                                                                                                *~*~*

 

Endlose Stunden später lächelte Elisabeth noch immer vor sich hin. Sie lag auf dem schmalen Bett in ihrer Kajüte auf der Sundowner und starrte an die Decke. Es war ein unglaublich schöner Abend gewesen und sie war sich sicher, diesen ihr Lebtag nicht wieder zu vergessen. Stunde um Stunde hatte sie mit dem Kapitän getanzt, sich unterhalten und viel gelacht und nun war sie so aufgekratzt, dass der Schlaf nicht kommen wollte.

Doch dieses Mal machte es ihr nichts aus, sich schlaflos auf dem Bett zu wälzen. Sie wollte gar nicht einschlafen, denn dann hätte sie vielleicht all die wunderbaren Dinge verloren, die sich vor ihrem inneren Auge abspielten.

William Hamilton war ein wahrhaftig außergewöhnlicher Mann und wie Elisabeth festgestellt hatte, war er der erste Mann, den sie nicht nach wenigen Minuten fad und langweilig fand. Er war belesen, hatte eine perfekte Ausbildung und ein ebensolches Benehmen, er war unterhaltsam und das Leuchten seiner blauen Augen war fast unwiderstehlich.

Elisabeth kicherte leise vor sich hin. Würde jemals ein solcher Mann bei ihrem Onkel vorstellig werden, so würde sie ihn gewiss nicht nach wenigen Minuten abweisen. Doch dann erschrak sie furchtbar. Es durfte nicht einfach ein Mann wie Kapitän Hamilton sein. Er musst es selbst sein!

„Ach du meine Güte", murmelte sie fassungslos vor sich hin. Sie hatte endlich begriffen, warum ihre Gefühle ständig in Aufruhr waren, warum ihr Magen stets rumorte wenn er in der Nähe war und warum ihr Herz immer flatterte. Nie zuvor hatte sie etwas Ähnliches gespürt und sie fühlte sich seltsam ertappt.

Erste Tränen drangen in ihre Augen, als sie begriff, was das alles zu bedeuten hatte und Elisabeth hatte nicht vor, sie aufzuhalten. Ein einfacher Kapitän würde niemals vor ihrer Familie Gefallen finden und überhaupt wusste sie nicht einmal, ob auch er Interesse an ihr hatte.

„Was auch vollkommen unwichtig ist", murmelte sie leise und sehr bedrückt. „Es sind nur noch ein paar Wochen, dann werde ich ihn nie wiedersehen."

 

                                                                                             *~*~*


„Ich wollte schon einen Suchtrupp losschicken", murrte Alexander Harris, der seinem Freund in dessen Kajüte gefolgt war. Er setzte sich auf einen Stuhl und schüttelte den Kopf. „Der Morgen graut bereits. Ich dachte, du wolltest so schnell zurück sein wie möglich."

„Es hat sich anders entwickelt als gedacht", lachte William Hamilton, dessen gute Laune noch immer nicht verschwunden war. „Es war ein … ein außergewöhnlicher Abend und bedurfte außergewöhnlicher Mittel."

„Hör auf, in Rätseln zu sprechen und sag mir endlich, was der Doge gesagt hat, als er dich und Miss Elisabeth gesehen hat. War er wütend? Hat er große Augen gemacht? Oder hat der alte Mistkerl sich etwas Neues einfallen lassen, um dich zu ärgern?"

„Der Doge?", wiederholte der Kapitän der Sundowner, als hätte er dieses Wort nie zuvor gehört.

„Sag mal, bist du betrunken?", platzte es aus dem Bootsmann heraus. „Natürlich der Doge! Wer denn sonst? Wegen ihm warst du doch überhaupt nur unterwegs." In einer solch seltsamen Stimmung hatte er seinen besten Freund niemals zuvor gesehen und es machte ihm ein bisschen Angst. „Also raus mit der Sprache! Sag mir endlich, was du den ganzen Abend und die ganze Nacht über gemacht hast!"

„Ich soll morgen … nein, heute Nachmittag zu ihm kommen", erklärte William Hamilton, zog sein Wams aus und warf es lässig über eine Stuhllehne. Dann entknotete er das Tuch um seinen Hals und ließ es dem Wams folgen.

„Besonders redselig bist du nicht gerade", stellte Xander Harris beleidigt fest. Und dabei war er gerade sehr neugierig und er wollte wissen, was in dem Kopf seines Freundes vor sich ging.

„Was willst du denn wissen?" Der Kapitän öffnete sein Hemd, zog es über den Kopf und warf es grinsend seinem Freund entgegen.

„Zum Beispiel, wo du solange warst und warum du dauernd wie ein Honigkuchenpferd grinst. Und vor allem will ich wissen, ob Miss Elisabeth hübsch ist oder nicht!"

„Hübsch?", überlegte William Hamilton und lächelte unentwegt. „Nein. Hübsch ist sie nicht. Sie ist wunderschön. Perfekt!"

