Titel: The edge of darkness
Autor: Silentthunder
Inhalt: Elisabeths abgrundtiefböse Tante setzt alles daran, dass Leben ihrer Schwester und deren Familie zu zerstören. Doch beschränkt sie sich nur darauf, oder gehen ihre finsteren Pläne viel tiefer, als es den Anschein hat?
Altersfreigabe: keine
Teile: ?
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Elisabeth, William und viele andere
 

 

The edge of darkness

 

Langsam ruckelte die Kutsche über den unebenen, gefrorenen Boden und das junge Mädchen, das einsam und verlassen im Inneren saß, zitterte so sehr, das ihre Zähne laut klapperten. Und doch entsprang dieses Zittern nicht etwa der Kälte, die Cornwall nun im Januar so eisern umschlossen hielt, sondern zeugte von der Angst vor der ungewissen Zukunft, der die Kutsche sie Meter um Meter näher brachte.

Schon jetzt ließ sich in der frühen Abenddämmerung das Schloss ausmachen, das die nächsten sechs Jahre ihr Zuhause sein würde. Groß und pompös ragte es dem Himmel entgegen, doch es war weder heimelig noch einladend, sondern eher beängstigend. Der grauschwarze Stein wirkte furchteinflößend und die nur spärlich beleuchteten Fenster sahen aus wie schreckliche Augen, die Böses zu wissen schienen.

Das Zittern verstärkte sich, ebenso wie die eisigen Schauer, die in unregelmäßigen Abständen über ihren Rücken jagten und Elisabeth senkte schnell den Blick. Lieber würde sie die nächsten Minuten auf ihre Füße starren, als auch nur noch einen Blick auf das grässliche Haus zu werfen. Ein neuerlicher Schauder ließ sie zusammenzucken. Es würden die schrecklichsten sechs Jahre ihres Lebens werden, dessen war sie sich gewiss. Denn egal wie gut sie sich benehmen würde, egal wie sehr sie sich anstrengen würde… es würde ihrer Tante ein wahres Vergnügen sein, sie zu jeder Stunde zu schikanieren und bis ins Innerste zu verletzen.

Leise seufzend versuchte Elisabeth sich zurückzulehnen und zu entspannen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Und obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, tapfer zu sein und nicht mit dem Schicksal zu hadern, konnte sie nicht verhindern, dass ihre Gedanken in die Ferne schweiften.

 

                                                                                                 *~*~*

 

Lady Margret, die ältere Schwester ihrer Mutter und Hausherrin auf Hampton Court, und ihre Mutter hassten sich bis aufs Blut. Obwohl… eigentlich hegte nur ihre Tante einen solch bitteren Zorn. Ihre Mutter, warm, sanft und gütig, war zu solchen Gefühlen kaum in der Lage und wie sie Elisabeth versichert hatte, hatte sie alles Erdenkliche getan, um den Bruch mit ihrer Schwester zu heilen. Doch Margret hatte der Versöhnung niemals zugestimmt.

Lange Jahre hatte Elisabeth nicht einmal etwas von der Existenz ihrer Verwandten geahnt, denn über das Thema war in ihrem Elternhaus ein Mantel des Schweigens gebreitet worden. Erst vor zwei Jahren hatte sie durch blanken Zufall davon erfahren. Sie war in den Salon gestürzt, aufgeregt und erhitzt und hatte ihrer Mutter sofort von ihrem abenteuerlichen Ausritt erzählen wollen, als ihr Vater haareraufend am Kamin gestanden und geflucht hatte.

„Deine vermaledeite Schwester bringt mich noch um Kopf und Kragen! Wenn das so weitergeht…"

Dann hatte er seine Tochter entdeckt und geschwiegen. Elisabeth hatte erst auf wiederholtes Drängen überhaupt eine Antwort bekommen, doch als ihre Mutter erst einmal zu sprechen begonnen hatte, schien es, als wäre es eine Erleichterung.

„Weißt du, mein Liebling", hatte sie gesagt und ihrer Tochter eine verirrte blonde Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen, „dein Vater hat sich seinerzeit für Margret und nicht für mich interessiert. Sie war die Ältere, wunderschön, belesen und doch…", sie hatte für einen Moment gestockt. „Ich weiß es nicht genau. Vielleicht hat er schon damals etwas Böses in ihren Augen gesehen. Etwas, dass ich nie zuvor bemerkt hatte, oder vielleicht auch nicht bemerken wollte. Margret war immer ein wenig herrschsüchtig und sehr aufbrausend. Schon bei der geringsten Kleinigkeit konnte sie aus der Haut fahren und sich schrecklich aufführen. Aber ich habe sie geliebt und stets zu ihr aufgesehen. Sie war so weltgewandt, so klug und einfach nur wunderschön.

Du musst verstehen… ich habe sie geradezu vergöttert. Sie war vier Jahre älter und es schien, als könnte nichts in der Welt sie belasten oder treffen. Sie war so selbstsicher und fest in ihrem Wesen, wie ich es niemals sein konnte." Hilflos hatte ihre Mutter mit den Schultern gezuckt. „Noch heute, nach all den Jahren schmerzt mich ihr Verlust schrecklich und ich würde einiges dafür geben, die letzten Jahre ungeschehen zu machen.

Dein Vater sieht die ganze Sache natürlich etwas anders, denn seitdem sie dazu in der Lage ist, setzt sie alles daran, uns in jeglicher Hinsicht zu zerstören. Sie streut böse, wirklich üble Gerüchte und setzt alles daran, den guten Ruf deines Vaters zu ruinieren. Doch sie ist noch immer meine Schwester. Und ich …, nein, ich schweife ab." Sie hatte ihre Röcke glatt gestrichen und nach den richtigen Worten gesucht.

„Nun, jedenfalls hat dein Vater sich damals umentschieden und nicht ihr, sondern mir den Hof gemacht. Wie du dir vorstellen kannst, gab es ein großes Durcheinander und mein Vater wollte der Verbindung zwischen uns erst nicht zustimmen. Denn wie konnte es sein, dass die ältere Tochter unverheiratet blieb, während die Jüngere verheiratet war?"

Sie hatte bei der Erinnerung daran gelächelt. „Dein Vater hat harte Überzeugungsarbeit leisten müssen und ich muss sagen, er hat sich nicht beirren lassen, egal welche Hindernisse ihm in den Weg gelegt wurden. Aber wahrscheinlich war es erst das immens hohe Brautgeld, dass er zu zahlen bereit war, das meinen Vater umstimmte.

Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, war meine Schwester sehr böse auf mich. Sie konnte und wollte nicht verzeihen, dass ich den Mann haben sollte, der sie so schnöde und brüsk abgelehnt hatte." Sie hatte die Stirn in Falten gelegt. „Ich weiß nicht, ob sie Philip, also deinen Vater, je geliebt hat, oder ob es wirklich nur an dessen Abweisung lag … jedenfalls gab es damals einen furchtbaren Bruch zwischen uns und sie hat mir geschworen, sich schrecklich zu rächen."

Wieder hatte es einen Moment gedauert, bis ihre Mutter weiter gesprochen hatte. „Margret hat sich danach sehr verändert. Sie war noch immer eine Schönheit und die Männer umschwärmten sie wie die Motten das Licht, doch sie gab jedem Bewerber einen Korb. Ob es noch immer an ihrer gekränkten Eitelkeit lag, oder ob schon damals der blanke Hass in ihr tobte… ich vermag es nicht zu sagen. Aber erst als mein Vater auf seinem Totenbett von ihr verlangte, zu heiraten, stimmte sie zu. Doch für eine lange Zeit ließ sich kein Bewerber finden. Sie war vielleicht einfach zu alt."

Sie hatte schwer geseufzt und ihr war anzusehen gewesen, dass es ihr schwer fiel, über ihre Schwester zu sprechen. „Jedenfalls hat es viele Jahre gedauert, bis sie dann schließlich die zweite Frau von Lord Hampton wurde, dessen erste Ehefrau bei der Geburt des zweiten Kindes verstarb, ebenso wie das arme Kind. Aber das Leben hatte sie so verbiestert, dass es ihr nicht reichte, nun eine sehr reiche und angesehene Frau zu sein. Ihr Mann verstarb früh, hinterließ ihr ein Kind und ein stattliches Vermögen, das sie nun dazu einsetzt, um bittere Rache zu üben. Sie verhindert jegliche Geschäfte, die dein Vater tätigt, unter- oder überbietet jedes seiner Angebote und von seinem einst großen Vermögen ist nicht mehr viel übrig. Wenn es so weitergeht, wird sie uns in den finanziellen Ruin treiben."

Wieder hatte sie vernehmlich geseufzt. „Aber genau das ist es bestimmt, was sie will. Und sie wird nicht eher ruhen, bis sie geschafft hat, was sie sich vorgenommen hat!"

 

                                                                                             *~*~*

 

„Und das", murmelte Elisabeth leise, sah aus dem Kutschfenster und wusste, dass sich ihr Leben in wenigen Minuten drastisch verändern würde, „hat sie auch geschafft. Sie hat sich gerächt. Auf furchtbare Art und Weise."

Lady Margret hatte nach dem Tod ihres Mannes wirklich alles daran gesetzt, Elisabeths Vater finanziell zu ruinieren und das Schlimme war, sie hatte es auch geschafft. Doch noch viel schlimmer war, dass sie dann auch noch als barmherzige Retterin auftrat, um Geld und Unterstützung anzubieten. Und sie verlangte dafür nur eine einzige Gegenleistung. Sie wollte Elisabeth!

„Eure Tochter ist nun siebzehn Jahre alt", hatte sie vergnügt lächelnd gesagt und sich abfällig im Salon ihrer Verwandten umgesehen. „Und ich weiß, dass ihr als sorgende Eltern dieses Jahr nach einem passenden Ehemann ausschauen wolltet."

Dann hatte sie ihrer Wut freien Lauf gelassen und sich nicht weiter verstellt. „Aber diesen eitrigen Zahn werde ich euch ziehen! Wenn ich euch aus der Misere helfe … wenn ich euch das Geld geben soll, damit ihr euer erbärmliches Leben weiterführen könnt, dann kommt Elisabeth zu mir nach Hampton Court! Sie wird dort als einfaches Dienstmädchen eure Schuld abarbeiten!"

Dann hatte sie gelacht. Widerlich und abgrundtief böse. „Keine Sorge! Ihr bekommt sie zurück! In sechs Jahren! Denn dann ist sie zu alt, um eine wahrhaft standesgemäße Verbindung einzugehen. Dann muss sie sich mit dem begnügen, mit dem ich mich begnügen musste! Einem alten Mann, der nicht mehr in der Lage war, mir eigene Kinder zu schenken und mir außer einem Haufen Geld nur seinen missratenen Sohn hinterließ!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Natürlich hatten weder ihre Mutter noch ihr Vater dieses Angebot angenommen, doch schlussendlich hatte Margret gewonnen. Elisabeths Vater war bald nicht mehr in der Lage gewesen, seine Familie anständig zu versorgen und es war Elisabeth selbst gewesen, die die Offerte ihrer schrecklichen Tante angenommen hatte.

Sie hatte über den Kopf ihres Vaters hinweg gehandelt und der verhassten Verwandten einen Brief geschrieben, in dem sie um Hilfe gebeten hatte. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte Margret zugestimmt, denn es war offensichtlich, dass ihr Vermögen nicht allein dazu ausreichte, ihre furchtbare Rache zu üben. Sie wollte das Leben ihrer Schwester und deren Ehemannes zerstören, und dafür brauchte sie Elisabeth.

Aber Elisabeth hatte nicht mehr mit ansehen können, wie ihr Vater sich quälte und wie ihre Mutter still und leise litt. Jetzt, da sie die schreckliche Entscheidung getroffen hatte, auf Hamilton Court ihren Dienst zu leisten, konnten die Beiden ihr gewohntes Leben fortsetzen und ihr war bewusst, dass ihr Vater alles daran setzen würde, um das geliehene Geld so schnell wie möglich zurückzuzahlen. Und Elisabeth konnte nur hoffen, dass es ihm auch gelang.

 

                                                                                             *~*~*

 

Seufzend erlaubte sich Elisabeth einen erneuten Blick aus dem Kutschfenster und mit Schrecken erkannte sie, dass sie längst das große Tor passiert hatten und nun auf dem direkten Weg zum Haupthaus waren. Nur noch wenige Minuten blieben ihr um durchzuschnaufen und ein letztes kleines Stoßgebet in den Himmel zu schicken. Dann hörte sie auch schon, wie der Kutscher die Pferde zügelte und das Gefährt zum Stehen kam.

„Wir sind da, Mylady", sagte er, öffnete die Tür und reichte ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.

Doch eine laute Stimme, die wie ein Trompetensignal in ruhiger Nacht war, unterbrach jegliche Bewegung. „Was denken Sie, was das wird, Smith?"

Tante Margret stand am Fuße der Treppe, die Hände wütend in die Hüften gestemmt. „Was hat eine Dienstmagd am Haupteingang zu suchen? Bringen Sie sie dorthin, wo sie hingehört!"

„Ja, Mylady", murmelte der Kutscher verschreckt und schloss vor Elisabeths Nase die Tür wieder. Er warf ihr einen hilflosen Blick zu, zuckte unmerklich mit den Schultern und wandte sich dann wieder seiner Herrin zu. „Ich werde sie zum Dienstboteneingang fahren", sagte er und blickte dabei auf den Boden. „Erwartet sie dort jemand, oder soll ich sie auch hineinführen?"

„Mary wird sie abholen", schnaubte Lady Margret außer sich. „Sie wird wissen, was sie mit dem ungebildeten Frauenzimmer zu tun hat!" Damit drehte sie sich auf dem Fuße um und rauschte hoch erhobenen Hauptes die Treppe hinauf.

Teil 2

Elisabeth hatte wahrhaftig nicht mit einem herzlichen Empfang gerechnet, doch dass es gleich so schauderhaft sein würde, zerstörte auch den letzten, nur winzigen, Funken Hoffnung, alles würde sich doch noch zum Guten wenden. Tante Margret hatte es nicht einmal für nötig erachtet, sie anzusehen. All ihre giftigen, boshaften Blicke hatte sie auf den armen Kutscher abgefeuert, der nicht einmal etwas dafür konnte und es sicherlich nur gut gemeint hatte, als er Elisabeth am Haupteingang absetzen wollte.

Doch ihr blieb nicht die Zeit, länger darüber nachzudenken. Nur wenige Augenblicke später stoppte die Kutsche ein weiteres Mal und Elisabeth wartete gar nicht erst darauf, dass ihr jemand beim Aussteigen behilflich war. Kurzentschlossen stand sie auf, kletterte aus dem Wageninneren und wurde auch sogleich von einer kleinen, dicklichen Frau mit mausgrauen, lockigen Haaren in Empfang genommen.

„Miss… Mylady", stotterte die nervöse Frau händeringend und sah sie mit großen Augen an. Es war offensichtlich, dass sie die Order hatte, Elisabeth wie eine Dienstmagd zu behandeln, doch die arme Frau brachte es scheinbar nicht über das Herz. „Wie schön. Haben Sie die Reise gut überstanden?", plapperte sie darauf los. „Das Wetter ist wirklich schauderhaft und ich glaube, bald bekommen wir eine Menge Schnee."

Elisabeth sah natürlich sofort, dass die gute Frau sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut fühlte und zügelte den aufkommenden Zorn weitestgehend. „Guten Abend", sagte sie schlicht, konnte sich dann doch nicht mehr zurückhalten und feuerte einige Spitzen ab. „Und das Mylady können Sie getrost weglassen. Mir ist binnen weniger Sekunden deutlich gemacht worden, was ich hier zu erwarten habe."

„Es tut mir außerordentlich leid", murmelte die Frau verstört und warf dem Kutscher hilfesuchende Blicke zu, doch der arme Mann ersparte sich jegliche Antwort und beeilte sich, Elisabeths Gepäck auf den Stufen des Dienstboteneingangs abzustellen. Dann tippte er sich wortlos an den Hut, nickte und verschwand schleunigst.

Elisabeth hatte die Szene beobachtet, atmete tief ein und ruderte zurück. „Es muss Ihnen nicht Leid tun, gute Frau. Ganz im Gegenteil. Ich muss mich für meinen Ausbruch entschuldigen. Es war nicht recht von mir, meinen Unwillen an Ihnen auszulassen."

„Schon gut, schon gut, mein Kind", lächelte die Frau vage und schüttelte sachte den Kopf. „Ich kann Ihnen nachfühlen. Es ist nicht recht und ich …", doch dann stockte sie und warf einen ängstlichen Blick über ihre Schulter. „Mein Name ist Mary. Mary Pemberton", meinte sie dann. „Ich bin schon lange Jahre die Köchin hier auf Hampton Court. Man hat mich beauftragt, Ihnen Ihr … Ihre Kammer zu zeigen und Sie mit den Räumlichkeiten im Dienstbotentrakt vertraut zu machen."

Sie warf einen Blick auf Elisabeths mitgebrachte drei Koffer und schluckte hörbar. „Des Weiteren", murmelte sie leise und schluckte heftig, um einen Hustenreiz zu unterdrücken. „Des Weiteren soll ich Ihnen mitteilen, dass Ihre mitgebrachte Garderobe eingelagert wird. Sie bekommen sie natürlich zurück, sobald Ihre Dienstzeit auf Hampton Court endet. Lady Margret legt viel Wert auf eine einheitliche Dienstbotenkleidung und dementsprechend wird Ihnen alles gestellt, was Sie brauchen."

Marys Stimme wurde bei jedem Wort leiser und Elisabeth konnte die letzten Sätze der alten Frau eher erraten, als tatsächlich hören. „Lady Margret gesteht Ihnen zu, fünf persönliche Dinge zu behalten. Der Rest wird ebenfalls eingelagert. Es tut mir sehr leid."

Beinahe hilflos sah sie zu Elisabeth auf und es dauerte einen Moment, bis das junge Mädchen das Gehörte verarbeitet hatte. „Ist schon gut, Mary. Ich weiß, Sie führen nur eine Order aus und ich verspreche Ihnen, dass mein Zorn Sie nicht ein weiteres Mal treffen wird." Elisabeth stockte einen Moment und atmete zur Beruhigung ein und aus. „Ich hoffe, man gibt mir bis zum Morgengrauen Zeit, um die Dinge auszuwählen, die ich gerne behalten möchte, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass auch meine persönliche Habe..."

„Selbstverständlich, Mi…Mylady", stotterte Mary erneut und warf wieder einen vorsichtigen Blick über ihre Schulter.

Elisabeth verstand sofort, was die arme Frau bedrückte und streckte ihr ein weiteres Mal die Hand entgegen. „Nennen Sie mich Elisabeth. Das wird das Einfachste sein und höchstwahrscheinlich dem entsprechen, was meine werte Tante im Sinn hat."


„Es tut mir so leid", flüsterte Mary mit traurigem Gesichtsausdruck und schüttelte die dargebotene Hand. Doch dann fing sie sich wieder und klatschte aufgeregt in die Hände. „Jetzt wollen wir aber schnell hineingehen. Es ist viel zu kalt, um noch länger hier auf den Stufen zu stehen. Folgen Sie mir bitte, ich habe Ihnen noch furchtbar viel zu zeigen."

Sie wuselte mit kleinen tapsigen Schritten davon und Elisabeth folgte ihr durch einen schmalen, dunklen Gang, hinein in eine große Küche, in deren gewaltigem Kamin ein wärmendes Feuer knisterte. Als erstes fielen Elisabeth die Unmengen an kupfernen Töpfen und Pfannen auf, die blank poliert über der Kochstelle hingen. Erst dann sah sie den langen Tisch, an dem sich die Dienerschaft versammelt hatte, um das Abendessen einzunehmen, das, wie Elisabeth bemerkte, aus einer dünnen Suppe und trockenem Brot bestand.

Wie nicht anders zu erwarten war, ließ jedermann am Tisch den Löffel sinken und Elisabeth fühlte die Blicke der Menschen auf sich ruhen. Doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, sprang Mary für sie ein.

„Nun starrt das arme Mädchen doch nicht so an, als sei sie eine Zirkusattraktion. Sie wird es hier noch schwer genug haben!"

„Schon gut", beeilte sich Elisabeth zu sagen. „Wahrscheinlich fühlen sich die meisten hier im Raum genauso unwohl, wie ich es tue. Doch vielleicht erleichtert es uns allen den Anfang, wenn ich gleich klarstelle, dass ich keinerlei Sonderbehandlungen erwarte." Sie nickte den Anwesenden zu. „Mein Name ist Elisabeth und ich freue mich schon sehr darauf, Sie alle in den nächsten Tagen kennenzulernen."

Eine lange Zeit sprach niemand ein Wort. Dann erhob sich ein junger dunkelhaariger Mann. „Guten Abend, … Elisabeth", sagte er nach einem kurzen Moment. „Uns freut es ebenso, Sie kennenzulernen." Dann sah er Mary an und grinste breit. „Und jetzt gib der jungen Frau etwas zu essen. Sie sieht durchgefroren aus."

„Alexander Harris! Kannst du dich denn nicht einmal benehmen", schnaubte Mary empört und warf Elisabeth einen pikierten Blick zu.

Doch Elisabeth lächelte nur. „Ich würde mich tatsächlich sehr freuen, wenn ich mich zu Ihnen an den Tisch setzen darf. Und Master Harris hat Recht. Ich bin durchgefroren."

„Master Harris", lachte einer der Dienstboten und gackerte vergnügt. „So hat dich noch niemals jemand genannt!"

„Mag sein", lächelte der dunkelhaarige Mann und setzte sich wieder an seinen Platz. „Aber wenn du mich fragst, ich könnte mich glatt an diese Anrede gewöhnen."

Es wurde gelacht und gescherzt und Elisabeth seufzte unhörbar. Sie setzte sich auf einen freien Platz und versuchte, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Gerade im Moment hatte sie weitaus mutiger gewirkt, als sie sich wirklich fühlte, doch es tat gut, dass sich die Dienstboten in ihrer Gegenwart offensichtlich nicht allzu unwohl fühlten. Noch immer spürte sie viele Blicke auf sich ruhen und versuchte ein tapferes Lächeln. Es machte wenig Sinn, die armen Angestellten in ihre missliche Lage hineinzuziehen und so tat sie ihr Bestes, einigermaßen glücklich und zufrieden zu wirken.

„Bitte schön", riss Mary sie aus ihren Gedanken und stellte einen dampfenden Teller Suppe vor sie auf den Tisch. „Möchten Sie ein Glas Wasser dazu? Oder vielleicht lieber einen heißen Tee?"

„Nein, danke", lächelte Elisabeth. „Ich habe alles, was ich brauche." Sie sah Mary nickend an. „Bitte setzen Sie sich doch wieder zu uns. Ich habe Sie mit Gewissheit durch meine Ankunft vom Essen abgehalten."

Einen Moment war es still am Tisch und außer dem Geklapper der Löffel war kaum etwas zu vernehmen. Dann jedoch räusperte sich Alexander Harris. Er legte sein Besteck zur Seite und sah Elisabeth eindringlich an. „Ich weiß, es gehört sich nicht. Aber wir haben viel gehört, über Sie und … Ihre Tante…."

„Alexander", schnaubte Mary erneut, doch Elisabeth langte über den Tisch und nahm ihre Hand. „Schon gut." Dann wandte sie sich an die versammelte Mannschaft. „Ich weiß nicht, was Sie gehört haben, aber vieles davon wird nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Aber… um Sie selbst zu schützen und möglichem Ärger gleich aus dem Weg zu gehen, möchte ich nicht allzu viel über das Thema verlieren. Es sei nur gesagt, dass ich in den nächsten sechs Jahren keinen Titel tragen werde und genauso behandelt werden möchte, wie Sie behandelt werden."

„Und doch gehört sich so etwas nicht", brummte Alexander Harris, machte ein trotziges Gesicht und sah Mary geradezu herausfordernd an. „Ja, ich weiß, ich sollte meine Klappe halten, aber … irgendwo hat alles ein Ende und jetzt hat unsere werte Hausherrin den Bogen überspannt." Dann sah er wieder Elisabeth an. „Allerdings hoffe ich schwer, dass sie sich diesmal übernommen hat. Master William wird dieses Jahr seine Volljährigkeit erreichen und dann wird er sein Erbe antreten."

„Wir hoffen alle sehr, dass sich dann einiges auf Hampton Court verändern wird", flüsterte Mary nach einem neuerlichen nervösen Blick über ihre Schulter. Dann war es an ihr, Elisabeth Hand zu nehmen. „Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Mylady. Vielleicht wird der junge Herr Sie aus Ihrer misslichen Lage befreien."

Elisabeth antwortete nicht, und doch konnte sie nicht verhindern, dass sie dem ihr unbekannten Mann gedanklich ein Stoßgebet entgegen sandte. Vielleicht würde ihr wirklich das Glück zu Teil werden, und er würde sie aus ihrer Fron entlassen. Doch dann seufzte sie leise. Tante Margret war keine dumme Person und sie hatte sicherlich mit einkalkuliert, dass ihr Stiefsohn sie nicht vorzeitig freisprechen würde. Denn dann machte die ganze Angelegenheit um die so klug ausgeklügelten Rachepläne kaum einen Sinn. Für schlichte sechs Monate hätte sie sich nicht auf ein solches Geschäft eingelassen. Die Frau wusste, was sie tat und das bedeutete, dass sie sich sicher war, dass Elisabeth die sechs Jahre Dienst zu leisten hatte.

Mit trüben Gedanken nahm sie ihren Löffel in die Hand und aß die Suppe, die hauptsächlich aus Brühe und ein paar wenigen Kartoffeln bestand. Nicht einmal die Gespräche, die rund um sie herum entflammten, nahm sie wahr und mit jedem bisschen, das sie aß, wurde es schwerer die Tränen zurückzuhalten, die nun mit Macht in ihre Augen drängten.

Und wieder war es Mary, die ihr helfend unter die Arme griff. Sie hatte den Elisabeth Seelenzustand offensichtlich mit einem Blick erfasst und sprang auf, kaum dass die junge Frau ihren Löffel zur Seite gelegt hatte. „Nun wird es aber Zeit", sagte sie und nickte ihr zu. „Ich sollte Ihnen gleich Ihre Kammer zeigen."

