Titel: The price of love
Autor: Silentthunder
Inhalt: Elisabeth und William sind heimlich schon lange ein Paar, doch dann will der Vater sie verheiraten, und da er nicht der
Mann ist, mit dem es sich reden lässt, bleibt den beiden nur eine Wahl: Die Flucht!
Altersfreigabe: keine
Teile: 15
Beta: Silentthunder
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Elisabeth & William

 

The price of love

Die Nacht war bereits hereingebrochen, doch sie hatte noch keine Erleichterung gebracht. Die drückende Hitze, die seit Tagen vorherrschte und das Land, die Menschen und die Natur beutelte, lag noch immer über der Stadt, hatte sich in den engen Gassen gestaut und ließ die Einwohner trotz der vorgerückten Stunde ächzen. Zudem speicherten die aus dunklem Granit erbauten Häuser die Wärme und würden sie noch über Stunden abgeben, sodass die Gebäude wie Backöfen wirkten, die ihre Bewohner langsam aber sicher gar kochten.

William öffnete einen der Fensterläden, spähte in den Nachthimmel und hoffte zumindest auf ein klein wenig Wind, der die stickige Luft im Kontor ein wenig auffrischen würde. Doch er hoffte vergebens; nicht eine Wolke war zu sehen und nach einigen Minuten des Wartens, konzentrierte er sich wieder auf seine Aufgabe. Müde und ermattet setzte er sich wieder an den Schreibpult und nahm die Feder wieder auf. Er blätterte durch den Stoß der noch zu bearbeitenden Papiere und seufzte lautlos. Der Alte hatte ihm heute die gesamte Arbeit alleine hinterlassen und er verfluchte ihn dafür.

„Alter Schinder", murmelte er leise und sah schnell auf. Doch das Kontor war bis auf die staubigen Bücher, der abgenutzten Möbel, der wenigen Gaslampen und ihn selbst leer. „Glück gehabt", seufzte er und überlegte, was geschehen wäre, hätte einer der Dienstboten oder gar der Hausherr selbst sein Schimpfen gehört. Sicherlich hätte er noch am gleichen Abend seine wenigen Habseligkeiten packen und verschwinden müssen. Und das wollte er auf gar keinen Fall, auch wenn sein Arbeitgeber nicht unbedingt einer der gutmütigsten oder gar spendabelsten war.

„Konzentrier dich auf deine Arbeit", sagte er leise zu sich selbst, als seine Gedanken abschweiften und auf Wanderschaft gingen. Wieder warf er einen Blick auf den Stoß Papiere, den er noch abarbeiten musste und mit einem Kopfschütteln nahm er ein weiteres Blatt, tauchte die Feder in das Tintenfass und begann mit dem Übertrag in die Geschäftsbücher des alten Summers.

 

                                                                                               *~*~*

 

Henk Summers war ein gewiefter Weingroßhändler und Kaufmann und belieferte die gesamte Umgebung mit seinen Waren, die regelmäßig auf großen Schiffen herangeschafft wurden. Er hatte aus dem Nichts ein kleines Imperium geschaffen und schon deswegen bewunderte William ihn. Henk Summers war, wenngleich auch kein besonders freundlicher Mann, eine Macht im Land, und diese Macht wusste er auch stets zu vergrößern. Er mischte in allerlei wichtigen Geschäften mit, hatte seine Finger auch in dubiosen Unternehmungen und war, wenn es sein musste, besonders großzügig denen gegenüber, die ihm seine Kassen noch mehr auffüllen konnten.

Auf dem Hügel, der eigentlichen Stadt ein wenig vorgelagert, hatte er für sich und seine Familie ein großes Anwesen bauen lassen, dass dem eines alten Adelsgeschlechts in nichts nachstand. Doch, so sehr William den kaufmännischen Verstand seines Arbeitgebers auch schätzte, fehlte es ihm oft an Menschlichkeit. Natürlich hatte Henk Summers stets ein offenes Ohr denen gegenüber, die seine Geschäfte förderten, seine Angestellten allerdings hatten selten viel zu lachen. Die Bezahlung war angemessen, doch die Arbeit, die dafür geleistet werden musste, war immens.

William seufzte wieder und ertappte sich dabei, ins flackernde Licht der Gaslampe zu starren. Auch er hatte eine Menge zu tun. Gerade heute war es besonders schlimm. Die Kirchturmuhr hatte bereits vor einer ganzen Weile Mitternacht verkündet und so wie es aussah, würde er noch Stunden damit beschäftigt sein, alles abzuarbeiten, was der Alte Summers ihm aufgetragen hatte.

Der Alte Summers… wieder gingen Williams Gedanken auf Wanderschaft.

Seine Lager waren immer prall gefüllt und es würde nicht mehr lange dauern, bis sein eigenes Anwesen nicht mehr ausreichen würde, um all die großen schweren Holzfässer und Waren aufzubewahren. Zwar war schon eigens eine große Scheune auf dem Nachbargrundstück gekauft und umgebaut worden, doch auch sie platzte langsam aber sicher aus den Nähten, weil er sein Angebot ständig erweiterte und ausbaute. Früher oder später würde er auf einen Platz dicht am Hafen ausweichen müssen, der, wie William wusste, bereits mehrfach begutachtet worden war. Doch dieses Gelände gehörte der Familie Montgomery, die einem alten Adelsgeschlecht entstammte, das nun aber kaum mehr zu bieten hatte als einen guten Namen.

William verzog das Gesicht. Er hielt nicht viel von der Familie, mit deren wenigen männlichen Mitgliedern er bereits das Unglück hatte, Bekanntschaft gemacht zu haben. Arthur Montgomery war das Familienoberhaupt. Alt, verbissen, ehrgeizig und bekannt dafür, nicht viel Federlesens zu machen, wenn es um seine Belange ging. Zudem galt er als bösartig und gewalttätig und wenn auch nur die Hälfte der Geschichten, die in der Stadt hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden, der Wahrheit entsprach, dann hatte er mehr als nur ein Leben auf dem Gewissen. Auch wenn er selten selbst Hand angelegt hatte.

Die beiden Söhne, Blaine und Bradford, standen ihrem Vater in Nichts nach, auch wenn beide Männer als noch wilder und zügelloser galten. Zudem hieß es, das Blaine schwachsinnig war, doch das konnte William nicht bestätigen. Er hatte nur wenig mit dem Jüngsten der Familie zu tun gehabt, und im Grunde war er froh darüber. Blaine war leicht reizbar und es reichte ein Blick, um ihn an den Rand seiner Selbstbeherrschung zu bringen. William selbst hatte bisher nicht das Unglück gehabt, seinen Zorn herauszufordern, doch er hatte einen Diener der Familie gesehen, der nur einen winzigen Augenblick zu spät zur Stelle gewesen war, um das Pferd seines Herrn in Empfang zu nehmen. Das wund geschlagene Gesicht war nur das geringste Problem gewesen, dass der arme junge Mann gehabt hatte. Seitdem zog er sein linkes Bein nach und es hieß, die Verletzung würde nie wieder richtig abheilen.

Bradford hingegen, der ältere der Brüder, wirkte auf den ersten Blick wie ein Edelmann, der sich seiner hohen Stellung durchaus bewusst war, aber dieser Eindruck trog. Er war nur besser als der Rest seiner Sippe dazu in der Lage, seine wahren Gefühle zu verbergen. William hatte wilde Geschichten über ihn gehört. Frauengeschichten wurden ihm angedichtet, fast ebenso viele wie uneheliche Kinder, doch angenommen hatte er keins. Er war stur, hartnäckig und wild darauf bedacht, den ehemaligen Glanz seiner Familie wiederherzustellen. Doch auch er galt als brutal und rücksichtslos, was einige junge Männer der Stadt gewiss bestätigen würden, die es sich gewagt hatten, ihm auf die eine oder andere Art die Stirn zu bieten.

Überhaupt war die Familie auf dem absteigenden Ast, was gewiss auch auf den Stammbaum der Familie zurückzuführen war. Jahrhunderte lang hatten sie nur innerhalb der Familie geheiratet, waren Ehen mit Cousinen und Cousins eingegangen und viele der Nachkommen, die Arthur und seine Frau in die Welt gesetzt hatten, hatten die Kindheit nicht überstanden. Den wenigen Mitgliedern der Familie Montgomery drohte zudem, in die Armut abzustürzen, denn kaufmännisches Glück war ihnen nicht beschert und das ursprünglich immense Vermögen war längst verspielt und verloren.

„Du solltest deine Gedanken wirklich auf die Geschäfte lenken. Vor allem, wenn du heute Nacht noch ein paar Stunden Schlaf bekommen möchtest", sagte William zu sich selbst und nahm sich ein neues Blatt, auf dem der Verwalter des Weinlagers die heutigen Ein- und Ausgänge von Weinfässern der verschiedensten Rebsorten aufgelistet hatte. „Außerdem kann dir die Familie Montgomery gestohlen bleiben." Er reckte sich, lockerte die verspannten Nackenmuskeln und tauchte die Federspitze erneut in das Tintenfass.

 

                                                                                                *~*~*

 

Eine ganze Weile arbeitete er still, dann spürte er einen schwachen Windzug im Nacken und er fuhr herum. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, doch es verschwand rasch wieder. „Elisabeth", hauchte er, als eine junge und bildhübsche Frau Sekunden später in seine Arme stürzte. „Du solltest nicht hier sein. Wenn man uns erwischt…"

„Ich weiß", erwiderte sie ebenso leise, lächelte jedoch. „Ich hatte den ganzen Tag keine Gelegenheit dich zu sehen und ich hatte Sehnsucht", sagte sie mit einem Zwinkern und sie küsste ihn stürmisch. „Vater ist gerade mit Sullivan in unseren privaten Weinkeller hinab gestiegen. Du weißt, das jährliche Sommerfest steht an und sie wollen prüfen, wie viel von welchem Wein noch geordert werden muss, um all die stattlichen Herren ordentlich abzufüllen, die sich danach gewiss darum reißen, meinem Vater noch mehr die Taschen zu füllen."

„Trotzdem", sagte William und versuchte, sich aus ihren Armen zu befreien. „Elisabeth, es ist viel zu gefährlich", sagte er, als sie sich lachend widersetzte. „Dein Vater könnte jeden Moment hereinkommen und außerdem ist es längst Zeit zu schlafen." Seine Bemühungen waren nur halbherzig, das wusste er nur zu gut, doch es tat unglaublich gut, sie in seinen Armen zu spüren.

Elisabeth zog einen Schmollmund. „Sonst stört es dich auch nicht, wenn wir bis spät in die Nacht zusammen sind." Sie neckte ihn, piekste ihm mit dem Finger in die Seiten und lachte dann leise. „Auch wenn wir gewöhnlicherweise …. abgeschiedenere Orte aufsuchen."

William seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich wäre am liebsten von früh bis spät mit dir zusammen, doch du weißt genau, dass mir dein Vater eher den Kopf abreißen würde, als mir zu gestatten, um deine Hand anzuhalten." Er küsste rasch ihre Stirn. „Gott, ich wünschte… alles wäre nicht so schwer. Aber ich arbeite daran. Ich habe meine Fühler ausgestreckt und mein kleines Vermögen sicher investiert. In nicht einmal einem halben Jahr bin ich so weit. Dann wird er mich nicht mehr ohne weiteres abweisen können. Nicht, aufgrund des Geldes, dessen stolzer Besitzer ich dann bin und schon gar nicht wegen der neuen Geschäftsmöglichkeiten, die ich ihm dann bieten kann. Bis dahin müssen wir uns zurückhalten. So schwer es uns auch fällt."

„Es geht immer nur um Geld", beschwerte sich Elisabeth und zog sich zurück. „Ihr Männer seid alle gleich."

„Du weißt genau, dass es nicht anders geht", sagte William und zog sie zurück in seine Arme. „Oder denkst du, deinem Vater wäre egal, in welchen Verhältnissen seine Tochter leben wird? Er wird wollen, dass es dir gut ergeht und du dein Leben gänzlich ohne Sorgen leben kannst. Und ich will das auch. Erst wenn ich dich ordentlich versorgen kann, werde ich mich vorwagen."

„Ich weiß", murrte Elisabeth, noch immer verstimmt. „Aber du weißt genauso gut wie ich, dass es mir darauf nicht ankommt. Ich bin durchaus mit einem schlichteren Leben zufrieden. Und ich glaube nicht, dass es meinem Vater wichtig ist, dass ich oder mein Zukünftiger ein geregeltes Auskommen hat, sondern es geht einzig und alleine darum, seine eigene Gier zu befriedigen. Er wird niemals… niemals aufhören, dem Geld hinterherzulaufen."

William widersprach ihr nicht. Elisabeth hatte vollkommen Recht. Und zwar mit beiden Aussagen. Ihr Vater würde immer nur Geschäfte sehen und alles andere als nebensächlich betrachten, und sie selbst… war erstaunlicherweise sehr bescheiden, was ihren Lebenswandel anbelangte. Andere Töchter reicher Männer handelten komplett anders. Sie rafften Schmuck an sich, trugen nur die teuersten Kleider und behandelten Angestellte wie Dreck unter ihren Fingernägeln. Elisabeth war freundlich zu Jedermann, solange er nur freundlich zu ihr war. Sie protzte nicht mit teuren Geschmeiden und in der Stadt war sie beliebt, wie kaum eine andere Person.

„Du bist unglaublich süß, wenn du schmollst. So wie jetzt", sagte William und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er schloss die Arme enger um sie und küsste sie stürmisch. „Und dennoch muss ich dich jetzt dazu bringen, schleunigst von hier zu verschwinden. Ich bin dem Ziel meiner Träume so nahe und kann nicht riskieren, dass dein Vater mich hinauswirft, bevor ich… bevor ich die Frau meiner Träume für alle Ewigkeiten in meine Arme zu schließen, sie auf Händen tragen und ihr alle Wünsche von den Augen ablesen kann."

„Ein halbes Jahr?", fragte Elisabeth mit unschuldigem Augenaufschlag. „Wirklich nur noch ein halbes Jahr? Ich mag nicht mehr warten und außerdem wächst mit jedem Tag die Chance, dass sich doch ein junger Mann vorwagt und meinen Vater um meine Hand bittet."

Sie erinnerte sich nur zu gut an die zwei jungen Herren aus der Stadt, die sie abgewiesen hatte, ohne dass ihr Vater jemals davon erfahren hatte. Sie hatte einfach Glück gehabt und hatte beide Männer auf dem Weg zu ihrem Vater abfangen können. Doch Glück war bekanntlich wankelmütig und sie hatte Angst davor, einmal nicht zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein. „William, lass uns einfach davonlaufen", forderte sie ihn auf und ihre grünen Augen funkelten im Licht der Gaslampe. „Wir lassen alles hinter uns, fangen irgendwo ganz von vorne an. Ein kleines Häuschen im Grünen, ein einfaches schönes Leben…."

„Ach, Liebes", sagte er leise und zog sie an sich. „Was für ein wunderschöner Gedanke", flüsterte er zärtlich und schmiegte sich an sie. „Vielleicht wird irgendwann genau das möglich sein. Aber noch nicht. Noch ist es zu früh. Ich will eine ehrbare Frau aus dir machen und keine…. Ach, Elisabeth. Wäre die Welt doch nur etwas einfacher beschaffen." Er sah ihr in die Augen und beugte sich dann zu ihr hinunter, um ihr einen flüchtigen Kuss zu geben. „Aber eins kann ich jetzt schon versprechen. Morgen Abend habe ich mehr Zeit und wir werden uns am üblichen Ort treffen können. Und wenn das bedeutet, dass ich nun die ganze Nacht durcharbeiten muss, so werde ich das tun. Ich verspreche es dir."

„Ganz viel länger hätte ich das Waten auch nicht ausgehalten", lächelte sie versöhnt. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn rasch. „Dann kann ich jetzt in Ruhe verschwinden. Ganz wie du es dir wünscht." Sie küsste ihn ein letztes Mal und entschwand ebenso schnell und geräuschlos, wie sie gekommen war.

Versonnen lächelnd starrte William einen Moment auf die Tür, dann riss er sich zusammen. Die Kirchturmuhr schlug zwei Mal und er griff seufzend wieder zur Feder. Doch kaum hatte er sie ins Tintenfass getaucht, ging die Tür des Kontors wieder auf und Henk Summers höchstpersönlich betrat den Raum. Er hatte eine lange Liste in der Hand und sah auf, als er William erkannte.

„Ich dachte, du wärst längst zu Bett gegangen", sagte er mit gerunzelter Stirn. „Gibt es irgendwelche Probleme, von denen ich wissen sollte?"

„Nein, Sir", sagte William schnell und war heilfroh, dass Elisabeth noch rechtzeitig gegangen war. „Es ist nur heute, ähm… nein, gestern eine Menge Schreibkram angefallen und ich habe noch nicht alles übertragen." Er zeigte auf den Stoß Papier, der in den vergangenen Stunden doch gewaltig kleiner geworden war. „Aber bald ist es geschafft." Er blickte rasch auf sein Schreibpult, denn er hatte Angst, der Alte Summers könnte ihm und seiner Tochter doch noch auf die Schliche kommen.

Henk Summers kam näher und sah mit gerunzelter Stirn auf den Schreibpult. „Mach Schluss für heute", sagte er nach einem kürzen Überblick über die Lage. „Der Rest kann ein paar Stunden warten. Außerdem brauch ich Ruhe, um über meine privaten Bestellungen nachdenken zu können. Jim Sullivan und ich haben gerade das Weinlager besucht und festgestellt, dass bedeutend mehr fehlt, als wir erwartet hatten. Ich muss überlegen, was ich wovon nachbestelle und vor allem wie viel. Dabei ist jede Unterbrechung nur hinderlich."

„Selbstverständlich, Sir", sagte William beinahe erleichtert und legte seine Sachen zusammen. „Kann ich Ihnen noch behilflich sein?", fragte er und unterdrückte ein Gähnen. Wenn er ehrlich war, hatte er nicht viel für Henk Summers übrig, doch er würde sich eher die Zunge abbeißen, als sein Glück zu gefährden. Der Alte Summers schüttelte verneinend den Kopf und William nickte. „Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Sir", sagte er und verschwand schleunigst aus dem Kontor.

Teil 2

Das Sommerfest im Hof des Anwesens der Summers-Familie war in vollem Gange und William beobachtete das Treiben aus sicherer Entfernung. Er hatte sich auf einen Balkon zurückgezogen, der im Schatten einer großen Tanne lag und von wo aus er alles im Blick hatte, ohne selbst gesehen zu werden.

Mitten auf dem weitläufigen Platz, auf dem alljährlich das ausschweifende Fest stattfand, stand eine alte Eiche, die mit unzähligen bunten Lampions behängt war und die mit den schwärmenden Glühwürmchen um die Wette strahlten. Rund um den Baum waren Tische aufgestellt worden, die sich unter der Last der köstlichsten Speisen bogen und eine Kapelle spielte Tanzmusik, die laut in die Nacht hinaushallte. Gut gelaunte Gäste lachten, scherzten und ließen den Hausherrn immer wieder hochleben, der sich das zu gern gefallen ließ und jedem zuprostete, der ihm unter die Augen kam.

Etwas angewiderte schüttelte William den Kopf. Er hatte nichts gegen eine Feier unter Freunden, doch dies hier war ein Fest, dass aus purer Berechnung gefeiert wurde, wie die Gästeliste nur zu deutlich zeigte. Nur die bedeutendsten Persönlichkeiten der Stadt und der Umgebung waren eingeladen worden und Henk Summers ließ wie immer keine Gelegenheit aus, um ein möglichst gutes Geschäft abzuschließen.

William hingegen fühlte sich nicht wirklich zugehörig und hatte sich nach einem kurzen Augenblick der Anwesenheit schnell wieder zurückgezogen. Als Sohn eines Kaufmanns gehörte er nicht wirklich dazu, auch wenn Henk Summers selbst nur Geschäftsmann war. Doch der Alte spielte in einer ganz anderen Liga. William lehnte sich an die warme Hauswand und ließ, hinter einem dichten Ast der Tanne verborgen, seine Blicke schweifen.

Elisabeth tanzte gerade mit einem fremden Mann, der ganz offensichtlich Gefallen an ihr gefunden hatte und versuchte sie zu beeindrucken. Einen Moment versetzte es ihm einen Stich, doch als er einen Blick in ihr Gesicht erhaschte, lächelte er belustigt. Jeder der sie kannte, hätte die Langeweile in ihren Augen erkannt und es war ganz typisch für sie, dass sie der Festivität nichts abgewinnen konnte. Überhaupt sträubte sie sich gegen ein Leben, wie ihr Vater es führte. Sie kam eher nach ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter, die auch ein sehr bescheidenes, liebes Wesen gehabt hatte.

William seufzte und wünschte sich, die Zeit ein wenig vordrehen zu können. Im Geiste stellte er sich vor, wie er Elisabeth zur Musik im Kreis herumwirbelte. Doch an diesem Tag würde sie kein blaues Kleid tragen wie jetzt, sondern ein weißes Brautkleid und sie würde endlich in seinen Armen liegen können, ohne die Gefahr, dass er sofort seine Stellung verlor und achtkantig vom Hof gejagt wurde.

Die Musik verklang und einen Moment drang Henk Summers laute Stimme zu ihm durch und William lehnte sich vor, um sehen zu können, mit wem er sprach. Ganz offensichtlich war er in ein hitziges Gespräch mit Bradford Montgomery vertieft, schien aber keineswegs schlechter Laune zu sein, sondern gestikulierte wild und nahm schließlich die Hand des Mannes, um sie zu schütteln. „Einverstanden", sagte er und nickte. „Ich kann mir kaum etwas Besseres vorstellen."

„Wieder ein Geschäft", murmelte William, schüttelte den Kopf und sah Montgomery hinterher, der sich einen Weg durch die Gäste bahnte. „Da bin ich aber gespannt", sagte er und seine Augen wurden groß, als er erkannte, auf wen Bradford zusteuerte. „Elisabeth", sagte er fassungslos und ihm schwante Böses. „Der Alte wird doch nicht… hat doch nicht… oh mein Gott, bitte nicht!" Eine vage Angst durchflutete ihn. Hatte Henk Summers seine Tochter etwa für das Baugrundstück am Hafen verschachert?

Bradford hatte Elisabeth erreicht, die gerade eine Unterhaltung mit einer der reichen Damen aus der Stadt geführt hatte. Sie sah verschreckt auf, deutete ein Lächeln an und nickte, als er sie offenbar zum Tanz aufforderte. Voller Angst beobachtete William jede Bewegung und seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten. ‚Nicht jetzt’, dachte er und die Angst, Elisabeth vielleicht gehen lassen zu müssen, bäumte sich wie eine Schlange in ihm auf. ‚Das darf nicht passieren. Nicht jetzt. Nicht, nachdem ich so kurz vor dem Ziel stehe!’

Ihm wurde schlecht und er verspürte den Drang, hinauf auf den Hof zu stürmen und Bradford Montgomery den Hals umzudrehen. Doch er blieb stumm stehen, betrachtete fassungslos die Szene und konnte es nicht glauben. Seit über einem Jahr arbeitete William nun daran, ein eigenes, stattliches Vermögen anzuhäufen, nur um überhaupt als Mann für Elisabeth in Betracht zu kommen. Und jetzt, auf der Ziellinie, wurde er von der Geldgier ihres Vaters ausgebremst?

William starrte Elisabeth an, die nun stocksteif stehen geblieben war und sich nicht die Mühe machte, ihren Abscheu zu verbergen. Sie schüttelte wild den Kopf und zog sich weiter und weiter von ihrem Tanzpartner zurück. Er konnte ihre Stimme nicht hören, dazu war sie zu weit entfernt, doch es war nur zu deutlich, was sie sagte. Ein klares Nein war zu erkennen und Williams Herz machte einen wilden Sprung. Dann wirbelte sie herum und lief flink ins Haus. So rasch er nur konnte folgte er ihr, doch er kam zu spät. Henk Summers hatte seine Tochter eingeholt, packte sie am Arm und schleifte sie in sein Arbeitszimmer.

Einen Moment sah William geschockt den dunklen Flur entlang, dann beeilte er sich, den beiden zu folgen. Allerdings kam er nicht sehr weit. Ein paar schwatzende Gäste hielten ihn auf, stellten eine Menge Fragen und hatten es offenbar gar nicht eilig, wieder auf den Hof hinauszugehen. William bemühte sich redlich, sie wieder loszuwerden und als sie schließlich lachend abzogen, huschte er lautlos auf das Arbeitszimmer zu. Er warf einen letzten Blick zurück in den Hauptflügel und bog dann seitlich in den Flur ab, an dem das Arbeitszimmer des alten Summers lag. Er drückte ohne jegliches schlechtes Gewissen sein Ohr an die Tür und lauschte.

„… das Beste, was dir geschehen kann", sagte Henk Summers gerade erbost. „Überleg doch nur, was er dir alles bieten kann."

„Ich sollte wohl eher überlegen, was er dir alles bieten kann", schimpfte Elisabeth und William musste sich beherrschen, nicht einfach in den Raum zu stürmen und sie zu unterstützen.

„Und wenn es auch mir nützt… was macht das schon aus? Er und seine Familie habe die Ländereien, ich das Geld. Denk doch nur, was wir daraus alles machen können!" Henk Summers geriet ins Schwärmen und es dauerte einen Moment, bis er zum Kern der Sache zurückkehrte. „Zudem gibt es in der Gegend keinen weiteren Bewerber, der Bradford Montgomery auch nur das Wasser reichen kann. Und das in vielerlei Beziehungen. Elisabeth, Schatz… es ist eine Ehre. Er ist von Adel, du nicht, wie ich dich wohl nicht erst erinnern muss."

„Das ist es, was du immer wolltest, oder?", hörte William Elisabeth fauchen. „Dir hat es nicht gereicht, ein einfacher und sehr erfolgreicher Kaufmann zu sein. Du wolltest immer der höheren Gesellschaft angehören, richtig? Aber ich muss dich enttäuschen, wie schon so oft zuvor in deinem Leben. Ich werde ihn nicht heiraten, komme was da wolle. Eher würde ich als alte Jungfer enden!"

„Sprich nicht so mit deinem Vater", donnerte Henk Summers und William hatte die Klinke schon in der Hand. Doch Elisabeth Erwiderung ließ ihn erstarren und wieder einmal bemerkte er, wie stark sie war.

„Du weißt, ich habe keine Furcht vor dir", sagte sie und ihre Stimme war eisig. „Ist dir vielleicht je in den Kopf gekommen, dass ich mir meinen zukünftigen Mann selbst aussuchen werde. Ich ganz alleine… ohne deine Geltungssucht und die Raffgier?"

Nun war es Henk Summers, dessen Stimme eiskalt wurde und sie nahm einen drohenden Klang an. „Hör zu, junge Dame… mir ist vollkommen gleich, ob dir Bradford Montgomery zusagt oder nicht. Mir ist auch komplett egal, ob du dein wankelmütiges Herz schon jemand anders geschenkt hast oder nicht. Du wirst Montgomery heiraten, ob es dir passt oder nicht. Denn noch bin ich das Familienoberhaupt. Noch habe ich das Sagen und ich werde dir jegliche Privilegien entziehen, bist du vernünftig geworden bist. Hast du mich verstanden?"

„Welche Privilegien?", fauchte Elisabeth und William hörte, wie sie ihre Röcke zusammenraffte. „Die, die Tochter des gierigsten Mannes der Welt zu sein? Das ich nicht lache! Deine Drohungen mögen bei deinen Angestellten ziehen, bei mir verfehlen sie ihre Wirkung komplett. Du solltest dich wirklich schämen", schnaufte sie und ihre raschen Schritte waren auf dem Parkett zu hören. „Mutter wäre zutiefst enttäuscht von dir!"

Sie riss die Tür auf und rannte den Flur entlang bis zur Treppe, die sie rasch hinter sich brachte und wenig später klappte heftig eine Tür zu. William hatte sich gerade noch rechtzeitig hinter einer großen Statue in einer Nische verstecken können. Er hatte weniger die Furcht Elisabeth gegenüberzutreten, als ihrem Vater. Den eins war gewiss: Henk Summers hatte sich darauf eingeschossen, Bradford Montgomery zu seinem Schwiegersohn zu machen. Da würde er, egal mit wie viel Geld oder neuen Geschäftspartnern er aufwartete, so oder so den Kürzeren ziehen.

Er wartete, bis Henk Summers wutentbrannt zurück auf sein Fest marschierte und traute sich erst dann wieder aus seinem Versteck heraus. All seine Träume und Wünsche waren zerstört. Innerhalb nur weniger Minuten. Dabei hatte er sich längst die Worte überlegt, mit denen er um Elisabeth Hand hatte anhalten wollen. Jeden Satz hatte er wieder und wieder durchdacht und sich genau zurechtgelegt. Nun war alles anders und er wusste tief in seinem Herzen, dass der alte Summers gewinnen würde. Früher oder später würde Elisabeth nicht mehr kämpfen können und er…. Schwer seufzend blickte er zur Treppe, die seine Liebste vor wenigen Minuten hinaufgelaufen war. Dann schüttelte er den Kopf. Es machte keinen Sinn jetzt mit ihr zu sprechen. Sie war einfach zu wütend und er selbst fühlte eine Leere in sich, die mit jeder Minute anschwoll.

 

                                                                                                 *~*~*

 

Stunden später, das Fest hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht, lag William in seinem kargen Zimmer und starrte an die Decke. Er war weit davon entfernt, Ruhe finden zu können, da störten die Musik und das laute Gejohle nicht sonderlich. Noch immer fühlte er sich dumpf und leer und er wusste nicht, was er tun sollte. Natürlich hatte er darüber nachgedacht, sofort zu Henk Summers zu gehen und ihm die Lage zu erklären, auch wenn er damit zugab, gelauscht zu haben. Doch würde das etwas ändern?

Egal wie viel Ansehen und Geld er vorweisen konnte… die Familie Montgomery hatte etwas zu bieten, mit dem er nicht mithalten konnte. Elisabeth hatte ihren Vater besser durchschaut, als er es je erwartet hatte. Henk Summers war geltungssüchtig und wenn er selbst schon nicht in den Adelsstand erhoben wurde, so konnte er das doch für seine Tochter erreichen.

Es klopfte leise und zaghaft an der Tür und er sprang auf. Sekunden später huschte Elisabeth auch schon in das Zimmer und stürzte in seine Arme. „Ich muss unbedingt mit dir sprechen und mir ist egal, ob wir erwischt werden. Es ist sowieso alles vorbei…"

„Ich weiß es schon", sagte William und hielt sie fest an sich gedrückt. „Ich habe dich zusammen mit Bradford Montgomery gesehen und es war offensichtlich, dass dir nicht gefiel, was er zu sagen hatte. Und dann", er räusperte sich verlegen, „wollte ich nach dir sehen und … ich habe das Gespräch mit deinem Vater belauscht."

„Dann muss ich dir jedenfalls nicht alles erzählen", sagte Elisabeth, machte sich von ihm los und rang nervös die Hände. „Was machen wir denn jetzt? Ich kann dieses Scheusal nicht heiraten. Nie im Leben! Ich würde eher sterben!"

„Sag so etwas nicht", rief William und nahm ihre Hand. „Du solltest nicht einmal daran denken."

„Oh Gott, natürlich nicht", erwiderte Elisabeth und schüttelte den Kopf. „Ich wollte damit nur ausdrücken… wie sehr ich den Gedanken verabscheue. Himmel, ich kann wirklich nicht einmal an Bradford Montgomery denken, ohne eine Gänsehaut zu bekommen." Sie wirbelte herum und ließ sich ermattet auf Williams Bett fallen. „Was mache ich denn nur? Vater wird nie und nimmer… ich hätte nicht so … heftig reagieren dürfen, schon gar nicht heute Abend. Ich hätte gute Miene zum bösen Spiel machen müssen und erst morgen mit Vater reden dürfen. Vielleicht hätte er mir zugehört."

William antwortete nicht, denn er wusste es besser. Henk Summers hatte einen Entschluss gefasst und davon würde er nicht mehr abweichen. Vielleicht hatte er es sogar schon seit Jahren so geplant und nur darauf gewartet, die Familie Montgomery so weit in Bedrängnis zu sehen, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich mit seiner Tochter zu verbinden. Denn er hatte das Geld, nicht das alte Adelsgeschlecht! „Ich werde noch heute Nacht mit ihm reden", sagte er entschlossen, denn schlimmer konnte es kaum noch werden. „Ich werde versuchen, ihm zu erklären, wie es um mein Herz bestellt ist. Und ich werde nicht weichen, bevor er mich angehört hat."

„Ach, William", seufzte Elisabeth und sah zu ihm auf. „Das ist genauso sinnlos, wie mein Gedanke, ich könnte an seinen Verstand appellieren. Vater hat seine Entscheidung getroffen und wir wissen beide, dass daran nichts mehr zu rütteln ist."

„Ich kann das so nicht hinnehmen", erwiderte William heftig. „Ich kann nicht… nicht… Elisabeth, ich kann und werde dich nicht aufgeben. Wenn ich wüsste, du hättest einen besseren Mann… einen, der dich wirklich liebt…."

„Ich bin nur ein Handel", wiegelte Elisabeth ab. „Montgomery braucht Geld, mein Vater will Ansehen. Machen wir uns nichts vor. Ich glaube, mein Vater hat schon lange darauf spekuliert, mich mit einem der Söhne zu verheiraten. Deswegen hat er auch so lange mit dem Kauf des Grundstücks gewartet. Er wusste, dass die Familie Montgomery in finanziellen Nöten steckte und hat nur abgewartet, um nicht den ersten Zug machen zu müssen."

