
Shocking Moments
Der Abend war friedlich und ruhig. Im ganzen Haus herrschte eine Stille, die Buffy schon gar nicht mehr kannte und sie ertappte sich dabei, diese Ruhe als langweilig zu empfinden. Über sich selbst entsetzt schüttelte sie den Kopf und nahm sich fest vor, so etwas nie wieder zu denken.
Die Jägerin hatte keine Ahnung, wie viele Anwärterinnen jetzt hier wohnten. Bei fünfundzwanzig hatte sie aufgehört zu zählen. Aber heute Abend … heute Abend war es so geruhsam und erholsam, wie schon lange nicht mehr.
Giles hatte alle Freiwilligen auf einen Exkurs in die Stadt mitgenommen. Willow, Dawn und Xander unterstützten ihn aus Leibeskräften und wo der Rest der Mädchen geblieben war, vermochte sie nicht zu sagen.
Aber Sorgen machte sie sich keine. Willow hatte einen Zauber um das Haus gelegt, der wie eine magische Alarmanlage funktionierte. Sobald eine der Anwärterinnen ohne Erlaubnis das Grundstück verließ, heulten unsichtbare Sirenen und ein paar Zauberkristalle blinkten wie die Beleuchtung einer Achterbahn.
‚Was wollte ich noch?’, überlegte Buffy und legte die Stirn in Falten. ‚Ach ja! Was zu Trinken holen!’ Sie würde sich auf einen Sessel fläzen und fernsehen. Einfach so! Und vielleicht, nur vielleicht würde sie sogar noch eine Tüte Popcorn aufmachen.
Sie ging durch die Küche, öffnete den Kühlschrank und fischte eine Dose Soda heraus. Doch dann stutzte sie und lauschte in die scheinbare Stille. Sie hatte die übrig gebliebenen Anwärterinnen gefunden. Sie hatten sich unten im Keller versammelt und schienen eine Menge Spaß zu haben. Auf Zehenspitzen schlich Buffy zur Kellertür und öffnete sie einen Spalt breit.
„Und wie findet ihr es hier?", fragte eines der Mädchen. „Schon
krass, oder? Die ganzen Monster und grässlichen Dämonen…"
Buffy hatte keinen blassen Schimmer, zu wem die Stimme gehörte. Sie hatte
komplett die Übersicht verloren. Es waren einfach viel zu viele Mädchen und sie
konnte sie schon kaum auseinanderhalten, wenn sie vor ihr standen.
„Ja, voll der Hammer", erwiderte eine Andere. „Aber es sind definitiv zu wenig Männer hier!" Sie kicherte und die anderen stiegen darauf ein.
„Wie findet ihr Andrew?", warf eines der Mädchen die Frage in den Raum.
„Ich glaube, der kann einen Hahn nicht von einer Henne unterscheiden", lachte eine der Anwärterinnen.
Die Mädchen grölten, doch eine leise Stimme widersprach. „Ich finde ihn ganz süß!"
„Süß?", quietschte eine Stimme. „Wohl eher nicht! Der scheint im Kindergartenalter stecken geblieben zu sein!"
Ein Streitgespräch entbrannte und Buffy hatte Mühe, überhaupt noch etwas zu verstehen.
„Was machst du da?", erkundigte sich Spike belustigt. Er war durch die Verandatür hereingekommen und hatte sie beobachtet. „Du lauschst", stellte er grinsend fest, doch Buffy hielt sich einen Finger vor den Mund.
„Pssst", machte sie und bremste sein Gelächter aus, bevor er
richtig loslegen konnte. „Das ist wirklich interessant."
„Wenn du das sagst", erwiderte der Vampir scheinbar uninteressiert. Doch dann
schob er sie zur Seite. „Ich will auch mithören", sagte er, nachdem Buffy ihn
fragend angesehen hatte.
„Vor mir aus", erwiderte sie brummend. „Aber sei leise!"
„Was bitte ist an dem Kerl süß?", brüskierte sich eines der Mädchen gerade. „Also wirklich! Der hat ja noch Grünspan hinter den Ohren!"
