
Invisible Touch
Langsam und sachte waberten dichte Nebelschwaden über den modrig riechenden Boden des Friedhofs. Der anhaltende kalte Regen trieb die letzte Wärme aus dem aufgeweichten Erdboden, der dem immer neu strömenden Nass keine Gegenwehr mehr bieten konnte. Jede noch so kleine Senke hatte sich mit Wasser gefüllt und der gesamte Friedhof glich einer Miniaturseenlandschaft. Riesige Pfützen hatten sich gebildet und der Wind tat sein Bestes, um die Situation weiter zu verschärfen.
Zitternd hockte die Jägerin hinter einem Grabstein und hatte die Kapuze ihrer Jacke bis tief ins Gesicht gezogen. Wirklich abhalten konnte der klamme Stoff den nachströmenden Regen nicht mehr. Die Jacke war vollkommen durchnässt, genau wie der Rest ihrer Sachen. Sie klebten eisig auf der Haut und Buffy schnaubte unzufrieden.
„Was denn, Slayer?", zischte Spike. Mit einem Hechtsprung landete er neben ihr und spritzte sie mit Matsch voll. „Keine Lust mehr Dämonen zu jagen?" Der Vampir war ebenso nass wie sie, zeigte aber keinerlei Anzeichen dafür, dass es ihm zuwider war, noch länger gegen den Dämon zu kämpfen. Es schien eher so, als habe er seit langem mal wieder Spaß. Vorsichtig blickte er sich um, doch von seinem Gegner war momentan nichts zu sehen und er grinste breit, als sie ihr Gesicht hob.
„Bei dem Wetter?", brummte die Jägerin. „Eher nicht!" Sie hatten
den K’Darfin aus der Stadt herausgelockt und ihn wiederholt in Kämpfe
verwickelt, aber der Dämon war stark und hatte bisher jeden ihrer Angriffe
abwehren können.
Der Vampir lachte leise. „Das Wetter hält unseren großen hässlichen Kumpel auch
nicht auf. Oder meinst du, es stört ihn, dass das Wasser aus seinem verfilztem
Pelz tropft?"
„Mir doch egal", nörgelte Buffy. „Aber ich hab so langsam die Nase voll von Wasser. Zumindest, wenn es als kalter Regen auf mich fällt!" Sie streckte ihm ihre Hände entgegen. „Hier. Guck dir das an!", maulte sie. „Blau und steifgefroren! Was soll das überhaupt? Immerhin leben wir in Sunnydale! In Kalifornien! Hier sollte es warm sein und nicht nass und kalt wie in einer Eisbärenhöhle", schimpfte sie leise. „Ich bin klitschnass, mir ist kalt und eine Kneippkur kann ich mir auch sparen. Seit drei Stunden trete ich durchgehend Wasser." Sie verdrehte die Augen. „Und die Stiefel waren verdammt teuer! Warum…"
„Du drehst langsam durch, oder?", unterbrach Spike kopfschüttelnd ihr Gemecker. „Hast du dir selbst mal zugehört? Du benimmst dich wie ein trotziges kleines Modepüppchen!" Er spähte vorsichtig um den Grabstein, bevor er weiter sprach. „Du bist eine Jägerin, verdammt! Keine Barbiepuppe." ‚Wo zum Henker ist der Mistkerl geblieben?’, fragte er sich. Von dem Monster war nichts zu entdecken und er streckte sich, um eine bessere Sicht zu haben.
„Pffft", machte Buffy beleidigt. „Ich kann diesen dämlichen Spruch echt nicht mehr hören. Bäh! Jägerin…bla bla… die Eine...bla bla… die Auserwählte…!" Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. „In meiner Jobbeschreibung stand nichts von eiskaltem Regen, klitschnass sein oder halb erfrieren! Ich bin ein Eisblock! Und warum überhaupt muss dieser mistige K’Darfin gerade jetzt die Stadt unsicher machen? Kann der sich nicht normal benehmen und im Sommer kommen? Oder zumindest im Frühling!"
„Du hast nicht zufällig eine Flasche Whiskey unter deiner Jacke versteckt, an der du heimlich nuckelst?", erkundigte Spike sich leicht verwirrt. Es war ja nichts Neues, das Buffy über ihren Job klagte, aber das heute ging eindeutig zu weit! Konnte sie sich einmal normal benehmen und diese ständige Genörgel vergessen? Da war er, ein lausiger Vampir, ja pflichtbewusster als sie. ‚Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich für mein Unleben gerne prügele’, dachte er und lächelte verschmitzt.
„Ach, verdammt", meckerte die Jägerin. „Urlaub. Das hätte jetzt was. Eine Woche gemütlich unter Palmen…", träumte sie vor sich hin. „Oder noch viel besser: eine Kreuzfahrt mit herrlich viel Sonne. Ein nettes Luxusschiff und eine Menge Stewards, die mir das Leben erleichtern. Nettes Essen, gemachte Betten und kein Müll, der herauszutragen ist."
Spike lachte. „Schon wieder Wasser? Ich dachte davon hättest du
genug."
„Das kann man ja wohl kaum vergleichen", motzte Buffy, verzog das Gesicht
und sprang auf. „Schönes seichtes Wasser, auf dem der Dampfer sanft dahin
gleitet", träumte sie weiter, doch dann schüttelte sie den Kopf und ihr Gesicht
wurde ernst. „Vergiss es. Ich bin die Jägerin! Urlaub ist für mich nicht
vorgesehen. Also komm endlich, damit wir diesen mistigen Dämon erledigen können.
Hier noch länger im Regen hocken, bringt überhaupt nichts!"
„Na, wenn du das sagst…", knurrte Spike und kam missmutig auf die Füße. ‚Wer jammert denn hier die ganze Zeit? Du oder ich?’
„Wo ist der K’Darfin denn abgeblieben?" Verwirrt sah sie sich um. „Eben war er doch noch da."
„Er hatte wohl keine Lust, sich die Litanei über dein beschissenes Leben noch länger anzuhören, und ist vom Friedhof verschwunden", brummte der Vampir undeutlich und wischte sich das regennasse Gesicht.
„Und warum hast du mir nichts davon gesagt?", fauchte Buffy ihn unzufrieden an.
„Ich wollte dein Gejammer nicht unterbrechen", zischte Spike und baute sich vor ihr auf.
„Ich jammere nicht", erwiderte Buffy mit finsterem Gesichtsausdruck. „Ich habe mich…"
„…du hast dich nur über dein beschissenes Leben ausgelassen",
unterbrach Spike sie höhnisch grinsend. „Schon wieder! Du hast echt keine
Ahnung. Wenn hier einer ein Scheißleben, oder Unleben hat, dann bin ja wohl ich
das! Dir hat man keinen verdammten Chip in den Schädel eingepflanzt!"
„Wenn du deinen Chip nicht hättest, dann wärst du längst Staub", schrie
Buffy ihn an.
„Ja, ja! Immer die gleiche Leier. So langsam kann ich es echt nicht mehr hören!", fauchte Spike und machte sich darauf gefasst, von Buffy einen Schlag abzubekommen. Zumindest sah die Jägerin danach aus. Sie hatte Kampfhaltung eingenommen und blickte ihn finster an. ‚Moment mal!’, dachte er erstaunt. Sie sah gar nicht ihn an, stellte er fest, sondern sie blickte über seine linke Schulter. Bevor er sich umdrehen konnte, hörte er eine Stimme, in der reine Belustigung mitklang.
„Ihr beide hört euch wie ein altes Ehepaar an."
„Was zur Hölle…", fauchte Spike und wirbelte herum. Hinter ihm stand ein Wesen, dass am ehesten mit einem Menschen verglichen werden konnte. Allerdings schwebten Menschen für gewöhnlich nicht zehn Zentimeter über dem Boden, so wie es die ganz in weiß gekleidete Gestalt tat. „Wer zum Teufel bist du und was zum Geier willst du?", fauchte er wütend. Spike fühlte sich ertappt. Warum hatte er nicht gefühlt oder gar gehört, dass jemand näher gekommen war? Er funkelte das Wesen böse an und bemerkte mit Erstaunen, das eine helle Aura um den wissend lächelnden Mann loderte.
„Ich würde euch gerne erklären, weswegen ich…", begann der Fremde lächelnd und stockte, als Spike auf ihn zustürmte. „Du kannst mich nicht verletzen", sagte er sanft, als der Vampir absprang und… sauber durch ihn hindurch segelte.
„Bloody Hell", zischte Spike und landete bäuchlings in einer großen Pfütze. „Ein verdammter Geist!", schimpfte er und rappelte sich auf. „Der fehlt uns jetzt auch noch!" Den Matsch von seinem Mantel wischen machte wenig Sinn und so kniff er die Augen zusammen und fauchte den Fremden böse an. „Was für ein scheiß Typ bist du und was willst du von uns?"
„Ein Geist?", wiederholte Buffy und legte den Kopf schräg. „Ist er gefährlich?" Am Höllenschlund gab es einiges an Monstern, aber mit Geistern hatte sie keinerlei Erfahrung.
„Ich denke eher nicht", grummelte der Vampir und machte sich
nicht die Mühe, das fremde Wesen zu umrunden. Er ging einfach mitten durch ihn
hindurch und stellte sich neben Buffy. „Zumindest haben wir Wichtigeres zu
erledigen", brummte er dann. „Wir sollten uns beeilen. Der K’Darfin hat
mittlerweile einen großen Vorsprung und wenn er wieder in Richtung Stadtmitte
unterwegs sind, waren die letzten Stunden vergeudete Zeit."
„Aber ich müsste dringend mit euch sprechen", erklärte der Fremde und
nickte wichtig. „Ihr seid doch die Jägerin und der Vampir, der sich Spike
nennt."
„Nein", erwiderte Spike. „Sie ist Pat und ich bin Patterchon!" Er wandte sich kopfschüttelnd Buffy zu. „Los jetzt, Slayer. Wir haben zu tun." Er war verärgert und er hatte nicht die geringste Lust, das zu verbergen. Wer immer dieser verfluchte Kerl auch war, er sollte sich jemand anders suchen, der ihm half.
„Und du bist dir sicher, das der K’Darfin gefährlicher ist?" Sie runzelte die Stirn und nickte, als Spike nickte. „Okay!", murmelte sie leise, zuckte die Schultern und zog die Kapuze wieder tiefer ins Gesicht.
„Um den da kümmern wir uns später!", meinte der Vampir leichthin und deutete mit dem Kopf auf das fremde Wesen. „Und so wie es aussieht, sucht er nach uns. Das heißt, er findet uns auch ein zweites Mal!" Er lachte leise. „Mal was Neues. Vielleicht solltest du eine Annonce aufgeben. Dämonen gesucht! Bitte melden unter…"
„Hm", machte Buffy und überlegte. „Die Idee ist gar nicht so schlecht", meinte sie dann. „Aber ob es wirklich so dämliche Dämonen gibt?"
„Einige bestimmt", grinste Spike hämisch. „Wie auch immer. Wir sollten jetzt gehen."
