Titel: Lost in Time
Autor: Silentthunder
Inhalt: Spielt nach dem offiziellen Ende der Staffeln. Buffy wird beim Kampf gegen einen Dämon in der Zeit zurück versetzt. Es gibt nur einen, der ihr helfen kann, doch wird Spike sich auch dazu bereit erklären?
Altersfreigabe: ab 16
Teile: 14
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Buffy/Spike

 

Teil 1

Zügig bewegte sie sich durch das riesige, sonnendurchflutete Gebäude. Niemals zuvor war sie hier gewesen, und doch schritt sie mit einer Selbstsicherheit voran, die niemand anzweifelte. Eine Menge Menschen begegneten ihr, doch keiner wagte es, sie anzusprechen oder gar aufzuhalten und sie lächelte verwegen.

Ihr Aussehen, ihre Kleidung machten mehr als deutlich, dass sie in dieser Welt des perfekten Auftretens nichts zu suchen hatte und doch war sie perfekt. Geschaffen für das Leben, dass sie führte. Gemacht, um mehr zu wissen, als all diese Anzugträger und aufgestylten Modepüppchen sich jemals vorstellen konnten.

Am Ende der ersten Treppe blieb sie stehen, orientierte sich neu und lächelte wieder. Das Ziel war so nah!

Sie streifte durch die Gänge des gewaltigen Bürokomplexes und machte sich nicht die Mühe, stehenzubleiben und nach dem Weg zu fragen. Magie hatte sie hierher gebracht und diese Kraft würde sie weiter leiten.

Vor einer Bürotür blieb sie stehen und lauschte den Stimmen, die aus dem Inneren des Raumes zu ihr drangen. Wohlbekannte Stimmen, die sie nur zu gut kannte und wieder huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie klopfte und öffnete, ohne auf eine Antwort zu warten, die schwere Tür. „Hallo, Spike! Ich habe dich gesucht!"

 

                                                                                             *~*~*~*

 

Absolute Stille durchflutete den Raum und man hätte die bekannte Stecknadel fallen hören. Schlussendlich war es Angel, der das Schweigen brach und sich aus seinem Sessel schälte.

„Willow…" Er stockte mitten in der Bewegung, nicht sicher, wie er sie begrüßen sollte. „Was…? Warum bist du hier?"

„Hey, Red", murmelte nun auch Spike, der den ersten Schock überwunden hatte. Er sah sie unsicher an und drehte sich weg, als die ersten bizarren Bilder aufflammten. Erinnerungen an eine Zeit, die er nur zu gerne vergessen würde. Szenen aus der Vergangenheit, die sein gerade einigermaßen angepasstes Dasein aus den Fugen rissen. „Was willst du hier?" Er hatte die Frage gestellt, ehe er auch nur darüber nachgedacht hatte. Aber wollte er die Antwort wirklich hören?

„Es ist lange her", sagte sie nur und trat auf ihn zu. Dann lächelte sie und schloss ihn in die Arme.

„Ich will eure Wiedersehensfreude ja nicht dämpfen", sagte Angel trocken und man konnte den Missmut in seiner Stimme deutlich heraushören. „Aber könnte bitte mal jemand meine Frage beantworten?"

Die Hexe löste sich von dem blonden Vampir und dieser eilte sofort auf die versteckten Whiskeyvorräte zu. Es war mehr als nur ein Schock, sie hier zu sehen. Es war der wahre Horror und er goss sein Glas bis an den Rand voll.

„Hallo, Angel", nickte Willow dem dunkelhaarigen Vampir zu. „Du siehst gut aus."

„Danke", grummelte dieser. „Aber das beantwortet meine Frage nicht!" Er setzte sich auf die Schreibtischkante und sah sie forschend an. „Geht es Buffy gut?"

Willow seufzte leise und schüttelte den Kopf. „Nein! Ich denke, es geht ihr nicht gut."

„Wo ist sie? Wie kann ich…?"

„Du kannst gar nichts tun", bremste sie den dunkelhaarigen Vampir, der sogleich aufgesprungen war. Dann sah sie zu Spike, der sich an eine Wand drückte und sich anscheinend am liebsten unsichtbar gemacht hätte. „Aber er kann!"

Die Zeit schien eingefroren und es dauerte einen Moment, bis Angel sich umwandte und Spike finster betrachtete.

Spike hingegen starrte Willow an. Dann schüttelte er den Kopf, sein Gesichtsausdruck wurde finster und er schnaubte laut. „Hah! Ausgerechnet ich?" Er kippte den Whiskey herunter, knallte das Glas auf den Schreibtisch und ging drohend auf Willow zu. „Vergiss es! Ich habe mich lange und oft genug zum Affen gemacht! Auf meine Hilfe müsst ihr leider verzichten!" Er warf die Arme in die Luft und lachte abgehakt. „Ganz sicher mache ich diese ganze Scheiße nicht noch mal durch!"

Er war durcheinander, aber langsam verwandelte sich diese Verwirrung in Wut. Buffys Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf und er biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schreien. Oh ja, er liebte sie noch immer und das würde sich wahrscheinlich niemals ändern. Aber er konnte nie wieder so leben, wie er es in den vergangenen Jahren in Sunnydale getan hatte. Nie wieder!

Seine Augen blitzten für einen Moment gelb auf, doch Willow lächelte nur. Sie hatte nicht damit gerechnet, freudig begrüßt zu werden und deswegen blieb sie vollkommen entspannt. „Du hast dich nicht verändert", meinte sie. „Immer noch genauso aufbrausend wie eh und je."

Angel unterbrach die darauf entstandene Stille. „Er hat sich vielleicht nicht verändert", brummte er und deutete mit dem Kopf auf Spike. „Aber dafür du!"

Wieder lächelte die Hexe. Angel hatte Recht. Sie hatte sich verändert. Sie hatte mit sich und der Welt ihren Frieden geschlossen. Ihre Macht, ihre Kräfte angenommen und mit dem abgeschlossen, was in Sunnydale geschehen war. Vielleicht erging es ihr in dieser Beziehung genau wie Spike. Er hatte sich so angenommen, wie er war. Er hatte akzeptiert, dass er unzählige Menschen auf dem Gewissen hatte. Er war nun mal ein Vampir und Vampire töteten, um zu überleben. Es mochte nicht immer leicht für ihn sein, jetzt, wo er seine Seele zurück hatte, aber das war es für sie auch nicht. Sie würde Warren niemals vergessen und auch nicht, was sie ihm angetan hatte. Aber sie hatte gelernt, sich selbst zu verzeihen. Etwas, das Angel niemals schaffen würde und für einen flüchtigen Augenblick bedauerte sie den dunkelhaarigen, gutaussehenden Vampir.

„Was ist mit Buffy?", riss Angel sie aus ihren Gedanken. Das ganze Gespräch missfiel ihm mehr und mehr. Vor allem natürlich, da Willow ganz offensichtlich Spikes Hilfe wollte und nicht seine.

„Sie ist…" Willow seufzte leise und setzte sich auf die Armlehne einer der Sessel. „Buffy ist in eine Zeitspalte gerissen worden." Sie zuckte mit den Schultern und suchte Spikes Blick. Aber der blonde Vampir drehte sich demonstrativ zur Seite. „Wir haben einen Samnu-Dämon gejagt", erklärte sie und Angel nickte.

„Ein Zeitspringer", flüsterte er leise. „Er reist immer dahin, wo am meisten Chaos herrscht."

„Richtig", nickte Willow, erleichtert, dass sie weniger erklären musste, als sie erwartet hatte. „Aber wir sind zu spät gekommen. Er hatte das Zeitfenster schon geöffnet und Buffy ist…", sie schluckte schwer und die Unsicherheit der alten Willow kam für einen flüchtigen Moment zum Vorschein. „Nun… jedenfalls ist sie zusammen mit dem Dämon durch das Fenster gestürzt und… ähm… wir konnten sie nicht zurückholen." Wieder sah sie zu Spike, doch der betrachtete eingehend die Holzmaserung des Schreibtischs. „Ich habe alles versucht", gestand sie. „Ich kenne das Jahr, in dem sie sich befindet, ebenso die Stadt… aber meine Macht reicht nicht, um sie zu finden und zurückzuholen."

„Und was soll Spike dagegen unternehmen?" Unterdrückter Ärger schwang in Angels Stimme mit und er kniff die Augen zusammen. Seiner Meinung nach, war er viel besser dazu geeignet, Buffy zu finden und es wurmte ihn, dass Willow diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht zog.

„Ich möchte ihn in die gleiche Zeit versetzen. Er soll sie ausfindig machen und zu einem Ort bringen, von dem aus ich beide zurückbringen kann."

„Hah!", schnaubte Spike. „Vergiss es! Schick den da", knurrte er und zeigte auf Angel. „Die Jägerin wird sich sicherlich wahnsinnig freuen, ihn zu sehen!" Er würde sich diesen Mist gewiss nicht freiwillig antun! „Was ist mit dem Wächter? Oder dem Welpen?" Warum schickst du die nicht?"

„Sie haben nicht deine Fähigkeiten", erwiderte Willow bestimmt.

Natürlich hatten sie alle denkbaren Ideen schon vorher durchdacht und ausprobiert, aber nun waren sie am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Giles war sogar extra deswegen aus England angereist, aber auch er hatte nicht helfen können. Fest stand nur, dass Buffy am Leben war. Aber die Jägerin hatte alleine keine Chance, jemals zurück in ihre eigene Zeit zu gelangen.

„Wir brauchen dich", sagte Willow. „Sie braucht dich!"

„Jetzt mal immer mit der Ruhe!" Wieder war es Angel der dazwischen ging, bevor der blonde Vampir überhaupt antworten konnte. „Du kommst in mein Büro gestürmt… erzählst wie nebenbei, dass Buffy in großen Schwierigkeiten steckt und willst was…? Spike mitnehmen?" Er lachte und schüttelte den Kopf. „Das kann nicht dein Ernst sein!"

„Hätte ich lange um den heißen Brei herumreden sollen?", erwiderte Willow heftig. Sie hatte mit Angels Gegenwehr gerechnet, aber nicht damit, dass er es ihr so schwer machen würde. Sie atmete tief ein und senkte die Stimme. „Ich weiß, dass du sie liebst", sagte sie leise, „aber wir brauchen Spikes Hilfe. Nicht deine!"

„Warum?" Angel schnaubte laut. „Warum ausgerechnet Spike?" Er war ganz und gar nicht mit ihrer Erklärung zufrieden und das machte er deutlich.

Doch Willow beachtete ihn nicht. Sie sah wieder Spike an. „Darf ich dir etwas zeigen?"

„Verfluchte Hölle! Nein!" Der blonde Vampir schüttelte wild den Kopf. „Verdammt, Red… kannst du nicht verstehen, dass ich…"

Weiter kam er nicht. Willow benutzte ihre Magie, um ihn zu stoppen. Mit nur wenigen Schritten war sie bei ihm und griff nach seiner Hand. „Ich muss es dir zeigen. Es ist wichtig!"

 

                                                                                      *~*~*~*

 

Spike fand sich an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit wieder. Und er begriff sofort, dass es Willows Augen waren, durch die er sah.

Er stand vor einem riesigen Krater und blickte auf das, was einmal Sunnydale gewesen war. Die Jägerin stand nicht weit von ihm entfernt und er sah die riesige Wunde in ihrem Bauch. Aber ebenso sah er ihre Tränen und die zusammengepressten Lippen.

Augenblicke später befand er sich in dem Schulbus, mit dem sie zum letzten Gefecht aufgebrochen waren. Giles hatte das Steuer übernommen und sie fuhren durch eine trostlose Landschaft. Er sah Buffy. Man hatte sie auf eine der Sitzbänke gelegt und es ihr so bequem wie möglich gemacht.

„Wie geht es dir?", hörte er Willow sagen und die Jägerin wandte sich ihr zu. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und er fühlte einen Stich im Herzen. „Buffy? Alles wird wieder gut. Wir sind bald…"

„Nichts wird wieder gut", murmelte sie leise und versuchte ihr Gesicht zu verbergen. „Niemals!"

„Doch bestimmt", erwiderte Willow zuversichtlich und beugte sich zu ihr herab. Ihre Hand fuhr über Buffys Stirn und sie wischte ein paar wirre Haarsträhnen weg. „Wir sind bald in L.A. Dann bringen wir dich in ein Krankenhaus und…"

„Das ist es nicht!" Buffy hustete und wischte sich energisch die Tränen weg. Sie sah ihre beste Freundin verzweifelt an. „Er hat mir nicht geglaubt."

„Wer hat dir nicht geglaubt?" Spike sah noch immer durch Willows Augen, aber es war sein Körper, der zitterte.

„Spike! Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe, aber er hat mir nicht geglaubt…" Sie hustete wieder. „Und jetzt ist es zu spät. Er wird es niemals erfahren."

„Schon gut", hörte er Willow leise sagen, dann war er zurück in Angels Büro. Die Hexe ließ seine Hand los und sah ihn erwartungsvoll an.

„Ist das die Wahrheit?" Er hatte Mühe, überhaupt ein Wort herauszubringen, aber er musste es wissen. „Oder irgendein alberner Hokuspokus, der mich überreden soll?"

„Es ist die Wahrheit", lächelte Willow. „Und es hat sich bis heute nicht geändert!"

„Ich packe meinen Krempel", krächzte er heiser. Er warf einen Blick auf Angel und atmete unnötigerweise tief ein. „Ich bin gleich wieder da."

Der blonde Vampir stürmte aus dem Büro und Angel sprang auf. „Was zur Hölle ist hier los?", fauchte er. „Verdammt! Ich will eine Erklärung!"

Willow verzog mitleidig das Gesicht. Es würde nicht einfach werden, Angel die ganze Wahrheit zu sagen, aber ihrer Meinung nach hatte er ein Recht darauf. Sie seufzte leise und begann mit ihrer Geschichte.

Teil 2

Der blonde Vampir verstaute ruckzuck seine wenigen persönlichen Sachen in einem Seesack, schulterte ihn und blieb dann stehen. Was tat er sich da gerade eigentlich wieder an. Wollte er das wirklich? Sich wieder in einem Sumpf verfangen, aus dem es vielleicht keinen Ausweg mehr gab?

Spike war vollkommen durcheinander und Kopf war voller Fragen, doch irgendwie tauchten auf die meisten sofort die passenden Antworten auf. Willow hatte anscheinend mit ihrer Magie dafür gesorgt, dass er so schnell wie möglich mit allen Begebenheiten vertraut war und er dankte der Hexe im Stillen dafür. Es vereinfachte die Sache ungemein und vor allem kamen sie so beide um möglicherweise peinliche Momente herum.

Allerdings blieb eine Frage offen. Und zwar die, wie sie am schnellsten nach Cleveland kamen? Doch auch dafür hatte die Rothaarige gesorgt. Kaum war er bei ihr angelangt, nahm sie ihn einfach an der Hand und zusammen mit ihr bewegte er sich durch den Raum. Spike hatte sich nicht einmal mehr von Angel verabschiedet, aber er war sicher, der ältere Vampir war im Stillen froh darüber, dass er endlich wieder aus seinem Leben verschwand. Vielleicht waren zwei Vampire mit Seele doch zu viel für L.A.!

Spike nahm ein Flackern wahr, aber egal, wie sehr er sich konzentrierte, er konnte seine Umgebung nicht erkennen. Alles verschwamm und verwischte, kaum dass er ein einigermaßen klares Bild vor Augen hatte. Sekunden später fand er sich in einem Haus wieder, umgeben von alten Bekannten.

Kennedy lehnte an einer Türzarge und nickte ihm freundlich zu, Giles sprang aus seinem Sessel hoch und gab ihm beinahe feierlich die Hand und der Welpe klopfte ihm herzhaft auf die Schulter.

„Hey, Alter", grinste der Dunkelhaarige. „Lange nicht gesehen!"

Die beste Begrüßung kam allerdings von Dawn. Sie hüpfte mehr oder weniger in seine Arme und drückte ihn fest an sich.

„Hallo, Krümel", murmelte er überwältigt. Dann sah er sie an und nickte anerkennend. „Du bist verdammt erwachsen geworden:"

„Wir haben uns ja auch lange nicht mehr gesehen", schmollte sie. Doch dann gewann die Freude die Überhand und sie strahlte ihn an. „Es ist schön, dass du wieder da bist!"

Spike war verwirrt und er stellte erst einmal seinen Seesack auf den Boden. Ihm war klar gewesen, dass sie seine Hilfe brauchten, aber mit einer so freundlichen Begrüßung hatte er nicht gerechnet. Er sah Willow mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch sie lächelte nur.

„Es hat sich einiges verändert", flüsterte sie ihm zu und nickte aufmunternd.

„Sie wissen vermutlich schon, um was es geht", meldete sich der Wächter zu Wort. „Nicht, dass ich das Wiedersehen schmälern möchte, aber … es geht immerhin um Buffy und die Aufgabe, sie wohlbehalten hierher zurückzubringen."

„Aber hinsetzen darf er sich noch?", nörgelte Dawn, von dem plötzlichen Ernst der Situation überfordert.

Spike lächelte. Es mochte sich vieles verändert haben, aber die kleine Summers war die Gleiche geblieben. „Schon gut", meinte er und nickte ihr zu. „Wir sollten so schnell wie möglich alles Nötige besprechen. Wenn wir zurück sind, bleibt genug Zeit, um uns ausgiebig zu unterhalten."

„Also gut, nun…", räusperte sich Giles. „Ich weiß nicht genau, was Willow Ihnen schon alles erzählt hat und deswegen… meine Frage, ob Sie die Ihnen zugedachte Aufgabe verstanden haben?"

„So weit ist alles klar", erwiderte Spike schnell. Doch das war eine Lüge. Er wusste zwar, auf was es ankam, doch irgendwie fühlte sich alles falsch an und er erwartete, jeden Moment aus einem völlig verrückten Traum zu erwachen. „Ich weiß nur noch nicht, in welchem Land sie sich befindet und in welchem Jahr", sagte er stattdessen.

„Buffy ist in London", sagte Xander, schob sich an ihm vorbei und setzte sich auf den Couchtisch.

„Und zwar im Jahr 1916", fügte Giles leise hinzu. Der ehemalige Wächter nahm seine Brille ab und polierte sie. Er wusste zu gut, was das zu bedeuten hatte und er ahnte, dass auch der Vampir sofort begriff, um was es ging.

„Scheiße", entfuhr es Spike auch sogleich und da ihn alle anstarrten, erklärte er sich. „Erster Weltkrieg. Eine Menge Vampire treiben sich zu der Zeit in London herum. Es gibt kriegsbedingt jede Menge Tote und ein paar mehr oder weniger fallen kaum auf. Leichtes Futter sozusagen."

„Wo waren Sie zu dieser Zeit?", erkundigte sich der ehemalige Wächter. „Nur um sicherzugehen, dass Sie Sich nicht selbst begegnen."

Spike überlegte mit gerunzelter Stirn. „Osteuropa", murmelte er dann. Er sah in die Runde und erwartete immer noch, dass er gleich aufwachen würde oder zumindest jemand „April, April", schrie.

„Das ist gut", nickte der Wächter erleichtert. „Das verkleinert das Risiko, eine Raum- Zeitverschiebung zu produzieren ungemein." Er nickte sich selbst zu und kramte in seinen Unterlagen. „Dann sollten wir möglichst schnell beginnen!"

„Langsam", unterbrach Xander und grinste belustigt. „Wir müssen ihn noch mit dem ganzen Krempel versorgen, bevor wir ihn in die Höhle des Löwen jagen." Der Dunkelhaarige sah recht verwegen mit seiner Augenklappe aus und er zwinkerte Dawn mit seinem gesunden Auge zu. „Damit er nicht irgendwo in der Pampa landet!"

„Das hätte ich fast vergessen!" Giles räusperte sich verlegen und öffnete eine kleine Aktentasche. „Wir haben Pässe für Sie und Buffy organisiert", meinte er dann erklärend und legte sie auf den Tisch. „Xander, geh mal beiseite", murmelte er und fuchtelte mit den Händen. „Wir haben Sie beide zu englischen Staatsbürgern gemacht", sagte er dann. „Wir dachten, das wäre das Einfachste."

„Außerdem seid ihr verheiratet", grinste Kennedy. „Wir glauben, dass es für Buffy als Frau leichter ist, wenn sie einen Ehemann vorweisen kann", warf sie schnell hinterher.

„Überdies hat Willow dir eine klasse Geldbörse gezaubert", grinste Dawn und hielt sie ihm entgegen. „Sie spuckt endlos Geld aus und zwar immer in der Währung des Landes, in dem du dich befindest." Sie lachte leise. „Ich wollte auch so eine, aber…"

„Dawn", bremste Willow sie. „Wir haben oft genug darüber gesprochen." Die Hexe schüttelte sanft den Kopf. „Du weißt, dass ich sie nur für die Aufgabe geschaffen habe. Magie und …"

„Ja, ja", unterbrach die Jüngste im Raum nörgelnd und verzog schmollend das Gesicht. „Du hast es mir oft genug gesagt. Trotzdem ist es unfair!" Beleidigt verschränkte sie die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Wand. „Unfair!"

„Und wir haben euch jede Menge zeitgemäße Kleidung besorgt", lenkte Kennedy die Aufmerksamkeit auf sich. Sie zeigte auf zwei unmoderne Koffer, die säuberlich gestapelt an der Wand lehnten. „Einer ist für dich, der andere für Buffy. Solltest du sie finden…"

„Er findet sie", platzte es aus Dawn heraus. „Wenn sie einer finden kann, dann Spike!"

„Okay", meinte Spike und zog das Wort gewaltig in die Länge. „Jetzt mal immer mit der Ruhe. Das sind doch eine Menge Informationen und die muss ich erstmal verdauen!" Er atmete tief ein und ließ sich dann auf einen freien Sessel fallen. „Das meiste habe ich begriffen, aber jetzt habe ich zwei Fragen. Erstens: Wo genau muss ich Buffy hinbringen, damit ihr uns zurückholen könnt? Und zweitens: Wie lange ist sie schon in London?"

„Sie ist fast zwei Wochen dort", murmelte der Wächter leise. Er wirkte äußerst betrübt und es fiel ihm schwer, dem Vampir in die Augen zu sehen.

„Seid ihr denn wahnsinnig", fauchte Spike dann auch gleich los. „Ihr könnt doch nicht ernsthaft… Habt ihr euch mal überlegt, wie wenige Überlebenschancen sie dort hat? Ohne die passende Kleidung und Geld ist sie praktisch aufgeschmissen. Ihr habe ja keine Ahnung, was…."

„Wir haben alles versucht", bekräftigte Willow noch einmal und bremste somit sein drohendes Geschrei aus. „Das ist jetzt unsere letzte Chance! DU bist unsere letzte Chance!"

Spike sah ein, dass sie kaum eine andere Möglichkeit gehabt hatte, aber er war weit davon entfernt sich zu beruhigen. „Und wie stellt ihr euch die Rückkehr vor?", schnaubte er und schüttelte den Kopf. ‚Fast zwei Wochen’, dachte er. ‚Was für ein Wahnsinn!’

„Also gut", nickte Willow. „Das ist dann wohl mein Part. Ich brauche einen magischen Ort, damit ich meine Kräfte bündeln kann. Deswegen bietet sich Stonehenge an", sagte sie selbstbewusst. „Diese alte Kultstätte müsste mir die Möglichkeit bieten, euch ohne Schwierigkeiten zurückzubringen. Immerhin speichert sie noch immer eine Menge mystische Energie und die kann ich ausnutzen."

„Dann hätten wir soweit wohl alles Wichtige geklärt", nickte der ehemalige Wächter. „Es ist ziemlich einfach. Zumindest theoretisch. Spike geht zurück in der Zeit, findet Buffy und bringt sie nach Stonehenge."

„Oh", machte Willow. „Die Rückreise…", sie hüstelte. „Es funktioniert nur bei Vollmond. Das heißt, sollten wir den richtigen Moment in dem Monat verpassen, indem Buffy sich befindet, müssen wir einen ganzen Monat warten."

„Was dann auch die Kleidung und das ganze Geld erklärt", brummte Spike. Er stand auf, blickte Einem nach dem Anderen ins Gesicht und seufzte. „Bereitet alles vor. Ich bin draußen!"

 

                                                                                       *~*~*~*

 

Xander fand ihn zwanzig Minuten später im Garten. Der Vampir stand an einen Baum angelehnt da und blies Rauchwolken in die Luft.

„Ein hartes Wiedersehen", sagte er leise und sah Spike aufmerksam an.

„Kann man so sagen", knurrte dieser verbittert. Er hatte versucht, die Gedanken in seinem Kopf zu ordnen. Allerdings war es ihm kaum gelungen. Viel zu viel war in den letzten Stunden auf ihn eingestürzt und er war weit davon entfernt, sich auch nur annähernd wohl zu fühlen. „Warum hat sie sich nicht gemeldet?", brach die Frage aus ihm heraus, die ihn am meisten zu schaffen machte. „Wenn wirklich stimmt, was Willow mir gezeigt hat, warum hat sie dann nicht…"

„Sie konnte es nicht", erwiderte Xander leise.

„Hah! Das ich nicht lache! Ihr wisst es scheinbar alle und ich Volltrottel…"

„So war das nicht", versuchte Xander ihn zu beruhigen. „Sie konnte nicht einfach…"

„Ich dreh gleich durch", schnauzte Spike ihn an. „Jahrelang habe ich… Gott, verfluchte Hölle! Und jetzt…! Verdammt!" Er stieß sich vom Baum ab und schnippte den Zigarettenstummel in die Luft. „Verdammte Scheiße!" schrie er in den Nachthimmel.

„Spike, hör zu", versuchte Xander es wieder. „Wir waren nie die besten Kumpels, aber ich habe nicht vergessen, wie oft du mir mein verdammtes Leben gerettet hast. Also hör mir zu!" Er hielt Spike am Ärmel fest. „Verdammt! Hör zu!"

Der Vampir seufzte, warf die Hände in die Luft und seine Schultern sackten herab, als er sich dem Dunkelhaarigen zuwandte. „Ich höre", brummte er und kramte eine neue Zigarette aus seiner Schachtel.

„Buffy wollte dir nichts davon sagen", begann Xander zu erklären. „Sie wusste nur zu gut, wie es in dir aussieht und sie wollte dich nicht drängen. Nicht nach dem, was du alles hinter dir hast." Er klopfte Spike auf die Schulter. „Sie hat uns alles erzählt. So nach und nach hat sie wohl alles zur Sprache gebracht und mittlerweile verstehe ich so einiges, was ich damals nicht begriffen habe. Vielleicht auch nicht verstehen wollte", gestand er dann. „Jedenfalls wollte sie dich nicht wieder in ein Leben zwingen, in das du vielleicht nicht wolltest."

