Original
Titel: Kleine Wunder
Autor: Silentthunder
Inhalt: Ein Weihnachtsmärchen
Altersfreigabe: keine
Teile: 1
Beta: Dana
Storypic: Indiansummer
Hauptcharakter(e): /
Kleine Wunder
Der Schnee hatte die Welt über Nacht zugedeckt, mit einer dicken, flauschigen Pracht überzogen. Die kleinen Hütten und winzigen Häuschen des winzigen Dorfes guckten nur noch mit den Dächern aus der weißen Decke heraus und die winzigen Schornsteine rauchten eifrig.
Nur aus dem Schornstein einer kleinen, schäbigen Hütte am Rande des Ortes, wehte keine Fahne in den Nachthimmel hinauf. Der Kamin war erloschen. Kalt. Seit vielen Stunden nicht benutzt.
In dieser alten Hütte lagen zwei Kinder in einem armseligen Bett aus Stroh. Dicht aneinander gekuschelt, jede Wärme ausnutzend, die ihnen geblieben war. Weiße kleine Wölkchen, die regelmäßig aufstiegen, waren das einzige Anzeichen dafür, dass es Beiden gut ging. Noch.
Der Winter war hart, früh gekommen in diesem Jahr. Und beide Kinder hatten soviel Holz gesammelt, wie ihre kleinen Ärmchen zu tragen vermochten.
Und doch wussten Johanna und Martin, dass sie mit diesem Vorrat nicht lange überleben konnten. Sie sparten mit dem Brennmaterial, zogen mehrere Schichten der Kleidung übereinander an, die ihre kleine Truhe hergab und hofften darauf, dass ihr Vater würde bald nach Hause kommen würde. Endlich heimkehren würde.
Er war fort gegangen. Schweren Herzens hatte er sie alleine gelassen. Hatte seine geliebten Kinder zurücklassen müssen, um in der Stadt nach einer Arbeit zu suchen, die ihnen ein besseres Leben sichern würde.
„Ich komme wieder. Ganz bestimmt", hatte er mit Tränen in den Augen erklärt und seine beiden Lieblinge fest an sich gedrückt. „Ich wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit…"
Er war gegangen, hatte sich noch oft umgedreht, den Beiden zu gewunken und Johanna und Martin hatten ihm nachgestarrt, solange, bis es dunkel wurde und sie gehen mussten. Zurück in ihre ärmliche Hütte, mit nichts zu Essen außer ein paar schrumpeliger Äpfel und einem trockenem Stück Brot.
Den Herbst hatten sie gut überstanden. Martin und Johanna hatten viele Pilze sammeln können und sogar einen Baum mit Walnüssen im Wald entdeckt.
Bei ihren Nachbarn hatten sie ausgeholfen, wann immer diese ihre Hilfe brauchen konnten. Jede Arbeit, die ihnen übertragen worden war, hatten sie gewissenhaft erledigt und waren oft großzügig dafür entlohnt worden. Die alte Frau, die nah am Brunnen wohnte, war immer besonders großzügig gewesen. Einmal hatten Beide als Belohnung für die gute Arbeit, die sie geleistet hatten, sogar eine kleine Lutschstange von ihr geschenkt bekommen.
Martin hatte seine große Schwester angestrahlt. „Schau mal Johanna, so etwas Schönes hatten wir noch nie."
Johanna hatte zurückgelächelt und ihm zugestimmt. „Aber du musst sie dir einteilen. Nicht alles auf einmal, sonst ärgerst du dich hinterher bestimmt."
Martin hatte eifrig genickt und gemeint. „Wie sollten sie in viele kleine Stücke schneiden. Dann können wir ab und zu mal ein kleines bisschen davon naschen."
Aber diese Lutschstange war längst aufgebraucht. Genauso wie fast alle anderen kläglichen Vorräte im Haus. Und durch den vielen Schnee in diesem Jahr, hatten sie nicht einmal die Möglichkeit den Wald nach etwas Essbarem zu durchsuchen.
