Original
Titel: Licht und Schatten
Autor: Silentthunder
Inhalt: Eine kleine Geschichte über das Leben.
Altersfreigabe: keine!
Teile: 1
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Catherine

 

                                                                 Licht und Schatten

 

Die Sonne warf letzte, warmgoldene Strahlen durch das Fenster und warf bizarre Schatten auf das Gemälde, das an der gegenüberliegenden Wand hing.

Catherine starrte das Bild an, das den weitläufigen Park des herrschaftlichen Hauses zeigte. Seit mehreren Stunden hatte sie ihren Platz auf dem Bett nicht verlassen und nur ihre wenigen, sparsamen Bewegungen verrieten, dass sie nicht schlief.

Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein…

Wenn sie jetzt aufstand und zum Fenster ging, dann hatte sie das Original vor Augen. Die vielen verschiedenen Baumarten, den Seerosenteich und auch die kleine Putte, die halb versteckt unter der kleinen Trauerweide stand. Natürlich waren die Pflanzen gewachsen, aber es war noch immer der gleiche Park. Schon oft hatte sie die Aussicht mit dem Gemälde verglichen, aber das war zu anderen Zeiten gewesen. Zu halbwegs glücklichen Zeiten.

Im Sommer war sie das letzte Mal hier gewesen. In den Ferien. Jetzt war es Herbst und die Bäume hatten ihr Laub fast vollkommen abgeworfen. Sie mochte dieses alte Haus und sie hatte ihre Großmutter geliebt, die hier ihr kleines Regiment angeführt hatte. Auch wenn sich heute bedeutend weniger Personal um das Anwesen kümmerten als in früheren Zeiten, so war es doch ihre Großmutter gewesen, die alle Fäden eisern in der Hand gehalten hatte.

Jetzt war die alte Lady, wie Catherines Mutter sie immer nannte, verstorben und hatte das Haus hohl und leer zurückgelassen. Am Nachmittag war die Beerdigung gewesen und seitdem saß sie hier.

Eckstein, Eckstein’, schoss es Catherine wieder durch den Kopf. Warum sie wieder und wieder an diesen alten Abzählreim denken musste, konnte sie selbst nicht sagen. Aber genau das war es, was sie sich im Moment sehnlichst wünschte. Sich verstecken und nie wieder auftauchen.

„Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein…"

Catherine war gerade mal achtzehn Jahre und ihr Leben glich einer Achterbahnfahrt. Viele Jahre ging das nun schon so und ihre Großmutter war der einzige Halt gewesen. Eine Konstante, die sich durch ihr ganzes bisheriges Leben gezogen hatte. Nun war sie gegangen und Catherine war alleine.

Sicher, sie hatte Eltern, aber keiner der beiden schien sich sonderlich für sie zu interessieren. Nicht einmal, als sie vor zwei Jahren ins Krankenhaus musste.

„Deine Eltern haben zu viele eigene Probleme, um sich um dich zu kümmern", hatte ihre Großmutter an ihrem Krankenbett gesagt.

Aber was für Probleme konnten so wichtig sein, die eigene Tochter in solch einer schwierigen Situation zurückzulassen?

Dr. Sheppard hatte bei einer Routineuntersuchung einen Tumor festgestellt und sie sofort ins Krankenhaus überwiesen. Ihre Großmutter war damals postwendend an ihre Seite geeilt, trotz der gesundheitlichen Schwierigkeiten, die sie selbst belasteten.

Ihr Vater war, wie fast immer, auf einer Geschäftsreise gewesen und hatte versprochen, ihr etwas Hübsches mitzubringen.

„Etwas Hübsches", schnaubte Catherine wütend, als sie an seinen lieblosen Anruf zurückdachte. Aber selbst das war harmlos gewesen, gegen das, was ihre Mutter sich geleistet hatte.

