
The Forgotten Ones
„Verdammt, Spike! Kannst du jetzt bitte damit aufhören?" Gunn verdrehte die
Augen und schüttelte genervt den Kopf. Seitdem der blonde Vampir die Neuigkeiten
gehört hatte, lief er unruhig im Raum auf und ab und schimpfte und meckerte vor
sich hin. „So langsam gehst du mir wirklich auf den Sender!", schimpfte Gunn und
wedelte unwirsch mit der Zeitung, in der er gerade las.
„Pffft", machte Spike, blieb stehen und reckte ihm den gestreckten Mittelfinger
entgegen. „Und er hat wirklich nichts gesagt?", wandte er sich an Fred. „Warum
hat er nicht auf mich gewartet? Er weiß doch, dass …"
Fred zuckte mit den Schultern und setzte ein trauriges Gesicht auf. „Sie hatten es eilig. Wesley hat einen Tipp bekommen, dass der Beleth auf dem Weg nach San Francisco ist. Vielleicht hatten sie einfach keine Zeit zu warten." Das unbändige Gefühl, den Vampir tröstend umarmen zu müssen, keimte in ihr auf, aber Gunns Blick hielt sie zurück.
„Deswegen brauchten sie aber noch lange nicht ohne mich fahren", knurrte
Spike beleidigt. „Ich hatte extra gesagt, dass ich in einer Stunde wieder da
bin. In der Zeit wäre auch nichts passiert, was nicht…"
„Aber wir wussten doch nicht, wo du bist", versuchte Fred sich und Angels
Entscheidung zu verteidigen. „Dein Handy liegt hier und deine Zeitangaben… nun,
sie passen nicht immer unbedingt zu dem, was du sagst." Sie seufzte leise. „Tut
mir wirklich leid", sagte sie dann sanft. „Aber bestimmt sind sie bald wieder
da."
Aber Spike hatte genug gehört. Er schnaubte laut, drehte sich mit wehendem Mantel herum und verschwand in der Nacht.
„Filmreifer Abgang", brummte Gunn und sah der Tür dabei zu, wie sie hinter dem Vampir leise ins Schloss fiel.
„Er macht sich eben Sorgen", meinte Fred, die das Mitgefühl schwer gepackt hatte. „Und ich kann ihn verstehen. Ich würde auch nicht gerne hilflos warten, während Menschen in Gefahr sind, die ich sehr mag."
„Aber Angel ist alles andere als hilflos", erwiderte Gunn, wenn auch bedeutend sanfter als zuvor. „Er kann auf sich aufpassen. Außerdem ist Wes bei ihm und sollte tatsächlich irgendwas geschehen… einer ruft schon hier an und dann sind wir zur Stelle."
Fred nickte. „Aber das hilft Spike auch nicht", sagte sie und zog die Mundwinkel herunter. „Er ist nun mal nicht der Typ, der warten kann."
**************
Der blonde Vampir hingegen war stinksauer! Er streifte durch die gerade angebrochene Nacht, fauchte ein paar Tourristen an, die sich offensichtlich verlaufen hatten und benutzte einen Müllcontainer als Punchingball.
Gerade mal eine Stunde war er nicht da gewesen. Eine verdammte Stunde! Und schon hatte Angel nichts Besseres zu tun, als mit dem Ex-Wächter zusammen auf Dämonenjagd zu gehen.
„Und dann auch noch ein Beleth", knurrte er und erinnerte sich an die Kräfte des Wesens, während er in eine dunkle Seitengasse einbog. „Wehe ihm, wenn er das nicht übersteht", schimpfte er. „Ich bringe ihn eigenhändig um!"
Wie um seine Worte zu bekräftigen, gab er dem nächsten Müllcontainer einen heftigen Schlag und hörte als Antwort darauf ein jämmerliches Jaulen. Neugierig geworden blieb Spike stehen und runzelte die Stirn. „Was zum Teufel war das?", überlegte er laut, ging zurück zum Container und schob den Deckel auf.
Ein völlig verdreckter Welpe schaute ihn aus großen Augen an und winselte herzerweichend.
„Na du", sagte Spike. „Hat man dich auch einfach abgeschoben?", fragte er. „Mich hat man auch vergessen, genau wie dich." Dann zuckte er mit den Schultern und schloss den Deckel wieder. „Du hast es bald hinter dir", versprach er und lief weiter.