Wie auf ein Stichwort drehten sich beide um und machten sich daran, den aufgeweichten Gottesacker zu verlassen.
„Aber… Ich bin doch… Hallo!", rief das fremde Wesen ihnen hinterher, doch keiner der beiden reagierte. „Hallo! Es ist wirklich wichtig!"
„Was glaubst du? Wo ist dieser mistige Dämon hin?", wandte Buffy sich an Spike. Sie war bis auf die Knochen durchgefroren und wollte nur eins, diesen furchtbaren Mistkerl erledigen und in ihr warmes Bett krabbeln.
„Wenn ich mich nicht irre, dann hat er den direkten Weg in die Stadt gewählt", antwortete Spike und zuckte mit den Schultern. „Da würde ich an seiner Stelle zumindest hingehen. Eine Menge Leckereien auf Beinen!" Er lachte verwegen und für einen flüchtigen Augenblick konnte Buffy den Schalk in seinen Augen sehen.
„Pfff", machte sie und verzog das Gesicht. Sie umrundeten einige Grabsteine und traten dabei wiederholt in tiefe Pfützen. Das quietschende Geräusch ihrer Stiefel ignorierend, wandte sie sich wieder an den Vampir. „Und wer oder was war das gerade?", fragte sie neugierig. „Wirklich gefährlich sah er nicht gerade aus. Vielleicht hätten wir uns doch anhören sollen, was er zu sagen hatte."
„Oh Mann, Slayer! Vor nicht einmal zehn Minuten hast du mir die Ohren voll geheult: Scheiß Wetter! Ewiger Regen! Mir ist so kalt! Du hast mir sogar deine ekligen, krummen blauen Finger gezeigt!", schimpfte er. „Und jetzt willst du freiwillig noch länger in der Kälte stehen und einem Kerl zuhören, der zehn Zentimeter über dem Boden schwebt?" Er schüttelte den Kopf. „Du bist wirklich… unglaublich", murmelte er, nach einem Schlag in die Magengrube. „Verflucht! Das hat wehgetan!"
„Stell dich nicht an wie ein Baby!", erwiderte Buffy und sie musste sich schnell wegdrehen, damit der Vampir ihr Grinsen nicht sah.
„Das sagt mir die Richtige", knurrte Spike und hob sicherheitshalber abwehrend die Arme. „Also, wo gehen wir jetzt hin?", fragte er, nachdem sie keinerlei Anstalten machte, ihn wieder zu schlagen.
„Richtung Stadtmitte", seufzte Buffy. „Ich hoffe nur, wir finden ihn schnell. Ansonsten kann ich mir die heiße Badewanne heute abschminken. Und nein! Dich nehme ich nicht mit", schimpfte sie, weil Spike leise lachte.
„Wenn du meinst", feixte der Vampir. „Aber du hast keine Ahnung, was dir entgeht."
Buffy antwortete nicht, sie grunzte nur leise und schüttelte sich, als das Regenwasser aus ihren Haaren langsam ihren Rücken hinabrann. ‚Kann nicht mal jemand auf einen Knopf drücken und diesen verdammten Regen abstellen? Das ist ja nicht auszuhalten!’
Das fremde Wesen auf dem Friedhof hatte sie schon fast wieder vergessen. Sie wollte jetzt nur noch eins, möglichst schnell den K’Darfin erledigen und dann nichts wie ab nach Hause.
Die in weiß gekleidete Person jedoch fand sich mit der Abfuhr nicht so leicht ab. Der Mann starrte der Jägerin und dem merkwürdigen Vampir hinterher und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Ihr habt es nicht anders gewollt", murmelte er leise und hob die Arme. Ohne ein Wort der Warnung, schossen blaue Blitze aus seinen Fingerspitzen und rasten über den Friedhof auf Buffy und Spike zu. Beide wurden am Rücken getroffen und sackten augenblicklich zusammen. „Dann eben so", murmelte der Fremde leise und machte sich auf, die beiden mitzunehmen.
Teil 2
„Buffy?" Wie aus weiter Ferne hörte die Jägerin eine bekannte Stimme, die wieder und wieder ihren Namen rief. Warum nur war es so schwer die Augen aufzumachen und zu antworten? Ihre Glieder fühlten sich taub an und sie hatte große Mühe, auch nur den kleinen Finger zu bewegen.
„Buffy", versuchte Giles es noch einmal. Seine Jägerin lag nun bereits seit mehreren Stunden auf einer Turnmatte im Trainingsraum der Magic Box. „Buffy! Du musst jetzt aufwachen!" Seine Stimme klang beinahe hypnotisch und er achtete auf jeden Atemzug, den sie machte.
„Zur Hölle", brabbelte Spike leise und drehte sich auf die Seite. „Kann man nicht einmal vernünftig ausschlafen?" Er grummelte weiter leise vor sich hin, ruckelte noch einmal hin und her, um eine bequemere Schlafposition zu finden, und verstummte.
Etwas verwirrt blickte der Wächter auf den Vampir, der nur ein wenig weiter auf einer anderen Matte lag. Er schüttelte den Kopf und wandte sich dann wieder Buffy zu. „Oh, du bist wach", stellte er erleichtert fest, als sie ihn aus trüben Augen anblinzelte.
„Wie…? Wo…?", krächzte sie heiser und versuchte sich aufzusetzen.
„Langsam", bremste der Wächter sie, doch sie ließ sich nicht aufhalten und so stützte er ihr sicherheitshalber den Rücken. „Geht es dir gut?", fragte er besorgt und sah sie mitfühlend an.
„Ich… ja, es geht mir gut. Was ist passiert?" Buffy konnte sich an nichts erinnern. Wie war sie in die Magic Box gekommen und warum behandelte sie ihr Wächter wie ein rohes Ei?
„Ich muss mich dafür entschuldigen." Eine ganz in weiß gekleidete Person tauchte hinter Giles auf und lächelte milde. „Ich wünschte wirklich, es wäre einfacher gewesen, mit Ihnen zu sprechen."
„Was macht der denn hier?", brachte die Jägerin heraus. Die Erinnerung war schlagartig wieder da. Sie schüttelte die restliche Lähmung ab, stand vorsichtig auf und streckte sich.
„Nicht", flüsterte Giles, der ihre Absicht sofort erkannte. „Du solltest ihm
die Möglichkeit geben, dir alles zu erklären."
„Er hat mich ausgeschaltet", schimpfte sie zornig. „Einfach so! Das kann ich mir
nicht…" Buffy war wütend und ihre Augen blitzten gefährlich.
„Verdammt, Slayer! Jetzt halt doch mal die Klappe und lass mich schlafen!", nörgelte Spike. Dann riss er die Augen auf, setzte sich hin und starrte sie finster an. Verwirrt runzelte er die Stirn. „Was zur Hölle mache ich hier?", fluchte er, als er seine Umgebung erkannte.
„Ich habe Sie hierher gebracht", lächelte die in weiß gekleidete Person freundlich.
Spike gab ein undefinierbares Grunzen von sich und stand langsam und mit sichtbar wackeligen Beinen auf. „Da wäre ich ja im Leben nicht drauf gekommen", murmelte er sarkastisch und reckte seine Gliedmaßen.
„Ich hatte keine andere Wahl", erwiderte der Fremde bedauernd. Die Aura um ihn verblasste und er sank langsam auf den Erdboden.
Spike grinste diabolisch, trat einen Schritt auf ihn zu und holte aus. Er traf den fremden Mann unterm Kinn und beförderte ihn mehrere Meter weit zurück. „Ha!", schnaubte er. „Erstens ist er kein Mensch", triumphierte er, als kein Schmerz durch seinen Kopf flutete „und zweitens hat er den mehr als nur verdient! Hab ich doch gewusst, dass er kein verdammter Geist ist! Magie! Alles nur Magie!"
„Spike", donnerte Giles. „Für so etwas haben wir keine Zeit."
„Nun, ich denke, ich habe es wohl verdient", murmelte der Fremde und rappelte sich wieder auf. „Nur, ich bin sehr wohl ein Mensch. Oder war es vor vielen hundert Jahren einmal." Er rieb sich das verletzte Kinn und zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Giles, wie spät ist es?" Buffy hatte das Sonnenlicht hinter den abgedunkelten Schreiben erkannt und riss die Augen auf. „Meine Mom wird mich umbringen."
„Es ist alles in Ordnung", beruhigte ihr Mentor sie. „Nachdem Chamuel euch gestern Nacht hierher gebracht hat, habe ich gleich angerufen und deiner Mutter Bescheid gegeben. Sie ist nicht böse, eher froh, dass es dir gut geht."
„Oh, gut", seufzte Buffy erleichtert. „Und ich nehme an, Chamuel ist dann wohl er?!" Sie deutete auf die weiß gekleidete Person und ihr Wächter nickte. „Sie haben uns hierher gebracht? Warum?", wandte sie sich ihm zu.
„Sie müssen mir glauben, ich hätte das Ganze gerne auf eine andere Art und Weise geklärt, beziehungsweise erklärt", sagte er sanft und trat ,vorsichtig geworden, einen Schritt näher an sie heran. „Aber Sie waren letzte Nacht nicht gerade entgegenkommend, und ich wusste mir keinen anderen Rat."
„Mir war kalt, ich war klitschnass und seit mehreren Stunden hinter dem
K’Darfin her. In solchen Situationen bin ich selten entgegenkommend", brummte
Buffy, dann riss sie die Augen weit auf. „Giles, der K’Darfin… wir haben ihn
nicht…"
„Ich war so frei, ihn zurück in seine Dimension zu verbannen", lächelte Chamuel.
„Außerdem habe ich mir erlaubt, Ihre Sachen zu trocknen. Ich konnte nicht
verantworten, dass Sie sich erkälten oder sich einen anderen Infekt einhandeln."
„Nett", brummte Spike ihn rüde unterbrechend. „Der Grieche bringt Geschenke."
„Grieche?", wiederholte Buffy verwirrt. „Was für ein Grieche?"
„Oh, Mann, Slayer! Das war eine Anspielung!" Spike schüttelte den Kopf, als sie ihn unwissend anstarrte. „Troja… Holzpferd…", er verdrehte die Augen, als sie nicht reagierte. „Kein Mensch, oder auch Nichtmensch, ist so freundlich, ohne eine verdammte Gegenleistung zu erwarten."
„Nun, in gewissem Sinne stimmt das sogar", meldete sich Giles zu Wort. „Aber vielleicht sollten wir hinübergehen und uns zusammensetzen. Das würde die ganze… ähm, Situation vielleicht etwas vereinfachen. Ihr habt doch eine sehr lange Zeit, hm… geschlafen und ich hatte genügend Zeit, alles zu recherchieren und zu prüfen."
„Von mir aus", knurrte Spike. „Ich habe eh nichts Besseres vor", schnaubte er und verschwand aus dem Raum. „Außerdem steht die Sonne bereits hoch am Himmel und…", er drehte sich fies grinsend zu Chamuel um, „ich habe einen Bärenhunger!"