„Aber wie sollte ich…? Wie hätte ich ahnen können…?" Der Vampir war am Ende seiner Geduld angelangt. In den letzten Stunden war so viel Schmerz aufgewühlt worden und er fühlte sich ausgelaugt, wie schon lange nicht mehr. „Warum…? Warum zur Hölle hat mir keiner etwas gesagt?"

„Erst dachten wir, du wärst tot und als wir mitbekommen haben, dass du bei Angel bist… Buffy wollte dich nicht zwingen. Wenn, dann solltest du aus freien Stücken zurückkommen und…"

„Warum hätte ich denn zurückkommen sollen?", schrie er. „Verdammt! Warum? Wenn ich doch dachte, sie hasst mich wie die Pest?" Er stampfte die Zigarette in den Boden und fluchte laut. „Verdammte Scheiße, verdammte!"

„Hey, Mann", meinte Xander leise. „Versuch es positiv zu sehen. Jetzt weißt du Bescheid und ihr habt die Möglichkeit, ganz von vorne anzufangen. Vorausgesetzt, du findest sie überhaupt", setzte er noch leise hinzu. Er konnte den Vampir nur zu gut verstehen. Er wäre an seiner Stelle auch sauer, aber das war im Moment bedeutungslos. Buffy wieder zurückzuholen war das Wichtigste.

„Sicher finde ich sie", schnaubte der Vampir. „Ich finde sie überall!"

 

                                                                                          *~*~*~*

 

„Okay", meinte Xander, der die vergangenen fünf Minuten dabei zugesehen hatte, wie Spike im Garten unruhig auf- und ablief. „Ich glaube, ich geh besser wieder rein und helfe den Anderen bei den letzten Vorbereitungen. Ich hole dich dann, wenn wir soweit sind." Er stellte sich dem Vampir in den Weg, stoppte somit dessen angespannte Wanderung und sah ihn an. „Alles okay?"

„Ja, ja", knurrte Spike und zündete sich erneut eine Zigarette an. „Ich lauf schon nicht weg!" Er sagte es leichthin, aber es war genau das, was ihm kurz durch den Kopf geschossen war.

Seine Gefühle befanden sich im Chaos, ein totales Wirrwarr der Emotionen und er atmete unnötigerweise tief ein. „Scheiß drauf", murmelte er leise vor sich hin. „Du springst durch dieses verdammte Fenster, holst die Jägerin zurück und dann… erst dann machst du dir Gedanken darüber, was weiter geschieht!"

Teil 3

Spike rematerialisierte direkt vor dem Eingang des Clearidge Hotels. Giles hatte diesen Ort ausgewählt, weil er sich in einem Teil Londons befand, der nur sehr wenige Kriegsschäden davontrug und trotzdem recht zentral lag, so dass er jedes Stadtviertel schnell erreichen konnte. Außerdem bot das Hotel für die Zeit einen äußerst hohen Komfort und da Geld kein Problem darstellte, war es Spike nur recht. London war schon immer teuer gewesen und jetzt, wo er einen gewissen Standard forderte, war das Clearidge eine gute Alternative. Er brauchte diese Bequemlichkeit nicht für sich, aber er ahnte, dass die Jägerin sie gut gebrauchen konnte, nach all den Tagen der Entbehrung.

„Oh, Sir", murmelte der Portier verwirrt. „Ich habe Sie gar nicht ankommen sehen." Er eilte die kleine Treppe hinab und griff nach den Koffern. „Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte, Sir."

„Kein Problem", murmelte Spike großmütig. Immerhin traf den armen Mann keinerlei Schuld. Willow hatte es genau so geplant und er musste neidlos anerkennen, dass sie ihr Fach mittlerweile perfekt beherrschte.

Die Rezeption war verlassen und es dauerte eine Weile, bis ein verhärmt dreinblickender Mann aus dem hinteren Teil des Hauses auftauchte.

„Guten Abend, Sir", sagte er steif. „Was kann ich für Sie tun?"

„Ich möchte ein Zimmer", erwiderte Spike mit bestem britischen Akzent. „Ich dachte, das versteht sich von selbst."

Der Angestellte lächelte schwach. „Das sollte man annehmen, Sir. Aber in diesen unruhigen Zeiten…. Für wie lange darf ich Sie anmelden?"

„Das kann ich nicht genau sagen", meinte Spike und zupfte an seinem Kragen. Er hasste diese altmodische Kleidung wie die Pest. Sie war unbequem und der Stoff kratzte auf seiner Haut. „Ich bin geschäftlich hier", erklärte er dann. „Es kommt also darauf an, wie gut die Verhandlungen für mich laufen."

„Ich verstehe, Sir." Der Mann kramte in seinen Unterlagen. „Wir haben momentan eine Menge freie Zimmer", sagte er dann entschuldigend. „In diesen schrecklichen Tagen bleiben die meisten Gäste aus. Deswegen kann ich Ihnen eines unserer schönsten Einzelzimmer anbieten."

„Zwei Personen", sagte Spike. „Meine Frau kommt später."

„Ich verstehe, Sir", hustete der Angestellte, der ihn offensichtlich völlig falsch einschätzte.

„Nein! Ich denke, genau das tun Sie nicht", schnaubte Spike böse. Ihm war völlig klar, was dieser lausige Angestellte von ihm dachte und es nervte ihn gewaltig. Allerdings wusste er selbst nicht, warum er sich so daran störte. „Bitte sehr", sagte er wütend und knallte beide Pässe auf den Tresen. „Meine Frau ist noch bei Verwandten, aber sie dürfte in Kürze eintreffen!"

„Entschuldigen Sie vielmals, Sir", murmelte der Mann verlegen und besaß tatsächlich soviel Anstand, zu erröten.

„Haben Sie auch Zimmer im Erdgeschoss?", erkundigte er sich, noch immer mit einem bitteren Unterton in der Stimme. Für gewöhnlich was es nicht üblich, dass Hotels Zimmer im Parterre anboten, aber vielleicht hatte er ja Glück und dieses Hotel bildete eine Ausnahme. Normalerweise wurden die unteren Räume anders genutzt. Etwas für Abstellräume oder auch die Küche.

„Allerdings, Sir", nickte der Angestellte. „Im Westflügel befinden sich zwei Suiten, die ebenerdig sind. Sie wurden gerade erst renoviert und sind äußerst luxuriös eingerichtet."

„Ich nehme eine", sagte Spike sofort und zog seine Geldbörse heraus. „Sind Sie zufrieden, wenn ich für eine Woche im Voraus bezahle?"

„Selbstverständlich, Sir!" Der Hotelangestellte klatschte in die Hände und ein pickliger junger Mann eilte in die Hotelhalle. „Bringen Sie Mr. Summers bitte in die King George Suite."

Kaum dort angekommen, verscheuchte Spike den jungen Hotelpagen praktisch. „Ich möchte nicht mehr gestört werden", erklärte er ihm und drückte ihm ein paar Pence in die Hand. „Gute Nacht!"

Er lauschte den Schritten des sich entfernenden Pagen, verschloss die Tür und eilte auf die zugezogenen Fenster zu. Er riss den schweren Vorhang zur Seite und blickte in einen kleinen gepflegten Park, der das Hotel rückwärtig einsäumte. Einigermaßen zufrieden nickte er vor sich hin. Es war bedeutend einfacher in der Nacht zu verschwinden, wenn er nicht durch die Hotelhalle musste. Erstens musste er so nicht den Nachtwächter bemühen und zweitens beugte er so einer Menge Klatsch und Tratsch vor.

Er nickte grimmig, öffnete eine der großen Flügeltüren, die in den Park führten und huschte hinaus. Lange aufhalten wollte er sich in London nicht unbedingt. Am besten wäre es, er würde die Jägerin noch heute Nacht finden. Bis zum Vollmond waren es noch neun Tage. Somit blieb noch genügend Zeit um sie zu finden, aber er ahnte, dass sie am Ende ihrer Kräfte sein musste.

Es war nicht einfach für jemanden, in der Großstadt zu überleben, wenn der Betreffende sich niemals zuvor in einer solchen Situation befunden hatte. Außerdem war Buffy ein Mensch mit extrem hohen Ansprüchen an sich selbst. Ihr würde es zu schwer fallen, Menschen zu bestehlen oder sich Dinge anzueignen, die ihr nicht gehörten.

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Die Millionenstadt selbst wirkte wie ausgestorben. Die Straßenlaternen waren ausgeschaltet worden und die Fenster waren blickdicht mit irgendwelchen Decken verhangen. Spike konnte es den Einwohnern nicht verdenken. Zu viele Zeppeline, beladen mit einer ungeheuerlichen, tödlichen Fracht, hatten den Weg über den Ärmelkanal gefunden und ihre tödliche Ladung abgeworfen. Ganze Straßen lagen in Schutt und Asche, unzählige Menschen waren tot, unter den Trümmern ihrer Häuser begraben und die Stadt roch nach Tod und Verwesung.

Selbst als seelenloser Vampir hatte er Kriege verabscheut. Es war ein unnützes Gemetzel und am Ende gab es keinen wirklichen Gewinner. Nur unzählige Tote, die betrauert werden wollten.

Mitten auf dem Trafalgar Square blieb er stehen und rief sich selbst zur Ordnung. Den Krieg konnte er nicht aufhalten, aber Buffy finden… das konnte er! Er reckte sich, dehnte seine verspannte Nackenmuskulatur und atmete die kühle Nachtluft ein.

London war und blieb eine Großstadt. Es war nicht einfach, Buffy zu finden und er musste einen Plan ausarbeiten, nachdem er seine Suche ausrichten konnte. Spike nutzte seine vampirischen Fähigkeiten, aber so sehr er sich auch anstrengte, die Präsenz einer Jägerin konnte er nirgends ausmachen.

Die Glocke das Big Ben beendete schließlich seine Suche. Sie schlug vier Mal und kündigte damit den neuen Morgen an. Spike blieb nichts anderes übrig, als zurück nach Mayfair zu laufen und sich im Hotel zu verbarrikadieren. Die Vorteile, ein Dämon zu sein, schlugen nun ins Gegenteil um. Er war gezwungen, einen ganzen Tag in seinem Zimmer zu vergeuden und darauf zu warten, dass die Dunkelheit erneut hereinbrach.

 

                                                                                       *~*~*~*

 

Die Nacht war kalt. Zumindest kam es Buffy so vor. Sie hockte in einer Ecke eines ausgebombten Hauses und zitterte am ganzen Leib. Sie war unendlich müde, traute sich aber nicht, die Augen zu schließen. Unzählige Vampire trieben sich draußen herum und sie hatte kaum noch die Kraft, sich ihnen entgegen zu stellen.

Seit zwölf Tagen war sie nun schon hier und langsam sank die Chance auf eine glückliche Rückkehr ins Bodenlose. Zuerst hatte sie noch gedacht, es würde nur ein paar Stunden dauern, bis Willow sie fand und zurückbrachte. Aber diese Hoffnung war schnell verpufft. In ihrer ersten Nacht hatte sie sich nicht vom Fleck bewegt, aus Angst, dass man sie sonst nicht wieder finden konnte, aber irgendwann musste sie einsehen, dass an eine Rettung so schnell nicht zu denken war.

Sie hatte fast sofort gewusst, wo sie sich befand. Sie war in der Nähe des Buckingham Palace gelandet und dieses Gebäude kannte wohl jedes Kind der Welt. Als in der Nacht dann Zeppeline über die Stadt flogen und Bomben auf sie herab warfen, war jede Frage überflüssig geworden. Außerdem hatte sie mit etwas Ähnlichem schon gerechnet. Der Samnu-Dämon war nun mal dafür bekannt, dass er Zeitsprünge machte und das Schlimmste daran war, dass sie ihn nicht einmal erwischt hatte. Er war verschwunden, kaum dass sie sich aufgerappelt hatte. Er hatte einfach ein weiteres Zeitfenster geöffnet und war hinein gesprungen.

Ihr Magen knurrte und sie versuchte, sich an ihre letzte Mahlzeit zu erinnern. Aber irgendwie wollte es ihr nicht gelingen. Es war einfach zu lange her und sie seufzte. Kleidung hatte sie gefunden. Jedenfalls etwas, dass ihr half, sich in dieser Stadt besser zu verbergen. Aber mit Verpflegung sah es schlecht aus. Wie immer in Kriegszeiten waren Nahrungsmittel knapp und irgendwelche ergiebigen Gärten hatte sie in London noch nicht gefunden.

„Ein Apfel", fiel es ihr wieder ein. Sie hatte ihn mit äußerst schlechtem Gewissen aus einem Einkaufskorb gestohlen. Aber das war auch schon zwei Tage her. Wenn das so weiter ging, musste sie sich wohl oder übel an eine dieser selbstlosen Organisationen wenden. Vorausgesetzt, es gab sie schon.

Aber dann fiel ihr wieder ein, dass sie keinerlei Papiere bei sich hatte und der letzte Funken Hoffnung starb. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, was passierte, wenn die englische Polizei jemanden ohne gültige Papiere aufgriff. In Kriegszeiten galt wohl jeder, der sich nicht ausweisen konnte, als Schwerverbrecher oder gar Verräter. Buffy machte sich noch kleiner und sackte an der Wand zusammen. ‚Das war es dann wohl’, überlegte sie traurig. Sie hatte sich oft ihren Tod ausgemalt, aber niemals hätte sie damit gerechnet, in einer Großstadt zu verrecken. Noch dazu in einem fremden Land und zur falschen Zeit.

„Nein", schwor sie sich wenige Augenblicke später. „So leicht gibst du nicht auf!" Sie kämpfte sich unsicher auf die Füße und atmete tief ein, um die letzten Kraftreserven zu aktivieren. „Du gehst jetzt da raus, besorgst dir auf irgendeine Art und Weise etwas zu Essen und dann… dann … sieht alles schon wieder viel besser aus." Sie blinzelte, als sich die ersten Sonnenstrahlen einen Weg durch die dicke Wolkendecke bahnten und seufzte. Sie würde das überstehen. Irgendwie!

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Spike lief unruhig in seiner Suite auf und ab. Er konnte fühlen, dass es Buffy nicht gut ging und es war ihm klar, dass er sich mit seiner Suche beeilen musste. Sie war schon viel zu lange auf sich allein gestellt und sie war nun mal kein Dämon, der sich einfach nahm, was er brauchte.

Lange hatte er darüber nachgedacht und ihm war klar geworden, dass er an den falschen Stellen gesucht hatte. Buffy würde sich nicht in den besseren Wohngegenden aufhalten und er ärgerte sich schon, dass es ihm nicht früher eingefallen war. Eigentlich war es offensichtlich, dass sie sich einen Platz suchen würde, der so gut wie menschenleer war. Eine Amerikanerin ohne Geld und passende Kleidung… es würde ihr gar nichts anderes übrig bleiben, als sich praktisch unsichtbar zu machen.

Nervös lief er im Zimmer auf und ab, wartete, bis es endlich wieder dunkel wurde und er seine Suche fortsetzen konnte. Die Sekunden wurden zu Stunden und er spürte Wut in sich aufsteigen, die einen dicken Kloß in seinem Hals bildete und sich nicht wieder lösen wollte. „Verdammter Mist", fauchte er und schlug mit der Faust gegen die Wand. Der Schmerz half ihm sich zu konzentrieren und sein Gesicht wurde grimmig. „Ich werde sie finden", knurrte er, „und zwar heute noch!"

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Die Nacht war besonders dunkel. Dicke Regenwolken schoben sich über den Nachthimmel und da auch die Straßenbeleuchtung fehlte, war es schwierig, überhaupt etwas auszumachen. Jedenfalls wäre es für einen Menschen schwer gewesen. Spike hingegen störte die Dunkelheit nicht und er fühlte, dass er auf dem richtigen Weg war. Die zerbombten Straßen tauchten vor ihm auf und er blieb stehen. Eine Menge Vampire trieben dort ihr Unwesen, jagten die wenigen Überlebenden, die dort noch immer Schutz suchten. Aber da war noch etwas anderes. Etwas, dass er schon lange nicht mehr gespürt hatte und sein totes Herz krampfte sich zusammen.

Er rannte durch die menschenleeren, finsteren Gassen, blieb zwischendurch kurz stehen, um sich zu orientieren und landete schließlich in einem fast zerstörten Hinterhof. Da war sie. Die Jägerin. Sie kämpfte gegen drei Vampire und beschützte ein kleines Mädchen, das sie hinter ihrem Rücken verbarg. Sie wirkte schwach und das hatten auch die anderen Vampire bemerkt.

Nur mit Glück gelang es Buffy einen der Vampire zu erledigen und sie schob das Kind in einen schmalen Gang. „Lauf", befahl sie, wirbelte dann wieder herum, um sich erneut ihren Gegnern zu stellen. „Dann ist es wohl soweit", sagte sie laut und Spike knurrte leise. Sie hatte aufgegeben, das spürte er genau. Aber das würde er nicht zulassen!

Sein Gesicht verwandelte sich in eine abscheuliche Fratze und er stürmte los. Er hatte sie gefunden und würde nicht zulassen, dass sie jetzt kapitulierte. Nicht jetzt und nicht hier!

Die beiden Vampire waren schnell erledigt und er eilte auf Buffy zu, die während des kurzen Kampfes zu Boden gegangen waren. Sie rappelte sich wieder auf die Beine und starrte ihn aus trüben Augen an.

„Spike!" Er sah ihre Lippenbewegungen, aber er konnte keinen Laut vernehmen. Sie schluckte schwer, Tränen traten in ihre Augen und dann tat sie etwas völlig Unerwartetes. Sie rannte um ihr Leben.

Teil 4

Völlig verwirrt starrte Spike der davon stolpernden Jägerin hinterher. Dann flammte Wut in ihm auf, die er kaum bändigen konnte. Alles war eine einzige große Lüge gewesen! Alles, was Willow ihm erzählt und gezeigt hatte… alles war nichts weiter als ein Märchen. Einzig dazu erfunden, um ihn zur Mithilfe zu überreden.

Spike schrie seinen Zorn in den Nachthimmel und trat mit voller Wucht gegen eine halbverfallene Mauer, die unter dem Druck endgültig in sich zusammenfiel. Doch dann stutzte er. Es gab noch eine weitere Möglichkeit. Buffy hatte ihn zwar erkannt, aber nicht realisiert, dass er aus der Zukunft kam, um sie zu suchen. Vielleicht nahm sie an, dass sie seinem Selbst aus dem Jahr 1916 begegnet war.

Es war nicht mehr als eine Idee, aber es musste ein Schock für die Jägerin gewesen sein, ihn hier zu sehen. Höchstwahrscheinlich war er die letzte Person, deren Hilfe sie erwartet hatte. Willow, Xander oder Giles hätten sie vermutlich nicht so aus der Fassung gebracht, aber er…. Sie konnte nicht wissen, dass man ihn dazu geholt hatte.

Je länger er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher wurde es. Selbst wenn die rothaarige Hexe ihm wirklich nichts weiter als ein Märchen aufgetischt hatte… in ihrer Situation hätte Buffy mit absoluter Gewissheit nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihr geboten hätte.

„Scheiße", murmelte er fast lautlos, dann warf er alle Bedenken ab und jagte hinter ihr her.

Sie ein weiteres Mal aufzustöbern, war nicht sonderlich schwer. Sie hatte anscheinend nicht mehr die Kraft für eine weite Flucht und so hatte sie sich in einem der ausgebombten Häuser versteckt.

Vorsichtig bahnte er sich einen Weg durch die Trümmer. Und auch, wenn sie vollkommen erschöpft wirkte, so würde er nicht den Fehler machen und sie unterschätzen. Sie war noch immer eine Jägerin und das würde er niemals vergessen.

Zu oft hatte er sie kämpfen sehen und er kannte ihre Kraft. Auch wenn sie jetzt scheinbar jegliche Hoffnung aufgegeben hatte… kampflos würde sie sich sicherlich nicht ergeben.

Doch seine Bedenken waren unbegründet. Noch bevor er sich auf eine gefährliche Distanz nähern konnte, brach Buffy bewusstlos zusammen.

 

                                                                                            *~*~*~*

 

„Mr. Summers, ich muss dringend mit Ihnen sprechen!"

Spike hatte Buffy auf seinen Händen den ganzen Weg zurück getragen, hatte dort angekommen eine erfundene Geschichte von einem Überfall vorgetragen und nach einem Doktor verlangt. Jetzt lag sie blass in den weißen Decken und der Mediziner erhob sich und verstaute sein Stethoskop in seiner Tasche.

„Mr. Summers", riss der Arzt ihn aus seinen Gedanken und blickte ihn über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg an. „Wenn ich Sie bitten dürfte", meinte er und zeigte auf die Tür.

„Selbstverständlich", erwiderte Spike, der kaum einen Blick von der Jägerin wenden konnte. Seitdem sie hier waren, hatte sie kaum ein Lebenszeichen von sich gegeben und seine Besorgnis wuchs von Minute zu Minute. War er zu spät gekommen? Hätten Willow und Giles schneller reagieren müssen? Tausend Fragen schossen durch seinen Kopf, doch dann erinnerte er sich an ihre Selbstheilungskräfte und seufzte lautlos.

„Also gut", räusperte sich der Mediziner, kaum dass sie den Flur betreten hatten. „Ihre Frau kommt bestimmt wieder auf die Beine", beruhigte er den aufgelösten Vampir erstmal. „Allerdings hat sie dieser Überfall arg strapaziert. Und", sagte er ernst, „sie ist viel zu dünn. Ich weiß nicht, ob sie irgendwelchen Einfluss darauf haben", fuhr er ernst fort, „aber wenn dem so ist, dann sorgen Sie bitte dafür, dass Sie mehr zu sich nimmt." Er machte eine Pause und rückte seine Brille zurecht. „Sie müssen Ihr jetzt viel Ruhe gönnen", nickte er wichtig. „Muten Sie Ihr in den nächsten Tagen nicht zuviel zu, dann erholt sie sich von alleine."

Spike konnte nichts weiter tun, als nicken. Schon auf dem Weg zum Hotel hatte er gespürt, dass sie nur noch aus Haut und Knochen bestand. Allerdings konnte er nicht sagen, ob es an den zwei Wochen lag, die sie hier alleine verbracht hatte oder ob ihre körperliche Verfassung schon vorher schlecht gewesen war.

„Sollten noch Probleme auftauchen, so zögern Sie nicht lange und lassen mich rufen." Der Doktor nickte ihm zu. „Auf Wiedersehen!"

„Danke", murmelte Spike und ging zurück ins Zimmer. Buffy lag noch immer bewegungslos auf dem Bett und sein Herz wurde schwer. So hatte er sich ihr Wiedersehen nicht vorgestellt und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich machtlos. Wie würde sie reagieren, wenn sie aufwachte? Würde das Erste, was er in ihren Augen sah, Verachtung sein? Würde sie sich freuen, ihn zu sehen oder würde sie ihn sofort wieder von sich stoßen?

„Mr. Summers?", meldete sich eine leise, schüchterne Stimmer hinter ihm und er wirbelte herum.

Ein Dienstmädchen, mit einem Tablett beladen, stand in der Zimmerflucht und machte einen verlegenen Eindruck. „Entschuldigen Sie bitte, Sir, aber die Tür stand offen und ich…"

„Schon gut", nickte der Vampir. „Was gibt es denn?"

„Ich habe hier eine Schale mit Suppe für Ihre Frau", sagte sie und machte einen Knicks.

„Danke, dass ist sehr aufmerksam. Stellen Sie sie bitte auf dem Tisch ab", brachte er mühsam über seine Lippen. Dann seufzte er, da eine weitere Person das Zimmer betrat. ‚Wenn das so weitergeht, kann ich Eintritt verlangen’, dachte er grimmig. Er konnte jetzt keine Zuschauer gebrauchen. Immerhin konnte er nicht einschätzen, wie Buffy reagierte, wenn sie aufwachte. „Und was kann ich für Sie tun?", fragte er bissig und funkelte den Hotelangestellten böse an, der sonst die Rezeption leitete.

„Ich wollte mich nur erkundigen, ob wir noch irgendetwas für Sie tun können?"

„Etwas Ruhe wäre nett", knurrte der Vampir böse.

„Ich verstehe", murmelte der Mann und ließ das Dienstmädchen durch. „Und Sie sind Sich sicher, dass Sie keine Polizei…"

„Nein. Keine Polizei", nickte Spike bestimmt. „Erstens ist nichts gestohlen worden und ich war schnell genug zur Stelle, um Schlimmeres zu verhindern. Und zweitens haben die Beamten in diesen Tagen bestimmt Wichtigeres zu tun."

Der Angestellte nickte. „Wenn ich sonst noch etwas…"

„Im Moment nicht. Danke", unterbracht Spike ihn unwirsch. „Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie uns jetzt alleine lassen würden."

„Selbstverständlich", nickte der Mann und machte eine komische kleine Verbeugung. Dann zog er die Tür hinter sich zu und verschwand.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Viele Stunden später schreckte Buffy hoch. Spike hatte sich zu ihr auf das Bett gelegt und sie spürte seine Anwesenheit sofort. Noch bevor sie überhaupt die Augen geöffnet hatte, wehrte sie sich mit Händen und Füßen gegen ihn.

„Buffy", versuchte er sie zu stoppen. „Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit! Buffy!"

Aber die Jägerin war weit davon entfernt sich zu beruhigen. Sie krabbelte rückwärts von ihm weg und er bekam sie gerade noch rechtzeitig zu fassen, bevor sie aus dem Bett fiel.

„Buffy", versuchte er es erneut und nagelte sie mit seinem Gewicht auf dem Bett fest. „Es ist alles gut. Ich bin hier, um dich zurückzubringen!"

Nur mit Mühe konnte er ihre wild um sich schlagenden Arme einfangen und als ihrer Gegenwehr ein wenig nachließ, startete er einen neuerlichen Versuch. „Buffy! Komm zu dir! Ich bin hier, um dir zu helfen!"

Ihre Augen fixierten ihn nur langsam und es war ein Anflug des Erkennens darin zu sehen. „Spike", murmelte sie fassungslos, dann traten Tränen in ihre Augen. „Das kann nicht… nicht wahr sein."

„Es ist wahr", bekräftigte er und nickte. „Giles und Willow haben mich geschickt." Vorsichtig ließ er ihre Arme los und krabbelte von ihr runter. Allerdings war er jederzeit bereit, sich wieder auf sie zu stürzen und er blieb auf der Hut.

