Titel: Never a Time
Autor: Silentthunder
Inhalt: Buffy hat die Möglichkeit eine Menge Geld zu verdienen.
Sie hat nur ein Problem, sie muss Spike mitnehmen.
Altersfreigabe: keine!
Teile: 11
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Buffy/Spike

                                                                  Never a Time

 

„Buffy…! Telefon…!", Dawn Summers rief so laut nach ihrer Schwester, das diese sofort alarmiert in die Küche stürmte und ihrer Schwester den Hörer aus der Hand riss.

„Wer ist es denn?", die Jägerin deckte mit einer Hand den Hörer ab und blickte ihre jüngere Schwester fragend an.

Dawn schüttelte jedoch nur mit ernster Miene den Kopf und lehnte sich dann mit verschränkten Armen an den Küchentresen.

Die Jägerin rollte genervt mit den Augen, drehte sich zur Seite und meldete sich schließlich. „Summers."

„Hi Buffy, ich bin es."

„Angel? Oh Gott! Ist etwas passiert?"

Der Vampir schmunzelte hörbar. „Nein, ausnahmsweise nicht. Es steht auch kein Weltuntergang bevor, zumindest wüsste ich von keinem."

„Na ja, normaler Weise rufst du aber nur aus solchen Gründen an", beschwerte sich Buffy enttäuscht.

„Diesmal hätte ich dir einen Job anzubieten. Sogar einen gut bezahlten."

„Das ist ein Witz, oder?" Buffy runzelte die Stirn. Das konnte nur ein Witz sein.

„Nein, kein Witz! Eigentlich hatte ich den Auftrag angenommen, allerdings haben wir hier im Moment ein, ähm… kleines Problem mit mehreren Kroyx Dämonen. Ich schaffe es zeitlich einfach nicht."

„Ach, diese zwei Meter großen Kerle mit den blauen Hörnern?", Buffy öffnete den Kühlschrank, fischte eine Dose Diätcola heraus und öffnete sie zischend. „Ist auch egal. Was für ein Job soll das sein?"

„Es könnte ein Geist sein, ein Poltergeist oder vielleicht etwas völlig anderes."

„Geister jagen?", die Stimme der Jägerin klang wenig begeistert. „Ich denke, da bin ich die falsche Anlaufstelle. Da brauchst du eher eine Hexe, von mir aus auch einen Priester."

„Wir wissen nicht genau, um was es sich handelt. Vor allen Dingen ist es sehr gut bezahlt, scheinbar ist der Hausbesitzer mit den Nerven völlig fertig und ist bereit, eine Menge Geld auszugeben."

„Wie viel ist eine Menge?", Buffy zog einen der Küchenstühle zurück, stellte die Coladose auf den Tisch und setzte sich.

„15000 Dollar. Und wenn du das Problem beseitigst, noch 10000 zusätzlich." Die Stimme des Vampirs wurde sanft. „Ich denke, du könntest es im Moment sehr gut brauchen."

Die Jägerin verschluckte sich, hustete und brachte mit krächzender Stimme ihre nächste Frage hervor. „Hab ich das jetzt richtig verstanden? Ich bekomme schon 15000 Dollar, wenn ich nur einmal hinfahre?"

Dawn machte große Augen, als sie Buffys letzten Worte gehört hatte, sie ging rasch auf ihre Schwester zu, zupfte wie wild am Pullover der Älteren und nickte grinsend.

Buffy schüttelte sie ab, zeigte dann mit dem Finger auf sie und dann auf die Küchentür. „Raus!", zischte sie leise und guckte ihre kleine Schwester böse an.

Dawn grummelte und machte extra viel Krach, als sie beleidigt aus dem Raum ging, die Tür knallte ins Schloss und vom Flur her konnte man ein lautes „Schwestern" hören.

Die ältere Summers schüttelte kurz den Kopf und wandte sich dann wieder dem Telefongespräch zu. „Erklär mir das bitte einmal genauer." Sie lauschte gespannt Angels Bericht und nickte hin und wieder. „England?", meinte sie dann überrascht. „Wie stellst du dir das denn vor?" Die Jägerin wurde immer ruhiger, sie hörte nach wie vor zu, was der beseelte Vampir zu berichten hatte, aber ihre Enttäuschung wuchs. ‚Ich kann doch nicht einfach nach England fliegen, auch wenn ich das Geld noch so gut gebrauchen könnte.’

„Ich kann ja mal mit den anderen sprechen, aber ich glaube nicht…"

„Ich weiß zufällig, dass am Höllenschlund im Moment Ruhe herrscht", unterbrach Angel sie. „Du solltest dir das wirklich gut überlegen."

„Mach ich", versprach Buffy und unterbrach mit einem Knopfdruck das Gespräch. Erschrocken starrte sie das Telefon an, überlegte, ob sie neu wählen sollte und legte dann entschieden das Gerät auf den Küchentisch.

„Und?", Dawn stand in der Tür und schaute ihre große Schwester fragend an. „Fliegst du nach England?"

„Wenn das so einfach wäre… Du weißt genau, dass Willow und Tara dieses Wochenende nicht da sind, wo willst du denn so lange bleiben?"

„Es sind Herbstferien, ich könnte Janice Mom fragen, ob ich da übernachten könnte, zur Not gehe ich zu Xander und Anya", meinte sie schulterzuckend. „Buffy! Dieses Geld könnten wir wahnsinnig gut gebrauchen", flehte Dawn ihre Schwester an.

„So einfach ist das nicht, ich bin immerhin…"

„Ja! Ich weiß! Jetzt kommt wieder dieser Jägerinnenmist. Wenn du jedenfalls dafür bezahlt werden würdest…"

Buffy seufzte schwer, trank einen Schluck von ihrer Cola und sah ihre kleine Schwester an. „Ich werde alle zusammentrommeln und mal mit den anderen reden, vielleicht klappt es ja doch irgendwie."

Dawn nahm das Telefon vom Tisch, wählte die erste Nummer und drückte der Blonden das Gerät lächelnd in die Hand. „Bitte schön!", strahlte sie und lief aus der Küche.

 

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Buffy lief, nervös ihre Hände knetend, um den Tisch in der Magic Box und versuchte ihren Freunden, Angels Angebot zu erklären. Sie beendete ihre Wanderung und blieb vor ihrer Schwester stehen, die ihr aufmunternd zunickte.

„Aber selbstverständlich fliegst du", antwortete Willow sofort, nahm ihre Tasse mit dampfendem Kräutertee vom Tisch und trank vorsichtig einen kleinen Schluck. Dann wandte sie sich an Tara und blickte ihre Geliebte fragend an.

„Willow hat Recht, solch ein Angebot bekommst du so schnell nicht wieder", bemerkte diese leise und griff nach der freien Hand der Rothaarigen.

„Es ist ja nicht so, als ob ich dir das Geld nicht gönne", meinte Xander vorsichtig und blickte Buffy an. „Aber Willow und Tara sind auch nicht da, wer soll denn auf den Höllenschlund aufpassen?"

„Wir", rief Anya und sah von dem Kassenbuch auf, das sie wie jeden Abend drei Mal kontrollierte.

Überrascht sah der Dunkelhaarige seine Freundin an. „An, Schatz. Wie stellst du dir das vor? Keiner von uns beiden hat irgendwelche besonderen Fähigkeiten. Was sollen wir tun? Die Vampire zu Tode quatschen?"

„Manchmal kannst du dich wirklich unglaublich blöd anstellen", erwiderte die Ex-Dämonin kopfschüttelnd. „Spike ist auch noch da, es kann nicht viel passieren und Willow und Tara sind auch nur zwei Tage weg."

„Ich bin nicht hier", warf der Vampir ein, der bis jetzt gelangweilt an einem der vielen Bücherregale angelehnt gestanden hatte.

„Wieso? Wo bist du denn?", blickte Buffy den Vampir überrascht an.

„Ich fliege mit dir!"

„Wie kommst du auf den bescheuerten Gedanken?", fragte Xander erschrocken und kippte fast mit seinem Stuhl um.

„Weil ich der einzige bin, der ihr wirklich helfen kann."

„Um was geht es hier? Geht es dir um das Geld?", fragte die Jägerin mit hochgezogenen Augenbrauen und blickte den Vampir abwartend an.

„Eigentlich hat er Recht", warf Tara unsicher ein und strich sich verlegen eine verirrte blonde Strähne hinter das Ohr. „Willow kann nicht mit und niemand weiß, was dich in England erwartet."

„Stimmt", sprang Dawn, den Vampir unterstützend, sofort ein.

„Seid ihr jetzt alle durchgedreht? Wie könnt ihr dabei überhaupt überlegen", rief Xander aufgeregt und sprang von seinem Sitzplatz auf. „Das ist ja wohl das Allerletzte!"

Buffy durchquerte den Raum, blieb direkt vor dem Vampir stehen und sah ihn ernst an. „Was willst du wirklich? Wieso willst ausgerechnet du mit?"

„Mal ein anderes Klima wäre zur Abwechselung ganz nett", grinste er sie frech an. „Außerdem will ich nicht mit dem Idioten hier zurückbleiben", erwiderte er und deutete mit dem Daumen auf den Dunkelhaarigen.

„Spike? Wie machst du das denn im Flugzeug?", wollte Dawn wissen und stellte das Glas mit Froschaugen zurück ins Regal, das sie bisher interessiert betrachtet hatte.

„Den Weg zum Flughafen lass mal meine Sorge sein", erwiderte der Vampir sofort. „Außerdem brauche ich mir ja nicht unbedingt einen Fensterplatz aussuchen. Und, wenn das Wetter in England immer noch so ist wie früher, sehe ich eigentlich wenig Probleme für mich."

„Die Frage ist nur, ob Buffy dich überhaupt mitnehmen will?", warf Willow zaghaft ein. Sie kramte ihren Laptop heraus, klappte ihn auf und drückte Xander das Kabel für die Verbindung in die Hand.

Die Jägerin blickte ihre kleine Schwester an und sah diese als Antwort zaghaft nicken. Sie schaute hinüber zu Spike, doch ausnahmsweise verzog dieser keine Miene und starrte nur abwartend zurück.

„Okay, ich frage Angel. Wenn der Typ aus England auch seine Reise bezahlt, kann er mit. Ich weiß jetzt schon, das ich das bereuen werde…"

„Wieso Reisekosten? Wir stecken ihn einfach in einen Sarg und schicken ihn als Paket", grinste Xander gut gelaunt.

„Die Idee ist gar nicht mal schlecht, Welpe", erwiderte der Vampir und kniff überlegend ein Auge zu.

„Auf gar keinen Fall spiele ich die trauernde Witwe!", warf Buffy sofort ein.

„Die würde dir auch niemand abnehmen", erwiderte Anya trocken, ohne von ihrer Abrechnung aufzusehen.

Willow grinste Buffy an und hielt sich dann die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen. „Hah, ich habe hier was", rief sie dann, den Lachanfall unterdrückend. „Ich habe hier einen Direktflug von L.A. nach Edinburgh."

„Warum Edinburgh? Ich dachte, dieses Carlisle liegt in England?", Xander öffnete die Donutschachtel, die, wie jeden Tag, auf dem Tisch stand, und angelte sich einen mit Zuckerguss heraus.

„Liegt es auch", erklärte die Rothaarige. „Allerdings ganz im Norden, fast an der schottischen Grenze. Edinburgh ist näher dran als Manchester oder sogar London."

„Ach so", antwortete Xander kauend. „Also können wir unser Paket ja in aller Ruhe abschicken."

„Du willst nicht wirklich als Paket verschickt werden, oder?", Dawn sah den Vampir fragend an.

„Warum nicht?", grinste Spike. „Wenn das Paket groß genug ist. Das erspart mir eine Menge Probleme."

„Okay!", rief Buffy laut, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Wenn ich das richtig verstanden habe, dann fliege ich, ja?", sie blickte fragend von Einem zum Anderen und sah alle zustimmend nicken. „Gut, dann telefoniere ich jetzt mal mit Angel." Sie kramte ihr Handy aus der Hosentasche und ging hinaus in den Trainingsraum.

Zehn Minuten später kehrte sie lächelnd zurück. „Es ist alles geklärt, ich kann fliegen, sobald ich Zeit habe." Sie zeigte auf Spike. „Du kannst auch mit, Mr.Benson-Cox weiß, dass du ein Vampir bist und wird die Frachtkosten tatsächlich übernehmen."

Allerdings verschwieg sie, wie wenig begeistert Angel von der Idee war, den blonden Vampir mitzunehmen. Sie hatte lange mit ihm diskutiert und schlussendlich hatte Angel sogar zugesagt, im Notfall nach Sunnydale zu kommen und auszuhelfen. Dawn konnte, solange sie wegblieb, bei Janice übernachten, alles war in bester Ordnung und die Jägerin freute sich auf die bevorstehende Abwechslung und vor allen Dingen auf die Bezahlung.

„Dann kann ich euch ja einen Flug buchen", grinste Willow, klappte ihr Laptop wieder auf und wählte die gewünschte Seite an.

Teil2

Gut gelaunt und ausgeruht verließ Buffy zwei Tage später die Linienmaschine, die sie von L.A. direkt in die Hauptstadt Schottlands geflogen hatte. Sogar das Wetter schien sie willkommen zu heißen. Die Sonne strahlte und tauchte den Morgen in ein warmes, goldenes Licht.

Buffy hatte die Hälfte der Flugzeit verschlafen, und die ältere Dame, die während des Fluges ihre Sitznachbarin gewesen war, hatte es schnell aufgegeben, sie für verschiedene Strickmuster und Wollsorten begeistern zu wollen.

Die Zollabfertigung arbeitete schnell und auf dem Laufband drehte sich ihr Gepäck schon wartend im Kreis. So langsam wurde Buffy missmutig, alles war zu einfach. Das konnte einfach nicht gut gehen. ‚Ich traue dem Frieden nicht. Das kann nichts werden! Nicht bei mir!’

Sie schnappte sich ihre Reisetasche, warf sie über die Schulter und griff schnell nach dem Koffer, bevor dieser noch eine Runde auf dem Gepäckband drehen konnte.

Misstrauisch die Menschen beobachtend, schritt sie durch die Halle des Flughafens und sah zu ihrer Verwunderung einen Mann in Chauffeursuniform vor dem Haupteingang stehen. Er trug ein Schild vor dem Bauch, auf dem in großen Buchstaben ihr Name geschrieben stand.

Langsam ging sie auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen und versuchte, ihn freundlich anzulächeln, während sie ihn ansprach und ihren Namen nannte. Allerdings nahm sie an, der Versuch wäre kläglich gescheitert, da der Mann eilig einen Schritt zurücktrat und sie erschrocken anstarrte.

„Entschuldigen Sie Miss Summers, ich hatte ähm… nicht unbedingt mit einer so jungen Frau gerechnet."

„Ist schon gut. Fahren sie mich nach Benson Hall?", fragte Buffy neugierig und stellte den Koffer ab.

„Ja, dafür bin ich hier. Würden Sie mir bitte folgen?", der Uniformierte deutete auf die Tür, hob dann ihren Koffer an und blickte sie verdattert an. ‚Das gibt es doch gar nicht, ich habe sie doch eben den Koffer tragen sehen… Transportiert sie Goldbarren?’, überlegte er und mühte sich ab, das Gepäckstück zum wartenden Auto zu schleppen.

Die Jägerin blickte verwundert auf den vor dem Flughafen geparkten Bentley. Er war in silbergrau lackiert, das Chrom war auf Hochglanz poliert und die Scheiben waren so dunkel getönt, dass sie keinen Blick in das Innere werfen konnte.

Der Chauffeur hatte ihren Koffer abgestellt, nahm seine Kappe ab und wischte sich mit einem weißen Taschentuch dir Stirn ab. Er nahm ihr freundlich lächelnd die Reisetasche ab und öffnete ihr dann galant die Autotür.

Buffy bückte sich um einzusteigen und sah sofort in das grinsende Gesicht des Vampirs. „Hi, Luv. Lange nicht gesehen."

Sie seufzte tief, schüttelte genervt den Kopf und stieg endgültig in den exklusiven Wagen. „Nicht lange genug!" ‚Na ja, ich hab es ja gewusst. Irgendeinen Nachteil muss die Sache ja haben’, setzte sie in Gedanken dazu.

Der Vampir konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und blickte schnell aus dem Fenster, damit die Jägerin es nicht bemerkte. „Wie war dein Flug?", fragte er, nachdem er seine Mimik wieder unter Kontrolle hatte und sein Gesicht wieder nichts sagend war.

„Angenehm. Ich kann mich nicht beklagen. Keine lästigen Passagiere und niemand, der durchgehend nervt, so wie du!", antwortete Buffy schnippisch.

„Also stinklangweilig. Wäre bestimmt lustiger gewesen, wenn ich mit geflogen wäre."

„Nein, bleib du mal schön in deiner Kiste", lächelte die Jägerin hinterlistig. „Und nächstes Mal sag dem Piloten, er soll zwischendurch mal die Ladeluke öffnen, damit du eine Runde schwimmen gehen kannst."

„Du hast wohl nicht genug geschlafen, was? Wenn du willst, darfst du dich gerne ankuscheln und eine Runde die Augen zumachen", grinste Spike spöttisch und zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Iiih! Das auch noch. Was kommt als nächstes? Ich will mal gleich was klarstellen. Du bist als mögliche Unterstützung mitgekommen, für nichts anderes!"

„Ach, Luv. Dich unterstütze ich immer gerne", grinste Spike lüstern. „Und stützen will ich dich dabei auch wohl."

„Du bist so…so… ekelhaft!"

Der Fahrer hatte das Gepäck in den Kofferraum des Wagens gewuchtet, stieg nun ein und drehte sich zu den Beiden um.

„Die Fahrt nach Benson Hall wird ungefähr eineinhalb Stunden dauern. In etwa einer Stunde überqueren wir die Grenze von England, aber wir sollten keine größeren Schwierigkeiten haben. Mr. Benson Cox hat sich bereits um alles gekümmert. Falls Sie mich brauchen, drücken Sie bitte den Rufknopf direkt vor Ihnen", ratterte er sein Sprüchlein herunter, betätigte seinerseits ein Knöpfchen und eine schalldichte Trennscheibe fuhr surrend hoch.

„Jetzt sind wir wieder alleine, Liebes. Tu dir also keinen Zwang an. Mach was immer dir einfällt."

„Mir fällt nur eins ein", erwiderte Buffy zuckersüß. „Ich reiße deine Tür auf und gebe dir einen kräftigen Tritt."

„Aber, aber. Wer wird denn gleich so unhöflich sein? Wir fahren auf eine uralte Burg, deren Besitzer scheinbar nur so vor Geld strotzt. Da lässt dein Benehmen aber wirklich zu wünschen über", erwiderte der Vampir mit bestem britischen Akzent.

„Ich kann mich benehmen! Nur dann nicht, wenn du dabei bist!", fauchte Buffy ihn an, kramte dann aus ihrer Handtasche eine Zeitschrift heraus, lehnte sich zurück und begann zu lesen.

„Immer diese Ausreden!", Spike öffnete das Barfach und ein erfreutes Lächeln legte sich auf sein markant geschnittenes Gesicht. Eine Auswahl der feinsten und teuersten Spirituosen blitzte ihm entgegen und er nahm vorsichtig den bernsteinfarbenen Whiskey heraus.

Er öffnete die Glaskaraffe, roch vorsichtig daran und nickte zustimmend. ‚Da lässt es sich mit leben’, dachte er vergnügt, nahm sich eines der Kristallgläser und goss sich etwas davon ein. Vorsichtig schwenkte er sein Glas im Kreis, setzte sich dann bequemer hin und blickte durch die abgedunkelte Scheibe auf die vorbeirasende Landschaft.