„Oh je", murmelte der Bootsmann und seufzte theatralisch. „Das erklärt alles." Dann seufzte er ein weiteres Mal, denn ihm wurde bewusst, dass nun eine schwere Zeit auf ihn zukam.

Teil 16

Die Wochen vergingen wie im Flug und Elisabeth fiel es immer schwerer, eine gute Laune zur Schau zu stellen. Denn je mehr Zeit verstrich, desto weniger Zeit verblieb ihr auf diesem herrlichen Schiff, auf dem man sich nicht seinen Problemen stellen musste. Im Grunde wünschte sie sich, die Sundowner würde bis ans Ende aller Tage weiter über die Meere segeln und sie schimpfte sich deswegen einen Dummkopf. Und doch konnte sie es nicht ändern. Sie hatte Angst, blanke Angst.

Bald würde es an der Zeit sein, wieder englischen Boden zu betreten und ihr graute davor. Es war nicht allein der Gedanke, den Kapitän der Sundowner niemals wiederzusehen, auch wenn das alleine schon Grund genug war, es war vielmehr die Furcht vor ihrer Familie.

Justin würde sich einfach freuen, dass sie heil und gesund wieder zurückkam und sie selbst konnte es kaum erwarten, Willow endlich wieder in die Arme zu schließen. Doch Onkel und Tante? Würden die beiden sie überhaupt wieder aufnehmen oder wie eine Fremde einfach abweisen? Beide, sowohl Onkel Edward als auch Tante Margret, waren sehr stolze Menschen, die eine solche Blamage nicht einfach hinnehmen würden und Elisabeth mochte gar nicht darüber nachdenken.

Was würde, nein, sollte sie tun, wenn man sie hinauswarf? An wen sollte sie sich wenden? Ganz alleine auf sich gestellt… nein, das konnte sie sich nicht vorstellen und in ihr nagte eine schreckliche Furcht vor der Ankunft in England.

„Master Justin", rief der Bootsmann mit einem breiten Lachen im Gesicht. „Habt Ihr die guten Nachrichten schon gehört?"

Elisabeth riss sich zusammen und wandte sich ihm zu. „Gute Nachrichten? Nein, bisher leider noch nicht." Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Reling und versuchte ein Lächeln. „Erzählt es mir!"

„Wir werden keinen Zwischenstopp in Cabo de Sao Vincente einlegen, wie ursprünglich geplant", freute er sich und klatschte begeistert in die Hände. „Der Wind ist uns seit Venedig hold und da sowohl der Kapitän als auch der Schiffskoch der Meinung sind, genügend Vorräte an Bord zu haben, werden wir direkten Kurs nach England setzen."

Es war furchtbar schwer, dass ihr gespieltes Lächeln nicht zu einer Grimasse verkam und sie schluckte schwer. „Das sind durchaus gute Nachrichten, Master Alexander", krächzte sie. „Das verkürzt unsere Reise um…"

„… fast zwei Wochen", half ihr der Bootsmann aus. „Vorausgesetzt, wir geraten nicht wieder in eine dieser schrecklichen Windstillen oder gar einen Sturm."

„Das klingt wirklich ganz wunderbar", brachte Elisabeth über die Lippen. Doch der Bootsmann durchschaute sie. Fast jedenfalls, denn er war auf einer vollkommen falschen Fährte.

„Wie ich sehe, gefallen Euch die Aussichten nicht unbedingt", sagte er leise und nickte ihr aufmunternd zu. „Aber solche Stürme, wie wir auf dem Hinweg einen erlebt haben, sind äußerst selten und die Chance, in einen zweiten zu geraten, ist sehr gering."

„Da bin ich aber beruhigt", murmelte sie und sah ihn mit trüben Augen an. „Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet. Ich fühle mich nicht sehr wohl und möchte mich gerne zurückziehen."

„Selbstverständlich", nickte der Bootsmann und trat einen Schritt zur Seite. „Aber ich soll Euch noch ausrichten, dass der Kapitän mit Euch sprechen möchte." Er sah sich unauffällig um und beugte sich dann zu Elisabeth herunter. „Es geht wohl darum abzusprechen, was Eurem Onkel mitgeteilt werden soll und was besser verschwiegen wird."

„Verstehe", nickte sie und seufzte. „Ich werde ihn aufsuchen, sobald mir wohler ist." Und damit ließ sie ihn stehen. Sie musste jetzt alleine sein, denn sie wusste nicht, wie lange sie noch die Tränen zurückhalten konnte, die nun mit Macht in ihre Augen drangen.

 

                                                                                               *~*~*

 

Über eine Woche war es nun her, dass der Bootsmann Elisabeth mit den schrecklichen Nachrichten erschreckt hatte und ihre Laune sank jeden Tag ein kleines Stückchen mehr. Was allerdings im krassen Gegenteil zum Rest der Crew stand, denn an Deck wurde viel gesungen und gelacht und jeder an Bord schien sich auf Zuhause zu freuen. Fast jeder!

