Titel: Raging Screams
Autor: Silentthunder
Inhalt: Darla nimmt Rache. Eine kalte, grausame und fürchterliche Rache,
für alles, was sie als Mensch durchleben musste.
Altersfreigabe: ab 16!
Teile: 1
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Darla

                                                                  Raging Screams

 

Behutsam und auf jeden Laut achtend schlich sie durch die Finsternis der eiskalten Winternacht. Neuerdings musste sie wachsam sein. Zu viele Vampire trieben sich in dieser kleinen schmutzigen Stadt herum und die vielen Leichen, die deren ausgedehnte Festmahle hinterließen, ließen sich kaum noch verbergen. An allen Ecken und Enden der Stadt türmten sich Leichenberge auf, da der Bestatter der Stadt es nicht schaffte, genügend Gräber in der tief gefrorenen Erde auszuheben.

Die armseligen Menschen versuchten nun durch gemeinsame Nachtwachen zu retten, was noch zu retten war. Sie lachte leise vor sich hin. Wie hilflos diese bejammernswerten Wesen doch waren, wenn es um Angelegenheiten ging, die der rationale menschliche Verstand nicht einordnen konnte.

Tatsächlich brauchte sie sich angesichts der lächerlichen Gestalten keine Sorgen zu machen. Aber sie war ebenfalls klug genug, einem wütenden Mob freiwillig aus dem Wege zu gehen.

Im Grunde hielt sie hier nichts mehr. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt, wieder einmal. So wie in jeder verdammten Stadt, in die sie kam. Darla lachte höhnisch. Und wie sie sie erfüllt hatte. Keiner ihrer „Freier" hatte überlebt. Noch immer, über hundert Jahre nach ihrer Verwandlung in einen Vampir, konnte sie ihre Rachegelüste kaum zügeln.

Gut, sie war seinerzeit eine Hure gewesen, aber vergessen hatte sie diese abscheuliche Phase nicht. Niemals würde sie vergessen, wie diese widerwärtigen Männer sie behandelt hatten. Grausamer als ein Stück Vieh! In den Augen der Mannsbilder war sie ein Nichts gewesen. Ein Etwas, mit dem man anstellen konnte, was man wollte. Und auch wenn jetzt ein Vampir ihre menschliche Form ausfüllte, ihre Rachegelüste waren dadurch nicht verschwunden. Nicht weniger geworden. Eher im Gegenteil. Jetzt endlich hatte sie die Kraft, sich an ihren Peinigern zu rächen.

Als Mensch hatte die Syphilis sie langsam und qualvoll dahingerafft, angesteckt von schmutzigen, dreckigen Bastarden. Nur dem Meister hatte sie es zu verdanken, ihrer sterbenskranken menschlichen Hülle entkommen zu sein. Sie würde ihm auf ewig dankbar sein, aber nun ging sie ihren eigenen Weg. Ihren eigenen, einsamen, grausamen Weg.

Diese kleine elende Stadt hatte die Hälfte ihrer männlichen Einwohner verloren und die meisten davon gingen auf ihre Rechnung. Sie hatte sich an deren Blut gelabt, hatte sie verspottet, gequält und gefoltert. Genauso, wie sie einst misshandelt worden war. ‚Und es ist noch viel zu gut gewesen für diese missratenen Schwächlinge’, schimpfte sie missmutig.

Darla zog den Umhang enger um sich. Die Kälte konnte ihr nichts anhaben und doch gab es etwas, was sie schmerzlich vermisste, wenn sie durch die menschenleeren dunklen Straßen lief. Wärme. Sie selbst war kalt. Eiskalt. Totes Fleisch speicherte keine Wärme und so nahm ihr Körper jede Art der Hitze dankbar entgegen. Sei es das köstlich warme Blut eines Menschen oder ein bescheidenes Kaminfeuer.

Wie ein schrecklicher, todbringender Schatten huschte sie an den armseligen Häusern und Hütten vorbei. Der beißende, abstoßende Gestank der kranken Geschöpfe war ekelerregend. Sie wusste, es war an der Zeit, dieses erbärmliche Kaff zu verlassen. Irgendeine Krankheit war über das halbverhungerte Volk hergefallen und würde ihre Arbeit weiterführen. Würde dafür sorgen, dass von diesem erbärmlichen Nest nichts weiter übrig blieb als verbrannte Erde.