Wieder war es William, der einen Moment nicht wusste, was er sagen sollte. Elisabeth hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, doch auch das brachte sie nicht weiter. Nie zuvor hatte er sich so hilflos gefühlt und er ging vor ihr in die Hocke und sah sie an. „Elisabeth, Liebes, wenn ich nur wüsste… wie…. Aber ich… mir fällt einfach nichts ein, um dieses Desaster aufzuhalten."

„Aber ich weiß, wie wir es aufhalten", sagte sie entschlossen. „Wir verschwinden von hier. Noch heute Nacht. Wir lassen alles hinter uns, genau wie ich es vor ein paar Tagen schon einmal zu dir gesagt habe. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Wir gehen irgendwohin, wo uns niemand kennt und fangen ein ganz neues Leben an."

Er stockte, dann lächelte er und zog sie in seine Arme. „Ich hätte nie gedacht, so etwas einmal zu sagen, aber ich bin bereit dazu. Alles andere könnte ich niemals ertragen!"

„Also gut", sagte sie und wie um einen Pakt zu besiegeln, nahm sie seine Hand und drückte sie fest. „William, ich liebe dich. Das weißt du. Und ich würde dir überallhin folgen. Doch nun ist es anders und wir brauchen ganz dringend einen guten Plan. Denn wir müssen unbedingt noch heute Nacht ausreißen. Wenn das Fest endet, alle Gäste das Anwesen verlassen haben und mein Vater zu Bett gegangen ist. Ab morgen wird er sicherlich ein besonders wachsames Auge auf mich haben und es wird schwer werden, dich auch weiterhin heimlich zu treffen."

„Meine wenigen Habseligkeiten sind schnell gepackt", sagte er mit ernstem Gesicht. „Aber das alleine reicht nicht. Wir müssen uns etwas wirklich Gutes überlegen, denn sobald dein Vater dein Fehlen bemerkt, wird er Männer nach uns ausschicken. Und sie werden uns finden, egal, wie weit wir es geschafft haben."

„Ich weiß", seufzte Elisabeth. „Doch ich weiß nicht, was wir dagegen unternehmen können."

William zog sie an sich und küsste sie stürmisch. „Lauf jetzt zurück in dein Zimmer, bevor dein Vater nach dir schauen lässt. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Versprochen. Mach dich bereit, denn noch heute Nacht werde ich dich entführen!"

Teil 3

Der Wahnsinn hatte William gepackt. Anders war kaum zu erklären, warum er sich einen solch abwegigen Pakt hatte einlassen können und es zudem nicht eine Sekunde bedauerte. Doch er hatte begriffen, dass es für ihn und Elisabeth nur diese eine Möglichkeit gab, für immer und ewig zusammen sein zu können. Zudem stand außer Frage, dass er sie unterstützte und niemals zulassen würde, dass sie einen Mann ehelichte, den sie aus tiefstem Herzen verabscheute. Er hatte schon immer gegen Unterdrückung angekämpft und fühlte sich an alte Zeiten erinnert, auch wenn er seit beinahe zwei Jahren ein sehr beschauliches Leben führte. Zudem liebte er Elisabeth mehr als sein Leben und außerdem war er nicht mittellos, auch wenn er sein Vermögen nicht bei sich trug.

Vielleicht machte es ihm deswegen so wenig aus, Hals über Kopf aus der Stadt zu verschwinden. Er würde seiner Liebsten ein gutes Leben bieten können. So oder so. Natürlich fehlte ein kleines Quäntchen; die Zustimmung ihres Vaters. Aber damit konnte er zur Not leben. Jedenfalls weitaus besser, als sie an Bradford Montgomery zu verlieren. Bradford liebte Elisabeth nicht, für ihn ging es nur um die Rettung seiner Familie und William bezweifelte stark, dass er mit Elisabeth besser umgehen würde, als mit all den anderen Menschen, die er wie Dreck behandelte.

Bei dem ganzen Trouble, der noch immer im Haus und auf dem Hof herrschte, war es ein Leichtes gewesen, ungesehen zu verschwinden. Außerdem hatte er sich noch keine Gedanken darum machen müssen, ob er gesehen wurde oder nicht. Er war einfach in die Stadt verschwunden und hatte versucht, eine Lösung für sein Problem zu finden. Und es war ihm gelungen. Bedeutend schneller als gedacht und mit dem sicheren Wissen, einen guten Plan zu haben, war er rasch auf das Fest zurückgekehrt und hatte sich wieder daran gemacht, seinen alten Beobachtungsposten aufzusuchen, von dem aus er jede ihm wichtige Person im Auge hatte.

William musste eine gute Gelegenheit abpassen, darauf kam alles an. Und es dauerte eine lange Weile, bis das bunte Treiben endlich nachließ. Mehr und mehr Menschen verließen den Ort des Geschehens, immer weniger Gäste tummelten sich noch auf dem Hof und die wenigen, die noch geblieben waren, waren hoffnungslos betrunken und hielten sich nur mühsam auf den Beinen.

Selbst Henk Summers hatte sich vollends gehen lassen, was nur selten vorkam. Halb sitzend, halb liegend hing er über einen Tisch gebeugt, den müden und vom Alkohol verwirrten Kopf auf den verschränkten Armen ruhend und er schlief tief und fest. Neben ihm auf der Bank saß Bradford Montgomery, den William nur mehr mit Abscheu ansehen konnte. Er war ebenso betrunken wie sein neuester Geschäftspartner und erweckte nicht den Eindruck, noch sonderlich viel von seiner Umgebung wahrzunehmen. Er schielte und bei dem Versuch, sich einen weiteren Becher Wein einzugießen, kippte er erst zur Seite und dann nach hinten weg. Einen Augenblick ruderte er noch unbeholfen mit den Armen, dann blieb er still liegen und ein lautes Schnarchen entkam seiner Kehle.

„Einen günstigeren Moment wird es nicht geben", sagte William zu sich und fühlte eine unglaubliche Nervosität in sich aufsteigen. Was er machte war unverzeihlich, und doch gab es bereits jetzt keinen Weg zurück mehr. Auch wenn er sich geschworen hatte, nie wieder in solche Situationen zu gelangen. Es gab nur diesen einen Weg und da er ihn schon eingeschlagen hatte, würde er ihn auch bis ans Ende gehen. Langsam und vorsichtig schälte er sich aus seinem Versteck und huschte ins Haus. Nur ein paar der Angestellten waren noch auf den Beinen und die wenigen, denen er natürlich aus dem Weg ging, pendelten zwischen Hof und Küche hin und her. Lautlos schlich er die Treppe hinauf ins obere Stockwerk und klopfte Sekunden später leise an Elisabeth Tür.

„Ich bin es", raunte er im Flüsterton und seufzte erleichtert, als sie ihm die Tür öffnete und ihn einließ. Sie hatte sich schon umgezogen, trug statt eines rauschenden Kleids einfachere Kleidung und hatte sich das lange, honigblonde Haar zu einem Zopf zusammengebunden.

„Wo warst du denn so lange?", fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich warte seit Stunden und habe schon zu Zweifeln begonnen, ob du überhaupt kommst." Sie schüttelte den Kopf und warf einen prüfenden Blick auf den Flur. „Die Sonne geht bald auf!"

„Ich weiß", sagte er und zog sie in die Arme. „Aber ich habe auf einen günstigen Augenblick gewartet. Dein Vater ist sturzbetrunken und schläft neben seinem neuen besten Freund." Stürmisch küsste er sie und ein hämisches Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. „Allerdings bleibt die Frage offen, wie lange sie Freunde sein werden. Beiden fehlt in wenigen Minuten ein wichtiges Puzzleteil."

„Ich liebe es, ein Puzzleteil zu sein", brummte Elisabeth unwirsch und blickte wieder hinaus auf den Flur. „Trotzdem sollten wir jetzt gehen. Ich will nicht länger warten, sonst packt mich meine eigene Courage und ich kippe um und muss doch hier bleiben."

„Auf gar keinen Fall lasse ich zu, dass meine Frau einen anderen Mann heiraten muss", sagte William entschieden. Er nahm ihre Hand und bückte sich, die Reisetasche aufzuheben, die fertig gepackt neben der Tür stand. „Wir werden durch den Garten verschwinden", sagte er und zusammen liefen sie schnell die Treppe hinab. „Er bietet die beste Deckung, sollte wider Erwarten doch jemand einen Blick aus einem der Fenster werfen."

 

                                                                                               *~*~*

 

„Wo gehen wir eigentlich hin?", fragte Elisabeth und ging hinter einem großen Strauch in Deckung. „Und wo sind deine Sachen?" Sie kaute nervös auf der Unterlippe und sah William unsicher an. Ihr eigener Mut machte ihr nun Angst und sie wusste einen Moment nicht mehr, ob es richtig oder falsch war, was sie tat.

„Zum Hafen", sagte William und zog sie weiter. „Ich habe meine Sachen schon früher weggebracht. Ich war heute Nacht schon einmal dort und habe einen alten Freund um Hilfe gebeten. Er ist mir noch einen Gefallen schuldig und wird uns helfen. Aber wir müssen uns beeilen."

„Was heißt zum Hafen?", fragte Elisabeth, eilte jedoch weiter neben ihm her. „Willst du etwa auf ein Schiff?", fragte sie und sah an sich hinunter. Sie hatte extra ein altes Reitkostüm angezogen, weil sie trotz schlechter Erfolgsaussichten mit einer Flucht auf Pferden gerechnet hatte. Dann fiel ihr ein, dass ihre Kleidung das Unwichtigste bei der ganzen Sache war und schüttelte den Kopf.

„Ja, wir gehen auf ein Schiff, das uns nach Leighton bringen wird", erklärte William rasch und lenkte sie hinter einen Stapel großer Kisten. „Irgendwo hier müssen Sachen für uns liegen", sagte er und fand auch schnell, was er suchte. Für beide lag jeweils eine Hose und eine Jacke bereit, wie sie Matrosen zu tragen pflegten und er zog sie rasend schnell über die eigenen Sachen. „Wir haben nicht viel Zeit. Einige der Matrosen haben Landgang und mein Freund hat mir berichtet, dass sie spätestens zum Sonnenaufgang zurück an Bord sein müssen. Wir reihen uns also gleich einfach ein, wenn die ersten Männer auftauchen. Hier", sagte er und streckte ihr eine Mütze entgegen. „Und keine Sorge, wenn wir erst einmal an Bord sind, werden wir einen anderen Weg einschlagen. Es geht nur darum, dass wir nicht auffallen und gesehen werden. Je weniger Menschen wissen, wo wir abgeblieben sind, desto besser ist es. Wir wollen deinem Vater keine Anhaltspunkte hinterlassen und auf meinen Freund kann ich mich verlassen. Er wird uns nicht verraten."

Etwas unsicher sah Elisabeth ihn an, doch dann tat sie es ihm nach und schlüpfte in die derben Kleidungsstücke. Danach ließ sie sich helfen, den Zopf unter der Mütze zu verstecken und wartete zusammen mit William auf die Seemänner, die unter lautem Gesang schnell auszumachen waren. Sie waren recht betrunken. Zumindest hatte es den Anschein und William und Elisabeth konnten sich ohne Probleme zu ihnen gesellen. Sie huschten einfach auf den Kai und liefen als letztes hinter der Truppe her. Kaum waren sie über den schmalen Steg auf das Schiff hinauf gegangen, wurde Elisabeth auch gleich am Arm gegriffen und zur anderen Seite weggeleitet.

„Das war verdammt knapp", raunte der Kapitän des Schiffes und schüttelte den Kopf. „Ihr scheint mehr Glück als Verstand zu haben." Mit raschen Schritten lenkte er sowohl Elisabeth als auch William über das Schiff und schickte sie in seine Kabine. Dort angekommen ließ er Elisabeth Arm los, eilte durch den Raum und öffnete Tür, die in den Panelen verborgen war. „Es ist nur ein Schmugglerversteck", sagte er, als er ihren Blick auffing. „Nicht sonderlich groß und schon gar nicht gemütlich, aber das Beste, was ich euch anbieten kann. Noch könnt ihr euch gerne in meiner Kabine aufhalten, aber sobald jemand an Bord kommt, der nicht zur Mannschaft gehört, solltet ihr euch lieber verstecken. Die Tür lässt sich von innen ganz leicht zu schieben und es gibt dort auch eine Verriegelung, die sich leicht öffnen lässt. Ihr seid also nie wirklich eingesperrt." Er nickte und sah William an. „Ich muss wieder an Deck. Ein paar Männer anmaulen, die sicherlich zu spät kommen werden." Er tippte sich an die Mütze und verschwand.

Elisabeth sah William mit großen Augen an. Sie hatte eine Menge Fragen, doch die mussten noch warten, bis sie sich wieder gesammelt hatte. Darum ging sie auf das Schmugglerversteck zu, drückte die Tür weiter auf und sah hinein. Es war nur ein schmaler Raum, kaum anderthalb Meter breit, dafür aber mindestens doppelt so lang. Der Kapitän des Schiffes hatte offenbar versucht, so etwas wie ein Nachtlager zu schaffen und hatte Stroh auf dem Boden angehäuft. Decken lagen daneben, ein Krug mit Wasser stand bereit und zudem lag ein Bündel auf den nackten Planken, in dem sich sicherlich etwas Essbares befand. Fenster gab es keine, dafür aber schmale Ritzen in der Außenwand, sodass man freie Aussicht auf das Deck des Schiffes hatte.

„Die Fahrt dauert nur zwei Tage", sagte William, der Elisabeth beruhigen wollte. „Es ist sicherlich nicht besonders angenehm, doch ich glaube, dass dein Vater niemals auf die Idee kommt, dass wir mit dem Schiff fahren. Er wird uns auf Pferden vermuten und die ganze Gegend absuchen lassen."

„Wahrscheinlich", nickte Elisabeth, nahm ihre Tasche und brachte sie in das Versteck zu Williams Gepäck, dass dort an der Wand lehnte. „Aber sind wir hier sicher? Du hast zwar gesagt, dieser… Kapitän wäre dein Freund, aber… er arbeitet für meinen Vater. Ich bin mir nicht sicher…"

„Er wird uns nicht verraten, sei dir dessen gewiss", sagte William und zog sie vorsichtig in seine Arme. „Ich habe ihm einst aus einer misslichen Situation herausgeholfen und das wird er mir nicht mit Verrat vergelten. Zudem ist er der einzige Mensch, der überhaupt weiß, wo wir abgeblieben sind. Deswegen auch die Scharade mit den Sachen", sagte er und nahm ihr die Mütze vom Kopf. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und drückte sie an sich. „Ich verspreche dir, immer gut auf dich aufzupassen. Jedenfalls solange es in meiner Macht steht."

„Ich weiß, dass du das tun wirst", sagte sie leise, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig. „Es ist nur alles so verwirrend. In so kurzer Zeit ist so unglaublich viel passiert und manchmal frage ich mich, ob nicht alles ein böser Traum ist." Sie löste sich von ihm und sah sich in der Kapitänskabine um. „Was werden wir in Leighton machen? Willst du dort bleiben?", fragte sie und setzte sich an den Tisch.

„Nein, denn dort werden sie uns früher oder später ausfindig machen", erwiderte William und folgte ihr. „Ich bin dort geboren und aufgewachsen, wie du dich vielleicht erinnerst, und dein Vater ist nicht so dumm, ausgerechnet dort nicht nachzusehen. Aber dort kann ich an mein Geld heran", sagte er leise und fing sich einen bitteren Blick ein. „Ich weiß, du würdest selbst in einer alten Hütte leben, aber das ist nun einmal nicht das, was ich mir für dich wünsche. Und wir werden das Geld gut gebrauchen können, um ein neues Leben zu beginnen."

„Ich mache dir alles kaputt", sagte Elisabeth leise. „Du hattest Pläne, die ich jetzt…"

„Um Gottes Willen, Elisabeth", unterbrach er sie rasch. „Du machst gar nichts… außer mich zum glücklichsten Mann der Welt. Wenn… wenn die Zeit gekommen ist, und ich dich endlich anständig zur Frau nehmen kann." Seine Hand fuhr federleicht über ihre Wange. „Denk nie wieder, dass dich die Schuld für unsere derzeitige Situation trifft. Wir haben es uns nicht ausgesucht, wir reagieren nur auf die einzig mögliche Weise."

„Aber ich weiß, wie wichtig es dir immer war, das Richtige zu tun", versuchte sie es erneut, doch auch diesmal bremste er sie.

„Natürlich wollte ich das Richtige tun", sagte er und ging vor ihr in die Hocke. „Aber nicht, um deinem Vater zu gefallen. Ich wollte es für dich, Liebes. Ich habe mich schon in dich verliebt, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Damals, vor fast zwei Jahren, als ich bei deinem Vater in Stellung ging. Und ich habe es dort nur so lange ausgehalten, weil es dich gab. Und als du…", er schüttelte den Kopf. „Manchmal kann ich es immer noch nicht glauben, dass du dich ausgerechnet in mich verliebt hast. Wenn ich dich nur ansehe, klopft mein Herz, als wolle es aus meiner Brust springen und … nach dem, was in der letzten Nacht geschehen ist… ich hätte dich niemals aufgeben können. Die Flucht ist nicht nur deine Chance, dem Unheil zu entkommen, sondern auch meine einzige Möglichkeit, für immer glücklich zu werden."

Elisabeth warf ihn fast um, als sie in seine Arme stürzte. „Ich hatte solche Angst, dass du früher oder später bemerkst, einen Fehler gemacht zu haben."

„Es kann kein Fehler sein, wenn ich dich dafür im Arm halten darf", sagte er und zog sie fest in eine Umarmung. „Irgendwann… irgendwo werden wir ein neues Zuhause finden. Das weiß ich genau."

 

                                                                                            *~*~*

 

Eine lange Zeit war verstrichen, in der Elisabeth immer nervöser wurde. Sie hatte gedacht, dass Schiff würde in den frühen Morgenstunden ablegen, doch als sie William schließlich gefragt hatte, hatte er nur den Kopf geschüttelt und ihr mitgeteilt, dass sie sich bis zum Nachmittag gedulden mussten.

Dann wurde das Treiben auf dem Schiff immer hektischer, immer mehr Befehle wurden gerufen und William und Elisabeth hatten sich sicherheitshalber in das Versteck zurückgezogen. Außerdem hatten sie von dort einen perfekten Überblick auf das Geschehen. „Ich habe es gewusst", murmelte Elisabeth erschreckt, als sie ihren Vater erkannte, der festen Schrittes die Planken zum Schiff hinauflief. „Ich wusste, er würde uns finden."

„Bestimmt nicht", sagte William, kontrollierte rasch die verborgene Tür, spähte dann wieder hinaus und nahm ihre Hand. „Kapitän Hastings ist verlässlich. Glaub mir. Entweder hat dein Vater noch etwas Geschäftliches zu besprechen oder er will sicher gehen, dass wir nicht an Bord sind. Er ist verdammt clever und ich hatte fast damit gerechnet, ihn hier zu sehen. Dieses Schiff ist das einzige, dass in den nächsten Tagen ablegt und er wird es auf das Genaueste durchsuchen lassen."

Wie gebannt beobachtete Elisabeth ihren Vater, der einige Männer mit auf das Schiff gebracht hatte. „Wir suchen einen Dieb", sagte er gerade zum Kapitän. „William Grey. Er hat für mich gearbeitet. Kennen Sie ihn zufällig?"

„Sicher", nickte der Kapitän. „Ich hatte hin und wieder mit ihm zu tun, wenn es um die Abwicklung unserer Geschäfte ging." Er zuckte mit den Schultern. „Was hat er denn gestohlen?"

„Sagen wir einfach, es war etwas, dass sehr viel wert war", sagte Henk Summers unwirsch. „Haben Sie ihn gesehen? Ist er womöglich an Bord?"

„Nicht, dass ich wüsste", sagte Kapitän Hastings und machte eine ausholende Bewegung mit den Armen. „Sie können gerne meine Männer befragen", sagte er und zuckte wieder mit den Schultern. „Von mir aus können Sie das Schiff auch durchsuchen, denn ganz offenbar schwebt Ihnen Ähnliches vor."

„Wie kommen Sie darauf?", fragte Henk Summers misstrauisch.

„Na", brummte der Seemann, „warum hätten sie sonst ein Dutzend Männer auf mein Schiff geschleppt? Aber von mir aus… ich habe nichts zu verbergen. Tun Sie Sich keinen Zwang an. Aber in einer Viertelstunde werden wir ablegen. Mit oder ohne Ihre Männer an Bord. Ich muss mich nach den Gezeiten richten und habe nur wenig Spielraum." Er nickte Henk Summers zu, tippte sich an seine Mütze und eilte dann Mittschiffs, um seinen Matrosen einige Befehle zu erteilen.

Elisabeth und William sahen dabei zu, wie Henk Summers seine Gehilfen losschickte, das Schiff abzusuchen und hielten die Luft an, als sie auch in die Kabine des Kapitäns stürmten. Doch das Schmugglerversteck war gut verborgen und es dauerte nicht lange, bis sich die Männer wieder auf dem Deck sammelten.

„Also nichts", sagte Henk Summers, nachdem die Männer Meldung gemacht hatte. „Nun gut, wir werden sie… ähm… ihn schon noch erwischen", sagte er und deutete mit dem Kopf zum Steg. „Verschwindet jetzt. Schnappt euch ein paar Pferde und folgt den anderen. Früher oder später werden wir ihn aufspüren." Dann nickte er Kapitän Hastings zu. „Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Reise", sagte er, ließ noch einmal seinen Blick über das Schiff schweifen und ging als letztes von Bord.

Teil 4

Die Nacht war hereingebrochen und hatte endlich Abkühlung mit sich gebracht. Dunkle Wolken schossen über den Nachthimmel, angetrieben von einem böigen Westwind, der dem Schiff zudem eine noch höhere Geschwindigkeit verlieh. Im Schmugglerversteck an Bord des Schiffes war es trotz der Ritzen in den Wänden am Nachmittag fast unerträglich heiß geworden und Elisabeth hatte sich, gleichwohl sie am Ende ihrer Kräfte war, nicht ausruhen können. Nun jedoch schlief sie friedlich in Williams Armen und er beobachtete sie im Mondlicht, das hin und wieder durch die schmalen Spalten drang und Muster auf ihr Gesicht zeichnete.

Für ihn war es gar nicht so leicht, sie einfach nur zu halten und es kostete ihn eine Menge Selbstbeherrschung, nicht mehr von ihr zu verlangen. Elisabeth war nicht die erste Frau in seinem Leben, doch die erste, bei der er alles richtig machen wollte und mit der er es ernst meinte. Sicher, sie trafen sich seit fast einem Jahr heimlich, doch außer heftigen Küssen hatten sie nichts miteinander geteilt und gerade im Moment fiel es ihm besonders schwer.

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken und beinahe erleichtert bette er Elisabeth so, dass sie in Ruhe weiterschlafen konnte. Dann stand er auf und öffnete die Verriegelung der geheimen Tür.

„Alles in Ordnung bei euch?", fragte der Kapitän leise und warf einen flüchtigen Blick auf Elisabeth. „Ich konnte nicht früher", meinte er dann leise und deutete William an, ihm zu folgen. „Meine Männer waren etwas durcheinander. Sie haben nicht verstanden, warum das Schiff durchsucht wurde und es gehen schon die wildesten Gerüchte um. Ich habe natürlich nichts getan, um die Geschichte aufzuklären. Sollen die Männer doch Geschichten erfinden. Dann haben sie jedenfalls etwas anderes zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen."


Die beiden Männer setzten sich an den runden Tisch, der in der Mitte der Kabine stand und der Kapitän öffnete eine Flasche Whiskey aus seinen privaten Vorräten, aus der auch sogleich eingoss. „Ich dachte, dein Leben wäre mittlerweile an Mittelmäßigkeit kaum mehr zu überbieten", sagte er und grinste William an. „Wann immer ich dich in letzte Zeit gesehen habe, hatte ich das Gefühl, du wärst vollends in eine andere Welt abgetaucht."

„Bis vor wenigen Stunden war es auch so", lächelte William, nahm ein Glas und ließ sich den Alkohol langsam die Kehle hinab laufen. „ Ich hätte selbst nie erwartet, dass mir so etwas noch einmal passiert." Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Und jetzt habe ich wohl vollends den Verstand verloren", murmelte er leise. „Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo mich diese Geschichte hinführen wird. Und vor allem weiß ich noch nicht, wie ich Elisabeth für den Rest ihres Lebens vor drohender Strafe schützen soll."

„Wie auch immer", sagte der Kapitän des Schiffes. „Dir wird schon etwas einfallen. Genauso, wie du bisher immer alles zum Guten hast wenden können." Er machte eine Pause, drehte den Becher in seinen Händen und sah seinem Gegenüber in die Augen. „Allerdings hast du dir auch diesmal einen sehr mächtigen Gegner ausgesucht." Er lachte. „Aber das ist ja auch nichts Neues." Er schüttelte den Kopf. „Doch diesmal ist es anders und ich glaube nicht, dass Henk Summers so leicht abzuschütteln ist. Was macht ihr, wenn wir in Leighton anlegen? Du kannst doch nicht planen, sie einfach in dein Elternhaus zu bringen und zu hoffen, ihr seid außer Gefahr."

„Natürlich nicht", sagte William und schüttelte seinerseits den Kopf. „Um ehrlich zu sein, habe ich noch nicht die Zeit gehabt, mir einen vernünftigen Plan auszudenken und ich muss gestehen, nicht zu wissen, wo ich Elisabeth am besten hinbringe, damit ein für alle Male Schluss ist und wir ein normales Leben führen können. Aber ich muss nach Hause, um mir zumindest ein wenig Kleingeld abzuholen. Wir werden es auf der Flucht sicher gut gebrauchen können."

„Geld hättest du auch von mir haben können", sagte der Kapitän und schenkte noch einmal nach.

„Nein, auf keinen Fall", wiegelte William ab. „Du tust auch so genug für uns und kannst noch immer in arge Schwierigkeiten geraten, sollte der altes Summers je herausfinden, mit wessen Hilfe wir verschwunden sind. Deine Schuld ist mehr als beglichen."

„Ich verdanke dir mein Leben", sagte der Kapitän eindringlich. „Das ist weitaus mehr wert, als euch eine sichere Überfahrt zu garantieren."

Eine Weile sahen beide stumm in die kleine Flamme der Kerze, die einsam auf dem runden Tisch stand und nur wenig Licht spendete. Schließlich lehnte sich der Kapitän seufzend zurück. „Mich erinnert das ganze ein wenig an eine längst vergangen geglaubte Zeit, in der du …"

„Das kann man nicht vergleichen", unterbrach William und schüttele den Kopf. „Es waren vollkommen andere Bedingungen und ganz andere Voraussetzungen. Außerdem ist das alles längst vorbei und vergessen." Er langte über den Tisch und goss sich selbst noch etwas von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ein. „Ich wünschte nur, alles hätte nicht so Hals über Kopf stattfinden müssen. Hätte ich mehr Zeit gehabt… ich hätte einen vernünftigen Plan machen können, hätte besser durchdenken können, wohin wir gehen…", er wandte den Kopf, doch er konnte Elisabeth von seinem Platz aus nicht sehen. „Sie ist wirklich etwas Besonders", sagte er leise. „Du wirst nicht die Zeit finden, sie kennen zu lernen, aber ich kann dir sagen… ein unglaubliches Temperament für so eine kleine zarte Person. Und sie hat ein goldenes Herz. Sie ist so ganz anders, als alle Frauen, die mir bis jetzt begegnet sind." Er geriet ins Schwärmen und trank schnell einen Schluck, um sich selbst abzulenken.

Der Kapitän brummte müde, dann nickte er. „Ich habe in der Stadt Leute von ihr sprechen hören. Ich weiß nicht einmal genau, um was es genau ging, aber es wurde mehrfach gesagt, dass sie so gar nichts von ihrem Vater geerbt hat und sie viel mehr nach ihrer Mutter kommt. Natürlich hab ich ein bisschen nachgehakt", er grinste William an. „Du magst ja ihren Vater zum Narren gehalten haben, ich habe jedoch schnell gemerkt, dass du auf Wolken schwebst und es war nicht schwer zu erraten, wer der Grund dafür war. Aber", sagte er und schüttelte den Kopf, „ich kenne dich auch viel besser, als Henk Summers." Er sah William direkt in die Augen. „Und trotzdem verstehe ich noch immer nicht, warum du ausgerechnet für den geldgierigsten Mann der ganzen Gegend arbeiten musstest. Gerade du, nach alldem… und du hattest es nicht einmal nötig…. Dein eigenes Erbe dürfte nicht zu knapp ausgefallen sein und du hättest dir einfach ein schönes Leben machen können."

„Ich habe nur den letzten Wunsch meines Vaters erfüllt", sagte William leise. „Und ich denke, er wollte mir eine Lehre erteilen. Ich sollte begreifen, das Geld alleine nicht alles ist, das andere Dinge mehr zählen…"

„Du hättest ihm sagen können, dass du das schon längst begriffen hast", erwiderte der Kapitän und klopfte William auf die Schulter. „Aber du hast schon immer ein großes Geheimnis um dich und deine…"

„Mein Vater hätte das nicht verstanden", würgte William ihn ab. „Für ihn gab es feststehende Regeln und die durfte man nicht durchbrechen."

„Mag ja sein", murmelte der Kapitän des Schiffes und gähnte herzhaft. „Aber ich schwöre dir, er wäre unglaublich stolz auf dich gewesen."

 

                                                                                               *~*~*

 

„Wo gehen wir eigentlich hin?", fragte Elisabeth, während sie an Williams Arm durch die nur spärlich beleuchteten Straßen eilte. Sie hatten das Schiff wie geplant in Leighton verlassen, auch wenn sie noch eine lange Weile hatten warten müssen, bis es still genug auf dem Deck gewesen war, um ungesehen verschwinden zu können.

„In mein Haus", erwiderte William und stockte, weil Elisabeth urplötzlich stehen blieb. „Was denn?", fragte er verwirrt.

„Du hast ein Haus hier?", fragte sie genauso durcheinander, wie er wirkte. „Warum hast du mir das nie erzählt?" Sie runzelte die Stirn. „Überhaupt habe ich das Gefühl, ich weiß eine ganze Menge über dich nicht. Ich hatte heute genug Zeit darüber nachzugrübeln", meinte sie dann und spielte damit auf die endlose Zeit im Schmugglerversteck an. „Du kennst mich und wohl jeden einzelnen Moment meines Lebens. Ich habe dir wirklich alles über mich erzählt. Aber ich musste feststellen, dass du so gut wie nie etwas über dich berichtet hast."

William schüttelte unwirsch den Kopf. „Elisabeth, Liebes, muss das gerade jetzt sein? Ich meine, es ist ja nicht so, als wollte ich nicht auf deine Fragen antworten, aber diese Gegend ist nicht unbedingt sicher und nach Sonnenuntergang sollte man lieber hinter verschlossenen Türen sein." Doch da sie einen verstockten Gesichtsausdruck zur Schau stellte, seufzte er. „Liebes, natürlich hab ich hier ein Zuhause. Es ist mein Elternhaus, das ich einem Freund zur Verfügung gestellt habe, solange ich weg bin. Und wir sollten jetzt wirklich von hier verschwinden."

Elisabeth nickte, mit der einfachen Erklärung offenbar einigermaßen zufrieden. „Du hast auch nie viel von deinen Eltern erzählt", sagte sie und schaute ihn finster an. „Aber jetzt habe ich jedenfalls genug Zeit, dich mit Fragen zu löchern." Sie lachte, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Du müsstest wissen, wie neugierig ich sein kann."

„Eine der Eigenschaften, die ich so an dir liebe", sagte William, küsste sie flüchtig und zog sie dann an der Hand weiter. „Wir sind gleich da. Nur noch diese Straße entlang."

 

                                                                                               *~*~*

 


Wenige Augenblicke später standen sie vor einer schweren Holztür, an der William auch sogleich klopfte. „Wer ist da?", kam von Innen die unsichere Stimme einer Frau.

„Ich bin es. William. Lass mich rein, schnell", und kaum hatte sich die Tür auch nur einen Spalt geöffnet, schob William Elisabeth ins Innere des Hauses. Dann warf er einen letzten Blick die dunkle Straße entlang und schlüpfte selbst hinein.

„William", sagte ein Mann, der langsam die Treppe in den offenen Wohnbereich hinab kam und offenbar sehr überrascht war. „Was… was machst du… denn hier? Wir hatte gar nicht mit dir gerechnet." Er warf einen Blick auf Elisabeth, musterte sie einen Moment und sah wieder zu William. „Ich verstehe nicht… warum…?"

„Hallo Jacob", sagte William und wandte sich dann kurz der Frau zu, die die Tür geöffnet hatte, „Alice, es tut mir leid, dass wir zu so später Stunde und zudem noch unangemeldet auftauchen, doch die Erklärung dafür würde jetzt zu lange dauern." Er deutete auf Elisabeth und stellte sie schnell vor.

„Ähm… kommt doch erst einmal herein", sagte Alice, die sich als erstes fing. Dann lachte sie nervös auf. „Entschuldige. Es ist immer noch dein Haus. Du brauchst also keine Einladung." Sie sah Elisabeth an und zuckte mit den Schultern. „Wir hatten nur nicht mehr mit… Besuch gerechnet und sind deswegen… ein wenig verwirrt."

„Bist du zurück?", fragte Jacob nun und ließ die Treppe hinter sich. „Ich meine,… natürlich bist du zurück. Immerhin stehst du vor mir. Aber ich weiß nicht… wenn wir auch nur eine Nachricht bekommen hätten... hätten wir das Haus längst geräumt."

„Gott, nein", sagte William schnell und schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Ich bin nicht gekommen, um hier zu wohnen." Er winkte ab. „Das klären wir später. Könnten wir eventuell etwas zu Trinken bekommen? Wir waren lange unterwegs und haben dementsprechend Durst."