Allen Mut zusammennehmend klopfte sie wie immer am Abend an der Kajütentür des Kapitäns, der sie auch sogleich hereinrief.

„Guten Abend", murmelte sie, nickte den beiden anwesenden Männer zu und setzte sich auf den Platz, auf dem sie schon unzählige Male gesessen hatte.


„Den wünsche ich Euch auch", erwiderte der Kapitän herzlich und rollte die Seekarten zusammen, mit denen er eben noch hantiert hatte. „Ich habe eine gute Nachricht für Euch", lächelte er und setzte sich ihr gegenüber.

„Und ich weiß nicht, ob ich noch mehr gute Nachrichten verkraften kann", rutschte es ihr heraus und da der Kapitän sie verblüfft ansah, beeilte sie sich den Kopf zu schütteln. „Vergesst, was ich gesagt habe. Es ist nicht wichtig."

„Nun, wie auch immer", meinte er verwirrt. „Jedenfalls wollte ich Euch mitteilen, dass dies das letzte Dinner ist, das wir zusammen einnehmen. Schon morgen in aller Frühe werden wir…" Weiter sprechen brauchte er nicht, denn Elisabeth war aufgesprungen und aus dem Raum gestürmt.

„Was war jetzt das?", erkundigte sich der Bootsmann verwundert, der bisher stumm am Tisch gesessen hatte.

„Ich glaube, sie macht sich große Sorgen wegen ihrem Onkel", murmelte William Hamilton und starrte auf die Tür, die sie hinter sich zugeschlagen hatte. Es kostete ihn einiges an Mühe, ihr nicht hinterherzueilen, sie in die Arme zu ziehen und ihr zu versichern, das alles ein gutes Ende nahm.

Schon bei ihrer Abreise aus Venedig hatte er ihre Veränderung gespürt. Sie lachte kaum mehr und je näher sie England kamen, desto mehr schien sie die Kraft zu verlieren, die ihr sonst zu Eigen war.

„Warum?", erkundigte sich Alexander bei seinem Freund. „Du hast ihn zwar als harten Geschäftsmann beschrieben, doch auch stets gesagt, was für ein feiner Kerl er ist."

„Denk doch mal nach, Xander", seufzte der Kapitän. „Du hast furchtbar geschimpft, weil mein Ruf zerstört werden könnte, wenn man sie als Frau erkennt." Er machte eine Pause und sah seinen Freund an. „Was glaubst du, wie es um ihren Ruf bestellt ist, wenn jemals bekannt wird, dass sie sich wochenlang nur unter Männern aufgehalten hat?"

„Aber es ist doch nichts geschehen", brummte der Bootsmann missmutig. „Wir haben doch gut auf sie aufgepasst und keiner der Männer ahnt auch nur, dass sie eine Frau ist."

„Und wer bitte soll das vor ihrem Onkel bezeugen?", fragte William seufzend. „Du? Ich? Darf ich dich daran erinnern, dass wir auch Männer sind!"

 

                                                                                              *~*~*

 

„Ich werde Euch eine Kutsche rufen lassen, sobald die Sundowner fest am Pier vertäut ist", raunte der Kapitän Elisabeth zu, die an der Reling stand und sich schon seit Stunden keinen Millimeter bewegt hatte. Ihre Verzweiflung war fast greifbar und wieder musste er das Bedürfnis, sie zu trösten, unterdrücken. Gerade hier auf Deck musste er besonders aufpassen und durfte nicht einmal ihre Hand nehmen. „Euer Gepäck lasse ich mit einer zweiten Kutsche nachschicken."

„Danke", krächzte Elisabeth und war nicht in der Lage, den Blick von der Stadt zu lösen, die so widersprüchliche Gefühle in ihr auslöste. Brighton! Sie hatte die Stadt, die Menschen und ihre Heimat wochenlang vermisst, doch nun hatte sie Angst davor, auch nur einen Schritt an Land zu setzen.

„Ich kann Euch leider nicht begleiten", flüsterte William Hamilton leise. „Aber ich verspreche Euch, ich werde schon morgen zu Eurem Onkel gehen und ihn überzeugen, dass… Er wird Euch bestimmt nicht…"

„Nein, wird er nicht", seufzte Elisabeth laut, doch sie glaubte nicht daran. „Er wird nicht."

 

                                                                                               *~*~*

 

Knapp eine Stunde später rollte die Kutsche die schmale Zuwegung zu ihrem Zuhause hinauf und wie Elisabeth beklommen feststellte, hatte man bereits von ihrer Ankunft erfahren. Onkel und Tante standen mit griesgrämigen Gesichtern und verschränkten Armen auf der breiten Treppe vor dem Haus und wirkten alles andere als glücklich.