*******
Auf dem Tisch des Zauberladens stapelten sich die Bücher und Buffy wusste, das Giles alles daran gesetzt hatte, herauszufinden, was dieser Chamuel wollte. Außerdem war der Wächter so nett gewesen Frühstück zu besorgen. Sandwiches, Donuts und Kakao standen auf dem Tisch und für den Vampir stand eine große Thermosflasche Blut bereit.
„Vielleicht sollten wir uns hinsetzen", meinte Giles und deutete auf die
freien Stühle. „Anya kommt gleich, sie kann sich um den Laden kümmern, während
wir… nun ja, das Problem bereden."
„Was für ein Problem?", fragte Buffy neugierig. Sie packte eins der Sandwiches
aus und biss gierig hinein. Ihre letzte Mahlzeit schien Stunden her. Nein, sie
war Stunden her und so biss sie hungrig von dem Brot ab.
„Das würde mich allerdings auch interessieren", brummte Spike. Er packte seinen Stuhl, drehte ihn und setzte sich verkehrt herum darauf. Extrem auffällig goss er sich eine Tasse Blut ein, trank sie und grinste mit blutverschmierten Lippen in die Runde.
„Sehr appetitlich", zischte Buffy, doch ihr eigener Hunger war so groß, dass sie sich davon nicht abhalten ließ.
„Vielleicht sollte ich einfach mal anfangen zu erklären", meinte Chamuel, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. „Ich habe Mr. Giles in der Nacht schon genau erklärt, wer und was ich bin", sagte er dann und lächelte freundlich. „Deswegen verkürze ich das Ganze jetzt etwas. Ich bin ebenfalls eine Art Wächter", meinte er und nickte dem Wächter zu. „Allerdings haben meine, nun, sagen wir Ordensbrüder und ich uns zur Aufgabe gemacht, Dämonen zu beschützen, die für Menschen keinerlei Gefahr darstellen. Es sind alles Wesen, die freiwillig auf das Töten verzichten und sich aus dieser Welt zurückgezogen haben."
„Ach, wie herzergreifend", brummte Spike und verdrehte die Augen. „Ein Altersruhesitz für Schwächlinge." Für einen Moment begutachtete er die Donuts, dann drückte er mit dem Finger darauf und griff schließlich zu.
„Mit einem Altersruhesitz hat das Ganze nichts zu tun." Noch immer lächelte der Fremde und er wandte sich an Buffy. „In unserer Obhut befinden sich auch Menschen", erklärte er nickend. „Sie alle haben sich einen Dämon als Partner gesucht und genießen dort die Freiheit, sich offen bewegen zu können, ohne Gefahr zu laufen, gejagt und getötet zu werden."
„Ja, ja, ganz toll", brummte Buffy und wischte mit einer Handbewegung ein paar Krümel vom Tisch. „Hört sich wirklich nett an. Jede Menge friedliche Monster mit ihren Partnern."
„Sie nehmen das nicht besonders ernst", stellte Chamuel überrascht fest.
„Nein, das tu ich auch nicht", erwiderte Buffy. „Ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal. Solange Sie die Monster von mir fernhalten, haben wir keine Probleme." Sie blickte Giles vielsagend an und öffnete dann die Flasche mit dem Kakao. „Was sagen Sie dazu?", erkundigte sich Buffy und blickte wieder ihren Wächter an. „Von mir aus können diese komischen Wächter so viele Dämonen aufnehmen, wie sie wollen. Das bedeutet für mich weniger Arbeit."
Giles hüstelte. „Vielleicht solltest du ihn zu Ende erklären lassen", meinte er leise und Buffy kam es vor, als müsste er sich mit Mühe ein Lachen verkneifen.
„Was denn?", nörgelte sie. „Sollen wir Zettel verteilen? Dämonen gesucht… freie Kost und Logis… immer schönes Wetter und garantiert keine Jägerinnen, die einem das Leben schwer machen? Ich hätte nichts dagegen", sie zuckte mit den Schultern. „Willow erstellt ein paar an ihrem Laptop, wir lassen sie drucken und Spike und ich hängen sie an den einschlägigen Stellen auf!"
Spike lachte. „Der war gut", meinte er und sah dann zu Chamuel. „Aber vielleicht sollte unser freundlicher Besucher endlich mal zur Sache kommen und erzählen, warum zur Hölle er hier ist."
„Das ist alles etwas kompliziert", murmelte Chamuel, nun nicht mehr ganz so
sicher. „Ich weiß nicht, wie ich das kurz und knapp erklären sollte."
„Einfach raus damit", grinste Spike höhnisch. „Wir entscheiden dann, ob wir Sie
rausschmeißen oder weiter zuhören."
„Nun, ähm… wir hatten… bei uns hat es einen Mord gegeben", meinte der Angesprochene kleinlaut. „Also ich… wollte…"
„Ach, ist die heile Welt doch nicht so besonders", brummte Buffy. ‚Was für ein Wunder’, dachte sie sarkastisch. ‚Wenn es mit Dämonen zu tun hat, kann es nicht so wunderbar sein.’
„Das ist das erste Mal seit über siebenhundert Jahren", gestand Chamuel leise. „Und genau deswegen bin ich hier und bitte um eure Hilfe."
„Was soll das heißen?", fragte Buffy erschrocken. Sie sah Giles mit großen Augen an und diesmal hatte der Wächter tatsächlich ein Lächeln im Gesicht. „Spielen wir jetzt Räuber und Gendarm?"
„So sieht es aus", sagte Giles sachte. „Jedenfalls wenn du, beziehungsweise wir, auf Chamuels Bitte eingehen."
„Bin ich Sherlock Holmes, oder was?" Buffy stand auf und wanderte im
Zauberladen umher.
„Eher nicht", grinste Spike. „Denn das würde bedeuten, dass ich Dr. Watson
wäre."
„Warum fühlst du dich schon wieder angesprochen?", schnaubte die Jägerin, blieb
stehen und blickte den Vampir kopfschüttelnd an.
„Weil unser netter Gast sehr ausführlich von den gemischten Pärchen gesprochen hat", lachte er. „In seiner blöden Welt wäre die Hölle los, wenn eine Jägerin alleine auftauchen würde. Aber mit einem Vampir im Schlepptau…"
„Giles?", rief Buffy entsetzt. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein? Ich kann doch nicht… will nicht… und überhaupt… wer sollte in Sunnydale dafür sorgen, dass die Dämonen nicht Überhand nehmen? Davon mal ganz abgesehen will ich…"
„Die Frage die wir uns stellen müssen, ist, was passiert, wenn all die Dämonen, die jetzt in dieser friedlichen Dimension leben, wieder in unsere Welt eindringen?", unterbrach der Wächter sie. „Bleiben sie friedlich oder…"
„Och nö", stöhnte Buffy. „Das finde ich wirklich unfair! Jetzt muss ich mir auch schon um Dämonen in anderen Dimensionen kümmern. Außerdem ist das großer Quatsch", meinte sie hoffnungsvoll. „Ich bin kein Polizist. Ich bin die Jägerin und nicht dazu da, irgendwelche Morde aufzuklären."
„Aber aus verständlichen Gründen kann ich mich nicht an die Polizei wenden", bemerkte Chamuel. „Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, aber wir konnten die Sache nicht aufklären. Vielleicht überlegen Sie es sich noch einmal." Der Fremde stand auf, nickte den Anwesenden zu und löste sich in Luft auf.
„Der Kerl ist lustig", brummte Spike, dann lachte er. „Irgendwie wäre es schon interessant, diese Welt einmal zu sehen. Ich habe früher schon einmal davon gehört, doch ich hielt es nur für ein Gerücht. Eine Art Ammenmärchen."
„Was wissen Sie über diese Welt?", wandte sich Buffy an ihren Mentor. „Und halten Sie es wirklich für notwendig, dass ich da hingehe?" Sie machte eine Pause, zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder auf ihren Platz. „Das ist eigentlich völlig falsch", meinte sie dann und sah ihren Wächter eindringlich an. „Sie wären für diese Aufgabe bedeutend besser geeignet als Spike und ich. Warum gehen Sie nicht?"
Die Unterhaltung, die darauf folgte, wurde immer hitziger und als Anya schließlich augenrollend den Laden betrat, beachtete sie keiner. „Man hört euch draußen", schimpfte sie schließlich. „Jetzt hört endlich auf damit, ihr vergrault mir die ganze Kundschaft! Jeder hat seinen Job und es sollte ihn auch jeder erledigen!"
Teil 3
Graues Licht fiel durch die Fenster, als Buffy in ihr Zimmer stürmte, ihren Schrank aufriss und ihre große Sporttasche herausholte, die sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gebraucht hatte.
Das letzte Quäntchen ihrer guten Laune war verflogen, ebenso wie die wenigen Sonnenstrahlen, die der Morgen ihnen geschenkt hatte. Der Wind war zurückgekehrt und mit ihm die Wolken, angefüllt mit eisigem Regenwasser.
Wieder war sie bis auf die Haut nass. Giles hatte sie fahren wollen, doch sie hatte beleidigt abgelehnt. Die Wut in ihrem Bauch brauchte ein Ventil und das schreckliche Wetter bot sich geradezu an. Der böige Wind war durch ihre Jacke gesaust und hatte an ihren Haaren gezerrt. Und der kalte Regen tat sein Möglichstes; mit jedem Tropfen, der sie getroffen hatte, war die brennende Wut in ihrem Bauch ein kleines bisschen abgekühlt. Aber die Wut, die übrig war, reichte, um eingeschnappt ins Haus zu stapfen und die Tür zuzuknallen.
Giles hatte wieder und wieder versucht, ihr die Dringlichkeit von Chamuels Bitte begreiflich zu machen, doch sie hatte sich beharrlich geweigert, es einzusehen. Und Spike, der sonst über Alles und Jeden meckerte, schien durchaus zufrieden damit zu sein, dass er und die Jägerin einen Spezialauftrag bekommen hatten.
‚Wahrscheinlich ist ihm jedes Mittel recht, dass seine Langeweile durchbricht’, dachte sie genervt und warf ein paar T-Shirts in die Tasche. Ihre Gedanken wanderten zurück zu Giles und sie kniff zornig die Lippen zusammen.
„Buffy", hatte er leise und sehr eindringlich gesagt. „Versuch doch zu verstehen, warum…"
Doch sie hatte ihn einfach rüde unterbrochen. „Ich bin die Jägerin! Aber das bedeutet nicht, dass ich für jeden Mist zuständig bin, der irgendwo auf der Welt passiert. Und diesmal ist es nicht einmal unsere Welt!"
„Ich möchte, dass du mir zuhörst", hatte der Wächter darauf geantwortet und sein Tonfall hatte deutlich gezeigt, dass es keine Bitte gewesen war. „Du hast vollkommen Recht. Diese Dimension geht uns eigentlich nichts an. Nicht einmal der Rat hat sich sonderlich damit befasst", er seufzte laut. „Über 1000 Jahre leben Dämonen und Menschen dort friedlich zusammen! Aber du irrst dich, wenn du glaubst, dass sie dort alle freiwillig leben. Es bleibt ihnen einfach nichts anderes übrig. Es sind alles Wesen, die auf gewisse Weise aus der Art schlagen. Sie denken anders, fühlen anders als andere Mitglieder ihrer Rasse. Manche dieser Dämonen ziehen es einfach vor, unter Menschen zu leben. Sie wollen nicht töten, um zu überleben. Aber was denkst du, was geschieht, wenn diese Wesen gezwungen werden, wieder unter Ihresgleichen zu leben?"