Elisabeth nickte und stand ebenfalls auf. „Ich möchte mich für den netten Empfang hier bedanken", wandte sie sich an die versammelte Dienerschaft, die sie fragend ansah. „Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, nicht sonderlich willkommen zu sein und das auch deutlich zu spüren." Sie räusperte sich. „Ich danke Ihnen allen dafür, dass ich mich diesbezüglich geirrt habe."

„Dann lassen Sie uns gehen, Kind", sagte Mary leise, doch Elisabeth schüttelte langsam den Kopf.

„Ich bin mir nicht sehr sicher, aber ich nehme an, dass sich das Personal, zumindest wenn keine der Herrschaften zugegen ist, mit dem Vornamen anredet." Sie sah von Einem zum Anderen und viele der Dienstboten nickten. „Gut", sagte sie, „denn ich möchte nicht, dass für mich eine Ausnahme gemacht wird. Mein Namen kennen Sie bereits und ich freue mich sehr darauf, jeden einzelnen in den nächsten Tagen persönlich kennenzulernen." Sie lächelte verhalten und folgte Mary in einen schmalen Korridor, von dem viele Türen abzweigten.

„Mehr konnte ich leider nicht für Sie… für dich tun, mein Kind", seufzte Mary und führte Elisabeth in eine kleine Kammer, in der sich außer einer schmalen Pritsche nur ein Stuhl und ein fast blinder Wandspiegel befanden. „Die anderen Mägde und Dienstmädchen teilen sich zu viert einen etwas größeren Raum, aber ich…"

„Es ist schon gut, Mary", flüsterte Elisabeth geschockt. „Und ich möchte wahrlich nicht undankbar erscheinen, aber ich wäre jetzt gerne für einen Moment alleine."

Die Tür knarrte leise, als Mary sie zuzog und zu Flüstern begann. „Ich wünschte, ich könnte mehr helfen", raunte sie leise. „Doch ich kann nicht…. Lady Margret ist…", sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich kann Ihnen… dir versichern, dass die gesamte Dienerschaft hinter dir steht und dir jederzeit hilfreich unter die Arme greifen wird."

„Das ist mehr, als ich erwartet hatte", erwiderte Elisabeth und konnte nicht verhindern, dass sich eine Träne einen Weg über ihre Wange bahnte.

„Ich werde Sie… dich jetzt allein lassen", seufzte Mary und ergriff noch einmal die Hand des jungen Mädchens, um sie tröstend zu drücken. „Wenn das Mahl beendet und die Küche geräumt ist, komme ich noch einmal zurück, um dich herumzuführen. Ruh dich ein bisschen aus. Die nächste Zeit wird anstrengend genug."

„Danke schön", krächzte Elisabeth und als die alte Köchin die Kammer verlassen hatte, flossen die Tränen in Strömen ihre Wange herunter. Von nun an würde ihr Leben eine Wendung nehmen, die niemand hatte vorhersehen können und sie konnte nur beten und hoffen, dass sie diese schwere Zeit überstehen würde.

Teil 3

Die Zeit verging wie im Flug und Elisabeth konnte kaum glauben, dass sie schon drei Wochen auf Hampton Court sein sollte. Bisher hatte sie Glück gehabt, wenn man es denn so nennen konnte. Lady Margret schien sich nicht sonderlich für sie zu interessieren und ließ sie weitestgehend in Ruhe. Bisher hatten sie sich nicht einmal Aug in Aug gegenübergestanden, und doch wusste Elisabeth, dass die Hausherrin regelmäßig Erkundigungen über sie einzog. Mary erwähnte es hin und wieder, genau wie die uralte Hausdame, Sarah Walters, die die meiste Zeit des Tages auf ihrem Lehnstuhl neben dem Kamin in der Küche verschlief.

Sarah Walters war das Unikum des Hauses. Niemand wusste genau, wie alt sie war und wie lange sie hier schon ihren Dienst tat. Aber sie musste schon viele Dienstherren kommen und gehen gesehen haben, denn die Geschichten, die sie hin und wieder erzählte, entsprangen oft einer längst vergangenen Epoche, in der noch regelmäßig Bälle oder andere gesellschaftlichen Ereignisse auf Hampton Court gefeiert worden waren. Zudem hatte Sarah Walters Elisabeth sofort ins Herz geschlossen und auch, wenn ihr hin und wieder einmal etwas entschlüpfte, was eigentlich niemand aus der Dienerschaft erfahren sollte, so biss sie doch die Zähne zusammen, wann immer ihre Herrin kam und Fragen stellte.

Überhaupt hatte Elisabeth unverschämtes Glück mit den Angestellten der Familie Hampton. Jeder, wirklich jeder einzelne stand hinter ihr und deckte ihr den Rücken, wann immer es sein musste. Und Elisabeth musste beschämt eingestehen, dass sie noch viel Hilfe brauchte. Sie war niemals untätig gewesen, ihr ganzes kurzes Leben nicht, aber die Arbeit einer normalen Dienstmagd brachte sie an den Rand ihrer Kräfte.

Schon mittags war sie hin und wieder so müde, dass sie während des Essens einfach bei Tisch einnickte. Und wann immer das geschah, musste sie hinterher mit Mary schimpfen, denn die gute Frau dachte nicht daran, sie nach der kurzen Pause zu wecken. Im Gegenteil, irgendwann erwachte Elisabeth wieder und die vielen anderen Mädchen hatte sich ihre Arbeit untereinander aufgeteilt und erledigt.

Und genau das war etwas, was Elisabeth keinesfalls wollte. Sie wollte keine Extravergünstigungen, sie wollte keine Sonderstellung, denn dann würde es nicht lange dauern, bis sich zumindest einige der Dienstboten gegen sie stellen würden. Und Elisabeth hätte es ihnen nicht einmal verübeln können. Doch nun, nach drei Wochen Dienstzeit, gewöhnte sich ihr Körper an die harte Arbeit und sie überstand die Tage immer besser.

 

                                                                                             *~*~*

 

„Elisabeth, Kind", rief Mary, gerade als Elisabeth die große Küche betrat. „Ich könnte deine Hilfe brauchen." Sie lächelte ihr, wie eigentlich immer, freundlich entgegen. „Der junge Herr hat gestern noch eine lange Zeit in der Bibliothek verbracht und der Russ müsste noch aus dem Kamin gefegt werden."

Nickend durchquerte Elisabeth den Raum, nahm Eimer und Kehrblech und Besen und war gerade auf dem Weg, die Küche wieder zu verlassen, als Mary sie noch einmal zurückrief.

„Du kennst den Weg, oder? Ich möchte nicht, dass du planlos durch das Gebäude rennst, und am besten dann noch Lady Margret in die Hände fällst."

„Selbstverständlich kenne ich den Weg", lachte Elisabeth. „So schwer ist es nun auch nicht, sich hier zurechtzufinden."

„Ich dachte nur", erwiderte Mary und lächelte verschmitzt. „Sonst hätte ich dir Tara oder Willow mitgegeben. Die beiden sind schon so lange hier, dass sie die verschlungenen Wege auf Hampton Court im Schlaf ablaufen können."

„Danke, aber ich brauche wirklich keine Hilfe", erwiderte Elisabeth und schlüpfte durch die Tür. Mary war und blieb einmalig. Sie passte auf Elisabeth auf, wie keine Mutter der Welt es hätte besser machen können, doch hin und wieder übertrieb sie es auch. Immerhin war Elisabeth kein kleines Kind, und auch, wenn Hampton Court verwinkelt und verbaut war, jeder Hausherr schien einen eigenen Flügel angehängt zu haben, so würde sie den Weg zur Bibliothek schon finden.

Doch dann gingen ihre Gedanken andere Wege. Der junge Herr… bisher hatte sie ihn noch nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Sie wusste nur, dass er eine Menge Zeit in der Bibliothek verbrachte und schon das brachte sie zu der Annahme, dass er ein Bücherwurm war, und das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte, war nicht unbedingt positiv. Wahrscheinlich, so dachte sie, war er ein verweichlichter junger Grünschnabel, wie viele der jungen Männer, die aus reichen, wohlhabenden Familien entstammten.

Elisabeth huschte die langen dunklen Fluren entlang, überlegte einen Moment und erinnerte sich dann an den Weg zur Bibliothek. Schnell schlüpfte sie durch die große Tür und eilte durch den dunklen Raum, an dessen Wände sich gewaltige Regale auftürmten, angefüllt mit vielerlei verschiedener Lektüre. Für einen Moment stand sie wie gebannt vor den endlosen Buchrücken, doch dann schüttelte sie die Starre ab. Sie war nicht hier, um zu lesen, sondern um zu arbeiten.

Der Kamin war schnell gefunden, denn eine solche Monstrosität von steinerner Baukunst suchte seinesgleichen. Niemals zuvor hatte Elisabeth ein solches Gebilde gesehen. Er war aus schwarzem Granit erbaut, reichte beinahe bis an die Decke und über dem oberen Sims waren Reliefe eingemeißelt, die wohl an Jagdszenen erinnern sollten, aber eher wie Schlachtszenen aussahen, denn es floss so schauderhaft viel Blut, das es nahezu aus den steinernen Bildern triefte. Sie schüttelte sich und beeilte sich dann, den Russ zusammenzukehren.

Dann jedoch wanderten ihre Blicke wieder zurück zu den Bücherregalen. Schon immer hatte sie gerne gelesen und die Folianten zogen sie wie magisch an. Es war unglaublich schwer, dem Drang zu widerstehen, einfach hinüberzugehen und…

„Reiß dich zusammen", schimpfte sie mit sich selbst und wandte sich wieder zurück, um ihre Aufgabe zu beenden und den Verlockungen des gewaltigen Raumes so rasch wie möglich zu entfliehen.

Der Rest der Asche war dann auch schnell zusammengekehrt und sie erhob sich, packte den Eimer, doch kaum war sie an der langen Wand mit den Bücherregalen vorbeigeschritten, stockte sie ein weiteres Mal. Wie von Zauberhand geführt, wischte sie ihre Hände an der Schürze ab, und steuerte schnurstracks auf die dicken Wälzer zu, von denen sie kaum die Augen lassen konnte.

„Voltaire", murmelte sie leise und strich mit den nun sauberen Fingern über den Buchrücken. Ihr Vater hatte stets den Kopf geschüttelt, wenn sie nach den Werken des einflussreichen französischen Schriftstellers gefragt hatte.

 

                                                                                             *~*~*

 

„Franzosen sind seltsame Menschen", hatte er stets gesagt. „Sie sprechen seltsam, essen bizarre Speisen und haben oft ein äußerst zweifelhaftes Gedankengut. Ausgerechnet Voltaire", hatte er dann geschimpft. „Weißt du eigentlich, welch seltsame Ideen dieser Mann hatte?"

„Nicht genau", hatte Elisabeth gelacht. „Aus dem Grund möchte ich ja seine Bücher und Schriften lesen."

„Nein, Elisabeth. Ganz sicher nicht Voltaire. Ich möchte dein hübsches Köpfchen nicht mit gefährlichen Vorstellungen füllen. Wie wäre es stattdessen mit Shakespeare? Das ist gute englische Lektüre, die…" Er hatte gelacht, als er das entsetzte Gesicht seiner Tochter gesehen hatte. „Nicht Shakespeare?"

„Nein, danke", hatte sie wenig diplomatisch geantwortet. „Ich kenne seine Werke in- und auswendig. Genau wie alle Bücher der englischen Dichter und Denker. Ich würde gerne einmal etwas Neues probieren. Und wenn schon nicht Voltaire, dann vielleicht Moliere. Ich habe gehört, dass seine Aufführungen und Dramen in Büchern zusammengefasst worden sind."

 

                                                                                           *~*~*

 

Elisabeth seufzte und holte sich selbst schnell aus der Vergangenheit zurück. Es tat zu weh, an ihre Eltern zu denken und so konzentrierte sie sich auf das, was vor ihr lag. Und das waren eine immense Menge Bücher, über deren dicke Einbände längst wieder ihre Finger wanderten.

Von Voltaire gab es eine Unmenge von Stücken, unzählige Schriften und Pamphlete waren hier zusammengefasst, ebenso wie die gesammelten Werke vieler zeitgenössischer Autoren. Oliver Goldsmith tummelte sich neben David Hume, Laurence Sterne neben Jonathan Swift und wie immer durfte auch William Shakespeare nicht fehlen. Vollkommen die Welt um sich herum vergessend, nahm sie mit spitzen Fingern vorsichtig eins der dicken Bücher heraus, das ihr, warum auch immer, besonders ins Auge gefallen war.

„Ich wusste bisher nicht, dass wir so wissenshungrige Dienstmädchen im Haus haben!"

Erschreckt fuhr Elisabeth herum und sah sich einem jungen Mann gegenüber, dessen Eintreten in den großen Raum sie nicht bemerkt hatte. Ihr erster Gedanke war, sich zu entschuldigen und sofort zu verschwinden, doch etwas in seiner Haltung weckte ihren Trotz.

Sie schob das Kinn vor und wich auch seinem Blick nicht aus. „Nicht alle Dienstboten sind dumm und ungebildet!"

Der junge Mann lachte vergnügt und starrte sie beinahe bewundernd an, doch bevor er eine Erwiderung von sich geben konnte, drang die scharfe Stimme ihrer Tante zu ihnen durch. Sekundenbruchteile später flog die schwere Tür der Bibliothek krachend auf. „William! Ich habe dir ausrichten lassen, dass ich dich zu sprechen…"

Lady Margret stockte, als sie Elisabeth erkannte und funkelte sogleich ihren Stiefsohn finster an. „Was in Drei Teufels Namen macht sie hier?"

„Sie?", wiederholte der junge Hausherr und schüttelte den Kopf. „Was soll sie schon hier machen?" Er deutete auf Eimer und Kehrblech. „Sie macht ihre Arbeit, nehme ich an. Ich dachte, liebste Stiefmama, du wüsstest, wofür du so viele Dienstboten hast."

„Und warum hat sie dann ein Buch in der Hand?", schoss es aus Lady Margret heraus.

Ihr Gesicht war von Wut verzerrt und Elisabeth wollte sich gerade rechtfertigen, als der junge Hausherr ihr zuvorkam. „Ich habe sie darum gebeten, es mir aus dem Regal zu holen", schnaubte er, riss Elisabeth das Buch aus der Hand und hielt es seiner Stiefmutter unter die Nase. „Oder glaubst du etwa, eins deiner Dienstmädchen würde sich für Leonhard Euler, der ein herausragender Schweizer Mathematiker war, interessieren?"

Zufrieden blickte ihre Tante nach der barschen Aussage des jungen Mannes noch immer nicht drein, aber ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich etwas. „Ich habe mit dir zu reden, William!"

„Aber gerne doch, liebste Stiefmama", sagte William Hampton in einer Stimmlage, die das Gegenteil behauptete. Er wandte sich an Elisabeth. „Danke", sagte er und warf ihr einen eindringlichen Blick zu. „Du kannst jetzt gehen!"

Das ließ Elisabeth sich natürlich nicht zweimal sagen. Sie knickste kurz vor beiden Herrschaften, schnappte Eimer und Kehrblech und entschwand so schnell aus dem Raum, wie sie konnte.

 

                                                                                         *~*~*

 

Mary war natürlich ihre erste Anlaufstelle. Allerdings blieb sie bei der Geschichte des jungen Hausherrn, der so geschickt für sie in die Bresche gesprungen war, und erwähnte nicht, dass sie sich bei all den Büchern nicht hatte zurückhalten können und den Ärger somit selbst heraufbeschworen hatte.

„Es scheint", so sagte sie und legte dabei die Stirn in Falten, „als wären Stiefmutter und Stiefsohn nicht unbedingt ein Herz und eine Seele."

„Nein, das sind sie wahrhaftig nicht", erwiderte die gutmütige Frau, nachdem sie sich vergewissert hatte, allein mit Elisabeth im Raum zu sein. „Kind", seufzte sie dann, „es scheint, als würdest du das Unglück magisch anziehen", meinte sie dann und schüttelte den Kopf. „Das wird bestimmt noch ein Nachspiel haben!"

Teil 4

Mary schien Recht zu behalten mit ihrer finsteren Aussage. Kaum eine halbe Stunde später lief Willow, eins der vielen Hausmädchen, das auf Hampton Court seinen Dienst tat, auf Elisabeth zu. „Lady Hampton möchte dich sehen", sagte sie mit einer Leidensmiene.

Sie kannte Elisabeths ganze Geschichte, denn die beiden hatten sich rasch angefreundet. „Ich hoffe nur, die alte Schachtel hat nicht wieder irgendwelche Gemeinheiten im Sinn", flüsterte sie leise. „Sie erwartet dich im Salon."

„Oh je", murmelte Elisabeth und schluckte hörbar. „Dann sollte ich mich lieber gleich auf den Weg machen."

„Soll ich dich begleiten?", erkundigte sich Willow sofort und guckte mitleidig drein. „Ich warte natürlich draußen, verstecke mich, sodass sie mich nicht sehen kann, aber ich bin dann in der Nähe und…"

„Auf gar keinen Fall", wiegelte Elisabeth den Vorschlag des jungen Mädchens ab. „Es reicht, wenn ich den Ärger bekomme. Ich will dich nicht auch noch in die Angelegenheit hineinziehen." Sie legte den Putzlappen zurück in den Eimer, trocknete sich die Hände an der Schürze und verdrehte die Augen. „Aber drück mir die Daumen, dass die alte Schreckschraube nicht irgendwelche finsteren Pläne mit mir hat."

 

                                                                                             *~*~*

 

„Was hast du mit meinem Stiefsohn zu schaffen?", keifte Lady Margret, kaum das Elisabeth die Salontür hinter sich geschlossen hatte. „Über was habt ihr gesprochen?"

„Wir haben gar nicht miteinander gesprochen, Mylady", sagte Elisabeth und starrte sicherheitshalber den Teppich zu ihren Füßen an. Sie musste sich unbedingt beherrschen und da war es das Einfachste, der abscheulichen Frau nicht in die Augen zu sehen. „Ich hatte gerade meine Arbeit beendet und wollte gehen, als Master William die Bibliothek betrat und mich beauftragte, ihm ein Buch aus dem Regal zu holen."

Das war natürlich eine faustdicke Lüge, doch hoffte sie, es würde sich ungefähr mit der Aussage decken, die Lady Margret sicherlich von ihrem Stiefsohn eingefordert hatte.

„Ich warne dich", zischte ihre Tante auch sogleich. „Ich kann dein Leben noch mehr zur Hölle machen, als es das ohnehin schon ist! Bisher weiß William nicht, wer oder was du bist! Und ich verlange, dass das auch so bleibt! Verstanden?"

„Ja, Mylady", murmelte Elisabeth und hatte Mühe, einige bissige Bemerkungen herunterzuschlucken, die ihr auf der Zunge lagen.

„Gut", schnauzte die Hausherrin. „Und jetzt verschwinde und sorg dafür, dass du mir die nächsten Tage nicht unter die Augen kommst!"

„Sehr wohl, Mylady", brachte Elisabeth über die Lippen, machte wie gefordert einen Knicks und ging.

 

                                                                                                  *~*~*

 

„Ich habe doch gewusst, dass es Ärger gibt", schimpfte Mary vor sich hin. „Ich habe es gewusst! Du musst unbedingt besser auf dich aufpassen, Kind!"

„Warum?", erkundigte sich Elisabeth verwirrt und begutachtete die dicken Blasen an den Händen, die die schwere Arbeit auf Hampton Court dort hinterlassen hatte. Sie hatte Mary natürlich erzählt, was im Salon zwischen ihr und ihrer Tante geschehen war, doch eigentlich war das Thema für sie erledigt, denn sie war mit einer Verwarnung davongekommen.

„Lady Margret… sie hat… eine Order für dich." Mary sah aus, als müsste sie eine Todesnachricht überbringen. „Sie lässt ausrichten, du mögest dich um die Wäsche kümmern. Und zwar alleine!"

„Oh", murmelte Elisabeth und sah vor ihrem geistigen Auge einen riesigen Wäschestapel, doch sie wusste nicht, warum die Köchin dabei so verzweifelt aussah.

„Wann warst du das letzte Mal draußen, Kind?", erkundigte sich Mary und verdrehte die Augen. „Es ist Winter! Es friert! Und unser Waschhaus ist nicht mehr als eine morsche Holzhütte. Dir werden Hände und Arme abfrieren, denn der Kessel, unter dem man ein Feuer entzünden kann, ist brüchig, hält das Wasser nicht mehr und müsste ausgetauscht werden!" Sie schüttelte den Kopf und seufzte schwer. „Gewöhnlich waschen wir bei solchen Temperaturen gar nicht. Das ist… ist… reine Bosheit, denn sie weiß, dass du nur das kalte Wasser benutzen kannst!"

 

                                                                                            *~*~*

 

Elisabeth bemerkte leider schnell, wie Recht Mary wieder einmal hatte. Schon das Einweichen einiger Wäschestücke ließ ihre Arme bis zur Beuge rot und blau anlaufen. Ihre Zähne klapperten, als sie weitere Stücke in den großen Bottich beförderte und sie konnte gar nicht so schnell zittern, wie sie fror.

Dabei war es überhaupt schon schwere Arbeit gewesen, die dicke Eisschicht auf dem Waschzuber zu durchbrechen. Er war fast mannshoch und für Elisabeth, die schon so nicht sonderlich hoch gewachsen war, nur durch einen Hocker zu erreichen.

„Denk an etwas Schönes", sprach sie sich selbst Mut zu und drückte weitere Kleidungs- und Wäschestücke in das eisige Wasser. „An irgendetwas Warmes."

Irgendwann erschien es ihr so, als würde ihr Körper die schwere Arbeit von ganz alleine erledigen. Ganz so, als müsste sie sich keine weiteren Gedanken mehr über ihre derzeitige Tätigkeit machen. Ihr war nicht einmal mehr kalt. Elisabeth bemerkte auch nicht, wie der marode Holzschuppen, in dem sie sich befand, immer mehr aus ihrem Blickfeld entschwand und es dunkler und dunkler wurde, bis sie nur noch die nasse Wäsche und den großen Zuber sah. Wieder und wieder glitten ihre Hände in das eiskalte Wasser und in der Ferne meinte sie, eine Stimme zu vernehmen.

„Verdammt! Das reicht jetzt!", waren die letzten Worte, die sie hörte, ehe sie zusammenbrach.

 

                                                                                                   *~*~*

 

„Was ist passiert?", erkundigte sie sich später bei Mary, die dicht neben ihr saß, ihr offensichtlich eine schwere Decke übergelegt hatte und sie mit ihrem eigenen Körper warm hielt.

„Sie sind… du bist zusammengebrochen!" Es war Alexander Harris, der antwortete. Zusammen mit sechs der Hausmädchen stand er am großen Waschzuber und rührte mit einem übergroßen Kochlöffel darin herum. „Ich kam gerade noch rechtzeitig, um dich aufzufangen."

Elisabeth konnte sich vage daran erinnern, seine Stimme gehört zu haben. Erst dann wurde ihr bewusst, wo sie war und was gerade um sie herum geschah und sie versuchte aufzustehen. „Nicht! Das dürft ihr nicht! Wenn Lady Margret dahinter kommt, dass ihr mir helft…"

„Beruhige dich, mein Kind", sagte Mary und hielt sie mit einer Kraft zurück, die Elisabeth ihr niemals zugetraut hätte. „Unsere werte Hausherrin hat Hampton Court verlassen. Sie reist nach London und wird erst in einigen Tagen zurückerwartet. Deswegen habe ich auch Xander geschickt, um nach dir zu sehen. Und ich hatte Recht damit. Ich wusste es!"

Sie deutete mit dem Kopf auf das riesige Waschfass. „Die Mädchen lösen sich ab. So muss niemand frieren und die Arbeit wird trotzdem erledigt."

„Also wirklich", schimpfte Alexander Harris und wedelte mit dem großen Löffel herum. „Die Mädchen…. Sehe ich etwa aus wie ein Mädchen?"

„Wir könnten dir ja eine Haube aufsetzen", lachte Willow vergnügt und zwinkerte ihrer Freundin Tara zu, die ihr direkt gegenüber stand. „So eine fesche mit Stickerei und vielen Bändern. Damit gehst du bestimmt als Mädchen durch."

Elisabeth achtete nicht auf Xanders Erwiderung, überhaupt nahm sie nicht wahr, was sich gerade im Waschhaus abspielte. Ihr traten Tränen in die Augen und sie sah Mary hilflos an, die noch immer neben ihr saß und sie nach wie vor mit ihrem eigenen Körper wärmte.

„Wie soll ich das wieder gut machen? Wie kann ich je ausgleichen, was ihr jeden Tag für mich erduldet?"

„Das musst du nicht", flüsterte ihr Mary beruhigend zu. „Du hast viel mehr zu erdulden, als wir alle zusammen." Mit der freien Hand bremste sie Elisabeth, die Einwände erheben wollte. „Niemand von uns kann gutheißen, was Lady Margret dir angetan hat. Seitdem sie auf Hampton Court ist, führt sie eine Schreckensherrschaft mit furchtbaren Strafen für jeden noch so kleinen Fehler. Wir werden dich immer unterstützen. Solange, bis du Hampton Court wieder verlassen kannst. Und wir alle werden dafür Sorge tragen, dass sich die alte Hexe an dir die faulen Zähne ausbeißt!"

Dann wandte sie sich an Alexander, der noch immer mit den Mädchen um die Wette feixte. „Hilf mir, sie in ihre Kammer zu bringen. Sie muss sich ausruhen und vor allem wieder warm werden. Sonst wird das arme Ding noch krank!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Es war beinahe Zeit für das Abendessen, als Elisabeth sich aus den warmen Decken schälte, in die die Köchin sie eingewickelt hatte. Sie hörte beschwingte Stimmen in der Küche, Tellergeklapper und wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis sich die Dienerschaft am Tisch versammelte, um die dünne Brühe zu verzehren, die es so gut wie jeden Tag zu essen gab.

