Titel: Keep it Dark
Autor: Silentthunder
Inhalt: Eine Alternative Universum Story. Buffy erbt überraschenderweise ein Haus. Doch wird sie dort auch glücklich werden?
Altersfreigabe: ab 12
Teile: 12
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Buffy/Spike

 

Keep it Dark

 

Die kleine Türglocke klingelte träge, kündigte einen potentiellen Gast an. Hester-Sue Warlington riss eilig ihre Schürze herunter und trippelte so schnell sie konnte durch die Küche ihres kleinen Diners. Durch ein kleines Seitenfenster hatte sie den neuesten Einwohner der Stadt gesehen und sie hoffte inständig, die junge Frau hätte sich dazu entschieden, sie einmal aufzusuchen. Denn immerhin hatte sie bisher keine Gelegenheit gehabt, auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln und dabei war es doch so wichtig, alles über die junge Frau zu erfahren, die jetzt in Esthers Haus oben auf den Klippen wohnte.

Wissen ist Macht war einer ihrer Lieblingssprüche und er hatte sich zu oft bewahrheitet, als dass sie davon abließ. Es war immer gut, möglichst viel über seine Mitmenschen zu wissen. Das machte einem das eigene Leben leichter und man lernte schnell, wem man vertrauen konnte und wem nicht. Und sie hatte noch nie daneben gelegen, noch nie einen Menschen falsch eingeschätzt.

Erst heute Morgen hatten sie und ihre Freundin Muriel beim Friseur über die junge Frau gesprochen, die in das schöne alte Haus eingezogen war. Der Salon war an diesem Morgen fast aus allen Nähten geplatzt und sie hatten sich in eine möglichst ruhige Ecke gesetzt, um ausführlich über alles bisher Bekannte zu sprechen.

„Hast du gewusst, dass die Kleine die letzte noch lebende Verwandte von Esther ist?", hatte Muriel gefragt und sich verschwörerisch vorgelehnt. „Sie soll sogar schon einmal hier gewesen sein." Mit einem lang ausgestreckten Arm hatte nach sie eine der ausliegenden Zeitschriften gegriffen und leise geseufzt. „Hoffentlich dauert es heute nicht zu lange", hatte sie vertrauensvoll geflüstert und ihrer Lieblingsfriseurin zugewinkt. „Aber Ellen wird es schon richten. Sie weiß, dass ich es heute eilig habe. Der Mütterverein hat heute den Flohmarkt im Gemeindezentrum auf der Tagesordnung. Das darf ich keinesfalls verpassen."

Doch Hester-Sue war es ziemlich egal, zu welchem Hausfrauen- Treffen Muriel heute wieder musste. Sie wollte mehr über die junge Frau mit dem komischen Namen erfahren, den sie wieder und wieder vergaß und darum brachte sie das Gespräch schnell wieder darauf zurück. „Kennt jemand ihre Familie? Esther hat doch fast ihr ganzes Leben hier verbracht, aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie einmal über ihre Nichte gesprochen hat."

„Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass einmal das Thema darauf kam", hatte Muriel genickt und die Enttäuschung hatte in ihrem Gesicht gestanden. Für gewöhnlich war sie die Erste, die Neuigkeiten hörte und verbreitete. Es gefiel ihr gar nicht, dass sie nichts über sie herausfinden konnte. „Summers heißt sie wohl mit Hausnamen, den Vornamen kann ich mir einfach nicht merken. Irgendwas wie Miffy oder Tiffy oder so. Jedenfalls soll sie früher einmal mit ihren Eltern hier Urlaub gemacht haben. Aber das muss schon sehr lange her sein, sonst könnten wir uns doch daran erinnern."

Ein weiteres Nachhaken hatte Hester-Sue nicht weitergebracht und als Muriel schließlich aufgerufen worden war, hatte sie aufgegeben. Niemand im Salon schien viel über die junge Frau zu wissen und so hatte sie sich seufzend auf den Weg nach Hause gemacht. Aber kapitulieren würde sie nicht. So schnell gab sie sich nicht geschlagen und bestimmt würde sich irgendwann einmal die Möglichkeit bieten, ausführlich mit der jungen Frau zu sprechen.

 

                                                                                           *~*~*~*

 

„Guten Tag", trällerte sie nun, als sie befriedigt feststellte, dass ihr neuer Gast tatsächlich die junge Frau war, auf die sie schon so neugierig war. Nun bot sich die Chance, mit ihr zu sprechen bedeutend schneller als gedacht und sie würde diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. „Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen?"

Ein wenig verschreckt sah Buffy Summers auf. Sie hatte sich noch nicht einmal hingesetzt, während die ältliche Dame schon mit einer dampfenden Kaffeetasse auf sie zueilte. „Danke. Sehr liebenswürdig", lächelte sie tapfer und wählte einen Tisch am Fenster.

„Aber nicht doch", erwiderte Hester-Sue mit einer wegwerfenden Geste. „Vielleicht noch ein Stück Apfelkuchen dazu? Ich habe ihn heute Morgen frisch gebacken."

Für gewöhnlich mochte Hester-Sue die frühen Nachmittagsstunden nicht besonders. Im Diner herrschte dann immer Flaute und sie langweilte sich schnell, wenn sie niemanden hatte, mit dem sie sich unterhalten konnte. Jetzt kam ihr diese Ruhe sehr gelegen. Nur ein junger Mann mit verdrießlichem Gesichtsausdruck saß an der Theke. Aber er tat nichts weiter, als hin und wieder einen Kaffee zu bestellen und die Stellenanzeigen der hiesigen Zeitungen zu durchforsten.

Hester-Sue hatte bereits alles Wissenswerte aus ihm herausgequetscht und sie hatte ihn für unwürdig befunden. Er war mehr oder weniger nur auf der Durchreise, wohnte im Motel am Rockwood-Boulevard und suchte nun einen Job, der ihm das Weiterreisen ermöglichen sollte.

Tse’, dachte sie. ‚Auf der Durchreise…’ Meistens waren das Männer, die kein Zuhause hatten oder vor irgendetwas auf der Flucht waren. Das wusste sie genau. Immerhin war sie alt genug, um so etwas oft genug erlebt zu haben. Solche Männer waren Taugenichtse und sie hätte nichts dagegen, wenn er die Stadt noch heute wieder verlassen würde.

„Apfelkuchen", riss die junge Frau sie aus ihren Gedanken. „Das klingt geradezu verführerisch."

Und Hester-Sue trippelte auf ihren von Rheuma geplagten Beinen los, um das Gewünschte schnellstmöglich zu holen. Nun galt es die wenige Zeit zu nutzen, die ihr blieb und sie hoffte stark, dass jetzt keine weiteren Gäste hinzukamen und sie störten.

„Ich kannte Ihre Tante", nickte sie wichtig, während sie den Kuchen servierte. „Eine außergewöhnlich freundliche alte Dame und es war so traurig, als sie diesen schrecklichen Unfall hatte. Ich kann immer noch nicht verstehen, was genau dort passiert ist. Warum musste sie in ihrem Alter denn noch auf eine Leiter steigen?" Sie seufzte laut. „So alte Leute sollten wirklich nicht mehr alleine wohnen. Das wäre nicht passiert, wenn irgendwelche Angehörigen sie betreut hätten. Aber bestimmt haben Sie nicht einmal von ihrer Existenz gewusst."

Das war wie ein Faustschlag ins Gesicht und Buffy hatte Mühe, ihren Ärger nicht zu zeigen. Was bildete sich diese Person eigentlich ein? Auch, wenn sie nicht unbedingt Unrecht hatte. Buffy hatte sich wirklich erst an ihre Großtante erinnert, als ein Brief von einem Anwalt in ihrem Briefkasten gelandet war. „Jedenfalls hat sie sich niemals bei mir gemeldet", erwiderte sie. „Und sie war die Tante meiner Mutter, also meine Großtante." Sie probierte ein Stück des Kuchens und nickte zustimmend. „Hervorragend", murmelte sie honigsüß und völlig übertrieben, aber sie hatte keine Lust, sich mit der alten Tante anzulegen und da war eine kleine Lüge das Einfachste. In Wirklichkeit schmeckte der Kuchen grauenhaft, aber sie wollte diese Tratschtante nicht gleich gegen sich aufbringen.

Hester-Sue lächelte zufrieden und setzte sich einfach mit an den Tisch. „Der ist nach einem Rezept meiner Mutter gebacken", sagte sie dann und sah ihr Gegenüber herausfordernd an. „Sie ist hundertzwei Jahre alt geworden und war ein wahres Unikum. Aber das ist jetzt auch schon lange her und manchmal vergisst man, dass man selbst langsam alt wird."

Und Buffy Summers seufzte innerlich. Sie kannte das Spiel schon, dass jetzt unweigerlich folgen würde. Egal, welches Geschäft sie betrat, man ließ sie erst wieder gehen, wenn sie praktisch ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hatte. Die Stadt war nicht besonders groß. In Eastport kannte Jeder Jeden und ein Neuzugang wurde sofort auf Herz und Nieren geprüft.

Für einen flüchtigen Augenblick hatte sie schon überlegt, eine Art Lebenslauf zu verfassen und ihn als Handzettel an alle Einwohner zu verteilen. Das hätte die Sache für sie bedeutend vereinfacht, aber sie wollte den Menschen hier nicht vor den Kopf stoßen. Immerhin sollte Eastport ihr neues Zuhause werden und da war es besser, sich ein wenig zurückzuhalten. Was somit auch auf ihre Mitmenschen zutraf. Für gewöhnlich war Buffy nicht sonderlich zurückhaltend und sie war auch nicht gerade auf den Mund gefallen. Sie wusste sich durchaus durchzusetzen, aber hier hielt sie sich zurück. Noch. Nur solange, bis ihr irgendwann unweigerlich der Kragen platzen würde.

„Jedenfalls ist Esthers Haus eines der schönsten hier", nickte Hester-Sue, die die Zurückhaltung der jungen Frau durchaus bemerkte. „Direkt oben auf den Klippen und mit einem wunderschönen Ausblick auf den Ozean. Aber nun ist es wohl Ihr Haus. Ich sollte mir abgewöhnen, es noch immer Esthers Haus zu nennen." Sie lächelte und zeigte eine Reihe von krummen Zähnen. „Sie sollen ja Ihre letzte Verwandte sein. Ist das richtig?"

„Nun, das denke ich zumindest", erwiderte Buffy Summers. „Jedenfalls wüsste ich nichts über weitere Angehörige."

„Dann hat sie es Ihnen also vermacht?", bohrte Hester-Sue weiter. Zurückhaltung war hier völlig fehl am Platz. Immerhin wusste sie nicht, ob sie jemals wieder die Gelegenheit bekam, Neuigkeiten aus erster Hand zu erhalten.

„Eigentlich meiner Mutter", erwiderte Buffy leise. „Aber sie ist im letzten Sommer gestorben und deswegen ging das Erbe an mich über."

„Oh, das tut mir aber leid", murmelte Hester-Sue. „Und ihr Vater? Wo ist der?"

„Mein Vater ist schon vor langer Zeit gestorben", erwiderte Buffy und seufzte leise. Es war einfach schrecklich, alles wieder und wieder durchzukauen und sie überlegte wieder, ob sie nicht doch einen Lebenslauf schreiben sollte.

„Ich verstehe", murmelte die alte Dame. „Dann starten Sie bei uns praktisch ein ganz neues Leben." Sie tätschelte die Hand ihres Gegenübers. „Von jetzt an wird alles besser. Und das Haus ist wirklich wunderschön. Esthers Mann hat es damals gebaut und das war noch zu den Zeiten, als sie selbst noch auf Kinder gehofft hatten. Deswegen ist es auch so groß und hat so furchtbar viele Zimmer. Esther und Walter wollten einen ganzen Stall Kinder." Sie lachte und winkte ab. „Aber das gehört der Vergangenheit an und nun gehört es Ihnen."

„Es ist wirklich wunderschön", stimmte Buffy zu und seufzte dann leise. „Aber es gibt viel zu reparieren und zu erneuern." Sie zuckte mit den Schultern. „Sie kennen nicht zufällig einen guten Handwerker, der praktisch umsonst arbeitet?"

„Nein. Leider nicht, Kindchen", lächelte sie und tätschelte wieder ihre Hand. „So verschlafen Eastport auch ist… umsonst arbeitet hier niemand." Die Türglocke kündigte neue Gäste an und Hester-Sue erhob sich nur ungern. Sie hatte noch so viele Fragen an die junge Frau, aber die mussten nun leider warten. Leicht verärgert begrüßte sie die Familie, die sich an den größten Tisch im Diner setzte und mit schnippischer Stimme fragte sie nach deren Wünschen.

Erleichtert darüber, dass die alte Dame sich um ihr Geschäft kümmern musste, nippte Buffy an ihrem Kaffee und blickte hinaus auf die Straße, die bezeichnenderweise Mainstreet genannt wurde. Ganz viele andere Straßen gab es nicht, zumindest keine asphaltierten. Aber das gehörte wohl zu einem solchen Ort dazu.

Eastport war ein kleines Städtchen an der Küste von Maine und lebte hauptsächlich vom Fischfang. Aber auch immer mehr Touristen verirrten sich im Sommer hierher und Buffy konnte es ihnen nicht verdenken. Wer Ruhe und Entspannung suchte, war hier genau richtig. Der Küstenstreifen war herrlich und das Städtchen wurde von einem Waldgebiet eingesäumt, der den Ort wie eine Oase wirken ließ.

Tief in Gedanken versunken, bemerkte sie den Mann nicht, der an ihren Tisch getreten war und sie ansprach. „Hallo", sagte er und sie zuckte zusammen. „Oh. Entschuldigung", sagte er und sah sie um Nachsicht bittend an. „Ich wollte Sie nicht erschrecken."

„Nicht schlimm", erwiderte sie lächelnd. „Ich war wohl in Gedanken." Sie sah zu ihm auf und blickte in die blausten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Der Fremde war in Jeans und ein schwarzes T-Shirt gekleidet und seine blondgefärbten Haare lagen zurückgegelt am Kopf an. „Was kann ich für Sie tun?"

„Ehrlich gesagt ist das genau die Frage, die ich Ihnen gerade stellen wollte", sagte er und sein Lächeln war geradezu umwerfend.

Buffy sah ihn prüfend an, dann deutete sie auf den Platz, auf dem Hester-Sue gesessen hatte. „Um was geht es denn?" Er machte sie neugierig und außerdem war er der erste Mann in Eastport, der nicht wie ein Volltrottel auf sie wirkte.

„Mein Name ist William McTearney.", sagte er und setzte sich. „Ich kam nicht umhin, ihr Gespräch mitzuhören und ich…"

Ihr Lächeln verunglückte und endete in einer Grimasse. „Geht das Frage- und Antwortspiel wieder los?", unterbrach sie ihn seufzend. Er war in ihrem Alter, höchstens ein paar Jahre älter und sie hatte keine Lust, auch noch seiner Generation Rede und Antwort zu stehen.

Ihr Gegenüber lachte sie leise. „Ja und nein", meinte er. „Allerdings möchte ich keinerlei privaten Details von Ihnen hören. Das überlasse ich der Blauhaarbrigade der Stadt." Er grinste breit und deutete mit dem Kopf auf Hester-Sue, die nun mit den Gästen an dem anderen Tisch plauderte. „Schrecklich, diese Neugier."

„Blauhaarbrigade?" Buffy hob erstaunt die Augenbrauen.

„So nenne ich sie gerne. Die ganzen alten Damen, deren Haartönung im Licht bläulich schimmert." Er lachte. „Meiner Ansicht nach sind das immer die Frauen, die am neugierigsten sind. Ich habe auch schon so einige Verhöre hinter mir." Er winkte ab. „Aber ich bin jetzt nicht mehr das Hauptthema. Sie haben mir den Rang abgelaufen."

„Also keine Befragung", nickte Buffy erleichtert. „Allerdings kann ich schon verstehen, warum sie alle so wissbegierig sind. In diesem verschlafenen Nest passiert bestimmt nicht gerade sehr viel und so bauschen sie jede Kleinigkeit auf." Sie trank einen Schluck Kaffee und sah ihn an. „Und was genau möchten Sie nun von mir?"

„Ehrlich gesagt, bin ich auf Jobsuche und ich habe eben gehört, dass Sie jemanden suchen, der sich um Ihr Haus kümmert."

„Sie wollen… wollen für mich arbeiten?", erkundigte sie sich perplex und schüttelte dann den Kopf. „Bestimmt nicht. Ich könnte kaum mehr als einen Hungerlohn zahlen und … nun ja, ich könnte noch freie Kost und Logis dazu anbieten. Über der Garage ist ein kleines Appartement und…" Sie schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie es. Das wird Sie sicherlich nicht interessieren."

„Ganz im Gegenteil", widersprach William McTearney „Das wäre für mich genau das Richtige, denn eigentlich bin ich nur auf der Durchreise."

Buffy konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war mit den ganzen Reparaturarbeiten völlig überfordert, die ihr neues Haus mit sich brachte. Es war einfach zu viel. Auf dem Dach hatten sich Schindeln gelöst, die Holzfassade war an einigen Stellen sehr brüchig und das ganze Haus bedurfte eines neuen Anstriches. Unzählige weitere Dinge machten ihr das Leben schwer und alleine konnte sie das niemals bewältigen.

Doch dann schaltete sich ihr Verstand wieder ein. Immerhin war sie auf dem besten Weg, einem wildfremden Mann anzubieten, bei ihr einzuziehen und sie holte erschrocken Luft. Auch wenn die Garage ein eigenständiges Gebäude war, sie wusste nichts über William McTearney. Nicht einmal, ob er handwerklich überhaupt begabt war.

„Also, ähm… ich bin kein Serienkiller", sagte er leise. Er hatte ihre Veränderung natürlich sofort bemerkt und lächelte sie freundlich an. „Fest versprochen!"

„Es ist nur… Ich kenne hier niemanden und es ist schwierig für mich, mich daran zu gewöhnen."

„Ich verstehe." Er nickte langsam. „Es ist bestimmt nicht einfach, ganz neu anzufangen. An einem fremden Ort und ohne jegliche Hilfe." Er machte eine Pause und sah sie nachdenklich an. „Wie wäre es damit?", schlug er vor. „Ich komme ein paar Tage, helfe Ihnen, wo ich kann und Sie entscheiden dann. Mein Motelzimmer ist noch bis zum Ende der Woche bezahlt und ich…"

„Einverstanden", nickte Buffy und reichte ihm die Hand. „Das klingt nach einer vernünftigen Idee." Sie war noch immer unsicher, aber er wirkte sehr nett und eine solch günstige Gelegenheit konnte sie nicht einfach so verstreichen lassen. Wer wusste schon, ob sich überhaupt jemand anders fand.

„Also gut", nickte er und schüttelte ihre Hand. „Morgen früh um Acht bin ich da." Er nickte wieder, erhob sich und verließ das Diner.

 

Über so viel Unverfrorenheit konnte Hester-Sue nur den Kopf schütteln. „Diese jungen Leute heutzutage", murmelte sie vor sich hin. „Dabei kennt sie ihn doch gar nicht. Er ist hier völlig unbekannt und niemand weiß etwas über seine Familie. Wenn das mal gut geht." Doch dann lächelte sie. Heute war Bingoabend im Gemeindezentrum und jetzt hatte sie zumindest ein Thema, über das sie mit ihren Freundinnen ausgiebig tratschen konnte.

Teil 2

Der Morgen war sonnig und angenehm warm für Anfang November. Die nun herbstlich eingefärbten Blätter der Bäume leuchteten im Sonnenlicht und Buffy genoss die Stille, die hier herrschte. Außer der Brandung des Meeres und ein paar Vögel war kaum etwas zu hören und sie schloss für einen Moment genießerisch die Augen.

So sehr sie diese Hester-Sue Warlington aus dem Diner auch verabscheute… mit einem hatte sie Recht behalten. Ihr neues Haus war wunderschön und die Aussicht auf den tiefblauen Ozean war einfach nur grandios.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand setzte sie sich auf die alte Hollywoodschaukel und überdachte alles, was ihr in den letzten Wochen passiert war. Der Brief vom Anwalt war so überraschend gekommen und sie hatte es kaum glauben können. Tante Esther machte ihr ein so großes Geschenk und sie schämte sich, dass sie sich nicht einmal mehr an sie erinnern konnte. Acht Jahre war sie alt gewesen, als sie hier gewesen war und sie hatte oft versucht, sich diese Zeit ins Gedächtnis zurückzurufen, aber es war ihr nicht gelungen. Die Zeit war wie weggewischt. Was aber auch daran liegen konnte, dass ihr Vater nur wenig später tödlich verunglückt war.

Sie seufzte leise und lehnte sich zurück. Das alles war nun bereits siebzehn Jahre her, aber es schmerzte noch immer und wahrscheinlich würde sie diesen Verlust niemals ganz verarbeiten. Laut kreischende Möwen rissen sie aus ihren bitteren Gedanken und sie atmete erleichtert die klare frische Luft ein.

Jetzt war sie hier in Eastport und das bot ihr die Möglichkeit für einen ganz neuen Anfang. Sie konnte den furchtbaren Tod ihrer Mutter hinter sich lassen, genauso wie die schreckliche Beziehung zu Dennis Trotta, der sie nach Strich und Faden betrogen hatte. Sie hatte einfach ihre Sachen gepackt und war hergezogen. Beruflich war sie kaum ortsgebunden und da sie auch keine Familie hatte, war es ihr nicht sonderlich schwer gefallen, die kleine Wohnung am Rande von Detroit zurückzulassen.

„Guten Morgen", ertönte eine Stimme und sie zuckte zusammen. „Oh. Ich habe Sie schon wieder erschreckt", stellte William McTearney fest und räusperte sich. „Ich habe vorne mehrfach geklingelt, aber…"

„Die Klingel ist defekt", erwiderte Buffy, dann lachte sie abgehakt. „Wenn das so weitergeht, bekommen Sie von mir eine Glocke um den Hals gehängt." Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust und sie atmete beruhigend ein und aus.

„Oder ich laufe mit einer Rassel durch die Gegend", lächelte er vorsichtig und streckte ihr Hand entgegen. „Guten Morgen, Miss Summers."

„Buffy", sagte sie und schüttelte seine Hand. „Mein Name ist Buffy und ich wäre froh, wenn wir diese ganzen Förmlichkeiten vergessen könnten."

Er nickte. „Von mir aus gerne. Mein Name ist William, aber das weißt du ja bereits." Er sah sich um und pfiff begeistert durch die Zähne. „Das Grundstück ist gigantisch." Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte über den Rand der Klippe zu sehen. „Gibt es hier auch einen direkten Zugang zum Meer?"

„Allerdings", nickte sie. „Aber ich weiß nicht, ob ich der brüchigen Treppe noch vertrauen kann. Sie müsste wohl erst ausgebessert werden. Aber das hat Zeit. Im und am Haus gibt es genug Dinge, die repariert werden müssten." Sie lachte leise. „Wie zum Beispiel die Klingel."

„Also gut", sagte er und nickte. „Dann sollten wir besser gleich beginnen. Die Winter hier in Maine können verdammt hart werden und zumindest das Äußere des Hauses sollte dann auf Vordermann sein. Vielleicht sollten wir eine Liste machen und es dann nach Dringlichkeit bewerten."

Buffy, recht verwundert von seinem Tatendrang, nickte langsam. „Das ist eine gute Idee. Und du hast Recht, als allererstes sollten wir das Haus wetterfest machen. Aber wahrscheinlich sollten wir gleich zwei Listen machen." Sie seufzte leise. „Eine für die Dringlichkeit und eine für die Ersatzteile, Werkzeuge und was sonst noch alles anfällt." Ihre Schultern sackten herab und sie verzog das Gesicht. „Und Gott weiß, wie ich das alles bezahlen soll."

Für einen Moment sah er sie nachdenklich an. „Vielleicht wage ich mich jetzt zu weit vor, aber womöglich solltest du darüber nachdenken, dass Haus zu verkaufen. Ich meine, wenn es deine Kosten so übersteigt…"

„Nein, das ist es nicht. Ich verdiene eigentlich recht gut. Nur waren die letzten Monate doch sehr kostenintensiv." Sie schluckte schwer. „Meine Mutter hatte Krebs und sie Behandlungen waren zum… zum Schluss doch sehr teuer."