Elisabeth, die nur betreten von einem zum anderen geschaut hatte, nickte schnell zustimmend. „Sehr durstig", sagte sie und lächelte etwas verlegen.

„Selbstverständlich", nickte Alice, ganz offensichtlich erleichtert, dass sie einen Vorwand hatte, sich zurückzuziehen. „Ich habe auch noch etwas Gutes zu Essen da. Setzt euch, ich bin bald zurück."

„Soll ich helfen?", fragte Elisabeth, die sich plötzlich sehr unwohl fühlte. Sie verstand zwar nicht, was gerade vor sich ging, doch sie spürte die Spannung, die in der Luft lag.

„Auf keinen Fall", wiegelte Alice ab und eilte auch schon davon.

Jacob lud William und Elisabeth auch sogleich ein, sich an den Tisch im offenen Wohnzimmer zu setzten und setzte sich selbst dazu. Einen Moment sagte er nichts, wirkte noch immer überrascht, doch dann fing er sich. „Ihr wollt nicht bleiben?", fragte er und schüttele den Kopf. „Aber ich…"

„Wir wären euch dankbar, wenn wir heute Nacht hier bleiben könnten", sagte William leise. „Aber wie gesagt, ich bin nicht gekommen, um dieses Haus wieder zu beziehen. Schon morgen werden wir von hier verschwinden. Zumindest denke ich, dass ich bis morgen Abend alles Notwendige erledigt habe."

„William, ich… es tut mir leid. Wir haben nicht… wollten nicht, dass du glaubst, wir wollten dich hier nicht sehen. Wir haben deine Großzügigkeit nicht vergessen. Bestimmt nicht. Wir haben nur nicht mit dir gerechnet. Wir, Alice und ich, wissen ja, dass es dein Zuhause ist. Und wir räumen selbstverständlich sofort unsere Sachen zusammen…"

„Jacob", unterbrach William ihn und lehnte sich über den Tisch. „Bitte, glaub mir. Ich bin nicht gekommen, um mein Eigentum zurückzufordern. Elisabeth und ich stecken in Schwierigkeiten, aber je weniger du darüber weißt, desto besser ist es für dich. Allerdings muss ich wissen, ob du meine Anweisungen genau befolgt hast?"

„Selbstverständlich", nickte Jacob und lächelte Elisabeth an, die überhaupt nicht verstand, was vor sich ging. „Jede noch so kleine Kleinigkeit. Und deine Sachen sind genau da, wo du sie zurückgelassen hast. Ich hatte so ein Gefühl, als würdest du sie irgendwann brauchen."

„Im Moment nicht", sagte William mit kurzem Seitenblick auf seine Begleiterin. „Wie gesagt, ich habe morgen einige Dinge zu erledigen und wäre euch dankbar, wenn ihr beide solange ein Auge auf Elisabeth haben könnt. Ich rechne nicht mit Schwierigkeiten, aber es wäre nett, wenn ich sie bei Menschen lassen kann, denen ich vertrauen kann."

„Selbstverständlich", nickte Jacob. „Du kannst dich darauf verlassen."

Bevor Elisabeth auch nur ein Wort einwerfen konnte, kam Alice mit einem schwer beladenen Tablett zurück. Sie wirkte etwas unsicher, als sie es auf den Tisch stellte, aber da ihr Mann lächelte, lächelte auch sie. „Ich hoffe, ihr habt großen Hunger mitgebracht", sagte sie und verteilte Teller und Besteck auf dem Tisch. „Es ist natürlich nur Hausmannskost und hätte ich geahnt, dass wir noch Besuch bekommen, hätte ich etwas anderes…."

„Es wird hervorragend sein", lächelte Elisabeth schnell und warf William rasch einen fragenden Blick zu. „Zudem ist es sehr großzügig, uns zu dieser Zeit überhaupt noch aufzunehmen. Ich möchte mich dafür bedanken."

„Gern geschehen", winkte Jacob ab, stand auf und eilte auf eine Kommode zu. „Also ich brauche jetzt etwas Härteres als Wasser", sagte er und nahm eine Flasche Gin heraus. „Noch jemand?"

Teil 5

Das Gespräch mit Williams alten Bekannten dauerte noch eine ganze Weile, und irgendwann war es Elisabeth, die ungeniert herzhaft gähnte und langsam einknickte. Zum einen kannte sie die Stadt und die Menschen hier nicht und die ganzen Neuigkeiten, die William natürlich begeistert aufnahm, interessierten sie nicht unbedingt. Zum anderen hatte sie in den letzten Tagen nicht wirklich viel Schlaf bekommen und sie fühlte sich ausgelaugt und müde. Sie entschuldigte sich rasch und William nickte.

„Wir sollten uns wirklich zurückziehen. Die nächsten Tage werden nicht weniger anstrengend als die vorherigen." Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Können wir mein altes Zimmer nehmen, oder habt ihr eine andere Verwendung dafür?"

„Natürlich nicht", sagten Jacob und Alice wie aus einem Mund und Alice war es auch, die weiter sprach. „Wir haben nichts verändert und das Zimmer wird immer auf dich warten. Egal wann du zurückkommst."

William bedankte sich, ließ sich von Jacob helfen, das Gepäck nach oben zu tragen und entschuldigte sich dort noch einmal für ihr plötzliches Auftauchen. „Wenn mir morgen die Zeit bleibt, werde ich dir einiges erklären. Aber wie gesagt, eigentlich wäre es besser, wenn du gar nichts weißt." Er nickte ihm zu und schob Elisabeth einfach in den Raum hinein. Doch falls er gedacht hatte, sie würde einfach hundemüde ins Bett fallen, so musste er schnell feststellen, dass sie dazu ganz offensichtlich nicht bereit war.

Sie sah sich im Raum um, nahm ein gerahmtes Bild von William in jungen Jahren vom Tisch und betrachtete es im Kerzenschein eingehend. Dann stellte sie es zurück, lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe immer gewusst, dass weitaus mehr in dir steckt, als ein einfacher Kaufmann und weiß Gott… ich habe nicht einmal die Hälfte von dem verstanden, was heute vor sich ging… aber eins weiß ich sicher: Du hast eine Menge Geheimnisse vor mir und ich kann nicht behaupten, dass mir das sonderlich gefällt."

William blickte sie an, schüttelte leicht den Kopf und räusperte sich. „Das alles zu erklären, würde heute Nacht wirklich zu lange dauern", sagte er abweisend. „Wir sollten jetzt schlafen, damit wir morgen wieder voll bei Kräften sind." Er zog sie in die Arme doch sie drückte ihn von sich und flüchtete in eine andere Ecke des Zimmers. „Und genau das wollte ich vermeiden", sagte er betrübt. „Ich wollte nicht, dass du Angst vor mir hast."

„Ich habe doch keine Angst vor dir", sagte sie schnell, vergas ihren Unmut und nahm seine Hand. „Ich bin nur beleidigt, eingeschnappt oder wie immer du es nennen willst." Sie seufzte leise und ließ sich von ihm in die Arme ziehen. „Ich habe nur das Gefühl, als hättest du kein Vertrauen zu mir, denn was gäbe es sonst für Gründe, dein halbes Leben vor mir geheim zu halten?"

„Ich verspreche, nein, schwöre dir, dass ich dir die ganze Geschichte irgendwann erzählen werde", sagte er leise, wagte sich vor und gab ich einen behutsamen Kuss. „Ich habe volles Vertrauen zu dir, es ist nur… ich habe das alles schon vor langer Zeit hinter mir gelassen und bin selbst nicht einmal sicher, ob ich noch daran erinnert werden möchte", sagte er leise und seine Hand wanderte über ihr seidig weiches Haar. „Außerdem ist es eine wirklich lange Geschichte und es würde mehr Zeit verschlingen, als wir jetzt haben. Wir sollten uns wirklich ausruhen. Wenn eben möglich, werden wir noch morgen Nachmittag oder am frühen Abend von hier verschwinden."

Elisabeth sah ihm tief in die Augen, schüttelte dann den Kopf und seufzte. „Ich werde dich bei Zeiten daran erinnern", sagte sie, löste sich von ihm und öffnete ihre Reisetasche. Sie nahm ein Nachthemd heraus und begann sofort sich aus ihrem Reitkostüm zu schälen.

Einen Augenblick sah William ihr sprachlos zu, dann drehte er sich schnell um und betrachtete nun seinerseits das Bild von sich selbst. Elisabeth war und blieb unglaublich. Nie zuvor hatte sie sich in seiner Anwesenheit einfach ausgezogen und doch wirkte sie keineswegs verschüchtert deswegen. Er musste ganz schnell auf andere Gedanken kommen und überlegte schon, noch schnell einmal nach unten zu gehen. Er suchte fieberhaft nach einem glaubhaften Grund, doch da fluchte Elisabeth hinter ihm leise.

„Verflixtes Ding", sagte sie, verstrickt in ihr Nachtgewand. „Kannst du mir bitte helfen, ich hänge mit den Haaren fest."

„Einen Moment", sagte William und holte tief Luft. Dann beeilte er sich, sie zu befreien und schluckte schwer, als er durch den noch nicht zugeknöpften Ausschnitt einen perfekten Blick auf ihren hüllenlosen, perfekten Oberkörper hatte. „Oh verflucht", zischte er und wandte sich schnell ab.

„Was denn?", fragte Elisabeth, die offenbar nichts bemerkt hatte.

„Ich… Gott, Liebes, hast du eigentlich eine Ahnung, was du … mir antust?", fragte er und setzte sich laut seufzend auf sein altes Bett.

Elisabeth hatte sofort vollkommen andere Gedanken. „Es war doch zu viel für dich", stellte sie betrübt fest. „Ich hätte dich mit meiner Idee nicht so überrumpeln dürfen. Aber noch ist es nicht zu spät. Ich kann auch alleine… wenn auch…"

„Davon rede ich nicht", wiegelte er ab und holte tief Luft. „Du hast mich schon oft an den Rand des Wahnsinns geführt… mit deinen sanften Berührungen, deinen Küssen… doch jetzt…. Du bist so wunderschön und mir so nah. Vielleicht zu nah. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich es noch schaffe, mich von dir fernzuhalten. Ich sollte vermutlich besser auf dem Sofa unten im Wohnzimmer schlafen oder… was weiß ich wo!"

„Oh", murmelte Elisabeth, die begriffen hatte und nun langsam rot wurde. „Ich wollte nicht… Ich…", sie verstummte und starrte auf den Fußboden. Dann nahm sie allen Mut zusammen und ging auf ihn zu. Sie sah ihn an, lächelte zaghaft und setzte sich zu seinem Entsetzten auf seine Oberschenkel. „Du weißt, dass ich dich liebe", sagte sie so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn, erst schüchtern, dann immer verlangender und William unterbrach den Kuss schließlich und atmete heftig ein und aus.

„Liebes, nicht", keuchte er und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht… wollte es richtig machen.... So, wie du es verdient hast."

„Wer sagt, was richtig und was falsch ist?", fragte sie leise und verteilte kleine Küsse auf seinem Gesicht. „Wir wissen, dass wir zusammen gehören. Alles andere ist seit nun fast drei Tagen unwichtig und wird nie wieder so werden, wie es einst war."

Einen kurzen Augenblick widerstand William, dann ließ er seine Gedanken außen vor und zog sie fester an. „Ich liebe dich und werde dich immer lieben", raunte er und küsste sie stürmisch. Der letzte Widerstand brach, als ihre Hand unter sein Hemd wanderte und sein Denken vollkommen ausschaltete.

 

                                                                                              *~*~*

 

Die Sonne kitzelte William an der Nase und er rückte den Kopf ein Stück zur Seite. Noch wollte er nicht wach werden. Elisabeth lag dicht an ihn gekuschelt, sie roch so gut und es war herrlich warm und gemütlich. Und doch konnte er nicht verhindern, dass sein Kopf zu arbeiten begann und sich sein schlechtes Gewissen ausbreitete. Seitdem er sie das erste Mal gesehen hatte, hatte er gewusst, dass sie anders war als andere Frauen und auch anders behandelt werden sollte. Und doch hatte er sich nicht beherrschen können und er ärgerte sich darüber.

Allerdings, so versuchte er sich vor sich selbst zu rechtfertigen, war Elisabeth durchaus nicht unschuldig daran gewesen und er konnte nicht verhindern, dass ein Lächeln über sein Gesicht huschte, als er an die vergangene Nacht dachte, die einfach nur unbeschreiblich gewesen war.

„An was denkst du?", fragte Elisabeth leise und William öffnete erstaunt die Augen.

„Ich dachte, du schläfst noch", sagte er, beugte sie zu ihr herab und küsste sie sanft.

„Das beantwortet nicht meine Frage", sagte sie leise und kuschelte sich enger an ihn. „Du sollest dir das schnellstmöglich abgewöhnen. Ich mag nicht immer wieder die gleichen Fragen stellen." Sie boxte ihm spielerisch in die Rippen. „Überhaupt hast du versprochen, nicht mehr alles vor mir geheim zu halten und ich möchte wissen, warum du gerade so ein seliges Lächeln auf deinem Gesicht hattest."

„Ich habe an dich gedacht, Liebes", sagte er wahrheitsgemäß. „Daran, wie unbeschreiblich du bist. Was für ein unverschämtes Glück ich habe und auch daran, dass ich mich gestern Abend besser unter Kontrolle hätte haben müssen."

„Das klingt fast so, als würdest du dich darüber ärgern. Es bereuen", sagte Elisabeth und sah fragend und auch enttäuscht zu ihm auf. Ihre grünen Augen blitzten und William musste sich erneut zusammenreißen, um nicht über sie herzufallen. Dann seufzte er leise.

„In gewisser Weise tue ich das auch", sagte er leise und zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Elisabeth, du … ich… Ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht gut genug für dich bin und ganz offenbar hatte ich damit nicht Unrecht. Ich habe es nicht geschafft, dich angemessen zu behandeln. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich so lange Zeit hatte, mir unsere Zukunft vorzustellen und glaub mir, sie hat anders ausgesehen. Ich wollte dich heiraten und erst dann…. Und genauso hätte es auch sein müssen. Natürlich ärgere ich mich darüber, denn du…"

Elisabeth unterbrach ihn. Sie setzte sich auf, beugte sich zu ihm herab und bremste jedes weitere Wort mit einem Kuss. „William, hast du je überlegt, dass ich durchaus weiß, was ich will?" Sie lachte leise und zwinkerte ihm zu belustigt zu, als er hörbar schluckte. „Ich dachte, du kennst mich besser. Setzt mir bitte keinen Heiligenschein auf, denn ich bin nicht lieb und brav. Wenn ich das wäre, dann wären wir jetzt nicht hier, sondern würden anfangen, meine Hochzeit mit Bradford Montgomery zu planen. Und mein Vater wäre glücklich und zufrieden und würde schon Hochrechnungen anstellen, wie viel Geld er machen könnte. Doch nun platzt er sicherlich vor Wut, verflucht mich, dich, und womöglich auch meine Mutter, dass sie ihm eine so schreckliche Tochter geschenkt hat."

„Mag sein", schmunzelte er. „Und doch kannst du nicht verbergen, dass dein erstes Mal…"

„… genauso war, wie ich es immer wollte", führte sie rasch den Satz zu Ende. „William, ich weiß, was ich tue. Und ich habe mir den Mann dafür ausgesucht, den ich liebe und mit dem ich bis ans Ende aller Zeiten zusammen sein will."

„Hättest du etwas dagegen, wenn ich dich noch heute in eine Kirche schleppe?", fragte er und lachte, denn sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht hast du ja Recht. Es kommt wirklich nicht darauf an, ob wir einen Ring an unserem Finger tragen. Ich liebe dich und mehr braucht es nicht. Aber dennoch wirst du nicht verhindern können, dass ich dich früher oder später heiraten werde. Denn ich liebe es Nägel mit Köpfen zu machen und zudem ist es dann ein wenig sicherer, dass du mir nicht so einfach davon läufst."

„Sei dir dessen nicht so sicher", neckte Elisabeth ihn. „So langsam werde ich gut im Davonlaufen. Zudem habe ich einen guten Lehrer, der mir allerlei wichtige Dinge beibringt, an die ich nie im Leben gedacht hätte."

William griff ihre Arme, zog sie zu sich herab und küsste sie. „Mach darüber keine Witze sagte er ernster als beabsichtigt, „denn ich würde dich überall finden."

„Gut", neckte sie ihn wieder und versuchte sich aus seiner Umarmung zu befreien. „Ich werde mich darauf verlassen." Und um ihn abzulenken, drehte sie sich herum. „Wie spät ist es eigentlich?", fragte sie mit Blick auf das Fenster, doch er fiel nicht darauf herein.

William schnappte Elisabeth Oberarme, bäumte sich auf und drehte sie im gleichen Moment, sodass sie mit dem Kopf auf dem Kissen ruhte und er über ihr war. „Es ist noch früh", sagte er leise. „Sehr früh. Viel zu früh, um jetzt schon aufzustehen."

„Dann hoffe ich doch, du weißt, wie wir die Zeit bis zum Aufstehen sinnvoll nutzen", sagte sie, ihre Arme schossen um seinen Hals und sie zog ihn zu sich hinunter. „Hast du dir je das zweite Mal vorgestellt?", fragte sie leise und blinzelte verlegen. „Ich glaube, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dafür."

 

                                                                                              *~*~*

 

William war hin und her gerissen. Ein Teil von ihm schwebte noch immer über den Wolken, der andere Teil machte sich große Sorgen. Er hatte alles Wichtige schnell erledigen können und war heilfroh, alles Geschäftliche so rasch über die Bühne gebracht zu haben. Er durfte nicht vergessen, Jacob dafür noch einmal zu danken, denn er hatte gute Vorarbeit geleistet. Doch noch immer wusste er nicht, wohin er Elisabeth bringen sollte.

Die Flucht an sich war eine Kleinigkeit dagegen gewesen, auch wenn natürlich eine Menge Glück dabei im Spiel gewesen war. Doch wie und vor allem wo sollten sie sich verstecken? Früher oder später würden sie garantiert jemandem begegnen, der sie erkannte und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Henk Summers sie ausfindig machen würde. Und noch schlimmer war Bradford Montgomery. Er war nicht gerade für seinen Großmut bekannt und es wurmte ihn gewiss, dass seine Braut mit einem anderen Mann durchgebrannt war. Auch er würde die Suche nach ihnen nicht so schnell aufgeben, da war William sich sicher.

„Ich hätte mehr Zeit gebraucht. Viel mehr Zeit", murmelte er, während er durch die Straßen seiner Heimatstadt lief. „Falsche Papiere hätten sicherlich geholfen. Und vor allem hätten wir uns gleich ins Ausland absetzten sollen. Verflucht", schimpfte er. „Mir muss ganz schnell etwas Brauchbares einfallen."

Kurze Zeit später langte er an seinem Elternhaus an und trat ein. Alice empfing ihn auch sogleich mit gerunzelter Stirn. „Ist alles in Ordnung, William?", fragte sie.

„Alles bestens", nickte er und schüttelte doch den Kopf. „Ist Jacob da? Ich muss mit ihm und auch mit dir reden. Am besten setzten wir uns gleich zusammen ins Wohnzimmer, denn Elisabeth und mir bleibt nicht viel Zeit. Sobald die Sonne untergeht, werden wir von hier verschwinden."

 

                                                                                               *~*~*

 

„Also gut", nickte William, als alle zusammen im gemütlichen Wohnzimmer saßen. „Um es kurz zu machen… Elisabeth und ich sind… nun ja, ausgerissen ist wohl das richtige Wort. Es würde wirklich zu lange dauern auf jede Kleinigkeit…"

„Mein Vater wollte mich mit einem Scheusal verheiraten, der ein echter Widerling ist", fasste Elisabeth zusammen und sah William triumphierend an. „Ich glaube, das war kurz genug."

Alice und Jacob lachten und auch William schmunzelte. „Ja, das war sehr kurz und sehr treffend. Wie auch immer", fuhr er lächelnd fort. „Elisabeth Vater ist Henk Summers, der Mann, für den ich gearbeitet habe." Er wurde wieder ernst. „Er wird sicherlich nach uns suchen und da er weiß, woher ich komme, wird es nicht lange dauern, bis er hier vor eurer Tür steht." Er sah erst Jacob und dann Alice ernst an. „Und bitte, es ist wichtig… Belügt ihn nicht. Wenn er auftaucht, dann sagt ihm, dass wir hier waren. Ich möchte auf keinen Fall, dass ihr Ärger mit ihm bekommt, denn er hat genug Geld, um euch in ernste Schwierigkeiten zu bringen. Sagt ihm, dass wir hier waren und sagt ihm auch, dass wir einen Tag später verschwunden sind. Ich werde euch schon dadurch schützen, dass ich euch nicht mitteilen werde, was genau wir vorhaben oder auch planen. Ihr kommt also gar nicht erst in die Bedrängnis, eine Lügengeschichte erfinden zu müssen."

„William, Mann… du weißt, ich würde dich jederzeit unterstützen", sagte Jacob ernsthaft und stand auf. „Wenn du Hilfe brauchst, dann würde ich auch mit dir gehen und…"

„Auch keinen Fall", sagte William und schüttelte den Kopf. Er zog einen Umschlag aus seiner Jackentasche. „Hier", sagte er und reichte ihm Jacob über den Tisch. „Du brauchst nicht nachsehen", meinte er, als sein alter Freund den Umschlag öffnen wollte. „Es ist die Besitzurkunde für dieses Haus. Ich habe es heute auf euch überschreiben lassen. Und ja, es ist nicht umkehrbar. Ich werde vielleicht irgendwann einmal wieder vor eurer Tür stehen, aber wenn, dann nur noch als Gast. Ich war zwar nur kurz hier, aber ich weiß sicher, dass ich hierher nicht zurückkehren werde."

„Du bist verrückt", sagte Alice fassungslos und sprang auf. „Du kannst uns doch nicht… dein Elternhaus schenken. Du hast deine Kindheit hier verbracht. Deine Wurzeln sind hier, du bist hier in diesem Haus aufgewachsen…"

„Und ich bin ihm entwachsen", lächelte William und nahm Elisabeth Hand. „Ich weiß noch nicht, wie diese Geschichte ausgeht, aber wenn sie ein glückliches Ende findet, dann wird es für Elisabeth und mich nicht hier sein." Er stand auf und Elisabeth tat es ihm nach. „Vielleicht schafft ihr beide es ja, es ein wenig mit Leben zu füllen", sagte William lächelnd und zwinkerte den beiden fassungslos wirkenden Personen zu. „Danke für alles und passt gut auf euch auf!"

Teil 6

„William", sagte Elisabeth und sie vermochte den Unmut nicht mehr aus ihrer Stimme zu verbannen. „Würdest du mir bitte endlich erklären, wohin wir gerade reiten und was du vorhast?"

Sie hatte sich erst widerstandslos von ihm durch die halbe Stadt schleifen lassen und hatte auch nichts gesagt, als er sie auf ein Pferd gesetzt hatte und sie zusammen in die Nacht hinaus geritten waren. Doch so langsam reichte es ihr. Die Nacht war nicht unbedingt kalt, doch wohl fühlte sie sich auch nicht sonderlich und sie schauderte. Sie waren mutterseelenallein in einer komplett fremden Umgebung und dazu hatte William es offenbar nicht nötig, sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er ritt in Gedanken versunken einfach neben ihr her und sagte seit Stunden kein Wort.

„Wie? Hm?", er sah auf und im Mondlicht zeigte sich ein entschuldigendes Lächeln auf seinem Gesicht. „Wir reiten nach Norden", sagte er und hoffte darauf, dass Elisabeth genau das gefragt hatte. Er machte sich Gedanken um die Zukunft, und hatte beschlossen, erst einmal einen alten Bekannten aufzusuchen, der ihm dabei behilflich sein sollte.

Elisabeth zügelte ihr Pferd, wartete aber gar nicht erst bis es stand, sondern sprang sofort ab. „Es reicht", sagte sie und blieb stocksteif stehen. „Ich habe die Nase gestrichen voll davon, dass du nicht mit mir sprichst. Und ich rede nicht davon, dass du mich mit lustigen Geschichten unterhalten sollst. Ich will wissen, was in deinem Kopf vorgeht. Oder glaubst du etwa, ich bin so zerbrechlich, dass ich umfalle? Ich dachte, du kennst mich besser." Sie schüttelte den Kopf und lenkte ihr Pferd an den Wegesrand, wo sie sich auf einen großen Findling setzte und verbohrt die Arme verschränkte.

William beeilte sich, von seinem eigenen Pferd herunter zu kommen und ging langsam auf sie zu. „Es tut mir leid, Liebes", sagte er. „Mein Schweigen ist nicht böswillig oder weil ich dir nicht vertraue. Ich bin es nur nicht gewohnt, meine Gedanken zu teilen." Er nahm Elisabeth die Zügel ihres Pferdes ab und band beide Tiere an einen Strauch. Dann setzte er sich zu ihr auf den Stein. „Was möchtest du wissen?", fragte er und hob die Hände. „Ich schwöre, ich werde dir jede Frage wahrheitsgemäß beantworten."

„Was möchte ich wissen?", wiederholte sie und sah einen langen Augenblick hinauf in den wolkenlosen Nachthimmel. Elisabeth seufzte und wandte sich William zu, der zaghaft ihre Hand nahm. „Ich habe gerade das Gefühl, dich überhaupt nicht zu kennen. Das ganze vergangene Jahr… alles wirkt jetzt falsch, wenn du verstehst, wie ich das meine. Ich meine nicht dich als Person, aber du verbirgst so viel vor mir und ich kenne den Grund nicht. Wenn ich an all die seltsamen Hinweise denke, die ich gestern gehört habe, könnte man glatt meinen, du wärst ein Schwerverbrecher."

„So etwas in der Art bin ich auch", sagte er leise und konnte ihrem Blick nicht standhalten. Rasch sah er auf seine Schuhspitzen und ließ ihre Hand los. „Sagt dir der Name Henderson etwas. Jonathan Henderson, Earl of Essex und ehemaliger Stadthalter von…"

„Ja natürlich", sagte Elisabeth, der die vielen Geschichten über den Mann wieder einfielen, die unter der Hand in der Stadt herumerzählt worden waren. „Es heißt, er habe Land und König betrogen und ist nur aufgrund eines Missverständnisses aufgeflogen. Er sitzt seitdem im Tower, seine Ländereien sind an die Krone gefallen, ebenso wie sein gesamtes Vermögen. Es war ein Skandal, soweit ich mich entsinne."

„Ja", sagte William gedehnt. „Doch es war kein Missverständnis. Oder jedenfalls war es keins, bis wir dafür gesorgt haben." Er sprang auf und ging ein paar Schritte. „Henderson hat das Land gebeutelt, Steuern ins unermessliche erhoben und die Menschen hier haben gehungert, wie nie zuvor. Ich weiß nicht einmal mehr, wie wir überhaupt in die Sache geraten sind, aber ein paar Freunde von mir haben sich ereifert und irgendwann, nachdem wir wieder und wieder darüber gesprochen hatte, wie furchtbar dieser Mensch seine Untergebenen behandelt, haben wir es als richtig erachtet, etwas dagegen zu unternehmen. Im Laufe der Jahre haben wir ein richtiges Netzwerk gebildet, jeder hatte seine eigenen Aufgaben und…"

„Jetzt fällt es mir wieder ein", erinnerte sich Elisabeth mit einem Lächeln. „Es sind zwar nie Leute geschnappt worden, aber in der Bevölkerung wurdet ihr gefeiert wie Helden. Ihr habt Robin Hood gespielt."

„Na ja, nicht wirklich", erwiderte William, musste aber auch schmunzeln. Dann wurde er wieder ernst. „Nur hin und wieder, wenn gerade mal ein Steuereintreiber unterwegs war. Doch das war nicht das, was wir wollten. Wir wollten Henderson loswerden, obgleich wir ihm nicht nach dem Leben trachteten… nun ja, die meisten von uns entstammten guten Familien und ein einfacher Mord wäre für uns nicht in Frage gekommen. Außerdem sollte er für seine Taten büßen. Wir haben Fälscher und Diebe beschäftigt. Wir haben seine Nachrichten an Verbündete und auch Gegner abgefangen, sie zum Teil vertauscht oder eben leicht verändert, sodass irgendwann ein großes Durcheinander entstanden ist. Niemand wusste mehr, woran er war und auch für uns wurde es langsam brenzlig.

Kapitän Hastings, ein verdammt guter Mann, der Lieferungen für uns ins Ausland machte, ist mit einer solch vertauschten Nachricht erwischt worden und ich konnte ihn nur vor dem Galgen retten, in dem ich eine Lügengeschichte vor den Anklägern erfunden habe. Gott, ich war mein Lebtag niemals wieder so nervös", erinnerte sich William. „Aber ich konnte den Klägern glaubhaft versichern, dass Hastings die Nachricht nur untergeschoben worden war, denn ich selbst wäre den ganzen Tag zuvor mit ihm zusammen gewesen. Mein Vater war zu der Zeit gerade verstorben, ich hatte unser Geschäft übernommen und konnte allerlei Papiere vorweisen, die auf einen regen Handel mit Frankreich hinwiesen. Und das war genau die Route, die er einmal im Monat befuhr. Es war verdammt knapp und wäre mir das Glück nicht hold gewesen, hätte ich womöglich neben ihm gebaumelt."

Elisabeth sprang auf, eilte zu ihm und nahm seine Hand. „Ach du meine Güte", sagte sie und verzog das Gesicht. „Das war bestimmt kein Zuckerschlecken und ich verstehe, warum du mir niemals davon erzählt hast." Sie lehnte sich an ihn. „Aber immerhin habt ihr euer Ziel erreicht. Henderson hat und wird noch lange für seine Ungerechtigkeiten bezahlen müssen und es ist Ruhe eingekehrt. Ich kann dir also nichts vorwerfen. Du handelst immer so, wie du es für richtig hältst und ich kann deinen Mut nur bewundern."

„Nun, ich habe mich oft dafür verflucht", sagte William. „Mein Vater hätte meine Hilfe vielleicht besser brauchen können und er wäre womöglich nicht so früh gestorben."

Elisabeth wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie hielt ihn einfach nur fest und einen Augenblick versanken sie in der Stille der Nacht. Natürlich konnte sie verstehen, warum er nie etwas über seine Vergangenheit erzählt hatte. Alles war miteinander verwoben, gehörte zusammen und man konnte schlecht nur einen Teil der Geschichte erzählen, ohne ganz unweigerlich nach dem zweiten gefragt zu werden. „Deshalb war es dir so wichtig, den letzten Wunsch deines Vaters zu erfüllen, auch wenn du wusstest, dass es eigentlich unnütz war." Sie machte eine Pause und fuhr ihm durch das kurze blonde Haar. „Was hat dein Vater von dir gedacht?", fragte sie leise, auch wenn sie eine gewisse Ahnung hatte.

William lachte, auch wenn es abgehakt und beinahe verzweifelt klang. „Ich war ständig unterwegs und ich habe auch eine Menge Geld verpulvert. Wir alle haben tief in die eigene Tasche gegriffen, um die ganzen Aktionen zu bezahlen. Die Fälscher wollten Geld sehen, die Diebe und falschen Boten…. Mein Vater hat mich für einen Herumtreiber gehalten und ich konnte nichts tun, um ihn aufzuklären. Er war ein sehr konservativer Mensch und hätte nicht verstanden…"

„Er versteht es jetzt", sagte Elisabeth fest, nahm seine Hand und führte ihn zurück zum Findling. „Ich bin mir sicher, dass er mittlerweile sehr wohl versteht, was du getan hast und ich glaube nicht, dass er, wo immer er auch sein mag, böse auf dich ist."

„Ich hoffe es", sagte William betrübt und setzte sich wieder. Dann schüttelte er den Kopf. „Die vergangenen zwei Jahre waren so vollkommen anders und ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen. Es war vor allem dein Verdienst, dass ich alles vergessen konnte. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen, ein so unglaubliches, wunderschönes Ziel und ich konnte meine ganze Energie darauf verwenden. Und jetzt… bin ich zurück in einer Welt, in die ich nie wieder gelangen wollte." Er seufzte und zog sie nah an sich heran. „Auch wenn mir meine Vergangenheit womöglich jetzt hilft. Ich will mit dir hinauf nach Bury St Edmunds, denn dort lebt einer der Fälscher, die wir damals beschäftigt haben. Er soll uns Papiere beschaffen, damit wir an einem noch unbekannten Ort von vorne anfangen können."

Elisabeth ging einen Schritt zurück, stellte sich vor ihn und sah ihn traurig an. „William, ich wollte nie…. Ich weiß, du sagst, es wäre nicht meine Schuld, dass wir hier sind und… und doch fühle ich mich schuldig. Denn wenn ich nicht auf diese halsbrecherische Flucht bestanden hätte, wären wir jetzt nicht hier und stünden vor Problemen, mit denen ich nicht einmal im Entferntesten gerechnet hätte. Ich hatte Panik und wollte einfach nur schnell weg."

„Mach dir deswegen keine Gedanken", sagte er und nahm ihre Hände. „Ich hätte niemals zugelassen, dass Bradford Montgomery dich auch nur anrührt. Und ich weiß nicht, auf welche Weise ich es verhindert hätte, also sind unsere Probleme vielleicht kleiner, als wenn wir geblieben wären." Er zog sie vollends an sich und küsste sie stürmisch. Dann löste er sich schwer atmend von ihr und sprang auf. „Aber wir müssen unbedingt weiter. Es ist auch nicht mehr sehr weit. Wir rasten heute Nacht in einem Gasthof, den ich von früher kenne. Morgen in aller Herrgottsfrühe werden wir dann weiter reiten."