„Oh, mein Gott", schluchzte Buffy. „Und ich dachte…dachte…"

„Es wird alles wieder gut", sagte er sanft, stieg aus dem Bett und gab ihr damit den Raum, sich ein wenig zu sammeln. „Jetzt, wo ich dich gefunden habe…"

Die Jägerin rutschte rückwärts, lehnte sich erschöpft gegen das Kopfende des Betts und sah sich müde um. „Wo sind wir?", fragte sie matt und zog die Decke über sich. Ihr war kalt und sie zitterte am ganzen Körper. Ihre Augen waren rot und geschwollen und ihre Lippen waren vom Flüssigkeitsmangel spröde geworden.

„Clearidge Hotel", erwiderte er und winkte gleichzeitig ab. „Aber das ist jetzt unwichtig." Er nahm die mittlerweile kalte Suppe mitsamt dem Tabletts hoch und brachte sie ihr. „Ich werde dir alles erzählen, aber zuerst musst du wieder zu Kräften kommen. Er stellte seine Last auf ihre Oberschenkel und zuckte mit den Schultern. „Sie ist kalt, aber ich kann…" Die Situation war zu bizarr und er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er sah sie an, verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe, sie ist trotzdem genießbar."

„Schon gut", bremste Buffy ihn. Ihr Hunger war so groß, dass sie fast alles gegessen hätte und außerdem hatte sie, während sie aß, die Zeit, sich zu sammeln und ihre wirren Gedanken zu ordnen.

Dem Vampir erging es ähnlich. Auch er war durcheinander und so ging er auf die Flügeltüren zu und stieß sie auf. Er kramte eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und sog den blauen Rauch tief in seine Lunge.

„Dann warst du das in dem Hof", sagte die Jägerin unvermittelt und er wandte sich um. „Und ich dachte…"

Der Anflug eines Grinsens legte sich auf sein Gesicht. Er hatte Recht behalten, sie hatte ihn hier nicht vermutet. „Mein anderes Ich ist gerade in Osteuropa und treibt dort sein Unwesen", erklärte er leise.

„Entschuldige. Ich…"

„Schon okay", wehrte er ab. „Du konntest es nicht wissen." Er drehte sich wieder um und starrte in die Dunkelheit des Parks. „Gott, verdammt’, dachte er verbittert. ‚So schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt.’ Er zog wieder heftig an der Zigarette und blies den Rauch in den Garten. ‚Scheiße, verfluchte!’

Die Suppenschüssel klirrte auf dem Tablett, Buffy schluchzte unterdrückt auf und er war gerade noch schnell genug bei ihr, um das Tablett mit seiner kippenden Last aufzufangen.

„Es ist okay", versuchte er sie zu beruhigen und fühlte sich gleichzeitig völlig hilflos. „Du hast eine verdammt harte Zeit hinter dir." Er stellte das Servierbrett auf den Boden und setzte sich neben sie auf das Bett. „Du musst dich jetzt ausruhen. Morgen ist noch genug Zeit, um dir alles zu erklären." Er rechnete mit heftiger Gegenwehr, doch sie nickte nur matt.

„Kannst du… bleibst du bei mir?", versicherte sie sich und sah ihn unsicher an.

„Sicher", erwiderte er fast lautlos.

„Hier?", fragte sie wieder und deutete auf den freien Platz neben sich.

Der Vampir schluckte schwer. „Wenn du möchtest." Er bekam die Worte kaum heraus, aber er erhob sich und legte sch dann neben sie. „Versuch zu schlafen", sagte er sanft. „Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus."


                                                                                           *~*~*~*

 

Es dauerte nicht lange, bis Buffys Atmung langsam und gleichmäßig wurde und Spike starrte an die Decke des Zimmers. Niemand auf dieser verfluchten Welt konnte ermessen, wie schwer es für ihn war, hier so neben ihr zu liegen. Niemand konnte auch nur ahnen, wie viel Mühe es kostete, nicht laut loszuschreien.

Am liebsten hatte er sie an sich gezogen und in die Arme geschlossen, aber das konnte er nicht. Er hatte noch immer keinen blassen Schimmer, was sie wirklich dachte oder fühlte und er würde diesen schmalen Grat nicht überschreiten. Und sei es auch nur, um sich selbst zu schützen.

Allerdings wurde seine Selbstbeherrschung bald auf eine harte Probe gestellt. Buffy kuschelte sich im Schlaf eng an ihn und ihr Arm schlang sich um seine Brust.

Gott, verdammt’, dachte er und ließ sämtliche Bedenken sausen. Er brachte sie in eine bequemere Lage und bettete ihren Kopf auf seinem Oberarm.

„Ich liebe dich", murmelte er leise und strich ihr sachte durch das Haar.

Die Antwort haute ihn vollends um. „Ich dich auch", nuschelte die Jägerin und war bereits wieder tief eingeschlafen, als er scharf die Luft einsog und sich eine einsame Träne einen Weg über seine Wange bahnte.

Teil 5

Die Stunden vergingen wie im Flug und das, obwohl Spike nichts weiter tat, als die Jägerin im Arm zu halten und sanft zu streicheln. Sie lag völlig ruhig da und bewegte sich kaum. Und erst, als es gegen Mittag an der Tür klopfte, schälte er sich aus dem Bett und öffnete die Tür.

„Ja?", fragte er durch den schmalen Spalt, den er für groß genug hielt und erblickte ein ihm noch unbekanntes Hausmädchen, das ihn freudig anstrahlte.

„Man schickt mich, Ihnen und Ihrer Frau das Mittagessen zu bringen", sagte sie freundlich. „Die Hotelleitung meint, dass es für Sie so angenehmer ist, als im Speisesaal." Sie zeigte auf ein kleines Wägelchen, das reichlich mit den verschiedensten Speisen beladen war.

Der Vampir nickte. „Lassen Sie es bitte da stehen. Ich hole es gleich herein."

Das Mädchen nickte, und verabschiedete sich mit einem kleinen Knicks.

„Wer war das?", erkundigte sich Buffy leise. Sie setzte sich auf, gähnte herzhaft und wischte sich ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Mittagessen", erwiderte Spike tonlos. Solange Buffy schlief, hatte er sich einreden können, dass alles in bester Ordnung war. Aber das war jetzt vorbei und von nun an würde es kompliziert werden. „Ich hole es rein", meinte er, öffnete die Tür weiter und zog das Wägelchen in das Innere der Suite.

„Spike", murmelte Buffy leise. Der Sinn stand ihr nicht nach Essen, selbst wenn sie noch soviel Hunger hatte. Erst musste sie sich mit dem Vampir aussprechen. Es brannte auf ihrer Seele und duldete keinen weiteren Aufschub. „Warum bist du hier?", erkundigte sie sich leise.

„Ich dachte, das wäre klar", sagte er matt. „Willow war in L.A. und hat mich… abgeholt."

„Hat Willow dir auch … auch gesagt… das ich…", sie schluckte schwer und ihre Stimme verklang zu einem unverständlichen Gemurmel.

„Sie hat mir Bilder gezeigt", erklärte er scheinbar ruhig. „Aber ich weiß nicht, ob es die Wahrheit ist oder nur ein Trick, der mich dazu bringen sollte…" Es war schwer, sie anzusehen und so beschäftigte er sich mit den Tellern auf dem Servierwagen. Er schob sie hin und her, schaute unter die Abdeckhauben und sortierte das Besteck neu.

Der Drang wegzulaufen verstärkte sich mit jeder Sekunde und er ballte seine Hände zu Fäusten. Würde er mit einer erneuten Abweisung zurechtkommen? Jetzt? Nach all dem, was er auf sich genommen hatte?

„Es war kein Trick", murmelte die Jägerin leise und schälte sich aus dem Bett. Sie stand auf wackeligen Füßen da und sah an sich herunter. Sie trug ein altmodisches langes Nachthemd mit Spitzen an den Säumen, das sie nie zuvor gesehen hatte. „Oh", flüsterte sie, als ihr bewusst wurde, wer sie umgezogen hatte, doch dann blickte sie auf und schaute ihm in die Augen. „Ich weiß nicht genau, was sie dir alles gezeigt hat", sagte sie und ihre Stimme war kaum zu vernehmen. „Aber wenn es dabei um meine… meine Gefühle für dich geht, dann hat sie nicht gelogen." Sie schwankte leicht, versuchte sich an dem Bettpfosten festzuhalten.

Rasend schnell war er bei ihr, hob sie in die Arme und verfrachtete sie zurück ins Bett. Erst dann bemerkte er die Nähe, in der er sich zu ihr befand und er schluckte schwer. „Sag es nur noch ein Mal", forderte er sie leise auf. „Und wenn es auch das letzte Mal ist!"

Sie lächelte schwach. „Ich liebe dich!" Und dann, mit einer plötzlichen Energie, die nicht die ihre schien, zog sie ihn zu sich auf das Bett und verwickelte ihn in einen leidenschaftlichen Kuss.

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Es kostete Spike einiges an Mühe, sich wieder von ihr zu lösen und er atmete unnötigerweise tief ein. „Oh, verdammt", murmelte er leise und er stand wieder auf. „Nicht, dass du mich falsch verstehst", lächelte er überglücklich, „es gibt wohl kaum etwas, dass ich jetzt lieber täte, aber zuerst sollten wir dafür sorgen, dass du dich erholst und wieder zu Kräften kommst."

Buffy nickte und das schwache Rot auf ihren Wangen stand ihr ausgezeichnet. Es bildete einen krassen Unterschied zu der Blässe, die ihr jetzt zu Eigen war und Spike hob sie hoch und platzierte sie auf einem Sessel nahe am Tisch. „Erst essen", sagte er und nahm die Hauben von den abgedeckten Schüsseln und Tellern. Er setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl und beobachtete kritisch jede Handbewegung, die sie machte.

„So geht das nicht", lachte Buffy, die diese Bemutterung für völlig übertrieben hielt. „Außerdem müsste ich erstmal dringend woanders hin."

„Kannst du", murrte er und löffelte Rührei auf ihren Teller. „Dann, wenn du das aufgegessen hast", nickte er und deutete auf den Teller. „Der Doktor hat auch gesagt, dass du viel zu dünn bist und er hat mich dafür verantwortlich gemacht."

„Du hast einen Arzt kommen lassen?" Erstaunt riss sie die Augen auf.

„Sicher", nickte er. „Wie hätte ich den Angestellten des Hotels sonst meine vollkommen erschöpfte Frau erklären sollen? Außerdem warst du solange weggetreten, dass ich so oder so…"

„Deine Frau?" Wieder war es an Buffy, verblüfft dreinzuschauen.

„Giles hat uns Pässe anfertigen lassen, die dich zu meiner Frau machen", lächelte er verschmitzt. „Allerdings heiße ich jetzt Summers." Er zeigte auf ihren Teller, und drückte ihr eine Gabel in die Hand. „Essen", befahl er.

„Ja, Sir, Mr. Summers, Sir", feixte sie und steckte den ersten Bissen in den Mund. „Darf ich jetzt ins Bad?"

„Noch nicht", meinte er und deutete wieder auf ihren Teller. „Erst aufessen!"

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Das Zimmermädchen hatte den Servierwagen längst wieder abgeholt, doch Spike hatte das frische Obst und eine Schale mit Pudding zurückbehalten. Im Moment stand er vor der geöffneten Flügeltür und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die Jägerin war seit über einer Stunde im Badezimmer und er konnte es ihr nicht verdenken. Ihre Haare standen wie Stroh vom Kopf ab und sie hatte in den vergangenen zwei Wochen bestimmt nur selten die Gelegenheit gefunden, sich ausgiebig zu waschen.

Aber er selbst war hilflos überfordert. Solange Buffy im gleichen Raum mit ihm gewesen war, wirkte alles wie ein wunderschöner, fast perfekter Traum. Aber jetzt, wo er alleine in den Regen starrte, fragte er sich, ob es vielleicht doch nur eine Illusion gewesen war. Die vergangenen Tage waren so verzwickt und voll von unterdrückten Emotionen gewesen, dass er langsam nicht mehr zwischen Wunschtraum und Realität unterscheiden konnte.

„Hey", riss Buffy ihn leise aus seinen Gedanken. Sie hatte ausgiebig gebadet, saubere Kleidung angezogen und fühlte sie so gut wie neu. Auch wenn sie selbst spürte, dass sie noch Meilen von ihrer sonstigen Form entfernt war. „Oh", machte sie und blickte an ihm vorbei in den Park. „Gibt es in London auch noch anderes Wetter als Regen?", fragte sie lächelnd.

„Ja, sicher", erwiderte er mit einem Zwinkern in den Augen. „Nebel!"

Sie schritt auf ihn zu und wie selbstverständlich schob sie ihre Arme unter seinen durch und umfasste seinen Bauch. „Hier gibt es keinen Fön", stellte sie fest, „und ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wie die Frauen dieser Zeit ihrer Haare tragen."

„Ich kann losgehen und nachschauen", grinste er verwegen. „Die Sonne kommt heute auf gar keinen Fall mehr zum Vorschein…"

„Nur wenn ich mitgehen kann", neckte sie ihn, da sie die Antwort schon kannte. Er hatte mehr als deutlich gemacht, dass sie keinen Schritt alleine tat, bevor sie wieder ganz auf der Höhe war. „Das Hotel ist nicht schlecht", sagte sie dann, um die Stille zu durchbrechen. „Jedenfalls das, was ich bisher davon gesehen habe."

„Ja, ganz ordentlich", brummte Spike und warf den Zigarettenstummel hinaus in den Regen.

„Ist alles okay?", fragte Buffy leise und entließ ihn aus ihrer Umklammerung.

„Sicher", erwiderte er und schrak beim derben Klang seiner Stimme selbst zusammen. „Es ist nichts…nur… Ach, verdammt! Die ganze Zeit denke ich darüber nach… so viel vergeudete Zeit und du hast keinen Finger gerührt, um mich zurückzuholen." Er wandte sich um und sah sie finster an. „Erklär mir, warum du nichts unternommen hast, wenn wirklich stimmt, was du mir gesagt hast?"

„Ich konnte es einfach nicht", sagte sie leise und sank kraftlos auf einen der Sessel. „Nicht nach all dem, was in Sunnydale passiert war." Sie seufzte laut. „Ich habe dir so oft wehgetan, dich so oft verletzt…" Buffy wurde immer leiser und verstummte dann ganz. „Ich wollte dir nicht noch mehr Schmerzen zumuten."

„Verdammt", fluchte er laut, doch dann beruhigte er sich und kniete neben ihr nieder. „Buffy", sagte er leise. „Vielleicht…vielleicht bietet uns das Hier und Jetzt eine ganz neue Möglichkeit. Wir sollten versuchen zu vergessen, was vorher gewesen ist und das hier als ganz neue Chance sehen."

„Wir können nicht vergessen, was gewesen ist", erwiderte sie ernst und verzog das Gesicht. „Das weißt du ebenso gut wie ich."

„Du hast Recht", nickte er. „Aber wir können einen neuen Anfang für uns wählen. Einen, der die Vergangenheit auch vergangen sein lässt." Er strich ihr federleicht über die Wange und nahm dann ihr Gesicht in seine Hände. „Es wäre einen Versuch wert."

Buffy lächelte und nickte. „Nur zu gerne", murmelte sie und küsste ihn.

 

                                                                                      *~*~*~*

 

Es war am späten Nachmittag, als Buffy genervt aufseufzte. Spike hatte ihr einen wirklich üblen Pudding aufgezwungen, sie mit einem Apfel gefüttert und dafür gesorgt, dass sie nicht einen Schritt zuviel machte.

„Es reicht langsam", brummte sie unzufrieden und bevor er irgendwelche Einwände erheben konnte, sprach sie schnell weiter. „Gut, okay, ich bin aus den Latschen gekippt", gab sie zu, „aber in den zwölf Tagen, die ich alleine hier war, habe ich nicht halb soviel gegessen wie heute." Mit Schaudern dachte sie an die vielen Speisen, die Spike schon mittags in sie hineingestopft hatte. „Es regnet immer noch… können wir nicht einfach ein bisschen spazieren gehen.

Prüfend blickte er sie an. „Ich weiß nicht", murmelte er und erinnerte sich an die Worte des Arztes. „Der Doc meinte, du solltest dich in den ersten Tagen nicht überanstrengen."

Buffy grunzte. „Der Dussel wusste ja auch nicht, dass er eine Jägerin vor sich hatte. Ach, komm schon", flehte sie ihn an. „Ich will doch nur ein wenig an die frische Luft."

„Also gut", gab der Vampir sich geschlagen. Er hatte eh keine Chance und so konnte er auch gleich zustimmen. „Aber", meinte er, „wir bleiben in der Nähe des Hotels, sind vor Anbruch der Nacht zurück, bevor du auf die glorreiche Idee kommst, doch noch ein paar Monster zu jagen. Und… wir machen vorher noch einen kurzen Halt in der Hotelhalle."

„Einverstanden", lachte sie und sprang auf.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Allerdings hatte sich Buffy vorschnell mit seinen Bedingungen abgefunden, wie sie wenige Minuten später entnervt feststellte. Die Hotelhalle war nicht einfach nur eine Halle. Nein! Um diese Uhrzeit wurde dort Tee serviert und der Vampir suchte ihr ein dickes Stück Torte aus, dass sie nur unter größten Anstrengungen überhaupt herunterbekam.

„Wenn du heute noch so ein fettiges Teil in mich hineinstopfst, dann platze ich", drohte sie ihm, kaum dass sie auf die Straße hinausgegangen waren.

„Das glaube ich eher nicht", grinste er amüsiert und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Du wirst es schon überleben."

Spike hatte sich beim Portier einen großen Regenschirm ausgeliehen, den er jetzt aufspannte und Buffy dann galant seinen Arm anbot.

„Ich kann alleine laufen", hätte sie am liebsten protestiert, aber sie wusste, es gehörte zu dem Spiel, das sie spielten. Genau wie die furchtbaren Klamotten, die sie als schrecklich einengend, kratzig und unbequem empfand. Aber das Schlimmste waren definitiv die Hüte. Spike sah in seinem schwarzen Anzug, dem Gehrock und dem Bowler einfach nur hervorragend aus, sie selbst fühlte sich in dem mausgrauen Kostüm und der komischen Kopfbedeckung, die Ähnlichkeit mit einem Topf hatte, einfach nur abscheulich.

„Wo gehen wir hin?", fragte sie neugierig, die dumpfen Gedanken über ihre Bekleidung beiseite schiebend.

„Nicht besonders weit", zuckte Spike mit den Schultern. „Nur einmal um den Block, wie du es nennen würdest."

„Ganz toll", grummelte sie vor sich hin. „Da bin ich schon mal in London und was bekomme ich zu sehen? Ausgebombte Häuser, Vampire und ein Hotel!" Doch dann fiel ihr ein, dass sie noch gar nicht über die Pläne für ihre Rückkehr gesprochen hatten und sie blieb stehen.

Der Vampir, von dem plötzlichen Halt überrascht, blieb ebenfalls stehen. Aber bevor er auch nur einen Ton über die Lippen bringen konnte, bombardierte sie ihn schon mit Fragen.

„Ich werde dir alles erklären", bremste er ihren Redefluss und zog sie über die Straße, auf ein kleines Kaffeehaus zu.

„Kaffee", brummte sie, als er die Tür öffnete und sie hinein schob. „Von mir aus auch Tee! Aber wenn du mir wieder ein Stück Torte bestellst, dann… dann…"

Und der Vampir bestellte keinen Kuchen, auch wenn es ihm noch so schwer fiel.

Teil 6

Das Kaffeehaus war düster, aber nichtsdestotrotz recht behaglich eingerichtet. Allerdings waren kaum andere Gäste anwesend und es fiel den Beiden nicht schwer, einen freien Tisch zu finden, an dem sie sich ungestört unterhalten konnten.

Spike wartete, bis die Bedienung ihnen Kaffee servierte und begann dann damit, Buffy alles zu erzählen, was er von Giles und Willow wusste.

„Stonehenge", murmelte die Jägerin ein paar Minuten später mit gerunzelter Stirn. „Da wollte ich immer schon mal hin." Sie nippte vorsichtig an dem tiefschwarzen Getränk und verzog augenblicklich das Gesicht. „Verdammt, was ist das denn? Bäh! Wie eklig!" Angewidert wischte sie sich mit der Hand über den Mund und schüttelte sich.

Leise lachend trank Spike selbst einen Schluck und grinste sie amüsiert an. Der Kaffee, den sie gewohnt war, war kaum mit dem Gebräu verwandt, dass sie nun vor sich stehen hatte, aber er machte keinen Versuch, es ihr zu erklären. „Du wirst dich daran gewöhnen", prophezeite er stattdessen und blinzelte ihr zu.

„Mit Sicherheit nicht", brummte sie missmutig. Aber immerhin wusste sie jetzt, warum die Servierkraft für jeden ein großes Glas Wasser auf den Tisch gestellt hatte. Sie griff nach ihrem Glas und trank es in großen Zügen leer. Aber der bittere Kaffee hinterließ einen schrecklichen Nachgeschmack, der einfach nicht vergehen wollte und so tauschte sie ihr leeres Glas gegen Spikes volles. „Vollmond", kehrte sie ein paar Sekunden später zum Thema zurück. „Und du sagst, es sind noch acht Tage bis dahin?"

„Wenn du den heutigen mitrechnest", erwiderte er und hatte Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen. Buffy knabberte gedankenverloren an den Plätzchen, die zum Kaffee gereicht wurden, und sie bekam es nicht einmal mit. Aber das war ihm nur recht. Je mehr sie aß, desto eher ging es ihr wieder gut und war somit auch fit genug, um mögliche Schwierigkeiten zu überstehen.

„Dann bleibt ja noch genügend Zeit, um uns London anzusehen. Vor allem, wenn das Wetter so bleibt", dachte sie laut und lächelte ihn über den Tisch hinweg an. „Du kennst es ja schon, … aber ich nicht und ich würde mir zu gerne …"

„Das wird nicht gehen", bremste er ihren Übermut vorsichtig aus. „Ich weiß aus sehr verlässlichen Quellen, dass übermorgen am späten Abend ein wahrer Bombenregen auf die Stadt niedergeht", flüsterte er leise.

„Giles, nehme ich an", murrte sie und er nickte.

„Und bis dahin will ich von hier verschwunden sein." Er nahm ihre Hand und drückte sie tröstend. „Außerdem ist das Reisen in Kriegszeiten nicht ganz so einfach, wie du es dir vielleicht vorstellst. Ich habe heute Mittag schon unsere Reisepläne weitergeleitet. Das Hotel wird alles Weitere für uns organisieren, und da wir beide britische Pässe haben, sollten wir wenig Scherereien damit haben. Ich denke mal, dass Giles dafür gesorgt hat, dass die Fälschungen nicht erkannt werden."

„Ich verstehe", murmelte sie seufzend. „Und wie genau werden wir nach Stonehenge kommen?"

„Für uns ist ein Zug die beste Alternative", erklärte er. „Ein Abteilfenster lässt sich leichter abdunkeln als alles Andere."

„Aber, hey", sagte sie strahlend. „Uns bleibt immer noch ein ganzer Tag…"

„…den du im Bett verbringen wirst", führte er den Satz zu Ende und Buffy blieb nichts anderes übrig, als ihn biestig anzustarren und theatralisch zu seufzen.

 

                                                                                           *~*~*~*

 

Die letzten anderthalb Tage waren wie im Flug vergangen und Buffy würde sie bestimmt niemals wieder vergessen. Zuerst war es schwer gewesen, Spike dazu zu bewegen, sie nicht wie eine Schwerkranke zu behandeln, aber dank ihrer Überzeugungskraft, hatte er seine Meinung schnell geändert. Zuletzt hatte er dann mehrfach glaubhaft versichert, dass sie nahe dran war, wieder zur Höchstform aufzulaufen und die Jägerin lächelte verschmitzt.

Sie hatten die Suite, beziehungsweise das Bett, so gut wie gar nicht verlassen und der Vampir hatte zwischendurch glatt seine grauenvolle Aufgabe vergessen, sie mit fettigen Speisen zu mästen.

Nun war es früher Abend und der Wettergott war ihnen hold geblieben. Es regnete zwar nicht, aber eine dicke Wolkendecke ließ zu, dass der Vampir sich problemlos durch die Stadt bewegen konnte und so waren sie mit einem Zweispänner bis zum Londoner Hauptbahnhof gefahren. Jetzt standen sie Hand in Hand auf dem Bahnsteig und sahen dabei zu, wie sich eine schwarze Dampflokomotive langsam in den Bahnhof schob.

Dass so ein Ungetüm fahren kann’, dachte Buffy, als das schwere Gefährt dampfend und quietschend zum Stehen kam. ‚Unglaublich!’ Sie sah Spike an, aber der bedeutete ihr, zu warten.

Es dauerte auch nicht lange und ein uniformierter Schaffner eilte auf sie zu. „Guten Abend, Sir", sagte der Mann und tippte sich an die Mütze. „Dürfte ich bitte Ihre Fahrkarten sehen?" Er blickte Buffy neugierig an, doch sie nickte nur stumm.

„Selbstverständlich", sagte Spike und zog sie aus der Innentasche seines Mantels. Er kannte diese ganze lahme Prozedur in und auswendig und er hätte am liebsten laut geseufzt. Zugfahren würde in den nächsten Jahren bedeutend einfacher werden. Man kaufte eine Karte, ließ sie abstempeln und fertig. Ein krasser Gegensatz zu dem Gedönse, das sie gerade erlebten.

„Wie ich sehe, hatten Sie keinerlei Probleme, die erforderlichen Dokumente für Ihre Reise vorzuweisen", nickte der Beamte und spielte damit auf die penible Bürokratie an, die Reisende in diesen Zeiten auf sich nehmen mussten. „Heutzutage wird es einem ganz schön schwer gemacht."

Und sofort war Spike auf der Hut. Der Mann benahm sich seltsam und er stellte eine Menge eigenartiger Fragen. Spitzel gab es in Kriegzeiten überall und er würde nicht durch einen unbedachten flapsigen Spruch auf sich aufmerksam machen. „Was durchaus sinnvoll ist!", sagte er nur und wartete gespannt auf die nächste Frage, die unweigerlich folgen würde.

„Wie recht Sie haben, Sir", nickte der Schaffner wichtig und blickte wieder auf die Billets, die Spike ihm überreicht hatte. „Ich sehe gerade, Sie reisen bis nach Salisbury mit uns."

Doch der Vampir fiel nicht auf den Trick herein. Es war offensichtlich, dass der nervtötende Kerl nur den Grund für ihre Reise erfahren wollte und so begnügte sich Spike mit einem Nicken.

„Ihre Frau?", fragte der Bahnbedienstete ungeniert weiter und sah auf Buffy herunter, aber auch die Jägerin nickte nur.