„Entschuldige, das wusste ich nicht", murmelte William und verzog das Gesicht. „Aber scheinbar bin ich prädestiniert dafür, in jedes Fettnäpfchen zu treten."

„Schon okay", lächelte sie schwach, doch dann streckte sie sich und sah ihn an. „Mein letzter Auftrag ist gut gelaufen und die Bezahlung sollte in den nächsten Tagen erfolgen. Also alles nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Und bezahlen kann ich dich auch."

„Na dann", grinste er sie schelmisch an. „Vielleicht können wir meinen Stundenlohn ja noch einmal verhandeln."

„Kommt darauf an", erwiderte sie und lächelte zurück. „Wenn alles gut läuft und mir das Haus hinterher nicht über dem Kopf zusammenfällt." Es machte Spaß, sich mit ihm zu unterhalten und dabei war das Thema egal. Er war intelligent, konnte jeden Spruch sofort parieren und wie es schien, machte es ihm auch noch Freude. Er war der erste Mensch, der ihrer Meinung nach normal war. Alle anderen wirkten wie aus einem alten Miss Marple Film entsprungen und es hätte sie auch nicht gewundert, wenn plötzlich Pferdefuhrwerke aufgetaucht wären.

 

                                                                                            *~*~*~*

 

Es dauerte beinahe zwei Stunden, dann hatten sie alles Wichtige aufgelistet und Buffy lud William auf eine Tasse Kaffee in der Küche ein.

„Ich glaube, deine Tante hat in den letzten Jahren wirklich nicht mehr sehr viel am Haus machen lassen", meinte William und rührte einen Löffel Zucker in seine Tasse. Sein Blick klebte an den Liste und er zuckte mit den Schultern. „Wir werden einen Lastwagen brauchen, um das alles hier heraufzubringen."

„Dann hoffen wir mal, dass es hier in Eastport auch wirklich alles zu kaufen gibt", seufzte Buffy.

Innerhalb von nur wenigen Minuten beschlossen sie, in das ortsansässige Sägewerk zu fahren und die neuen Bretter für die Außenfassade zu bestellen.

William hatte sie bereits ausgemessen und im Kopf überschlagen, wie viel von dem alten Holz ausgetauscht werden musste. „Außerdem können wir dann gleich die neuen Schindeln für das Dach bestellen", murmelte er und kritzelte etwas auf seinen Block. „Noch hält das Wetter. Aber die große Frage ist, ob auch das Dach hält, wenn erst der Regen einsetzt."

 

                                                                                     *~*~*~*

 

Mit Buffys Wagen fuhren sie in die Stadt und William leitete sie von einem Geschäft zum nächsten.

„Du kennst dich aber gut aus, dafür, dass du nur auf der Durchreise bist", bemerkte Buffy und wuchtete einen großen Farbeimer in ihren Kofferraum. Harte Arbeit war nichts Neues für sie und sie scheute auch nicht davor zurück. Ihre Mutter hatte in den letzen Monaten kaum noch einen Finger rühren können und da es auch keinen Vater mehr gab, waren alle anstehenden Arbeiten an ihr hängen geblieben. Aber sie hatte niemals ein Problem damit gehabt. Es ersparte ihr nur den Gang ins Fitnessstudio.

Er lächelte und zwinkerte ihr zu. „Ich bin immer gerne informiert", meinte er und nahm ihr den zweiten Eimer ab. „Außerdem ist Durchreise nicht ganz das richtige Wort." Er lehnte sich an den Wagen und sah sie schulterzuckend an. „Ich war sehr lange bei der Army", erzählte er dann. „Aber irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es doch nicht das Richtige für mich ist. Und jetzt reise ich durch das Land, um zu sehen, wohin es mich verschlägt und was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen möchte."

„Keine schlechte Idee", befand Buffy und nickte. „Aber hast du nicht irgendwo Familie, die auf dich wartet? Vielleicht sogar eine Freundin?", sie grinste ihn unverfroren an und er schüttelte den Kopf.

„Nein", erwiderte er leise. „Nichts dergleichen. Und meine Eltern… nun, da geht es mir ähnlich wie dir. Sie sind beide tot."

„Entschuldige", murmelte Buffy. „Diesmal bin ich wohl in das Fettnäpfchen getreten." Etwas betreten sah sie ihn an. „Tut mir leid, dass ich so neugierig war."

„Kein Problem", erwiderte er und erinnerte sie daran, dass sie noch viel zu erledigen hatten. „Sonst ist es dunkel, bevor wir überhaupt zurück sind."

Es war offensichtlich, dass er das Thema mied, aber damit hatte sie kein Problem. Es war auch nicht immer leicht, über ihre Mutter und deren Schicksal zu sprechen. Aber sie hatte gelernt, dass es für sie einfacher war und sie so besser damit umgehen konnte.

Der Kofferraum des kleinen Autos füllte sich in Windeseile und Buffy entschied, dass sie in der Stadt zu Mittag essen sollten. „Magst du italienisches Essen? Wir sind eben an einem kleinen Restaurant vorbeigekommen."

„Sehr gerne", nickte William und lächelte. „Außerdem ist mir fast alles recht. Solange wir nur nicht wieder in Hester-Sues Diner landen."

 

                                                                                              *~*~*~*

 

Buffy kam der ganze Tag mehr und mehr unwirklich vor. William McTearney war ein außergewöhnlicher Mann. Nicht nur, dass es ihr unglaublich leicht fiel, sich mit ihm zu unterhalten. Es war fast so, als kannten sie sich bereits ein halbes Leben. Am meisten jedoch verwirrte sie, dass sie mit ihm auch über Themen reden konnte, bei dem die meisten Männer längst kapituliert hätten. Während des Mittagessens hatten sie tatsächlich über die Farbgebung der Außenfassade diskutiert. Und das über eine halbe Stunde. Das alleine reichte schon, um sie durcheinander zu bringen. Aber William umschiffte außerdem spielend so manche Situation, die durchaus peinlich hätte werden können und sie musste ihn für sein Einfühlungsvermögen geradezu bewundern.

Eine gute Stunde später parkte sie ihr Auto vor der dem Haus und stieg aus. „Vielleicht sollten wir die Garage als Zwischenlager nutzen", überlegte sie laut. „Dann kann ich dir auch gleich das Appartement zeigen, von dem ich dir erzählt habe."

„Gerne", nickte er. „Aber bist du dir auch wirklich sicher, dass du mich hier überhaupt haben willst?"

Sie legte den Kopf schräg und sah ihn an. „Ich denke schon", meinte sie. „Und wie ein Serienkiller wirkst du nun wirklich nicht."

William McTearney lachte schallend. „Also gut. Dann besiegeln wir jetzt unsere Abmachung", meinte er und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich verspreche feierlich, dass ich kein Mörder bin."

„Also gut", lächelte sie. „Dann wollen wir mal."

 

                                                                                               *~*~*~*

 

„Es ist nicht besonders groß", meinte Buffy, während sie die Treppe hinaufstiegen, die am hinteren Ende der Doppelgarage empor führte. „Aber ich denke mal, dass es ausreichend ist." Sie schloss die Tür auf, machte Licht an und ließ ihn vorgehen.

William betrat das Appartement und blieb wenige Meter später mit großen Augen stehen. Er stand in einem geräumigen Raum, der Wohnzimmer und Küche miteinander vereinte. „Damit hatte ich nicht gerechnet", meinte er und sah sich neugierig um. „Wann ist das hier ausgebaut worden?"

„Wenn man der Nachbarin glauben kann, dann war es wohl vor gut zehn Jahren", erwiderte Buffy schulterzuckend und steckte den Schlüsselbund in ihre Hosentasche. „Ich weiß nicht. Vielleicht wollte meine Großtante es vermieten und sich so etwas dazuverdienen. Aber so wie es hier aussieht, hat niemals jemand hier gewohnt.

William nickte. Die kleine Wohnung war komplett möbliert, und auch, wenn die größeren Möbelstücke mit Staubhüllen abgedeckt waren, so konnte man doch sehen, dass alles neuwertig war. Er ging ein paar Schritte, blieb stehen und sah sie an. „Wow. Hier lässt es sich aushalten", meinte er. „Hier fehlt höchstens noch ein Fernseher."

„Da fällt mir ein, ich habe schon neue Telefonleitungen legen lassen. Ich arbeite hauptsächlich am Computer und darum habe ich das ganze Haus damit ausstatten lassen."

„Was genau machst du?", erkundigte er sich neugierig. „Ist schon nicht schlecht, wenn man von zuhause aus arbeiten kann." Er hob die Staubhülle vom Sofa an, schob sie zur Seite und setzte sich für einen Augenblick.

„Webdesign", meinte sie und kam näher. „Mit allem, was dazugehört. Du weißt schon, Websites erstellen und verwalten, Grafiken anfertigen… all so was. Recht uninteressant aber durchaus lukrativ."

„Oh. Nicht schlecht", nickte er. „Allerdings muss ich gestehen, ich habe nicht unbedingt viel Ahnung von Computern. Alles, was über das normale Benutzen hinausgeht… und ich bin hilflos verloren."

Buffy lachte. „Dort drüben ist übrigens noch das Schlafzimmer", sagte sie und zeigte auf eine Tür. „Das Badezimmer natürlich auch. Beide haben einen wunderschönen Ausblick auf den Atlantik." Sie stockte etwas verunsichert und zuckte mit den Schultern. „Solltest du hier einziehen wollen, dann müsste ich natürlich vorher noch saubermachen."

„Die Wohnung ist klasse", nickte William, dann sah er sie ernst an. „Und du bist dir wirklich sicher, dass du das willst? Ist das für dich in Ordnung, wenn ich hier wohne? Ich wäre dir nicht böse, wenn du dir mit deiner Entscheidung mehr Zeit lassen willst."

„Nein. Ist schon gut so", erwiderte sie fest. „Außerdem grenzt die Wohnung ja nicht einmal an das Haus. Du wohnst hier völlig eigenständig und… im Grunde ist es genauso, als würdest du in der Stadt wohnen. Nur hast du es so bedeutend näher bis zur Arbeit."

„Das stimmt", lachte er. „Dann werde ich heute Abend meinen Krempel zusammenpacken und morgen früh gleich mitbringen. Das Motel ist nicht gerade… nicht gerade das, was man sich für einen gemütlichen Aufenthalt aussuchen würde. Aber jetzt sollten wir vielleicht erstmal deine Einkäufe auspacken und verstauen."

„Also gut", nickte sie. „Dann sollten wir anfangen, damit ich nachher noch Zeit habe, das Appartement auf Vordermann zu bringen."

Der Rest des Tages verging wie im Flug und als Buffy ins Bett krabbelte, fielen ihr tatsächlich vor Müdigkeit sofort die Augen zu. Für gewöhnlich reflektierte sie vor dem Einschlafen noch einmal den ganzen Tag. Aber dazu hatte sie heute nicht mehr die Kraft. Sie schaffte es gerade noch, sich die Decke über die Nase ziehen, dann schlummerte sie auch schon dem Land der Träume entgegen.

Teil 3

Der Morgen brachte heftigen Wind mit sich und Buffy überlegte, ob William bei diesem Wetter überhaupt viel ausrichten konnte. Das Dach schied auf jeden Fall aus. Es war viel zu gefährlich, bei diesen Sturmböen darauf herumzukraxeln und sie würde es auf keinen Fall zulassen. Aber auch, wenn das Wetter noch schlechter werden würde, im Haus gab es genug zu tun und eigentlich war es egal, womit er begann.

Materialien hatten sie jedenfalls genug. Schon in aller Herrgottsfrühe war der Lastwagen vom Sägewerk da gewesen und der Fahrer hatte die bestellten Schindeln und Bretter vor ihrer Garage abgeladen. Buffy hatte heute noch gar nicht mit der Holzlieferung gerechnet, aber entweder hatte der holzverarbeitende Betrieb nicht sonderlich viel zu tun, oder aber sie behandelten die Einwohner Eastports vorrangig. In der Garage stapelten sich überdies noch die ganzen Sachen, die sie gestern schon besorgt hatten. Es sollte ihnen also nicht schwer fallen, die passende Aufgabe zu finden.

Sie öffnete den Kühlschrank und fischte alle Lebensmittel heraus, die sie für die Zubereitung saftiger Sandwiches brauchte. Buffy war sich nicht sicher, wie genau William ihr Angebot mit der freien Verpflegung nahm, aber sie wollte sich auf jeden Fall an ihre Verabredung halten. Wäre ja auch noch schöner, wenn er sie für kleinlich halten würde.

Immer wieder sah sie aus dem Küchenfenster und ein paar Minuten vor acht Uhr parkte William schließlich seinen Wagen vor dem Gartenzaun, der ebenfalls dringend einen neuen Anstrich brauchte.

„Hallo", begrüßte er sie, als sie ihm die Tür öffnete. „Das Holz ist ja auch schon geliefert worden", sagte er mit einem Blick auf die Einfahrt vor ihrer Garage. „Ich wusste gar nicht, dass die Leute hier so schnell sind. Aber es passt schon. So können wir jedenfalls schnell anfangen."

Buffy nickte. „Hast du schon gefrühstückt?", erkundigte sie sich etwas scheu. „Ich habe ein paar Sandwiches gemacht", erklärte sie schulterzuckend. „Nichts Weltbewegendes. Aber ich wusste nicht, ob du schon etwas gegessen hast."

„Das ist wirklich sehr nett von dir", meinte er mit einem sanften Lächeln. „Aber das musst du wirklich nicht. Es ist schon sehr großzügig, dass du mich hier wohnen lässt."

„Nun", meinte sie und sah ihn an. „Erstens habe ich es dir angeboten und zweitens muss ich gestehen, dass ich nur ungern alleine esse."

William lachte. „Also gut", nickte er. „So ein Angebot kann man kaum ausschlagen. Aber nur, wenn ich auch eine Tasse Kaffee dazu bekomme."

Während des Frühstücks sprachen sie die verschiedenen Möglichkeiten durch, die ihnen bei diesem Wetter blieben und sie einigten sich schnell darauf, dass sie mit der Außenfassade beginnen wollten.

„Vielleicht hilft es ja", meinte Buffy und seufzte leise. Den ganzen Morgen waren ihr schon die schauderhaften Geräusche aufgefallen, die der Wind verursachte, wenn er auf das lose, zum Teil morsche Holz traf. Sie schüttelte sich beim Gedanken daran. Bisher hatte sie immer in soliden Backsteingebäuden gelebt und wenn es dann stürmte, dann pfiff der Wind höchstens durch undichte Fenster oder Türen. Hier im Haus war das anders. Die Holzdielen knarrten und überall klapperte es und so manches Mal hatte sie gedacht, im oberen Stockwerk Schritte gehört zu haben. Aber das entsprang einfach nur ihrer Fantasie. Immerhin war sie alleine im Haus.

„Ein Freund von mir kommt irgendwann heute Vormittag noch vorbei", riss William sie aus ihren Gedanken. Er hatte sich bereits erhoben und war schon halb auf dem Weg nach draußen. „Er bringt mir ein paar Werkzeuge vorbei. Unter anderem auch eins dieser elektrischen Nagelgeräte. Ich habe bisher noch nie damit gearbeitet, aber er denkt, es wäre einfacher und ginge bedeutend schneller, als wenn ich mit Hammer und den üblichen Nägeln hantieren würde." Er nickte ihr zu. „Danke für das Frühstück", meinte er. „Ich werde dann mal damit beginnen, die alten Bretter aus der Fassade zu reißen."

 

                                                                                            *~*~*~*

 

Eine Stunde später wusste Buffy nichts mehr mit sich anzufangen. Sie hatte die Küche aufgeräumt und viel mehr Hausarbeiten gab es nicht, die sie erledigen konnte. Sie hatte ihren Computer gestartet, ihre Emails gecheckt, aber die Muße, sich wirklich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen, die hatte sie nicht. Am Liebsten hätte sie draußen mit angepackt, aber sie wollte auf keinen Fall im Weg stehen und so blieb ihr nichts anderes übrig, als dabei zuzusehen, wie William die alten Bretter auf einen großen Haufen stapelte.

Beinahe erleichtert vernahm sie das Klopfen an der Haustür und sie eilte durch Wohnzimmer und Flur. Vielleicht bot sich ihr jetzt eine Abwechslung.

„Oh! Wow!", sagte ein schlaksiger junger Mann, der kaum älter als sie sein konnte. „Die Buschtrommeln haben ja schon so einiges berichtet. Aber nicht, dass hier ein solch hübsches Wesen eingezogen ist." Er streckte ihr die Hand entgegen und einigermaßen verwirrt schüttelte sie sie.

„Was kann ich für Sie tun?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Da hab ich im Eifer des Gefechts glatt vergessen, mich vorzustellen", meinte er und fuhr sich durch die dunklen, vom Wind wirren Haare. „Mein Name ist Xander. Xander Harris. Und eigentlich wollte ich zu Spike."

„Zu wem?", fragte sie nun vollends verwirrt. Doch dann fiel der Groschen und sie nickte. „Sie wollen zu William?"

„Ganz genau", nickte Xander. „Ich habe ein paar Werkzeuge für ihn", sagte er und deutete mit dem Kopf auf seinen roten Kombi, der direkt vor ihrer Auffahrt geparkt war.

„Er ist hinten im Garten", erklärte Buffy und fischte ihren Schlüssel aus der Hosentasche. „Ich bringe Sie zu ihm."

„Danke sehr", grinste Xander und sah sie von oben bis unten an. „Wirklich sehr nett."

Etwas verlegen blickte Buffy zur Seite. Es war nicht ganz klar, was genau er mit seinem letzten Satz meinte und sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Er wirkte wie ein zu groß geratenes Kind, aber sie konnte seine vorschnelle Art nicht besonders gut leiden und sie war froh, als William sie bemerkte und auf sie zuging.

„Hey, Xander", begrüßte er seinen Freund. „Du kommst gerade rechtzeitig."

„Hi, Alter", grinste Xander und verpasste ihm einen herzhaften Klaps auf die Schulter. „Du bist ja richtig fleißig."

Buffy war froh, dass niemand sie beachtete und so nutzte sie die Möglichkeit, unbemerkt zu verschwinden. Zum einen kam sie sich völlig fehl am Platz vor und zum anderen war sie froh, diesem Xander Harris zu entkommen. Er war ein seltsamer Mensch und sie war sich ziemlich sicher, dass er niemals ein Freund von ihr werden konnte. Wieder einmal hatte sie sich zurückgehalten, während er seine flapsigen Sprüche losließ. Sie musste unbedingt aufpassen, dass das keine Gewohnheit wurde. Bloß weil sie jetzt in einem Kaff wohnte, musste sie noch lange nicht zu einem hilflosen Püppchen mutieren.

 

                                                                                               *~*~*~*

 

Die Zeit wollte einfach nicht vergehen und Buffy ertappte sich immer wieder dabei, wie sie vor dem Wohnzimmerfenster stehen blieb und den beiden Männern bei der Arbeit zusah.

Dieser Xander hatte sich wohl dazu entschlossen, länger zu bleiben. Und nicht nur das. Er packte sogar kräftig mit an. Er hatte sich Arbeitshandschuhe aus seinem Kombi geholt und schleppte nun all die alten Bretter in den Garten und es sah beinahe so aus, als hätte er großen Spaß dabei. Er lachte viel und erzählte mit großen Gesten, während er fleißig hin- und herlief.

Es war auch interessant zu sehen, dass William sich so unbeschwert und gelöst benahm. In ihrer Gegenwart war er auch nicht gerade verkrampft gewesen, aber mit Xander flachste er herum und hatte oft ein breites Grinsen im Gesicht, dass sie vorher noch nie zu sehen bekommen hatte. Aber immerhin kannte sie ja auch erst seit drei Tagen und sie waren ja auch keine Freunde. Er arbeitete für sie und da war es normal, dass er sich anders benahm.

„Du benimmst dich kindisch", schalt sie sich selbst. „Es ist albern, sich hinter den Vorhängen zu verstecken und Menschen zu beobachten." Sie seufzte leise und überlegte, was sie unternehmen sollte. Immerhin gab es auch für sie genug zu tun. Die Küchenschränke warteten auch immer noch auf sie.

Der Korpus der alten Küche war noch vollkommen in Ordnung und so hatte sie sich entschieden, einfach die Fronten abzuschleifen und zu überstreichen. Mit dem Schleifen war sie fertig und einige der Oberschränke erstrahlten nun auch schon in einem satten Cremeweiß. Es war nicht unbedingt eine schöne Aufgabe, aber es musste gemacht werden.

Wie so vieles in diesem Haus. Buffy seufzte verhalten. Es gab noch so viel, was sie neu anschaffen musste. Eine Menge der Möbel waren schlicht und ergreifend nicht mehr zu gebrauchen, ganz davon ab, dass sie sie nicht leiden mochte. Die alten geblümten Sofas im Wohnzimmer waren einfach nur grauenvoll und es schüttelte sie immer, wenn sie einen Blick darauf warf.

Ferner entsprach das Esszimmer so gar nicht ihrem Geschmack, auch wenn man den Möbeln ansah, dass sie sehr teuer gewesen waren. Genau wie die Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Auch sie mussten erneuert werden. Aber das hatte Zeit. Eins hatte sie immerhin sich schon hergerichtet. Sie hatte die schreckliche, gelb grün gestreifte Tapete überstrichen und ihre eigenen Möbel hineingestellt. In den uralten Betten hätte sie mit absoluter Sicherheit keine Ruhe gefunden und sie war froh darüber, dass sie sich zumindest in einem Zimmer richtig wohl fühlte.

 

                                                                                           *~*~*~*

 

Gute drei Stunden später wischte Buffy sich den Schweiß von der Stirn. Sie hatte es geschafft und war sogar bedeutend schneller vorangekommen, als sie je gedacht hatte. Alle Fronten waren nun gestrichen und die Schranktüren standen offen, um zu trocknen.

Alles wirkte noch sehr unordentlich, aber das ließ sich kaum ändern. Sie musste jetzt warten, bis die Farbe antrocknete. Erst dann konnte sie die Abdeckfolien und Klebestreifen entfernen. Dann fiel ihr ein, dass es Zeit für das Mittagessen war. Aber kochen konnte sie hier definitiv nicht.

Kurzentschlossen schnappte sie sich ihren Autoschlüssel und ging nach draußen. Verblüfft stellte sie fest, dass die beiden Männer schon fast alle fehlerhaften Bretter ausgetauscht hatten. Das Haus hatte jetzt beinahe ein Zebramuster, aber das würde ja nicht auf Dauer so sein.

„Buffy", sagte William, als er sie bemerkte. „Wir haben es fast geschafft."

„Ich habe es schon gesehen", lächelte sie. „Ihr wart sehr fleißig." Sie sah Xander an. „Ich würde mich gerne für die Unterstützung revanchieren. Ich dachte, ich fahre eben in die Stadt und organisiere etwas zu essen. Selbst kochen kann ich im Moment leider nicht. Die Küche ist frisch gestrichen und außerdem sieht es dort so aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen."

Xander sah Spike an und lächelte breit. „Wir können sie nicht so fahren lassen, oder?"

„Was ist denn mit mir?", erkundigte sie sich verwirrt und wischte sich nervös eine verirrte blonde Strähne aus dem Gesicht.

William versuchte ernst zu bleiben, doch er konnte nicht verhindern, dass sich seine Mundwinkel nach oben schoben und seine Augen belustigt funkelten. „Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll", meinte er und gluckste verhalten. „Aber hast du zufällig einmal in den Spiegel gesehen? Du hast… ähm… nette weiße Sommersprossen und deine Stirn erinnert an einen Indianer auf dem Kriegspfad."

„Ach du meine Güte", schnappte Buffy nach Luft und hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund. Hatte es jemals etwas Peinlicheres gegeben? Ihre Wangen verfärbten sich tief rot und sie wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Wie hatte sie das nur vergessen können? Sie war alles andere als der perfekte Handwerker. Sie konnte so einiges und konnte sich gut helfen, aber wenn es um Farbe und Streichen ging, dann war sie danach genauso bunt wie das, was sie angepinselt hatte.