„Also ich finde ihn sexy", widersprach eine Stimme.
„Andrew? Sexy?" Jemand lachte. „Andrew ist wie ein blinder
Golfer!"
„Blinder Golfer? Häh?"
„Ja", lachte eines der Mädchen. „Er muss das Loch auch erst suchen!"
Wildes Gegröle drang die Treppe rauf und Buffy musste die Tür schließen, weil
Spike sich neben ihr vor Lachen bog. „Benimm dich", raunte sie ihm zu und schlug
mit der flachen Hand auf seinen Arm. „Sie haben gerade erst angefangen. Ich will
den Rest auch noch hören!" Sie wartete, bis der Vampir sich beruhigt hatte und
öffnete die Kellertür wieder.
„Okay", sagte gerade eine der Anwärterinnen. „Wenn wir schon beim Thema sind… was haltet ihr von Xander?"
„Eigentlich ganz süß", sagte jemand.
„Ich habe gehört, er steht nur auf Dämonenfrauen", meinte eine Andere.
„Ach was! Das ist bestimmt nur ein Märchen. Immerhin war er
lange mit dieser komischen Anya zusammen."
„Mein Gott, bist du doof", tönte eine Stimme. „Anya ist eine Ex-Dämonin. Ich
habe gehört, dass sie über tausend Jahre alt ist!"
„Wow", erwiderte eines der Mädchen belustigt. „Dafür hat sie sich aber gut gehalten!"
„Wir sprachen über Xander", erinnerte eine der Anwärterinnen. „Also ich finde ihn ganz niedlich. Wie sagt man so schön…? Ich würde ihn bestimmt nicht von der Bettkante schubsen!"
Wieder tönte lautes Lachen durch den Keller und Spike schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, was die an dem finden!", brummte er und verzog das Gesicht.
Doch Buffy antwortete nicht. Sie hielt sich wieder einen Finger an die Lippen und bedeutete ihm, still zu sein.
„Also gut. Aber was ist mit…Giles?"
„Oh mein Gott! Du bist echt…echt widerlich!"
„Warum? Er ist auch ein Kerl!"
„Er ist ja ganz nett", meinte eines der Mädchen. „Aber nicht so ganz meine
Altersklasse."
„Stimmt", lachte eine Andere. „Da müsste man schon vierzig Jahre älter sein und auf pingelige Engländer stehen."
„Okay, okay", meldete sich eine leise Stimme zu Wort. „Und was haltet ihr von … Spike?"
Stille trat ein, aber nur für einen sehr kurzen Moment.
„Habt ihr seine Augen gesehen?", schwärmte eine Stimme. „Ein so tiefes Blau habe ich nie zuvor gesehen!"
„Wer guckt bei dem Körperbau denn auf die Augen?", echote eine Andere. „Also wirklich!"
Buffy kam nicht drumherum, den Vampir anzugrinsen. „Du hast Fans", meinte sie und er lachte breit.
„Mal was anderes als die üblichen Todfeinde", erwiderte er und zwinkerte ihr zu. „Aber jetzt still! Ich will wissen, was sie sonst noch über mich sagen."
„Habt ihr alle vergessen, dass er ein Vampir ist?", schnaufte eine der Anwärterinnen aufgebracht. „Ihr seid unmöglich!"
„Wen interessiert das?", motzte eine Andere. „Hmm… Der dürfte mich gerne mal anknabbern", meinte sie dann und kicherte.
„Iiiih! Du bist wirklich eklig! Das hätte ich nicht von dir gedacht!", kreischte eines der Mädchen. „Du denkst auch immer nur an das eine! Er ist ein Vampir. Da sollte man bestimmt nicht… bestimmt nicht an Sex denken!"
„Warum? Er ist tot, extrem lecker und außerdem kämpft er auf
unserer Seite", verteidigte sich die Erste. „Also, wenn kümmert das?"
„Er hat schon was", meldete sich eine andere Stimme zu Wort. „Auch wenn ich das
blondierte Haar etwas übertrieben finde."