Die Jägerin hatte die Zeitschrift schon einmal im Flugzeug gelesen. Schnell wurde es ihr langweilig und sie starrte aus dem Fenster. ‚Ich habe keine Ahnung, wie lange wir hier sind, aber so kann das nicht weitergehen. Was soll denn dieser Benson Cox von uns denken?’, überlegte sie und seufzte dann.

„Spike, kann ich mal mit dir reden?", fragte sie leise und blickte dem Vampir in die blauen Augen.

Der Vampir, durch ihren sanften Tonfall etwas überrascht, nickte einfach und blickte sie verwundert an. ‚Was zur Hölle kommt jetzt?’, überlegte er.

„Könnten wir vielleicht, ich meine, ähm… solange wir hier in England sind…, könnten wir uns da einfach mal normal benehmen und vertragen?", versuchte Buffy, ihr Anliegen zu erklären. „Ich meine, ich möchte mal einmal nicht besonders auffallen."

Spike konnte nicht anders, er musste laut lachen. Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, sah er in ihr ernstes Gesicht. „Slayer, du fällst überall auf, auch ganz ohne mich."

„Mag sein", erwiderte sie giftig. „Aber zumindest können wir uns mit der ganzen Zankerei ein bisschen einschränken."

„Von mir aus", meinte der Vampir belustigt. „Wir können ja mal sehen, wie lange wir das durchhalten. Das wird bestimmt interessant." ‚Und vor allen Dingen nur ein sehr kurzer Spaß’, fügte er in Gedanken hinzu.

Wie es aussah, hatte ihr Gastgeber großen Einfluss. Sie wurden nicht einmal an der Grenze aufgehalten. Der Luxuswagen wurde einfach durchgewinkt und der Zöllner nickte dem Chauffeur nur kurz zu.

„Es wird nicht mehr sehr lange dauern, dann erreichen wir Benson Hall", gab der Fahrer über den Lautsprecher bekannt.

Zu ihrer Verwunderung bemerkte Buffy, dass sich das Wetter vollkommen verändert hatte. Schwere graue Regenwolken zogen in rascher Folge durch den Himmel und starker Wind blies die ersten bunten Blätter von den kleinwüchsigen Bäumen.

„Was ist das für eine merkwürdige Mauer?", fragte sie, während sie weiterhin ununterbrochen aus dem Wagenfenster blickte.

„Hadrianswall", entgegnete der Vampir.

„Was für ein Wall?" Buffy drehte sich um und blickte ihm verständnislos ins Gesicht.

„Hadrianswall. Den haben die Römer erbaut, um sich vor schottischen Eindringlingen zu schützen. Er führt von der Ostküste zur Westküste. Oberhalb von Edinburgh ist noch einer, der Antoninewall."

„Aha", zuckte Buffy mit den Schultern und sah wieder auf die scheinbar endlos lange Steinmauer. ‚Unglaublich, was er alles weiß’, überlegte Buffy.

„Benson Hall", meldete der Chauffeur über seinen Lautsprecher und bog auf eine lange, gewundene Kieseinfahrt ein.

„Was ist denn das?", fragte Spike enttäuscht. „Oh verdammt, was viel Geld alles anstellen kann."

Die Jägerin wusste nicht, wovon der Vampir sprach. Sie starrte auf ein riesiges, in beige gehaltenes Gebäude mit grün gestrichenen Fenstern und Türen. Scheinbar war es ein gewaltiges Quadrat und Buffy überlegte, ob es wohl einen Innenhof hatte.

„Ist ja furchtbar!", meckerte Spike und schüttelte angewidert den Kopf.

„Was hast du eigentlich für ein Problem?"

„Das ist, beziehungsweise war einmal eine verdammte Burg und kein verfluchtes Schlösschen. Auf einer Burg erwartet man Zugbrücken, Wehrtürme, Zinnen und alles, was noch so dazu gehört, nicht so was da", motzte er und zeigte auf das uralte Anwesen.

Buffy schüttelte verständnislos den Kopf. „Du spinnst echt total."

„Nein! Hier gab es Kämpfe, Schlachten um Land und Leben. Es sollte nicht wie das… das da aussehen. Der Idiot war so dämlich den wunderschönen Stein zu verputzen. So was gehört verboten! Verdammt!"

„Du weißt schon, dass du ein Vampir und kein Architekt bist, oder?", fragte die Jägerin und musste lachen.

„Bloß weil ich ein Vampir bin, heißt es noch lange nicht, dass ich keine verfluchte Ahnung von irgendwas habe!"

„Ich glaub das jetzt alles einfach nicht, das ist doch völlig unwichtig. Wenn der Kerl soviel Geld hat seine Burg zu verschönern, dann lass ihn doch."

Spike blickte sie grimmig an, wollte etwas erwidern, aber winkte dann ab. „Das verstehst du sowieso nicht."

Der Bentley hielt vor einer breiten, aus hellem Sandstein erbauten Treppe. Der Fahrer stieg aus, lief um den Wagen herum und öffnete Buffy die Tür. Im gleichen Moment öffnete sich die schwere Eingangstür und ein hochgewachsener, gutaussehender Mann schritt lächelnd auf sie zu.

„Herzlich willkommen auf Benson Hall", meinte der Fremde, griff nach Buffys Hand und schüttelte sie kräftig. „Mein Name ist Henry Benson Cox. Schön, dass Sie so schnell kommen konnten."

Wow’, dachte Buffy. ‚Der Besitzer ist keine vierzig Jahre alt, ich hatte irgendetwas um die sechzig erwartet.’

„Freut mich, Sie kennen zu lernen", lächelte sie. „Wirklich ein wunderschönes Anwesen, was Sie da haben."

„Hm, hat Ihr Begleiter Schwierigkeiten, auszusteigen?", fragte der Hausherr und hob die Augenbrauen. „Ich hörte, er wäre ein Vampir und Sonnenlicht wäre ähm…nicht besonders gut für ihn.

Der Chauffeur hatte auch Spikes Wagentür geöffnet, und da der Himmel voll grau schwarzer Regenwolken war, fing auch Buffy langsam an, sich zu wundern. ‚Eigentlich dürfte er keine Probleme haben, auszusteigen’, überlegte Buffy und ging hinüber zu dem geparkten Wagen. ‚Was der wohl schon wieder hat?’

Sie bückte sich und sah in das Heck des Bentleys. „Ähm, Spike. Es wäre ganz nett, wenn du jetzt auch aussteigen würdest."

„Kletterrosen", brummte der Vampir genervt, blickte sie an und zeigte durch die offene Tür auf die wunderschöne, hochgewachsene Pflanze. „Was denn noch alles?"

Die Jägerin hatte große Mühe, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. ‚Das glaubt mir kein Mensch, wenn ich das erzähle. Ein beleidigter britischer Vampir.’ „Komm schon, unser Gastgeber erwartet dich", meinte sie um Fassung ringend, und zog am Ärmel des Ledermantels.

Neugierig war auch der Herr des Hauses näher getreten und blickte jetzt einem furchtbar grimmig blickenden Vampir in die Augen, der gerade genervt das Auto verließ.

Erschrocken ging Henry Benson Cox einige Schritte zurück, atmete sichtbar einige Male ein und aus und schritt dann mutig auf Spike zu.

„Herzlich willkommen", meinte er, ergriff Spikes eiskalte Hand und ließ sie vor Schreck gleich wieder fallen. „Ähm, ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Ich hoffe, es wird Ihnen auf Benson Hall gefallen, jedenfalls sind Sie herzlichst eingeladen und ich hoffe, Ihr Besuch wird Ihnen gefallen. Wenn Sie Beide mir bitte folgen würden, ich denke, das Mittagessen wird gleich serviert werden."

Langsam ging er über den Kiesweg und die Treppe, blieb dann stehen und blickte sich fragend um. Seine beiden Gäste machten keinerlei Anstalten ihm zu folgen.

Henry Benson Cox konnte sehen, dass die junge Frau dem Vampir etwas zuflüsterte und ihn dann an seinem Arm hinter sich her zog. Er fragte sich, ob es eine gute Idee gewesen war, ausgerechnet die Beiden zur Lösung seines Problems eingeladen zu haben. „Kommen Sie bitte herein!", meinte er dann liebenswürdig.

Buffy ließ Spikes Arm an der Treppe los und schritt lächelnd auf ihren Gastgeber zu. „Sie müssen entschuldigen, die Reise hierher war doch sehr anstrengend", log sie ihm, ohne rot zu werden, ins Gesicht.

Mr. Benson Cox nickte ihr einmal zu und deutete ihr an, vorzugehen. Er blickte noch einmal auf den noch immer grimmig blickenden Vampir und folgte Buffy dann schnell in die Eingangshalle. ‚Warum lass ich einen Vampir in mein Haus? Bin ich jetzt von allen guten Geistern verlassen?’, überlegte er. ‚Als wäre mein Problem nicht schon schlimm genug!’

Spike stand vor dem Gebäude, guckte angewidert auf die frisch gestrichene Fassade und verzog das Gesicht. Langsam und sehr widerwillig schritt er die Treppe hoch, ging auf die Eingangstür zu und blickte dann in das Innere des Hauses. Ohne es zu wollen, veränderte sich sein Gesicht, sein Dämon übernahm die sonst so markanten Gesichtszüge und er knurrte furchterregend.

Teil 3

Spike blickte auf das, was einmal die große Halle einer stolzen alten Burg gewesen war. Allerdings war davon jetzt nicht mehr viel zu erkennen. Der neue Hausbesitzer hatte alles komplett verändert und renoviert. Nichts erinnerte mehr an die Zeit, als das Gebäude errichtet worden war.

Der Fußboden war mit schwarz marmorierten Fliesen ausgelegt, die Wände waren verputzt und in einem hellen beigen Ton gestrichen worden. Überall hingen schrecklich bunte Bilder moderner Künstler und im gesamten Raum verteilt standen die hässlichsten Skulpturen, die Spike je gesehen hatte.

Der Vampir hatte große Probleme, seinen Dämon zurückzudrängen und nur langsam und qualvoll traten seine menschlichen Züge hervor. Angewidert betrachte er die Zerstörung des einst so stolzen Hauses und trat nur verdrießlich über die Schwelle. ‚Fußbodenheizung’, meckerte er nach nur einem Schritt in Gedanken. ‚Könnte nicht einmal dieser beschissene Chip ausfallen? Nur ein verfluchtes Mal?!’

Angestrengt lauschte er in die vermeintlich Stille des Hauses, konnte ein leises Lachen der Jägerin ausmachen und ging dem Geräusch nach. Vor einer großen Flügeltür blieb er stehen und horchte, was der Hausherr so Witziges zu erzählen hatte. ‚War klar! Verdammter Angeber! Protzt wieder mit seiner blöden Kohle!’

Mit einem Ruck riss er die Tür auf und schritt breit grinsend in den großen Raum. ‚Ebenso geschmacklos eingerichtet’, fluchte er lautlos und sein Gesichtausdruck machte einem grimmigeren Blick Platz. „Habe ich dich unterbrochen, Luv?", fragte er und blickte die Jägerin zwinkernd an.

„Ähm… Nein. Mr. Benson Cox erzählte nur gerade von den Umbauarbeiten", erklärte Buffy liebenswürdig und funkelte ihn im Gegenzug mit gefährlich blitzenden Augen an.

„Mr. … hm? Ich war mir nicht ganz sicher, ob Sie mit uns essen würden, oder ob Sie nur…", starrte der Hausherr ihn angsterfüllt an, warf dann einen schnellen verwirrten Blick zu Buffy, bevor er sich wieder dem Vampir zuwandte.

„Einfach Spike!", antwortete der Blonde so liebenswürdig, wie er konnte. „Ich denke, ich werde erst essen und dann trinken…" Er grinste hinterlistig.

„Oh, ja… also….ähm… Ich denke, wir sollten uns wohl hinsetzen", erwiderte der Burgherr durcheinander und zeigte auf die große Tafel, an der sicherlich zwanzig Personen Platz finden konnten.

Die Unterhaltung kam ins Stocken, scheinbar wusste der reiche Engländer nicht so ganz, ob er am Tisch sitzen bleiben sollte oder vielleicht doch lieber laut schreiend wegrennen sollte.

Spike betrachtete die Panik in seinen Augen mit Genugtuung. ‚Endlich wieder jemand, den allein bei meinem Anblick das kalte Grauen packt’, dachte er vergnügt. ‚Seit ich diesen scheiß Chip habe, ist das wirklich schwer geworden.’

Das Essen wurde serviert und Buffy starrte auf ihren Teller. Eigentlich war sie nicht besonders wählerisch, aber das war nun wirklich nicht so ganz das, was sie sich vorgestellt hatte. Sie blickte den Vampir fragend an, schaute zurück auf ihren Teller und dann wieder Spike zu.

Der Vampir verkniff sich ein Lachen, wandte sich an den Gastgeber und blickte ihn grinsend an. „Ich wusste gar nicht, dass es hier in der Gegend so viele Weinbergschnecken gibt."

„Wie? Ach so. Nein eigentlich… Ich verstehe. Ich denke, Sie Beide sind solche Speisen nicht unbedingt gewohnt", wandte er sich jetzt an die Jägerin, die ihre Schnecken auf dem Teller hin und her schob.

Buffy nahm die speziell dafür gearbeitete Schneckenzange in die Hand, öffnete und schloss sie ein paar Mal und legte sie dann zurück auf den Tisch. „Ähm, ich denke, es wird wohl eine Delikatesse sein", meinte sie und deutete auf ihren Teller, „Aber eigentlich, ähm… Es tut mir Leid, aber ich kann wirklich nicht…"

„Nein, mir tut es aufrichtig Leid, das die Vorspeise nicht nach Ihrem Geschmack ist", erklärte Mr. Benson Cox mit tiefstem Bedauern in der Stimme. „Vielleicht ist das Hirschleber-Ragout ja eher etwas für Sie."

Buffys mühsam hergestelltes Lächeln entgleiste zu einer Grimasse. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", versuchte sie ihren Gastgeber anzulächeln. „Das ist wirklich…ich meine…"

„Was die junge Dame damit sagen möchte ist: „Iiiihhhh!", erklärte der Vampir und hatte alle Mühe, sein Gesicht und seine Stimme bei diesem Ausspruch völlig unbeteiligt erscheinen zu lassen. „Der Durchschnittsamerikaner ist an solche Nahrung nicht unbedingt gewöhnt."

„Ich verstehe", erwiderte der Hausherr geknickt. „Kann ich Ihnen möglicher Weise irgendetwas anderes zubereiten lassen?"

„Es tut mir aufrichtig Leid", wiederholte Buffy mit ernster Miene. „Ich weiß nicht, wie ich …"

„Nein, ich muss mich entschuldigen", warf der Gastgeber ein. „Ich hätte daran denken müssen."

„Ist ja toll, dass sich hier jetzt alle so wunderbar entschuldigen. Aber das ändert nicht wirklich etwas an meinem Hunger", erwiderte Spike trocken, schnipste mit seinem Finger eine der Schnecken auf seinem Teller an, die darauf hin über den Rand kreiselte, wild über den Tisch rollte und kurz vor einem der schweren Kristallgläsern zum Liegen kam.

„Ähm… Selbstverständlich", meinte der Hausherr und starrte die Schnecke an. „Mrs. Dornex, die Hausdame, wird Sie auf ihr Zimmer geleiten und Ihnen alles, äh… Nötige zukommen lassen.

„Hausdame? Bis später, Luv. Ich werde mir die Lady mal etwas genauer ansehen", grinste er hinterhältig und verließ eilig und voller Vorfreude auf ein leichtes Opfer den Speisesaal.

„Er wird doch nicht… Er kann doch nicht…", schluckte der Burgherr.

„Nein! Er wird ihrer Angestellten nichts antun", antwortete Buffy schnell. „Er spielt nur gerne den Bösewicht."

 

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Spike hatte sich Mrs Dornex etwas anders vorgestellt. Irgendwie hatte er in diesem ultra modernen Haus eine junge hübsche Frau erwartet. Allerdings stand er jetzt einer runzeligen, etwa siebzig Jahre alten Frau gegenüber, die mit schleppender, kratziger Stimme über die Besonderheiten des Hauses berichtete.

„Das ist wirklich alles sehr nett", brummte er. „Aber mir ist scheißegal, welcher Herzog in diesem bescheuerten Zimmer übernachtet hat", unterbrach er fies grinsend den Vortrag der alten Dame. „Ich komme alleine zu Recht. Raus!"

Tödlich beleidigt verließ die alte Dame das große Zimmer, warf ihm noch einen bitterbösen Blick zu und knallte dann, zum ersten Mal in ihrem Leben, eine Tür zu.

Was für ein Mist! Ich glaube, nicht ein verdammter Raum ist hier noch im ursprünglichen Zustand’, überlegte der Vampir zornig und betrachtete sein Zimmer. Obwohl, Zimmer war nicht unbedingt der richtige Ausdruck. Seine komplette Gruft mit beiden Etagen hätte locker Platz in diesem Raum gefunden. ‚Immerhin keine Blümchen’, dachte er genervt und betrachtete die in grau und schwarz gehaltene Einrichtung. ‚Und wieder viel Chrom, als wäre ich alleine nicht schon kalt genug!’

Ein Blick aus einem der vielen Fenster sagte ihm, dass der Hausherr so schlau gewesen war, ihm ein Zimmer zu geben, das nach Norden ausgerichtet war. Er betrachtete den wild wuchernden Garten und stellte erfreut fest, dass die Bauwut des Burgherrn ihn scheinbar bis jetzt verschont hatte.

Spike hatte nicht viel Ahnung von Gärten, aber dieser war bestimmt vor über dreihundertfünfzig Jahren angelegt worden. Ein weitläufiger Irrgarten aus Hainbuchen bildete die Mitte des weitläufigen Geländes, mehrere Teiche und Wasserläufe waren unter den wildwachsenden Bäumen zu erkennen und er fragte sich, ob das kleine Stück Mauer, das er im Westen entdecken konnte, wohl der Hadrianswall war.

Ein zaghaftes Klopfen an der Zimmertür riss ihn aus seinen Gedanken.

Spike riss die Tür auf und blickte einem verängstigt blickenden Zimmermädchen in die Augen. Die junge Frau war scheinbar mehr als nur ein bisschen nervös. Sie trug ein Tablett vor dem Bauch und eine große Tasse Blut klapperte durch ihr Zittern hin und her.

Dem Vampir gefiel es immer besser. Zumindest die Angestellten. Der Ausdruck der Menschen, die schon deswegen vor Angst bald starben, weil er ein Dämon war, war wirklich außergewöhnlich erholsam. ‚Wirklich angenehm! Ich habe schon lange nicht mehr soviel Angst gerochen!’

Er lehnte sich an die Tür und grinste das Zimmermädchen mit hochgezogener Augenbraue an. „Wirklich netter Service hier im Haus. Ich hoffe doch, mein Mittagessen hat die richtige Temperatur, sonst müsste ich glatt…"

Die Augen der jungen Frau waren vor Angst weit aufgerissen, als sie ihm das Tablett in die Arme drückte und dann mit immer schneller werdenden Schritten das Weite suchte.

Spike schloss mit dem Fuß die Tür, stellte das Tablett auf den Tisch und bemerkte belustigt, dass man ihm sogar einige Kekse dazu gegeben hatte. ‚Das Haus ist hässlich wie die Nacht und furchtbar verunstaltet, aber das Personal gefällt mir.’

 

                                                         ***************************

 

Buffy hatte noch lange mit dem Hausherrn im Speisesaal gesessen und das Küchenpersonal war so nett gewesen, ihr einfach ein paar Stücke Obst zu bringen. Mehr oder weniger gemeinsam hatten sie dann das Mittagessen beendet und sie hatte die Gelegenheit genutzt, ihren Gastgeber genauer zu betrachten.