„Ich übernehme das", rettete ausgerechnet Xander sie. Er nickte ihr aufmunternd zu und angelte sein Mobiltelefon aus der Tasche. Ich rufe Willow an. Sie bringt uns bestimmt etwas her."

„Wer ist denn jetzt schon wieder Willow?", hätte sie am liebsten gefragt, doch sie nickte nur und lief schnell zurück ins Haus, um die Farbspuren aus ihrem Gesicht zu entfernen. ‚Du hinterlässt wirklich Eindruck’, grummelte sie, während sie ins Badezimmer eilte. „Wirklich ganz toll!"

 

„Sie ist wirklich verdammt hübsch", nickte Xander bewundernd, nachdem er sein Gespräch beendet hatte. „Was meinst du?", wandte er sich an Spike und sah ihn nachdenklich an. „Ob sie wohl Interesse an jemandem wie mir hat?"

„Du kennst sie doch nicht einmal", erwiderte Spike mit hochgezogenen Augenbrauen. „Du hast keine fünf Worte mit ihr gewechselt." Er kannte Xander noch nicht sehr lange. Aber seine vorschnelle Art brachte ihm oftmals Ärger ein und er wunderte sich darüber, dass der Dunkelhaarige nicht davon abließ, von einer Katastrophe in die nächste zu springen.

„Warum muss ich sie kennen, um mich für sie zu begeistern?", lachte Xander. „Hast du sie dir mal genau angesehen? Sie ist nicht nur blond und zierlich, sie ist außerdem auch wunderschön." Er verzog das Gesicht. „Oder interessierst du dich für sie und bist vielleicht schon abgeblitzt?"

„Du bist ein Spinner", murmelte William. Er drückte Xander das Nagelgerät in die Hand. „Lass uns die letzten Bretter anbringen, bevor Willow kommt."

„Keine Antwort ist auch eine Antwort", lachte Xander und hob ein Brett an. „Aber da du ja eh nur auf der Durchreise bist, solltest du mir vielleicht den Vortritt lassen. Immerhin wohnt sie jetzt hier und du verschwindest irgendwann wieder."

Teil 4

Buffy mochte Willow auf Anhieb. Sie war herrlich unkompliziert, wenn auch ein wenig zurückhaltend und schüchtern. Gemeinsam hatten sie es sich in ihrem altmodischen, fast antiken Esszimmer bequem gemacht. Willow und sie saßen nebeneinander an dem blankpolierten Tisch und William und Xander saßen ihnen gegenüber. Buffy fühlte sich willkommen und sie war dankbar dafür, dass die Drei es ihr so einfach machten und sie sich nicht wie das fünfte Rad am Wagen vorkam.

Willow hatte chinesisches Essen mitgebracht und jeder angelte sich das aus den unzähligen Verpackungen, was er am liebsten mochte. Das Ganze lief so ungekünstelt ab, dass man fast glaubte, sie kannten sich alle schon seit Jahren.

„Und du wohnst jetzt hier?", erkundigte sich Willow wissbegierig. „Freiwillig in diesem kleinen Kaff?" Sie lachte leise und zuckte mit den Schultern. „Nicht, dass es in Eastport nicht auch schön ist, aber das kulturelle Leben ist doch sehr beschränkt. Es gibt nicht mal ein Museum hier. Der Ort ist ja irgendwie ganz süß, aber etwas Besonderes gibt es hier nicht."

„Das kannst du so nicht sagen", mischte sich Xander ein und verzog gespielt beleidigt das Gesicht. „Immerhin wohnen wir hier und wir sind alle Mal etwas Besonderes." Er lachte und wandte sich um Unterstützung suchend an William. „Was sagst du denn dazu? Immerhin bist du jetzt schon fast acht Wochen hier."

„Vielleicht können wir ihn ja sogar überreden, für immer hier zu bleiben", lächelte Willow. „Jedenfalls hat er schon eine lange Zeit durchgehalten, ohne einen Koller zu kriegen."

Spike lachte. „Ich bin selbst in einer Stadt wie dieser aufgewachsen", erzählte er. „Das ist also nichts Neues für mich. Außerdem denke ich, dass ich mich in einer Großstadt nicht wohl fühlen könnte."

„Und du kommst aus Detroit?", erkundigte sich Xander neugierig und strahlte Buffy an.

„Ich bin eigentlich in einem der Vororte aufgewachsen", erzählte Buffy und fragte gar nicht erst nach, woher er das wusste. Er hatte ja selbst was von Buschtrommeln gesagt und sie hatte das Gefühl, dass die ganze Stadt nur über sie sprach. „Wir sind erst vor ein paar Jahren direkt in die Stadt gezogen." Sie zuckte mit den Schultern und fischte einen Wan Tan aus einer Schachtel. „Mein Vater ist früh verstorben und als meine Mom dann krank wurde, konnten wir das Haus nicht mehr halten."



Es war ein Schock für sie gewesen und sie konnte sich noch gut an den Abend erinnern, als ihre Mutter sie mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert hatte. „Buffy, Liebes", hatte sie leise gesagt. „Es geht einfach nicht mehr. Die Rechnungen stapeln sich und ich kann es mir einfach nicht mehr leisten." Sie hatte geseufzt und versucht, die Tränen zurückzuhalten. „Du weißt, ich würde niemals freiwillig von hier weggehen. Dein Vater und ich…", hatte sie geschluchzt und Buffy hatte sie einfach fest in den Arm genommen.

Es war während ihres letzten College-Jahr gewesen. Im Nachhinein fragte sie sich oft, wie sie das Jahr überstanden hatten. Sie hatte zwei Jobs gehabt und fast ununterbrochen gearbeitet, damit sie sich zumindest eine kleine Wohnung leisten konnten. Ihre Mom hätte nie zugelassen, dass sie ihre Ausbildung aufgab, auch wenn Buffy es mehrfach vorgeschlagen hatte. „Ich kann auch später wieder aufs College gehen", hatte sie gemeint, aber ihre Mutter hatte vehement den Kopf geschüttelt.

„Nein, Schatz", hatte sie freundlich, aber auch sehr bestimmt gesagt. „Es sind nur noch ein paar Monate und die überstehen wir schon irgendwie."

Ihre Mutter hatte zu der Zeit schon gewusst, dass der Krebs unheilbar war. Nur Buffy hatte sie es nicht verraten. Sie hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sie immer ermutigt und aufgeheitert. Aber als aufmerksame Tochter hatte sie natürlich gemerkt, wie das Leben mehr und mehr aus dem ausgemergelten Körper ihrer Mutter gewichen war. Eine Operation hatte nie zur Debatte gestanden. Die Ärzte, bei denen sie gewesen waren, hatten alle nur mit dem Kopf geschüttelt und es war eine furchtbare Erfahrung gewesen, einfach nichts unternehmen zu können.

 

„Geht es dir gut?", hörte sie Willows besorgte Stimme und sie schluckte und nickte.

„Alles bestens. Nur schlechte Erinnerungen. Weiter nichts."

„Was machen wir denn heute Nachmittag?", erkundigte sich Xander bei Spike und es war offensichtlich, dass er das Thema wechseln wollte.

„Moment mal", lachte Buffy, dankbar für die Ablenkung. „Noch einen Angestellten kann ich mir beim besten Willen nicht leisten."

„Wer sagt denn, dass du mich bezahlen sollst?", erwiderte Xander gespielt ernst. „Ich mache das aus reiner Nächstenliebe." Ganz unverfroren grinste er sie an. „Ich habe momentan Urlaub und um am Strand abzuhängen und irgendwelche Touristinnen anzugraben… dazu ist es schon zu spät im Jahr. Und viel zu kalt", lachte er. „Chance vertan! Auf ein Neues im nächsten Jahr!"

„Du und die Frauen", schmunzelte Willow. „Darüber könnte man glatt ein Buch schreiben." Sie wandte sich amüsiert Buffy zu. „Hinterher stellt sich immer heraus, dass die meisten seiner Freundinnen doch etwas anders sind als der Durchschnitt."

„Das kannst du doch so nicht sagen", beschwerte sich Xander. „Was soll Buffy denn von mir denken? Außerdem sind doch alle Menschen verschieden und…"

„Ha!", unterbrach Willow ihn grinsend. „Darf ich dich an Jane erinnern? Ich kann mich noch gut an deinen Hilferuf übers Telefon entsinnen. Sie hat dich in eine Berghütte geschleppt, dir die Klamotten geklaut und dich sitzen lassen. Und das nur, weil du ihr nicht nackt Modell stehen wolltest!" Sie lachte laut. „Und bei ihrer Kunst wäre das völlig gleichgültig gewesen. Es waren sowieso nur unterschiedlich große Farbkleckse und niemand hätte dich auf dem Bild erkannt."

„Naja, Jane war schon… schon etwas anders", verteidigte sich Xander. „Aber sie sah verdammt scharf aus."

„Was im Auge des Betrachters liegt", widersprach Willow. Dann sah sie William an. „Eliza hast du selbst erlebt", sie lachte wieder. „Das ist doch noch gar nicht lange her."

„Ach ja", grinste Spike. „War das nicht die, die ständig von Außerirdischen verfolgt wurde und die den Sheriff für ein Marsmännchen hielt?"

Buffy lachte. „Auch nicht schlecht. Zumindest wird es so nie langweilig." Sie sah Xanders eingeschnapptes Gesicht und verkniff sich jede weitere Bemerkung. Vielleicht war seine Frauenwahl nicht immer günstig für ihn gelaufen, aber manche Menschen hatten nun einmal ein Talent dafür, immer genau das Falsche auszusuchen.

„Okay", bremste Xander das allgemeine Gekicher aus. „Jetzt haben wir alle genug gelacht. Könnten wir uns bitte wieder wichtigeren Dingen zuwenden?" Er zerknüllte seine Papierserviette und ließ sie auf seinen Teller fallen. „Also! Welches Problem nehmen wir am Nachmittag in Angriff?"

„Der Wind hat nachgelassen", meinte Spike mit einem Blick aus dem Fenster. „Aber jetzt noch mit dem Dach anfangen…? Ich denke, wir schnappen uns die Fassadenfarbe und fangen an, das Haus zu streichen."

„Oh! Farbe!", sagte Xander und grinste Buffy über den Tisch hinweg an. „Mal sehen, ob ich mir genauso schöne Sommersprossen verpassen kann."

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Die Tage vergingen wie im Flug und Buffy staunte jeden Tag aufs Neue. Ihr Haus verwandelte sich langsam aber sicher in ein wahres Schmuckstück. Es hatte einen kompletten Anstrich in einem hellen Beige erhalten und auch das Dach war mittlerweile ausgebessert. Und genau darüber freute sie sich am meisten. Wind gab es hier an der Küste mehr als genug und, seitdem beides fertig war, klapperte und rasselte nichts mehr, wenn Sturmböen um das Haus pfiffen.

Sie selbst hatte den Gartenzaun gestrichen und den Vorgarten soweit auf Vordermann gebracht. Unmengen von Unkraut hatte sie aus dem kleinen Stück Garten gezogen und die großen Bäume hatte sie, so weit es ging, zurückgeschnitten.

Xander war so nett gewesen, das ganze Grünzeug mit seinem Kombi wegzufahren und Buffy musste sich eingestehen, dass sie sich in ihm geirrt hatte. Er war immer noch oft laut und vorwitzig, aber er war auch einfühlsam und besonders hilfsbereit.

Er kam noch immer fast jeden Tag um mit anzufassen und sie war ihm wirklich dankbar für seine Hilfe. Aber es war auch offensichtlich, dass er Interesse an ihr hatte und das konnte sie beim besten Willen nicht erwidern. Er war so gar nicht der Typ Mann, der ihr gefiel und sie hoffte, dass sie ihm das nicht irgendwann auf den Kopf zusagen musste.

„Sag mal", meinte er jetzt und sah zu, wie sie die Rosen vor dem Küchenfenster kürzte. „Kannst du eigentlich Billard spielen? Willow, Tara, William und ich wollen heute Abend in den Pub, um ein bisschen Dampf abzulassen. Immerhin ist Freitag und da darf man sich erholen." Er lächelte sie beinahe schüchtern an.

„Ich habe es schon mal probiert", meinte sie lächelnd. „Aber ich bin nicht besonders gut darin. Warum?"

„Ich dachte, das wäre offensichtlich", erwiderte er. „Ich wollte dich fragen, ob du mitkommst." Er nahm ihr die Rosenschere ab und hielt dann ihre Hand fest. „Es wäre wirklich nett, dich ein bisschen näher kennenzulernen."

„Xander, ich…", sie zog ihre Hand zurück und verzog das Gesicht. „Ich…"

„Schon geschnallt", meinte er leise. „Keinerlei Interesse." Seine Schultern sackten herab und er seufzte laut.

„Es tut mir leid", murmelte sie leise und ihr Blick zeigt deutlich, dass sie meinte, was sie sagte. „Aber ich…"

„Hey! Schon okay", überspielte er seine Kränkung. „Das wäre eh nie was geworden. Du bist viel zu normal für mich", flachste er und zwinkerte ihr zu. „Aber die Einladung steht trotzdem. Ich habe Tara mittlerweile so viel von dir erzählt, dass sie dich unbedingt einmal kennenlernen möchte."

„Bist du dir sicher? Ich würde verstehen, wenn du…"

„Nein. Ist schon okay. Mach dir deswegen mal keine Gedanken. Ist nicht das erste Mal, dass ich abblitze." Er winkte lässig mit der Hand. „Wir sehen uns dann heute Abend", meinte er und hob zum Abschied die Hand. „Spike wird dich bestimmt mitnehmen. Ich sag ihm noch eben Bescheid."

Buffy sah ihm hinterher und seufzte leise. ‚Das kam schneller als gedacht’, meinte sie traurig. ‚Hoffentlich war er wirklich nicht zu sehr eingeschnappt.’ Es war nicht gerade leicht, ihrem ersten neuen Bekannten hier so vor den Kopf zu stoßen. Aber ihm Hoffnung machen? Nein, das war nicht ihre Art. Sie würde es bedauern, wenn er sich jetzt von ihr abwenden würde, aber ändern konnte sie es nicht.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Es war ein seltsames Gefühl, sich wieder einmal hübsch zu machen. Seitdem sie hier in Eastport war, hatte sie hauptsächlich Jeans und irgendein Shirt getragen. Es machte wenig Sinn, aufgetakelt verstopfte Abflüsse zu reinigen oder Blätter aus der Dachrinne zu fischen. Buffy lächelte ihr Spiegelbild an. „Du hast dir einen freien Abend redlich verdient", sagte sie zu sich selbst und bürstete ihr langes, honigblondes Haar, dass heute offen bis auf ihren Rücken fiel.

Zurück in ihrem Schlafzimmer, durchwühlte sie ihren Kleiderschrank. Sie angelte eine schwarze, eng anliegende Hose heraus und wählte dazu ein langärmeliges Shirt, das einen recht waghalsigen Ausschnitt hatte. Sie drehte sich im Spiegel und stutzte. „Das ist bestimmt zu viel für Eastport", murmelte sie und zog das Shirt wieder aus. Sie würde ein farblich passendes Top unterziehen müssen, wenn sie nicht gleich auffallen wollte. Fünf Minuten später war sie ausgehbereit und als es klopfte, lief sie beschwingt zur Tür.

Erwartet hatte sie William, aber vor ihr stand eine ältere Dame aus der Blauhaarbrigade, wie er sie genannt hatte. „Guten Abend, Miss Summers", sagte die Frau freundlich und nickte ihr wohlwollend zu. „Das Haus sieht schon wieder viel besser aus. So langsam erhält es seinen alten Glanz zurück. Es war einmal eines der schönsten in Eastport und, wenn Sie weiter so daran arbeiten, dann ist es das auch bald wieder."

„Danke schön", murmelte sie etwas verwirrt. „Was kann ich für Sie tun?"

„Mein Name ist Marian Willmers und ich komme natürlich aus einem bestimmten Grund auf Sie zu. Der Mütter-Verein richtet auch dieses Jahr wieder einen Flohmarkt aus. Wir sind immer recht erfolgreich und man kann schon fast sagen, dass es ein ganz besonderes Ereignis ist. Alle Erlöse kommen wohltätigen Zwecken zu Gute und ich wollte Sie fragen, ob Sie Sich vielleicht beteiligen wollen?"

„Und wie genau stellen Sie Sich meine Unterstützung vor?", erkundigte sich Buffy vorsichtig. Sie hatte nicht die geringste Lust, hinter irgendeinem Tisch zu stehen und halbvermoderte Waren anzupreisen.

„Sie haben doch sicherlich einige Dinge im Haus, die nicht Ihrem Geschmack entsprechen und die Sie vielleicht aussortieren werden… Und bevor Sie die Dinge wegschmeißen, könnten Sie sie vielleicht an uns weiterreichen."

„Aber sicher", nickte Buffy erleichtert. Dann lachte sie. „Ich habe jede Menge Dinge, die ich weggeben könnte. Sie nehmen nicht zufällig auch Möbel?"

„Sie würden auch Möbel spenden?", freute sich Marian Willmers. „Welch eine Freude." Sie machte sich lang und spähte ins Innere des Hauses. „Eigentlich verständlich, dass eine so junge Frau wie Sie nicht mit einem solch antiquierten Mobiliar glücklich wird." Sie machte eine Pause und strahlte dabei über das ganze Gesicht. „Kennen Sie Mrs. Mullington schon? Sie ist die… die Gesellschafterin ihrer Nachbarin. Eine äußerst nette Frau, die sich sehr in die Gemeinschaft der Stadt einbringt. Sie unterstützt uns tatkräftig. Sollten Sie also noch irgendwelche Fragen haben, dann wenden Sie Sich bitte vertrauensvoll an sie. Sie kann Ihnen dann auch eine Transportmöglichkeit organisieren. Also keine falsche Scheu."

„Guten Abend, die Damen", erklang Williams Stimme und er lächelte freundlich. „Störe ich etwa?"

„Ganz im Gegenteil", erwiderte Mrs. Willmers. Allerdings warf sie interessierte Blicke zwischen Buffy und William hin und her und man sah ihr an, dass sie vor Neugierde fast platzte. „Ich war schon sehr erfolgreich", sagte sie dann und gab sowohl Buffy als auch Spike zum Abschied die Hand. „Einen wunderschönen guten Abend."

„Was war das?", erkundigte sich Spike.

„Sie wollte eine Spende für ihren Flohmarkt und war ganz aus dem Häuschen, als ich ihr Möbel angeboten habe." Buffy lachte. „Dabei bin ich froh, wenn ich den alten Krempel los bin. Sie sorgen sogar für den Abtransport. Ich soll mich an die Gesellschafterin meiner Nachbarin wenden. Eine Mrs. Mullington oder so." Wieder musste sie lachen. „Ich dachte, Gesellschafterinnen gäbe es nur in alten englischen Filmen." Doch dann stutzte sie. „Habe ich etwas Falsches gesagt?"

Spikes Blick ließ sie frösteln, doch er schüttelte den Kopf und setzte ein halbherziges Lächeln auf. „Nein. Alles okay. Ich hatte nur einen Krampf im Bein. Wenn du möchtest, dann können wir jetzt fahren."

Teil 5

Das Domino entpuppte sich als eine Art Club, der dazu noch sehr gut besucht war. Sie hatten Schwierigkeiten überhaupt einen Parkplatz zu finden und Buffy seufzte beinahe erleichtert, als sie letztendlich am hintersten Winkel eine freie Stelle fanden. William und sie hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt. Er hatte die ganze Zeit nur stumm durch die Windschutzscheibe seines schwarzlackierten Dodge Challenger gestarrt und ein Gesicht gemacht, als habe er ein Gespenst gesehen.

Für einen kurzen Augenblick hatte sie überlegt, ob sie nach dem Grund für sein verändertes Verhalten fragen sollte, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie war sich jedenfalls ziemlich sicher, dass sie nichts damit zu tun haben konnte und nun ja, schlechte Laune hatte doch jeder Mal. Außerdem hatte sie vielleicht nicht einmal das Recht, Fragen zu stellen. Immerhin waren sie keine Freunde. Oder waren sie das mittlerweile doch? Manchmal kam es ihr so vor und durch ihn hatte sie auch Willow und Xander kennengelernt.

„Auf in den Kampf", sagte Spike und dieses Mal war sein Lächeln echt. „Es ist meistens ziemlich voll hier, vor allem am Wochenende."

Sie gingen über den Schotterparkplatz und Buffy blieb plötzlich stehen. „Warte bitte eine Sekunde", sagte sie, als ihr wieder einfiel, was sie die ganze Zeit schon hatte fragen wollen. „Xander hat die ganze Zeit von einer Tara gesprochen. Kennst du sie? Ich weiß gar nichts über sie und ich möchte nicht in irgendwelche Fettnäpfchen treten."

„Sie ist Willows Freundin", erklärte er. „Ihre Lebensgefährtin."

„Oh", machte Buffy.

„Etwas nicht in Ordnung? Kommst du damit nicht klar?", fragte er und hob verwundert die Augenbrauen.

„Doch, selbstverständlich", erwiderte sie eingeschnappt. „Ich dachte nur gerade, dass es in einem solchen Ort bestimmt nicht leicht ist, anders zu sein. Bei dem ganzen Geschwätz hier. Ich weiß ja, wie die alten Tanten über mich tratschen. Die Beiden müssen einiges aushalten, schätze ich mal."

„Da magst du Recht haben", nickte er. „Aber Willow ist verdammt stur. Sie gibt niemals auf und wenn jemand gegen sie auf die Barrikaden geht, dann kämpft sie wie eine Löwin für ihre Rechte. Aber soweit ich weiß, haben die Beiden hier keinerlei Probleme. Sie sind beide hier geboren und vielleicht macht es das einfacher. Du wirst es noch merken. Willow ist eine ganz besondere Persönlichkeit und sie gibt niemals klein bei."

„Das ist gut", meinte Buffy, dann lächelte sie. „Dann können wir ja gehen."

William lachte. „Auf in die Höhle des Löwen."

 

                                                                                           *~*~*~*

 

Der Club selbst war anders als alle, die sie bisher zu Gesicht bekommen hatte. Es erinnerte stark an einen Saloon und der große Spiegel hinter der Theke verstärkte den Eindruck noch. Im hinteren Teil standen Billardtische und wenn sie das richtig sah, dann gab es sogar eine kleine Coffee-Bar, die sie später am Abend bestimmt noch aufsuchen würde.

Willow hatte sie sofort entdeckt. Zusammen mit Tara und Xander hatte sie einen großen Tisch belegt und sie wedelte aufgeregt mit den Armen. „Hey", sagte sie, als Buffy und Spike an den Tisch kamen. „Schön, euch zu sehen. Wir haben uns schon gewundert, wo ihr solange bleibt."

Buffy quetschte sich mit auf die Bank, begrüßte Tara und erzählte dann von ihrer Begegnung mit Mrs. Willmers.

„Oh", machte Willow. „Stimmt ja, der Flohmarkt. Das ist jedes Jahr eins der großen Ereignisse hier. Jedenfalls für unsere älteren Damen." Sie lächelte und griff ganz nebenbei nach Taras Hand. „Aber sie meinen es gut, auch wenn es manchmal schwer fällt, das zu glauben. Der ganze Ort ist sehr sozial eingestellt und sie kümmern sich alle sehr um die Mitbürger, die finanziell nicht auf der Sonnenseite stehen."

„Was eine gute Idee ist", befand Buffy. „Jedenfalls war sie ganz begeistert, dass ich soviel spenden wollte. Sie hat sie mächtig gefreut, das konnte man ihr ansehen."

„Möchten die Ladies etwas trinken?", erkundigte sich Xander und lehnte sich dabei weit über den Tisch. „Spike und ich sind in Geberlaune. Also raus mit den Wünschen!"

Buffy lächelte ihn an und bestellte eine Cola. Willow und Tara entschieden sich für Wasser und die beiden Männer ließen sie alleine, um an der Theke die Getränke zu organisieren.

„Es ist ganz nett hier", meinte Buffy ein paar Minuten später. Nur das übliche Anstarren der anderen Gäste störte sie gewaltig. Aber so langsam gewöhnte sie sich daran. Sie war nun mal die Neue und irgendwann würde sich die Neugierde der Menschen schon legen.