Darla schwelgte in Erinnerungen, als sie sich auf den Weg in ihre bescheidene Behausung machte. Eine Behausung, die ehedem einer gut betuchten Dame gehört hatte.

Zufällig hatte diese Lady die gleiche Größe und Statur gehabt, wie sie selbst. ‚Immer wieder nett, wie ich das schaffe’, grinste sie selbstzufrieden vor sich hin. Zweifelsohne war es kein Zufall, nein, sie spionierte die beste Partie für sich aus und sorgte so für immer neue aktuelle Mode in ihrem bescheidenen Gepäck.

Auch, wenn sie Vampir war, sie würde deswegen mit absoluter Gewissheit nicht in irgendwelchen billigen Absteigen oder gar Höhlen hausen. Sie hatte Besseres verdient! Als Mensch war sie vielleicht der Abschaum der Menschheit gewesen, die unterste Stufe der Rangordnung. Jetzt stand sie weit über den normal Sterblichen und sie würde dafür sorgen, dass sich das nicht änderte.

 

Noch zwei kleine Gassen, dann war sie bei dem Haus, das sie nur noch für kurze Zeit bewohnen würde. Langsam war es an der Zeit, die Sachen zusammenzupacken und für eine gute Reisemöglichkeit zu sorgen. Es war nicht immer leicht, Kutschen zu finden, die nur nachts fuhren. Aber mit genügend Geld war alles möglich. Genau das hatte ihr die nette Lady hinterlassen, die jetzt ohne einen Tropfen Blut in ihrem dunklen kalten Kellerloch ruhte.

Darla rieb die Hände aneinander. Es wurde Zeit, sich ein wenig aufzuwärmen. Das Feuer im Kamin würde sie bereits empfangen. Dafür hatte sie gesorgt, bevor sie ausgegangen war. Auch, wenn die Flammen nur noch klein sein würden, es würde ausreichen, um das Gefühl von Lebendigkeit aufkommen zu lassen. Zumindest einen kurzen flüchtigen Augenblick.

Kurz, bevor sie um die letzte Straßenecke bog, stockte sie. Sie drückte sich flach an die nächste Hauswand und lauschte angestrengt. Sie hörte Stimmen. Zwei Betrunkene pöbelten die Menschen an, die trotz der späten Nachtstunde noch unterwegs waren. Darla kannte diese Nachtschwärmer. Es waren Prostituierte und ihre Freier, die sich trotz der Kälte herumtrieben. Sie warf einen kurzen Blick auf das Geschehen und sofort wurde ihr Blick finster.

Mitten auf der Straße stand ein Mann. Nun, stehen konnte man es wahrheitsgemäß nicht mehr nennen, aber es hielt ihn nicht davon ab, lächerliche Sprüche von sich zu geben und allen Röcken hinterher zustarren.

Das war genau der Typ von Mann, den Darla so abgrundtief verabscheute. Ihre Augenbrauen zogen sich zornig zusammen und der alte, tief verwurzelte Hass trat wieder einmal an die Oberfläche. „So eilig habe ich es dann doch nicht", flüsterte sie leise vor sich hin und lächelte. „Die Menschheit sollte mir dankbar sein, wenn ich sie von diesem Abschaum befreie, bevor ich aufbreche!"

Sie sah dabei zu, wie der Mann über die Straße stolperte, schließlich über seine eigenen Füße strauchelte und unsanft auf seinem Hosenboden landete. Sein Kumpan war mit einer Hure in der nächsten engen Seitengasse verschwunden und so hatte sie leichtes Spiel.

Wie ein dunkler Fleck huschte Darla die wenigen Meter auf den Betrunkenen zu und beförderte ihn mit einem kurzen heftigen Schlag ins Land der Träume. Sie würde ihm genügend Zeit geben, wieder völlig zu sich zu kommen, aber die Sonne würde er niemals wieder sehen. Er hatte es nicht verdient zu leben. Hatte es nicht verdient, die Wärme zu spüren, die durch seine Adern kreiste. Sie würde diese Hitze übernehmen, sich daran laben und für eine kurze Zeit genießen. Solange genießen, bis der unstillbare Hunger wieder zum Vorschein kam und das nächste Opfer forderte.