Sie kramte ihre Geldbörse unter ihrem Kissen hervor und hoffte, sie würde die richtigen Worte finden und die Dienerschaft würde nicht falsch auffassen, was sie im Sinn hatte. Mit tapsigen Schritten schlurfte sie in die Küche und fühlte, wie am Abend ihrer Ankunft, alle Blicke auf sich ruhen.

„Ich habe hier", krächzte sie heiser und hob die Geldbörse, sodass sie jeder sehen konnte, „meine Ersparnisse." Sie räusperte sich und suchte nach den richtigen Worten. „Ich bin mir sicher, keiner von euch würde mein Geld annehmen, und doch möchte ich mich für alles bedanken, was in den letzten Wochen für mich getan wurde."

„Elisabeth, Kind", wollte die Köchin sie aufhalten, doch Elisabeth schüttelte den Kopf und sprach weiter.

„Es ist nicht, wonach es aussieht", sagte sie leise. „Ihr habt soviel Gutes für mich getan, und ich möchte mich bedanken." Sie zeigte auf den schweren Suppentopf, der wie jeden Abend seinen Platz auf dem Tisch gefunden hatte. „Ich bin so etwas nicht gewohnt", sagte sie und versuchte nicht hochnäsig zu klingen. „Wir essen durchaus Suppe zuhause, aber gewiss nicht jeden Tag." Sie schluckte und zuckte mit den Schultern. „Auch unsere Angestellten nicht!"

Sie machte eine Pause und überlegte, wie sie weitersprechen sollte. „Mary sagte mir, dass Lady Margret außer Haus ist, und ich habe mir überlegt, diesen Umstand zu nutzen. Ich möchte für morgen Abend eine Art Festessen organisieren, doch dafür brauche ich wieder einmal eure Unterstützung."

Eine lange Zeit war es still in der Küche, und es war wie eigentlich immer Xander Harris, der das Schweigen durchbrach. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Fleisch schmeckt", sagte er mit sehnsüchtigem Blick und sofort wurde zustimmendes Gemurmel laut.

„Aber weißt du auch, wo du etwas kaufen kannst, ohne das Mylady dahinter kommt?", fragte Elisabeth hoffnungsvoll. Es war ihr ein dringendes Bedürfnis, endlich einmal etwas für die Menschen zu tun, die ihr jederzeit den Rücken stärkten und sie stets unterstützten und ein gutes Mahl war da genau das Richtige.

„Ich denke", grinste Alexander und sah dabei den Stallknecht an, „das dürften wir hinbekommen!"

„Gut", lächelte Elisabeth erleichtert und überreichte ihm ihre Geldbörse. „Kauf uns etwas Gutes! Alles, was wir brauchen. Und wenn möglich, auch ein paar Flaschen Wein!"

 

                                                                                             *~*~*

 

William Hampton bekam für gewöhnlich nicht sonderlich viel von dem mit, was um ihn herum geschah. Er lernte viel, um demnächst seinen Besitz auch gut verwalten zu können und saß ansonsten die Zeit bis zu seinem Geburtstag ab, um dann die verhasste Stiefmutter achtkantig aus seinem Haus zu werfen.

Heute aber schien es, als dränge aus jedem Winkel des alten Gemäuers Gelächter in sein Ohr. Es war nicht außergewöhnlich, dass die Dienerschaft ausgelassener war, sobald Lady Hampton nicht zugegen war, doch an diesem Tag war alles anders als sonst. Sämtliche Dienstmädchen lächelten und kicherten, wenn sie glaubten, alleine zu sein, und am Nachmittag hatte sogar der Pferdeknecht, der sonst stets mürrisch war, eine gute Laune zur Schau getragen.

Als dann schließlich am späten Abend auch noch fröhlicher Gesang aus dem Dienstbotentrakt drang, war seine Neugierde endgültig geweckt. Wie ein Dieb in der Nacht schlich er durch das Haus seiner Väter, landete schließlich vor der schweren Küchentür und schob sie einen Spalt breit auf.

Er kam gerade rechtzeitig, um Alexander Harris zu sehen, der sich vor dem Dienstmädchen verbeugte, dem er selbst vor wenigen Tagen in der Bibliothek begegnet war. „Wir danken Euch, Lady Elisabeth. Einen solch wunderbaren Abend haben wir schon lange nicht mehr auf Hampton Court erlebt."

„Hört, hört", stimmte der Pferdeknecht mit ein und nagte genüsslich an einem Knochen. „Ich glaube, dem können wir alle nur zustimmen!"

 

                                                                                            *~*~*

 

Leicht verwirrt und doch hochgradig neugierig zog William Hampton sich zurück, ging in die Halle und grinste verwegen, als ausgerechnet Xander Harris ihm wenige Minuten später in die Arme lief. „Ich glaube", sagte William und griff nach dem Ärmel des jungen Mannes, „es gibt Einiges, dass du mir zu erklären hast!"

Teil 5

William Hampton konnte sich nicht daran erinnern, je zuvor in seinen zwanzig Lebensjahren, eine so lange Zeit auf den Fluren seines Elternhauses verbracht zu haben. Seit nunmehr zwei Tagen streunte er schon durch das verwinkelte Gebäude, stets in der Hoffnung, der jungen Frau zu begegnen, deren seltsame Geschichte er erfahren hatte.


Er hätte es einfacher haben, und sie einfach zu sich bestellen können, doch er hatte anderes im Sinn. Er hatte sich schon genau ausgemalt, wie er ihr begegnen wollte und an dem Plan hielt er fest, auch wenn die Zeit langsam knapp wurde.

Selbstverständlich hatte er den jungen Burschen, diesen Alexander Harris, befragt und die abstruse Geschichte, die der betrunkene junge Mann zum Besten gegeben hatte, war so verwirrend, dass sie eigentlich nur der Wahrheit entsprechen konnte. Doch gerade diese konfuse Aussage hatte ihn dazu gebracht, dem Mädchen eine Art Falle stellen zu müssen.

Er wollte sie nicht zu sich rufen, nur um dann wilde Lügen zu hören, oder gar, dass sich Alexander Harris alles nur zusammengereimt hatte. Er wollte mehr! Er wollte die ganze Wahrheit hinter dieser Geschichte. Er wollte wissen!

Dann endlich, am späten Nachmittag des zweiten Tages, war es soweit. Schon seit einiger Zeit hatte William Hampton seinen Posten auf der großen Balustrade bezogen, um die Halle, die zwei Stockwerke unter ihm lag, stets im Blick zu haben. Und gerade jetzt eilte eben das Mädchen mit Eimer und Putzlappen durch diese Halle, das er so dringend sprechen wollte. Sie unterhielt sich kurz mit einem anderen Dienstmädchen und steuerte dann auf die große Treppe zu.

„Dann wollen wir doch mal sehen", murmelte er und schürzte die Lippen. „Ob sie wohl auf meinen kleinen Trick hereinfällt?", überlegte er leise. „Ich werde es gleich erfahren." William Hampton baute darauf, dass der Mensch ein Gewohnheitstier war, der in ständig wiederkehrenden Begebenheiten stets auf die gleiche Art und Weise reagierte.

Gespannt auf das, was gleich geschehen würde, lief er die Treppe hinab, die das junge Mädchen hinaufkommen musste und kaum eine Minute später war es dann so weit. „Guten Abend, Lady Elisabeth", sagte er höflich und mit fröhlicher Stimme, während er einfach an ihr vorbeiging. Dann blieb er stehen und wartete.

„Euch ebenfalls einen guten Abend, Master Hampton", nickte Elisabeth, ganz in Gedanken und ging an ihm vorbei. Dann erschrak sie furchtbar und fuhr herum. Der Hausherr von Hampton Court stand drei Stufen unter ihr und sah sie mit strahlend blauen Augen fragend an.

„Dann ist es also wahr", sagte er und begutachtete sie von oben bis unten. „Ich hätte es wissen müssen, hätte es erahnen müssen, als wir uns in der Bibliothek begegnet sind. Eure ganze Haltung…"

„Bitte, Master Hampton", versuchte Elisabeth sich herauszureden, doch er bremste sie mit einer Handbewegung.

„Ich denke, die ganze Angelegenheit bedarf einer Erklärung", sagte er und deutete ihr an, ihm zu folgen. „Wenn ich bitten dürfte…"

Doch so schnell gab Elisabeth nicht auf und sie versuchte ein zweites Mal, ihn, von was auch immer er im Sinn hatte, abzuhalten. „Ich bitte Euch. Ich bekomme furchtbaren Ärger, wenn Eure Mutter herausfindet…"

„Meine Stiefmutter", unterbrach er sie barsch. „Und da sie nicht zugegen ist, sollte uns genügend Zeit für eine Unterredung bleiben." Seine blauen Augen musterten sie kühl. „Also, Lady Elisabeth, folgen Sie mir bitte in den Salon. Ich will wissen, was für verrückte Sachen in meinem Haus vor sich gehen!"

 

                                                                                              *~*~*

 

Sorgfältig schloss William Hampton die Tür hinter sich, dann drehte er sich zu Elisabeth um und deutete auf eins der bequemen Sofas. „Setzt Euch", sagte er und begann mit einer unruhigen Wanderung durch das Zimmer. Er musste erst einmal seine Gedanken sortieren.

Und Elisabeth setzte sich mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf die Kante des weichen Sitzmöbels. Sie war so unsicher wie selten zuvor in ihrem Leben und in ihr machte sich eine große Angst breit. Nervös knetete sie ihre Hände, während sie den jungen Mann bei seinem Marsch beobachtete. Die Dienerschaft hielt große Stücke auf ihn, doch was geschah, wenn sie sich in ihm getäuscht hatte? Die Schimpfe und die Strafe, die sie selbst erwartete, machten ihr nicht halb so viele Sorgen wie das, was mit den Angestellten geschah, sobald Lady Margret Bescheid wusste.

„Ich möchte darum bitten, dass mir keine Märchen aufgetischt werden", riss William Hampton sie in die Wirklichkeit zurück. „Denn ich habe schon vor Tagen mit Alexander Harris sehr ausführlich über dieses Thema gesprochen. Und wie ich sehe, hat er sich an meine Anweisung gehalten und Euch nichts davon erzählt." Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie eindringlich an. „Wenn ich dann bitten dürfte…"

Elisabeth überdachte kurz die Lage, dann seufzte sie. Es hatte keinen Zweck, sich irgendwelche Ausreden auszudenken und so berichtete sie, wie sie auf Hampton Court gelandet war. Auch erzählte sie ihm all die Dinge aus der Vergangenheit, die ihre Mutter ihr geschildert hatte und schreckte auch nicht davor zurück, ihm alles über die abscheulichen Pläne seiner Stiefmutter zu berichten.

„Ich habe immer gewusst, dass Lady Margret eine boshafte Hexe ist", sagte William, nachdem Elisabeth ihre Ausführungen beendet hatte. „Doch solche Gemeinheiten hätte ich ihr nicht zugetraut." Er sprang auf, ging auf das große Fenster zu und starrte eine lange Weile wortlos hinaus.

„Macht Euch keine Sorgen", meinte er schließlich und sah Elisabeth aufmunternd an. „Im Moment kann ich zwar noch nicht sonderlich viel für Euch tun, aber im Sommer erlange ich die Volljährigkeit und spätestens dann werde ich Euch aus diesem Sklaventum entlassen."

Er kam näher und baute sich vor Elisabeth auf, die wie ein kleines Häufchen Elend auf dem Sofa saß. „Ich werde auch mein Möglichstes tun, um Eurem Vater das Vermögen wieder zu beschaffen, das meine werte Stiefmutter ihm auf so unanständige Weise genommen hat." Er schüttelte den Kopf und atmete hörbar aus. „Fürs Erste sollte wir uns dennoch so verhalten, als wüsste ich nicht, was in diesem Haus vor sich geht. In den nächsten fünf Monaten kann ich Euch eher schaden als nützen."

„Ich danke Euch, My Lord", sagte Elisabeth und benutzte absichtlich in der Anrede den Titel, den er noch nicht tragen durfte. Seine Absichten waren gut und das rechnete sie ihm hoch an. „Ihr müsst mir glauben", sagte sie und stand langsam auf, „ich weiß Euer Angebot durchaus zu schätzen. Ich befürchte nur, es wird nicht sonderlich helfen."

„Was soll das heißen?" William Hampton fühlte Wut in sich aufsteigen. War dieses kleine Persönchen, das jetzt händeringend vor ihm saß, genauso sehr davon überzeugt, er würde es zu nichts bringen wie seine verhasste Stiefmutter?

„Ich wollte Euch nicht beleidigen", sagte Elisabeth sofort, sprang auf und machte ein zerknirschtes Gesicht, „und ganz gewiss wollte ich Euer Angebot nicht schmälern." Mit traurigen Augen sah sie zu ihm auf. „Aber meine Tante…. Sie hat Jahre damit verbracht, meinen Vater, ja, meine ganze Familie zu diskreditieren und zu schädigen. Sie muss unendlich viel Zeit darauf verwendet haben, ihre grausliche Rache zu planen und in kleinen Schritten durchzuführen…", sie stockte und zuckte mit den Schultern. „Sie hat lange darauf gewartet, gerade im rechten Augenblick zuzuschlagen. Sie wollte, dass ich genauso ende wie sie."

Elisabeth seufzte und setzte sich wieder auf das Sofa. „Ich denke, Lady Margret hat die Möglichkeit, dass Sie mich eher aus meinem Dienst entlassen, durchaus in Betracht gezogen. Und dennoch muss sie Mittel und Wege kennen, mich die kompletten sechs Jahre hier zu halten." Sie sah zu ihm auf. „Ansonsten machen ihre Pläne, die sie vielleicht schon seit Jahrzehnten schmiedet, keinerlei Sinn."

 

                                                                                            *~*~*

 

William Hampton saß im Arbeitszimmer am Schreibtisch seines viel zu früh verstorbenen Vaters und starrte ins Leere. Seine Gedanken kreisten wieder und wieder um das, was die junge Lady Elisabeth zu ihm gesagt hatte. Und je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er sich, dass sie Recht hatte.

Lady Margret musste irgendwelche finsteren Pläne parat haben und vielleicht würden eben diese Pläne auch für ihn gelten. Doch was konnte sie all die Jahre vor ihm verheimlicht haben? Das Testament seines Vaters war eindeutig! Es gab keinerlei vertrackten Klauseln oder sonstige Anweisungen, die seine Stiefmutter darauf bringen konnten, sie würde im Hause Hampton die Oberhand behalten. Am Tag seiner Volljährigkeit würden Titel und das gesamte Erbe auf ihn übergehen und das konnte diese alte Hexe nicht verhindern.

Kopfschüttelnd runzelte er die Stirn. Er musste unbedingt noch einmal die gesamten Papiere seines Vaters durchsehen. Konnte es sein, dass er etwas übersehen hatte? Irgendetwas, das seine Stiefmutter zu der Annahme brachte, sie hätte noch lange das Sagen? Hatte sein Vater gar ein weiteres, neueres Testament verfasst, das die Erbfolge anders regelte?

„Nein", grummelte er. „Davon wüsste ich. Denn das hätte mir die alte Schreckschraube längst unter die Nase gerieben!" Seine Stirn umwölkte sich. „Und doch hat sie etwas in der Hinterhand. Nur was kann das sein?"

 

                                                                                              *~*~*

 

„Er will dir also helfen", freute sich Willow und klatschte vor Begeisterung in die Hände. Zusammen mit ihrer Freundin Tara saß sie auf der schmalen Pritsche in Elisabeths Kammer und lachte begeistert auf.

„Pssst", sagte Tara, die die Nachtruhe der anderen Dienstboten nicht stören wollte. Doch auch sie lächelte Elisabeth an und freute sich über das Angebot, das der junge Hausherr gemacht hatte.

Elisabeth lehnte an der Wand und blickte auf die beiden lieben Mädchen herunter, die zu wirklich guten Freundinnen geworden waren. Noch vor einem halben Jahr hatte sie es als undenkbar erachtet, je mit einer Dienstmagd befreundet zu sein, nun war sie einfach nur glücklich, dass die beiden jungen Frauen offensichtlich nicht so hochnäsig waren, wie sie selbst es einmal gewesen war. So schrecklich der Dienst auf Hampton Court auch sein mochte, dies war eine Erfahrung, die sie niemals missen wollte.

„Dann musst du nur noch bis zum Sommer durchhalten", flüsterte jetzt Willow, die sich an Taras Gebot hielt, leise zu sein und das Nachtleben nicht zu stören. „Ich wusste es. Ich wusste es! Wenn erst einmal der junge Herr das Sagen hat, wird sich alles ändern!"

„Bestimmt", nickte nun auch Tara und Elisabeth fiel es immer schwerer, ein Lächeln auf den Lippen zu zeigen.

Die beiden Mädchen freuten sich so sehr für sie, dass sie es einfach nicht über das Herz brachte, eben diese Freude zu zerstören. Doch sie war sich absolut sicher, dass es ein böses Erwachen geben würde, sobald der Geburtstag des jungen Hausherrn bevorstand. So leicht würde ihre Tante nicht aufgeben.

„Wir sollten jetzt auch ins Bett gehen", sagte sie deswegen und lächelte tapfer weiter. „Sonst kommen wir morgen früh nicht aus dem Bett und Mary jagt uns wie ein kopfloses Huhn."

Beide Dienstmädchen kicherten, standen aber auf. „Da hast du ein wahres Wort gesprochen", meinte Willow und tat dann etwas, was Elisabeth an den Rand ihrer Selbstbeherrschung brachte. Sie nahm sie in den Arm und drückte sie einmal kurz an sich. „Du wirst sehen. Alles wird gut", flüsterte sie in ihr Ohr, lächelte dann und zusammen mit Tara verließ sie die enge Kammer.

„Alles wird gut", murmelte Elisabeth und wischte die Tränen von ihren Wangen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte. „Alles wird gut. In sechs Jahren wird alles gut!"

Teil 6

Die Zeit verging wie im Flug und der Frühling näherte sich bereits mit großen Schritten. Längst waren im Park des alten Anwesens die ersten frühen Blumen erwacht und leuchteten mit der niedrig stehenden Sonne um die Wette. Tausende von Krokussen schossen aus dem feuchten Erdboden, die ersten Narzissen wiegten sich im warmen Wind und einige, sehr frühe Tulpensorten, reckten ihre Köpfe dem molligen Sonnenlicht entgegen.

Elisabeth genoss jede freie Minute im Freien, auch wenn ihr für gewöhnlich nicht allzu viel Zeit dafür blieb. Sie hatte sich vollkommen an das Leben auf Hampton Court angepasst, erledigte die ihr zugedachten Aufgaben ohne Hilfe und war ein festes Mitglied im Dienstbotenstab geworden. Fast schien es, als wäre ihr früheres, so begütertes Leben nicht mehr als ein Traum, dem sie jedoch weniger und weniger nachhing.

Hin und wieder, wenn sie nach getaner Arbeit spät Abends erschöpft auf ihrer schmalen Pritsche lag, dachte sie darüber nach, wie viel Glück im Unglück sie doch gehabt hatte, so wundervolle Menschen kennengelernt zu haben.

Es hätte auch ganz anders kommen können. Andere, weniger verständnisvolle Menschen, hätten sie vielleicht von Anfang an ausgegrenzt und ihr bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie wenig willkommen sie als Adlige war. Doch hier auf Hampton Court hatte sie eine neue Art von Familie gefunden. Und diese Familie würde ihr helfen, die Jahre zu überstehen, die sie wohl oder übel noch bleiben musste.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Elisabeth, Kind", rief Mary, die am Herd stand und Rebhuhn für die Herrschaften zubereitete. „Kannst du bitte für mich nach Sarah sehen? Ich schaffe es heute wirklich nicht", sagte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich habe noch so viel zu erledigen und Alexander, der Feuerholz holen sollte, ist auch schon seit Stunden verschwunden." Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte wissen, wo er sich schon wieder herumtreibt. Bestimmt läuft er wieder den Mädchen nach und hat dabei vollkommen die Zeit aus den Augen verloren."


„Sicher kann ich gehen", beruhigte Elisabeth die gute Frau. „Ich habe all meine Aufgaben erledigt und habe genug Zeit." Sie lächelte und strich der Köchin beruhigend über den Arm. „Soll ich auch versuchen, ihr ein bisschen Suppe einzuflößen?"

Sarah Walters, die uralte Hausdame, schwächelte seit ein paar Tagen und man befürchtete, dass dies ihr letzter Frühling sein würde. Seit Tagen war sie so kraftlos, dass sie nicht einmal mehr ihr Bett verlassen konnte. Die meisten der Mädchen, die ein bisschen Zeit erübrigen konnten, setzten sich zu ihr ans Bett, um sie nicht alleine zu lassen und ihr die Zeit ein wenig zu vertreiben.

„Das wäre wirklich sehr lieb von dir", lächelte Mary dankbar und eilte auch schon los, um eine kleine Schüssel zu füllen. „Sag ihr bitte, dass ich nachher ganz bestimmt noch nach ihr sehen werde. Sie soll nicht das Gefühl bekommen, alleine auf der Welt zu sein."

Elisabeth nahm die Schüssel und nickte. „Das mache ich. Aber ich bezweifle, dass sie noch aufnimmt, was ich zu ihr sage. Die meiste Zeit über scheint es so, als würde sie sich in einer ganz anderen Welt bewegen."

„Wie recht du hast", seufzte Mary und machte ein bekümmertes Gesicht. „Manchmal erzählt sie von längst vergangenen Zeiten, die die kaum selbst erlebt haben kann. Dann fragt sie wieder nach Dingen, die erst vor ein paar Jahren geschehen sind. Erst gestern hat sie mich nach Lady Hampton, ich meine die erste Frau des verstorbenen Lords, Emily, gefragt." Sie zuckte mit den Schultern und seufzte vernehmlich. „Es muss schwer sein, sich in seinem eigenen Kopf zu verlieren!"

„Vielleicht", überlegte Elisabeth, „ist es aber auch ein Segen. Wie schwer muss es erst sein, mit einem hellwachen Kopf dabei zuzusehen, wie der Körper nach und nach seinen Dienst einstellt?"

„Da hast du ein wahres Wort gesprochen", nickte Mary, doch dann erinnerte sie sich an all die Aufgaben, die sie noch erledigen musste und schob Elisabeth in Richtung der Schlafräume. „Husch, husch, junge Dame. Spute dich und halte mich nicht länger auf." Sie zwinkerte Elisabeth zu und wandte sich dann schnell wieder ihren Töpfen und Pfannen zu.

 

                                                                                                *~*~*

 

Wirklich viel von der Suppe konnte Elisabeth der alten Frau nicht einflößen. Doch immerhin hatte sie einige Bissen davon gegessen und auch den Tee getrunken, den ein anderes Dienstmädchen ihr schon früher gebracht hatte. Die meiste Zeit verschlief die alte Frau jedoch und Elisabeth konnte nichts weiter tun, als an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten.

Dann waren da aber auch Zeiten, in denen die Hausdame, die unzählige Jahre auf dem Buckel hatte, hellwach war, und das dringende Bedürfnis verspürte, sich mitzuteilen. Wie Mary schon gesagt hatte, sprach sie meist über die Vergangenheit und Elisabeth erfuhr eine Menge über vollkommen unbekannte Frauen, die ehedem auf Hampton Court gelebt haben mussten. Genauso oft erwähnte die alte Frau den Lord. Doch es war schnell klar, dass sie stets einen anderen im Sinn hatte, denn ein einzelner Mann konnte kaum all die Dinge erlebt haben, die Sarah aufzählte.

„Hast du gewusst, Mary", sagte sie nun und blickte Elisabeth aus trüben Augen an, „dass Prinz George August einmal auf Hampton Court war, um dem Lord seine Aufwartung zu machen? Drei Tage hielt er sich hier auf und er sah sehr adrett aus in seiner roten Militäruniform." Sie kicherte wie ein kleines Schulmädchen. „Ich hab das Stück Seife, mit dem er sich gewaschen hat, aufbewahrt und wie einen kleinen Schatz gehütet."

Elisabeth wusste größtenteils nicht, was sie antworten sollte und beschränkte sich auf höfliche Floskeln und einfache Fragen. „Das muss wirklich spannend gewesen sein", meinte sie und rückte die Kissen zurecht, sodass Sarah es bequemer hatte.

„Oh, ja", seufzte die alte Hausdame, „das war es auch." Für einen Moment war sie still und sie sah aus, als strenge sie sich an, sich an etwas Wichtiges zu erinnern. „Lady Eleonore", sagte sie dann plötzlich und unvermittelt. „Genau. So hieß sie auch. Kanntest du sie? Sie war so ein wildes, unberechenbares Kind. Und was für eine Aufregung es gab, als sie unerwartet verschwand. Einen ganzen Tag und die halbe Nacht haben wir nach ihr gesucht und Mylady war völlig aus dem Häuschen. Und dann stand sie vor uns, gesund und munter und wollte nicht erzählen, wo sie gewesen war." Sie nickte langsam. „Josie konnte es gar nicht glauben und sagte immer, es sei gewesen, als hätten die dicken Wände von Hampton Court sie verschluckt und hinterher wieder ausgespieen." Sie lächelte verschmitzt. „Aber Josie war nie sonderlich helle. Als könnten Wände ein kleines Mädchen verschlucken."


Erleichtert lehnte Elisabeth sich auf dem unbequemen Stuhl zurück. Die alte Dame war eingeschlafen und ließ ihr ein wenig Luft, die vielen gehörten Geschichten zu verdauen. Die ganzen Erinnerungen waren so verwirrend und schienen durch ein ganzes Jahrhundert zu laufen. Sie handelten von so vielen verschiedenen Persönlichkeiten, und da Elisabeth die Familiengeschichte der Hamptons nicht kannte, konnte sie sie nicht in eine Ordnung bringen.

Dann erschrak sie, denn Sarah Walters drückte ihre Hand so fest, dass es wehtat. Elisabeth wollte einige beruhigende Worte zu ihr sagen, doch die blanke Angst in den Augen der alten Frau hielt sie davon ab.

„Du darfst es niemandem sagen, Agnes", flüsterte sie und in ihren Augen schwammen Tränen. „Versprich mir, dass du mein Geheimnis bewahren wirst."

„Ich verspreche es", sagte Elisabeth und befreite sich vorsichtig aus der Umklammerung. „Ich werde ganz gewiss nicht ein einziges Wort verraten." Doch sie war verwirrt. Was konnte die gute Frau nur so in Aufregung versetzen?