„Naja", meinte Willow und zuckte mit den Schultern. „Es ist der einzige Club hier und deswegen läuft er wahrscheinlich auch so gut. Aber ich kann nicht sagen, dass mir das Interieur sonderlich zusagt." Sie wandte sich Tara zu und lächelte sie an. „Wie siehst du das?"

Tara lächelte schüchtern. „Ich habe nie darüber nachgedacht", gestand sie leise und Buffy hatte Schwierigkeiten, ihre Stimme aus der Geräuschkulisse herauszufiltern. „Ich kenne ihn ja nicht anders."

„Ihr Bruder ist der Besitzer", lächelte Willow. „Wenn du also eine Party schmeißen willst und die passenden Räumlichkeiten brauchst… Tara hilft dir gerne."

„Sollte ich Gefahr laufen, so etwas tun zu wollen, dann komme ich gerne darauf zurück", nickte Buffy und nahm dann die Cola entgegen, die William ihr anbot. „Danke."

„Immer gerne, Chefin", grinste er sie an.

Für einen kurzen Moment fühlte sie sich unwohl, aber Willow lachte. „Du hast dir eine wirklich sehr nette Stelle gesucht. Das muss man dir lassen. Geschmack hast du."

„Weiß ich", zwinkerte er und setzte sich neben Buffy auf die Bank. „Ich bin halt ein Glückskind."

 

                                                                                           *~*~*~*

 

Zwei Stunden später tummelten sich die drei jungen Frauen auf der Tanzfläche, während es sich die Männer an der Theke bequem gemacht hatten. Buffy genoss es sehr, endlich einmal ausgelassen zu tanzen und sich dem Rhythmus der Musik hinzugeben. Sie hatte in den letzten Jahren nicht viel Gelegenheit dazu gehabt. Ihre Mom hatte sie mehrfach aufgefordert, mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, aber sie hatte es nicht über das Herz gebracht, sie in der kleinen Wohnung allein zu lassen. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Die Zeiten waren vorbei und nun begann ihr neues Leben. Sie warf ihre langen, leicht gewellten Haare zurück und strahlte Willow an, die Tara in die Arme nahm und sanft hin und herwiegte.

„Sie ist schon… ein echter Hingucker", sagte Xander zu Spike und deutete dezent auf Buffy.

„Wenn du das sagst", erwiderte Spike etwas unwirsch und setzte seine Bierflasche an die Lippen. Mit Unbehagen bemerkte er Xanders sehnsüchtige Blicke und atmete tief ein. Er hatte keinen Grund, auf seinen Freund böse zu sein und doch zog sein Magen sich zusammen, wenn er darüber nachdachte. ‚Hör auf mit dem Scheiß’, dachte er, verwirrt über seine seltsamen Empfindungen. ‚Er kann anhimmeln, wen er will!’

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?", brummte der Dunkelhaarige und schüttelte den Kopf. „Du bist den ganzen Abend schon so griesgrämig. So kenne ich dich gar nicht."

„Das gleiche kann man auch von dir behaupten", erwiderte Spike ohne auf die Frage einzugehen und betrachtete angestrengt seine Bierflasche. Er musste sich dringend ablenken und weiter auf die tanzenden Frauen zu starren, machte es nicht leichter. Er konnte nicht einmal sagen, warum er sich so über Xanders offensichtliches Interesse aufregte und er seufzte leise.

„Tja", klagte Xander theatralisch und wandte sich ihm zu. „Ich habe immerhin einen guten Grund dafür, warum ich schlecht drauf bin." Er verzog das Gesicht und seufzte. „Ich habe mir heute Nachmittag einen monstergroßen Korb eingefangen. Es war echt übel."

Spike verschluckte sich. Er hustete und schlug sich mit der freien Hand vor die Brust. „Du hast… hast sie wirklich … angesprochen?", fragte er, als der Hustenreiz abflaute.

„Sie hat es dir nicht erzählt?", antwortete er mit einer Gegenfrage. „Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie es gleich jedem auf die Nase bindet." Er warf einen verstohlenen Blick auf Buffy und verzog das Gesicht. „Was dann wohl beweist, dass sie anders ist, als die Frauen, mit denen ich es gewöhnlich zu tun habe."

Als guter Freund hätte Spike Xander jetzt wohl mit irgendwelchen nichtssagenden Floskeln aufmuntern müssen, doch er unterließ es und klopfte ihm stattdessen herzhaft auf die Schulter.

„Wer weiß", murmelte Xander und warf wieder heimliche Blicke auf die Tanzfläche. „Möglicherweise war ich nur zu vorschnell und sie braucht noch etwas mehr Zeit. So schnell gebe ich jedenfalls nicht auf."

Spike schluckte einen plötzlichen Anflug von Ärger hinunter. Warum hatte sich Xanders letzter Satz nur wie eine Kampfansage geklungen? ‚Mach dich nicht lächerlich’, schalt er sich selbst. ‚Du hast keinerlei Recht, auf irgendwen sauer zu sein!’ Er drehte sich weg, damit Xander sein Gesicht nicht sehen konnte und bestellte ein neues Bier. ‚Das kann ja noch heiter werden!

 

                                                                                            *~*~*~*

 

„Und du bist dir sicher, dass ich dein Auto fahren soll?", versicherte sich Buffy noch einmal. Es war fast Mitternacht und es war Zeit für sie zu gehen. Willow und Tara waren auch schon auf dem Weg nach Hause und Xander hatten sie irgendwie aus den Augen verloren. Nun standen sie vor Williams Wagen und Buffy hielt den Schlüssel in der Hand und starrte ihn fragend an.

„Du kannst doch Auto fahren", meinte er und schüttelte den Kopf. „Ich darf nicht mehr fahren. Ich habe dafür zuviel Alkohol getrunken."

„Sicher kann ich das", erwiderte sie. „Aber dein Wagen ist…", stöhnte sie laut und dann prasselten die Worte aus ihr heraus. „Das ist ein Klassiker und so wie er aussieht, kümmerst du dich verdammt gut um ihn. Du wärst ewig auf mich sauer, wenn ich auch nur den kleinsten Kratzer auf dem schwarzen, glänzendem Lack hinterlasse und ich will ihn nicht beschädigen. Außerdem hat er eine Schaltung und ich habe seit Ewigkeiten kein Auto mehr gefahren, dass kein Automatikgetriebe hatte."

Spike lachte leise. „Ich werde dich schon nicht lynchen", meinte er leichthin. „Aber wenn du ihn nicht fahren willst, dann müssen wir zu Fuß gehen. Taxen fahren um diese Uhrzeit nicht mehr."

Buffy dachte für einen Moment nach. Die Stadt selbst war zwar nicht sonderlich groß, aber es war alles sehr weitläufig und die Gebäude standen weit auseinander. Außerdem befand sich der Club an der Stadtgrenze und es waren mehrere Meilen bis zu ihrem Haus. „Also gut", entschied sie leise. „Aber motz mich nicht an, wenn ich den Motor hochjage oder den Gang nicht richtig treffe."

„Ich werde es versuchen", versprach er und öffnete ihr die Tür. Dann ging er um den Wagen herum und setzte sich erwartungsvoll auf den Beifahrersitz.

Fünf Minuten später starrte Buffy noch immer in die Dunkelheit, die sich hinter dem unbeleuchteten Parkplatz ausbreitete und Spike lachte wieder. „Du wirst den Wagen schon starten müssen. Von alleine wird er nicht fahren."

Sie bedachte ihn mit einem finsteren Blick, orientierte sich einen Moment und trat dann die Kupplung durch, um den Motor zu starten. Einigermaßen erleichtert atmete sie ein. „Das hat ja schon mal geklappt." Sie ließ sich von Spike den Rückwärtsgang zeigen und wenige Minuten später rollten sie langsam auf die Straße.

„Ich hab dir doch gesagt, dass du es kannst", munterte Spike sie auf. „Er ist nicht abgesoffen und gejault hat er auch nicht."

„Noch nicht", lachte Buffy, doch langsam fühlte sie sich sicherer. Sie hatte selbst einmal einen alten Käfer mit Schaltung gefahren. Aber das war ihr erstes Auto gewesen und war schon ein paar Jahre her. Aber was man einmal gelernt hatte, vergaß man nicht völlig und es dauerte nicht lange, bis sie sich ein bisschen entspannte und die Fahrt ruhiger wurde. Zehn Minuten später bog sie auf ihre Auffahrt ein und seufzte erleichtert, während sie den Schlüssel abzog und William überreichte. „Zuhause", murmelte sie. „Ohne Kratzer, Beulen oder einem Totalschaden."

Sie stiegen aus und Buffy fröstelte. „Es ist kalt geworden", meinte sie und blickte hinauf in den sternenklaren Nachthimmel. „Ich glaube, dass dieser Winter verdammt hart wird. Ich überlege wirklich, ob ich mir nicht doch noch einen dieser Holzöfen einbauen lassen sollte."

Und da William nicht antwortete, sah sie ihn an und bemerkte, dass er in das Gebüsch auf der anderen Seite ihres Hauses starrte. „Alles okay?", fragte sie verwirrt.

„Geh ins Haus! Schnell", er gab ihr einen heftigen Stoß in die richtige Richtung und sprang dann beherzt über den Gartenzaun.

Völlig verwirrt starrte sie ihm hinterher, nicht sicher, wie sie reagieren sollte. Sie sah, wie er um die Hausecke rannte und hörte Sekunden später Laute wie von einem Kampf. Sie zuckte zusammen, als ein Schuss durch die Luft gellte und lauschte ängstlich in die eisige Stille, die darauf folgte.

Teil 6

Stocksteif stand sie da, wie festgewachsen. Eisige Schauer rannen über ihren Rücken und die Panik in ihrem Inneren wuchs beständig, nahm ihr die Luft zum Atmen und ließ sie leise keuchen. Ihr Verstand befahl ihr zu rennen, sich im hintersten Winkel zu verstecken, aber ihr Gewissen hielt sie zurück.

„William", murmelte sie mit einer Stimme, die nicht die ihre war. Dann nahm sie allen Mut zusammen, der ihr geblieben war und atmete tief ein. Wie in Zeitlupe bewegte sie sich auf die Hausecke zu, hinter der er verschwunden war und erschreckte fast zu Tode, als er plötzlich vor ihr auftauchte.

Woher die Wut in ihr kam, vermochte sie nicht zu sagen, aber sie wollte ihn anschreien und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass er äußerst blass war und sich mit der Hand die linke Schulter hielt. „Oh mein Gott", murmelte sie fassungslos. „Was ist passiert?"

„Später", sagte er und deutete mit dem Kopf auf die Tür. „Lass uns erst ins Haus gehen."

Mit zittrigen Fingern steckte sie den Schlüssel ins Schloss und huschte hinein. Sie machte Licht, zog ihn hinein und verschloss die Tür sofort wieder. Vollkommen durcheinander starrte sie ihn an, doch dann schüttelte sie ihre Beklemmung ab und zog ihn in die Küche. „Zieh dein Shirt aus", sagte sie und kramte den Verbandskasten aus einem der Unterschränke. „Ich will mir das angucken."

William tat wie ihm befohlen. Allerdings stöhnte er unterdrückt auf, als er den linken Arm von dem blutdurchtränkten Stück Stoff befreite und er atmete tief ein.

„Wer war das? Hast du ihn gesehen? Was ist hier überhaupt passiert?" Buffy stellte den Verbandskasten auf den Tisch und öffnete ihn fahrig.

„Keine verdammte Ahnung", brummte Spike und versuchte seine Wunde zu untersuchen. Auf seinem Oberarm war eine tiefe Schramme. Sie brannte mörderisch und blutete stark.

„Lass das", schimpfte Buffy, als sie seine Bemühungen sah. „Deine Hand ist ganz schmutzig." Sie flitzte durch den Raum, holte zwei saubere Tücher und eine Schüssel mit warmem Wasser. „Bist du gestürzt?"

„Nein", schüttelte er den Kopf. „Ich hab den Kerl umgerannt und wir sind zusammen zu Boden gegangen."

„Warum machst du solche Sachen?", tadelte sie. „Das hätte übel ausgehen können." Mit einem nassen Tuch wischte sie das verlaufene Blut von seinem Arm und beeilte sich dann, die Wunde zu versorgen. Sie angelte einen sterilen Wundverband aus dem Verbandskasten und wickelte einen elastischen Verband darüber.

„Ich dachte, das wäre ein Einbrecher", meinte er und sah ihr dabei zu, wie sie das restliche Blut abwischte und hinterher seinen Arm trocken rubbelte. „Ich habe nicht viel sehen können. Nur, dass jemand an der Ecke im Gebüsch stand."

„Selbst wenn", tadelte sie. „Es war viel zu gefährlich." Zorn pochte in ihrer Kehle und es blieb ihr gar nichts übrig, als ihn herauszulassen. „Manchmal seid ihr Männer einfach unglaublich! Also ehrlich! Es hätte sonst was passieren können. Stell dir mal vor, die Kugel hätte dich an einer anderen Stelle getroffen! Dass ihr immer den Helden spielen müsst!" Doch dann beherrschte sie sich. Sie hatte kaum das Recht, ihm irgendwelche Vorwürfe zu machen. „Du hast wirklich Glück gehabt", meinte sie nur und räumte die gebrauchten Sachen zusammen. „Es war Gott sei Dank nur ein Streifschuss."

„Danke", sagte er, lehnte sich zurück und betrachtete ihr Werk. „Hast du irgendeine medizinische Ausbildung?", erkundigte er sich, da der Verband perfekt gewickelt war.

Ihre Vorwürfe ignorierte er völlig und sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel. „Nein. Meine Mutter hatte in den letzten Monaten Schwierigkeiten mit offenen, wund gelegenen Stellen und ich…." Sie stockte und schüttelte wütend den Kopf. „Vergiss das jetzt! Wir müssen die Polizei anrufen und vielleicht sollten wir dich sicherheitshalber in ein Krankenhaus schaffen."

„Nein!", schüttelte er vehement den Kopf. „Weder das Eine noch das Andere!"

„Aber wir können doch nicht… einfach gar nichts tun", regte Buffy sich auf und kippte die Schüssel mit dem blutigen Wasser in den Ausguss. „Man hat auf dich geschossen!"

„Und was sollen wir der Polizei erzählen? Das ich einem Phantom hinterher gejagt bin?", er lachte gehässig auf. „Hast du die Dorfsheriffs schon mal gesehen? Die beiden sind wie Pat und Patterchon! Die werden wahrscheinlich nicht ein Wort von dem verstehen, was ich sage." Er sah sie an, blickte in ihr verängstigtes, gleichzeitig sehr besorgtes Gesicht und musste schwer schlucken. Sie war wirklich bedeutend mehr, als einfach nur schön. Und ausgerechnet Xander hatte das auf seine komische Art und Weise schneller wahrgenommen als er. „Buffy", sagte er sanft. „Wahrscheinlich waren das nur ein paar Halbstarke, die ihrem Vater die Knarre geklaut haben und sich gerade groß und erwachsen vorkommen. Nimm das nicht zu ernst. Hier in Eastport gibt es so gut wie keine Kriminalität."

Doch Buffy hatte nur das Wort mehrere gehört und machte große Augen. „Wie viele waren es?", fragte sie perplex und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

„Zwei", erwiderte er und zuckte mit den Schultern. „Denke ich zumindest." Er zeigte auf seinen Verband. „Das war kein gezielter Schuss. Er hat sich gelöst, als ich den Kerl umgerannt habe."

„Aber…", versuchte sie zu widersprechen und seufzte dann. „Ich kann dich sowieso nicht dazu überreden, es zu melden, oder?"

„Nein", lächelte er. „Wir wollen ja nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen."

„Eine Mücke würde ich das nicht gerade nennen", sagte sie und stand auf. „Ich brauche jetzt einen Kaffee. Möchtest du auch einen?" Sie verstand sein Verhalten nicht. Sie konnte nicht begreifen, wie er diesen Überfall so einfach abtun konnte und in ihrem Innern entfachte ein Streit. Sollte sie ohne seine Zustimmung die Polizei benachrichtigen oder sollte sie sich darauf verlassen, was er dachte?

„Ja, gerne." Er sah ihr zu, wie sie Wasser in die Kanne laufen ließ und seufzte innerlich. Langsam wurde es gefährlich und er musste unbedingt besser aufpassen. Vor allem durfte er jetzt keine Gefühle aufkommen lassen. „Du hast nicht zufällig noch welche von den Schokoplätzchen?"

Eine Stunde später sackten Buffy Schultern langsam herab und ihre Augenlider wurden schwer. „Ich trau mich gar nicht, ins Bett zu gehen", seufzte sie. „Ich kann bestimmt nicht einschlafen." Sie hatte sich breitschlagen lassen. Sie würde die Polizei nicht informieren, auch wenn eine kleine Stimme in ihrem Kopf noch immer dagegen protestierte.

William lächelte sie spitzbübisch an. „Du schläfst doch jetzt schon."

„Aber nur, weil du hier bist", gestand sie leise. „Wenn ich gleich allein im Haus bin…"

„Ich kann hier schlafen", bot er an und verbesserte sich schnell. „Auf der Couch. Du hast doch bestimmt eine Decke für mich."

„Das würdest du tun?" Buffy starrte ihn aus trüben Augen an. „Wirklich?", fragte sie und lächelte, als er nickte.

„Selbstverständlich", erwiderte er. „Immerhin bin ich für deine Unruhe verantwortlich."

„Danke", meinte sie sachte, ging ins Wohnzimmer und suchte eine Decke und Kissen zusammen. „Ich bin wirklich geschafft", gab sie zu und gähnte herzhaft. „Ich verschwinde dann in mein Bett."

William sah ihr hinterher, wie sie trägen Schrittes die Treppe hinaufging. Er wartete einen Moment und ging dann durch die untere Etage, um alle Fenster und Türen zu kontrollieren, die nach draußen führten. Das Märchen mit den Halbstarken hatte er sich nur für sie ausgedacht und er war froh, dass sie es hingenommen hatte, ohne zu sehr dagegen aufzubegehren. Er setzte sich auf das Sofa und seufzte. Jetzt wurde es riskant und auch, wenn er damit gerechnet hatte… er wollte Buffy auf keinen Fall mit in seine Angelegenheiten ziehen. Die große Frage war nur, ob sie nicht schon lange mittendrin steckte.

 

                                                                                           *~*~*~*

 

Der Morgen kam schneller als erwartet. Trotz ihrer Furcht war sie recht schnell eingeschlafen und als der Wecker sie am nächsten Morgen um sieben Uhr aus dem Schlaf riss, hätte sie ihn am liebsten ignoriert. Aber dann setzte ihr Verstand wieder ein und sie schälte sich aus dem Bett. Sie musste unbedingt noch einmal mit William reden. Es wäre wirklich angebracht, die Polizei einzuschalten und sie verstand überhaupt nicht, warum er sich so dagegen wehrte.

Der warme Wasserstrahl der Dusche tat gut und sie hätte ihn am liebsten gar nicht wieder ausgestellt. Doch es nützte alles nichts. Erstens musste sie sich so langsam wieder um ihre Arbeit kümmern und zweitens musste sie sich überlegen, mit welchen Argumenten sie William gegenübertreten sollte.

Keine zehn Minuten später lief sie die Treppe hinab und der Duft von frischem Kaffee strömte ihr entgegen. William war bereits aufgestanden und hatte sich angezogen. Was auch bedeutete, dass er bereits in seinem Appartement gewesen sein musste und somit schon länger wach war als sie. Als sie in die Küche kam, bemerkte sie erstaunt, dass er nicht nur alle Spuren der gestrigen Nacht beseitigt hatte, er hatte auch noch Frühstück vorbereitet.

„Guten Morgen", sagte er, als er sie bemerkte. „Gut geschlafen?"

„Ja, danke", erwiderte sie und sah ihn an. „William, ich möchte gerne noch einmal über die letzte Nacht reden", meinte sie und sah ihn leicht zusammenzucken. „Ich bin immer noch der Meinung, dass wir die Polizei einschalten sollten. Vielleicht waren es wirklich nur ein paar jugendliche Halbstarke und wahrscheinlich hast du Recht, wenn du sagst, es gibt hier in Eastport kaum Kriminalität… Aber ich finde es schon sehr merkwürdig, dass sich diese Kids ausgerechnet hier herumtreiben."

„Setz dich doch erstmal", meinte er sanft und deutete auf einen Stuhl. „Ich habe mir schon gedacht, dass du dir darüber noch Gedanken gemacht hast." Er nahm die Kaffeekanne und goss ihr ein. „Ich konnte nicht sonderlich gut schlafen", gestand er dann. „Immerhin wird man nicht sehr oft angeschossen." Er stellte die Kanne zurück auf die Wärmeplatte und sah sie an. „Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass sich nichts ändert, wenn wir der Polizei Meldung machen. Ich war schon draußen, bin komplett ums Haus gegangen. Es gibt nirgendwo auch nur den kleinsten Anhaltspunkt dafür, dass sie versucht haben einzudringen."

Buffy starrte in ihre Kaffeetasse. „Also gut", gab sie sich geschlagen. „Aber wenn noch mal irgendwas Auffälliges passiert, dann …"

„…melden wir das sofort", versprach er lächelnd. Eine lange Zeit sah er sie an, dann zuckte er mit den Schultern. „Ich weiß, es klingt bestimmt seltsam. Aber irgendwie ist es kaum zu glauben, dass wir uns erst eine gute Woche kennen."

„Ich weiß, was du meinst", nickte sie. „Aber mit Willow und Xander ergeht es mir genauso." Sie trank einen Schluck Kaffee und sah ihn über den Rand der Tasse an. „Aber ihr habt es mir auch sehr leicht gemacht."

„Das scheint hier so üblich zu sein", grinste er. „Ich war kaum zwei Tage in Eastport, da war Xander auch schon einer der besten Kumpels, die ich je hatte."

„Er ist… versteh das nicht falsch, aber er ist schon etwas seltsam. Manchmal habe ich das Gefühl, er ist einfach ein zu groß geratenes Kind und auf der anderen Seite ist er sehr ernst, zuvorkommend und auch sehr beschützend." Sie sah ihn an und überlegte, ob sie von seinen Annäherungsversuchen erzählen sollte. Aber dann entschied sie sich dagegen. Freunde hin oder her. Das ging ihn einfach nichts an.

„Du hast ihn recht gut beschrieben", nickte Spike. „So ist er halt. Aber hinter dieser seltsamen Kauzigkeit versteckt er eine Menge. Aber er ist ein guter Kerl und ich weiß, dass ich mich immer auf ihn verlassen kann."

Eine Pause entstand. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen und es war William, der das Schweigen unterbrach. „Hast du dir schon überlegt, welche Dinge von deiner Liste wir heute erledigen sollen?"

„Du willst arbeiten?", fragte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Du bist verletzt. Vielleicht solltest du dir ein paar freie Tage gönnen."

„Ach was", grinste er. „Es ist der linke Arm und da ich Rechtshänder bin… Und solange ich keine Bäume ausgraben soll, wird es schon gehen."

„Wenn du meinst", sagte sie wenig überzeugt. „Möglicherweise solltest du dann den irgendwas von dem Kleinkram erledigen. Vielleicht die undichten Fenster im Esszimmer abdichten oder die eine Schlafzimmertür abschleifen, die immer über den Boden schrammt." Sie zuckte mit den Schultern. „Such dir einfach was aus. Aber übertreib es nicht." Sie seufzte leise. „Und ich muss mich so langsam wieder an meine Arbeit machen. Auch wenn ich heute keinerlei Lust dazu habe."

Teil 7

Zwei Tage waren seit dem seltsamen Überfall vergangen und Buffy fühlte sich langsam wieder sicherer. Die Nächte waren vollkommen ruhig verlaufen und mittlerweile glaubte sie, dass William mit seiner Vermutung Recht hatte. Wahrscheinlich waren es wirklich nur Jugendliche gewesen, die ihren Spaß auf eine etwas seltsame Art und Weise suchten.

Aus Detroit war sie an viel Schlimmeres gewohnt und doch gefiel es ihr immer noch nicht. Aber was sie auch nicht wollte, war eine ganze Stadt in Panik zu versetzen. Denn genau darauf lief es hinaus, wenn ihre Mitmenschen wieder zu tratschen begannen. Sie hatte sich mit William darauf geeinigt, niemanden von dem Vorfall zu erzählen und auch, wenn sie nicht damit einverstanden war, würde sie sich an die Abmachung halten.