Er war hoch gewachsen, hatte dunkelblonde, kurz geschnittene Haare und warme braune Augen. Sie waren inzwischen zum du übergewechselt und Henry hatte tatsächlich mit ihr geflirtet. Allerdings hatte er nicht genau über das Problem reden wollen, weswegen sie eigentlich hier war. Er hatte nur gemeint, sie solle sich das lieber selber einmal anschauen, um sich ein besseres Bild von der ganzen Angelegenheit machen zu können.

Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, was ich machen soll, wenn es sich wirklich um einen Geist handelt’, überlegte Buffy und starrte aus ihrem Fenster in den wolkenverhangenen Himmel. ‚Ich werde wohl Spike fragen müssen, ob er vielleicht eine Idee hat.’

Der Gastgeber hatte ihr gesagt, dass der Vampir das Zimmer direkt nebenan hatte, also fackelte sie nicht lange, ging durch den Flur und hämmerte mit der Faust gegen die Tür. „Spike? Bist du da?" Ohne groß auf eine Antwort zu warten, stürmte sie in das Zimmer und sah den Vampir, nur mit einem Handtuch bekleidet, aus dem angrenzenden Badezimmer kommen.

„Oh", meinte Spike überrascht, grinste dann über beide Ohren und wackelte mit den Augenbrauen. „Tu dir keinen Zwang an, wenn du möchtest, kannst du meine Dusche benutzen, ansonsten kannst du dich auch gleich…", Er endete mitten im Satz und deutete mit der Hand auf das große Bett.

„Du bist so… ekelhaft! Eigentlich wollte ich etwas mit dir besprechen, aber so kann ich das nicht."

„Wie…? So…?", feixte Spike lachend.

„Na ja, ich meine, wenn du da so in deinem Handtuch stehst! Kannst du dir nicht was anziehen?"

„Dich stört also das Handtuch?", fragte er scheinbar verdattert.

„Ja!", erwiderte sie gereizt.

„Okay, kein Problem", meinte der Vampir hämisch grinsend, zog den verschlungenen Stoff auseinander und ließ das Tusch einfach auf den Boden fallen.

Buffy starrte ihn an und konnte kaum den Blick abwenden. Spike riss sie belustigt aus ihren Gedanken. „Ich bin hier oben, Luv", meinte er vergnügt und seine Hand winkte vor ihrem Gesicht hin und her.

Erschrocken über sich selbst ging sie ein paar Schritte zurück und wurde unsanft von der Tür gebremst. Die Jägerin gewann ihre Fassung zurück und blickte ihn böse an. „Du bist so was von … Ich werde…"

„Schon gut, Slayer, mach die Tür zu, wenn du draußen bist", unterbrach er sie fies grinsend. „Ach übrigens", hielt er sie zurück, als sie aus dem Zimmer stürmen wollte. „Rot steht dir wirklich ausgezeichnet!"

Teil 4

Buffy stand vor einem der vielen großen Fenster ihres Gästezimmers und starrte auf den Innenhof der viereckig angelegten Burg. ‚Warum macht Spike mich immer so verdammt wütend’, überlegte sie irritiert. ‚Obwohl, er hat schon wirklich… Oh nein, Buffy! Daran wirst du jetzt nicht denken! Nein! Nein! Nein!’

Ihr Blick wanderte über die frisch renovierte Fassade des gegenüber liegenden Flügels, eine kurze Bewegung an einem der Fenster ließ sie stutzen und sie starrte gebannt auf das Zimmer, das ihrem gegenüber lag. ‚Hab ich mir das jetzt eingebildet, oder war da tatsächlich etwas? Ich werde Henry fragen müssen, was in diesem Flügel ist.’

Ihre Gedanken konzentrierten sich jetzt ausschließlich auf ihren Gastgeber. Buffy war es furchtbar peinlich gewesen, dass sie die vom Hausherrn sicherlich mühsam geplante Mahlzeit nicht hatte essen können. Henry hatte nur gelacht und gemeint, es wäre nicht so schlimm. Wahrscheinlich könnte er ein normales amerikanisches Mittagessen auch nicht sonderlich genießen.

Buffy hatte dann neugierig gefragt, wie er denn überhaupt an Angels Adresse gekommen wäre und Henry hatte ihr lachend erklärt, er und Wesley wären zusammen auf dem College gewesen. Früher hätte er den Ex-Wächter für sehr verschroben gehalten, wenn dieser von irgendwelchen Dämonen und Monstern gesprochen hatte. „Aber, ich bin eines Besseren belehrt worden", hatte er dann mit den Schultern zuckend erklärt.

Die Jägerin hatte gelacht. „Ja, es ist nicht immer einfach, als normaler Mensch mit solchen Dingen konfrontiert zu werden."

„Aber du bist auch ein normaler Mensch. Mehr als das, du bist eine junge hübsche Frau. Warum beschäftigst du dich mit solchen Dingen?"

Buffy hatte versucht, ihm zu erklären, dass es ihre Berufung war und Henry hatte ihr aufmerksam zugehört. Allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob er wirklich verstanden hatte, was sie ihm berichtet hatte. ‚Vielleicht ist auch nicht so einfach zu verstehen, wenn man bisher nie an Vampire, Dämonen und Werwölfe geglaubt hat’, überlegte sie und starrte weiter aus dem Fenster.

Sie dachte an Spike und ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. ‚Warum habe ich ihn nur mitgenommen? Ich hätte mir gleich denken können, dass es nur Ärger bringt.’ Sie blickte in den neu gemachten Innenhof und erhaschte einen Blick auf den Vampir, der mit wehendem Mantel und einem Regenschirm bestückt durch eine Tür verschwand. ‚Was hat er jetzt schon wieder vor’, überlegte sie, drehte sich um und öffnete ihren Kleiderschrank. Sie griff nach der ersten Jacke, die sie finden konnte und eilte durch den langen Korridor auf die Treppe zu. ‚Besser, ich guck, was er macht.’

„Wie komme ich am schnellsten in den Innenhof?", rief sie Henry entgegen, der sie mit einem Lächeln begrüßte. „Besser noch, wie komme ich dahin, wo die große Tür hinführt, die auf dem Innenhof ist?"

„Die führt in den Garten", erwiderte der Hausherr verwirrt. „Kann ich irgendwas helfen?"

„Ja. Mir sagen, wie ich da am schnellsten hinkomme!"

Durcheinander zeigte der Burgherr durch die Halle. „Die hintere Tür ganz links führt in die Küche. Sie hat einen eigenen Ausgang zum Garten." Verwirrt blieb der Hausherr einen Moment lang stehen. „Aber warum?", rief er dann der davon eilenden Jägerin hinterher, erhielt als Antwort jedoch nur das Klappen der schweren Tür.

 

Buffy stürmte durch die Küche und erschreckte ein paar der Dienstboten, die gerade an einem großen Tisch saßen und plauderten. Sie blickte sich kurz um, nickte den Angestellten beruhigend zu und öffnete die Außentür.

Wow’, war das erste, was ihr in den Kopf kam. ‚Der Garten ist riesig. Wie soll ich Spike hier jemals finden?’ Sie blickte kurz in den grauen Himmel, zuckte dann mit den Schultern und machte sich auf die Suche.

„Spike!", rief sie laut, blieb vor einem der Teiche stehen und betrachtete die alte Figur, die mitten in dem künstlich angelegten Gewässer stand. Sie stellte den Meeresgott Poseidon dar und der Dreizack, ehemalig aus glänzendem Kupfer, wirkte beinahe traurig in einem dumpfen Grün.

„Warum schreist du denn so?", fragte Spike grinsend direkt hinter ihr.

„Verdammt! Musst du mich so erschrecken?", fauchte sie ihn böse an, drehte sich um blickte ihm finster in die Augen. „Was machst du hier draußen?"

„Ich schau mich um, ist das verboten?", grinste er noch immer. „Oder hast du dir etwa Sorgen um mich gemacht?"

„Pfft…, warum sollte ich mir Sorgen machen? Ausgerechnet um dich?", erboste sie sich und ging einen Schritt zurück. „Sorgen machen! Pah! Ich wollte bloß sicherstellen, dass du nicht irgendwelchen Unsinn machst."

„Ja, ganz sicher", motzte Spike.

„Ich will wissen, was du um diese Zeit hier draußen suchst. Sonst gehst du auch erst in der Dunkelheit raus, hast du irgendetwas gesehen?"

„Noch nicht! Ich wollte mir das hier einfach mal genauer angucken", meinte er einfach und deutete mit dem Regenschirm durch die Parkanlage. „Und bei dem Wetter kann ich raus."

„Da hast du dir ja eine nette Waffe ausgesucht", grinste Buffy und deutete auf den Schirm. „Oder hast du auf einmal Angst vor Regen?"

„Haha! Wohl eher vor Sonnenschein. Hier weiß man nie so genau, wie lange sich das Wetter hält. Innerhalb von Minuten kann sich hier alles verändern", erwiderte er beleidigt und schüttelte den Kopf. „Du weißt echt nichts!"

„Warum sollte mich das auch wohl interessieren? Ich leide ja nicht unter Sonnenallergie!", erwiderte die Jägerin schlagfertig. „Aber mal was anderes, ich hab in dem Flügel, der meinem Zimmer gegenüber liegt, irgendetwas gesehen."

„Was heißt irgendwas?", fragte Spike und zog interessiert eine Augenbraue hoch.

„Wenn ich das wüsste, hätte ich es dir gesagt", grummelte Buffy. „Aber ich würde mir das sehr gerne einmal ansehen."

„Warum stehen wir dann hier noch so dämlich rum", grinste Spike und wirbelte den Regenschirm durch die Luft. „Vielleicht kann dein neuer Freund uns ja helfen", grinste er hämisch. „Aber nicht, dass er sich vor Angst noch in die Hose macht."

„Er ist sehr nett! Nicht jeder ist es gewohnt, einem Vampir gegenüberzustehen", verteidigte sie den Hausherren und deutete mit dem Finger auf Spike. „Du genießt es doch, dass er Angst hat."

„Stimmt! Warum auch nicht? Seitdem ich diesen dämlichen Chip im Schädel habe, sind diese kleinen Freuden selten geworden", grinste der Vampir verschmitzt. „Lass uns gehen, ich komme hier vor Langeweile noch um."

Er drehte sich um und schritt den Weg, der zwischen den verwachsenen Büschen und unbeschnittenen Bäumen kaum noch zu erkennen war, zurück zur Burg. Buffy blickte ihm hinterher, schüttelte den Kopf und folgte ihm langsam. ‚Das kann ja noch lustig werden.’

 

Buffy hatte Spike kurz vor dem Eingang zur Küche wieder eingeholt und zusammen gingen sie in den komplett renovierten geräumigen Raum. Spike stellte belustigt fest, dass das Zimmermädchen erschreckt zusammenzuckte, als sie ihn sah. Buffy wandte sich an die versammelte Mannschaft und fragte, wo sie den Hausherrn finden konnte.

Es dauerte einen Moment, bis die Köchin antwortete, sie blickte den Vampir mit großen Augen an und schaute schließlich Buffy ängstlich an. „Ich denke, Mr. Benson Cox ist noch immer im Salon."

„Danke für die Auskunft", erwiderte Spike, ging langsam auf die Köchin zu, die immer weiter rückwärts ging, bis ein großer Tisch sie bremste. „Wenn Sie dann noch so nett wären, mir zu erklären, wo denn bitte der Salon ist?", grinste er sie an und zwinkerte ihr dann zu.

„Ich denke, wir werden ihn wohl finden. Spike! Lass es!", schimpfte Buffy, machte einige Schritte auf ihn zu und zog ihn dann am Ärmel aus der Küche. „Du kannst es nicht lassen, oder?", meckerte sie, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

„Meine Güte! Du gönnst mir auch nicht den geringsten Spaß!", erwiderte Spike genervt und schüttelte den Kopf. „Lass uns den Bekloppten suchen, der dieses herrliche Haus so verschandelt hat."

Zusammen hatten sie in alle Räume geschaut, die von der Halle aus erreichbar waren, entdeckten ihren Gastgeber aber noch immer nicht und trennten sich nun. „Bis später, Slayer. Ich geh dann mal rechts runter."

 

Spike hatte jedes Mal wieder das Gesicht verzogen, wenn er einen Raum betreten hatte. Keiner der Räume war für ihn auch nur annähernd passend renoviert worden. Er öffnete die nächste Tür und blickte in eine große, gut bestückte Bibliothek und stellte mit Erleichterung fest, dass hier scheinbar nur die alten Regale ausgetauscht worden waren. Ansonsten erstrahlte der Raum noch immer in dem hellgrauen, grob behauenen Stein, in dem das Gebäude einst errichtet worden war.

Er betrat den dunklen Raum und blickte sich, um sich selbst drehend, um. Der große, aus Granit erbaute Kamin fiel ihm ins Auge und er ging hinüber, um ihn näher zu betrachten. Die Feuerstelle war seit Ewigkeiten nicht mehr in Gebrauch, aber zum Glück war an ihr nichts verändert worden.

Jedenfalls ein verdammter Raum ist noch so, wie er sollte’, meckerte er lautlos und strich mit der Hand über den kalten Stein des Kamins.

 

Buffy hingegen hatte mehr Glück gehabt. Drei Türen später hatte sie endlich den Salon gefunden und fand den Hausherrn lesend, auf einem der bequemen Sofas sitzend, vor.

Er blickte auf und ein kurzes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Gut, das du hier bist. Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht. Warum hattest du es eben so eilig, in den Park zu gelangen?"

‚Tja, warum hatte ich es eigentlich so eilig?’, überlegte sie. ‚Bloß, weil Spike draußen rum läuft, brauch ich mir doch eigentlich keine Sorgen machen.’

„Das ist jetzt nicht so wichtig", beeilte sie sich zu sagen. „Aber ich würde gerne wissen, was in dem Flügel ist, der meinem Zimmer gegenüber liegt."

„Hm, da muss ich erst einmal überlegen", erwiderte Henry, klappte sein Buch zu und legte es auf das kleine Tischchen vor ihm. „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht so genau. Das ist der einzige Teil des Hauses, der noch nicht renoviert worden ist. Warum?"

„Ich würde mich da gerne einmal umsehen", erwiderte sie einfach. „Danke. Ich komme nachher zurück. Jetzt muss ich Spike wieder finden, damit wir uns da mal umschauen können", nickte sie ihm zu und wollte aus dem Raum gehen.

„Ich verstehe wirklich nicht viel von Dämonen, aber warum hilft dir ausgerechnet ein Vampir?", fragte Henry, stand auf und ging langsam auf sie zu. „Wenn du die Jägerin bist, müsstest du ihn dann nicht eigentlich vernichten?"

„Das ist jetzt wirklich schwer zu erklären. Sagen wir mal so… Es gibt zwei Vampire, die aus unterschiedlichen Gründen auf der Seite des Guten stehen", versuchte Buffy ihm zu erklären. „Und wenn es hart auf hart kommt, ist ein Vampir nun mal eine sehr gute Hilfe. Außerdem ist Spike nicht wirklich böse, wie schon gesagt, er spielt es nur gerne."

‚Oh mein Gott, jetzt verteidige ich ihn auch schon. Was ist bloß los mit mir? Mir sollte es völlig egal sein, was Henry von ihm denkt’, überlegte Buffy und schüttelte unmerklich den Kopf. „Ich denke, ich gehe jetzt mal Spike suchen. Bis später", sagte sie schnell und verschwand aus dem Raum, bevor ihr Gastgeber noch mehr Fragen stellen konnte.

Der Vampir lief fast in sie hinein, als sie aus dem Salon stürmte und er blickte sie verwundert an. „Hast du einen Geist gesehen, oder was ist los?"

„Nein, ich wollte dich gerade suchen", erwiderte sie verlegen. „Der Flügel wird gerade renoviert. Henry weiß nicht genau, was sich in dem Raum befindet."

„Wenn, dann ist nur das obere Stockwerk nicht verschandelt! Unten habe ich alle Räume durch und nur die Bibliothek ist noch fast im Originalzustand."

„Warum regst du dich so auf? Es ist doch nicht dein Haus! Ist auch egal. Wir sollten jetzt mal nach oben gehen", meinte Buffy und blickte ihn an. „Gibt es hier mehrere Treppen oder nur die eine in der Halle?"

„Soweit ich das gesehen habe, nur die eine. Jedenfalls habe ich keine weitere gesehen."

Zusammen gingen sie den Weg zurück in die Halle, dann die Treppe hinauf und durch scheinbar endlos lange Gänge.

„Hier könnte man einen von diesen kleinen Motorrollern gut gebrauchen", meinte die Jägerin und lachte. „So ein großes Haus möchte ich im Leben nicht haben. Hier kann man gut verstecken spielen, mehr auch nicht."

„Wir sind wohl da", meinte Spike und zeigte auf die Abtrennung aus stabiler Folie. „Dann wollen wir mal gucken, was wir dahinter Schönes finden."

Er schob mit den Händen die Kunststoffwand auseinander, stutzte und lief schon im nächsten Moment los. „Verdammt, was ist das für ein Ding?", schrie er.

Buffy schob sich durch die Absperrung, sah den Vampir über den Gang jagen und in einem der Zimmer verschwinden. Ein lautes Poltern und ein lautes „Verfluchte Scheiße" ließ sie nicht lange zögern und sie rannte dem Vampir schnell hinterher.

Teil 5

 

Buffy stürmte durch den voll gestellten Korridor, sprang im vollen Lauf über einen Stapel ausgetauschter Wandpaneele und hörte laute Kampfgeräusche. Spike fluchte gepresst und ein ohrenbetäubendes Donnern hallte durch den leeren Flügel des großen Hauses.

Sie beschleunigte ihre Schritte, bog um die Ecke in das Zimmer und stolperte fast über die, von den Handwerkern zurückgelassenen, leeren Farbeimer. Im Raum herrschte ein heilloses Durcheinander, überall lagen verschiedene Werkzeuge herum, Leitern und ähnliches Gerät lehnten an den Wänden und leere Kisten türmten sich übereinander.

Im ersten Moment konnte sie niemanden entdecken, sah den Vampir dann bewegungslos unter einem umgekippten Holzgestell liegen, dass scheinbar zum Anbringen der neuen Stuckverzierung aufgestellt worden war und hörte hinter sich dann ein leises Zischen.

Rasch drehte sie sich herum und suchte mit den Augen den Raum ab, entdecken konnte sie jedoch nichts. Sie deutete Spike an, liegen zu bleiben und schritt dann, vorsichtig und auf jeden Laut achtend, durch den voll gestellten Raum. Viele Verstecke gab es nicht unbedingt, die Kisten standen frei im Raum und waren von allen Seiten frei einsehbar. Ein großer Kamin war augenscheinlich leer und Buffy schlug die offen stehende Tür mit einem Ruck zu. Aber auch dahinter versteckte sich niemand. Sie lauschte angestrengt, zuckte dann mit den Schultern und ging zurück zu dem umgestürzten Holzgestell.

Sie hob das Gerüst an, stellte es, so gut es ging, wieder auf seine wackeligen Beine und streckte Spike eine Hand entgegen, an der er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht hochzog.

„Wo zur Hölle ist das Mistvieh hin?", fragte er wütend und blickte sich um. „Hast du ihn erwischt?"

„Ich habe gar nichts gesehen", meinte Buffy vorsichtig.

„Was soll das heißen, du hast nichts gesehen? Ich habe mit dem mistigen Dämon gekämpft!"

„Gehört habe ich es auch, aber gesehen leider nicht."

Vorsichtig machte der Vampir einige Schritte auf eines der Fenster zu, fuhr mit der Hand unter sein T-Shirt und fluchte laut. „Verdammt, jetzt hab ich mir auch noch eine beschissene Rippe gebrochen!"