Allerdings kam er nicht sehr weit. Das Jammern des kleinen Hundes klang in seinen Ohren nach und selbst drei Straßen weiter konnte er ihn noch immer hören. Natürlich war es nur Einbildung, aber das Jaulen hallte in seinem Kopf wider und die großen Knopfaugen nagten an seinem Gewissen. Spike seufzte theatralisch und drehte um.
„Hey", murmelte er, als er den Container ein weiteres Mal öffnete. Er nahm
das kleine verdreckte Wesen heraus, wischte mit der Hand den größten Schmutz ab
und hielt das Hündchen vor sein Gesicht. „Nicht viel Glück gehabt in deinem
kurzen Leben, oder?", fragte er und spürte, dass der Welpe zitterte. „Und was
mache ich jetzt mit dir? Behalten kann ich dich jedenfalls nicht."
Für einige Zeit lief er planlos hin und her, dann reifte ein einfacher und sehr
effektiver Plan in seinem Kopf heran. Das Ding war ein Hund, und für Hunde war
immer noch der Tierarzt zuständig. Er würde das kleine schmutzige Ding einfach
dort abgeben und wäre fein raus. „Und dann sauf ich mir einen an", sagte er dem
Welpen, der sich in seine Hand schmiegte.
************
„Scheiße! Scheiße! Scheiße!" Es war knapp zwei Stunden später und Spike hielt sich wieder den Welpen vor das Gesicht, um ihm direkt in die Augen sehen zu können. „Mist, verdammter! Und was mache ich jetzt?"
Er war in der Tierklinik gewesen, aber die Aussage des Arztes war enttäuschend. Das kleine Hundewesen war zu jung, um alleine zu überleben. Der Tierarzt schätzte es auf maximal sechs Wochen und meinte, dass das Würmchen alle zwei Stunden mit Ersatzmilch gefüttert werden müsste. „Aber dafür haben meine Angestellten nicht genug Zeit", hatte er nüchtern erklärt. „Manchmal ist es einfach besser, ein Tier einfach einzuschläfern."
Und welcher Teufel ihn dann geritten hatte, konnte Spike hinterher nicht mehr sagen. Er hatte den Welpen baden, bürsten, entwurmen und impfen lassen und ungefähr dreihundert Dollar ausgegeben, um ihn mit allem Nötigen zu versorgen. Einschließlich einem Jahresvorrat an Welpenersatzmilch.
„Scheiße", schimpfte er wieder und ließ das kleine Wesen vorsichtig in seine Manteltasche gleiten. „Angel wird mich umbringen", prophezeite er, lud sich beide Arme mit den gekauften Sachen voll und schob sich geräuschlos durch die Hintertür des Hyperions.
************
„Wo ist Spike?", fragte Angel. Über eine halbe Stunde waren sie nun zurück und die Begeisterung seiner Crew war überwältigend. Wieder und wieder hatten Wesley und er die Geschichte von der Jagd und der Vernichtung des Beleths erzählen müssen und Fred hatte zur Feier des Tages sogar eine Flasche Sekt geöffnet. Der Einzige, der sich nicht blicken ließ, war der blonde Vampir.
„Ja, also", sagte Gunn vorsichtig und verzog das Gesicht. „Er benimmt sich etwas merkwürdig, seitdem ihr gefahren seid", meinte er und sah hilfesuchend zu Fred.
„Ja, also", sagte Fred nun leise und suchte nach den richtigen Worten. „Wir wissen nicht genau, wo er ist. Er scheint die Zimmer zu wechseln. Er taucht immer nur kurz auf, wenn sein Blutvorrat zu Ende geht. Danach verschwindet er einfach wieder."
„Und er sagt kein Wort", nickte nun Gunn.
„Er wechselt die Zimmer?", fragte Angel mit großen Augen. „Warum?"
„Das wissen wir nicht", erklärte Gunn schulterzuckend. „Wir haben sogar einmal
versucht, ihn zu finden … es ist uns nicht gelungen. Und wir haben das ganze
Hotel abgesucht."
„Wir konnten ihn nicht finden", stimmte nun Fred zu, die Angels fragende Blicke kaum aushalten konnte. „Er versteckt sich vor uns." Sie machte eine Pause. „Und er war sehr böse, als er hörte, dass ihr ohne ihn gefahren seid."
„Ihr konntet ihn nicht finden?", wiederholte Angel, aber er sprach mehr mit sich selbst und so gab auch niemand eine Antwort. „Aber ich werde ihn finden", meinte er dann und streckte seine mentalen Fühler aus.