Es dauerte einen Moment, bis Elisabeth die Kraft gefunden hatte, aufzustehen und auszusteigen, doch noch bevor sie auch nur einen Schritt auf die kiesbedeckte Auffahrt tun konnte, war Tante Margret auch schon auf sie zugestürmt und hatte sie in ihre Arme gerissen.

„Oh, mein Gott, Elisabeth", weinte sie. „Ich habe nicht erwartet, dich jemals gesund und munter wiederzusehen!"

Auch ihr Onkel kam näher, seufzte unter einem Kopfschütteln schwer und zog sie in die Arme. „Kind, auf was hast du dich da nur eingelassen?"

Die Begrüßung war stürmisch und herzlich und obwohl Elisabeth überglücklich war, kam sie aus dem Weinen nicht heraus und wahre Tränenströme rannen über ihr Gesicht. „Wo ist Justin?", erkundigte sie sich schluchzend, denn sie konnte ihren Cousin nirgends entdecken.

„Ich besitze vielleicht nur ein Schiff", brummte Onkel Edward, „aber ich habe durchaus Einfluss. Justin dient für zwei Jahre auf einem Schiff unserer königlichen Marine", sagte er trotzig. „Er hätte es bedeutend einfacher haben können, doch er wollte es ja nicht anders!"

„Und wie geht es ihm?", erkundigte sich Elisabeth, noch immer schluchzend.

„Es geht ihm gut", lächelte Margret unter Tränen. „Wir haben vor zwei Wochen einen Brief erhalten und in dem schreibt er, dass er sich langsam eingewöhnt und auch schon Freunde gefunden hat."

„Es wird Zeit, dass der junge Mann endlich erwachsen wird", donnerte Onkel Edward. „Und jetzt ist Schluss mit dieser ganzen Gefühlsduselei", schimpfte er, nahm Elisabeth zur Seite und maß sie mit finsterem Blick. „Du wirst dich jetzt waschen und standesgemäß kleiden", schimpfte er weiter. „Und dann kommst du in mein Arbeitszimmer. Ich habe mit dir zu reden, junge Dame!"

 

                                                                                                 *~*~*

 

„Also! Fang an zu erzählen", brummte Onkel Edward und setzte sich an seinen pompösen Schreibtisch. Er hatte seiner Nichte eine Stunde Zeit gelassen, doch nun war es nötig, ihr auf den Zahn zu fühlen. Es war wichtig zu wissen, ob es einen Skandal geben würde oder ob sie mit einem blauen Auge aus der Sache herauskam.

„Was soll ich denn erzählen?", fragte Elisabeth verwirrt. Sie wusste doch gar nicht, wo sie anfangen sollte und was genau ihr Verwandter wissen wollte.

„Gut", knurrte er, „dann anders!" Er griff nach seiner Schreibfeder und drehte sie in den Händen. „Weiß der Kapitän, dass du eine Frau bist?"

„Ja", sagte Elisabeth leise. Gleich am Anfang so eine bedeutende Frage, das konnte nichts Gutes verheißen und so begann sie leise zu erzählen. Doch wie mit William Hamilton abgesprochen, veränderte sie die Geschichte etwas, denn niemand sollte je erfahren, wie und wo der Kapitän erfahren hatte, wer sie wirklich war. „Ich habe mich einfach verplappert und von Willow gesprochen. Und da Männer keine Kammerzofen haben, hat der Kapitän schnell herausgefunden, wer ich bin."

„Wer weiß es noch?"

„Der Bootsmann", seufzte sie kleinlaut.

„Ich kenne Alexander Harris", brummte ihr Onkel. „Manchmal ein bisschen ruppig, manchmal ein bisschen vorlaut, doch stets ein Mann, auf dessen Verschwiegenheit man zählen kann." Er warf die Feder auf den Tisch und schüttelte seufzend den Kopf. „Wer sonst noch?"

„Niemand", versicherte Elisabeth schnell. „Niemand sonst weiß es."

„Immerhin etwas", murmelte ihr Onkel einigermaßen erleichtert. „Also können wir davon ausgehen, dass diese Scharade niemals bekannt wird." Dann maß er sie mit einem bitterbösen Blick. „Was es für dich bedeuten würde, sollte dieser Schlamassel je an die Öffentlichkeit kommen, brauche ich dir nicht zu erläutern, oder?"

„Nein, Sir", murmelte sie mit gesenktem Haupt.

„Bist du gut behandelt worden?", fragte er dann argwöhnisch und Elisabeth hatte das Gefühl, dass dieses Verhör noch lange nicht beendet war.

„Ja, man hat mich sehr gut behandelt", antwortete sie daraufhin wahrheitsgemäß.

„Gut. Dann zu etwas anderem", brummte Onkel Edward und schürzte die Lippen. „Was weißt du über William Hamilton?"

Elisabeth fand die Frage merkwürdig, doch sie hütete sich davor, ihren Onkel zu kritisieren. „Er ist gut zu seinen Männern, scheint eine exzellente Ausbildung genossen zu haben…", zählte sie auf, doch ihr Verwandter unterbrach sie.