Er zog seine Hand zurück und betrachte das Blut, das langsam an seinen Fingern herab rann. Er deutete mit dem Kopf auf das Fenster. „Ist das dein Zimmer da drüben?" Seine Stimme klang lange nicht so fest, wie sie eigentlich sollte, aber die Verletzung war schlimmer, als er selber zugeben wollte.

„Möglich, ich weiß es nicht genau", erwiderte sie ungenau, trat dann näher an das Fenster, blickte hinab in den Innenhof, der vollkommen symmetrisch angelegt war. „Ja, ist es. Also habe ich tatsächlich etwas gesehen!", meinte sie triumphierend und drehte sich zu dem Vampir um.

Spike stand vornüber gebeugt, hielt sich die Seite und richtete sich mühsam auf, als er ihren Blick spürte.

„Du hast dir mehr als nur eine Rippe gebrochen, richtig?", fragte die Jägerin und kam langsam näher.

„Könnte schon sein", erwiderte er und versuchte sein übliches Grinsen, das dieses Mal allerdings kläglich scheiterte. Er sah in ihr Gesicht, versuchte den Schmerz zu unterdrücken und fluchte ungewohnt leise. „Okay, vielleicht doch etwas schlimmer", gab er schließlich zu und zeigte ihr seine Hand.

„Komm, ich bringe dich erstmal auf dein Zimmer und werde dann Verbandsmaterial auftreiben", erklärte Buffy und bot ihm ihren Arm als Stütze an.

„Ich kann alleine laufen, verdammt!", meckerte er und schlug zornig ihren Arm weg, den sie ihm helfend entgegenstreckte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zurück in seinem Zimmer waren. Spike war auf dem Weg durch die endlosen Korridore immer wackeliger und langsamer geworden, aber schließlich standen sie vor seiner Zimmertür. Die Jägerin öffnete die Tür und gab ihr einen leichten Schubs, um sie komplett zu öffnen. Der Vampir, noch bleicher als sonst, taumelte gegen den Türrahmen und ließ sich dann widerwillig von Buffy helfen und zum Bett führen.

„Ich komme gleich wieder, beweg dich nicht so viel", erklärte sie und beeilte sich, aus dem Zimmer zu kommen.

 

Buffy rannte sofort hinab in die Küche und erschreckte das Personal mal wieder gründlich. Sie fragte nach dem Verbandszeug und die Köchin erwachte schließlich aus ihrer Starre, durchwühlte einige Schränke und übergab der Jägerin nach geraumer Zeit das Gewünschte.

Spike saß noch immer auf dem Bett, als sie zurückkam. Er schwankte hin und her und Buffy fragte sich, wie schwer die Verletzung wirklich war. Immerhin warf ihn ein gebrochener Knochen normaler Weise nicht so aus der Bahn.

„Spike?", fragte sie leise und ging auf ihn zu.

„Hi", erwiderte er müde und versuchte, sich das Shirt über den Kopf zu ziehen.

Buffy war sofort an seiner Seite und half ihm dabei. Nach einem ersten kurzen Blick war ihr sofort klar, dass er sich nicht nur eine der Rippen gebrochen hatte. Ein spitzes Holzstück, das scheinbar vom Gerüst abgesplittert war, steckte knapp unter seiner Achsel tief im Fleisch.

„Oh mein Gott, soll ich einen Arzt rufen?", fragte Henry, der sofort nach oben geeilt und jetzt unsicher im Türrahmen stand und gebannt auf die Verletzungen des Vampirs starrte.

„Nein!", erwiderte Buffy sofort und blickte ihn ernst an. „Wie willst du dem Arzt seinen fehlenden Herzschlag erklären?"

„Oh… ich…, ähm…", erwiderte der Angesprochene durcheinander und zuckte mit den Schultern.

„Spike! Das wird jetzt wehtun", meinte Buffy leise und zog im gleichen Moment das Holzstück mit einem heftigen Ruck heraus. Sofort drückte sie die Wunde zu und der Vampir fluchte leise.

Oh Mann, dass es auf dem Rücken nicht wieder rausgekommen ist, wundert mich wirklich’, überlegte die Jägerin, als sie den zehn Zentimeter langen, grob gezackten Holzspieß auf den Boden fallen ließ.

„Kann ich irgendwas tun?", fragte der Hausherr, der nur sehr vorsichtig näher getreten war.

„Ja, du kannst den Verband nehmen und in stramm um seinen Oberkörper wickeln, während ich ihn aufrichte", meinte Buffy vorsichtig und sah ihn abwartend an.

„Ich soll…", flüstere Henry unsicher, straffte sich dann und weckte all den Mut, den er in sich finden konnte. „Okay", erwiderte er mit fester Stimme, ging auf das Bett zu und nahm einen der elastischen Verbände in die Hand.

„Spike, ich werde dich wohl ein wenig strecken müssen…"

„Okay", nuschelte der Vampir undeutlich. Im Moment war ihm so ziemlich alles egal. Er hatte viel Blut verloren und die Schmerzen ließen sich nicht mehr wirklich unterdrücken.

Buffy sprang auf das Bett, stellte sich hinter den Zusammengesackten und griff unter seinen Armen durch, um einen besseren Halt zu haben. Sie nickte Henry einmal aufmunternd zu und richtete den Vampir mit einem schnellen Ruck auf.

Spike fauchte laut und sein Gesicht verwandelte sich in das eines Dämons, seine Augen blitzen gefährlich und er knurrte böse. Der Hausherr ging verschreckt einige Schritte zurück und wurde von der Jägerin sofort zurückgerufen.

Henry atmete mehrmals tief durch und machte sich dann an seine ihm zugeteilte Aufgabe. Wenige Minuten und einige Verbände später seufzte er erleichtert auf und Buffy ließ den jetzt bewusstlosen Vampir langsam auf das Bett gleiten.

„Und was jetzt?", fragte der Hausherr verunsichert.

„Er braucht jetzt viel Ruhe und Blut", erklärte Buffy leise. „Und ich… Ich brauche eine verdammte Waffe!"

„Eine Waffe? Eine Pistole? Ich verstehe nicht so ganz…"

„Keine Pistole! Ein Schwert, eine Streitaxt, irgendetwas in der Art. Das hier ist eine verdammte Burg!", schimpfte Buffy böse. „Irgendwo soll wohl etwas Brauchbares zu finden sein!"

„Oh, ich verstehe. Unten im Gewölbe ist ein Raum, in dem stehen mehrere Kisten mit all den Waffen, die hier in den Räumen aufbewahrt wurden. Allerdings weiß ich nicht, ob noch irgendeine in ausreichend gutem Zustand ist. Sie sind alle furchtbar alt."

„Ich werde schon etwas finden", erwiderte Buffy zuversichtlich und ging aus dem Raum. Sie kehrte noch einmal zurück, sah Henry eindringlich an und nickte ihm dann zu. „Lass ihm bitte Blut bringen, am besten eine ganze Menge voll davon. Er wird es brauchen."

Der Hausherr nickte nur, ging dann der davoneilenden Jägerin hinterher, um seinem Personal die erforderlichen Anweisungen zu überbringen.

 

 

Buffy hatte schon früher am Tag, genauer gesagt, als sie auf der Suche nach dem Hausherrn gewesen war, die Tür zum Gewölbe entdeckt. Sie lief die uralte ausgetretene Steintreppe hinab, durchsuchte zwei der riesigen Kellerräume und hatte bald die Kisten mit den Waffen gefunden. Drei der riesigen Holztruhen hatte sie bereits durchwühlt, aber tatsächlich nichts Brauchbares gefunden.

Mist! Das kann doch nicht wahr sein! Hier muss es doch irgendeine Waffe geben!’, überlegte sie wütend und trat mit Wucht gegen die letzte Kiste, die darauf hin klappernd auseinanderbrach.

Ein Funkeln ließ sie überrascht innehalten und sie räumte mit dem Fuß die morschen Armbrüste, Bögen und Pfeile zur Seite. Unter all den wertlosen Funden erstrahlte ein Breitschwert im schwachen Licht der kleinen Glühbirne, die langsam an einem Kabel hin und her schwankte. Erleichtert hob die Jägerin es auf und untersuchte es neugierig.

Das Schwert hatte einen herrlich verzierten Knauf, in den filigran das Abbild eines Drachen eingearbeitet worden war und die Klinge blitzte, als wäre es erst vor kurzer Zeit hergestellt worden. Buffy wog das Schwert in der Hand, schwang es dann gekonnt durch die Luft und lächelte dann böse. „Was immer du bist! Ich kriege dich!"

 

Wenige Minuten später öffnete sie möglichst leise, um den Vampir nicht unnötig zu wecken, die Zimmertür einige Zentimeter und blickte zum Bett herüber.

Ein leise gemurmeltes „Hallo, Luv" ließ sie einen Moment zögern, schließlich öffnete sie die Tür komplett und trat herein.

„Hey, du bist ja wieder wach. Wie fühlst du dich?"

„Als hätte jemand ein verdammtes Gerüst auf mich geworfen", grinste er angestrengt, versuchte sich aufzusetzen und schaffte es nur mit Mühe, sich an die Rückwand des Bettes anzulehnen. „Nettes Schwert. Wo hast du es her?"

„Im Keller gefunden. Es war die einzig brauchbare Waffe in diesem verdammten Haus!", meckerte Buffy und schüttelte genervt den Kopf. „Schon blöd, dass wir unsere eigenen nicht mitbringen konnten."

„Warum bist du so sauer?", fragte Spike, griff vorsichtig nach der Thermoskanne, die für ihn bereitgestellt worden war, hielt mitten in der Bewegung an und blickte sie überrascht an. „Du machst dir doch nicht etwa Sorgen um mich?"

„Ich?, Nein…! Warum sollte ich…?", erwiderte Buffy schnell, blickte auf das Schwert und legte es dann auf das untere Ende vom Bett. „Ich meine… Nein…" ‚Warum stottere ich hier eigentlich so rum?’ „Versuch es erst gar nicht wieder mit der Masche. Ja, ich habe mir Sorgen gemacht, aber nicht aus den Gründen, die du meinst."

„Einen Versuch war es wert", brummte Spike missmutig.

„Erzähl mir lieber, gegen was genau du gekämpft hast. Kennst du die Dämonenrasse?", meinte Buffy und setzte sich auf die Bettkante.

„Ehrlich gesagt, nein. So ein hässliches Mistvieh habe ich noch niemals zu Gesicht bekommen. Und du weißt, ich hab schon so einige Jährchen auf dem Buckel." Er grinste gequält. „Ich kann dir nicht genau sagen, warum. Aber alles an diesem Dämon wirkte falsch. Irgendwie fehl am Platz."

„Wie meinst du das?", erkundigte sie sich erstaunt.

„Wie soll ich es beschreiben? Hm. Es schien, als sei dieses Etwas missraten. Fehl gebildet. Nein, das ist nicht das Richtige. Er sah aus, als wäre er zusammengestückelt."

„Es gibt keine gut aussehenden Dämonen", meinte Buffy schulterzuckend. „Sie sehen alle irgendwie…merkwürdig aus."

„Mag sein. Zumindest für dich", erwiderte Spike und trank langsam seine Tasse leer. „Trotzdem war das Vieh irgendwie anders."

Teil 6

Buffy unterhielt sich noch einen kurzen Moment mit dem Vampir, bemerkte dann aber, dass dieser sehr schnell schläfrig wurde. Sie schnappte sich das uralte Breitschwert und machte sich nach einer kurzen Verabschiedung auf den Weg zurück, in den noch nicht restaurierten Flügel des Gebäudes.

Sie durchforstete jedes Zimmer, untersuchte jedes mögliche Versteck und klopfte sogar die alten Wandpaneele aus Holz ab, auf der Suche nach möglichen Geheimgängen. Entdecken jedoch konnte sie nichts. Langsam wurde es dunkel und die spärliche Beleuchtung unterstützte ihre Nachforschung nicht besonders und so machte sie sich übellaunig auf den Rückweg.

Sie warf einen kurzen Blick in Spikes Zimmer, sah aber sofort, dass er tief und fest schlief und so schloss sie die Tür möglichst leise wieder. Buffy war gerade dabei, ihr eigenes Zimmer zu betreten, als eines der Dienstmädchen an sie herantrat und ihr ausrichtete, dass das Abendessen in einer Stunde im Esszimmer serviert werden würde.

Sie bedankte sich und nickte dem Mädchen zu, als ihr etwas einfiel. Für einen kurzen Augenblick sah Buffy ihr hinterher und entschied sich dann, ihr nachzueilen. Kurz vor der Treppe holte sie die Angestellte ein und baute sich vor ihr auf.

„Entschuldigung", meinte Buffy sofort beschwichtigend lächelnd. Sie hatte das junge Ding erschreckt und sie bemerkte so etwas wie Furcht in ihren Augen. „Ich weiß nicht genau, wie ich es sagen soll. Aber ich habe eine Menge Fragen und vielleicht könnten Sie mir einige Antworten geben."

Die Jägerin erklärte ihr Anliegen und sah sich einer stummen Angestellten gegenüber. „Ich weiß, es ist nicht üblich, Geheimnisse seiner Arbeitgeber auszuplaudern. Aber ich bin nicht hier, um Ihrem Chef irgendetwas anzuhängen oder ihm Schwierigkeiten zu machen. Ich möchte nur herausfinden, wer oder was hier sein Unwesen treibt."

Das Dienstmädchen kaute mit Unbehagen auf ihrer Unterlippe und erst, als Buffy meinte, dass ihr Arbeitgeber sie immerhin aus eben diesem Grund hatte kommen lassen, begann sich deren Anspannung zu legen.

„Ich kann Ihnen da wirklich nicht viel zu sagen", erklärte das junge Ding. „Ich selber habe nie etwas anderes als Schemen und undeutliche Bewegungen gesehen. Einige meiner Arbeitskollegen beschreiben das…das Wesen als durchscheinend. Manche sagen, es wäre groß und grün, andere wiederum behaupten, es wäre klein und braun. Die Köchin besteht darauf, dass es lila ist." Sie blickte sich hektisch um, ganz so, als erwarte sie eine Bestrafung dafür, dass sie mit Buffy sprach. „Ehrlich gesagt, ich habe Angst. Es ist nie irgendetwas Schlimmes geschehen und trotzdem…Das einzige, was ich sicher weiß, ist, das hin und wieder Nahrungsmittel verschwinden."

Buffy stellte noch weitere Fragen, denn die ganze Angelegenheit wurde immer verworrener, doch das Dienstmädchen konnte ihr keine klärenden Antworten mehr geben. Sichtlich erleichtert lief dieses schließlich die Treppe hinab und verschwand in der großen Halle.

 

Eine gute halbe Stunde später stand Buffy vor dem großen Badezimmerspiegel und sah sich beim Stirnrunzeln zu. Sie hatte ausgiebig geduscht und ebenso ausgiebig nachgedacht. Das alles hier war ein großes Fragezeichen für sie. Sie war zwar erst einen Tag hier, aber es ärgerte sie, dass sie keinerlei Antworten gefunden hatte. Das einzige, was sie sicher wusste war, dass es sich nicht um einen Geist handelte. Zumindest konnte sie sich nicht vorstellen, dass Spike gegen ein Gespenst gekämpft hatte. Aber warum hatte sogar der Vampir gesagt, dass an diesem Dämon etwas seltsam war?

Sie riss sich aus ihren Gedanken, denn so langsam musste sie sich beeilen. Das Abendessen würde bald serviert werden und sie hatte eine Menge offene Fragen, die der Hausherr ihr hoffentlich beantworten konnte. Sie zog sich an, verließ ihr Zimmer und warf noch einen flüchtigen Blick in das Zimmer des Vampirs. Allem Anschein nach schlief er noch immer tief und fest und so schritt sie die große Treppe alleine hinunter. Was ihr sofort abwertend auffiel war, das es viel zu wenig Licht in diesem Schloss gab. Zumindest während der dunklen Tageszeit. ‚Grauslich’, dachte sie. ‚Fast wie ein Friedhof bei Mitternacht!’

 

Henry wartete bereits im Esszimmer und lächelte schüchtern, als sie die schwere Tür öffnete. „Oh, Buffy. Geht es dir gut? Ich habe gehört, du wärst alleine auf der Suche nach meinem ähm… Problem gewesen."

„Ja, danke", erwiderte Buffy, so freundlich sie konnte. „Allerdings habe ich eine Menge Fragen zu eben diesem Problem."

„Ja, hm… sicherlich." Er bot ihr einen Platz an und Buffy setzte sich fast widerwillig.

Irgendwie war ihr dieses ganze Gehabe einfach zuviel. Diese ganze Gezwungenheit, die alle hier im Haus befallen hatte. Diese Förmlichkeit, mit der alles geregelt wurde und die aufgesetzte Höflichkeit erst recht. Nein, das alles hier war nichts für sie. Dazu war sie zu direkt und irgendwie vermisste sie schon jetzt Spikes flapsigen Sprüche, die alles immer auflockerten. ‚Hoffentlich gibt es diesmal etwas Essbares’, überlegte sie und schüttelte sich leicht bei dem Gedanken an das Mittagmahl.

Wieder schoss der Vampir durch ihre Gedanken und sie bewunderte ihn heimlich dafür, wie wenig er sich um die Meinung anderer Menschen scherte. Er benahm sich überall gleich und auch viel Geld imponierte ihm wenig. ‚Na ja, als Vampir kann man sich so was leisten, als normaler Mensch eher nicht.’

„Ich habe für heute Abend ein einfaches Steak ausgesucht", riss der Hausherr Buffy aus ihren Gedanken. „Ich denke… ich hoffe, es sagt dir eher zu."

„Ja, sicherlich", erwiderte sie schnell und hoffte im gleichen Moment, dass es gut durchgebraten war. Blut sah sie oft genug. Zu oft! Das brauchte sie nicht auch noch auf ihrem Teller.

Die Unterhaltung geriet ins Stocken, da Buffy noch immer dabei war, ihre Gedanken zu sortieren. Sie hatte so viele Fragen und sie wusste kaum, mit welcher sie beginnen sollte. Irgendwann jedoch brach es aus ihr heraus und sie bombardierte ihr Gegenüber mit ihren Gedanken.

Henry, der bisher einigermaßen gemütlich auf seinem Stuhl gesessen hatte, lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich glaube nicht, dass ich auch nur die Hälfte der Fragen beantworten kann. Ich… Dieses Haus stand beinahe fünfundsiebzig Jahre leer, bevor ich auf den Gedanken kam, es zu renovieren. Soweit ich weiß, existieren auch keine alten Spukgeschichten. Alles fing erst an, als die ersten Bauarbeiter hier mit ihrer Arbeit anfingen."

„Hast du selbst schon einmal etwas gesehen? Ich meine, ist dieser Geist, oder was auch immer es ist, dir jemals begegnet?", erkundigte Buffy sich neugierig.

„Ja, einmal", gab er missmutig zu. „In der Bibliothek. Allerdings ist es sehr schnell verschwunden und ich weiß bis heute noch nicht, wohin. Ich habe den ganzen Raum abgesucht, aber ich konnte keine Geheimtür finden."

„Aber genau so etwas muss es geben", meinte Buffy ernst und nickte. „Es kann nicht anders sein. Entweder es ist ein Geist, oder aber es muss versteckte Durchgänge geben. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, dass es ein Gespenst ist."

„Was macht dich so sicher?", fragte Henry. „Ich habe zwar keine Ahnung davon, aber Wesley erzählte was von Poltergeistern und …"

„Ich weiß es einfach", unterbrach Buffy ihren Gastgeber. „Außerdem hätte Spike es sofort gemerkt. Er ist schon… ähm… sehr weit herumgekommen."


„Ich verstehe", sagte Henry und nickte dabei leicht mit dem Kopf. „Wie kann ich euch helfen?"

„Nach Bauplänen zu fragen ist wohl sinnlos, oder?"