Sie kannte Spike gut genug, um die ablehnende Haltung nicht zu unterschätzen, die er dem Schaffner gegenüber an den Tag legte und sie wusste auch, dass es einen guten Grund dafür geben musste.

„Dann haben wir ja soweit alles geklärt", murmelte der Schaffner, sichtlich verärgert darüber, mit seinem Verhör nicht sehr weit gekommen zu sein. Er gab Spike die Fahrkarten zurück. „Ich begleite Sie zu Ihrem Abteil." Er winkte einen Kofferträger heran, suchte den richtigen Waggon heraus und reichte Buffy die Hand, um ihr die Stufen heraufzuhelfen. „Sollten Sie irgendwelche Fragen haben, so wenden Sie sich vertrauensvoll an mich", nickte er Spike zu. „Ihre Koffer werden sofort zu Ihnen ins Abteil gebracht." Er tippte sich wieder an seine schwarze Mütze und eilte den Bahnsteig hinab.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

„Was war denn das?", fragte Buffy leise. Sie hatten ihr Abteil bezogen und wie versprochen hatte der Kofferträger ihr Gepäck abgeliefert und verstaut. Sie setzte sich ans Fenster, schob die Vorhänge beiseite und suchte den Bahnsteig ab, aber der Schaffner war nirgends zu sehen. „Der war aber sehr neugierig", stellte sie fest und ließ die blickdichten Gardinen wieder zurückfallen.

„Möglicherweise ein Spitzel", erwiderte der Vampir ebenso leise. Er warf einen letzten prüfenden Blick in den Gang und schloss dann die Tür.

„Was für ein Spitzel?", fragte Buffy mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Wahrscheinlich vom britischen Geheimdienst", murmelte er, „auf der Suche nach Verschwörern oder gar Spionen der Gegenseite." Er zuckte mit den Schultern und sah sie an. „Aber es könnte auch ein Agent des Rats sein", sagte er dann vorsichtig.

„…warum das?" Vollends verwirrt sah die Jägerin ihn an.

„Giles vermutete so etwas", sagte er leise und setzte sich neben sie. „Der Rat ist wohl in der Lage, deine Präsenz wahrzunehmen. Es hilft ihnen dabei, eine neue Jägerin ausfindig zu machen, mit deren Wahl sie nicht gerechnet hatten."

„So wie damals bei mir", nickte Buffy, in Erinnerung an ihre Berufung, und legte überlegend die Stirn in Falten. „Ich mag die Kerle nicht besonders", gestand sie. „Aber was wäre so schlimm daran? Vielleicht könnten sie uns sogar hilfreich sein."

Spike lachte. „Es würde verdammt schwer werden, deine Existenz zu belegen. Und außerdem hast du mich an deiner Seite. Selbst wenn sie dir glauben würden, mich würden sie kaum akzeptieren. Sie würden sofort versuchen, mich zu vernichten."

„Es sind halt Idioten", feixte Buffy. „Waren es immer schon." Sie nahm seine Hand und lehnte sich an ihn. Sie brauchte den Rat nicht. Alles was sie brauchte, war Spike und der saß neben ihr. „Wie weit ist es bis… Salisbury?"

„Ungefähr hundertzwanzig Meilen", murmelte er. „Aber vergiss nicht, dass dies kein Schnellzug ist."

Buffy verstand schnell, was er meinte. Der Zug setzte sich keine fünf Minuten später in Bewegung und sie starrte aus dem Fenster. „Jetzt verstehe ich diesen dämlichen Spruch endlich", grummelte sie.

„Welchen denn?", erkundigte sich der Vampir.

Sie blickte ihn an. „Blumenpflücken während der Fahrt verboten", lachte sie und kuschelte sich wieder an ihn.

 

                                                                                             *~*~*~*

 

Kaum eine Stunde waren sie gefahren, da vernahm die Jägerin zu dem Geräusch der dampfenden Lokomotive ein leises Rauschen, dass sie nicht einordnen konnte.

Spike, der tatsächlich eingeschlummert war, schreckte auf und sprang hoch. „Scheiße", schrie er und riss den Vorhang beiseite. „Ich hab’s gewusst", knurrte er grimmig und griff in einer einzigen Bewegung beide Koffer aus dem Gepäckfach. „Wir müssen uns beeilen", zischte er Buffy zu und zog sie auf den Gang.

Beide fielen zu Boden, als die Notbremse gezogen wurde und die Dampflokomotive geräuschvoll kreischend aus voller Fahrt abbremste.

„Was ist denn los?", fragte Buffy verwirrt, befreite sich aus seinem Griff und rappelte sich auf.

„Zeppeline", flüsterte er, aber da war es schon zu spät. Die erste Bombe fiel und explodierte nur wenige Meter neben dem noch immer fahrenden, Zug. „Raus hier", brüllte er die Jägerin an und schob sie unsanft zur Tür. „Spring", schrie er und versetzte ihr gleichzeitig einen Stoß, sodass ihr gar nichts anderes übrig blieb.

Sekunden später tauchten Doppeldecker am Himmel auf, die das gesamte Gelände unter Beschuss nahmen und ebenfalls Bomben abwarfen.

Buffy landete äußerst unsanft auf dem Kiesbett der Gleise und konnte gerade noch rechtzeitig den Kopf einziehen, um den von Spike geschleuderten Koffern zu entgehen. Sie sah nicht, wie der Vampir dicht neben ihr auf dem Boden landete. Sie hatte nur Augen für die zwei Zeppeline, die im Schein des Mondes in geringer Höhe über dem Zug kreisten.

Die schwere Lokomotive war noch immer nicht ganz zum Stillstand gekommen, und Spike riss sie wieder hoch. „Wir müssen hier weg!", rief er und zeigte auf die altmodischen Flugzeuge, die in geringer Entfernung eine Kehre flogen und zum zweiten Angriff ansetzten.

Buffy sah, wie eine weitere Bombe abgeworfen wurde und hatte Mühe, sich auf etwas Einfaches wie Laufen zu konzentrieren. Sie stolperten den Bahndamm herunter, dann traf der große Sprengkörper sein Ziel und die Lokomotive explodierte in tausend Teile.

Schreie gelten durch die Luft und Buffy drückte sich ins Gebüsch, abgedeckt von Spike, der sie umklammerte und flach auf den Boden drückte. „Es ist noch nicht zu Ende", raunte er ihr zu und er hatte Recht. Der zweite Zeppelin warf seine tödliche Fracht ab und auch er traf sein Ziel.

Die Explosion war unbeschreiblich laut und für einen Augenblick hatte Buffy das Gefühl, dass sämtliche Luft aus ihren Lungen gepresst wurde. Danach herrschte absolute Stille. Die Zeppeline, ebenso die Flugzeuge, hatten den Rückflug eingeleitet und auch sonst war kein Laut zu hören. Und Buffy wusste auch ohne hinzusehen, dass es keine weiteren Überlebenden gab.

„Ich glaube, wir können von hier verschwinden", murmelte sie mehrere Minuten später leise, aber der Vampir machte keine Anstalten, von ihr herunterzukrabbeln und sie bekam es mit der Angst zu tun. „Spike?", fragte sie unsicher und weil keine Antwort kam, drückte sie ihn vorsichtig von sich runter.

Spike war bewusstlos. Ein riesiger Metallsplitter hatte sich tief in seinen Rücken gebohrt und Buffy konnte im Mondlicht die große, unförmig gezackte Wunde sehen.

„Und was jetzt?", fragte sie mit Tränen in den Augen. Doch es war niemand da, der ihr eine Antwort geben konnte.

Teil 7

Das erste was Spike beim Aufwachen wahrnahm, war ein rasender Schmerz, der ihm den Atem raubte… wenn er denn hätte atmen müssen. „Scheiße, verdammte", fluchte er fast lautlos und verlagerte sein Gewicht.

„Hey", murmelte Buffy, die sofort bei ihm war.

Er lag auf dem Bauch, sah unter Qualen auf und schüttelte vorsichtig den Kopf. „Du hast mich getragen!" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und er schien nicht zufrieden damit zu sein. Auf den ersten Blick hatte er erkannt, dass sie sich seinetwegen vollkommen verausgabt hatte. Das bisschen Energie, dass sie sich so mühevoll zurückerkämpft hatte, war wieder verloren und er seufzte leise.

„Es ging nun mal nicht anders", erwiderte sie fest und half ihm auf, da er vor Schmerz aufstöhnte, als er es alleine versuchte. „Oder hätte ich dich den Leuten überlassen sollen, die als erstes an der Unfallstelle waren? Die hätten dich höchstens zwei Meter tief eingegraben! Und du weißt genau wie ich, das es keinen Spaß macht, sich da wieder rauszubuddeln!"

„Schon gut", murmelte er mit zusammengepressten Zähnen und er setzte sich langsam und vorsichtig auf die Bettkante. „Wo sind wir?", erkundigte er sich nach einer Pause. Der Raum, in dem sie sich befanden, war nur spärlich eingerichtet und das wenige Mobiliar hatte schon bessere Zeiten gesehen. Das einzige Fenster war mit einer derben Wolldecke abgedunkelt und er hatte keinerlei Anhaltspunkte, um sich zu orientieren.

„Ein kleiner, halb zerstörtet Bauernhof in der Nähe von Reading", sagte sie leise und überreichte ihm ein großes Einkochglas mit Blut.

„Wo hast du das her?", erkundigte er sich verwundert, aber sie winkte ab.

„Unwichtig", meinte sie und dachte mit äußerst schlechtem Gewissen an den Einbruch, bei dem kleinen Dorffleischer, in den längst vergangenen frühen Morgenstunden. „Es ist das erste Blut, das du zu dir nimmst, seitdem du hier bist, richtig?"

Seitdem Spike sie in dem Trümmerhaus in London gefunden hatte, hatte sie ihm blindlings vertraut und sich seinen Entscheidungen gebeugt. Aber das musste nun ein Ende haben. Nicht, dass er sich nicht gut um sie gekümmert hatte… es war einfach an der Zeit, dass die Jägerin zurückkehrte. Und genau das tat sie!

„Ich konnte so schlecht einen Kühlschrank mit mir rumschleppen", knurrte er und trank das Glas leer. „Gott verdammt! Es fühlt sich an, als wäre mein halber Rücken weggerissen!"

„Es heilt schon", sagte sie sanft. „Es sah erst viel schlimmer aus." Dann wurde ihre Stimme leise und sie strich ihm sanft über den Kopf. „Du warst fast vierundzwanzig Stunden ohne Bewusstsein."

„Ganz toll", zischte er und versuchte aufzustehen. „Dann sind wir nicht nur noch über achtzig Meilen von unserem Ziel entfernt, sondern haben auch noch jede Menge Zeit verloren." Nur sehr langsam kam er auf die Beine und Buffy stand dicht neben ihm, bereit, ihn jederzeit aufzufangen.

„Lass das", murrte er missmutig auf. „Ich brauche kein Kindermädchen!" Er versuchte sie von sich zu stoßen, doch sie gab nicht nach.

„Ach wirklich?", schimpfte sie. „Ist ja merkwürdig. Vor nicht einmal drei Tagen habe ich genau das gleiche gesagt und es hat dich keinen Deut interessiert."

„Das ist was anderes", widersprach er und schob die Decke vor dem Fenster ein Stück zur Seite. „Ich bin ein Kerl", murrte er und starrte in die Dunkelheit.

„Ach so. Ich verstehe", nickte Buffy und ihre Stimme troff vor Sarkasmus. „Du bist stark und hart in Nehmen!"

„Allerdings", bekräftigte er und streckte sich vorsichtig so weit es ging, ohne das der Schmerz ihn von den Füßen riss.

„Okay", meinte Buffy. „Dann stört dich das ja auch nicht", lächelte sie falsch und piekste ihm mit dem Finger in die Seite.

„Au, verdammt", brüllte er los und fuhr zusammen. „Zur Hölle! Was sollte das?"

„Nur ein kleiner Test", grinste sie hämisch, „und du hast ihn nicht bestanden!" Dann wurde sie wieder ernst und führte ihn zurück zum Bett. „Spike", sagte sie sanft. „Ich weiß, du willst mich beschützen und ich fand es auch wunderschön, einmal so umsorgt und verhätschelt zu werden. Aber das ist nicht mein wirkliches Ich und das weißt du auch."

„Ja, verdammt", knurrte er. „Aber es war zu Abwechslung mal ganz nett, den großen Beschützer raushängen zu lassen."

„Und das hast du wirklich außergewöhnlich gut gemacht", sagte sie sanft und küsste ihn flüchtig. „Aber wenn das mit uns funktionieren soll, dann…"

„…bist du wieder der Boss", knurrte er unzufrieden und fühlte sich augenblicklich in die Vergangenheit versetzt.

„Nein", sagte sie und kniete sich vor ihn auf den staubigen Boden. „Mein Leben hat sich vollkommen verändert. Ich studiere wieder und hab, Dank den von Giles aufgefundenen geheimen Konten des Rats, keine Geldsorgen mehr." Sie machte eine Pause und nahm seine Hand. „Die Jagd teile ich mit Kennedy. Sie ist noch ganz wild darauf und mit Willows Unterstützung ist sie fast unschlagbar." Buffy lächelte bei dem Gedanken daran. „Verstehst du? Es ist nicht mehr so wie vorher in Sunnydale."

„Für mich klingt das schwer nach einer gut durchdachten Abfuhr", stellte er fest. Er vergaß seine Schmerzen und funkelte sie wütend an. „Was willst du mir eigentlich sagen? Das du mich nicht mehr brauchst? Das ich nicht mehr in dein Leben passe?"

„Natürlich nicht", schüttelte sie erschreckt den Kopf. „Ich wollte damit nur sagen, dass ich…", sie seufzte leise und sah ihm in die Augen. „Wenn es funktionieren soll, dann nur als Partnerschaft. Ich will nie… nie wieder in das alte Muster zurückfallen."

Spike begriff sofort, worauf sie damit anspielte und er konnte es kaum fassen. Sie bot ihm mehr an, als er je zu hoffen gewagt hatte und für einen Moment sah er sie ungläubig an. „Buffy", flüsterte er heiser und zog sie an sich. Doch der Kuss, in den er sie verwickelte, dauerte nicht sehr lange. Sein geschundener Rücken machte ihm einen Strich durch die Rechnung und er kippte erschöpft auf die Seite. „Okay", brummt er, als die Schmerzwelle langsam verebbte. „Wie schlimm ist es wirklich?"

Die Jägerin erhob sich, ging hinüber zum Tisch und brachte ein dreißig Zentimeter langes und fast halb so breites Eisenteil zu ihm. „Das Ding steckte in deinem Rücken", erklärte sie ruhig. „Ich bin zwar alles andere als ein Mediziner, aber meiner Meinung nach hast du wahnsinnig viel Glück gehabt."

„Glück nennst du das?", versuchte er zu scherzen und verzog das Gesicht, als der Schmerz wieder aufflammte.

„Wenn das Teil deine Wirbelsäule getroffen hätte, hätten wir jetzt echte Schwierigkeiten." Sie brachte das riesige Schrapnell zurück zum Tisch und kniete sich wieder vor das Bett. „Ich habe die Wunde so gut verarztet, wie ich konnte", erklärte sie leise und ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. „Und sie verheilt gut", nickte sie und ihre Finger wanderten federleicht über seine Wange. „Aber ich schätze, dass Ding hat dir einige Rippen gebrochen und ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis sie verheilen."

„Haben wir noch mehr Blut?’’

„Jede Menge", erwiderte sie und erhob sich ein weiteres Mal, um Nachschub zu holen.

„Das ist gut", murmelte er leise. „Je mehr, desto schneller bin ich wieder auf den Beinen." Dann schlief er ein und Buffy krabbelte hinter ihm auf das Bett. Sie war vollkommen erschöpft, auch wenn sie das niemals vor Spike zugegeben hätte. „Schlaf schön", murmelte sie leise, doch dann fielen auch ihr die Augen zu.

 

                                                                                            *~*~*~*

 

„Ich muss ins Dorf", verkündete die Jägerin am nächsten Morgen. Sie hatte sich im Hof notdürftig unter einer alten Pumpe gewaschen und dann aus dem schier unendlichen Fundus grauenhafter Klamotten ein langes blaues Kleid gekramt. „Irgendeine Idee, wie ich beim Fleischer drei Liter Blut bestellen kann, ohne als total irre und durchgeknallt zu gelten?"

Spike lachte leise und schüttelte den Kopf. „Nein. Keine Ahnung." Doch dann wurde er wieder ernst. „Wie weit ist das nächste Kaff weg?" Es ging ihm besser, als am Abend zuvor. Aber er war noch weit davon entfernt, wieder auf der Höhe zu sein.

„Bis Reading sind es zwölf Meilen", erinnerte sie sich an die Beschilderung, die sie bei ihrem ersten Ausflug gefunden hatte. „Das Dorf hier ist nicht gerade weit entfernt, aber da kann ich mich nicht mehr sehen lassen. Es wäre wohl etwas auffällig, wenn ich zu dem Fleischer marschiere und Blut bestelle, bei dem ich letztens eingebrochen bin, um welches zu stehlen", erklärte sie und zwinkerte ihm zu. „Ich muss also diesmal in die andere Richtung", zuckte sie mit den Schultern. „Das Dorf ist sechs Meilen weit weg und ich glaube, es hieß Ottery St. Mary oder so."

„Ein verdammt weiter Weg", brummte er missmutig. Auch wenn Buffy in dem schrecklichen blauen Kleid wie eine Einheimische aussah… sie konnte die Amerikanerin in sich kaum verbergen und es störte ihn gewaltig, dass er sie nicht begleiten konnte. In Kriegszeiten galt jeder Fremde als Spion, und gerade in so kleinen Dörfern fiel jeder Neuzugang besonders auf, da jeder jeden kannte.

„Ich habe in der Scheune ein altes Fahrrad gefunden", berichtete sie. „Ich denke, damit wird es schneller gehen."

„Hier", erwiderte er leise und überreichte ihr die verzauberte Geldbörse. „Und Buffy… bring auch für dich etwas zu essen mit." Er lächelte verschmitzt, auch wenn ihm nicht danach war. „Sonst mäste ich dich bei der nächsten Gelegenheit wieder!"

 

                                                                                             *~*~*~*

 

Es war weit nach Mittag, als Spike endlich seine unruhige Wanderung beenden konnte. Er hatte ungefähr tausend Mal durch das kleine Guckloch gesehen, dass einen winzigen Ausblick auf den Feldweg zuließ, der unweit des Hofes entlangführte. Endlich tauchte die Jägerin in seinem Blickfeld auf und er seufzte erleichtert. Sie mühte sich auf einem, für sie viel zu großen, Herrenrad ab, bog in die Hofeinfahrt und die Anspannung fiel von ihm ab.

Wenige Minuten später kam sie strahlend in die Küche und setzte einige Einkaufsnetze auf den maroden Tisch. „Hey", sagte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

„Du warst verdammt lange weg", stellte er fest und sah sie fragend an.

„Es ist verteufelt schwierig, etwas zu essen aufzutreiben", sagte sie nur. „Entweder wollten die Händler mir einfach nichts verkaufen, oder aber sie hatten wirklich nichts da. Jedenfalls musste ich noch ein Dorf weiter und bin schließlich auf irgendeiner Farm gelandet, weil einer der Einwohner meinte, da könne ich vielleicht noch Eier bekommen." Sie schüttelte den Kopf. „Fertigfutter wird wirklich arg unterschätzt", meinte sie dann. „Und vor allem die Erfindung der Mikrowelle." Sie sah ihn an und runzelte die Stirn. „Alles okay mit dir? Ist die Wunde wieder aufgegangen?"

„Alles bestens", murmelte er wenig überzeugend. „Ich habe mir Sorgen gemacht", gestand er dann.

„Aber ich war doch nur einkaufen", schnaufte sie. „Naja, wenn man das so nennen kann. Wirklich viel konnte ich nicht ergattern."

„Es gibt nicht viel zu kaufen", erklärte er. „Schon gar nicht in Kriegszeiten. Da wird das Geld lieber für die Rüstung verballert. Es interessiert kein Schwein, ob das Volk hungert."

„Mag sein", murmelte sie und wuchtete eine alte Milchkanne auf den Tisch. „Blut", lachte sie vergnügt. „Hungern musst du jedenfalls nicht."

„Ist dir etwas aufgefallen?", bohrte er weiter und warf dann einen Blick in die große Kanne.

„Nicht, das ich wüsste", erwiderte sie unbekümmert. Sie ließ davon ab, die drei geklauten Äpfel zu begutachten und ging auf ihn zu. „Ich weiß, worauf du anspielst", sagte sie und griff nach seiner Hand. „Aber selbst wenn sich Agenten des Rats hier herumtreiben… wir können es nicht verhindern. Du bist nicht fit genug, um schon wieder loszuziehen. Also lass uns einfach abwarten. Wir handeln erst, wenn es notwendig wird."

„Es ist nicht nur das", sagte er und zog einen der wackeligen Stühle zurück, um sich darauf zu setzen. „Wir haben soviel Zeit verloren…"

„Hey", sagte sie und setzte sich vorsichtig auf seinen Schoß. „Ich finde es hier auch nicht gerade berauschend, aber wir können es kaum ändern. Außerdem bleiben uns noch ein paar Tage bis zum Vollmond." Sie zuckte mit den Schultern und küsste ihn auf die Nasenspitze. „Und sollten wirklich alle Möglichkeiten platzen, dann müssen wir wohl oder übel einen Monat warten."

„Ein Monat ist aber verdammt lang", sagte er leise und legte seine Arme um sie.

„Stimmt", erwiderte sie. „Aber immerhin bist du bei mir!"

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Den Nachmittag verbrachten sie mit essen und schlafen und als Spike abends aufwachte, lag er alleine im Bett. Für einen Moment überlegte er, was ihn geweckt hatte, dann saß er auch schon aufrecht.

Ein satter, dunkler Donner hallte er über den Nachthimmel und er seufzte erleichtert, als ein Blitz folgte. Er hatte schon mit einem neuerlichen Bombenangriff gerechnet, aber es war nur ein belangloses Gewitter.

„Buffy?", rief er, doch die Jägerin antwortete nicht. „Verdammt! Wo ist sie jetzt schon wieder?" Er zwängte sich in seine Hose, stand auf und lief in die Küche. „Buffy?"

Die Haustür stand offen und er hatte einen freien Blick über den Hof. Dort stand sie. Splitterfasernackt. Anscheinend hatte sie sich dafür entschieden, den warmen Regen als natürliche Dusche zu benutzen und er lächelte vor sich hin.

Er lehnte sich an die Türzarge, rauchte eine Zigarette und sah dabei zu, wie sie sich im Regen drehte und sich vollkommen ungezwungen die Haare wusch. Dann wurde sein Grinsen breiter und er zog sich die Hose wieder aus. „Eine Dusche könnte ich auch vertragen", murmelte er leise und trat hinaus in den Regen.

Teil 8

Sie blieben noch einen weiteren Tag auf dem verlassenen Bauernhof. Zum einen, um Spike die Möglichkeit zu bieten, sich und seinen Rücken noch etwas länger zu schonen, zum anderen, weil der Vampir beim Durchstöbern der windschiefen Scheune ein uraltes Motorrad gefunden hatte.

„Und du glaubst wirklich, dass das Ding jemals wieder läuft?" Buffys Miene zeigte Unglauben und sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Nimm es mir nicht übel, aber für einen großen Mechaniker halte ich dich nicht unbedingt." Der Vampir war ungeheuer clever, er war belesen und hatte eine Menge Ahnung von unglaublich vielen Sachen, aber… Motoren gehörten ihrer Meinung nach nicht dazu.

„Bin ich auch nicht", gestand er. „Aber ich habe lange genug eins besessen, um ein paar einfache Dinge reparieren zu können." Natürlich erwähnte er nicht, dass er damit auf das Auswechseln der Batterie anspielte, oder das Festziehen ein paar loser Schrauben. Im Grunde war es nicht einmal eine Lüge. Immerhin konnte auch solche Bagatellen ein Motorrad vom Laufen abhalten. „Einen Versuch ist es wert!"

„Dein Wort in Gottes Gehörgang", nuschelte Buffy. Mit ihrer Laune war es an diesem sowieso nicht weit her. Schon am frühen Morgen hatte sie einen Spezialauftrag von Spike bekommen und seitdem war der Tag nicht viel besser geworden.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

„Ich brauche eine Landkarte", hatte er ihr erklärt und das gesamte Haus danach abgesucht. „Ich muss nachsehen, wo der kürzeste Weg nach Stonehenge verläuft." Er hatte sie angesehen und mit den Schultern gezuckt. „Ich bin vielleicht in England geboren, aber deswegen kenne ich es noch lange nicht wie meine Westentasche."

Und sie war losgefahren! Mit dem viel zu großen Herrenfahrrad! Aber Landkarten gab es keine zu kaufen. Nirgends! In keinem der unzähligen kleinen Dörfer, durch die sie gestrampelt war. Sie hatte nur eine Menge ungläubige Blicke geerntet, als sie wieder und wieder danach fragte.

Gefunden, besser gesagt geklaut, hatte sie schließlich eine, aus einem Militärtransporter, der an der Unfallstelle des Zuges Soldaten zur Bewachung abgeliefert hatte. Es war nicht besonders schwer gewesen, den Fahrer abzulenken. Schließlich war sie noch immer eine Frau! Außerdem konnte sie so einiges erfahren. Dem Soldaten war es scheinbar sehr langweilig und erzählte frei von der Leber weg. Die Bahnstrecke sollte so schnell wie möglich wieder befahrbar sein und aus Angst vor einem weiteren Angriff hatten sie die ganze Gegend abgesperrt und ein Geschütz auf den Gleisen platziert.

 

„Uns bleibt nur noch diese Nacht", riss Spike sie aus ihren Gedanken und bearbeitete das arme Gefährt mit einem Hammer. „Morgen Nacht ist Vollmond und da ich nur bei Dunkelheit sicher reisen kann…"

„Wir schaffen das schon", erwiderte sie mit einer Zuversicht, die nicht die ihre war. Das einzig Positive war, dass Willow jeden Monat eine neue Chance hatte, sie zurückzuholen. Für diesen Monat sah sie allerdings schwarz. Aber das konnte sie Spike nicht sagen. Er was so verbissen, wenn es um dieses Thema ging und Buffy war schwer davon gerührt. Es war nur ihretwegen, dass wusste sie genau!

„Wie erklärt Willow eigentlich den Fehlen am College?", erkundigte sich der Vampir. Er hatte anscheinend ähnliche Gedanken wie sie selbst und sie musste lächeln. Er hatte immer schon gewusst, wie es in ihr aussah. Besser als irgendwer sonst!

