Titel: The Man on the Corner
Autor: SilentThunder
Inhalt: Elisabeth erbt das Haus ihrer Großtante in Maine und zieht mit Sack und Pack dorthin. Nur gute Erinnerungen
verbinden sie mit dem großen alten Haus, doch schnell stellt sie fest, dass es einige Überraschungen birgt.
Altersfreigabe: keine
Teile: 14
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Elisabeth/William

 

Teil 1

Lange, endlos weite, weiße Korridore taten sich vor ihr auf, Geschirr klapperte, eine Kaffeemaschine zischte und das übliche Gemurmel in den Zimmern, die rechts und links der endlosen Flure abgingen, rundeten das Bild ab. Doch für all das hatte sie keinen Sinn. Wie konnte es nur so schnell gehen? Sie war doch gar nicht darauf vorbereitet.

Sie hastete weiter, um die nächste Ecke, in den nächsten Korridor und wurde auch sogleich von einer Schwester abgefangen, die erleichtert aufatmete.

„Oh, Miss Summers. Wie gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Wir hatten schon die Befürchtung, dass Sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Dabei scheint Mrs. Cunningham unbedingt noch einmal mit Ihnen sprechen zu wollen. Sie fragt im Minutentakt nach Ihnen und wartet fieberhaft…"

„Aber wie…", fahrig wischte sich Elisabeth Summers eine verirrte honigblonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich war doch erst gestern hier und es schien aufwärts zu gehen. Sie fühlte sich wohl, hatte keine Schmerzen und…"

„Das ist leider oft so", unterbrach die Schwester leise und begleitete die Besucherin den Gang hinunter. „Ein letztes Aufbäumen, ein letztes Kräftesammeln vor dem … Ende. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass sie ein langes, außergewöhnliches und glückliches Leben geführt hat."

Mit gerunzelter Stirn dachte Elisabeth an ihre Großtante May. Sie hatte gewiss ein außerordentliches Leben geführt, doch ob es auch glücklich gewesen war, wagte sie zu bezweifeln. May hatte ihren Mann verloren, kaum dass sie zwei Jahre verheiratet gewesen war und da aus dieser Ehe auch keine Kinder hervorgegangen waren, hatte sie sich um ihren Vater gekümmert, der, so hieß es jedenfalls, eine wahre Plage gewesen war und alleine in einem großen Haus wohnte, das schon seit über einem Jahrhundert in Familienbesitz war.


Elisabeth hatte ihn nicht kennengelernt, doch sie hatte oft gehört, er wäre ein griesgrämischer Sauertopf gewesen, dem man es niemals hatte recht machen können. Auch wurde oft davon erzählt, dass May eine wahre Schönheit gewesen war und wie bedauerlich es gewesen sei, dass sie nicht ein zweites Mal geheiratet hatte. Bewerber hatte es genug gegeben, doch May wollte nicht. Sie hatte ihre große Liebe gefunden und verloren.

Sie hatte die Führung des alten großen Hauses übernommen und nachdem ihr Vater das Zeitliche gesegnet hatte, hatte sie es in eine Pension verwandelt, die ihr mehr Vergnügen als Geld eingebracht hatte. Elisabeth war fast jedes Jahr in den Sommerferien zu Besuch gewesen und es war stets eine glückliche Zeit gewesen. May hatte sich, vielleicht auch, weil sie keine eigenen Kinder hatte, besonders viel Zeit für sie genommen und eine Menge Dinge unternommen, an die Elisabeth auch heute noch gerne zurückdachte. Auch hatte sie sich nie über den Dreck beschwert, den Elisabeth gewiss in Mengen ins Haus getragen hatte. Sie hatte auch nie Dinge gesagt, wie: Wasch dir die Hände, kämm dir die Haare oder wie siehst du denn schon wieder aus?

„Sie sollten jetzt wirklich hineingehen", riss die Schwester Elisabeth aus ihren Gedanken. Sie machte ein übertrieben trauriges Gesicht und nickte ihr zu. „Ich bin in der Nähe. Wenn Sie meine Hilfe brauchen, scheuen Sie nicht davor zurück, den Rufknopf zu betätigen." Sie nickte ein letztes Mal und entschwand auf leisen Sohlen.

Elisabeth sah ihr hinterher, bis sie um die Ecke verschwand, atmete dann ein paar Male tief ein und öffnete die Tür. May hatte ihre müden Augen geschlossen, lächelte aber, als könnte sie ahnen, wer gerade das Zimmer betreten hatte.

„Elisabeth?", ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Bist du das, Kind?"

„Ja, May. Ich bin hier", sagte Elisabeth und schluckte schwer. Sie trat leise an das Krankenbett heran und setzte sich auf einen altmodischen Stuhl, den irgendjemand vorausschauender Weise schon bereitgestellt hatte. „Ruh dich aus. Schlaf ein bisschen. Ich bleibe hier und warte, bis es dir wieder besser geht."

„Ich werde sehr bald für lange, lange Zeit schlafen", erwiderte May heiser und öffnete ihre Augen. Sie lächelte schwach und ihre Hand suchte Elisabeths. „Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Alles hat seine Zeit und meine Zeit ist jetzt." Sie lächelte wieder. „Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann sehe ich endlich meinen Kenneth wieder."

„Dafür ist noch so viel Zeit", erwiderte Elisabeth leise und versuchte die Tränen aufzuhalten. Erst gestern hatte sie noch gedacht, May würde sich wieder erholen und bald zurück in ihr Haus kehren, das ohne sie so leer und still war.

„Nein, mein Kind. Er wartet schon auf mich." May stöhnte leise und versuchte sich aufzurichten. Dann seufzte sie und winkte ab, als Elisabeth ihr helfen wollte. „Lass gut sein, mein Schatz. Das ist alles nicht mehr so wichtig." Sie lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. „Ich muss dringend mit dir sprechen. Hätte schon viel eher…" Sie seufzte wieder und verstummte dann ganz.

Elisabeth wusste nicht, was sie tun sollte, also wartete sie einfach, während sie sachte über die Hand der alten Frau strich.

„Weißt du", sagte May krächzend und räusperte sich umständlich. „Er ist etwas ganz Besonderes und es ist nicht seine Schuld. Nicht seine Schuld. Vielleicht… nein, ganz bestimmt kannst du ihm helfen." Ihre Augen öffneten sich und sie sah Elisabeth an. „Du musst es versuchen. Versprichst du mir das?"

„Sicher", nickte Elisabeth sofort, wusste aber nicht, über wen ihre Großtante sprach.

„Nicht seine Schuld", wiederholte May leise. Sehr leise. „Hab keine Angst vor ihm. Versprich es mir. Er wird dir niemals etwas zuleide tun. Ist nicht der Typ Mensch, der…"

„Ich werde mein Bestes geben", sagte Elisabeth und Tränen rannen zu Hauf über ihre Wange. „Ganz bestimmt. Ich verspreche es dir."

„Das ist gut", nickte May. „Ich hab es versucht, aber ich konnte nicht… helfen. Hab es oft versucht, immer wieder. Konnte ihn nicht befreien." Sie lächelte traurig und schloss die Augen. „Ich bin so unendlich müde."

Eine halbe Stunde später schlief May Cunningham mit einem seligen Lächeln auf den Lippen für immer ein.

 

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Drei Wochen waren vergangen, seitdem Elisabeth ihre letzte Verwandte zu Grabe getragen hatte. Drei Wochen, in denen sie es nicht über das Herz gebracht hatte, das große Haus zu betreten, mit dem sie so viele schöne und warme Erinnerungen verband.

Doch jetzt war es an der Zeit, sich dem zu stellen, was sich im Inneren befand. Die vielen herrlichen großen Räume, angefüllt mit Kleinigkeiten, die ihre Empfindungen anstacheln würden, sie an Dinge und Begebenheiten erinnern würden, die sie längst vergessen hatte.

Mit einiger Unruhe steckte Elisabeth den Schlüssel in das Schloss der Haustür und öffnete das Haus, das jetzt ihr gehörte. Sofort umhüllte sie der Duft, den sie schon seit frühester Kindheit so geliebt hatte. Es roch nach alten Büchern, Liebe und Veilchenparfüm. Der Lieblingsduft ihrer Großtante May und der Wohlgeruch gehörte zu ihr, wie die wunderschön und liebevoll eingerichteten Zimmer.

Für Elisabeth hatte schon von Anfang an festgestanden, dass sie nichts an diesem Haus verändern würde. Jedenfalls nicht, wenn es sich verhindern ließ. Hier und da würde gewiss ein wenig neue Farbe gut tun, genauso wie eine neue Tapete in einigen Räumen, doch sie würde dem Stil des Hauses und auch der Möbel treu bleiben, die zum Teil schon seit der Errichtung des Hauses das Innere schmückten.


Elisabeth nahm ihren Koffer in die Hand, trat langsam in die große Eingangshalle und schloss leise die Tür hinter sich. Dann stellte sie den Koffer wieder ab und sah sich um. Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Schon als Kind hatte sie die breite Treppe geliebt, die sich in der Mitte der Halle empor wand, auf halber Höhe auseinander lief und nach rechts und links wegführte. Stunden lang hatte sie auf dieser Treppe gespielt und getobt, hatte mit dem Portrait des Mannes aus einem vergangenen Jahrhundert gesprochen, das sich auf dem Absatz befand und May, die nie Tante oder gar Großtante May genannt werden wollte, hatte sie gelassen.

Rechts von der Halle ging es durch eine große Flügeltür in den Salon, der warm und gemütlich eingerichtet war. Eine blassgrüne, sanft gemusterte Tapete an den Wänden wiederholte die Farbe der kuscheligen Sofas und Sessel. Nussbaumschränkchen rundeten das Ganze ab, genau wie die wenigen Bilder an der Wand, die die Landschaft der Umgebung zeigten.

Behutsam strich Elisabeth über den samtenen Bezug des Sofas und lächelte. Die alten, geliebten Erinnerungen überdeckten die frischen, ungewollten und obwohl sie beinahe Angst gehabt hatte, das Haus zu betreten, so bemerkte sie nun, dass es ein Fehler gewesen wäre, noch länger zu warten. Sie fühlte sich seltsam willkommen und Zuhause.

Elisabeth verließ den Salon und schlenderte weiter in den Raum direkt gegenüber. May hatte hier ihr Büro eingerichtet, das sie nur selten benutzt hatte. Die wenigen Gäste, die sich überhaupt eingefunden hatten, bezahlten oft bar und wollten oder brauchten keine Rechungen. Ein wunderbarer Sekretär stand darin, beladen mit allerlei Post, doch sie hatte keine Lust, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Dafür würde auch später noch genug Zeit sein.

Sie sah sich um und ihr Lächeln wurde breiter. Eine Flasche Kirschlikör stand auf einem kleinen Tischchen neben dem Kanapee und Elisabeth erinnerte sich daran, dass May zu einem guten Gläschen dieses furchtbar süßen Getränks nie hatte nein sagen können. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen", hatte sie stets zwinkernd gesagt und Elisabeth Traubensaft eingegossen, sodass sich die Flüssigkeit in den Gläsern zumindest ähnlich sah und sie anstoßen konnten.

„Gott, May", murmelte Elisabeth, von der Erinnerung übermannt, traurig, „ich vermisse dich." Sie sah zur Decke hinauf, fast so, als könne sie zum Himmel hinaufblicken. „Ich hoffe, du bist glücklich und hast gefunden, wonach du dich so lange gesehnt hast."

Dann beeilte sie sich das Büro zu verlassen und eilte in die gemütliche Küche, die ihre Großtante erst vor wenigen Jahren komplett neu hatte machen lassen. Der alte, rauchige Raum hatte sich in einen hellen verwandelt, in dem nun eine Landhausküche Behaglichkeit vermittelte. Alles war sauber und aufgeräumt und wirkte so, als habe May das Haus gerade erst verlassen.

Schräg gegenüber der Küche war die Bibliothek, die May auch gerne als Herrenzimmer bezeichnet hatte. Es gab nicht nur zwei Wände mit bis an die Decke reichenden Regalen, natürlich angefüllt mit allerlei Werken der verschiedensten Literatur, sondern es gab auch einen großen Billardtisch, der, soweit Elisabeth sich erinnerte, nicht allzu oft benutzt worden war. Sie umrundete den Tisch und ihre Finger fuhren über die dunkelgrüne Bespannung des Tisches. Eigentlich war ein solches Zimmer viel zu schade, um ungenutzt zu bleiben, doch für May hatte es nie einen neuen Mann gegeben. Sie hatte Elisabeth einmal im Vertrauen gesagt, dass es eine Liebe, wie sie sie verloren hatte, niemals ein zweites Mal geben könne und sie zudem den Gedanken nicht ertragen könnte, ihren geliebten Mann zu vergessen oder ihre Erinnerungen an ihn zu verlieren. Elisabeth hatte bisher noch keinen Mann getroffen, dem gegenüber sie so tiefe Gefühle empfinden konnte. Doch was nicht war, konnte bekanntlich noch werden und sie war gerade erst fünfundzwanzig Jahre alt geworden.


Gegenüber der Bibliothek lag der Speisesaal, der allerdings keinen großen Tisch beherbergte, sondern mehrere kleine, da er für die Gäste gedacht gewesen war. Doch Elisabeth glaubte sich daran zu erinnern, dass, wenn überhaupt jemals jemand da war, sich das Leben dennoch in der Küche abgespielt hatte. Auch dieser Raum war geschmackvoll eingerichtet. Ein ellenlanges Buffet aus Eiche stand an der Wand, die Tische, alle liebevoll dekoriert und eingedeckt, schienen auf Gäste zu warten und die Stühle mit den dunkelroten Lederbezügen waren frisch poliert.

„Du warst wahrlich eine ungewöhnliche Person", murmelte Elisabeth und betrachtete die Bilder an der Wand, die sie bestimmt schon tausend Mal gesehen, aber nie wirklich registriert hatte. Sie alle zeigten das Meer und die Küste Maines, ihrer alten, neuen Heimat.

May hatte Glück im Unglück gehabt und war nie wirklich darauf angewiesen gewesen, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Ihr Vater, und auch schon sein Vater zuvor, hatten ein Vermögen mit Maschinenteilen verdient und ihr Mann Kenneth Cunningham, einziger Spross einer wohlhabenden Familie, hatte sie zudem gut versorgt zurückgelassen.

Elisabeth hatte nicht geahnt, welch ein Vermögen May besessen hatte und war bei der Testamentsverlesung schier aus allen Wolken gefallen. Außer ein paar alten Freunden hatte May niemanden bedacht und sie war Alleinerbin eines enormen Vermögens. Andere hätten sich vielleicht darüber gefreut, sie hingegen würde sich lieber ihre letzte Verwandte zurückwünschen. „Ich verspreche dir, gut mit deinen Sachen umzugehen", versprach sie May leise und seufzte.

Sie sollte lieber weitergehen und sich nicht wieder in traurige Gedanken verstricken. Elisabeth ließ den Speisesaal hinter sich, warf einen Blick in die Wäschekammer und das Badezimmer, das vor Jahren renoviert worden war. Schreckliche, gemusterte, grüne Fliesen zierten die Wände und sie schüttelte sich. Ja, das Badezimmer musste unbedingt erneuert werden. Doch so wichtig war das nicht. Alle Schlafzimmer befanden sich im oberen Stockwerk und dort oben gab es jede Menge Badezimmer. Für jedes Schlafzimmer eins, und sie waren alle schlicht in weiß und beige eingerichtet.

Nach einem kurzen Blick in den großen Garten ging sie langsam zurück in die Eingangshalle und blieb vor der großen Treppe stehen. Ihr Blick fiel auf das mannshohe Porträt eines ihr unbekannten Mannes, gekleidet in einen schwarzen Gehrock und grauer Weste, das in der Mitte des Weges am Absatz der Treppe an der Wand hing. Doch das Bild war unwichtig. Viel wichtiger war, dass es, wenn sie erst einmal die Treppe erklommen hatte, sehr persönlich werden würde.

Mays Zimmer befand sich im oberen Stockwerk und es würde nicht einfach sein, sich all ihren persönlichen Gegenständen zu stellen. Es dauerte einen Moment, dann nahm sie sich ein Herz und schritt Stufe für Stufe die breite Treppe hinauf.

Teil 2

Es war für Elisabeth ein seltsames, merkwürdiges Leben im Haus ihrer Großtante, doch langsam gewöhnte sie sich an die neuen Umstände. Auch daran, plötzlich Angestellte zu haben. Rose Henderson war die gute Seele des Hauses, kochte und putzte, war allerdings schon ein wenig in die Jahre gekommen. Emily Jones war eingestellt worden, um Rose zu unterstützen und kam nur dreimal die Woche, jeweils für den Vormittag. Und für den großen, parkähnlichen Garten war Henry Coventry zuständig, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch den Garten wuselte und stets freundlich winkte, wenn er die neue Hausherrin sah. An ihn konnte sie sich am besten erinnern. Früher hatte er ihr geholfen Schmetterlinge zu fangen, die sie natürlich sofort wieder freigelassen hatte, oder er hatte ihr genügend bunte Blüten gebracht, die sie zu Kränzen für May zusammengebunden hatte.

Die Angestellten hatte Elisabeth auf gewisse Weise mit dem Haus geerbt, denn alle drei hatten schon lange Jahre für ihre Großtante gearbeitet. Und es hatte nur wenige Tage gedauert, bis sie alle nacheinander bei ihr vorstellig wurden. Sie hatte ihnen schnell versichert, dass sie nicht gedachte, irgendwas an der Haushaltsführung zu ändern und sie sich freuen würde, wenn alle drei auch weiterhin für sie arbeiten würden. Das Problem war nur, dass Elisabeth buchstäblich gar nichts mehr zu tun hatte und sich ein schlechtes Gewissen deswegen nur schwer verdrängen ließ. Die ersten Tage hatte sie ihr Bett noch selbst gemacht, doch Rose hatte schnell klargestellt, wer im Grunde das Sagen im Haus hatte. Jedenfalls dann, wenn es um den Haushalt ging.

Es gab feste Regeln im Haus, die sich über die Jahre eingespielt hatten und Elisabeth hatte noch einige Mühe, sich alle zu merken. Das Frühstück gestaltete sich noch einfach. Elisabeth ging in die Küche, nahm sich, was sie wollte und setzte sich damit an den Tisch. Mittag- und Abendessen hingegen waren fest eingeplant. Schon eine Woche vorher plante Rose Henderson jede Mahlzeit akribisch und vergewisserte sich mehrfach, ob auch alles nach dem Geschmack ihrer neuen Arbeitgeberin war. Überhaupt war sie ein recht sonderbares Wesen, das leicht aus dem Tritt zu bringen war. Elisabeth kannte sie noch aus Kindertagen, doch wirklich viele Erinnerungen hatte sie nicht an Rose. Außer vielleicht, dass sie die besten Muffins der Welt backen konnte.

„Der seltsame Handwerker ist fertig", meldete Rose nun und machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. „Er sagt, Sie sollen testen, ob dieses komische Dingenskabel funktioniert. Oder was auch immer."

Elisabeth verkniff sich das Lachen und stellte ihre Kaffeetasse ab. Sie hatte sich eine Internetverbindung einrichten lassen und Rose, die mit der modernen Technik nichts zu tun haben wollte, verstand einfach nicht, um was es ging. Sie fand es nur schrecklich, dass eine fremde Person durchs Haus lief und Löcher in die Wände bohrte. „Danke. Ich werde gleich nachsehen."

Rose murmelte leise vor sich hin und ging ihrer Wege. Elisabeth sah ihr einen Moment schmunzelnd hinterher, dann stand sie auf und eilte durch die Halle ins Büro.

„Guten Morgen, Miss", sagte der Techniker und tippte sich an die Mütze. „Ich bin fertig. Es ging bedeutend schneller, als ich erwartet hatte. Die Kabel sind verlegt und die Geräte sind angeschlossen. Vielleicht sollten Sie kontrollieren, ob auch alles nach Ihren Wünschen funktioniert."

„Sicher", nickte Elisabeth und startete ihren Rechner. Sie wartete einen Moment und öffnete dann, aus reiner Gewohnheit heraus, ihr Postfach. Die neue Leitung funktionierte und es dauerte nicht lange, bis die ersten Mails eintrudelten. Mehr und mehr Nachrichten sammelten sich und sie klickte auf die Oberste, die von ihrer besten Freundin, Willow Rosenberg, stammte.

„Alles in Ordnung?", erkundigte sich der Techniker freundlich, doch Elisabeth reagierte nicht darauf.

Wirklich gelesen hatte sie die lange Mail nicht, doch ein Wort war ihr sofort ins Auge gesprungen: Versprochen! Sofort machte sich ihr schlechtes Gewissen bemerkbar. Wie hatte sie nur das Versprechen vergessen können, das sie May auf dem Sterbebett gegeben hatte?

„Funktioniert alles nach Ihrer Zufriedenheit?", meldete sich der Techniker ein weiteres Mal zu Wort und räumte seine Werkzeuge ein.

„Ähm, … ja… alles bestens", sagte Elisabeth und stand auf. „Entschuldigung. Ich war gerade abgelenkt."

„Kein Problem", nickte der Mann und verschloss seinen Werkzeugkoffer. „Sollten sich dennoch Störungen oder sonstige Probleme zeigen, dann rufen Sie mich an." Er überreichte ihr seine Visitenkarte und verabschiedete sich.

Elisabeth blickte auf die Karte, dann ließ sie sich seufzend zurück auf den Stuhl fallen. „Es tut mir so leid, May", murmelte sie leise, „aber ich werde es bestimmt nicht wieder vergessen!"

Doch das Problem an der Sache war, dass sie beim besten Willen nicht wusste, von wem ihre Großtante gesprochen hatte. Sie konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen, wem sie helfen sollte. Wer trug keine Schuld? Und an was trug er keine Schuld? Dass es ein Mann war, war aus Mays Aussage herauszuhören gewesen, doch das war auch alles, worüber sich Elisabeth im Klaren war. „Ich sollte Rose fragen", überlegte sie laut. „Wenn überhaupt jemand weiß, von wem May gesprochen hat, dann doch wohl sie. Immerhin arbeitet sie schon seit Urzeiten hier im Haus."

 

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Nach kurzer Suche fand Elisabeth Rose in der Wäschekammer, wo diese Bett- und Tischwäsche umsortierte. Die gute Frau erschrak furchtbar, als Elisabeth so plötzlich hinter ihr auftauchte, holte tief Luft und fasste sich ans Herz.

„Ach du meine Güte", schnaufte die rundliche Frau und sah sie erleichtert an. „Sie haben mich vielleicht erschreckt, Miss."

Elisabeth entschuldigte sich rasch und überlegte unterdessen, wie sie ihre Fragen formulieren sollte und ob Rose sie nicht vielleicht als seltsam empfinden würde. Doch dann wischte sie die Überlegungen beiseite und erzählte geradeheraus, um was May sie gebeten hatte.

Rose Henderson überlegte einen Augenblick angestrengt, dann schüttelte sie den Kopf. „Da kann ich Ihnen wirklich nicht helfen", sagte sie und stapelte die Bettwäsche ins Regal. „Ich wüsste nicht, dass Ihre Tante irgendwelche… besonderen Schützlinge hatte. Sind Sie sicher, dass Sie sie richtig verstanden haben?"

„Allerdings", nickte Elisabeth. „Und es schien ihr überaus wichtig zu sein."

„Also ich wüsste wirklich nicht… in den letzten Jahren hatte sie sowieso kaum noch Kontakt zur Außenwelt. Sie war meist hier im Haus und es kamen auch nur Freunde zu Besuch, die wir wirklich schon lange kennen. Aber von denen hat niemand Probleme. Davon wüsste ich nämlich." Sie sah Elisabeth an und zuckte die Schultern. „Aber manchmal, wenn es aufs Ende zugeht, nun… manche Leute sind dann verwirrt und bringen einiges durcheinander. Machen Sie sich mal keine Sorgen deswegen. Es war bestimmt nichts Wichtiges."

„Vielleicht haben Sie Recht", sagte Elisabeth, war aber keineswegs überzeugt. Dem ungeachtet wollte sie die gute Frau nicht beunruhigen und auch nicht verwirren. „Ich danke Ihnen. Sie waren mir eine große Hilfe."

„Aber gerne, Miss", lächelte Rose und erinnerte Elisabeth im gleichen Atemzug an das Mittagessen, dass (wie immer) pünktlich serviert werden würde.

Elisabeth bedankte sich ein weiteres Mal und ging dann zurück ins Büro. Dort angekommen setzte sie sich an den Schreibtisch, den sie aus ihrer Wohnung hatte herbringen lassen, und runzelte die Stirn. Sie hatte alle Hoffungen in Rose gesetzt und nun wusste sie nicht weiter. Wen sonst könnte sie fragen? Den Gärtner, der auch schon lange Jahre seinen Dienst verrichtete? Oder Mrs. Jones? Vielleicht gab es auch irgendwelche alten Freundinnen in der Stadt, denen May mehr verraten hatte. Aber wie sollte sie sie finden?

Mit gerunzelter Stirn sah sie auf und ihr Blick fiel auf Mays Sekretär, auf dem sich noch immer Briefe und Papiere stapelten. „Möglicherweise finde ich ja da einen Hinweis", murmelte sie leise und stand wieder auf. Bisher hatte sie sich noch nicht wirklich an die privaten Papiere ihrer verstorbenen Großtante herangetraut, doch früher oder später musste sie sich damit beschäftigen. Zudem hatte sie jetzt einen triftigen Grund und das machte das Ganze etwas einfacher.

 

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Stunden später ließ Elisabeth sich erschöpft auf das Kanapee fallen und war sogar in Versuchung, sich ein Glas Kirschlikör einzuschenken, der noch immer auf dem kleinen Tischchen wartete. Gefunden hatte sie eine Menge, darunter auch einiges Interessantes. Ihre Großtante hatte in regem Kontakt mit einer Frau in Miami gestanden und die beiden hatten nichts Besseres zu tun gehabt, als wöchentlich Rezepte auszutauschen. May hatte ihr Lebtag nicht mehr als ein Ei gekocht und warum sich die beiden Damen ausgerechnet über Kochanleitungen unterhielten, würde wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Zudem hatte sie hiesige Organisationen unterstützt, die sich um mittellose Familien kümmerten. Elisabeth hatte schnell beschlossen, auch hier dem Vorbild ihrer Tante zu folgen und diese Mitgliedschaften zu übernehmen. Doch leider hatte sie nicht einen einzigen Hinweis auf den Mann finden können, der May offensichtlich so am Herzen gelegen hatte.