Er lief die Treppe hinauf, blieb stehen und orientierte sich neu. Er konnte Spike im obersten Stockwerk spüren und er wusste, der Weg zu ihm war nicht mehr weit, als er erstmal ganz oben anlangte. Vor einer Tür am Ende eines dunklen Korridors blieb er stehen und lauschte. Aber das, was er hörte, ließ ihm das Blut in seinen toten Adern gefrieren.
„Du bist so wunderbar warm", hörte er Spike leise und sehr sanft flüstern und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Nicht", lachte der blonde Vampir jetzt. „Deine Zunge kitzelt mich."
Angel biss die Zähne zusammen und ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals, der immer weiter anzuwachsen schien. ‚Deswegen versteckt er sich’, dachte er bitter. ‚Ich bin nicht einmal eine verdammte Woche weg und er schleppt eine Schlampe an!’ Seine Hand zitterte vor Zorn, als der den Türgriff umklammerte und Spike wieder leise flüstern hörte.
„Du bist aber auch eine ganz Süße", war das Letzte, was Angel hörte. Dann riss er die Tür auf und stürmte im Vampirmodus in das Zimmer.
„Wo? Was…? Was zum Teufel geht hier vor?", brüllte er und stoppte verblüfft, nachdem er gesehen hatte, das Spike alleine und voll bekleidet auf dem Bett saß. Allerdings war er weit davon entfernt sich zu beruhigen und er lauschte in die Dunkelheit des Zimmers. Wo hatte diese Schlampe sich versteckt?
„Oh", sagte Spike erschrocken. Er hatte seinen Schatz nicht gespürt und
druckste nun herum. „Ich habe euch gar nicht kommen hören."
„Wo ist sie?", knurrte Angel gefährlich.
„Wer?", erwiderte Spike mit dem harmlosesten Gesichtsausdruck, den er zustande brachte. Angel war tatsächlich eifersüchtig. Er konnte sein Glück kaum fassen. Der große dunkelhaarige Vampir sprach nicht besonders oft über seine Gefühle und Spike schwebte im siebten Himmel.
„Die Schlampe, wegen der du dich hier versteckst", zischte Angel gefährlich und trat drohend auf ihn zu.
„Hier", erwiderte Spike leise, zog ein kleines Fellbündel unter der Bettdecke hervor und stand auf. Er blickte Angel fragend an, dann lächelte er und drückte seinem Schatz den Welpen in die vor Wut zitternde Hand. „Ihr Name ist Angelina", sagte er honigsüß, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig auf die Nasenspitze.
„Ein Hund?", fragte Angel, komplett aus der Fassung gebracht. „Was…?"
„Eine lange Geschichte", sagte Spike und schloss die noch immer offen stehende
Tür. Dann stellte er sich hinter seinen Geliebten und seine Hände wanderten auf
dessen Bauch. „Können wir sie behalten?"
„Ich… Wie? Warum?", fragte Angel, dem noch immer die Worte fehlten. Er sah auf
das winzige Wesen in seiner Hand, fühlte das kuschelige Fell und gleichzeitig
kalte Hände, die sich an den Knöpfen seines Hemds zuschaffen machen. „Warum ein
Hund?"
„Weil sie genauso alleine war, wie wir es auf dieser Welt sind", flüsterte Spike und knabberte an seinen Ohren. „Kann ich sie behalten? Kann Angelina hier bleiben?"
„Ich weiß nicht", erwiderte der dunkelhaarige Vampir. Sein Gesicht nahm wieder menschliche Züge an und er versuchte die Gänsehaut zu unterdrücken, die seinen Rücken heraufkrabbelte. Spikes geschickte Finger wanderten unablässig über seine Brust und es fiel ihm immer schwerer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. „Wir sind Vampire… glaubst du wirklich, wir wären als Hundehalter besonders geeignet? Ausgerechnet wir? Und warum heißt sie Angelina?"
„Warum wohl", lachte Spike und seine Finger machten sich daran, die Gürtelschnalle von Angels Hose zu öffnen. „Sag schon ja", murmelte er heiser. „Sag, dass ich sie behalten kann."
„Ich weiß nicht", sagte Angel unsicher, der schon Mühe hatte, das Fellbündel nicht fallen zu lassen. Sein Schatz wusste sehr genau, wie er an sein Ziel kam und die aufkommende Erregung erleichterte die Sache nicht gerade.
„Ich bin mir sicher, mir fällt etwas ein, um dich zu überzeugen", hauchte Spike in sein Ohr. „Ja", lächelte er, als Angel anfing unter seinen Händen zu zittern. „Ich bin mir ganz sicher!"
Ende