„Noch sind Semesterferien", erwiderte sie und blickte über seine Schulter. „Was sie sich dann einfallen lässt… keine Ahnung."

„Verstehe", nuschelte er leise und zog mit einer rostigen Zange die Radmutter fest. „Hoffen wir, dass es gar nicht erst soweit kommt." Er rappelte sich auf und sah sie an. „Drück die Daumen. Jetzt kommt es drauf an!"


Die nächsten zwanzig Minuten waren schier unbeschreiblich. Egal, wie oft Spike es auch versuchte, egal was er probierte und wie viel er schraubte… das gammelige Motorrad wollte partout nicht anspringen. Buffy lernte eine Menge neuer Schimpfwörter und sah dann dabei zu, wie das alte Gefährt ungefähr sechs Meter weit durch die Scheune flog.

„Mist, verfluchter", schnaufte er und starrte den Schrotthaufen so grimmig an, dass die Jägerin lachen musste.

„Was findest du daran so lustig?", fauchte er biestig.

„Nichts", murmelte sie und musste wieder lachen.

„Ja, ja! Sehr witzig! Selten so gelacht!" Er war beleidigt. Er hatte sich so angestrengt und doch versagt.

„Es ist doch nur ein kaputtes Motorrad", sagte sie leise, aber der Vampir hatte keine Lust sich zu beruhigen.

„Wir schaffen das schon. Irgendwie." Buffy schloss ihn in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf die ölverschmierte Nasenspitze. „Uns wird schon was einfallen. Ganz bestimmt!"

Nur widerwillig ließ er seinen Ärger los, doch dann sackten seine Schultern herab und er seufzte. „Ich will dich doch nur nach Hause bringen", flüsterte er leise. „Und nicht mal das schaffe ich!"

„Natürlich wirst du das schaffen", sagte sie bestimmt und fuhr mit sanften Fingern über seiner Wange. „Ich weiß es!"

Für einen Augenblick sah er sie skeptisch an, dann eroberten seine Lippen die ihren und Buffy musste wenige Minuten später feststellen, dass Stroh an einigen empfindlichen Körperstellen extrem kratzig ist.

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Den restlichen Tag verbrachte Spike damit, die Landkarte anzustarren. Er hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben und suchte nach einen Lösung. „Wir folgen den Bahnschienen", erklärte er Buffy, nachdem er jede andere Möglichkeit ausgeschlossen hatte. „Verdammt! Wären wir zuhause, würde ich irgendein beknacktes Auto klauen", grummelte er. „Aber eine Kutsche zu stehlen, bringt uns nicht wirklich weiter!"

Buffy hatte ihm mehrfach versichert, dass sie auf ihren ausgedehnten und doch unfreiwilligen Fahrradtouren nicht ein Auto zu Gesicht bekommen hatte. „Der Milchmann fährt ein komisches Vehikel", hatte sie schulterzuckend berichtet, „aber ansonsten habe ich nur Pferdefuhrwerke gesehen."

„England und Fortschritt", murrte der Vampir genervt. „Es gibt kaum zwei andere Worte, die weniger zueinander passen."

„Wir machen es so, wie du gesagt hast", beruhigte Buffy ihn und sah über seine Schulter auf die Karte. „Vielleicht können wir einen anderen Zug nehmen, von irgendeinem dieser Bahnhöfe", sagte sie und zeigte mit dem Finger auf die verschiedenen kleinen Ortschaften. „Und mit etwas Glück begegnen wir einem fortschrittlichen Engländer, der stolzer Besitzer eines Autos ist."

Sie überlegten hin und her, ob sie die beiden Koffer mitschleppen sollten.

„Ich brauche den Plunder gewiss nicht", erklärte die Jägerin kategorisch. „Und vermissen werde ich ihn sicherlich auch nicht."

Und Spike lachte. „Das kann ich mir vorstellen. Aber Tatsache ist, dass wir mit Gepäck bedeutend normaler wirken. Vor allem, wenn wir doch noch irgendwie einen Zug erwischen sollten, der in die richtige Richtung fährt."

„Du hast recht", nickte sie. „Außerdem können wir sie unterwegs immer noch wegschmeißen!"

 

                                                                                       *~*~*~*

 

Der Vampir konnte die Dunkelheit kaum abwarten. Wie ein gefangenes Raubtier marschierte er in der Küche auf und ab und warf immer wieder genervte Blicke in den Hof. „Warum muss ausgerechnet heute die Sonne scheinen?", murrte er und Buffy musste lächeln.

Sie hatte sich aus Spikes Koffer bedient. Eine Hose schien ihr bedeutend besser geeignet, als eines ihrer scheußlichen Kleider oder Kostüme. Natürlich war die Hose viel zu groß, aber dazu waren Gürtel nun mal da und sie zog ihn stramm. „Und?", fragte sie. „Wie sehe ich aus?"

Spike wandte sich um und vergaß sogar für einen Moment seine schlechte Laune. „Merkwürdig", meinte er und fing sich dafür einen bitterbösen Blick ein. „Merkwürdig, aber doch zum Anbeißen", verbesserte er sich schnell und zog sie in seine Arme. „Es wird eine verdammt harte Nacht!"

„Wir haben schon viel schlimmere überstanden", erwiderte sie zuversichtlich. „Schon bedeutend schlimmere!"

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Der Weg vom Bauernhof bis zu Bahngleisen war bedeutend länger als erwartet und Spike kam nicht umhin, Buffy für ihre Ausdauer zu bewundern. Es musste ein hartes Stück Arbeit gewesen sein, ihn soweit zu tragen. Vor allem, da sie körperlich bei weitem nicht in Höchstform war.

Nun liefen sie seit über eine Stunde überwiegend schweigend nebeneinander her, jeder mit seinem Koffer in der Hand. Sie folgten einem ausgefahrenen Feldweg, der die Bahnstrecke auf weiten Teilen begleitete.

Ein zufälliger Betrachter hätte sie beiden vielleicht für Männer gehalten, denn Buffy hatte es sich nicht nehmen lassen, zu dem Hemd und der Hose auch noch einen Männerhut zu tragen. Aber es gab keine Zuschauer. Die Gegend, in der sie gestrandet waren, war mehr als nur ländlich. Nach Einbruch der Dunkelheit war niemand mehr unterwegs, schon gar nicht außerhalb des Dorfes.

„Wie wäre es mit einem Wanderlied?", schlug Buffy vor und lachte, als der Vampir stehen blieb und erstaunt die Augenbrauen hob.

„Wer bist du und was hast du mit Buffy gemacht?"

„Ich mein ja nur", murmelte sie und zuckte mit den Schultern. „Dann wäre es vielleicht nicht ganz so langweilig."

„Deswegen fange ich aber noch lange nicht an zu singen", erwiderte er und schüttelte den Kopf. Er und singen? Bestimmt nicht!

„Vielleicht könnten wir uns jedenfalls unterhalten", murrte sie weiter und blieb stehen. „Deine schlechte Laune bringt uns auch nicht schneller ans Ziel."

„Ich habe keine schlechte Laune", stellte er klar. „Ich bin nur sehr angespannt!"

„Was ein enorm großer Unterschied ist", schimpfte Buffy und lachte dann. „Im Zanken sind wir immer noch Weltklasse!"

Und ob er wollte oder nicht, auch er musste lachen. „Es gibt mehrere Disziplinen, in denen wir verdammt gut sind!", erwiderte er und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.

„War klar, dass du wieder nur an das Eine denken kannst", tadelte sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Dunkle Wolken schoben sich vor den Mond und der Vampir starrte entgeistert in den Himmel. ‚Ganz toll’, dachte er genervt, als die ersten dicken Tropfen fielen. „Jetzt, wo ihn keiner mehr braucht", knurrte er, als der Regen heftiger wurde und ein kleines Rinnsal aus der Hutkrempe lief. „Vielleicht sollten wir uns einen Unterschlupf suchen?"

„Nein. Lass uns weitergehen", entschied die Jägerin. „Wir sollten versuchen, so weit zu kommen wie möglich."

Es dauerte nicht lange und der Feldweg unter ihren Füßen verwandelte sich in eine durchgehende Schlammpfütze. Die Moral der beiden sank auf einen Tiefpunkt und auch, das der Regen schnell wieder aufhörte, brachte keine wirkliche Erleichterung.

„Da vorne ist eine Kreuzung", meinte Buffy, die auf einer kleinen Anhöhe stehengeblieben war. „Und schau mal, da kommen Autos!"

„Das sind keine Autos", erwiderte Spike und zog sie in die Deckung des Bahndamms. „Lastwagen", raunte er ihr zu. „Und zwar eine ganze Menge! Das kann nur das Militär sein."

„Mag ja sein", murmelte Buffy und wischte sich den Schlamm vom Ärmel. „Aber das da hinten ist mit Sicherheit ein Auto", meinte sie. Sie hatte jetzt die andere Straßenseite im Blick und deutete mit dem Kopf darauf.

„Lass uns so nah herangehen, wie es geht", nickte der Vampir ihr zu. „Vielleicht entwickelt sich noch eine Möglichkeit für uns."

Sie schlichen durch das Gebüsch, tief an den Bahndamm gepresst. Erst kurz vor der Überführung machten sie Halt und drückten sich in eine kleine Senke. Spike, ganz Gentleman, deckte Buffy wieder den Rücken. Aber in diesem Moment war sie nicht gerade glücklich darüber. Der Boden war vom Regen durchnässt und es war sehr unbequem in dem Matsch zu liegen.

 

                                                                                     *~*~*~*

 

Der Personenwagen kam als erstes an der Überführung an und Buffy und Spike wunderten sich, als er anhielt und sowohl Fahrer als auch Beifahrer ausstiegen und sich mitten auf der Straße postierten. Beide waren für diese ländliche Gegend extrem vornehm gekleidet. Beide trugen schwarze Anzüge, einen ebensolchen Mantel und Hut und dem Fahrer des ersten Lastwagens blieb nichts anderes übrig, er musste halten.

„Was soll das?", schnauzte er, nachdem er die Frontscheibe des Transporters aufgeklappt hatte. „Und wer zum Teufel sind Sie?"

„Entschuldigen Sie vielmals", sagte einer der Männer, trat nah an den Wagen heran und überreichte dem Fahrer einen Stoß Papiere. „Wir suchen zwei verdächtige Personen", erklärte er, während der Soldat sich durch die Dokumente arbeitete. „Einen Mann und eine Frau. Beide mit blonden Haaren. Wir wissen aus sicherer Quelle, dass sie sich hier herumtreiben. Ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen?"

„Nein, ist es nicht", erwiderte der Soldat und sah im Rückspiegel, dass die anderen Militärtransporter aufgefahren waren und nun wie eine aufgefädelte Perlenkette hintereinander standen. „Wir kommen gerade von Bath zurück", erklärte er dem Anzugträger bereitwillig. „Wir haben verwundete Soldaten dort zur Kur abgeliefert. Aber gesehen habe ich niemanden. Nicht eine Person ist mir unterwegs begegnet."

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir kurz einen Blick auf ihre Ladefläche werfen?"

„Tun Sie sich keinen Zwang an", erwiderte der Fahrer des Transporters und zuckte mit den Schultern. „Wir haben es eh nicht mehr weit. Wir fahren nur noch bis Basingstoke."

„Basingstoke? Seit wann ist dort ein Militärstützpunkt?

„Und ich dachte, ihr Regierungsheinis wüsstet alles", lachte der Soldat und zündete sich umständlich eine Zigarette an. „Der Stützpunkt ist noch im Aufbau. Nur die Landebahnen sind komplett fertig und einsatzfähig", erklärte er. „Von dort aus werden wir den Deutschen die Hölle heiß machen", lachte er gehässig. „Wir werden das verdammte Land in Schutt und Asche bomben!"

Spike wartete das restliche Gespräch ab und als die Anzugträger sich bis zum dritten Transporter vorgearbeitet hatten, drehte er sich vorsichtig Buffy zu. „Wenn der LKW- Konvoi sich wieder in Bewegung setzt, dann warte ab und spring auf den letzten Lastwagen auf."

„Warum?", erwiderte Buffy leise. „Sie fahren nach Basingstoke! Das ist die falsche Richtung." Sie hatte die Landkarte noch gut im Kopf und wusste sicher, dass sie sich nicht irrte.

„Vertrau mir", raunte Spike ihr zu. „Ich habe einen Plan!"

Teil 9

Kalter Wind strömte durch die Ritzen der Abdeckplanen und Buffy fror erbärmlich. Sie war bis auf die Haut nass. Zumindest auf der Vorderseite, mit der sie eine verdammt lange Zeit auf dem klammen Boden hinter dem Gebüsch gelegen hatte. „Ich hasse es", murmelte sie lautlos vor sich hin. „So ein Mist!"

Sie waren auf den letzten Militärtransporter aufgesprungen, auch wenn die Jägerin den Sinn der Aktion nicht verstand. Spike war keine Zeit geblieben, seinen Plan mit ihr durchzusprechen und sie begriff einfach nicht, was er in der entgegengesetzten Richtung wollte, in die sie eigentlich mussten.

„Hier", flüsterte der Vampir und drückte ihr eine der derben Decken in die Hand, die er in einer Truhe hinter den Sitzbänken gefunden hatte. Eine weitere wickelte er um sie und setzte sich dann so hinter sie, dass sie sich bequem anlehnen konnte. Er strich ihr über das Haar und überdachte seinen Plan. Es war ein sehr gefährliches Unterfangen, das er sich in den Kopf gesetzt hatte. Aber vielleicht war es auch die einzige Chance, die ihnen noch blieb. Vorausgesetzt natürlich, sie kamen überhaupt soweit, wie er sich das dachte.

„Buffy", sagte er sanft. „Ich weiß nicht, ob mein Plan funktioniert. Vielleicht irre ich mich und mache einen riesigen Fehler… Aber der Fahrer, der mit den Ratsagenten gesprochen hat, hat mich auch eine Idee gebracht, die vielleicht unsere Rettung ist."

„Woher weißt du, dass die Kerle vom Rat waren und nicht vom Geheimdienst?" Verwundert hob sie die Augenbrauen. Natürlich hatte sie selbst daran gedacht, vor allem, nach dem Vorfall auf dem Bahnhof in London. Aber wie konnte er so sicher sein, dass der Rat dafür zuständig war?

„Erstens waren sie viel zu gut gekleidet, um Regierungsbeamte zu sein, und zweitens hatte der Fahrer des Transporters Recht. Wären sie wirklich vom Geheimdienst, dann hätten sie auch gewusst, dass in Basingstoke ein Flugplatz gebaut wird."

Überlegend runzelte sie die Stirn. „Oh mein Gott", stöhnte sie, als sie endlich begriff, was er im Sinn hatte. „Du willst fliegen", rief sie. „Warum bin ich nicht sofort darauf gekommen? Oh mein Gott! Das ist Wahnsinn! Fliegen…"

„Pssst", bremste er sie und hielt ihr seine Hand vor den Mund. „Sonst hört uns unser Chauffeur." Er zog sie wieder näher an sich heran und umschlang sie mit seinen Armen. „Ja, ich will fliegen", flüsterte er leise in ihr Ohr. „Vielleicht nicht einer meiner brillantesten Pläne, aber er wird funktionieren."

Und wieder einmal erwähnte er nicht, wie unsicher er selbst war. Schließlich war es nicht gerade ein leichtes Unterfangen, sich auf einen Luftwaffenstützpunkt einzuschleichen und dann auch noch unbemerkt zu den Flugzeugen zu gelangen. Aber er vertraute darauf, dass ihnen das Glück hold war und sie ohne Probleme durchkamen. Schon alleine aus dem Grund, weil die Anlage noch im Aufbau war.

Die Jägerin hingegen plagte die Ungewissheit. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, was ihn so selbstsicher machte, aber sie unterließ es dann doch. Wenn Spike Recht behielt, dann wären sie rechtzeitig am Ziel und Willow konnte sie nach Hause bringen. Wenn nicht… dann machte es kaum einen Unterschied und sie hätten einen ganzen Monat Zeit, sich über die falsche Entscheidung zu streiten.

 

                                                                                        *~*~*~*


Das Fahren auf der Ladefläche des Militärtransporters war so ungefähr die unbequemste Art zu reisen, die Buffy sich vorstellen konnte. In jeder Kurve wurden sie hin und hergeschleudert und jede noch so kleine Bodenwelle schüttelte sie durch bis ins Mark. Ganz zu schwiegen von den harten Bänken, auf denen sie saßen.

Sie hatte keinen blassen Schimmer, wie lange sie schon fuhren und warm wurde ihr auch nicht wirklich. Aber umziehen konnte sie sich nicht, denn sie hatten ihre Koffer im Gebüsch am Bahndamm zurückgelassen und so blieb ihr nichts anderes übrig, als auszuharren und das Beste zu hoffen.

„Wir sind bald da", flüsterte Spike ihr zu. Er hatte lange durch einen Spalt in der Plane gesehen und einen Wegweiser entdeckt, der besagte, dass sie sich Basingstoke näherten.

„Und was machen wir jetzt?", erkundigte sich Buffy leise und sah ihn an. „Sollen wir auf dem Laster bleiben und darauf hoffen, dass wir unbemerkt mit in den Stützpunkt gelangen, oder springen wir lieber ab?"

Nachdenklich sah er sie an. „Wir springen ab. Es ist besser, wir fallen nicht gleich mit der Tür ins Haus."

Gesagt, getan. Als der schwere Wagen abbremste, um sich durch eine enge Kurve zu zwängen, sprangen sie ab und rollten sich ins hohe Gras.

Der Vampir wartete einen Moment und gab dann Entwarnung. „Alles klar! Sie haben uns nicht bemerkt." Der LKW-Konvoi hatte seine Fahrt fortgesetzt und sie konnten die Rücklichter der Transporter noch lange in der Dunkelheit leuchten sehen.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

„Das Wetter ist heute absolut nicht auf unserer Seite", knurrte der Vampir etwa eine halbe Stunde später. Die Wolken hatten sich weitestgehend verzogen und der fast volle Mond spendete ein helles Licht, indem es schwer war, sich zu verstecken.

Sie waren dem Konvoi gefolgt. Allerdings in einiger Entfernung und zudem noch querfeldein. Nun standen sie vor einem mannshohen Maschendrahtzaun, der zusätzlich noch mit Stacheldraht abgesichert war.

Weder für Buffy noch für Spike war es sonderlich schwer, das Hindernis zu überwinden und sie schwangen sich in einem Satz darüber. Der Vampir deutete auf eine Hundestaffel und die Jägerin nickte. „Lass uns nach rechts gehen." Sie deutete auf ein paar grob zusammengehauene Holzbaracken, die ihnen einen gewissen Sichtschutz bieten konnten.

„Wir müssen zum Hangar", raunte Spike ihr zu und zeigte quer über das Gelände.

Der Blick der Jägerin folgte seiner Anweisung und sie runzelte die Stirn. ‚Hangar?’, dachte sie verwirrt. Sie sah nur eine überdimensionierte Wellblechhütte, die mit Tarnnetzen abgedeckt war. „Das ist der Hangar?", fragte sie ihn ungläubig und sah ihn zu ihrer größten Verwunderung ernst nicken. „Okay", murmelte sie. „Den hatte ich mir allerdings größer vorgestellt." Sie schüttelte den Kopf und zuckte dann mit den Schultern. ‚Und wo ist der Pilot, der die Kiste fliegen soll? In einem Schuhkarton?’

 

In gebückter Haltung schlichen sie am Zaun entlang. Der Weg zum Hangar war weit, da er sich auf der gegenüberliegenden Seite des Stützpunktes befand und sie es sich nicht wagten, über die freie Fläche des Flugfeldes zu laufen, dass sich noch immer im Aufbau befand.

„Warte einen Moment", raunte der Vampir Buffy zu. Sie waren an einem größeren Gebäude vorbeigeschlichen, das wie die anderen auch aus Holz errichtet worden war.

„Was hast du vor?", raunte die Jägerin, aber da war er schon in dem Schatten des Bauwerks verschwunden. Sie schüttelte den Kopf und spähte dann vorsichtig um die Ecke des Holzhauses.

Das Flugfeld lag verlassen da. Altertümliche Maschinen standen am Rand des großen Platzes herum, die sicherlich für die Arbeiten daran gedacht waren. Ein Blick nach links ließ erkennen, dass am Haupteingang gerade die Wachen abgelöst wurden und Buffy seufzte leise. Im Moment schien keinerlei Gefahr für ihre Entdeckung zu bestehen, aber sie verstand die Welt nicht mehr. Was bezweckte Spike damit? Fliegen? Wie stellte er sich das vor? Würden sie gleich in irgendein Mannschaftsquartier stürmen und einen Piloten entführen? Warum machten sie sich dann die Mühe, unentdeckt zu bleiben? Buffy seufzte leise. Sie würde wohl oder übel abwarten müssen. Jetzt waren sie hier und ein Zurück gab es nicht.

„Hier", riss Spike sie aus ihren schweren Gedanken. Er tippte ihr mit dem Finger auf die Schulter und drückte ihr einen Stapel Klamotten in die Hand. „Ich war in der Kleiderkammer", beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Ich habe die kleinste Größe genommen, die ich finden konnte", erklärte er, als Buffy ein Hemd hochhielt und fassungslos anstarrte.

Die Herrenkleidung, die sie jetzt trug war schon hart und kratzig. Dieses komische Armeehemd fühlte sich an wie Glaswolle und sie war sich nicht sicher, ob sie das anziehen wollte.

„Sie sind jedenfalls trocken", sagte der Vampir. Er hatte ihre Gedanken gelesen und grinste breit. „Ich habe für mich auch eine Uniform mitgebracht", meinte er und begann seine alten Klamotten auszuziehen. „Nun komm schon", forderte er sie auf. Die Jägerin stand noch immer wie angewurzelt auf der Stelle und betrachtete die schlammbraune Hose, die sie mit spitzen Fingern in die Luft hielt.

„Muss ich wirklich?", fragte sie leise. Nicht, dass sie etwas gegen bequeme, weite Kleidung hatte. Bestimmt nicht! Es gab nichts Schöneres, als an einem Sonntagmorgen mit Shirt und Jogginghose auf dem Sofa zu lümmeln… aber das, was Spike ihr da in die Hand gedrückt hatte, war weder schön noch bequem.

„Du bist nass und die Nacht ist kalt", meinte Spike und zuckte mit den Schultern. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir eine Lungenentzündung lieber ist." Er knöpfte das beige Hemd zu, steckte es in die Hose und hob dann die braune Jacke auf, die er achtlos auf den Boden fallen lassen hatte.

Wie immer passte seine Haarfarbe nicht wirklich zu den Anziehsachen, die er trug, seitdem er in England war. Aber Buffy kam nicht umhin, ihn für recht schnuckelig zu halten. Sie nickte ergeben. „Schon okay. Aber ich möchte noch mal betonen, dass die Sachen einfach nur grauslich sind! Ich werde mir die Haut aufkratzen!"

Spike lächelte spitzbübisch. „Und ich werde dich jeden Tag eincremen, bis nicht auch nur die kleinste wunde Stelle übrig ist."

„Wenn wir zuhause sind…", murmelte Buffy.

„Wenn wir zuhause sind", versprach er und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Eigentlich war der Gedanke an ein Zuhause sehr ungewohnt, vor allem, da er die Stadt, beziehungsweise das Haus, kaum kannte. Es war ein merkwürdiges Gefühl einfach in ein Leben zu tauchen, das er sich vor einer Woche noch nicht mal hatte vorstellen können. Plötzliche Unsicherheit keimte in ihm auf und er sah Buffy an.

„Ich sehe schrecklich aus", sagte sie, seinen Blick missverstehend. „Aber wenn wir zurück sind, dann beweise ich dir, dass ich in Frauenklamotten viel besser aussehe." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und lehnte sich an ihn. „Ich habe eine ganze Menge neuer Sachen und oh…", sie lächelte. „Da fällt mir gerade ein, ich muss noch Platz für dich schaffen. Aber zur Not kaufen wir einfach einen Schrank dazu und…"

Spike hatte genug gehört. Er zog sie näher an sich und verwickelte sie in einen atemraubenden Kuss.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass das alles wirklich ist", gestand Buffy nach Luft schnappend. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich träume und ich erwarte dauernd aufzuwachen." Sie sah ihn an und strich mit der Hand über seine Wange.

Doch der Vampir nickte nur. Er hatte nicht erwartet, dass sie ähnliche Gefühle hatte wie er und er war erleichtert. Irgendwie war es leichter so. Er wischte die letzten Zweifel beiseite und half ihr in ihre Jacke. „Wir sollten weitergehen. Es ist zwar erst kurz vor Mitternacht, aber ich weiß nicht genau, wie lange wir fliegen werden und ich möchte nicht in den Sonnenaufgang geraten."

Die Jägerin nickte, rollte ihre alte Kleidung zusammen und verstaute sie hinter einem Stapel Holzbrettern. „Dann sollten wir hier verschwinden", meinte sie, griff seine Hand und zog ihn mit sich.

 

                                                                                       *~*~*~*

 

Den Hangar erreichten sie ohne Schwierigkeiten und sie konnten Motorengeräusche hören, die aus dem Inneren der riesigen Wellblechhütte zu ihnen drangen.

„Was sind das für Dinger?", erkundigte sich Buffy bei Spike. „Es klingt nach kaputten Waschmaschinen. Allerdings um Welten lauter!"

„Was soll das schon sein", lachte Spike leise. „Das sind Flugzeuge!"

„Ist nicht dein Ernst?", fuhr sie hoch und spähte dann durch eines der kleinen Fenster auf der Rückseite des Hangars. „Ach du Scheiße", murmelte sie Sekunden später. „Ich hab ganz vergessen, dass wir im Jahr 1916 sind." Wieder blickte sie durch die Scheibe und betrachtete die Doppeldecker, deren Motoren dröhnten. „Sind das Mechaniker oder Piloten?", fragte sie den Vampir. Zwei Männer mit ölverschmierten Anzügen liefen geschäftig auf und ab, unterhielten sich kurz und steuerten dann wieder auf das jeweilige Flugzeug zu, an dem sie arbeiteten.

„Keine Ahnung", flüsterte Spike, der hinter ihr stand und ebenfalls einen Blick in das Innere des Hangars warf. „Oft sind die Piloten auch die Mechaniker. Es ist anders als in unserer Zeit, in der Flugzeuge schon viel weiter entwickelt sind. Die Piloten lassen nur sehr ungern andere Leute an ihre Maschine."

„Und unser Plan ist…?"