„Das weiß ich alles selbst", seufzte er und schüttelte den Kopf. „Ich will wissen, was er dir über sich selbst erzählt hat."

Eine lange Zeit war es still und Elisabeth dachte scharf nach. „Eigentlich", murmelte sie dann verwirrt, „eigentlich kenne ich nur seinen Namen." Sie runzelte die Stirn. „Mehr weiß ich eigentlich nicht von ihm."

„Du weißt nicht, wer er ist?" Ihr Onkel lehnte sich vor und sah sie aufmerksam an.

„William Hamilton", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Du kennst ihn doch. Er ist der Kapitän auf deinem Schiff."

Onkel Edward lachte. Er kannte seine Nichte lange genug und wusste, dass sie die Wahrheit sprach. „Offensichtlich kenne ich ihn bedeutend besser als du, und das, obwohl du eine so lange Zeit mit ihm verbracht hast." Er nickte ihr zu und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. „Hamilton", sagte er dann, „ist der Mädchenname seiner Mutter. Er hat ihn benutzt um… sagen wir es so, als Kapitän eines Schiffes wahrgenommen zu werden."

Nun endgültig komplett verwirrt schüttelte Elisabeth den Kopf. „Als wen sollte man ihn sonst ansehen?"

„Als das, was er ist. William Andrew Darnley. Seines Zeichens Lord of Darnley und somit einer der reichsten Männer unseres Landes!"

Teil 17

Noch eine lange Zeit saß Elisabeth im Arbeitszimmer ihres Onkels, denn es war schwer alles in sich aufzunehmen, was sie gerade gehört hatte. Aber der gute Mann schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen und so hatte sie die Zeit, ihre eigenen zu ordnen.

„Warum gibt er sich als etwas aus, was er nicht ist?", platzte es schließlich aus ihr heraus und Wut durchflutete sie. Sie war eine so lange Zeit auf dem Segler gewesen und er hatte es nicht als nötig erachtet, ihr die Wahrheit zu sagen. „Hätte ich gewusst…"

„Elisabeth, Kind", seufzte Onkel Edward. „Ich glaube, du verstehst es falsch. Er war nicht darauf aus, dich zu täuschen. Ich glaube eher, er wollte einfach nicht, dass seine Mannschaft erfährt, wer er ist, denn das hätte das Verhältnis zu ihnen verändert." Er machte eine Pause und ließ sich sogar dazu hinreißen, mit den Schultern zu zucken. „William ist der zweitgeborene Sohn. Es war nie vorgesehen, dass er Titel, Vermögen und das Anwesen erbt. Sicherlich wäre er auch ohne all das gut gestellt gewesen, denn er entstammt einem sehr wohlhabenden Geschlecht, aber das reichte ihm nicht."

Er stand wieder auf und stellte sich an das hohe Fenster, das einen Blick auf die Gartenanlage zuließ. „Ich kenne ihn schon lange, schon wegen seinem Vater, mit dem mich eine tiefe Freundschaft verband. Und ich muss gestehen, ich habe William immer ein kleines bisschen beneidet. Er hat sich nicht einfach in ein gemachtes Nest gesetzt, sondern er wollte die Welt sehen und er hat sich durch nichts aufhalten lassen."

Onkel Edward lachte kurz. „Und er hat seinen besten Freund gleich mitgenommen. Die beiden kennen sich seit Kindertagen und Alexander Harris entstammt nur dem einfachen Landadel. Seine Familie besitzt nicht gerade ein großes Vermögen, aber dank Williams Hilfe ist auch er nun ein gemachter Mann. " Er machte eine Pause und sah hinaus. „William Darnley hat sein eigenes Vermögen klug genutzt, hat seine Finger mittlerweile in unzähligen Geschäften und ich muss sagen, er hat ein goldenes Händchen. Alle Betriebe florieren und er wäre auch ohne das Vermögen seiner Familie ein steinreicher Mann. Aber seltsamerweise interessieren ihn die Geschäfte nicht wirklich und er stellt die besten Verwalter ein, die man für Geld bekommen kann."

„Und weswegen ist er zur See gefahren?", erkundigte sich Elisabeth leise. „Gab es besondere Gründe dafür?" Die Wut in ihrem Inneren war abgeflaut und hatte einer großen Neugierde Platz gemacht, die unbedingt befriedigt werden wollte. Sie wollte so viel wie möglich über den Mann erfahren, den sie eigentlich zu kennen glaubte und der nicht mehr aus ihren Gedanken zu vertreiben war.