„Mord und Totschlag", hatte Spike sich grinsend zu Wort gemeldet. „Die Rückkehrer würden gejagt werden. Es wäre wie ein Bürgerkrieg, nur unter Dämonen."
„Buffy?" Joyce hatte ihre Tochter durchaus bemerkt. Eigentlich war es auch nicht zu überhören gewesen, als sie ins Haus gestürmt war. Sie trat ins Zimmer und beobachtete sie dabei, wie sie diverse Kleidungstücke in eine Tasche warf. „Alles in Ordnung?", erkundigte sie sich vorsichtig.
„Nein! Nichts ist in Ordnung", zischte sie böse, doch dann verließ die Anspannung ihren Körper und sie wandte sich um. „Entschuldige, Mom", murmelte sie zerknirscht. „Es ist nur… mein Job macht mir wieder einmal Ärger." Sie ließ sich auf das Bett fallen und erzählte ihrer Mutter von der bevorstehenden Aufgabe. „Verstehst du?", fragte sie, nachdem sie geendet hatte. „Ich bin doch kein Cop", schimpfte sie. „Nicht einmal ein Privatdetektiv", sie seufzte schwer. „Und das Allerschlimmste ist, dass ich Spike mitnehmen muss."
„Und Mr. Giles meint, du wärst die Richtige dafür?", erkundigte sich Joyce mitfühlend. Sie setze sich aufs das Bett neben ihre Tochter und strich ihr die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Ich soll es wenigstens versuchen", murrte sie.
„Und Spike geht mit, weil…?"
„… er ein Vampir ist. Die beiden bekloppten Wächter meinen, dass die Jägerin alleine zuviel Staub aufwirbelt und alle Anwesenden verrückt vor Angst macht. Aber mit einem Vampir im Schlepptau…, nun, sie sollen wohl sehen, dass ich nicht gleich jeden Dämon massakriere, der mir unter die Augen kommt."
„Das kann ich verstehen", meinte Joyce. „Also hast du im Grunde keine große Wahl. Du wirst gehen müssen, ob es dir gefällt oder nicht." Bedächtig strich sie ihrer Tochter über das Haar und versuchte aufmunternd auszusehen.
„Nein, ich habe keine Wahl", brummte Buffy. „So wie eigentlich immer."
Joyce stand auf und klatschte in die Hände. „Dann komm. Ich helfe dir beim Packen.
„Mom", jaulte die Jägerin. „Gerade von dir hatte ich eigentlich ein wenig mehr Unterstützung erwartet."
„Du verstehst mich falsch", lächelte sie. „Aber ich denke, je eher du dorthin gehst, desto eher bist du auch wieder zurück."
Eine Weile packten beide stumm Buffys Kleidung zusammen und die Jägerin unterbrach die Stille erst, als ihre Mutter einen Bikini in die Tasche packte.
„Den brauche ich gewiss nicht", brummte sie und fischte den kleinen Stofffetzen wieder heraus.
„Man weiß nie", lächelte Joyce, nahm Buffy die Badebekleidung wieder aus den Händen und legte ihn zurück in die Tasche. „Außerdem nimmt er nicht gerade viel Platz weg und deswegen wird er dich auch nicht stören."
********
Eine gute Stunde später stand die Jägern reisefertig in der Magic Box. Sie hatte sich ein wenig verspätet, aber das Telefongespräch mit Willow hatte sich irgendwie verselbstständigt. Buffy konnte nicht einfach abreisen, ohne vorher noch einmal mit ihrer besten Freundin gesprochen zu haben. Ferien hin oder her, sie wusste ja nicht einmal, wie lange sie wegbleiben würde.
„Sind wir dann so weit?", fragte Chamuel und sah lächelnd von Buffy zu Spike.
„Von mir aus kann es losgehen", brummte sie und verabschiedete sich kurzangebunden von Giles. Sie war noch immer wütend, und ihrer Meinung nach durfte der Wächter das auch wissen.
„Los jetzt", knurrte Spike. „Wenn ich noch länger still stehe, wachse ich am Boden fest."
„Also dann", sagte Chamuel sanft und mit nur einer Handbewegung öffnete er ein grün leuchtendes Dimensionstor. „Bitte sehr", meinte er höflich. „Nach Ihnen."
Kaum dort angekommen, wäre Buffy beinahe vor Staunen beinahe die Kinnlade heruntergefallen. Sie hatte einiges erwatet. Das sicher nicht!
Sie standen auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von duftenden Hibiskusbüschen und hatten freie Sicht auf ein blaugrün schimmerndes Meer. Überall standen Palmen, die sich sanft im Wind bewegten und unzählige Vögel zwitscherten vergnügt im Hintergrund. Aber am grandiosesten waren die vielen kleinen Bungalows, die den schneeweißen Strand säumten. Es war sommerlich warm und man konnte das Meer sanft rauschen hören.
„Wow", murmelte Spike beeindruckt. „Das hatte ich mir etwas
anders vorgestellt", meinte er. „Eher wie eine Hippie Kommune mit einem riesigen
Lagerfeuer."
Die Jägerin nickte bedächtig. „So ähnlich habe ich auch gedacht."
„Vielleicht sollten wir gehen", riss Chamuel die beiden aus ihren Gedanken. „In dieser Welt vergeht die Zeit vollkommen anders als in Ihrer Dimension. In ungefähr zwei Stunden wird es dunkel. Ich würde Ihnen gerne noch Ihre Unterkunft zeigen. Sie haben dann genug Zeit, sich umzusehen und ein wenig auszuruhen. Ich werde Sie zum Abendessen abholen, wenn es Ihnen genehm ist. Ich denke, es gibt noch einiges zu erklären und natürlich muss ich Sie noch über alle Einzelheiten des…, ähm, Falles in Kenntnis setzen."
Zusammen stiegen sie den Abhang hinunter und Buffy blickte sich staunend um. ‚Nicht schlecht’, dachte sie. ‚Das schlägt jede Urlaubsfantasie, die ich je hatte.’ Sie sah zu Spike, der mit gleichmütigem Gesichtsausdruck neben ihr herging. „Keinerlei Probleme mit der Sonne?"
„Nein", brummte er. „Aber das war schon vorher klar!"
„Warum?"
„Weil das hier eine Welt ist, die Dämonen beschützt. Dass mich die Sonne hier
abfackelt, ist wohl nicht vorgesehen."
„So, wir sind da", lächelte Chamuel und blieb vor einem weißgetünchten Bungalow stehen. Er deutete auf die Tür, an der eine goldene Neun angebracht war und lächelte. „Das ist Ihr Zuhause, solange Sie hier bei uns sind. Lassen Sie Sich Zeit dabei, sich alles anzusehen. Ich werde sie pünktlich abholen", sagte er, nickte den Beiden ein letztes Mal zu und löste sich in Luft auf.
Buffy betrat als erste das kleine Holzhäuschen und riss sofort erstaunt die Augen auf. Das Wohnzimmer, in das sie blickte, war riesig und ihr war sofort klar, dass das Haus magisch vergrößert sein musste. Weiße, bequeme Sofas standen in der Mitte des Raums, ein offener Kamin warf goldene Schatten und an der rechten Hausseite befand sich eine kleine Hausbar, mitsamt Barhockern und einem Spiegel hinter dem Tresen.
Andächtig schritt sie durch den Raum, betrachtete die vielen kleinen Kunstwerke, die auf allen freien Plätzen verteilt herumstanden, und blickte dann auf zwei Türen, die an der hinteren Seite des Wohnzimmers in die anliegenden Zimmer führen würden. Die beiden Türen verbargen die luxuriösesten Schlafzimmer, die sie jemals gesehen hatte und sie sah sich staunend um. Eine weitere Tür im Schlafzimmer führte sie in ein weitläufiges Badezimmer, das ganz in weißem Marmor gearbeitet war und sie sich offensichtlich mit Spike teilen musste. Es war ein Verbindungszimmer zwischen den beiden Schlafräumen, aber nicht einmal das konnte sie aus der Ruhe bringen. Irgendwie würden sie sich schon arrangieren.
„Hier lässt es sich aushalten", grinste sie vergnügt, als sie an den goldenen Wasserhähnen der Badewanne drehte, die mindestens Platz für vier Menschen bot.
„Gar nicht schlecht", brummte Spike missmutig. Er trug noch immer seinen Seesack auf der Schulter und blickte sich um.
„Wow", schnaubte sie. „Bring bloß nicht zu viel Begeisterung mit!"
„Irre ich mich, oder warst du es, der einen riesen Aufstand gemacht hat, weil er in diese dämliche Dimension sollte?", fragte er gehässig.
„Da wusste ich auch noch nicht, was auf mich zukommt." Buffy hatte sich entschieden. Mord hin oder her. Sie würde die Zeit, die sie hier verbringen würde, in vollen Zügen genießen.
„Wirf mal einen Blick in deinen Kleiderschrank", rief Spike, der in das von ihm auserkorene Schlafzimmer gegangen war.
„Warum?", rief sie zurück.
„Stell keine Fragen, Slayer! Mach es einfach."
Und die Jägerin tat, wie ihr geheißen. Sie ging in ihr Schlafzimmer, öffnete den Schrank und ihre Augen wurden glasig. Wohin sie auch blickte, überall lagen Kleidungsstücke. Hunderte! Tausende! Hosen, Röcke, Kleider, Tops… alles was das Herz begehrte. Buffy fischte ein Kleid heraus, hielt es sich vor und strahlte. „Perfekt. Alles in meiner Größe!" Begeistert rieb sie die Hände aneinander und griff nach dem nächsten Teil. ‚Unglaublich’, dachte sie, dann musste sie lachen.
‚Unglaublich’, dachte auch Spike, als er den Inhalt seines Schrankes genauer unter die Lupe nahm. Ein leichtes Schmunzeln legte sich auf sein Gesicht, doch dann zog er die Augen entsetzt zusammen. „Das zieh ich bestimmt nicht an", brummte er und hielt die kurze Hose, die ihm höchstens bis zum Knie reichte, mit spitzen Fingern weit von sich. „Aber immerhin kennt dieser Knilch meine bevorzugte Farbauswahl", meinte er und pfefferte die Shorts zurück in den Schrank. Eigentlich war es recht übersichtlich. Die meisten Kleidungsstücke waren schlicht schwarz. Einige jedoch waren auch Blutrot, Blau und einfach Weiß. Sein Blick wanderte über die unzähligen Shirts und blieb schließlich entsetzt an den Badehosen kleben. „Nie im Leben", zischte er und knallte die schweren Schranktüren zu.