Sie parkte ihren Wagen direkt vor der Garage und öffnete den Kofferraum. Wenn man die ganzen Papiertüten so betrachtete, dann schien es, als habe sie halb Eastport leer gekauft. Sie lächelte sachte und hob die erste Tüte heraus. Für heute Abend hatte sie ihre neuen Freunde zum Essen eingeladen und natürlich wollte sie sich von der besten Seite präsentieren. Wahrscheinlich hätte sie mit den ganzen Lebensmitteln eine Armee versorgen können, aber so war sie nun mal. Besser zuviel als zu wenig. Das war ihre Devise und daran hielt sie sich nur zu gerne.

„Miss Summers?", fragte eine Stimme hinter ihr und sie drehte sich herum. „Ja, bitte."

„Sie kennen mich nicht", fing die Frau mittleren Alters an. „Aber ich denke, Mrs. Willmers hat mich schon angekündigt." Sie reichte Buffy die Hand und lächelte freundlich. „Mein Name ist Mullington. Amelia Mullington."

„Oh, aber natürlich", lächelte Buffy und stellte die Papiertüte zurück in den Kofferraum. „Sie kommen wegen der Möbel."

„Ganz genau", lächelte Amelia Mullington. „Haben sie sich schon entschieden, was sie hergeben möchten? Ich habe mit Mrs. Willmers gesprochen und wenn es ihnen Recht ist, dann könnten wir für morgen Nachmittag einen Transporter bereitstellen. Sie ist ja so aufgeregt. Eine solche Spende hatte sie nicht erwartet und sie überlegt schon, wie sie Ihre schönen Sachen am besten präsentieren kann. Mrs. Willmers hat sogar einen Lastwagen mit extra großer Ladefläche bestellt. Nun wartet sie nur noch auf Ihre Zusage."

„Ich müsste kurz mit William darüber sprechen", meinte sie und sah, wie die Frau erstaunt die Augenbrauen hob. „Er hat sich kürzlich am Oberarm verletzt und ich weiß nicht, ob er schon wieder so schwere Sachen heben kann", erklärte sie, offenherzig, wie sie nun mal war.

„Mr. McTearney arbeitet also für sie?" Sie hustete. „Ich muss gestehen, dass wir etwas erstaunt waren." Sie zeigte auf ein Haus, dass etwas hundert Meter entfernt stand. „Mrs. Alberts und ich waren doch etwas verwundert, als sein Wagen auch nachts stehen blieb. Wissen Sie, hier achtet man sehr auf seine Nachbarn und deswegen waren wir ein wenig verwirrt."

Buffy hätte am liebsten laut geseufzt. Das war wieder so typisch für Eastport. Jeder spionierte dem Nachbarn hinterher und das Schlimme daran war, dass es jeder für völlig in Ordnung hielt. Manchmal war es nicht das Schlechteste, möglichst wenig mit den Nachbarn zu tun zu haben und sie erinnerte sich dann gerne an die ruhigen Zeiten in dem Wohnblock in Detroit. „Mr. McTearney wohnt in dem Appartement über der Garage", erklärte sie überdeutlich. „Ich brauchte einen Handwerker und er suchte einen Job." Am liebsten hätte sie „aber das geht Sie allerdings einen Scheißdreck an" angehängt, aber sie unterließ es dann doch.

Doch Mrs. Mullington hatte ihre veränderte Haltung durchaus bemerkt und sie hatte den Anstand, für einen Moment verschämt zur Seite zu blicken. „Wir wollten Sie nicht beleidigen", versicherte sie. „Aber heutzutage weiß man ja nie, wem man vertrauen kann. Und da er doch noch sehr neu in der Stadt ist und auch über seine Familie nichts bekannt ist… Man weiß ja nie, ob die Leute die Wahrheit sagen, wenn man nachfragt."

„Da mögen Sie Recht haben", brummte Buffy und realisierte, dass sie die Frau vor sich nicht ausstehen konnte. Sie war mit ihren geschätzten fünfzig Jahren noch nicht alt genug, um der hiesigen Blauhaarbrigade anzugehören, aber soweit Buffy wusste, war sie selbst vor nicht allzu langer Zeit hergezogen, um sich um die hinfällige Mrs. Alberts zu versorgen.

„Soll ich heute Nachmittag noch einmal wiederkommen?" holte Mrs. Mullington sie aus ihren Gedanken. „Es wäre wirklich kein Problem. Mrs. Alberts ruht am Nachmittag und ich hätte die Zeit für einen zweiten Besuch."

„Nein", erwiderte Buffy trotzig. „Das kläre ich sofort." Sie knallte den Kofferraumdeckel zu, damit die lästige Frau nicht auch noch ihre Einkäufe durchforsten konnte und ging in den Garten, wo Spike den ganzen Morgen schon damit beschäftigt war, den Gartenzaun zu streichen.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?", erkundigte er sich erstaunt. Buffy hatte vor ihrem Einkauf gute Laune gehabt und sich sehr auf den bevorstehenden Abend gefreut. „Alles okay?"

„Die Laus heißt Amelia Mullington und steht vor der Garage", brummte sie. Doch dann winkte sie mit der Hand ab. „Vergiss es. Ich kann nur diesen verdammten Tratsch nicht mehr hören."

„Um was ging es denn?", horchte er vorsichtig auf.

„Ach, scheinbar verurteilen diese Damen mein Lotterleben." Sie murmelte leise vor sich hin. „Sie haben sich darüber echauffiert, dass du hier eingezogen bist. Wahrscheinlich denken sie, du und ich…"

„Oh, verstehe", erwiderte er und räusperte sich. „Und was genau wollte sie von dir?"

„Es geht um die Möbel für den Flohmarkt. Sie haben wohl für morgen einen Transporter organisiert und ich wollte dich fragen, ob du mit deinem verwundeten Arm schon so schwer tragen kannst." Sie sah ihn an und verzog trotzig das Gesicht. „Ich hätte nicht übel Lust, den ganzen Schund in den Garten zu schleppen und ein nettes Feuerchen anzufachen."

William lachte. „So rebellisch kenne ich dich gar nicht."

„So bin ich auch sonst nicht", murrte sie. „Nur, wenn man mich ärgert!" Dann atmete sie tief ein. „Also, kannst du schon wieder so schwer heben? Wenn nicht, dann können die sich ihre Möbel sonst wo hinstecken."

„Ich denke, es wird gehen. Und Xander hilft bestimmt auch gerne. Wir können ihn ja heute Abend fragen." Er sah sie an und zuckte mit den Schultern. „Du musst das alles nicht zu ernst nehmen", meinte er dann. „Die meisten alten Damen haben kein eigenes Leben und deswegen stürzen sie sich auf deins." Er legte den Pinsel auf den Farbeimer und streckte sich. „Aber wenn du Zeit hast, dann könntest du vielleicht schon kleine Aufkleber an die Sachen machen, die raus sollen." Er lachte verschmitzt. „Nicht, dass wir dir morgen die ganze Bude ausräumen."

„Einverstanden", nickte Buffy und lächelte. „Aber ich bin ja auch da. Ich passe schon auf, dass meine guten Sachen stehen bleiben." Sie drehte sich um und stöhnte. „Dann werde ich der blöden Tante zusagen. Und ich hoffe schwer, dass ich sie so schnell nicht wieder sehe." Sie machte sich auf den Rückweg und grummelte unablässig vor sich hin. „Furchtbar so was. Die sollten ihre Nasen nicht immer in Angelegenheiten stecken, von denen sie keinerlei Ahnung haben!"

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Das Abendessen war ruhig und sehr angenehm verlaufen. Jeder ihrer neuen Freunde hatte ihre Kochkünste gelobt und Buffy fühlte sich wohl in ihrer Umgebung. Xander hatte sofort seine Unterstützung angekündigt, als sie ihn um Mithilfe gebeten hatte und eifrig in die Hände geklatscht. „Körperliche Anstrengungen. Wie ich sie liebe!"

Buffy hatte sich an ihrem Wein verschluckt und Willow hatte laut losgelacht. „Du und deine Zweideutigkeiten."

„Warum?", erwiderte er gespielt erstaunt, doch dann hatte er nicht mehr an sich halten können und ebenfalls gelacht. „Aber morgen gebe ich mich mit Möbel schleppen zufrieden."

„Dir wird auch wohl nichts anderes übrig bleiben", hatte Spike gebrummt und sich dafür einen neugierigen Blick von Willow eingefangen.

„Schade, dass Tara nicht da ist", meinte Buffy, die anscheinend nichts mitbekommen hatte. „Ich hätte sie gern näher kennengelernt. Im Domino war es hinterher so laut, dass man seine eigene Stimme kaum noch hören konnte." Sie sah Willow fragend an. „Ist sie wirklich so schüchtern, oder irre ich mich?"

„Tara ist von Natur aus sehr zurückhaltend", nickte Willow. „Es dauert immer eine Weile, bis sie auf neue Menschen zugeht. Aber das darfst du keinesfalls missverstehen." Sie seufzte leise und zuckte traurig mit den Schultern. „Sie hat eine fürchterliche Familie und in ihrem bisherigen Leben nicht viel Glück gehabt." Dann lächelte sie. „Aber jetzt bin ich ja da und werde auf sie aufpassen."

„Und das machst du bestimmt gut", nickte Buffy zustimmend. „Aber eigentlich sollte man doch davon ausgehen, dass Eltern sich gut um ihre Kinder kümmern. Meine Mom", sie seufzte, „sie war krank, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie einmal nicht für mich da gewesen ist."

„Da hat nicht jeder soviel Glück wie du", sagte jetzt Xander. „Aber lass uns das Thema nicht vertiefen. Wir sollten lieber über etwas Netteres reden." Er machte eine Pause und suchte fieberhaft nach einem anderen Thema. „Hast du schon eine Ahnung, wie du dich einrichten willst? Ich bin ehrlich gesagt gespannt, was du aus diesem Haus noch alles machen wirst."

„Ich habe an einen Ofen gedacht", meinte Buffy nachdenklich. „Lieber wäre mir ein Kamin", sie zeigte auf die lange Wohnzimmerwand. „Da würde er sich gut machen. Aber wahrscheinlich ist das kaum realisierbar. Zumindest vorerst. Ich muss erst wieder einen vernünftigen Auftrag einheimsen, um über größere Investitionen nachzudenken."

„Aber von der Planung her wäre es kein Problem", meinte Spike, der immer noch auf die Wand starrte. „Es ist eine Außenwand und der Aufwand wäre recht gering. Zumindest für den Abzug."

„Es wäre bestimmt toll, sich im Winter vor dem Kamin zu lümmeln", schwärmte nun Willow. „Vor dem warmen Feuer sitzen und gleichzeitig durch das Fenster den Schneeflocken beim Rieseln zusehen."

„Oh, hört auf", brummte Buffy. „Ihr macht es mir nicht gerade leichter, darauf zu verzichten."

„Aber sie hat Recht", mischte sich Xander in das Gespräch ein. „Ein nettes Bärenfell, eine Flasche Champagner…"

„Typisch", grinste Willow. „Wer sonst würde solche Sprüche klopfen?"

„Hey", beschwerte sich der Dunkelhaarige. „Was kann ich für meine romantische Ader? Und sag nur nicht, dass du selbst nicht schon deine Gedanken weitergesponnen hast. Vor wegen dem Schnee beim Rieseln zuzusehen. Hah! Dafür kenne ich dich lange genug. Ich weiß, dass du lange nicht so harmlos bist, wie du immer vorgibst."

Sie zankten sich ein bisschen und Spike grinste Buffy über den Tisch hinweg an. „Da hast du dir ein paar nette Freunde ausgesucht."

„Da gehörst du auch zu", brummte Xander, der das nicht überhört hatte. „Ich weiß gar nicht, was ihr alle wollt! Ich sage jedenfalls, was ich denke!"


                                                                                      *~*~*~*

 

Eine Stunde später löste sich die Gruppe langsam auf. Willow und Xander verabschiedeten sich und der Dunkelhaarige versprach erneut, am morgigen Nachmittag auszuhelfen. „Ruft mich an, sobald der Transporter da ist. Zehn Minuten später bin ich dann hier."

Buffy winkte den Beiden zu und drehte sich dann zu Spike um, der die benutzten Teller in die Küche trug. „Das musst du nicht." Sie zwinkerte ihm zu. „Heute Abend warst du mein Gast."

„Das weiß ich", erwiderte er und lächelte sie an. „Aber da wir meinen Stundenlohn noch nicht neu verhandelt haben, zeige ich mich von der besten Seite." Dann hob er abwehrend die Hände. „War nur ein Scherz. Du bezahlst mir mehr als genug, dafür, dass ich auch noch hier esse und wohne."

Dreißig Minuten später waren alle Zimmer wieder im Urzustand und Buffy gähnte herzhaft. „Ich bin ziemlich müde, muss ich gestehen."

„War ja auch ein langer Tag", erwiderte Spike und ließ seinen Blick durch Wohn- und Esszimmer schweifen. „Wie ich sehe, hast du wirklich schon überall Aufkleber dran."

„Die Idee war gut", nickte Buffy. „So kann ich besser mit anpacken und muss nicht die ganze Zeit aufpassen, wer was herausträgt."

„Du willst das Bild aber nicht wirklich behalten, oder?", erkundigte er sich, als sein Blick darauf fiel. Es zeigte eine schrecklich blutige Jagdszene mit erlegtem Rotwild und er runzelte die Stirn. „Das passt nicht zu dir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es hier haben willst."

„Ganz sicher nicht", lachte Buffy, die sein Erstaunen belustigte. „Aber ich hatte keine Klebezettel mehr." Sie ging auf das Bild zu. „Wir nehmen es besser gleich ab und stellen es an die Tür. Damit es morgen nicht übersehen wird."

„Warte, ich helfe dir", meinte Spike, aber da hatte sie das Bild mit dem schweren Holzrahmen schon abgenommen. „Oh", meinte er und zeigte auf die Wand dahinter.

„Was denn?", erkundigte sie sich und drehte sich mit dem Gemälde in der Hand um. „Was ist das?" Sie lehnte das Bild gegen die Couch und sah sich die Wand genauer an. „Ein kleiner Schrank, der in die Wand eingelassen ist", murmelte sie fassungslos. Sie versuchte ihn zu öffnen, doch er war offensichtlich abgeschlossen und sie runzelte die Stirn. „Ist ja seltsam."

„Wenn du mich fragst, dann ist das eine Art Safe", meinte Spike, nicht weniger beeindruckt als sie. „Dein Großonkel scheint ein vorsichtiger Mann gewesen zu sein." Er trat näher und sah sie an. „Du hast nicht zufällig einen Schlüssel dafür?"

„Nein", meinte sie, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Doch. Oder besser gesagt vielleicht. Ich habe alle Schlüssel, die ich gefunden habe, in eine kleine Kiste gelegt." Sie lief in die Küche und kam mit dem kleinen Kästchen zurück. „Halt mal", forderte sie Spike auf und kramte darin herum. „Nein, der ist zu groß. Der auch. Aber dieser könnte passen." Sie nahm ihn heraus und strahlte ihn an. „Drück die Daumen." Sie schleifte einen der Stühle aus dem Esszimmer heran, stellte sich drauf und steckte den Schlüssel ins Loch. „Sesam öffne dich", murmelte sie und hielt die Luft an.

Teil 8

„Ich kann es wirklich nicht glauben", murmelte Buffy durcheinander und starrte auf den uralten Schuhkarton, den sie im Inneren des kleinen Safes gefunden hatten. Sie hatte den Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet und nahm eines der darin gefundenen Papiere in die Hand. „Einfach unglaublich!"

„Du solltest es aber glauben", meinte Spike und sein Gesicht schien versteinert. Er stand am Küchentresen und pustete kalte Luft auf den frisch gebrühten Kaffee. Es war beinahe Mitternacht und seine Müdigkeit war wie weggeblasen. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet und von nun an musste er noch besser aufpassen. Er musste sich noch mehr Mühe geben und auf jede noch so kleine Andeutung achten. Vor Buffy lagen mindestens 500.000 Dollar. Die meisten davon in Wertpapieren und Aktien festgelegt, aber auch Bargeld, Münzen und Schmuck. „Jetzt kannst du dir deinen Kamin locker leisten", sagte er leise und sah sie aufmerksam an.

„Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll", murmelte sie mit Tränen in den Augen. „Ich bin so durcheinander. Ich…" Sie schluchzte haltlos.

„Hey", meinte er sanft und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Deswegen musst du doch nicht traurig sein."

„Bin ich auch nicht", erwiderte sie, schaffte es aber nicht, mit dem Weinen aufzuhören. „Das ändert alles. Mein ganzes Leben ist jetzt auf den Kopf gestellt." Sie hielt sich die Hände vor das Gesicht und schluckte hörbar. „Und ich kann mich nicht einmal mehr dafür bedanken. Und was noch dazu kommt… ich kannte meine Großtante nicht einmal." Dicke Tränen kullerten aus ihren Augen und sie sah ihn hilflos an. „Ich habe das nicht verdient."

„Das hätte sie bestimmt anders gesehen", versuchte er sie aufzumuntern. Es war enorm schwer, sie nicht in den Arm zu nehmen und er kämpfte mit sich selbst, als er ihre Verwundbarkeit sah. „Immerhin bist du ihre letzte noch lebende Verwandte. Sie hätte es dir bestimmt gegönnt."

„Was mache ich jetzt damit?", schluchzte sie und zeigte auf den Karton. „Ich kann ihn doch nicht einfach so liegenlassen."

„Wir sollten ihn sicherheitshalber zurück in sein altes Versteck bringen und auch das Bild wieder aufhängen. Und morgen solltest du als allererstes zur Bank fahren und dir Hilfe suchen, für all die Aktien und anderen Papiere." Er zuckte mit den Schultern. „Ich an deiner Stelle würde wissen wollen, wie viel Geld es zusammen ist."

„Du hast Recht", nickte sie und wischte sich energisch die Tränen weg. Dann sah sie ihn an. „Ist das alles nur ein Traum?"

„Ich würde es eher ausgleichende Gerechtigkeit nennen", sagte er leise. „Dein Leben war bisher nicht gerade sonderlich angenehm. Von nun an wird sich das ändern."

„Ja", lächelte sie. „Und ich lass mir einen riesengroßen Kamin einbauen!" Doch dann wurde ihre Miene wieder ernst. „Das ist einfach unglaublich", meinte sie. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Bestimmt wache ich morgen auf und alles ist beim Alten."

„Nein", erwiderte er kopfschüttelnd. „Du wachst morgen auf und wirst eine wohlhabende junge Frau sein, die sich endlich all ihre Wünsche erfüllen kann."

„Danke", murmelte sie, überwältigt von seiner Unterstützung. „Vielleicht klingt das jetzt überzogen, aber ich wüsste wirklich nicht, wie ich das ohne deine Hilfe überstanden hätte."

„Schon okay", erwiderte er verlegen. Er stellte seine nun leere Tasse in die Spüle und nickte ihr zu. „Ich werde jetzt ins Appartement verschwinden. Der Tag und vor allem der Abend waren doch recht ereignisreich. Du solltest dich auch hinlegen", meinte er. „Versuch jedenfalls ein bisschen zu schlafen."

„Ich werde es versuchen", meinte sie und ein breites Grinsen zierte plötzlich ihr Gesicht. „Aber ich glaube kaum, dass ich auch nur ein Auge zubekomme."

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Die Nacht war endlos und Buffy war heilfroh, als endlich die ersten Sonnenstrahlen ihr Zimmer erhellten. Sie war so oft aufgestanden und hatte nachgesehen, ob der Schuhkarton noch an seinem Platz war, dass sie gar nicht erst in Versuchung gekommen war, die Augen länger als fünf Minuten zu schließen.

Zwar hatte sie immer wieder versucht zu schlafen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Die Ruhe wollte nicht über sie kommen und da half es auch nichts, dass sie sich wieder und wieder sagte, dass sie mitten in der Nacht sowieso nichts unternehmen konnte. Sie war furchtbar aufgeregt und ihre Haut fühlte sich an, als würden tausende von Ameisen über ihren Körper krabbeln.

„Aber jetzt wird es hell", murmelte sie und streifte die Bettdecke beiseite. Die Bank würde kaum vor Neun öffnen, aber bei Tag konnte man sich bedeutend besser beschäftigen und irgendwie würde es ihr schon gelingen, die Zeit bis dahin totzuschlagen.

Die Dusche war schnell überstanden und aufgeregt wie ein kleines Kind hüpfte sie die Treppe herab. Ihr Blick fiel sofort auf das abgrundtief hässliche Gemälde, aber sie grinste breit. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würde das kleine Versteck öffnen und den Karton zur Bank bringen, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde. Sie hatte in den vergangen Stunden lange darüber nachgedacht. Die kaum vorhandene Kriminalität in Eastport hin oder her… sie konnte nicht verstehen, dass sich ihre Großtante mit all dem Geld wohl gefühlt hatte. Sie hätte das niemals gekonnt.

Ihr Magen knurrte laut und brachte sie auf andere Gedanken. „Erst frühstücken", sagte sie zu sich selbst. Mit William konnte sie zu einer solch frühen Stunde wohl nicht rechnen und so kramte sie einfach eine Cornflakes-Packung aus dem Schrank. Es war das erste Mal seit fast zwei Wochen, dass sie alleine frühstückte und es war beinahe ungewohnt, so einsam an dem großen Küchentisch zu sitzen. Aber heute hatte sie genug Ablenkung und obwohl sie manchmal immer noch glaubte, es wäre alles nur ein Traum gewesen, so begann sie nun doch damit, sich vorzustellen, was sie mit dem ganzen Geld machen konnte.

Ein Urlaub wäre wohl das erste, was sie sich leisten würde. An einem traumhaft schönen Strand liegen und den Blick über das weite, grünblaue Wasser schweifen zu lassen, kam ihrer Vorstellung von einem Paradies sehr nahe und sie seufzte leise. „Und der Kamin", nickte sie. „Ein wunderschöner großer Kamin aus hellem Granit."

Am gestrigen Abend hatte sie zwar über Xanders Bärenfell gelacht, aber er hatte nicht ganz Unrecht damit. Seine Aussage war wohl für viele Menschen der Inbegriff von Romantik und es sprach einiges dafür, dass es mit dem richtigen Partner durchaus wunderschön sein würde. William huschte durch ihre Gedanken und sie kicherte wie ein kleines Schulmädchen.

Es war ja nicht so, dass sie ihn nicht anziehend oder aufregend fand. Aber er schien keinerlei Interesse an ihr zu haben und da sie außerdem wusste, dass er weiterziehen würde, hatte es wenig Sinn, ihm schöne Augen zu machen. Buffy lachte. „Schöne Augen machen", dachte sie laut und schüttelte den Kopf. „Bei der Wortwahl gehörst du schneller zur Blauhaarbrigade, als du dir auch nur im Entferntesten vorstellen kannst."

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Pünktlich um Acht stand William vor der Tür und er musste lachen, sobald er sie ansah. „Du siehst aus, als hättest du einen Cent verloren und einen Dollar gefunden", meinte er und schloss die Tür.

„Viele, viele mehr", grinste Buffy und musste sich arg zusammenreißen, ihm nicht in die Arme zu hüpfen. In ihrem Körper tanzten die Endorphine Tango und sie wurde immer aufgeregter. „Wenn es doch nur schon Neun wäre."

„Hör zu", meinte er und bremste ihre überströmende Aufregung etwas aus. „Ich habe gestern Nacht noch lange darüber nachgedacht."

„Worüber?", erkundigte sie sich und ließ sich auf das Sofa fallen.

„Wegen all des… des Geldes", sagte er und zeigte auf das Bild. „An deiner Stelle würde ich niemandem davon erzählen."

„Warum nicht?" Verwundert sah sie ihn an. „Warum soll ich es keinem erzählen? Es hat meiner Großtante gehört und…"

„Das meine ich nicht", schüttelte er den Kopf. „Es wird sich sowieso nicht verhindern lassen, dass bald die ganze Stadt davon weiß. Ich würde nur nicht unbedingt erzählen, wo du es gefunden hast." Er setzte sich auf den Couchtisch und sah sie an.