„Gut", seufzte die alte Frau und entspannte sich sichtlich. „Denn ich kann es nicht beweisen. Aber ich weiß, dass sie ihren Mann getötet hat. Ich weiß es. Ich weiß es ganz genau!" Sie schüttelte sich. „Herzinfarkt hat der Doktor gesagt, aber das habe ich nie geglaubt. Er war nicht krank. Er war nie krank. Und dann eines Morgens hat er tot im Bett gelegen, der arme Mann. Dabei war er noch so jung." Sie schluckte und sah zu Elisabeth auf, die sie mit großen Augen anstarrte. „Du musst aufpassen, Agnes", raunte sie ihr zu. „Du musst auf den Jungen aufpassen. Ich weiß, sie führt Schlimmes im Schilde! Eines Tages… eines Tages…"

Sarah Walters war wieder eingeschlafen, doch diesmal war es die Art von Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab. 

 

                                                                                          *~*~*

 

„Geht es dir gut, mein Kind?" Besorgt, wie eigentlich immer, blickte Mary Elisabeth an. „Wenn ich gewusst hätte, ja auch nur geahnt hätte, dass sie gerade heute…"

„Mir geht es ausgezeichnet", versicherte Elisabeth bestimmt zum zwanzigsten Mal, auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entsprach. In ihr tobten eine Menge der unterschiedlichsten Gefühle. Zum einen war sie nie zuvor dem Tod begegnet, zum anderen quälte sie die Frage, ob das, was Sarah Walters ihr erzählt hatte, der Wahrheit entsprach und wenn ja, welche Frau welchen Mann umgebracht hatte?

Vielleicht waren all die Gedanken, die Sarah Walters laut ausgesprochen hatte, nichts weiter als Phantastereien einer alten verwirrten Frau. Vielleicht auch nur irgendwelche Geschichten, die sie in ihrem langen Leben gehört, und nun für bare Münze gehalten hatte. Aber wie sollte Elisabeth sich sicher sein, wenn sie nicht jemanden fragte, der ebenfalls schon lange Dienst auf Hampton Court tat? Sie überlegte hin und her und warf immer wieder nervöse Blicke auf Mary, die wie ein aufgeschrecktes Huhn in der Küche hin- und herlief.

Sollte sie der guten Seele des Hauses noch mehr Kummer und Schmerz bereiten, indem sie seltsame Fragen stellte und wilde Behauptungen von sich gab? Oder sollte sie die ganzen Geschichten einfach vergessen und so tun, als hätte sie nie auch nur ein Wort davon gehört? Mary hatte auch so schon den Rand ihrer Nerven erreicht, denn Sarah Walters war mehr als nur eine Kollegin für sie gewesen. Sie war das, was Mary für Elisabeth war, eine stets helfende, sich kümmernde gute Freundin, die jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand.

Sie überlegte hin und her, dann entschied sie sich, nur eine einzige Frage zu stellen. „Kanntest du eine Agnes?"

„Agnes?", wiederholte Mary und stellte den Topf zurück auf den Herd, den sie seit Minuten herumgetragen hatte, so durcheinander, wie sie war. „Den Namen habe ich schon lange nicht mehr gehört. Wie kommst du darauf?"

„Sarah hat mich so genannt", erwiderte Elisabeth. „Einmal dachte sie, ich wäre du und ein anderes Mal hat sie mich Agnes genannt. Und sie war sehr aufgeregt dabei."

„Ja", seufzte Mary. „Sie war schon sehr verwirrt in letzter Zeit." Sie überlegte einen Moment. „An Agnes habe ich wirklich schon lange nicht mehr gedacht. Sie kam nach Hampton Court, als unser junger Hausherr geboren wurde." Sie zuckte mit den Schultern. „Sie war … naja, eine Mischung aus Gouvernante und einer Amme. Lady Emily war ein sehr zartes Persönchen und die Geburt des jungen William hatte sie sehr mitgenommen."

„Dann ist es also noch gar nicht so lange her", sagte Elisabeth und runzelte die Stirn. Je länger sie darüber nachdachte, desto mulmiger fühlte sich ihr Magen an. Konnte das heißen, dass Lady Margret ihren Mann getötet hatte? Sie war eine furchtbare Frau, aber musste das auch gleich heißen, dass sie eine Mörderin war? Und nur auf die verwirrten Gedanken einer alten Frau konnte sich Elisabeth nicht verlassen. Dazu bedurfte es einer Menge mehr Fragen, und das wollte und konnte sie Mary nicht antun. Nicht hier und heute.

„Ist sie zu einer anderen Familie gegangen, als Master William aus dem Gröbsten heraus war?", erkundigte sie sich deswegen schlicht.

„Nein", schüttelte Mary den Kopf. „Sie ist gestorben. Es gab damals ein großes Aufsehen deswegen, denn man fand sie eines Morgens tot in ihrem Bett. Genau wie den Lord. Und es war nur ein paar Tage später. Doktor Finch konnte sich so gar keinen Reim darauf machen, denn alles sah nach einem Herzinfarkt aus. Aber Agnes war erst zweiunddreißig Jahre alt."

Teil 7

Elisabeth verbrachte eine lange Zeit damit, über die seltsamen Geschichten der Hausdame nachzugrübeln. Eine Woche überlegte sie hin und her, wog das Für und Wider ab und entschied sich schließlich doch dafür, gar nichts zu unternehmen. Vielleicht war alles, was Sarah Walters auf ihrem Totenbett gesagt hatte, nichts weiter als verquere Phantasien, die ihrem wirren Kopf entsprungen waren. Auch, wenn Elisabeth das eigentlich nicht glaubte. Sie hatte die Angst in den Augen der Hausdame gesehen und das war ein Anblick, den sie gewiss nie wieder vergessen würde.

Für einen kurzen, winzigen, Augenblick hatte Elisabeth sogar in Erwägung gezogen, den jungen Herrn ins Vertrauen zu ziehen. Doch genauso schnell hatte sie den Gedanken wieder verworfen. Er hasste seine Stiefmutter aus tiefstem Herzen und Elisabeth mochte sich gar nicht ausmalen, was geschah, wenn er sie ungerechtfertigterweise des Mordes an seinem Vater bezichtigte.

Für die ganze absurde Geschichte gab es keinerlei Beweise und ohne Beweise war jeder Gedanke daran reine Verschwendung.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Kannst du bitte heute den Salon übernehmen?" Die gute Willow stand urplötzlich vor ihr und Elisabeth erschrak furchtbar.

„Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen", sagte das rothaarige Dienstmädchen und machte ein besorgtes Gesicht. „Ist alles in Ordnung mit dir?"

„Ja, ja", winkte Elisabeth ab und setzte ein falsches Lächeln auf. „Ich war nur in Gedanken und habe dich gar nicht kommen hören." Dann runzelte sie die Stirn. „Du hattest gerade etwas gesagt, oder?"

„Das habe ich allerdings", lachte Willow. „Ich habe dich gefragt, ob du heute den Salon übernehmen kannst. Tara ist krank und fällt heute aus. Deswegen…"

„Sicher", nickte Elisabeth und war beinahe dankbar für die Frage. Mary hatte sie zum Gemüseputzen verdonnert und es gab kaum eine langweiligere Tätigkeit. „Allerdings weiß ich nicht, wer dann das hier übernehmen soll", sagte sie und zeigte auf den großen Berg von Kartoffeln, der darauf wartete, aus seiner Schale befreit zu werden.

„Das darf ich dann wohl übernehmen", sagte Alexander Harris mit Leidensmiene. Er kam gerade zum rechten Zeitpunkt in die Küche, blieb vor den beiden Mädchen stehen und seufzte vernehmlich. „Wie tief kann man eigentlich noch sinken?" Er schüttelte den Kopf, wusch sich dann schnell die Hände und verjagte Elisabeth von ihrem Platz. „Husch, ihr beiden", sagte er und wedelte mit den Armen. „Tut, was immer ihr tun müsst."

Doch so leicht ließen sich die Beiden nicht vergraulen und eine Weile sahen sie dabei zu, wie aus rundlichen Kartoffeln langsam eckige wurden, und kicherten, als Alexander sie böse anfunkelte. „Habt ihr beiden denn nichts Besseres zu tun, als einem hart arbeitenden Mann auf die Finger zu sehen?" Diese Art von Aufgabe kränkte seine Männlichkeit und er wollte keine Zuschauer.

„Das frage ich mich allerdings auch gerade", sagte Mary, die lautlos die Küche betreten hatte und beide Hausmädchen zuckten zusammen.

„Wir sind schon weg", sagte Elisabeth und beide flitzen in verschiedene Richtungen davon. Doch dann warf Elisabeth einen letzten Blick in die Küche. „Gibt es im Salon etwas, dem ich ein besonderes Augenmerk schenken muss?", erkundigte sie sich, doch Mary schüttelte den Kopf.

„Nein. Dir wird dort nichts begegnen, dass du nicht schon kennst!"

 

                                                                                           *~*~*

 

Fast zwei Stunden später drehte sich Elisabeth einmal um sich selbst, um noch einmal ein Blick auf ihr Werk zu werfen. Hatte sie auch wirklich an alles gedacht? Die Möbel waren abgestaubt und das dunkle Holz glänzte, die Fenster waren geputzt, jeglicher Zierrat vorsichtig gesäubert und sogar den Kamin hatte sie ausgefegt, obwohl er am Abend zuvor nicht einmal benutzt worden war.

„Ich denke, ich habe nichts vergessen", murmelte Elisabeth, griff nach dem Henkel des Eimers und zuckte zusammen, als die Tür des Salons ganz unvermittelt aufgerissen wurde.

„Da seid Ihr ja", sagte William Hampton, warf einen letzten prüfenden Blick in den Korridor und schlüpfte vollends in den Raum.

„Was kann ich für Euch tun, Master Hampton?" Elisabeth war verblüfft und stellte den Eimer wieder ab.

„Ich wollte nach Euch sehen", sagte er, „ mich vergewissern, dass es Euch gut geht."

„Danke, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Mir geht es", beinahe hätte sie ausgezeichnet gesagt, doch dann hätte er sie sicherlich für verrückt gehalten. „Mir geht es den Umständen entsprechend."

„Das ist gut zu hören", nickte er und seine blauen Augen musterten sie eingehend. „Habt Ihr Ruhe vor meiner Stiefmutter?"

„Allerdings", nickte Elisabeth und fühlte sich merkwürdig unwohl. Vielleicht war sie einfach schon zu sehr ein Dienstmädchen, denn sie wusste kaum, wie sie sich verhalten sollte. „Offensichtlich reicht es meiner werten Tante, mich unter den Dienstboten zu wissen. Ich habe sie seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen."

Einen Moment sah er sie wortlos an. „Eigentlich bin ich gekommen, um mit Euch noch einmal über unser letztes Gespräch zu reden." Wieder machte er eine Pause." Ich bin sämtliche Unterlagen meines Vaters durchgegangen. Mehrfach! Und es gibt nichts, rein gar nichts, womit Lady Margret mir den Antritt meines Erbes verweigern könnte."

„Das ist schön", sagte Elisabeth. Trotzdem kam nach wie vor keine Freude in ihr auf.

„Wenn diese Nachricht so positiv war, warum seht Ihr dann aus, als glaubtet Ihr kein Wort von dem, was ich sage?"

„Ich glaube Euch durchaus", sagte sie schnell, denn es war offensichtlich, dass sie ihn beleidigt hatte. „Vielleicht bin ich einfach nur verunsichert, vielleicht möchte ich mir auch nur keine allzu großen Hoffnungen machen, die dann doch wieder zerstört werden." Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Lady Margret einen Trumpf in der Hinterhand hält." Und weil der Hausherr den Kopf schüttelte, sprach sie schnell weiter. „Möglicherweise gilt dieser Trumpf nicht für Euch, aber gewiss für mich." Wieder seufzte sie. „Ich weiß einfach, dass Eure Stiefmutter, meine werte Tante, niemals aufgeben wird, bevor sie erreicht hat, was sie will."

Für einen Moment sah es so aus, als wollte William Hampton widersprechen, doch dann lächelte er. „Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schwierig es war, Euch zu finden. Da es mir nicht möglich ist, direkt nach Euch zu fragen, habe ich den gewissenhaften Hausherrn gespielt und mich erkundigt, ob auch alle Dienstboten fleißig ihrer Arbeit nachgehen. Ein paar Fragen weiter, und ich wusste, dass sage und schreibe gerade jetzt sieben Dienstmädchen durch Hampton Court wirbeln." Er lachte leise. „Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass der Salon der siebte Raum war, in den ich geguckt habe." Nun lachte er ein wenig lauter. „Ich glaube, ich habe auf dem Weg durch das Haus einige sehr verschreckte Dienstmädchen hinterlassen."

Elisabeth lächelte nun ebenfalls, doch dann gefror das sanfte Lächeln zu einer Grimasse. Wieder einmal schien Lady Margret zu ahnen, dass etwas in Hampton Court vor sich ging, von dem sie nichts wissen sollte. Wie schon beim ersten Gespräch mit dem jungen Hausherrn hallte ihre Stimme über den Flur und sie klang alles andere als glücklich und zufrieden.

„William? William! Wo in Drei Teufels Namen steckst du schon wieder?

„Wenn sie mich hier findet … hier, mit Euch zusammen…." Hektisch blickte Elisabeth sich um. Es gab keine Verstecke im Salon und sie wurde langsam panisch, doch da hatte der junge Herr sich schon an den Schultern gepackt und schob sie zur Wand. Was genau er gemacht hatte, hatte Elisabeth nicht gesehen, aber es knackte leise und eins der Regale sprang zur Seite und öffnete den Weg in ein geheimes Versteck.

„Rasch, hinein", flüsterte der junge Hausherr, eilte dann zurück, um all die Putzutensilien einzusammeln. „Ich befreie Euch, so schnell wie es geht", raunte er Elisabeth zu und verschloss den Geheimgang wieder.

Durch einen schmalen Schlitz im Holz konnte Elisabeth sehen, dass er selbst sich ans Fenster stellte und hinaus in den Park blickte, ganz so, als stünde er bereits seit Stunden still.

 

                                                                                             *~*~*

 

„Was sollen diese Spielchen, William?" Wütend fauchend rauschte Lady Margret in den Raum. „Und erzähl mir nicht, du hättest mein Rufen wieder nicht gehört. Immerhin habe ich schon vor über einer Stunde nach dir rufen lassen." Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Ich bin es leid, auf der Suche nach dir durch das ganze Haus zu laufen."

„Wie schade", erwiderte der Hausherr, machte aber keine Anstalten sich umzudrehen. „Doch so ganz entspricht deine Aussage nicht der Wahrheit, denn anscheinend hast du meine Spielchen doch nicht so satt, wie du immer behauptest. Wann immer ich keine Lust habe, sofort auf deinen Befehl hin zu dir zu eilen, scheinst du dich in eine Art Bluthund zu verwandeln, der erst aufgibt, wenn er seine Beute erlegt hat."

„Du vergleichst mich mit einem Hund?" Lady Margret versprühte Gift und Galle. „Wie kannst du es wagen?"

„Ich werde mich in wenigen Monaten noch viel mehr wagen", sagte William eiskalt und wandte sich endlich um. „Ich werde dich hochkantig aus meinem Haus werfen!" Auf seiner Stirn zeigten sich Zornesfalten und seine ganze Haltung machte deutlich, dass er nicht einen Meter zurückweichen wollte. „Gewöhn dich langsam daran. Nein! Gewöhn dich lieber schnell daran, oder noch besser: Fang schon mal an, deine Habseligkeiten zusammenzupacken. Dir bleibt nicht mehr viel Zeit auf Hampton Court!"

„Das wird die Zeit zeigen", schnaubte Lady Hampton wenig beeindruckt. Dann lachte sie kalt. „Aber jetzt will ich wissen, warum du dich seit neustem für die Dienstboten interessierst?"

„Das", zischte William Hampton, „habe ich gerade erklärt. In drei Monaten wird es eine Person weniger im Haus geben und ich überlege, ob ich dann noch immer einen so großen Dienstbotenstab benötige." Abfällig sah er sie an. „Nicht jeder wirft das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster!"

 

                                                                                         *~*~*

 

Das Streitgespräch dauerte an, wurde sogar immer heftiger und Elisabeth beobachtete das Geschehen mit ungläubigem Blick. Niemals zu vor hatte sie zwei Menschen so unerbittlich mit Worten kämpfen sehen. Doch das war beileibe nicht alles. Für Elisabeth stand nach den gehörten Worten fest, dass Lady Margret sich sicher war, noch eine lange Zeit auf Hampton Court das Sagen zu haben. Wie sie sich schlussendlich durchsetzen würde, war noch ungewiss, doch Elisabeth befürchtete das Schlimmste!

Teil 8

Elisabeth wartete geduldig. Der Streit zwischen den beiden Kampfhähnen war derart ausgeufert, dass sie dem jungen Hausherrn ein wenig Zeit geben wollte, sich wieder zu sammeln und ein wenig zur Ruhe zu kommen. Seine Stiefmutter hatte den Raum bereits vor fünf Minuten verlassen, doch noch schien es, als würde die blanke Wut durch seine Adern rauschen. Hin und wieder konnte Elisabeth einen Blick auf ihn erhaschen, denn er stand nicht still, sondern wanderte unruhig im Salon auf und ab.

Schwer seufzend wandte er sich schließlich dem Regal zu, das den Eingang in Elisabeths Geheimversteck verbarg, betätigte den für sie unsichtbaren Hebel und entließ sie in die Freiheit. Doch noch war er offenbar nicht bereit, mit ihr zu sprechen, denn er wandte sich schnell ab und baute sich vor dem Fenster auf, das einen Blick auf den großartigen Park des Hauses gewährte.

Leise und nicht wissend, was sie sagen sollte, blieb Elisabeth einfach stehen. Sie suchte nach Worten, fand jedoch keine und seufzte lautlos. Sie selbst war durch das eben Gehörte verstört und aufgebracht. Sie mochte sich nicht vorstellen, welche Gefühle da gerade durch den jungen Mann am Fenster tobten.

„Es tut mir sehr leid, dass Ihr das mit anhören musstet", sagte William Hampton, kam ihr somit zuvor und atmete hörbar tief ein. „Aber eines ist nun gewiss", murmelte er und sprach dann aus, was Elisabeth dachte. „Meine werte Stiefmutter ist sich ihrer Sache sehr sicher und sie weiß, dass sie die Herrin auf Hampton Court bleiben wird."

Er drehte sich um und sah Elisabeth erschöpft an. „Ihr hattet von Anfang an Recht. Von Anfang an!" William schüttelte den Kopf und seufzte vernehmlich. „Ich habe ihr stets eine Menge zugetraut… aber das…!"

Elisabeth wusste noch immer nicht, was sie tun oder sagen sollte und kaute nervös an ihrer Unterlippe. Im Moment wirkte der junge Mann mit dem markanten Gesicht traurig und verlassen und sie fühlte sich der Situation nicht gewachsen. „Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll", gestand sie leise und trat einen Schritt auf sie zu. „Es tut mir so leid", murmelte sie, doch er schüttelte wüst den Kopf.

„Es gibt nichts, was Euch leid tun müsste", seufzte er und blickte wieder hinaus in den Park. „Ihr habt diese Situation nicht heraufbeschworen. Ganz im Gegenteil. Wäret Ihr nicht gewesen, wäre ich vollkommen blind in… in was auch immer gelaufen."

 

                                                                                             *~*~*

 

Viele schweigsame Minuten, die Elisabeth wie eine Ewigkeit vorkamen, vergingen, dann lachte der junge Mann plötzlich gehässig auf und warf die Arme in die Luft.

„Wisst Ihr eigentlich, dass Ihr die einzig vertrauensvolle Person auf Hampton Court seid? Und dabei kenne ich Euch nicht einmal." Er schnaufte und drehte sich ihr wieder zu. „Ich lebe wie ein Gefangener in meinem eigenen Haus, und bevor ich meine Volljährigkeit nicht erreicht habe, kann ich an diesem Dilemma nicht einmal etwas ändern."

Wütend schüttelte er den Kopf, und die eng anliegenden blonden Haare lösten sich und standen zu allen Seiten ab. „Und wie es scheint, reicht nicht einmal mehr das aus, um dieses verdammte Miststück endlich aus meinem Haus zu befördern." Er seufzte und sackte ein kleines Stück in sich zusammen. „Entschuldigt meine Ausdrucksweise."

„Schon gut", sagte Elisabeth und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Ich kann Euch nur zu gut verstehen." Dann machte sie eine Pause und überlegte ihre nächsten Worte sorgfältig. „Gibt es keinen väterlichen Vertrauten oder gar einen Anwalt, an den Ihr Euch wenden könnt?"

„Nein, niemanden", sagte er und schüttelte den Kopf. Dann lachte er. „Mir wird nicht einmal ein Kammerdiener zugestanden. Wahrscheinlich hat die werte Hausherrin Angst, er könnte mich unterstützen."

Wieder seufzte er, dann sah er sie ernst an. „Ich halte Euch für eine außergewöhnlich kluge junge Dame", sagte er und sah ihr tief in die Augen. „Und ich möchte Euch eine Frage stellen."

„Sicher", nickte Elisabeth und schämte sich das erste Mal für das derbe Kleid und die schmutzige Schürze, die sie trug. „Wenn ich Euch damit helfen kann."

Er nickte bedächtig, ging dann die wenigen Schritte bis zur Couch und ließ sich kraftlos darauf nieder. „Wenn es keine juristischen Möglichkeiten gibt, mich von meinem Erbe abzubringen, das Testament meines Vaters eindeutig ist…."

Elisabeth schwante Böses, denn sie wusste, worauf er hinaus wollte. „Ich weiß, worauf Ihr anspielt", krächzte sie unsicher. „Mir fällt nur eine einzige Möglichkeit ein und die wage ich mich nicht einmal auszusprechen."

„Dann habt Ihr die gleiche Vermutung wie ich", sagte er schlicht. „Sie wird mich töten müssen."

Und noch bevor Elisabeth etwas erwidern konnte, sprang er auf. „Ich weiß nicht, ob es angebracht ist, aber ich möchte mich bei Euch bedanken. Wie ich eben schon einmal sagte, wüsste ich ohne Euch nicht, was mir bevorsteht und so kann ich mich jedenfalls wappnen und versuchen, Lady Margret entgegenzutreten."

Elisabeth nickte bedächtig. „Sie müssen mir versprechen, sehr vorsichtig zu Wege zu gehen."

„Das werde ich", sagte er. „Aber jetzt solltet Ihr Euch sputen, denn Ihr werdet gewiss schon vermisst." Er half ihr all die mitgebrachten Sachen zusammenzupacken und öffnete dann die Tür. „Ich werde mir eine Möglichkeit einfallen lassen, Euch zu kontaktieren."

Elisabeth lächelte. „Das ist nicht so schwer, wie Ihr vielleicht denkt", meinte sie. „Auch wenn Ihr es bisher nicht wusstet, Eure gesamte Dienerschaft steht hinter Euch und würde Euch jederzeit unterstützen." Sie runzelte die Stirn. „Ich werde mich einmal umhören", sagte sie dann. „Vielleicht wissen ein paar der Mädchen, was Lady Hampton im Sinn hat. Sie sehen und hören viel und werden oft nicht beachtet." Sie nickte ihm zu und warf einen vorsichtigen Blick in den Korridor. „Passen Sie gut auf sich auf", meinte sie und lief los.

 

                                                                                             *~*~*

 

Langsam leerte sich die große gemütliche Küche des Anwesens. Wie fast jeden Abend war sie auch an diesem Tag nach Feierabend der Mittelpunkt der Dienerschaft. Es wurde viel erzählt, gelacht, gescherzt und wenige Mutige wagten es sich ,hinter vorgehaltener Hand, böse Witze über Lady Margret zu reißen.

Elisabeth hatte sich an diesem Abend sehr zurückgehalten. Viel zu viele Dinge spukten in ihrem Kopf herum und sie war hin- und hergerissen. Sollte sie ihre Arbeitskameraden einweihen, ihnen all das erzählen, was sie wusste und selbst kaum glauben konnte? Sollte sie es wagen, sie zu bitten, aufzupassen und die Ohren offen zu halten? Würden sie ihr überhaupt glauben, oder würden sie die ganze Angelegenheit als wüste Phantasie abtun?

 

„Was ist mit dir, Kindchen?", riss Mary sie aus ihrer dunkeln Gedankenwelt zurück in die Gegenwart. „Du gefällst mir heute Abend gar nicht. So ruhig und still, wie du heute den ganzen Abend auf deinem Stuhl gesessen hast." Sie lehnte sich vor und legte prüfend ihre Hand auf Elisabeths Stirn. „Fieber hast du keins", stellte sie fest. „Das heißt aber nicht, dass du dich nicht doch bei Tara angesteckt hast."

„Mir geht es gut. Ich bin nur müde", seufzte Elisabeth und sah sich um. Alle außer Willow, Xander und Mary hatten den Raum bereits verlassen und waren in ihr Bett gegangen.

Nur ihre engsten Vertrauten waren noch übrig. Sollte sie es wagen? Sollte sie sich trauen, das auszusprechen, was so schwer auf ihrer Seele lastete? Sie selbst hatte ihr eigenes Schicksal bei ihrer Ankunft auf Hampton Court vertrauensvoll in ihre Hände gelegt. Aber konnte, ja durfte sie auch das Schicksal des jungen Mannes in ihre Hände legen, der vielleicht gerade die schwierigste Zeit seines Lebens durchmachte?

„Ich glaube, ich gehe jetzt auch lieber schlafen", gähnte Xander Harris und stand auf. „Der Tag morgen wird anstrengend."

„Warte", rief Elisabeth und hielt ihn zurück. Sie hatte sich entschieden. Sollte Lady Margret wirklich und wahrhaftig ein Mordkomplott geschmiedet haben, dann brauchte William Hampton jede Hilfe, die er bekommen konnte. „Ich muss mit euch reden."