„Mir ist so kalt", flüsterte Martin leise und schüttelte sich.
„Ich weiß ja. Mir auch", antwortete Johanna beruhigend und versuchte, sich noch näher an den Rücken ihres kleinen Bruders zu kuscheln.
„Erzählst du mir noch mal von den Engeln. Die Geschichte, wo sie alle zusammen Plätzchen backen?"
„Schon wieder?", fragte Johanna müde. „Die hab ich dir doch schon so oft erzählt."
„Ich weiß ja. Aber die mag ich am liebsten und ich kann dann immer so schön einschlafen."
„Also gut, erwiderte sie und begann leise zu erzählen. Von den vielen kleinen Engelchen im Himmel, die immer zu Weihnachten riesige Mengen Plätzchen backten. Dabei Unmengen von Mehl und Zucker verbrauchten und die fertigen Plätzchen an Heiligabend an alle Not leidenden Kinder verteilten.
Aber Johanna brauchte nicht lange erzählen. Schnell war Martin wieder fest eingeschlafen und gab dabei leise, schnaufende Geräusche von sich.
„Ach, wäre das schön", seufzte sie leise, als sie an die Geschichte dachte und sie wünschte sich, das Märchen würde wahr werden.
Johanna war jetzt elf Jahre alt und sie wusste schon, dass sie und ihr Bruder ein kleines Wunder brauchen würden, um diesen Winter zu überstehen. Es war noch nicht einmal Weihnachten und ihre Vorräte gingen zu Ende. Das Brennholz, so sehr sie auch daran sparten, wurde immer weniger und sie konnten nur eine halbe Stunde am Tag den Ofen einheizen.
Sie blickte aus dem kleinen, zugefrorenen Fenster und konnte nur mit Anstrengung den Sternenhimmel erkennen. ‚War das eine Sternschnuppe gewesen?’, fragte sie sich plötzlich. ‚Egal! Ich werde mir auf jeden Fall etwas wünschen’.
Und genau das tat Johanna. Sie kniff die Augen fest zusammen und konzentrierte sich auf ihren Wunsch. Fest, ganz fest dachte sie an das, was sie sich am meisten wünschte. Ihr Vater sollte nach Hause kommen.
Tage vergingen und noch immer war es zu kalt, als das der viele Schnee hätte schmelzen können. Johanna hörte Martin husten. Wieder einmal.
Der kleine Junge lag auf dem armseligen Strohbett und zitterte am ganzen Körper. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und mit Angst in den Augen wischte Johanna vorsichtig über die glühend heiße Hautpartie.
Es waren doch nur noch wenige Tage bis Weihnachten und das kleine elfjährige Mädchen litt Höllenqualen. Das letzte bisschen Nahrung, das sich noch in der Hütte befunden hatte, hatte sie ihrem kranken Bruder gegeben. Er hatte es doch soviel nötiger als sie. Er war seit Tagen krank und konnte kaum noch aufrecht stehen.
Johanna wusste, dass sie das Wunder, für das sie so lange gebetet hatte, jetzt dringend brauchten. Viele Tage würden Ihnen nicht mehr bleiben und sie weinte bittere Tränen. So gerne hätte sie noch einmal Heiligabend erlebt. So gerne wäre sie noch einmal in die kleine, alte Kirche des Dorfes gegangen, um die Christmette zu feiern. Nur noch einmal wollte sie das kleine Christuskind in seiner Krippe sehen.
Wieder fühlte Johanna die heiße Stirn ihres Bruders, kühlte sie mit Schnee und schmiegte sich dann eng an ihn, um ihn zu wärmen. Sie dachte an ihre Mutter, die schon seit Jahren nur noch aus dem Himmel über sie wachen konnte und war sich ganz sicher. Bald würden sie und Martin bei ihr sein. Behütet und beschützt.