„Das gibt es doch gar nicht", schimpfte sie leise. „Wenn es so wichtig war, warum kennt ihn dann niemand? Warum weiß Rose nichts über ihn? Sie hat May die letzten Jahre bewacht wie ein Schießhund. Sie müsste doch wissen, wenn hier ein ihr Fremder aufgetaucht wäre!"

Elisabeth glaubte noch immer nicht daran, dass May in ihren letzten Minuten verwirrt gewesen war. Sie hatte ganz genau gewusst, was sie wollte und auch, was sie sagte. „Ich werde es herausfinden", versprach sie. „Und wenn ich dafür einen Detektiv beauftragen muss!"

 

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Wind brauste um das alte Haus, Dachziegel klapperten und dicke Regenwolken zogen über den Nachthimmel. Doch weder das dunkle Donnergrollen noch die Blitze, die hin und wieder aufzuckten und das Zimmer in ein gespenstisches Licht tauchten, waren daran schuld, dass Elisabeth nicht schlafen konnte. Vielmehr lag es daran, dass sie May und deren Bitte einfach nicht aus dem Kopf bekommen konnte. Sie hatte fast pausenlos darüber nachgedacht und war mehr denn je davon überzeugt, dass ihre Großante durchaus wusste, wovon sie sprach. Es musste also irgendwo einen Mann geben, der Hilfe brauchte und sie auch verdiente.

Doch wer war dieser Mann? Hatte es vielleicht doch ein männliches Wesen gegeben, das Mays Herz erobert hatte? Nach ihrem Ehemann Kenneth? Sie hatte stets glaubhaft das Gegenteil behauptet und Elisabeth wusste auch keinen Grund, warum sie es hätte verheimlichen müssen. Doch wer war dieser Mann dann?

„Das ist alles so sinnlos", brummte sie und warf ihre Bettdecke von sich. Sie setzte sich auf und überlegte einen Moment. Rose hatte ein unglaublich leckeres selbst gemachtes Erdbeereis zum Nachtisch serviert. Ob davon wohl noch ein Rest übrig war? Sie lächelte beinahe schelmisch und fegte ihre langen Haare aus dem Gesicht. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, sollte sie sich diese Stunden jedenfalls ein wenig erträglicher machen.

Elisabeth hüpfte aus dem Bett und eilte über den langen Korridor auf die Treppe zu. Diese nahm sie hüpfend und voller Vorfreude stürmte sie in die Küche. Rose würde vielleicht schimpfen, doch das war ihr im Moment egal. Sie durchsuchte das Gefrierfach, fand, was sie suchte und grinste breit. „Ja", kicherte sie und fühlte sich seltsam albern. Doch das war gewiss nur eine Reaktion auf die Ernsthaftigkeit der letzten Stunden.

Eine kleinen Schüssel war schnell gefunden, ein Löffel ebenso und so häufte sie sich eine gehörige Portion Eis in die kleine Schale. Den Rest verstaute sie gewissenhaft wieder im Gefrierfach und eilte dann zurück in die Halle. Im Bett würde es noch viel besser schmecken, doch am Fuße der Treppe hielt sie plötzlich an und warf einen Blick auf das Porträt auf dem Absatz.

Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf. Das musste eine optische Täuschung gewesen sein oder vielleicht lag es auch an den Blitzen, die durch die Fenster fielen und immer wieder seltsame Muster in den großen Raum warfen. Keine gemalte Figur konnte sich bewegen und die Haltung verändern. Doch ob sie wollte oder nicht, sie ließ das Gemälde nicht aus den Augen, während sie langsam Stufe für Stufe darauf zu schritt.

Teil 3

Das Gras war nach dem Gewitter in der Nacht noch nass und die Tropfen glänzten im Sonnenschein wie silbrige Perlen, die auf dem dunklen Grün aufgereiht waren. Vögel zwitscherten, Bienen summten und sammelten eifrig Pollen und Nektar und auch die Schmetterlinge tanzten im Sonnenlicht. Es war ein friedliches, sanftes Bild, doch die neue Hausherrin hatte andere Gedanken. Ziellos lief sie im Garten umher, der wahrlich ungeheuerliche Ausmaße hatte, und hing ihren Gedanken nach.

Am hinteren Ende reichte der Park bis an die Steilküste, die nur durch verschlungene Pfade zu erreichen war. Früher einmal war der gesamte Park sicherlich gepflegt gewesen, nun nur noch das Stück, das direkt ans Haus grenzte. Es war einfach zu viel für nur einen Gärtner und Elisabeth blieb hie und da stehen und bewunderte die prachtvollen Blüten von Hibiskus und wild wachsenden Rosen.

Sie gab es nicht gerne zu, doch sie langweilte sich schrecklich. Es gab einfach nichts für sie zu tun. Das Haus und dessen Führung hatte Rose Henderson fest im Griff und Elisabeths Meinung nach gab es auch kaum etwas daran zu verbessern oder gar auszusetzen. Rose war sparsam, ordentlich und straff durchorganisiert, was natürlich auch daran lag, dass sie diese Tätigkeit schon ein halbes Leben lang ausführte.

Doch das änderte nichts an ihrer eigenen Situation. Ihren lieb gewonnenen Job hatte Elisabeth aufgeben müssen, als sie sich entschlossen hatte, hierher umzuziehen. Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen, denn sie hatte nicht nur ihr Zuhause hinter sich gelassen, sondern auch eine Menge guter Freunde und Arbeitskollegen. Hier war ihr trotz allerlei Bemühungen bisher auch nichts Neues oder Interessantes untergekommen und so konnte sie nur abwarten, ob sich auf dem hiesigen Stellenmarkt vielleicht doch noch etwas tat.

Allerdings wagte sie stark zu bezweifeln, dass ausgerechnet in diesem kleinen Küstenstädtchen jemand eine Bibliothekarin suchte. Bisher hatte sie an der Universität von Maine gearbeitet und damit nicht nur etwas zu tun gehabt, sondern durch den Trubel auf dem Campus war es auch nie langweilig gewesen und sie hatte eine Menge neuer Menschen kennengelernt. Doch sie hatte May versprochen, sich gut um ihr Haus zu kümmern. Schon viel früher, in jüngeren Jahren, wann immer dieses Thema zur Sprache gekommen war. May hatte das Haus sehr viel bedeutet, denn es war seit seiner Erbauung im späten 18. Jahrhundert in Familienbesitz.

Noch war für Elisabeth alles neu und es würde noch eine Zeit dauern, bis sie sich vollkommen eingelebt hatte und vielleicht auch ein paar neue Freunde fand. Bisher hatte sie nur wenige Menschen kennengelernt, wenn man von den Nachbarn absah, die mittlerweile alle ihre Aufwartung gemacht hatten. Am nächsten dran wohnte Elvira Armstrong. Eine uralte Dame, die sich mit Handstock und bissiger Gesellschafterin auf den etwa eine Meile langen Weg gemacht hatte, nur um fast an der Haustür zusammenzubrechen. Mit Müh und Not hatten Elisabeth und Mrs. Brown, die Gesellschafterin, die alte Frau in den Salon befördert, wo sich sie sich nach ein paar Gläsern Sherry auch rasch erholt hatte.

Trotz der ständigen Bemühungen von der griesgrämigen Mrs. Brown hatte sie es sich nicht nehmen lassen, ein paar Stunden im Haus ihrer besten alten Freundin zu verbringen. Elisabeth hatte die Frau nie zuvor gesehen, doch wirklich viel wusste sie nicht über Mays Freundschaften. Es konnte also durchaus der Wahrheit entsprechen, was die fidele Mrs. Armstrong behauptete. Und sie behauptete viel und redete ohne Punkt und Komma. Vielleicht war es reine Langeweile, oder Mrs. Armstrong versuchte ihrer Gesellschafterin zu entkommen. Jedenfalls kannte Elisabeth schnell sämtlichen Klatsch und Tratsch der ganzen Gegend und bevor die beiden Damen schließlich doch mit dem Taxi zurückfuhren, raunte ihr die alte Dame noch zu, dass sie einen Neffen hätte, der noch Single wäre und gewiss nichts gegen eine Verabredung hatte. Elisabeth bräuchte nur ein Wort sagen und schon würde sie sich ans Telefon begeben… Elisabeth hatte dankend abgelehnt!

Seltsamerweise gab es viele alte Damen mit unglaublich netten und erfolgreichen Neffen, wie sie schnell festgestellt hatte. Sie hatte Angebote ohne Ende bekommen, sogar Emily Jones, die Putzfrau, die nur alle paar Tage kam, hatte einen Sohn, der noch nicht vergeben war und der gerade eine gut bezahlte Anstellung bei der Bank ergattert hatte. Offenbar mangelte es hier am Ort an jungen Frauen und Elisabeth traute sich alleine kaum mehr aus dem Haus. Es war wahrlich nicht so, dass sie menschenscheu war oder Angst vor Veränderung hatte, doch sie hasste es, ausgefragt zu werden. Selbst im Supermarkt stürmten unbekannte Frauen auf sie zu und löcherten sie mit Fragen.

Außerdem machten all diese Damen nicht viel Federlesens, wenn es darum ging, etwas über sie herauszufinden. Wie oft sie die Frage, warum sie noch nicht verheiratet war, beantwortet hatte, konnte sie schon gar nicht mehr zählen, doch schlimmer waren die Fragen, die direkt auf ihr Erbe abzielten. Die ganze Stadt wusste, dass May Cunningham eine reiche Frau gewesen war, doch offenbar reichte dieses Wissen nicht aus. Sie wollten die Summe genau kennen und nach dem letzten Besuch in der Stadt hatte sich Elisabeth geschworen, dort nie wieder hinzufahren. Mittlerweile stieg sie ins Auto und fuhr in die Nachbarstadt, wenn sie eine Einkaufsliste von Rose bekam.

Langsam schlenderte sie weiter und erschrak furchtbar, als plötzlich Henry Coventry, der Gärtner, rückwärts aus den Büschen schoss und einen riesigen Ast hinter sich herschleifte. „Oh", sagte er, als er Elisabeth erkannte. „Entschuldigen Sie, Miss. Ich hatte Sie gar nicht gesehen." Er nahm seine Kappe ab, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und verstaute das Tuch wieder fein säuberlich in seiner Hosentasche. „Das Gewitter gestern Nacht hat ganze Arbeit geleistet."

„Ist ein Blitz in einen Baum eingeschlagen?", erkundigte sie sich und packte mit an, sodass der dicke Ast endlich auf dem Weg zum Liegen kam.

„Ein Baum wurde praktisch gesprengt, Miss. Wir können von Glück sagen, dass dieses ganze Dickicht gewachsen ist. Die einzelnen Stücke sind meterweit verteilt und wurden von den Büschen aufgefangen. Die Bäume sind alt und morsch und hier an der Küste vom Wind arg gebeutelt." Er sah sie an und zuckte mit den Schultern. „Ich sage es nicht gerne, aber so langsam müssen Sie etwas unternehmen. Miss Cunningham wollte in den letzten Jahren nichts davon hören, obwohl sie wusste, dass ich Recht hatte. Das Haus ist immer gut in Schuss gehalten worden, der Garten leider nicht. Und ich bin zu alt, um alleine noch gegen den Wildwuchs zu kämpfen."

„Sie meinen also, wir sollten das Dickicht abholzen?", fragte Elisabeth einigermaßen interessiert. Immerhin boten sich für sie damit auch einige neue Möglichkeiten. Sie konnte zwar nicht behaupten einen grünen Daumen zu haben, doch sie hätte sicherlich Spaß daran, ein oder zwei Beete nach ihren Wünschen zu planen und zu gestalten.

„Nicht nur das, Miss", erwiderte Henry Coventry und fingerte wieder sein Taschentuch aus der Hosentasche. „Ich habe letztens durch Zufall den Plan gefunden, der zur Errichtung des Gartens erstellt worden ist. Ein Bauplan für einen Garten sozusagen. Und ich kann Ihnen sagen, dass der Park ehedem wirklich wunderschön gewesen sein muss." Er machte eine ausholende Bewegung mit seinem rechten Arm. „Sie werden es kaum glauben, doch erst letzte Woche, ich habe die Rhododendren in der rechten Ecke zurück geschnitten, da entdecke ich doch einen Pfad, den ich nie zuvor gesehen habe. Er führt einen kleinen Hügel hinauf und endet an einer steinernen Terrasse, die einst von einem kleinen Zaun umgeben gewesen sein muss."

„Das ist wirklich spannend", nickte Elisabeth. „Haben Sie die Pläne noch? Ich würde sie mir gerne ansehen." Ihr Interesse war nun endgültig geweckt. Was mochte sich auf diesem Grundstück noch verbergen? Außerdem hatte sie wahrhaftig genug Geld, um dem wunderschönen Haus auch den entsprechenden Garten zurückzugeben.

„Sicher", nickte er. „Ich habe ihn in der Remise liegen lassen. Ich kann ihn holen, wenn Sie es wünschen." Henry Coventry war ganz aufgeregt. Offenbar hatte er lange Jahre darauf gewartet, dass May endlich seinen Wünschen entsprechen würde und nun sah er einen Goldstreif am Horizont.

„Ich begleite Sie einfach, wenn Sie nichts dagegen haben", lächelte Elisabeth und machte sich mit ihrem Angestellten auf den Weg. „Wissen Sie, warum May den Garten nicht herrichten lassen wollte? Ich kannte sie einigermaßen gut und ich weiß, dass sie immer besondere Sorgfalt auf das Haus gelegt hat. Warum nicht auf den Park? Immerhin gehört er doch dazu."

„Wir hatten es vor vielen Jahren ins Auge gefasst", erwiderte der alte Gärtner, „ doch das war das Jahr, wo der Sommer so furchtbar verregnet war. Und dann sind wir drüber weggekommen. Und im Jahr darauf… erinnern Sie Sich? Da waren Sie für einige Wochen hier, weil May auf der Treppe gestürzt war und sich den Oberschenkel gebrochen hatte."

„Ja, das weiß ich noch gut", nickte Elisabeth. Sie war auf dem schnellsten Weg hergefahren, hatte dafür sogar ihre Collegeferien um einige Wochen verlängert. May war keine gute Patientin gewesen. So ausgeglichen und ruhig sie sonst auch stets gewesen war, hilflos in einem Rollstuhl zu sitzen hatte ihr nicht zugesagt und sie war meist übellaunig gewesen.

„Jedenfalls wollte sie danach nichts mehr davon hören", sagte der Gärtner und zuckte mit den Schultern. „Ich muss sagen, dass ich es sehr schade fand." Er lächelte und zeigte eine Reihe schiefer Zähne. „Aber Sie machen mir Hoffnung. Ich wäre wirklich froh und glücklich, den Garten wieder in alter Pracht auferstehen zu sehen."

„Früher oder später müsste ich die Sache sowieso in Angriff nehmen", nickte Elisabeth. Sie hatte sich schon längst entschieden. Das Haus würde seinen perfekten Park zurückerhalten, ganz so, wie es sich gehörte.

 

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Ruhe war am Abend eingekehrt, das Haus gehörte wieder Elisabeth alleine und sie eilte mit den Plänen für den Garten in die Bibliothek. Sie waren uralt und schon ein wenig spröde und sie wollte sie nicht beschädigen, wenn sie sie auseinanderrollte. Der Billardtisch war das geeignete Objekt, um die Pläne darauf auszubreiten. Zum einen spielte niemand im Haus daran und zum anderen konnten sie einfach ausgebreitet liegen bleiben. Nicht einmal Rose würde sich darüber beschweren können, so aufräumwütig sie auch sonst war.

Das Licht flammte auf und Elisabeth löste vorsichtig das Band, mit dem die alten Papierrollen zusammengehalten wurden. Dann legte sie sie auf den Billardtisch und eilte zu den Bücherregalen. Vier dicke Folianten würden reichen, um die Ecken zu halten und voller Vorfreude breitete sie die Pläne aus.

Es dauerte einen Augenblick, bis sie einzelne Stellen im Garten wieder erkannte und sie stellte erstaunt fest, dass viel mehr von der Parkanlage zugewuchert war, als sie bisher vermutet hatte. Einst hatte es sogar einen kleinen Irrgarten aus Buchsbaum gegeben, fast so wie in den Parkanlagen großer Schlösser. Sie runzelte die Stirn und überlegte angestrengt. Ja, den Buchsbaum kannte sie, nur war er mittlerweile zwei Meter hoch und fest mit den anderen Pflanzen und Bäumen zu einem Dickicht zusammengewachsen.

„Vielleicht hätte ich doch nicht ganz so schnell zustimmen sollen", murmelte sie, als sie das ganze Ausmaß ihrer Entscheidung realisierte. Der Garten und seine Erneuerung würden Unsummen verschlingen. Doch wofür sollte sie das viele Geld sonst verwenden? Selbst wenn sie nie wieder auch nur einen Tag arbeiten würde… soviel Geld konnte sie bis an ihr Lebensende nicht ausgeben.

„Also ist es eine beschlossene Sache", lächelte sie nach einer Weile der Überlegungen. Außerdem war sie sich sicher, dass May ihr zustimmen würde. Sie würde den alten Familienbesitz in neuem Glanz erstrahlen lassen und das konnte kein Fehler sein.

Noch eine lange Zeit brütete sie über den Grundrissen und versuchte auch die Handschrift des Landschaftsgärtners zu entziffern, der diesen Plan vor langer Zeit gezeichnet hatte, doch oft war die Schrift einfach zu verwischt, um noch irgendwas erkennen zu können. „Vielleicht morgen bei Tageslicht", dachte sie laut und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ach du meine Güte. Es ist schon nach Mitternacht." Sie warf einen letzten, lächelnden Blick auf die Zeichnungen, dann löschte sie das Licht in der Bibliothek und zog die Tür hinter sich zu.

Beschwingt und angefüllt mit guter Laune eilte sie die Treppe hinauf, doch am Absatz angekommen, blieb ihr die Luft zum Atmen weg und Angst breitete sich rasend schnell in ihr aus. Das Gemälde war leer. Die Person darauf verschwunden.

„Oh mein Gott", hörte sie hinter sich eine Stimme.

Elisabeth fuhr herum und taumelte nur einen Wimpernschlag später rückwärts. Das konnte nicht wahr sein. Nein! Das musste ein Alptraum sein! Der Mann aus dem Gemälde stand in voller Leibesgröße hinter ihr auf der Treppe!

Teil 4

Die Luft brannte, Sekunden verwandelten sich zu Stunden und Elisabeth konnte und wollte nicht glauben, was sie sah. Der Mann, der sonst seinen Platz im Gemälde hatte, stand hinter ihr und sah sie mit zusammengepressten Lippen an. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie stolperte weiter rückwärts. Sie stieß gegen die Stufen, taumelte, doch bevor sie fallen konnte, griffen starke Hände nach ihr und hielten sie fest. Doch kam stand sie wieder fest auf beiden Beinen, zog der Fremde sich zurück.

„Wer zum Teufel sind Sie?", schoss es aus ihr heraus und sie wunderte sich selbst über den harten Klang in ihrer Stimme. „Ist das ein übler Scherz?" Wieder ging sie einige Schritte zurück, stieß gegen das Gemälde, das jetzt leer war und dessen Person vor ihr stand.

„Es tut mir aufrichtig leid. Es war ein Fehler. Ein großer Fehler meinerseits."

„Ein Fehler?", fuhr Elisabeth hysterisch hoch. „Was für ein Fehler?" Sie war in einem vollkommen verrückten Albtraum gefangen. Anders konnte es gar nicht sein. Doch ihre Hände waren schweißnass und Angst kreiste wie Blut durch jede Nervenzelle ihres Körpers.

„Bitte", sagte die fremde Gestalt, streckte die Hand aus und ging einen Schritt auf sie zu. „Sie müssen keine Angst vor mir haben. Ich werde Ihnen nichts zuleide tun."

„Sagte der Fuchs und fraß den Hasen", murrte Elisabeth unwillig. Ihr Verstand sagte ihr, sie solle weglaufen, doch ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei gegossen. „Wer sind Sie? Warum ist das Gemälde jetzt leer? Bin ich bei einer verdrehten Art von „Verstehen Sie Spaß" gelandet?"

„Mein Name ist William Grey", sagte ihr Gegenüber und verbeugte sich tief. „Bitte glauben Sie mir, hätte ich geahnt, dass Sie heute Nacht noch nicht zu Bett gegangen sind, hätte ich meinen Platz gewiss nicht verlassen. Ich war mit meinen Gedanken woanders und habe nicht aufgepasst."

„Heute Nacht?", krächzte Elisabeth. „Platz nicht verlassen?" Für einen Moment sah sie ihn perplex an, dann kniff sie ihre Augen zusammen und machte ein paar Schritte auf den Fremden zu. „Wollen Sie mich veralbern…?"

Der Mann seufzte tief und sah sie beinahe traurig an. „Dann hat May also nicht mit Ihnen über mich gesprochen? Ich hatte es angenommen, denn sie versicherte es mir beim letzten Mal, als wir uns sahen."

Elisabeth stockte mitten in der Bewegung und seltsame Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Konnte dies etwa der Mann sein, der Hilfe brauchte? War er der Mann, der May so am Herzen gelegen hatte? Doch dann fegte sie die merkwürdigen Ideen beiseite. Das war doch alles blanker Unsinn! Entweder jemand erlaubte sich mit ihr einen wahrhaft üblen Scherz, oder aber er war ein Traum, aus dem sie jeden Augenblick schweißgebadet erwachte.

Doch dieser Augenblick kam nicht und nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, begriff sie, dass sie nicht träumte. Dann blieb nur, dass dies ein übler Scherz war. „So etwas kann es nicht geben", fauchte sie böse. „Es gibt keine Geister und…"

„Da könnte ich Sie eines Besseren belehren", sagte William Grey und verbeugte sich kurz. Dann lächelte er traurig. „Ich bin zwar kein Gespenst, doch ganz viel mehr ist nicht mehr von mir übrig."

Elisabeth war drauf und dran vollkommen die Fassung zu verlieren. Sie befand sich in einer Situation, wie sie schlimmer kaum sein konnte. Doch was sollte sie tun? Die Polizei anrufen? „Hilfe, Hilfe, ich werde von einer Person bedroht, die aus einem uralten Gemälde gesprungen ist!" Wenn sie Glück hatte, würden die Cops es für einen dummen Scherz halten. Wenn nicht, würde man sie wahrscheinlich in die Psychiatrie einweisen.

Doch so leicht gab sie nicht auf! Wieder ging sie einige Schritte auf ihn zu und war ihm schließlich so nahe, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Ihre Angst war längst verflogen und hatte einer immensen Wut Platz gemacht, die sich jetzt ein Ventil suchte. „Sie erzählen mir jetzt, wer Sie sind und was Sie hier wollen", drohte sie und piekste ihm mit spitzen Fingern in die Brust. „Oder ich werde verdammt ungemütlich!"

Sie hörte eine Weile zu, eine lange Weile, doch je mehr er erzählte, desto wütender wurde sie. Er berichtete von einem Fluch und davon, schon seit über hundert Jahren in dem Gemälde festzustecken. Doch je mehr er versuchte, ihr dieses aberwitzige Märchen näher zu bringen, desto weniger glaubte Elisabeth ihm. Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust und starrte ihn finster an.

„Sie glauben mir nicht ein einziges Wort", sagte er nach einem Blick in ihre Augen und seufzte dann. „Aber wie soll ich es Ihnen dann begreiflich machen, Elisabeth? Ich hatte wirklich gehofft, May hätte ihnen alles erklärt und ich…"

„Was soll mir meine Tante erklärt haben?", erwiderte sie patzig. „Das ein Spinner durch das Haus läuft und mir irgendwelche unglaubhaften Schauergeschichten auftischen will?"

William Grey schaute sie empört an. „Also gut. Ich hatte ja gehofft, dass es nicht so weit kommen muss, aber anders ist mit Ihnen ja nicht zu reden." Diesmal war es an ihm, die Arme trotzig vor der Brust zu verschränken. „Sie haben vor langer Zeit mit mir gesprochen. Erinnern Sie Sich daran?" Er wartete keine Antwort ab, sondern sprach schnell weiter. „Wie alt mögen Sie damals gewesen sein? Zehn oder elf? Sie haben damals an ungefähr der Stelle gestanden, auf der Sie auch nun stehen und Ihnen brannte etwas furchtbar auf der Seele. Etwas, dass Sie keinem Menschen anvertrauen konnten und wollten."

Elisabeth schluckte schwer. Sie konnte sich tatsächlich an die Szene erinnern und ihr wurde heiß und kalt. Davon konnte er nichts wissen. Niemand wusste davon, denn sie hatte es keinem lebendigen Wesen je erzählt.

„Sie haben Mays Frisierspiegel genommen", sprach er unerbittlich weiter. „Den aus Schildpatt, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte. May hatte es Ihnen untersagt, doch Sie haben ihn dennoch an sich genommen und dann zerbrochen! Und die Überreste und Scherben haben Sie unter dem schweren Buffet im Esszimmer entsorgt!"

Alle Kraft schwand aus Elisabeth und sie schwankte leicht. Das konnte, durfte einfach nicht wahr sein. Niemand wusste davon und sie erinnerte sich nur sehr ungern an diese Geschichte. Sie hatte sich so sehr dafür geschämt und es nicht über das Herz gebracht, May davon zu erzählen. Elisabeth seufzte und ließ sich müde auf der obersten Treppenstufe nieder. „Das muss ein böser Traum sein!"

„Ich wünschte, es wäre so", seufzte William und setzte sich neben sie. „Ich wünschte, es wäre so."

 

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„Sie wissen schon, dass diese Situation vollkommen… verrückt ist?" Elisabeth sah ihn über den Tisch hinweg an und pustete vorsichtig in die Kaffeetasse. „Das glaubt mir kein Mensch, sollte ich denn je so verrückt sein, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Eigentlich erwarte ich immer noch, jeden Moment aus einem Traum zu erwachen."

William Grey lächelte müde und strich seine Weste glatt. „Ich habe viele Jahre ungefähr das Gleiche gehofft und manchmal war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt noch am Leben bin."