„Ich verstehe dich nicht", sagte sie und runzelte die Stirn. „Was macht das für einen Unterschied? Ob in einem Bankschließfach oder hier…"

„Vielleicht hast du Recht", meinte er und zuckte mit den Schultern. „Nur… nun ja, ich dachte, es wäre besser… Ich dachte es wäre besser, wenn man den Leuten nicht irgendwelche komischen Ideen in den Kopf pflanzt. Hinterher kommt noch wer auf den Gedanken, dass im Haus noch mehr solcher Schätze versteckt sind. Du verstehst, was ich damit andeuten will, oder?"

„Ich denke schon", nickte sie. Sie stand auf und begann mit einer unruhigen Wanderung durch das Zimmer. Dann blieb sie stehen und sah ihm unverwandt ins Gesicht. „Du denkst an den Abend, an dem du angeschossen wurdest. Also waren es doch keine Jungendlichen."

„Ich weiß es nicht", gestand er. „Aber im Nachhinein hat es mich schon stutzig gemacht. Du weißt selbst, wie viel Tratsch und Klatsch hier verbreitet wird. Es gibt bestimmt mehrere Einwohner, die wissen, dass deine Tante wohlhabend war. Oder es gewesen sein müsste."

„Du hast Recht", nickte sie. „Nur der Bankdirektor darf davon erfahren und ich werde ihm nicht erlauben, diese Information weiterzugeben." Dann sah sie ihn wieder an. „Ich kann es immer noch nicht glauben", grinste sie. „Möchtest du einen Kaffee? Ich bin ja so nervös."

„Vielleicht solltest du dann lieber einen Tee trinken", erwiderte er und sah dabei zu, wie sie in die Küche eilte. Bisher verlief alles genauso, wie er es geplant hatte und er nickte zufrieden vor sich hin. Jetzt musste er nur noch einen guten Grund erfinden, warum sie für ein paar Tage aus dem Haus verschwinden musste. Aber vielleicht hatte er ja Glück und ihm fiel schnell etwas Passendes ein.

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Der Bankdirektor entpuppte sich als ein kompetenter Mann in den Fünfzigern. Auf seinem breiten Namenschild stand Aaron Males und er schien nach Buffys wirren Erzählungen nicht minder aufgeregt, als sie selbst.

„Wir haben immer schon vermutet, dass ihre Großtante irgendwo ein kleines Vermögen versteckt", gestand er. „Ich habe sie selbst sogar ein paar Mal danach gefragt", gab er zu. „Man hört ja immer das ganze Gerede, dass im Ort wie ein Lauffeuer von einem zum anderen getragen wird, aber sie wollte davon nichts wissen. Und dabei habe ich zu erklären versucht, wie gefährlich das sein kann. Vor allem, wenn eine alte Dame alleine oben auf den Klippen wohnt."

„Da stimme ich Ihnen zu." Buffy knetete nervös ihre Hände. „Können Sie mir sagen, auf welche Summe das alles zusammen herauslaufen wird?" Sie zeigte auf den Schuhkarton, der jetzt auf dem rustikalen Schreibtisch des Direktors stand. „Entschuldigen Sie bitte. Aber ich bin doch sehr aufgewühlt."

„Durchaus verständlich", nickte er freundlich. „Allerdings wird es einige Zeit dauern, das alles auf den neuesten Stand zu bringen und auszurechnen."

„Ich verstehe", murmelte Buffy und dem Bankdirektor entging ihre plötzliche Stimmungsschwankung nicht.

„Wissen Sie was?", meinte er und erhob sich. „Ich werde Sie heute vorrangig behandeln. Heute liegt sowieso nichts Außergewöhnliches an und ich werde mich sofort darum kümmern." Er streckte ihr die Hand entgegen und sie schüttelte sie perplex.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen", bedankte sie sich. „Danke schön."

„Aber gerne doch", nickte er. „Geben Sie mir zwei Stunden Zeit. Ich denke, dann habe ich zumindest einen groben Überblick und ich kann Ihnen eine ungefähre Summe nennen."

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Buffy fand Spike vor dem Wagen wartend vor. Er hatte sich dagegen gelehnt und rauchte eine Zigarette. „Seit wann rauchst du?", erkundigte sie sich. „Vergiss es. Es ist deine Sache. Aber ich habe es nie zuvor gesehen."

„Ich rauche schon eine verdammt lange Zeit", gab er zu. „Aber mittlerweile nur noch äußerst selten. Nur zu bestimmten Gelegenheiten. So wie jetzt. Wenn ich aufgeregt bin."

„Du bist aufgeregt?", lachte Buffy und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Willst du mal meinen Puls fühlen? Noch ein bisschen mehr und ich fliege."

„Du hast mich angesteckt", lachte er und zwinkerte ihr zu. „Und, was hat Mr. Males gesagt?"

„Er braucht mindestens zwei Stunden, um alles auszurechnen", seufzte sie. „Schon wieder warten." Sie sah ihn an und ihre Schultern sackten herab. „Und was mache ich jetzt die ganze Zeit?"

„Ich habe eine Idee", sagte William und grinste über das ganze Gesicht. „Steig ein."

„Warum? Wo willst du hin?" Buffy war sich nicht sicher, ob sie sich überhaupt von der Bank entfernen wollte, doch dann rief sie sich zur Ordnung. Der Bankdirektor würde nun mal seine Zeit brauchen und vor dem Geldinstitut Wurzeln zu schlagen, war auch keine gute Alternative.

„Wir fahren runter zum Hafen. Dort gibt es ein kleines Restaurant, das ein hervorragendes Frühstück anbietet. Nun komm schon! Steig endlich ein!"

Teil 9

„685.000 Dollar?" In Buffys Hals kratzte es wie verrückt und sie musste sich räuspern. „685…" Wie konnte man eine solch große Zahl nur aussprechen, ohne sich zu verschlucken? Sie räusperte sich ein weiteres Mal und hatte trotz allem das Gefühl, dass sich ein dicker Kloß in ihrem Hals bildete.

„Das ist nur eine vorsichtige Schätzung", nickte Mr. Males wichtig. „Aber weniger ist es auf keinen Fall. Ein ganz genaues Ergebnis kann ich Ihnen leider noch nicht geben. Dazu bräuchte ich mehr Zeit." Der Bankdirektor fühlt sich sichtlich wohl bei der Aufgabe, seiner neuen Kundin die guten Nachrichten zu überbringen. „Sie haben, wenn man das so sagen darf, ein stattliches Sümmchen auf der hohen Kante."

„Und das… und das gehört wirklich alles mir?", stammelte sie nervös. „Und niemand kann es mir wieder wegnehmen?" Warum arbeitete ihr Gehirn nur ausgerechnet jetzt auf Sparflamme? Sie war doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Warum kam sie sich gerade wie ein Kind am Weihnachtsabend vor?

„Nun", meinte Mr. Males, lehnte sich in seinem großen Schreibtischsessel zurück und legte die Hände gefaltet über seinen mächtigen Bauch. „Das habe ich mich ,ehrlich gesagt, auch gefragt. Ich habe mir sicherheitshalber einmal die Kopie des Testaments Ihrer Verwandten angesehen." Er wippte ein wenig auf seinem Sessel und nickte ihr aufmunternd zu. „Mr. Pendergast, der Anwalt Ihrer Großtante, hat mir nach ihrem Tod eine Zweitschrift zukommen lassen." Er hob die Hände. „Das ist vollkommen normal. Immerhin müssen Konten umgeschrieben und mögliche Verträge beendet werden." Er nickte wieder. „Nun, jedenfalls hat Ihre Großtante eine Zusatzklausel einfügen lassen, die dafür garantiert, dass ihre Erben alles behalten dürfen, was sich auf dem Grundstück oder auch im Haus befindet. Das hat sie wirklich clever eingefädelt", meinte er und dachte an die alte Dame, deren Konten er schon als kleiner Bankangestellter mitverwaltet hatte. „Es gibt da so einige Präzedenzfälle, wo allerlei Gläubiger und …", er unterbrach sich selbst. „Das ist nicht wichtig, denn es trifft nicht auf Ihren Fall zu. Jedenfalls hat ihre Tante diese Gefahr sorgsam umschifft und es ist definitiv sicher, dass Sie nun das Vermögen besitzen. Die geplante Erbin war natürlich Ihre Mutter, aber da Sie ihre Erbnehmerin sind…"

Fünf Minuten verstrichen, bis Buffy aufsah und verlegen lächelte. „Entschuldigen Sie bitte. Aber das ist… ist doch ein wenig…" Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei gegossen. Sie hatte keinerlei Gefühl mehr darin und auch die Arme wurden langsam schwer. Ihre Körper, samt dem Kopf, schienen sich in einem Ausnahmezustand zu befinden und sie wusste nicht, ob ihre Gelenke ihr noch gehorchen würden. Es war einfach unglaublich. Wenn sie wirklich alles richtig verstanden hatte, dann war sie jetzt reich. Zumindest wohlhabend!

„Sehr verständlich", nickte Mr. Males wohlwollend. „Aber dennoch muss ich Sie dazu auffordern, sich in Kürze näher damit zu befassen. Sie müssen überlegen, wie Sie Ihr Geld anlegen… soll es bei den jetzigen Aktien bleiben oder möchten sie vielleicht alles auf Schatzbriefe umstellen und…?" Mr. Males war wieder ganz der geschäftige Bankdirektor. Auch wenn die meisten Menschen in Eastport nicht gerade am Hungertuch nagten, ein solches Vermögen verwaltete auch er nicht gerade oft.

„Das werde ich", unterbrach ihn Buffy leise. „Aber im Moment kann ich kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich muss mich erkundigen, schlau machen und… Ich bin noch so durcheinander, aber ich verspreche, ich werde es nicht aus den Augen verlieren und mich demnächst darum kümmern."

„Ich kann Ihren Aufruhr gut verstehen", erwiderte Mr. Males und stand auf. „Lassen Sie Sich ruhig ein wenig Zeit. Auf ein paar Tage kommt es ja nicht an. Sobald Sie soweit sind, rufen Sie einfach an und lassen Sich einen Termin geben."

„Das werde ich machen", versprach Buffy und stand ihrerseits auf wackeligen Beinen auf. „Und vielen Dank für Ihre Hilfe. Es war sehr nett von Ihnen, dass Sie Sich sofort die Zeit genommen haben."

„Gern geschehen", erwiderte er und schüttelte ihr die Hand. „Eins noch", meinte er dann. „Wollen Sie Ihren… Ihren Schuhkarton wieder mitnehmen, oder sollten wir ihn hier in ein Schließfach…?"

„Ich nehme ihn auf gar keinen Fall wieder mit", schüttelte Buffy vehement den Kopf. „Das wäre mir viel zu gefährlich. Ich könnte kein Auge mehr zumachen." Sie hatte noch gut 10.000 Dollar Bargeld zuhause in dem kleinen Safe liegen. Das war mehr als genug. Niemals würde sie ihr ganzes, neu gewonnenes Vermögen in ihrem Haus aufbewahren. Niemals!

„Gut. Das ist eine vernünftige Einstellung. Wir werden das noch schnell regeln und dann haben Sie es erst einmal hinter Sich. Ich könnte mir vorstellen, dass man Zeit braucht, um ein solches Geschehen zu verarbeiten."

 

                                                                                        *~*~*~*

 

An den Nachhauseweg konnte Buffy sich später kaum mehr erinnern. Bewusst nahm sie ihre Umgebung erst wieder wahr, als Spike ihr eine Tasse Kaffee in die Hand drückte und auf einen ihrer Küchenstühle drückte.

„Du bist sehr blass", meinte er sorgenvoll. „Geht es dir gut? Nicht, dass du gleich zusammenklappst und …"

„Alles bestens", versicherte sie ihm schnell und versuchte ein Lächeln, das allerdings gründlich misslang. „Es ist nur… es ist alles so unwirklich und nachdem mir Mr. Males versichert hat, dass jetzt alles mir gehört und man es mir auch nicht mehr wegnehmen kann…" Sie räusperte sich leise. „Ich bin so durcheinander…"

„Vielleicht solltest du ein paar Tage wegfahren. Irgendwohin, wo du dir in Ruhe über alles klar werden kannst." William zog den Stuhl neben ihr zurück und setzte sich. „Die läuft ja hier nichts weg und wahrscheinlich täte dir ein bisschen Erholung gut. Immerhin ist in der letzten Zeit eine Menge auf dich eingestürzt."

„Ich kann doch jetzt nicht wegfahren", sie schüttelte den Kopf. „Nein, bestimmt nicht." Sie nippte an ihrem Kaffe und seufzte. „Es geht bald wieder. Ich muss diesen… durchaus positiven Schock erst verdauen." Es war schon seltsam. William war so freundlich und stets darauf bedacht, dass es ihr gut ging. Sie sah ihn an. Es würde den perfekten Freund abgeben, und sie war beinahe traurig, dass er bald von hier weggehen würde. Und es hatte wohl wenig Sinn, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Er war einfach nur freundlich, aber mehr konnte sie in seinem Blick nicht erkennen und es war offensichtlich, dass er sich nicht für sie interessierte.

„Es war nur eine Idee", ruderte er zurück und man konnte Enttäuschung in seinen Augen sehen.

„Ich weiß", erwiderte sie und diesmal war das Lächeln echt. „Aber das ganze Haus steht noch Kopf und … ach du meine Güte. Heute Nachmittag kommt auch noch der Lastwagen, der meine Möbel… Den hatte ich ganz vergessen." Sie sah sich um. „Wie spät ist es eigentlich? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren."

„Beinahe Mittag", sagte Spike. „Hat Mrs. Mullington dir eigentlich eine Uhrzeit genannt?"

„Früher Nachmittag", nickte Buffy. „Ich denke so gegen Zwei." Sie atmete tief ein und sah ihn wieder an. „Hast du Hunger? Ich bin von dem Frühstück noch pappsatt, aber ich kann dir schnell was machen. Oder wir bestellen Pizza…"

„Nein, danke. Ich brauche nichts." Er stand auf und stellte seine Kaffeetasse in die Spüle. „Ich werde mir jetzt ein wenig Arbeit suchen. Immerhin habe ich den halben Tag gefaulenzt und dafür werde ich ja nicht bezahlt."

Bevor sie etwas erwidern konnte, war er auch schon aus der Küche verschwunden und sie sah ihm etwas verwirrt hinterher. Benahm er sich merkwürdig, oder kam es ihr nur so vor? Sie überdachte die wenigen Worte, die sie miteinander gewechselt hatten, aber ihr fiel nichts ein, womit sie ihn beleidigt haben könnte. Aber warum hatte er dann gerade so deutlich gemacht, dass er nur ihr Angestellter war?

„Vergiss es einfach", murmelte sie leise vor sich hin. „Du bist so durch den Wind, dass du es dir bestimmt nur eingebildet hast." Sie stand auf, stellte ihre Kaffeetasse neben Williams und ging ins Wohnzimmer.

Es würde noch einige Zeit dauern, bis der Möbelwagen kam und noch hatte sie die Zeit, sich jedenfalls etwas um ihre Arbeit zu kümmern. Und es würde sie auf andere Gedanken bringen. Es war nicht gut, immer über das gleiche Thema nachzudenken und auch, wenn das viele Geld natürlich eine wahre Freude war, so war es bestimmt nicht gut, deswegen alles andere zu vergessen.

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Gute zwei Stunden später klingelte es an der Haustür und Buffy lächelte. William hatte also tatsächlich daran gedacht, die Klingel zu reparieren und sie überlegte auf dem Weg durch den Flur, ob sie ihm nicht vielleicht doch etwas extra zahlen sollte. Immerhin hatte alles, was er machte, Hand und Fuß und sie hatte jetzt die finanziellen Möglichkeiten.

„Das Abholkommando ist da", trällerte Mrs. Mullington, kaum dass Buffy die Tür auch nur einen Spalt breit geöffnet hatte. „Ich bin ja so aufgeregt. All die schönen Sachen…"

„Kommen Sie doch herein", bat Buffy die ihr verhasste Frau höflich. „Ich habe schon alles gekennzeichnet, was nachher raus soll." Mrs. Mullington trat ein und Buffy machte einen langen Hals, um auf die Straße zu blicken. „Ist der Lastwagen noch gar nicht da?"

„Ernie kommt sofort", erklärte die Frau. „Ernie Wallace. Er hat eine Tischlerei in der Stadt. Er hat mich eben angerufen und gesagt, er würde nun losfahren."

Sie nickte freundlich, doch Buffy war diese schreckliche Person einfach zuwider und es war schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Ich verstehe. Sehr nett von Mr. Wallace, das er uns seinen Wagen leiht. Wollen Sie mit mir hinaus in den Garten? William arbeitet irgendwo hinten und ich muss ihm noch Bescheid geben."

„Gehen Sie nur, meine Liebe. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mir sehr gerne schon einmal all die Sachen ansehen, die Sie so bereitwillig weggeben."

„Aber sicher", sagte Buffy honigsüß. ‚Damit du alte Tante mehr Zeit hast, meine Sachen zu durchsuchen!’, dachte sie, doch sie schluckte ihren aufkommenden Zorn herunter. Langsam sollte sie sich an die schreckliche Neugier ihrer Mitmenschen gewöhnen. „Ich bin sofort zurück."

Sie eilte in den Garten und blieb verwundert stehen, als sie William auf den Klippen stehen sah. Der Blickwinkel mochte täuschen, doch von ihrem Standpunkt aus, sah es aus, als würde er die alte marode Holztreppe begutachten, die ihm Zickzack zu einer kleinen Bucht hinabführte. William wirkte verändert und sie war nicht sicher, ob sie ihn stören sollte.

Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie ohne seine Hilfe aufgeschmissen war. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie könnte die schweren massiven Möbel niemals alleine in den Wagen verladen. Und dennoch fiel es ihr seltsam schwer, ihn jetzt zu stören.

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Xander hielt sein Wort. Keine zehn Minuten, nachdem William ihn angerufen hatte, rollte sein roter Kombi auf die Einfahrt und er klatschte unternehmungslustig in die Hände. „Dann wollen wir mal", zwinkerte er Buffy zu, die die ersten Kisten zum Lastwagen trug. „Damit ich nicht aus der Übung komme. Urlaub im Herbst ist wirklich nicht das pralle."

 

Ihr neues Heim auszuräumen ging bedeutend schneller, als Buffy erwartet hatte. Die drei Schlafzimmer oben waren schon komplett auf der großen Ladefläche verstaut worden und im Moment mühten sich die beiden Männer mit dem wuchtigen Sideboard aus dem Esszimmer ab.

Buffy selbst begnügte sich mit Kleinteilen. Stühlen, Hockern und sogar zwei kleine Kommoden hatte sie auf den Wagen befördert. Genauso wie eine Unzahl von Bildern, die alle nicht ihren Geschmack trafen. Währenddessen versuchte sie allerdings, Mrs. Mullington nicht aus den Augen zu lassen und das war manchmal gar nicht so einfach.

Die Gesellschafterin ihrer Nachbarin wirkte zwar durchaus eifrig und war auch immer in Bewegung, aber Leistung erbrachte sie kaum. Buffy hatte eher das Gefühl, dass sie spionierte. Es klang beinahe lächerlich, aber es gab wohl keinen treffenderen Ausdruck für ihr seltsames Gebaren. Sie wirbelte durch den Raum, inspizierte jede Ecke und jede Wand und nahm außerdem seltsamerweise jede Schrankrückwand genauer in Augenschein.

„Was ist denn in den Kartons?", erkundigte sie sich, als sie Buffys bohrenden Blick spürte. Sie zeigte auf eine Riege von Kartons die an der langen Wohnzimmerwand standen und lächelte dabei überaus freundlich.

„Der Inhalt der Schränke", brummte Buffy und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Jedenfalls all das, was ich nicht behalten möchte." Sie setzte sich auf die Lehne eines Sessels und sah die furchtbare Frau beinahe herausfordernd an. „Ich dachte, wir bringen sie als letztes in den Transporter."

„Eine ausgezeichnete Idee", nickte Mrs. Mullington und lächelte zuckersüß. „Haben Sie denn noch etwas Interessantes gefunden? Vielleicht sogar einen kleinen Schatz?"

„Allerdings", erwiderte Buffy vorsichtig. Sie war vielleicht manchmal ein wenig zu gutgläubig, aber sie war nicht dämlich. Sie würde diesem Waschweib bestimmt nichts Wichtiges erzählen, vor allem, da ihre Stimme einen merkwürdig überlegten Tonfall angenommen hatte. „Ein wunderschönes altes Service und eine Menge scheinbar seltener Kristallgläser. Außerdem noch ein stark angelaufenes Silberbesteck, das dringend einmal eine Reinigung braucht." Sie stand auf und schnappte sich einen der Esszimmerstühle, bevor sie weitere Fragen beantworten musste. „Neugier, dein Name ist Amelia Mullington", murrte sie, als sie über den Weg im Vorgarten lief. „Hauptsache, ich sehe dich nie wieder!"

Keine Stunde später saßen alle Helfer in der Küche und tranken den Kaffee, den Buffy zwischenzeitlich aufgebrüht hatte. William war noch immer äußerst still, doch Xander schien vor guter Laune nur so zu strotzen.

„Das hat prima geklappt", meinte er und griff einen Donut aus der Schachtel, die Buffy mitten auf den Küchentisch gestellt hatte. „Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln und Möbelpacker werden."

„Sie sind Xander Harris, richtig?", erkundigte sich Mrs. Mullington. „Ich glaube, ich habe ihre werte Frau Mutter bereits kennengelernt."

„Gut möglich", zuckte er mit den Schultern. „Sie mischt gerne bei wohltätigen Zwecken mit. Soweit ich weiß, hat sie sich auch diesmal als Unterstützung für den Flohmarkt angemeldet."

„Allerdings", nickte Amelia Mullington gutmütig. „Eine sehr nette Frau."

Xander antwortete nicht. Wenn überhaupt, dann drang eine Art Knurrlaut aus seinem Mund und er beeilte sich Spike anzusehen. „Hey! Hast du Lust, heute Abend eine Runde Billard mit mir zu spielen? Ich könnte ein bisschen Gesellschaft durchaus gebrauchen."

„Heute Abend nicht", schüttelte Spike den Kopf. „Ich bin hundemüde. Ich habe letzte Nacht zu lange vor dem Fernseher gesessen und müsste dringend etwas Schlaf nachholen."

„Apropos Schlaf", nickte Mrs. Mullington wichtig und stand auf. „Es wird Zeit, dass ich zu Mrs. Alberts zurückkehre. Ihre Schwester hat mich heute vertreten, aber die alte Dame ist auch schon weit über siebzig und es wäre das Beste, wenn ich auf meinen Platz zurückkehre." Sie nickte den beiden Männern zu und sah dann zu Buffy. „Es war mir eine außerordentliche Freude, Ihnen behilflich gewesen zu sein."

„Ich habe zu danken", erwiderte Buffy und stand ebenfalls auf. „Ich bringe Sie noch zur Tür."

Doch im Wohnzimmer hatte es die schreckliche Gesellschafterin auf Mal gar nicht mehr so eilig, zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Sie drehte sich im Kreis und lächelte dabei. „Sie haben jetzt sehr viel Platz. Aber Sie werden bestimmt nicht lange dafür brauchen, ihr Heim nett einzurichten."

„Irgendwann wird es bestimmt fertig", nickte Buffy. Sie wollte die Frau einfach nur lossein, aber Mrs. Mullington machte es ihr nicht gerade leicht.

„Oh", sagte die ältere Frau und deutete auf das Gemälde mit der Jagdszene. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie ausgerechnet das behalten wollten."

„Das will ich auch nicht", gab Buffy zu. „Aber wir haben vergessen, es auf den Möbelwagen zu laden und jetzt… ist es nicht mehr wichtig. Ernie ist bestimmt schon zu weit weg und …"

„Kein Problem", sagte Mrs. Mullington und bevor Buffy etwas unternehmen konnte, hatte die furchtbare Person das Bild bereits abgenommen. „Ein kleiner Safe. Das ist ja interessant."