Sie lösten die Zügel ihrer Pferde aus dem Gestrüpp und schwangen sich beide wieder auf deren Rücken. „Hast du dir je überlegt, wo du gerne leben würdest?", fragte Elisabeth, als sie Seite an Seite weiter ritten. „Ich muss gestehen, niemals einen solchen Gedanken gehabt zu haben. Aber zu meiner Entschuldigung muss ich wohl anfügen, dass mein Leben bisher auch eher belanglos und vor allem sehr geregelt war. Für mich schien alles festgelegt zu sein und ich hätte kaum geglaubt, einmal woanders zu wohnen."

„Das Meer ist schön", sagte William überlegend und sah Elisabeth an. „Könntest du dir vorstellen in Frankreich zu leben?"

„Frankreich?", fragte Elisabeth bestürzt. „Ich weiß nicht. Ich müsste darüber nachdenken." Sie machte eine Pause. „Im Moment würde mich wohl alles erschrecken", gestand sie dann. „Aber ich weiß, es wird richtig sein, solange du in meiner Nähe bist."

 

                                                                                                 *~*~*

 

„Elisabeth, Schatz", sagte William, als der Gasthof in der Ferne auszumachen war. Eine verrostete Laterne schaukelte in der leichten Brise, die den Duft von wilden Veilchen mit sich trug. „Hättest du etwas dagegen, dich heute Nacht in einen jungen Mann zu verwandeln? Es wäre vielleicht günstig, wenn wir es mit einer Maskerade versuchen. Immerhin werden dein Vater und dein Verlobter auf der Jagd nach einem Pärchen sein, nicht aber nach zwei jungen Männern."

„Und wie genau stellst du dir das vor?", fragte Elisabeth, die es kaum noch abwarten konnte, vom Pferderücken abzusteigen. Ihre Kehrseite war derlei Anstrengungen nicht gewohnt und auch ihre Beine fühlten sich müde und taub an.

„Ich dachte, du schlüpfst vielleicht in eine meiner Jacken. Außerdem habe ich noch eine Mütze dabei, unter der du deine Haare verbergen kannst. Wenn du dich zudem im Hintergrund hältst, sobald wir die Taverne betreten, dürften wir mit der Scharade durchkommen."

„Ganz wie du meinst", sagte sie und quälte sich vom Pferd. Sie lief ein paar Schritte auf und ab und schüttelte sich schließlich. „Eine Pause wird mir gut tun. Ich fühle mich schon ganz steif an." Sie wartete, bis William ebenfalls abgestiegen war und seine Sachen durchforstete. Zusätzlich zur Jacke und der Mütze suchte er auch noch eine Hose heraus, die er stirnrunzelnd betrachtete, sie dann aber doch weiterreichte.

„Sie werden vielleicht ein wenig groß sein, aber du musst sie ja nicht lange tragen", sagte er und sah Elisabeth zu, wie sie seine Jacke überzog. „Die Hose ist… oha, ich glaube, da belassen wir es lieber bei der, die du anhast." Er lachte und überreichte ihr die Mütze. „Wenn ich dir helfen soll…"

„Nein, danke", sagte sie lächelnd. „Es kommt ja nicht auf Schönheit an." Es dauerte eine Weile, bis ihre Haarpracht unter der Kopfbedeckung platz gefunden hatte, doch schließlich drehte sie sich vor ihm und William warf einen prüfenden Blick auf sie.

„Ich hoffe darauf, dass der Wirt müde ist und zudem ein wenig blind. Nicht einmal die schrecklichste Verkleidung kann deine Anmut verbergen." Williams blauen Augen blitzten selbst in der Dunkelheit auf und er zeigte ein verführerisches Lächeln.

„Lass das Süßholzraspeln", schimpfte sie lachend. „Oder verschieb es auf später. Ich bin müde, habe schrecklichen Hunger und die Mütze kratzt. Ich weiß gar nicht, wie ihr so was tragen könnt." Sie zupfte an der Kopfbedeckung und murrte leise. Dann nahm sie die Zügel wieder auf und sah William an. „Können wir den Rest des kurzen Weges bitte einfach zu Fuß gehen? Ich glaube nicht, dass ich noch einen Meter auf einem Pferderücken ertragen könnte."

 

                                                                                              *~*~*

 

Das Zimmer, das der zahnlose Wirt ihnen zugeteilt hatte, war das Schlimmste, was Elisabeth je gesehen hatte. Die wenigen Möbel waren uralt, abgenutzt und hatten bestimmt schon eine Menge Besucher gesehen. Auch die Betten wirkten nicht gerade vertrauenerweckend, doch sie war einfach zu geschafft, um weiter darüber nachzudenken. Natürlich bemerkte sie trotz der Müdigkeit, dass William ihr immer wieder heimliche Blicke zuwarf und sie wusste auch, warum. Er erwartete, dass sie sich beklagte. Doch diese Blöße würde sie sich nicht geben. Egal was er behauptete, sie war schuld daran, dass sie in dieser Situation waren und sie würde gewiss nicht auch noch das Nörgeln anfangen.

„Das Fleisch riecht gut", sagte sie und setzte sich an den Tisch. Viel hatte der Wirt zu so später Stunde nicht mehr zu bieten gehabt. Nur ein wenig Eintopf und gekochtes Fleisch, doch Elisabeth wusste jetzt schon, dass es hervorragend schmecken würde. Sie hatte einfach zu viel Hunger, um irgendetwas abzulehnen. „Möchtest du?", fragte sie möglichst munter und versuchte sogar ein Lächeln. Sie hatte sich geschworen, es William so leicht wie möglich zu machen und dazu gehörte auch, dass sie Wohlbehagen zumindest vorgaukelte.

„Ja, sofort", sagte William, zog die schweren Stiefel von seinen Füßen und warf sie achtlos auf den Boden. „Allerdings sollten wir nicht mehr zu lange aufbleiben. Die letzte Nacht… nun, wir haben nicht viel Schlaf bekommen und um morgen früh aus den Federn zu kommen, sollten wir…"

„William", unterbrach Elisabeth ihn. „Noch sind wir sicher. So schnell können sie uns nicht auf die Spur gekommen sein. Nicht einmal, wenn sie herausgefunden haben, wie und wohin wir verschwunden sind. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen."

Seufzend setzte er sich auf einen der abgewetzten Sessel und starrte einen Moment ins Leere. „Bestimmt hast du Recht", sagte er mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Nein, ganz sicher hast du Recht. So schnell können sie nicht sein. Aber ich weiß noch immer nicht, wo unsere Flucht ein Ende finden soll. Es hängt nun alles davon ab, ob ich Andrew Cox ausfindig machen kann und ob er bereit ist, uns zu helfen. Es gibt noch so viele Dinge zu bedenken und zu entscheiden und…"

Elisabeth stand auf, überwand die geringe Distanz zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß. „William, mach Schluss für heute. Bitte. Es wird dir nichts bringen, dir noch mehr den Kopf zu martern. Auch du bist müde. Also lass uns in Ruhe essen und schlafen. Morgen ist ein neuer Tag, der sicherlich auch neue Ideen und somit auch Entscheidungen bringt." Sie lehnte sich vor, zupfte ein Stück Fleisch vom Knochen und steckte es sich hungrig in den Mund.

William beobachtete sie dabei, schüttelte den Kopf und schob sie auf die Füße. „Geh darüber", sagte er gespielt finster. „Denn wenn du noch lange so… ich schwöre dir, du kommst weder zum Essen noch zum Schlafen."

Leise lächelnd setzte sich Elisabeth sich ihm wieder gegenüber. „Und ich glaube, wir haben gerade festgestellt, dass wir noch Zeit genug haben. Also mach lieber keine Versprechungen, die du nicht halten kannst."

Fassungslos sah William sie an, dann lachte er und schüttelte den Kopf. „Du willst Beweise?", fragte er hinterlistig und zwinkerte ihr zu. „Junge Dame… Sie haben ja keine Ahnung, auf was Sie Sich da einlassen", sagte er, stand auf und war mit nur einem Schritt bei ihr. „Aber ich bin durchaus Willens, Beweise zu liefern."

Teil 7

Elisabeth war müde, auch wenn sie es vor William zu verbergen versuchte. Schlaf hatte sie in der Nacht kaum bekommen, doch das war ihre eigene Schuld. Sie hatte ihn herausgefordert und er hatte Beweise geliefert. Ein schiefes Grinsen zierte einen Augenblick ihr Gesicht, dann wurde es wieder schlaff. Sie hatte durchaus gewusst, auf was sie sich einließ, doch gedacht hatte sie, dass sie einfach einen Tag länger Pause einlegen würde, denn noch waren sie nicht wirklich in Gefahr, aufgespürt zu werden. Allerdings hatte William das anders gesehen. Die Sonne war noch nicht einmal ganz am Firmament zu sehen gewesen, da hatte er schon zum Aufbruch gedrängt.

Nun ritten sie seit Stunden den schmalen Weg entlang, der immer steiniger und auch steiler wurde. Zu sehen gab es nicht sehr viel, wenn man von der wunderschönen Landschaft einmal absah. Hin und wieder kamen sie in der Nähe von Gehöften vorbei, sahen Schafherden, doch William lenkte sein Pferd stets an allem Unbekannten vorbei. Dabei wäre Elisabeth zu gerne einmal abgestiegen, um sich die Beine zu vertreten und zumindest ein wenig Schwung in ihre müden Knochen zu bringen.

„Liebes?", riss William sie aus ihren Gedanken. Er hatte durchaus bemerkt, wie erschöpft sie war und auch, wie sehr sie dagegen ankämpfte. Allerdings waren ihr schon mehrmals die Augen zugefallen und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie vom Pferd rutschen würde. „Geht es dir gut?", fragte er deswegen. Er wusste, sie wollte Stärke beweisen und wollte ihr nicht einfach die Zügel aus der Hand nehmen und darauf bestehen, eine Pause einzulegen.

„Ganz prima", sagte sie und verzog das Gesicht. „Mein Hinterteil ist kaum mehr als eine breiige Masse, ich habe schon wieder Hunger und… tu ja nicht so, als hättest du nicht längst bemerkt, dass ich kurz vor dem Aufgeben bin." Sie seufzte laut und tätschelte ihrem Pferd den Hals. „Offenbar bin ich längst nicht so stark, wie ich gedacht hatte."

„Wir machen gleich Rast", lächelte William und konnte wieder einmal nur staunen. Elisabeth überraschte ihn jeden Tag aufs Neue. Sie war nicht nur bereit, mit ihren Mitteln zu kämpfen und Kräfte zu mobilisieren, von denen sie bisher nicht einmal wusste, dass sie in ihr steckten. Sie war ganz offensichtlich auch dazu bereit, Fehler einzugestehen und zurückzurudern, wenn es nötig war. Doch er hatte ja schon immer gewusst, dass sie etwas ganz Besonderes war und sein Herz klopfte wild, als er sein Pferd neben ihres lenkte. „Wir werden heute eine längere Pause einlegen und erst morgen früh weiter reiten", meinte er sanft und nahm ihre Hand. „Ich kenne eine gute Stelle, die versteckt liegt und zudem in einer fast gänzlichen unbewohnten Gegend liegt." Er lächelte sie an. „Außer natürlich, du hast etwas dagegen, unter freiem Himmel zu kampieren…"

„Nicht einmal das kann mich heute stören", sagte sie und sackte in sich zusammen. „Du hattest Recht", gab sie müde zu. „Ich sollte wirklich lernen, auf dich zu hören."

„Mach dir keine Gedanken", erwiderte William und lenkte sein Pferd vom Weg hinab. „Es ist auch nicht mehr weit. Allerdings werde ich dich einen Moment alleine lassen, um Proviant zu besorgen. Alleine bin ich weitaus schneller", sagte er, als er ihre hochgezogenen Augenbrauen bemerkte. „Aber wenn du lieber… nun, ich zeige dir erst einmal die Stelle, die ich meine und dann entscheidest du. Einverstanden?"

„Einverstanden", erwiderte Elisabeth, war sich aber jetzt schon sicher, dass sie keinesfalls alleine bleiben würde.

 

                                                                                             *~*~*

 

Wenig später ließ sie sich erstaunt vom Pferderücken hinab und sah sich ungläubig um. Die Landschaft schien der Fantasie entsprungen zu sein, denn so etwas Schönes hatte sie nie zuvor gesehen. Ein kleiner Weiher lag vor ihr, aus dem die erschöpften Tiere auch sogleich begierig tranken. Eingefasst wurde der kleine See von schroffen, nicht sehr hohen Felswänden, die nur einen sehr schmalen Spalt freiließen, durch den sie gerade im Schritttempo hineingeritten waren. Wilde Blumen blühten, Vögel und Schmetterlinge tummelten sich zu Dutzenden und da die Sonne zudem noch vom Himmel hinabstrahlte, war alles in ein helles Licht getaucht und das dunkle Wasser des Weihers glitzerte silbrig.

„Ich hab diesen Ort nur durch bloßen Zufall entdeckt. Vor ein paar Jahren, als ich mich dringend vor ein paar Verfolgern verstecken musste. Und ich habe nie jemandem davon erzählt", sagte William, der bereits dabei war seine Tasche nach Brauchbarem zu durchsuchen. „Die meisten Einheimischen kennen ihn nicht einmal, deswegen dürften wir hier vollkommen sicher sein." Er schüttelte eine Decke aus und breitete sie im Gras neben einigen schattenspendenden Büschen aus, dann wandte er sich Elisabeth zu, die noch immer den Blick schweifen ließ. „Also, was meinst du? Willst du hier bleiben? Ich verspreche auch, dich nicht allzu lange alleine zu lassen."

Einen Moment überlegte sie dennoch, dann lächelte sie. „Ich glaube, ich bleibe hier", sagte sie und nickte entschlossen. Sie reckte sich und setzte sich dann auf die Decke. „Schade eigentlich, dass dieser geheime Ort so klein ist", meinte sie und zupfte einige Grashalme ab. „Denn hier würde ich für immer bleiben wollen."

 

                                                                                                 *~*~*

 

Als William fast zwei Stunden später zurückkam, erwartete er, sie würde ihn böse anfunkeln und schimpfen, denn er hatte weitaus länger gebraucht, als er es gedacht hatte. Doch als er die schmale Passage durch die Felsen passiert hatte und vom Pferd rutschte, stellte er erstaunt fest, dass Elisabeth tief und fest schlief. Sie benutzte seine Jacke als Kissen und schien ihn nicht bemerkt zu haben.

Kurzentschlossen ließ er sein Pferd einfach laufen. Er nahm nur rasch den Sattel und die mitgebrachten Sachen ab und ließ alles ins Gras fallen. Auspacken konnte er später auch noch. Vorsichtig und leise legte er sich zu Elisabeth, die sich auch sofort im Schlaf an ihn kuschelte. Müde, aber sehr glücklich und zufrieden, schloss er selbst die Augen und war auch schon wenige Augenblicke später eingeschlafen.

Er erwachte erst, als die Sonne längst untergegangen war und das einzige Licht vom Mond kam, dessen runde Scheibe milchig weiß am Himmel hing. Sofort bemerkte er, dass Elisabeth nicht mehr neben ihm lag und er fuhr hoch. Doch lange suchen musste er nicht. Sie hatte die Zeit für eine Abkühlung genutzt und schwamm in ruhigen Zügen durch den kleinen See.

Leise seufzend lehnte er sich an einen Baum und gähnte erst einmal herzhaft. Jegliches Zeitgefühlt war ihm verloren gegangen, doch das war vielleicht auch nicht wichtig. Dieser Ort war wunderschön, die Ruhe unvergleichlich und der Ausblick… göttlich. Er könnte Tage damit verbringen, ihr einfach nur zuzusehen. Dann allerdings kam ihm ein noch viel besserer Gedanke und er sprang auf und wand sich blitzschnell aus seiner Kleidung.

Nur Augenblicke später lief er ins Wasser und schwamm mit ausholenden Bewegungen auf Elisabeth zu, die ihn natürlich längst bemerkt hatte und auf ihn wartete. „Hey", sagte sie und ließ sich nur zu gern in eine Umarmung ziehen. „Es ist wirklich wunderschön hier", sagte sie schwer atmend nach einem langen Kuss. „Und das Wasser ist herrlich."

„Das Wasser?", fragte er lachend. „Ja, das auch", er grinste und zog sie wieder an sich. Allerdings musste er schnell feststellen, dass eben dieser Weiher auch seine Tücken hatte. Es war schwierig zu schwimmen, die Luft anzuhalten und gleichzeitig zu versuchen, sie zu küssen.

Elisabeth lachte, nachdem sie zweimal untergegangen waren und schwamm rückwärts davon. Sie spritzte ihm Wasser ins Gesicht und beeilte sich dann ans Ufer zu kommen. Doch William war schneller. Er erreichte sie, bevor sie festen Boden unter den Füßen hatte, zog sie wieder an sich und Elisabeth hielt sich lachend einfach an ihm fest. Dann schwamm er ein paar kräftige Züge, spürte den festen Grund und legte seine starken Arme fest um sie. Er trug sie bis zur Decke und ließ sie langsam und sachte darauf nieder. Dann schüttelte er sich das Wasser aus den Haaren und suchte in seiner Satteltasche nach einem Handtuch.

„Warst du lange weg?", fragte Elisabeth, die das grobe Tuch dankbar entgegennahm. „Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich fast augenblicklich eingeschlafen bin."

„Es hat etwas länger gedauert als gedacht", gab William nach kurzer Überlegung zu. Er wollte sie nicht mehr belügen. Sie hatte bewiesen, dass sie vertrauenswürdig war und er sich auf sie verlassen konnte. Mehr noch. Sie kannte nun seine Geschichte und hatte sich trotzdem nicht von ihm abgewandt. Auch wenn diese Sache nun ein paar Jahre zurücklag. Sollte je bekannt werden, dass er seine Finger im Spiel gehabt hatte, würde die Strafe nicht lange auf sich warten lassen. Und William wusste sicher, dass sich Elisabeth dieser Tatsache durchaus bewusst war. „Hast du schon etwas gegessen?", fragte er, denn er wollte nicht mehr an die Vergangenheit denken müssen. Alles was zählte lag nun ausgestreckt und splitterfasernackt vor ihm und seine Gedanken wanderten in ganz andere Bahnen.

Elisabeth schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht. Ich wollte auf dich warten."

„Aber du hast schon vor Stunden gesagt, dass du Hunger hast", schimpfte er, dankbar darüber, etwas gefunden zu haben, was ihn ablenkte. Rasch holte er die Tasche, die er bei einem Bauern hatte füllen können. Der gute Mann war recht froh gewesen, denn William hatte ihn reichlich für die Nahrungsmittel bezahlt. Er setzte sich zu Elisabeth auf die Decke und öffnete die Tasche, aus der er sogleich ein Laib Brot, Käse, eine Wurst und mehrere frühe Äpfel holte.

„Das nenne ich ein perfektes Abendessen", sagte Elisabeth, und schüttele sich plötzlich. „Kalt ist es geworden. Oder ich war zu lange im Wasser", sagte sie, beugte sich vor und nahm Williams Hemd, das er gleichgültig auf den Boden geworfen hatte. Sie zog es sich über den Kopf und William schluckte hörbar.

„Brot?", fragte er schnell und sprang auf. „Ich habe noch irgendwo ein Messer in den Taschen." Er hob rasch seine Hose auf und zog sie über, erst dann ging er auf seine Satteltasche zu, die unweit im Gras lag. Es war einfach unglaublich. Sobald er Elisabeth auch nur ansah, beschäftigten sich seine Gedanken mit nur einem Thema und das musste er unbedingt unterbinden. Immerhin waren sie nicht auf einer ausgedehnten Reise, sondern immer noch auf der Flucht.

„Gerne", nickte Elisabeth und sprang ebenfalls auf die Füße. „Ich werde schnell Wasser holen", sagte sie und William ertappte sich dabei, ihr mit offenem Mund hinterher zusehen.

„Genau das meine ich", schimpfte er lautlos mit sich selbst und setzte sich schnell auf die Decke. Doch sein Durchhaltewillen bröckelte schnell und er war dankbar, dass sie rasch zurück war und sich wieder setzte, sodass er nicht mehr auf ihre schlanken Beine starren konnte, die unter dem viel zu weiten Hemd blass im Mondlicht leuchteten. „Teller haben wir leider keine", sagte er hastig und schnitt ein Stück Brot ab. „Aber für dieses Mal wird es auch ohne gehen."

Elisabeth breitete einfach das Tuch aus, das um das Brot gewickelt gewesen war und rückte ein Stück näher heran, als William Stücke vom Käse und auch der Wurst abschnitt. „Ich glaube, ich habe nie etwas Besseres gegessen", sagte sie und lehnte sich gegen ihn. „Oder es liegt einfach daran, dass du bei mir bist."

„Morgen sollten wir aber weiter reiten", sagte William, ohne darauf einzugehen. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen und auf die wichtigen Dinge zu lenken, die ihnen bevorstanden. „Ich weiß nicht einmal, ob Andrew noch immer in Bury St. Edmonds lebt. Allerdings vertraue ich darauf, denn sonst dauert alles noch bedeutend länger. Ich müsste alte Bekanntschaften erneuern und vielleicht sogar neue knüpfen. Und das wäre uns nicht dienlich. Je mehr Menschen wissen, wo wir abgeblieben sind, desto größer wird die Gefahr, entdeckt zu werden."

„Wie weit ist es noch bis zu dieser Stadt? Bury St. Edmonds? Ich habe den Namen zuvor nicht einmal gehört", sagte Elisabeth und nahm einen der Äpfel.

„Sie liegt hoch im Norden", sagte William, der sich einigermaßen entspannt zurück an einen Baum lehnte und Elisabeth durch das nasse Haar fuhr. „Es wird noch mindestens drei Tage dauern, bis wir dort ankommen. Ich möchte die Hauptstraßen meiden und lieber auf abgelegenen Routen bleiben."

„Verstehe", sagte Elisabeth und sah zu den Pferden, die zu grasen aufgehört hatten und fest schliefen.

„Stört es dich gar nicht, das alles so lange dauert?", fragte William einigermaßen erstaunt.

„Was sollte mich daran stören?", fragte sie und drehte sich zu ihm um, sodass sie mit dem Bauch auf der Decke lag und sie ihren Kopf auf seiner Brust ausruhen konnte. „Ich habe alles, was ich immer wollte." Sie kicherte. „Im Winter würde ich gewiss meckern, aber im Moment kann ich mir eigentlich nichts Schöneres vorstellen, als mit dir genau hier unter diesen Bäumen zu liegen."

„Es ist wirklich wunderschön hier", sagte William, hatte aber keinen Blick auf die Umgebung, sondern starrte nur auf ihren Kopf herunter. „Wenn man die Zeit doch anhalten könnte…"

„Versprich mir etwas", sagte Elisabeth plötzlich und rückte noch näher an ihr heran, sodass sie ihn mit den Armen umschlingen konnte. „Versprich mir, dass wir hierher zurückkommen. Irgendwann. Es kommt gar nicht darauf an, wie viel Zeit bis dahin vergeht, aber ich möchte auf jeden Fall noch einmal hierher zurückkehren."

„Versprochen", sagte William, rückte vorsichtig vom Baum ab und legte sich ganz auf die Decke. Dann zog er sie an sich und hielt sie fest. „Aber jetzt sollten wir schlafen", sagte er und küsste ihre Nasenspitze. „Sonst fällst du mir morgen wirklich noch vom Pferd."

Elisabeth verzog das Gesicht. „Ich weiß ja, dass du Recht hast, aber das Problem ist, dass ich überhaupt nicht müde bin. Ich habe den ganzen Nachmittag über geschlafen und jetzt… bin ich putzmunter und fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen."

William erging es ähnlich. Auch er fühlte sich nicht sonderlich müde, denn er selbst war höchstens seit einer Stunde wieder auf den Beinen. „Ach, Liebes", sagte er und schüttelte lächelnd den Kopf. „Wir sollten ganz schnell zurück in einen normalen Tagesrhythmus, denn sonst stecken wir rasch in argen Schwierigkeiten."

„Auch dabei gebe ich dir recht", lächelte Elisabeth. „Du bist das alles hier irgendwie gewohnt", sagte sie leise. „Für mich ist alles neu. Mein ganzes Leben ist in festen Bahnen verlaufen, es gab keinerlei Abweichungen. Tagein, tagaus. Und nun… es fühlt sich an, als wäre ich gerade erst erwacht. Es gibt so unglaublich viele Dinge, die mich beschäftigen. So unglaublich interessante Dinge…" Sie lächelte verwegen. „Und das Schlimme ist, ich will immer mehr davon."

Williams Blut rauschte in seinen Ohren. Er wusste nur zu gut, worauf sie mit ihren letzten Sätzen angespielt hatte und all seine guten Vorsätze verrauchten zu Asche. Er stürzte sich auf sie, küsste sie fordernd und vergaß den Rest der Welt für einige Stunden.

Teil 8

Die Landschaft war wunderschön, auch wenn sie jetzt, bei einsetzender Dunkelheit nicht mehr ganz so viel Ausstrahlung hatte, wie am Tag. Elisabeth hatte die wild blühende, duftende Heide auf dem sumpfigen Boden mehr als ausgiebig bewundert, und sie hatte einen fremden Geruch wahrgenommen, den sie nicht recht einzuordnen wusste. Doch William hatte ihr erklärt, dass es das Meer war, das nicht mehr fern war und auf die felsige Küste traf.

An einer Gabelung zügelte William sein Pferd und wartete, bis Elisabeth zu ihm aufgeschlossen hatte. Er sah sie an, kaute überlegend auf der Unterlippe und schüttelte schließlich den Kopf, als sie ihn fragend anblickte. „Sagtest du nicht, es wäre dir egal, wie lange wir noch unterwegs sind?", meinte er dann.

„Warum?" Elisabeth runzelte die Stirn. Bisher hatte William immer zur Eile gedrängt und sie fragte sich, warum er seine Meinung offensichtlich geändert hatte.

„Ich habe hier ganz in der Nähe noch ein kleines Anwesen…", begann er, wurde jedoch sofort unterbrochen.

„Du hast hier ein Haus? Ein Haus? Warum sagst du das denn nicht schon viel früher? Und warum überhaupt… Ausgerechnet hier? Und ich verstehe es auch nicht. Du hast offenbar ein weitaus größeres Vermögen, als ich je gedacht hatte. Und nein, das Geld ist mir unwichtig, darauf will ich nicht hinaus." Sie funkelte ihn erbost an. „Ich verstehe nur nicht, warum du dann so lange warten musstest, warum ich so lange warte musste, bis du bereit warst, um meine Hand anzuhalten?" Elisabeth fühlte Wut in sich aufsteigen. „Vielleicht wäre all dies", sagte sie und machte eine ausholende Bewegung mit den Armen, „vollkommen unnütz, wenn du dich ein wenig früher…"

„Elisabeth", unterbrach William sie. „Ich besitze durchaus Geld, damit hast du Recht. Aber es war weitaus nicht genug, um für ein sorgenfreies Leben zu sorgen, und dafür, deinen Vater zufrieden zu stellen. Und dieses Anwesen… Herr Gott, ich wusste bis vor wenigen Minuten nicht einmal, ob ich es überhaupt je wieder betreten wollte." Er warf die Hände in die Luft und starrte ins Leere.

„Warum willst du es nicht betreten?", fragte Elisabeth noch immer trotzig.

„Meine Mutter ist dort aufgewachsen. Es ist erst nach dem Tod ihrer Eltern in den Besitz meines Vaters übergegangen. Ich war seit über zehn Jahren nicht mehr da." William sprang vom Pferd, drückte Elisabeth seine Zügel in die Hand und begann mit einer Wanderung, die ihn den steinigen Weg auf und ab führte.

„Du hast nie von deiner Mutter erzählt", sagte Elisabeth leise, die seinen inneren Kampf durchaus bemerkte. „Wie war sie?"

„Sie war eine Hexe", schnaubte er. „Verbittert, böse und abscheulich. Und ich kann nicht sagen, dass ich sie je sonderlich vermisst habe." Er seufzte laut und warf die Hände wieder in die Luft. „Entschuldige, aber das Verhältnis zu meiner Mutter… eigentlich hatten wir kein Verhältnis. Sie hat mich abgelehnt und ich habe früh gelernt, sie dafür zu hassen."

Geschockt über diese Aussage brauchte Elisabeth einen Moment, dann stieg sie von ihrem Pferd ab und band beide Tiere an einen tief hängenden Ast einer großen Birke. Dann ging sie auf William zu, der ihr den Rücken zukehrte und bewegungslos in die Ferne starrte. „Warum hat sie dich abgelehnt?", fragte sie leise und schloss von hinten dir Arme um ihn. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass William, der stets freundlich zu jedermann war, ausgerechnet seine Mutter so verabscheute. Doch ganz offensichtlich war dieser Hass noch immer in ihm und er kämpfte damit.

„Das ist eine lange Geschichte", murmelte er und schüttelte unwirsch den Kopf.

„Erzähl sie mir. Wir haben alle Zeit der Welt." Elisabeth würde jetzt nicht locker lassen, doch drängen wollte sie ihn auch nicht und so hielt sie ihn einfach fest und wartete.

„Meine Mutter… war von Adel", sagte er leise. „Nur einfacher Landadel, aber…. Die ganze Geschichte ist natürlich totgeschwiegen worden, doch mein Vater hat mir nach und nach ein paar Dinge erzählt, damit ich besser verstand…. Jedenfalls muss sie sich als junges Mädchen wohl Hals über Kopf verliebt haben und sie ist… mit dem Mann ausgerissen." Er drehte sich um und sah Elisabeth mit zusammengepressten Lippen an. „Doch sie hatte nicht viel Glück, wie mir scheint, denn er meinte es nicht besonders ernst mit ihr. Irgendwann, vielleicht schon nach ein paar Tagen, bestand sie darauf, zu heiraten, und er muss sein wahres Gesicht gezeigt haben. Mir wurde natürlich nicht viel erzählt, nur dass er es ablehnte. Sie wäre nicht gut genug für ihn, seine Familie würde sie niemals annehmen… all solche Belanglosigkeiten. Er hat sie mittellos in Norfolk zurückgelassen und sie ist in Schimpf und Schande zu ihrer Familie zurückgekehrt. Danach war eine aussichtsreiche Ehe natürlich ausgeschlossen."

„Sie hat deinen Vater nicht freiwillig geheiratet", mutmaßte Elisabeth und William nickte.

„Ich kann dir nicht einmal sagen, ob mein Vater in sie verliebt war, oder um es wirklich nur ums Geschäft ging, aber sie hat es gehasst. Sie hat es gehasst in einem kleinen Haus zu leben, sie hat es gehasst, ihr Ansehen verloren zu haben und sie hat mich und meinen Vater gehasst. Es war die Hölle auf Erden mit ihr zu leben und vielleicht war es ein Glück, dass sie so früh verstorben ist."

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", sagte Elisabeth leise und dachte an ihre eigene Mutter, die stets herzlich, gütig und liebevoll gewesen war. „Als Kind muss es die Hölle gewesen sein."

„Es ist kein gutes Gefühl, dass kann ich dir versichern", sagte William bitter, löste sich von ihr und setzte sich einfach auf den Boden. „Mein Vater hat immer versucht, es irgendwie auszugleichen und mir zu erklären, aber geholfen hat es nicht. Allerdings hatte das ganze etwas Gutes. Ich habe mir früh geschworen, nur eine Frau zu heiraten, die mich wirklich liebt." Er sah zu Elisabeth auf und seufzte. „Vielleicht wollte ich deswegen alles besonders gut machen. Und wahrscheinlich hast du Recht. Ich habe zu lange gewartet. Ich hätte mich deinem Vater früher erklären sollen. Womöglich hätte er mir zugehört."

Elisabeth überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Nein, das hätte er nicht. Er hat mich als Geschäft betrachtet", sagte sie müde. „Er hätte immer ein noch höheres Gebot abgewartet und er wusste, dass die Familie Montgomery früher oder später in so heftige Geldprobleme geraten würde, dass ihnen nur ein Ausweg blieb, das Gesicht zu wahren. Deswegen hat er das Grundstück am Hafen auch nicht einfach gekauft. Er hat gewartet und darauf spekuliert, dass einer der Söhne um meine Hand anhalten würde." Sie setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. „William, wenn es dir so schwer fällt, dieses… Anwesen aufzusuchen, warum hast du dann vorgeschlagen, dorthin zu gehen?"

„Ich überlege den ganzen Tag schon, dass es eine gute Idee wäre, dich dauerhaft in Männerkleidung zu stecken", sagte William und zuckte die Schultern. „Und das hieße entweder, dich in eine Stadt zu schleppen und dir etwas zu kaufen, oder eben, es auf andere Weise zu versuchen. Ich weiß, dass noch Sachen von mir dort sind, die ich mit etwa vierzehn Jahren getragen habe. Die dürften dir von der Größe ganz gut entsprechen und…. Ich weiß auch nicht. Vielleicht ist es eine blöde Idee…"

„Nein, der Gedanke war gut", sagte Elisabeth und dachte an die wenigen Sachen, die sie mitgenommen hatte. Besonders clever war ihre Auswahl nicht gewesen, denn außer dem alten Reitkostüm, das sie seit Tagen trug, hatte sie nur Kleider eingesteckt und die konnte sie auf einem Pferderücken kaum tragen. „Aber wir müssen nicht…"

„Doch", sagte William und stand entschlossen auf. Dann reichte er ihr die Hände und zog sie auf die Füße. „Es ist albern. Es ist nur ein Haus, das ich seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Die Pferde werden dort gut versorgt, wir können dort eine vernünftige Pause einlegen und ich sollte endlich mit der Vergangenheit abschließen."