Wirklich gefährlich wirkte er nicht auf Elisabeth, doch sie war und blieb auf der Hut. Außerdem war sie sich immer noch nicht sicher, ob sie seiner Geschichte vertrauen konnte. Es war einfach zu verrückt, als dass ihr logisch arbeitender Verstand es fassen und verarbeiten konnte. Einen Fluch konnte es doch gar nicht geben. Jedenfalls hatte sie bisher fest daran geglaubt. Sie war nie abergläubisch gewesen, hatte nie etwas auf Geistergeschichten oder sonstiges gegeben, doch was sollte sie nun davon halten?

„Vielleicht sollten Sie jetzt doch lieber zu Bett gehen", schlug William vor und erhob sich. „Ich werde jetzt wie jede Nacht in die Bibliothek gehen und ein wenig lesen. Auch wenn ich jedes Buch darin bestimmt schon dreimal durchgelesen habe."


„Ich kann doch jetzt nicht schlafen", erwiderte Elisabeth und erschauderte beim Gedanken daran, dass ein wildfremder Mann durchs Haus lief, während sie sich nicht gegen ihn wehren konnte.

„Sie werden Schlaf brauchen", sagte er, doch dann begriff er, was ihr durch den Kopf ging und er sah sie beinahe erschreckt an. „Ich werde bestimmt nicht… würde niemals… Ihr Zimmer betreten, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Niemals!"

Elisabeth lachte auf. Seine Kleidung entsprach nicht nur einem längst vergangenen Jahrhundert. Er benahm sich auch so, auch wenn er sich offenbar bemühte, die Sprache der ihren anzupassen. „Sie sind auch nur ein Mann", sagte sie und sah ihn abwartend an. „Ich kann nicht mit ruhigem Gewissen schlafen, während Sie freien Zugang zum Haus und jedem Zimmer haben."

„Ich bin kein Geist", erwiderte er erzürnt. „Ich kann nicht durch Wände gehen und ich stecke meine Nase nicht in fremde Angelegenheiten! Sie brauchen nur Ihre Tür verschließen, dann sind Sie vollkommen sicher vor mir. Auch wenn es dafür kein Schloss bedarf." Beinahe stolz hob er den Kopf. „Mann hin oder her, ich würde niemals eine Frau bedrängen." Er schickte sich an die Küche zu verlassen, doch Elisabeth hielt ihn zurück.

„Haben Sie May geliebt?"

„Geliebt?", wiederholte er und drehte sich zu ihr um. „Ja, ich habe sie geliebt. Aber nicht auf die Art, auf die Sie gerade anspielen." Zum ersten Mal konnte man so etwas wie Wut in seinen Augen erkennen. „Ich habe eine wirklich lange Zeit einsam und verlassen in diesem verdammten Gemälde verbracht. Insgesamt fast sechzig Jahre, um genau zu sein. Sechzig Jahre, bis ich das erste Mal wieder ein Wort mit einem Menschen gewechselt habe. May war damals noch ein kleines Kind und genau wie Sie hat sie mich überrascht, als ich auf Wanderschaft durch das Haus war. Aber sie hatte niemals Angst vor mir. Vielleicht war es kindliche Unbefangenheit, vielleicht hat sie es auch einfach gewusst, denn sie hat oft stundenlang vor meinem Gefängnis gestanden und mir etwas erzählt." Er verzog das Gesicht und schluckte schwer. „Eins können Sie mir glauben. Es war nicht einfach, sie aufwachsen und langsam alt werden zu sehen. Sie können sich das Gefühl nicht vorstellen, dass man empfindet, wenn…"

„…man einen geliebten Menschen verliert?", führte Elisabeth den Satz zu Ende. „Doch, das kann ich", sagte sie und stand auf. „Es tut mir leid, wenn ich diese ganze … unsagbare Geschichte nicht einfach so glaube. Nicht einfach glauben kann. Aber geliebte Menschen habe ich genug verloren. Meine Eltern sind vor Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen und May… May war etwas ganz Besonderes für mich."

„Ich weiß", sagte er leise. „Sie hat Sie auch sehr geliebt." Er zuckte mit den Schultern. „Es tut mir wirklich leid, aber ich kann Ihnen meinen Aufenthalt hier nicht erleichtern. Ich kann zwar jede Nacht für sechs Stunden den Platz im Gemälde verlassen, aber weiter als bis in den Park kann ich nicht gehen. Es ist, als umgäbe das Haus eine unsichtbare Grenze. Nun", er zuckte mit den Schultern, „jedenfalls für mich." Er nickte ihr zu und verließ die Küche.

 

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Einen Moment starrte Elisabeth die geschlossene Tür an, dann schüttelte sie den Kopf. Es war schon unwirklich genug, seine Geschichte zu hören und ihn überhaupt zu sehen in seinem antik anmutendem Kostüm. Nun da er die Küche verlassen hatte, glaubte sie kaum noch, ihn überhaupt gesehen zu haben. „Das ist alles vollkommen verrückt!"

Sie setzte sich zurück an den Küchentisch und goss sich heißen Kaffee in die Tasse. William Grey, wenn er denn wirklich so hieß, wirkte nicht sonderlich gefährlich, sondern eher traurig und enttäuscht. Und wenn wirklich stimmte, dass er seit fast hundertunddreißig Jahren in dem Bild feststeckte, dann konnte sie seine Gefühle nachempfinden. Es musste eine schauderhafte Zeit gewesen sein!

Elisabeth lachte auf. Sie war drauf und dran diese komische Geschichte zu glauben, doch warum? Sie dachte an May und die letzten Worte, die sie an sie gerichtet hatte. Hatte sich ihre Großtante etwa extra so schwammig ausgedrückt, weil sie schlicht nicht gewusst hatte, wie sie Elisabeth von William erzählen sollte? Elisabeth überlegte hin und her. Wahrscheinlich hätte sie ihr wirklich nicht ein Wort geglaubt. Sie wäre genau wie Rose davon ausgegangen, dass May in den letzten Stunden ihres Lebens nicht mehr ganz bei Verstand war.

Wieder warf sie einen Blick auf die geschlossene Tür. Die Müdigkeit war gänzlich von ihr gewichen und da sie noch immer nicht ganz fassen konnte, was in der letzten Stunde geschehen war, stand sie entschlossen auf. Sie würde William Grey in die Bibliothek folgen und ihn mit Fragen bombardieren. Sie musste wissen, was wirklich vor sich ging und noch viel wichtiger, ob all das der Realität entsprach oder ob sie halluzinierte.

 

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William Grey lehnte über dem Billardtisch und sah erstaunt auf, als Elisabeth die Bibliothek betrat. Er nickte ihr zu, sagte jedoch kein Wort und wandte sich wieder der Zeichnung zu, die auf dem roten Tuch des Billardtisches ausgebreitet war. „Der Garten hat sich in den Jahren seit seiner Entstehung stark verändert."

„Sie kennen ihn doch bestimmt noch aus alten Zeiten", sagte Elisabeth und sah Schmerz in seinen Augen aufleuchten.

„Ich war nicht immer so klar, wie ich es jetzt bin und geboren und aufgewachsen bin ich hier auch nicht. Ich habe Jahrzehnte in einer Art Schwebezustand verbracht, habe nur hin und wieder etwas von… wie sag ich es am besten … dieser Welt mitbekommen. Und der Garten… selbst als May mich durch ihre kindliche Zuneigung endlich wieder an diese Welt band, fiel es mir schwer, mich länger darin aufzuhalten. Mittlerweile schaffe ich es für einige Stunden und manchmal ist es fast so, als würde mich von dort draußen eine Stimme rufen." Er sah auf und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll." Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich habe hier nicht lange gelebt, ich war kaum acht Monate hier, als ich… als ich…."

Langsam bewegte sich Elisabeth auf ihn zu. „Es tut mir leid. Ich kann mir ein Schicksal wie das Ihre kaum vorstellen. Doch Sie dürfen mir auch nicht verübeln, wenn ich nicht wirklich glauben kann, was gerade geschieht." Sie sah ihn an und lächelte zaghaft. „Allerdings würde ich gerne erfahren, was passiert ist, denn es ist offensichtlich, dass es kein Märchen und keine bloße Einbildung ist. Ich würde gerne mehr von Ihnen erfahren. Wenn Sie meine Neugierde verzeihen."

„Warum ist es offensichtlich, das dies kein Märchen oder ein schlechter Witz ist?", fragte er.

„Weil Sie vor mir stehen und mit mir sprechen!"

Teil 5

Das schwummrige Licht in der Bibliothek zeichnete Muster auf William Greys Gesicht, auf dem viele Emotionen zu lesen waren. Er kämpfte mit sich, war sich nicht sicher, ob er Elisabeth seine „Geschichte" erzählen sollte, doch dann seufzte er tief. Wenn sie das Haus nicht Hals über Kopf verlassen würde, würde er für eine lange Zeit ihr unfreiwilliger Gast sein und da war es nur fair, wenn er erzählte, woran er sich noch erinnerte.

„Also gut", nickte er und sah Elisabeth ernst an. „Ich werde Ihnen von mir erzählen, aber ich weiß nicht, ob das weiterhilft. Denn es wird nichts an meiner derzeitigen Situation ändern. Ich stehe an einer Ecke und kann in keine Richtung weitergehen. Nicht zurück ins Leben und auch nicht in den Tod."

„Vielleicht erklärt es nicht alles", gab Elisabeth zu und setzte sich auf die Kante des Billardtisches. „Aber möglicherweise erleichtert es mir, mich an diese … Merkwürdigkeit zu gewöhnen."

„Nun gut", nickte er und begann mit seiner Erzählung. „Geboren wurde ich am zwanzigsten August des Jahres 1852 in London und laut der Aussage meiner Mutter, nur wenige Minuten nach meinem Zwillingsbruder, Edward. Ich hatte das Glück, in eine wohlhabende Familie hineingeboren zu sein und wuchs dementsprechend behütet, aber auch privilegiert auf. Die meiste Zeit des Jahres verbrachte die Familie in der Hauptstadt, doch in den Sommermonaten lebten wir auf einem Anwesen in Cornwall, das einst das Elternhaus meines Vaters gewesen war.

Überhaupt war mein Vater, James Grey, ein sehr erfolgreicher Kaufmann, sehr darauf bedacht, seinen beiden Söhnen die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen und schreckte dabei weder vor Kosten noch Mühen zurück. Er selbst hat uns ab einem gewissen Alter in seine Geschäfte eingeführt, doch das reichte ihm nicht. Seiner Meinung nach wurde über Fehler zu leicht hinweggesehen, wenn man in einem Familienbetrieb arbeitete und Fehler, so sagte er, könne man sich in der Geschäftswelt nicht erlauben.

Er selbst war mit einem unglaublichen Talent gesegnet, stets die besten Geschäfte zu wittern und sein Vermögen war beständig gewachsen. Ähnliches erwartete er auch von Edward und mir, denn irgendwann würde er die Leitung seiner Unternehmen an seine Nachkommen, an uns, weitergeben müssen.

Durch die glückliche Situation, gleich zwei Söhne zu haben, musste er nur noch entscheiden, wem er welche Geschäftsstelle hinterlassen sollte, denn er hatte längst der neuen Welt, Amerika, die Fühler entgegengestreckt. In der noch neuen Nation ließ sich eine Menge Geld verdienen, doch sein Herz gehörte stets dem Empire.

Eines Abends, nach einer langen Geschäftsreise, kam er zu uns und erklärte: „Ich habe mit Spencer Graham in Maine Kontakt aufgenommen. Er hat es geschafft, in kürzester Zeit ein Vermögen aus dem Nichts zu erschaffen und ich bin mit ihm einig geworden, dass er euch für eine Zeit unter seine Fittiche nimmt. Ihr könnt eine Menge von ihm abschauen, doch es geht mir hauptsächlich darum, dass ihr lernt, vorauszuschauen und Situationen schon im Vorfeld zu erkennen und sie für euch auszunutzen. Natürlich bedarf es dabei einer Menge Feingefühl, doch wenn ihr beide hier bleibt, werdet ihr euch stets darauf verlassen, dass ich die endgültige Entscheidung treffe."

So kam es, dass wir schon knapp drei Monate später ein Passagierschiff betraten, das uns bis noch Boston brachte. Dort hatten wir einen kleinen Aufenthalt und später ging es mit der Eisenbahn weiter nach Maine, wo wir von Spencer Graham in Empfang genommen wurden. Ein wirklich sehr burschikoser Mann, auf seltsame Art herzlich und doch knallhart, wenn es ums Geschäft ging.

Mir gefiel das Leben auf dem Land, genauso, wie es mir schon immer in Cornwall am besten gefallen hatte. Das Wetter ähnelte dem englischen Klima und zudem hatte unser Gastgeber eine große Bibliothek, in der ich in jeder freien Minute meine Nase in Bücher steckte. Ich hatte auch keine Schwierigkeiten, mich mit Spencer Graham anzufreunden, der zwar nicht so eigenwillig wie mein Vater war, doch nicht weniger kompliziert. Edward hingegen veränderte sich vollkommen. Er hatte, wenn auch nur für drei kurze Wochen, das Leben in Boston kennen und lieben gelernt. Ohne die Aufsicht unseres strengen Vaters hatte er sich in dem Nachtleben verloren, mit zu vielen willigen Frauen und zu viel Alkohol.

Ärger war vorprogrammiert und obwohl ich wirklich mein Bestes gab und versuchte auf ihn einzureden, packte Edward irgendwann einfach seine Sachen und verschwand in einer Nacht- und Nebelaktion. Spencer Graham war natürlich außer sich und versuchte, meinen verrückt gewordenen Zwillingsbruder wieder zu finden, doch er schien wie vom Erdboden verschluckt.

Zurück kam er drei Monate später", erklärte William, dem es sichtlich schwer gefallen war, sein Leben vor der neuen Hausbesitzerin auszubreiten. „Er war abgemagert, sah furchtbar aus und ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Doch mir blieb auch kaum Zeit mit ihm zu sprechen. Schon einen Tag später versammelten sich Männer vor dem Haus, alle bis an die Zähne bewaffnet und… ich weiß es nicht, kann es nicht mit Gewissheit sagen, doch ich hielt sie für Zigeuner."

Elisabeth saß mittlerweile mit angewinkelten Beinen komplett auf dem Billardtisch und sah ihn aufmerksam an. „Was ist passiert? Hatte Edward Ärger mit ihnen?"

„Ich kann darüber wirklich nicht viel sagen. Spencer Graham war außer sich, seine Frau und Kinder waren verängstigt und Edward weigerte sich, auch nur einen Schritt vor die Tür zu gehen. Also bin ich gegangen. Und von da an verblasst meine Erinnerung. Wieder erwacht, wenn man es denn so nennen kann, bin ich in dem Gemälde, das schon damals seinen Platz auf dem Absatz der Treppe hatte. Ich war vollkommen verwirrt und es mussten Jahrzehnte vergangen sein, denn Spencer Graham war tot und sein Sohn Jonathan, den ich in einem Alter von ungefähr zehn Jahren kennengelernt hatte, war schon ein alter Mann. Jonathan Graham war übrigens Mays Großvater."

„Das muss furchtbar gewesen sein. Vor allem, da Sie niemanden hatten, mit dem Sie sprechen konnten." Elisabeth war voller Mitleid, denn es war ihm anzusehen, wie schwer diese Zeit für ihn gewesen sein musste.

Er lachte auf und schüttelte den Kopf. „Schwer? Ich kann kaum sagen, was das für mich bedeutete. Ich lebte… und lebte nicht. Denn es war kein Leben. Ich wurde nicht älter und immer zog mich dieses Gemälde zurück." Er sah sie an und seine blauen Augen sprühten Funken. „Wenn ich jedenfalls sterben könnte. Aber nicht einmal das funktioniert. Und glauben Sie mir, ich habe es ausprobiert. Nicht nur einmal. Jedes Mal Schlag Mitternacht erwache ich wie aus einem Traum und der Horror beginnt von neuem."

„Gibt es deine keine Möglichkeit, Sie aus Ihrem Gefängnis zu befreien?", fragte Elisabeth leise.

„Wenn ich eine gefunden hätte, wäre ich gewiss nicht mehr hier", schnaufte William böse und seufzte dann tief. „Entschuldigung. Es ist nicht fair, meine Wut an Ihnen auszulassen. Doch manchmal weiß ich nicht einmal, ob ich noch ein Mensch bin oder vielleicht nur ein Abbild. Ein Geist sozusagen." Er schüttelte den Kopf, und stieß sich vom Billardtisch ab. „May hat versucht etwas über mich oder meinen Bruder herauszufinden, doch es gab keinerlei Hinweise, dass wir je gelebt haben. Nicht einmal in England. Es ist, als hätte es meine gesamte Familie nie gegeben." Er runzelte die Stirn. „Vielleicht bin ich wirklich nur ein Gespenst, eine Einbildung, gewachsen in einem Traum."

Elisabeth hüpfte vom Billardtisch und griff nach seiner Hand, die sich warm und weich anfühlte. „Geister kann man nicht anfassen", lächelte sie und zog ihre Hand zurück, als er sie anblickte. „Ich habe bisher nicht viel von solchen übernatürlichen Dingen gehalten, doch offensichtlich lag ich da falsch. Ich kann auch nicht behaupten, sonderlich viel darüber zu wissen, doch wenn ich eine Aussage machen müsste, dann würde ich behaupten, Sie sind das Opfer eines Fluches geworden. Zigeunern, auch wenn man sie heute nicht mehr so nennt, wurden schon immer magische Fähigkeiten nachgesagt."

„Selbst wenn", murmelte er und wandte sich ab. „Es wird mir auch nicht weiterhelfen."

„Mag sein", nickte Elisabeth bedächtig. „Sie sagen, May hat versucht Ihnen zu helfen?"

„Allerdings. Sie war auch der Meinung, es müsste ein Fluch sein. Ein Fluch, der eigentlich meinen Bruder hätte treffen sollen. Doch da wir Zwillinge waren, wurde ich schlicht weg mit ihm verwechselt und …"

„Verstehe", nickte Elisabeth, die ganz ähnliche Ansichten hatte. „Aber ich würde schon gerne wissen, warum May mir gegenüber nie ein Wort davon erwähnt hat. Ich dachte immer, sie würde mir vertrauen."

„Sie hat Ihnen vertraut und sie wollte es Ihnen erklären. Doch vielleicht reichte die Zeit einfach nicht aus. Außerdem hatte sie, je älter sie wurde, die Angst, sie würden Sie schlicht für verrückt halten. Ich glaube, Sie erwähnten etwas ähnliches erst heute Nacht." William schmunzelte, als er Elisabeth Gesicht sah. „Machen Sie sich deswegen keine Gedanken", sagte er. „Ich würde es wohl selbst nicht glauben, sollte man mir davon erzählen."

Elisabeth nickte nur stumm, doch dann legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Haben Sie zufällig schon einmal etwas vom Internet gehört?" Sie rechnete nicht mit einer positiven Antwort, doch er nickte zustimmend.

„Ich habe natürlich keine Ahnung davon, wie man es bedient, doch ich habe davon gehört. Der Fernseher hat es mir näher gebracht." Er lächelte. „Ich hab schon seine Funktionsweise nicht verstanden, aber er hat mir so manche Nacht die Stunden vertrieben."

„Ich verstehe", nickte Elisabeth und winkte ihm dann, ihr zu folgen. „Ich habe mir gestern eine Leitung legen lassen", sagte sie, während sie durch die Halle gingen. „Vielleicht bringt es uns ja nichts, doch wir werden mal sehen, was sich im Internet finden lässt. Nicht nur zu Ihrem Namen, sondern auch über Flüche, Zigeuner und sonstigem."

„Das alles lässt sich darin finden?", frage er ungläubig und schloss die Tür des Büros.

„Das alles und noch viel mehr", sie zwinkerte ihm zu. „Vielleicht wird dieses neue Medium Ihnen Ihr Dasein demnächst ein wenig erleichtern. Darin gibt es so viele Bücher, dass Sie die nächsten hundert Jahre damit verbringen können." Sie wurde rot. „Ähm, Entschuldigung. So war das nicht gemeint."

„Kein Problem", winkte er ab. „Nach über hundert Jahren sollte ich mit dem Gedanken abgeschlossen haben, jemals wieder ein normales Leben führen zu können."

„Geben Sie die Hoffnung nicht auf", erwiderte Elisabeth setzte sich und öffnete ihre bevorzugte Suchmaschine. „Ich habe mich bereits in vielen Dingen und Bereichen meiner Großtante angeschlossen und werde es in diesem Fall genauso halten. Ich werde mein Bestes geben, um Ihnen zu helfen."

Er sah ihr einen Augenblick über die Schulter und blickte interessiert auf den Monitor. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mir einen Stuhl nehme und mich zu Ihnen setze? Ich möchte Ihnen nicht zu nahe rücken. Wenn Sie also…."

„Kein Problem", kicherte Elisabeth und ihre Finger flogen über die Tastatur. „Setzen Sie sich." Sie wartete gar nicht erst auf ihn, sondern konzentrierte sich ganz auf ihre Aufgabe. Zuerst versuchte sie es mit seinem Namen, doch dazu gab es allzu viele Treffer. Elisabeth fügte das Geburtsdatum hinzu. „Der 20.08.1852 war Ihr Geburtsdatum? Richtig?"

„Stimmt", nickte er und rückte noch ein Stück näher. „Aber wie kann etwas im Internet stehen, dass so viele Jahre her ist?", fragte William Grey.

„Kein Treffer", murmelte Elisabeth und drehte sich dann zu ihm um. „Das ist unglaublich schwer zu erklären", meinte sie dann. „Doch Sie müssen die Menge der Benutzer im Auge behalten. Und oft werden eben auch Informationen ins Netz eingegeben, die nur für wenige Menschen interessant sind." Sie runzelte die Stirn und überlegte. „Also gut, versuchen wir es anders." Sie tippte Williams Namen, den seines Bruders, und Maine ein und drückte die Entertaste.

„Ich glaube kaum, dass auch nur ein Mensch sich je für mich oder Edward interessiert hat. Aber ich würde wirklich gerne erfahren, was mit meiner Familie passierte. Warum war sie nicht mehr auffindbar?" Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das einfach nicht. May hat sich wirklich bemüht, hat sogar Informationen direkt in England angefordert und …"

„Nun, das sollten wir klären, wenn wir diese Seite angesehen haben", unterbrach Elisabeth. Die Webseite wirkte wenig vertrauenserweckend, beschäftigte sich mit obskuren Dingen, aber auch Menschen, die ohne jede Spur verschwunden waren. Sofort fiel ihr „Akte X" ein, doch vielleicht war das genau das Richtige. „Das ist alles etwas schwammig", sagte sie, nachdem sie den dazugehörigen Text gelesen hatte. „Doch zumindest steht hier, dass Sie und Ihr Bruder gelebt haben. Außerdem geht man hier davon aus, dass Sie im Jahre 1880 verschwunden sind. Ist das richtig?"

William runzelte die Stirn und überlegte angestrengt. „Ja, das dürfte sogar stimmen", murmelte er. „Ja, es stimmt. Ich kann mich an meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag erinnern. Das war unmittelbar, bevor Edward und ich hier angekommen sind."

„Ganz viel mehr steht hier aber leider nicht", sagte Elisabeth und klickte sich über Links weiter zum nächsten Artikel. „Aber so schnell geben wir nicht auf."

„Das ist wirklich nett", sagte William und lächelte, als Elisabeth sich zu ihm umdrehte. „Doch das werden Sie ohne mich machen müssen."

„Warum?", fragte sie mit gerunzelter Stirn. Doch statt einer Antwort hob er die Hand und Elisabeth sah mir großen Augen, wie sie Stück für Stück durchscheinender wurde.

„Meine Zeit für heute ist um", sagte er, nickte und einen Sekundenbruchteil später war der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, leer.

„Ach du meine Güte", entfuhr es Elisabeth und sah auf die Uhr. Es war Punkt sechs Uhr am Morgen. Doch dann hielt sie nichts mehr auf ihrem Platz. Sie rannte durch die Halle auf die Treppe zu und blickte zu dem Gemälde hoch, in dem jetzt wieder William Grey in gewohnter Pose zu sehen war. Langsam schritt sie die Treppe hinauf und blieb direkt vor ihm stehen. „Ich verspreche, Ihnen zu helfen. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber ich werde mein Bestes geben."

Teil 6

„Ach du meine Güte, Miss Summers", rief Rose Henderson, als ihre neue Arbeitgeberin die Küche betrat. „Sie sehen schrecklich aus! Sie werden doch nicht etwa krank!"

Auch Elisabeth hatte schon im Spiegel gesehen, dass sie nicht gerade taufrisch aussah. Ihre Augen waren rot und sie hatte dicke, dunkle Ränder darunter. „Nein, nein", winkte sie schnell ab. „Ich habe nur letzte Nacht … nicht schlafen können. Aber ein starker Kaffee wird meine Lebensgeister schon wieder wecken."

„Vielleicht sollten Sie lieber auf den Kaffee verzichten und sich stattdessen ausruhen", tadelte Rose, goss Elisabeth dennoch eine Tasse voll der heißen, starken Flüssigkeit ein. „Die Schlaflosigkeit scheint wie ein Fluch auf diesem Haus zu liegen. Auch ihre Großtante hat oft die Nacht zum Tag gemacht! Die letzten Jahre weniger, dafür in den vorhergehenden umso mehr. Ich habe sie oft gefragt, was sie in den vielen wachen Stunden macht, doch sie hat immer nur gelächelt." Sie wuselte durch die Küche und plapperte munter weiter. „Ich persönlich gehöre ja zu den Menschen, die mit den Hühnern aufstehen, aber auch zu Bett gehen. Spätestens abends um Neun lege ich mein Buch beiseite und lösche das Licht. Ganz im Gegensatz zu meinem Mann, der eine echte Nachteule ist. Ich schlafe immer schon tief und fest, wenn er sich endlich aufrafft und ebenfalls ins Bett steigt."

Elisabeth ließ die Frau reden, dachte jedoch im Stillen, ob ihr Ehemann wohl auf diese Weise flüchtete. Immerhin hatte er so jedenfalls am Abend Ruhe vor ihr. Sie wischte die Gedanken beiseite und griff nach einem frischen, noch warmen Brötchen. Flink schnitt sie es auf und bestrich es mit Marmelade. Während sie aß, blätterte sie noch einmal die wenigen Ausdrucke durch, die sie aus dem Internet gezogen hatte. ‚Wenn ich das mit William besprechen will, dann sollte ich wirklich ein wenig schlafen. Noch eine durchwachte Nacht halte ich nicht durch!’