„Ganz einfach", grinste Spike. „Wir stürmen da rein und klauen eins der Flugzeuge. Immerhin haben sie sich extra für uns die Mühe gemacht, die Dinger anzuschmeißen und warmlaufen zu lassen."

„Gibt es keine Wachen? Ich meine…, so einfach kann es doch nicht sein!", sagte die Jägerin nachdenklich. Alles war viel zu leicht und lief glatt. Für gewöhnlich kam ein dickes Ende, mit dem niemand gerechnet hatte und sie konnte heute gut darauf verzichten. Sie hatte keine große Lust darauf, dass gleich ein Haufen Soldaten in den Hangar stürmten und mit Gewehren auf sie zielten.

„Wir gehen am besten noch einmal komplett um die Halle. Zur Sicherheit. Aber ich denke, dass hier keine Wachleute eingeteilt sind. Du darfst nicht vergessen, dass der ganze Flugplatz noch immer im Aufbau ist. Außerdem erwarten sie kaum einen Diebstahl. Es gibt ja hier keine feindliche Armee, die im Anrücken ist. Der Bodenkrieg wird hauptsächlich in Belgien geführt."

„Wenn du das sagst", murmelte Buffy und zuckte mit den Schultern. „Okay. Auf was warten wir dann noch?

Teil 10

Die Motorengeräusche aus dem Inneren des Hangars machten eine normale Verständigung so gut wie unmöglich und so begnügten sich Buffy und Spike mit Blicken und knappen Gesten.

Große Probleme bereitete allerdings der Mond. Das Licht, dass er spendete, war so hell, dass nicht nur die Beiden jeden ihrer Gegner problemlos sehen konnten, sondern dass auch sie sich praktisch auf einem Präsentierteller befanden.

„Okay", nicke Buffy, nachdem sie die Flugzeughalle umrundet hatten. „So wie es aussieht, sind die beiden Typen alleine. Aber die hinteren Räume lagen im Dunkeln und ich weiß nicht, ob sich dort noch jemand aufhält."

„Dort ist niemand", sagte Spike. „Ich hätte sonst jemanden gespürt. Oder gehört. Ganz wie du willst."

„Also gut", nickte die Jägerin. „Die beiden Mechaniker, oder Piloten, oder was auch immer, sollten keine allzu große Schwierigkeit darstellen. Die Frage ist nur, wie wir vorgehen?"

„Wir brechen einfach die Tür auf, die auf der anderen Seite in die Nebenräume führt", schlug der Vampir vor. „Der Lärm der Motoren ist so groß, dass sie uns garantiert nicht hören werden. Der Vorteil der Überraschung ist also auf unserer Seite.

Buffy war einverstanden und nickte. „Okay", meinte sie. „Aber lass uns noch kurz den Plan durchgehen. Und ich meine nicht den, um das Flugzeug zu klauen." Sie sah ihn aufmerksam an. „Wie stellst du dir das weitere Vorgehen vor?"

„Wir fliegen bis Wiltshire", erklärte Spike ruhig. „Das ist die Gegend, in der Stonehenge liegt. Dort suchen wir uns einen Platz zum Landen und ebenso einen Ort, an dem wir den Tag verbringen können. Sobald es wieder dunkel wird, machen wir uns auf den Weg zu den Steinkreisen und wenn alles gut läuft, dann holt uns Willow ab und wir sind morgen Abend wieder zuhause."

„Das klingt alles so einfach", seufzte Buffy und konnte trotzdem nicht verhindern, dass Bilder aus den vergangenen zweieinhalb Wochen durch ihren Kopf rauschten.

Ihre seltsame Reise nach London ins Jahr 1916, der Unglaube, dass ihr so etwas passiert war und die bittere Erkenntnis, dass sie hoffnungslos verloren war. Niemand hatte sie je auf so etwas vorbereitet. Auch Giles nicht, der sicherlich sein Bestes getan hatte, um sie zur Jägerin auszubilden. Wer hätte voraussagen können, dass sie einen Sprung in die Vergangenheit macht… Ohne Geld oder auch nur ein Dach über dem Kopf.

Es war furchtbar gewesen, nicht zu wissen, wo man schlafen sollte oder wo sie etwas Essbares auftreiben konnte. Stehlen war leichter gesagt als getan. Es gab keine Supermärkte oder Drugstores, wo man sich hinter ein Regal drückte und verstohlen etwas in die Tasche steckte.

Sie hatte aufgegeben an dem Abend, als Spike sie gefunden hatte. Vollkommen entkräftet war es ihr egal gewesen, was mit ihr passierte.

Und dann war er aufgetaucht. Ausgerechnet Spike! Und sie hatte ihn nicht erkannt. Natürlich hatte sie gewusst, wer er war, aber sie hatte nicht realisiert, dass es sein heutiges Ich war, das ihr dort in dem zerstörten Hof entgegensah. Sie hatte geglaubt, dass es sein vergangenes Ich war und sie hatte nicht ertragen können, dass ausgerechnet er ihrem Leben ein Ende setzen würde.

 

„Alles okay mit dir?", fragte Spike sanft und legte ihr mitfühlend seinen Arm um die Schulter. Er hatte an ihren Augen erkannt, dass sie in üble Gedanken abgetaucht war und es fiel ihm schwer, sie so zu sehen. So viel Schmerz war nicht oft in ihrem Blick zu sehen und er würde einiges dafür geben, ihr diese Last abzunehmen.

„Ja. Schon gut. Alles bestens", erwiderte die Jägerin und zuckte mit den Schultern. „Es war nur eine… eine verdammt harte Zeit."

„Von jetzt an wird es besser", versprach er. „Wir werden zurück in unsere Zeit gehen. Immerhin warten alle schon sehnsüchtig auf dich."

„Okay", lächelte Buffy tapfer. „Dann sollten wir loslegen. Die Nacht dauert nicht ewig."

 

                                                                                         *~*~*~*


Die Seitentür aufzubrechen, konnten sie sich sparen. Sie war nicht einmal abgeschlossen und so huschten sie ungesehen in die Dunkelheit der hinteren Räume. Die Flugzeughalle selbst war schnell erreicht und Spike ließ seinen Dämon frei.

Sie schlichen an drei stehenden Maschinen vorbei und der Vampir deutete Buffy an, zu warten.

Lautlos bewegte er sich auf den ersten Mann zu, der gerade aus seinem Flugzeug stieg und packte ihn am Rücken. Der Mechaniker fuhr erschrocken herum, blickte in Spikes grauenhaft entstelltes Gesicht und …brach bewusstlos zusammen.

„Das nenn ich schreckhaft", brummte der Vampir und schleifte den leblosen Mann hinter sich her. Sicherheitshalber verpasste er ihm noch einen Kinnhaken und zog ihn dann außer Sichtweite.

„Du hast eben eine einschlagende Wirkung", lächelte Buffy, als er zurückkam. „Bleibt also nur noch einer übrig."

„Wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich ihn gerne erledigen", flüsterte er ihr zu. „Ich hätte nämlich noch ein paar Fragen an ihn."

„Tu dir keinen Zwang an", erwiderte Buffy. „Ich schau dir gerne bei der Arbeit zu."

Spikes zerfurchtes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen und er zwinkerte ihr zu. „Dann los", meinte er und nickte.

Der Lärm in dem Hangar war so groß, dass auch der zweite Mann keine Chance hatte, ihr Eindringen zu bemerken. Er stand an einem Stehpult und schrieb eifrig in ein kleines schwarzes Notizbuch.

„Hi", sagte Spike und tippte ihm auf die Schulter. Als der Mechaniker sich umdrehte, packte der Vampir ihn an der Kehle und hob ihn ungefähr zwanzig Zentimeter in die Luft. „Kannst du das Tor aufmachen?", wandte er sich an Buffy und schmetterte gleichzeitig den Mann an die Wand. „Ich komme gleich nach."

Und die Jägerin tat, wie ihr geheißen. Sie eilte durch den Hangar und schob das schwere, metallene Tor auf. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie, wie Spike den zweiten Mann nieder schlug.

„Was soll das?", rief sie fassungslos und rannte zurück. „Wer soll uns denn jetzt fliegen?"

„Ich", erwiderte Spike und verwandelte sein Gesicht zurück in das eines Menschen.

„Du? Oh mein Gott…", brach es aus ihr heraus, doch er bremste sie und drehte sie um.

„Hast du dir die Flugzeuge schon mal genauer angesehen?", fragte er ruppig. „Zweit Sitzplätze! Zwei! Einer vorne, einer hinten! Und du setzt dich jetzt auch den hinteren!"

Aber Buffy war weit davon entfernt, sich irgendwelche Befehle geben zu lassen. Sie schüttelte seine Arme ab und fuhr herum. „Hast du so ein Ding überhaupt schon mal geflogen?", schnauzte sie ihn an.

„Ja, verdammt!", zischte er sie zurück. „Das habe ich! Und jetzt steig endlich ein. Es wird nicht lange dauern, bis die Wachen begreifen, dass hier was nicht stimmt."

„Spike! Ich werde nicht…"

„Vertrau mir", sagte er und schob sie zur laufenden Maschine. „Ich habe ein solches Flugzeug schon geflogen und ich werde es dir auch gerne erzählen… Aber nicht hier und nicht jetzt!"

Und Buffy gab sich geschlagen. Sie konnte sowieso nicht viel unternehmen. Sie stand in Militäruniform in einem Flugzeughangar! Außerdem hatte er sie bei solch wichtigen Dingen niemals angelogen und so sprang sie seufzend auf die Tragfläche und von dort weiter auf den hinteren Sitz. ‚Wenn das mal gut geht’, dachte sie und atmete tief ein. Das Fliegen mit diesen uralten Maschinen, war schon unheimlich genug. Und jetzt war Spike auch noch der Pilot! ‚Wenn das mal gut geht!’

 

                                                                                       *~*~*~*

 

Der Vampir huschte unter dem Flugzeug durch und entfernte die Bremsklötze an den Rädern. Sofort kam Bewegung in die Maschine und er schwang sich auf den vorderen Sitz.

„Verdammt, Spike", schrie Buffy, als der Motor der Maschine zu vollen Touren auflief. „Du weißt doch nicht mal, wo die Startbahn ist!"

„Sicher weiß ich das", erwiderte er, drehte sich um und grinste sie an. „Das war eine der Fragen, die ich dem Piloten noch unbedingt stellen wollte!"

Für mehr Fragen, oder auch mehr Gemecker, blieb keine Zeit. Das Flugzeug rollte aus der Halle und Spike lenkte es nach links auf eine lange, ebene Sandfläche. „Festhalten", schrie er, als die ersten Alarmsirenen schrillten und er Gas gab.

Buffy schaffte es nicht, die Augen offen zu halten. Sie hatte die Hände über dem Kopf verschränkt und zog ihn auf die Knie. „Wenn das mal gut geht", murmelte sie pausenlos und wurde erst wieder munter, als das Flugzeug abhob und der Vampir es steil nach oben riss. „Scheiße", murmelte sie halb erschrocken, halb erleichtert. „Wir fliegen!"

„Schieben wollte ich die Kiste auch nicht", lachte Spike und zeigte dann auf die kleiner werdenden Soldaten, die vom Alarm aufgeschreckt mit geladenen Gewehren über das Flugfeld rannten. „Zieh lieber den Kopf ein", schrie er und riss die Maschine noch höher. „Nicht, dass uns noch einer erwischt!"

 

Zehn Minuten später gelang es Buffy, sich weitestgehend zu beruhigen. Keine der abgeschossenen Gewehrkugel hatte sie getroffen und auch an das Fliegen in der alten Maschine gewöhnte sie sich langsam. Allerdings war ihr lausig kalt. Die Luft, in dieser durchaus noch geringen Höhe, war mindestens zehn Grad kälter und die komische Armeebekleidung bot dem starken Gegenwind keinen Widerstand.

„Alles okay?", schrie Spike. Buffy war für seine Begriffe viel zu ruhig und er machte sich langsam Sorgen. Es fehlte die Schimpftirade, die er eigentlich erwartet hatte und er drehte sich in seinem Sitz und sah sie an. „Geht es dir gut?"

„Ja. Alles bestens", nickte sie. „Nur verdammt kalt!"

„Stimmt! Daran hatte ich nicht gedacht", erwiderte er und zog umständlich seine Jacke aus. Er wollte den Schaltknüppel nicht aus der Hand lassen und deswegen gestaltete sich die Aktion schwieriger als gedacht. „Hier", schrie er und ließ die Jacke im Wind flattern. „Ich brauche sie nicht!"

Buffy griff danach und legte sie wie eine Decke über ihren Oberkörper. Es half nicht viel, aber immerhin pfiff der eisige Wind jetzt nicht mehr ganz so wild durch ihre Kleidung. „Danke", rief sie, machte eine Pause und lehnte sich nach vorne. „Hast du eigentlich eine Ahnung, in welche Richtung wir müssen?"

„Ja", brüllte er gegen den Wind. „Ich orientiere mich an den Bahnschienen!" Er zeigte mit der Hand nach unten. „Siehst du? Wir sind schon fast an der Stelle, an der die Zeppeline unseren Zug erledigt haben!"

Es war schwer die ganze Zeit zu schreien, aber eine andere Art der Unterhaltung war kaum möglich. Das Flugzeug und der Wind machten einen solchen Lärm, dass Buffy bald verstummte. Etwaige Fragen konnte sie später immer noch stellen und so versuchte sie, sich ein wenig zu entspannen. Aber sie sollte nicht dazu kommen…

„Scheiße, verdammte", schrie Spike keine zwei Minuten später und sie schreckte auf.

„Was denn?", rief sie zurück.

„Wir bekommen Gesellschaft!", rief er und deutete mit der Hand hinter sie.

Soweit es ging drehte sie sich in ihrem Sitz und erkannte ein Flugzeug, das sich ihnen verhältnismäßig zügig näherte. „Warum ist der so schnell?", schrie sie und sah zu Spike.

„Keine verfluchte Ahnung", brüllte er über den Lärm hinweg. „Vielleicht eine schnellere Maschine. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Typ fliegen kann und ich nicht. Aber jedenfalls ist es nur ein Flugzeug. Mehr haben sie auf die Schnelle wohl nicht in die Luft gekriegt!"

„Ganz toll", schnaubte Buffy. Ein Flugzeug war definitiv ein Verfolger zu viel. „Und was machen wir jetzt?"

„Du musst es abschießen", rief Spike und zeigte auf das Maschinengewehr, dass hinter ihr auf dem Flugzeug angebracht war.

„Ich kann doch nicht… Das geht nicht!", schrie sie und schüttelte entsetzt den Kopf. „Das ist ein Mensch!"

„Entweder er oder wir", erwiderte Spike heftig. „Ihm ist es auch egal, ob du ein Mensch bist. Er wird uns aus der Luft holen, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als ihm zuvorzukommen!"

„Ich kann das nicht", wiederholte sie bestürzt. „Es ist nicht meine Aufgabe, Menschen zu töten!"

„Dann müssen wir Plätze tauschen", meinte er, obwohl er die Antwort schon kannte. Er wusste, dass sie nicht fliegen konnte. Aber es war die einzige Möglichkeit, ihr zu zeigen, dass sie keine andere Wahl hatte.

„Du weißt, dass ich das nicht kann", schnauzte sie.

„Aber schießen kannst du!"

„Spike, ich…", startete sie einen weiteren Versuch, doch dann verstummte sie. Der Vampir hatte Recht und das wusste sie. Dem Piloten der anderen Maschine war es egal, wenn er abschoss und er würde es versuchen, sobald er nah genug heran kam.

„Ziel auf den Propeller", rief Spike ihr zu. „Vielleicht kannst du ihn aufhalten, ohne ihn zu töten." Er kannte ihre Bedenken und er wusste genau, wie schwer es ihr fallen würde. Aber was getan werden musste, musste getan werden. „Du schaffst das schon!"

Und Buffy schoss. Genau in dem Moment, als ihr Gegner seine ersten Kugeln abfeuerte.

Teil 11

Es war schwieriger, als sie gedacht hatte, bedeutend schlimmer, als erwartet und sie schloss die Augen und zählte bis zehn. Ihr Puls raste und ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust. Niemals zuvor hatte sie vor so einer grauenhaften Aufgabe gestanden.

Schon oft hatte sie einen Menschen schlagen müssen. Aus den unterschiedlichsten Gründen… Aber genau da lag der Unterschied. Einen Schlag konnte sie einschätzen, konnte die Kraft dämpfen, mit der sie ausholte. Mit einem Maschinengewehr war das kaum möglich.

„Buffy", rief Spike. „Er hat uns gleich eingeholt! Du musst etwas unternehmen!"

Spike konnte fliegen. Es war keine Lüge gewesen, die er der Jägerin aufgetischt hatte. Aber er war kein Pilot! Er konnte die Maschine hochziehen und absacken lassen. Auch Kehren waren nicht das große Problem, aber er war alles andere als ein Profi. Die Kampfflieger kannten ihre Flugzeuge besser als ihre eigenen Ehefrauen. Sie spürten Windwiderstände und wichen ihnen geschickt aus. Das alles konnte er nicht! Es machte wenig Sinn, irgendwelche waghalsigen Flugmanöver zu fliegen, die der Gegner so oder so besser drauf hatte. Ihnen blieb nur ein Ausweg. Sie mussten die ihnen feindlich gesinnte Maschine vom Himmel holen.

„Buffy, verdammt", schrie er aus Leibeskräften. „Schieß endlich!"

Aber Buffy reagierte erst, als eine vom Gegner abgefeuerte Kugel dicht an ihrem Ohr vorbeisauste und im Holm der Tragfläche stecken blieb. Bisher hatte sie sich auf wenige Schüsse beschränkt, die nicht einmal gezielt den Lauf des Gewehrs verlassen hatten. Jetzt sickerte langsam zu ihr durch, dass der Gegner nicht freiwillig aufgeben würde. „Wie viel Schuss hab ich?", rief sie in den Wind.

„Keine verfluchte Ahnung", beantwortete er ungeduldig ihre Frage. „Du wirst es herausfinden, wenn du endlich mal das verdammte Maschinengewehr abfeuerst!"

Angestrengt blickte sie durch das Zielfernrohr, musste aber feststellen, dass es sie nicht weiterbrachte. Ihr eigenes Flugzeug flog, bedingt durch Spikes Zickzackkurs, viel zu unruhig und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich auf ihre Fertigkeiten als Jägerin zu verlassen. „Bitte, lass es ihn aufhalten", murmelte sie, zielte auf den Propeller und die Schnauze des Flugzeugs und schoss eine große Salve aus der Waffe ab.

Der Motor der anderen Maschine stolperte, dann blieb er stehen und Buffy seufzte befreit auf. Aber die Erleichterung hielt nur einen Moment an. Wie ein Stein fiel das Flugzeug vom Himmel und sie lehnte sich über den Rand und sah hinterher.

„Gut gemacht", rief Spike, aber der Jägerin stand der Sinn nicht nach Lob. Viel zu sehr war sie damit beschäftigt, der Maschine dabei zuzusehen, wie sie durch die Luft trudelte und dem Erdboden gefährlich nah kam. In allerletzter Sekunde gelang es dem Piloten, sie abzufangen und er landete unsanft in einem Maisfeld.

„Buffy", rief der Vampir und wandte sich um. Sie hatte keine Antwort gegeben und er machte sich augenblicklich Sorgen. „Alles okay? Bist du getroffen worden?"

„Nein. Mir geht es gut", erwiderte sie mit einem Lächeln im Gesicht. Dann stellte sie fest, dass es nichts als die Wahrheit war. Sie hatte das Flugzeug abgeschossen, aber es war kein Mensch dabei zu Schaden gekommen. Damit konnte sie leben. „Sind wir noch auf Kurs?", erkundigte sie sich laut und Spike nickte.

„Ich musste ein bisschen ausgleichen, aber jetzt passt es wieder."

Erschöpft lehnte Buffy sich zurück. Es hatte sie eine Menge Kraft gekostet, überhaupt abzudrücken, aber das war jetzt egal. Er war vorbei und sie hoffte im Stillen, nie wieder in eine solche Misslichkeit zu geraten.

Und so rapide, wie die Anspannung von ihr abfiel, so schnell kroch auch die Kälte wieder hoch, die sie vollkommen vergessen hatte. Sie nahm Spikes Jacke hoch und legte sie sich wieder über die Schultern. „Jetzt müssen wir nur noch Stonehenge finden. Und einen passenden Landeplatz."

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Der Flug dauerte an und Buffy, die jegliches Zeitgefühl verloren hatte, versuchte sich, so gut es ging, zu entspannen. Eine lange Zeit hatte sie den Himmel nach weiteren Verfolgern abgesucht, aber es näherte sich kein weiteres Flugzeug. Auch am Boden herrschte Stille. Nirgends gab es auch nur das kleinste Anzeichen dafür, dass man sie aufgespürt hatte.

„Stonehenge", rief Spike, dessen Haare in alle Windrichtungen abstanden. Er deutete nach unten und die Jägerin seufzte erleichtert. Er hatte sein Ziel gefunden und das ohne irgendwelche Karten oder sonstigen Hilfsmittel.

Mehrere Kehren später war sie allerdings bereit, ihn zu erwürgen. Er suchte nach einer geeigneten Landestelle, aber sie wollte nur noch raus aus dem Flugzeug und sie fand es beinahe grausam, dass er das Flugzeug wieder und wieder hochzog, um weiterzusuchen. „Jetzt geh endlich runter", schnauzte sie ihn an. Ihr Magen fuhr Achterbahn und sie wollte endlich wieder festen Boden unter den Füßen spüren.

 

Die Landung selbst war alles andere als ein Kinderspiel. Zwar schien England in dieser Gegend hauptsächlich aus plattem Land zu bestehen, aber eine Wiese war nun mal keine Landebahn.

Die Maschine ächzte und keuchte, als der Vampir sie auf den Boden brachte und er schrie über das Getöse hinweg. „Wenn ich das verdammte Ding nicht zum Stehen bekommen, dann spring ab. Hörst du? Spring ab!"

Er gab sein Bestes, aber als das Flugzeug auf einen kleinen See zusteuerte, tat Buffy das, was er gesagt hatte. Mit nur einem Satz sprang sie aus ihrem Sitz und landete hart im Gras. Ein lautes Gurgeln riss sie aus ihrer Benommenheit und sie rappelte sich auf. „Spike? Spike!"

Aber von dem Vampir war nichts zu sehen. Er musste noch immer in dem Flugzeug sitzen, das sich auf die Nase gestellt hatte und langsam im Morast versank.

„Spike", schrie sie wieder, als sie am Ufer anlangte.

„Ich bin hier", zischte er und spuckte eine Ladung Schlamm aus. Er kämpfte sich aus dem Wrack und kletterte aus dem dreckigen Wasser. „Unkraut vergeht nicht", grinste er und streckte sich. „Anscheinend kann ich besser fliegen als landen", brummte er und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht.

Die anfängliche Erleichterung der Jägerin machte Wut platz und sie verpasste ihm einen Schwinger unter das Kinn, der ihn zurück in das Wasser beförderte.

„Au! Verdammt! Was soll das?", schnauzte er sie an und schüttelte den Kopf.

„Das war dafür, dass du es nicht für nötig gehalten hast, mir zu sagen, dass du das Flugzeug fliegst!", zischte sie mit zusammengekniffenen Augen.

„Aber ich habe uns bis hierher gebracht", lächelte er entwaffnend. „Außerdem hättest du es niemals zugelassen, wenn ich es dir vorher gesagt hätte." Er kam mit weit ausgestreckten Armen auf sie zu. „Habe ich noch einen verdient? Ich bin gerade so schön nass, da würde es kaum auffallen."

„Nein", erwiderte Buffy ernst, dann musste sie lachen. „Im Moment nicht." Sie hatte keine Lust zu streiten oder gar auf eine Schlägerei. Sie war viel zu müde und wollte eigentlich nur noch schlafen. Aber der Wunsch würde ihr bestimmt nicht so schnell erfüllt werden. Bisher hatten sie noch nicht einmal einen Unterschlupf. „Was machen wir jetzt? Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis es hell wird."

„Eine gute Stunde noch", erwiderte der Vampir nach einem prüfenden Blick in den Himmel. Sein Selbstschutzmechanismus, der ihn vor dem Sonnenaufgang warnte, hatte sich noch nicht gemeldet und er zuckte mit den Schultern. „Ungefähr eine Meile von hier ist eine kleine Stadt. Wir müssen uns Kleidung organisieren", meinte er und zupfte an seinem nassen Hemd. „Vielleicht finden wir auch eine Herberge oder zumindest einen Gasthof mit Fremdenzimmern."

„Egal was", murmelte Buffy. „Es ist nur für einen Tag." Sie nahm seine Hand und zusammen marschierten sie über die Felder. „Sie werden das Flugzeug finden", murmelte sie wenig später. „Werden sie dann nicht sofort jeden Fremden verhaften?"

„Du hast Recht", stimmte der Vampir zu. „Uns muss etwas anderes einfallen. Und zwar schnell." Er wandte sich um und sah auf das Wrack, dass bis zur Hälfte im Morast versunken war. „Ganz viel tiefer wird es nicht einsinken", stellte er fest. „Und es wäre eine enorm zeitaufwändige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es ganz im Schlamm versinkt."

„Vielleicht hättest du im See landen sollen" meinte Buffy hinterhältig und fing sich dafür einen bitterbösen Blick ein. „Nur eine Idee", lächelte sie falsch.

„Jedenfalls können wir eine Herberge vergessen! Wir brauchen ein Versteck. Und das wird verdammt schwer. Wir kennen uns hier nicht aus und es muss sicher sein."

„Das wird garantiert nicht einfach", prophezeite sie. „Gibt es hier irgendwelche Höhlen?"

„Keine Ahnung", erwiderte er und zuckte mit den Schultern. „Ich bin niemals zuvor hier gewesen. Aber da hier keine Bomben gefallen sind, werden wir wohl kaum das Glück haben, einen weiteren verlassenen Bauernhof zu finden."

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Sie erreichten die ersten Häuser der Stadt und Buffy fühlte sich in einen alten Miss Marple Film versetzt. Windschiefe Häuschen mit gepflegten Vorgärten, eine ausgefahrene Sandstraße, in der noch immer die Pfützen vom letzten Regen standen und ein Pub, mit einem riesigen verwitterten Namenschild, auf dem Blue Bear zu lesen stand.

„Vielleicht sollten wir uns trennen?", schlug die Jägerin vor, doch, bevor Spike etwas erwidern konnte, öffnete sich die schwere alte Holztür des Gasthauses und eine hünenhafte Gestalt trat hinaus auf die Straße.