„Das ist meist leichter gesagt als getan", sagte Elisabeth und dachte an ihren Vater. Sie hasste ihn für seine Geldgier, sie verabscheute ihn dafür, sie nur als gutes Geschäft zu betrachten und doch war und blieb er ihr Vater. Sie sah William an, der ihre Hand nahm und sie zu den Pferden führte. „Bestimmt hat dir dein Vater es oft gesagt, aber du warst nicht Schuld daran, dass sie dich nicht… dass sie…"

„… mich nicht lieben konnte", führte er den Satz traurig zu Ende. „Nein, ich war nicht schuld daran. Vielleicht konnte sie selbst nicht einmal etwas dafür", sagte er und sah sie niedergeschlagen an. „Das habe ich gerade eben erst begriffen. Denn ich selbst … ich hätte es nicht ertragen können, dich an einen anderen Mann zu verlieren. Und wenn sie auch nur annähernd die gleichen Gefühle für diesen Mann hatte wie ich für dich, dann…"

Elisabeth antwortete nicht darauf. Sie stürmte einfach in seine Arme und küsste ihn. Dann sah sie ihn liebevoll und voller Wärme an. „Lass uns von hier verschwinden", meinte sie und ließ sich aufs Pferd helfen. Sie wartete, bis William neben ihr war und folgte ihm dann den Weg hinab. „Wer kümmert sich um das Haus, wenn schon so lange niemand mehr da war?"

„Ein älteres Paar, das schon lange im Dienst der Familie gestanden hat", sagte William. „Sie bewohnen ein kleines Cottage am Rand der Auffahrt." Er runzelte die Stirn. „Ich habe mich wirklich nicht viel um das Haus gekümmert", gab er leise zu. „Ich weiß nicht einmal, wie es den alten Leuten geht."

„Du hattest gute Gründe, das Haus aus deinem Gedächtnis zu streichen", sagte Elisabeth verständnisvoll. „Und immerhin schaust du jetzt persönlich nach dem Rechten." Sie lenkte ihr Pferd direkt neben Williams und nahm seine Hand. „Vergiss bitte nicht, dass du nicht alleine bist", sagte sie und sah ihn eindringlich an. „Wenn dich zu viele schlechte Erinnerungen überkommen… ich bin immer für dich da."

 

                                                                                          *~*~*

 

Selbst im Halbdunkel war der erste Blick auf das Anwesen, denn ein einfaches Haus war es nicht, unfassbar und vor Erstaunen blieb Elisabeths einen Augenblick der Mund offen stehen. Das Haus selbst war ein aus dunklem Granit erbautes zweistöckiges Gebäude in L-Form, das von einem wunderschönen Garten umgeben war, in dem die verschiedenfarbigsten Blumen blühten und einen herrlichen Duft verströmten. Die Ställe waren auf der rechten Seite des Anwesens errichtet worden und den Platz dazwischen füllte ein runder Hof, dessen Mitte ein großer Brunnen zierte. Doch am meisten staunte Elisabeth über das Meer, dass direkt hinter dem Haus zu beginnen schien. Rasch warf sie einen Blick zu William, der sein Pferd ebenfalls gestoppt hatte und den Eindruck auf sich wirken ließ.

„Es hat mit den Jahren von seiner Bedrohlichkeit verloren", sagte William, der ihren fragenden Blick natürlich bemerkt hatte. „Es wirkt sogar sehr friedlich, wie es da in der Senke liegt."

„Ich finde es wunderschön", sagte Elisabeth leise und konnte es kaum erwarten, ihr Pferd auf den Hof zu lenken. Zur Abwechslung wäre es gewiss ganz nett, wieder in einem richtigen Bett zu schlafen, doch sie wartete, bis William so weit war und folgte ihm, als er langsam den Hügel hinunter ritt.

Sie hatten den Abhang kaum hinter sich gelassen, da stürmte ein Mann aus einem kleinen Haus, das verborgen unter alten Bäumen stand. „Keinen Schritt weiter", schrie er und richtete eine Flinte auf sie.

„Immer noch der alte Schießhund", lachte William unbeeindruckt. „Guten Abend, Mr. Whitemoore. Schön zu sehen, dass Sie immer noch so vital und tatkräftig sind wie zu alten Zeiten."

„Mr. Grey?", fragte der alte Mann misstrauisch und kam vorsichtig einen Schritt näher. Allerdings hielt er noch immer die Flinte fest in seinen Händen und er musterte sowohl Elisabeth als auch William eindringlich und sehr argwöhnisch. „Sind Sie es wirklich? Sie sind kaum wiederzuerkennen… nach all den Jahren der Abwesenheit."

„Allerdings. Ich bin es wirklich", sagte William und hüpfte vom Pferd. Mutig ging er auf den Mann zu und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich habe ja schon immer gewusst, dass das Haus bei Ihnen in den besten Händen ist."

„Gewiss, gewiss", sagte Mr. Whitemoor und zeigte beim Lächeln eine Reihe schiefer Zähne. „Aber warum haben Sie Sich nicht angekündigt? Davon mal ganz abgesehen, dass mir das Herz in die Hose gerutscht ist, Sir. Meine Frau hätte das Haus vorbereiten können und sie wird bitterlich mit mir schimpfen, weil sie doch so … so perfekt ist, wenn es um das Anwesen ihrer Familie geht."

„Wir werden nicht lange bleiben", sagte William und ging zu Elisabeth, um ihr vom Pferd zu helfen. „Meine Frau, Elisabeth", stellte er sie vor und der Alte lächelte.

„Welch gute Nachrichten, die Sie da mit Sich bringen, Sir", sagte Mr. Whitemoore. „Doch ich sollte jetzt lieber Mary bescheid sagen." Er schulterte seine Waffe und eilte ins Haus.

„Bist du verrückt geworden", schimpfte Elisabeth, kaum dass er verschwunden war. „Er zielt mit einer Waffe auf dich und du springst einfach vom Pferd. Er hätte dich erschießen können und…"

„Hätte er nicht", grinste William sie kess an. „Die Waffe ist nicht geladen. Sie ist nie geladen, war es noch nie und ich glaube, er hat seinen Lebtag noch keinen Schuss abgegeben. Er hat mir damals erzählt, man müsse nur fest genug auftreten, dann würde es sich kein Fremder wagen, zu nah heran zu kommen. Und er hat nicht Unrecht damit. Das habe ich selbst oft genug erlebt."

„Trotzdem", maulte Elisabeth und schüttelte den Kopf. „Und dann stellst du mich auch noch als deine Frau vor."

„Was hätte ich denn sagen sollen? Hätte ich dich als Geliebte vorstellen sollen? Wäre dir das recht gewesen?", fragte William mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Und außerdem gedenke ich immer noch, dich so schnell wie möglich zu ehelichen."

Der Schreck saß Elisabeth noch immer in den Gliedern, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, das wäre mir nicht recht gewesen, auch wenn es wohl zutrifft", sagte sie und fühlte sich auf Schlag sehr unwohl. Sie hatte nie darüber nachgedacht, doch es störte sie, dass irgendwer sie für Williams Geliebte halten könnte. An sich war das Wort nicht negativ, doch gebrauchte man es oft für Frauen, die mit verheirateten Männern liiert waren und damit wollte sie eigentlich nicht verglichen werden.

Allerdings kam sie nicht dazu, länger darüber nachzudenken. Mr. Whitemoore, samt aufgelöster Frau, kam wieder aus dem Haus und die alte Gattin überschlug sich fast vor Aufregung. „Misses Grey, Mr. Grey, wie schön Sie hier zu sehen. Oh mein Gott, und ich habe das Haus nicht in Ordnung gebracht." Sie funkelte ihren Mann an, doch er hob nur abwehrend die Hände. „Ich kann doch nichts dafür."

„Machen Sie Sich nicht zu viele Gedanken", bremste William die aufgebrachte Frau. „Bitte. Es reicht durchaus, wenn Sie uns ein Schlafzimmer richten. Mehr werden wir nicht brauchen." Dann wandte er sich an Mr. Whitemoore. „Es wäre sehr nett, wenn Sie Sich um unsere Pferde kümmern könnten. Sie haben sich gutes Futter und eine ausgedehnte Pause redlich verdient."

Beinahe dankbar nickte der alte Mann und beeilte sich, die beiden Tiere zu den Stallungen zu führen. Doch Mrs. Whitemoore war kaum mehr zu stoppen. „Ich werde sofort das Zimmer richten", sagte sie und stürmte davon. Dann hielt sie an, blieb einen Moment stehen und kam dann schnell wieder zurück. „Entschuldigen Sie bitte, Sir. Jetzt hätte ich Sie vor Aufregung fast einfach so hier auf dem Hof stehen lassen." Sie sah beinahe ängstlich zu Elisabeth, doch Elisabeth lächelte nur sachte.

„Unsere Ankunft gleicht einem Überfall. Bitte, machen Sie Sich nicht zu viel Mühe. Wir werden gewiss nicht lange bleiben." Elisabeth hatte echtes Mitleid mit der alten Frau, die vor Aufregung kaum ein und aus wusste. „Wir sind nur auf der Durchreise und … mein Mann wollte mir das Haus einmal zeigen. Er hat mir bereits erzählt, dass es bei Ihnen in den besten Händen ist und er sich keinerlei Sorgen darum machen müsse."

„Mag sein, mag sein", sagte sie, rang die Hände und wirkte doch einigermaßen beruhigt. „Ach was. Kommen Sie doch bitte erst einmal zu uns ins Cottage. Ich werde Ihnen erst einmal etwas Gutes auftischen und dann das Haus vorbereiten. Dann ist mein Gewissen vielleicht ein wenig ruhiger."

Teil 9

Als Elisabeth am nächsten Morgen in dem wunderschön bequemen Bett erwachte, war sie alleine und sie setzte sich sofort auf. William war schon am Abend zuvor nicht mehr sonderlich redselig gewesen und sie wusste, er focht einen inneren Kampf, der schon so lange in ihm rumorte. Sie hatte sich absichtlich zurückgehalten und ihn nicht bedrängt und doch fragte sie sich augenblicklich, ob es ihm gut ging und ob sie ihn womöglich suchen sollte?

Sie kletterte aus dem Bett und sah sich um. Das Zimmer war wunderschön eingerichtet und trotz des dunklen Mobiliars wirkte es nicht düster oder bedrückend. Aber das lag womöglich auch an den verhältnismäßig großen Fenstern, die eine Menge Licht hereinließen. Wirklich viel hatte sie noch nicht von dem großen Haus gesehen, doch das wenige hatte sie tief beeindruckt. In einer solch verlassenen Gegend hätte sie kein so schön eingerichtetes Haus vermutet und es war offensichtlich, dass viele der Möbel zwar alt, aber in sehr gepflegtem Zustand waren.

Die Familie schien sehr viel Wert darauf gelegt zu haben und es war beinahe eine Schande, dass das Haus nicht bewohnt war. Elisabeth ging zum Fenster und warf einen Blick hinaus. Grüne Hügel zierten auf dieser Seite die Landschaft und sie konnte nur einen schmalen Streifen vom Meer sehen. „Wo er wohl hingegangen ist?", überlegte sie laut und nahm sich vor, sich so rasch wie möglich anzuziehen und nach ihm zu sehen.

Als sie die steile Treppe hinab lief traf sie sofort auch Mrs. Whitemoore, die dabei war die Staubhüllen von den Möbeln zu nehmen. „Einen wunderschönen guten Morgen", grüßte sie die alte Frau, die sich vor ihr leicht verneigte. „Bitte, machen Sie Sich nicht die Mühe", sagte Elisabeth schnell. „Wir werden nicht lange bleiben und man sieht auch so, dass das Haus im besten Zustand ist. Sie leisten ganz hervorragende Arbeit, Sie und Ihr Mann."

Die alte Frau wirkte erleichtert. „Ich habe Ihnen ein Frühstück im Salon vorbereitet", sagte sie. „Es fällt natürlich etwas schmal aus, denn…"

„Es wird ganz bestimmt fabelhaft sein", beeilte sich Elisabeth zu sagen und lächelte entschuldigend. „Haben Sie zufällig meinen… Mann gesehen?", fragte sie und bemerkte erstaunt, wie leicht es ihr fiel, ihn so zu nennen.

„Er ist schon ganz früh am Morgen hinausgegangen", nickte Mrs. Whitemoore. „Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wohin er gegangen ist, aber als junger Mann hat er stundenlang auf den Klippen gesessen und auf das Meer hinausgesehen. Womöglich ist er dort zu finden."

Elisabeth bedankte sich und lief hinaus. Sie trug zum ersten Mal wieder ein Kleid und obwohl sie noch nicht lange unterwegs waren, fühlte es sich doch fremd an, denn sie hatte sich längst an die engen Hosen gewöhnt. Einen Moment musste sie sich orientieren, dann ging sie um das Anwesen herum und folgte einem Pfad, der erst durch einen etwas verwilderten Garten führte und dann anstieg. William saß tatsächlich still auf der Grasnarbe und warf hin und wieder einen der Steine ins Meer, die zu Dutzenden vor seinen Füßen lagen.

Er hatte sie noch nicht bemerkt und einen Augenblick überlegte sie, ob es besser wäre, ihn alleine zu lassen. Doch dann entschied sie sich, zu ihm zu gehen. Langsam und lautlos kam sie näher und suchte nach passenden Worten. Doch er drehte sich zu ihr um und lächelte, als er sie ansah. „Guten Morgen", sagte er und wollte aufstehen.

Doch Elisabeth hielt ihn zurück und setzte sich einfach zu ihm. „Es ist wunderschön hier", sagte sie nach einem Moment der Stille. „Ich kenne das Meer, nun ja, obwohl es bei uns lange nicht so prächtig blau ist. Doch die Küste hier ist unvergleichlich schön und es duftet ganz anders als bei uns."

„Es ist wirklich schön hier", nickte er und lehnte sich zurück. „Aber es ist auch seltsam", sagte er mit Blick auf den wolkenlosen blauen Himmel. „All die Jahre habe ich mich vor diesem Ort gefürchtet und nun ist es, als erlebe ich ihn vollkommen neu. Als sähe ich das Haus, die Stallungen und das Meer zum ersten Mal."

„Vielleicht ist es, weil du deiner Mutter verziehen hast", mutmaßte Elisabeth, doch William schüttelte wild den Kopf und setzte sich wieder auf.

„Nein, ich habe ihr nicht verziehen", sagte er bitter. „Und das werde ich wohl auch nie können. Aber ich kann sie nun verstehen." Er nahm Elisabeths Hand und lächelte sachte. „Dir hätte das gleiche Schicksal geblüht wie ihr. Auch du hättest einen Mann heiraten müssen, den du nicht liebst. Mehr noch, den du sogar verabscheust. Du hättest dein Leben in einer Gesellschaft verbringen müssen, in die du niemals hineintauchen wolltest. Und glaub mir, auch ich wäre damit nicht zurechtgekommen." Er küsste ihre Fingerspitzen. „Und doch bin ich nicht zufrieden. Ich hasse es, auf der Flucht zu sein. Ich hasse es, die Zeit mit dir nicht endlich in Ruhe genießen zu können und…"

„Aber diese Zeit wird kommen", versprach Elisabeth und lächelte ihn lieb an. „Ich glaube ganz fest daran, dass sich zum Schluss alles zum Guten wendet."

„Ich kann es nur hoffen", nickte William und sein Magen knurrte laut. „Hast du gefrühstückt?", erkundigte er sich sorgenvoll. „Mrs. Whitemoore hat uns etwas gebracht, aber mir war heute Morgen noch nicht danach."

Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich wollte lieber schauen, wo du bist." Sie verzog das Gesicht. „Ich habe mir Sorgen gemacht." Leicht verlegen lächelte sie. „Vielleicht ist Sorgen das falsche Wort. Gedanken wäre besser. Ich habe deinen inneren Kampf gespürt und ich wollte dir so gerne helfen, wusste aber nicht wie und …"

William zog die Augenbrauen hoch, lächelte aber. „Ich kann mich immer nur wiederholen. Du bist unglaublich", sagte er und setzte sie kurzerhand auf seinen Schoß. „Und du hast mir sehr geholfen, glaub mir. Schon durch deine Anwesenheit." Er schlang die Arme um sie und küsste sie stürmisch.

„Lass uns frühstücken gehen", sagte Elisabeth nach einer Weile atemlos und sprang schnell auf. „Sonst schockieren wir Mrs. Whitemoore noch mehr als jetzt schon. Die Gute ist völlig außer sich und rennt herum wie eine Glucke, die ihre Küken verloren hat."

„Apropos Whitemoore", sagte William und erhob sich seufzend. „Mr. Whitemoore hat mich heute Morgen zur Seite genommen. Er und seine Frau möchten ihre Stellung aufgeben. Er meinte, sie würden langsam in ein Alter kommen, in denen es ihnen zu schwer fallen würde, noch länger auf das Anwesen zu achten. Sie möchten zu ihrer Tochter ziehen, die hier ganz in der Nähe einen Landwirt geheiratet hat."

Elisabeth nickte nur und hakte sich bei ihm ein. „Verstehen kann ich das durchaus", meinte sie dann. „Aber das bedeutet, dass du dich um einen neuen Verwalter kümmern musst." Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Wollen sie jetzt gleich gehen?"

„Nein", sagte William und drückte einen Ast zur Seite, sodass Elisabeth problemlos den Pfad hinabsteigen konnte. „Bis zum Winter würden sie bleiben."

Einer plötzlichen Eingebung folgend blieb Elisabeth stehen. Sie drehte sich um und sah William einen Moment an. „Also, ich weiß nicht…. Wie soll ich es sagen?", sie seufzte. „Könntest du dir vorstellen hier zu leben?", fragte sie dann leise. „Obwohl das gewiss eine dumme Frage ist, nach allem, was du mir erzählt hast. Aber ich finde es einfach wunderschön hier und muss gestehen, ich würde gerne… Nun ja…"

William lachte leise. „Ich habe auch schon darüber nachgedacht", sagte er sanft. „Vollkommen verrückt, denn noch gestern hätte ich das ausgeschlossen. Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, dass Anwesen zu verkaufen, doch als wir gestern oben auf der Kuppe standen und darauf hinunterblickten, war es ein Gefühl wie… nach Hause zu kommen. Trotz allem. Oder vielleicht auch genau deswegen." Dann seufzte er, hakte sie wieder unter und führte sie zum Haus zurück. „Doch im Moment brauchen wir nicht darüber nachdenken. Ich habe zwar nie über dieses Haus gesprochen und kaum jemand weiß, dass es in meinem Besitz ist, doch dein Vater ist clever genug, um uns auch hier aufzuspüren. Höchstwahrscheinlich werden wir für eine lange Zeit das Land verlassen müssen."

Bestürzt seufzte Elisabeth und blieb wieder stehen. „Es war ein Fehler", sagte sie und sackte ein kleines Stück in sich zusammen. „Ein überstürzter, dummer Fehler. Und ich hätte dich niemals darum bitten dürfen, mit mir das Weite zu suchen. Wir hätten einen anderen Weg finden müssen. Ich hätte…"

„Liebes, wir haben doch bereits herausgefunden, dass wir keine andere Wahl hatten." Er zog sie in seine Arme und hielt sie fest, doch sie wandte das Gesicht ab. „Elisabeth, mir ist egal, wo wir landen und wie wir leben werden. Wichtig ist nur, dass du bei mir bist und ich mir sicher bin, dass du mich liebst." Sie sah noch immer nicht zu ihm auf. „Du liebst mich doch, oder?"

„Wie kannst du so etwas fragen?", fuhr sie hoch und schaute ihn finster an.

„Vielleicht, weil ich es gerne von dir hören würde", sagte er und lächelte verschmitzt. „Ich kann es gar nicht oft genug hören."

Halbherzig schubste sie ihn, doch dann schlang sie die Arme um seinen Hals. „Ich liebe dich", raunte sie ihm zu und blickte verliebt in seine Augen. „Mehr als mein Leben, mehr als alles… und ich werde dich immer lieben. Bis ans Ende aller Zeiten!"

„Genau das wollte ich hören", sagte William heiser und fackelte nicht lange. Sollten die Whitemoores doch denken, was sie wollten. Er hob Elisabeth in seine Arme und stürmte mit ihr erst ins Haus und dann die Treppen hinauf. Auch ihre schwachen Versuche ihn zu bremsen, hielten ihn nicht auf. Er gab der Tür mit dem Fuß einen Schubs und sie fiel laut klappend zu. Dann setzte er sie sanft auf dem Bett ab und starrte sie einen Moment heißblütig an. „Du weißt, dass du mich verrückt machst, oder?", fragte er und zog sich in einer fließenden Bewegung das Hemd über den Kopf. „Ich bin komplett verrückt und hoffnungslos verloren!"

 

                                                                                                *~*~*

 

Es war spät am Nachmittag, als Elisabeth in aller Ruhe durch das große Haus streifte und sich umsah. Im oberen Stockwerk hatte Mrs. Whitemoore darauf verzichtet, die Staubhüllen von den Möbeln zu nehmen, doch Elisabeth reichten flüchtige Blicke unter die weißen Stoffbahnen. William hatte einige geschäftliche Dinge mit dem Alten Whitemoore zu besprechen und sie hatte sich weder aufdrängen noch einmischen wollen. Es war viel interessanter, das Gebäude zu erkunden.

Schlussendlich landete sie in einem Zimmer, dessen Fenster einen wunderschönen Ausblick auf das Meer zuließen. Einen Moment sah sie wie gebannt hinaus, dann drehte sie sich herum und versuchte zu erraten, wem dieses Zimmer einst gehört hatte. Doch persönliche Gegenstände waren keine zu sehen und so öffnete sie die Schranktür und erblickte eine Reihe der elegantesten Kleider, die sie je gesehen hatte.

„Sie gehörten einst Miss Abigail", sagte Mrs. Whitemoore, die lautlos ins Zimmer getreten war.

„Oh, ich… ich wollte mich nur umsehen", sagte Elisabeth erschrocken. „Ich wollte bestimmt nichts herausnehmen."

Doch die alte Mrs. Whitemoore machte nur ein betrübtes Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Es gehört wohl alles Ihnen, Mrs. Grey, nehme ich einmal an."

„Das mag auf gewisse Weise stimmen", sagte Elisabeth leise, denn Mrs. Whitemoore glaubte ja, dass sie und William verheiratet waren. „Und dennoch. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es Ihnen fällt, dass wir hier sind. Sie haben sicherlich lange für die Familie gearbeitet. Da ist es nur natürlich, dass Sie nicht sonderlich erfreut sind, wenn eine gänzlich fremde Person in deren Sachen herumwühlt."

„Sie wühlen ja nicht, Mrs. Grey", sagte die Alte und gab damit unbewusst zu, dass sie Elisabeth schon länger beobachtete. „Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass Sie recht haben. Es fällt schwer loszulassen, auch wenn schon lange niemand mehr da ist. Von Mr. Grey einmal abgesehen. Aber er war schon als Kind nicht gerne hier… und ich kann es ihm nicht verdenken."

Elisabeth hütete sich davor, jetzt etwas zu dem Thema zu sagen. Sie nickte nur und lächelte zaghaft. „Dabei ist es wunderschön hier", sagte sie. „Ein solch ansehnliches Haus habe ich selten zuvor gesehen."

„Es war schön", nickte Mrs. Whitemoore. „Damals, bevor der Skandal die Familie zerstörte." Sie sah Elisabeth prüfend an. „Sie wissen davon, nehme ich an. Mr. Grey wird Ihnen davon erzählt haben."

Nickend trat Elisabeth einen Schritt auf die alte Frau zu. „Ja, allerdings", meinte sie leise. „William hat es mir erzählt."

„Ja, ja", sagte die alte Frau. „Ich habe es befürchtet. Oh, ich meine… das alles ist schon so lange her und man sollte meinen, alles wäre längst vergessen und begraben. Aber es gibt immer jemanden, der sich erinnert und es zurück ins Licht zieht." Sie wurde rot. „Entschuldigen Sie, wenn Sie meinen Ausspruch falsch verstanden haben. Ich nehme nicht an, dass ausgerechnet Sie diese Sache breittreten werden, ich wollte nur andeuten… das es kein Ende gibt."

Wieder nickte Elisabeth nur. „Darüber sollten Sie Sich wirklich und wahrhaftig keine Gedanken machen. William hat es mir erzählt, aber sonst gibt es niemanden, der davon weiß. Und ich werde gewiss nichts sagen, was meinen… Mann ist Misskredit bringt."

„Es war aber auch wirklich unerfreulich damals", sagte Mrs. Whitemoore, die sich offenbar Luft machen wollte. „Und dabei schien der junge Mann so wohlerzogen und anständig zu sein. Er war im Sommer zu Besuch bei seiner alten Tante in Scofield, was ganz in der Nähe liegt. Der alte Welch, Mr. Greys Großvater, hatte gerade erst seine Frau verloren und seine älteste Tochter war im Begriff, Mr. Sullivan aus Barnet zu heiraten und wir alle dachten, welch Glück die junge Miss Welch doch hatte, einen solchen Fang gemacht zu haben…." Sie holte tief Luft. „Der junge Mann war oft hier zu Besuch, wissen Sie, und Mr. Welch hat ihn nur zu gerne aufgenommen, dachte er doch, seine Tochter bald gut versorgt zu wissen. Und dann, nur einen Tag vor Miss Abigails Hochzeit, verschwand Miss Juliana einfach spurlos." Sie machte eine Pause und seufzte schwer. „Sie können Sich die Aufregung gar nicht vorstellen, Mrs. Grey. Es war ja nicht nur, dass sie sich ihr eigenes Leben verpfuschte, auch Miss Abigail war noch nicht verheiratet und der alte Welch hat sich von dem Schock nie wieder ganz erholt."

„Es muss ganz furchtbar gewesen sein", sagte Elisabeth, die nicht sicher war, ob sie das alles überhaupt hören wollte. „Ich kann mir die Verzweiflung gut vorstellen."

„Oh ja, der alte Mr. Welch war verzweifelt, doch jedenfalls hat sich Miss Abigails Zukünftiger als Ehrenmann erwiesen. Er hat sie dennoch geheiratet, trotz des Skandals." Mrs. Whitemoore stand nun unmittelbar vor Elisabeth. „Und dann kam Miss Juliana zurück und ich schwöre, sie hatte sich total verändert. Nicht nur vom Wesen, auch vom Äußeren. Es schien, als wäre sie binnen weniger Tage um Jahre gealtert." Sie schüttelte den Kopf und seufzte wieder. „Doch dann kam Mr. Greys Vater und ich glaube fest, er hat sich auf den ersten Blick in sie verliebt.

Eigentlich war er nur hier, um über Geschäfte zu reden, doch er blieb immer länger und der alte Welch hat schon fast erleichtert zugestimmt, als Mr. Grey schließlich um die Hand seiner Tochter anhielt. Mr. Welch blieb doch auch gar keine Wahl. Er selbst wusste, dass ihm nicht mehr allzu viel Zeit auf dieser Welt blieb und er musste doch seine Tochter versorgen, auch wenn sie ihm böse wehgetan hat." Sie machte eine Pause. „Aber ich glaube nicht, dass Juliana je wieder glücklich geworden ist. Sie, ihr Mann und später auch ihr Sohn, waren immer in den Sommermonaten hier, aber … nun ja. Der kleine William hat uns damals schon arg Leid getan, doch zu helfen wussten wir auch nicht."

Noch immer wusste Elisabeth nicht, was sie sagen sollte. Sie hustete nervös und zuckte dann verlegen mit den Schultern. „Es tut mir sehr leid", sagte sie und fühlte sich unglaublich schuldig, denn auch sie war weggelaufen und war auf dem besten Weg, nicht nur ihre kleine Familie zu zerstören, sondern auch Williams zukünftiges Leben. „So etwas kann eine Familie für immer ruinieren."

„Es hat die Familie zerstört", nickte Mrs. Whitemoore, „und ich verfluche Arthur Montgomery noch heute dafür, was er getan hat. Das arme Mädchen… erst verführt er die arme Juliana und dann lässt er sie mittellos zurück, nur um ja selbst nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Das einzige Glück daran war, dass sie… sie nicht auch noch schwanger war, als sie zurückkehrte. Ein schrecklicher Mensch ist das. Jawohl! Und ich hoffe, seine Familie schmort in der Hölle."

Elisabeth vergaß augenblicklich jedes Schuldgefühl. Sie hörte nur den Namen Montgomery und wurde blass. William hatte gesagt, er wüsste nicht, wer seiner Mutter das angetan hatte und sie konnte nur hoffen, dass er es nie erfahren würde. Doch die Hoffnung war trügerisch. Als Mrs. Whitemoore sich verabschiedete ließ sie einen Blick auf die Tür zu. Und genau dort stand William und machte ein Gesicht, dass Elisabeth das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann drehte er sich auf dem Fuß um und stürmte davon.

Teil 10

Elisabeth konnte es kaum fassen und sie starrte William einen Moment fassungslos hinterher. Im Moment schien schiefzugehen, was schief gehen konnte. Mrs. Whitemoore hatte es gewiss nicht böse gemeint, als sie ihr die ganze leidige Geschichte über seine Mutter erzählt hatte. Bestimmt beschäftigte sie dieses Thema schon all die Jahre und sie hatte es loswerden wollen. Doch das ausgerechnet William es gehört hatte… war mehr als Pech.

Es dauerte noch einen Augenblick bis sie ihre eigene Verwirrung abgeschüttelt hatte, dann raffte sie das lange Kleid und rannte hinter William her. Unten an der Treppe hatte ihr Lauf allerdings ein jähes Ende. Mrs. Whitemoore stand händeringend dort und schaute nervös zu ihr auf.

„Der junge Herr wird bestimmt böse auf mich sein und mich für ein Waschweib halten, dass nichts Besseres zu tun hat, als uralte Skandale wieder aufzuwärmen", brach es aus ihr heraus und Elisabeth, die eigentlich sofort hinter William her wollte, musste sich beherrschen und die alte Frau beruhigen.

„Mein Mann spricht nicht gerne über dieses Thema", sagte sie vage und versuchte ein Lächeln. „Sie haben eben selbst gesagt, wie schwer diese Zeit für ihn war und wahrscheinlich würde er sie am liebsten ganz vergessen. Nehmen Sie es ihm nicht übel."

„Natürlich nicht", erwiderte Mrs. Whitemoore und wischte rasch eine Träne weg. Sie war vollkommen entsetzt über ihren Fauxpas und Elisabeth fühlte echtes Mitleid mit ihr. Die alte Frau hatte endlos lange Jahre für die Familie Welch gearbeitet und wahrscheinlich hatte dieser alte Skandal sie ebenso getroffen, wie die Familie selbst. „Ich werde mich noch heute persönlich bei Mr. Grey entschuldigen", sagte sie nun zu Elisabeth und holte tief Luft. „Ich hoffe nur, der junge Herr kann mir verzeihen. Fast vierzig Jahre bin ich nun hier und in Schimpf und Schande möchte ich nicht gehen."

„Mr. Grey ist nicht böse auf Sie", sagte Elisabeth beruhigend und legte der alten Frau tröstend die Hand auf den zitternden Arm. „Bestimmt nicht. Es ist nur… nach all den Jahren, in denen er vergessen wollte…" Sie räusperte sich. „Machen Sie Sich keine Gedanken. Sie werden gewiss nicht in Schimpf und Schande gehen müssen. Aber ich möchte jetzt hinausgehen und nach ihm schauen."

„Selbstverständlich", nickte Mrs. Whitemoore noch immer tief betrübt. Doch sie ging zur Seite und ließ Elisabeth durch, die auch rasch zur Haustür hinausschlüpfte.

Allerdings hatte Elisabeth bei ihrer Suche wenig Glück. Eigentlich hatte sie gedacht, William wieder an der Steilküste zu finden, doch dort war er nicht gewesen. Ebenso wenig in den Stallungen oder auch im Garten. Sein Pferd stand glücklicherweise noch immer in der Box und das bedeutete, dass er in der Nähe war. Doch ihre Sorge wuchs. Sie hatte seinen Gesichtsausdruck nicht vergessen und sie wusste genau, was in ihm vorging. Zumindest konnte sie es sich vorstellen.

„William, du machst mir angst", rief sie, als sie zum wiederholten Male durch den verwilderten Garten lief. Als Antwort kam eine leise gemurmelte Entschuldigung und es dauerte nicht lange, bis er sich mit versteinerter Miene aus dem Dickicht schob.

„Das wollte ich nicht", sagte er leise und blieb einige Meter vor ihr stehen.

„Warum versteckst du dich vor mir?", fragte Elisabeth und konnte ihren Unmut nicht verbergen. Hatte er denn noch nicht begriffen, dass sie immer zu ihm stehen würde? Egal was auch passierte?

„Ich habe mich nicht vor dir versteckt", sagte er leise und seufzte laut. „Doch, ich habe mich versteckt, aber nicht, weil ich dich nicht sehen wollte, sondern… weil ich nicht wollte, dass du mich so siehst."

„Wie soll ich dich nicht sehen?", fragte sie und ging langsam auf ihn zu. „Bestürzt? Verwirrt? Erbost?"

„Nein", sagte er und sah zu Boden, um den Hass in seinem Gesicht zu verbergen. „Rachsüchtig und mordlüstern."

Er wollte sich ganz abwenden, doch Elisabeth nahm seine Hand und hielt ihn auf. „William, bitte, lauf mir nicht wieder davon. Ich gehöre an deine Seite, auch jetzt in dieser für dich so schrecklichen Zeit." Sie nahm auch seine andere Hand und zwang ihn so, sie anzusehen. „Es ändert nichts, nun den Namen des Mannes zu kennen, der deine Mutter… in Schwierigkeiten brachte. Es ändert gar nichts."’

„Es ändert alles", knurrte William und machte sich von ihr los. „Dieser verfluchte Schweinehund!" Er lachte bitter auf. „In einem hat Mrs. Whitemoore Recht. Er und seine verdamme Familie sollen in der Hölle schmoren und…"

„Lass die alte Geschichte ruhen", sagte Elisabeth fest und bremste so seinen Ausbruch. „William, bitte… überleg doch in Ruhe. Es ändert nichts. Es wäre wirklich schlimm, wenn deine Mutter… schwanger zurückgekehrt wäre und …"

„Oh Gott, das mag ich mir gar nicht vorstellen", fuhr er hoch und ließ ihre Hände los. „Himmel! Das wäre schrecklich. Furchtbar… die bloße Vorstellung dreht mir den Magen um." Er fuhr sich durch die Haare und starrte Elisabeth fassungslos an.