„Nein, ich denke eher nicht. Meiner Meinung nach wollte er sich einfach die Welt ansehen und nebenher hat er, wie immer, sehr erfolgreiche Geschäfte getätigt." Onkel Edward lachte wieder. „Er hat ein unglaubliches Talent und ich habe durch ihn eine Menge Geld verdient. Auch diesmal wird er sicherlich erfolgreich gewesen sein." Er drehte sich zu ihr um und lächelte. „Vielleicht wollte ich deshalb, dass Justin auf die Sundowner geht. Er sollte lernen, dass es mehr bedeutet ein Mann zu sein, als das geerbte Vermögen zu verprassen." Er seufzte wieder. „Ich habe gehofft, er würde sich William Darnley zum Vorbild nehmen oder zumindest verstehen, was ihn erwartet, wenn ich einmal nicht mehr bin."

„Er hat mir erzählt, dass dies seine letzte Reise war", sagte Elisabeth so leise, dass sie kaum zu verstehen war. Sie schämte sich. Hätte sie gewusst, warum ihr Onkel seinen Sohn auf das Schiff bringen wollte, dann hätte sie ihn höchstpersönlich abgeliefert. Aber dafür war es nun zu spät. „Warum hört er auf?"

„Sein älterer Bruder ist im Frühjahr bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen", erzählte Onkel Edward, „und da er nicht verheiratet war und demnach auch keine Nachkommen hat, folgt William ihm in der Rangfolge. Er hat sich ab jetzt um viele Dinge zu kümmern. Nicht nur um seine eigenen Geschäfte, sondern er muss sich nun auch um den Besitz seiner Familie, der im Moment von einem Verwalter geleitet wird, kümmern. Immerhin hat er nun den Titel geerbt und damit auch einiges an Verantwortung." Dann grinste er und sah dabei aus wie ein junger Mann. „Vielleicht hat er sich auch einfach genug die Hörner abgestoßen und gründet eine Familie."

 

                                                                                           *~*~*

 


Der letzte Satz ihres Verwandten hatte seltsam wehgetan und Elisabeth musste noch lange darüber nachdenken. Ihr Herz schmerzte, wenn sie ihn in den Armen einer anderen Frau sah und doch konnte sie diese Bilder nicht aus ihren Gedanken vertreiben.

Im Grunde wünschte sie sich, dass er käme und ihr seine Liebe gestand. Doch sie war schlau genug, um nicht darauf zu hoffen. William Darnley war ein welterfahrener Mann, der nichts mit einem jungen Mädchen anfangen konnte, das kaum jemals aus Brighton herausgekommen war. Und doch tat es weh, auch nur darüber nachzudenken.

 

                                                                                         *~*~*

 

Die Nacht brach herein und es war ein sehr seltsames Gefühl, in ein großes weiches Bett zu steigen. Elisabeth hatte sich so an die schmale harte Pritsche auf der Sundowner gewöhnt, dass es einige Zeit dauerte, bis sie sich wohl fühlte.

„Erzähl mir noch einmal von dem Bootsmann", forderte Willow sie auf und lachte. „Er scheint ein recht interessanter Mann zu sein und ich würde ihn zu gerne einmal kennenlernen." Sie schüttelte das Kissen auf und seufzte leise. „Ich würde auch gerne einmal einen solchen Mann kennenlernen."

„Vielleicht hast du ja morgen die Gelegenheit", lachte Elisabeth, dankbar für jede Ablenkung. „Aber wie kann man jemanden interessant finden, den man gar nicht kennt? Aus meinen Erzählungen heraus?"

„Vielleicht, weil du gesagt hast, dass er ein ähnliches Schicksal hat wie ich." Sie seufzte und verzog das Gesicht. „Verarmter Landadel", murmelte sie leise und dachte an ihre eigene Familie. Mit vier Schwestern und zwei Brüder war ihre Familie reichlich gesegnet, vor allem, da ihr Vater es sich kaum leisten konnte, alle Münder zu stopfen. Sie selbst hatte viel Glück gehabt, dass Elisabeths Familie sie zu sich geholt hatte und auch, wenn sie eigentlich nur als Gesellschafterin und Kammerzofe bestellt war, so war sie doch so viel mehr. „Außerdem sind Wunschträume besser, als keine Träume mehr zu haben."

„Willow", seufzte Elisabeth und nahm ihre Hand. „Wir werden schon noch den passenden Ehemann für dich finden."

„Ach was", sagte Willow und schüttelte den Kopf. „Mir ist schon lange bewusst, dass mich wohl niemand will." Ihre Stimme wurde immer dünner und Elisabeth musste sich anstrengen, alles zu verstehen. „Wer will schon eine arme alte Kirchenmaus?"

„Du bist weder arm noch alt", schimpfte Elisabeth. „Du bist kaum zwei Jahre älter als ich und ich werde dich mit einer guten Mitgift ausstatten, sobald ich volljährig bin. Das habe ich dir versprochen. Das weißt du doch."