Eine laute Streiterei über Spikes Haarfarbe entbrannte und der Vampir schüttelte
oben in der Küche den Kopf. „Was haben die gegen meine Haarfarbe?"
„Oh Mann", rollte Buffy mit den Augen. „Das extrem lecker hat dir wohl
besser gefallen!" Sie schüttelte den Kopf. „Das sind kleine Mädchen, die keinen
blassen Schimmer haben, was ein Vampir wirklich ist!"
„Mag sein", erwiderte er trotzig. „Mir gefällt meine Haarfarbe
jedenfalls sehr gut."
„Psst", machte Buffy, da er in voller Lautstärke gesprochen hatte. Sie seufzte
leise und deutete auf die Kellertür. „Es wird gerade wieder interessant!"
„Jedenfalls wäre Spike jemand, den ich garantiert nicht abweisen würde", meinte eine der Anwärterinnen. „Er ist echt…rattenscharf!"
„Ich habe gehört, Vampire könnten besonders lange…ihr wisst schon…"
„Wäre einen Versuch wert", feixte eine Andere.
Buffy hatte genug gehört. Sie lehnte die Tür an und zog den Vampir ins Wohnzimmer. Dort angekommen ließ sie jegliche Beherrschung fallen und fing laut an zu lachen.
„Was ist daran so lustig?", schnaubte Spike beleidigt. Er fühlte sich in seiner männlichen Ehre verletzt und starrte die Jägerin finster an. „Sag mir auf der Stelle, was daran so lustig ist!"
„Eigentlich gar nichts", erwiderte Buffy und hatte Mühe, nicht wieder in Gelächter auszubrechen. „Aber sie haben so manches Mal den Nagel auf den Kopf getroffen."
Das klang schon besser. Fand Spike jedenfalls.
„Was meinst du?", grinste die Jägerin plötzlich hinterhältig. „Was hältst du davon, ihnen die Realität mal wieder etwas näher zu bringen?"
„Was soll das heißen?", fragte der Vampir einigermaßen verwirrt.
„Ich meine, dass du da mal runter gehst und den großen bösen Wolf spielst", sagte Buffy leise. „Sie haben scheinbar nicht begriffen, was ein Vampir wirklich ist. Sie sind in irgendwelchen komischen Schwärmereien gefangen und das sollten wir schleunigst ändern."
Jetzt war es Spike, der grinste. „So richtig böse? Wie in den guten alten Zeiten?" Voller Vorfreude klatschte er begeistert in die Hände. „Das wird bestimmt lustig!"
„Aber sicher", lachte Buffy und schob ihn zurück in die Küche. „Viel Spaß", raunte sie ihm leise zu und öffnete ihm die Kellertür.
Mit einem Schlenkern des Kopfes ließ Spike seinen Dämon frei,
lockerte noch kurz seine Nackenmuskulatur und stürmte dann mit wildem Fauchen
die Treppe hinab. „Ladies", zischte er. „Schön, euch zu sehen!"
Sofort drang ein wildes Kreischen die Treppe hinauf und Buffy lächelte amüsiert.
Es war gut, dass die Mädchen mal wieder ein bisschen von der Wirklichkeit zu
sehen bekamen und sie vertraute da ganz auf Spike. Er würde es ihnen schon
beibringen.
„Wer hat Angst vorm bösen Wolf?", fragte er gerade und die Jägerin stahl sich auf die Treppe. Sie wollte es nicht nur hören. Sie wollte es auch sehen!
Spike, im vollen Vampirmodus, hatte die Arme ausgebreitet und drängte die Anwärterinnen so in eine Ecke des Raums. „Na, na, na", machte er höhnisch und schüttelte den Kopf. „Wer wird denn da Angst haben?" Er lachte abgehackt und trieb sie noch enger zusammen.
Buffy nickte anerkennend. Er hatte es immer noch voll drauf. Die Mädchen zitterten und klammerten sich aneinander fest und sie war gespannt, ob sich eine vorwagen würde. Würde es sich eines der Mädchen zutrauen, ihn zurückzuhalten? Doch nichts geschah und Buffy wartete ab, was weiter passieren würde.