Ein Kühlschrank, der dezent in die Wand integriert war, weckte seine Neugierde. Er schritt darauf zu, öffnete ihn und warf einen erwartungsvollen Blick hinein. Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht, als er sich bückte und einen Blutbeutel herausnahm. Der Vorrat in dem Gerät würde für Wochen reichen und er nickte selbstgefällig. Ob er nun wollte oder nicht, diese Dimension gefiel ihm besser und besser. „Jetzt müssen wir nur noch sehen, ob wir auch als Gesetzeshüter tauglich sind."
Teil 4
Wie versprochen kam Chamuel, kaum dass der Himmel sich verdunkelte und so die Nacht einläutete. Wie üblich zierte ein Lächeln sein Gesicht, und er nickte beifällig, als er erkannte, dass Buffy eins der Kleider trug, die er für sie ausgesucht hatte. Für die Jägerin und diesen komischen Vampir hatte er sich besonders angestrengt. Sie hatten nicht nur den schönsten Bungalow, sondern sollten auch sonst mit allem versorgt werden, was ihr Herz begehrte. Er versprach sich viel davon, dass die beiden da waren. Immerhin waren sie seine letzte Rettung. Oder vielleicht sogar die Rettung für diese Zuflucht.
Buffy lächelte verhalten, als sie an die vergangenen zwei Stunden dachte.
Tatsächlich hatte sie die ganze Zeit damit verbracht, alle Kleider, die ihrem Geschmack entsprachen, durchzuprobieren. Sie hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt und es fiel ihr immens schwer, sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren. Es war viel zu schön hier, als dass man Lust hätte, sich um einen Mörder Sorgen zu machen. Am liebsten hätte sie einen der wunderschön gearbeiteten Bikinis angezogen, sich ein großes Badetuch geschnappt und dann zum Strand hinunter gelaufen. Aber zu sehr wollte sie sich dann doch nicht gehen lassen und so hatte sie sich damit begnügt, ihren Kleiderschrank auf den Kopf zu stellen.
Spike hingegen hatte sich vor lauter Langeweile einen der Barhocker hinter die Theke gezogen und einen Whiskey nach dem anderen gekostet. ‚Zumindest lassen sie sich damit nicht lumpen’, hatte er grimmig gedacht, als er die nächste, über dreißig Jahre alte, Flasche entkorkt hatte. Fernsehen oder Ähnliches gab es anscheinend nicht und er hatte sich gefragt, wie er die ganze freie Zeit verbringen sollte. In seinem Magen rumorte es und er fühlte ein leichtes Brennen, dass er allerdings als positiv empfand.
Nun standen Beide an der Tür und warteten darauf, dass Chamuel ihnen den Weg zeigte. Der Wächter ließ sich nicht lange bitten. Er deutete mit einer Handbewegung an, dass die beiden vorgehen sollten, und führte sie dann einen Kiesweg hinauf.
Wieder musste Buffy schlucken. Der Speisesaal war ein großer, zu drei Seiten offener, überdachter Pavillon, der so in die Palmenlandschaft integriert war, dass er von der Anhöhe, auf der sie angekommen waren, nicht zu sehen gewesen war. Tausende kleine Lichter erhellten das dunkle Holzdach und sie nickte stumm. ‚Das wäre ein Ort, an dem ich für immer leben könnte’, dachte sie.
An der geschlossenen Seite des Speisesaals war ein riesiges Buffet aufgebaut und verschieden große Tische säumten eine große Tanzfläche. Seichte Musik spielte im Hintergrund und die Jägerin fühlte einen Stich in ihrer Magengrube. Sie musste sich zusammenreißen. So schön dieser Ort auch war, sie war nicht gekommen, um hier einen ausgedehnten Urlaub zu verbringen. Sie hatte eine Aufgabe zu erledigen und musste dann schnellstens zurück nach Sunnydale. Immerhin konnte sie ihrem Wächter und ihren Freunden nicht endlos die Aufgabe überlassen, Dämonen und Vampire zu jagen. Sie war die Jägerin, es war ihr verdammter Job!
Die Gespräche an den spärlich besetzten Tischen verstummten augenblicklich, kaum, dass sie den ersten Schritt in den Pavillon gesetzt hatte und sie fragte sich, ob tatsächlich nicht mehr Gäste anwesend waren, oder ob sie einfach in ihren Bungalows geblieben waren, weil sie hier war.
Chamuel führte sie über die Tanzfläche in den hintersten Winkel des großen Raums und sie setzten sich. Mit einem sanften Nicken rief der Wächter einen der Angestellten herbei und sie bestellten Getränke.
Spike hatte sich überlegt, einen Liter Blut zu ordern, doch dann entschied er sich, bei Whiskey zu bleiben. In Sunnydale konnte er Menschen schocken, indem er Blut trank, hier war das wahrscheinlich die normalste Sache der Welt und so lehnte er sich zurück und betrachtete die Gäste.
Vereinzelt saßen Dämonen herum und versuchten sich so klein wie möglich zu machen. Menschen waren nur wenige anwesend und am Anfang des Pavillons nahm gerade eine ganze Dämonensippe Platz. Spike erkannte einen Moloch, einige Rahastes und wenn er sich nicht ganz täuschte, versteckte sich ein Grakvaloth hinter einer großen Pflanze. Er stupste Buffy an, deutete mit dem Kopf auf den Dämon und flüsterte ihr leise etwas ins Ohr.
„Auf den müssen wir aufpassen", raunte er. „Ich weiß nicht, wie
der drauf ist, aber für gewöhnlich machen Grakvaloths nichts anderes, als
Menschen die Herzen herauszuschneiden."
„Lecker", brummte Buffy, die gerade einen Blick auf das Buffet geworfen hatte.
„Und dabei wollte ich gerade etwas essen."
„Stell dich nicht so an", brummte der Vampir. „Du hast schon
Schlimmeres gesehen und sonst stört dich das auch nicht."
„Du hast recht", grinste sie, dann wandte sie sich an Chamuel. „Wollen wir
gleich alles besprechen, oder essen wir erst?"
„Entschuldigen Sie bitte", antwortete der Wächter auch sogleich betrübt. „Wie
konnte ich das vergessen? Sie müssen geradezu ausgehungert sein." Wieder reichte
eine Handbewegung und die Angestellten brachten Teller, Besteck, eine große
Wasserkaraffe und große Platten mit köstlichem Essen. „Ich habe mir erlaubt,
etwas für uns zusammenstellen zu lassen. Ich dachte, es wäre so einfacher und
wir könnten ungestört reden."
„Ungestört reden?", fragte Spike mit hochgezogenen Augenbrauen. „Dann sind wir hier aber falsch. Jeder kann mithören."
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein", lächelte Chamuel. „Ich
werde unser Gespräch abschirmen. Selbst, wenn sich noch mehr unserer Gäste
heraustrauen sollten, wir sind praktisch für uns alleine."
„Also lag ich richtig mit meiner Vermutung, dass sich die anderen Gäste
verstecken", meinte Buffy, betrachtete die gebrachten Platten und griff
schließlich zu.
„Allerdings", nickte der Wächter." Für gewöhnlich ist der Speisesaal bis auf den letzten Platz besetzt. Alleine hier den Namen Jägerin zu erwähnen, reicht aus, um die meisten Dämonen zu verjagen."
„Dann bin ich wohl doch nicht die Richtige", sagte Buffy und steckte sich eine Weintraube in den Mund. „Wahrscheinlich werde ich mit den verschiedensten Leuten reden müssen und es macht wenig Sinn, wenn alle vor mir weglaufen."
„Ich denke nicht, dass sie das tun werden", nickte Chamuel. „Allerdings wollte ich Sie bitten, Sich die nächsten Tage bedeckt zu halten. Vielleicht könnten Sie erst einmal am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Ruhe genießen und eventuell ein paar Tage am Strand verbringen. So hätten unsere Gäste die Möglichkeit, sich an Sie zu gewöhnen."
Buffy verschluckte sich. „Das geht nicht", krächzte sie und hustete. „Selbst wenn ich wollte… ich kann hier nicht meine Zeit verplempern. Ich muss so schnell wie möglich nach Sunnydale zurück."
„Ein Zeitproblem dürfte es nicht geben", sagte der Wächter sanft.
„Und warum nicht?", brummte nun Spike. Er war nicht gerade davon begeistert, blöd am Stand herumzuliegen. Er war ein Vampir und auch, wenn er dank dem Chip kein normales Dämonenleben mehr führen konnte… das lag einfach weit unter seinem Niveau. Außerdem hatte er nicht vor, den anderen Dämonen zu nah zu kommen. Er arbeitete mit der Jägerin zusammen und das machte ihm nicht gerade Freunde in der Dämonenwelt.
„Ich sagte Ihnen bei der Ankunft, dass die Zeit hier anders
vergeht", sagte Chamuel. „Vielleicht hätte ich deutlicher werden sollen. Ein Tag
auf der Erde, wie Sie sie kennen, bedeutet eine Woche auf dieser Welt." Er
lachte leise. „Da bekommt das Sprichwort -die Zeit rennt- gleich eine andere
Bedeutung."
„Heißt das, dass in einer Stunde die Sonne aufgeht, oder ist es mehr wie eine gefühlte Zeitverschiebung?", erkundigte sich Buffy und hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen.
„Wir haben den Rhythmus dieser Welt Ihrer angeglichen", erklärte der Gastgeber. „Wir haben Tag und Nacht und ebenfalls eine Aufteilung von vierundzwanzig Stunden. Aber, wenn wir zurück in Ihre Welt gehen, verändert sich das wieder."
„Also heißt eine Woche hier, einen Tag Sunnydale?", hakte Buffy nach. Wenn sie sich schon am Strand lümmeln wollte, dann mit möglichst ruhigem Gewissen.
„Ganz genau", lächelte Chamuel und nickte dabei. „Es ist nur schwierig zu erklären, wie Dimensionen an sich schwer zu erklären sind. Aber im Grunde zählt nur das Ergebnis."
‚Allerdings’, dachte Buffy und dieses Mal zierte ein breites Lächeln ihr Gesicht.
„Was?", fauchte Spike sie an, nachdem er ihr Gesicht gesehen hatte. Ihm gefiel es hier weniger und weniger und die Jägerin grinste wie ein Honigkuchenpferd.
„Nichts", erwiderte Buffy scheinbar teilnahmslos. Dann wandte sie sich an den Wächter. „Vielleicht sollten Sie uns jetzt in Kenntnis setzen. Immerhin wissen wir noch gar nichts."
Und Chamuel berichtete. Eine Frau war vergiftet worden. Man hatte sie sogar extra zurück auf die Erde gebracht, um durch eine Autopsie die Todesursache herauszufinden.
„Kristin Haversham war ihr Name", sagte er. „Sie war achtundzwanzig Jahre alt und kam aus New York. Sie war alleine hier. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, aus welchem Grund sie hier war, aber sie schien sich zu verstecken", er zuckte mit den Schultern. „Ich selbst habe sie hierher gebracht. Sie war verstört, aber auch äußerst verschlossen."
„Alleine?", fragte Spike erstaunt. „Ich dachte, das hier wäre
eine Zufluchtsstätte für Dämonen."