„Miss? Alles in Ordnung?", fragte Rose und baute sich vor ihr auf.

„Hm?", Elisabeth sah auf. „Entschuldigung. Ich war ganz in Gedanken."

Rose Henderson sagte nichts dazu, konnte ein Naserümpfen jedoch nicht unterdrücken. „Wie ich gerade bereits erwähnte, hat Mr. Coventry mir verraten, dass Sie möglicherweise planen, den Park neu zu gestalten. Er träumt schon jahrelang davon, doch ihre Großtante ist stets vor dieser gewaltigen Aufgabe zurückgeschreckt. Meiner Meinung nach tut es auch nicht Not. Sollen die Bäume und Büsche doch wachsen. Je grüner es wird, desto besser."

„Nun, das sehe ich etwas anders", verteidigte sich Elisabeth. „Meiner Meinung nach hat ein perfektes Haus auch einen perfekten Garten verdient." Beinahe trotzig blickte sie der Angestellten ins Gesicht. „Ach, und bevor ich es vergesse. Ich habe die alten Zeichnungen des Gartens auf dem Billardtisch ausgebreitet. Und ich möchte auch, dass sie dort liegen bleiben, bis ich entschieden habe, was mit ihnen geschieht. Vielleicht zeige ich sie dem Landschaftsarchitekten, den ich zu beauftragen gedenke. Nach Möglichkeit möchte ich den Park nämlich in der gleichen Weise neu errichten lassen."

Rose Henderson nickte stumm, doch ihre Mundwinkel bekamen einen verkniffenen Ausdruck und es war offensichtlich, dass ihr diese Art von Unordentlichkeit nicht behagte. „Ganz wie Sie meinen, Miss. Doch das wird sicherlich eine Menge Durcheinander und auch Dreck machen."

Elisabeth hingegen fühlte sich trotz der Müdigkeit großartig. Es war das erste Mal, dass sie deutlich gemacht hatte, wer das Sagen im Haus hatte. Bisher hatte sie sich stets zurückgehalten, doch nun war es an der Zeit, die Situation zu klären. Roses Führung hin oder her, sie musste sich an Neuerungen gewöhnen und damit basta! „Im Übrigen haben Sie recht", sagte Elisabeth und stand auf. „Ich sollte mich wirklich ein wenig ausruhen. Ich hoffe, es ist nicht schlimm, wenn ich das geplante Mittagessen verpasse?"

„Selbstverständlich nicht", erwiderte Rose, doch ihre Lippen bebten. „Allerdings sollten Sie nicht vergessen, das Henry Coventry noch über den Garten sprechen wollte. Ich glaube, er wartet schon auf Sie."

„Richten Sie ihm doch bitte aus, ich hätte morgen früh mehr Zeit für ihn", lächelte Elisabeth. „Und es wäre sehr nett von ihm, wenn er mir bis dahin ein paar gute Landschaftsgärtner nennen könnte. Ich werde mich gerne seinem Urteil anpassen, denn er weiß offensichtlich bedeutend mehr darüber als ich."

Trotz ihrer Erschöpfung lächelte sie, als sie durch die Halle lief. „Ein Sieg auf ganzer Linie", murmelte sie leise. Sie stieg langsam die Treppe hinauf, nickte William in seinem Bild kurz zu und eilte dann in ihr Schlafzimmer.

 

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Punkt Mitternacht stand Elisabeth auf der Treppe und wartete ungeduldig. Die ganze letzte Nacht hindurch, auch als William schon verschwunden war, war ihr alles ganz logisch erschienen. Doch je mehr Zeit verstrichen war, desto weniger sicher war sie, die vergangene Nacht auch wirklich erlebt zu haben. Mehr und mehr wurde die ganze vertrackte Situation phantastisch und langsam fühlte es sich so an, als wäre alles nur ihrer Einbildungskraft entsprungen.

Ihre Finger trommelten nervös auf das Geländer und sie ließ ihre Armbanduhr nicht eine Sekunde aus den Augen. Dann war es soweit. Erst waren nur winzige Bewegungen zu erkennen, doch dann stand William Grey in seinem schwarzen Anzug und der grauen Weste vor ihr und er lächelte.

„Sie haben auf mich gewartet", stellte er erfreut fest und verbeugte sich vor ihr.

„Ein wenig", gestand sie und lachte. „Nein. Ich konnte es kaum abwarten. Ich musste einfach wissen, ob ich verrückt bin, oder ob ich die letzte Nacht wahrhaftig erlebt habe."

„Was wäre denn besser?", fragte er und ein schelmisches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Erwarten Sie darauf wirklich eine Antwort?", antwortete sie mit einer Gegenfrage. „Natürlich ist es mir so lieber. Es ist immer ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man den Verstand nicht verloren hat." Sie lächelte und schüttelte dann den Kopf. „Ich habe noch ein wenig über Sie und Ihre Familie herausgefunden. Doch bevor ich es Ihnen zeige… es wäre mir sehr Recht, wenn wir diese Förmlichkeiten beiseite lassen und uns einfach duzen könnten. Immerhin wohnen wir zusammen und werden eine Menge Zeit miteinander verbringen." Sie stockte und konnte nicht verhindern, dass eine leichte Röte ihre Wangen zierte. „Ähm, Sie wissen schon, wie ich das meine."

„Ja, ich verstehe durchaus", nickte er und schmunzelte. Dann streckte er ihr die Hand entgegen. „William", sagte er und zwinkerte ihr zu.

Sie lachte, schüttelte jedoch seine Hand. „Eigentlich kennen wir unsere Namen ja schon", meinte sie, nannte ihren dennoch. „Dem wäre dann wohl genüge getan", beeilte sie sich zu sagen und zusammen gingen sie die Treppe hinab in die Halle.

Sie führte ihn wieder ins Büro und überreichte ihm die Ausdrucke. „Ihre Familie ist nicht wirklich verschwunden", sagte sie und deutete ihm an, sich zu setzen. „Es gab, nun… wie sag ich es am besten… Gerüchte und …." Elisabeth seufzte und schüttelte den Kopf. „Nun, am besten sag ich es gerade heraus. Edward Grey, dein Bruder, hat ganz offensichtlich einige Männer getötet und aufgrund des Skandals hat deine Familie London hinter sich gelassen und ist zurück nach Cornwall gezogen. Wenn es der Wahrheit entspricht, was ich im Internet darüber gefunden habe, dann haben Ihre, … ähm deine Eltern den Rest ihres Lebens sehr zurückgezogen verbracht."

„Edward ist ein Mörder?", seine bisher so gute Laune war auf einen Schlag verflogen. „Das kann ich kaum glauben. Das… das… Nein! Er war stets zügelloser als ich, aber nein… das hätte er niemals…."

Elisabeth setzte sich zu ihm aufs Kanapee und sah ihm mitleidig an. „Ich kann mir vorstellen, dass du lieber andere Nachrichten über deine Familie bekommen hättest, doch dass Edward mehrere Morde begangen hat, ist eine Tatsache und durch viele Quellen belegt. Allerdings solltest du erst hören oder lesen, welche Opfer er sich gesucht hat." Sie räusperte sich und zuckte mit den Schultern. „Berichten einiger Augenzeugen nach waren es ausschließlich Zigeuner. Und er hat auch nicht wahllos getötet. Sie entstammten alle der gleichen Sippe und…"

„Oh mein Gott", schnaufte William und sah sie fassungslos an. „Du willst mir doch damit nicht sagen, dass er sich gerächt hat."

„Meiner Meinung nach hat er genau das getan", sagte sie leise. „Seine Spur lässt sich über vierzig Jahre verfolgen, dann hört es plötzlich auf. Er ist nicht aufgehalten worden, also die ähm … Marshalls haben ihn niemals gefasst, doch irgendwann galt er als verschollen und schließlich stellte man die Suche nach ihm ganz ein. Man hielt ihn ebenfalls für tot, denn das war bereits im Jahre 1930. Erst da wurde seine Akte geschlossen."

Es dauerte einen Augenblick, bis William seine Sprache wieder fand. „Ich verstehe", murmelte er leise und sah eisern auf das Papier in seiner Hand. „Was ist mit meiner Familie geschehen? Mit meinem Vater, meiner Mutter?"

„Das ist bedeutend schwieriger, denn darüber gibt es weniger Informationen. Allerdings…", wieder zuckte sie mit den Schultern. „Es tut mir so leid, William. Ich hätte wirklich gerne nettere Informationen für dich."

„Schon gut", sagte er. „Sie sind beide tot. Das war mir die ganze Zeit schon klar."

„Dein Vater ist im Jahre 1893 an Tuberkulose erkrankt und auch verstorben. Nur deswegen konnte ich ihn überhaupt finden. Damals muss der ganze Landstrich einer Epidemie zum Opfer gefallen sein und es gab unzählige Tote." Sie machte eine Pause und sprach dann leiser weiter. „Zu deiner Mutter sind die Aussagen sehr viel vager… doch … nun ja, sie ist ebenfalls verstorben. Der Besitz der Familie fiel an die Krone. Du galtest ebenfalls als verstorben und da auch Edward nicht auffindbar war und zudem als Mörder gesucht…"

„Wie bist du an diese Informationen gelangt?", fragte er nach einer langen Weile und legte den Stoß Papiere zur Seite. „Es kann nicht einfach gewesen sein, so alte Auskünfte abzufragen."

„Ich hab eine Freundin mit besonderen Fähigkeiten, was das angeht", sagte Elisabeth leise und sah ihn erschrocken aufblicken. „Ich habe ihr nichts von dir erzählt", sagte sie schnell. „Ich habe ihr nur gesagt, dass es hier ein Bild von dir gibt und dazu einige sehr vage Aussagen. Willow liebt Rätsel und hat sich gleich an die Arbeit gemacht."

Wieder dauerte es eine Weile, bis William antwortete. Er stand auf und lief dann unruhig im Büro auf und ab. „Es ist lächerlich! Ich weiß! Ich meine, ich sitze seit Urzeiten in diesem Bild fest und es war klar, dass keiner meiner Verwandten noch am Leben ist. Aber es dann wirklich zu wissen ist ein ganz anderes Paar Schuhe." Er seufzte und warf die Hände in die Luft. „Meine Mutter und mein Vater waren sehr stolze Menschen", sagte er dann um eine Nuance leiser. „Es muss die Hölle für sie gewesen sein. Vater musste sein Geschäft aufgeben und meine Mom… Gott, sie hasste Cornwall. Schon immer. Der Sommer war für sie die schlimmste Zeit im Jahr."

Er sah sie an. „Es gibt auch nicht den leisesten Hauch einer Verwechslung? Ich meine Edward. Vielleicht gab es einen anderen Mann gleichen Namens, der… Nein. Vergiss meine Frage. Warum sollte dieser andere Mann ausgerechnet eine Zigeunersippe jagen und auslöschen."

„Ich kann mir vorstellen, dass Edward ein sehr schlechtes Gewissen hatte, nachdem… nachdem er dich für tot halten musste. Vielleicht hat er sogar gesehen, was genau mit dir geschehen ist." Auch Elisabeth hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Sie stand auf und stellte sich zu ihm. „Ich kann nicht gutheißen, was er getan hat, doch es war eine andere Zeit und vielleicht sah er keine andere Möglichkeit für sich." Sie sah ihn traurig an. „Bestimmt sah er es als seine Pflicht an. Immerhin trug er die Schuld und…"

„Ich weiß", seufzte William, nahm die Flasche Kirschlikör und sah Elisabeth fragend an. „Ich könnte jetzt einen Schluck gebrauchen. Wenn du nichts dagegen hast…"

„Da weiß ich was Besseres", nickte sie und deutete mit dem Kopf auf die Tür. „Im Salon steht noch eine brandneue Flasche Whiskey. Kirschlikör ist für diese Situation nicht das Richtige."

„Whiskey ist allerdings besser", sagte er und zusammen gingen sie in den Raum gegenüber. „Ich kann jedoch nicht garantieren, dass diese eine Flasche ausreicht!"

 

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Eine Weile tranken sie beide stumm und die Flasche leerte sich rapide. Doch als Elisabeths Magen zu kribbeln begann, stand sie schnell auf. „Das ist nicht gut", murmelte sie und vertrieb den Schwindel aus ihrem Kopf. „Ich habe heute kaum etwas gegessen. Das Mittagessen habe ich ganz ausfallen lassen und Rose hat mich aus Rache mit etwas besonders Grässlichem zum Abend bedacht. Haggis!" Elisabeth verzog das Gesicht. „Das war ihre Art mir zu sagen, dass sie sauer auf mich ist."

„Rose meint es nicht so", sagte William und blickte trübe zu ihr hinüber. „Sie hat May geliebt wie eine Schwester und ich glaube, es fällt ihr sehr schwer, sich umzugewöhnen."

„Ich habe auch nichts gegen Rose", beeilte sich Elisabeth zu sagen. „Wirklich nicht. Sie leistet hervorragende Arbeit und hat das Haus besser im Griff, als ich es je hätte. Aber ich bin nun mal nicht May und sie dürfte mir ruhig ein wenig Luft zum Atmen geben. Es ist doch ganz verständlich, dass ich mich nicht in die Rolle einer alten Frau drängeln lasse. Ich bin gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt und…." Sie winkte ab. „Unwichtig! Aber ich habe Hunger! Du auch?" Elisabeth merkte, dass sie betrunken war und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie musste dringend etwas dagegen unternehmen und etwas Warmes in den Magen zu bekommen, konnte nicht falsch sein.

„Ich kann essen, muss aber nicht. Es ist nicht zwingend erforderlich."

„Das habe ich nicht gefragt", sagte sie. „Hunger ist Hunger, ob man essen muss, oder nicht." Sie bewegte sich ein paar Schritte durch den Raum und als sie merkte, dass ihre Beine sie trugen, ließ sie sogar die Wand los. „Ich habe noch Tiefkühlpizza für solche Notfälle im Gefrierfach. Rose hat zwar die Nase gerümpft, doch sie setzt mir öfter Dinge vor, die ich beim besten Willen nicht herunterbekomme und deswegen habe ich…"

„Ich habe noch nie Pizza gegessen", meinte William interessiert. „Nur im Fernsehen gesehen. Das ist doch diese platte Scheibe mit allerlei Zeugs drauf." Er stand auf und da er noch mehr von dem bernsteinfarbigen Alkohol intus hatte als Elisabeth, schwankte er leicht. „Es sah immer ganz appetitlich aus."

„Es sieht nicht nur so aus, es schmeckt auch so", versicherte Elisabeth und musste kichern. „Dann komm. Ich schiebe uns zwei davon in den Backofen." Sie sah ihn an und versuchte ernst zu bleiben. „Entschuldige, aber ich glaube, ich bin betrunken."

„Das trifft sich gut", erwiderte er und schenkte ihr ein breites Lächeln. „Ich nämlich auch."

Teil 7

Nur widerwillig wachte Elisabeth aus schönen Träumen wieder auf. Ihre Augen brannten, also schloss sie sie schnell wieder. In ihrem Kopf hämmerte es wie wild und die Erinnerung kam hart und schmerzhaft. Sie setzte sich auf und jammerte. „Gott, jetzt weiß ich wieder, warum ich Whiskey hasse." Dann fiel ihr William ein und sie sah sich um. Voller Entsetzen erkannte sie, dass er sie in ihr Bett getragen haben musste, denn sie befand sich ganz offensichtlich in ihrem Zimmer.

„So was passiert auch nur mir", schimpfte sie, stellte aber erleichtert fest, dass sie noch vollständig bekleidet war. Nun gut, Schuhe trug sie keine mehr, aber dafür hatte er sie mit ihrer Bettdecke zugedeckt. Aber eigentlich hatte sie von William auch nichts anderes erwartet. „Dafür muss ich mich entschuldigen. Und das wird peinlich!"

Der Alkohol hatte ihr nicht gut getan, und die Pizza, die sie gegessen hatte, hatte den Whiskey auch nicht in Wasser verwandelt. „Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, auch noch die zweite Flasche zu öffnen?"

Wo William abgeblieben war, brauchte sie nicht groß zu überlegen. Es gab nur die eine Möglichkeit. Allerdings fragte sie sich, ob es ihm in seinem Gefängnis eben so übel ging wie ihr selbst. Elisabeth schob die Bettdecke von sich und krabbelte langsam und vorsichtig aus dem Bett. „Oh verflixt", schimpfte sie. „Ich habe den Garten ganz vergessen." Sie warf einen Blick auf den Radiowecker auf ihrem Nachttisch und stellte fest, dass es gerade erst acht Uhr am Morgen war. „Immerhin etwas", sagte sie und tapste unsicheren Schrittes ins Badezimmer. „Jedenfalls bin ich noch nicht zu spät dran. Henry Coventry kommt erst um neun."

 

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Das Wetter war herrlich, wenn auch vielleicht ein wenig zu viel Sonne schien für Elisabeths Geschmack. Ein paar Wolken wären ihr lieber gewesen, denn wann immer ein Sonnenstrahl sich in ihre Augen verirrte, war es, als würde ein winzig kleines Männchen in ihrem Kopf einen sehr großen Gong schlagen. Am liebsten hätte sie eine Sonnenbrille getragen, doch wahrscheinlich hielten die Menschen hier sie auch so schon für seltsam. Ein spleenig sollte ihrem Vokabular nicht auch noch hinzugefügt werden und so beschränkte sie sich darauf, möglichst den Schatten zu suchen.

„Und Sie sind sich wirklich sicher, diese große Aufgabe in Angriff zu nehmen?", fragte Henry Coventry und ließ seinen Blick dabei über die Weite des Parks wandern.

Elisabeth fand es beinahe rührend, wie der alte Gärtner sie ansah. Er wirkte wie ein kleines Kind, das sich auf Weihnachten und eine Menge Geschenke freute. Es lag so viel Glück in seinen Augen, dass sie so oder so keine andere Wahl gehabt hätte, als zuzustimmen. Davon mal ganz abgesehen, dass sie sich sowieso schon dazu entschieden hatte. „Wir werden dem Haus den dazugehörigen Garten zurückgeben", versprach sie ihm. „Und wie Sie schon sagten, es wird dringend Zeit."

„Genau die Antwort habe ich herbeigesehnt", grinste Henry Coventry breit. „Ich habe auch die von Ihnen verlangte Liste mitgebracht. Habe alle Landschaftsgärtner aufgeschrieben, die mit einem so großen Auftrag umgehen könnten." Er fingerte ein zerknittertes Blatt Papier aus der Tasche, zuckte entschuldigend die Schultern und strich es vorsichtig glatt. „Es sind nicht ganz viele", meinte er dann, „aber „Dashwood und Sohn" aus dem Nachbarort wäre geeignet, ebenso wie „Gregson & Broadship", oder vielleicht noch „Finch & Partner", die einen hervorragenden Ruf haben."

„Danke", sagte Elisabeth und nahm das Papier entgegen. „Ich werde noch heute dort anrufen und mir Kostenvoranschläge machen lassen. Sie werden mir allerdings bei der endgültigen Entscheidung helfen müssen, denn ich weiß viel zu wenig über Gärten, als dass ich dazu etwas sagen könnte."

„Sie werden schon die richtigen Entscheidungen treffen", sagte der alte Gärtner und nickte aufmunternd. Dann lächelte er breit. „Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich Sie mich damit machen." Er sah sich eine Weile um, doch als er sich ihr wieder zuwandte, war sein Gesicht ernst. „Ihnen muss allerdings bewusst sein, dass ich … wenn der Garten wieder in neuem Glanz erstrahlt, nicht alleine damit fertig werden kann. Vielleicht sollten Sie dann einen jüngeren Mann mit der Aufgabe betrauen. Ich gehe langsam auf die siebzig zu und…"

„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken", winkte Elisabeth ab. Der alte Mann war einfach zu lieb und zudem ein wahres Unikum. Er würde solange einen Platz hier haben, wie er es wollte. „Erst einmal warten wir die Antworten der Landschaftsgärtner ab und dann vergeht eine lange Zeit, in der unser Garten auf dem Kopf stehen wird. Und ich brauche dringend jemanden, auf dessen Aussage ich mich verlassen kann. Ich brauche Sie als Oberaufsicht. Und wenn dann wirklich endlich alles fertig ist und die Arbeit für einen Mann zu viel ist, dann stellen wir einfach einen weiteren Gärtner ein, dem Sie dann alles erklären müssen."

„Das klingt gut, Miss", sagte er und lächelte wieder. „Es würde mir auch wirklich sehr schwer fallen, nicht mehr jeden Tag hierher zu kommen. Ich bin schon so viele Jahre hier im Haus beschäftigt… manchmal kann ich es selbst nicht glauben, wie viel Zeit seitdem schon vergangen ist. Ich war gerade einmal achtzehn Jahre alt und May hatte gerade ihren Mann Kenneth verloren, der wirklich viel zu früh von uns gegangen ist. Aber so konnte sie sich im ihren Vater kümmern. Der alte Graham war nicht leicht zufrieden zu stellen, aber May hat ihn stets um den Finger wickeln können."

„War Rose Henderson damals auch schon hier im Haus beschäftigt?", fragte Elisabeth mäßig gespannt. Das war nicht die Vergangenheit, die sie interessierte. Doch für die besagte Zeit gab es keine Zeugen mehr. Sie alle waren längst gestorben und begraben.

„Rose kam kurz bevor der alte Graham das Zeitliche segnete", erinnerte sich der alte Gärtner. „Sie und May kannten sich aus der Schule, wenn ich mich recht erinnere. Freundinnen sind sie nie gewesen, also als Kinder. May spielte in einer ganz anderen Liga, schon aufgrund des Besitzes ihres Vaters. Aber sie kamen immer gut miteinander aus."

„Ich muss gestehen, ich kann mich kaum an sie erinnern, obwohl ich so viele Sommer hier verbracht habe", sagte Elisabeth und rückte ein Stück zurück in den Schatten. Die Zeit verstrich viel zu schnell und die Sonne kletterte immer höher den Himmel hinauf. Ganz viel länger würde sie es hier nicht mehr ohne schlimme Kopfschmerzen aushalten. „Wollen wir nicht hineingehen?", fragte sie deswegen. „Ich habe gestern, nein vorgestern, versucht die Pläne zu lesen, doch vieles war zu undeutlich. Vielleicht kommen wir beide zusammen ja weiter."

„Meine Augen sind nicht mehr so gut, wie sie es noch vor ein paar Jahren waren", sagte Henry Coventry „Aber ich würde es gerne versuchen."

Zusammen überquerten sie den Rasen und näherten sich der Tür, die rückwärtig direkt in die große Halle des Hauses führte. „Haben Sie vor nach den alten Zeichnungen arbeiten zu lassen, oder wollen Sie neue Entwürfe machen lassen?" Der Gärtner zog seine Schuhe aus und stellte sie säuberlich neben die Tür. „Sonst reißt mir Rose den Kopf ab", flüsterte er verschwörerisch und folgte Elisabeth ins Innere des Hauses.

„Ich wollte eigentlich nach den Originalplänen gehen", sagte sie und führte ihn in die Bibliothek. „Ich denke auch, dass das keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten sollte. Aber wir werden warten müssen, was die Landschaftsgärtner dazu sagen."

Henry Coventry nickte und dann vertieften sich beide in die uralten Skizzen, die an vielen Stellen unleserlich geworden waren. „Schade eigentlich", sagte der alte Mann. „Aber vielleicht kann ein erfahrener Mann mehr damit anfangen."

„Nun", lächelte Elisabeth. „Dann haben wir schon ein Kriterium, nachdem wir unseren Landschaftsarchitekten auswählen. Er muss in der Lage sein das Puzzle zu lösen, oder aber zumindest so clever sein, es in ein neues perfektes Bild zu verwandeln."

 

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Es war kurz vor Mitternacht und Elisabeth hatte Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten. Sie saß im Salon auf einem der bequemen Sofas und hatte sich eine Decke über die Beine gelegt. Wenn es nur nach ihr gegangen wäre, hätte sie längst tief und fest geschlafen, doch so einfach war das für sie nicht. William würde in wenigen Minuten sein Gefängnis verlassen können und sie konnte sich noch nicht mit dem Gedanken abfinden, dass er durch das Haus stromerte, währenddessen sie der Traumwelt einen Besuch abstattete.

Es war natürlich albern und wahrscheinlich würde er sich wirklich nicht in ihr Zimmer vorwagen. Denn eins wusste sie mittlerweile ganz sicher. May hatte vielleicht Schwierigkeiten gehabt, ihr die Wahrheit über das Haus und das Gemälde zu erzählen, doch sie hätte sie niemals willentlich in Gefahr gebracht. Hätte May auch nur die geringsten Zweifel an ihm oder seinem Wesen gehabt, hätte sie ihr hundertprozentig davon erzählt.

„Nützt alles nichts", murmelte Elisabeth und schälte sich aus der Decke. In weniger als zwei Minuten war Mitternacht und so stand sie auf und stellte sich an den Fuß der Treppe.

„Guten Abend", wünschte er nur wenig später und kam ihr lächelnd entgegen.

„Ob der so gut ist, wage ich zu bezweifeln", sagte sie und unterdrückte ein Gähnen.

„Geht es Ihnen… also… geht es dir nicht gut?", erkundigte er sich mitfühlend, als er bei ihr angelangt war. Er sah ihr ins Gesicht und Elisabeth zuckte mit den Schultern.

„Nur die Nachwirkungen des Whiskeys gestern", winkte sie ab. „Du siehst allerdings taufrisch aus."’

„Sobald ich in mein Gefängnis zurückkehre, verwandelt sich alles in eine große Leere", sagte er leise und Elisabeth bedauerte sofort, darüber gesprochen zu haben. „Vielleicht solltest du dich einfach gründlich ausschlafen. Ich habe schon so viele Nächte alleine verbracht, dass es darauf nicht ankommt. Zudem musst du dich nicht für mich verantwortlich fühlen", sagte er. „Wenn überhaupt, dann müsste es umgekehrt sein, denn immerhin bin ich nur ein ungebetener Gast hier."

„Du hast auch nicht darum gebeten, hier zu sein", erinnerte sie ihn. Er sah unverschämt gut aus, wie eigentlich immer, doch seine Augen strahlten heute Nacht geradezu. „Möchtest du etwas essen?", fragte sie, um sich abzulenken und erinnerte sich dann daran, dass er sie ins Bett getragen hatte. „Ich hatte gestern wohl einen totalen Filmriss. Ich kann mich nicht daran erinnern, überhaupt eingeschlafen zu sein."