„Ganz genau", stimmte Elisabeth ihm schnell zu. „Denn dann würde es dich nicht geben, oder aber du wärst ein vollkommen anderer Mann", sagte sie leise und näherte sich ihm vorsichtig. „William, verstehst du denn nicht… alles was passiert ist, musste genau so geschehen, denn sonst wäre heute nichts wie es sein sollte. Und glaub mir, ich bin dem Schicksal sehr dankbar dafür, dass es dich in mein Leben sandte."

Nickend setzte sich William auf eine Beeteinfassung und sah müde zu ihr hinauf. „Vielleicht hast du Recht und es ändert gar nichts an meiner Situation." Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass mich diese alte Sache so aus der Bahn werfen könnte. Ich hatte gedacht, dass alles längst vergessen zu haben, denn mich betrifft es doch weitaus weniger, als meine Mutter oder auch meinen Vater." Er runzelte die Stirn. „Ich frage mich, ob mein Vater es wusste? Ob sie es ihm je erzählt hat? Mein Großvater wird sich gewiss zurückgehalten haben, aber meine Mutter auch? Hat sie meinem Vater ins Gesicht gesagt, dass sie ihn verabscheut? Das er nicht gut genug für sie ist? Das sie ihn nie lieben wird?" William seufzte laut. „Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat. All die Jahre. Hat er geglaubt, sie irgendwann dazu zu bringen, ihn zu lieben?"

Elisabeth überlegte einen Moment. „Ich denke, er hat es gehofft", sagte sie leise und setzte sich zu William. Sie lehnte sich an ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Im Großen und Ganzen ist es eine schreckliche Tragödie, die nicht nur deine Eltern sondern auch die Familie Welch und auch dich betrifft. Keiner war nach dem Geschehen je wieder glücklich."

„Das stimmt nicht ganz", sagte William leise und nahm ihre Hand. „Ich bin glücklich. Nun ja, vielleicht nicht gerade im Moment, aber…" Er beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. „Ich bin glücklich, weil du bei mir bist."

Lächelnd lehnte sie sich gegen ihn und sah ein paar Möwen hinterher, die im Sturzflug die Steilküste hinabjagten. „William", sagte sie nach einer Weile. „Ich weiß, es kommt recht plötzlich, aber jetzt, nach all dem, was ich in den letzen Stunden erfahren habe… Ich vergleiche mich auf gewisse Weise mit deiner Mutter, verstehst du? Auch wenn ich das Glück habe, einen Mann an meiner Seite zu wissen, der nicht nur auf Spaß und… und… aus ist. Dennoch. Ich würde… ich möchte… dich gerne so schnell es nur eben geht… heiraten." Sie wurde rot und versteckte sich hinter seiner Schulter.

Es dauerte eine Weile, bis William das Gehörte verarbeitet hatte, dann sprang er auf. „Oh mein Gott, Elisabeth", sagte er erschrocken, doch dann lächelte er. „Bleib hier sitzen. Genau hier, hast du verstanden? Ich bin sofort wieder zurück."

Hastig rannte er über die zugewucherten Wege und Elisabeth blieb nur, ihm fragend hinterher zustarren. Doch noch ehe sie darüber nachdenken konnte, war er auch schon wieder da. Schlitternd kam er auf dem Kies zum Stehen und sank sofort auf die Knie. „Ich habe mir tausendfach überlegt, was genau ich sagen werde, wenn … wenn du endlich…. Nun ja", sagte er verlegen. „Die letzten Male, wann immer ich eine Heirat auch nur erwähnte, hast du immer nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Ich wurde langsam schon etwas unsicher und jetzt… finde ich die richtigen Worte nicht." Er streckte ihr ein kleines Kästchen entgegen, das er auch sogleich öffnete. „Ich habe ihn schon in Brighton gekauft", sagte er leise. „Lange, bevor wir…"

„Oh Gott, William. Er ist wunderschön", sage Elisabeth und nahm den schmalen Goldring heraus, in den ein blitzender Diamant eingefasst war, der nun im Sonnenlicht funkelte.

William legte das Kästchen rasch zur Seite und nahm ihr den Ring ab. „Willst du mich heiraten?", fragte er und fühlte sich wie ein verschüchterter Schuljunge. Elisabeth nickte nur stumm und ließ sich den Ring an den Finger stecken. „Endlich", entkam es ihm, dann riss er sie in seine Arme und küsste sie.

 

                                                                                             *~*~*

 

„Oh je… ich weiß nicht", sagte Elisabeth, die sich in Williams alten Sachen vor dem Spiegel drehte. Gerade im Augenblick war ihr eher nach einem eleganten Kleid als nach alten Männerhosen, die nach Mottenpulver rochen. „Denkst du wirklich, dass das nötig sein wird?", fragte sie zweifelnd und verzog das Gesicht.

„Es vereinfacht die Sache", sagte William und lächelte verwegen. „Außerdem stehen dir meine alten Sachen wirklich gut. Man könnte dich glatt für einen dreizehn- oder vierzehnjährigen Jüngling halten." Er fing das geworfene Hemd mit der rechten Hand ab und sprang auf. „Und ich kann mir nicht helfen, ich will dich immer noch küssen." Er zog Elisabeth an sich und drehte sie im Kreis. „Ich bin der glücklichste Mann der Welt", strahlte er und hielt sie fest an sich gepresst. „Und ich kann es kaum mehr abwarten, bis du endlich meine Frau bist."

„Dann lass mich los", forderte sie ihn auf. „Denn sonst dauert es nur noch länger. So muffig wie die Dinger sind, werde ich sie bestimmt nicht anziehen. Wir sollten sie noch heute waschen und zum Trocknen aufhängen, damit wir morgen von hier fort können."

„Ich würde dir ja zustimmen, hätte ich nicht gerade jetzt etwas ganz anderes im Sinn", erwiderte er und begann auch sofort, ihr Hemd aufzuknöpfen.

Elisabeth versuchte sich aus seinem Griff zu winden, doch es war mehr eine gespielte Gegenwehr, denn sie lachte leise. „William, also wirklich. Wenn das so weitergeht kommen wir niemals an."

„Da wir noch kein festes Ziel haben, ist es egal", sagte er und zog ihr das Hemd aus. „Ich könnte dich stundenlang betrachten", sagte er und seine Stimme wurde heiser. „Du bist so unglaublich schön, so perfekt und…"

„Hör lieber auf zu reden und küss mich", forderte Elisabeth ihn auf, denn sie fühlte sich unwohl, wenn er sie so anstarrte. Sie flüchtete in seine Arme und ließ sich nur zu gerne von ihm herumwirbeln. „Und trotzdem", sagte sie, zwischen all seinen Küssen, „sollten wir uns bald auf den Weg machen."

„Versprochen", sagte er und hob sie in seine starken Arme. „Morgen Nachmittag. Spätestens aber Übermorgen in aller Frühe." Dann war er im Schlafzimmer angekommen und verstummte schlagartig. Andere Dinge waren nun weitaus wichtiger. Dinge, von denen er kaum mehr genug bekommen konnte.

 

                                                                                              *~*~*

 

Es wurde bereits wieder dunkel, als Elisabeth und William das Gasthaus erreichten, dass das letzte sein würde, bevor sie nach Bury St. Edmonds gelangen würden. Doch im Gegensatz zu dem letzten, wirkte dies hier nicht so ruhig und friedlich wie das erste, das recht beschaulich gewesen war. Aus dem Inneren drang wildes Gegröle und es hörte sich an, als würde eine Horde betrunkener Männer darin herumrandalieren.

„Sollen wir lieber wieder gehen?", fragte William, der Elisabeth Unsicherheit bemerkte. „Wir können auch irgendwo einen ruhigen, abgeschiedenen Platz suchen und unter freiem Himmel schlafen."

Elisabeth überlegte noch, doch da wurde die Eingangstür aufgestoßen und zwei junge Männer torkelten heraus. Sie schienen eine Menge Spaß zu haben, doch als sie Elisabeth und William erblickten, änderte sich ihr Gebaren schlagartig.

„Schau an", sagte der eine und zeigte auf William. „Zu so später Stunde noch neue Gäste? Da stellt sich die Frage, ob sie zu uns aufschließen können, damit sie auch kräftig mitfeiern können. Doch dazu müssten sie eine Menge Bier und Wein trinken."

Der andere lachte und ging auf Elisabeth zu, die sogleich einen Schritt zurück machte. „Sieh mal, das kleine Bürschchen hat Angst vor uns." Er lachte wieder und drehte sich zu seinem Freund um, der William genauer in Augenschein nahm. „Ist wohl noch nicht lange von seiner Mami weg, der Arme."

„Lasst ihn in Ruhe", forderte William die beiden jungen Männer auf, doch da war es schon zu spät. Der Fremde, der vor Elisabeth stand, hatte ihr aus Spaß und purer Bosheit die schützende Mütze vom Kopf gerissen und Elisabeths blonden langen Haare fielen ihr sofort bis auf den Rücken.

„Da schau an", sagte er geschockt. „Ein Mädchen. Oder vielleicht eine junge Dame? Wer weiß?" Interessiert machte er einen weiteren Schritt auf Elisabeth zu und packte sie am Arm.

William brüllte: „Lass deine dreckigen Finger von ihr", fauchte er, schubste den jungen Mann vor sich aus dem Weg und eilte auf sie zu. Doch der Fremde, der unsanft auf dem staubigen Boden gelandet war, gab sich so leicht nicht geschlagen. Er rappelte sich hoch, zog schon im Aufstehen eine Pistole aus seiner Jacke, spannte den Hahn und schoss.

Elisabeth beobachtete die ganze Szene wie in Zeitlupe und noch bevor sie aufschreien konnte, brüllte eine andere fremde Männerstimme: „Nein!" Doch es war zu spät. William fasste sich ans Herz, sah das Blut auf seiner Hand und sackte leblos zu Boden.

Sofort wollte sie zu ihm stürmen, doch der betrunkene junge Mann hielt sie fest und sie kämpfte verbissen gegen ihn an. „Jetzt halt sie doch fest", zischte eine dunkle Männerstimme, doch Elisabeth wollte sich nicht festhalten lassen. Sie schlug wild um sich und kämpfte, bis ein dumpfer Schlag sie traf und alles um sie herum schwarz wurde.

„Was zum Teufel habt ihr Idioten angerichtet?", fauchte der Hüne, der als letztes aus dem Gasthof getreten war. „Verfluchter Mist, verdammter. Ihr habt William Grey erschossen, ihr Dreimalverfluchten Bastarde!"

„William Grey?", fragten die beiden Jungen Männer und waren auf Schlag stocknüchtern. „Was machen wir denn jetzt?" Alle drei beugten sich über Williams leblosen Körper und der Hüne verjagte die beiden Jünglinge.

„Verschwindet von hier", knurrte der Riese und lehnte sich über William. „Und nehmt das Mädchen mit", er funkelte die beiden an. „Wenn ihr Idioten ihr auch nur ein Haar krümmt, dann Gnade euch Gott! Bringt sie zu mir, sagt Edward was geschehen ist, aber das Mädchen bleibt in Joycelynns Obhut, bis ich zurück bin." Er stand auf und ging drohend auf sie zu. „Habt ihr mich verstanden?" Und als beide stumm nickten seufzte er laut und bedrohlich. „Und ich schwöre, ich reiße euch die Köpfe eigenhändig ab, wenn ihr meinen Auftrag nicht wortwörtlich ausführt!"

„Ja, natürlich", sagten die beiden wie aus einem Mund. Der eine packte Elisabeth, der andere band ihr Pferd los und zusammen hievten sie sie auf den Pferderücken. „Und was machst du?"

„Ich?", fragte der Hüne mit Blick auf Williams leblosen Körper. „Ich sorge dafür, dass ihr am Leben bleibt und nicht bald ein Mob wütender Menschen Jagd auf euch macht!"

Teil 11

Elisabeth hatte jegliches Zeitgefühl verloren und sie vermochte nicht zu sagen, seit wie vielen Tagen sie sich nun schon in der Gefangenschaft vollkommen unbekannter Menschen befand. Man hatte sie in eine alte Ruine gebracht, die direkt an der Steilküste stand und das Rauschen des Meeres war ihr ständiger Begleiter geworden. Eine Frau mittleren Alters kümmerte sich um sie, brachte ihr zu Essen und auch Bücher, doch Elisabeth lehnte beides ab. Sie versuchte auch nicht, sich zu befreien, denn ihr Leben war vorbei. Ohne William konnte sie getrost der Dinge harren, die gewiss irgendwann kommen würden.

Oft hatte sie vor dem Loch gestanden, dass einst ein Fenster gewesen war und dass nicht verschlossen war, wie die Tür, die sie in dem spärlich eingerichteten Raum festhielt. Weit unter ihr waren die spitzen, scharfkantigen Felsen zu sehen, an denen sich die Wellen brachen und die ein sofortiges Ende bedeutet hätten, hätte sie denn den Mut gehabt, sich einfach hinabzustürzen. Doch selbst dafür fehlte ihr die Kraft.

Die Trauer, William für immer verloren zu haben, war einfach übermächtig und sie konnte nichts anderes tun als zu weinen. Wieder und wieder stiegen Tränen in ihre Augen, die längst rot und geschwollen waren. Sie alleine trug die Schuld für dieses schreckliche Desaster und diese Schuld drückte sie nieder, ließ ihr kaum die Luft zu atmen und sie versank in einer ganz eigenen Welt aus wirren Gedanken und Erinnerungen.

Hin und wieder kam ein Mann und versuchte sie auszufragen, doch sie beachtete ihn nicht einmal sondern starrte einfach aus dem Fenster, das aufs offene Meer hinaus zeigte. Hätte sie doch nur anders reagiert in der Nacht des Sommerfestes. Vollkommen überstürzt und voller Panik hatte sie nicht ein noch aus gewusst und war sofort zu William gerannt und hatte ihm den aberwitzigen Plan von der Flucht untergejubelt.

Dabei hätte sie in aller Ruhe reagieren können, wie sie längst begriffen hatte und das machte alles nur noch schlimmer. Selbst wenn sie ihrem Vater die Heirat mit Bradford Montgomery nicht mehr hätte ausreden können, sie und William hätten jede Menge Zeit gehabt, in aller Ruhe Pläne zu schmieden und zu überlegen, was es zu tun gab. Dann hätte William nicht die ganze Last getragen, hätte nicht für ein dummes junges Mädchen sorgen müssen und gleichzeitig dafür, einen Ort zu finden, an dem sie sicher waren.

Elisabeth zog die Beine unter sich und starrte an die nackte Wand vor sich. Sie dachte an längst vergangene Zeiten, an Zeiten, die glücklich und so aussichtsreich gewesen war. Sie konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als William bei ihrem Vater vorstellig wurde und darum bat, bei ihm in die Lehre gehen zu dürfen. Jetzt wusste sie, dass er es nie nötig gehabt hatte, mehr noch, dass er zu der Zeit längst seine eigenen Geschäfte tätigte und ganz offensichtlich erfolgreich war. Doch vor zwei Jahren hatte sie davon nicht einmal etwas geahnt.

Heute wusste sie, dass sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte. In seine wundervoll blauen Augen, die stets tief in ihre Seele zu blicken schienen, in sein herzliches Wesen und in sein Lachen, dass immer ehrlich gewesen war. Sie dachte an all die heimlichen Treffen, an die Heimlichkeiten, die sie geteilt hatten und an das Gefühl, bei ihm sicher zu sein.

Trotz der Tatsache, dass auch er ein Kaufmann war, hatte er nichts mit ihrem Vater gemein und das hatte sie verwundert und auch überrascht. Ihr Vater war immer nur auf Profit aus, William waren die Menschen wichtiger und sie hatte nicht einmal gesehen oder gehört, dass er mit einem Angestellten weniger respektvoll gesprochen hatte, als mit einem der wichtigsten Geschäftspartner ihres Vaters. Wieder traten ihr die Tränen in die Augen und sie wischte sie nicht weg, sondern ließ sie einfach laufen.

 

Auch als es wieder einmal an der Tür klopfte, versuchte sie gar nicht erst ihre Gefühle zu verbergen. Sie achtete auch nicht auf den Mann, der schon so oft gekommen war, um herauszufinden, wer sie war. Doch plötzlich begriff sie, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab. Den Mut, sich einfach aus dem Fenster in die Tiefe zu stürzen, brachte sie nicht auf und auf ewig eingesperrt konnte sie auch nicht bleiben. Ihr Vater war ihr einziger Ausweg. Früher oder später würde er sie holen kommen und da war es auch egal, dass er sie mit diesem scheußlichen Bradford Montgomery verheiraten wollte. Alles war nun egal.

Und als der fremde Mann sich setzte und wieder einmal mit Engelszungen auf sie einsprach, wandte sie ihm den Kopf zu und nannte ihm ihren Namen. Sie sagte ihm, wer sie war und woher sie kam, dann verstummte sie und sie blendete ihn einfach wieder aus. Sie sah nicht einmal, wie er nickte und das Zimmer wieder verließ. Sie hörte auch nicht die Stimmen vor ihrem Verließ, achtete nicht auf das laute Gepolter und hörte auch nicht, dass Williams Name mehrfach fiel. Elisabeth zog sich in ihre eigene Welt zurück. Eine Welt, die nur mehr aus Trauer und Erinnerungen bestand.

 

                                                                                           *~*~*

 

Über eine Woche verging, da klopfte es wieder einmal an ihrer Tür und Elisabeth sah kurz auf, als sich ein hünenhafter Mann durch die enge Einfassung zwängte und sie einen Moment anstarrte. Sie hatte ihn hin und wieder gesehen, wenn die Frau ihr Essen brachte, doch interessierte er sie ebenso wenig, wie alles andere, was um sie herum geschah. Doch vielleicht hatte er Nachricht von ihrem Vater und das Martyrium hatte ein Ende. Oder eben einen Anfang. Es kam darauf an, von welcher Seite man es betrachtete.

„Ich habe hier etwas für Sie", sagte er und überreichte ihr einen Brief.

„Von meinem Vater, nehme ich einmal an", sagte Elisabeth und nahm beinahe widerwillig das Schreiben entgegen.

„Nein", sagte der große Mann mit den schwarzen lockigen Haaren, die an den Seiten langsam grau wurden. Seine Miene blieb ausdruckslos und Elisabeth erwartete, dass er den Raum schnell wieder verlassen würde, doch er blieb stehen und wartete offenbar darauf, dass sie den Brief öffnete.

Seufzend schüttelte sie den Kopf, löste die Schnüre und glättete das Papier. Sie warf einen letzten Blick auf den Hünen und begann zu lesen. Schon nach den ersten Worten stockte ihr der Atem und sie sprang auf. „Soll das ein Scherz sein", schimpfte sie mit Tränen in den Augen und sie stürmte auf ihn zu und schlug auf ihn ein.

„Kleine Lady", sagte der Mann und hielt sie spielend leicht zurück. „Sie sollten das wirklich lesen. Es wird alles erklären."

Und Elisabeth las. Sie wandte sich von ihm ab, stürmte auf die Bettstatt zu, die man ihr mangels Möbel errichtet hatte und ließ sich darauf fallen.

Elisabeth, Liebes, stand dort geschrieben und sie schluchzte und konnte unter all den Tränen kaum mehr was erkennen. Es war Williams Schrift, doch das konnte nicht sein. Sie sah zu dem Mann auf, der noch immer in der Tür stand und ihr aufmunternd zunickte. „Ist er…. Nein, das kann nicht sein. Oder etwa doch? Lebt er noch?", fragte sie und hörte, wie ihre Stimme brach.

„Allerdings", nickte der große Mann. „Ich habe gut für ihn gesorgt. Es war ein glatter Durchschuss und er hat viel Blut verloren. William ist noch schwach, aber auf dem Weg der Besserung. Er wird kommen, früher oder später. Aber er wird Sie holen kommen."

„Und woher soll ich wissen, dass das kein übler Scherz ist?", fragte sie hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und bodenloser Verzweiflung.

„Mrs. Grey", betonte der Hüne die beiden Worte, verbeugte sich kurz vor ihr und lächelte undurchsichtig, „mit so etwas würde ich niemals Scherze treiben."

„Sie wissen…", entfuhr es ihr und sie sprang wieder auf. „Sie wissen…"

„… das Sie verheiratet sind?", fragte der dunkelhaarige Mann und lachte. „Ja, allerdings. Sie haben an dem Tag geheiratet, als William… nun ja, ähm… verletzt wurde." Er stockte und zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Jedenfalls waren Sie mit ihm zusammen auf seinem Besitz in der Nähe von Scofield und in eben diesem kleinen beschaulichen Ort haben Sie Sich trauen lassen." Er deutete vage auf den Ring an ihrem Finger. „William hat mir davon erzählt."

Elisabeth konnte kaum fassen, was sie hörte und schüttelte noch immer ungläubig den Kopf. Und doch wusste dieser Mann Dinge, die er nur von William hatte erfahren können und sie sprang wieder auf. „Es geht ihm gut? Ganz bestimmt?"

„Ich habe ihn zu Freunden gebracht, die sich ausgezeichnet um ihn kümmern", sagte der Mann. „Aber Sie sollten einfach den Brief lesen. Darin wird wohl alles geklärt", nickte er und ging. Und zu Elisabeth großer Überraschung ließ er die Tür einfach offen stehen.

Einen langen Moment starrte sie ihm erschüttert hinterher, dann stürzte sie ans Fenster und las die Zeilen, die William ihr geschrieben hatte.

Elisabeth, Liebes,

mach dir bitte keine Sorgen, mir geht es bestens und es wird gut für mich gesorgt. John und Joycelynn werden sich ebenso gut um dich kümmern, solange ich es nicht kann. Aber es wird gewiss nicht mehr lange dauern, bis der Doktor mich von meinem Krankenlager entlässt.

Liebes, du kannst den beiden vertrauen, auch wenn sie dir völlig fremd sind. Ich kenne beide seit langen Jahren und John Silver ist einer der besten Freunde, die ich habe und ich vertraue ihm jederzeit mein Leben an.

Es tut mir so Leid, mein Liebling, dass ich nicht eher in der Lage war, mich bei dir zu melden, doch ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mich ein Fieber niedergeworfen hat.

John hat, und ich denke, er hatte Recht damit, gemeint, du würdest ihm nicht glauben, wenn er dir erzählt, dass ich am Leben bin und hat deswegen so lange gewartet, bis er dir Beweise liefern konnte.

Und wie ich dich kenne, hast du diese Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptung auch gefordert. Ich habe ihm alles erzählt. Er kennt unsere ganze Geschichte und wird uns helfen. Also hab Vertrauen… Ich habe dir einst versprochen, immer für dich zu sorgen und das wird sich auch nicht ändern.

In Liebe, William.

Wieder weinte Elisabeth, doch diesmal waren es Tränen der Freude, Tränen, die ihr gebrochenes Herz heilten und sie glücklich einschlafen ließen.

 

                                                                                             *~*~*

 

Es dauerte noch einen ganzen Tag, bis sie sich vorsichtig aus ihrem Gefängnis heraustraute. Sie warf einen fragenden Blick in den dunklen Raum, der kein Fenster hatte und offenbar als Küche und Wohnraum genutzt wurde und erblickte die Frau, die für sie gesorgt hatte und laut William Joycelynn hieß. Sie verzog das Gesicht, als sie sie bemerkte und hob kurz die Schultern.

„Komm ruhig heraus", sagte Joycelynn und lächelte. „Wir werden dich nicht beißen."

„Wir?", fragte Elisabeth und runzelte die Stirn.

„John holt gerade Wasser. Er ist sofort wieder da." Sie zeigte auf eine aus Steinen gebaut Bank. „Setz dich doch", meinte sie und stand auf. „Du musst am Verhungern sein. Du hast seit Wochen kaum mehr gegessen als ein Spatz."

Doch Elisabeth verspürte keinen Hunger und schüttelte rasch den Kopf. „Danke, aber ich brauche wirklich nichts."

„Sicher?", fragte Joycelynn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Nun, ganz wie du meinst", sagte sie und wandte sich wieder dem Haufen Gemüse zu, das auf einem alten, kaputten Tisch lag, dessen rechtes hinteres Bein durch einen Ast ersetzt worden war.

„Kann ich vielleicht helfen?", fragte Elisabeth leise, denn sie wusste beim besten Willen nicht, was sie tun sollte. Sie hatte zwar noch nie zuvor in ihrem Leben Gemüse geputzt und hoffte, sie würde sich nicht allzu unbeholfen dabei anstellen, doch einmal war bekanntlich immer das erste Mal. Außerdem hatte sie nicht vor, sich wie eine verwöhnte Göre aufzuführen.

„Wenn du magst…", sagte Joycelynn, „dann gerne." Sie lächelte. „Manchmal bin ich es wirklich satt, für die ganze Mannschaft zu kochen", sagte sie und zwinkerte Elisabeth zu. „Aber du musst das nicht. William würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich dich einfach einspanne."

„Ich denke eher, William würde es mir übel nehmen, wenn ich mich wie ein verhätscheltes Kind benehme", erwiderte Elisabeth und musste lachen. „Aber ich muss gestehen, dass ich genau das bin und wohl eine Menge Anleitung brauchen werde." Sie sah Joycelynn an und fühlte sich auf einmal sehr verlegen. „Es tut mir leid, dass ich mich so… furchtbar aufgeführt habe."

„Du hast getrauert", erwiderte sie und schüttelte den Kopf. „Ich hätte dir gerne gesagt, dass William am Leben ist, aber John auf darauf bestanden, es nicht zu tun. Und vielleicht war es auch besser so. Du hättest uns bestimmt kein Wort geglaubt. Wie auch… du kennst uns ja nicht." Sie machte eine Pause und schüttelte leicht den Kopf. „Selbst Edward weiß erst seit ein paar Tagen, dass William wohlauf ist. Genauer gesagt, seit dem Tag, als du ihm schließlich doch deinen Namen verraten hast. Er wollte gleich losstürmen und deinem Vater eine Lösegeldforderung überbringen, aber John hat ihn zurückgehalten."

Elisabeth sagte nichts dazu, nickte nur kurz. „Edward ist der Mann, der immer wieder bei mir war und mich ausfragen wollte, richtig? Ich muss zugeben, ich habe ihn kaum beachtet und ich glaube, ich würde ihn nicht einmal erkennen, wenn er nun vor mir stehen würde."

„Du wirst ihn noch kennenlernen", seufzte Joycelynn und drückte ihr ein Messer in die Hand. „Früher, als William und all die anderen noch da waren, da war auch Edward ein anderer Mensch. Aber er hat sich sehr verändert." Sie zuckte mit den Schultern. „Die Zeit spielt nicht allen Leuten gleich gut mit" sagte sie und griff nach einem Kohlrabi. „Und das Leben ist nicht leichter geworden, auch wenn wir es damals gehofft hatten."

„Lebt ihr deswegen… hier?", fragte Elisabeth und hoffte, nicht zu abfällig zu klingen. „Ich meine es nicht böse", sagte sie verlegen, denn Joycelynn warf ihr einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte. „Es ist nur… im Sommer ist es bestimmt gar nicht so schlecht hier, aber im Winter muss es schrecklich sein."

„Uns bleibt leider keine Wahl", erwiderte Elisabeths neue Bekannte. „Mein John ist ein wirklich guter Mann und ein ebensolcher Schmied, doch eine Anstellung zu bekommen, ist fast so schwer, wie in den Adel aufzusteigen." Sie lachte abgehackt. „Viele wollen ihn einstellen, doch der Lohn würde nicht einmal reichen, um eine wackelige Hütte zu beziehen. Da bleiben wir lieber hier. Das Meer liegt vor unseren Füßen und zumindest Fisch gibt es genug zu essen."

Beschämt sah Elisabeth zur Seite. Vor solchen Problemen hatte sie niemals gestanden und sie schämte sich noch mehr, ihr und auch ihrem Mann so viele Probleme bereitet zu haben. „Es tut mir leid", murmelte sie und beeilte sich dann, Joycelynn mit dem Gemüse zu helfen.

„Es muss dir nicht leid tun", erwiderte Joycelynn und lächelte. „Aber ich fange an, William zu verstehen." Dann lachte sie laut und schallend. „Eigentlich müsste ich mich bei dir entschuldigen. Erst habe ich gedacht, er wäre völlig verrückt geworden, sich ausgerechnet in eine junge Frau aus reichem Haus zu verlieben, die gewiss noch nie einen Handschlag selbst erledigt hat. Aber offenbar habe ich mich geirrt."

„Nein, hast du nicht", gab Elisabeth leise zu. „Aber ich bin durchaus lernwillig."

„Das sehe ich", nickte Joycelynn und nahm den Kohlrabi auf, den Elisabeth geschält hatte. „Und morgen zeige ich dir dann, dass es auch in rund geht", sagte sie und stellte den Würfel schallend lachend zurück auf den Tisch.

Teil 12

Die Tage vergingen wie im Flug, nur die Nächte waren endlos lang und Elisabeth vermisste William schrecklich. Wie er in seiner Mitteilung versprochen hatte, kümmerten sich John und Joycelynn gut um sie und sie half, wo sie nur konnte, doch das lenkte sie längst nicht so gut ab, wie sie gehofft hatte. Vor allem, da es nicht wirklich viel zu tun gab in einer Behausung, die kaum mehr als unzählige blanke Wände zu bieten hatte.

In Joycelynns Begleitung war sie mittlerweile schon oft durch die Ruine und die nähere Umgebung gestreift und hatte feststellen müssen, dass weitaus mehr Menschen Schutz in dem alten Gemäuer gesucht hatten, als sie vermutet hatte. Joycelynn sagte natürlich nichts dazu, denn sie war den Anblick der Menschen gewohnt, Elisabeth hingegen war immer wieder geschockt, wenn sie Mütter mit einer Schar Kinder erblickte, die kaum genug Nahrungsmittel hatten, um alle die hungrigen Mäuler zu stopfen.

Mit John war sie sogar einmal unten an die Küste gegangen, um zu Angeln, aber sie hatte schnell bemerkt, dass sie nicht die Ausdauer und Muße hatte, wieder und wieder die Rute auszuwerfen, nur um am Ende nichts am Haken zu haben. John hatte gelacht und sie zurück in die Ruine gebracht. Alleine sollte sie nicht durch das verfallene große Gebäude streifen, dass einst ein Kloster gewesen war. Weder Joycelynn noch John sagten ihr genau, warum, doch Elisabeth hatte da so eine Ahnung. Sie wollten sie von diesem Edward fernhalten.

Und wie Recht sie damit hatte, bemerkte sie einige Abende später, als John wutentbrannt in den Wohnbereich der Behausung zurückkehrte und seine Tasche erbost an die Wand schmetterte. „Er hat es wirklich getan, der verdammte Dreckskerl", hatte er geschimpft und Elisabeth hatte sich sicherheitshalber etwas zurückgezogen. „Und dabei hat er mir auf die Hand versprochen… auf die Hand versprochen, es nicht zu tun. Ich könnte ihn erwürgen. Nein! Ich sollte ihn erwürgen! Jetzt gleich und auf der Stelle!"

„Was hat er gemacht?", fragte Joycelynn, für die offenbar außer Frage stand, über wenn ihr Mann gerade sprach. „Er wird doch nicht… er hat doch nicht…"

„Doch, er hat! Und wenn William das erfährt…"

„Entschuldigung", hatte sich Elisabeth leise zu Wort gemeldet. Wenn schon Williams Name fiel, dann wollte sie zumindest wissen, warum. „Es wäre sehr nett, wenn mich jemand aufklären würde."

„Ganz offensichtlich hat Edward nicht länger warten können und hat deinem Vater eine Lösegeldforderung schicken lassen", sagte eine Stimme aus dem Hintergrund und Elisabeth blieb einen Moment die Luft weg.

„William", rief sie in dem Moment, als er sich ins Licht bewegte. Sie stürmte auf ihn zu und sprang ihm förmlich in die Arme. William brummte leise, hielt sie aber fest an sich gedrückt und küsste sie stürmisch.

„Wie ich das vermisst habe", sagte er und ließ Elisabeth los. „Entschuldige, es tut noch ein bisschen weh", sagte er und noch bevor sie etwas erwidern konnte, ging er auf John zu und umarmte ihn herzlich. Die gleiche Begrüßung bekam auch Joycelynn, dann eilte er wieder zurück zu seiner Frau und nahm ihre Hand. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht und es tut mir schrecklich leid, dir einen solchen Schrecken versetzt zu haben."

Doch Elisabeth hatte die schrecklichen Tage längst aus ihrem Gedächtnis verbannt. Sie strahlte ihn an und war einfach nur glücklich, dass er endlich wieder bei ihr war. „Ich liebe dich", sagte sie und es war ihr egal, dass sie Zuhörer hatten.

William zog sie wieder an sich und einen Moment hielt er sie einfach nur fest. „Entschuldige, aber es ist wichtig", murmelte er dann und ließ sie wieder los. „Ich habe doch Recht, oder etwa nicht?"

„Wobei?", fragte John mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. „Oh, Edward… ja. Er hat heute Morgen zwei Männer mit einer Nachricht losgeschickt. Ich bin stinksauer und das hat er auch schon gemerkt. Und wenn es dir recht ist, dann gehe ich mal eben bei ihm vorbei und sorge dafür, dass er es auch sein Lebtag nie wieder vergisst."