 

 

Der Morgen brach beinahe heran und Darla hörte die ersten wimmernden Laute, die ihr Mitbringsel von sich gab. Sie hatte ihn geknebelt, gefesselt und in dem kleinsten Schrank untergebracht, den sie im Haus finden konnte. Mehr als eine hockende Haltung konnte ihr Opfer nicht einnehmen und sie überlegte, wie lange es noch dauern würde, bis er seine Arme und Beine nicht mehr spürte.

Er würde leiden. Lange leiden und bluten. Nur für sie bluten. Nur für ihre kurzweilige Befriedigung. Genauso leiden, wie sie es für das Vergnügen der Männer getan hatte. Immer und immer wieder.

Wieder kochte die Wut in ihr hoch und sie fragte sich, ob sie jemals weniger werden würde. Würde sie sich bis an das Ende der Welt an diesen abstoßenden Mannsbildern rächen? Würde sie jemals damit abschließen können? Würde sie jemals vergessen oder würde sie ihr unendliches Leben mit dem Durst nach Rache verbringen?

„Du hast jede Menge Zeit darüber nachzudenken", sagte sie zu sich selbst. „Jetzt hast du Besseres zu tun. Angenehmeres." Ihr Lachen war beinahe teuflisch. Jetzt würde sie die Angst und die Panik ihres Opfers genießen. Sie auskosten und sich an den Tränen eines erwachsenen Mannes erfreuen.

Gemächlich schritt sie den langen, dunklen Flur hinab. Sorgsam hatte sie darauf geachtet, jedes Fenster, jeden Ritz und jede noch so kleine Spalte abzudecken, durch den sich das Sonnenlicht einen Weg in das Innere bahnen könnte. Sie war hier sicher. Zumindest im Moment.

Die winselnden Geräusche ihres Opfers wurden lauter, als sie sich dem kleinen Schränkchen näherte. Das Möbelstück war kaum größer als ein Reisekoffer und sie fragte sich, wie viele Knochen sie dem Mann gebrochen hatte, als sie ihn dort hineingezwängt hatte. Sie lächelte verschmitzt, verdient hatte er es alle Mal.

Darlas Gesicht verwandelte sich in eine Fratze, als der Duft der Angst in ihre Nase drang. Ihre Stirn wölbte sich, ihre Augen leuchteten golden in der Dunkelheit und die ehedem glatten, schönen Gesichtszüge verwandelten sich in eine Maske des Grauens. Mit ihren krallenartigen Fingernägeln fuhr sie geräuschvoll über das glatt polierte Holz und sie konnte hören, wie der Herzschlag des Mannes vor Furcht in die Höhe schnellte.

Jede Sekunde auskostend, öffnete sie die verriegelte Tür und nahm mit Genugtuung die nackte Panik ihres Opfers wahr, als er ihre ganze schreckliche Herrlichkeit sah. Er versuchte zu schreien, als sie ihm sanft über die Wange fuhr und sie lachte verächtlich.

„Was ist denn, mein Liebling? Du hast doch nicht etwa Angst vor mir?", gurrte sie und riss ihm mit dem Fingernagel die Haut auf der Wange auf. Genüsslich kostete sie sein Blut und spuckte es sofort fassungslos wieder aus. Diese schreckliche Krankheit hatte ihn befallen und sein Lebenssaft schmeckte entsetzlich bitter. Sie zuckte mit den Schultern. Es war nicht wichtig. Wichtig war nur sein Tod.

Ihre Hand umklammerte das derbe Hemd am Hals des Mannes und sie riss ihn mit nur einer einzigen fließenden Bewegung aus seinem engen Gefängnis. Achtlos, wie ein Stück Dreck, ließ sie ihn auf den Boden fallen und war Augenblicke später über ihm.

„Soll ich dir erlauben zu schreien?", fragte sie ihn mit verführerischer Stimme und bog mit Leichtigkeit seine steif gewordenen Beine durch. Das Knacken der Gelenke ließ sie spöttisch grinsen. „Oh, mein Schatz. Habe ich dir etwa wehgetan? Habe ich dir etwa gerade die Knochen gebrochen?" Ihre Stimme war sanft und stand im kompletten Gegenteil zu ihrem grauslichen Gesicht. „Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber es tut mir nicht einmal leid", erklärte sie ihm dann. „Es werden nicht die letzten gewesen sein."