 

                                                                                       *~*~*

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis Elisabeth ihre Geschichte erzählt hatte. Sie war furchtbar aufgeregt und nervös, weil sie nicht wusste, ob sie das Richtige tat, und brachte so einiges zeitlich durcheinander. Als sie schließlich doch mit ihrer Erzählung endete, brachten weder Mary noch Willow ein Wort über die Lippen. Sie starrten Elisabeth nur sprachlos an und auf ihren Gesichtern waren deutlich die Emotionen abzulesen, die sie durchmachten.

„Es gibt geheime Verstecke im Haus?", grinste Xander verschlagen. Doch da die drei Frauen ihn böse anfunkelten, hob er abwehrend die Hände. „Schon gut! Ich hab ja verstanden, dass das nicht das Wichtige an der Geschichte ist. Aber interessant ist es trotzdem!"

„Elisabeth, Kind, bist du dir sicher?"

„So sicher, wie ich es nur sein kann", nickte Elisabeth und verzog das Gesicht. „Mary, … als Sarah starb… kannst du dich entsinnen, dass ich dich nach Agnes fragte?"

„Selbstverständlich", nickte die Köchin. „Aber wir wissen doch, das Sarah verwirrt war und…"

„Ihr Kopf war vielleicht ein wenig durcheinander und sie wusste nicht immer, wen sie gerade vor sich hatte. Aber ich glaube fest, dass alles, was sie sagte, der Wahrheit entsprach."

„Was hat denn jetzt Sarah damit zu tun?" Willow, so aufgeregt sie auch war, machte keinerlei Anstalten, einfach zu gehen und Elisabeth rechnete es ihr hoch an.

„Ich war bei ihr, als sie starb", flüsterte Elisabeth und schüttelte sich bei der Erinnerung daran. „Sie hat mich für Agnes gehalten und mich eindringlich darum gebeten, gut auf den Jungen aufzupassen."

„Master William", nickte Mary, doch dann runzelte sie die Stirn. „Ich glaube, ich verstehe so langsam, worauf du hinaus willst. Denke ich zumindest."

„Das ist nett", murrte Xander und verdrehte die Augen. „Ich verstehe rein gar nichts mehr!"

Elisabeth seufzte leise. „Sarah hatte schreckliche Angst, als sie es mir erzählte." Sie holte tief Luft und sah jeden ihrer Mitstreiter an. „Sarah hatte Lady Hampton in Verdacht, am Tod ihres Mannes Schuld zu tragen. Sie konnte es nur nicht beweisen."

„Oh, mein Gott!" Mary schlug die Hände über dem Kopf zusammen und auf ihrem Gesicht war die Erkenntnis abzulesen. „Deswegen hast du mich nach Agnes gefragt. Du wolltest wissen, ob es Agnes überhaupt gegeben hat und nicht nur als Phantasie in Sarahs Kopf herumspukte." Sie stockte und machte große Augen. „Agnes", krächzte sie, „starb nur ein paar Tage später als der Lord und unter den gleichen mysteriösen Umständen." Sie sah ängstlich von einem zum andern. „Das würde… das würde bedeuten, dass Lady Hampton auch an ihrem Tod…. Oh, mein Gott! Was ist das nur für eine Welt?"

Teil 9

Die Zeit verflog, während die vier Angestellten in der Küche Überlegungen anstellten und erste Pläne schmiedeten. Im Haus war es mucksmäuschenstill, fast jedenfalls. Hin und wieder drangen leise Schnarchgeräusche aus den Schlafräumen der Dienstboten und das Schlagen der großen Pendeluhr in der Halle war regelmäßig zu hören. Gerade eben hatte sie drei Mal ihren hellen Gong durch die Flure hallen lassen und die Gespräche in der gemütlichen großen Küche erlahmten langsam.

„Also gut", nickte Xander und unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin zu jeder Schandtat bereit, wenn es hilft, dieser furchtbaren Frau den Garaus zu machen. Sagt mir einfach, was ich machen soll und ich laufe los, wie ein geölter Blitz."

„Wir brauchen einen Plan", wiederholte Willow zum dritten Mal. „Einfach drauf los rennen, bringt uns nicht weiter." Sie fühlte sich unsicher und wäre glücklich gewesen, wenn Tara bei diesem Gespräch anwesend gewesen wäre. Aber eins stand für sie außer Frage, nämlich dass sie helfen wollte. Ungerechtigkeiten hasste sie wie die Pest und das, was in diesem Haus geschah, übertraf alles je Erlebte.


„Es wäre gut, wenn sich jemand mal in Lady Hamptons Gemächern umsehen könnte", überlegte Elisabeth laut. „Ich selbst werde bestimmt niemals die Erlaubnis dafür bekommen." Sie sah zu Mary, deren Augen zwischendurch immer für einen Moment zufielen. „Wer kümmert sich um die Räume? Immer noch Annabelle?"

„Ja", nickte Mary und gähnte herzhaft. „Sie wird uns sicherlich helfen. Sie ist ein liebes, treues Mädchen."

„Lieb und treu", brummte Xander und verdrehte die Augen. „Und dumm wie Bohnenstroh!" Er hatte nichts gegen Annabelle, es machte ihm sogar Spaß hin und wieder mit ihr zu schäkern, aber das Mädchen hatte eine Intelligenz, die ihresgleichen suchte. ‚Dumm wie ein Sack Mehl’, dachte er und schüttelte den Kopf.

„Und Annabelle kann nicht besonders gut lesen", warf Willow ein, unterstützte den dunkelhaarigen jungen Mann so, und nickte eifrig. Dann seufzte sie. „Wenn ich sie doch nur ersetzen könnte."

„Das dürfte kaum das Problem sein", sagte Xander und grinste hämisch. „Sag Annabelle morgen einfach, sie hätte die Grippe. Die hohle Nuss glaubt dir aufs Wort und legt sich sofort wieder in ihr Bett."

„Alexander Harris", schimpfte Mary, doch ihre Stimme klang lange nicht mehr so scharf wie sonst, wenn sie ihn tadelte. Sie war einfach zu müde dafür und so ließ sie Fünfe gerade sein.

„Was denn?", maulte der junge dunkelhaarige Mann. „Ist doch so! Gerade dir glaubt sie jedes Wort", murrte er beleidigt und warf der erschöpften Köchin einen finsteren Blick zu. „Und wenn Willow ihren Dienst übernehmen soll…"

Mary gab sich geschlagen. „Schon gut, schon gut. Dann sag ich ihr morgen eben, dass sie Fieber hat und sich wieder hinlegen soll." Sie gähnte herzhaft und Elisabeth sprang auf.

„Wir sollten jetzt alle zu Bett gehen. Es ist furchtbar spät und alles Weitere können wir auch Morgen besprechen."

Die kleine Versammlung löste sich auf und als Elisabeth endlich in ihrem Bett lag, blieb ihr keine Zeit noch weitere Überlegungen anzustellen. Sie war so müde, dass ihr augenblicklich die Augen zufielen.

 

                                                                                            *~*~*

 

Die Tage verstrichen und Elisabeth konnte kaum glauben, welche Unmengen an Informationen ihr zugetragen wurden. Sie hatte sich sogar Papier und Bleistift aus dem Arbeitszimmer stibitzen müssen, um Herr der Lage zu werden.

Die Dienstmädchen rissen sich gerade darum, jegliche Kleinigkeit zu berichten, die sie je gehört oder gesehen hatten und schilderten den Tagesablauf der Hausherrin bis ins Detail. Elisabeth wusste, wann sie aufstand, wann sie vor ihrem Schminktisch saß, wann sie ihre Korrespondenz erledigte und sogar, dass sie stets auf einen Schlummertrunk bestand, bevor sie zu Bett ging.

Die meisten dieser Informationen waren natürlich unbrauchbar, doch Elisabeth würde sich hüten, den Dienstboten deswegen einen Rüffel zu erteilen. Sie alle taten ihr Bestes und oft waren es gerade diese winzigen Details, die mehr verrieten, als es zuerst den Anschein hatte.

Stutzig machten sie hingegen Willows Beobachtungen. Sie hatte im Schlafzimmer der Hausherrin ein kleines abschließbares Schränkchen offen stehen sehen. Jedenfalls hatte es so lange offen gestanden, bis Lady Margret sich daran erinnert hatte, dass sie nicht alleine in ihren Gemächern war.

„Es standen unzählige kleine Fläschchen darin. In Reih und Glied aneinandergestellt. Aber ich konnte nicht lesen, was auf den winzigen Etiketten stand. Sofort als ich mich dem Schränkchen näherte, kam Mylady angeschossen und verriegelte die Tür."

Interessant waren auch die Ausführungen des Kutschers, der selten so redselig gewesen war. „Ich weiß nicht, ob es wichtig ist", hatte er Elisabeth angesprochen, als sie gerade einmal für fünf Minuten ins Freie entschlüpft war. „Aber ich kann erzählen, was Lady Hampton immer unternimmt, wenn sie in London weilt."

Er berichtete von dem Stadthaus in London, das Lady Margret nach dem Tode des Lords nur noch sehr selten aufgesucht hatte, erzählte von Theaterbesuchen und Einladungen diverser Bekannter, doch hellhörig wurde Elisabeth erst, als er einen Doktor erwähnte.

„Wir waren insgesamt viermal da", hatte er nach reiflicher Überlegung gesagt, „und Lady Margret hatte immer schrecklich schlechte Laune, als sie wieder in die Kutsche stieg. Sie hat gezetert und geschimpft und es fehlte nicht viel, und sie hätte mit ihrem Geschrei die Pferde scheu gemacht."

„Ist das der gleiche Doktor, der auch gerufen wird, wenn Lady Margret oder Master William einmal krank sind?", hatte Elisabeth gefragt und der Kutscher hatte den Kopf geschüttelt.

„Nein, ein anderer. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Ich weiß nur, dass er seine Praxis in einem recht zwielichtigen Stadtviertel in London hat. Ich war immer sehr verwundert, dass Mylady überhaupt derartige Kontakte hatte."

Und weil er schon mal zu plappern angefangen hatte, hatte er auch schnell weiter gesprochen. „Hier auf Hampton Court wird immer nach Doktor Mayfield gerufen. Er wohnt in der Stadt und er ist ein sehr netter älterer Herr, der immer ein paar Münzen für mich übrig hat, wenn ich ihn gut und ordentlich fahre. Er mag es nämlich gar nicht, zu sehr durchgeschüttelt zu werden."

„Das ist wirklich interessant", hatte Elisabeth sich beeilt zu sagen, denn der Kutscher sah so aus, als würde er gar nicht mehr aufhören zu reden. „Aber der Doktor in London interessiert mich doch ein wenig mehr. Kannst du mir mehr über ihn erzählen?"

Der Kutscher hatte mit den Schultern gezuckt. „Gesehen habe ich ihn nie", hatte er gemeint. „Ich weiß nur, dass sie das letzte Mal, als wir bei ihm waren, bester Laune war. Und ich weiß auch noch, dass es furchtbar kalt war. Ich habe Stunden auf sie warten müssen und es hat schrecklich geschneit und gestürmt." Er hatte den Kopf geschüttelt und abfällig dreingeblickt. „Aber so etwas interessiert Mylady nicht. Sie war so begeistert von den kleinen Fläschchen, die in ihrem Beutel klimperten, dass sie nicht einmal bemerkte, dass es schon fast Nacht war, als wir endlich abfuhren."

 

                                                                                         *~*~*

 

„Elisabeth!"

Sie sah sich um und erblickte Xander, der sich hinter einem Vorhang im Ostflügel versteckte und nun wie wild winkte. „Komm schnell her!"

„Was wird denn das?", fragte Elisabeth verwirrt und stellte den schweren Wäschekorb ab. Die Gardinen im Kaminzimmer hängten sich nicht von alleine auf und sie hatte keine Lust auf irgendwelche seltsamen Spielchen.

„Master William lässt dir ausrichten, dass er dich zu sprechen wünscht", flüsterte er und sah sich hastig um. „Ich habe eben mit ihm gesprochen", nickte er. „Obwohl man eher sagen könnte, er hat mit mir gesprochen."

Nun war Elisabeth doch verwirrt. „Und weswegen versteckst du dich hinter einem Vorhang?"

„Man weiß ja nie, wer alles zuhört", erwiderte Xander und schüttelte den Kopf. Warum nur sahen alle Frauen ihn immer an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank? Genau wie Elisabeth es gerade jetzt tat. Er gab doch wirklich sein Bestes! Wusste das den heutzutage niemand mehr zu würdigen?

„Schon gut", murmelte Elisabeth und schaffte es gerade noch, nicht die Augen zu verdrehen. „Wo und wann wünscht er mich zu sprechen?"

„Schlag Drei in der großen Halle", murmelte Xander und warf wieder hastige Blicke in den Korridor. „Lady Margret ruht für gewöhnlich um diese Zeit. Ihr solltet also ungestört sein."

„Fein", nickte Elisabeth. „Ich werde pünktlich sein." Sie nahm ihren Wäschekorb wieder auf und machte sich auf den Weg. ‚Alexander Harris’, dachte sie. ‚ist ein seltsamer Mann. Herzensgut, hilfsbereit und gar nicht mal dumm. Warum nur benimmt er sich hin und wieder so merkwürdig?’

 

                                                                                      *~*~*

Neugierig geworden betrat Elisabeth ein paar Minuten vor drei Uhr die große Halle und sie wurde nicht enttäuscht. Der Hausherr war bereits anwesend und lächelte ihr entgegen. „Ich freue mich, dass Ihr die Zeit gefunden habt", meinte er und verbeugte sich formvollendet vor ihr. „Allerdings möchte ich nicht allzu lange hier verweilen und wenn es Euch nichts ausmacht, bitte ich Euch, mich hier hinein zu begleiten."

Er drückte eine kleine Figur am Kaminsims, die an ein Wildschwein erinnerte, und sofort sprang direkt neben der großen Feuerstätte ein Wandpaneel auf. Dann lächelte er, als er Elisabeth verwirrtes Gesicht sah. „Dieser Raum wurde als Priesterversteck genutzt", erklärte er. „Und ja, es gibt eine Menge verborgener Räume hier auf Hampton Court. Unten im Gewölbe gibt es sogar einen Geheimgang, doch niemand weiß, wohin er führt, da er größtenteils eingestürzt ist."

„Verstehe", nickte Elisabeth und folgte ihm in das Geheimversteck.

William Hampton verschloss die Tür und Elisabeth sah erstaunt, dass sogar Tageslicht durch schmale Ritzen in der Hauswand in den Raum fiel.

„Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll", sagte er und lächelte wieder. „Ihr scheint Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt zu haben. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel Gesellschaft gehabt zu haben. Egal, wohin ich auch gehe, stets ist einer der Angestellten zugegen. Und Alexander Harris", er lachte, „scheint eine Art Leibwächter zu sein, der immer dann auftaucht, wenn ich von einem Raum in den anderen wechsle." Dann jedoch wurde sein Gesicht ernst. „Allerdings weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Ich kann kaum erlauben, dass sich Menschen für mich in Gefahr begeben."

„Wir können aufeinander aufpassen", sagte Elisabeth. „Und nicht die Dienstboten sind in Gefahr, sondern Ihr seid es."

„Mag sein", zuckte er die Schultern und verzog das Gesicht. Dann seufzte er. „Ich wage es kaum, mich das zu fragen, aber habt Ihr schon irgendetwas herausgefunden?"

„Nun ja, nichts Konkretes", murmelte Elisabeth, der es seltsam schwer fiel, ausgerechnet mit dem jungen Mann darüber zu sprechen, obwohl er derjenige war, um den es ging. Dann nahm sie sich ein Herz und lächelte ihn schüchtern an. „Wir wissen, das Lady Margret ein Schränkchen voller Fläschchen unter Verschluss bewahrt und ich weiß außerdem, dass sie sich eben diese Flaschen in London bei einem recht zwielichtigem Doktor besorgt hat."

„Also Gift", nickte er. „Ich hatte etwas Derartiges bereits erwartet. Immerhin muss sie darauf achten, dass es keine Untersuchung gibt." Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Es ist makaber, über den eigenen Tod nachzudenken."

„Wir werden dafür sorgen, dass Ihr Euch eine lange Zeit keine Gedanken darum machen müsst!"

Teil 10

Das Wetter war herrlich! Eine laue Brise wehte, die den salzigen Geschmack des nahen Meeres mit sich trug, die Vögel sangen und zwitscherten vergnügt und die Sonne strahlte mit einer Kraft, wie es selten war für den Mai.

Elisabeth, Willow und Tara, die endlich vollkommen nach ihrer schweren Grippe genesen war, hielten ihre Nasen in den warmen Wind und kicherten und lachten unentwegt. Verborgen hinter einer hohen Hecke hatten sie sich ins Gras gelegt und das faule Nichtstun genossen. Jedenfalls für ein paar wenige Minuten.

Zusammen waren die Drei heute für die große Wäsche eingeteilt gewesen, die nun, nach langen und harten Anstrengungen, an endlosen Leinen hängend im Wind hin- und herschaukelte.

„Wir sollten langsam zurückgehen", mahnte Tara plötzlich. „Wir werden bestimmt schon vermisst." Sie war nicht pflichtbewusster als die beiden anderen Mädchen, sie war nur nicht mit dem gleichen Selbstbewusstsein ausgestattet und fürchtete sich vor beinahe allem.

Elisabeth, die noch keine Lust hatte, sich wieder an die Arbeit zu machen, versuchte sie zu beruhigen. „Lady Margrets Gemächer lassen keinen Blick auf diese Seite des Hofes zu", sagte sie und lächelte Tara an. „Nur noch ein paar Minuten. Ich habe die Sonne schon so lange nicht mehr gesehen, dass ich fast vergessen habe, wie sie aussieht."

„Nun übertreib nicht so schrecklich", lachte Willow und stand auf. Sie reckte sich, um an der Hecke vorbei auf den Hof zu sehen und zuckte mit den Schultern. „Eigentlich habe ich auch keine Lust, wieder in die Höhle des Löwen zu gehen. Es tut so gut, einmal nicht über das nachdenken zu müssen, was innerhalb der Mauern dieses Hauses vor sich geht."

„Aber Mary ist bestimmt schon auf der Suche nach uns", murmelte Tara und lächelte schüchtern. „Ich will keinen Ärger." Beinahe hilflos sah sie von Willow zu Elisabeth. „Durch die Grippe bin ich schon so lange ausgefallen und ich brauche diese Anstellung. Ich darf nicht…."

„Schon gut", sagte Elisabeth, stand auf und strich das derbe Kleid glatt. „Niemand von uns kann Ärger gebrauchen. Gerade jetzt sowieso nicht. Also lasst uns gehen."

 

                                                                                               *~*~*

 

Doch kaum hatten die drei Mädchen die große Küche durch den Dienstboteneingang betreten, blieben sie auch schon wie angewurzelt stehen. Im Raum hatte sich eine große Traube aus Dienstboten gebildet, die aufgeregt und vor allem sehr lautstark debattierte.

„Ich lasse mir das nicht mehr gefallen!", schrie Josefine und stieß Mary zur Seite, die offensichtlich beruhigend auf sie eingesprochen hatte. „Soll dieses verdammte Frauenzimmer doch zum Teufel gehen!"

Schlagartig wurde es leise im Raum und einige hielten erschrocken die Luft an.

„Sag doch so etwas nicht", flüsterte Mary mit weit aufgerissenen Augen. „Und vor allem nicht in dieser Lautstärke."

„Was ist denn geschehen?", erkundigte sich Elisabeth. Sie hatte sich mit kurzen Blicken mit Willow und Tara ausgetauscht, doch die Beiden wussten auch nicht, was vor sich ging und hatten nur mit den Schultern gezuckt.

„Was passiert ist?", fauchte Josefine, befreite sich aus der Traube und wandte sich zu Elisabeth um. „Das ist passiert", schrie sie und zeigte auf ihre Wange, die leuchtend rot glühte und auf der fünf Finger einen Abdruck hinterlassen hatten. „Die blöde Kuh hat mich geschlagen!"

Sofort hörte man aus verschiedenen Winkeln der Küche warnendes Gemurmel, doch Josefine dachte gar nicht daran, leiser zu sprechen. „Was kann ich denn dafür, wenn diese dämliche Pute ihren Schlüssel verliert? Habe ich ihn genommen? Nein! Das habe ich nicht! Miststück! Dieses verfluche Miststück!"

Elisabeth konnte sich weitere Fragen sparen. Es war klar, wer zugeschlagen hatte und sie hatte auch eine vage Vermutung, welchen Schlüssel Lady Margret verloren oder verlegt hatte. In den letzten Tagen hatte die Hausherrin des Öfteren ihre Fassung verloren, doch bisher hatte sie sich auf wüste Beschimpfungen und sinnlose Bestrafungen beschränkt. Zugeschlagen hatte sie noch nie und Elisabeth fragte sich, ob dieser plötzliche Wandel darauf zurückzuführen war, dass der Geburtstag des jungen Herrn immer näher rückte.

„Jetzt beruhige dich endlich", schimpfte Mary, griff das aus der Fassung geratene Dienstmädchen an den Oberarmen und schüttelte sie durch. Doch da das nicht half und Josefine unentwegt weiter zeterte, fuhr sie andere Geschütze auf. „Schluss damit jetzt! Du bringst uns noch alle in Teufels Küche!"

„Das ist ein wahres Wort!"


Alle Anwesenden fuhren herum und sahen Lady Margret in der Küchentür stehen, die Klinke noch in der Hand. „Was geht hier vor? Dieses furchtbare Geschrei ist noch im letzten Winkel des Hauses zu hören!" Ihre ganze Haltung spiegelte die Kälte wieder, mit der sie über ihr Haus herrschte und der verbissene Ausdruck ihrer Mundwinkel zeigte, dass sie nicht weit von einem erneuten verbalen Ausbruch entfernt war.

Stille breitete sich in der großen Küche aus, dann nahm Mary sich ein Herz und erzählte die Lüge, die ihr zuerst in den Kopf geschossen kam. „Zwei der Mädchen haben sich furchtbar gestritten, Mylady. Es wird bestimmt nicht wieder vorkommen."

„Weswegen?", verlangte die Hausherrin herrisch zu wissen und reckte den Kopf vor, so dass sie wie ein hässliches Huhn aussah. „Weswegen haben sich die Mädchen gestritten?"

„Ich fürchte, das ist meine Schuld", sprang Xander geistesgegenwärtig ein, machte ein zerknirschtes Gesicht und blickte dann schnell zu Boden. „Ich befürchte, ich habe Beiden… nun ja, … falsche Hoffnungen gemacht."

Lady Hampton lachte abfällig und es war offensichtlich, dass sie das Lügenmärchen nicht glaubte. Doch sie machte auch keinerlei Anstalten, den wahren Grund anzusprechen. „Ich mag diese Schreierei in meinem Haus nicht", sagte sie stattdessen. „Und aus diesem Grund werde ich allen Dienstboten diese Woche keinen Lohn auszahlen!"

Sie lächelte hinterhältig und wartete auf einen Widerspruch. Zuerst sah es auch so aus, als wollte Josefine sich erneut Luft machen, doch Mary hielt sie fest und so beruhigte sich das junge Mädchen.

„Ich bestrafe die gesamte Dienerschaft", spottete Lady Margret, „damit sichergestellt ist, dass so etwas kein zweites Mal vorkommt!" Dann feuerte sie noch einige ihrer giftigen Blicke auf die versammelte Mannschaft ab und rauschte hoch erhobenen Hauptes aus dem Raum.

 

                                                                                             *~*~*

 

William Hampton stand auf seinem Lieblingsplatz, am großen Fenster im Salon. Schon seit Stunden hatte er sich kaum bewegt und ein zufälliger Betrachter hätte ihn vielleicht für eine Statue gehalten. Er starrte hinab in den Park, ohne wirklich zu sehen. Doch langsam wurde es dunkel und er wandte sich seufzend um, um eine der Gaslampen zu entzünden.

Sein gesamtes Leben lief vollkommen aus dem Ruder und er konnte nichts dagegen tun. Er war gefangen in einem makaberen Spiel, das er kaum gewinnen konnte, gefangen in einer dunklen Ecke, aus der es kein Entkommen gab. Doch es war nicht nur das. Seit Jahren schien sich das Schicksal gegen ihn und seine Familie verschworen zu haben. Die ganze Vergangenheit war gespickt von tragischen Vorkommnissen. Sei es der frühe Tod seiner Mutter, an die er sich kaum erinnern konnte, oder sei es das Hinscheiden seines Vaters vor fünf Jahren.

Geblieben war ihm nur eine teuflische Stiefmutter, die gerade sein Ableben plante. Natürlich wusste er, auch ohne dass Lady Elisabeth es ihm gegenüber erwähnt hatte, dass diese schreckliche Frau sicherlich am Tod seines Vaters Schuld trug und er konnte sie nicht einmal dafür belangen, da es keinerlei Beweise gab. Und genau das machte ihn wütend und auch tief betroffen.

Ohne seine Dienerschaft, in dessen Hände er sein Leben gelegt hatte, wäre seine Zeit auf Erden gewiss schon abgelaufen. Das wusste er sicher. Doch nun aß und trank er auf Lady Elisabeths Geheiß hin nur, was ihm einer der Angestellten persönlich überreichte. Eine Sicherheitsmaßnahme, die ihn gewiss schon seit Wochen am Leben erhielt.

Denn seltsamerweise tauchten nun in jedem Raum Obstschalen auf, die es noch vor ein paar Wochen nicht gegeben hatte. Wein und andere Flaschen mit alkoholischen Getränken standen auf kleinen Wägelchen, und seltsamerweise stets in den Räumen, in denen er sich für gewöhnlich aufhielt.

Das ein oder andere Mal hatte er überlegt, ob es nicht leichter wäre, einfach aufzugeben und sich dem ihm zugedachten Schicksal zu fügen. Doch wann immer er eine Flasche, die gewiss eine giftige Flüssigkeit enthielt, von einem dieser Wägelchen genommen hatte, tauchte wie von Geisterhand heraufbeschworen Lady Elisabeths Gesicht vor ihm auf.