Lachend setzte sich William auf die Steinbank und zog Elisabeth auf seinen Schoß. „Nein, John. Belassen wir es dabei. Edward hat sich sehr verändert. Er ist nicht mehr der Mann, der einst mit mir hierher gekommen ist. Vielleicht sieht er es als einzige Chance für sich…"

„Wie lange haben wir Zeit?", unterbrach Joycelynn und runzelte die Stirn. „Wie viele Tage haben wir, bis Elisabeth Vater hier sein wird."

„Mindestens zwei, wenn nicht gar drei Wochen", sagte William. „Die Männer brauchen fast eine Woche, um Brighton zu erreichen und dann muss Henk Summers natürlich auch noch Zuhause sein und nicht gerade auf der Suche nach uns. Ein paar weitere Tage, die er brauchen wird, um eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen und dann natürlich die Reise hierher. Eher drei als zwei Wochen."

„Das reicht", sagte John. „Euer Vorsprung wird groß genug sein. Und zur Not sammeln wir ein paar Leute aus unserer alten Truppe zusammen und wir halten ihn auf." Kampfeslustig reckte er die Faust. „Wir sind schon mit Schlimmeren fertig geworden!"

„Nein", sagte William, warf einen Blick auf Elisabeth, die sich still an seine Schulter gekuschelt hatte. „Wir werden nicht gehen. Wir werden hier auf ihn warten."

Sowohl John als auch Joycelynn und Elisabeth meldeten sich zu Wort, doch William schüttelte den Kopf. „Es muss ein Ende haben. Ich kann und werde nicht zulassen, dass Elisabeth den Rest ihres Lebens auf der Flucht sein muss. Ich hatte genügend Zeit um darüber nachzudenken. Der Doktor hatte mir strikte Bettruhe verordnet und da bleibt einem nicht viel, als den Kopf anzustrengen." Er lachte leise und zog seine Frau wieder an sich. „Ich denke, ich habe einen ganz guten Plan und ich habe auch schon einiges in die Wege geleitet." Er küsste Elisabeth, die ihn fassungslos ansah, auf die Nasenspitze und zwinkerte ihr zu. „Wir müssen uns ihm stellen. Das ist mir nun vollkommen klar. Alles andere wäre verantwortungslos von mir. Und ich bin nicht der Mensch, der leichtsinnig mit dem Wohl anderer Menschen umgeht."

Er wandte sich John zu. „Was mich dazu bringt… Was zur Hölle macht ihr noch hier? Ihr wolltet doch zurück nach… entschuldige, ich hab den Namen des Dorfs vergessen. War es nicht Ibstock?" Er winkte ab. „Unwichtig!", murmelte er und schüttelte den Kopf. „Aber ihr beide habt mir damals versichert, dass Joycelynns Mutter ein kleines Haus hat, in das ihr jederzeit zurückkehren könntet." Er wandte sich direkt an Joycelynn. „Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du das so oder so. Du sagtest, deine Mutter werde langsam älter und könne Unterstützung gut gebrauchen."

„Das war auch so", sagte John und nahm die Hand seiner Frau. „Nun ja, es wäre so gewesen. Hätte nicht Joycelynns Bruder nicht sein gesamtes Geld beim Spielen verloren und beschlossen, sich bei seiner Mutter einzunisten. Mittlerweile ist auch das Haus verloren, auch wenn Joycelynns Mutter das Gott sei Dank nicht mehr erlebt hat. Sie ist im letzten Winter friedlich eingeschlafen."

„Und warum habt ihr euch nicht bei mir gemeldet?", schimpfte William und es war seltsam mit anzusehen, dass sich ein großer stolzer Mann wie John Silver klein machte und den Kopf einzog. „Ihr habt mir damals geschworen, dass ihr mich benachrichtig, solltet ihr je in Schwierigkeiten geraten." William sah sich um und schüttelte traurig den Kopf. „Und ehrlich, dass hier kann man nur als Schwierigkeiten betrachten."

„Ach, weißt du", begann John und sah hilfesuchend zu seiner Frau, die auch sogleich in die Bresche sprang.

„William, du warst weit weg. Sehr weit sogar und wir haben ja auch nicht gleich gewusst, dass wir nicht mehr … nicht mehr zurück können und…. Außerdem ist jeder von uns in sein eigenes Leben zurückgekehrt. Naja, mehr oder weniger jedenfalls. Wir haben es ja auch erst versucht, aber weil Edward auch hier blieb…" Sie seufzte leise. „Außerdem wollten wir dich nicht belasten. Jacob erzählte uns, dass du nach dem Tot deines Vaters nach Brighton gegangen warst und …", sie zuckte mit den Schultern und verstummte.

Den Kopf schüttelnd seufzte William. „Dennoch", sagte er. „Ihr hättet jederzeit zu mir kommen können. Ich hatte es versprochen, erinnert ihr euch? Außerdem wäre es gerade über Jacob so leicht gewesen, denn wir standen durchgehend in Kontakt. Immerhin leitet er in meiner Abwesenheit meine Geschäfte."

„Wollen wir nicht lieber über etwas anderes sprechen?", fragte John und zeigte auf das Feuer, über dem in einem Kessel ein köstlich duftender Eintopf blubberte. „Über das fantastische Essen, oder auch darüber, wie froh wir alle sind, dich wohlauf zu sehen."

„Netter Versucht", lachte William und sah kurz zu Elisabeth, die seltsam still neben ihm saß. „Aber glaub mir, John. Mit dem Thema sind wir noch nicht durch." Dann stand er auf und seine Miene verfinsterte sich. „Und jetzt entschuldigt mich einen Moment. Ich habe ein ernstes Wörtchen mit Edward zu reden."

Elisabeth sprang auf, doch sie brauchte gar nicht erst zu fragen, ob sie ihn begleiten durfte. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte und darum nickte sie nur und zog sich zurück. John allerdings ließ sich nicht aufhalten. „Ich kommen mit", sagte er und gab seiner Frau einen raschen Kuss auf die Wange. „Bin doch mal gespannt, wie mutig er noch ist, wenn er dir Aug in Aug gegenübersteht."

Elisabeth sah den beiden davon eilenden Männern hinterher und wandte sich dann zu Joycelynn um, die ihr besorgtes Gesicht nicht versteckte. „Warum habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass William weitaus mehr in die Sache mit dem einstigen Earl of Essex verstrickt war, als er es mir gesagt hat?"

„William war der Kopf des Ganzen", bestätigte Joycelynn auch sofort. „Und das kannst du durchaus wörtlich nehmen. Er war der Klügste, hatte trotz der Unmenge an Menschen, die sich daran beteiligten, immer einen Überblick und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er der Chef war." Sie rührte mit einem Kochlöffel in ihrem Eintopf. „Und dabei hat er es nicht einmal sein wollen. Er hat auch nie alleine oder über die Köpfe anderer hinweg entschieden. Ganz im Gegenteil. Er hat stets nach ihrer Meinung gefragt und oft ihren Rat eingeholt. Und dabei machte er keine Standesunterschiede. Die Meinung von John war ihm ebenso wichtig, wie die einer seiner reichen Freunde aus der Stadt."

Joycelynn ließ sich müde am Tisch nieder. „Es war ein unglaublich ausgeklügeltes Unternehmen. Jeder wusste nur, was er wissen musste, verstehst du? Das hat uns alle geschützt. Sollte jemand erwischt werden, so konnte er weder zu viel verraten, noch hatte er Probleme damit, rasch eine Lüge zu erfinden. John zum Beispiel war damals Hufschmied in Hendersons Diensten. Er sorgte dafür, dass die Pferde der Boten hin und wieder ein Hufeisen verloren und …" Sie sah Elisabeth an. „Verstehst du, damit wurden sie aufgehalten und wurden an entsprechender Stelle in Empfang genommen. Doch das alles wussten wir damals nicht im Detail. John löste einfach ein Hufeisen und wäre ihm jemand auf die Schliche gekommen, hätte er sich rasch mit persönlichen Gründen herausreden können. Frei nach dem Motto: Der Mistkerl hat mich beim Kartenspielen über den Tisch gezogen… oder so etwas eben."

„Verstehe", nickte Elisabeth die jetzt auch begriff was William damals meinte, als er sagte, sie haben ein Netzwerk über das Land gespannt. „Ich nehme an, zu früheren Zeiten waren sehr viel mehr Menschen hier", sagte sie und zeigte in den Innenhof des ehemaligen Klosters.

„Einige", nickte Joycelynn. „Aber zu der Zeit waren wir noch gar nicht hier. Wir kamen erst, als es fast zu Ende war und Hendersons Besitzt an die Krone fiel." Sie zuckte mit den Schultern. „William war hier und hat uns seine Hilfe angeboten. Ganz im Gegensatz zu Edward, der auch aus gutbürgerlichem Haus kommt, war er nie auf Abenteuer oder Aufregung aus. William wollte immer nur helfen, aber John ist… auf seine bescheidene Art sehr stolz und wollte nicht…. Nun ja, und ich kann ihn verstehen."

Elisabeth verzog das Gesicht und setzte sich zu ihr an den Tisch. „Sollte ich dir… und ja, das meine ich vollkommen ernst, irgendwie helfen können. Egal wobei, dann lass es mich wissen." Sie sah ihr tief in die braunen Augen. „Versprichst du es mir?"

Es dauerte einen Moment, dann lächelte Joycelynn. „Ich verspreche es. Aber ich glaube kaum…"

„Wer weiß", sagte Elisabeth leise, „wer weiß."

 

                                                                                             *~*~*

 

„… wenn sie mal nicht gebrochen ist", feixte John und klopfte William herzhaft auf die gesunde Schulter.

Es war längst dunkel geworden und nur das Feuer unter dem Kessel spendete noch ein wenig Licht. Elisabeth und Joycelynn sprangen auf, als ihre Männer endlich wieder zurückkehrten und nahmen sie nicht gerade in bester Stimmung in Empfang.

„Was ist gebrochen?", fragte Joycelynn auch gleich misstrauisch.

Lachend setzte John sich an den Tisch. „Williams Hand. Aber der Knochen ist noch ganz. Es war nur ein Spaß", grinste er schief. „Er hat Guy Gibbons einen Schlag ins Gesicht verpasst… aber was für einen. Der war nicht von schlechten Eltern und Guy ist mindestens drei Meter rückwärts geflogen."

„Du hast dich geschlagen?", fragte Elisabeth fassungslos und untersuchte auch sofort Williams Hand, die an den Fingerknöcheln Schrammen und blutige Risse hatte. „Warum denn nur?"

Und noch bevor William etwas erwidern konnte, lachte John wieder. „Guy Gibbons war der Mann, der William angeschossen hat und ich denke, unser guter William hat sich auf die einzige Art bedankt, die denkbar war." Er lächelte seiner Frau zu, die den Kopf schüttelte. „Was denn? Jetzt weiß er jedenfalls, mit wem er sich da angelegt hat und gewiss verflucht er sich gerade dafür, nicht besser gezielt zu haben."

„Darüber macht man keine Scherze, John", schimpfte Joycelynn. „William hat schreckliches Glück gehabt. Das wissen wir alle." Sie stellte knallend vier Holzschüsseln auf den Tisch und funkelte ihren Mann wütend an. „Darüber solltest du nicht lachen, du solltest dich eher dafür schämen, dass wir so heißspornige, dumme junge Männer aufgenommen haben."

William nahm tröstend ihre Hand, lächelte aber selbst ununterbrochen. „Es war schon lustig", sagte er leise, dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten und lachte los. „Du hättest ihn sehen sollen… wie er mit den Armen ruderte, erst über einen Hocker stolperte und dann rückwärts gegen die Wand taumelte. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es ein verdammt gutes Gefühl war. Auch wenn mich meine Hand nun fast umbringt." Er sah Elisabeth an, die ihn nur fassungslos betrachtete und sein schlechtes Gewissen schlug zu. Sie hatte kaum ein Wort gesagt, seitdem er hier war und er machte sich große Sorgen, dass sie ihn nun, da sie auch diese Seite von ihm kannte, nicht wieder erkannte oder schlimmer noch, Angst vor ihm hatte.

„Ähm…", murmelte er und ging vorsichtig auf sie zu. „Aber jetzt sollte ich mich wohl ganz dringend um Elisabeth kümmern", sagte er und sah sie aufmerksam an. „Sie hat bestimmt eine Menge Fragen…"

„Wage es nicht, jetzt wegzugehen", drohte Joycelynn und zeigte mit dem Kochlöffel auf ihn. „Wir haben alle Hunger und ich habe keine Lust, noch länger zu warten, nur damit ihr verrückten Männer eure seltsamen Machtspielchen durchziehen könnt. Hinsetzten und essen. Danach kannst du Elisabeth von mir aus mitnehmen, aber jetzt noch nicht. Verstanden?"

William nickte ergeben und sah mit Bestürzen, dass Elisabeth sich mit eisigem Blick zwischen John und Joycelynn setzte. Er schluckte schwer, setzte sich ihr gegenüber und ihm war schlagartig jeglicher Appetit vergangen. Wann immer er sie ansah, sah sie zur Seite. Sie sprach auch kein einziges Wort mit ihm. Überhaupt war sie sehr still, aber wann immer sie etwas sagte, sprach sie direkt John oder Joycelynn an und er begriff, dass er einiges zu erklären hatte. Wenn sie denn bereit war, ihm überhaupt noch zuzuhören.

Teil 13

Das Abendessen hatten sie beendet und Elisabeth hatte Joycelynn rasch geholfen, die wenigen Holzschüsseln zu spülen, dann war sie in den Raum verschwunden, der nun seit annähernd drei Wochen ihr Zuhause war. Sie hatte William keines Blickes gewürdigt und John klopfte wieder einmal herzhaft seine gesunde Schulter.

„Da steckt eine Menge Temperament drin", sagte er und zeigte auf die geschlossene Tür. „Aber sie ist ein wirklich feiner Mensch. Joycelynn und ich hatten erst Sorge, dass sie sich wie eine Zicke aufführen würde, doch nachdem… sie nicht mehr trauerte und wusste, dass du am Leben bist… Ich glaube, du hast da wirklich etwas ganz Besonderes gefunden."

„Ich weiß", sagte William leise und traute sich nicht, ihr zu folgen. „Die Frage ist nur, ob sie überhaupt noch bei mir sein will." Seufzend machte er eine ausholende Armbewegung. „Nach all dem… was sie gesehen und erlebt hat, wäre es ein Wunder, wenn sie mich nicht zum Teufel jagt. Sie hat all dies hier nicht von mir gewusst, hielt mich für einen braven Kaufmann und…"

„Du wirst es nur erfahren, wenn du zu ihr gehst", sagte John und nickte ihm aufmunternd zu. „Oder willst du den gleichen Fehler machen wie Edward, dessen Stolz einfach zu groß war?"

William schüttelte den Kopf. Dann gab er sich einen Ruck und ging zur Tür. Er klopfte leise an, doch er bekam keine Aufforderung einzutreten. Er drehte sich um und sah zu John, der ihm mit den Händen gebot, einfach hineinzugehen. „Also gut", murmelte er und drückte die uralte Klinke herunter.

Elisabeth stand am Fenster und sah nicht einmal auf, als er eintrat. Rasch verschloss er die Tür und blieb dann unentschlossen stehen. Selbst im schwachen Licht der Kerze konnte er erkennen, wie angespannt sie dastand und er getraute es sich nicht, sich ihr zu nähern. „Elisabeth?", fragte er nach einer Weile. „Wärst du bereit mich anzuhören, oder soll ich lieber wieder gehen?"

Doch noch immer zeigte seine junge, so wunderschöne Frau keine Regung. William wartete noch eine Weile, dann seufzte er leise und war gerade im Begriff, den Raum wieder zu verlassen, als sie herumwirbelte und ihn bitterböse anfunkelte. „Du bist… ein solcher Blödmann", schimpfte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Blödmann?’, dachte William. Da hatte er schon weitaus schlimmere Schimpfwörter gehört. „Elisabeth, es tut mir leid. Ich weiß, ich hätte den Mann nicht schlagen dürfen. Aber wir sind hier nicht in Brighton, wo ich…"

„Wen interessiert denn, ob du diesen Mann schlägst?", fuhr sie hoch. „Er hat es mehr als nur verdient und ich würde selbst… wenn ich denn könnte…" Sie schüttelte grimmig den Kopf und drehte sich wieder um. Eine unglaubliche Wut kochte in ihren Adern und sie konnte William kaum anschauen.

„Ich weiß, es war eine schwere Zeit und die Umgebung ist nicht unbedingt das Richtige für dich", versuchte William es wieder und ging sicherheitshalber einen Schritt zurück, als sie auf ihn zustürmte.

„Es ist nicht die Umgebung du… du Blödmann!", fauchte sie grimmig. „Ich habe dir schon so oft gesagt, dass es mir nicht wichtig ist, wie und wo ich lebe. Auch wenn ich gestehen muss, dass mich ein Winter hier an das Ende meiner Kräfte bringen würde. Aber ich würde überall…"

„Was ist es dann?", fragte er leise und sah sie an.

„Du bist es!", zischte sie und William sackte in sich zusammen und verlor jede Hoffnung. Er hatte es gewusst. Sie hatte die Nase voll von ihm und er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Er hatte nicht gut auf sie aufgepasst, hatte furchtbare Dinge von ihr erwartet und… „Du bist so ein solcher…"

„…Blödmann?", half er ihr aus und seufzte tief. „Elisabeth, Liebes, wir müssen hier nicht auf deinen Vater warten. Edward wird sich uns nicht in den Weg stellen, dafür habe ich gesorgt. Wir können schon morgen früh von hier verschwinden. Dann bringe ich dich zurück und…"

„Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?", entkam es ihr und ihre Wut verrauchte, verpuffte zu absoluter Fassungslosigkeit. Allerdings nur einen Moment. „Wie kommst du auf den Gedanken, dass ich zurück zu meinem Vater will?"

„Nun ja", sagte er leise. „Ich… ähm, denke, dass du die Nase voll von mir hast und…"

„Du bist wirklich ein Blödmann", nickte sie heftig. Dann schüttelte sie den Kopf, seufzte und schoss in seine Arme. „Ich bin böse auf dich, weil du wieder einmal über meinen Kopf hinweg entschieden hast. Und dabei hast du mir versprochen, es nicht mehr zu tun. Aber das ändert doch nichts daran, dass ich dich über alles liebe."

William brauchte einen Augenblick, dann schlang er die Arme um sie und hielt sie so fest, als wolle er nie wieder loslassen. „Dann bist du nicht entsetzt darüber, mich so schnell geheiratet zu haben? Du bereust es nicht und willst nicht… nicht weg von mir?", fragte er durcheinander.

„Natürlich nicht", sagte Elisabeth fest und küsste ihn. „Aber böse bin ich dir trotzdem."

„Damit kann ich leben", sagte er und zog sie noch enger an sich. „Gott, Elisabeth, ich hatte solche Angst, dich für immer verloren zu haben." Er schloss für einen Moment die Augen und genoss einfach ihre Nähe und Wärme. Dann entließ er sie aus seiner Umklammerung, nahm ihre Hand und führte sie zu dem, was einem Bett am nächsten kam. „Du bist böse, weil ich entschieden habe, mich deinem Vater zu stellen", sagte er, wartete, bis sie sich gesetzt hatte und setzte sich dann neben sie.

„Allerdings", schimpfte sie auch sofort. „Ich dachte, wir hätten längst herausgefunden, dass das keinen Sinn macht. Oder denkst du, er wird einen Unterschied machen, nur weil wir jetzt verheiratet sind? Er wird dich anklagen und die Eheschließung einfach annullieren lassen."

„Vielleicht", sagte William und stand wieder auf. „Aber bitte, versteh mich doch…", sagte er und begann im Raum auf und ab zulaufen. „Du siehst doch mit eigenen Augen, wie John und Joycelynn hier leben, unter welch widrigen Umständen sie hausen. Das kannst du nicht für dich wollen. Und ich kann es nicht zulassen. Ich will ein Zuhause für dich, egal wie groß oder klein es ist, aber ich will ein Heim, in dem wir beide ohne Sorgen leben können."

„Das versteh ich", sagte Elisabeth und ihre Schultern sackten herab. So wollte sie wirklich nicht leben, doch sie hatte einfach Angst, sich ihrem Vater zu stellen und genau das sagte sie William auch. „Und ich befürchte, er wird in Begleitung bewaffneter Männer sein, die bestimmt nicht viel Federlesens machen, solange sie nur gut bezahlt werden. Ich habe Angst, furchtbare Angst, dich für immer zu verlieren. Ich habe schon einmal gedacht… und noch einmal werde ich das nicht überleben."

William sah sie glücklich an, auch wenn es vielleicht der falsche Moment war. Doch er war so froh über ihre Worte, dass er einfach nicht anders konnte. „Ich habe mir wirklich alles gut überlegt", sagte er und ging vor ihr in die Hocke. „Ich habe ein paar alte Freunde von mir losgeschickt, auf die ich mich verlassen kann und wenn es dich beruhigt, dann sage ich John, dass wir auch hier ein paar unserer alten Leute postieren. Dann sind wir nicht alleine und werden uns zu verteidigen wissen, wenn es darauf ankommt."

Nickend beugte sie sich vor und küsste ihn flüchtig. Dann stand sie auf und begann, ihr Kleid aufzuknöpfen. „Du hast bestimmt recht", sagte sie, ließ es von ihren Schultern gleiten und legte es ordentlich zur Seite. „Aber jetzt sollten wir schlafen gehen. Ich bin müde und du… solltest dich nach deiner Verwundung auch noch ausruhen."

Mit großen Augen sah er sie im trüben Licht der Kerze an. „Elisabeth, Liebes… ich habe beinahe drei Wochen alleine in einem Bett verbracht und hatte eine Menge Zeit zu denken. Und glaub mir, du hast mich all die Zeit begleitet und es war die Hölle, dich nicht neben mir zu haben, dich nicht berühren und spüren zu können. Schlaf ist mein geringstes Problem." Er lachte und schnappte sie, bevor sie unter die Decke schlüpfen konnte. „Aber wenn du wirklich zu müde bist, dann werde ich … mich natürlich zurückhalten", sagte er leise und küsste sie.

„Was soll ich dazu sagen?", fragte Elisabeth und lächelte verschmitzt. „Vielleicht, dass du ein Blödmann bist?" Sie lachte, schlang die Arme um seinen Hals und presste sich eng an ihn. „Ich habe dich auch vermisst", sagte sie leise und half ihm, sein Hemd auszuziehen. „Ganz furchtbar sogar", sagte sie und stockte, als sie die Wunde sah, die bereits zu Heilen begann „Aber vielleicht solltest du…"

„Sag mir nicht wieder, dass ich mich schonen soll", sagte er heiser und ließ das Hemd achtlos auf den Boden fallen. „Sag mir lieber, dass ich dich lieben soll." Er hob ihr Kinn, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. „Sag mir, dass ich dich bis ans Ende aller Zeiten lieben soll."

„Gott, William", hauchte sie und trotz des schwachen Kerzenscheins war das Rot auf ihren Wangen kaum zu verbergen. „Das ist genau das, was ich möchte", hauchte sie und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Dann sah sie schüchtern auf. „Halt mich fest", forderte sie. „Und versprich mir, mich nie wieder loszulassen."

Das war ein Versprechen, dass William nur zu gerne gab und er küsste sie, bis ihm der Atem schwand. Rasch hob er sie hoch, kletterte mit ihr auf dem Arm in das Bett und beugte sich sogleich über sie. „Ich werde noch so viel mehr tun, als dich für immer zu halten", raunte er ihr zu und küsste sich einen Weg ihren Hals hinunter. „Und das wieder und wieder und wieder…"

 

                                                                                             *~*~*

 

Die Tage vergingen und Elisabeth wurde mit jedem nervöser. William versuchte sie abzulenken und versicherte ihr immer wieder, dass alles gut werden würde, doch sie glaubte nicht daran. Sie kannte ihren Vater, konnte trotzdem nicht abschätzen, wie er sich verhalten würde und vor allem hatte sie Angst, dass auch Bradford Montgomery zu dem Tross gehören würde, der früher oder später an der Ruine anlangen würde.

Sie wusste, wie sehr Williams Abscheu der Familie Montgomery gegenüber noch gewachsen war, seitdem er erfahren hatte, dass es Bradfords Vater gewesen war, der seine Mutter entehrt hatte und sie hatte auch nicht seinen Gesichtsausdruck vergessen, in dem ein solch tiefer Hass gestanden hatte. Doch sie hatten nie wieder darüber geredet und sie traute sich auch nicht, William auf das Thema anzusprechen. Vielleicht machte sie dadurch alles nur noch schlimmer.

Unterdessen wurde das Treiben in der alten Klosterruine immer bunter. Eine Menge Männer waren angekommen, die William alle noch aus alten Zeiten kannten, und verteilten sich auf die leer stehenden Zellen der ehemaligen Klosterbrüder. Ganz so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, räumten sie die wenigen Sachen die sie mitgebracht hatten in die kargen Räume ein und am äußeren Ende des Klosters, dass einst bestimmt die Kapelle gewesen war, und von der nur mehr die Außenwände standen, war ein Treffpunkt mit einem großen Lagerfeuer errichtet worden, dass Tag und Nacht brannte.

Überall blickte Elisabeth in freundliche Gesichter und alle diese Männer begrüßten William wie einen lange vermissten Freund. Es war schier unglaublich, und als Elisabeth es Joycelynn gegenüber erwähnte, lächelte diese nur. „Sie sehen ihn alle als Freund und die meisten von ihnen haben ihm eine Menge zu verdanken." Sie sah hinaus und zeigte auf einen Mann, der gerade sein Pferd an einen Strauch band. „Das ist Mark Taylor", sagte sie. „William hat seinem kleinen Bruder eine gute Stellung verschafft, trotz einer leichten Behinderung am Arm. Oder dort hinten. Der Mann mit der seltsamen Kappe. Das ist Ian McDonald. William hat seine Spielschulden bezahlt und ihn vor dem Kerker bewahrt. Und der Mann dort…"

„Ich habe schon verstanden", lachte Elisabeth. „Mein Mann scheint eine Art Heiliger zu sein." Sie verzog das Gesicht und als Joycelynn sie überrascht ansah, lachte sie laut. „Ich könnte durchaus beweisen, dass dem nicht so ist", sagte sie dann und kicherte. „Aber er hat wahrlich ein gutes Herz und genau deswegen liebe ich ihn so sehr."

„William hat einfach ein Gespür dafür, wie er Menschen helfen kann", sagte Joycelynn, die den Spaß durchaus verstanden hatte. „Er hört unglaublich gut zu, kann sich an die geringsten Kleinigkeiten erinnern und hat zudem den Grips, um daraus etwas zu machen. Und deswegen glaube ich auch, dass er deinen Vater klein kriegen wird. Er geht gewiss nicht unvorbereitet eine solche Sache an. Mach dir deswegen keine Gedanken."

„Ich weiß nicht einmal, ob es mein Vater ist, der mich in solche Schrecken versetzt.", Sie sah Joycelynn an und überlegte, ob sie ihr von Bradford Montgomery und vor allem von seinem Vater erzählen sollte. Dann entschied sie sich dagegen und schüttete den Kopf. „Der Mann, den mein Vater mir zugedacht hat, entstammt einer alten Familie, die nicht gerade für ihre Friedfertigkeit bekannt ist. Und ich weiß, wie sehr William ihn verabscheut. Ich habe einfach Angst davor, dass er sich von ihm aus der Ruhe bringen lässt und … nicht mehr Herr der Lage ist."

„Verstehe", nickte Joycelynn und überlegte einen Moment. „Elisabeth", sagte sie leise. „William weiß durchaus, wie er sich durchsetzen kann." Verlegen zuckte sie mit den Schultern. „Weißt du noch, an dem Abend, als er hierher kam? Er hat sich trotz seiner Verwundung daran gemacht, Guy Gibbons ordentlich einen zu verpassen. Und ich schwöre dir, er kann nicht nur mit seinen Fäusten gut umgehen."

Einen Moment blickte Elisabeth ihr Gegenüber an, dann schluckte sie. „Eigentlich wusste ich das schon. Und es macht mich nur noch zappeliger."

„Wir werden schon auf ihn aufpassen", sagte Joycelynn und zeigte auf die vielen Männer in der Klosterruine. „Sie alle sind nicht hier, um einfach nur herumzustehen. Sie alle wissen, auf was sie sich einlassen und sie werden alle, jeder einzelne Mann, ihr Bestes geben." Dann nahm sie Elisabeth den Wassereimer ab, den die junge Frau schon seit Minuten in der Hand hielt. „Lass mich das machen", sagte sie. „Ich werde Wasser holen, und du gehst hinunter zu deinem Mann, der darauf brennt, dich all seinen Freunden vorzustellen."

„Wie kommst du darauf?", fragte Elisabeth verwundert und ging an den Rand des behelfsmäßigen Wohnraums, von wo aus sie einen besseren Blick auf das Geschehen hatte.

Lachend schob Joycelynn sie zur Treppe. „Weil er immer wieder hier heraufschaut und versucht, einen Blick auf dich zu erhaschen. Wenn du dich noch länger versteckst, dann kommt er hier herauf und holt dich."

„Und was ist, wenn ich das gar nicht möchte?", fragte Elisabeth, die nicht wusste, wie die Männer sie empfangen würden.

„Ach, Kleines", sagte Joycelynn und schob sie erbarmungslos weiter. „Ich dachte, du kennst deinen Mann. Er würde dich auf seine Schulter werfen und einfach hinunter tragen. Also gib dir einen Stoß und geh freiwillig."

Teil 14

Nur sehr widerwillig lief Elisabeth hinaus auf den großen Innenhof der Ruine, der einst eine Kapelle gewesen sein musste. Die ganzen fremden Männer machte ihr ein wenig Angst und wie sie es nicht anders erwartet hatte, starrten alle sie an. Gott sei Dank bemerkte Williams sie sehr schnell und er eilte auf sie zu und ergriff ihre Hand.

„Da bist du ja endlich", sagte er bester Laune und gab ihr einen raschen Kuss auf die Stirn. „Ich habe dich schon vermisst. Ich muss dich unbedingt ein paar Leuten vorstellen. Komm", sagte er und zog sie hinter sich her. Allerdings merkte er schnell, dass sie offenbar nicht wollte, denn sie sträubte sich und ließ sich nur schwer ziehen. Rasch wandte er sich um. „Elisabeth? Alles in Ordnung mit dir?", fragte er mit gerunzelter Stirn.

„Schon", gab sie zu und verzog das Gesicht. „Es ist nur…", sie sah sich um und wieder bemerkte sie all die fragenden und neugierigen Blicke, die auf ihr ruhten. „Ich bin ein wenig nervös." Sie ging nah an ihn heran, sodass er sie auch im Flüsterton hören konnte. „William, alle diese Männer kennen dich und werden mich besonders kritisch betrachten. Es sind alles deine Freunde und…", sie sah zu Boden. „Was ist, wenn sie denken, ich wäre nicht gut genug für dich? Oder wenn sie mich für ein verwöhntes Balg halten? Oder war auch immer?"

„Liebes, niemand wird dich für einen verwöhnten Balg halten und schon gar nicht für ein verwöhntes dummes Ding. Sie sind alle sehr nett und hilfsbereit und…"

„Dir gegenüber, ja", unterbrach sie ihn rasch. „William, du verstehst das nicht. Du scheinst hier den Status eines Volkshelden zu haben." Sie lachte leise, als er ein erstauntest Gesicht machte und den Kopf schüttelte. „Doch, es ist so. Das haben Joycelynn und John mir mehrfach bestätigt. Du weißt scheinbar gar nicht, wie wichtig du für viele dieser Menschen bist. Da wäre es nur verständlich, wenn sie mich ablehnen."

„Ach was", sagte William und wischte ihre Einwände mit einer Handbewegung zur Seite. „Komm einfach mit, dann wirst du schnell bemerken, dass deine Sorgen unnötig sind." Und wieder nahm er ihre Hand und zog sie auf das Lagerfeuer zu. „Chris, James, darf ich euch meine Frau, Elisabeth, vorstellen?"

Elisabeth nickte beiden Männern zu und verstecke sich dann halb hinter William. Doch die beiden ihr fremden Männer machten keine Anstalten, sie auszufragen oder auch nur spöttisch anzusehen. Derjenige, den William ihr als James vorgestellt hatte, lächelte sie an. „Ich habe gehört, Sie hatten das große Vergnügen, mit John Silver angeln zu gehen. Er hat mir heute Nachmittag davon erzählt. Ich selbst habe es damals auch versucht,aber…"


„Mehr als einen Versuch kann man es bei mir wohl auch nicht nennen", sagte sie leise und ungewohnt schüchtern. „Ich muss gestehen, dass es für mich kaum etwas Langweiligeres gibt, als wieder und wieder eine Angel ins Meer zu werfen." Elisabeth fühlte sich äußerst unwohl, doch die beiden Männer lachten über ihre Aussage und nickten ihr zustimmend zu.

„Ja, Angeln ist nicht unbedingt unterhaltsam. Aber ich hoffe doch, dass ihre Bemühungen jedenfalls von Erfolg gekrönt waren."

„Eher nicht", sagte Elisabeth und fasste Williams Hand fester. „Ich schätze, ich müsste verhungern, wenn ich darauf angewiesen wäre. Ich bin offensichtlich nicht dafür geschaffen."

„Ich persönlich kann dem Fischen auch nichts abgewinnen", sagte Chris und schüttelte wild den Kopf. „Was ist mit dir, Will? Soweit ich weiß, hast du das auch immer gerne den anderen überlassen."

„Allerdings", lachte William. „Ich kann Elisabeth nur zustimmen. Es gibt kaum etwas Langweiligeres als das. Aber zum Glück hatten wir immer gute Männer, die darin bedeutend besser waren und so habe ich es ihnen nur zu gerne überlassen."