„Ich habe gleich eine Verabredung und morgen fliege ich nach Venedig. Die Reise ist schon so lange geplant, ich mag sie nicht absagen. Außerdem wird sich die alte Lady schon um dich kümmern", hatte sie gesagt und Catherine in dem kalten grauen Krankenzimmer zurückgelassen.

Aber das alles lag nun hinter ihr. Sie hatte die Operation und die darauf folgenden Behandlungen überstanden und nun war sie das, was man kerngesund nannte.

Und all das hatte sie nur ihrer Großmutter zu verdanken. Sie war nicht einen Moment von ihrem Bett gewichen und hatte alle möglichen Spezialisten zu Rate gezogen, die es für Geld zu kaufen gab.

Und jetzt sollte das alles vorbei sein?

Dieses alte Haus und dessen Bewohnerin, waren das einzig Positive in ihrem missratenen Leben gewesen. Ihr Halt, ihr Anker und ihre Zuflucht. All das hatte dieses Haus für sie bedeutet und nun hatte sich dies in ein Nichts verwandelt.

Ihr Vater und ihre Mutter hatten, auch wenn sie sonst kaum ein Wort miteinander wechselten, sofort beschlossen, das Anwesen zu verkaufen.

„Dann kannst du dich endlich von mir scheiden lassen", hatte ihr Vater seiner Frau entgegen gespuckt. „Darauf wartest du doch schon lange! Du konntest es doch kaum abwarten, bis meine Mutter endlich ins Gras beißt!"

„Ich hätte nicht so lange warten müssen, wenn du nicht fast unser gesamtes Vermögen in den Sand gesetzt hättest!"

Viele böse Worte waren gefallen und Catherine hatte irgendwann traurig und kopfschüttelnd den Raum verlassen. Ihre Eltern benahmen sich wie kleine Kinder und dabei war sie doch das Kind. Auch, wenn sie nun fast erwachsen war. Sie war doch diejenige, die jetzt Trost brauchte. Trost und Hoffnung, dass ihr Leben mehr war als blanke Wut und Enttäuschung.

Das alles war jetzt unwichtig. So unbedeutend wie der Schnee vom letzten Jahr. Morgen war die Testamentseröffnung und ihre Eltern würden dafür sorgen, dass vom Vermächtnis ihrer Großmutter nichts übrig blieb als Staub.

„Aber meine Erinnerungen nimmt mir niemand", murmelte sie leise und wischte sich energisch die Tränen aus den Augen. „Niemand!"

 

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Pünktlich um fünfzehn Uhr am nächsten Nachmittag saß Catherine im Salon und wartete gespannt auf Mr. Worthington. Der Anwalt hatte ihr mitteilen lassen, dass auch ihre Anwesenheit erwünscht war und so hatte sie sich dem letzten Wunsch ihrer Großmutter unterworfen.

Ihr Vater saß in einem hohen Lehnstuhl und hatte, wie sie vermutete, nicht den ersten Whiskey in der Hand. Ihre Mutter hatte es nicht einmal für nötig empfunden, sich anzuziehen. Sie trug noch immer ihren ausgefransten Morgenmantel und ihre Haare waren ungekämmt.

„Ah, Worthington", sagte ihr Vater gedehnt, als der Anwalt den Raum betrat. „Ich weiß gar nicht, was diese ganzen Formalitäten zu bedeuten haben. Immerhin bin ich der einzige Sohn und dementsprechend sollte es klar sein, wer hier was erbt."

„Ganz so einfach ist es nicht", erwiderte der Jurist und man konnte ihm seine Ablehnung deutlich ansehen. Er war seit langer Zeit mit allen Angelegenheiten des Hauses betraut und war auch ein langjähriger Freund der ehemaligen Hausherrin gewesen. „Ehrlich gesagt, es wird ein wenig anders verlaufen, als Sie Sich vorstellen können."

Catherine hatte eigentlich gar nicht hier sein wollen, aber jetzt lauschte sie gespannt den Ausführungen des Anwalts. Ihre Augen wurden immer größer und sie bemerkte die ansteigende Lautstärke des Gespräches nur am Rande.