Sie war anders als alle Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Tapfer und mutig, dazu noch lieb und stets hilfsbereit. Heute Nachmittag hatte er sie gesehen und wie er sich eingestehen musste, hatte er sie voller Neugierde beobachtet. Er hatte in der Bibliothek am Fenster gestanden, verborgen hinter einem dicken Vorhang und hatte auf den Hinterhof hinunter gestarrt, wo sie mit zwei anderen Mädchen gelacht und gescherzt hatte. Über eine Stunde hatte er dabei zugesehen, wie sie erst die ganze Wäsche auf die Leinen verteilten und sich schließlich faul ins Gras gelegt hatten.

Er konnte kaum begreifen, dass sie sich so leicht in das Leben einer Angestellten eingefügt hatte, doch vielleicht, so hatte er überlegt, lag es wirklich an den guten Menschen, die schon seit Jahren für den reibungslosen Ablauf auf Hampton Court zuständig waren. Eine eingeschworene Gesellschaft, die ohne die Boshaftigkeit seiner Stiefmutter möglicherweise nie entstanden wäre. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel und auch wenn es merkwürdig war, er war seltsam stolz auf sie. Auf jeden einzelnen. Sie verloren nie ein Wort darüber, aber es war offensichtlich, dass sie über ihn wachten und er hoffte schwer, dass er irgendwann in der Lage war, es ihnen zu vergelten.

William riss sich selbst aus seinen Gedanken, denn er hörte Lady Margrets schnelle Schritte über den Gang hallen. Und da er keinerlei Lust auf eine weitere, sinnlose Unterhaltung mit ihr hatte, tat er das, was er schon seit Tagen immer machte, wann immer sie nach ihm suchte: Er versteckte sich in einem der unzähligen Geheimverstecke!

Durch den schmalen Schlitz im Holz sah er sie in den Raum rauschen und wütend mit dem Fuß aufstampfen. „Ich finde dich schon, du verdammter Dreckskerl", murmelte sie und William war keineswegs überrascht, dass sie eine Schachtel mit Pralinen auf dem kleinen Beistelltischen platzierte.

Am liebsten wäre er aus dem Versteck gestürmt und hätte ihr den verfluchten Süßkram höchstpersönlich in den Hals gesteckt, doch ihm fehlte einfach die Kraft, sich ihr entgegenzustellen und so blieb er, wo er war, schloss die Augen und dachte an die Person, die ihn mehr interessierte, als er es zugeben wollte und konnte. Lady Elisabeth!

Zu gerne hätte er sie einmal ohne diese schreckliche Haube gesehen, die sie, wie alle anderen Dienstmädchen auch, ständig tragen musste. Hin und wieder blitzte einmal eine honigblonde Strähne darunter hervor und er hatte sich oft vorgestellt, wie es aussah, wenn dieses Haar lang über ihren Rücken fiel. Überhaupt hätte er gerne mehr Zeit mit ihr verbracht. Zeit, die sie nicht nur in verborgenen Räumen verbrachten, nicht nur Informationen austauschten und nicht nur darüber sprachen, sein mögliches Sterben zu verhindern.

Er wollte sie kennenlernen, wollte ihr nahe sein, wollte ihre Hand nehmen und….

Aber das waren Wunschträume und er war schlau genug, nicht darauf zu hoffen. Er war nicht der richtige Mann für ein solch liebes und wunderschönes Mädchen. Sie hatte ein besseres, ein einfacheres Leben verdient. Mit einem Mann, der sie vergötterte und auf Händen trug! Aber bestimmt kein Mann, der nicht einmal sein eigenes Überleben sichern konnte!

 

                                                                                             *~*~*

 

Die Standuhr in der Halle verkündete, dass die neunte Stunde begonnen hatte und die Angestellten des Haushalts saßen wie immer nach getaner Arbeit in der Küche zusammen. Doch an diesem Abend wurde nur wenig erzählt und noch weniger gelacht. Die Stimmung war gedrückt und Elisabeth konnte es den guten Menschen nicht einmal verdenken. Auch ihr war nicht nach Gelächter. Doch sie dachte nicht an den fehlenden Lohn, den sie ohnehin nicht bekam, sondern eher daran, dass ihre Tante mehr und mehr den Verstand verlor. Elisabeth war sich sicher, dass sie fieberhaft an einem Plan arbeitete, dem ihr Stiefsohn erliegen musste. Und ihr blieben nur noch zwei Wochen dafür Zeit, denn dann stand sein einundzwanzigster Geburtstag an.

„Wir sollten heute alle früh zu Bett gehen", rief Mary und sprang auf. „Der Tag war schrecklich und wir sollten ihn so schnell es geht aus unserem Gedächtnis streichen!" Sie wartete auf eine Erwiderung, doch da niemand etwas zu sagen hatte, nickte sie einfach. „Josefine, lauf und gib der alten Schnapsdrossel ihren Schlummertrunk. Und dann ab ins Bett!"

Josefine guckte grimmig drein und für einen Moment sah es aus, als wollte sie sich der Anweisung widersetzen, dann erhob sie sich seufzend. „Das ist das letzte Mal! Und wenn sie mich hinauswirft! Ich werde nie wieder ihre Gemächer betreten! Soll doch eins der anderen Mädchen gehen!"

Damit rauschte sie aus dem Raum und auch die anderen Dienstboten erhoben sich von ihren Plätzen, um zur Ruhe zu gehen.

Teil 11


Die Tage vergingen wie im Flug und das ganze Haus schien Kopf zu stehen. Die Aufgeregtheit und die Nervosität der Hausherrin hatten sich auf die Angestellten ausgeweitet und Elisabeth hatte noch nie so viele ihrer Kollegen wegen Belanglosigkeiten streiten und zanken sehen. Lady Margret selbst schien nahe dran zu sein, endgültig den Verstand zu verlieren, denn ihre Eskapaden nahmen Ausmaße an, die auf keine Kuhhaut gingen. Die Dienstmädchen fürchteten sich so sehr, dass sie sich nur noch zu zweit in ihre Nähe trauten, da sie ständig wüste Beschimpfungen ausspie und auch nicht davor Halt machte, jeden Gegenstand zu werfen, dessen sie habhaft werden konnte.

Vom jungen Hausherrn hingegen war nur selten etwas zu sehen. Elisabeth wusste, dass die nervliche Belastung für ihn mit jedem weiteren Tag beharrlich angewachsen war und sie zollte ihm im Stillen Respekt dafür, dass er nicht vollends aus der Haut fuhr. Doch auch für sie wurde es jeden Tag schwerer, ihm gegenüberzutreten, denn er sah sie oft so hilflos an, dass sie ihn am liebsten bei der Hand genommen, und weit von diesem furchtbaren Haus weggebracht hätte.

Erst heute Morgen war sie ihm begegnet. Obwohl man es kaum eine Begegnung nennen konnte, denn wie immer war sie auf seine Bitte hin zu ihm gegangen. Wichtige Dinge gab es nicht zu besprechen, doch Elisabeth war bewusst, dass sie für ihn das Tor zur Außenwelt darstellte und er schon deswegen mit ihr sprechen musste, um nicht komplett verrückt zu werden.

William Hampton war beileibe kein Schwächling und hätte er auch nur die geringste Chance gesehen, etwas gegen seine Stiefmutter zu unternehmen, so wäre er gewiss sofort losgestürmt und hätte alles Erdenkliche getan, um sich aus seiner prekären Lage zu befreien.

 

                                                                                                  *~*~*

 

„Die Zeit läuft meiner werten Stiefmutter davon", hatte er erst heute Morgen gesagt. „Eigentlich sollte es reichen, wenn ich mich so lange in einem der Geheimverstecke verberge, bis mein Geburtstag endlich bevorsteht. Man sollte annehmen, dass sie nichts unternehmen kann, wenn sie meiner nicht habhaft wird." Ein müdes Lächeln hatte sich auf sein Gesicht geschlichen. „Allerdings würde ich ihr viel lieber hoch erhobenen Hauptes gegenübertreten."

„Das verstehe ich durchaus", hatte Elisabeth genickt. „Doch noch ist das Schlimmste nicht überstanden. Lady Margrets ganze, so schlau ausgeklügelte Pläne haben sich in Luft aufgelöst und das macht sie noch gefährlicher. Ich traue ihr wirklich alles zu!"

„Genau das sind auch meine Befürchtungen", hatte William Hampton leise gemurmelt, sie für einen Moment liebevoll angesehen und dann schnell zu Boden geblickt. „Wenn ich einfach von der Bildfläche verschwinde…. Wenn ich…" Er hatte geseufzt und sie wieder angesehen. „Lady Margret weiß gewiss, dass wir uns kennen und sie wird auch davon wissen, dass die Dienerschaft ihr Möglichstes tut, um mich zu schützen. Wenn ich mich verstecke, wird sie vielleicht auf die Idee kommen, Euch als Druckmittel einzusetzen. Und dann hätte sie gewonnen, denn ich könnte nie … niemals Euer Leben über das meine stellen." Wieder hatte er sie mit einem zärtlichen Blick angesehen und diesmal war es Elisabeth, die schnell zur Seite gesehen hatte.

„Eigentlich müsstet Ihr Euch verbergen", hatte er schnell weiter gesprochen, sich ein Stück weit zurückgezogen und wütend die Hand zur Faust geballt. „Wie ich diese ganze Situation hasse! Es müsste doch Mittel und Wege geben, diese furchtbare Frau zur Rechenschaft zu ziehen! Sie muss büßen für das, was sie meinem Vater, Euch und auch mir angetan hat!"

„Allerdings", hatte Elisabeth schnell zugestimmt, denn reden war besser, als länger über seine Blicke nachzudenken, die ihr sanfte Schauer über den Rücken jagten. „Das müsste sie." Am liebsten wäre sie die paar Schritte zu ihm hinübergegangen und hätte seine Hand genommen, so verzweifelt sah er aus. Doch sie hielt sich zurück und holte tief Luft. „Lady Margret war gerissen genug, keinerlei Beweise zu hinterlassen. Kein Gericht der Welt würde sie auf bloße Anschuldigungen hin anklagen oder gar verurteilen. Alles was wir tun können, ist Euch bis zu Eurem Geburtstag am Leben zu erhalten. Erst dann ist ihre Macht gebrochen und wird auf Euch übergehen!"

 

                                                                                               *~*~*

 

„Elisabeth, Kind", sagte Mary und beugte sich zu ihr herunter. „Du machst dir zu viele Gedanken. Sorgenfalten gehören nicht auf eine so junge Stirn wie die deine."

Flüchtig lächelnd nahm Elisabeth die Hand der guten Seele des Hauses. „Möglicherweise hast du Recht", erwiderte se. „Aber ich habe das ungute Gefühl, als habe Lady Margret noch einen Trumpf im Ärmel, den sie noch nicht ausgespielt hat. Sie ist weit davon entfernt einfach aufzugeben und die Waffen zu strecken. Du weißt, was die Mädchen gesagt haben. Sie schläft kaum und ihre Launen sind kaum zu ertragen. Hätte sie aufgegeben, so wie wir es uns erhofft haben, dann würde sie anders reagieren. Resignieren und vielleicht ihre Habseligkeiten zusammenpacken. So aber…."

„Oh, guter Gott, steh uns bei", flüsterte Mary. „Es ist also immer noch nicht vorbei? Es sind doch nur noch drei Tage, bis der junge Herr seine Volljährigkeit erreicht."

„Nein", seufzte Elisabeth, „Ich befürchte, es ist noch nicht vorbei."

„Aber was bleibt ihr noch, wenn Master William sich nicht blicken lässt? Sie kann ihn doch so nicht ermor… ähm, also… du weißt, was ich meine. Was kann sie denn sonst noch unternehmen?"

„Wenn ich das nur wüsste", seufzte Elisabeth. „Wenn ich das nur wüsste."

 

                                                                                           *~*~*

 

Der Nachmittag brach an und Elisabeth, die weiter nichts zu tun hatte, saß am großen Tisch in der Küche und las. Notre-Dame de Paris von Victor Hugo. Das Buch war eines der fünf persönlichen Gegenstände, die sie bei ihrer Ankunft auf Hampton Court hatte auswählen dürfen. Wie oft sie es schon gelesen hatte, vermochte sich nicht zu sagen, doch heute lenkte es sie von zu viel Grübelei ab und schenkte zudem auf seltsame Weise Trost.

Jedenfalls solange, bis Willow ganz aufgeregt in die Küche stürmte. „Lady Margret hat eine Vase in der Halle fallen lassen und sie verlangt, dass Elisabeth die Scherben aufkehrt."

Sofort fuhren die wenigen Anwesenden in der Küche alarmiert hoch, aber eigentlich war nichts Gefährliches an der Aufgabe zu entdecken und schließlich zuckte Elisabeth die Schultern und stand auf. „Sicher", nickte sie. „Kein Problem." Sie stand auf, steckte das Buch in die große Schürzentasche und war gerade auf dem Weg, als Xander Harris durch den Dienstboteneingang in die Küche stürzte.

„Elisabeth! Kannst du mir bitte helfen?", ächzte er und balancierte mehrere Stiegen Erdbeeren, von denen einige eine riskante Schieflage erreicht hatten. „Elisabeth? Ich kann gar nichts sehen!"

„Geh und hilf dem Spinner", murrte Josephine und verließ ihren Platz am Kamin, wo sie gesessen und genäht hatte. „Lady Margret soll wohl nicht darauf achten und von weitem sehen wir uns recht ähnlich. Die gleiche Figur, fast die gleiche Größe und sogar die Haarfarbe stimmt."

Nickend lief Elisabeth auf Xander zu, schnappte sich die wackelnden Stiegen und rettete so die leckeren Früchte vor dem Fall. „Warum gehst du nicht zweimal, wenn du nicht einmal sehen kannst, wohin du läufst?", tadelte sie ihn und stellte ihre Last auf dem Küchentisch ab.

„Weil der Weg dann doppelt so lang ist", lachte Xander und steckte sich eine Beere in den Mund. „Außerdem tue ich selten das, was von mir verlangt wird. Es wäre schlicht und ergreifend zu langweilig!"

Elisabeth hatte schon eine bissige Erwiderung auf der Zunge, doch ein dumpfer Schlag in der Halle ließ sie zusammenzucken. Sekundenbruchteile später gellte Lady Margrets laute und grimmige Stimme durch die Stille.

„William! William!", schrie sie aus Leibeskräften und ihre Stimme überschlug sich dabei. „Du hast es ja nicht anders gewollt. Ich habe die ewigen Versteckspiele satt. Komm aus deinem Loch und schau dir an, was ich hier habe!"

Elisabeth, Xander, Willow und Mary waren natürlich sofort zur Tür gestürzt, doch an der Schwelle stoppten sie und sahen geschockt, was vor sich ging. Lady Margret hatte Josefine niedergeschlagen und tanzte nun wie eine wild gewordene Furie um den leblosen Körper des armen Mädchens.

„William", donnerte Lady Margret, da sich ihr Stiefsohn nicht rührte. „Bis jetzt ist das arme Kind nur bewusstlos! Aber das lässt sich schnell ändern." Aus ihrer Tasche kramte sie eine kleine Ampulle, entkorkte sie und goss den Inhalt in Josefines Mund.

„Was tust du da, du verdammte alte Hexe", brüllte William, der sich im obersten Stockwerk über die Brüstung lehnte und mit großen Augen dem Geschehen in der Halle folgte. „Was hast du getan?" Er stieß sich ab und polterte die Treppen hinab.

„Du hast es nicht anders gewollt", schrie Lady Hampton und lachte irre. „Hast du geglaubt, ich wüsste nicht, dass du und Elisabeth eine seltsame Art von Verbrüderung eingegangen seid? Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob ich bekomme, was ich will!"

Fies lächelte sie dem jungen Mann entgegen, der gerade die letzten Stufen übersprungen hatte und ging auf ihn zu. „Du brauchst gar nicht näher an sie herangehen", sagte sie und stellte sich ihm in den Weg. „Du kannst ihr doch nicht helfen! Nur das hier kann ihr helfen!" Sie wedelte mit einer weiteren Ampulle vor seiner Nase herum. „Wenn du tust, was ich verlange, bekommst du das Gegengift! Dir bleibt genau eine Stunde Zeit!"

Dann wandte sie sich um und Xander konnte Elisabeth gerade noch rechtzeitig in das Innere der Küche ziehen, sodass sie vor den Blicken der Hausherrin verborgen blieb. „Servieren Sie uns einen guten Tee im Salon. Mein Stiefsohn und ich haben einiges zu bereden!"

 

                                                                                           *~*~*

 

Kaum hatten Lady Margret und ihr Stiefsohn die Halle verlassen, stürzten aus allen Ecken und Enden des großen Hauses Dienstboten auf das bewusstlose Mädchen zu und scharrten sich um sie. Wie tot lag sie da und nur die unregelmäßigen flachen Atemzüge zeigten, dass noch ein wenig Leben in ihr steckte.

„Macht doch mal Platz", schimpfte Xander, bahnte sich einen Weg durch die Menge und hob Josefine hoch. „Und jetzt geht mir aus dem Weg", schnaufte er, eilte zur Küche und legte das arme Mädchen dort auf dem großen Tisch ab.

„Wie konnte das nur geschehen?", krächzte Mary und knetete nervös ihre Schürze. „Oh, mein Gott! Was nun?"

„Unsere durchgedrehte Herrin hat sie mit Elisabeth verwechselt", knurrte Xander und warf einen Blick auf Elisabeth, die den Tränen nahe war. „Es ist nicht deine Schuld", sagte er schnell. „Egal, wen von euch es getroffen hätte! Die Schuld liegt allein bei Lady Margret."

Zustimmendes Gemurmel wurde laut und Elisabeth fühlte eine Menge Hände, die sie tröstend berührten. „Ich hätte sie trotzdem nicht gehen lassen sollen. Lady Margret hatte nach mir gerufen, nicht nach ihr."

„Schluss jetzt", donnerte ausgerechnet die sonst so ruhige Willow. Sie schob sich an den anderen Dienstboten vorbei, warf einen Blick auf Josefine und seufzte. „Es hilft nicht, wenn wir alle hier herumstehen und ein langes Gesicht machen. Wir müssen etwas unternehmen."

Die Kraft, mit der Willow sprach, riss Elisabeth aus ihrer Lethargie und sie straffte sich, als sich ein vager Plan in ihrem Kopf abzeichnete. „Mary", sagte sie, „bitte koch den Tee und bringe ihn in den Salon." Dann wandte sie sich Willow und Xander zu. „Und ihr beiden kommt mit. Wir haben mehr als nur ein Leben zu retten!"

Teil 12

Wie wild hämmerte das Herz in Elisabeths Brust und ein kurzer Blick auf ihre Begleiter zeigte, dass es ihnen ähnlich erging. Doch es lag auch ein grimmig entschlossener Ausdruck auf Willows und Alexanders Gesichtern und Elisabeth war unendlich dankbar dafür.

In ihr selbst tobten eine Menge Selbstzweifel, ihr Mut schien beständig zu sinken und sie konnte die Bilder nicht aus ihrem Kopf vertreiben. Josefine, wie sie bewegungslos und wie tot in der Halle gelegen hatte. Xander hatte Recht, es war egal, wen Lady Margret erwischt hatte, aber sie fühlte sich dennoch schuldig.

Elisabeth seufzte lautlos und lief weiter. Sie hatte nicht einmal einen Plan, wie sie William Hampton aus den Fängen seiner Stiefmutter befreien sollte. Nur Bruchstücke von brauchbaren Ideen rauschten durch ihren Kopf, doch wann immer sie danach greifen wollte, versanken sie in einem undurchdringlichen Nebel.

„Wo rennen wir eigentlich hin?", flüsterte Xander, packte beide Mädchen an den Handgelenken und bremste sie so. Die Tür zum Salon war nur noch ein paar Schritte weit entfernt und er wollte jedenfalls wissen, auf was er sich gerade einließ. „Du willst doch nicht etwa den Salon stürmen?", fragte er mit großen Augen.

„Natürlich nicht", flüsterte Elisabeth zurück und hatte dabei die undeutliche Vorstellung vor Augen, wie Lady Margret William mit einem Messer bedrohte. „Kommt einfach mit", sagte sie und verbannte die Bilder aus ihrem Kopf. „Es ist nicht mehr weit."

William Hampton sollte ihr nicht umsonst die ganzen geheimen Gänge und Verstecke gezeigt haben. Elisabeth kannte jedes einzelne bald genauso gut, wie der junge Herr selbst. Sie wusste, wie man sie von außen öffnete, aber auch, wo man die Entriegelungen im Inneren lösen konnte, um gegebenenfalls den Ausgang selbst zu öffnen. Doch was wichtiger war, sie wusste, dass das Geheimversteck im Salon auch noch vom Zimmer nebenan, dem großen Wohnzimmer, begehbar war.

„Hier rein", flüsterte sie, ließ Willow und Xander an sich vorbeigehen und lief dann rasch auf eine der Wandpaneelen zu. Ihre Finger huschten fahrig über die Intarsien, dann fand sie, was sie suchte und mit einem leisen Klicken sprang das Brett zur Seite.

„Leise", hauchte sie, mehr, als sie es sagte und legte den Zeigefinger an die Lippen. „Lady Margret muss nicht wissen, dass wir sie beobachten", raunte sie den Beiden zu und schlich auf leisen Sohlen zur gegenüberliegenden Holzwand.

Schon einmal hatte sie hier gestanden und einem fürchterlichen Streit von Stiefmutter und Stiefsohn mitanhören müssen. Doch diesmal war sie nicht alleine und es waren nun drei Augenpaare, die durch die schmalen Holzschlitze ins Innere des Salons starrten.

 

                                                                                             *~*~*

 

Lady Margret hatte sich einen Platz auf dem Sofa gesucht und sie wirkte vollkommen entspannt. Sie zeigte keinerlei nervöse Anzeichen, sondern es war eher so, dass sie durchaus zufrieden damit war, wie ihr Plan bisher verlief. William Hampton hingegen lehnte an der Wand und seine Anspannung war förmlich spürbar. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, entkrampften sich wieder, nur um sich im nächsten Augenblick wieder anzuspannen.

„Was denkst du, was dir diese Sache bringt?", presste William hervor und stieß sich von der Wand ab. „Fast die gesamte Dienerschaft hat gesehen, was du dem armen Mädchen angetan hast. Wie kannst du…."

„Wie ich kann?", lächelte Lady Margret. „Du verstehst es immer noch nicht. Das alles hier", sagte sie und machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm, „wird für immer mir gehören. So wie es mir zusteht!"

„Du hast versucht einen Menschen zu töten!", schrie William Hampton und wanderte auf und ab. „Du wirst diesen Besitz niemals…"

„Verdammt, William", zischte Lady Margret, riss sich dann wieder zusammen und setzte ein zauberhaftes Lächeln auf. „Du verstehst es immer noch nicht! Selbst wenn einer der Angestellten den Mut aufbringt, mich anzuzeigen…. Es wird ihm nichts bringen. Kein Gericht der Welt wird mich verurteilen." Sie warf den Kopf zurück und wirkte wie eine junge, unschuldige Frau. „Ich bin eine perfekte Schauspielerin. Ich dachte, du wüsstest das."

Dann wurde sie wieder ernst und ein abfälliges Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. „William, mein guter Junge. Denkst du wirklich, ich habe das alles hier nicht bis ins Detail geplant? Jeder Mann, der mir gefährlich werden könnte, sei es ein Arzt, ein Richter oder wer weiß wer, steht längst unter meiner Kontrolle. Jeder Mensch hat Geheimnisse und ich bin gut darin, genau diese Geheimnisse aufzuspüren und für mich zu nutzen!"

Eine lange Zeit sagte William nichts, dann unterbrach er seine unruhige Wanderung auf und blickte aus dem Fenster. „Warum Elisabeth? Was hat sie damit zu tun?"

„Sie ist meine Nichte", erwiderte Lady Margret und das erste Mal war eine Spur Gereiztheit in ihrer Stimme zu hören. „Sie ist die widerliche Tochter meiner widerlichen Schwester. Schon das ist Grund genug!" Ihre Augen blitzten gefährlich auf. „Hast du wirklich geglaubt, ich bekomme nicht mit, was in meinem Haus vor sich geht? Deine kleinen, heimlichen Treffen mit ihr und dazu noch die erbärmlichen Versuche der Dienerschaft, dein jämmerliches Leben zu retten?"

Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich gebe zu, sie haben mich für einen Moment aufgehalten und ich musste meine Pläne aufgeben. Doch wie wir sehen, bin ich schließlich doch am Ziel angekommen."

 

                                                                                              *~*~*

 

Es klopfte an der Tür und Lady Hampton, ganz ladylike, wandte den Kopf und ihre Stimme klang glockenhell. „Herein", rief sie und nickte, als sie Mary erkannte. „Ah, der Tee. Wie schön. Servieren Sie ihn uns bitte hier am Tisch."

Mit unsicheren Schritten kam Mary näher und das Porzellan klimperte, als sie ihr mitgebrachtes Tablett auf dem Tisch abstellte. „Kann ich…", krächzte sie, räusperte sich kurz und straffte sich. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mylady?" Mary sprach Lady Hampton an, doch ihr Blick war auf den jungen Mann gerichtet, der hilflos dreinblickte und in sich zusammengesackt war.

„Nein, danke. Sie können gehen", flötete Lady Margret und kaum, dass Mary den Raum verlassen hatte, zückte sie zwei kleine Ampullen. „Es ist ganz einfach, William", sagte sie, entkorkte eine Flasche und goss den Inhalt in die Tasse, die dem jungen Hausherrn am nächsten stand. „Trink das und ich werde dafür Sorge tragen, dass dein kleines Liebchen das Antidot bekommt."

Sie hielt die andere kleine Flasche hoch und schüttelte sie. „Oh", lächelte sie, als sie den kleinen Hoffnungsschimmer in seinen Augen erkannte. „Ich muss dazu sagen, dass dieses Gegengift nur gegen das kleine Mittelchen wirkt, das ich Elisabeth eingetrichtert habe. Für dich habe ich ein anderes ausgewählt. Eins, das bedeutend schneller wirkt. Nach spätestens zehn Minuten ist alles vorbei. Ich verspreche es!" Sie sah auf, scheinbar ruhig, doch diesmal war der Wahnsinn auf ihrem Gesicht zu erkennen. „Zucker?", erkundigte sie sich und füllte beide Tassen mit dem dampfenden Tee.