William lächelte undurchsichtig. „Es war in der Küche", versuchte er ihre Erinnerung zu wecken. „Du hast dich furchtbar aufgeregt, weil mehr grüne als rote Paprikastückchen auf deiner Pizza lagen und dann sind dir die Augen zugefallen und bist eingeschlafen."

„Ganz viel peinlicher kann es kaum werden", sagte Elisabeth und seufzte schwer. „Ich kann mich nur dafür entschuldigen, aber ich trinke wirklich nur sehr wenig Alkohol. Also gewöhnlich. Gestern war ich schlimm betrunken."

„Ach was", winkte er ab. „Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel Spaß gehabt zu haben wie in der vergangenen Nacht. Eigentlich müsste ich mich bei dir dafür bedanken, denn ich habe für Stunden all meine Sorgen und finsteren Gedanken vergessen."

„Dann war mein Fiasko jedenfalls für etwas gut", erwiderte Elisabeth und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken.

„Geh schlafen", forderte er sie auf. „Ich schwöre dir, ich werde deinen Schlaf nicht stören. Ich werde dein Zimmer nicht betreten und ich würde auch niemals deine persönlichen Sachen durchsuchen."

Daran hatte Elisabeth noch gar nicht gedacht und sie fand es seltsam, dass er es erwähnte. Doch ihre Gedanken schienen auf ihrem Gesicht zu lesen gewesen sein, denn er hob die Hände. „May hatte ähnliche Gedanken", sagte er leise. „Vor allem in der Zeit, als sie frisch verliebt war und … Liebesbriefe mit Kenneth gewechselt hat." Er zuckte mit den Schultern. „Es war nicht einfach für mich damals", gab er zu. „Immerhin war sie meine einzige Bezugsperson. Doch ich habe ihr das Glück gegönnt, das mir wohl für immer versagt bleiben wird."

Sofort fühlte Elisabeth sich schlecht. Es gehörte viel mehr zu seinem Dasein, als sie bisher erfasst hatte und ihr Mitleid ihm gegenüber wuchs. „Gib nicht auf, William. Irgendwann wirst du dieses Haus für immer verlassen. Ich bin mir ganz sicher. Irgendwann wirst du deine Freiheit zurückerhalten und dann kannst du dahin gehen, wo immer du hingehen möchtest!"

Teil 8

William musste noch eine ganze Weile auf Elisabeth einreden, bevor sie einsah, dass es keinen Zweck hatte noch länger aufzubleiben. Sie war einfach viel zu müde, um eine weitere Nacht durchzustehen und William war nicht böse deswegen. Ganz im Gegenteil. Für ihn war es eine Erleichterung, die Stunden der Nacht alleine verbringen zu können.

In viel zu kurzer Zeit hatte er sich an ihre Gesellschaft gewöhnt. Sie war jung, witzig, sehr unterhaltsam und zudem noch wunderschön, doch was viel schlimmer war, sie weckte Gefühle in ihm, die er längst verloren geglaubt hatte. Er brauchte etwas Zeit für sich alleine, um seine Gedanken neu zu ordnen, die sich viel zu oft mit der hinreißenden neuen Besitzerin des Hauses beschäftigten.

Er war klug genug zu wissen, dass seine Empfindungen keinen Sinn machten, nicht gut für ihn waren, selbst dann, wenn sie sie wie durch ein Wunder erwidern könnte. Wovon er allerdings nicht ausging. Sie gehörte einem ganz anderen Zeitalter an und bestimmt war es reines Mitleid, das sie dazu brachte, sich überhaupt mit ihm zu befassen. Zudem war es nicht die Art Leben, die ein junges Mädchen führen sollte und er hatte sie durch bloße Anwesenheit in eine dumme, ausweglose Situation gebracht. Sie würde nun, genau wie May es lange, lange Jahre getan hatte, ihre Zeit darauf verwenden, nach einer Lösung für seine Misere zu suchen. Und seiner Meinung nach gab es keine Lösung, keine Errettung! Weit über hundert Jahre war er nun ein Gefangener und das würde sich niemals ändern, bis ans Ende aller Tage!

„Du solltest ausgehen, Freunde treffen und dich verlieben", murmelte er leise, während er die Treppe hinaufsah, auf der sie vor wenigen Minuten entschwunden war, und fühlte im gleichen Moment einen dicken Kloß im Hals. Der bloße Gedanke, sie könne einen anderen Mann lieben, brachte ihn völlig aus dem Konzept.

Würde er es ertragen können, wenn sie sich verliebte und er zusehen musste? Würde er es aushalten können, wenn dieser Mann dann mit im Haus lebte? Was, wenn sie womöglich sogar heiratete und Kinder bekam? Es würde die Hölle auf Erden werden, schlimmer noch, als es für ihn ohnehin schon war. Doch eins nahm er sich fest vor. Sie würde niemals auch nur erahnen, was er für sie empfand. Kein Sterbenswörtchen würde darüber über seine Lippen kommen! Es war schlimm genug, dass er ihr unfreiwilliger, ständiger Gast war, sie sollte sich nicht auch noch darum Sorgen machen.

Vielleicht war es nicht fair, dass er in einem Gefängnis steckte, aus dem es kein Entkommen gab. Möglicherweise war es nicht fair, dass er die Schuld seines Zwillingsbruders auf den Schultern trug, doch noch weniger fair war es, eine junge Frau in all dieses Durcheinander hineinzuziehen. Elisabeth sollte ein normales Leben führen, doch das hatte er ihr ohnehin schon verdorben. Sie würde genau wie May niemals ein durchschnittliches Leben führen, weil sie sich stets bewusst sein würde, einen Gast im Haus zu haben, den sie nie eingeladen hatte.

Wut wuchs in ihm und er verfluchte nun seinerseits die Menschen, die ihm dieses schwere Schicksal aufgebürdet hatten. „Wenn sie mich einfach umgebracht hätten!", schimpfte er. „Dann wäre nicht nur mir eine Menge erspart geblieben!" Wütend und voll finsterer Gedanken stürmte er in den Garten hinaus.

 

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Die Wochen vergingen wie im Flug. Längst hatte der Herbst Einzug gehalten und die Arbeiten im Park gingen derart voran, dass kaum noch etwas vom ursprünglichen Bewuchs zurückgeblieben war. Die Beete waren leer, die Büsche ausgegraben, und Wege waren freigelegt worden, über die schon seit vielen, vielen Jahren kein Mensch mehr gegangen war. Nun war eine Traube Männer mit Schutzhelmen damit beschäftigt, sich um die zugewachsene Ecke im hintersten Winkel zu kümmern. Große Bäume, die gesund und stabil waren, sollten stehen bleiben, der Rest würde fallen müssen. Schon um den zukünftigen Park nicht zu gefährden.

„Ich kann mich gar nicht erinnern, je einen Wald auf den Plänen gesehen zu haben", sagte Henry Coventry und blickte auf den Ausdruck des Landschaftsarchitekten in seiner Hand. „Ich frage mich wirklich, wie die hintere Ecke so zugewachsen konnte? Auf den alten Plänen sind nur wenige Obstbäume zu sehen, die auf einer großen Rasenfläche standen." Er runzelte die Stirn. „Woher kommen nur die ganzen Eichen? Sie passen doch gar nicht dazu."

„Vielleicht wollten die Obstbäume nicht wachsen", mutmaßte Elisabeth und setzte sich auf eine Gartenbank, die von ihrem eigentlichen Platz verbannt war und jetzt direkt unter dem Esszimmerfenster stand. „Oder Urvater Graham hatte keine Lust mehr auf einen Obstgarten und hat die anderen Bäume dazwischensetzen lassen."

Zusammen mit dem alten Gärtner beaufsichtigte sie die Arbeiten im Garten, die recht gut und zügig voranschritten. Bis in den Spätherbst, spätestens Anfang des Winters würden die Aufräumarbeiten vollständig beendet sein. Im Frühjahr sollte es dann richtig losgehen und Anfang des Sommers, so sagte jedenfalls Dashwood Junior, würden die ersten Blumen prachtvoll erblühen.

„Mag sein", sagte der alte Gärtner mit gerunzelter Stirn. „Aber das erklärt nicht die Menge an Immergrün."

„Immergrün?", wiederholte Elisabeth verwirrt und sah zu dem alten Mann auf. „Was ist das?

„Eine schnellwachsende Pflanze, von der es mehrere Sorten gibt. Sie haben verschiedenfarbige Blüten, werden aber immer dann gepflanzt, wenn etwas rasch zuwachsen soll, oder man etwas Unschönes, wie ein verfallenes Gartenhaus, verschwinden lassen will."

Elisabeth blickte in Richtung des Dschungels, denn Wald war eigentlich die falsche Bezeichnung. „Kann er sich nicht von alleine gepflanzt haben? Immerhin gibt und gab es dort hinten laut Grundriss nichts. Mich wundert sowieso, dass dort soviel wachsen konnte. Die Steilküste ist nur wenige Meter weit weg und der Untergrund müsste eigentlich sehr felsig sein." Sie sah den alten Mann an, der seinen Blick auf den Horizont gerichtet hatte. „Außerdem glaube ich, dass es mehrere Pflanzen im Garten gegeben hat, die sich selbst gepflanzt haben. Warum also nicht dieses Immergrün?"

„Sicher wäre das möglich", erwiderte Henry Coventry. „Alles ist möglich."

„Aber Sie glauben nicht daran?", fragte Elisabeth.

„Nun ja, Miss Summers. Wie ich schon sagte, möglich ist es. Aber ich finde es schon etwas seltsam. Woher sollen die Samen dafür gekommen sein? Dieses Haus war das erste hier oben und das für eine lange Zeit", meinte der alte Gärtner und zuckte dann mit den Schultern. „Auf der anderen Seite… warum sollte sich die Familie Graham angestrengt haben, etwas im Park zu verstecken? Ruinen gab es hier keine. Von wem auch? Das Land war unangetastet, bis die ersten Siedler kamen. Es wäre also albern zu glauben, dass es Absicht war, einen Urwald zu hinterlassen, durch den es kein Durchkommen gibt."

Eine lange Weile sagte Elisabeth nichts dazu, doch ihre Gedanken gingen auf Wanderschaft. In diesem Haus gab es immerhin schon eine Merkwürdigkeit, wenn sie es denn so ausdrücken konnte. Vielleicht hatte der alte Graham ja wirklich etwas zu verbergen gehabt. Doch dann wischte sie den Gedanken beiseite. Betrachtungen dieser Art waren albern. Der Atlantik reichte bis an das Grundstück heran und es gäbe kaum ein besseres Versteck. Was immer man loswerden wollte, hätte man nur über die Klippen werfen brauchen und es wäre für alle Zeiten verborgen gewesen. „Wie auch immer", sagte sie und stand wieder auf. „Bald hat das Durcheinander ein Ende und dann brauchen wir uns keine Gedanken mehr darum machen."

Sie verabschiedete sich von dem alten Gärtner, der ihren Platz auf der Bank einnahm und eilte ins Haus. Sie hatte ganz andere Dinge, die sie beschäftigten. Matthew Dashwood, Sohn des von ihr angestellten Landschaftsarchitekten und ein gutaussehender Mann Anfang Dreißig, ließ keinen Zweifel daran offen, dass er sich für sie interessierte. Er flirtete auf Teufel komm raus mit ihr und wenn sie einmal nicht im Garten zu finden war, fand er jedes Mal einen Vorwand, sie im Haus zu suchen.

Er war nett und durchaus der Typ von Mann, den sie gewöhnlich anziehend fand. Und dennoch hielt sie etwas zurück. Sie konnte nicht einmal sagen, was es war, dass sie zögern ließ. Vielleicht war es die neue Umgebung, vielleicht auch die Tatsache, dass ihr Kopf dauerbeschäftigt war. Wenn sie gedanklich nicht mit der Neuplanung des Gartens beschäftigt war, dann dachte sie an William und daran, ob es nicht vielleicht doch Menschen auf der Welt gab, die ihm helfen konnten.

Trotzdem es nicht gerade leicht war, solche Menschen zu finden. Stunde um Stunde hatte sie das Internet durchforstet und es gab eine Menge verschiedener Gruppen, die glaubten, das Übernatürliche wäre allgegenwärtig und sie diskutierten einen Haufen der unglaubwürdigsten Fakten. Doch an diese Art von Typen wollte sich Elisabeth sicherlich nicht wenden. Alle kamen ihr zu spleenig und durchgedreht vor und darum hatte sie sich mehr mit Flüchen an sich beschäftigt.

Gefunden hatte sie einiges zu dem Thema, doch die Frage blieb, ob den Informationen zu trauen war? Einig waren sich die meisten darüber, dass Knochen desjenigen verbrannt werden sollten, der den Fluch ausgesprochen hatte. Doch wie sollte sie das anstellen? Sie wusste viel zu wenig über diese Zeit. Hatte es hier überhaupt Zigeuner gegeben? Doch was noch wichtiger war, sie wusste nicht einmal, ob es wirklich ein Fluch war! William tat ihr schrecklich leid und es war schwer, ihn leiden zu sehen. Sein Gesicht war sehr ausdrucksstark, vor allem seine tiefblauen Augen, die in letzter Zeit von Sorgen umwölkt schienen. Er bemühte sich oft redlich, seine schlechte Laune zu verbergen und Elisabeth war auch nicht darauf eingegangen, bemerkt hatte sie es dennoch.

 

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Nach dem Mittagessen, das wirklich vorzüglich gewesen war, nahm Elisabeth sich vor, sich ein wenig auszuruhen. Die Nächte waren meistens sehr lang, schon weil sie William Grey nicht ganz alleine lassen wollte und sie zudem seine Gesellschaft sehr genoss. Er war warmherzig, offen und ehrlich und hatte sich zudem ein ungeheures Wissen angeeignet, sodass er, von der Kleidung einmal abgesehen, gar nicht wie ein Mann längst vergangener Jahrhunderte wirkte. Doch die langen Stunden forderten ihren Tribut, denn sie musste trotzdem jeden Morgen früh aufstehen. Zum einen, weil sie die Arbeiten im Garten nicht unbeaufsichtigt lassen wollte, zum anderen, damit Rose nicht noch mehr Gründe fand, sie als merkwürdig zu erachten.

Gedankenverloren stieg sie die Treppe hinauf und erschrak furchtbar, als plötzlich jemand hinter ihr herrief. Elisabeth fuhr herum und sah auf den dunkelhaarigen Scheitel Matthew Dashwoods nieder, der durch den hinteren Eingang hereingekommen war und nun am Fuß der Treppe stehen blieb und zu ihr hinaufsah.

„Hallo", sagte er und lächelte. „Ich habe Sie heute draußen noch gar nicht gesehen und wollte mich erkundigen, ob Sie wohlauf sind. Bei dem vorherrschenden nassen Wetter kann man sich schnell eine Erkältung einfangen."

„Mir geht es bestens", versicherte sie schnell. „Gibt es irgendwelche Probleme?"

„Nein, nein", sagte Matthew und schüttelte den Kopf. „Alles läuft wie am Schnürchen. Allerdings müssen wir uns früher oder später noch über die Obstbäume unterhalten. Einige der alten, ursprünglich gepflanzten Bäume wären durchaus schützenswert. Ich müsste mich schon sehr irren, doch meiner Meinung nach sind auch Renekloden darunter, die es heute kaum noch gibt."

„Renekloden?", wiederholte Elisabeth und lachte. „Es tut mir leid. Ich glaube, dieses Wort habe ich noch nie gehört. Ich habe nicht gerade das, was man den grünen Daumen nennt."

„Renekloden sind Edelpflaumen. Sie haben bestimmt schon welche gesehen und auch gegessen. Sie sind rund statt oval, dicker als gewöhnliche Pflaumen und es gibt sie in den verschiedensten Farben. In grüngelb, gelb, blau oder rot und sie sind sehr schmackhaft." Dann lachte er. „So wichtig ist das vielleicht nicht. Eigentlich… nun, ich wollte mich heute einmal sehr weit vorwagen und Sie zum Essen einladen. Es gibt einen hervorragenden Italiener, direkt am Hafen. Seine gegrillten Shrimps sind geradezu berühmt und die Sauce, die er dazu reicht, ist einfach…"

„Eine Verabredung?", fragte Elisabeth und blickte in die lustig funkelnden Augen ihres Gegenübers. Damit hatte sie jetzt gar nicht gerechnet und sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

„Man könnte es Verabredung oder Date nennen", lächelte Matthew Dashwood. „Wenn Sie meine Vorgehensweise jedoch als zu forsch empfinden, könnten wir es auch Kundenpflege nennen. Immerhin haben Sie unseren Familienbetrieb für einen Großauftrag ausgesucht und da wäre es nur recht und billig, Sie deshalb einmal zum Essen auszuführen."

Elisabeth schmunzelte über seine Offenheit. „Ich weiß es nicht, ich …."

„Ah, ich seh schon", unterbrach Matthew Dashwood sie schnell. „Eine schwierige Kundin. Aber so schnell gebe ich nicht auf." Er stellte sich auf die Stufe, auf der auch sie stand und sah ihr fest in die Augen. „Nur ein Abendessen", sagte er leise. „Ohne jede Verpflichtung. Ich hole Sie hier gegen acht Uhr ab und verspreche auch, Sie direkt nach dem Dinner hier wieder abzusetzen."

„Einverstanden", lachte Elisabeth und sah, wie seine Augen freudig aufstrahlten. Er besaß eine Menge Charme, doch das Bedauerliche an der Sache war, dass er es wusste und ihn deswegen an- und abstellen konnte, wie er wollte. Doch das gehörte vielleicht auch zu seinem Job. Immerhin musste er auf eventuelle Kunden eingehen können. „Ein Abendessen, ohne jede Verpflichtungen."

„Ganz genau", nickte er, lächelte und hüpfte die Treppe hinab. Mitten in der Halle drehte er sich noch einmal um. „Ich werde ganz gewiss pünktlich sein." Dann winkte er und verschwand in den Garten.

Elisabeth stand noch eine Weile reglos auf den Stufen, doch dann lächelte sie breit und ging nach oben in ihr Zimmer. Matthew Dashwood war ein gutaussehender Mann und auch wenn sie sich immer weniger vorstellen konnte, ihn näher an sich heranzulassen, so war es doch nett, wieder einmal eine Verabredung zu haben.

Teil 9

Es war weit nach Mitternacht, als Elisabeth die Haustür aufschloss und beschwingt und gutgelaunt das Haus betrat. Sie war nicht betrunken, fühlte sich aber nahezu berauscht, denn es war wahrhaftig ein schöner Abend gewesen. Matthew Dashwood hatte alle Register gezogen und sich als perfekter Unterhalter gezeigt. Er hatte allerlei Lustiges und Wissenswertes erzählt, hatte sie mit seinem Charme besprüht und auch wenn Elisabeth wusste, das er nicht der Richtige war, hatte sie den Abend in allen Zügen genossen.

Was auch wirklich nicht schwer gewesen war. Die Shrimps waren genauso herrlich wie angepriesen gewesen und es hatte nicht viel Überredungskunst seinerseits gebraucht, um sie danach noch für einen Spaziergang am Strand zu begeistern. Obwohl es schon sehr kalt gewesen war, hatte die frische Meeresluft gut getan und sie hatte so viel gelacht wie schon lange nicht mehr. Die Stunden waren geradezu verflogen und sie hatte irgendwann erschreckt festgestellt, wie lange sie schon unterwegs waren. Eigentlich hatte sie um Mitternacht zuhause sein wollen, doch Matthew Dashwood hatte sie durch seine Aufmerksamkeit verzaubert und da sie dieses Gefühl schon lange nicht mehr gespürt hatte, hatte sie es genossen.

Elisabeth war sich noch immer sicher, dass sie ihr Herz niemals an ihn verlieren könnte, doch es war wundervoll gewesen, sich einmal wieder um nichts Sorgen machen zu müssen und zudem noch kulinarisch verwöhnt zu werden. Noch immer lächelnd hängte sie ihre Jacke auf und drehte sich um, als William seinen Kopf aus der Tür der Bibliothek steckte.

„Hi", sagte sie. „Hattest du bisher einen angenehmen Abend?" Sie hatte heute noch keine Gelegenheit gehabt mit ihm zu sprechen und fühlte sich ein wenig schlecht, weil sie ihm gar nicht mitteilen hatte können, dass sie am Abend nicht Zuhause sein würde.

„Geht so", murmelte er brummig. „Wie war deiner?", erkundigte er sich mit bitterem Unterton in der Stimme. „Obwohl", meinte er dann, „eigentlich bräuchte ich das nicht fragen. Immerhin strahlst du über das ganze Gesicht. Ich nehme also an, dass dieser … Kerl sich gut um dich gekümmert hat." Er verzog das Gesicht und schüttelte fast unmerklich den Kopf. „War der Italiener jedenfalls so gut, wie dieser Schönling ihn angepriesen hatte?"

Elisabeth sah auf und wunderte sich über seine harten Worte. „Woher weißt du, dass wir zum Italiener…?" Dann begriff sie. „Verstehe. Du hast es gehört. Immerhin haben wir auf der Treppe gestanden, als Matthew Dashwood mich eingeladen hat. Ich hatte vergessen, dass du hören kannst, was sich in der Halle abspielt."

„Ja, leider lässt sich mein Gehör nicht ausschalten. Obwohl es manchmal von Vorteil wäre", er nickte ihr zu. „Wie auch immer, ich gehe jetzt wieder lesen. Schlaf gut."

Ohne eine Antwort abzuwarten schloss er die Tür und ließ Elisabeth stehen. „Was war jetzt das?", murmelte sie leise und die Hochstimmung, in der sie sich noch vor wenigen Momenten befunden hatte, war verflogen. Für einen Augenblick war sie sprachlos und sie fühlte sich schlecht, weil er ganz offensichtlich böse auf sie war. Doch dann schüttelte sie den Kopf und ging langsam auf die Bibliothek zu.

Warum war er nur so schlechter Laune? Hatte er vielleicht irgendwas herausgefunden, was ihn so finster hatte werden lassen? Möglicherweise etwas über seine Familie? Elisabeth hatte ihm längst gezeigt, wie man einen Computer benutzte und da sie auf dem Rechner im Büro keine persönlichen Daten gespeichert hatte, konnte er ihn jederzeit benutzen.

An der Tür angekommen blieb sie einen Moment unentschlossen stehen, doch dann nahm sie sich ein Herz und klopfte leise an. Sie schob sich ins Innere des nur spärlich beleuchteten großen Raumes und ging langsam auf William zu, der in einem Lesesessel hockte und ein altes Buch in Händen hielt. Die Leselampe hinter ihm warf merkwürdige Schatten, doch Elisabeth erkannte, dass sein sonst so offenes, freundliches Gesicht einen verbissenen Ausdruck hatte und er sich alle Mühe gab, nicht aufzusehen.

„William?", fragte sie leise, denn er sah nicht ein einziges Mal kurz auf. „Ist alles in Ordnung mit dir?"

„Mir geht es prima", sagte er bemüht fröhlich, aber sein Blick blieb an den Zeilen auf der offenen Seite hängen. „Ich bin nur gerade sehr in dieses Kapitel vertieft und würde nur ungern pausieren. Es ist wirklich äußerst spannend."

„William", sagte Elisabeth mit gerunzelter Stirn und betrachtete das Buch für einen Augenblick. „Du hast da einen Band von Sir Peter Worthly in der Hand. Er hat die wohl langweiligsten Abhandlungen über das britische Recht des 19. Jahrhunderts verfasst, die es je gegeben hat." Immerhin war Elisabeth Bibliothekarin und sie hatte zudem an einer Universität gearbeitet, wo solche Werke zum Standard gehörten, egal wie belanglos sie waren. Sie hatte es auf Anhieb erkannt und glaubte, er habe einfach eins der Bücher aus dem Regal genommen und aufgeschlagen, damit er sich nicht mit ihr unterhalten musste.

Das dicke Buch klappte laut zu und William Grey sprang auf. „Mir ist heute einfach nicht nach einer Unterhaltung", sagte er patzig und vermied weiter jeden Blickkontakt mit ihr. „Doch meine gute Erziehung lässt mich gewöhnlich irgendwelche Belanglosigkeiten plappern, anstatt zu direkt zu werden."

„Du bist sauer", stellte sie fest und lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen an den Billardtisch. „Die Frage ist nur, warum du so schlechte Laune hast?" Sie machte sich Gedanken um ihn, denn er war vollkommen anders als sonst. In den wenigen Wochen, die sie ihn nun kannte, hatte sie ihn stets als höflich, nett und zuvorkommend erlebt. Nie zuvor, nicht einmal bei all den schlimmen Nachrichten, die sie ihm eröffnet hatte, hatte er so wütend ausgesehen wie gerade jetzt im Augenblick. „Vielleicht kann ich dir ja helfen. Sag mir doch einfach, was dich bedrückt."

„Ich kann es dir nicht sagen", meinte er, seufzte und entfernte sich dann von ihr. Er umrundete den Spieltisch, nahm eine Billardkugel und rollte sie auf der Platte hin und her. „Ich kann und darf es dir nicht sagen", meinte er und rollte die Kugel in das gegenüberliegende Loch. „Du solltest dich lieber von mir fernhalten. Du solltest dir überlegen, das Haus zu verkaufen und soweit wegzuziehen, wie es nur geht. Ich habe dein Leben schon genug verkompliziert."

Völlig verdutzt sah sie ihn einen Moment an. „Wieso glaubst du, du hättest mein Leben…."

„Meine Güte, Elisabeth", fuhr er hoch. „Reicht es nicht, dass du ein Haus besitzt, in dem ein Geist herumspukt? Ist das nicht kompliziert genug?"

„Aber du bist kein Geist", sagte sie verwirrt. „Ich dachte, darüber wären wir uns einig."

„Es geht aber nicht darum, über was wir uns einig sind", schimpfte er. „Hast du je darüber nachgedacht, wie das hier weitergeht? Machen wir uns doch nichts vor. Ich laufe noch in dreihundert Jahren durch dieses Haus, sollte es dann noch stehen. Aber was ist mit dir? Du bist eine junge, wunderhübsche Frau. Irgendwann wirst du einen Menschen finden, an den du dich binden willst. Und was dann? Erzählst du ihm von mir? Soll er schreiend weglaufen? Und selbst wenn er es nicht tut! Glaubst du, er wäre begeistert, wenn du die Nächte mit einem andern Mann verbringst? Und schauen wir noch weiter in die Zukunft: Was erzählst du deinen Kindern?"