Darla zerfetzte mit ihren Klauen das Hemd des Mannes. Ihr war ziemlich egal, wie viel Fleisch sie gleich mit erwischte. Das Blut lief in Strömen seinen Bauch herab und der Geruch von Urin drang in ihre Nase. Sie wandte sich angewidert ab und stand auf. „Widerlich", schimpfte sie. „Unglaublich, wie erbärmlich ihr Kerle werden könnt, wenn ihr einmal nicht die Oberhand habt."

Sie verließ das Zimmer, um in die Küche zu gehen. Immerhin hatte sie nicht umsonst einen großen Kessel mit Wasser über der Feuerstelle hängen. Die Flüssigkeit kochte nicht, aber es fehlte nicht mehr viel und sie lächelte. Ihr Gesicht hatte sich zurückverwandelt und sie wirkte wie eine glückliche zufriedene Frau der feinen Gesellschaft. Genau das war einer ihrer großen Vorteile. Sie war wunderschön und das wusste sie auch. Sie würde bis ans Ende der Zeit Männer verführen, quälen und töten.

Sie schützte ihre Hand mit einem Tuch vor der Hitze und nahm den schweren Kessel vom Haken. Behände, als hätte sie nur eine Tasse Tee in der Hand, ging sie zurück zu ihrem Opfer. Sie lächelte, als sie bemerkte, dass er trotz seines Zustands versucht hatte zu fliehen. Er robbte jaulend über den Holzboden und erstarrte vor Schreck, als er sie bemerkte.

„Mein Schatz, wo willst du denn hin?", flirtete sie. „So wie du aussiehst, kann ich dich nicht gehen lassen." Sie baute sich vor ihm auf, wartete, bis er sie ansah. „Du solltest dich einmal ordentlich waschen!" Darla goss ihm den Inhalt des großen Kessels über Kopf und Körper.

Aufgrund der enormen Schmerzen versuchte das Opfer zu schreien, doch der Knebel in seinem Mund verhinderte es. Er zuckte unkontrolliert und Darla bewunderte seine Widerstandskraft. Er hatte einen starken Lebenswillen und auch, wenn sich seine Haut bereits vom Körper löste, wollte er nicht aufgeben. Nicht sterben. Viele Minuten sah sie zu, wie er sich wand und quälte, dann hatte sie die Lust daran verloren und sie beendete das Ganze, indem sie ihm kurzerhand das Genick brach.

„Widerlich", sagte sie zu der Leiche. „Nicht einmal sterben könnt ihr Dreckskerle."

Sie durchquerte den Raum und öffnete die Luke, die in den einzigen Kellerraum des Hauses führte. Ihre Gastgeberin lag noch immer mit verdrehten Gliedmaßen auf dem dreckigen Lehmboden. Allerdings hatten die Ratten sich an ihr gütlich getan und von dem ehedem hübschen Gesicht war kaum noch etwas zu erkennen. „Du bekommst Gesellschaft", spuckte sie der Toten entgegen.

Schnell hatte sie die Überreste ihres Opfers an den Rand der Falltür geschleift und sie warf einen letzten Blick auf sein entstelltes Gesicht. „Auf ein Wiedersehen in der Hölle", wünschte sie ihm und warf ihn hinab in die ewige Dunkelheit.

Ein letztes Mal sah sich Darla im Raum um. Ja, sie war hier fertig. Sie hatte alles erledigt und nun war es an der Zeit, für immer von hier zu verschwinden. Sie kontrollierte ihre Kleidung und ihre Frisur und verließ gutgelaunt und zufrieden das Zimmer. Sie musste jetzt packen. Dann würde sie schlafen und sobald die Sonne untergegangen war, würde sie sich um eine Kutsche kümmern, die sie aus diesem schrecklichen Kaff bringen würde. Sie wusste auch schon genau, wo sie hin wollte. Irland. Dort gab es bestimmt viel für sie zu tun und sie musste wissen, ob irische Männer genauso köstlich waren wie die englischen.

Darla lachte. Vielleicht fand sie ja jemand ganz Besonderen dort. Jemand, der ihre Art zu leben und ihre Art zu quälen und töten genauso liebte, wie sie selbst.

„Wir werden sehen", sagte sie zu sich selbst. „Wir werden es ja sehen!"

 

Ende