„Und ich werde dein Geschenk niemals annehmen", sagte Willow und hob trotzig den Kopf. Und da sie nicht wollte, dass Elisabeth weiter auf sie einredete, sprach sie schnell weiter und setzte ein fröhliches Gesicht auf. „Also los! Erzähl mir von dem Bootsmann. Wie sieht er aus und vor allem, ist er ein stattlicher Kerl?"

Elisabeth lachte, krabbelte unter die Decke und klopfte dann auf den freien Platz neben sich. „Setz dich, denn es gibt eine Menge zu erzählen. Und es wird gewiss eine lange Nacht."

Es tat gut, sich endlich einmal alles von der Seele zu reden und da Willow stets vertrauenswürdig war, machte sie auch vor den Dingen nicht Halt, die sonst niemand je erfahren durfte. Wie Elisabeth vorhergesagt hatte, wurde es eine lange Nacht und erst weit nach Mitternacht fielen ihr die müden Augen zu und sie sank in einen unruhigen Schlaf.

 

                                                                                                  *~*~*

 

„Er ist da", raunte Elisabeth Willow zu und lehnte sich weit über die Brüstung, um die in der Eingangshalle empfangenen Gäste zu sehen. Es war ihr erstaunlich leicht gefallen, wieder in die Rolle eines jungen Mädchens zu schlüpfen und das war hauptsächlich Willows Verdienst.

„Es schickt sich nicht, so neugierig zu sein", schüttelte die Kammerzofe lachend den Kopf und zog am Kleid ihrer Freundin. „Wenn man dich sieht, hält man dich für ungezogen."

„Dann bist du also gar nicht neugierig?", erkundigte sich Elisabeth scheinheilig.

„Nein, warum sollte ich auch", erwiderte Willow und zupfte wieder an ihrem Kleid.

„Weil der Bootsmann, Master Alexander Harris, auch gekommen ist", grinste Elisabeth in das erstaunte Gesicht der Freundin, dann lehnte sie sich wieder über das Geländer. „Onkel Edward und der Kapitän gehen in das Arbeitszimmer", vermeldete sie, „aber Master Harris bleibt wohl in der Halle." Elisabeth lachte. „Vielleicht solltest du ihn dir einmal aus der Nähe ansehen. Wer weiß, wie oft du noch die Gelegenheit hast."

„Es schickt sich nicht für eine Lady…", murmelte die getreue Zofe verlegen, wurde jedoch unterbrochen.

„Willow", schimpfte Elisabeth leise. „Wie soll denn ein Mann um dich werben, wenn er nicht einmal weiß, dass du existierst?" Dann lächelte sie geheimnisvoll und löste den Schal um ihren Hals. Sie ließ ihn fallen, sah ihn langsam zu Boden fallen und lachte wieder. „Als treue Freundin bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als ihn zurückzuholen."

„Du bist gemein", beschwerte sich Willow und nagte an ihrer Unterlippe.

Doch Elisabeth lachte nur und nahm ihre Hand, um sie zur Treppe zu ziehen. „Am besten ich gehe gleich mit, dann kann ich euch jedenfalls vorschriftsmäßig vorstellen."

 

                                                                                               *~*~*

 

Elisabeths Wege schienen heute oft durch die Halle zu führen, doch bisher hatte sie keine Gelegenheit gehabt, auch nur ein Wort mit William Darnley zu sprechen. Allerdings horchte sie, immer wenn sie alleine in der Halle war, an der Tür und hatte auch des Öfteren ihren Namen gehört. Doch sie konnte sich kaum einen Reim darauf machen, vor allem, da das Gespräch sehr leise geführt wurde.

Zu tun blieb ihr nicht viel und so packte sie schnell die Langeweile. Willow und Master Harris verstanden sich prächtig und die Beiden spazierten nun im Park. Mit einem weinenden und einem lächelnden Auge hatte sie dem Pärchen nachgesehen und Tante Margret hatte sie zu Seite genommen und gelacht.

„Wie es aussieht, müssen wir uns vielleicht um eine neue Kammerzofe bemühen. Ich habe selten Menschen gesehen, die sich auf Anhieb so gut verstanden haben."

„Allerdings", hatte sie geantwortet und nicht gewusst, ob sie sich freuen sollte. Immerhin würde das bedeuten, dass ihre beste Freundin sie verlassen würde, sollten die beiden weiterhin so fasziniert von einander sein.

Doch nun endlich war es soweit. Der Lunch wurde serviert und sie saß mit Onkel, Tante und ihrem Gast in dem großen Speisesaal. Doch William Darnley beachtete sie nur wenig. Außer einer knappen Begrüßung und einiger freundlicher Blicke hatte er kaum Zeit, sich weiter mit ihr zu unterhalten. Onkel Edward hatte furchtbar viele Fragen, und die musste er offensichtlich alle bei Tisch stellen. Doch schließlich drängte sich Tante Margret dazwischen. Sie hatte genug von den geschäftlichen Angelegenheiten und wollte das Thema bei Tisch freundlicher gestalten.