Teil 10

Warum nur konnte sie heute Nacht nicht schlafen? Seit Stunden wälzte sie sich nun schon hin und her. Laken, Decke und Kissen waren völlig zerknautscht und sie huschte mit grimmigem Gesichtsausdruck aus dem Bett, um alles neu zu richten.

Sie hasste diese verrückten Nachtstunden, in denen ihr Gehirn einfach nicht abschalten wollte. Im Grunde konnte sie es ihrem Kopf nicht einmal verübeln. Es war so enorm viel passiert in den letzten Tagen, dass es an ein Wunder gegrenzt hätte, wenn sie friedlich vor sich hin schlummern könnte.

Wieder und wieder flimmerten verschiedene Bilder durch ihre Gedanken. William und sie, als sie den verborgenen Safe gefunden hatten, der Bankdirektor, Mr. Males, der immer einen guten Ratschlag auf den Lippen hatte und dann natürlich die grausliche Mrs. Mullington, die wohl die schrecklichste Person war, die sie je kennengelernt hatte.

Zurück unter der Bettdecke verschränkte sie die Arme unter dem Kopf und starrte an die Decke. Das schwache Mondlicht zauberte verschlungene Muster an die Decke und sie warf einen Blick aus dem Fenster. Die welken Blätter eines nur wenige Meter entfernten Apfelbaums schimmerten silbrig und sie seufzte leise. Die Nacht war herrlich ruhig und wie geschaffen für einen erholsamen Schlaf. Nur galt das heute nicht für sie.

Es war weit nach Mitternacht und eigentlich müsste sie jetzt schon tief und fest schlafen. Sie hatte sich für den kommenden Tag so viel vorgenommen. Die alten Tapeten fielen nicht alleine von den Wänden und außerdem wollte sie noch in dieses Geschäft für Malereibedarf im Nachbarort, dass Xander ihr am Nachmittag angepriesen hatte.

„Die haben sogar richtige Farben da", hatte er grinsend erzählt. „Und es ist nicht ganz so spießig wie der Laden hier in Eastport."

Buffy musste plötzlich lachen. Mit William war sie schon einmal in dem Malerbetrieb in der Pinestreet gewesen, als sie die Fassadenfarbe gekauft hatten. Jede Abtönung, die über braun, grau und beige hinausging, musste vorbestellt werden. Der Besitzer, Mr. Taylor, hatte sie verstört angesehen, als sie nach einer Farbtabelle gefragt hatte und es war dem guten Mann anzusehen, dass er damit überfordert war.

Eastport war schon ein außergewöhnliches Städtchen und es würde bestimmt noch einige Zeit dauern, bis sie sich vollends eingelebt hatte.

William tauchte vor ihrem inneren Auge auf und sie seufzte leise. Er war der perfekte Kandidat für einen Freund. Ganz anders als all die Männer, denen sie bisher begegnet war und vor allem ganz anders als ihr Ex, der sie wieder und wieder bitter enttäuscht hatte. Warum nur war sie überhaupt auf diesen Idioten hereingefallen? Doch dann schob sie den Gedanken beiseite. William war vollkommen anders. Er war höflich, zuvorkommend und zudem noch verdammt sexy und es ärgerte sie, dass er sich nicht für sie interessierte.

Vielleicht sollte sie ja doch einen Versuch starten. Immerhin hatte er keinen festen Plan für sein zukünftiges Leben und…

„Mach dich nicht lächerlich", schimpfte sie mit sich selbst. Sie wusste, sie war nicht gerade hässlich, aber vielleicht war sie einfach nicht sein Typ. Er war nett und freundlich, aber das bestimmt auch nur, weil er den Job bei ihr brauchte. Mehr war da nicht und sie sollte die Sache ruhen lassen.

 

                                                                                     *~*~*~*

 

Im Haus knarrte und knackte es und Buffy seufzte lautlos. Eigentlich hatte sie gehofft, dass das nach den ganzen Reparaturen ein Ende hatte und sie verzog das Gesicht. Sobald Wind aufkam, war es…

Verwirrt blickte sie aus dem Fenster auf den Apfelbaum. Die Blätter bewegten sich nach wie vor im Wind, aber reichte dieses laue Lüftchen aus, um die Geräusche im Haus zu verursachen?

„Wahrscheinlich hast du dir das nur eingebildet", murmelte sie und drehte sich auf die Seite. Aber dann knackte es wieder und Buffy war sich sicher, dass das Geräusch aus dem Wohnzimmer unter ihr kam.

Lautlos und mit schlotternden Knien schälte sie sich aus dem Bett und öffnete vorsichtig und leise ihre Zimmertür. Sofort erkannte sie den schwachen Lichtschein, der sich im Zickzack bewegte und sie wusste sofort, dass er nur von einer Taschenlampe stammen konnte.

Angst flammte in ihr auf und sie schloss mit bebenden Fingern ihre Tür. Jemand war in ihrem Haus. Ein Einbrecher! In ihrem Haus! Buffy schnappte nach Luft und hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuschreien.

Sie wusste sofort, wonach dieser Verbrecher suchte und ihr Blick fiel auf die unterste Schublade ihrer Kommode. Das Bargeld, das in dem verborgenen Schuhkarton gelegen hatte, war nun in einer Schmuckschatulle, die einst ihrer Mutter gehört hatte. Buffy hatte es in ihrem Zimmer aufbewahrt. Vielleicht war es verrückt, aber sie musste hin und wieder einen Blick auf die Geldbündel werfen, um sicher zu sein, dass nicht alles nur ein Traum gewesen war.

Vielleicht ist das alles jetzt nur ein Hirngespinst’, dachte sie verwirrt, doch dann hörte sie Holz splittern und sie zuckte zusammen. Es war kein Traum, es war Realität und ihr war schnell bewusst, dass der Dieb nicht viel Federlesens machte. Er bemühte sich nicht einmal leise zu sein und es war klar, dass er früher oder später zu ihr hoch kommen würde.

Einen Schlüssel für ihre Zimmertür hatte sie nicht gefunden und so lief sie lautlos durch das Zimmer und schnappte den Stuhl von ihrem Schminktisch. Sie verkeilte ihn unter dem Türgriff und bewegte sich dann rückwärts von der Tür weg.

Den Fluchtweg nach unten hatte sie sich somit verbaut und doch war sicher, dass der Stuhl nicht lange einen Gegenwehr sein würde. Sie musste hier raus und das so schnell wie möglich. Sie saß in der Falle und ihr Herz klopfte wie wild.

Der letzte Ausweg war das Fenster und sie schluchzte unterdrückt auf. Wilde Gedanken huschten durch ihren Kopf und sie zitterte am ganzen Leib. Die blanke Panik schnürte ihr die Luft zum Atmen ab und alles um sie herum begann sich zu drehen. Sie klammerte sich an den Bettpfosten und holte rief Luft. Sie musste sich beruhigen und ihre nächsten Schritte durchdenken. Außerdem würde sie den Weg über die rutschigen Schindeln kaum schaffen, wenn sie so aufgeregt war.

Als Schritte auf der Treppe zu hören waren, zuckte sie zusammen und die Angst kroch wieder hoch. Doch dann reagierte sie blitzschnell. Sie riss die Schublade auf, umklammerte die Schatulle und schob das Fenster auf. Buffy konnte das Schmuckkästchen nicht zurücklassen. Und dabei ging es nicht um das Geld, das darin enthalten war. Das Kästchen war eines ihrer Erinnerungsstücke an ihre Mutter und sie wollte es nicht verlieren. Auf keinen Fall!

Halt suchend tapste sie barfuss über die glitschigen Schindeln und nur ein weiteres Fenster bewahrte sie vor dem Absturz. Buffys Herz klopfte wie wild, während sie sich mit einer Hand an der Fensterbank festklammerte. Wo wollte sie eigentlich hin? Sie musste vom Dach herunter, nicht darauf herumlaufen. Aber einfach abspringen?

„Nicht hier", murmelte sie leise. Unter ihr befand sich der Steingarten, den sie letzte Woche so mühsam angelegt hatte. Sie würde sich die Beine brechen, wenn sie es jetzt versuchte. Sie musste weiter über das Dach. Jedenfalls nicht ein kleines Stück. Soweit, bis sie über dem Rasen war.

Lautes Wummern ließ sie zusammenzucken und sie rutschte auf dem glatten Untergrund aus. Der Einbrecher war an ihrer Zimmertür angelangt und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er sie durchbrach.

Buffy sammelte all ihren Mut zusammen und tapste weiter. „Gleich hast du es geschafft", sprach sie sich Mut zu. „Du musst nur noch springen!"

Aber genau das war leichter gesagt als getan. Sie starrte auf den frisch gemähten Rasen, der im Schein des Mondlichts silbern glänzte. Wie viele Meter waren es bis zum Boden? Drei? Vier? Es kam ihr vor wie Hundert! In einiger Entfernung splitterte Holz und die Zeit rannte ihr davon. ‚Jetzt’, dachte sie und sprang.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Unsanft landete sie auf dem taubenetzten Grasboden. Doch bevor sie sich wieder aufrappeln konnte, wurde sie vollends umgerissen und nur Sekundenbruchteile später starrte sie in den Lauf einer Pistole.

„Buffy! Verdammt! Was machst du hier?", zischte eine wohlbekannte Stimme und sie konnte es nicht fassen. William. Es war William, der die Waffe auf sich richtete.

„Was tust du?" Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen, aber er dachte gar nicht daran, ihr zu antworten. Er packte sie einfach unter den Achseln und schleppte sie über den Rasen.

„Nein! Nicht!", protestierte sie laut, doch er hielt ihr einfach den Mund zu. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, doch er war so viel stärker als sie und sie schluchzte nur noch, als er endlich von ihr abließ.

„Still!", befahl er und hielt ihr wieder die Hand vor den Mund. „Du musst jetzt still sein!" Seine Stimme war hart und es war keine Spur von Mitleid darin.

Und Buffy blieb still. Sein Blick machte deutlich, wie ernst er es meinte und sie schüttelte sich unter der Gänsehaut, die über ihren Rücken kroch. Unbändige Angst umklammerte ihr Herz und sie zitterte, als er sich über sie beugte.

William riss sie auf die Füße und bugsierte sie über den Rasen auf die Klippen zu. „Schneller", befahl er, als sie stolperte.

Tränen liefen ungehindert über Buffys Wangen und ihr Kopf arbeitete wie wild. Warum ausgerechnet er? Warum musste er sie so quälen? Er hatte so oft die Gelegenheit gehabt, ihr das Geld einfach abzunehmen. Am Abend, an dem sie es gefunden hatten, am Morgen danach… Warum hatte er zugelassen, dass sie es zur Bank brachte, wenn er jetzt…

„Hier runter", befahl er und schob sie auf die oberste Plattform der maroden Treppe, die zum Strand hinabführte. „Hinsetzen!"

„Warum?" Es war nur ein schwacher Versuch der Gegenwehr, aber sie musste es einfach wissen. „Warum du?" Sie kauerte auf dem feuchten Holz, das Schmuckkästchen ihrer Butter fest an die Brust gedrückt. „Wieso?", fragte sie wieder, während die Tränen in Strömen über ihr Gesicht flossen.

„Du musst dich beruhigen", sagte er und beugte sich zu ihr herab.

Doch Buffy war weit davon entfernt sich zu beruhigen. Sie trat nach ihm und wollte schreien, als er sich auf sie stürzte und mit seinem Gewicht auf der Treppe festnagelte.

„Um Gottes Willen, Buffy", zischte er. „So beruhige dich doch. Ich tu dir doch nichts!"

„Du verstehst das falsch." Er hielt sie eisern umklammert und flüsterte in ihr Ohr. „Ich versuche nur dich zu beschützen!"

Ununterbrochen redete er auf sie ein und hielt sie dabei eisern fest. „Du musst mir jetzt zuhören!" Mit dem Kopf deutete er auf die Stufen, die hinab in die Dunkelheit führten. „Du musst von hier verschwinden! So schnell es geht! Buffy? Hörst du mich? Du musst hier weg. Ich kann nicht auf dich aufpassen und ich muss zurück zum Haus. Buffy? Bitte! Hör mir doch zu! Mir bleibt nicht viel Zeit!"

Sekunden wurden zu Stunden und erst, als er sie losließ, sickerten die Worte zu ihr durch.

„Verschwinde von hier. Lauf runter zum Strand und von dort in die Stadt. Buffy, hörst du mich? Ich muss zurück zum Haus!" Er strich ihr eine wirre Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie auf die Stirn. „Jetzt lauf endlich!"

Vollends verwirrt sah sie, wie er sich über den Treppenabsatz schwang und über den Rasen auf ihr Haus zulief. Buffy schlotterte vor Angst und Kälte und schaffte es nicht, sich zu bewegen. Mit fahrigen Fingern zog sie das verlorene Kästchen zu sich und umklammerte es. „Mom", murmelte sie verzweifelt und wiegte sich wie ein kleines Kind hin und her.

Jegliches Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen und sie vermochte nicht zu sagen, wie lange sie schon auf dem feuchten Holz kauerte. Sie war so durcheinander. Sie hatte furchtbare Angst und fror erbärmlich, aber genau diese Kälte brachte sie langsam wieder zu Besinnung und sie versuchte die Bruchstücke in ihrem Kopf wieder zusammenzusetzen.

William hatte nicht versucht sie auszurauben. Und er hatte sie auch nicht von den Klippen stoßen wollen, wie sie befürchtet hatte. Er hatte sie nur aus der Schusslinie gezogen. Sie in Sicherheit gebracht. Und er hatte sie geküsst.

Energisch wischte sie die Tränen aus dem Gesicht. Sie sollte endlich tun, was er ihr gesagt hatte und so schnell es ging von hier verschwinden. Aber sie schaffte es nicht. Ihre Beine waren wie Pudding und nur mit Mühe und der Unterstützung des Geländers, schaffte sie es schließlich auf die Füße. Ihr war schlecht und sie atmete hastig die klare, salzige Luft ein.

Ein Schuss hallte durch die Luft und sie zuckte zusammen. Wilde Schreie gellten durch die Luft, gestoppt von einer Salve Pistolenschüsse und Buffy sackte ohnmächtig auf den Stufen zusammen.

Teil 11

Dichter weißer Nebel hüllte sie ein. Ein verschwommener Mischmasch aus Geräuschen, Gerüchen und Aufgeregtheit, der sie wie ein Wattebausch umhüllte. Geschäftiges Treiben herrschte und doch war es schwer, auch nur eine Sekunde die Augen zu öffnen und nachzusehen. Aber ihr Gehör funktionierte tadellos. Sie hörte unbekannte Stimmen, die sich in ihrer Nähe unterhielten und nahm jede Silbe auf.

„Was ist mit ihm?", fragte eine sonore Stimme.

„Er ist tot. Ein Schuss direkt ins Herz!", antwortete eine andere unbekannte Stimme. „Der Leichenbeschauer wird ihn mitnehmen. Er wird gleich hier sein."

Die Stimmen sickerten in ihr Gehirn und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Sie wusste wieder, was passiert war. William war tot. Gestorben bei dem Versuch, sie zu beschützen. Eine einsame Träne bahnte sich einen Weg über ihre Wange und sie spürte eine warme Hand, die sie sanft berührte.

„Es wird alles wieder gut, Miss Summers. Bleiben Sie einfach liegen. Der Sanitäter wird gleich einen Blick auf Sie werfen und entscheiden, ob Sie über Nacht zur Beobachtung ins Krankenhaus müssen."

Buffy öffnete ihre Augen und sie betrachtete den Mann ausführlich, den sie erst nur verschwommen wahrnahm. Er war Mitte Fünfzig, hatte einen gewaltigen Schnauzbart und der Stern auf seiner Brust ließ nur einen Schluss zu. Er war der Sheriff von Eastport.

„Wer ist das?", ihre Stimme wollte ihr nicht ganz gehorchen und sie klang heiser und kratzig. Aber sie wusste, es war wichtig. Sie hob den Kopf und versuchte sich umzusehen. Ein Mann in einem schwarzen Overall war kurz durch ihr Blickfeld gelaufen und sie musste einfach wissen, wer das war.

„Der Coroner, Miss", sagte der Sheriff leise. „Aber Sie sollten lieber nicht dorthin sehen." Er stellte sich ihr in den Weg und nickte langsam. „Es ist wirklich kein schöner Anblick."

Für einen Moment gab sie sich geschlagen. Ihr ganzer Körper brannte wie Feuer und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als einfach wieder in einer schmerzlosen Ohnmacht zu versinken. Doch dann erwachten ihre Lebensgeister und sie versuchte sich aufzurichten.

Der Gesetzeshüter hielt sie fest, doch er hatte gegen sie keine Chance und so stützte er sie sicherheitshalber, während sie leicht wankend auf der Krankentrage saß, auf die man sie gelegt hatte. Die wärmende Decke rutschte herunter, doch Buffy achtete gar nicht drauf. Sie versuchte die Bilder zu verarbeiten, die jetzt mit Macht auf sie einstürzten.

Ein Krankenwagen fuhr mit quietschenden Reifen los und den Platz, den er freigehalten hatte, übernahm jetzt ein Polizeiwagen, dessen rotierendes Blaulicht in ihren Augen schmerzte. Verwirrt sah sie sich um. Mehrere Unformierte liefen geschäftig durch ihren Vorgarten und irgendwo kreischte eine Frau in hellen Falsetttönen.

Dann erst realisierte sie, dass sie sich im Freien befand. Man hatte sie auf eine Trage gelegt, die auf dem kleinen Weg zu ihrer Haustür stand und ein eisiger Wind ließ sich beben.

„Sie sollten Sich wirklich lieber wieder hinlegen", sagte der Sheriff und hielt ihr die Decke vor die Nase. „Sie können sowieso nichts anderes tun."

„Nein. Nein! Ich will…." Sie schüttelte seinen stützenden Arm ab und rutschte von der Trage. Mit unsicheren Schritten tapste sie auf den Mann mit dem schwarzen Overall zu, der gerade den Reißverschluss des Leichensacks zuzog. „Ich muss es wissen…" Die Welt um sie herum begann sich zu drehen und der weiße Nebel begann sie erneut einzuwickeln.

Doch diesmal schaffte es die Ohnmacht nicht, sie einzuhüllen. Starke Arme umfassten sie, hoben sie hoch und verfrachteten sie zurück auf die Krankentrage. „Okay! Das reicht jetzt!", sagte der Gesetzeshüter mit fester Stimme. „Ich schau mir das nicht mehr länger an." Er winkte einen Sanitäter heran. „Sie sind für sie verantwortlich", schnauzte er den Mann an. „Verfrachten Sie sie ins Krankenhaus und sehen Sie zu, dass sich ein Arzt um sie kümmert!"

 

                                                                                             *~*~*~*

 

Das Krankenzimmer war spartanisch eingerichtet und vollkommen steril in Weiß gehalten. Buffy wäre am liebsten weggelaufen, aber sie beherrschte sich und versuchte zu lächeln, als der Doktor wieder hereinkam, der mindestens schon ein halbes Dutzend Mal bei ihr gewesen war.

„Wunderbar", meinte der Mediziner nach einem kurzen Blick auf die Monitore, an die sie angeschlossen war. „Puls und Herzfrequenz sind wieder im optimalen Bereich und wie ich sehe, ist Ihre Körpertemperatur auch wieder normal." Er legte ihre Akte zurück auf den Tisch und nickte ihr freundlich zu. „Sobald der Sheriff sein Okay gibt, können wir Sie entlassen."

Der Sheriff. Buffy mochte ihn und doch wollte sie jetzt nicht mit ihm sprechen. Sie wollte nicht über die Geschehnisse der letzten Nacht nachdenken. Und schon gar nicht über Williams Tod.

Sie lehnte sich in ihr Kissen, schloss die Augen und versuchte die Tränen aufzuhalten, die sich unbedingt einen Weg in die Freiheit bahnen wollten. Er war ihretwegen gestorben. Nur für das verdammte Geld, das ihre Großtante im Haus versteckt hatte. Hätte sie ihn doch nur nicht eingestellt! Er wäre immer noch am Leben und bei bester Gesundheit.

Eine Hand fuhr federleicht über ihre und sie seufzte unterdrückt auf, ohne ihren neuerlichen Besucher anzusehen. Sie weigerte sich, irgendwen zu sehen. Begriffen diese Menschen denn nicht, wie unwichtig sie war? Sie war bewusstlos geworden und schlimmstenfalls hatte sie sich eine Erkältung eingefangen! Es war nichts! Nichts im Vergleich zu William!

Buffy spürte, wie sich jemand auf das Fußende des Bettes setzte und sie wappnete sich für eine verbale Attacke. Konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? „Was?", schnauzte sie und öffnete die Augen. „Kann man nicht… William? Wie…? Was? Oh, mein Gott! Ich dachte, du wärst…." Die Tränen, die sie so mühsam zurückgehalten hatte, liefen ungehindert über ihre Wange und sie schluchzte laut auf.

„Hey", sagte er tröstend. „Es ist alles okay." Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Alles wird wieder gut."

Wo die Wut herkam, vermochte sie nicht zu sagen, aber sie richtete sich auf und bedachte ihn mit einem bitterbösen Blick. „Wie konntest du mir das antun?", fuhr sie hoch und schubste ihn weg.

„Au, verdammt", zischte er, sprang vom Bett und hielt sich die Seite. „Gott verdammt", er krümmte sich. „Ich kann ja verstehen, dass du wütend bist, aber …. Au!"

„Na na", brummte eine gutmütige Stimme. „Wie wird denn hier mit einem Helden umgegangen?" Der Sheriff lehnte an der Türzarge und grinste vergnügt vor sich hin. Dann stieß er sich ab und ging auf William zu. „Verdammt gut Arbeit!"

„Danke, Bill", erwiderte er, richtete sich, so gut es ging, auf und schüttelte die angebotene Hand.

„Wie ich hörte, hast du verdammtes Glück gehabt!" Er deutete auf Williams Bauch und nickte langsam. „Das hätte übel ausgehen können."

„Allerdings. Ein glatter Durchschuss. Keine wichtigen Organe verletzt. Es war gut, dass du so schnell reagiert und Kavallerie angeschleppt hast."

„Und der Doc hat dir erlaubt, schon wieder aufzustehen?" Bill Cabbot machte ein fragendes Gesicht und zwirbelte seinen Schnauzbart zwischen den Fingern.

„Er weiß noch nicht, dass einer seiner Patienten auf Wanderschaft ist", grinste Spike verhalten.

Verstört sah Buffy von einem zum anderen. Es war offensichtlich, dass sich die Männer schon länger kannten und die Wut kochte erneut hoch. „Was passiert hier eigentlich? Kann mich mal jemand aufklären?" Sie wischte die letzte Träne aus dem Gesicht und funkelte die beiden abwechselnd böse an.

„Willst du oder soll ich?" Der Sheriff sah William fragend an.

„Erzähl du", nickte er. Dann sah er zu Buffy, zuckte andeutungsweise mit den Schultern und setzte sich wieder auf das Bett. Allerdings sicherheitshalber auf das hinterste Stück und er lehnte sich vorsichtig gegen das Fußende. „Aber nicht wieder schubsen."

„Spike ist… nun, wie soll ich das am besten erklären. Spike ist ein entfernter Verwandter meiner Frau. Sie und seine Mutter waren Cousinen." Der Sheriff stockte. „Ich glaube, das wird länger dauern." Er sah sich um, ging auf einen Stuhl zu und schleifte ihn zum Bett. „Ich sollte anders anfangen", meinte er, setzte sich und sah William an. „Gleich die Fakten auf den Tisch, oder?"

„Wäre am besten", nickte Spike und versuchte sich anders hinzusetzen. „Scheiße, tut das weh", brummte er und hielt sich die Hand auf den Bauch.

„So wird das nichts", brummte der Sheriff und stand wieder auf. Er verließ das Zimmer und kam zwei Minuten später mit einer aufgeregten Schwester zurück, die ein Bett in Buffys Zimmer schob. „Rein da", befahl er und William nickte ergeben.

„Aber ich will hier bleiben!" Die Schwester kontrollierte seinen Verband und schimpfte wie ein Rohrspatz, doch er achtete gar nicht darauf. „Du lässt mich hier bleiben, oder?"