Johanna erwachte nur langsam, ihre Augenlider waren schwer und sie hatte Mühe sie überhaupt zu öffnen. Verwirrt starrte sie in das helle Licht der vielen Kerzen. Überall leuchtete es golden und es war warm, herrlich warm. Die Luft duftete nach wunderbaren Gewürzen, vielen verschieden, aber Johanna roch vor allen Dingen den Zimt.
Sie mochte Zimt. Früher, als alles noch gewesen war, hatte ihre Mutter an Feiertagen immer herrlichen Milchreis gekocht. Und mit ganz viel Glück, wenn ihr kleiner Garten genug abgeworfen hatte, um etwas daraus zu verkaufen, hatte ihre Mutter extra Zimt für die Milchspeise gekauft.
‚Aber das ist alles nicht mehr wichtig’, dachte Johanna erleichtert und blickte weiter auf die vielen flackernden Kerzen. Jetzt war sie im Himmel. Von nun an würde sie nie wieder Hunger leiden, nie wieder frieren müssen.
Das lachende Gesicht ihres Vaters tauchte vor ihr auf. Im ersten Moment war sie völlig erschrocken, doch dann strahlte sie. Auch ihr Vater hatte den Weg in den Himmel gefunden. Jetzt musste sie nur noch warten. Warten darauf, Martins lautes Lachen und die liebliche Stimme ihrer Mutter zu hören.
„Johanna, mein Engel. Schau mich an. Alles ist gut. Ich bin wieder da."
Die warme, sanfte Stimme drang in ihr Ohr und wieder blickte sie ihrem Vater ins Gesicht. „Wo sind Mama und Martin?", fragte sie ihn mit krächzender Stimme. „Und wann bist du in den Himmel gekommen?"
„Johanna, du bist nicht im Himmel. Ich habe es geschafft. Rechtzeitig geschafft. Ich bin zu Hause. Alles wird gut."
„Zu Hause?", fragte sie verwundert und richtete sich mühsam auf.
Verunsichert und verwirrt blickte sie sich um. Es war ihr zu Hause. Ihre schäbige alte Hütte, beleuchtet von vielen weißen Kerzen, die auf jedem freien Platz im Raum standen. Ein kleiner, mit rot angemalten Tannenzapfen und Äpfeln geschmückter Tannenbaum stand in einer der freien Ecken und Martin saß davor und spielte mit einem Holzpferd.
„Dir hat das Christkind auch etwas gebracht", sagte ihr Vater leise, der ihrem Blick gefolgt war, und überreichte ihr ein kleines Päckchen.
„Das Christkind?", flüsterte Johanna überwältigt. „Hat mir etwas mitgebracht? Mir?"
„Ja, mein Engel. Das ist nur für dich."
Noch immer ungläubig blickte sie ihren Vater an, sah die Tränen über sein Gesicht laufen und lächelte dann.
„Es hat an mich gedacht. Es hat meinen Wunsch gehört."
„Ja. Es hat an dich gedacht. An dich tapferes kleines Mädchen und an Martin."
Sie nahm ihm das Paket mit zittrigen Fingern ab. „Wirst du wieder gehen?", fragte sie mit unsicherem Stimmchen.
„Ja. Aber dieses Mal nehme ich euch mit. Ich habe eine Anstellung in der Stadt gefunden. Wir werden nie wieder Not leiden müssen, mein Schatz. Nie wieder."
Johanna strahlte und lächelte Martin lieb an, der noch immer vor dem kleinen Tannenbaum saß und ihr glücklich zuwinkte. Vorsichtig wickelte sie das Paket aus und erblickte die wunderschönste kleine Puppe, die sie je gesehen hatte.
Lange blickte sie aus dem, noch immer ein wenig vereisten, Fenster in den Nachthimmel und bedankte sich bei den vielen lieben Engeln dafür, dass ihr kleines Wunder wahr geworden war.
Ende