„Nicht nur", erwiderte Chamuel. „Aber es ist höchst selten, dass ein Mensch
alleine hierher kommt."
„Haben Sie irgendwelche Erkundigungen über sie eingefordert?", beteiligte sich nun die Jägerin am Gespräch. „Es muss doch einen Grund geben, wenn man aus unserer Welt verschwinden will. Ist sie vielleicht eine gesuchte Mörderin?" Sie sah ihren Gastgeber scharf an. „Meiner Meinung nach wissen Sie so gut wie alles über diese Frau, Sie wollen die Informationen nur nicht an uns weitergeben."
„Ich kann Ihnen versichern, dass dem nicht so ist", sagte der
Gastgeber ruhig. „Und ja, ich habe Erkundigungen über sie eingezogen. Das ist so
üblich. Wir versuchen Ruhe und Geborgenheit zu vermitteln und können uns keine
Störenfriede leisten. Kristin Haversham ist, oder besser war, die älteste
Tochter eines …hm, wie sagt man, gut betuchten Großindustriellen. Sie hatte eine
um zwei Jahre jüngere Schwester und einen Bruder, der schon früh auf die schiefe
Bahn geriet."
„Und warum war sie hier?", fragte Buffy nach.
„Nun, es waren sehr persönliche Gründe und ich bin nicht sicher,
ob ich Ihnen das alles darlegen soll."
„Sie ist tot, oder nicht", warf Spike gelangweilt ein. „Also wenn kümmert es?"
„Mag sein", nickte Chamuel und überlegte. „Gut", meinte er. „Wahrscheinlich haben Sie Recht", er nickte noch einmal und schien sich selbst die Bestätigung zu geben, dass er keinen Vertrauensbruch beging. „Kristin hat auf wirklich abscheuliche Weise ihren Verlobten verloren. Ein grauenhafter Unfall, bei dem elf Menschen zu Tode kamen. Außerdem starb ihre Mutter vor drei Jahren an Leukämie. Der Vater selbst ist sehr beschäftigt und gilt als Egomane. Die Schwester… nun ja, nicht gerade ein Mensch mit viel Fein- oder gar Mitgefühl und der Bruder verbüßt gerade eine Haftstrafe, wegen wiederholtem Drogenmissbrauch."
„Nette Familie", stellte Buffy fest und trank einen Schluck Rotwein. „Also wollte Kristin hier die Ruhe finden, die sie Zuhause nicht finden konnte."
„Allerdings", meinte Chamuel, dankbar dafür, dass Buffy ihn scheinbar sofort verstanden hatte. „Allerdings war es nur eine Ruhe auf Zeit. Sie wollte einige Monate hier verbringen und dann zurück."
„Wo nun wieder die Zeitverschiebung hervorragend passt", meinte
nun Spike. „Womit ist sie vergiftet worden?"
„Digitalis", antwortete Chamuel. „Ein Gift, das in hohen Dosen das Herz
praktisch lahm legt."
„Merkwürdig", murmelte Spike nachdenklich.
„Was ist merkwürdig?", erkundigte sich Buffy.
„Das Gift ist seltsam", erklärte er. „Es gibt eine Menge Dämonen, die Gift absondern, aber Digitalis? Für mich klingt es so, als wäre ein Mensch für ihren Tod verantwortlich."
„Hm", machte Buffy überlegend. Der Vampir hatte Recht. Dämonen hatten es eigentlich nicht nötig, auf ein solches Mittel zurückzugreifen. Einen Menschen mit Gift zu töten galt eigentlich eher als Tat einer Frau. Sie trank einen weiteren Schluck Rotwein und wandte sich dann Chamuel zu. „Ich brauche eine Liste mit Namen. Ich will wissen, wer nach dieser Kristin Haversham zu Ihnen kam, und auch, wer unmittelbar davor angereist ist. Außerdem muss ich mit meinem Wächter sprechen. Ist das machbar?"
Chamuel nickte. „Selbstverständlich. Ich werde alles für Sie vorbereiten lassen und ich werde Ihrem Wächter höchstpersönlich Ihre Nachricht überbringen. Ach so", meinte er nach einer Pause. „Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, dass ich Sie jederzeit zurück in Ihre Welt bringen kann. Sollten Sie also in Sunnydale gebraucht werden…"
„Das ist gut", sagte Buffy erleichtert. „Das vereinfacht mir
mein Hiersein ungemein."
Spike verdrehte die Augen. Eigentlich hatte er vorgehabt, der Jägerin gewaltig auf den Nerv zu gehen, aber in dieser dämlichen Welt entwickelte sich alles etwas anders. Er hatte hier eine wilde Horde Dämonen erwartet, die in Zelten oder unter freiem Himmel schlief. Das hier war ein Luxushotel für Superreiche und so gar nicht sein Geschmack. Viel zu hell und viel zu friedlich! ‚Na ja’, dachte er. ‚Vielleicht ergibt sich ja noch was…’, er grinste diabolisch und nickte stumm vor sich hin. ‚Wir werden sehen!’
Teil 5
Sonnenlicht flutete durch die hohen Fenster, kitzelte die Nase der Jägerin und weckte sie so sanft aus ihrem Tiefschlaf. Träge öffnete sie die Augen, dann lächelte sie und gähnte herzhaft. Sie hatte grandios geschlafen und in aller Ruhe an diesem wunderschönen Ort aufzuwachen war etwas ganz Besonderes. Eine ganze Nacht Stille war nicht gerade das, was ihr sonst vergönnt war. Entweder waren ihre Nächte besonders kurz, oder aber von üblen Träumen geradezu angefüllt.
Diesmal hatte nichts ihre Nachtruhe gestört. Es waren keine Monster und Dämonen in der Nacht über sie hergefallen und sie hatte ausnahmsweise einmal nicht von Tod und Verwüstung geträumt, wie es in letzter Zeit schon fast üblich gewesen war. Es herrschte Ruhe und Frieden. In ihrem Kopf und in dieser wunderschönen Welt.
Ihr schlechtes Gewissen regte sich kurz, doch dann dachte sie daran, dass sie immerhin nicht gänzlich untätig gewesen war. Chamuel hatte Giles eine Nachricht zukommen lassen, mit der Bitte, alles über Kristin Haversham herauszufinden, was es herauszufinden gab. Nun konnte sie in aller Ruhe ein paar schöne Stunden am Strand verbringen, da es aufgrund der Zeitverschiebung Tage dauern konnte, bis die geforderten Informationen kamen. Außerdem konnte sie so dem Wunsch des Gastgebers nachkommen, die anwesenden Gäste durch absolutes Nichtstun zu beruhigen.
Buffy rutschte vergnügt lächelnd vom Bett und streckte sich. Der Plan für heute war denkbar einfach. Sie würde schnell duschen, frühstücken und sich dann auf eine der unzähligen Strandliegen fläzen, die den Sandstrand zierten. Natürlich würde sie die Augen offen halten und nach Merkwürdigkeiten Ausschau halten, aber das war auch schon alles. Vielleicht schaffte sie es ja, einen Tag einmal gänzlich abzuschalten und nicht ans Jagen und Töten zu denken.
Sie öffnete ihren Schrank, fischte einen Bikini heraus, ebenso wie ein dazu passendes, knappes Strandkleid und eilte dann auf die Badezimmertür zu. Selbstverständlich hatte sie ihre eigenen Sachen in der Tasche gelassen. Wann hatte eine Frau schon mal die Gelegenheit, sich über solch einen vollen Schrank zu freuen und sich frei auszutoben? Ihre eigenen Sachen mussten früh genug wieder reichen und sie bedauerte den Moment schon jetzt.
„Guten Morgen", grinste ihr der Vampir entgegen. Er hatte es sich in der großen Badewanne gemütlich gemacht und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen, als er ihre Aufmachung sah.
Ein schwarzes Trägerkleidchen hatte als Schlafzeug gedient und zeigte mehr, als es verdeckte. Ihre erste Reaktion auf seine Anmache war Wut, dann folgte der Trotz und schlussendlich zuckte sie einfach mit den Schultern. Sie würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch nicht von ihm. Nicht jetzt und nicht heute!
„Wieso bist du schon auf?", fragte sie stattdessen und verriet mit keiner Miene, wie peinlich es ihr war, so vor ihm zu stehen. „Schlafen Vampire nicht gewöhnlich um diese Uhrzeit?"
„Gewöhnlich schon", erwiderte er und setzte sich auf. „Aber ich bin nicht müde. Bin scheinbar nicht besonders ausgelastet." Wieder grinste er. „Hast du eine Idee, wie man das ändern könnte?"
„Sicher", erwiderte Buffy und lächelte gespielt lasziv und beobachtete dennoch fasziniert, wie der Schaum seinen Oberkörper hinabrann. „Geh ins Meer und schwimm zwanzig Kilometer!", sagte sie dann eisig und versuchte ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. „Oder pflanz ein paar Palmen um!" Sie drehte sich weg, legte ihre mitgebrachten Kleidungsstücke beiseite und griff nach ihrer Zahnbürste.
Ohne besondere Hast putzte sie ihre Zähne, ließ dabei den Vampir aber keine Sekunde aus den Augen. Sie betrachtete jede seiner Bewegungen aus den Augenwinkeln und wenn er auf die Idee kam, aus der Wanne zu steigen, war sie weg. Allerdings hatte sie nicht vor, sich von seinen flapsigen Sprüchen vertreiben zu lassen, und das durfte er auch gerne wissen. Sie wusch sich das Gesicht, bürstete sich das Haar und band es zu einem losen Pferdeschwanz zusammen. „Schönen Tag noch", sagte sie freundlich, sammelte ihre Sachen wieder ein und ging zurück in ihr Zimmer.
Später war immer noch genug Zeit um zu duschen und wenn alles so klappte wie geplant, dann würde sie heute noch oft mit Wasser in Berührung kommen. Mit Meerwasser!
Rasch zog sie sich um und verließ gut gelaunt den Bungalow. Zwei Minuten später betrat sie den Speisesaal und wunderte sich kein bisschen darüber, dass sofort wieder Stille einkehrte. Es war wie am Abend zuvor, nur hatten sich am Morgen mehr Dämonen herausgetraut. Buffy schritt durch den Raum auf das Frühstücksbuffet zu und vermied es dabei, die Anwesenden anzustarren. Allerdings lächelte sie auch nicht. Sie war nicht hier, um irgendwelche Freunde zu gewinnen! Sie war die Jägerin und damit sollten sich die Gäste abfinden. Immerhin war sie nicht zum Spaß hier.
Die Auswahl des Buffets war sensationell, wie sie schnell bemerkte. Es gab alles, was das menschliche Herz begehrte, aber auch einiges, von dem sie gar nicht so genau wissen wollte, was es war. ‚Für unsere dämonischen Freunde’, dachte sie augenrollend und nahm eine Orange aus einem gut bestückten Obstkorb. ‚Heute werde ich mich damit begnügen’, überlegte sie. ‚Mit der Orange und natürlich einer dampfenden Tasse Kaffee.’