„Vampir", knurrte sie und stellte sich ins Mondlicht. „Verschwinde von hier! Auf der Stelle! Bevor ich dir jeden Knochen im Leib einzeln breche!"

Och, nicht doch’, dachte Buffy, als sie den Fremden ansah. Offensichtlich ein Dämon mit äußerst schlechter Laune, denn er knurrte ununterbrochen und Buffy seufzte. Das fehlte jetzt auch noch.

„Schau an", meinte Spike, wenig beeindruckt. „Ein K`Darsch-Dämon. Ich wusste gar nicht, dass ihr euch auch in einer so ländlichen Gegend ansiedelt."

„Verschwinde von hier", drohte der Dämon ein weiteres Mal, aber der Vampir antwortete mit einem müden Lächeln.

Beide belauerten sich und begannen mit einer Wanderung im Kreis. Muskeln wurden angespannt, beide knurrten und jeder wartete auf den Angriff des anderen.

„Entschuldigung", warf Buffy ein, die unbeachtet im Abseits stand. „Bedeutet das, dass ich gleich in eine Schlägerei gerate, die ich so oder so gewinne?"

„Schweig still", murrte der K`Darsch. Doch dann wandte er sich ihr zu und stutzte. „Eine Jägerin", stellte er fest und sofort veränderte sich seine Haltung. Spike schien ihm egal und er sah Buffy aufmerksam an. „Was verschlägt dich in dieses Nest?"

„Bin nur auf der Durchreise", erwiderte sie und nahm Kampfhaltung an. „Ich habe zwar nicht die geringste Lust dazu, aber okay… wenn du darauf bestehst… Aber dann lass uns diesen Mist beenden, damit ich eine wohlverdiente Mütze voll Schlaf nehmen kann." Sie sah zu Spike. „Irgendwelche guten Ratschläge, wie ich ihn am schnellsten töten kann?"

„Ihr gehört zusammen?", grunzte der Dämon. Er war dermaßen verwirrt, dass er seine Wut vergaß und von Buffy zu Spike sah. „Ihr beide? Zusammen?"

„Lange Geschichte", murrte sie. „Und ich glaube kaum, dass dich das was angeht."

„Warte", rief Spike, der an ihrer Haltung erkannt hatte, dass sie kurz vor einem Angriff stand. Er ging auf den K`Darsch zu und baute sich vor ihm auf. „Hör zu", sagte er und sah ihm fest in die Augen. „Wir sind tatsächlich nur auf der Durchreise. Spätestens bei Nachteinbruch sind wir von hier verschwunden. Ich habe nicht vor, in dein Territorium einzudringen, geschweige denn, dir dein Futter zu klauen. Wir brauchen nur einen Unterschlupf für den Tag."

„Das ist jetzt nicht dein Ernst", schnaubte Buffy entrüstet. „Du kannst dich doch nicht mit dem da verbrüdern!"

„Warum nicht?", erwiderte der Vampir, ohne den K`Darsch aus den Augen zu lassen. „Bei ihm wären wir sicher."

„Du hast gerade von seinem Futter gesprochen", meckerte sie. „Das kann ich so nicht stehen lassen!"

„Er ernährt sich von Träumen", erklärte Spike leise. „Je mehr Menschen sich an einem Ort versammeln, desto mehr Nahrung für ihn. Deswegen sagte ich auch eben, dass ich einen Dämon seiner Art nicht in einem solchen Nest vermutet hätte. Für gewöhnlich trifft man sie nur in Großstädten an."

„Und warum dann das ganze Palaver?", motzte Buffy und warf die Hände in die Luft. „Das hätten wir auch einfacher haben können!"

Der K`Darsch Dämon lachte. „Ihr beide gehört wirklich zusammen. Auch wenn ihr ein höchst seltsames Paar seid. Kommt herein, bevor wir noch die ganze Stadt wecken!"

Vor Buffys Augen verwandelte er sich einen Menschen und sie sah zu Spike. „Bist du dir sicher?"

„So sicher, wie ich fliegen kann", grinste er, nahm sie an die Hand und zog sie ins Innere des Gasthauses.

Teil 12

Der Pub war recht gemütlich eingerichtet, auch wenn Buffy das viele Holz nicht gefiel, das vom Rauch der Jahre tief schwarz wirkte. Die Decke war niedrig, wie fast immer bei alten Häusern und durch den dunklen Farbton wirkte sie erdrückend.

„Warum seid ihr hier?", fragte der Dämon, der jetzt wie ein freundlicher Mann im mittleren Alters wirkte. Dann entschuldigte er sich. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Man nennt mich Big John." Er reichte erst Buffy und dann Spike die Hand.

„Wie schon gesagt", meinte der Vampir und überlegte, ob er sich mit seinen nassen Klamotten auf einen der Barhocker setzten sollte. „Wir sind nur auf der Durchreise." Er zuckte mit den Schultern, setzte sich und lächelte Buffy an, die noch unsicher an der Tür stand.

„Verstehe", nickte Big John. „Ihr wollt es nicht verraten. Kaffee? Oder lieber ein Bier?"

Etwas verwirrt über die plötzliche Veränderung seines Wesens hob Buffy die Augenbrauen. „Vor drei Minuten wolltest du uns noch töten", meinte sie. „Und jetzt bietest du uns Kaffee an?"

„Ich wollte ihn töten", lachte Big John und zeigte auf Spike. „Vampire in der Gegend zu haben ist nie gut. Ich kann sie meilenweit spüren." Er zuckte mit den Schultern. „Vampire töten die Menschen, von deren Träumen ich mich ernähre. Mir blieb keine andere Wahl. Es ist eine Art Selbstschutz. Für gewöhnlich bin ich recht verträglich."

„Also, ich hätte nichts gegen einen ordentlichen Whiskey einzuwenden", warf Spike ein und erinnerte so daran, dass er auch noch da war. Er schnappte sich einen Lappen von der Theke, legte ihn auf den Sitz des Barhockers und setzte sich darauf. Für gewöhnlich machte er nicht soviel Aufhebens, aber der K`Darsch war immerhin so nett, ihnen einen sicheren Platz anzubieten und Spike wollte seine gute Laune nicht überstrapazieren.

„Und für die Lady einen Kaffee?", wiederholte Big John seine Frage. Er war wieder mit Leib und Seele Wirt und er lächelte sie an.

„Nein, danke. Das Gebräu vertrage ich nicht. Aber etwas Kaltes wäre nett."

„Was Kaltes?", hakte er nach und sah Spike fragend an.

„Die Lady meint ein Ginger Ale", erklärte der Vampir und goss sich den Whiskey in den Hals, den der Wirt gerade vor ihn gestellt hatte. „Du hast nicht zufällig ein Zimmer, indem wir den Tag verbringen können?"

„Selbstverständlich", erwiderte Big John beinahe beleidigt und überreichte Buffy eine Flasche mit gelblich braunem Inhalt. „Ich habe sogar drei Gästezimmer. Ein Glas dazu?"

Die Jägerin unterdrückte das Verlangen, laut loszulachen. Die Verwandlung des noch eben brandgefährlichen Dämons in einen zuvorkommenden Wirt war schier unglaublich. Er hatte nichts mehr mit dem Wesen gemein, dass vor wenigen Minuten auf der Straße gestanden hatte und vor Wut praktisch geschäumt hatte. „Nein, danke. Ich trinke aus der Flasche."


Das Gespräch ging hin und her und schließlich machte Big John auch noch Frühstück für Buffy. Dann verschwand er einen Moment und kam mit trockener Kleidung für Spike zurück. „Ich weiß nicht, ob sie passen, aber es ist besser als nichts."

„Danke", murmelte Buffy satt und schläfrig. „Das war wirklich sehr nett und es hat hervorragend geschmeckt."

„Gern geschehen", nickte Big John. Doch dann wurde sein Gesicht ernst. „Ihr könnt gerne bleiben. Aber… ich möchte sichergehen, dass ich nicht Gefahr laufe, mein Leben zu verlieren." Er sah Buffy eindringlich an. „Man hört nicht nur Gutes über Deinesgleichen."

„Ich weiß nicht, wie andere Jägerinnen das sehen, aber ich töte keine harmlosen Dämonen." Sie hob abwehrend die Hände. „Und schon gar nicht, wenn sie mir ein solches Frühstück auftischen." Und Big John hatte aufgetischt. Rührei, Würstchen, Speck, Toast, Marmelade und Tee. Sie war pappsatt und wäre am liebsten für die nächsten acht Stunden auf dem Stuhl sitzen geblieben.

„Natürlich werden wir dich bezahlen", nickte Spike, der sich merkwürdig ruhig verhielt. „Allerdings haben wir da noch ein kleineres Problem", meinte er dann. „Man wird nach uns suchen. Wahrscheinlich schon in den frühen Morgenstunden."

„Das lasst meine Sorge sein", nickte Big John. „Meine Fähigkeiten werden euch beschützen. Ihr könnt euch in aller Ruhe erholen."

„Was für Fähigkeiten sind das?", erkundigte sich Buffy vorsichtig. Sie hatte ihn als Dämon erlebt und wollte nicht, dass er Menschen verletzte oder gar tötete. Schon gar nicht ihretwegen.

„Ich kann Illusionen erzeugen", lächelte der Wirt. „Wer auch immer nach euch suchen wird… er wird alles Mögliche finden, aber nicht euch."

„Das ist gut", murmelte Buffy, dann gähnte sie herzhaft. Die Anstrengungen der letzten Tage forderten ihren Tribut. Sie war hundemüde und nur widerwillig stemmte sie sich am Tisch hoch.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Big John führte sie über eine schmale Treppe hinauf in das obere Stockwerk und zeigte ihnen ein kleines, aber gemütliches Zimmer, dessen Sprossenfenster auf die Hauptstraße zeigte. „Ich werde euch wecken, sobald es Nacht geworden ist", versprach er, eilte durchs Zimmer und deckte das Fenster mit einer Decke ab. Er sah sie an, wartete auf Fragen, aber, da keine kamen, nickte er und verschwand.

„Komischer Kauz", murmelte Buffy, die sofort begann sich auszuziehen, kaum dass der Vampir die Tür verriegelt hatte. „Und du bist dir sicher, dass wir ihm vertrauen können?"

„Ich denke schon", erwiderte er und schälte sich aus seinen nassen Klamotten. „Er verträgt sich nicht unbedingt mit Vampiren, aber er beschützt die Menschen, von denen er sich ernährt." Achtlos ließ er seine Sachen auf den Boden fallen und krabbelte dann zu Buffy ins Bett. „Komm her", sagte er sanft und zog sie in seine Arme. „Hoffentlich haben wir dafür demnächst mehr Zeit."

„Bestimmt", lächelte sie und kuschelte sich dicht an ihn. „Es ist komisch", sagte sie leise. „Jetzt haben wir es beinahe geschafft und erst jetzt werde ich richtig nervös. Ich habe ein bisschen Angst, dass uns so kurz vor dem Ziel noch etwas dazuwischen kommt."

„Wir werden es schaffen", versicherte er ihr. Sachte strich er über ihr Haar, dann beugte er sich über sie und küsste sie sanft auf die Wange. „Und jetzt versuch zu schlafen. Du musst doch vollkommen fertig sein."

„Mmmh", machte Buffy, dann schlief sie auch schon ein. Wohl wissend, das Spike auf sie achten würde und sie in Sicherheit war.

Er hingegen starrte noch an die niedrige, holzvertäfelte Decke, als die Sonne längst aufgegangen war und die Stadt langsam erwachte.

Genau wie für Buffy, war diese Zeitreise auch für ihn nicht gerade ein Zuckerschlecken. Sein Hunger nagte an ihm und über das Gefühlschaos, das in ihm tobte, wollte er gar nicht erst nachdenken. Es würde Zeit und eine Menge Gespräche brauchen, bis sie beide ohne jegliche Vorurteile eine neue Beziehung aufbauen konnten.

Er sah auf Buffy herab, die friedlich in seinen Armen schlummerte. Es war reines Glück, dass er in solchen Momenten fühlte. Aber auch ein gewisser Stolz. Schlimmer jedoch war das Gefühl, dass ihnen noch ein dickes Ende bevorstand. Er hatte zwar versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie den letzten Rest der Reise spielend hinter sich bringen würden, aber überzeugt war er davon nicht.

Zu viele Kämpfe hatte er ausgefochten, die ihn eines Besseren belehrt hatten. Sei es in seinem langen Dasein als Vampir, oder auf der Seite des Guten. Es ging niemals so aus, wie es geplant war. Schwierigkeiten tauchten aus dem Nichts auf, Begebenheiten änderten sich…

Ein dickes Ende’, dachte er und küsste Buffy auf die Stirn. ‚Wollen wir hoffen, dass es nicht zu dick wird.’

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Die Jägerin indes hatte schlechte Träume. Es waren keine Monster, keine Dämonen hinter ihr her. Aber irgendetwas lauerte in der Dunkelheit. Etwas, das nach ihr rief und der Zwang, dieser unhörbaren Stimme zu folgen wurde immer stärker.

Sie konnte die Fesseln förmlich spüren, die sich um ihren Körper schlangen. Gelenkt von unsichtbaren Fäden, die sie in eine Richtung drängten, in die sie nicht wollte. „Spike", murmelte sie im Halbschlaf. „Du musst mich festhalten!"

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Die ersten Armeetransporter fielen am frühen Nachmittag über die Stadt her. Sie fuhren durch die Straßen, stoppten in regelmäßigen Abständen und luden jeweils zwei Soldaten ab. Die schwer bewaffneten Männer hatten die Aufgabe, von Haus zu Haus zu gehen und hatten auch die Erlaubnis, diese zu durchsuchen.

Spike erwachte erst, als es unten an der Holztüre pochte. Sofort war er auf den Beinen und schlüpfte in die Hose, die ihm der Wirt als Ersatz für seine durchnässte gegeben hatte. Er warf einen Blick auf Buffy, aber sie schlief tief und fest, auch wenn ihr angespannter Gesichtsausdruck auf schlechte Träume deutete. Aber er hatte nicht die Zeit, sich darum Sorgen zu machen.

Längst hatte er sich entschieden. Er musste nachsehen, was im Schankraum vor sich ging. Lautlos schlich er die schmale Treppe hinab und drückte sich in einen kleinen Erker, der vom Gastraum aus nicht einsehbar war.

Big John stand hinter seiner Theke und polierte Gläser, während zwei Soldaten ihn mit Fragen bombardierten. Einer der beiden schien allerdings eher an dem Zapfhahn interessiert zu sein, doch der Wirt verzog keine Miene.

„Wir suchen zwei Personen", sagte der größere der Beiden. „Höchstwahrscheinlich einen Mann und eine Frau. Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, dass uns weiterhilft?"

„Nein, Sir", erwiderte der K`Darsch höflich. „Allerdings ist das auch kaum möglich. Ich arbeite bis spät in die Nacht und bin erst vor kurzem aufgestanden."

„Aber Sie haben doch Fremdenzimmer zu vermieten. Ist das richtig?", meinte der andere Soldat wichtigtuerisch. Er war sichtlich beleidigt, dass der Wirt seine offenkundigen Andeutungen nicht beachtete. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir sie uns anschauen?"

„Aber nicht doch", wehrte Big John ab und deutete mit dem Kopf auf die schmale Stiege. „Ich bin ein treuer Bewohner dieses Landes und immer bereit zu helfen. Einfach die Treppe hinauf", sagte er und Spike kniff in seinem Versteck die Augen zusammen.

Würde der K`Darsch sie doch verraten? Mit angespannten Muskeln starrte er den beiden Soldaten entgegen. Sie bewegten sich auf die Treppe zu und blieben keinen Meter davor wie angewurzelt stehen. Mehrere Minuten verstrichen, dann wandten sie sich um und bauten sich wieder vor der Theke auf.

Und Spike erkannte mit einiger Verwunderung, dass die Macht des Dämons bedeutend stärker war, als er je erwartet hätte. Es war nicht eine bloße Illusion, die er ihnen auftischte. Er bremste sie magisch aus, so dass sie gar nicht erst bis zum gedachten Ziel kamen.

„Danke für Ihre Mithilfe", sagte der Größere. „Hier ist wohl alles in bester Ordnung."

„Und Sie haben einen wirklich sehr reizvollen Gasthof", meinte der andere. „Das findet man heute nicht mehr sehr oft."

Sie verabschiedeten sich, salutierten und gingen zum Ausgang. Der Wirt folgte ihnen, blieb in der offenen Tür stehen und hob grüßend die Hand. „Viel Glück bei Ihrer Aufgabe!" Er schloss die Holztür, drehte den Schlüssel und wandte sich um. „Du vertraust mir nicht", sagte er wenige Augenblicke später. Sein Blick wanderte zu der Stelle, an der Spike sich verborgen hielt und er lachte. „Verrückte Welt! Ein Vampir, der mir nicht über den Weg traut!"

„Vorsicht ist besser als Nachsicht", erwiderte er und trat aus seinem Versteck. „Du kennst mich nicht", sagte er leise, „aber ich würde niemals zulassen, dass Buffy…"

„Du beschützt sie", unterbrach der K`Darsch verblüfft und nickte dann. „Ich verstehe." Er machte eine Pause und sah den Vampir dabei unablässig an. Es war ein prüfender Blick und er lächelte, als er sich seine Meinung gebildet hatte. „Ihr seid ein merkwürdiges Paar. Und du bist ein merkwürdiger Vampir." Wieder machte er eine Pause. „Du bist anders als andere deiner Art."

„Da hast du verdammt Recht", erwiderte Spike, ging durch den Pub und spähte vorsichtig aus einem Fenster. Auf der Straße herrschte reger Betrieb. Militärjeeps fuhren auf und ab und Soldaten klopften an jede Haustür. „Warum hilfst du uns", fragte er von plötzlicher Neugier gepackt. Er ging auf den K`Darsch- Dämon zu und blieb erst dicht vor ihm stehen. „Du hältst mich für merkwürdig", sagte er leise und legte den Kopf überlegend auf die Seite. „Dabei handelst du auch nicht gerade so, wie es deiner Art entspricht." Er sah ihn fragend an. „Warum tust du das alles für uns?"

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht", gestand Big John und lachte leise. „Vielleicht war es die völlig abstruse Situation, vielleicht auch nur Eigennutz. Es könnte sich als hilfreich erweisen, eine Jägerin zu kennen."

„Da muss ich dich enttäuschen", sagte Spike von der Ehrlichkeit des Dämons überrascht. „Sie wird dir im Hier und Jetzt nicht helfen können", meinte er und Big John sah ihn verwirrt an. „Wir kommen aus der Zukunft", erklärte Spike und lachte. „Ich weiß, es hört sich absolut schwachsinnig an, und doch ist es die Wahrheit."

„Eine Zeitreise?", der K`Darsch hob überrascht die Brauen. „Freiwillig oder unfreiwillig?"

„Ganz bestimmt nicht freiwillig", brummte Spike, der an all die Schwierigkeiten dachte, durch die sie hatten gehen müssen.

„Das erklärt so einiges", nickte Big John überlegend. „Aber aus welchem Grund seid ihr hier?"

„Stonehenge", erwiderte der Vampir. „Der Ort steckt noch immer voll von mystischer Energie. Zum Vollmond heute Abend müssen wir dort sein. Nur dort wird es unseren Leuten gelingen, uns zurück in unsere eigene Zeit zu holen."

„Ich werde euch helfen, rechtzeitig dort anzukommen!"

Und Spike war fassungslos. Er war nicht unbedingt der Typ, der sich gerne bedankte, aber dieser K`Darsch übertraf alles, was er in seinem langen Unleben jemals erlebt hatte und er schüttelte ungläubig den Kopf. „Solltest du in fünfundachtzig Jahren einmal Hilfe brauchen…"

Big John lachte. „Schon gut. Aber du solltest jetzt zu deiner Jägerin gehen. Ich glaube, es geht ihr nicht besonders gut."

Teil 13

Spike fackelte nicht lange, er warf einen letzten Blick auf den gutmütig nickenden K`Darsch und spurtete dann die Treppe hinauf. Jetzt, wo der erste Schreck abflaute, konnte er Buffy hören und ihm gefiel nicht, was sein feines Gehör ihm vermittelte. Big John hatte Recht, der Jägerin ging es nicht gut. Aber eigentlich hatte er schon damit gerechnet. Immerhin hatte er schon beim Verlassen des Zimmers gesehen, dass etwas nicht stimmte.

Buffy lag noch immer im Bett, aber sie bewegte sich unruhig und murmelte im Schlaf vor sich hin. Ihr Herzschlag wurde immer schneller, bewegte sich langsam aber sicher in schwindelnde Höhen und es gab nur eine Entscheidung. Er musste sie wecken. Jetzt, auf der Stelle!

Schnell war er bei ihr, setzte sich auf die Bettkante und schüttelte sie an der Schulter. Erst sanft, doch da sie nicht reagierte, wurden seine Bewegungen hektischer. „Buffy! Du musst aufwachen!"

Es dauerte eine geraume Zeit, dann schlug sie die Augen auf und starrte ihn an. Der Blick, den er auffing, zeigte blanke Panik und er zog sie in seine Arme. „Schon gut. Alles wird gut." Er hatte es ja geahnt. Das dicke Ende… Jetzt galt es herauszufinden, was das war.

„Oh Gott", stöhnte sie und setzte sich auf. „Spike, ich…" Sie war kreidebleich und sie atmete viel zu schnell. „Irgendwas stimmt nicht mit mir." Sie sah sich verwirrt um, ganz so, als erwarte sie hinter jeder Ecke ein Monster.

„Was hast du geträumt?", fragte er, seine Unruhe unterdrückend und versuchte, sie wieder sie an sich zu ziehen. Er hatte das unbändige Gefühl, sie festhalten zu müssen, aber sie wehrte seine Versuche ab.

„Ich weiß es nicht mehr", erwiderte sie matt und rückte ein Stück weiter von ihm weg. Dann sah sie auf. „Jemand ruft nach mir und ich muss…", erinnerte sie sich plötzlich. „Es war so real. Nein, es ist noch immer real." Sie sprang auf und tapste mit unsicheren Schritten durch das Zimmer. „Was passiert mit mir?"

Sofort erkannte Spike den Zwiespalt, in dem sie sich befand. Buffy versuchte in ihre Hose zu schlüpfen, hielt sich gleichzeitig davon ab, sodass sie beinahe umkippte. Es hätte komisch ausgesehen…wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr und hielt sie fest. „Buffy! Du bist hier bei mir. Komm zu dir!" Und wieder spürte er den Kampf, den sie mit sich führte. Ein Teil von ihr klammerte sich an ihn, der andere Teil drückte ihn weg und er bekam es mit der Angst zu tun. „Buffy?"

„Lass mich los", keifte sie. „Sie suchen nach mir. Ich muss gehen!"

Eine Seite hatte den Kampf offensichtlich gewonnen, doch Spike hatte keinen Schimmer, was das für eine Seite war. Es war nur klar, dass es nicht Buffy war, die da sprach und er baute sich vor ihr auf. „Ich werde dir helfen", versprach er, doch sie ließ es nicht zu.

„Lass mich vorbei!" Ihre Stimme klang hart, als sie sich ihr Hemd überzog. Dann funkelte sie ihn böse an. „Du kannst mich nicht aufhalten! Sie erwarten mich!"

„Es tut mir leid", murmelte der Vampir leise und er seufzte.

„Was tut dir leid?"

„Das", sagte er und schlug zu. Ein einzelner gezielter Schlag auf ihren Hals reichte aus. Mit der Handkante hatte er die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen und sie sackte wie ein nasser Sack in sich zusammen. „Entschuldige", murmelte er und hob sie auf die Arme. Ihm blieb nicht viel Zeit. Eine Jägerin ließ sich von so etwas nicht lange aufhalten und er rannte mit ihr nach unten.

„Du musst mir helfen", rief er Big John zu, der vom Lärm aufgeschreckt, am unteren Ende der schmalen Stiege stand.

„Was ist mit ihr?", fragte er verblüfft.

„Sie ist bewusstlos", knurrte Spike, schob sich mit seiner Last an ihm vorbei und legte Buffy auf einen der großen Gasttische.

„Warum ist sie bewusstlos?" Neugierig kam der K`Darsch näher. Er hatte die Beiden oben gehört, aber sein Gehör war nicht das eines Vampirs. Er verstand nicht, was vor sich ging, fühlte aber die Aufregung, die den Vampir beherrschte.

„Weil ich sie geschlagen habe", brummte Spike unwirsch. „Jetzt hilf mir, verdammt!"

„Was soll ich tun?" Big John verstand gar nichts mehr, aber das aufgekratzte Benehmen des Vampirs ließ ihn reagieren. Es schien eilig zu sein und er nickte. „Sag mir, wie ich dir helfen kann."

„Wir müssen sie fesseln! Und zwar schnell. Wenn sie erst wieder wach ist…" Spike lief unruhig auf und ab. Er suchte nach einer Möglichkeit, sie zurückzuhalten. Aber da sie nach wie vor eine Jägerin war, war das nicht ganz so einfach.

„Ich habe ein paar Seile", zuckte der Wirt mit den Schultern.

„Sie ist eine Jägerin! Sie lässt sich nicht von ein paar lumpigen Seilen aufhalten! Verfluchte Hölle!"

„Geh beiseite", sagte Big John und versuchte Spike abzudrängen. Doch der fauchte ihn an und sein Gesicht verwandelte sich.

„Fass sie nicht an", drohte er böse und ein gefährliches Knurren drang aus seiner Kehle.

„Du verstehst mich nicht", sagte Big John langsam und sehr deutlich. „Ich kann sie fesseln. Durch eine Illusion. Aber dafür muss sie wach sein!"

„Scheiße", murmelte der Vampir. Seine Schultern sackten herab und er ließ den K`Darsch zu Buffy. „Hilf ihr!" Eine bessere Idee hatte er selbst auch nicht und er konnte nur hoffen, dass der Dämon wusste, wovon er sprach.

Big John nickte. „Lass mich nur machen."

Lange warten mussten sie nicht. Sekunden später öffnete Buffy die Augen, setzte sich auf und starrte beide biestig an. Gerade im Begriff vom Tisch zu springen, stockte sie mitten in der Bewegung. Ihre Augen wurden glasig und Spike schaffte es gerade noch sie aufzufangen, bevor ihr Kopf auf die massive Tischplatte knallte.

„Was hast du mit ihr gemacht?", fragte er nervös. Sie sah vollkommen weggetreten aus und es gefiel ihm nicht, für ihren Zustand zuständig zu sein.

„Sie zurück in ihre Bewusstlosigkeit geschickt", erwiderte Big John leise. „Es ist alles in Ordnung. Es geht ihr gut."