„Sicher bleibst du hier", knurrte Bill. „Aber der Doc kommt gleich und gibt dir was gegen die Schmerzen." Er wartete bis die Schwester verschwunden war und wandte sich wieder Buffy zu. „Dann wird es jetzt wohl Zeit, dass ich mit meiner Erklärung fortfahre." Er setzte sich wieder und lehnte sich zurück. „Die Fakten. Williams Eltern sind vor gut zwei Jahren unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Sein Vater hatte einen Schlaganfall und da seine Mutter sich nicht alleine um ihn kümmern konnte, haben sie sich eine Hilfe ins Haus geholt." Er sah William an, der ausgestreckt auf seinem Bett lag und an die Decke starrte. „Ist es okay, wenn ich das so sage?"

„Mach weiter", brummte Spike und winkte mit der Hand ab. „Sonst sind wir morgen noch nicht fertig." Er konnte jetzt nichts sagen. Es war schwer genug, die ganze Geschichte noch einmal hören zu müssen.

„Also gut." Der Sheriff räusperte sich. „Wie gesagt, sie haben sich eine Hilfe ins Haus geholt. Es schien auch alles gut zu laufen und sein Vater war langsam auf dem Weg der Besserung. Die Lähmung klang langsam ab und sogar der Arzt war beeindruckt von seinem Kampfgeist." Er machte eine Pause und verzog das Gesicht. „Keine zwei Wochen später ist dann ihr Haus in die Luft geflogen und hat seine Eltern unter sich begraben." Er hustete und warf wieder einen Blick auf William. Doch der reagierte kaum und starrte weiter an die Decke. „Die Untersuchung ergab, dass eine undichte Gasleitung dafür verantwortlich war und man hielt es für einen Unfall. William hat nie daran geglaubt und seine Ahnungen wurden bestätigt, als festgestellt wurde, dass eine Menge Bargeld und Schmuck fehlten. Er hat mit der dortigen Polizei gesprochen und sogar mit dem FBI, doch niemand wollte ihm Glauben schenken und keiner fand es merkwürdig, dass die Krankenschwester praktisch über Nacht verschwunden ist."

Buffy schluckte hörbar. Sie konnte sich schon so einiges zurecht reimen, aber sie wollte die ganze Geschichte hören. Sie sah zu William, doch er schien weit weg mit seinen Gedanken und sie konnte es ihm nicht verübeln. „Was ist dann passiert?"

„William hat seinen Dienst bei der Army quittiert und versucht, die Krankenschwester aufzuspüren." Der Sheriff seufzte laut. „Er hat sie gefunden, allerdings erst, als es bereits zu spät war. In Albertville hatte sie gleich zwei alte Damen bestohlen und wohl auch getötet. Aber die Lady war verdammt clever. Sie hat kaum Spuren hinterlassen und beide Frauen starben laut Sterbeurkunde eines natürlichen Todes."

„Es war verdammt schwer, sie erneut aufzuspüren", meldete sich William leise zu Wort. „Sie hat sich immer kleine Orte wie Eastport ausgesucht. Sie hat sich in das Gesellschaftsleben integriert, war höflich und zuvorkommend und hat sich den Klatsch der Frauen angehört. So hat sie herausgefunden, bei wem es sich lohnte."

„Mrs. Mullington", murmelte Buffy und sah ihn nicken. „Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden."

„Allerdings kam sie hier zu spät", meldete sich der Sheriff wieder zu Wort. „Ihre Großtante ist wirklich verunglückt und so hatte sie keine Chance, nähere Informationen aus ihr herauszuquetschen. Also hat sie sich von ihrer Nachbarin einstellen lassen und auf den Erben gewartet."

„Ich habe versucht, dich aus allem rauszuhalten", sagte William und sah sie an. „Es war wichtig, dass du das Geld, das du gefunden hast, gleich zur Bank bringst. Ich habe mich auf den Tratsch hier in der Stadt verlassen und gehofft, Mrs. Mullington würde Ruhe geben, wenn sie wusste, dass im Haus nichts mehr zu finden ist. Aber die Buschtrommeln waren nicht schnell genug und ich habe versucht, dich dazu zu bringen, die Stadt zu verlassen."

„Ich verstehe", nickte Buffy, als ihr sein merkwürdiger Vorschlag mit dem Urlaub wieder einfiel. Sie machte sich lang und nahm seine Hand. „Du hast dein Bestes getan. Aber ich wäre niemals von hier weggegangen."

„Das habe ich gemerkt", lächelte er schwach. „Du bist eine Kämpfernatur. Du lässt dich nicht aufhalten."

„Allerdings", nickte Buffy und musste schmunzeln.

„Kann ich euch Turteltauben unterbrechen?", neckte der Sheriff und Buffy lehnte sich rasch wieder zurück. „Ich habe noch eine Menge Papierkram zu erledigen und wir sollten das hier beenden." Er nickte. „Es war, wie William sagte. Die Buschtrommeln waren nicht schnell genug und mir schwante schon Tage vorher Böses, als er von dem Überfall und dem Schuss erzählte."

„Sie haben davon gewusst?" Buffy schüttelte den Kopf. „Natürlich haben Sie es gewusst."

„Ich habe ihn über alles auf dem Laufenden gehalten", sagte Spike. „Aber ich wollte dich nun mal aus der Geschichte heraushalten. Ich dachte, je weniger du weißt, desto besser ist es für dich. Außerdem hättest du meinen seltsamen Erklärungen womöglich keinen Glauben geschenkt."

Buffy nickte bedächtig. „Dann war es Mrs. Mullington, die ich in der Nacht schreien hören habe. Aber warum hat sie so geschrieen und wer war der Tote in meinem Vorgarten?"

„Ihr Sohn", erklärte Bill Cabbot. „Die beiden waren Partner, wenn man es denn so nennen kann. Und William hat ihn erschossen." Er blickte Buffy an. „Reine Notwehr, wie unschwer zu erkennen ist. Steven Mullington war nicht gerade für seinen Sanftmut bekannt und es war eine gute Idee von Ihnen, über das Dach zu verschwinden. Nicht auszudenken, was er getan hätte, wenn er sie erwischt hätte. Seine Strafakte ist ellenlang und er wurde unter anderem auch für Vergewaltigung verurteilt."

Der Doktor stürmte aufgeregt ins Zimmer und Buffy war froh über die Unterbrechung. Ihr Kopf rauschte von der Flut der Informationen und sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Die letzte Nacht kam ihr wieder in den Sinn. Ihre Flucht über das glitschige Dach, William, der eine Pistole auf sie richtete und über den Rasen schliff… Auf mal war es einfach alles zu viel und auch wenn sie jetzt verstand, was sich abgespielt hatte, sie wollte einfach nur noch weg und sah den Sheriff an. „Können Sie mich bitte nach Hause fahren? Ich muss hier raus!"

Bill Cabbot nickte und Buffy sprang aus dem Bett. Sie wickelte sich in eine Decke und sah ihn herausfordernd an. „Jetzt sofort, bitte."

Teil 12

„Miss Summers! Miss Summers, so bleiben Sie doch stehen!" Bill Cabbot, seines Zeichens Sheriff von Eastport, schüttelte den Kopf und lief der jungen Frau hinterher, die nur mit einem Krankenhaushemdchen und einer Decke bekleidet durch die Korridore flitzte.

Doch Buffy dachte gar nicht daran stehen zu bleiben. Sie wollte nur noch von hier weg und so rannte sie durch die Flure, die laut der Beschilderung zum Ausgang führten. Es war gar nicht so einfach, mit der umgewickelten Decke zu laufen, aber sie achtete nicht weiter darauf. Genauso wenig wie auf die fragenden Blicke, die ihr Patienten und Schwestern hinterher warfen. Sie wollte jetzt alleine sein. Sie musste ihre Gedanken ordnen und vor allem die unterschiedlichen Gefühle, die an ihr nagten.

„Miss Summers!" Der Sheriff rannte so schnell er konnte hinter ihr her und konnte doch nicht anders, er musste sie bewundern. Diese kleine Person war unglaublich mutig und ließ sich nicht aufhalten. Nicht einmal von einem Gesetzeshüter, der laut schreiend hinter ihr herlief. Sie war etwas ganz Besonderes und er konnte verstehen, dass William Gefallen an ihr gefunden hatte. Er hatte es zwar nie laut gesagt, aber er war einfach zu besorgt um sie gewesen. Ein Wachmann kam ihm schließlich zur Hilfe. Er fing Buffy an der Tür ab und hielt sie eisern fest.

„Loslassen", motzte Buffy und versuchte sich aus der Umklammerung zu lösen.

„Schon gut", meinte Bill und nickte dem Wachmann zu, der daraufhin von ihr abließ. „Danke für Ihre Hilfe." Er wartete, bis der Mann gegangen war und wandte sich Buffy zu, die mit trotzig verschränkten Armen zu ihm aufblickte. „Miss Summers. Ich bitte Sie. Sie können das Krankenhaus doch so nicht verlassen."

„Ich will hier raus!" Sie betonte jedes Wort überdeutlich und ihre grünen Augen schossen Blitze ab.

„Das kann ich ja verstehen. Aber bitte hören Sie mir einen Moment zu." Noch immer völlig außer Atem wischte er sich den Schweiß von der Stirn und lehnte sich an die Wand. „Ich bin heute Morgen in Ihrem Haus gewesen und habe Ihnen Anziehsachen mitgebracht. Sie liegen noch im Auto. Lassen Sie sie mich holen. Sie können doch in diesem Aufzug nicht… hinaus auf die Straße."

Buffys Blick zeigte deutlich, dass sie das durchaus konnte und sie sich von solchen Lappalien nicht aufhalten ließ. Aber sie entspannte sich etwas und nickte. „Es dauert nicht lange. Ich bin sofort wieder da."

 


                                                                                           *~*~*~*

 

Auf der Fahrt zurück nach Eastport versuchte der Sheriff immer wieder, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Doch Buffy gab nur widerwillig Antwort und so unterließ er es bald. Sie starrte aus dem Fenster und versuchte nicht an William zu denken. Sie war unglaublich wütend auf ihn. Er hatte sie vielleicht gerettet, aber ohne ihn wäre sie niemals in Gefahr gewesen. Sie seufzte leise. Das war gelogen. Diese verfluchte Mrs. Mullington und ihr Sohn wären trotzdem bei ihr eingebrochen und ohne Williams Hilfe wäre sie jetzt vielleicht sogar tot. Buffy wischte energisch die Tränen weg, die wieder in ihren Augen schimmerten. Sie hatte sich nicht einmal von ihm verabschiedet. Sie war einfach fortgelaufen.

„Das hätte ich fast vergessen", meinte der Sheriff plötzlich. Er machte sich lang, angelte etwas von der Rückbank und legte es in ihren Schoß. „Das habe ich gestern an mich genommen. Sie möchten es bestimmt gerne zurückhaben."

Es war das Schmuckkästchen ihrer Mutter und Buffy schluchzte hörbar auf. „Danke", murmelte sie ein paar Minuten später. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle und atmete tief ein. „Ich weiß nicht, wie ich mich dafür…"

„Schon gut, kleine Lady", unterbrach er sie und blickte geradeaus auf die Straße. „Es war eine verdammt harte Nacht." Er machte eine Pause und räusperte sich. „Geben Sie William nicht die Schuld dafür. Er musste so handeln. Er konnte Ihnen nicht die Wahrheit sagen. Aber vermutlich können gerade Sie das verstehen." Er warf ihr einen kurzen Blick zu und nickte. „Vielleicht sollte ich das jetzt nicht sagen, denn eigentlich ist es nur eine Vermutung… aber ich denke, er mag Sie sehr. Er war gestern Nacht sehr besorgt um Sie und hat sich erst verarzten lassen, als wir Sie endlich gefunden hatten. Der Notarzt wäre beinahe an ihm verzweifelt, da er jede Hilfe abgelehnt hat."

 

                                                                                         *~*~*~*

 

Zurück in ihrem Haus zu sein, war lange nicht so schlimm, wie gedacht. Buffy war davon ausgegangen, dass sie sich nicht mehr wohlfühlen könnte, aber genau das Gegenteil war der Fall. Kaum war sie zuhause, fielen alle bitteren Gedanken und Gefühle von ihr ab und zum ersten Mal konnte sie tief durchatmen.

Vor und in ihrem Haus erinnerte allerdings auch kaum noch etwas an die letzte Nacht. Es gab keine Absperrbänder, wie sie in Filmen immer gezeigt wurde. Wahrscheinlich weil es nichts mehr aufzuklären galt. Steven Mullington war tot und seine Mutter war in Gewahrsam.

Die untere Etage war durch das Ausräumen am Tag vorher fast gänzlich unmöbliert und ihre Küche war unberührt. Mrs. Mullington hatte gewusst, wonach sie suchte und die kleine Safetür lag zerbrochen auf dem Fußboden. Es musste eine herbe Enttäuschung gewesen sein, als sie den Safe leer vorgefunden hatten und eine Gänsehaut kroch über Buffy Rücken. Sie konnte sich die Wut der Beiden nur zu gut vorstellen und sie gab dem Sheriff Recht. Es war eine gute Idee gewesen, über das Dach zu verschwinden. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie Steven in die Hände gefallen wäre.

Ihr Schlafzimmer wirkte beinahe normal. Es war noch immer so, wie sie es verlassen hatte. Das Bett war zerknüllt, aber alle Schranktüren und Schubladen waren geschlossen. Niemand hatte sie durchwühlt und Buffy war erleichtert darüber. Sie hatte Angst davor gehabt. All ihre persönlichen Sachen waren hier und sie hatte nicht gewusst, wie sie damit hätte zurecht kommen sollen, wenn jemand Fremdes sie in der Hand gehabt hätte.

Die Tür war natürlich zerstört. Lose hingen die Bruchstücke in den Angeln und auch der Stuhl, den sie als Schutz davor gestellt hatte, lag zerborsten auf der Erde. Aber das alles waren Kleinigkeiten, die sich schnell wieder reparieren ließen. Darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen.

Buffy duschte schnell, zog sich um und schleifte die Bruchstücke der Türen auf den großen Holzstapel, den Xander aufgeschichtet hatte. Die körperliche Arbeit tat ihr gut und erst, als der letzte Splitter auf dem Stapel lag, gönnte sie sich eine Pause. Sie blieb vor dem Holzstoß stehen und nickte. Bei der nächsten Gelegenheit würde all das ein wunderschönes Feuer abgeben und sie würde diese schrecklichen Erinnerungen nur zu gern mit verbrennen.

Sie atmete die klare, würzige Luft ein und schloss für einen Moment die Augen. William ging ihr einfach nicht aus dem Sinn und sie seufzte leise. Er war bestimmt enttäuscht, dass sie einfach so verschwunden war. Sie an seiner Stelle wäre es zumindest gewesen. Er hatte sein Leben riskiert. Nicht nur für sie, wahrscheinlich viel mehr für seine Eltern, aber ohne ihn hätte die Nacht übel geendet. Sollte sie im Krankenhaus anrufen? Oder sollte sie all ihren Mut zusammen nehmen und hinfahren?

Unsicher ging sie zum Haus zurück und kam gerade rechtzeitig um den Schreiner zu empfangen, den sie herbestellt hatte. Sie wollte eine neue Haustür. Die Alte hätte man vielleicht noch reparieren können, aber sie wollte eine mit einem besseren Schutz. Eine, die nicht sofort aufsprang, wenn jemand mit Wucht dagegen trat und wie der fleißige Handwerker ihr versicherte, würde das kein Problem darstellen. Er hatte mehrere auf Lager und sogar schon eine mitgebracht, die er und sein Lehrling sofort einbauen konnten. Doch zuerst mussten sie natürlich die alte ausbauen und beide machten sich sofort an die Arbeit.

Das Telefon klingelte und Buffy überlegte, ob sie das Gespräch überhaupt annehmen sollte. Sie war sich nicht sicher, ob sie mit jemandem sprechen wollte, doch dann entschied sie ranzugehen.

„Oh, hi Willow!" Die Worte der neuen Freundin prasselten auf sie ein und sie musste beinahe lächeln. Diesmal waren die Buschtrommeln schnell genug gewesen. Die ganze Stadt wusste bereits Bescheid und sie fand es rührend, dass Willow sich soviel Sorgen machte. „Es geht schon wieder. Ich war über Nacht im Krankenhaus, aber jetzt bin ich zurück." Sie lauschte Willows Fragen und nickte. „William geht es dementsprechend. Er hat eine Kugel abbekommen, aber es war wohl ein Durchschuss und er hat viel Glück gehabt, dass keine Organe verletzt worden sind."

Sie sprachen eine lange Zeit miteinander und nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, fühlte sie sich seltsam entspannt. Sie war es nicht gewohnt, dass andere Menschen sich Sorgen um sie machten und doch musste sie sich eingestehen, dass es nicht das Schlimmste war, nicht völlig alleine dazustehen.

Buffy setzte sich an den Küchentisch um eine Tasse Kaffee zu trinken. Die meisten ihrer Gedanken waren geordnet und da sie keine Frau war, die sich in etwas hineinsteigerte, ging es ihr eigentlich erstaunlich gut. Es blieb nur die große Frage übrig, was jetzt mit William war. Bisher hatte sie ,so gut es ging, jeden Gedanken an ihn beiseite geschoben, aber so langsam gab es keinen Aufschub mehr. Würde er sie sehen wollen? Oder war er enttäuscht und würde abweisend reagieren, wenn sie jetzt zum Krankenhaus fuhr?

Buffy stand seufzend auf und öffnete ihren Kühlschrank. Ihr Magen grummelte, aber sie war sich nicht absolut im Klaren darüber, ob es am Hunger lag.

„Miss?", der Lehrling lugte vorsichtig in die Küche. „Mein Chef möchte wissen, ob Sie die Tür möchten, die wir mitgebracht haben. Wenn nicht, dann muss ich schnell zum Lager fahren und eine andere holen."

„Ich komme sofort", nickte sie und stellte den Joghurt auf die Arbeitsfläche, den sie gerade aus dem Kühlfach genommen hatte. Dann musste das Essen eben warten und im Grunde war sie nicht einmal böse über die Störung. Jetzt hatte sie jedenfalls eine Ausrede, um nicht an William denken zu müssen.

Der Schreinermeister führte sie zu seinem Transporter und zeigte ihr die in Folie eingewickelte Tür. „Ein gängiges Modell", erklärte er. „Sie hat sieben Sperren, die sich automatisch verriegeln, sobald sie die Tür abschließen. Außerdem ist sie sehr solide verarbeitet und die kleinen Sichtscheiben sind aus Sicherheitsglas. Ohne weiteres kann sie nicht aufgebrochen werden."

Buffy nickte bedächtig. Genau das hatte sie sich vorgestellt und sie gab ihre Zusage. Farblich passte sie zu den weißen Fenstern und es gab keinen Grund, eine andere aussuchen zu müssen.

„Der Einbau dauert maximal eine Stunde. Allerdings sollten Sie die Tür für mindestens einen Tag geschlossen halten, damit sich die Verankerungen fest mit der Wand verbinden können." Der Handwerker steckte seinen Bleistift hinter das Ohr und sah sie fragend an. „Ich war übrigens schon einmal bei Ihrer Großtante.", sagte er dann vorsichtig. „Sie hat mich angerufen, weil die Verandatür klemmte. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber sie sollten darüber nachdenken, auch diese Tür auszutauschen."

„Eine hervorragende Idee", bemerkte Buffy. „Aber irgendwie muss ich ja in mein Haus."

„Ich hätte morgen Zeit", sagte der Schreiner und da Buffy nickte, verabredeten sie einen Termin. „Kommen Sie doch am Nachmittag in unser Geschäft, damit Sie sich eine Tür aussuchen können. Die Maße werde ich mir gleich aufschreiben und dann können wir morgen früh gleich loslegen."

 

                                                                                        *~*~*~*

 

Die Stunden schlichen nur so dahin und Buffy schob genervt ihren Bürostuhl zurück. Sie hatte versucht, sich auf ihre Arbeit zu stürzen, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. „Das reicht jetzt", schimpfte sie mit sich und fuhr den PC herunter. „Du fährst jetzt zum Krankenhaus und klärst das mit ihm. Entweder er verzeiht dir oder… oder…"

Warum nur war die Hinfahrt soviel kürzer, als die Heimfahrt am Morgen? Im Wagen des Sheriffs waren ihr die zwanzig Minuten endlos vorgekommen und jetzt flogen sie nur so vorbei. Eastport war zu klein für ein eigenes Krankenhaus und eigentlich hatte sie gedacht, das sie auf dem Weg zur Nachbarstadt genug Zeit hätte, um sich auf das Gespräch mit William vorzubreiten. Doch das war ein Irrtum gewesen. Sie parkte ihren Wagen, stieg aus und atmete tief ein, um sich selbst Mut zu machen. „Du schaffst das schon", murmelte sie und marschierte los.

Die Krankenschwester lächelte, als sie Buffy erkannte. „Er schläft jetzt", meinte sie unaufgefordert. „Er hat die ganze Zeit gewartet, aber die Erschöpfung hat ihn schließlich doch geschafft. Wenn es geht, dann lassen Sie ihn schlafen. Er hat es sich verdient."

Doch Buffy hörte gar nicht mehr zu. Sie hatte nur gehört, dass er auf sie gewartet hatte und ihr Magen spielte verrückt. Hatte er gewartet, um sie anzumeckern oder vielleicht…

Auf Zehenspitzen schlich sie in das Zimmer und setzte sich auf den Stuhl, der direkt neben seinem Bett stand. Völlig entspannt lag er da. Er war nur etwas blasser als gewohnt. Aber das konnte auch an den blondierten Haaren liegen, die auf den weißen Laken beinahe verloren ging.

In ihrem Inneren entbrannte ein Kampf. Es war schwer einfach zu warten und sie wäre am liebsten wieder weggelaufen. Aber sie wollte nicht feige sein. Sie war es nie gewesen und würde jetzt bestimmt nicht damit anfangen. Vorsichtig nahm sie seine Hand und es tat gut, die Wärme zu spüren, die sie ausstrahlte.

„Hey", murmelte er verschlafen. Aus trüben Augen sah er sich an und sie konnte diesen Blick nicht deuten.

Rasch zog sie ihre Hand zurück. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht wecken. Schlaf ruhig weiter. Ich warte hier."

„Du willst warten?", seine Stimme klang verblüfft und er versuchte sich aufzusetzen. „Au", grummelte er und robbte ein Stück zurück. „Alles okay mit dir?", erkundigte er sich, nachdem er eine bequemere Lage eingenommen hatte.

„Das fragst du mich? Bin ich angeschossen worden oder du?"

Er lachte leise und angelte ein Glas Wasser von seinem Beistelltisch. „Nicht so schlimm. Der Doc meint, ich müsste nur ein paar Tage hier bleiben." Er trank ein paar Schlucke und stellte das Glas zurück. „Es ziept nur furchtbar. Und ich hasse es, krank zu sein! Aber die paar Tage werde ich schon überstehen."

„Und dann?", fragte Buffy und hatte fast Angst vor der Antwort. Doch was erwartete sie eigentlich? Nur weil er sie an dem schrecklichen Abend auf die Stirn geküsst hatte, musste das noch lange nicht bedeuten, dass Bill Cabbot Recht hatte und er sie wirklich… mochte.

„Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau", sagte er und sah sie an. „Ich habe da eine sehr nette Frau kennengelernt. „Sie ist wunderschön, klug und sehr interessant. Aber ich weiß nicht, ob sie mich mag."

Und Buffy war schlecht. Wenn er jetzt nicht über sie sprach, dann… dann… würde sie garantiert wieder weglaufen. „Warum fragst du sie nicht einfach?", brachte sie mühsam über die Lippen.

„Ich habe eine bessere Idee", erwiderte er. Mit einer ruckartigen Bewegung, die sicherlich sehr schmerzhaft gewesen war, griff er ihre Hand und zog sie zu sich aufs Bett. „Ich möchte sie nicht fragen. Ich würde sie viel lieber küssen", meinte er leise und zog noch weiter sie zu sich herunter. „Ob sie das zulassen würde?"

„Ich denke schon", murmelte Buffy. Doch dann lagen seine Lippen auf ihren und jedes weitere Denken setzte aus.