Ganz bewusst strebte sie auf einen freien Tisch in Mitte der Gäste zu, setzte sich umständlich und schälte die Frucht. Verstecken hatte keinen Zweck und auch nur wenig Sinn, und so galt es hier das Gegenteil zu tun. Auffallen um jeden Preis war die Devise. ‚Schon komisch’, dachte sie und pustete bedächtig in ihre Tasse. ‚Diesmal bin ich es, die auffällt wie ein bunter Hund.’ Für gewöhnlich waren es eher die Dämonen, die aus der Menge herausstachen. ‚Apropos Dämonen’, überlegte sie. ‚Ich muss unbedingt daran denken, Spike zu fragen, ob der die verschiedenen Rassen und ihre Eigenheiten kennt.’
***********
Die Stunden am Strand vergingen wie im Flug und Buffy lächelte verhalten. Sie und die anderen Badegäste spielten ein aufregendes Spiel. Wenn sie auf der Liege die Sonne genoss, war der Strand seltsam leer, da sich die meisten Gäste im Wasser tummelten. Stand sie aber auf, um sich im seichten Wasser abzukühlen, hatte sie das Meer schnell für sich alleine, da die Menge eilig auf den Strand drängte.
Das Spiel ging so lange gut, bis ein großer bunter Wasserball durch die Luft segelte und auf ihrem Bauch landete. Sie hatte ihn durch die halbgeöffneten Augen kommen sehen und hätte ihn jederzeit wegschlagen können. Aber genau das wollte sie nicht. Ein lautes Raunen ging durch die Menge, als ein Dämonenkind auf sie zurannte. Die warnenden Rufe der Mutter völlig ignorierend, hatte es nur Augen für sein verlorenes Spielzeug.
Genau auf so eine Situation hatte Buffy gewartet. Sie setzte sich hin und hob den Ball auf. „Hi", sagte sie freundlich, als das Kind bei ihr anlangte. „Ist das deiner?"
„Ja, Miss", antwortete das Dämonenkind, nun doch etwas unsicher.
„Das ist ein toller Ball", sagte sie und überreichte das Spielzeug seinem Besitzer.
„Danke", flüsterte der Winzling und rannte dann auf seinen kleinen Stummelbeinchen zurück zu seiner Familie.
„Wie ich sehe, machst du dir Freunde", brummte Spike sarkastisch und warf sich auf eine Liege neben der ihrigen.
„Und du spielst wieder den bösen Vampir", erwiderte sie. Spike war angezogen wie immer. Schwarze Jeans, schwarzes Shirt, nicht einmal auf seine Kampfstiefel hatte er verzichtet und er wirkte völlig deplatziert.
„Man tut, was man kann", grinste er spöttisch.
„Na ja", meinte sie träge. „Ich weiß nicht, ob das besonders hilfreich ist. Überhaupt sollten wir uns wohl öfter zusammen sehen lassen. Immerhin hat Chamuel uns aus diesem Grund geholt."
„Ach so", meinte der Vampir gelangweilt. „Sollen wir jetzt ein nettes Pärchen spielen, das keiner Fliege etwas zuleide tut? Nicht ganz unsere Art, oder?"
Buffy legte sich wieder auf die Liege. Allerdings drehte sie sich diesmal auf den Bauch und sah Spike unverwandt an. „Ich denke, dass die… ähm Leute hier sehen sollen, dass ich es nicht darauf anlege, jeden Dämon zu grillen. Und deswegen sollten wir vielleicht ein wenig schauspielern. Weißt du, was ich meine?"
Ruckartig setzte er sich auf und starrte sie finster an. „Du erwartest doch jetzt nicht von mir, dass ich mir eine von diesen bescheuerten Badehosen anziehe und mit dir heile Welt am Strand spiele?"
„Doch", erwiderte sie nüchtern. „So was Ähnliches schwebt mir vor."
„Das kannst du so was von vergessen", schnaubte er und er wirkte vollkommen überrascht. „Ich bin ein verdammter Vampir! Big Bad und so! Ich werde garantiert nicht…. Nie im Leben!", ereiferte er sich wütend und schüttelte wild den Kopf.
„Aber so kommen wir nicht weiter", widersprach Buffy. „Ich kann
hier noch Wochen herumliegen! Keiner wird sich mit mir unterhalten, geschweige
denn irgendwas ausplaudern. Und genau aus dem Grund sind wir doch hier." Sie
seufzte theatralisch. „Komm schon! Stell dich nicht so an. Chamuel hat dich
garantiert auch mit allem versorgt, was du brauchst. Und in deinem Schrank sind
garantiert auch Badehosen!"
„Ja", grunzte er. „Und die können da von mir aus vergammeln!" Er stand auf und
bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Ich geh jetzt in die verdammte
Strandbar und sauf mir einen an! Versuch gar nicht erst mich aufzuhalten",
drohte er und stapfte durch den losen Sand davon.
Aber Buffy wollte ihn gar nicht aufhalten. Sie wusste, sie hatte ihn mit ihrer Aussage vollkommen überrumpelt und ebenso hatte sie auch nicht damit gerechnet, dass er gleich zustimmen würde. Er brauchte seine Zeit und sie würde ihn später so lange bearbeiten, bis er schließlich doch nachgab. Das war ein kleines Spiel, das sie hin und wieder spielen mussten und sie sah ihm nach. In seiner Montur wirkte er am Strand wie der bekannte Elefant im Porzellanladen und sie schmunzelte, als er auf einen zur Bar umgebauten Bungalow zulief. Seine sonst so behänden Bewegungen wirkten träge und das Laufen im lockeren Sand schien ihm scheinbar schwer zu fallen. „Ich krieg dich schon in eine Badehose", lächelte sie versonnen und verzog schelmisch das Gesicht, als er in der Bar verschwand. „Darauf kannst du deinen dämlichen Ledermantel verwetten!"
*******
Erst als sich der Himmel langsam rosa verfärbte hatte, hatte Buffy ihren Platz am Strand verlassen. Spike war nicht wieder aufgetaucht und auch am Strand selbst hatte sich nicht viel getan. Die meisten der Gäste schienen sich zwar mit ihrer Anwesenheit abgefunden zu haben, doch keiner zog auch nur die Möglichkeit in Betracht, ein Wort mit ihr zu reden.
Nun stand sie im Badezimmer vor dem Spiegel und bürstete ihr Haar, als die Bungalowtür geöffnet wurde und Spike leise fluchend hereinkam.
„Hey", brummte der Vampir, als sie den Wohnbereich betrat. Dann runzelte er die Stirn und schließlich grinste er breit. „Nicht schlecht, Slayer", meinte er und legte den Kopf schräg. „Wen willst du denn anmachen? Unseren ewig grinsenden Gastgeber oder hast du ein Auge auf einen bestimmten Dämon geworfen?"
Buffy trug ein cremeweißes, eng geschnittenes Abendkleid, das im Nacken von einem schmalen Band gehalten wurde und einen extrem gewagten Ausschnitt besaß. „Ha, ha", murrte sie auch sofort und wandte sich ab, um zurück in ihr Zimmer zu gehen.
„Wohoooo", machte Spike, den fast zwei Liter Whiskey enorm mutig gemacht hatten. „Ich habe die Jägerin beleidigt! Wie kann denn das passieren?"
„Halt bloß die Klappe", schnauzte sie ihn an und ihr Blick passte nun gar nicht mehr zu ihrem Outfit.
„Warum?", fragte er gespielt ernst. „Gehen wir nicht mehr als Pärchen durch, wenn die Nachbarn uns streiten hören?" Aus seiner Stimme troff Sarkasmus und er sah sie finster an. „Warum takelst du dich so auf?"
„Ich takle mich nicht auf", schnappte Buffy ein und biss sich wütend auf die Lippen. „Du hast echt keine Ahnung!" Sie war tatsächlich beleidigt.
„Nein? Na, so was aber auch", motzte er. „Dann klär mich mal auf! Warum läufst du hier rum, als würdest du die Kerle der Reihe nach vernaschen wollen? In Sunnydale…"
„Ganz genau", unterbrach sie ihn brüsk. „Sunnydale! Dort habe ich nicht die Möglichkeit, mich einfach mal wie eine normale junge Frau zu fühlen! In Sunnydale muss ich jederzeit darauf achten, dass meine Klamotten kampftauglich sind! Du hast echt keinen blassen Schimmer, also lass mich mit deinen idiotischen Sprüchen in Ruhe!", schimpfte sie und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Du weißt ja nicht, was es für mich heißt, mein sonst so schräges Leben völlig zu verdrängen und einfach mal normal zu sein! Aber dafür habe ich ja dich!", schimpfte sie wütend. „Du erinnerst mich ja wieder und wieder daran! Also habe ich… Ach, vergiss es. Ich habe keinerlei Lust mehr, mich mit dir zu streiten!" Wütend stapfte sie in ihr Zimmer und knallte die Tür zu.
„Weiber", fauchte Spike mit zusammengekniffenen Augen. Dann drehte er sich um und steuerte die hauseigene Bar an. „Dann wollen wir mal hoffen, dass die Whiskeyvorräte reichen!"
Teil 6
„Slayer! Jetzt komm da endlich raus!" Spike stand vor ihrer Zimmertür und klopfte mit der Faust wild dagegen. „Verdammt! Das Abendessen hat längst angefangen und da du dein Mittagessen ausfallen lassen hast, dürftest du enormen Hunger schieben. Also komm da raus… sonst komm ich rein!"
‚Wenn interessiert das?’, dachte Buffy noch immer beleidigt. Sie hatte das teure Kleid ausgezogen und auf dem Bett abgelegt. Jetzt lag sie mit verschränkten Armen auf dem Selbigen und starrte an die Decke. ‚Warum kann dieser Blödmann nicht verstehen, dass ich…’, überlegte sie und schüttelte den Kopf. Nein! Es war nicht nur Spike, der für ihre schlechte Laune verantwortlich war. Es war größtenteils ihr schlechtes Gewissen und die Jägerin seufzte laut. Am Strand war es ein Leichtes gewesen, es zu verdrängen, jetzt kam es mit Macht wieder zum Vorschein und sie verzog das Gesicht, als sie an Giles, Tara, Willow und die anderen dachte. Ihre Freunde machten ihre Arbeit und das gefiel ihr überhaupt nicht. Wenn sie zusammen waren, war es schon schlimm genug, aber dann hatte sie immer noch die Möglichkeit auf sie aufzupassen und ihnen gegebenenfalls aus der Bredouille zu helfen. Jetzt standen sie alleine da und es fiel ihr schwer, das einfach zu vergessen. Sicher, Chamuel hatte gesagt, dass er sie sofort zurückbringen würde, wenn es nötig war, aber…
Die Tür wurde heftig aufgestoßen, knallte gegen die Wand und Spike kam grummelnd ins Zimmer.
„Verschwinde", schnauzte sie ihn an, bevor er auch nur ein einziges Wort gesagt hatte.