„Wie kannst du es wagen?", fauchte William Hampton und ging drohend auf sie zu. „Wer sollte mich davon abhalten, dir meine Finger um den Hals zu legen und…"

Ich werde dich aufhalten", nickte Lady Margret und zuckte mit den Schultern. Sie öffnete blitzschnell die Ampulle mit dem Gegenmittel und hielt sie schräg, sodass jederzeit ein Tropfen herauslaufen konnte. „Komm mir zu nahe und ich lasse sie fallen", flötete sie. Dann lachte sie und legte den Daumen auf die Öffnung. „Setz dich, mein lieber Junge. Im Sitzen stirbt es sich viel leichter. Und wir beide wissen doch schon, dass ich gewonnen habe. Du würdest nie dein Leben über das deiner kleinen Freundin stellen!"

 

                                                                                                *~*~*

 

Elisabeth hatte genug gesehen und gehört, um zu wissen, dass sie dringend handeln musste. Sie schnappte Willows und Xanders Handgelenke und zog die Beiden rückwärts in das Wohnzimmer.

„Wir müssen etwas tun?", sagte sie, nachdem sie die Geheimtür bis auf einen Spalt breit zugeschoben hatte. „Und zwar sofort!"

„Und was?", fragte Xander und in seinen Augen spiegelte sich ihre eigene Panik.

„Wir müssen Lady Margret ablenken. Aufhalten!" Für einen Moment schloss sie die Augen, dann hatte sie einen Plan. „Willow", sagte sie und blickte in die Augen der verzweifelt wirkenden jungen Frau. „Ich brauche dich. Und die Aufgabe, die ich für dich vorgesehen habe, ist nicht einfach." Sie stockte einen Moment, holte tief Luft und sprach dann schnell weiter. „Du musst zu ihnen hineingehen", sagte sie und kramte mit fahrigen Händen ihr Buch aus der Schürzentasche. „Nimm das und bring es hinein. Sag einfach, du hättest den Auftrag von William Hampton und hättest Stunden gebraucht, um es zu finden. Oder irgendetwas Ähnliches. Ich komme nur ein paar Sekunden später, um von dir abzulenken, denn… du musst die Teetassen vertauschen."

Xander holte tief Luft, blieb aber stumm und Willow vergaß für einen Moment das Atmen. Dann schüttelte sie wild den Kopf. „Das kann ich nicht! Das kann ich nicht!"

„Ich würde es tun, kann aber nicht gehen", sagte Elisabeth mitleidig. „Ich komme niemals nahe genug an den Tisch heran. Und Xander schon gar nicht. Nur du kannst William Hampton retten."

Willow zitterte, dann nickte sie und sprach sich selbst Mut. „Ich habe Angst, aber ich schaffe das." Sie schluckte schwer, blickte Elisabeth und Xander ängstlich an und nahm dann das Buch. „Bitte lass mich nicht zu lange alleine", sagte sie, dann flitzte sie los.

 

                                                                                             *~*~*

 

Kaum hatte Willow das Wohnzimmer verlassen, stürzten Elisabeth und Xander zurück zur Holzwand. William Hampton hatte sich seiner Stiefmutter gegenübergesetzt und sie konnte sein Gesicht nicht sehen, wohl aber die Tasse mit dem vergifteten Tee, die noch unberührt auf dem Tisch stand.

Dann klopfte es auch schon an der Tür und Willow betrat den Salon, ohne auf eine Einladung zu warten. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber ich habe endlich das Buch gefunden, dass Sie so dringend suchten, Sir." Sie ging zaudernd ein paar Schritte. „Es ist in ein ganz falsches Regal einsortiert worden", plapperte sie ängstlich drauf los und ging weiter, bis sie unmittelbar vor William Hampton stand.

„Was soll denn das?", fauchte Lady Margret und fuhr hoch. Bisher war sie einfach zu verwirrt über diesen Überfall gewesen, doch nun sprang sie auf.

Und das war genau der Moment, in dem Elisabeth loslief. Sie eilte um die Ecke, rannte die wenigen Schritte bis zu Salontür und riss sich währenddessen die Haube vom Kopf. Sie brauchte einen großen Auftritt. Je mehr Aufmerksamkeit sie erregte, desto eher schaffte es Willow, ihren Plan umzusetzen und so schüttelte sie ihre Mähne, die schon so lange unter der Kopfbedeckung verborgen gewesen war. Dann betrat sie seelenruhig den Salon. „Ich hoffe, ich störe nicht."

Lady Margret schrie auf, als sie ihre Nichte erkannte und stürzte auf sie zu. Unmittelbar vor ihr blieb sie stehen und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, als wäre sie einem Geist begegnet. „Wie kannst du…? Nein! Du kannst nicht… niemals…."

Auch William wollte aufspringen, wurde aber von Willow gebremst, denn sie warf ihm das Buch zu, sah ihn eindringlich an und vertauschte wie geplant blitzschnell und vollkommen lautlos die Tassen.

„Ich kann durchaus", lächelte Elisabeth, auch wenn ihr eher nach Weglaufen zumute war. „Du hast das falsche Mädchen vergiftet, werte Tante."

Für einen Moment sah es aus, als würde Lady Margret zusammenbrechen, doch dann schüttelte sie die Beklommenheit ab und lachte schallend. „Das ändert nichts! Gar nichts!" Dann wandte sie sich ihrem Stiefsohn zu. „William! Ein Mädchen stirbt an deiner Stelle, wenn du nicht tust, was ich verlange! Kannst du damit leben?"

„Nein, das kann ich nicht", presste William hervor, sah erst zu Elisabeth und dann zu Willow. Er verstand nicht, was die beiden vorhatten, auch wenn er die Verwechslung der Tassen natürlich gesehen hatte. Aber schon Elisabeth bloße Anwesenheit brachte sie in schlimme Gefahr.

Doch er hatte nicht die Zeit, länger darüber nachzudenken. „Du", schnauzte Lady Margret Willow an, die noch immer bewegungslos neben dem Sofa stand. „Verschwinde!"

Das ließ sich das verängstigte junge Hausmädchen natürlich nicht zweimal sagen, und nach einem kurzen Augenblick auf Elisabeth rannte sie.

„Und du", zischte die Hausherrin und funkelte Elisabeth an, „setz dich ans Fenster. Dorthin, wo ich dich jederzeit im Blick habe!" Elisabeth gehorchte und Lady Margret schüttelte sich und lächelte dann, als hätte nie etwas ihre Pläne unterbrochen.

Sie setzte sich zurück aufs Sofa. „Wo waren wir gerade?", fragte sie im Plauderton. „Ach ja, wir wollten unseren Tee trinken." Ihre Augen funkelten vergnügt, während sie ihre Tasse hob und dann ihrem Stiefsohn bedeutete, es ihr gleichzutun. „Die Zeit läuft", lächelte sie vergnügt. „Eine Stunde ist schnell um und du solltest dich jetzt entscheiden!"

William hob mit zittrigen Fingern seine Tasse und zusammen tranken sie.

Eine Minute war es still im Raum, dann wurden Lady Margrets Augen groß und sie starrte ihren Stiefsohn panisch an. „Was habt Ihr getan?", kreischte sie. „Was habt Ihr getan?" Sie griff sich an den Hals, ließ die Ampulle fallen und William flog praktisch über den Tisch, um sie aufzufangen.

„Hier", rief er Elisabeth zu, nachdem er erleichtert festgestellt hatte, dass nur wenige Tropfen verloren gegangen waren. „Lauft! Lauft, so schnell Ihr könnt!" dann wandte er sich seiner Stiefmutter zu, die nach Luft ringend auf dem Sofa zusammengebrochen war. „Ich bleibe hier und sehe dabei zu, wie das Übel endlich aus diesem Haus verschwindet!"

Teil 13

Doktor Mayfield, der auf Geheiß des nun volljährigen Hausherrn nach Hampton Court gebracht worden war, lief im Salon auf und ab, und man konnte dem werten Herrn die Verzweiflung an den Haaren ansehen. Er hatte sich so oft durch das an den Schläfen angegraute Haar gefahren, dass es zu Berge stand.

„Ich kann es nicht glauben", murmelte er immer wieder und Elisabeth und William, die mit im Raum waren, warfen sich verstohlene Blicke zu. Beide konnten den guten Mann verstehen, denn auch sie fühlten sich, als würden sie einen schauderhaften Albtraum durchleben.

Aber Elisabeth und William war auch nicht wirklich viel Zeit geblieben, um über das Geschehene zu sprechen, denn William hatte darauf bestanden, dass der Leichnam seiner Stiefmutter schnellstmöglich aus dem Haus gebracht werden sollte. Es war wie eine Art Befreiungsschlag und um sein Vorhaben zu ermöglichen, brauchte er den ältlichen Mediziner, der ihn schon seit frühester Kindheit behandelte und von jeher Hausarzt der Familie war.

„Wenn ich Josefine nicht gesehen hätte, würde ich das Ganze für ein schlechtes Märchen halten", brach es nun aus Doktor Mayfield heraus. Er blieb vor William stehen und seufzte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll", krächzte er dann und räusperte sich. „Sie haben einen Schutzengel gehabt, Mylord."

„Eine Menge Schutzengel", brummte William, der diese schreckliche Angelegenheit am liebsten sofort vergessen wollte. In ihm schien eine Welt zusammengebrochen zu sein und er fühlte nur noch eine Eiseskälte. „Lady Elisabeth war eine immens große Hilfe, aber auch jeder Angestellte dieses Hauses. Ohne sie hätte ich sicherlich schon vor Monaten mein Leben verloren und…"

Der Mediziner nahm seine Wanderung wieder auf und schüttelte wieder und wieder den Kopf. „Dabei wirkte sie immer wie eine zerbrechliche Frau, die kein Wässerchen trüben konnte." Er blieb stehen und wandte sich wieder an William. „Und Sie sagen, Sir, Sie haben sie nur aufhalten können, weil Sie die Tassen vertauschten."

„Allerdings", nickte William, warf Elisabeth einen eindringlichen Blick zu und stand auf. Sie und das junge Hausmädchen, Willow, hatten mehr als genug getan und was immer nun auch geschehen würde, er würde Stein und Bein schwören, die Teetassen selbst vertauscht zu haben.

„Doktor Mayfield, wären Lady Elisabeth und eine unserer Hausangestellten nicht so tapfer gewesen, eine Ablenkung hervorzurufen, so wäre mir nicht einmal das gelungen und Sie stünden nun vor meinem toten Körper." Er ging die paar Schritte, bis er dem Mediziner direkt gegenüberstand. „Meine Stiefmutter sagte, sie hätte jeden Mann, der ihr gefährlich werden könnte, in der Hand. Und ich bezweifle nicht, dass Sie damit auch Sie gemeint hat."

Doktor Mayfield sank in sich zusammen, warf Elisabeth einen hilflosen Blick zu und sah dann wieder zu William auf. „Ich vermute, sie hätte mir vorgehalten, dass ich schon damals… als der Lord, Ihr werter Herr Vater, starb…. Aber ich wäre im Leben nicht darauf gekommen", fuhr er hoch und versuchte sich zu verteidigen. „Niemals hätte ich geglaubt, dass sein Tod etwas anderes war, als ein schreckliches Unglück, dass ihn viel zu schnell von dieser Welt gerissen hat. Ich dachte, ein älterer Mann und eine junge Frau…", wieder warf er einen Blick auf Elisabeth. „Entschuldigen Sie bitte, Lady Elisabeth, ich wollte Sie nicht brüskieren."

Elisabeth nickte nur. Ihr Hals war trocken und sie war sich sicher, kein Wort über die Lippen bringen zu können. Schon seit einer Stunde saß sie nun stumm auf dem Sofa und unterdrückte den Wunsch, einfach hinauszulaufen. Sie war nicht anwesend gewesen, als Lady Margret aus dem Leben geschieden war, doch sie hatte ihren toten Körper auf dem Sofa liegen sehen. Verkrampft und mit einem schrecklich verzogenen Gesichtsausdruck. Es war sicherlich kein leichter Tod gewesen und sie bekam die furchtbaren Bilder einfach nicht aus ihren Gedanken, auch wenn der Leichnam längst in einem anderen Raum gebracht worden war.

So schrecklich hin- und hergerissen wie gerade im Moment hatte sie sich noch nie gefühlt. Einerseits wuchs beständig der Fluchttrieb in ihr, andererseits wäre sie am liebsten aufgesprungen, um William tröstend beizustehen. Wann immer das Gespräch versiegte, sah man ihm an, wie sehr in diese schreckliche Sache mitgenommen hatte und Elisabeth wurde das Herz seltsam schwer. Am liebsten wäre sie zu ihm geeilt und hätte seine Hand genommen. Doch eine solche Geste stand ihr nicht zu. Ihr blieb nur, dabei zuzusehen, wie er litt und selbst zu versuchen, das Ganze schnellstmöglich zu vergessen.

„Nun", sagte William nach reiflicher Überlegung. „Wir können diese furchtbare Situation bekannt machen und auf eine eingehende Untersuchung warten, oder wir kehren, wie man so schön sagt, alles unter einen großen Teppich." Er sah auf den Doktor hinab, der sichtlich erschüttert war und nickte. „Lady Margret hätte nicht mit der Wimper gezuckt, auch Ihr Leben in den Dreck zu ziehen", sprach er den älteren Herrn direkt an. „Sie wusste, Sie würden alles tun, um Ihr eigenes Leben und Ihren Ruf nicht zu verlieren." William wollte nicht an die große Glocke hängen, was sich in den letzten Jahren auf Hampton Court abgespielt hatte. So oder so ließ sich nichts mehr daran ändern und das Einzige, was es nun noch zu schützen galt, waren alle Beteiligten und sein eigener Name. Er spekulierte darauf, dass es dem Doktor ähnlich erging und er ebenso nicht wollte, dass die Gräueltaten seiner Stiefmutter bekannt wurden.

„Aber ich wusste doch nicht… konnte doch nicht…." Doktor Mayfield seufzte und streckte sich dann. „Lord Hampton, hätte ich damals auch nur den geringsten Verdacht gegen ihre Stiefmutter gehegt, so hätte ich gehandelt. Das müssen Sie mir glauben." Beinahe verzweifelt sah er sein Gegenüber an. „Aber Sie haben Recht. Ohne eine Chance mich zu verteidigen, hätte ich gewiss versucht, mein Leben und somit auch das meiner Familie zu retten. Die vielen Jahre als angesehener Arzt… nein, das hätte ich gewiss nicht aufs Spiel gesetzt!"

„Das verstehe ich durchaus", erwiderte William sanft und legte dem älteren Herrn tröstend eine Hand auf die Schulter. „Meine werte Stiefmutter war eine hervorragende Schauspielerin und Sie haben damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Aber jetzt sollten wir überlegen, ob wir nicht auch diesmal genauso handeln sollten. Niemand außerhalb dieses Hauses weiß etwas über diese schreckliche Sache." Er wandte sich um und sah Elisabeth an. „Und diesmal gibt es jemanden, den ich schützen muss", sagte er und wandte sich wieder dem Doktor zu. „Lady Elisabeth ist nicht freiwillig auf Hampton Court, doch das wissen Sie bereits. Und egal was auch passiert, wir werden sie gänzlich aus dieser Sache heraushalten."

Es wurde noch eine lange Zeit diskutiert, dann waren sich der junge Lord und der ältere Arzt einig. „Ich werde Lady Margrets Tod als Unfall bescheinigen", nickte Doktor Mayfield ergeben, der an einen Skandal dachte, der auch seinen Ruf zerstören würde. „Und das tue ich nicht nur, um meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen", bekräftigte er dennoch. „Ich sehe es als eine Art Wiedergutmachung und es ist wohl das Einzige, was ich für Ihren werten Vater noch tun kann. Denn ich bin mir sicher, dass ich in seinem Sinne handle." Er nickte beiden Anwesenden zu, ging durch den Raum und blieb unmittelbar vor der Tür noch einmal stehen. „Ich hoffe, es gelingt uns, diese schreckliche Sache tatsächlich geheim zu halten. Immerhin scheint auch das ganze Personal davon zu wissen."

„Keiner der Angestellten wird darüber auch nur ein Wort verlieren", sprang Elisabeth auf. „Solche Menschen wie hier auf Hampton Court gibt es kein zweites Mal auf dieser Welt und sie waren schon vor… vor diesem Unglück eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie werden sich sicherlich der Dringlichkeit dieser Angelegenheit bewusst sein."

„Wie Sie meinen, Lady Elisabeth", nickte Doktor Mayfield und verabschiedete sich. Er musste nun dafür sorgen, dass die Tote so schnell es nur ging unter die Erde kam und vorab gab es noch einiges zu erledigen.

 

                                                                                             *~*~*

 

William stand für einen Moment still; sämtliche Kraft schien aus seinem Körper gewichen und er war unendlich müde. Doch noch konnte er keine Pause einlegen. Er musste mit der Dienerschaft sprechen und sicherstellen, dass dieses furchtbare Geheimnis für immer unter einem Mantel des Schweigens verschwand. Er nickte sich selbst zu und wandte sich dann zu Elisabeth um, die ebenso erschöpft aussah, wie er sich fühlte.

„Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll", begann er leise. „Ein einfaches Dankeschön reicht bei Weitem nicht aus und doch vermag ich momentan nicht mehr zu sagen."

„Es ist durchaus genug", erwiderte Elisabeth leise und rang die Hände. Der Drang diesen Raum zu verlassen wurde immer größer und sie wollte unbedingt nach Josefine, aber auch nach Willow sehen. Das junge rothaarige Mädchen hatte einen verstörten Eindruck auf sie gemacht, aber sie hatte vorher einfach nicht die Zeit gehabt, sich um die lieb gewonnene Freundin zu kümmern. „Wenn es Euch nichts ausmacht, dann würde ich jetzt gerne gehen", murmelte sie und seufzte leise, als der junge Mann nickte.

„Selbstverständlich", sagte William. „Es gibt für Euch auch nichts mehr zu tun. Um den Rest werde ich mich kümmern." Er machte eine kurze Pause, ging dann hinüber zu Elisabeth und nahm für einen Moment ihre kalte kleine Hand in die seine. „Ich kann nichts von dem, was hier auf Hampton Court geschehen ist, wiedergutmachen, aber ich verspreche, ich werde mein Möglichstes tun, um die Ungerechtigkeiten wieder auszugleichen, die Euch angetan wurden."

„Ich danke Euch, Mylord", erwiderte Elisabeth und zog rasch ihre Hand zurück, die merkwürdig heiß geworden war. Dann knickste sie und eilte aus dem Raum.

 

                                                                                            *~*~*

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis Elisabeth Willow fand, denn das junge Mädchen hatte sich zurückgezogen und saß mit tränennassem Gesicht im Küchengarten auf einem großen Stein. Wie immer war Tara in ihrer Gegenwart, doch auch sie wirkte hilflos und sah Elisabeth verzweifelt an.

„Sie weint und weint", flüsterte Tara, als Elisabeth langsam zu ihnen getreten war. „Ich weiß nicht mehr, was ich sagen, oder wie ich sie trösten soll."

„Ich werde es versuchen", nickte Elisabeth und sah mitleidig in Willows verzweifeltes Gesicht. „Hey", murmelte sie leise und umarmte die Freundin.

„Ich habe sie umgebracht", krächzte Willow und weinte bitterliche Tränen. „Ich habe einen Menschen ermordet."

„Nein, das hast du nicht", sagte Elisabeth und schüttelte den Kopf.

„Aber ich war es, die die Teetassen vertauscht hat", schluchzte Willow und klammerte sich an Elisabeth Armen fest. „Hätte ich nicht… hätte ich nicht…."

„Willow, wenn überhaupt, dann trage ich die Schuld dafür", flüsterte Elisabeth leise. „Denn ich habe dir den Auftrag dafür erteilt." Sie stoppte die Freundin, die widersprechen wollte und redete schnell weiter. „Du hast kein Leben genommen, du hast eines gerettet. Lady Margret allein ist dafür verantwortlich. Du hast kein Gift in die Tasse getan, sie war es."

„Aber", schluchzte Willow….

„Elisabeth hat Recht", mischte sich Tara ein. Es war nicht leicht gewesen, Willows verwirrte Geschichte zu verstehen, doch Elisabeths Aussage über das Geschehene rückte alles ins rechte Licht. „Du warst unglaublich tapfer und Lord Hampton verdankt dir sein Leben. Du hast nichts Unrechtes getan."

„Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann", krächzte Willow, wischte sich dann energisch die Tränen aus dem Gesicht. „Es wird wohl eine Zeit dauern, bis ich… ich…."

„Willow", sagte Elisabeth und zog die Freundin fest in die Arme. „Ohne dich und deinen Mut wäre die Geschichte anders ausgegangen. Ich wünschte, ich hätte dir diese schreckliche Situation ersparen, oder zumindest an deiner Stelle sein können. Aber du warst es, die das Leben des jungen Lords gerettet hat. Du! Nur du alleine!"

 

                                                                                           *~*~*

 

Es dauerte noch eine lange Zeit, bis die drei jungen Frauen beschlossen, endlich zurück ins Haus zu gehen. Der Abend näherte sich bereits mit großen Schritten und schlussendlich war es der Hunger, der sie zurück in die große Küche trieb. Elisabeths Magen knurrte laut, denn seit dem kargen Frühstück hatte sie nichts mehr zu sich genommen und so war sie die Erste, die durch den schmalen Eingang in die Küche trat.

„Lady Elisabeth", wurde sie von Mary empfangen, die eine tiefe Verbeugung machte.

Elisabeth wollte schon lachen, doch dann sah sie, dass auch die anderen Dienstboten sich verneigten. „Was ist denn hier los?", fragte sie vollkommen verwirrt.

„Lord Hampton hat angeordnet, dass eins der Gästezimmer für Sie hergerichtet wird. Ihre Koffer sind bereits hinaufgetragen worden", sagte Mary und trat dann an sie heran. „Ist schon in Ordnung, Kindchen", flüsterte sie, als sie Elisabeths geschocktes Gesicht sah. „Denn genau da gehörst du hin." Dann trat sie wieder einige Schritte zurück und verbeugte sich erneut. „Das Abendessen wird um acht Uhr im Speisezimmer serviert, sodass Sie noch Zeit haben, sich frisch zu machen."

Elisabeth fuhr zu Willow und Tara herum, doch auch die beiden verbeugten sich nun und nur mit größter Mühe schaffte sie es, die Tränen zurückzuhalten. Die Menschen in dieser Küche waren ihr größter Halt gewesen und von nun an gehörte sie nicht mehr dazu. Es tat unglaublich weh, ihr Herz war schwer wie nie zuvor und sie konnte nur stumm nicken. Dann rannte sie aus der Küche und ließ einige betrübt dreinblickende Menschen zurück.

Teil 14

Wochen waren vergangen, seitdem Elisabeth Hampton Court verlassen hatte, doch es verging nicht ein Tag, an dem sie nicht an die Erlebnisse zurückdachte. Mittlerweile war sie selbst soweit zu begreifen, dass es wirklich keine andere Möglichkeit gegeben hatte, William vor ihrer Tante, seiner Stiefmutter, zu beschützen. Natürlich hatte sie ihre Zweifel niemals vor Willow oder dem jungen Herrn zur Sprache gebracht, denn die beiden hatten selbst genug damit zu tun, das Geschehene zu verdauen, doch auch ihr wäre jedes Ende lieber gewesen als das tatsächliche.

Schlimm fand sie jedoch, dass William Hampton darauf bestanden hatte, sie so schnell es nur ging nach Hause zu bringen. Natürlich hatte er nach bestem Wissen gehandelt, doch ihr war keine Zeit geblieben, noch einmal richtig mit Mary, Willow oder ihm selbst zu sprechen. Nachdem sie ihr Gästezimmer bezogen hatte, waren ihre einst so treuen Gefährten ebenso verstört über die neue Situation gewesen, wie sie selbst. Elisabeth hatte vorher niemals darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn die Zeit gekommen war, um in ihr wirkliches Leben zurückzukehren. Doch nun rechnete sie es den Angestellten auf Hampton Court noch höher an, sie so herzlich in ihrer Mitte aufgenommen zu haben. Sie alle hatten viel mehr von sich hergeben müssen, als sie es gedacht hatte.

Und was William anging, so hatte sie noch immer das Gefühl, sie müsste sofort zurück und ihm beistehen, denn er hatte gewiss keine leichte Zeit vor sich. Seine letzten Anweisungen, die sie noch mitbekommen hatte, waren gewesen, die Gemächer Lady Margrets komplett zu leeren. Sämtliche Wertgegenstände, die darin enthalten waren, durften sich die Frauen des Angestelltenstabs untereinander aufteilen, und es gab nur eine Bedingung: William wollte nie eines der Stücke wiedersehen!

Er hatte in der Halle gestanden, gerade als die Kutsche vor der großen Eingangstür zum Stehen gekommen war, die Elisabeth nach Hause bringen sollte. „Ich will, dass alles, was noch an Mobiliar oder sonstigem in den Räumen ist, verbrannt wird. Heizt ein paar große Feuer an", hatte er zu Alexander gesagt, der mit Willow, Mary und Tara gekommen war, um Elisabeth zu verabschieden. „Entfernt auch sämtliche Holzvertäfelungen, Paneele und Bilder. Ich will, dass nicht der kleinste Kratzer im Holz an Lady Margret erinnert!"

Dann hatte er sich Elisabeth zugewandt und seufzend mit den Schultern gezuckt. „Für mich gibt es noch einige Dinge zu tun und vieles zu bedenken. Doch ich verspreche Euch, ich werde Euch und Eure Belange nicht vergessen. Sobald ich alle Papiere durchgesehen habe und über sämtliche geschäftliche Aktivitäten Bescheid weiß, werde ich Eurer Familie einen Besuch abstatten, damit endlich ausgeglichen wird, was Schreckliches geschehen ist."

Dann hatte er Elisabeths Hand genommen, sich vor ihr verbeugt und ihr schlussendlich einen formvollendeten Handkuss gegeben. „Ich danke Euch für alles, was Ihr für mich getan habt", hatte er mit liebevollem Blick gesagt, genickt, sich dann entschuldigt und Willow, Tara und den anderen Zeit gelassen, sich zu verabschieden. Doch diese Verabschiedung war recht förmlich ausgefallen, da keiner recht wusste, wie er sich verhalten sollte.