„Aber sie hat die Augen auf. Sie ist nicht…"

„Nein", sagte Big John und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Aber sie denkt es. Du musst dich beruhigen. Es ist wie ein Schlaf. Ihr wird nichts fehlen, wenn sie wieder aufwacht. Mir ist so schnell nichts Besseres eingefallen."

Einigermaßen erleichtert seufzte Spike und sein Gesicht wurde wieder menschlich. „Das hätte übel ausgehen können!" Er sah sich um und legte die Jägerin auf eine der gepolsterten Bänke.

„Was ist eigentlich passiert?", erkundigte sie Big John und eilte auf seine Theke zu. Dort angekommen goss er zwei Gläser Whiskey ein. „Hier", meinte er und streckte eins davon Spike entgegen. „Den kannst du bestimmt brauchen. Ich auf alle Fälle", sagte er leise. „Das war mal ein Schreck."

Der Vampir warf einen letzten prüfenden Blick auf die Jägerin. Aber Buffy rührte sich nicht und starrte mit leerem Blick an die Decke. „Danke", sagte er und nahm das Glas mit der bernsteinfarbigen Flüssigkeit entgegen. Dann erzählte er, was passiert war und trank das Glas in einem Zug leer.

„Sie wurde gerufen?", runzelte Big John die Stirn und Spike nickte und erzählte vom Rat der Wächter und seiner Vermutung, dass sie dafür verantwortlich waren.

„Also ist es Magie", stellte der Wirt fest und nickte. „Sie haben sie hier aufgespürt, können sie aber nicht genau orten, um sie abzuholen. Sie muss zu ihnen gehen."

„Das vermute ich zumindest", erwiderte Spike und warf einen gierigen Blick auf die Whiskeyflasche, die Big John ihm auch prompt in die Hand drückte.

„Ich denke, ich werde mich draußen einmal umsehen", meinte der K`Darsch plötzlich. „Aber du… du musst unbedingt hier bleiben! Du darfst das Haus nicht verlassen. Auf gar keinen Fall! Hörst du? Egal, was passiert. Denn sobald ihr den Pub verlasst, löst sich die Illusion, in der ich euch einhüllen werde. Verstehst du?"

„Bin ja nicht dämlich", brummte Spike und goss sein Glas wieder voll. „Aber was willst du draußen erreichen? Wenn ich mit meinen Vermutungen richtig liege, dann läufst du den Agenten des Rats geradezu in die Arme! Und du bist auch ein Dämon! Warum willst du dich für uns in Gefahr begeben?"

Big John lachte. „Das lass meine Sorge sein." Wieder klopfte er Spike auf die Schulter. „Aber vielleicht finde ich den Hexenmeister und kann ihm eine nette Illusion aufzwingen."

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Warten! Gab es etwas Schlimmeres? Er war ein Jäger und warten war nicht unbekannt für ihn. Aber das war mehr ein Auflauern. Seine Beute aufzustöbern, um dann im richtigen Augenblick zuzuschlagen. Was er im Moment fühlte war grausam. Er war zur Untätigkeit verdammt und konnte nichts weiter tun, als der antiken Uhr auf dem Kaminsims beim Ticken zuzuhören.

Das Trinken hatte Spike längst wieder aufgegeben. Es würde nichts an seiner Situation ändern und höchstens seinen Denkapparat ausschalten, der sowieso Schwierigkeiten hatte, sich durch das ganze Gewühl von Eindrücken und Emotionen zu kämpfen.

Und doch ärgerte er sich. Es war schrecklich, einfach nur dazusitzen. Jeder Kampf war besser als diese schreckliche Ungewissheit. Und seine kurzen prüfenden Blicke auf Buffy machten es nicht leichter. Sie starrte nach wie vor an die Decke, und er hätte zu gerne den Kerl in die Finger bekommen, der sie mit diesem verdammten Zauber belegt hatte.

Seine Geduld wurde noch eine weitere halbe Stunde auf die Probe gestellt, dann öffnete sich die Tür und Big John kam herein. Er sah müde aus, lächelte aber ununterbrochen. „Ich habe ihn gefunden", sagte er und es klang so etwas wie Stolz in seiner Stimme mit.

Sofort sprang der Vampir auf. „Und?", erkundigte er sich prompt. „Ist es dir gelungen, ihn zu verjagen?"

„Das werden wir gleich sehen." Er sah Buffy an und Spike folgte seinem Blick. „Dann wollen wir sie mal aufwecken."


                                                                                          *~*~*~*


Die Jägerin fühlte sich beobachtet. Seitdem sie wieder wach war, fühlte sie Blicke, die sich in ihren Rücken bohrten, sobald sie auch nur einen Schritt tat. Sie konnte sich an alles erinnern, was passiert war und sie konnte es Spike nicht verdenken, dass er noch mehr auf sie achtete als gewöhnlich. Aber so langsam ging ihr das Getue auf den Sender.

„Könntet ihr das bitte unterlassen", schnauzte sie die beiden so unterschiedlichen Dämonen an, die am kleinen Küchentisch beieinander saßen und die Pläne für den Abend durchgingen.

Sie hatten den Gastraum verlassen und sich in die kleine Wohnung des K`Darsch zurückgezogen, die recht behaglich eingerichtet war. Er hatte sich vollkommen an das Leben eines Menschen angepasst und nichts ließ darauf schließen, dass er jemals etwas anderes gewesen war.

„Was denn?", fragte Spike scheinheilig. „Wir passen nur auf, dass du nicht die Beine in die Hand nimmst und deine Freunde vom Rat aufsuchst."

„Du weißt genau, dass das nicht meine Freunde sind", zischte sie und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Wenn ich eins nicht leiden kann, dann, dass man mir einen Fluch an den Hals wirft, der mich nicht mehr klar denken lässt!"

Spike lachte, stand auf und zog sie in die Arme. „Jedenfalls bist du wieder da", meinte er und küsste ihre Nasenspitze. „Und wenn jetzt nichts mehr dazwischen kommt, dann haben wir es bald hinter uns. Big John ist tatsächlich ein fortschrittlicher Engländer. Er besitzt ein Auto und er wird uns bis nach Stonehenge fahren."

„Musst du denn heute Abend deinen Pub nicht aufmachen? Es wird doch auffallen, wenn du die Kneipe zulässt. Vor allem, wenn sich immer noch die ganzen Soldaten hier herumtreiben." Buffy lehnte sich an Spike und genoss für einen Moment das Gefühl, ohne Sorgen zu sein. Oder besser gesagt, die Sorgen anderen zu überlassen.

„Ich habe eine Aushilfe, die das heute für mich übernehmen wird", erklärte Big John und stand auf. „Aber jetzt werde ich dir erstmal etwas zu essen machen. Ich wäre ein schlechter Wirt, wenn ich meine Gäste hungern lassen würde."

„Ich habe gar keinen Hunger", winkte Buffy ab, doch ihr Magen überführte sie. Er knurrte laut und der K`Darsch lachte.

„Nein, überhaupt keinen."

 

                                                                                            *~*~*~*

 

Der Rest des Nachmittags schlich dahin und allmählich machte sich Ungeduld breit. Buffy starrte ununterbrochen aus dem Fenster, während Spike sich an die Theke gesetzt hatte und seinen Blick immer wieder über das Angebot an Alkoholika wandern ließ. Natürlich würde er sich jetzt nicht betrinken, aber die Verlockung war schon groß.

„In einer halben Stunde wird es dunkel", verkündete Big John. „Habt ihr einen gewissen Zeitplan, an den ihr euch halten müsst, oder kann es die ganze Nacht dauern, bis man versucht, euch zurück in eure Zeit zu bringen?" Er hatte seine Aufgabe als Wirt wieder aufgenommen und schwang einen Besen durch den Raum.

„Kein Zeitplan", brummte Spike. „Aber so wie ich Willow kenne, wird sie es öfter versuchen. Oder was denkst du?", wandte er sich an die Jägerin, die noch immer am Fenster stand.

„Ich denke auch, dass sie es öfter versucht", erwiderte sie. „Oh, oh", meinte sie plötzlich. „Wir bekommen Probleme!" Schwarze Wagen fuhren am Pub vorbei und wie schon am Morgen, entstiegen ihnen jeweils zwei Personen. Diesmal waren es allerdings offensichtlich Agenten des Rats und Buffy schob sich schnell außer Sichtweite. „Spike", rief sie schrill, doch da bewegte sie sich auch schon auf die Tür zu.

Teil 14

Big John blieb kaum Zeit. Der Vampir hatte beim Versuch die Jägerin aufzuhalten eine wahre Kettenreaktion ausgelöst. Der Barhocker, auf dem er gesessen hatte, war durch die Luft gesegelt, hatte mehrere Stühle umgerissen und rollte nun auf einen antiken Schirmständer zu. Doch das war nicht das Schlimmste. Die beiden so unterschiedlichen Kämpfer waren kurz davor, seinen Pub in einen Schutthaufen zu verwandeln und das musste er mit allen Mitteln verhindern.

 

Es war warm und er spürte Sonne auf seinen Oberarmen. Für einen Moment wunderte er sich, dass die Sonne ihn nicht verbrannte, aber dann war der Gedanke weg und er reckte sich.

„Hey", rief Buffy freudig und sprang in seine Arme. „Hast du das Meer gesehen?", staunte die Jägerin. „So ein klares Wasser habe ich nie zuvor gesehen."

„Ja. Nicht schlecht", murmelte er und küsste sie übermütig.


„Hoffentlich passt mein Bikini noch", murmelte Buffy glücklich, küsste seine Nasenspitze und sprang aus seinen Armen. „Das müssen wir unbedingt sofort überprüfen!"

„Wofür brauchst du einen Bikini?", fragte er frech und lächelte verschmitzt. „Wir sind ganz alleine hier…"

„Da hast du allerdings recht", lächelte sie verführerisch und begann auch sofort damit, sich auszuziehen. Sie zog ihr Shirt über den Kopf, öffnete den Knopf ihrer Hose und…

 

„Wooow! Was war jetzt das?" Spike war zurück in dem Pub in dem kleinen verschlafenen Nest in der Nähe von Stonehenge und ihm war leicht schwindelig. „Was zur Hölle war das?", keuchte er und versuchte, das vorfreudige Grinsen aus seinem Gesicht zu vertreiben.

„Entschuldige", murmelte der K`Darsch und zuckte mit den Schultern. „Es war die einzige Möglichkeit euch aufzuhalten, bevor ihr meine ganze Einrichtung zertrümmert." Er hob zwei umgekippte Stühle auf und stellte sie wieder an ihren Platz.

„Und was ist mit ihr?", fragte Spike und sah Buffy an, die wie angewurzelt mitten in der Kneipe stand. „Alles okay mit ihr?"

„Ja, alles bestens. Ich habe sie in die gleiche Illusion getaucht, wie dich." Er zuckte mit den Schultern. „Entschuldige. Mir fiel auf die Schnelle einfach nichts Besseres ein." Big John nickte und schob einen Tisch wieder an seinen angestammten Platz.

„Ist das immer so…? So ein heftiger Sturz in die Realität?", erkundigte sich Spike wie beiläufig. Die Illusion war nahezu perfekt gewesen und er hatte nicht übel Lust, einfach wieder darin einzutauchen. Er half bei den Aufräumarbeiten und verzog das Gesicht. „Entschuldige", murmelte er, da einer der Barhocker völlig zertrümmert war.

Doch Big John winkte ab. „Nicht so schlimm." Er hob die Trümmer auf und warf sie in den Kamin. „Was wolltest du wissen?"

„Ob der Unterschied zwischen Realität und Illusion immer so krass ist?"

„Nein, nein", lachte der Wirt. „Für gewöhnlich ändere ich nur Kleinigkeiten. Wie heute Morgen bei den Soldaten. Ich bin den Weg in die obere Etage tausendmal gegangen. Da war es ein Leichtes, meine Vorstellung auf sie zu übertragen. Außerdem schließe ich eine Illusion immer ab. Ich lasse sie immer in die Realität auslaufen." Er zuckte mit den Schultern. „Menschen reagieren recht aufgeregt, wenn ich sie in irgendwelche Traumwelten schicke und sie nicht verstehen, wie sie dorthin gekommen sind."

„Verstehe", nickte Spike und sah sich um. Der Pub war wieder im Urzustand. Bis auf den Barhocker, dessen lange Beine jetzt aus dem Kamin herausragten. „Es wird bald dunkel!" Er sah zu Buffy, doch sie schien bester Laune zu sein. Allerdings hatte sie sich keinen Millimeter weit bewegt und es war ein sonderbares Gefühl, sie beim Träumen zu beobachten. Vor allem, da er die Illusion kannte und er sich gut vorstellen konnte, was sie dort gerade machte. „Können wir sie einfach so mitnehmen? Wird bestimmt auffallen, wenn ich sie, so wie sie dasteht, wegtragen muss."

„Ich werde sie bis zum Wagen führen", erklärte Big John. „So lange ich bei ihr bin, wird sie nicht aufwachen. Aber du solltest sie jetzt in die Küche bringen. Thomas wird gleich kommen", und da Spike ihn mit hochgezogenen Augenbrauen anstarrte, sprach er weiter. „Thomas ist ein Mann hier aus dem Dorf. Er hilft hin und wieder aus. Vor allem zu den Feiertagen. Ich war heute Morgen bei ihm und hab ihn gebeten, einzuspringen."

„Du riskierst verdammt viel für uns", sagte Spike und schüttelte sanft den Kopf. „Das kann ich nie wieder gutmachen."

„Nicht der Rede wert", erwiderte Big John, sichtlich verlegen. „Es war mir eine Freude, euch kennenzulernen. Außerdem werden wir K`Darsch recht alt", grinste er. „Freu dich also nicht zu früh. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder!"

Spike nickte. Dann hob er Buffy hoch, trug sie in die Küche und tat dann das, was er schon längst hätte tun sollen. Er zückte seine Geldbörse, öffnete eine Schublade vom Küchenschrank und füllte sie mit Banknoten aus seinem schier unerschöpflichen Vorrat. Er wusste sicher, dass Big John jegliche Belohnung abgelehnt hätte, aber Spike bezahlte nun mal gerne seine Schulden und er hatte ihm eine Menge zu verdanken.

„Das sollte reichen", murmelte er, nachdem das Schubfach bis zum Bersten angefüllt war. Mit Müh und Not quetschte er sie zu und wandte sich dann Buffy zu, die selig lächelnd vor sich hinträumte. „Bald sind wir zuhause, Luv", flüsterte er und strich ihr sanft über die Wange. „Bald haben wir es geschafft!"

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Buffy in den Wagen zu bekommen, war nicht halb so schwer, wie unbemerkt aus der Stadt zu verschwinden. Das Grundstück, auf dem der Pub vor Urzeiten gebaut worden war, grenzte rückwärtig an einen Feldweg, den Big John als beste Alternative für ihre Fahrt gewählt hatte. Aber sie hatten sowohl die Ausdauer des Rats, als auch des Militärs unterschätzt.

An jeder noch so kleinen Wegbiegung standen schwer bewaffnete Soldaten und Agenten des Rats der Wächter patrouillierten in ihren schwarzen Wagen. Spike hatte das unergründliche Gefühl, gerade noch einmal entkommen zu sein. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis die Anzugträger Buffy doch noch aufgespürt hätten.

„Wie schaffst du es, all diese Menschen zu täuschen?", erkundigte er sich. Keine der Wachen machte Anstalten, sie anzuhalten. Aber er spürte auch, dass Buffy neben ihm langsam unruhig wurde. Es musste eine enorme Kraftanstrengung sein, sie einigermaßen sicher durch das Gelände zu manövrieren.

„Es ist schwer", gestand Big John leise und es schien, dass er kaum noch Energie für das Sprechen aufbringen konnte. „Ich schaffe es nicht, jeden einzelnen dieser Männer zu erreichen, deswegen habe ich uns in eine Illusion getaucht. Die Wagen des Rats, die Magier befördern, haben eine spezielle Markierung an der Windschutzscheibe. Die versuche ich zu kopieren. Und solange wir nicht aufgehalten werden…"

„Okay", meinte Spike, mit der Antwort durchaus zufrieden. Dann wandte er sich wieder Buffy zu. Der Gesichtsausdruck der Jägerin hatte sich kaum verändert, aber ihre Beine bewegten sich unablässig. Es sah aus, als hätte sich ihr Körper längst auf den Weg gemacht und er nahm ihre Hand.

„Ich hoffe, jetzt wird es leichter", sagte Big John wenige Augenblicke später. Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen und die Wachen waren spärlicher verteilt.

„Ich hätte fast vergessen, wie langsam und zugig diese alten Autos sind", meinte Spike gedankenverloren. Er starrte durch das Seitenfenster in die Dunkelheit und atmete erleichtert ein, als in der Ferne die ersten großen Steinblöcke auftauchten. ‚Hauptsache, Willow lässt sich nicht zu viel Zeit!’ Wenn sie erstmal am Ziel angekommen waren, waren sie auf sich selbst gestellt. Spike würde nicht zulassen, dass sich Big John länger als nötig in Gefahr brachte und er würde ihn zurückschicken, sobald sie ausgestiegen waren.

Das Schlimme daran war nur, dass Buffy aus ihrer Trance erwachen würde, sobald der K`Darsch sich zu weit entfernen würde. Die Traumbilder würden wie Seifenblasen platzen. Genau aus dem Grund waren auch die Mitglieder des Rats so schnell zurück gewesen. Big John hatte ihnen Zeit verschafft. Mehr hatte nicht in seiner Macht gestanden.

„Wir sind gleich da", riss der Dämon ihn aus seinen Gedanken und man konnte die Erleichterung in seiner Stimme hören. Er fuhr links in einen Feldweg und der Wagen ächzte, als er über den ausgefahrenen schmalen Pfad holperte.

„Halt an. Wir steigen hier aus", meinte Spike, als sie kaum noch hundert Meter von dem urzeitlichen Bauwerk entfernt waren. Er wartete, bis Big John den Wagen zum Stehen gebracht hatte und zwängte sich hinaus ins Freie. „Du solltest auf dem schnellsten Weg verschwinden", sagte er zog Buffy von der Rückbank und wuchtete sie über seine Schulter.

„Das kann ich nicht", erwiderte Big John und machte Anstalten, ebenfalls auszusteigen. „Sie wird sofort aufwachen und…"

„Verdammter Kerl", schnauzte Spike ihn an. „Guck mal den Weg runter, den wir gekommen sind. Sie haben uns gefunden! Ich habe dir gesagt, mit wem wir es zu tun haben! Der Rat der Wächter beschäftigt mächtige Magier. Vielleicht wissen sie noch nicht von dir und in deinem Interesse sollte das auch so bleiben! Verschwinde endlich!"

„Also gut. Ich werde fahren", nickte Big John widerwillig. „Aber ich versuche, in der Nähe zu bleiben." Er streckte dem Vampir eine Hand entgegen. „Mach es gut, mein Freund. Und bring sie gut nach Hause!"

„Das werde ich", versprach Spike und drückte die angebotene Hand. Ein letztes Mal nickte er dem K`Darsch zu, dann drehte er sich um und rannte mit Buffy aus seinem Rücken auf den riesigen Steinring zu.

„Okay, Willow, rief er leise. „Wenn du es wirklich drauf hast, dann wäre jetzt die perfekte Zeit, um uns zurückzuholen!"

So schnell er konnte, eilte er über einen holprigen Pfad und schob sich in dem Moment durch eine Art Eingang, als die Wagenkolonne des Rats zum Stehen kam.

„Verdammt", schnaufte er. Die Jägerin erwachte langsam. Sie murmelte leise vor sich hin und sie begann zu laufen. Aber das bedeutete, dass sie ihm ständig in die Rippen trat, da sie nicht bemerkt, dass sie keinen festen Boden unter den Füßen hatte.

Stimmen hallten durch die Luft. Die Agenten verteilten sich, um das Gelände zu durchsuchen und Spike lehnte sich erschöpft an einen der gigantischen Steinblöcke. „Scheiße", murmelte er und versuchte Buffys Beine einzufangen, die jetzt wild nach ihm traten.

Die Stimme wurden lauter und er hörte erste Beschwörungsformeln. Es würde sich nur noch um Sekunden handeln, dann waren die Männer des Rats da und er würde es kaum ohne Buffy schaffen, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. „Das war es dann wohl", brummte er. Dann gab der Stein hinter ihm nach und er fiel in die tiefe Schwärze.

 

                                                                                     *~*~*~*

 

„Das war knapp", sagte Willow und beugte sich über ihre beste Freundin. Buffy lag auf dem Boden des Wohnzimmers und starrte an die Decke.

„Das kannst du laut sagen!", schimpfte Spike. Sein Kopf brummte und es dauerte einen Moment, bis seine Umgebung deutlich wurde. Das Empfangskommando war recht klein. Außer der Hexe und dem Wächter war nur Dawn anwesend, und die kleine Summers schien nicht sicher zu sein, wen sie zuerst umarmen sollte. Sie entschied sich schließlich für Buffy, doch da die Jägerin kaum reagierte, sprang sie Spike in die Arme.

„Was ist passiert?", fragte Giles, der seinen Blick kaum von Buffy wenden konnte.

„Ihre Kumpels aus der Vergangenheit haben irgendeinen Hokuspokus aufgeführt, um sie zu finden", meckerte der Vampir. „Und die waren verdammt hartnäckig." Er wandte sich Willow zu. „Haben Zauber aus der Vergangenheit irgendwelche Auswirkungen auf das Jetzt?"

„Nein." Es war Giles, der antwortete. „Sie haben nach Kräften der Jägerin gesucht, aber da Buffy die Zeit verlassen hat, ist der Zauber gebrochen."

„Das denke ich auch", nickte die Hexe und lächelte, als Buffy sich endlich aufrichtete. „Da bist du ja wieder."

„Hi", murmelte die Jägerin und fasste sich an den Kopf. In ihrem Schädel arbeiteten viele kleine Männchen mit Presslufthämmern und ihr war schwindelig. Trotz allem sah sie auf und lächelte, als sie Spike erkannte. „Du hast es also geschafft. Du hast uns tatsächlich nach Hause gebracht."

„Big John hat uns nach Hause gebracht", sagte er leise. „Ohne ihn hätte ich das niemals geschafft."

Es wurde eine lange Nacht, da Willow und Giles jede Kleinigkeit wissen wollten. Dawn hatte Spike auf Buffys Wunsch hin mit frischem Blut versorgt und war dann irgendwann auf dem Sofa eingeschlafen.

„Also gut", gähnte der Wächter in den frühen Morgenstunden. „Alles andere können wir besprechen, wenn wir alle ausgeschlafen sind." Er umarmte Buffy. „Ich bin so froh, dass du gesund wieder zurück bist."

„Und ich erst", lächelte Buffy. Dann nahm sie Spikes Hand und zog ihn die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Sechs Wochen waren vergangen, seitdem ihre Zeitreise doch noch ein gutes Ende genommen hatte. Sechs Wochen, in denen Buffy und er sich unglaublich nahe gekommen waren und wenn er zurückdachte, dann wirkte alles wie ein verrückter Traum.

Ganz langsam gewöhnte er sich sogar an das Leben im neuen Summers-Haus, auch wenn es im Gegensatz zu allem, was er bisher erlebt hatte, verdammt ruhig war. Buffy ging wieder jeden Tag ins College und da Kennedy gar nicht genug von der Dämonenjagd bekommen konnten, hatten sie eine Menge Freizeit.

Spike grinste vor sich hin. Willow und Giles hatten eine Kleinigkeit vergessen. Er besaß noch immer die verzauberte Geldbörse und das brachte eine Menge Vorteile mit sich. Aber selbst wenn jetzt jemand die Sprache darauf bringen sollte… er hatte seine Schäfchen längst im Trockenen. Nicht einmal Buffy verlor ein Wort darüber und sie hatte oft genug gesehen, dass er das Portemonnaie noch immer besaß. Wahrscheinlich war es eine stille Übereinkunft und er wäre der Letzte, der sich deswegen beschweren würde.

„Warum lachst du?", erkundigte sie Buffy und sah ihn an. Sie lagen dicht aneinandergekuschelt auf dem Sofa und sahen einen uralten Vampirfilm.

„Nichts Besonderes", erwiderte er und küsste sie auf die Stirn. „Ich war nur in Gedanken."

Buffy kam nicht dazu weiter nachzuhaken. Es klopfte an der Tür und nur widerwillig erhob sie sich und öffnete sie. Einen Moment starrte sie fassungslos auf ihren Gast, dann lachte sie laut. „Big John! Ach du meine Güte! Lange nicht gesehen!"

Sofort sprang Spike auf und grinste, als der K`Darsch von ihr hereingebeten wurde. Er hatte sich kaum verändert. Es waren höchstens fünf Menschenjahre, die er gealtert war und er schüttelte den Kopf. „Hey", meinte er und klopfte ihm auf die Schulter. „Sechs Wochen ist es her…"

„Nur für euch", sagte Big John und nahm, wie es ihm angeboten wurde, auf dem Sofa platz. „Für mich waren es beinahe hundert Jahre und manchmal habe ich mich gefragt, ob alles nur ein Traum war."

„Kein Traum", versicherte Buffy. Sie freute sich, ihren fürsorglichen Helfer wiederzusehen und setzte sich ihm gegenüber. „Und wie ist es dir ergangen? Hat der Rat der Wächter dich aufgespürt?"

„Nein." Er lächelte. „Allerdings haben einige seiner Mitglieder an dem Abend ihren Frust mit einer Menge Alkohol weggespült. Der Pub war bis auf den letzten Platz voll."

„Dann hast du jedenfalls ein gutes Geschäft gemacht", meinte Spike und stellte den Fernseher aus.

„Das kann man so sagen", erwiderte Big John mit einem Zwinkern. „Vor allem, da jemand meine Küche als Bargeldlager verwendet hat." Er sah Spike unverwandt an. „Du hast mir das Geld dagelassen, richtig?"

„Allerdings", lachte Spike. „Und ich konnte die verdammte Schublade kaum noch zubekommen. Ich hoffe, du konntest etwas damit anfangen."

Eine kleine Pause entstand, die Buffy schließlich unterbrach. „Du steckst doch nicht in Schwierigkeiten?"

„Keine Schwierigkeiten", versicherte Big John. „Eigentlich bin ich hier, um euch mitzuteilen, dass ich ein Restaurant eröffne. Hier in der Stadt." Er lachte leise. „Einmal Wirt, immer Wirt."

„Kannst du immer noch so gut kochen wie früher?", fragte Buffy und griff nach Spikes Hand.

„Ich denke, noch viel besser", erwiderte der K`Darsch.

„Dann hast du deine ersten Stammgäste", meinte Buffy lächelnd. „Willkommen Zuhause!"