„Ja, eigentlich schon. Es gibt nur die Zeichnungen, die ich habe anfertigen lassen und ich muss zugeben, es gibt da schon einige Differenzen in Bezug auf Raumgröße und Wandstärke."

„Das heißt, Geheimgänge wären durchaus kein schlechter Gedanke."

„Eigentlich nicht", gab Henry schulterzuckend zu. „Aber wie gesagt, ich habe lange danach gesucht und es ist auch ein Grund dafür, warum überall die alten Wandpaneele abgerissen wurden. In keinem Raum ist auch nur die kleinste Tür gefunden worden. Kein Spalt, kein Durchlass, kein gar nichts."

„Dann bleiben nur noch die Kamine", erklärte die Jägerin und stand auf.

Jeder Raum im Schloss besaß einen Kamin und vielleicht war es geradezu logisch, dass diese auch miteinander verbunden waren. Die Jägerin durchquerte den Raum und blieb vor der massiven Feuerstelle stehen, schritt dann langsam auf und ab und ließ ihre Hand über den glatten Granit wandern. Jede kleine Kerbe wurde untersucht und ausführlich begutachtet, allerdings konnte sie keinerlei Hebel oder sonstige Mechanismen finden. Schließlich ging sie in die Hocke und untersuchte das Innenleben, soweit es die Lichtverhältnisse zuließen. Außer verrußter Wände sah sie wenig und sie beschloss, sich morgen eine Taschenlampe zu besorgen, um eine genauere Untersuchung zu beginnen.

Henry hatte ihr nur wortlos dabei zugesehen und blickte ihr nun fragend ins Gesicht.

„Ich sehe einfach zuwenig", klärte sie ihn auf. „Allerdings hätte ich morgen gerne eine Taschenlampe, dann werden Spike und ich uns das mal genauer ansehen."

„Spike? Ich dachte… Er ist verletzt, wie kann er das…"

„Er ist ein Vampir", erklärte Buffy sachlich. „Seine Verletzungen heilen sehr schnell und so wie ich ihn kenne, hält ihn morgen nichts mehr zurück."

Die Tür öffnete sich und das Personal servierte das Essen. Einigermaßen missmutig setzte sich Buffy wieder auf ihren Platz und betete darum, das Fleisch möge durchgebraten sein. Zu ihrer eigenen Erleichterung stellte sie fest, dass es zwar nicht wirklich durch war, aber dafür nur einen schmalen rosa Streifen in der Mitte hatte und sie begann mit dem Zerteilen des butterweichen Filets.

Henry räusperte sich. „Glaubst du wirklich, es gibt Geheimgänge in diesem Haus? Ich kann es mir nicht vorstellen. Durch die Umbauten sind soviel Wände aufgerissen worden… Kabelschächte mussten verlegt werden und Heizungsrohre. Eines der großen Gewölbe im Keller ist praktisch ganz freigelegt worden, weil ich da einen Weinkeller errichten will. Dort haben wir übrigens ein altes Fundament entdeckt. Es scheint noch aus der Zeit der römischen Besatzung zu stammen."

„Römische Besatzung? Ach so, ja natürlich. Der Hadrianswall."

„Stimmt allerdings", freute sich der Hausherr. „Nicht weit entfernt von hier gibt es noch die Überreste eines Wachturms. Die Römer waren wirklich große Baumeister."

„Mag sein", erwiderte Buffy höflich. Das war nicht unbedingt ein Thema, dass sie brennend interessierte. Immerhin gab es einen guten Grund, warum sie schon auf der Highschool das Fach Geschichte verabscheut hatte. „Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Schloss wieder aufzubauen?"

„Im weitesten Sinne ist es wohl eher eine Burg als ein wirkliches Schloss, auch wenn es dem jetzt sehr nahe kommt", erklärte Henry begeistert. „Es ist schon seit Urzeiten in Familienbesitz und ich hatte, sagen wir es mal so, die Gelegenheit und die Mittel, es wieder auferstehen zu lassen."

„Ich verstehe", murmelte Buffy und legte ihr Besteck beiseite.

„Darf ich fragen, wie euch die neu eingerichteten Zimmer gefallen?"

„Ach, eigentlich sehr gut. Sehr geräumig und sehr luxuriös. Allerdings stellt man sich solche Zimmer doch etwas anders vor."

„Warum?", fragte der Hausherr verblüfft.

„Nun ja, wie soll ich das sagen? Es ist eine Burg, die jetzt aussieht wie ein Schloss. Oder wie auch immer. Da erwartet man eher antike Möbel und nicht so sehr viel Chrom und Modernes."

„Stimmt allerdings", erwiderte er lachend. „Aber ich liebe heutige Möbel, ich konnte mir nichts anderes vorstellen. Es passt nicht wirklich, richtig?"

„Nicht unbedingt", gab Buffy lächelnd zu. ‚Spike würde allerdings noch etwas ganz anderes dazu sagen.’ „Kann ich morgen früh ein paar Taschenlampen und die Baupläne haben? Dann könnten wir dem zumindest nachgehen", lenkte sie das Gespräch wieder in die Bahnen, in die sie wollte.

„Selbstverständlich. Ich werde gleich alles raussuchen, was ich darüber finden kann. Ich nehme an, du wirst dich bald zurückziehen wollen?

„Ja, ehrlich gesagt, war der Tag doch etwas anstrengend. Ach, da fällt mir ein… Ich habe von Spikes Fenster aus eine lange Mauer gesehen. Ich nehme an, dass es sich dabei um den Hadrianswall handelt?"

„Ja, er beschließt das Grundstück auf der nördlichen Seite. Warum?"

„Ich wollte nur sicherstellen, dass es nicht noch andere Gebäude gibt. Die gibt es doch nicht, oder?"

„Nein, außer das kleine Gärtnerhäuschen gibt es keine anderen Bauten. Allerdings soll es hier mal irgendwann noch ein Badehaus gegeben haben. Aus der Römerzeit. Das kann allerdings auch nur ein Gerücht sein. Ich habe nie etwas Derartiges gefunden."

„Hm", machte Buffy. Dann würde ihr wohl doch nichts anderes übrig bleiben, als auch den Garten abzusuchen. Garten konnte man es eigentlich nicht nennen, eher einen riesigen Park, aber mit Spikes Hilfe würden sie auch das noch schaffen. Sie nickte Henry noch einmal zu und erhob sich. „Dann wollen wir mal hoffen, dass der morgige Tag mehr Licht ins Dunkle bringt."

Teil7

Langsam und sehr bedächtig stieg Buffy die breite Treppe hinauf. Sie hatte das untrügerische Gefühl, beobachtet zu werden, doch so sehr sie sich anstrengte, sie konnte nichts und niemanden entdecken. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf und ganz unbewusst spannten sich ihre Muskeln an. Wieder einmal bemängelte sie die spärliche Beleuchtung und fast lautlos bewegte sie sich die letzten Stufen hinauf.

Am oberen Rand der Treppe blieb sie für einen Moment stehen und blickte dann in jede Ecke und in beide Flügel, die vom Hauptflur abgingen. Allerdings konnte sie nichts ausmachen, was auf irgendeine Gefahr hinwies.

Schlechtgelaunt und missmutig blieb sie für kurze Zeit vor Spikes Zimmer stehen, überlegte es sich anders und öffnete stattdessen ihre eigene Tür. Das erste was sie bemerkte war, dass der Fernseher lief und das zweite war, dass der Vampir ausgestreckt auf ihrem Bett lag und wie wild durch die Kanäle schaltete.

„Nicht ein vernünftiges Programm", maulte er, als er sie bemerkte.

„Was machst du hier?", fragte Buffy und sie hatte Mühe, ihre schlechte Laune nicht an ihm auszulassen.

„Fernsehgucken", erwiderte Spike vergnügt und verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Du scheinst ja äußerst gut drauf zu sein. Was ist? Hat der Hausherr dich genervt?"

Nein, du nervst’, schoss es ihr durch den Kopf. „Nein. Allerdings stört es mich, dass ich immer weniger weiß und immer mehr merkwürdige, nicht zusammenpassende Informationen erhalte."

„Wie meinst du das?" Spike richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, rutschte ein Stück zurück und lehnte sich gegen das Kopfteil des Bettes.

„Ach! Ich habe mit einem der Dienstmädchen gesprochen. Sie hat mir einiges erzählt. Oder auch nicht erzählt." Buffy setzte sich auf die Bettkante und seufzte. „Jeder in diesem Haus hat irgendwas gesehen oder bemerkt, aber scheinbar alle etwas Unterschiedliches. Entweder wir sitzen auf einem Dämonennest der unterschiedlichsten Rassen oder… Ich weiß es nicht. Mist! Und eben auf der Treppe… ich hätte schwören können, dass jemand da war."

„Okay!", meinte Spike nur und zog das Wort dabei in die Länge. „Wie wäre es, wenn du mir mal erzählst, was du so alles gehört hast."

„Jeder beschreibt es anders. Groß, klein, grün, braun und einige als durchscheinend. Denkest du, es war ein Geist?", fragte sie den Vampir neugierig. „Ich kann es mir nicht vorstellen."

„Nein! Auf gar keinen Fall! Das war kein Gespenst, gegen das ich gekämpft habe."

„Wie auch immer. Ich bin müde und ich denke, wir sollten morgen weitermachen." Sie gähnte herzhaft. „Ach, da fällt mir noch was ein. Henry wird uns morgen die Pläne übergeben, die er von dem Haus hat zeichnen lassen. Scheinbar gibt es Unstimmigkeiten in den Abmessungen."

„Du denkst an Geheimgänge." Spike runzelt die Stirn. „Eine gute Möglichkeit, sich im Haus ungesehen fortzubewegen."

„Wenn, dann beginnen die Eingänge dazu in den Kaminen", erklärte Buffy. „Henry hat die ganzen alten Wandpaneele abbauen lassen, aber nichts gefunden. Er hatte die Idee schon früher. Wenn du morgen fit bist, sollten wir uns auf die Suche machen. Außerdem müssen wir vielleicht auch noch mal den Park gründlich absuchen."

„Sicher bin ich fit", erklärte der Vampir sofort. „Ich werde großzügig mit Blut versorgt und eine Nacht Schlaf wird das Übrige tun."

„Ja, schlafen. Das ist eine gute Idee. Irgendwie bin ich ziemlich geschlaucht", meinte Buffy. „Ich will in mein Bett."

„Kein Problem", grinste Spike und schob die Decke unter sich weg. Er war gerade dabei, es sich gemütlich zu machen, als die Jägerin ihn aufhielt.

„Du verschwindest in dein eigenes Bett!"

„Warum?", erkundigte er sich mit dem harmlosesten Gesichtsausdruck, den er zustande brachte. „Es ist gerade so gemütlich hier."

„Spike! Verschwinde!" Buffy umrundete das Bett und baute sich vor ihm auf. „Entweder du gehst freiwillig, oder ich helfe nach."

Widerwillig richtete er sich auf, diesmal darauf bedacht, möglichst viele Schmerzen zu zeigen. „Ich weiß gar nicht, warum du dich deswegen so anstellst."


„Gute Nacht", war alles, was die Jägerin sagte. Mit sanfter Gewalt schob sie ihn Richtung Tür und knallte ihm eben diese vor der Nase zu, kaum, dass er das Zimmer verlassen hatte. „Das wäre ja wohl noch schöner", murmelte sie leise vor sich hin und verriegelte das Schloss.

 

Trotz Müdigkeit wollte der Schlaf einfach nicht kommen. Buffy wälzte sich in dem großen Bett hin und her und zerknautschte dabei ihr Kissen. Ein Sturm war aufgezogen, denn die Fensterläden klapperten im Wind und Regen peitschte gegen die Scheiben. Sie fühlte sich unwohl. Das große Haus alleine machte schon genügend Eigengeräusche und durch das Unwetter konnte sie immer weniger davon zuordnen.

Irgendwann jedoch gewann die Müdigkeit und sie schlummerte ein. Allerdings hatte sie einen merkwürdigen Traum. Ein kleines Wesen stand vor dem Bett. Es war grau, kaum einen Meter groß und sagte immer und immer wieder die gleichen Worte. „Jägerin, geh nach Hause. Du hast hier nichts zu suchen!"

 

Das Frühstück am nächsten Morgen verlief außerordentlich ruhig. Zumindest bisher. Der Hausherr selbst war noch nicht anwesend und Spike, der seine morgendliche Ration Blut bereits in seinem Zimmer zu sich genommen hatte, probierte sich durch das kleine Angebot des Buffets.

Buffy begnügte sich mit einem Toast und einer Orange, die sie gerade schälte, als Henry das Esszimmer betrat. Er hatte mehrere Pläne und aufgerollte Blaupausen bei sich und lächelte sanft, als er Buffy ansah.

„Einen wunderschönen guten Morgen", wünschte er und legte seine Mitbringsel auf das Sideboard.

Buffy und Spike wünschten das Gleiche, auch wenn die Antwort des Vampirs eher ein missmutiges Murmeln war.

„Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen", redete Henry munter weiter.


„Wie ein Toter", grinste Spike fies und lud sich mehr Rührei auf den Teller.

„Es geht so", meinte Buffy.

Sofort wurde der Vampir hellhörig. „Warum hast du nicht geschlafen?"

„Ich habe geschlafen. Aber die Zeitumstellung und der Sturm letzte Nacht taten das Übrige. Außerdem hatte ich einen seltsamen Traum."

„Ein Jägerinnentraum?", erkundigte sich der Blonde, während Henry fragend von einem zum anderen sah.

„Nein", sagte Buffy. „Einfach nur ein blöder Traum."

„Jägerinnentraum?", wiederholte der Hausherr. „Was ist das?"

„Lange Geschichte", winkte sie ab. „Sind das die Pläne vom Haus?", fragte sie dann und deutete auf das Sideboard.

„Ja. Alles was ich finden konnte", entgegnete Henry. „Die Zeichnungen, die ich anfertigen lassen habe, einige Pläne von den Elektrikern und ich habe sogar noch einen alten Plan vom Park gefunden. Er muss über zweihundert Jahre alt sein. Ein Wunder, dass er noch nicht zu Staub zerfallen ist."

„Nicht alles was alt ist, zerfällt automatisch zu Staub", grinste Spike und schob sich seinen letzten Bissen Toast in den Mund.

„Ähm… allerdings nicht", murmelte Henry und versuchte ein Lächeln. „Ich habe einen Angestellten in die Stadt geschickt, um ein paar vernünftige Taschenlampen zu besorgen", erklärte er dann. „Er müsste bald zurück sein."

„Hast du keinen Hunger?", fragte Buffy, an den Hausherrn gewandt.

„Ich habe schon gefrühstückt", erwiderte er. „Ich bin heute Morgen schon sehr früh aufgestanden.

„Dann können wir ja loslegen", sagte Spike und stand auf. Er holte die Pläne vom Board und entrollte sie an der unbenutzten Seite des langen Tisches. Er studierte sie eine lange Zeit, ebenso wie Buffy und Henry, der allerdings einen gewissen Sicherheitsabstand zu Spike hielt.

„Ich glaube, die gesamte Burg ist im 15.Jahrhundert umgebaut worden", erklärte der Vampir großspurig und Buffy sah ihn fragend an.

„Und wie kommst du darauf?"

„Nur eine Vermutung", meinte er und grinste dann. „Ich war auch schon sehr früh wach und habe mir die Bibliothek einmal etwas näher angesehen." Er ging einige Schritte und nahm dann ein schweres, in Leder gebundenes Buch von der Sitzfläche eines Stuhls. „Das habe ich gefunden", sagte er und drückte es seinem Gastgeber in die Hand, der es sofort öffnete und las.

„Das ist eine Familienchronik", klärte der Hausherr Buffy auf. „Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt."

„Was steht drin?", wandte sie sich an den Vampir. Ihr war durchaus bewusst, dass dieser bedeutend mehr wusste, als er bisher preisgegeben hatte.

„Wie gesagt, es ist eine Chronik und ich hatte die Zeit, sie mir gründlich anzusehen. Ein, sagen wir es mal so, Vorfahr unseres werten Gastgebers hatte wohl ein mittelschweres Problem mit seinem Kopf."

„Häh?", machte Buffy und runzelte die Stirn.

„Er war verrückt", meinte Spike und lachte höhnisch. „Total durchgeknallt. Er litt außerdem unter Verfolgungswahn, was auch sehr ausführlich darin beschrieben wird."

„Und was soll uns das helfen?", erkundigte sie sich.

„Darin steht außerdem, dass er Unsummen für Ausbesserungsarbeiten ausgegeben hat, die sich niemand erklären kann. Meiner Meinung nach hat er nicht renoviert, sondern umgebaut."

„Selbst wenn", sagte Buffy. „Was hilft uns das?"

„Es könnte zumindest die Annahme bestätigen, dass es hier wirklich Geheimgänge gibt. Wenn, wie hieß er gleich? Ach ja, George. Wenn George wirklich unter Verfolgungswahn litt, dann ist es sehr gut möglich, dass er sich so etwas einbauen ließ."

„Der, der die Chronik verfasst hat, hat nicht zufällig aufgeschrieben, wie man die Gänge findet?" Buffy sah erst Spike und dann Henry an.

„Nein. Aber ich denke, du liegst mit deiner Vermutung über die Kamine schon ganz richtig."

„Okay. Also, wenn dort die Eingänge sind, wo führen sie hin? Das Gebäude ist quadratisch und hat einen Innenhof."

Spike tippte mit dem Finger auf die neuesten Pläne der Burg. „Guckt euch mal die Fenster genauer an."

Buffy und Henry starrten auf den Plan.

„Die Außenwand ragt ungefähr einen Meter hervor, wenn man aus dem Fenster sieht", fuhr der Vampir fort. „Aber ebenso die Innenwand. Sie steht einen Meter zurück und jedes Fenster ist so praktisch eine Nische."

„Das heißt, die Wand wäre zwei Meter dick", stellte Buffy erstaunt fest.

„Die Wände zwischen den einzelnen Zimmern sind übrigens über einen Meter breit", erklärte Henry leise. „Es würde einiges erklären."

„Meiner Meinung nach zieht sich ein Geheimgang rund um die Burg", erklärte Spike großspurig. „Und zwar in halber Höhe, zwischen den Etagen."

„Jedes Zimmer wäre erreichbar", meinte Buffy und fuhr mit dem Finger über den Plan. „Aber warum in halber Höhe?"

„Wegen der Fenster", erklärte der Hausherr und blickte auf eben diese. „Dann muss es kleine Treppen geben, rauf und runter, um alle Räume zu erreichen."

„So ungefähr stelle ich es mir auch vor", sagte Spike vergnügt. „Wenn der Kerl mit den Taschenlampen endlich da wäre, könnten wir loslegen."

Kaum hatte der Vampir die Worte ausgesprochen, da öffnete sich die Tür und der Chauffeur trat in den Raum. Er überreichte Henry ein kleines Paket und verabschiedete sich schnell wieder.

„Wann bist du eigentlich aufgestanden?", wandte sich Buffy an den Vampir.

Der grinste über beide Ohren. „Heute Nacht um drei. Zeit genug, sich hier ein wenig umzusehen."

„Was ist mit deiner Verletzung?", fragte Buffy weiter.

„Weitestgehend verheilt. Kein Problem", erklärte er und wandte sich nun dem Gastgeber zu. „Wie sieht es aus? Können wir?"

„Ja, wir können", sagte dieser und überreichte die Taschenlampen. „Auf geht’s!"

Teil 8

„Du willst uns begleiten?", fragte Buffy den Hausherrn entsetzt, der sich, mit einer Taschenlampe bewaffnet, zu ihr gesellte.

„Das hatte ich eigentlich vor", erwiderte er und sah sie herausfordernd an. „Ist das ein Problem? Das hier ist mein Haus und ich will wissen, was hier vorgeht."