Ihre Eltern waren ebenso geschockt wie erleichtert gewesen, als Elisabeth in der Kutsche des jungen Lords nach Hause gebracht wurde und ihre Mutter hatte, gut und treu wie sie eben war, bittere Tränen geweint, als sie vom Tod ihrer Schwester erfahren hatte. Ihr Vater hatte nur wenig gesagt, aber das zeugte eher vom Mitgefühl seiner Frau gegenüber als wahrhafter Fassungslosigkeit, denn Elisabeth hatte Erlösung in seinen Augen gesehen, und sie konnte es ihm nicht einmal verübeln.

Sprachlos war er erst gewesen, als Elisabeth ihm umständlich von dem Versprechen Lord Hamptons erzählt hatte, alle Ungerechtigkeiten seiner Stiefmutter wieder auszugleichen.

„Aber das ist weiß Gott nicht seine Aufgabe", hatte ihr Vater erstaunt gemurmelt. „Wir können ihn nicht für die Schandtaten dieser schrecklichen Frau verantwortlich machen." Doch er hatte nicht verhindern können, dass sein Gesicht die Freude und Aufregung widerspiegelte, die diese Möglichkeit ihm bieten würde. Vielleicht hatte er dann die Chance, sein Vermögen zurückzugewinnen.

Elisabeth hatte genickt und mit den Schultern gezuckt. „William Hampton ist ein sehr gewissenhafter, und ich glaube, auch sehr liebevoller Mann", hatte sie mit geröteten Wangen gesagt und ihr Vater hatte sie scharf angeblickt. „Er wird nur einige Zeit brauchen, um sich an sein Leben als Lord zu gewöhnen, aber ich bin mir sehr sicher, dass er eines Tages zu dir kommt und wiedergutmacht, was Lady Margret dir angetan hat."

Und genau diese Zeit war nun gekommen. Durch eine kurze Nachricht hatte William Hampton sein Kommen angekündigt und Elisabeth lief seit Tagen mit kribbeligem Gefühl im Magen durch das große Haus ihrer Eltern. Wieder und wieder hatte sie ihr Gesicht im Spiegel geprüft, denn sie wollte, dass er sie endlich einmal so sah, wie sie tatsächlich aussah. Ohne Schwielen an den Händen und ohne diese schreckliche Haube, die alle Dienstmädchen hatten tragen müssen.

 

                                                                                            *~*~*

 

Langsam kam die Kutsche mit dem Wappen des Lords vor den Stufen des Stadthauses zum Stehen. Elisabeth stand neben ihrer Mutter und knetete nervös die eiskalten Hände. Sie war so aufgeregt, dass es ihr schwer fiel, still stehen zu bleiben und als endlich der Kutscher von seinem Bock sprang, ihr dabei kurz zuzwinkerte, und dann die Tür öffnete, holte Elisabeth tief Luft.

Nie zuvor hatte William Hampton so gut ausgesehen wie in diesem Moment. Er hatte offensichtlich etwas an Gewicht zugelegt und sah nun nicht mehr aus, als wäre er kurz vorm Verhungern. Außerdem hatte sein Gesicht an Farbe gewonnen und er lächelte sachte, als er die kurze Stiege hinab sprang.

William begrüßte ihren Vater, ihre Mutter und schließlich Elisabeth selbst. „Ich weiß, es schickt sich nicht", sagte er mit vor Vergnügen funkelnden Augen, „aber ich habe Euch etwas mitgebracht." Er trat zur Seite und Elisabeth sah, dass Willow ihren Kopf aus dem Kutschfenster streckte und übers ganze Gesicht strahlte. Dann entdeckte sie auch Mary und Elisabeth hüpfte voller Freude die Treppe hinunter, um die beiden im Empfang zu nehmen.

„Ich entschuldige mich dafür", wandte sich William Hampton nun an Elisabeths Vater. „Aber die Außergewöhnlichkeit der Situation ließ mir kaum eine andere Wahl." Er beugte sich zu Elisabeths Mutter. „Man hätte mir das für Jahre krumm genommen und ich wusste, Eure Tochter würde sich ebenso freuen."

Elisabeths Eltern, die von ihrer Tochter längst alle Einzelheiten über das Geschehen auf Hampton Court gehört hatten, nickten nur weise und baten ihren Gast herein, der noch einen letzten Blick auf die drei Frauen warf, die vor der Kutsche standen und sich abwechselnd wieder und wieder in die Arme fielen. Bis zu diesem Augenblick war er sich nicht sicher gewesen, das Richtige zu tun, doch Elisabeth strahlte vor Freude und genau das hatte er sich erhofft.

Lange, sehr lange hatte er über das junge Mädchen nachgedacht, dass immer wieder durch seine Träume geisterte. Schon nachdem er das erste Mal mir ihr gesprochen hatte, hatte er eine seltsame Verbundenheit zu ihr gefühlt, doch er war sich nicht sicher gewesen, ob es nur daran gelegen hatte, dass sie eine lange Zeit seine einzige Verbündete gewesen war. Nun jedoch war er sich gewiss, dass das nicht der einzige Grund gewesen war, denn er hatte sie furchtbar vermisst und wann immer ihm seine verplante Zeit ein paar freie Augenblicke geschenkt hatte, hatte er ihr liebliches Gesicht vor seinem inneren Auge gesehen und sein Magen fühlte sich an, als flögen hunderte von Schmetterlingen darin herum.

Doch das Wissen um seine Empfindungen vereinfachte seine Lage nicht sonderlich. Er wusste nicht, ob sie ihm die gleichen Gefühle entgegenbrachte und was noch schlimmer war, ob sie jemals nach Hampton Court zurückkehren würde. Das alte Haus hatte ihr die finsterste Zeit ihres Lebens beschert und es war auch zu bedenken, dass Elisabeth der Dienerschaft näher stand, als es gewöhnlich war. Würde sie damit umgehen können, die Herrin über ihre Freundinnen zu sein? William war sich nicht sicher, doch nun gab es erst einmal andere Dinge zu regeln und so wandte er sich dem Hausherrn zu.

„Wir haben einiges zu bereden, Sir Philip", sagte er nun zu Elisabeths Vater. „Und ich hoffe, ich bringe Euch gute Nachrichten."

 

                                                                                             *~*~*

 

„Ihr müsst mir alles erzählen", lachte Elisabeth und führte ihre beiden Gäste in den Salon. „Und ich meine alles! Macht Xander immer noch soviel Dummheiten? Geht es Josefine wieder gut und warum ist Tara nicht mitgekommen?" Sie lachte und setzte sich. „Oh, ich habe so viele Fragen. Ich glaube, ich kann sie gar nicht alle stellen, denn sonst sitzen wir in drei Wochen noch hier!"

„Tara hat diese Woche frei und ist zu ihrer Familie gefahren. Josefine geht es gut. Sehr gut sogar", erzählte Mary. „Lord Hampton hat … naja, jedem von uns eine hübsche Stange Geld gegeben." Ihre Stimme wurde immer leiser und Elisabeth musste sich vorlehnen, um alles zu verstehen. „Es ist wohl, nun ja, eine Art Schweigegeld." Sie zuckte mit den Schultern. „Er hätte es nicht zahlen müssen. Du kennst uns ja, Kindchen. Uns reichte es schon, dieses furchtbare Frauenzimmer loszusein."

Willow nickte bedächtig. „Allerdings. Aber so ist es auch recht nett." Sie kicherte. „Es ist ein schönes Gefühl, ein kleines Polster zu haben."

„Wie auch immer", unterbrach Mary, der nicht wohl bei dem Thema war. „Josefine hat jedenfalls Hampton Court verlassen. Sie ist in die Stadt gezogen und hat ein kleines Handarbeitsgeschäft übernommen. Wie man hört, läuft es ganz gut."

Elisabeth hatte Josefine nie besonders ins Herz geschlossen, doch es tat gut zu hören, dass es ihr gut ging. „Haben noch mehr der Angestellten den Dienst quittiert?" Den Kutscher hatte sie ja bereits gesehen und sein freundliches Zwinkern hatte ihr unglaublich gut getan. Doch sie brannte auf neue Informationen.

„Nein, keiner", lächelte Willow. „Wohl auch um dem jungen Lord zu zeigen, dass sie ihm treu ergeben sind."

„Was auch seinen guten Grund hat", nickte nun Mary. „Es ist viel geschehen, seitdem du weg bist, Kindchen", meinte sie und nahm vertrauensvoll Elisabeths Hand. „Lord Hampton hat unseren Lohn erhöht, wir alle haben einen Tag frei in der Woche und in Kürze wird der Dienstbotenflügel vergrößert. Er sagt, es wäre an der Zeit, das Haus einmal auf den neuesten Stand zu bringen und dazu gehöre auch, das jeder der Angestellten ein eigenes Zimmer bekommt, das größer ist als eine Besenkammer."

„Ja", grinste Willow. „Und diese schreckliche Suppe, die wir so oft essen mussten, ist komplett vom Speiseplan verschwunden. Es ist unglaublich. Du müsstest es sehen. Wir werden jetzt so gut versorgt, dass Alexander in den wenigen Wochen schon viele Pfunde zugenommen hat. Wir mussten ihm eine ganz neue Garderobe schneidern lassen. Seine alte Weste wäre beinahe über seinem strammen Bauch aufgeplatzt!"

„Das hört sich gut an", lächelte Elisabeth, doch dann wurde ihre Stimme ernst. „Es hat schrecklich wehgetan", sagte sie traurig. „Meine letzten drei Tage auf Hampton Court meine ich." Sie sah Mary an, dann Willow. „Ihr wart alle so anders zu mir und ich habe mich ausgestoßen gefühlt." Sie holte tief Luft und bremste die Beiden, die offensichtlich etwas erwidern wollten. „Ich weiß, es erging euch wahrscheinlich ebenso, aber eure Freundschaft hat mir wirklich gefehlt."

„Ach, Kindchen", sagte Mary. „Wir wussten doch, dass es früher oder später so kommen musste. Du gehörst nun mal nicht in unsere Welt."

Willow rang die Hände. „Es fällt mir unglaublich schwer, aber ich muss Mary Recht geben. Hätte mir vorher jemand erzählt, ich würde mich mit einer waschechten Lady anfreunden, so hätte ich es nicht geglaubt. Aber du warst so anders als alle Damen der Gesellschaft, die mir je untergekommen sind. Kein bisschen herrschsüchtig und immer nett und hilfsbereit. Wir konnten gar nicht anders, als dich in unsere Mitte aufzunehmen." Sie zuckte mit den Schultern. „Aber du gehörst jetzt nicht mehr dazu. Du bist zurück in deinem Leben und wir in unserem."

Einen Moment war es still im Raum und jede schien sich eingehend mit dem Tee zu beschäftigen, der von den beflissenen Dienstmädchen des Hauses gebracht worden war. „Aber weißt du, was wirklich lustig ist?", sagte Mary plötzlich. „Wir haben lange darüber gesprochen." Sie stockte und kicherte wie ein junges Mädchen. „Wir hätten nichts dagegen, wenn du zu uns zurückkehren würdest." Sie blickte Willow an und zuckte mit den Schultern. „Dich hätten wir nur zu gern als Herrin."

Elisabeth holte erschrocken tief Luft und schüttelte den Kopf. „Das geht doch…. Ach, was! Nein!" Dann lachte sie. „Was für seltsame Gedanken ihr habt!"

„Nun ja", sagte Willow und machte einen betretenen Eindruck. „Wie Mary schon sagt, wir haben lange darüber gesprochen." Sie zuckte mit den Schultern. „Dass Lord Hampton uns hierher gebracht hat… das ist eine große Ausnahme und das weißt du. Und bevor wir dich nie mehr wiedersehen, haben wir eben überlegt, wie es wäre, wenn du die neue Hausherrin wirst."

Lachend sprang Elisabeth auf und ein nervöser Unterton machte sich in ihrer Stimme breit. „Dann müsst ihr jetzt nur noch eurem Herrn euren Wunsch vorschlagen. Er hat bestimmt nichts dagegen, eine junge dumme Frau zu heiraten, die ihn einst bedient hat! Gewiss nicht!"

Teil 15

Einsam und verlassen saß Elisabeth auf der Fensterbank in ihrem alten Kinderzimmer. Sie hatte diesen Ort ganz bewusst gewählt, denn nur er erlaubte einen großartigen Blick auf den Park auf der Rückseite des Hauses und außerdem war der Raum an sich sonderbar tröstend und es lenkte sie ein wenig von den bitteren Gedanken ab, die sich in ihrem Kopf ausgebreitet hatten und nicht wieder verschwinden wollten.

Mary und Willow hatten die Gelegenheit nutzen wollen und waren nach London hineingefahren. Nie zuvor waren sie in der Stadt gewesen und Elisabeth hätte sie zu gerne begleitet. Doch sie hatte davon Abstand genommen, als ein bestimmender, wenn auch mitfühlender Blick ihrer Mutter sie getroffen hatte. Sie wusste nur zu gut, was ihr durch den Kopf ging.

Elisabeth hatte den Beginn der Ballsaison bereits verpasst und es waren viele Fragen nach ihrem Verbleib gestellt worden, die ihre Eltern nicht hatten beantworten können. Sich nun auch noch mit Dienstmädchen in der Stadt zu zeigen, hätte ihr gesellschaftlich das Genick gebrochen und das konnte Elisabeth sich nicht erlauben. Niemand wusste, ob ihr Vater jemals wieder finanziell auf die Beine kam und eine Hochzeit war vielleicht ihre letzte Rettung.

Allerdings hoffe ich immer noch, dass William meinem Vater aus der Misere helfen kann’; dachte sie und wurde augenblicklich rot. Sie hatte ihn, wenn auch nur gedanklich, mit dem Vornamen angesprochen. Schnell schüttelte sie den Kopf und schimpfte mit sich selbst. An so etwas sollte sie sich lieber nicht gewöhnen, denn gewiss würde sie ihn nicht mehr wiedersehen, nachdem er sein Gespräch mit ihrem Vater beendet hatte.

Natürlich hatte sie auch darüber nachgedacht, was sowohl Willow als auch Mary gesagt hatten. Sie als Herrin auf Hampton Court…. Das Schlimme daran war, dass sie es sich durchaus vorstellen konnte, denn sie wusste, was sie zurückgelassen hatte und es schmerzte noch immer. Wahrscheinlich war sie nicht sonderlich objektiv, doch so viele liebe, gute Menschen würden ihr nie wieder begegnen.

Doch diese ganzen Gedanken waren müßig, denn William würde gewiss niemals irgendwelches Interesse an ihr zeigen. Ganz zu schweigen davon, dass er gesellschaftlich weit über ihr stand, er brauchte sicherlich keine Frau, die ihn ständig an die schlimmste Zeit in seinem Leben erinnerte.

 

                                                                                                *~*~*

 

Die Sonne versank langsam und Elisabeth, die die Zeit ganz vergessen hatte, zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte. Noch bevor sie ein Wort sagen konnte, öffnete sich die Tür und ihre Mutter schob sich in das alte Kinderzimmer.

„Ich wusste, dass ich dich hier finde", sagte sie leise und ging die wenigen Schritte zur Fensterbank, auf der Elisabeth saß. „Du bist immer hierher geflüchtet, wenn dich schwere Gedanken plagten oder du nicht wusstest, wie du dich verhalten sollst."

„Du kennst mich gut", lächelte Elisabeth und zuckte mit den Schultern. „Es ist alles so kompliziert." Sie seufzte schwer und blickte schnell aus dem Fenster. „Es war die schlimmste, aber auch gleichzeitig eine sehr schöne Zeit für mich auf Hampton Court. Nie zuvor bin ich solchen Menschen begegnet. Sie haben mich in ihre Mitte und auch in ihr Herz gelassen und nun bin ich… so weit von ihnen entfernt, wie ich es nur sein kann."

„Wenn ich sage, ich kann dich verstehen, dann ist es vielleicht ein bisschen weit hergeholt, denn ich war niemals in einer solchen Situation. Und doch denke ich, ich kann dir nachfühlen." Sie setzte sich neben ihre Tochter und nahm ihre Hand. „Allerdings frage ich mich, ob es nicht noch mehr Gründe gibt, die dich so schwermütig machen?" Sie lächelte vage in das erschrocken dreinblickende Gesicht ihres Kindes. „Vielleicht ist es dir selbst nicht einmal bewusst, aber ich glaube, es zieht dich mehr zurück nach Hampton Court, als nur deine neu gewonnenen Freunde."

Elisabeth wurde rot und senkte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Erst habe ich gedacht, es wäre Mitleid, dass ich fühle, doch es ist…." Sie seufzte wieder. „Ich glaube, ich kann nicht mit dir darüber sprechen."

„Ach, mein Kleines", sagte ihre Mutter aufmunternd. „Ich glaube, ich verstehe weitaus besser was in dir vorgeht, als du selbst. Du hast dein Herz verschenkt und weißt nicht, ob er das Gleiche empfindet wie du."

„Ist es so offensichtlich?", jammerte Elisabeth und sah traurig zu ihrer Mutter auf. „Dabei habe ich es erst heute wirklich verstanden."

„Eine Mutter sieht so etwas immer", lächelte sie und stand auf. „William Hampton fragt den ganzen Tag nach dir. Oh, niemals direkt", nickte sie dann. „Aber er erkundigt sich dauernd nach deinem Befinden und ob du die schreckliche Zeit gut überstanden hast. Ich glaube, ihm brennt eine Frage auf der Zunge, die er sich deinen Vater jedoch nicht zu fragen wagt. Möglicherweise solltest du dein Versteck einfach verlassen und mit ihm reden. Viele deiner bitteren Gedanken könnten sich dadurch einfach in Luft auflösen."

Elisabeths Gesicht, erst so voller Hoffnung, zeigte nun wieder eine traurige Miene. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du auch dieses Mal Recht hast. Er ist ein Lord, Mom. Er steht weit über mir und ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein junges dummes Mädchen heiraten will, das ihm ständig mit dreckigem Gesicht begegnet ist."

„Ach, Liebes", seufzte ihre Mutter. „Wenn du dich hier verborgen hältst, wirst du niemals die Wahrheit erfahren, denn er wird denken, dass du dich seinetwegen zurückgezogen hast. Ich glaube nicht, dass das seinen Mut wachsen lässt. Also nimm dir ein Herz und geh."

„Ich werde es mir überlegen", nickte Elisabeth und seufzte schwer. „Gib mir noch ein paar Minuten."

„Selbstverständlich", nickte ihre Mutter, schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und zog sich dann zurück.

 

                                                                                            *~*~*

 

Die Zeit verstrich und Elisabeth konnte sich nicht aufraffen. Sie starrte die ganze Zeit mit unglücklicher Miene aus dem Fenster hinab in den Park und in ihrem Kopf war ein furchtbares Durcheinander. Ihre Mutter hatte Recht! Auf die eine oder andere Weise würde sie die Wahrheit erfahren, doch wollte sie diese Wahrheit auch wissen? Konnte sie damit umgehen, wenn William unumwunden zugab, dass er nicht die gleichen Gefühle wie sie hegte? Sie würde sich bis auf die Knochen blamieren!

Dann jedoch fiel ihr Blick auf den Mann, dessen Bilder sie nicht aus ihrem Kopf vertreiben konnte. Er spazierte im Park auf und ab und wirkte nervös. Hin und wieder blieb er stehen und suchte die Fenster ab, ganz so, als hielte er nach ihr Ausschau und Elisabeth hob beinahe trotzig den Kopf. Ihre Mutter war und blieb eine kluge Frau und wie immer hatte sie Recht. Verstecken brachte sie nicht weiter und wenn sie mit dieser vertrackten Situation umgehen wollte, dann musste sie sich ihr stellen.

Sie sprang von der Fensterbank, kontrollierte ihr Gesicht im Spiegel und lief dann geschwind die Treppe hinab. In der Halle stieß sie auf ihren Vater. Offenbar hatte er gerade nach seinem Gast sehen wollen, doch er blieb stocksteif vor der Salontür stehen, zwinkerte ihr zu und Elisabeth konnte an seinen Lippenbewegungen sehen, was er nicht laut aussprechen wollte. „Nun lauf schon!"

Sie nickte, setzte ein tapferes Lächeln auf und ging weiter. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei gemacht und die letzten Schritte bis in den Park waren eine Qual. Doch dann nahm sie allen Mut zusammen und eilte auf die Stelle zu, an der sie William Hampton zuletzt gesehen hatte. Er stand noch immer am gleichen Platz und konnte sie nicht kommen sehen.

Leise und sehr nervös ging Elisabeth auf ihn zu und blieb erst unmittelbar hinter ihm stehen. „Gefällt Euch der Park?", plapperte sie los. „Er ist mit dem auf Hampton Court nicht zu vergleichen, aber…."

William Hampton fuhr herum und lächelte, als er sie erkannte. „Es ist wunderschön hier", nickte er und verstummte dann, genau wie Elisabeth vor ihm.

Stille machte sich breit und beide wussten nicht, was sie sagen sollten. Doch schließlich zeigte William einen schmalen Pfad entlang. „Wollen wir ein wenig spazieren gehen?"

„Gerne", nickte Elisabeth und war dankbar dafür. Wenn sie neben ihm ging musste sie ihm nicht dauernd ins Gesicht sehen und es würde die Situation für sie vereinfachen.

Wieder verfielen sie in Schweigen und Elisabeth überlegte krampfhaft, was sie sagen sollte. Doch dann fiel ihr ein, dass Willow und Mary von geplanten Umbauarbeiten gesprochen hatte und dass sie das Thema gut aufgreifen könnte. Sie erkundigte sich danach und William nickte.

„Es wurde auch dringend Zeit", meinte er leise. „Vielleicht hätte ich es nicht einmal bemerkt, wie beengt die Dienerschaft lebt, wenn nicht…. Nun, wie auch immer, Hampton Court ist schon verwinkelt genug, da kommt es auf einen weiteren Flügel nicht an."

Elisabeth lachte leise. Es hatte sie einige Zeit gekostet, sich in dem Gemäuer zurechtzufinden und sie gab ihm Recht. Auf einen Trakt kam es nicht mehr an. Vor allem würde es den Dienstboten zugute kommen und das war, was ihr wirklich am Herzen lag.

„Elisabeth", sagte William plötzlich und blieb ganz unvermutet stehen. Er blickte ihr ins Gesicht, seufzte und sah schnell zur Seite. „Ich habe mich gefragt, ob…." Er stockte, schüttelte den Kopf und ging ein paar Schritte weiter. „Eure Eltern haben mir bestätigt, dass ihr das Geschehene gut verwunden habt. Und darüber freue ich mich sehr. Ich hätte nicht damit umgehen können, wenn Ihr …."

„Mir geht es gut", versicherte Elisabeth schnell, bückte sich und pflückte eine Blume ab, die sie eingehend musterte. „Wie ist es Euch ergangen nachdem…?", erkundigte sie sich, ohne ihn anzusehen.

„Gut, gut", erwiderte er und wischte mit der Hand die Frage beiseite wie eine lästige Fliege. „Ich glaube, ich war noch niemals zuvor so nervös wie jetzt", gestand er und Elisabeth stellte eine Frage, bevor sie begriff, was sie tat.

„Warum?", fragte sie und sah ihn entschuldigend an. „Schon gut, Ihr müsst nicht darauf antworten. Manchmal rede ich schneller, als ich denken kann."


Er lächelte flüchtig, dann zuckte er mit den Schultern. „Ich wollte Euch fragen, ob Ihr … ob Ihr Euch vorstellen könnt, zurück nach Hampton Court zu kommen?" Er stockte, sah erschrocken auf und stammelte. „Ich meine natürlich nicht als Dienstmädchen. Nein, natürlich nicht. Eigentlich wollte ich… ich möchte nur wissen, ob Ihr Euch eine Rückkehr überhaupt vorstellen könnt? Ich meine, nach all dem was geschehen ist, könnte ich durchaus verstehen, dass Ihr…." Er marschierte weiter und Elisabeth sah ihm verwirrt hinterher.

Nach mehreren Metern bemerkte William dann, dass er alleine war und blieb stehen. Er sah sich um, sah Elisabeth, die noch immer mit der Blume in der Hand dastand und seine Schultern sackten herab. „Ich benehme mich wie ein kleiner Schuljunge", sagte er seufzend und ging langsam den Weg zurück zu ihr.

„Elisabeth", meinte er, als er bei ihr anlangte. „Ich denke Tag und Nacht an Euch und ich wage nicht einmal zu hoffen, dass Ihr ähnlich empfindet. Um es unumwunden zu sagen, ich habe Euch vermisst und ich… ich…." Er sah zu ihr auf und Elisabeth sah, dass er genauso verwirrt war, wie sie selbst.

„Hampton Court ist nicht mehr, was es war, ganz ohne Euch", erklärte er. „Das große Haus wirkt seltsam leer ohne Euch, Euer Lächeln und Eure sanfte Stimme. Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass die Situation für Euch bedeutend schwieriger ist, als sie für mich ist, aber ich … ich muss es einfach wissen."

„Was?", erkundigte sich Elisabeth und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Natürlich wusste sie, worauf er hinaus wollte, doch sie wollte es genau wissen. „Was müsst Ihr wissen? Ob ich mir eine Rückkehr vorstellen kann, oder ob ich genauso empfinde wie Ihr und Euch ebenso vermisst habe?"

„Habt Ihr mich vermisst?", fragte er mit krächzender Stimme und seine Augen leuchteten auf, als sie sachte nickte. „Elisabeth….", murmelte er und nahm von plötzlichem Mut übermannt ihre Hand. „Ich weiß, diese Worte sollten weiser gewählt sein, doch ich habe nicht einmal zu hoffen gewagt." Er kniete sich hin und sah mit soviel Liebe zu ihr auf, dass Elisabeth Tränen in die Augen traten. „Würdet Ihr mir die Ehre erweisen und mich zum glücklichsten Mann auf Erden machen, indem Ihr mich heiratet?"

Elisabeth schluckte schwer und nickte langsam. Dann fand sie ihre Stimme wieder und hauchte leise: „Ja!"