Fassungslos starrte sie ihn an, dann schüttelte sie den Kopf. „Greifst du dem Ganzen nicht ein wenig vor?"

„Vorgreifen?", wiederholte er und schnaufte. „Dieser Schönling von heute Abend würde dir dabei bestimmt nicht zustimmen. So wie er dich angesehen hat, sah es aus, als würde er dich mit Haut und Haaren fressen wollen. Widerlich! Ich halte ihn für einen Schleimer! Ich denke nicht, dass er…"

„Ach du meine Güte", schluckte Elisabeth, als sie begriff, was sich gerade abspielte. „Du bist eifersüchtig!"

„Nein", schoss er hoch und wandte sich schnell ab, zu schnell für Elisabeths Geschmack. „Nein. Bestimmt nicht. Es ist nur… Gott, Elisabeth. Für dich vergeht die Zeit vielleicht wie im Flug. Für mich aber nicht. Meine Tage sind endlos, nur die Nächte sorgen dafür, dass ich nicht vollkommen den Verstand verliere!" Er zuckte zusammen, als er sie plötzlich neben sich sah. Er hatte nicht gehört, dass sie ihren Platz auf der anderen Seite des Tisches verlassen hatte. „Bitte nicht", sagte er, als sie seinen Arm fasste. Lügen waren sowieso nicht seine Stärke, wenn er ihr jetzt in die Augen sehen musste, hatte er verloren.

„Schau mich an", forderte sie ihn auch prompt auf und William schüttelte den Kopf. „Vielleicht wäre es wirklich besser, du würdest das Haus verkaufen, und vergessen, dass es mich gibt."

„Ich werde bestimmt nicht von hier wegziehen", sagte sie fest, denn sie hatte schlagartig begriffen, warum sie Matthew Dashwood niemals lieben konnte. Sie hatte ihr Herz längst verschenkt, so seltsam die Situation vielleicht auch war. „William, schau mich an und sag mir, dass du nicht eifersüchtig bist und dich deswegen so aufregst."

William fuhr herum. „Das kann ich nicht", schimpfte er und versuchte Abstand zu gewinnen. „Und selbst wenn es so wäre? Was würde das ändern?"

„William, ich…", versuchte Elisabeth ihn zu beruhigen, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Ich bin kaum mehr als ein Gespenst, auf ewig dazu verdammt, meine Tage in einem Gemälde zu verbringen. Du hingegen kannst ein ganz normales Leben führen und ich bin nicht so vermessen zu glauben, du könntest auch nur annähernd…." Die Kraft schien aus ihm zu weichen und er ließ die Schultern hängen. „Verdammt, Elisabeth. Verstehst du das nicht? Selbst wenn ich mich in dich verliebt hätte, es würde nichts ändern. Dein Leben ist durch mich kompliziert genug. Ganz sicher würde ich…."

Diesmal war es Elisabeth, die unterbrach. „Warum glaubst du, für mich entscheiden zu können?", fragte sie leise und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.

„Vielleicht, weil ich das Beste für dich will. Nicht noch mehr Probleme und unlösbare Schwierigkeiten." Er sah auf und Elisabeth sah den Schmerz in seinen Augen. „Ich habe sowieso schon mehr verraten, als ich je wollte", sagte er tonlos. „Aber ich bin mir darüber im Klaren, dass du meine Gefühle nicht erwiderst und darüber bin ich ehrlich gesagt sehr froh. Dir steht ein besseres Leben zu, ein besserer Mann."

„Du entscheidest schon wieder für mich", sagte sie, lächelte aber. „Außerdem habe ich mich längst entschieden, auch wenn ich das gerade eben erst begriffen habe."

William war verwirrt und sah sie an. Emotionen der verschiedensten Art waren auf seinem Gesicht zu lesen, doch als er verstand, worauf sie hinauswollte, schüttelte er den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Um Gottes Willen", entfuhr es ihm. „Tu dir das nicht an! Dein Leben ist durch mich schon verworren genug. Es soll nicht noch schwerer werden! Und das würde unweigerlich geschehen!"

„Vielleicht mag ich es ja kompliziert", sagte sie und ging langsam auf ihn zu. Sie nahm seine Hände, die sich eiskalt anfühlten. „Ich weiß, wie verrückt die Situation ist und ich weiß auch, dass es vielleicht kein gutes Ende für uns gibt. Aber ich bin nicht bereit, deswegen alles aufzugeben. Wir sollten… du solltest die Hoffnung nicht aufgeben."

„Was für eine Hoffnung?", sagte er leise. „Mein Leben, oder wie immer du es auch nennen willst, war die reine Hölle. Bis du kamst. Doch jetzt, jetzt wird alles nur noch schlimmer, weil ich weiß, dass es niemals, wirklich niemals funktionieren könnte. Ich könnte nur wenige Stunden bei dir sein, müsste immer zurück und…. Verdammt, Elisabeth, bitte. Tu dir das nicht an. Du verdienst einen Mann, der zu jeder Zeit für dich da ist, nicht einen, auf dem ein Fluch liegt!"

Elisabeth überwand die geringe Distanz zwischen ihnen Stück für Stück. „Ich habe viel und lange darüber nachgedacht, mehr als du vielleicht ahnst. Und ich weiß, sollten wir den Fluch je lösen können, dass die Möglichkeit besteht, dass es dich dann nicht mehr gibt. Du hast es bisher nie gesagt, doch ich bin mir sicher, dass du diesen Weg wählen würdest, um endlich frei zu sein."

Sie holte Luft und lächelte dann, wenn auch sehr traurig. „Ich würde es verstehen, denn ich würde den gleichen Weg wählen. Aber noch ist es nicht soweit. Und vielleicht hast du Recht und der Tag wird nie kommen." Sie machte eine Pause und war seinem Gesicht nun so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. „Aber warum willst du uns ein kleines bisschen Glück verweigern? Vielleicht ist es das kleine bisschen, das uns vom Schicksal gegönnt wird."

„Elisabeth, bitte", versuchte er es ein letztes Mal, doch dann warf er alle Zweifel über Bord, zog sie an sich und küsste sie stürmisch.

Teil 10

Es war kurz vor Mitternacht und Elisabeth stand am Fuß der Treppe und wartete gespannt auf Williams Erscheinen. Der Tag war endlos gewesen, Minuten hatten sich zu Stunden gezogen und nicht einmal das unangenehme Gespräch, das sie am frühen Vormittag mit Matthew Dashwood geführt hatte, hatte sie lange ablenken können. Auch wenn der Sohn des Landschaftsgärtners nicht gerade erfreut über ihre Abfuhr gewesen war, so hatte er doch schnell seinen gekränkten Stolz vergessen. Das viele Geld, das Elisabeths Auftrag der Firma seines Vaters in die Kasse spielte, war offensichtlich wichtiger gewesen. Doch Elisabeth war das nur recht.

Dann war es endlich soweit. Der Minutenzeiger der Wanduhr stellte sich auf die Zwölf ein und William verließ das Gemälde. Unsicher sah er sie an und kam auch nur langsam näher. „Ich war mir nicht sicher, dich hier zu sehen", sagte er und sah sie fragend an. „Ich habe dich nur einmal kurz am Morgen gesehen und da bist du so schnell die Treppe hinabgelaufen, dass ich dachte, du hättest es dir anders überlegt."

„Oh Gott, nein", beeilte sich Elisabeth zu sagen und stieg langsam die Stufen zu ihm hinauf. „Es ist albern, ich weiß. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich reagieren sollte." Sie langte bei ihm an und nahm seine Hand. „Weißt du, es ist ein seltsames Gefühl. Ich wollte eigentlich nicht wortlos an dir vorbeilaufen, doch irgendwas zu sagen, wie… „bis später, Süßer"… wäre auch seltsam gewesen. Vor allem, wenn mich dabei noch jemand gehört hätte, der zufällig gerade in der Halle war."

„Verstehe", lächelte er und zog sie an sich. „Vielleicht sollten wir ein geheimes Zeichen verabreden, dass nur wir verstehen. Denn ich muss gestehen, die Stunden der Ungewissheit waren nicht einfach für mich."

„Das lag nicht in meiner Absicht", sagte sie, bedachte ihn mit einem gekonnten Augenaufschlag und stellte sich dann auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

„Das hat auch den letzten Zweifel weggewischt", murmelte er nach einer Weile atemlos und schlang seine Arme um sie. „Noch so einen Kuss und ich trage dich auf der Stelle dorthin zurück, wo ich dich heute Morgen verlassen musste. In dein Bett!"

William wollte sie erneut küssen, doch Elisabeth entwand sich kichernd seinem Griff. „Oh nein", lächelte sie frech. „So leicht lassen sich junge Frauen heutzutage nicht verführen." Sie nahm seine Hand und leitete ihn langsam die Treppe hinunter.

„Schade", sagte er gespielt traurig. „Gestern war es noch so einfach, wenn ich mich recht erinnere." Dann blitzen seine Augen auf und er beeilte sich sie einzuholen. Er hob sie in seine Arme und lächelte sie an. „Wo möchten Mylady stattdessen hin?"

„In den Salon, Mylord", ging sie auf sein Spiel ein und küsste flüchtig seine Wange. „Ich habe uns eine Flasche Wein besorgt, muss aber gestehen, dass ich sie nicht öffnen kann. Der Korken strotzt all meinen Bemühungen."

William lachte und trug sie leichtfüßig durch die Halle. Im Salon angekommen setzte er sie sanft auf einem der Sofas ab und nahm dann die Flasche Rotwein. Elisabeth hatte nicht übertrieben. Der Korken war durch ihre Versuche schon arg in Mitleidenschaft gezogen worden und ließ sich ohne weiteres nicht mehr herausziehen. „Am besten ich gehe damit in die Küche", meinte er. „Ich lasse mir was einfallen. Zur Not köpfe ich die Flasche. Hauptsache es dauert nicht zu lange!"

Kichernd zog Elisabeth die Beine unter ihren Körper und sah ihm eine Weile hinterher. Dann jedoch erregte ein Lichtkegel hinter ihr ihre Aufmerksamkeit und sie sprang auf und blickte aus dem Fenster. Ein Taxi fuhr langsam die Auffahrt herauf, hielt und wenige Sekunden später entstieg ihre beste Freundin dem Wagen. Vollkommen verblüfft starrte sie eine Schrecksekunde auf die Szene vor dem Haus, dann stürmte sie durch die Halle, riss die Haustür auf und umarmte ihren unerwarteten Gast stürmisch. „Mein Gott, Willow", rief sie freudig. „Was machst du denn hier?"

„Du hast meine Email also nicht gelesen", erwiderte die rothaarige junge Frau lachend. „Na, macht nichts. Du wirst mich wohl nicht wieder wegschicken." Sie bezahlte den Fahrer, der gerade ihr Gepäck auf die Einfahrt wuchtete und wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu. „Du hast dich gewaltig verbessert", sagte sie neckend und zeigte auf das Haus, das zum größten Teil im Dunkeln lag. „Von einem kleinen Appartement zu einem… wie ist das richtige Wort dafür? Anwesen?"

„Unwichtig", lachte Elisabeth und schnappte sich eine Reisetasche. „Es ist so schön, dass du da bist. Aber lass uns hineingehen. Es ist kalt geworden."

Die beiden jungen Frauen betraten die Halle in dem Moment, als William aus der Küche kam. „Geschafft", sagte er. „Sie ist offen und… oh." Er stockte mitten in der Bewegung und sah unsicher zu Elisabeth. „Hallo", brachte er schließlich über die Lippen, blieb aber sicherheitshalber an Ort und Stelle stehen.

Willow sah neugierig von einem zum anderen, dann lächelte sie sachte. „Habt ihr beide etwas für ein Theaterstück geprobt?", fragte sie und deutete mit dem Kopf auf William. „Für Thanksgiving?"

„Allerdings", sagte William schnell, doch Elisabeth schüttelte den Kopf. „Nein, Will." Sie holte tief Luft. „Darf ich dir William vorstellen? William Grey, Willow Rosenberg."

Willow stutzte und sah ihre Freundin verwirrt an. „William Grey? Der William Grey, über den ich Informationen im Netz suchen sollte? Das kann nicht sein. Oder doch?" Sie räusperte sich und sah Elisabeth schockiert an. Doch schon nach nur einem Blick wurde ihr bewusst, dass ihre beste Freundin keinen bösen Scherz machte. Dafür kannte sie sie einfach zu gut. „Okay", brachte sie heraus. „Mir wird gerade ein wenig schwindelig. Ich glaube… glaube, ich sollte mich setzen."

 

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Eine halbe Stunde später hatte Elisabeth ihrer Freundin alles Wissenswerte dargelegt und die rothaarige junge Frau untersuchte gerade interessiert das leere Gemälde am Absatz der Treppe.

„Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee war, sie einzuweihen?", fragte William Elisabeth leise und ließ die junge Frau nicht aus den Augen, die sein Gefängnis eingehend betrachtete. Er war sich eher unsicher, hoffte allerdings darauf, dass Elisabeth das Richtige tat.

„Es gibt nicht viele Menschen, denen ich vollkommen vertraue", sagte Elisabeth leise und nahm seine Hand. „Willow ist einer davon. Das wirst du schnell bemerken, dass sie anders ist als andere Menschen", sie lächelte ihn an. „Aber ich glaube, du wirst sie mögen."

„Ihr wisst schon, dass das der reine Wahnsinn ist", sagte Willow nun und kam langsam die Stufen herab. „Das ist einfach unglaublich und doch…" Sie blieb vor Elisabeth stehen und lachte. „Ich bin so aufgeregt und würde mich am liebsten für diese Erfahrung bedanken!"

„Bedanken?", fragte William und schüttelte verwirrt den Kopf. Er wusste ohnehin schon nicht, was er davon halten sollte, dass jetzt gleich zwei junge Frauen sein Geheimnis kannten. Elisabeth war etwas ganz Besonderes, das hatte er gleich gespürt, aber diese Willow Rosenberg war seltsam und er verstand nicht, warum sie so offensichtlich freudig erregt reagierte. „Wieso willst du dich bedanken?"

„Es ist albern. Ich weiß", sagte Willow und ihr Teint passte sich ihrer Haarfarbe an. „Aber ich habe schon immer an das Übernatürliche geglaubt. An Flüche, Magie und alles was sonst noch dazugehört. Es jetzt wirklich zu erleben ist einfach unglaublich und …." Sie lächelte breit, doch dann stockte sie und schluckte schwer. „Ich muss mich wirklich entschuldigen. Ich schnattere wie eine aufgeregte Ente und dabei hast du ein wirklich schweres Los zu tragen." Sie sah William an. „Es tut mir aufrichtig leid." Dann wandte sie sich an Elisabeth. „Warum bremst du mich denn nicht, wenn ich mich so furchtbar aufführe und daneben benehme?"

Doch Elisabeth lachte nur. „Ich hatte eine derartige Reaktion von dir erwartet. Ich kenne dich schon so lange und wusste, dass dich diese Neuigkeit nicht umwirft. So bist du immer. Du stürzt dich begierig auf alles, was neues Wissen für dich bedeuten könnte."

„Aber William musste ja nicht in den ersten Minuten erfahren, wie durchgeknallt ich manchmal bin", beschwerte sich die rothaarige junge Frau. „Was soll er denn von mir denken?" Sie sah ihn direkt an. „Ich bin nicht immer so. Ehrlich nicht. Nur, wenn mir etwas so Außergewöhnliches passiert."

Diesmal war es William, der lachen musste. „Nun, jeder reagiert anders. Elisabeth hätte mich garantiert am liebsten erschlagen, als sie mich das erste Mal gesehen hat. Hätte sie eine Waffe zur Hand gehabt…"

„Hey", widersprach Elisabeth, lächelte aber. „Es war mitten in der Nacht, stockdunkel und ich hatte eine Heidenangst vor dir."

„Was sich jetzt ja gelegt hat", sagte William sanft und nahm ihre Hand.

„Oh", entfuhr es Willow und sie machte große Augen. „Ich verstehe. Ich bin wirklich zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen." Sie sah Elisabeth an und zuckte verlegen mit den Schultern. „Aber ich hatte wirklich gedacht, du hättest meine Email gelesen. Ich kann auch wieder fahren. Ich wäre nicht böse und…"

„Du bist hier jederzeit willkommen, Will", sagte Elisabeth. „Und ich meine es so wie ich es sage."

„Das glaube ich dir", erwiderte die Rothaarige verlegen. „Trotzdem störe ich und…"

„Jetzt ist es aber gut", schimpfte Elisabeth. „Du bist mir eine große Hilfe. Ich brauche dringend eine Verbündete im stillen Kampf gegen meine Hausdame. Außerdem lasse ich den Park neu anlegen. Und das dich das interessiert, weiß ich."

„Also gut", nickte Willow. „Aber wenn ich einem von euch beiden auf die Nerven gehe, dann sagt es mir einfach und ich verschwinde auf der Stelle!"

 

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Rose Henderson fiel aus allen Wolken, als am frühen Morgen gleich zwei junge Frauen die Küche betraten. Mit gewohnt entsetzter Miene fasste sie sich ans Herz und machte ein erschrockenes Gesicht. „Ich wusste nicht, dass wir einen Gast haben", sagte sie und warf Elisabeth einen vorwurfsvollen Blick zu. „Sie hätten mir das sagen müssen, Miss Summers. Ich habe gar nicht genug Vorräte für zwei Personen im Haus."

Doch noch bevor Elisabeth antworten konnte, sprang Willow in die Bresche. „Es ist meine Schuld, Mrs. Henderson. Elisabeth wusste nicht, dass ich komme. Es sollte eine Überraschung werden und ich bin erst gestern sehr spät am Abend eingetroffen. Aber wenn mein Hiersein Probleme bereitet, bin ich gerne bereit, in die Stadt zu fahren und einzukaufen."

„Das wird nicht nötig sein", erwiderte Rose, keineswegs zufrieden. „Ich werde Emily Jones anrufen, die heute Morgen sowieso aus der Stadt heraufkommt. Ich werde sie einfach bitten, vorher noch ein paar Einkäufe zu tätigen." Sie nickte den beiden Frauen zu und eilte aus der Küche.

„Jetzt weiß ich, was du meinst", sagte Willow, sah die nun geschlossene Küchentür an und setzte sich an den Frühstückstisch. „Sie ist ein Drache!"

„Allerdings", lachte Elisabeth und deckte den Tisch für eine zweite Person. Dann setzte sie sich ebenfalls lächelte versonnen. „Sie wird es hassen", grinste sie. „Bestimmt wird sie mir das noch Wochen vorwerfen. Doch das ist mir wirklich egal. Ich bin nun mal nicht meine Großtante wenn es ihr nicht passt, dann soll sie kündigen!"

„Du siehst glücklich aus", sagte Willow nach einer Weile, die beide stumm verbracht hatten. „Ich habe dich lange nicht mehr so strahlen sehen."

„Ich bin auch glücklich. Gewissermaßen", gab Elisabeth zu, konnte aber ein Seufzen nicht verhindern. „Allerdings ist es nicht ganz so einfach, wie es vielleicht aussieht. Ich würde William wirklich gerne helfen."

„Ich klemm mich dahinter", sagte Willow. „Ich habe ein paar Kontakte, die ich fragen kann. Ich werde natürlich nichts verraten", sagte sie schnell. „Darum musst du dir keine Sorgen machen."

„Das weiß ich doch", nickte Elisabeth und nahm sich ein Brötchen. „Ich kann mich auf dich verlassen. Das ist gar keine Frage." Sie seufzte wieder und sah ihre Freundin an.

„Was ist dann das Problem?", hakte Willow leise nach und goss sich Tee in ihre Tasse.

„Will", sagte Elisabeth ernst. „Ich glaube, ich habe zum ersten Mal wirklich mein Herz verschenkt. Verstehst du, was ich meine?" Sie wartete einen Moment und seufzte, als ihr Gegenüber nickte. „Wenn es wirklich gelingt, den Fluch zu brechen… wenn wir es wirklich schaffen und… und es ihn danach nicht… nicht mehr gibt…."

„Oh Gott, Elisabeth", sagte Willow erschrocken und nahm die Freundin fest in die Arme. An diese Möglichkeit hatte sie noch gar nicht gedacht. „Warte es doch erst einmal ab. Noch ist es nicht so weit und…"

Weiter kam sie nicht. Ein aufgeregter Henry Coventry stürmte in die Küche und keuchte schwer. „Rose?", rief er, erkannte dann die Hausherrin und schnappte nach Luft. „Wir brauchen einen Krankenwagen. Schnell! Einer der Arbeiter ist mehrere Meter tief gestürzt und ist nun bewusstlos!"

Teil 11

Um die Unglücksstelle im hintersten Winkel des Parks herum brach ein heilloses Durcheinander los. Männer liefen eilig hin und her, riefen sich gegensätzliche Befehle zu und schließlich wurde ein Seil zu dem Verunfallten herabgelassen. Rechtzeitig zur Ankunft des Notarztes schafften es die Mitarbeiter der Landschaftsgärtnerei den Verletzten aus der Kuhle zu hieven. Elisabeth und Willow sahen dem aufgeregten Treiben aus einiger Entfernung zu. Ebenso wie Henry Coventry, der alles argwöhnisch beäugte.

„Miss", raunte er Elisabeth in einem günstigen Augenblick zu, in dem alle Anwesenden nur auf den Verunfallten achteten. „Lassen Sie die Arbeiten für heute ruhen. Es ist Freitag, zudem bald Mittag und länger als zwei Stunden würden die Männer sowieso nicht mehr bleiben. Schicken Sie sie nach Hause!"

„Warum sollte ich…?", erwiderte Elisabeth ebenso leise, wie er gesprochen hatte. Sie war ein wenig verblüfft über die Heimlichtuerei ihres alten Gärtners und sah ihre Freundin an, die allerdings nur mit den Schultern zuckte.

„Bitte! Vertrauen Sie mir. Ich werde Ihnen später alles erklären." Er ging auf die Traube Männer zu, die sich um den Verletzten geschart hatte und nickte, als die Sanitäter ihn auf die Trage legten. „Fasst mit an, Männer", sagte er zu den Angestellten der Landschaftsgärtnerei. „Der Mann ist schwer und der Weg bis zum Rettungswagen weit." Dann drehte er sich zu Elisabeth um und nickte fast unmerklich mit dem Kopf.

Elisabeth fühlte sich, als hätte sie ein Stichwort bekommen und nach kurzem Überlegen ging sie auf Matthew Dashwood zu, der dem Geschehen stumm zusah. „Lassen Sie Ihre Männer für heute Feierabend machen. Ich glaube, wir alle sollten uns erst von diesem Schock erholen." Das war natürlich ein wenig weit hergeholt, denn so schlimm war der Mann nicht verletzt. Doch etwas Besseres fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.

Matthew sah sie eine Weile fragend an und zuckte schließlich mit den Schultern. „Sie sind der Boss. Aber solche Unfälle geschehen", sagte er. „Und ein gebrochenes Bein ist besser als ein gebrochenes Genick."

„Trotzdem", sagte Elisabeth bestimmt und sah kurz zu ihrer Freundin, die noch immer etwas abseits stand und ein verwirrtes Gesicht machte. „Ich werde die Stunden natürlich vollständig bezahlen."

„Von mir aus", zuckte der Juniorchef der Landschaftsgärtnerei mit den Schultern und rief die Männer herbei, die keinen Platz mehr an der Trage gefunden hatten. „Packt zusammen, Jungs! Für heute ist Schluss!"

 

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Eine halbe Stunde später verließ auch der letzte Wagen von Dashwood & Sohn die Auffahrt und Willow und Elisabeth setzten sich auf die Parkbank vor dem Esszimmer und warteten auf den alten Gärtner, der mit ernstem Gesicht auch sogleich auf sie zueilte.

„Was hat das alles zu bedeuten?", fragte die Hausherrin geradeheraus. Sie konnte nicht verstehen, warum der alte Mann so darauf gedrängt hatte, dass die Arbeiten eingestellt wurden. Überhaupt irritierte sie sein Verhalten. Er war stets gutmütig und auf gewisse Weise sanft. Doch nun wirkte er nervös und angespannt.

Henry Coventry seufzte und zuckte mit den Schultern. „Es ist eine lange Geschichte und bestimmt werde ich sie ein wenig verquer wiedergeben, doch ich möchte Sie bitten, mir das zu gestatten." Er holte tief Luft, wartete auf ein zustimmendes Nicken und nickte seinerseits. „Mein Großvater war kein besonders guter Mann. Er war faul, bärbeißig und zudem ein übler Trinker. Meine Mom hasste ihn, weil sie ihn durchfüttern musste nachdem mein Vater gestorben war, doch ich hab die vielen spannenden Geschichten, die er zu erzählen wusste, immer geliebt. Meine Mutter sagte zwar stets, sie wären alle nur ausgedacht und glatt weg gelogen, doch ich hörte ihm dennoch gerne zu." Er machte eine Pause und überlegte einen Moment. „Wie schon gesagt, er war kein guter Mann, ständig betrunken und weiter als bis zum Hilfsarbeiter hat er es nie geschafft. Und doch war er einst hier auf dem Anwesen beschäftigt. Das war noch zu Lebzeiten des alten Spencer Graham."

Willow und Elisabeth sahen sich bei der Nennung des Namens an, sagten jedoch kein Wort, da es dem alten Mann ganz offensichtlich auch so schwer genug fiel, darüber zu reden.

„Wissen Sie", sagte Henry und lehnte sich müde an die Hauswand. „Er hat immer erzählt, der alte Graham hätte ein furchtbares Geheimnis und sollte je entdeckt werden, was so sorgsam verborgen wurde… dann würde der gute Ruf der Familie für immer zerstört werden." Er zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, mein Großvater war kein guter Mann und die meiste Zeit zu betrunken, um geradeaus zu gucken."

„Aber Sie haben der Geschichte trotzdem Bedeutung beigemessen", sagte Elisabeth und verstand nun so einiges. „Deswegen haben Sie auch das Immergrün bei unserer letzten Unterhaltung so in den Vordergrund gezogen. Sie vermuten ein Versteck auf dem Grundstück."

„Oder etwas in der Art", sagte der alte Gärtner. „Doch vielleicht nicht aus dem Grund heraus, den Sie vielleicht vermuten."