„Du warst ja auch immer anderweitig beschäftigt", erinnerte ihn James und lachte. „Geht es euch eigentlich ebenso? Jetzt, wo ich wieder hier bin, kommt es mir so vor, als wären die vergangen zwei Jahre nur mehr ein Wimpernschlag gewesen." Er wandte sich Chris zu. „Erinnerst du dich? Das letzte Mal als wir beide zeitgleich hier waren, wurde der alte Bill von seiner Frau über den ganzen Hof gejagt. Er hatte es gewagt, Mary zu lange hinterher zusehen und dabei war sie weiß Gott keine Schönheit."

Die beiden Männer lachten, William hingegen blickte zum Tor, durch das gerade zwei Personen hineinritten. Elisabeth folgte seinem Blick und runzelte die Stirn, als sie die beiden aus der Ferne betrachtete. Einer von ihnen war in einen langen Umhang gehüllt und trug seine Kapuze bis tief ins Gesicht gezogen. Außerdem hatten die beiden es offenbar nicht eilig, sich den anderen Männern anzuschließen. Sie sprangen einfach von ihren Pferden, banden sie fest und warteten an der Außenwand der Ruine.

„Elisabeth, ich muss dich jetzt einen Moment alleine lassen", raunte William ihr zu und nickte aufmunternd. „Es wird nicht lange dauern." Dann wandte er sich Chris zu. „Könntest du mir einen Gefallen tun? Ich muss unbedingt mit Edward reden. Er soll hierher kommen."

„Du willst mit Edward sprechen?", fragten beide Männer wie aus einem Mund. „Warum?"

„Das werdet ihr bald erfahren." Er küsste Elisabeth flüchtig auf die Wange, nickte ihr zu und eilte davon.

„Was er wohl von Edward will?", fragte James und sah Elisabeth an. Chris rümpfte die Nase und machte sich fast widerwillig auf den Weg, um nach Edward zu suchen. „Hoffentlich ist er nicht zu weit weg. Ich habe überhaupt keine Lust, hier durch das Unterholz zu streichen."

„Ich weiß es nicht", sagte Elisabeth leise zu James, nachdem Chris gegangen war. „Ich kenne Edward nicht besonders gut und kann kaum etwas dazu sagen." Sie zuckte mit den Schultern und seufzte leise. „Allerdings habe ich von John und Joycelynn gehört, dass er sich mit den Jahren hier sehr verändert hat."

Einen Augenblick sah James sie an, dann schüttelte er erstaunt den Kopf. „Ich muss gestehen, ich hätte mit einer bedeutend heftigeren Aussage deinerseits gerechnet. Immerhin war es Edward, der… ich erspare mir die Förmlichkeiten… deinen Vater über deinen Aufenthaltsort informiert hat."

„Das ist eine lange Geschichte", erwiderte sie nervös. „Es war ein Zusammenspiel verschiedener Dinge, die dazu führten." Doch da James nickte, kannte er offensichtlich alle Einzelheiten. „Vielleicht ist es besser so, auch wenn… wenn…", sie zeigte auf all die Männer, die sich rund ums Lagerfeuer versammelten. „Ich habe nie gewollt, dass es so große Kreise zieht und ich fürchte mich davor, dass jemand verletzt wird, der im Grunde nichts damit zu tun hat."

„William weiß, was er tut", sagte James. „Und da kommt er auch schon wieder." Er lachte seinem alten Freund entgegen. „Hast du schon mit Edward gesprochen? Ist er noch immer so ein Griesgram?"

„Bisher habe ich ihn nicht gesehen. Jedenfalls heute nicht. Ich hoffe, er kommt hierher, denn das wäre meinem Plan jedenfalls sehr dienlich. Ich brauche die Männer als Hintergrund, denn ich werde ihn völlig aus der Fassung bringen müssen, um ihn soweit zu bringen, wie es sein muss."

„Was zum Geier hast du nur vor?", fragte James und auch Elisabeth sah ihn fragend an.

„Das werdet ihr bald erfahren", sagte William und wandte sich um. Edward und Chris kamen über den Hof auf sie zu und Edward wirkte nicht gerade glücklich.

„Was willst du von mir?", schnaubte er auch sogleich. „Du hast deine Meinung schon vor ein paar Tagen kundgetan. Ich habe es nicht vergessen, denn du warst außergewöhnlich bestimmend." Er reckte das Kinn. „Ich werde dein… Wiedersehensfest nicht unterbrechen", sagte er mit einer ausholenden Geste seiner Arme. „Und mir ist vollkommen bewusst, dass ich hier nicht willkommen bin. Warum also lässt du mich hier vorführen?"

„Dass du nicht willkommen bist, hast du dir wohl selbst zuzuschreiben", sagte James und kam einen Schritt näher. Er schob sich an Elisabeth vorbei und nickte ihr kurz entschuldigend zu. „Du hättest gleich nach dem Ende unserer Aktion nach Hause zurückkehren können, dann hättest du dich womöglich nicht in ein solches Arschloch verwandelt."

„Ich hatte kein Zuhause mehr, wenn ich dich daran erinnern darf", fauchte Edward und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Ganz im Gegenteil zu dir, wenn ich dich erinnern darf. Du bist zurück zu Frau und Kind und…"

„Genau das hättest du auch können", sagte William und stellte sich Edward in den Weg. „Deine Frau hat sicherlich…"

„Wage es dich nicht, von meiner Frau zu sprechen", fauchte Edward, fuhr herum und seine Augen versprühten Blitze.

Elisabeth wurde es langsam mulmig und sie sah sich schnell um. Die Gespräche rund um das Feuer waren verstummt und die Männer bildeten langsam einen Kreis um sie. Rasch sah sie wieder zu William, der sich gerade zur vollen Größe aufrichtete und Edward einen Schritt zurückdrängte. Dennoch, sie wusste nicht was sie tun sollte, oder ob sie überhaupt etwas unternehmen sollte. Allerdings wurde ihr die Entscheidung abgenommen, denn James und Chris stellten sich schützend neben sie und es war James, der sich zu ihr herunterbeugte. „Vertrau William und hab keine Angst. Ich weiß nicht, was er vorhat, aber er hat immer einen Plan."

Sie schüttelte verwirrt den Kopf und sah wieder zu den beiden Männern, die jetzt die Mitte eines vollendeten Kreises bildeten. „Ich habe sie gesehen", sagte William gerade leise und war dennoch gut zu verstehen. „Mehr noch, ich habe sogar mit ihr gesprochen", sagte er zu Edward, der offensichtlich kurz davor war, vollkommen aus der Haut zu fahren. „Sie wartet immer noch auf dich."

„Sie wäre verrückt, wenn sie das täte!", schrie Edward und spuckte Gift und Galle. „Sie hat weitaus Besseres verdient", er wandte sich um und zeigte auf Elisabeth. „Du hast dein Glück gefunden", zeterte er weiter. „Schön für dich! Ich habe meins für immer verloren. Also lass mich um Gottes Willen einfach in Ruhe!"

Doch William ließ nicht locker und wirkte auch wenig beeindruckt. „Dich hat nur dein verdammter Stolz zurückgehalten", triezte er sein Gegenüber weiter. „Du hast dich damit herausgeredet, dass sie zu gut für dich ist, vor allem nachdem du sie so schamlos belogen hast und einfach in einer Nacht- und Nebelaktion abgehauen, um dich ins nächst beste Abenteuer zu stürzen."

„Du scheinst mich ja gut zu kennen", schrie Edward und trat drohend einen Schritt auf William zu. „Allerdings muss ich dich bitter enttäuschen. Es war nicht der Stolz, der mich zurückgehalten hat." Er sah sich um, doch dann war ihm egal, wer alles zuhörte. „Es war die nackte Angst, du verfluchter Drecksack. Ich hätte es nicht ertragen können, Ablehnung in ihren wunderschönen Augen zu sehen. Blanke Panik hat mich all die Jahre hier festgehalten. Sie sollte es besser haben. Nicht mehr lange, dann kann sie mich für Tot erklären lassen. Dann hat sie die Vollmacht über mein gesamtes Vermögen und kann sich einen Mann suchen, der es wert ist, von ihr geliebt zu werden. Nachdem was ich ihr angetan habe, habe ich es nicht verdient, sie jemals wieder in meine Arme zu schließen!" Er schnaubte und deutete mit dem Kinn auf Elisabeth. „Wenn du deine Frau auch nur halb so sehr liebst, wie ich die meine, dann verstehst du mich. Ich habe sie verlassen, habe sie vollkommen schutzlos zurückgelassen, um mich in ein Abenteuer zu stürzen. Ich kann nicht mehr zurück. Für mich gibt es keinen Weg. Ich kann nur hoffen, dass es ihr gut ergeht und sie ihr Leben in vollen Zügen genießt!"

Wer nun damit rechnete, dass William weiter auf Edward einhackte, wurde enttäuscht. Er nickte nur und trat einen Schritt zur Seite. „Ich glaube", sagte er sachte, „das war alles, was es zu sagen gab." Er wandte sich um und Elisabeth sah ebenso wie alle anderen die Person in dem Umhang, die jetzt langsam in den Kreis trat und die Kapuze zurückzog.

Eine wunderschöne Frau mit roten Haaren, die im flackernden Schein des Lagerfeuers funkelten, kam darunter zum Vorschein und Edward taumelte ein paar Schritte rückwärts. „Lydia", keuchte er und sank fassungslos und bis ins Mark zitternd auf die Knie.

„Verflucht, Edward", schimpfte Lydia auch sogleich. „Du bist ein solcher… Blödmann", tadelte sie. Elisabeth sah William an, der daraufhin lächelte und ihr zunickte. Dann ging er auf Edward zu und half dem verstörten Mann auf die Beine. „Jetzt brauchst du nur noch ein wenig Mut", raunte er ihm zu und nur die Männer, die ihnen am nächsten standen konnten ihn hören. „Versau es nicht wieder." Dann gab er ihm einen Schubs, der Edward direkt in die Arme seiner Frau beförderte.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Musste das sein?", fragte Elisabeth entsetzt, als sie und William zusammen mit James und Chris am Lagerfeuer saßen. „Warum hast du ihn bis aufs Blut reizen müssen?", bohrte sie weiter und war noch immer bestürzt. Williams Plan hätte gut daneben gehen können und sie mochte gar nicht darüber nachdenken, was geschehen wäre, wenn Edward eine Waffe bei sich getragen hätte. Er war derart außer sich gewesen, dass es durchaus im Bereich des Möglichen gewesen war, dass er danach gegriffen hätte.

Mittlerweile hatten Edward und Lydia sich an einen stillen Ort zurückgezogen und die anderen Männer hatten ihre Gespräche wieder aufgenommen. Alles wirkte wieder ruhig und friedlich und selbst das Knistern des Lagerfeuers war lauter als die Gespräche rund herum.

William beugte sich zu ihr herab und küsste sie übermütig auf die Wange. „Lydia hat es verdient, die ganze Wahrheit zu erfahren. Sie hat die beiden Jahre die Hoffnung nie aufgegeben, und doch hat sie immer mit der Angst gelebt, er könne eine andere Frau haben. Und Edward war zu verbohrt. Das habe ich nicht nur selbst erfahren müssen, sondern das habe mir auch John und Joycelynn mehrfach bestätigt. Dabei hat er ein solches Leben nicht verdient. Er ist ein Heißsporn, der gerne Grenzen überschreitet und doch… "

James lachte leise. „Du hattest schon immer eine ganz eigene Art die Dinge anzugehen. Aber ich glaube, auch diesmal hattest du den richtigen Riecher. Er hätte niemals zu ihr gehen und seinen Fehler eingestehen können."

„Glaubst du, er wird jetzt wieder der Mensch, der er einst war?", fragte Chris und lehnte sich vor. „Es wäre ihm zu wünschen, denn früher war er ein guter Kumpel auf den stets Verlass war."

Lachend griff William Elisabeth Hand. „Lydia wird ihm die Hammelbeine strammziehen, sollte er jemals wieder auf Abwege geraten", sagte er und zog sie an sich. „Und ich glaube, es wird unglaublich froh darüber sein, wenn er einfach nach Hause zurückkehren kann. Die wilden Jahre hat er hinter sich." Er stand auf zog auch Elisabeth auf die Füße. „Aber der Tag war lang und anstrengend und ihr beiden werdet gewiss verstehen, wenn wir uns jetzt verabschieden."

Plötzlicher Tumult ließ ihn herumfahren und er ließ Elisabeth los, als eine Horde Reiter in das Innere der Ruine stürzte. An vorderster Stelle ritt Henk Summers, der sein Pferd abrupt stoppte und sich abfällig umsah. Sein Blick traf Williams und er verzog spöttisch das Gesicht. „Ich hoffe doch, wir kommen nicht ungelegen", sagte er mit gehässigem Grinsen und wartete, bis der Rest seiner Männer zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Nun", sagte William gedehnt. „Wir hatten Sie nicht ganz so früh erwartet, aber je schneller wir es hinter uns bringen, desto besser ist es."

Teil 15

Die Luft brannte und die Anspannung war förmlich zu spüren, seitdem Henk Summers mit seinem schwer bewaffneten Gefolge die Klosterruine gestürmt hatte. Elisabeth starrte entsetzt zu ihrem Vater herauf, der siegessicher auf sie hinabblickte. Er hatte einen ganzen Tross angriffsbereiter Reiter dabei, doch auch Williams Männer blieben nicht untätig. Sie bildeten wieder einmal einen Kreis und ebenso wie die Reiter, zückten sie ihre Waffen. Elisabeth sah Pistolen und auch Schwerter und sie hatte nur einen Gedanken, sie musste verhindern, dass auch nur ein Unbeteiligter verletzt wurde. Sie schob sich an James vorbei, doch William hielt sie auf und schob sie ohne eine Erklärung wieder hinter sich.

„Ich bin gekommen, um meine Tochter abzuholen", donnerte Henk Summers, der die Szene natürlich beobachtet hatte. Er sah kurz zu Bradford Montgomery, der sein Pferd nun neben das seine lenkte und eine Hand an sein Schwert legte.

„Gut", sagte William und hob den Kopf. „Da haben wir gleich das erste Problem. Sie ist nicht mehr nur ihre Tochter, sondern auch meine Frau." Er fasste in seine Jackentasche und zog eine Urkunde hervor. Er streckte sie Henk Summers entgegen, der die Hand hob, als seine Männer sich einmischen wollten. Er ließ William an das Pferd herantreten und nahm ihm das Stück Papier ab.

Er rollte es auseinander und las. „Nun", meinte er und lächelte fies. „Das ist nichts, was sich nicht wieder rückgängig machen lassen könnte."

„Und ich bin durchaus bereit, eine junge Witwe zu heiraten", sagte Bradford Montgomery eisig und zog das Schwert ein Stück aus der Scheide.

Elisabeth holte tief Luft, doch da meldete sich John. Er rief William, warf ihm ein Schwert zu und William fing es sicher in der linken Hand auf. Dann wirbelte er es gekonnt herum, griff mit der rechten Hand zu, rammte es in die Erde und lehnte sich dann locker darauf. „Wenn es sein muss, bin ich auch dazu bereit", sagte er zu Bradford, der es sich jedoch offenbar anders überlegt hatte und die Hand von seinem Schwertgriff nahm. „Also gut", sagte William und richtete sich wieder auf. „Es ist spät und ich nehme an, dass Ihre Reise hierher sehr anstrengend war. Reden wir also nicht lange um den heißen Brei herum. Es war gewiss ein großer Fehler, dass Elisabeth und ich in einer Nacht- und Nebelaktion das Weite gesucht haben und ich kann behaupten, dass wir es beide schon bereut haben. Und doch… gab es wohl keine andere Möglichkeit."

„Elisabeth war meinem Freund, Mr. Montgomery, versprochen", sagte Henk Summers frostig und sah wieder seine Tochter an, die noch immer stumm hinter William stand.

Doch dort blieb sie nicht. Sie ließ sich auch von William nicht zurückhalten und stellte sich neben ihn. „Was der Grund dafür ist, dass ich schnellstens verschwinden musste", meldete sie sich auch sofort zu Wort. „Wie eigentlich immer hattest du es ja nicht nötig, mich nach meiner Meinung zu fragen. Du hast über meinen Kopf hinweg entschieden und ich bin nicht Willens, mir das länger gefallen zu lassen."

Bradford Montgomery regte sich auf seinem Pferd, doch als er einen Blick auf ihr abweisendes Gesicht geworfen hatte, hielt er sich zurück und schüttelte nur grimmig den Kopf.

„Du bist komplett verrückt", schimpfte Henk Summers. „Hast du dummes Mädchen auch nur die geringste Ahnung, was er dir alles bieten könnte?"

„Das ist genau das Problem. Er könnte mir gar nichts bieten", sagte Elisabeth und fühlte Trotz in sich aufsteigen. Sie kam sich wie ein kleines Kind vor, dass nicht früh zu Bett geschickt werden wollte und war dankbar, als William wieder das Wort ergriff.

„Sir", sagte er und wandte sich an ihren Vater. „Ich habe mich schon vor langer Zeit in ihre Tochter verliebt und ich kann kaum in Wort fassen, was es mir bedeutet, dass auch sie mir ebensolche Gefühle entgegenbringt. Ich hatte niemals vor, sie einfach aus ihrem Elternhaus zu entführen, und doch blieb mir nur diese eine Wahl."

„Wenn das der Wahrheit entspricht, warum hast du mir nie etwas davon gesagt, William?", schnaubte Henk Summers giftig. „Zwei Jahre haben wir jeden Tag miteinander Stunde um Stunde im Kontor gehockt. Ich habe dich in meine Geschäfte eingeweiht, dir Vertrauen entgegengebracht, welches du schamlos ausgenutzt hast."

„Das stimmt nur auf gewisse Weise, Sir", sagte William und schüttelte den Kopf. „Ich habe all die Jahre darauf hingearbeitet, Ihnen auch nur annähernd etwas bieten zu können, was mich als Bewerber um die Hand Ihrer Tochter auch nur in Erwägung brachte." Er hob den Kopf und sah zu Bradford, dessen Kiefer malmte und dessen Wut offenbar beständig anwuchs. „Doch werde ich, egal mit wie viel Geld ich auch aufwarte, etwas nicht besitzen, das Mr. Montgomery von Geburt an besitzt. Einen Adelstitel." Er sah wieder zu Henk Summers. „Denn Geld besitzen Sie selbst genug, Sir."

Henk Summers lachte schallend. „Da hast du allerdings recht. Du entstammst einer einfachen Kaufmannsfamilie, genau wie ich. Bradford Montgomery hat weitaus mehr zu bieten und genau das wollte ich für meine Tochter", sagte er und nickte. „Du wirst mich in den zwei Jahren recht gut kennengelernt haben und du weißt, wonach ich strebe."

William nickte nur, wollte er seinem Schwiegervater doch nicht an den Kopf werfen, wie abartig seine Gier nach Macht und Geld war. „Und doch…", sagte er und drehte sich zu James um, der auch sogleich seine Tasche öffnete und William einen versiegelten dicken Umschlag gab. „Sir,", sagte William, „das ist, was ich Ihnen anbieten wollte." Wieder ging er auf Henk Summers zu und wieder überreichte er Papiere.

„Was ist das?", fragte Elisabeths Vater auch sofort. „Das Siegel ist von dem Notar, mit dem ich zu arbeiten pflege", meinte er und runzelte die Stirn.

„Jeden anderen hätten Sie angezweifelt, Sir", sagte William und machte ihm Platz. Denn Henk Summers stieg von seinem Pferd und ging auf das Lagerfeuer zu, um mehr Licht zum Lesen zu haben.

Er durchbrach das Siegel, blätterte sich langsam durch und die Blicke aller Anwesenden waren während dieser Zeit auf ihn gerichtet. Dann drehte er sich herum und sah William staunend an. „Das ist die Besitzurkunde für eine Silbermine, die ganz offenbar einen immensen Profit abwirft." Wieder warf er einen Blick auf die Papiere, dann ging er langsam auf William zu. „Ich muss gestehen, mit etwas Derartigem hatte ich nicht gerechnet. Offensichtlich steckt bedeutend mehr in dir, als ich vermutet hatte." Dann schüttelte er den Kopf. „Und doch ändert das nichts an unserem Dilemma."

„Ich würde sagen, es ändert alles, Sir", sagte William der einen winzigen Hoffnungsschimmer am Horizont erblickte. Es gab nur eine Möglichkeit, die ganze unselige Geschichte zu beenden. Er musste Henk Summers etwas bieten, was ihm wichtiger als alles andere war. „Was hält Sie davon ab, trotz allem Geschäfte mit Mr. Montgomery zu machen, Sir? Machen Sie Ihn zu Ihrem Kompagnon. Er ist noch immer in Besitz gewaltiger Länderein und…", er sah zu Bradford hinauf, „entschuldigen Sie meine Worte … kann das Geld gut gebrauchen. Denken Sie nur an die Möglichkeiten", lockte er seinen Schwiegervater. „Durch Ihr Vermögen wird er zu einem der meistbegehrtesten Junggesellen des ganzen Landes. Die Familien mit heiratsfähigen Töchtern werden sich um ihn reißen und er kann vielleicht sogar eine junge Dame ehelichen, die weit über ihm steht." Er sah Henk Summers an und erkannte, wie sein Gehirn arbeitete. „Und Sie, Sir… überlegen Sie nur, welche Ausmaße Ihre geschäftlichen Beziehungen dadurch annehmen können. Das ganze Land stünde Ihnen zur Verfügung."

Und Henk Summers überlegte. Lange und sehr ausführlich. Dann wandte er sich Bradford Montgomery zu, der ebenfalls seine Stirn gerunzelt hatte und offenbar seine Möglichkeiten überdachte. „Unser junger … Freund hat gar nicht mal Unrecht", sagte er zu dem Mann auf dem Pferd. „Wir brauchen Elisabeth nicht, um eine geschäftliche Verbindung einzugehen." Dann wandte er sich wieder um und sah seine Tochter an. „Aber ist es das, was du dir wünschst?", fragte er und zeigte in der Ruine herum.

„Vater, das ist etwas, was du nie verstehen würdest", begann sie leise und nahm Williams Hand. „Aber…"

„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche", sagte William leise und sah sie um Verzeihung bittend an. „Sir", wandte er sich an ihren Vater. „Selbstverständlich ist es nicht das, was ich mir für Elisabeth wünsche und ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr gut für sie sorgen kann. Wir werden uns bald auf mein Anwesen in der Nähe von Scofield zurückziehen und..."

„Sie haben ein Anwesen in Scofield?", fragte Henk Summers mit erhobenen Augenbrauen und vergaß sogar, weiter die Urkunde zu studieren.

„Ein Erbe mütterlicherseits", nickte William und reckte das Kinn. Dann wagte er sich vor. „Darf ich davon ausgehen, Sir, dass Sie mein Angebot annehmen und mich als Schwiegersohn anerkennen?"

Henk Summers hob die Papiere, die er noch immer in der Hand hielt und wackelte damit herum. „Nun", sagte er gedehnt, „wie wir bereits wissen, hatte ich mir für meine Tochter ein anders Leben erhofft, doch ich muss gestehen, dass dieses … Angebot sehr verlockend klingt", sagte er und faltete die Papiere zusammen. Er überlegte einen Augenblick, sah dann hinauf zu Bradford Montgomery, der stumm auf seinem Pferd hockte. „Was sagen Sie dazu, mein Freund? Nicht, dass meine Tochter nicht gut genug wäre, aber die Aussicht, eine weitaus lukrativere Verbindung einzugehen, dürfte doch auch Ihnen gefallen."

Bradford Montgomery wirkte, als müsse er zwischen zwei Übeln wählen. Er beugte sich zu Henk Summers herab, raunte etwas in sein Ohr und nickte, als auch Henk Summers zustimmend nickte. „Ich werde das Angebot annehmen", sagte Elisabeth Vater nur Sekunden später und war überrascht, als seine Tochter sich auf ihn stürzte und umarmte. „Du scheinst wahrlich glücklich zu sein", sagte er, nachdem sie ihn losgelassen hatte.

„Mehr als ich sagen kann", erwiderte Elisabeth freudestrahlend. „Es tut mir aufrichtig leid, dich in solche Schrecken versetzt zu haben und ich weiß, dass es unverzeihlich war, aber ich konnte nicht anders." Nun war sie es, die zu Bradford hinaufsah. „Ich hätte ihn niemals heiraten können", sagte sie so leise, dass nur ihr Vater sie hörte. „Er mag ein gutes Geschäft sein, aber er ist kein guter Mann."

„Du kommst ganz nach deiner Mutter", sagte Henk Summers und strich ihr flüchtig und unbeholfen über das Haar. Dann ging er auf sein Pferd zu und schwang sich auf dessen Rücken. „Sie werden verstehen, wenn ich das hier noch einmal prüfen lasse", sagte er zu William und steckte die Besitzurkunde für die Silbermine in die Tasche.

„Selbstverständlich, Sir", sagte William und nahm Elisabeths Hand. „Ich muss kaum hinzufügen, dass Sie jederzeit willkommen sind, wenn es Sie in unsere Gegend verschlägt. Wie ich Ihre Tochter kenne, würde sie sich über einen Besuch sehr freuen."

Nickend nahm Henk Summers seine Zügel auf. „Dann haben wir hier alles erledigt", sagte er zu Bradford Montgomery, der daraufhin nickte. Allerdings konnte er es sich nicht verkneifen, William noch einmal böse anzufunkeln, dann wendete er sein Pferd und lenkte es rasch aus der Ruine heraus. Henk Summers sah ihm hinterher.

„Nun, vielleicht ist es besser so." Er beugte sich vor und nahm die Hand seiner Tochter, die sie ihm entgegenstreckte. „Ich weiß noch immer nicht, was ich davon halten soll, doch es hat keinen Sinn, länger darüber nachzudenken. Dein Mann hatte einige gute Ideen, wie ich gestehen muss. Vielleicht wäre ich von selbst darauf gekommen, doch meine Gedanken haben sich die vergangenen Wochen ausschließlich mit dir beschäftigt." Er schüttelte den Kopf und seufzte tief. „Als Vater hat man es nicht immer leicht", sagte er, „aber als Tochter wohl auch nicht. Und womöglich hast du Recht, was Montgomery betrifft. Er ist ein gutes Geschäft…" Dann sah er zu William und kniff die Augen zusammen. „Ich hoffe nur, dass er sich als guter Ehemann erweist."

„Das hat er schon längst", lächelte Elisabeth und verabschiedete sich.

„Spätestens zur Taufe meines ersten Enkelkindes werde ich euch besuchen kommen", versprach Henk Summers seiner Tochter. „Vielleicht auch schon früher. Wer weiß." Dann wandte er sich ein letztes Mal an William. „Wenn mir zu Ohren kommt, dass meine Tochter unglücklich ist, dann … Gnade Ihnen Gott, werde ich mit allem zuschlagen, was nur greifbar ist!"

Doch William lächelte nur. „Das wird nicht passieren, Sir. Ich werde ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen."

Henk Summers nickte und trieb sein Pferd an. Seine bewaffnete Garde folgte ihm auf dem Fuß und es dauerte nicht lange, bis lautes Jubeln ausbrach. Williams Freunde kamen, klopften ihm auf die Schulter, gratulierten und Elisabeth sah zu James, der über das ganze Gesicht strahlte. „Ich habe doch gesagt, William weiß immer, was er tut."

Lautes Klappern war zu hören, einige Männer rollten ein großes Weinfass auf den Hof und ein paar andere hievten ein Wildschwein am Spieß ins Lagerfeuer. „Du hast offenbar vorgesorgt", sagte Elisabeth, die leise an Williams Seite getreten war.

„Ich hatte gehofft, dass es so ausgeht und wir aus dieser Versammlung ein großes Fest machen könne", nickte William und nahm zufrieden ihre Hand. Er zog sie hinter sich her und beide verschwanden in einer dunklen Ecke des alten Gemäuers. „Endlich ist es zu Ende", sagte er und küsste sie übermütig. „Ich kann dir mein Glück gar nicht beschreiben", meinte er dann und legte die Arme um sie.

„Und ich kann nicht glauben, dass alles so einfach war", seufzte Elisabeth und schüttelte den Kopf. „Ich hatte solche Angst, als ich all die Männer sah, die er mitbrachte. Die schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten und ich hatte Sorgen um dich und all deine Freunde."

„Aber es ist alles gut gegangen", sagte William und fuhr mit seiner Hand federleicht über ihre Wange. „Ich wusste, dein Vater würde sich sofort darauf einlassen, wenn er erst einmal begriff, das Montgomery trotzdem noch seine Taschen füllen könnte. Ich bin nur froh, dass James und Chris rechtzeitig hier waren. Hätten sie länger gebraucht…."

„Wieso Chris?", fragte Elisabeth leise und runzelte die Stirn. „Was hatte er damit zu tun?"

William lachte leise. „Die Silbermine war nicht das einzige Angebot, dass ich deinem Vater zu bieten hatte", sagte er dann und küsste sie wieder. „Ich war darauf gefasst, weitaus mehr zu bieten." Er sah sie verliebt an. „Ich hätte mein gesamtes Vermögen gegeben… und noch viel mehr." Wieder zog er sie an sich. „Ich kann es kaum erwarten, mit dir nach Scofield zurückzukehren", murmelte er dann. „Endlich alleine sein, endlich ein Heim für uns beide…. Ein Haus, das nur auf uns wartet und…" Dann richtete er sich auf. „Beweg dich nicht. Rühr dich nicht von der Stelle. Ich bin gleich wieder da."

„Wo willst du hin?", rief Elisabeth, halb enttäuscht, doch gleichermaßen erstaunt.

„Ich muss einen neuen Verwalter einstellen", rief William und Elisabeth rannte hinter ihm her. „Jetzt warte doch. Ich will unbedingt dabei sein."

Es dauerte nicht lange, bis sie John und Joycelynn fanden, die am Lagerfeuer mit den anderen Männern feierten. „Will", rief John auch sofort. „Junge, wie du das wieder hinbekommen hast. Du bist wirklich unglaublich."

„Nun ja", erwiderte William. „Wie auch immer. Ich muss mit euch sprechen", sagte er. „Wie ich eben schon zu Elisabeths Vater gesagt habe, werden wir recht bald nach Scofield gehen und ich möchte, dass ihr beide mitkommt."

„William, wirklich… Wir bleiben lieber, wo wir sind", sagte John schnell, auch wenn Joycelynn nicht glücklich wirkte.

Nickend sah William zu Elisabeth. Er hatte seinen Fehler bemerkt und lächelte. „Du bist und bleibst ein verbohrter alter Esel", sagte er zu John. „Ich will euch nicht aus Mitleid mitnehmen, sondern weil ich einen Verwalter brauche. Ich brauche einen Mann, auf den ich mich verlassen kann. Einen, bei dem ich sicher bin, dass er auf meinen Besitz und meine Frau achtet, wenn ich geschäftlich unterwegs bin."

„Du redest von einer Anstellung?", fragte John mit großen Augen. „Eine richtige Stellung? Das ist kein Almosen?"

„Nein, kein Almosen", versicherte William. „Es ist genauso, wie ich es dir gerade sagte. Ich brauche einen verlässlichen, starken Mann, der sich um Haus und Hof kümmert, die Angestellten durch die Gegend scheucht und sich nicht scheut, ordentlich zuzupacken."

„Na dann", sagte John und streckte ihm die Hand entgegen. „Dann bin ich dein Mann", sagte er und Joycelynn lächelte erleichtert. „Und meine Frau ist eine hervorragende Köchin, wie du sicher weißt. Und sie könnte im Haus arbeiten und sie könnte…"

„…gar nichts kann sie", unterbrach Elisabeth hochnäsig und schüttelte den Kopf. „Ich will Joycelynn nicht als Köchin oder Putzfrau." Mit voller Absicht trug sie gerade Stolz und Hochmut zur Schau. „Gott, ihr Männer seid solche Blödmänner!", rief sie und lachte. „Erstens… Joycelynn ist meine Freundin und ich könnte nicht… das wäre nicht richtig. Und außerdem sollten schwangere Frauen nicht mehr so schwer arbeiten."

„Woher weiß du?", fragte Joycelynn und legte ihre Hände auf ihren Bauch, während William und auch John die Augen aufrissen und noch nicht ganz begriffen, was vor sich ging.

„So langsam lässt es sich nicht mehr verbergen", lächelte Elisabeth und umarmte ihre Freundin. „Und irgendwann werden auch unsere Männer verstehen, wovon wir gerade sprechen." Sie kicherte, als William die Augen aufriss und John sogar noch weiter ging. Er schnappte sich Joycelynn und drehte sich mit ihr im Kreis. Dann stellte er sie wieder ab und flitzte los, allen die frohe Botschaft zu verkünden. Sekunden später bemerkte er, dass er die Hauptperson vergessen hatte, eilte zurück, nahm Joycelynns Hand und zog sie lachend mit sich.

Elisabeth und William sahen den beiden eine Weile hinterher. „Liebes?", fragte er leise. „Bist du… vielleicht… Bist du auch schwanger?"

„Nein", lächelte Elisabeth. „Aber was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden." Sie sah ihn an und runzelte die Stirn. „Du scheinst deswegen aber nicht gerade enttäuscht zu sein."

„Nein, weiß Gott nicht", sagte William erleichtert. Dann riss er die Augen auf. „Oh, ich will Kinder. Von mir aus eine ganze Horde, aber jetzt noch nicht." Er tat es John nach, hob Elisabeth hoch und drehte sich mit ihr im Kreis. „Jetzt will ich erst einmal eine Menge Zeit mit dir verbringen, ganz ohne Sorgen und Probleme." Er stellte sie ab und sein Lächeln nahm einen verwegenen Ausdruck an. „Hättest du etwas dagegen, diese vorzügliche Feier frühzeitig zu verlassen?" Und da Elisabeth ihn kess anlächelte, hob er sie zurück in seine Arme und rannte wie der Teufel.