Zehn Minuten später sprang ihr Vater wütend auf und brüllte sich seine Wut aus dem Leib. „Das kann ja nur ein schlechter Scherz sein! Was hat die schrullige Alte denn da geritten?"

Ihre Mutter war auf ihrem Sessel zusammengesunken und starrte blicklos ins Leere, als der Anwalt den letzten Willen ihrer Großmutter wiederholt erklärte.

„Es ist ganz einfach. Catherine ist die Erbin des Hauses und des gesamten Vermögens Ihrer Mutter", erklärte Mr. Worthington und Catherine sah die kalte Wut in seinen Augen. „Sie erhalten eine Abfindung und haben keinerlei Chancen auf das Anwesen. Ihre Tochter wird an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag alleinige Besitzerin von Willow Court sein und bis dahin übernehme ich die Vormundschaft."

Ihr Vater tobte und schrie, aber es nutzte nichts. Der Anwalt lehnte sich zurück und betrachtete ihn mit nichts weiter als Verachtung. Er wartete auf einen ruhigen Moment, dann begann er erneut zu sprechen. „Das, was ich jetzt sage, stammt direkt aus meinem Herzen. Sie sind ein Versager und das hat Ihre Mutter erkannt. Genau aus dem Grund hat sie Ihnen nichts vermacht. Außerdem ist das Testament unanfechtbar. Dafür habe ich gesorgt. Ihre Tochter ist von nun an die Herrin hier im Haus und in drei Jahren geht der Besitz komplett in ihre Hände über. Catherine hat den Verstand, den Mut und auch das Herz ihrer Mutter geerbt. Ich weiß sicher, sie wird hier glücklich werden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen…" Ohne auch nur einen Blick auf ihren Vater oder ihre Mutter zu werfen, verließ er den Raum.

Catherine konnte es noch immer nicht fassen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich erhob. Ihr Vater baute sich vor ihr auf, doch es interessierte sie nicht weiter. Ihre Großmutter hatte ihr alles hinterlassen. Es kam ihr nicht auf das Geld an, auch nicht auf den Wert des Hauses, aber sie hatte jetzt ein Zuhause, indem sie sich wirklich wohl fühlen konnte. Außerdem hatte ihre Großmutter ihr zugetraut, sich um das Anwesen und dessen Angelegenheiten zu kümmern. Sie würde sie nicht enttäuschen!

„Dad", sagte sie mit einer festen Stimme, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte, „Du kannst sagen, was du willst. Ich werde dieses Haus niemals verkaufen. Und, da es nun mir gehört, möchte ich euch beide bitten, es auf dem schnellstmöglichen Weg zu verlassen. Auf Wiedersehen!"

Hocherhobenen Hauptes rauschte sie aus dem Zimmer und ignorierte die wütenden Stimmen ihrer Eltern, die ihren Namen riefen und wüste Drohungen aussprachen. Das alles war nicht wichtig. Ihre Eltern hatten sie nie geliebt, sich nie um sie gekümmert. Warum also sollte Catherine das jetzt? Nein! Sie hatte von ihrer Großmutter die Chance auf ein glückliches Leben geschenkt bekommen und von nun an würde sie versuchen, es auch zu leben.

Catherine lief hinaus in den Park und atmete tief ein. Langsam drehte sie sich um sich selbst und bewunderte ihr neues Heim. Natürlich kannte sie jede Ecke und jeden Winkel, aber ihr Blick hatte sich verändert. Sie würde dafür sorgen, dass sich hier nichts veränderte und vielleicht, ja vielleicht hatte sie das große Glück, hier selbst einmal mit einer kleinen Familie zu leben.

Ihr Blick wanderte hinauf in den Himmel. „Danke, Nana", murmelte sie leise. „Ich werde dich nie vergessen!"

 

Ende