„Gut und schön", meldete sich nun Willow zu Wort, die sich bisher diskret zurückgehalten hatte. „Doch was hat all das mit dem Unfall zu tun?"

Ein schwerer Seufzer entfuhr Henry Coventry. „Miss, das war kein einfaches Loch, in das der Arbeiter gestürzt ist. Nicht irgendeine dumme Felsspalte oder Kuhle. Ich glaube, ich war der Einzige, der es überhaupt gesehen hat. Doch es war eine Treppe. Zugewachsen und kaum zu erkennen, und doch eine Treppe, die sonst wo hinführt."

„Ach du meine Güte", entfuhr es Elisabeth und sie sprang auf. „Sie glauben, Sie haben entdeckt, was auch immer hier versteckt sein soll."

Der alte Mann nickte. „Ich fühle mich der Familie Graham noch immer sehr verbunden, Miss Summers", sagte der Gärtner mit Stolz in der Stimme. „Ich wurde stets gut behandelt, schon als Kind, wenn ich hierher kam, um meinen Großvater abzuholen. Zudem hat Mays Vater mir eine Chance gegeben, obwohl er wusste, aus welch einer Familie ich entstammte. Er mag ein kauziger, griesgrämiger Mann gewesen sein, doch er war immer gut zu mir und war niemals herablassend. Wenn wirklich wahr ist, was mein Großvater stets behauptete, dann muss ich die Bloßstellung der Familie mit allen Mitteln verhindern. Das bin ich ihr schuldig!"

„Aber was könnte denn versteckt sein, was nach so vielen Jahren noch eine so große Bedeutung hat?", fragte Willow und man sah ihr an, dass ihr Kopf fieberhaft arbeitete. „Nach all den Jahren müsste längst über alles Gras gewachsen sein, wie man so schön sagt."

Henry Coventry zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist am Ende dieser Treppe auf gar nichts, aber ich werde keinesfalls zulassen, dass die Arbeiter vor mir dort hinuntergelangen. Ich werde noch heute herausfinden, was das alles zu bedeuten hat!"

 

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Die Dunkelheit war hereingebrochen, Rose Henderson war längst nach Hause gegangen und Elisabeth und Willow, die in der Küche am Tisch saßen, ging langsam der Gesprächsstoff aus. Beide hatten den ganzen Nachmittag über hin und her überlegt, gemutmaßt und wilde Theorien aufgestellt, doch irgendwann hatten sie aufgegeben und warteten nun gespannt auf den alten Gärtner.

Dann endlich öffnete sich die Küchentür und er schlurfte müde und mit hängenden Schultern herein. Er war über und über mit Schmutz bedeckt und seine Stimme krächzte, als er sie matt begrüßte. „Darf ich mich setzen?", fragte er dann und Elisabeth rückte ihm sofort einen Stuhl zurecht.

Sein Gesicht war wie ein offenes Buch und die junge Hausherrin fühlte sich plötzlich unwohl. „Sie haben tatsächlich etwas gefunden", stellte sie fest und war sich im gleichen Augenblick darüber im Klaren, dass sie Angst vor seiner Antwort hatte.

„Allerdings, Miss Summers", nickte Henry Coventry und nahm Willow dankbar das Glas Wasser ab, das sie ihm reichte.

„Was war es denn?", erkundigte sich die junge rothaarige Frau auch prompt und setzte sich wieder an den Tisch.

Eine lange Weile blieb der alte Gärtner stumm, dann sah er zu Elisabeth und seufzte. „Zwei Leichen." Mit fahrigen Fingern angelte er ein altersschwaches Notizbuch aus der Innentasche seiner Jacke und legte es vorsichtig auf den Tisch. „Er hat alles aufgeschrieben. Der Mann, der dort unten liegt", sagte er leise und schüttelte sich. „Ich habe nicht alles verstanden, aber es war grausam zu lesen."

Elisabeth nahm das Notizbuch und ihre Finger zitterten, als sie es öffnete. Eigentum von Edward Grey stand auf der ersten Seite geschrieben und sie holte tief Luft. Die ganze Zeit über hatte sie schon an William gedacht und sich gefragt, ob er im weitesten Sinne etwas mit der ganzen Angelegenheit zu tun haben könnte. Doch wie sollte sie ihm diese Neuigkeiten unterbreiten?

„Miss Summers", riss der alte Mann sie aus ihren Gedanken. „Noch weiß niemand außer uns davon", sagte er und warf Willow einen ernsten Blick zu. „Wir sollten es einfach dabei belassen. Draußen steht ein Bagger und ich weiß ihn durchaus zu bedienen. Ich kann die Treppe einreißen und den Boden planieren. Niemand muss jemals davon erfahren!" Er schüttelte den Kopf. „Und den Leuten von Dashwood kann ich sagen, dass ich sichergehen wollte, dass kein zweites Unglück geschieht und ich die Kuhle deswegen zugeschoben habe."

Diesmal war es Elisabeth, die eine Weile überlegen musste. Schließlich schüttelte die den Kopf. Sie hatte ganz andere Gründe, als sie dem alten Gärtner erklären könnte und sie fühlte eine unbestimmte Angst in sich aufsteigen. „Das kann ich nicht sofort entscheiden", sagte sie darum. „Keiner von uns wird auch nur ein Wort darüber verlieren, aber ich muss erst darüber nachdenken." Sie dachte an William und daran, wie sie ihm die Neuigkeiten beibringen sollte. Sie wusste, welche Leichen in dem Versteck lagen, noch bevor sie Edwards Buch gelesen hatte und ihr Herz wurde schwer.

„Wir sollten wirklich jetzt gleich handeln", begehrte der alte Gärtner auf. „Sofort. Noch heute Nacht!"

„Nein. Wir dürfen diese Entscheidung nicht übereilen", sagte Willow und kam ihrer Freundin zu Hilfe, die ganz offensichtlich mit ihren Gedanken ganz woanders war. „Es ist dunkel, wir alle müssen diesen Schock verdauen und… entschuldigen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen so aus, als könnten auch Sie eine Pause gut gebrauchen."

„Aber es geht auch um Ihre Familie", sagte der alte Gärtner unwirsch und sah Elisabeth bittend an. „Auch sie entstammen dieser Familie! Sie dürfen nicht zulassen, dass… Miss Summers, wenn Sie das Buch gelesen hätten, dann…"

„Genau darum geht es doch", sagte Elisabeth matt. „Ich muss es erst lesen, bevor ich entscheiden kann." Sie konnte sich kaum mehr konzentrieren und sah immer wieder auf ihre Armbanduhr. Es waren noch zwei Stunden, bis William sein Gefängnis verlassen konnte und sie wusste nicht, ob sie sein Erscheinen herbeisehnen oder verdammen sollte. Eine unglaubliche Angst bemächtigte sich ihrer und sie sah ihre beste Freundin verzweifelt an. „Ich muss es erst lesen. Ich muss wissen, was darin steht."

Willow sah, dass der alte Mann sich damit nicht zufrieden geben wollte und sprang in die Bresche. „Morgen ist Samstag", meinte sie, „und wenn ich das richtig verstanden habe, ist keiner der Angestellten hier. Weder die der Landschaftsgärtnerei, noch Rose Henderson. Warum machen wir es denn nicht so, dass wir die Entscheidung auf Morgen verschieben? Wir können uns in aller Herrgottsfrühe hier wieder treffen und dann beratschlagen, was am besten zu tun ist."

Henry Coventry brummte missmutig, doch Elisabeth nickte und legte das Notizbuch zurück auf den Küchentisch. „Wir entscheiden Morgen", sagte sie bestimmt. „Außer uns Dreien wird niemand hier sein und bis dahin habe ich eine Entscheidung getroffen."

Teil 12

Fassungslos starrte William Grey auf das schwarze, zerschlissene Notizbuch seines Zwillingsbruders, an das er sich noch so gut erinnern konnte. Immerhin hatte er einst ein ebensolches besessen, ein Abschiedsgeschenk der Mutter vor der langen Reise nach Amerika. Und noch immer konnte und wollte er nicht glauben, was Edward getan und dazu noch aufgeschrieben hatte.

Elisabeth hatte ihm das Notizbuch überreicht, mit Tränen in den Augen, dann hatten sie und Willow ihn alleine gelassen. Sie hatten ihn im Salon die Ruhe gegeben, die er nun dringend brauchte und er war den beiden jungen Frauen dankbar dafür. Seine Gefühle seinem Bruder gegenüber fuhren jedoch Achterbahn. Er war gleichzeitig furchtbar böse, aber auch voller Mitleid und William öffnete das Büchlein ein drittes Mal. Er hoffte auf ein Wunder, darauf, dass sich die Zeilen veränderten, wenn er es ein weiteres Mal las. Doch diesen Gefallen wollten sie ihm nicht tun.

Ich habe versagt… las er wieder die Worte, die Edward vor so vielen Jahren in seiner krakeligen Handschrift geschrieben hatte. Habe als Sohn versagt, als Bruder und als Mensch. Ich war niemals so ruhig und ausgeglichen, wie mein Vater es von mir erwartete. Ich war ein Hitzkopf, ein Draufgänger mit lauter dummen Flausen im Kopf. Ganz im Gegensatz zu meinem Bruder, der genauso war, wie unsere Familie es erwartete.

William war der bessere Mann. Er war es immer und ich schreibe diese Zeilen ohne Neid, aber voller Scham. Denn ich alleine trage die Schuld an seinem frühen Tod. Vater hat einen Fehler gemacht, vielleicht den einzigen, den er je begangen hat. Sein Vertrauen in mich war zu groß, viel zu groß. Er schickte mich in eine neue Welt und es bedurfte nur weniger Tage, um mich darin zu verirren.

So groß, neu und einfach. Und ich wollte ausbrechen, aus der Strenge, die mich stets umgeben hatte. Wollte frei sein und bin tief gefallen. Ich bin ausgebrochen, habe versagt und trage nun eine Schuld auf meinen Schultern, die nicht zu tilgen ist. William ist für meine Taten gestorben, für meinen Leichtsinn, für meine Dummheit!

Aber ich habe mich gerächt, furchtbar an denen gerächt, die den falschen Mann bestraften. Ich habe sie gejagt. Jeden einzelnen von ihnen. Und ich habe sie erwischt und getötet, einen nach dem anderen.

Lange Jahre, Jahrzehnte hat es mich gekostet, sie alle in diesem weiten Land aufzuspüren. Familien mussten für meine Vergehen leiden. Meine eigene ebenso sehr wie die Familien, denen ich das Oberhaupt nahm. Doch das alles war es mir wert. Denn es war die einzige Möglichkeit, meine Schuld zu tragen, sie anzunehmen und zu begreifen.

Nur SIE konnte ich nicht finden, denn sie war geflohen, wie schon einmal zuvor. Doch meine Schuld trug mich all die Jahre, und irgendwann auch zu ihr. Zu der Frau, die ich einst über alles geliebt habe. Genau wie ich war sie vor der Strenge, der Enge der Familie geflohen. Damals, als wir uns das erste Mal begegneten. Aber sie fanden sie, ihre Brüder, ihre Cousins… und sie hat mich der abscheulichsten Verbrechen beschuldigt. Um ihre eigenen Haut zu retten! Nicht aber die Williams!

Habe sie nicht gleich getötet, wie all die anderen. Ich schleppte sie zurück in das Haus in Maine, dorthin zurück, wo alles vor so vielen Jahren begann. Sie sollte sehen, mit eigenen Augen sehen, was sie mir und meinem Bruder mit dieser abscheulichen Hexerei angetan hat. Sie sollte sich vor das Porträt stellen und meinem Bruder in die Augen sehen. Sie sollte begreifen, was sie mir und ihm angetan hat. Sie sollte leiden, ebenso wie ich es all die langen Jahre getan habe!

Spencer Graham, der wusste… der wirklich wusste, was ich all die Jahre trieb, hatte sein Versprechen gehalten und mir eine Gruft, ein Grab gebaut, dass ich niemals für mich alleine haben werde. Er war ein alter, des Lebens überdrüssiger Mann, als ich schließlich zurückkehrte, doch er sah mich mit einer grimmigen Entschlossenheit an, wie ich sie selbst immer nur in meinen Augen gesehen habe.

Er hatte alles perfekt vorbereitet, denn ich hatte ihm geschworen, die Schuldige zurückzubringen. Nur so konnte auch er die Schuld begleichen, die er meinem Vater über empfand. Er sorgte für einen Ort, an dem ich für immer verborgen sein würde. Nur ich und SIE! Ich habe sie mitgenommen, schrecklich leiden lassen und nun… nun ist es an der Zeit, auch mein unsägliches Leben zu beenden.

Für meine Taten gibt es keine Entschuldigung. Genauso wenig wie für den Schmerz, der mir und meiner Familie angetan wurde.

Edward Grey, August 1927

 

William klappte das Buch zu und in seinen Augen schwammen Tränen. Er legte es auf den Tisch und seufzte. Edward hatte furchtbare Dinge getan, hatte Menschenleben ausgelöscht und doch konnte er ihn deswegen nicht verdammen. Tiefes Mitleid war alles, was er empfinden konnte. Sein Bruder hatte schrecklich gelitten in all den langen Jahren, ebenso sehr gelitten, wie er selbst und er fragte sich, ob Edward ebenso reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass er, William, immer noch am Leben war. Gebunden an einen Fluch, doch nicht verloren, wie er es angenommen hatte.

Langsam stand er auf und ging auf die Tür zu, hinter der Elisabeth auf ihn wartete. Sie würde ihn verstehen, dass wusste er. Er öffnete die Flügeltüre, trat hinaus in die Halle und sah sie auch sogleich auf ihn zukommen. „Hey", sagte er matt, denn seine Stimme wollte ihm nicht ganz gehorchen.

Elisabeth erwiderte nichts, sondern nahm ihn einfach in den Arm. „Geht es dir gut?", fragte sie nach einer langen Weile.

„Nicht wirklich", erwiderte William leise und küsste ihre Stirn. „Ich muss ihn sehen", sagte er dann. „Ein letztes Mal. Ich muss mich verabschieden." Er seufzte tief. „Und ich hoffe du verstehst, dass ich alleine gehen möchte."

„Sicher", nickte Elisabeth. „Ich werde hier auf dich warten."

 

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Seine Beine waren bleischwer, jeder Schritt tat weh, doch er kämpfte sich Schritt für Schritt weiter auf das von Spencer Graham geschaffene Grab zu. Unzählige Male hatte er diese Wege beschritten, unzählige Nächte hatte er im Park verbracht, war herumgeschlichen, um die tristen Stunden zu vertreiben, doch er hatte nicht einmal geahnt, dass sich sein Bruder in unmittelbarer Nähe befand. All die Jahre hatte er eine tiefe Verbundenheit zu dem alten Haus und dem Garten gefühlt, aber nicht damit gerechnet, etwas Derartiges vorzufinden.

Eine schwere Taschenlampe war sein einziger Begleiter und das letzte Stück des Weges brauchte er ihre Hilfe. Die Landschaftsgärtner hatten ganze Arbeit geleistet. Kein Stein lag mehr auf dem anderen und es gab metertiefe Kuhlen, die er umrunden musste, bis er endlich an der dunklen Treppe anlangte, die so unendlich viele Jahre verborgen gewesen war.

Henry Coventry hatte sie nur teilweise geräumt. Dicke Wurzeln versperrten partiell die Wege und dicke Ranken hatten die Stufen angeschoben, sie uneben und schräg werden lassen. William atmete ein letztes Mal tief ein, dann stieg er vorsichtig die Treppe hinab, die an einer dicken Holztür endete. Offenbar war sie verriegelt gewesen, gesichert mit einem dicken Bügelschloss, doch der Gärtner hatte es mit einer Axt gespalten, die immer noch am Eingang stand.

„Edward, was hast du nur getan?", murmelte er leise, nahm allen Mut zusammen und betrat die Gruft. Sie war weitaus größer, als er es erwartet hatte. Innen führte eine breite Treppe noch weiter herunter in einen großen Raum und Spencer Graham hatte ihn sogar ausschmücken lassen. Es gab gewaltige Säulen, die die Decke stützten, Statuen von Engeln und Bilder an der Wand, die den Leidensweg Christi zeigten.

In der Mitte der Gruft stand ein Steinsarkophag und William ging nur zögerlich darauf zu. Er wusste genau, was er in wenigen Sekunden sehen würde, war sich aber nicht sicher, ob er darauf vorbereitet war. Doch dann nickte er grimmig. Er musste ihn sehen. Seinen Zwillingsbruder, der sein Leben weggeworfen hatte für eine so sinnlose Sache. Für eine nutzlose Rache, die eine Menge Menschen das Leben gekostet hatte, doch im Gegenzug nichts verbessert hatte.

Der Lichtschein der Taschenlampe fiel auf eine in sich zusammengesunkene Lumpengestalt. Die Zeit hatte ganze Arbeit geleistet. Mehr als ein paar Fetzen schmutziger Kleidungsstücke und weniger morscher Knochen waren nicht mehr übrig, doch der Anblick versetzte William einen Stich ins Herz.

„Gott, Edward", murmelte er, fasste Mut und beugte sich tiefer über den Sarkophag. Die Taschenlampe ließ ein kleines Stück Metall aufleuchten und vorsichtig angelte er danach. Es war eine kleine Christophorus Münze an einer brüchigen Kette. William schossen die Tränen in die Augen und er ließ sie einfach laufen.

Sein Vater hatte die Münze am Tag der Abreise um Edwards Hals gehängt. Als Glücksbringer und Schutzheiliger gleichermaßen. Er sollte für eine sichere Reise sorgen, nach Amerika, vor allem aber auch wieder zurück. Er nahm sie an sich, hielt sie fest in seiner Hand und da er wusste, dass er sie nicht behalten konnte, nahm er sich vor, sie Elisabeth zu geben.

Doch dann wandte er sich ab und leuchtete neugierig die dunklen Ecken aus. Hörbar holte er tief Luft, als sein Blick auf ein Skelett fiel, das ganz offensichtlich an eine Wand gekettet war. Das musste die Frau sein, die sein Bruder in seiner Aufzeichnung stets nur als SIE bezeichnet hatte und deren Namen er wohl nie erfahren würde. William holte tief Luft und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Plötzlich begriff er, was Elisabeth offenbar schon vor ihm begriffen hatte.

Der Fluch konnte nun gebrochen werden und er verstand schlagartig, warum Elisabeth so tief traurig war. Es war mehr als nur Anteilnahme, sie wusste, wie er entscheiden würde, ja musste! Und das in kürzester Zeit. Die Gruft musste für alle Zeiten vor der Menschheit verborgen bleiben. Nicht nur wegen Henry Coventry, der sich um den Ruf der Familie Graham sorgte, wie Elisabeth ihm berichtet hatte. Auch er wollte nicht, dass noch mehr schlimme Einzelheiten über Edward in die Öffentlichkeit getragen wurden. Die ganze vertrackte Sache war schlimm genug und doch schon so lange vorbei. Es musste Schluss sein. Ein für alle Mal!

William sah sich ein letztes Mal um, dann ging er zurück zu dem steinernen Sarkophag, der die sterblichen Überreste seines Zwillingsbruders beherbergte. „Ich kann nicht gutheißen, was du getan hast", sagte er leise und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Wir waren uns nicht sehr ähnlich, jedenfalls nicht, was das Innere angeht, und ich weiß, du sahst für dich nur diese eine Möglichkeit. Doch es war keine gute Möglichkeit, mit dieser Situation abzuschließen. Aber was geschehen ist, ist geschehen und nichts kann das mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass du deinen Seelenfrieden gefunden hast." Er hob die Hand, wie zu einem stummen Abschied, und ging dann langsam die Treppen hinauf.

 

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Oben angekommen empfing ihn Elisabeth, die sich auf einen Baumstumpf gesetzt hatte und aufsprang, als sie ihn kommen sah. Langsam ging sie auf ihn zu und sah ihn an. „Geht es dir gut?" Sie zitterte wie Espenlaub, doch es lag nicht an der Kälte. Es lag an dem Wissen über das, was sich in den kommenden Stunden bis zum Sonnenaufgang abspielen würde.

„Ich weiß es nicht", gab er zu und zog sie in seine Arme. „Ich habe es eben erst begriffen, aber du wusstest die ganze Zeit schon, dass ich eine Entscheidung treffen muss, bei der wir beide nicht wissen, wie sie ausgeht."

„Du hast nach all den langen Jahren endlich die Chance, diesen Fluch loszuwerden und es gibt nichts zu entscheiden", sagte Elisabeth leise. „Wir haben davon gesprochen, erinnerst du dich? Ich habe dir gesagt, dass ich verstehen könnte, dass es für dich nur eine Möglichkeit gibt." Sie seufzte. „Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Tag so schnell kommen würde."

„Ich habe nicht gedacht, dass dieser Tag jemals kommt", sagte er, zog sie noch näher an sich und küsste sie. „Wer weiß, was geschieht. Vielleicht…" Er mochte es nicht aussprechen, denn er glaubte nicht, dass es nach der Lösung des Fluches noch ein Leben für ihn gab. Er war vor langer Zeit geboren worden und seine Überreste müssten längst so aussehen, wie die seines Bruders. Seine Zeit war längst vorbei. „Lass uns ins Haus gehen", sagte er deswegen. „Hier ist es viel zu kalt."

Elisabeth hakte sich bei ihm unter und zusammen gingen sie langsam auf das große Haus zu. „Willow ist mit meinem Wagen unterwegs", sagte sie leise. „Sie klappert ein paar Drugstores ab."

„Warum?", fragte William schuldbewusst. Seine Gedanken kreisten um den Fluch und um seinen Bruder. Er hatte Elisabeth aufgekratzte Freundin vollkommen vergessen.

„Sie besorgt Grillanzünder, Feuerzeugbenzin und alles, was man sonst noch für ein wirklich großes Feuer braucht." Sie schluckte schwer und versuchte die Tränen zurückzuhalten. „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Es sind nur noch drei Stunden, dann ist es sechs Uhr und ich glaube, Henry wird nicht viel später hier sein."

Teil 13

William konnte sich kaum mehr konzentrieren. Die vergangenen Stunden, seitdem er in seinem Gefängnis erwacht war, schienen weniger als ein paar Minuten gedauert zu haben. Unglaublich viel war in kürzester Zeit geschehen, viel zu viel, um alles zu verarbeiten und sein Kopf drohte zu platzen. Ein stetig stärker werdendes Klopfen in Schläfennähe drohte zu einem Feuerwerk aus Schmerz zu werden und er schloss für einen Moment die Augen. Er wusste weder vor noch zurück, obwohl alles noch vor einem Tag so klar gewesen war. Er hatte genau gewusst, welche Entscheidung er treffen würde, sollte jemals der Tag kommen, wo er den grausamen Fluch abstreifen konnte. Er würde nicht eine Sekunde zögern! Doch nun war alles anders und gar nicht mehr so leicht.


Sein Blick fiel wieder auf Elisabeth, die zusammen mit Willow all die entzündlichen Erzeugnisse sortierte, die die Rothaarige in den Drugstores der Umgebung gekauft hatte. Williams Gedanken flogen und Blut rauschte durch seine Adern. Schließlich sprang er auf.

„Elisabeth, Liebes! Kann ich dich einen Moment sprechen? Alleine?" Er wartete gar nicht erst ihre Antwort ab, sondern nahm ihre Hand und zog sie daran aus der Küche heraus. „Ich bleibe hier", sagte er fest, nachdem er die Küchentür hinter sich geschlossen hatte. Er lächelte sie an und küsste sie flüchtig. „Ich werde nirgendwohin gehen!"

Er beugte sich vor, um sie erneut zu küssen, doch Elisabeth bremste ihn. „William, das ist vielleicht die einzige Chance, die du je bekommst. Henry wird sich nicht damit zufrieden geben, einfach nur die Treppe einzureißen und somit die Kammer wieder zu verschließen. Er wird ganze Arbeit leisten und sie für immer und ewig unter Tonnen von Geröll und Erde verbergen. Und er hat Recht damit!" Sie sah ihn an und das Herz wurde schwer. Eigentlich hatte sie genau auf diese Worte gehofft und jetzt wo er sie ausgesprochen hatte, wusste sie, dass sie es niemals zulassen würde, dass er seine Chance vergab. „Früher oder später würdest du diese Entscheidung bereuen. Und das weißt du ebenso gut wie ich."

„Ich kann jetzt nicht gehen. Nicht jetzt! Nach all den endlos langen, tristen Jahren habe ich endlich Glück und Liebe gefunden!" Er warf die Hände in die Luft und begann mit einer unruhigen Wanderung durch die Halle. „Du kannst dir nicht vorstellen, was es mir bedeutet! Über ein Jahrhundert war in mir kaum mehr als eine große, trostlose Leere, die jeden verdammten Tag ein Stück mehr zu wachsen schien. Auch May und ihre Freundschaft konnten sie nicht vertreiben. Und nun… wo ich dich gefunden habe… ich kann nicht gehen. Ich will nicht gehen!" Er blieb stehen und in seinen blauen Augen stand Schmerz geschrieben. „Du weißt, wie sehr ich dich liebe!"

„Genau aus dem Grund musst du gehen", sagte Elisabeth und ihre Stimme brach. Tränen flossen langsam über ihre Wangen und sie nahm seine Hand. Sie führte ihn in den Salon, wartete, bis er sich auf ein Sofa gesetzt hatte und setzte sich selbst auf seine Oberschenkel. „William, du musst gehen", sagte sie sanft, beugte sich vor und küsste seine Stirn. „Irgendwann werde ich alt und …." Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Du hast mir gesagt, wie schwer es dir gefallen ist, May alt werden zu sehen", erinnerte sie ihn leise und strich ihm mit zitternden Händen sanft über die Wange. „Könntest du das ein weiteres Mal ertragen?"

Eine lange Weile sagte William nichts, sah sie nur aus traurigen Augen an und schüttelte schließlich den Kopf. „Aber warum jetzt? Warum gerade jetzt? Was denkt sich das Schicksal dabei? Mir endlich ein wenig Glück zu schenken, nur um es mir nach wenigen Wochen wieder wegzunehmen!"

Elisabeth hatte keine Antwort darauf und sie zog ihn schnell in die Arme und verbarg ihr Gesicht. Diese Situation war die schlimmste, die sie je erlebt hatte und sie wollte und konnte auch nicht mehr reden. Sie wusste, sie würde nicht ein einziges Wort über die Lippen bringen, ohne dass ihr die Tränen zu Hauf über das Gesicht laufen würden. Sie hielt ihn einfach fest und klammerte sich gleichzeitig an ihn. Lautlos schluchzte sie und begriff, warum May sich niemals wieder hatte verlieben können. Genau wie ihre Großtante hatte sie die wahre Liebe gefunden und genau wie May musste sie sie auch wieder gehen lassen.