„Es wird ein Problem, wenn wir den Eingang finden und einem drei Meter großem Dämon gegenüber stehen", grinste Spike fies und verzog das Gesicht.

„Oh", machte Henry erschrocken. „Vielleicht sollte ich dann… Nein! Ich komme mit!" Seine Stimme klang selbstsicher, doch Spike konnte hinter die Fassade sehen und er grinste hämisch.

„Vielleicht sollten wir das Schwert mitnehmen", sagte er dann und Buffy nickte.

„Kein schlechter Gedanke. Könntest du es bitte holen?"

Spike murrte leise, ging dann aber, weil er wusste, dass die Jägerin versuchen wollte, Henry von seinem Vorhaben abzubringen.

Er eilte die Treppe hinauf, durchquerte den Korridor und öffnete die Tür. Ein leises Knirschen ließ ihn kurz zusammenzucken und er warf einen schnellen Blick auf den Kamin. Wie nicht anders erwartet, war nichts weiter zu sehen als Schwärze, doch er lächelte hinterhältig. ‚Was auch immer du bist! Ich krieg dich schon noch!’

Zurück im Esszimmer stellte er auf den ersten Blick fest, dass die Jägerin keinen Erfolg gehabt hatte. Henry wirkte entschlossener denn je und Buffy wirkte mächtig genervt. Spike wollte ihr das Schwert überreichen, doch sie winkte ab. „Behalt du es."


„Welches ist der größte Kamin im Haus?", fragte Spike daraufhin und Henry überlegte einen Moment.

„Der in der Halle", erklärte er dann. „Warum?"

„Weil ich keine Lust hab, darin herumzukriechen", erwiderte Spike und griff nach seiner Taschenlampe. Sie war recht groß und massiv und eignete sich zur Not auch als Waffe. „Dann wollen wir mal", meinte er und verschwand aus der Tür.

‚Kriechen ist nicht unbedingt das richtige Wort’, überlegte Buffy und sah zu der Feuerstelle im Esszimmer. Er war, ebenso wie alle anderen Kamine im Haus, mindestens ein Meter fünfzig hoch. Doch der in der Halle übertraf alle, stellte sie fest, als sie Spike folgte. Der Vampir konnte aufrecht darin stehen und leuchtete bereits die Steine im Inneren ab, als sie und Henry dazukamen.

„Schon etwas gefunden?", erkundigte sie sich.

„Nein. Außer du zählst Spinnweben und Dreck mit", erwiderte Spike gelangweilt. „Vielleicht wäre ein Handfeger hilfreich."

„Jetzt stell dich mal nicht so an", meckerte Buffy und trat näher. „Sonst stört dich das auch nicht. Du nimmst die rechte Seite, ich die Linke." Sie bückte sich, nahm das gusseiserne Gitter hoch, auf dem eigentlich Holzscheite brennen sollten, und stellte es dann vorsichtig auf dem gefliesten Hallenboden ab.

Henrys Augen waren groß, als sie sich ihm zuwandte. „Könntest du bitte den Sims und alle darum liegenden Steine einmal genauer unter die Lupe nehmen?"

Der Hausherr nickte, warf noch einen kurzen Blick auf den schweren Rost und schüttelte dann den Kopf. „Sicher", murmelte er leise. Während den Renovierungsarbeiten hatten sich zwei Handwerker abgemüht und Stunden gebraucht, um es an seinen vorbestimmten Platz zu bringen. Für Buffy hingegen schien das Ding nicht schwerer zu sein, als ein Karton voller Federn.

Langsam dämmerte es ihm, dass der Name Jägerin viel mehr bedeutete, als er auch nur im Entferntesten angenommen hatte. Die ganze Angelegenheit war kurios, wenn man es denn so beschreiben konnte. Sollte es tatsächlich verborgene Gänge geben… Was würden sie finden? Wollte er wirklich dabei sein? Wollte er wissen, was dass für ein Wesen war, dass sich in seiner Burg herumtrieb? Unsicher warf er einen letzten Blick auf seine beiden Gäste, die jetzt Rücken an Rücken standen und die Steinreihen ableuchteten.

Henry seufzte leise. Was auch immer nun geschehen würde… da musste er durch.

 

„Schon irgendwas gefunden?", fragte Buffy zwanzig Minuten später und ihre Stimme klang genervt.

„Nein. Gar nichts. Nur Dreck und noch mehr Dreck", murrte der Vampir und drehte sich zu ihr um. „Und du? Hast du schon irgendwas gefunden?"

„Nein, nichts", erklärte sie missmutig. Sie betrachtete ihre schwarzen Finger und überlegte, ob sie den Jahrhunderte alten Ruß jemals wieder abbekommen würde.

„Ich übrigens auch nicht", meinte Henry. „Nur das übliche Georgskreuz."

„Das was?", erkundigte sich Buffy und kam, neugierig geworden, aus dem Kamin.

„Das Zeichen, das man im allgemeinen mit dem hl. George in Verbindung bringt. Er ist Schutzheiliger Englands. An jedem Kamin findet sich ein Stein, in den solch ein Ding eingemeißelt ist."

„An jedem Kamin?" Jetzt wurde auch der Vampir hellhörig. ‚Warum sagt der Idiot das nicht eher? „Vielleicht ist das der Schlüssel, der die verborgene Tür öffnet."

„Das kann ich mir nicht vorstellen", erwiderte der Hausherr. „Außerdem habe ich schon alles Mögliche versucht. Der Stein lässt sich nicht hineindrücken, aber auch genauso wenig herausziehen."

„Das will ich selber sehen", murrte Spike und schob den Gastgeber rüde an die Seite. Er nahm seine Taschenlampe hoch und besah sich den Stein einmal genauer. Selbstverständlich kannte er als gebürtiger Engländer den hl. Georg und er kannte ebenso die Sagen, die sich um ihn rankten. Das Kreuz war offensichtlich sein Zeichen, genauso, wie man es noch immer in der Flagge Großbritanniens finden konnte. „Hm", machte er. „Das kann doch kein Zufall sein."

„Es ist wirklich an jedem Kamin?", wiederholte Buffy irritiert.

„Ja, an jedem. In jedem Sims ist ein Stein, der mit dem Zeichen graviert ist. Das Schwert, das ihr da habt… Habt ihr euch das mal näher angesehen? In den Griff ist ein Drache eingearbeitet. Ebenfalls ein Hinweis auf George. Immerhin soll er gegen einen Drachen angetreten sein."

„Ja, ich kenne die alten Legenden", murrte der Vampir. „Dein Urahn George hatte wohl eine kleine Manie, was seinen heiligen Namensvetter betraf", sagte er und blickte den Hausherrn herablassend an. „Das kann kein Zufall sein." Wieder wandte er sich dem Kamin zu und untersuchte den Stein erneut. ‚Gut, er lässt sich nicht hereindrücken und auch nicht herausziehen. Wie wäre es mit drehen?’, überlegte er und ließ seinen Worten Taten folgen. Er klemmte seine Finger hinter die Balken des Kreuzes und versuchte eine Drehung nach rechts. Nichts geschah. ‚Na gut, dann eben andersherum.’ Millimeter für Millimeter bewegte sich das Kreuz im Stein und ein lautes Knirschen ließ ihn grinsen. „Verdammt! Ich hab es doch gewusst!", rief er triumphierend. Er trat einen Schritt zurück, leuchtete mit der Taschenlampe in den Kamin und lächelte dabei, als hätte er gerade einen Schatz gefunden.

Auf der rechten Innenseite des Kamins hatte sich ein Spalt geöffnet. Bei genauerer Betrachtung bemerkten die Drei, dass es sich dabei um einen schwere Metalltür handelte, auf deren Vorderseite nur halb so dicke Granitsteine angebracht waren, wie die übrigen Steine im restlichen Kamin.

Buffy bewunderte den Erbauer dieser Tür. Immerhin war sie über fünfhundert Jahre alt, und sie funktionierte noch immer tadellos. „Wollen wir jetzt hier nur so rumstehen, oder sehen wir uns das einmal genauer an?", fragte sie dann und machte, ohne auf die anderen zu warten, einen Schritt auf die Geheimtür zu.

„Du darfst zuerst", meinte Spike und sein Gesicht verzog sich dabei zu einem Ausdruck übertriebener Freundlichkeit. „Wenn schon einer von dem Dämon gekillt wird, dann du."

„Danke, wie immer sehr höflich", brummte Buffy sarkastisch und trat in den Kamin.

Sie überreichte Henry ihre Taschenlampe und griff beherzt in den Spalt, um die Tür vollständig zu öffnen.

Der Vampir warf abwechselnde Blicke zu seinem Gastgeber und zur Jägerin. Er war mehr als nur neugierig, was sie finden würden, aber auch das Gesicht des Hausherrn war im Moment mehr als interessant. Seine Gesichtszüge entgleisten immer und immer wieder und Spike sah, dass er ständig schluckte. ‚Wenn ich jetzt einmal laut buh rufe, fällt er tot um’, grinste er in sich hinein. Dann aber siegte die Neugierde und er trat ebenfalls in den Kamin. „Schon was gesehen?", fragte er.

„Nein. Es ist zu dunkel. Ich brauche eine Taschenlampe." Buffy hielt ihren Arm ausgestreckt hin, ohne ihren Blick vom Eingang zu lösen. Dann runzelte sie die Stirn. Warum reagierte Henry denn nicht? Die Aufforderung war doch mehr als nur deutlich gewesen. Sie wandte sich ihm zu und schüttelte dann verblüfft den Kopf. Der Hausherr stand immer noch einige Schritte weit entfernt vom Kamin in der Halle, aber sein Mund stand weit offen und seine Augen schienen aus ihren Höhlen fallen zu wollen.

„Lass ihn", grinste Spike und leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Finsternis. „Das ist einfach zuviel für ihn. Etwas Aufregenderes als Kricket hat der arme Kerl noch nie erlebt."

„Scheinbar", murmelte Buffy und warf einen flüchtigen Blick in den Geheimgang. „Warte", sagte sie dann zu Spike. „Wir können ihn hier nicht stehen lassen."

„Warum nicht?", erwiderte der Vampir genervt. Sein Forscherdrang war geweckt und er wollte nicht auf einen verweichlichten Gastgeber warten, dessen Knie schlotterten wie Wackelpudding.

„Wenn er jetzt einen Herzinfarkt hat, wer soll mich dann bezahlen?", zischte Buffy und trat aus dem Kamin.

„Okay, gutes Argument", brummte Spike und kramte in seinen Hosentaschen nach seinen Zigaretten. Wenn er schon warten musste, dann jedenfalls so, wie er es wollte. Er zündete sich eine an, lehnte sich gegen die Rückwand und ließ weder Buffy, noch den Geheimgang aus den Augen.

„Alles in Ordnung?", wandte sich die Jägerin an ihren Auftraggeber, doch dieser reagierte nicht. Sie wiederholte ihre Frage und stupste ihn dabei am Arm an.

„Wie? Was?... Ich…", stotterte er und schüttelte verwirrt den Kopf. „Wie war die Frage?"

„Ob alles in Ordnung ist, wollte ich wissen?"

„Ja. Nein. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung."

„Ähm…vielleicht wäre es besser, wenn du hier wartest. Dann können Spike und ich uns das einmal genauer ansehen." ‚Oh man’, dachte Buffy. ‚Das es so schlimm wird, habe ich nicht gedacht.’

„Nein. Ich gehe mit", erwiderte der Hausherr. „Ich bleibe nicht zurück. Ich habe…ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass wir etwas finden." Konfus drückte er ihr beide Taschenlampen in die Hände und fuhr sich dann über das Gesicht. „Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Vielleicht habe ich die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass mich jemand weckt und mir sagt, alles war nur ein verrückter Traum. Das alles hier", meinte er und warf die Hände in die Luft. „Das alles kann nicht wahr sein. So etwas kann es nicht geben. Es gibt keine Monster, keine Dämonen und schon gar keine Vampire." Sein Blick wanderte zu Spike. „Kann mich bitte jemand wecken? Jetzt?"

„Henry", sagte Buffy leise und wartete, bis dessen Augen auf sie gerichtet waren. „Ich weiß, das ist nicht einfach und ich kann dich gut verstehen. Aber das hilft uns jetzt nicht weiter. Wir müssen da jetzt rein, mit oder ohne dich. Aus eben diesem Grund bin ich hier. Du hast mich engagiert, um dir bei diesem Problem zu helfen."

„Ich weiß! Aber…Gott, verdammt!", fluchte der Hausherr. „Auf was habe ich mich da eingelassen? Was geschieht jetzt? Was passiert, wenn wir da reingehen? Was werden wir finden? Ich meine, bisher ist nichts Schlimmes geschehen. Es fehlen Nahrungsmittel und viele haben dieses…dieses Ding gesehen, aber…"

„Okay", mischte sich der Vampir plötzlich lautstark ein. „Wir schieben diese Scheißtür wieder zu und verschwinden morgen von hier. Ich habe keinen Bock auf dieses Weicheigeschwätz. Er soll bezahlen und wir nehmen den nächsten Flieger zurück in die Staaten!"

Buffy warf Spike einen giftigen Blick zu, doch zu ihrer Verwunderung reagierte Henry anders, als von ihr erwartet.

„Nein. Auf keinen Fall! Das geht nicht. Ich kann nicht… Also gut", meinte er leise und atmete heftig ein und aus. „Wir gehen da jetzt rein."

„Sicher?", fragte Buffy und zog die Augenbrauen hoch.

„Nein. Aber wir gehen trotzdem." Er nickte ihr zu, nahm ihr eine Taschenlampe aus der Hand und trat beherzt einen Schritt auf den Kamin zu. „Sollten wir vorher noch jemandem sagen, wo wir sind? Falls wir… Falls wir da nicht wieder herauskommen?"

„Nein", erklärte Spike bestimmt. „Ich komme überall wieder raus!"

„Okay. Na gut. Dann los", murmelte Henry unsicher und ließ Buffy vorgehen.

„Vielleicht wäre es besser, wenn du in der Mitte gehst", flüsterte der Vampir dem Hausherrn zu. „Die ersten und die letzten reißt es immer zuerst."

„Gute Idee", erwiderte Henry, der den Sarkasmus nicht bemerkte. „Aber dann wäre es besser, du würdest als erstes gehen. Dann fühle ich mich wohler."

„Warmduscher", brummte Spike und schob sich kopfschüttelnd an Buffy vorbei. „Pass gut auf das Baby auf", sagte er zu ihr und verschwand in der dunklen Öffnung.


Teil 9

Spike hatte erwartet, dass es durchaus Vorteile hatte, als erstes in die unbekannte Finsternis zu laufen. Allerdings revidierte er seine Meinung, nachdem er die Stufen erklommen hatte, die direkt hinter der Geheimtür begannen. Als erstes zu laufen bedeutete auch, sämtliche Spinnweben abzubekommen, die sich im Laufe der Jahrhunderte hier angesammelt hatten.

„Was denkst du, wo der Gang hinführt?", fragte die Jägerin hinter ihm und ihre Stimme klang gedämpft.

„Zur Außenwand", erwiderte Spike. „Genau wie angenommen."

Er leuchtete die beiden schroffen Steinwände ab und sah Fackelträger, die in regelmäßigen Abständen angebracht waren. Sie mussten einst viel benutzt worden sein, denn an den Steinen darüber hatte sich eine dicke Rußschicht angesammelt.

„Rechts oder links?", fragte er wenige Meter später. Sie waren an der Außenwand angelangt und standen nun an einer Kreuzung.

Buffy schob sich an dem Hausherrn vorbei und leuchtete mit ihrer Taschenlampe in beide Gänge. „Rechts", entschied sie und marschierte schon los.

Spike grinste den Gastgeber hinterlistig an, doch dieser bemerkte den Sarkasmus kaum. Er war in Schweigen verfallen und lief, ohne weiter auf den Vampir zu achten, einfach hinter Buffy her.

„Vorsicht! Hier gehen Stufen herunter", warnte diese Sekunden später. „Wo wir jetzt wohl sind?"

„Im Moment wohl unter der Eingangstür", mutmaßte Spike. „Guck! Da vorne geht es wieder steil hoch."

Sie liefen und liefen und sahen nichts weiter als Spinnweben und schmale Treppen, die parallel zum Hauptgang hinauf und hinunter führten. Jede dieser etwas vierzig Zentimeter breiten Stiegen führte zu einem Gang, der im Kamin des jeweiligen Zimmer endete.

Spike und Buffy waren einigen dieser Treppen gefolgt und hatten in so manchen Raum geschaut. Die Mechanik der verborgenen Türen war auf dieser Seite des Geheimganges recht simpel. Ein schlichter Hebel, ähnlich dem einer Türklinke, betätigte den Mechanismus und die Geheimtüren sprangen knirschend auf.

Spike hatte in der Küche der Köchin einen Heidenschreck eingejagt. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, eben seinen Kopf aus dem Kamin zu strecken und laut „BUH" zu rufen. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht hatte er den Kopf wieder zurückgezogen und war zurück zu den beiden Anderen gegangen.

Mist!’, fluchte Buffy lautlos vor sich hin. ‚Ich sehe aus wie ein Wischmob und wenn noch eine dieser riesigen Spinnen über mich drüber krabbelt, bekomme ich einen Schreikrampf!’

Ganz unvermittelt blieb sie stehen und Henry, der bisher kein einziges Wort gesagt hatte, lief beinahe auf sie auf.

„Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass die Spinnweben alle erst ab einer Höhe von einem Meter anfangen?"

„Hat das etwas zu bedeuten?", fragte Henry verwirrt.

„Ja! Nämlich dass das, was hier regelmäßig durchläuft, kleiner sein muss", murrte der Vampir. „Aber das kann nicht sein. Das Mistvieh, gegen das ich gekämpft habe, war definitiv größer."

„Es kriecht hier durch?", fragte der Hausherr verwundert.

„Eher nicht", erwiderte Buffy. „Aber irgendwas stimmt da nicht."

„Warum fragen wir nicht den, der da vorne in der Dunkelheit lauert?", sagte Spike leise und er überließ seinem Dämon die Überhand, um noch besser sehen zu können. Er hatte leise Schritte gehört und war sich ganz sicher, dass sie beobachtet wurden.

„Eine gute Idee", meinte Buffy, die ebenfalls etwas gehört hatte, und lief los.

Zusammen mit Spike eilte sie durch den Gang, doch sie fanden nichts. Es gab außer den Treppen keine Möglichkeit, sich zu verstecken und gerade in dem Moment, als sie entnervt aufhören wollten zu suchen, hörten sie ein sattes Knirschen.

„Ach, guck an. Das Mistvieh stolziert also jetzt durch die Burg", motzte Spike. „Was machen wir jetzt? Gehen wir hinterher oder folgen wir dem Gang weiter?"

„Was ist denn passiert?", fragte Henry, der ganz außer Atem kurz vor ihnen stoppte.

„Wir gehen hier weiter", sagte Buffy, ohne auf ihren Gastgeber einzugehen. „Das wird ein nettes Katz und Maus Spiel. Sind wir im Geheimgang, geht er raus. Er muss irgendwo ein Lager haben. Irgendetwas, wohin er sich zurückzieht. Genau das müssen wir finden."

„Kann mich bitte mal jemand aufklären?", verlangte der Hausherr und stemmt die Hände in die Hüften.

„Wir haben nur gerade überlegt, ob es verschiedene Dämonen auf der Burg gibt", sagte Spike gehässig und grinste Buffy schelmisch an, die ihn finster betrachtete.

„Oh nein, das fehlte mir auch noch", erwiderte der Burgherr nervös.

„Vielleicht kennt nur die Zwergenrasse die Geheimgänge", redete der Vampir weiter und ließ sich auch von der Jägerin nicht aufhalten, die ihn gegen das Schienbein trat. „Mal sehen. Vielleicht ist die Burg ja ein großes Dämonennest!"