„Wer von euch Süßen hat denn eben noch behauptet, ich wäre rattenscharf?" Er machte einen Ausfallschritt auf die verängstigte Gruppe zu und lachte fies, als die Mädchen aufschrieen. „Oh, und eine hat doch behauptet, ich dürfte sie gerne mal anknabbern."
Der Vampir machte einen riesigen Aufstand und Buffy musste sich ein Lachen verkneifen, als eine der Anwärterinnen ohnmächtig zusammenklappte. „Weichei", murmelte sie und schüttelte den Kopf.
„Also", fauchte der Vampir. „Wer von euch war das?" Er lief auf und ab und ließ gekonnt seinen schwarzen Ledermantel wehen. „Keine?", bellte er. „Dabei habe ich es laut und deutlich gehört! Hat euch denn niemand verraten, das mein Gehör bedeutend besser ist als eures?" Blitzschnell griff er eines der Mädchen aus der Gruppe heraus, wirbelte es herum und ließ seine Fangzähne über ihren Hals gleiten. „Du bist bestimmt lecker", hauchte er hinterhältig in ihr Ohr und grinste begeistert, als sie anfing zu weinen. Auch wenn das alles nur ein Spiel war, es machte ungeheuer Spaß, wieder einmal den Big Bad raushängen zu lassen.
Die Mädchen jammerten, als er sich wieder über den Hals des von
ihm gefangenen Mädchens beugte. „Was?", erkundigte er sich fies. „Habe ich etwa
die Falsche?" Er lachte laut auf und riss eine weitere Anwärterin in seine
Umklammerung. „Hat euch niemand gesagt, dass ein Vampir tatsächlich Menschen
tötet? Vor allem immer dann, wenn jemand seine Ehre verletzt!"
„Wir haben nicht… wollten nicht…", murmelte eine der Anwärterinnen mit Tränen in
den Augen. „Es war… war doch nur Spaß!"
„Was meinst du?", fragte Spike und Buffy wusste sofort, dass er mit ihr sprach.
„Ich denke, das reicht für heute!" Ganz langsam kam sie die Treppe herunter und feuerte giftige Blicke auf die Mädchen ab. Sie baute sich neben dem Vampir auf und dieser entließ die beiden Anwärterinnen aus seiner Umklammerung. „Nicht mehr ganz so rattenscharf wie noch vor ein paar Minuten, oder?", erkundigte sie sich, doch keines der Mädchen traute sich, etwas zu sagen.
„Scheinbar nicht", grinste Spike, lehnte sich gegen die Kellerwand und zündete sich eine Zigarette an.
„Spike", sagte Buffy leise und deutete auf ihn, „ist kein Teddybär! Er ist und bleibt ein Vampir! Ein Dämon, der sich am liebsten von Menschenblut ernährt!" Sie blickte jedem Mädchen einzeln in die Augen und half dann demjenigen auf, dass bewusstlos zusammengebrochen war. „Er hat Kräfte, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt und er ist jederzeit bereit, sie auch einzusetzen! Er kann euch in Sekundenbruchteilen den kompletten Lebenssaft aus den Adern saugen und glaubt mir, ihr könnt euch glücklich schätzen, dass er sich entschieden hat, auf unserer Seite zu kämpfen!" Sie funkelte die Gruppe wütend an, doch noch immer wagte es keine zu widersprechen und so fuhr sie fort. „Haltet euch lieber an euren blinden Golfer", brummte sie und schickte die Anwärterinnen mit einer Handbewegung zur Treppe. „Ach übrigens", rief sie ihnen hämisch hinterher. „Ich wünsche euch allen süße Träume!"
„Das hat Spaß gemacht", lachte Spike, als alle Mädchen verschwunden waren. „Aber schade ist es schon", meinte er dann und trat seine Zigarette aus. „Jetzt habe ich meine Fans vergrault."
„Nicht ganz", erwiderte Buffy und lächelte spitzbübisch. „Fans sind hartnäckig. Sie kommen immer wieder zurück!"
Ende