 

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„Alles okay?", fragte Willow leise, die Elisabeths zitternde Hand hielt. Ein scharfer Wind wehte über den Ozean, schoss an den Steilklippen hinauf und verfing sich in den wenigen großen Bäumen, die in dieser Ecke des Parks noch aufrecht standen. Doch es war nicht die Art Kälte, die ihre beste Freundin beben ließ. Es war Verzweiflung, Wut, Trauer und auch Angst.

Zusammen standen die Drei in der Nähe der Treppe, die in das Grab von Edward Grey und der namenlosen Frau führte, die vor unzähligen Jahren diese schreckliche Tragödie heraufbeschworen hatte. Flammen züngelten nun aus der offenen Tür und Brandgeruch lag in der Luft.

„Nein", sagte Elisabeth wahrheitsgemäß und versuchte ein Lächeln, das allerdings zu einer Grimasse verkam.

„Ich werde immer für dich da sein", sagte Willow leise, dann zog sie sich zurück. Das Leid war ihrer besten Freundin anzusehen und sie hätte ihr gerne diese Qual erspart. Gleichzeitig wusste sie, dass es Zeit für William und Elisabeth war und sie sich verabschieden mussten. Sie nickte ihr aufmunternd zu, lief ein paar Schritte zurück und setzte sich auf einen Baumstumpf.

Einen Moment war es still. Nur das Knistern des Feuers war zu hören, das sich langsam seinen Weg durch die Gruft bahnte und alles fraß, was sich ihm in den Weg stellte. William hatte die verschiedenen Brandbeschleuniger in der Grabkammer verteilt und sich noch einmal von seinem Bruder verabschiedet, bevor er einen letzten Blick ins Innere der Gruft geworfen hatte und schließlich das Feuer entzündet hatte.

„Wie spät ist es?", fragte William leise und mit einer Stimme, die nicht ihm zu gehören schien. In ihm tobten die verschiedensten Gefühle, doch vor allem Trauer, und sie schnürte ihm die Kehle zu. Auf der anderen Seite spürte er eine seltsame Leichtigkeit und große Erleichterung.

Elisabeth schaute auf ihre Armbanduhr. „Gerade einmal fünf Uhr. Warum?" Sie sah ihn an und schluckte schwer. William umgab eine leuchtende Aura, fast so, als hätten die Flammen auch ihn umschlungen. „Es ist soweit", sagte sie und wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Doch sie drängte sie mit Macht zurück. Sie wollte ihm die letzten Minuten nicht noch schwerer machen.

„Das Feuer zeigt seine Wirkung", sagte er leise. „Und ich kann fühlen, dass etwas anders ist als sonst. Es fühlt sich warm an, statt kalt wie all die vergangenen Jahrzehnte, wenn ich in mein Gefängnis zurückgezogen wurde."

„Dann wird es Zeit", sagte sie, fiel in seine Arme und klammerte sich an ihn. „Ich liebe dich und wo immer du auch hingehen wirst… ich hoffe, du wirst deinen Frieden finden."

„Elisabeth, es tut mir so leid. Ich wäre gerne länger geblieben", sagte er und nahm ihre Hand. „Ich liebe dich und werde dich immer lieben." Er küsste sie und als Elisabeth die wieder Augen öffnete, war er verschwunden.

 

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Bevor sie zusammenbrechen konnte, war Willow bei ihr, die sie auffing und festhielt. Die Rothaarige sagte kein Wort und schüttelte den Kopf, als Elisabeth etwas sagen wollte. Dafür war auch später noch genug Zeit. Sie setzten sich auf den Baumstumpf, auf dem Willow schon zuvor gesessen hatte und starrten auf die Flammen, die noch immer aus der offenen Tür herauszüngelten, nun aber auch schon an dem dicken Holz der Tür selbst nagten.

„Es ist vorbei", sagte Elisabeth leise und diesmal machte sie sich nicht die Mühe, die Tränen aufzuhalten. „Und es ist furchtbar schwer."

„Ich weiß", sagte Willow leise und nahm die Hand ihrer Freundin. „Trotzdem glaube ich, es ist besser so." Dann seufzte sie schwer. „Ich hatte allerdings auf einen anderen Ausgang gehofft. Ich dachte, vielleicht löst sich der Fluch und … und William bliebe trotzdem hier." Sie lachte leise auf. „Ich hatte sogar schon damit begonnen, ihm eine neue Identität zusammenzustoppeln."

Elisabeth lachte ebenfalls, wenn auch etwas wirr, und wischte sich über das Gesicht. „Wie wolltest du das anstellen?"

„Hey", sagte Willow, gespielt beleidigt. „Es gibt keinen Rechner, keinen Server, in den ich mich nicht reinhacken kann. Erst letztens habe ich dem Vatikan einen Besuch abgestattet." Sie zuckte mit den Schultern. „Du weißt, ich stelle keine Dummheiten an."

Elisabeth lächelte unter Tränen. „Ich weiß. Dich treibt nur die Neugierde an. Du hast einen unglaublichen Wissensdurst und ich hoffe, du hast einiges Interessantes herausgefunden." Sie stand auf, denn die Flammen wurden kleiner und sie konnte sie aus der sitzenden Position heraus nicht mehr sehen. „Ich sollte hier etwas errichten lassen", sagte sie mit schwerem Herzen. „Irgendetwas, das mich für alle Zeiten erinnert…"

„Wir werden uns etwas einfallen lassen", nickte Willow, die ebenfalls aufgestanden war. „Irgendetwas, sodass nur du weißt, was es zu bedeuten hat." Sie nahm die Hand ihrer besten Freundin. „Lass uns jetzt zurückgehen. Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis dein Gärtner hier ist. So wie ich ihn einschätze, hat er eine ebenso unruhige Nacht gehabt wie wir."

Doch noch bevor Elisabeth etwas erwidern konnte, hörten sie ein Räuspern. „Entschuldigung", sagte Henry Coventry verlegen. „Als ich vor wenigen Minuten ankam, sah ich Sie beide hier stehen und …"

„Schon gut", erwiderte Elisabeth und wischte schnell die Tränen weg. „Wir haben Sie schon erwartet."

Der alte Mann nickte weise und deutete dann mit dem Kopf auf die immer kleiner werdenden Flammen. „Sie haben sich also entschieden", sagte er erleichtert. „Ich hatte darauf gehofft." Dann schmunzelte er. „Ich hatte schon eine endlos lange Rede vorbereitet, die Sie überzeugen sollte. Doch die kann ich mir und Ihnen jetzt ersparen."

„Eigentlich gab es nur diese eine Möglichkeit", nickte Elisabeth und holte tief Luft. Der starke Wind um sie herum wirkte wahre Wunder. Ihre Tränen trockneten rasch und sie musste dem Gärtner deswegen keine Erklärungen geben, außerdem weckte er ihre Lebensgeister und sie hakte sich bei Willow unter. „Das Feuer sollte alle… Überreste zerstören", erklärte sie. „Wir haben auch das Notizbuch dahin zurückgebracht, wo es herkam. Außer uns Dreien wird niemals jemand von dieser… Geschichte erfahren und ich kann Ihnen versichern, dass wir nie auch nur ein Wort darüber verlieren werden." Sie verschwieg allerdings, dass sie die kleine Christophorus-Münze in der Hand hielt, die William ihr gegeben hatte. Das war die einzige Erinnerung an ihn und daran, dass es ihn wirklich gegeben hatte und er nicht nur ein bloßes Hirngespinst gewesen war.

„Dann findet alles ein Ende", nickte Willow. „Ganz so, wie es nach all den langen Jahren auch sein sollte."

Auch der alte Gärtner nickte, dann sah er sich um. „Wenn Sie nichts dagegen haben, dann werde ich jetzt den Rest erledigen. Die Männer lassen die Schlüssel immer in den Maschinen stecken und ich werde mir jetzt einen der Bagger schnappen, die Treppe einreißen und danach alles mit Erde auffüllen. In weniger als einer Stunde wird man nicht einmal mehr erahnen können, dass es hier mehr gegeben hat als Felsen und Waldboden." Er wartete die Bestätigung der Hausherrin ab und marschierte auf die schweren Maschinen zu.

„Komm", sagte Willow und zog Elisabeth in Richtung Haus. „Wir sollten gehen. Ruhe würde uns beiden jetzt gut tun. Vor allem aber dir."

 

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Der Morgen kündigte sich an, der Himmel lichtete sich langsam und aus dem tiefen Schwarz wurde ein sanftes Blau. Willow war zu Bett gegangen, nachdem Elisabeth ihr versichert hatte, dass sie alleine zurechtkam, doch sie selbst konnte nicht zur Ruhe kommen. Sie hatte sich am Esszimmerfenster aufgebaut und beobachtete, wie Henry Coventry den Boden bearbeitete. Der Bagger fuhr vor und wieder zurück, seine Schaufel packte massenhaft Sand und lud es in das Loch, das einst eine Treppe gewesen war.

„Warum?", fragte Elisabeth leise und sackte in sich zusammen. „Warum muss es so schwer sein?" Sie fühlte sich stumpf und leer und sie glaubte nicht, dass sich das jemals wieder ändern würde. Dann wandte sie sich ab, verließ das Esszimmer und ging durch die Halle. Am Fuße der Treppe blieb sie stehen und es kostete ihre ganze Kraft, zu dem Bild hinaufzusehen. Es hatte sich nicht verändert. William Grey blickte wie eh und je auf sie herunter, doch dieses Mal war es nur ein Gemälde. Nicht mehr. Elisabeth senkte schnell den Kopf. Länger konnte sie den Blick nicht aufrechterhalten und so schlich sie langsam die Stufen hinauf, bis ganz nach oben. „Ich vermisse dich schrecklich", seufzte sie, dann lief sie in ihr Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Teil 14

Noch immer wehte der Wind, doch er brachte keine Regenwolken mit sich. Die Sonne strahlte am Nachmittagshimmel und ließ die bunten Blätter an den Bäumen funkeln, die in Rot und Brauntönen erstrahlten. Willow Rosenberg saß auf dem Baumstumpf, auf dem sie schon in der Nacht zuvor gesessen hatte und der heftige Wind zerrte an ihren roten Haaren, ließen sie flattern und wirr vom Kopf abstehen. Doch Willow stand nicht der Sinn danach, sie glatt zu streichen. Sie überschaute den Park, der irgendwann, wenn er fertig war, bestimmt wunderschön sein würde.

Das Teilstück vor ihren Augen war allerdings kaum wiederzuerkennen. Henry Coventry hatte ganze Arbeit geleistet und ohne dieses Überbleibsel einer ehemals mächtigen Eiche hätte sie die Stelle niemals wieder gefunden, an der das Grab auf ewig versteckt sein würde. Das ganze Umfeld war umgegraben worden, die Ranken und Pflanzen waren entfernt und der alte Gärtner hatte die gesamte Fläche großzügig planiert.

Warum sie den Weg hierher zurück gesucht hatte, konnte Willow nicht sagen. Vielleicht sollte es ihr helfen, all die Eindrücke zu verarbeiten, die in nur zwei Tagen auf sie eingeprasselt waren. Ein Teil von ihr war geschockt und voller Mitleid ihrer besten Freundin gegenüber, ein anderer Teil hingegen fühlte sich bestätigt. Schon immer, seit frühester Kindheit, hatte sie an Elfen, Feen und Hexen geglaubt. Sie hatte immer gespürt, dass mehr zwischen Himmel und Erde war, als man gewöhnlich annahm. Doch warum hatte ihre erste Begegnung mit dem Übernatürlichen gleich solche Ausmaße annehmen müssen?

Sie schüttelte den Kopf und stand auf. Bis zum Sonnenuntergang würde es nicht mehr lange dauern. Am Horizont waren schon die ersten, dunkleren Blautöne zu erkennen, die langsam in ein sanftes Rot wechselten. Bisher hatte Elisabeth geschlafen und Willow hielt im Grunde auch nichts davon, sie nun aus den Träumen zu wecken. Es würde sie nur zu schnell zu den schrecklichen Erinnerungen zurückbringen, Erinnerungen, die nur schwer zu verarbeiten waren.

Doch Willow wollte auf gar keinen Fall, dass sich Elisabeth alleine fühlte und deswegen lief sie nun zielstrebig auf das Haus zu. Sie würde die Küche plündern, zusammensuchen, was sie für brauchbar hielt und alles zu ihrer besten Freundin hinauftragen. Sie stürmte beinahe ins Haus und prallte gegen Elisabeth, die ihrerseits auf dem Weg in den Garten gewesen war.

„Ach du meine Güte", schnaufte Willow erschrocken, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle und machte ein bekümmertes Gesicht. „Hey", sagte sie. „Ich wollte gerade zu dir heraufkommen. Du hast doch bestimmt Hunger und…. Aber eben, als ich nach dir gesehen habe, hast du noch tief und fest geschlafen und deswegen hab ich gedacht, ich gehe noch ein bisschen spazieren."

„Ich habe dich draußen gesehen", nickte Elisabeth, die Willow sehr wohl gehört hatte, als sie das letzte Mal nach ihr gesehen hatte. Doch da war sie einfach noch nicht bereit gewesen, sich der Wirklichkeit zu stellen. „Aber Hunger habe ich wirklich keinen", meinte sie dann.

„Ach was", sagte Willow, und hakte die Freundin unter. „Wir schauen mal, was dein Kühlschrank hergibt. Vielleicht hat deine Hausdame noch was Leckeres versteckt. Irgendwas musst du essen, damit du mir nicht umkippst." Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. „Du bist schrecklich blass. Was auch kein Wunder ist, aber… Oh, mein Gott! Ich plappere schon wieder wie ein aufgeschrecktes Huhn."

Müde lächelnd winkte Elisabeth ab. „Schon gut." Sie ließ sich in die Küche begleiten und setzte sich an den Esstisch. „Rose wird uns umbringen, wenn wir ihre Vorräte durcheinander bringen. Hinterher kommt es noch so weit, dass die mir wieder Haggis vorsetzt." Sie schüttelte sich beim Gedanken daran. „Hast du jemals etwas so Widerliches essen müssen?"

„Nein", sagte Willow und drehte sich grinsend um. „Aber dein Kühlschrank gibt nicht wirklich etwas her. Jedenfalls nichts, worauf ich jetzt Hunger hätte. Nach solchen Tagen braucht man mehr als Salat und Gemüse." Sie lächelte verschmitzt. „Du hast nicht zufällig irgendwelche Speisekarten herum liegen? Der Ort hier ist doch nicht so klein, als dass es keinen Lieferservice gibt."

„Ich habe bisher nie etwas bestellen müssen", sagte Elisabeth und zuckte mit den Schultern. „Rose versorgt mich meistens ganz gut, und wenn es mir nicht schmeckt, schiebe ich mir abends, wenn sie gegangen ist, eine Pizza in den Ofen. Und bevor du fragst, ich habe keine mehr. William und ich…"; sie holte tief Luft und seufzte dann schwer. „Wir haben die letzten zusammen gegessen."

Sofort warf Willow die Kühlschranktür zu und eilte auf ihre Freundin zu. Sie ging vor ihr in die Hocke und nahm ihre Hand. „Wenn du reden möchtest… du weißt, ich bin immer für dich da."

„Was soll ich dir denn sagen, was du nicht schon weißt?", sagte Elisabeth traurig. Die vergangenen Wochen war nicht leicht zu vergessen, gewiss nicht, aber alles haarklein wollte und konnte sie nicht ausplaudern. Auch ihrer besten Freundin gegenüber nicht. „Es ist ein schreckliches Gefühl, wie du sicherlich verstehen kannst. Es tut unglaublich weh, auch wenn ich weiß, dass es so richtig ist. Es gab keine andere Möglichkeit."

„Nein, die gab es wohl nicht", sagte Willow leise. „Aber das macht es nicht einfacher." Sie nickte aufmunternd. „Na komm, wir durchsuchen jetzt die Zeitungen der letzten Woche. Vielleicht lässt sich darin eine Speisekarte finden. Und dann werden wir schlemmen, wir bestellen die ganze Karte rauf und runter."

Elisabeth lachte. „Dann geht es mir nur noch schlechter! Dann bin ich außerdem noch kugelrund!"

„Ach was", winkte Willow ab. „Du kannst was vertragen. Außerdem ist heute erst Samstag und wir können bis morgen Abend sämtliche Reste vertilgen! Deine Rose wird sich vielleicht wundern, wenn sie am Montag wiederkommt und das ganze schrumpelige Gemüse wegwerfen muss."

Wieder musste Elisabeth lachen. „Also gut. Und wenn du zufällig eine Karte von dem Italiener aus dem Ort findest, umso besser. Dann spendiere ich sogar eine extra Portion Shrimps."

 

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Zwei Stunden später lehnten sich beide jungen Frauen entspannt zurück. Sie hatten sich mit der enormen Bestellung in den Salon zurückgezogen, die meisten Pakete geöffnet, jedoch nur die Hälfte gegessen.

„Ich platze gleich", sagte Willow und hielt sich den Bauch. „Aber die Shrimps waren wirklich ausgezeichnet." Sie lehnte sich vor, grinste und nahm sich eine weitere, die sie in die leckere Sauce tauchte und dann Elisabeth vor die Nase hielt. „Möchtest du?"

„Nein", winkte Elisabeth ab. „Ich habe so viele davon verschlungen, dass ich bestimmt nie wieder eine essen werde." Sie rutschte noch ein Stück weiter zurück und zog die Beine unter sich. „Willow", sagte sie leise. „Hattest du dir wirklich schon Gedanken gemacht, wie du William eine neue Identität geben kannst?"

Die Rothaarige sah auf und legte den Rest des Shrimps auf einen Pappteller. „Bist du dir sicher, dass du jetzt darüber reden möchtest? Ich hatte eigentlich vor, dich abzulenken. Vielleicht fernsehen oder irgendwelche Gesellschaftsspiele…"

„Es interessiert mich wirklich", sagte Elisabeth. „Und ich würde es zu gerne wissen."

„Nun ja, du weißt, ich mag es nicht zu stehlen. Du kennst meinen Gerechtigkeitssinn. Ich würde niemals …"

„Das weiß ich, Willow", lachte Elisabeth und schnappte sich eine Decke, die über der Sofalehne hing. Sie warf sie über sich und ihre beste Freundin und sah sie auffordernd an. „Erzähl mir einfach, was dir alles eingefallen ist."

„Nun ja, ich habe ja keine großen Schwierigkeiten, mich da einzuhacken, wo ich gerne hin möchte. Und ein paar Daten einzugeben ist auch nicht das größte Problem. Ich hätte also theoretisch alles für ihn erfinden können. Von einer Geburtsurkunde angefangen bis zu einem Schulabschluss." Sie zuckte mit den Schultern. „Einer genauen Prüfung hätte es womöglich nicht standgehalten, aber einem normalen Leben hätte gewiss nichts im Wege gestanden." Sie zuckte mit den Schultern. „Mir war nur nicht klar, ob er Amerikaner oder vielleicht doch lieber Engländer sein wollte."

„Ganz bestimmt Engländer", lächelte Elisabeth und eine einzelne Träne rann über ihre Wange. „Er war unglaublich stolz. Ein sehr stolzer Mann."

Willow überlegte eine Weile und kuschelte sich unter die Decke. „Wie war er eigentlich? Ich habe ihn ja nur kurz gekannt, wenn man es denn überhaupt so nennen kann. War er anders als heutige Männer? Immerhin ist er in einem Jahrhundert geboren, in dem es eine ganz andere Erziehung gab."

„Es war… wie sagt man? Galant? Ja, galant ist das richtige Wort. Aber für gewöhnlich bemerkte man keinen Unterschied. Er hat selbst immer gesagt, der Fernseher wäre sein Lehrer gewesen, was Sprache, Wissen und alles andere anging. Er hat mir erzählt, er hätte damals zusammen mit May sogar vorm Fernseher gehockt, als der erste Flug zum Mond gestartet wurde."

„Wow", murmelte Willow und gähnte herzhaft. „Entschuldige, aber die letzen Nächte habe ich nicht viel Schlaf bekommen." Sie schüttelte den Kopf. „Du ja auch nicht. Vielleicht sollten wir versuchen zu schlafen", schlug sie vor, doch Elisabeth schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht", sagte sie leise. „Erstens glaube ich nicht, dass ich überhaupt einschlafen könnte und zweitens müsste ich an… an dem Bild auf dem Treppenabsatz vorbei. Ich glaube nicht, dass ich das jetzt schaffe."

„Also gut, dann stelle ich jetzt den Fernseher an", sagte Willow betont munter und griff nach der Fernbedienung. „Vielleicht haben wir ja Glück und es kommt noch ein guter, spannender Film."

Die beiden jungen Frauen hielten kaum eine Stunde durch. Die vergangenen Nächte und auch Tage waren einfach zu anstrengend gewesen und forderten ihren Tribut. Elisabeth war die Erste, die eingenickt war und Willow, die das erleichtert zur Kenntnis genommen hatte, hatte sich einfach zurückgelehnt, ein Kissen genommen und war ebenfalls rasch eingeschlafen.

 

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Mitten in der Nacht schreckten beide durch einen lauten Knall hoch und sahen sich verwirrt an. Sie sprangen zeitgleich auf und die Decke, die beide wohlig gewärmt hatte, rutschte einfach zu Boden. Noch immer hallte dieser dumpfe Ton nach, bewegte sich in Wellen durch das Untergeschoss und Elisabeth fasste die Hand der Freundin. „Was war das?", fragte sie mit Furcht in der Stimme.

„Ich habe keine Ahnung", murmelte Willow, schauderte und hielt die kalten Finger der Freundin eisern fest.

Wieder ertönte eine kleine Explosion, schallte wie Donnerhall und Elisabeth riss sich von Willows Hand los und stürmte in die Halle. Am Fuße der Treppe blieb sie stehen, sammelte ihre Kräfte und schaute nach oben.

Das Bild auf dem Treppenabsatz wackelte, schien zu zittern und Elisabeth zitterte ebenso. Doch noch bevor sie sich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, knallte es ein weiteres Mal ohrenbetäubend und das alte Gemälde löste sich aus seiner Verankerung. Laut knallte der Rahmen auf die Steinfliesen des Treppenabsatzes, dann kippte es und fiel wie in Zeitlupe die Stufen herab.

Willow eilte hinter Elisabeth her, griff ihre Hand und wollte sie aus der Gefahrenzone bringen, doch die Freundin blieb wie angewurzelt stehen und schaute dem Gemälde entgegen. „Komm schon", schimpfte sie und versuchte wieder Elisabeth wegzuziehen.

Doch Elisabeth konnte den Blick nicht von dem Gemälde mit dem schweren Rahmen lösen. Laut rumpelnd fiel es die Stufen hinab, schwankte von einer Seite auf die andere und drehte sich dabei um die eigene Achse. Dann ertönte ein weiterer Knall und das Gemälde verwandelte sich, schrumpfte immer weiter in sich zusammen, wurde plastisch, und wenige Sekunden später strauchelte William Grey die letzten Stufen herab und landete mit erschrecktem Gesicht in Elisabeths Armen.

„Oh mein Gott", entfuhr es ihm, dann holte er tief Luft und klammerte sich wie ein Ertrinkender an sie. „Was ist passiert? Alles war so dunkel und ich konnte nichts sehen!" Er küsste Elisabeth auf die Stirn und sah sie an. „Ich habe gedacht, ich sehe dich nie wieder!"

„Du bist endgültig deinem Gefängnis entkommen", sagte Willow nach kurzem Schrecken. Elisabeth war ganz offensichtlich nicht in der Lage, etwas zu sagen. Sie hielt William fest und Tränen rangen über ihre Wange. Sie zeigte nach oben, die Treppe hinauf und William drehte sich um.

Die Wand war leer, zeigte nicht eine Spur davon, dass überhaupt jemals ein Bild dort gehangen hatte und William zog Elisabeth noch näher an sich heran. „Das heißt dann wohl, dass es endgültig vorbei ist."

Elisabeth nickte unter Tränen und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Und dabei habe ich gedacht, dich verloren zu haben."

William küsste sie stürmisch und wischte dann ihre Tränen weg. „Ich werde immer zu dir zurückkehren! Viele, viele Jahre lang!"

Für einen Moment sah Willow den beiden zu, wie sie sich immer wieder ansahen, leise und glücklich murmelten und sich küssten, dann fühlte sie Scham in sich aufsteigen und sah schnell zur Seite. Sie räusperte sich lautstark und als das Pärchen schließlich einen Moment voneinander abließ, lächelte sie und nickte. „Ich lasse euch zwei Turteltauben jetzt alleine", sagte sie und ging auf die Treppe zu. „Sollte mich zufällig jemand brauchen… ich werde wohl nicht mehr schlafen heute Nacht. Ich habe noch eine Menge zu erledigen."

„Was hast du vor?", fragte Elisabeth, ließ William aber nicht eine Sekunde los.

„Na was wohl?", grinste die Rothaarige breit. „Ich werde jetzt einen neuen William Grey erfinden", meinte sie und winkte. „Außerdem werde ich ihm per Eilbestellung ein paar Klamotten bestellen. Sonst kippt Rose wirklich um, wenn sie noch einen unerwarteten Gast vorfindet, der zudem noch so antik aussieht!" Sie winkte ein weiteres Mal und eilte dann die Treppe hinauf.

„Und was machen wir jetzt?", fragte Elisabeth, nachdem ihre beste Freundin aus ihrem Blickfeld entschwunden war. Sie sah William an und lachte leise, als sie seinen verwegenen Ausdruck erkannte.

„Uns fällt da schon was ein", sagte er verschwörerisch und hob sie in die Arme. Er ging langsam die Treppe hinauf und küsste sie auf die Stirn. „Dir ist schon klar, dass ich das die nächsten sechzig Jahre so machen werde?", fragte er leise.

„Das will ich doch schwer hoffen", erwiderte Elisabeth lächelnd und hielt sich an ihm fest. Sie legte ihren Kopf an seinen Hals und spürte eine schwere Last von sich weichen. „Aber sechzig Jahre sind mir zu wenig. Wir müssen unbedingt ein paar mehr herausquetschen!"