Hilflos und fast verzweifelt sah Henry zu Buffy, die ihm daraufhin tröstend die Hand auf die Schulter legte.

„So schlimm wird es wohl nicht werden", erklärte sie und versuchte möglichst aufmunternd zu klingen. „Wir werden das, was immer hier sein Unwesen treibt, schon finden. Ganz bestimmt." ‚Und warum komme ich mir vor, als rede ich mit einem Kleinkind?’, fragte sie sich. ‚Menschen können echt anstrengend sein! Zumindest die, die nichts von Dämonen, Vampiren oder gar Werwölfen wissen.’

„Gehen wir jetzt weiter, oder wollen wir hier Wurzeln schlagen?" Die Stimme des Vampirs klang keineswegs mehr belustigt, eher genervt. Er hatte keinerlei Lust mehr, noch länger durch die staubigen, stickigen Gänge zu laufen und vor allem hatte er mehr erwartet als Langeweile. Vielleicht eine Jagd oder gar einen Kampf.

„Von mir aus", stimmte Buffy ihm zu. „Aber wir sind bald durch. Ich kann die vierte und somit letzte Hausecke sehen." Buffy hielt ihre Taschenlampe hoch und leuchtete die Felswand an, die in wenigen Metern Entfernung zu sehen war.

Kaum waren sie um eben diese Hausecke gebogen, da blieb die Jägerin wieder stehen. Wenige Meter vor ihr führte eine Treppe steil hinab und sie unterschied sich sehr von den anderen schmalen Stiegen, die sonst immer vom Hauptgang wegführten.

„Diese scheint bedeutend länger zu sein", vermutete Buffy und leuchtete mit ihrer Taschenlampe in die Finsternis.

„Dann schauen wir uns das mal an", erklärte Spike und schob sich an den anderen Beiden vorbei. Er hatte keinerlei Lust mehr, sich die Beine in den Bauch zu stehen und handelte einfach. Er folgte den grob behauenen Stufen einen fast fünfzehn Meter langen Weg hinab. Die Luft wurde feuchter und es roch muffig, als er am Ende der Treppe anlangte.

„Na gut, wer will zu erst?", fragte er mit dem Hand auf dem Hebel, als Buffy und Henry ihn erreichten.

„Egal. Hauptsache raus hier", entschied Buffy.

Kalte Luft strömte ihnen entgegen, als sich die mannshohe Geheimtür knirschend öffnete. Diffuses Licht drang durch den schmalen Spalt, der sich aufgetan hatte und Buffy stemmte sich mit Kraft gegen die Tür.

„Mein Weinkeller", stellte Henry erstaunt fest, als er sichtlich erleichtert der Enge des Ganges entkam. „Damit hatte ich nicht gerechnet."

„Weinkeller?", wiederholte Spike die Worte des Burgherrn. Es gab keinen Wein. Keine einzige Flasche. Nicht einmal ein Regal.

„Na ja, es soll mal einer werden", lächelte Henry, jetzt wieder ganz in seinem Element. „Aber ich weiß noch nicht, was daraus werden soll." Er deutete mit der Hand auf eine flache Mauer, die von einer Wand des Gewölbes zur anderen führte. „Die Bauarbeiter haben sie freigelegt, als sie den Boden des Kellers neu machen wollten."

„Was ist das?", fragte Buffy und trat neugierig geworden näher an die Steine heran.

„Das sind Überreste aus der Römerzeit", erklärte der Hausherr wichtigtuerisch. „Sie scheinen sich unter der gesamten Burg durchzuziehen."

„Habt ihr sie in den anderen Gewölben auch schon ausgegraben?", erkundigte sich Buffy.

„Nein, ich habe auch, ehrlich gesagt, nicht viel Ahnung, was sich in den anderen Kellerräumen noch so befindet. Ich war immer nur hier, als die Bauarbeiter mit der Arbeit für den Weinkeller begonnen haben."

„Nett", brummte Spike. „Dann werde ich mich hier mal besser umsehen. Vielleicht findet sich noch ein netter, gut eingerichteter Folterkeller." Er grinste über beide Ohren, als Buffy und Henry ihn angewidert ansahen. „Was ist? Auch das gehört zur Geschichte."

„Ja, aber nicht zu der Art Geschichte, die ich bevorzuge", meinte der Burgherr leise.

„Ist klar!", meckerte der Vampir. „Immer nur das, was einem selbst gut in den Kram passt. Und dabei gibt es wirklich erstaunlich gute Berichte über Foltermethoden und deren Auswirkungen."

„Ja, ganz sicher", meinte Buffy sarkastisch und ihre Augen funkelten gefährlich. „Die darfst du auch alle für dich behalten und weiter in deinen Gedanken schwelgen."

„Hm", schwärmte der Vampir scheinbar unbekümmert weiter. „Denkt doch nur mal an den Malleus Maleficarum. Besser bekannt als Hexenhammer", erklärte er dann lachend. „Wirklich eine gute, sehr ausführliche Beschreibung."

„Halt die Klappe", warnte Buffy ihn ein letztes Mal und sah, wie er sich grinsend umwandte. Sie wandte sich Henry zu. „Du kennst den so genannten Keller deines Hauses nicht?"

„Nein. Zumindest nicht wirklich", gab er leise zu und zuckte verlegen mit den Schultern. „Ist das ein Problem?"

„Ich weiß es nicht", gab die Jägerin zu, aber ihre Gedanken rasten. ‚Ganz toll. Wenn das so weitergeht, stehe ich morgen mit einer Spitzhacke bewaffnet im nächsten Raum und reiße alle Wände auf.’

„Dann glaubst du, dass die ähm… Dämonen möglicherweise hier unten ihr ähm… Lager haben?", fragte Henry weiter.

„Da könnt ihr mal von ausgehen", murmelte Spike leise und doch war ein warnender Unterton in seiner Stimme kaum zu überhören.

Vorsichtig drehte Buffy sich zu ihm um und ihre Augen wurden riesig. Scheinbar waren eine ganze Menge unterschiedlichster Monster aus dem Geheimgang gekommen und hatten sich hinter ihrem Rücken versammelt. Es waren mindestens acht unterschiedliche Dämonen, einer widerlicher als der andere.

Warum habe ich sie nicht gespürt?’, fragte sie sich und sah aus den Augenwinkeln, wie Spike das Schwert erhob, dass er bisher einfach lässig hinter sich her getragen hatte.

„Was jetzt?", flüsterte der Vampir.

„Rückzug", erklärte Buffy sofort und ihre Stimme, auch wenn sie noch so leise gesprochen hatte, ließ keinen Widerspruch zu.

Spike nickte. Ihm war durchaus bewusst, dass sie gegen ein solches Dämonenrudel nur geringe Chancen hatten. Außerdem war noch der Burgherr dabei und der konnte sich gar nicht oder nur kaum verteidigen. Spike sondierte schnell den Raum, deutete dann mit dem Kopf rückwärts auf die reguläre Tür und zischte leise „Raus."

Buffy griff, ohne weiter nachzudenken, nach Henrys Hand und zog ihn eiligst rückwärts aus der Gefahrenzone. „Raus hier und so schnell nach oben wie möglich", raunte sie ihm zu und spürte mehr, als sie sah, dass er nickte. Sie hörte ihn laufen, warf dann noch einen letzten Blick auf den Vampir und eilte ihrem Gastgeber hinterher.

Spike bewegte sich nur langsam nach hinten. Er ließ seine Blicke ununterbrochen über seine Gegner wandern, doch keiner davon machte Anstalten anzugreifen. Etwas verwundert sah er sich genauer um und bemerkte etwas hinter einem Steinstapel. Ohne groß darüber nachzudenken, griff er zu und schmiss die Tür hinter sich zu, kaum dass er das Gewölbe verlassen hatte.

Er eilte den Anderen hinterher und das letzte, was er hörte, war ein langer, fürchterlich schauriger Schrei, der durch den Keller drang und sich an den schroffen Felswänden zu verstärken schien.

Warum, zum Geier, hab ich das jetzt gemacht?’, fragte er sich und besah sich seine Beute einmal etwas genauer. Verwundert blieb er stehen. Sein Fang war lebendig. Es hatte große Augen, einen mausgrauen Körper und dürre Arme und Beine. Das Ding sah einer Fledermaus ähnlicher, als einem Dämon. Er hob es bis auf Augenhöhe, grinste gehässig und legte dann seinen Kopf schräg.

„Was bist du für ein hässliches Ding?", fragte er und hörte ein leises Plopp. Das Wesen hatte sich verändert. Nun war es rosa, beinahe doppelt so groß wie zuvor und Spike lachte. „Ein Gestaltwandler. Was auch sonst." Er warf einen schnellen Blick zurück, doch niemand verfolgte ihn und er runzelte überrascht die Stirn.

Dann klemmte er sich sein Schwert unter den Arm, sodass er beide Hände frei hatte und kniff dem Wesen leicht in die Nase. „Nun, du dämliches Vieh. Jetzt siehst du aus wie ein kleines Schwein. Vorher war es besser."

Kurz sah er zurück und wunderte sich einen Moment, warum er noch immer nicht verfolgt wurde. Dann zuckte er die Schultern und schüttelte das Wesen in seinen Händen. Wieder machte es plopp und er lachte. „Das macht fast Spaß." Er stieg die Treppen hinauf und schüttelte das Wesen immer und immer wieder, während er die Treppen hinauf stieg.

„Wo warst du solange?", fragte Buffy aufgeregt, als er endlich in der Halle ankam.

„Ach", grinste er schelmisch. „Ich hab da was gefunden", meinte er dann und hielt der Jägerin seine Beute entgegen, nicht ohne das Wesen in gewissen Abständen durchzuschütteln.

Verblüfft sah Buffy das Wesen an, dass jetzt grün war, mit hässlichen braunen Beulen. „Ich muss telefonieren", war alles, was sie raus brachte. „Du passt auf, dass nicht die ganze Horde gleich hier oben steht, um sein kleinstes Mitglied zurückzuholen und wenn sie kommen, dann gibst du es ihnen. Verstanden?", rief sie, als sie aus der Halle rannte.

„Ja", murrte Spike missmutig. Endlich wurde es interessant und so ein nettes Spielzeug war nicht leicht zu finden. ‚Dru hätte es geliebt’, schoss es ihm durch den Kopf doch dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. Wen sollte das jetzt noch interessieren? Aber neugierig war er schon. Wen wollte Buffy anrufen und weswegen wollte sie telefonieren?

Teil 10

„Willow? Bist du das?" Buffy hatte sich in das Arbeitszimmer ihres Gastgebers begeben und kurzerhand zuhause angerufen. Eigentlich war sie sich sicher, die Stimme ihrer besten Freundin erkannt zu haben, aber irgendetwas war anders. Nicht so wie sonst. Sofort machte sich ihr schlechtes Gewissen bemerkbar. War etwas geschehen, während sie hier in England war? Angst machte sich in ihr breit. „Willow!", rief sie. „Alles in Ordnung bei euch?"

„Ja… Nein… Buffy. Ich weiß nicht genau, wie spät es bei dir ist, aber hier ist es mitten in der Nacht", murmelte die Hexe undeutlich und gähnte herzhaft. „Ist bei euch auch alles okay?"

„Ja", antwortete Buffy und schlug sich gedanklich vor die Stirn. „Entschuldige. Ich habe nicht an die Zeitverschiebung gedacht." Das Komische an der Sache war, sie hatte sich wirklich bisher keine Gedanken daran verschwendet. Sie war in den englischen Tagesablauf gerutscht, als wäre es die leichteste Sache der Welt. ‚Ich bin nicht einmal zur falschen Zeit müde’, überlegte sie. ‚Wahrscheinlich, weil ich einfach nicht daran gedacht habe. Und Schlaf bekomme ich ja öfter nur sehr wenig. Also im Grunde nichts Neues für mich!

„Was kann ich für dich tun?", riss die müde Stimme der Freundin sie aus ihren Gedanken.

„Ich brauche die Telefonnummer von Giles", erklärte Buffy.

„Okay", gähnte Willow. „Einen Moment."

Die Jägerin konnte hören, dass der Hörer zur Seite gelegt wurde und sie wartete gespannt. Sie brauchte jetzt das enorme Wissen ihres Wächters. Er würde bestimmt helfen können. ‚Hoffentlich ist er auch da’, überlegte sie und notierte dann die Nummer, die Willow ihr nannte. Sie bedankte sich und wünschte eine gute Nacht. ‚Er muss einfach da sein’, nickte sie und wählte ein zweites Mal.

 

„Was zum Henker macht die so lange? Verflucht!" Spike hatte sich auf einen der wenig bequemen Sessel in der Halle gesetzt und starrte auf das Wesen in seinen Händen. Er hatte den Spaß daran verloren, auszuprobieren, welche Formen und Farben es noch annehmen konnte. Das, was er hielt, war mit absoluter Gewissheit noch ein Baby. ‚Aber warum kommt dann keiner aus seiner verdammten Sippe und versucht es zurückzuholen?’

Er warf einen flüchtigen Blick auf den Burgherrn, der merkwürdig nah an der Haustür stand. ‚Entweder er fällt tot um, wenn es knirscht, oder er rennt um sein Leben’, dachte er verächtlich. ‚Menschen! Alles Waschlappen! Erneut betrachtete er das Dämonenkind. Es war wieder mausgrau und hatte scheinbar große Mühe, die Augen überhaupt noch aufzubehalten.

 

„Verflucht", motzte Spike fünfzehn Minuten später und sprang auf. „Was zum Teufel macht die denn so lange?" Er sprang auf und bemerkte die Veränderung des Wesens in seinen Händen, bevor er das *plopp* hörte. „Das kannst du dir sparen", meckerte er das Wesen an. „Das macht wirklich niemandem Angst. Es ist jämmerlich!"

„Wer oder was ist dir denn über die Leber gelaufen?", fragte Buffy, die gerade zurück in die Halle kam. Der Vampir stand mitten im Raum und schüttelte das kleine Wesen wild.

„Haha", motzte Spike. „Wo warst du? Unser lieber Hausherr und ich hätten längst von den Dämonen überrannt worden sein können!"

„Das hätte ich sicherlich gehört", erwiderte Buffy und sah den Burgherrn abwartend an, da er sich nur langsam von der Haustür löste und vorsichtig auf sie zuging. „Alles okay?", fragte sie und sah ihn langsam nicken.

„Wo warst du?", fragte Henry und man sah ihm an, dass er am liebsten in einem großen Loch im Boden verschwunden wäre.

„Ich habe mit Giles telefoniert."

„Das erklärt alles", nörgelte Spike. „Er hat seinen Sinn für Ausführlichkeit also nicht verloren?"

„Wer ist Giles?", fragte der Burgherr.

„Mein ehemaliger Wächter", erklärte Buffy kurz und winkte mit der Hand ab.

„Dein was?", fragte Henry und hob überrascht die Augenbrauen. ‚Wächter? Was für ein Wächter? Wofür braucht sie einen Wächter?’

„Unwichtig", unterbrach Spike brüsk. „Erzähl mir lieber, was er alles zu sagen hatte. Und das scheint eine ganze Menge gewesen zu sein."

„Ja, allerdings", grinste Buffy und dachte an die unzähligen Male, in denen Giles ausführliche Berichte Stunden gedauert hatten und sie beinahe eingeschlafen wäre.

„Konnte dieser… Wächter helfen? Henry hielt noch immer einen gewissen Sicherheitsabstand, wirkte jetzt aber etwas entspannter.

„Ja, konnte er", erwiderte Buffy. „Sag mal", wandte sie sich Spike zu. „Ist der Geheimgang hier im Kamin eigentlich noch offen?"

„Ich denke. Ich hab ihn zumindest nicht geschlossen."

„Ich auch nicht", nickte Henry. „Warum?"

„Gut", war alles, was Buffy sagte. Sie nahm Spike das kleine Wesen ab, trug es zum Kamin und schubste es dann sanft in den Gang.

„Warum hast du das gemacht?", fluchte der Vampir böse. „Das war ein hervorragendes Druckmittel."

„Brauchen wir nicht", erwiderte Buffy und stellte das Gitter zurück an seinen angestammten Platz in der alten Feuerstelle. „Ich habe Hunger", wandte sie sich an den Hausherrn. „Ob ich vielleicht etwas zu essen bekommen könnte?"

„Was? Ähm… Selbstverständlich", murmelte er verblüfft. „Weshalb...wieder zurück?"

„Eine gute Frage", schnaubte Spike. „Was sollte das?"

„Wir gehen am besten in die Küche", meinte Buffy schlicht. „Ich habe eine Menge zu erzählen."

Zehn Minuten später saßen alle drei am Küchentisch und Buffy verspeiste in aller Seelenruhe eine Birne.

„Langsam, aber ganz sicher werde ich stinksauer", motzte Spike. „Erzähl endlich, was dein dämlicher Wächter zu sagen hatte."

„Nun, zuerst einmal, sie sind vollkommen ungefährlich", sagte Buffy und lächelte Henry aufmunternd zu. „Sie sind auch durchaus nicht neu hier, sondern leben schon seit Urzeiten hier. Genauer gesagt, haben wir es wohl den Römern zu verdanken, dass sie sich hier angesiedelt haben."

„Die Römer?", fragte Henry überrascht. „Das kann nicht. Warum sollten sie…Dämonen mitbringen?"

„So war das nicht gemeint", erklärte Buffy, die zusah, wie Spike den Kühlschrank nach einer weiteren Blutration durchsuchte. „Diese Spezies lebt in verfallenen Häusern und Ruinen. Und die Römer haben hier einiges an verfallenen Bauwerken zurückgelassen."

„Na super", meckerte Spike und stellte eine Tasse in die Mikrowelle. „Was machen wir jetzt mit ihnen? Schlachten? Vernichten? Abfackeln?"

„Nein. Eher nicht", meinte Buffy und musste bei dem entsetzten Gesichtsausdruck des Hausherrn beinahe lachen. „Diesmal richten wir wohl kein Blutbad an."

„Du willst sie hier lassen?", erkundigte sich Spike. „Einfach so?"

„Ich weiß nicht genau", sagte Buffy und zuckte mit den Schultern. „Die Kologorns sind harmlos. Deswegen habe ich sie im Keller auch nicht gespürt. Von ihnen geht keinerlei Gefahr aus. Sie leben friedlich in einer Sippe und tun keiner Fliege etwas zu Leide."

„Aber…aber das geht nicht", warf Henry beinahe verzweifelt ein. „Selbst wenn sie harmlos sind. Ich kann und will sie hier nicht haben. Nicht hier im Haus!"

„Warum sind sie überhaupt hier?", fragte Spike und leerte seine Tasse in einem Zug. „Die Burg ist bewohnt."

„Sie stand lange leer, sie haben sie einfach übernommen", erklärte Buffy und zuckte mit den Schultern. „Giles meint, dass es noch irgendeinen Zugang zu den römischen Ruinen gibt, den wir noch nicht gefunden haben."

„Mag sein, wie es will!", schimpfte Henry und sprang erzürnt auf. „Das hier ist meine Burg. Mein Zuhause! Ich will sie hier nicht haben!"

„Also doch vernichten", grinste Spike. „Dann wäre hier endlich mal was los."

„Ich dachte eher an eine Umsiedlung", meinte Buffy.

„Was soll jetzt der Mist?" Der Vampir war sauer. „Willst du einen Möbelwagen kommen lassen?"

„So in etwa", gestand Buffy.

„Verflucht! Es sind Dämonen! Du bist die Jägerin. Es ist deine verdammte Aufgabe, sie zu vernichten!"

„Ich töte nichts, was harmlos ist. Das weiß keiner so genau wie du!", zischte Buffy böse.

„Zur Hölle", fauchte Spike. „Du und deine komischen Anwandlungen! Ich sehe schon dein neues Firmenschild. Jägerin & Co – Umzüge aller Art!"