„Und dies war tatsächlich Eure letzte Reise, Lord Darnley?", erkundigte sie sich und kanzelte ihren Mann mit einem finsteren Blick ab.

„Allerdings", nickte der Angesprochene bedächtig. „Ich habe nun andere Aufgaben zu erfüllen, auch wenn es mir gewiss nicht leicht fällt, von nun an sesshaft zu werden."

„Nun", meinte Onkel Edward und lächelte Elisabeth dabei seltsam an. „Einen Hafen werdet Ihr demnächst dennoch ansteuern", sagte er und sah von einem zum anderen. „Den Hafen der Ehe."

„Oh, Ihr werdet heiraten?", fragte Tante Margret und übertönte damit fast das Geräusch, dass Elisabeth fallender Suppenlöffel hinterließ. „Wer ist die Glückliche? Kennen wir sie?"

„Das sollte man annehmen", sagte nun Lord Darnley und sah Elisabeth ernst an. „Es ist Eure Nichte, Elisabeth."

Dann geschah einiges gleichzeitig. Onkel Edward sprach einen Toast aus, Tante Margret lachte aufgeregt und klatschte vor Begeisterung in die Hände und Elisabeth rannte aus dem Zimmer.

„Macht Eure Nichte das immer so?", fragte der Kapitän der Sundowner und starrte wieder einmal auf eine verschlossene Tür. Mit einer solchen Reaktion hatte er nicht gerechnet und er wusste nicht, was er nun tun sollte. Hatte er sich denn so geirrt? Hatten ihre Gesten, ihre weiche Stimme, wann immer sie mit ihm sprach, und ihr Lächeln ihn getäuscht und sie empfand gar nichts für ihn?

„Sie ist bestimmt nur überwältigt von der Ehre", murmelte Tante Margret aufgeregt und wollte schon aufstehen. Doch ihr Mann hielt sie zurück.

„Lassen wir Lord Darnley das Vergnügen, sie zu suchen", sagte er leise lächelnd. „Er hat sich wochenlang mit ihrem Temperament herumgeschlagen und schafft es nun auch." Dann lehnte er sich vor und sah ihn verschwörerisch an. „Entweder sie ist im Pferdestall oder aber im Wald am oberen Ende des Parks. Dort hat sie sich schon als kleines Mädchen immer versteckt."

„Danke", murmelte William Darnley und stand auf. „Ich hoffe, ich finde sie."

 

                                                                                            *~*~*

 

„Auf einem Schiff seid Ihr weitaus leichter zu finden", sagte er einige Zeit später zu Elisabeth, die auf einem umgestürzten Baumstamm saß und trotzig das Kinn reckte.

„Was ist das für ein schreckliches Spiel?", zischte sie böse. „Die Rache für das, was ich Euch angetan habe? Glaubt Ihr etwa, für mich wäre die ganze Angelegenheit nicht schlimm genug gewesen? Warum müsst Ihr mich nun auch noch bestrafen?"

Einen Augenblick starrte er sie fassungslos an. Offenbar glaubte sie an ein abgekartetes Spiel, das Ihr Onkel und er ausgeheckt hatten, dann wurde er zornig. „Was bringt Euch auf den Gedanken, ich würde mich auf eine solche Art und Weise rächen wollen?"

„Weil es kaum Euer Ernst sein kann, mich heiraten zu wollen", schimpfte sie und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ich bin bestimmt nicht die Art von Frau, die sich ein Mann wie Ihr wünscht!"

„Warum nicht?", erkundigte er sich leise und ging langsam auf sie zu.

„Weil ich jung bin, weil ich unerfahren bin, weil mir ständig dumme Sachen passieren, weil ich…"

„… wunderschön bin", führte er weiter. „Anmutig, liebreizend und mutig wie ein Löwe. Weil Ihr mich lachen lasst, fühlen lasst, weil Ihr mir nicht mehr aus dem Kopf geht." Er hatte sie erreicht, nahm ihre Hand und zog sie hoch. „Und weil Ihr mein Herz im Sturm erobert habt!"

„Oh, mein Gott", seufzte sie, als sie in seine Augen sah. „Ihr meint es ernst."

„Allerdings", nickte er und lächelte verhalten. „Vorausgesetzt, Ihr wollt mich heiraten. Immerhin habt Ihr schon einige Bewerber vom Hof gejagt." Er war unsicher wie selten in seinem Leben, doch er musste Gewissheit haben.

„Das war unfair", erwiderte sie beleidigt und wollte sich zur Seite drehen. Doch William Darnley hielt sie fest.

„Ich muss es wissen", sagte er leise und eindringlich und drehte sie so, dass er ihr in die Augen sehen konnte. „Ein einfaches „Ja" würde mir genügen."

„Ja", hauchte sie, dann waren sämtliche Zweifel und Gedanken vergessen, denn William zog sie endgültig in seine Arme und küsste sie, wie sie nie zuvor geküsst worden war.

 

 

Ende!