Buffys Augen schossen Blitze ab und sie war gerade dabei, sich eine heftige Erwiderung zu überlegen, als der Burgherr sie stoppte.

„Ich bestelle einen Möbelwagen! Ich lasse sie alle erster Klasse fliegen. Egal wohin! Hauptsache, sie verschwinden von hier."

Der Vampir blickte finster drein. „Wie stellst du dir das vor? Wo sollen sie hin?"

„Wir sind doch hier in England. Hier gibt es unzählige Ruinen, verfallene Klöster und Ähnliches. Es sollte also nicht schwierig werden, einen passenden Platz zu finden."

„Also, ich finde die Idee gar nicht so schlecht", stimmte der Burgherr zu. „Wenn sie wirklich keinem Menschen Schaden zufügen und sie von hier verschwinden…"

„Bescheuert", motzte Spike weiter. „Ich bin in England und was tu ich hier? Umzugskartons packen!"

„So langsam verstehe ich es", meinte Buffy und nickte ernst, während sie den Vampir unablässig musterte. „Jetzt weiß ich auch, warum du unbedingt mit hierher wolltest. Dir ist langweilig. In Sunnydale war auch schon seit Wochen nichts Besonderes los und du wolltest ein wenig Action."

„Mir ist nicht langweilig", verteidigte der Blonde sich. „Ich habe jede Menge zu tun."

„Ja, Staubflusen in deiner Gruft zählen", erklärte Buffy sarkastisch. „Seit du den Chip hast, erlebst du wohl nichts Aufregendes mehr."

„Chip? Was für ein Chip?", fragte der Hausherr neugierig.

„Geht dich einen Scheißdreck an", fauchte der Vampir und der Angesprochene ging sicherheitshalber einige Schritte zurück. „Und was hat deine tolle Meinung mit diesem Mist hier zu tun?", wandte er sich an die Jägerin.

„Ganz einfach", grinste Buffy schief. „Du hast dir gedacht, du könntest deinen Frust und deine überschüssigen Energien hier abbauen, indem du auf Dämonenjagd gehst."

„Ich habe keinen Frust und meine überschüssige Energie… Da weiß ich was Besseres." Er grinste Buffy anzüglich an und wackelte dabei mit den Augenbrauen.

Henry hustete vernehmlich. „Ich glaube, das bringt uns jetzt nicht wirklich weiter."

„Nein, tut es nicht", zischte Buffy. „Ich gehe jetzt in den Weinkeller und werde mit den Kologorns reden." Sie stand auf, warf einen vernichtenden Blick auf Spike und verschwand aus der Küche.

„Sie geht doch wohl nicht alleine?", fragte der Burgherr unsicher.

„Sicher! Mir doch egal! Verflucht", schimpfte der Vampir und kniff die Augen zusammen. „Ach Scheiße!", rief er dann, eilte ihr nach und knallte die Küchentür hinter sich zu.

„Amerikaner", murmelte Henry. „Alle immer gleich so aufbrausend."

„Ich bin Engländer", schrie Spike durch die Halle, der die leisen Worte des Gastgebers durchaus gehört hatte. „Ein gottverdammter Brite!"

Teil 11

Genervt und leicht beleidigt eilte Buffy die ausgetretenen Treppenstufen herunter, die in das Gewölbe herabführten. „Was bildet sich dieser Idiot von einem Vampir eigentlich ein?", meckerte sie und sprang die letzten fünf Stufen in einem großen Satz herunter. „Blödmann!"

Sie schaltete ihre Taschenlampe ein und leuchtete den langen dämmrigen Flur hinab, der nur alle zehn Meter von einer schwachen Glühbirne erhellt wurde. Im Grunde hatte sie keinerlei Lust, jetzt sämtliche Räume, oder wie auch immer man das nennen sollte, zu durchsuchen. Sie lauschte in die Stille und verdrehte die Augen. Das Geräusch der Schritte auf der Treppe hinter ihr war überdeutlich zu hören und es konnte nur zu Spike gehören. Henry würde sich hier nicht heruntertrauen. Schon war sie dabei, sich zu überlegen, was sie ihm Unfreundliches an den Kopf werfen konnte, da kam er auch schon gehässig grinsend bei ihr an.

„Na, Slayer! Köfferchen schon gepackt?"

„Noch nicht, aber ich hätte nichts dagegen, wenn du deinen packst. Ach, hab ich vergessen. Selbst dazu bist du zu dämlich", konterte Buffy fies.

„Leicht reizbar, was?", lachte Spike. „Mal was anderes, wie stellst du dir das eigentlich vor?"

„Was?", fragte die Jägerin genervt.

„Der Umzug deiner neuen Lieblingsdämonen", meinte Spike und schüttelte den Kopf. „Willst du ihnen einfach eine andere blöde Ruine anbieten?"

„So in etwa", gab Buffy zu. „Giles sagte, sie können auf menschliche Nähe gut verzichten. Es ist das erste Mal, dass er überhaupt je davon gehört hat, dass sie ein bewohntes Haus bevölkern. Vielleicht haben die Kologorns ja einen bestimmten Grund dafür, dass sie noch immer hier sind."

„Sicher haben die den", nörgelte Spike. „Wahrscheinlich leben sie schon seit Jahrzehnten hier und sie haben keine Lust, ihr Zuhause zu verlassen. Ich hätte auch keinen Bock darauf, meine Gruft aufzugeben, bloß weil irgendwer Neues einziehen will."

„Ich glaub kaum, dass du dir da Gedanken drum machen musst", grinste Buffy schief. „So besonders ist die Lage nicht. Vor allem die Nachbarn sind… nun ja, tot!"

„Pfft", machte Spike beleidigt. „Typisch Mensch. Unter Dämonen ist meine Behausung heiß begehrt!"

„Dann kannst du die ja gleich unseren Gästen anbieten", erwiderte Buffy und sah sich die Wesen neugierig an, die aus der Dunkelheit langsam auf sie zukamen.

„Ach, guck mal an. Die kleinen Monster trauen sich aus ihren Verstecken."

Buffy wartete gespannt und obwohl sie wusste, dass von den Wesen eigentlich keine Gefahr ausging, spannte sie ihre Muskeln an. Die Kologorns hatten darauf verzichtet, irgendwelche großen, dramatischen Formen anzunehmen und kamen in ihrer ursprünglichen Form. Eines der Wesen hielt das Baby auf dem Arm, das Buffy zurück in den Geheimgang gesetzt hatte. Sie alle waren mausgrau und kaum einer erreichte einen Meter Höhe. Im Stillen hoffte sie, die Kologorns würden auf ihre Vorschläge eingehen. Auch, wenn Spike es nicht verstand. Sie war nicht in der Lage, harmlose Dämonen zu töten, deren einzige Verteidigung darin bestand, die Form zu verändern. Sie warf Spike einen flüchtigen Blick zu, doch sein Gesichtsausdruck war unleserlich. Er wartete auf ihre Reaktion und sie seufzte. ‚Dann wollen wir mal’, munterte sie sich gedanklich auf. ‚Soll wohl gut gehen!’

 

Henry lief in seinem Arbeitszimmer nervös auf und ab. Buffy und der merkwürdige Vampir waren seit über einer Stunde im Gewölbe der Burg und er machte sich große Sorgen.

Was, wenn dieser Wächter sich geirrt hatte und die Dämonen doch nicht so friedlich waren? Wen sollte er dann um Hilfe bitten? Sollte er sich wieder an Wesley wenden? Was würde sein alter Collegefreund sagen, wenn die Jägerin hier in England umkam? Er seufzte. Solche Gedanken sollte er nicht haben.

Henry biss sich auf die Unterlippe. Würde er es schaffen, so viel Mut anzusammeln, um selbst hinab in den Keller zu steigen? Es dauerte weitere Minuten, dann stampfte er entschlossen mit dem Fuß auf und er verließ den Raum, ohne noch länger darüber nachzudenken. Seine Schritte wurden immer unsicherer, doch irgendwann stand er vor der Tür und er legte seine Hand auf die Klinke.

Ein letzter heftiger Atemzug und er sammelte all seinen Mut zusammen. Er drückte die Klinke herab und… schrie vor Schreck laut auf, als die Tür unerwartet weit aufgestoßen wurde.

Er taumelte mit weit aufgerissenen Augen rückwärts, stolperte schließlich über seine eigenen Füße und landete unsanft auf seinem Hosenboden.

„Alles in Ordnung?", fragte Buffy, beugte sich über ihn und streckte ihm hilfreich eine Hand entgegen.

Henry, unfähig auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen, starrte sie an und atmete heftig ein und aus. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und das bösartige Grinsen des Vampirs vereinfachte seine Situation nicht unbedingt.

„Ja...ich…Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ihr… Es tut mir Leid…", murmelte er undeutlich und ließ sich von Buffy auf die Füße helfen.

„Das haben wir gemerkt", meinte Spike höhnisch. Der Vampir ignorierte den warnenden Blick, den Buffy ihm zuwarf und er grinste vergnügt. „Es muss wirklich furchtbar sein, so viel Angst zu haben", meinte er dann äußerst liebenswürdig und legte den Kopf schräg.

„Lass es gut sein", zischte Buffy und stellte sich demonstrativ zwischen die Beiden. „Wolltest du nicht noch ein paar Hausmädchen erschrecken? Ich würde mich gerne mit unserem Gastgeber unterhalten. Alleine!"

Langsam ging Spike auf sie zu, beugte sich dann zu ihr herab und flüsterte so leise, dass nur sie ihn verstehen konnte.

„Wenn du jetzt mal ein bisschen clever bist, dann reißt du dir den Kerl unter den Nagel. So laut wie sein Herz schlägt, hat er in spätestens zwei Jahren den ersten Herzinfarkt. Zumindest, wenn er noch ein paar Mal öfter mit Dämonen in Kontakt kommt. Überleg dir das gut. In spätestens fünf Jahren wärst du eine steinreiche Witwe!"

„Verschwinde", zischte Buffy böse und sah den Vampir biestig an, der sich grinsend umwandte und in Richtung Küche verschwand. Sie biss sich auf die Lippe, atmete zur Beruhigung mehrere Male ein und aus und drehte sich dann zu Henry um. „Könnten wir vielleicht in dein Arbeitszimmer gehen? Wir haben einiges zu bereden."

Der Burgherr nickte nur. Seine Stimme wollte ihm noch nicht gehorchen und trotz allem war er neugierig zu erfahren, was Buffy und Spike so lange Zeit im Gewölbe gemacht hatten. Er gab es nicht gerne zu, nicht einmal vor sich selbst, aber er würde zu gerne wissen, was Spike der Jägerin ins Ohr geflüstert hatte.

 

Spike lag lang ausgestreckt auf seinem Bett und zappte gelangweilt durch alle Kanäle, die das britische Fernsehen hergab. Er langweilte sich fürchterlich. Zuerst war er in der Küche gewesen, hatte der Köchin dabei zugesehen, wie diese mit zitternden Händen einen weiteren Blutbeutel aus dem Kühlschrank fischte. Dann hatte er sich noch mit dem Dienstmädchen unterhalten, dass ihm am ersten Tag seine Blutration auf das Zimmer gebracht hatte. Nun, unterhalten konnte man das eigentlich nicht nennen. Er hatte mit ihr gesprochen und sie war immer weiter rückwärts gestolpert, bis die Wand sie schließlich gestoppt hatte. Aber auch die Angst in ihren Augen war irgendwann belanglos geworden. Also hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen und wartete nun gespannt auf Buffys Rückkehr. Vielleicht ergab sich ja noch eine nette Möglichkeit, mit ihr einen saftigen Streit anzufangen. Außerdem hatte er gehört, dass der Burgherr über das Haustelefon nach Reiseführen gefragt hatte und er war sich sicher, dass Buffy und Henry gerade nach einer Ausweichmöglichkeit für die blöden kleinen Dämonen suchten.

Unglaublich’, meckerte er gedanklich. Er konnte es nicht verstehen. Nun ja, eigentlich konnte er es schon. Immerhin kam er ja selbst in diesen Vorteil. Aber auch das konnte man sehen, wie man wollte. Wenn er diesen dämlichen Chip nicht in seinem Schädel hätte, wäre er mit absoluter Gewissheit nicht hier. Er bräuchte nicht immer darauf warten, dass er etwas tun konnte. Spike grinste. Dieses Tun beschränkte sich gewöhnlich darauf, irgendwelchen Monstern den Kopf abzureißen. ‚Immerhin etwas! Besser als in meiner Gruft zu versauern!’, überlegte er.

„Du scheinst ja mächtig viel Spaß zu haben", meinte Buffy und Spike schreckte hoch.

„Wenn du mit in mein Bett kommst, hab ich Spaß", hatte er sich gleich wieder unter Kontrolle. Sie war die Jägerin. Das einzige Wesen, das sich so lautlos an ihn heranschleichen konnte.

„Ja, ganz sicher", erwiderte Buffy sarkastisch und zog sich den Stuhl vom Schreibtisch heran. „Es hat wunderbar funktioniert. Wir haben eine, wie sag ich es, passende Ruine gefunden und die Kologorns sind damit einverstanden. Henry wird alles in die Wege leiten. In zwei Tagen sind wir zurück in die Staaten."

„Ihr habt nicht wirklich einen Bus angemietet?", fragte Spike und setzte sich kopfschüttelnd auf.

„Ähm, nein. Keinen Bus. Nur einen Kleintransporter."

Der Vampir starrte sie ungläubig an. „Das kann nicht euer Ernst sein! Es ist eine Sache, sie am Leben zu lassen, aber das… Verdammt! Warum jagt ihr sie nicht einfach aus der Burg? Sollen diese kleinen Monster doch sehen, wo sie bleiben."

Buffy wusste nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hatte er Recht und ob sie nun wollte oder nicht, sie sah ihr Haus am Revello Drive, an dem ein riesiges Schild angebracht war. Jägerin & Co – Umzüge aller Art!

„Wie auch immer", riss sie sich aus ihren Gedanken. „ Es ist bald soweit und wir können morgen unsere Koffer packen. Ich werde den Transporter begleiten und Henry hat sogar zugesagt, ihnen einmal monatlich eine Ration Nahrungsmittel zukommen zu lassen."

„Wirklich süß", nörgelte Spike. „Aber mal was ganz anderes. Wo wir schon hier sind…"

„Was?", fragte Buffy.

„Na ja, du hast deine Aufgabe hier erledigt…demnach eine Menge Kohle verdient…"

„Warum sagst du nicht einfach, was du willst", meinte Buffy und kniff die Augen zusammen. Sie konnte sich schon vorstellen, worauf die ganze Sache herauslaufen würde. Er wollte Geld.

„Nun ja, wo wir schon mal hier sind und am Höllenschlund nichts los ist…", druckste Spike herum. „Wie wäre es, wenn wir noch mal kurz in London vorbeischauen? Ich war schon ein paar Jährchen nicht mehr hier."

„Das ist jetzt nicht dein Ernst", sagte Buffy verdattert. „Du schlägst eine Art von Kurzurlaub vor? Wir Beide? Wie verrückt ist das denn?"

„Verrückt? Vielleicht. Aber du hättest die Möglichkeit, deinen Wächter zu besuchen", versuchte er es weiter.

Buffy stand auf. Das war doch vollkommen idiotisch. Sicher, sie hatte das Glück, einige Tage hier verbringen zu können. Ihre Freunde hielten ihr zuhause den Rücken frei, damit sie das viele Geld verdienen konnte. Aber Urlaub? Nein! Das konnte sie nicht machen!

„Ich werde jetzt meinen Koffer packen. Danach gehen wir essen. Ich hol dich ab", meinte sie und verschwand aus der Tür, bevor Spike noch irgendetwas sagen konnte.

 

Der Tag war lang gewesen. Buffy hatte die Sippe der Kologorns umgesiedelt und auch, wenn keiner der kleinen Dämonen sich dagegen gewehrt hatte, war es Stress pur gewesen. Der Fahrer des Wagens hatte nicht verstanden, warum er vorsichtig fahren sollte, vor allem nicht mit alten Holzkisten auf der Ladefläche. Und als Buffy ihm das Ziel genannt hatte, hatte er sie nur noch angestarrt.

Aber, auch das war überstanden. Sie hatte von Henry einen Scheck überreicht bekommen und sie hatte wirklich große Mühe gehabt, nicht zu grinsen. Jetzt sah sie sich ein letztes Mal in ihrem Zimmer um. Nein. Sie hatte nichts vergessen. Es war Zeit zu gehen.

Unten in der Halle traf sie auf Spike. Er hatte seinen Seesack bereits geschultert und wartete scheinbar schon auf sie. Sein Blick sprach Bände.

„Slayer, wo bleibst du denn? Meine Holzkiste wartet schon am Flughafen auf mich!"

Henry, galant wie immer, nahm ihr den Koffer ab und schluckte augenblicklich. Wie konnte ein Koffer so schwer sein? Er geleitete seine Gäste zur Haustür und Buffy sah ihm deutlich an, dass er froh war, dass es nun vorbei war. Sie konnte es ihm nicht einmal verübeln. Mit Dämonen in Kontakt zu kommen war eine Sache, mit Spike eine ganz andere. Sie lächelte leise vor sich hin, als der Chauffeur die Tür des Wagens hinter ihr schloss.

Spike wusste noch nichts von seinem Glück. Sie hatte in der letzten Nacht noch lange telefoniert. Mit Willow, Dawn und vor allem mit Giles. Er hatte ein kleines Problem, bei dem die Hilfe der Jägerin durchaus angebracht war. Zumindest hatte er sich so ausgedrückt. Sie versuchte, aus den abgedunkelten Scheiben des Bentleys nach draußen zu sehen, aber es war nicht möglich. Es war zu dunkel und alles, was sie sah, war ihr breites Grinsen, das sich in den Scheiben spiegelte.

„Du scheinst ja mächtig gute Laune zu haben", brummte der Vampir neben ihr. „Heimweh?"

„Nein, das kann man so nicht sagen", antwortete sie vergnügt. Sicher, sie würden zum Flugplatz fahren, aber nicht, um eine Maschine in die Staaten zu besteigen. Es würde nur ein kurzer Flug werden. Immerhin war London nicht wirklich weit entfernt.

„Wie lange warst du nicht mehr in London?", fragte sie Spike und biss sich auf die Lippen.

„Keine Ahnung", erwiderte er schulterzuckend. „Ein paar Jahre sind es schon. Warum?"

„Dann kannst du ja mal gucken, ob sich viel verändert hat."

„Willst du mich jetzt ärgern, oder was?", motzte er und zog verblüfft die Augenbrauen hoch, als er in ihr Gesicht sah.

„Die Idee ist auch nicht schlecht", lachte sie. „Aber nein. Wir fliegen nach London. Willow meinte, ich sollte mir das auf keinen Fall entgehen lassen. Am Höllenschlund ist immer noch Ruhe angesagt und sie sieht keinerlei Grund, warum wir nicht noch bei Giles vorbeischauen sollten."

„Also machen wir beide jetzt doch zusammen Urlaub", grinste er. „Nicht schlecht. Teilen wir uns dieses Mal ein Zimmer?"

„Nur in deinen Träumen", erwiderte Buffy sofort. „Nur in deinen Träumen!" Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Das war doch endlich mal etwas Gutes. Sie hatte eine Menge Geld verdient und so einige Sorgen weniger. Sie konnte Rechnungen bezahlen und einige Reparaturen am Haus durchführen lassen. Das Beste war, sie hatte wirklich Urlaub. Nun ja, Spike war dabei… aber auch das ließ sich überleben. Auch, wenn es nicht lange dauern würde. Sie würde die Zeit genießen und versuchen, einmal nicht an Dämonen und Vampire zu denken. ‚Ich habe Urlaub’, überlegte sie grinsend. ‚Endlich!’

 

Ende