„Ganz sicher nicht! Ich habe die Schnauze voll davon mit einer Tür zu reden", meinte er gehässig und baute sich vor ihrem Bett auf. „Steh auf und lass uns essen gehen! Und erzähl mir nicht, du hättest keinen Hunger. Ich konnte deinen verdammten Magen schon vor der Tür knurren hören."
„Und wenn schon. Das geht dich einen Dreck an!", zischte sie und drehte demonstrativ ihren Kopf auf die Seite. Sie benahm sich kindisch, doch das war ihr egal. Der Vampir sollte einfach verschwinden und sie in Ruhe lassen.
Spike verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Was wird das? Spielst du die Prinzessin auf der Erbse? Sonst lässt du dich von meinen Bemerkungen auch nicht so runterziehen!" Er wartete einen Moment, doch sie reagierte nicht und so setzte er sich auf die Bettkante. „Chamuel wartet bestimmt schon. Und vielleicht hat er neue Informationen, die uns helfen, diese bescheuerte Welt möglichst schnell wieder zu verlassen."
„Und wenn schon", murmelte sie leise.
„Okay", seufzte er genervt. „Was genau ist eigentlich dein Problem? Du wolltest doch Urlaub! Jetzt hast du welchen! Also, was soll der Mist? Mein Gemecker kann es kaum gewesen sein. Sonst kümmert dich meine Meinung auch nicht sonderlich. Warum lässt du dich…" Er stockte. „Ich verstehe", sagte er, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Genau das ist dein Problem. Du nörgelst zwar ewig über dein Jägerinnendasein, aber wenn du es für einen Moment hinter dir lassen kannst, kommst du nicht damit klar. Du kannst mit ein paar freien Tagen nicht umgehen." Er lachte laut auf. „Meine Güte, Slayer! Komm mal wieder runter. Du machst deinen Job gut und keiner hat etwas dagegen, wenn du mal etwas runterfährst. Es ist in Ordnung. Immerhin hast du den bescheuerten Job von deinem Wächter bekommen. Und wenn dieser Job verlangt, ein paar Tage am Strand abzuhängen, dann ist das auch okay."
„Ist es nicht", sagte sie leise und in ihrer Stimme klang eine Spur Trauer
mit. „Ich bin die Jägerin und ich bin dafür geboren, Dämonen in den Arsch zu
treten. Freie Tage und schöne Kleider sind für mich nicht vorgesehen."
„Wenn du das sagst", brummte er. „Allerdings versteh ich nicht, warum du
dermaßen in Selbstmitleid badest. Sieh die Sache mal von der positiven Seite",
meinte er dann. „Dein Wächter hat dich praktisch zu diesem Aufenthalt gezwungen.
Du hast den Auftrag am Strand abzuhängen… also gibt es kein Problem."
„Am Strand abhängen. Hah! Das bringt doch sowieso nichts", schnaufte sie und sah ihn zum ersten Mal an. „Es ist genauso, wie ich heute Mittag schon gesagt habe. Mit mir spricht niemand, egal wie lange ich noch faul in der Sonne liege. Dämonen nicht und die Menschen hier… sogar sie haben Angst vor mir", sie schüttelte traurig den Kopf. „Und du spielst den Big Bad. Das macht die Sache nicht gerade einfacher."
„Was bleibt mir anderes übrig?", erkundigte er sich eingeschnappt und erhob sich vom Bett. „Denkst du, ich hab noch Freunde unter den Dämonen? Egal welcher Art? Ich bin ein Verräter und das lässt man mich auch spüren", schimpfte er. „Du badest hier in Selbstmitleid… ertrinkst beinahe darin. Was ist mit mir? Ich habe über hundertzwanzig Jahre auf dem Buckel und bin mittlerweile nicht mehr wert als ein lausiger Wurm", erklärte er biestig. „Und wem habe ich das zu verdanken? Deiner verdammten Regierung und dem Zinnsoldaten, den du… Ach, vergiss es!" Wie ein gefangenes Tier wanderte er unruhig hin und her. „Du bist diejenige, die keinen blassen Schimmer hat! Mein Leben ist nicht besser als deins!"
Die Jägerin antwortete nicht, sie nickte nur. „Wahrscheinlich hast du Recht. Aber diese Welt ist anders. Die Dämonen hier fallen alle irgendwo aus der Rolle", sie grinste und zuckte mit den Schultern, weil Spike sie nach diesem Satz finster anfunkelte. „Du weißt schon, was ich meine. Ich habe am Strand Hronesch und Krourks zusammen baden sehen und du weißt, dass die beiden Rassen Todfeinde sind. Sie bekämpfen und töten sich sonst, wo sie können." Die Jägerin machte eine Pause und als sie weitersprach, klang ihre Stimme sehr sanft. „Ich bin immer noch der Meinung, dass wir am Weitesten kommen, wenn die Anwesenden sehen, dass wir beide Freunde sind."
„Was uns dann wieder zu deinem bekloppten Plan bringt", brummte Spike mit
zusammengekniffenen Augenbrauen. „Aber der Strand und ich…? Das passt nicht
wirklich."
„Ich mache dir einen Vorschlag", meinte Buffy sanft. „Du erzählst keinem, dass
ich meine Tage mit Sonnenbaden verplempere und ich erzähle keinem, wie du in
Badehose aussiehst."
Bevor Spike etwas erwidern konnte, war die Jägerin aufgesprungen, hatte seine Hand gegriffen und herzhaft geschüttelt. „Also abgemacht", lachte sie und eilte aus dem Zimmer. „Und jetzt komm. Ich habe Hunger."
Mit ungläubigem Blick starrte er ihr hinterher und hatte das ungute Gefühl, gerade kräftig über das Ohr gehauen worden zu sein. „Verdammt!", zischte er leise und folgte ihr langsam. ‚Und wie komme ich aus dieser bescheuerten Situation wieder raus?’, überlegte er und seufzte schwer.
Seine Augen zogen sich zornig zusammen, als er auf Buffy traf, die vor dem Speisesaal auf ihn wartete. „Da sind wir noch nicht mit durch", brummte er und knurrte leise, als die Jägerin tatsächlich die Nerven hatte, so zu tun, als wüsste sie nicht, wovon er gerade sprach. Allerdings hatte Spike keine Zeit mehr für ein klärendes Gespräch. Chamuel kam, begrüßte beide und geleitete sie zu einem freien Tisch.
‚Dieses ewige, dumme Gegrinse’, dachte der Vampir, da der Gastgeber wieder freundlich vor sich hinlächelte. ‚Wenn der so weiter macht, dann schlage ich es ihm früher oder später aus dem Gesicht. Eher früher als später’, grummelte er, nachdem er sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und dem Dimensionswächter direkt gegenübersaß. ‚Am besten jetzt gleich!’
„Hat Giles sich schon gemeldet?", riss Buffy ihn aus seinen Gedanken. Sie wandte sich Chamuel zu und nickte bedächtig, als er verneinend den Kopf schüttelte. „Ich verstehe", murmelte sie und sofort waren die alten Schuldgefühle zurück.
„In Ihrer Welt ist einfach zuwenig Zeit vergangen", meinte Chamuel, sanft wie immer. „Aber ich habe eine Liste mit den Ankunftszeiten unserer Gäste aufstellen lassen. Ganz, wie Sie es wollten."
Bevor Buffy die Liste in Empfang nehmen konnte, hatte Spike sie schon an sich
gerissen und gelesen. „Der letzte Dämon kam sieben Wochen vor dem Mord hier an",
meinte er und übergab Buffy das Schriftstück. „Eine ziemlich lange Zeit, um auf
ein Mordopfer zu warten."
„Und Menschen sind auch keinen Neuen mehr angekommen", fügte sie nach einem
flüchtigen Blick auf die Liste hinzu. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich
glaube, das hilft uns nicht wirklich weiter."
Zusammen mit ihrem Gastgeber überlegten sie hin und her, aber sie kamen auf keine neuen Gedanken und so stand Chamuel schließlich auf. „Wir müssen wohl warten, dass sich etwas Neues ergibt", meinte er. „Fühlen Sie sich in der Zwischenzeit hier einfach wie zuhause und genießen das ruhige Leben." Er nickte den Beiden zu und wollte sich gerade umdrehen, als ihm noch etwas einfiel. „Morgen Abend gibt es hier in der Halle einen großen Tanzball. Es wäre mir eine große Ehre, Sie als meine Gäste einzuladen."
Wieder lächelte Chamuel, doch Spike bemerkte es kaum, da Buffy begeistert
nickte und ihn anblickte. „Sicher. Wir kommen gerne. Es wird bestimmt
interessant."
„Wer hat gesagt, dass ich tanze?", giftete Spike die Jägerin an, kaum das der
Gastgeber verschwunden war.
„Stell dich doch nicht schon wieder so an. Das bietet uns eine hervorragende Möglichkeit, mit den Gästen in Kontakt zu treten." Buffy schüttelte genervt der Kopf. „Ich werde mir jetzt was zu essen holen. Möchtest du auch was, oder willst du lieber weiter Löcher in die Luft starren?"
Spike antwortete nicht, er knurrte nur leise auf und seine Augen glitzerten gefährlich gelb. „Treib es nicht auf die Spitze, Slayer!"
Doch die Jägerin war alles andere als beeindruckt. Sie lachte einfach und ging zum Buffet. „Das zahle ich dir heim", schwor er und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. „Auf die eine oder andere Weise, aber das zahle ich dir heim!"
********
Buffy war langweilig. Sie gab es nicht gerne zu, aber das ruhige Allerlei ging ihr langsam aber sicher auf die Nerven. Der Abend war friedlich verlaufen, die Nacht ebenso. Jetzt ging es langsam auf Mittag zu und sie konnte nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken.
Das Getümmel am Strand war mörderisch, aber auch gleichermaßen eintönig und fade. Zwar schien sich niemand mehr vor ihr zu verstecken, aber unterhalten wollte sich auf keiner. Außerdem war es eine recht trockene Aufgabe, harmlosen Dämonen beim Sonnenbaden und Schwimmen zuzusehen.
‚Wenn doch wenigstens Willow hier wäre’ ,dachte Buffy und gähnte herzhaft. Riley fiel ihr ein, doch sie verdrängte ihn aus ihren Gedanken. In letzter Zeit ging er ihr nur noch auf die Nerven. Seitdem er nur noch ein normaler Mensch war, war der Umgang mit ihm äußerst schwierig und eigentlich war sie ganz froh darüber, ihn ein paar Tage nicht sehen zu müssen. Ihr Verständnis für seine Lage hin oder her, langsam reichte es. Ihr Leben war kompliziert genug. Sie brauchte keinen Mann, der betüddelt werden musste wie ein kleines Kind.
„Hey", brummte Spike, ließ sich auf eine Strandliege neben der ihrigen fallen und deckte sich sofort mit einem großen Badetuch zu.
‚Habe ich da jetzt eine Badehose aufblitzen sehen?’, dachte Buffy, schlagartig wieder hellwach. „Hi", sagte sie und biss sich nach einem kurzen Blick in sein Gesicht belustigt auf die Lippen. Er blickte wie versteinert auf das Meer und eine steile Falte hatte sich tief in seine Stirn eingegraben. Was auch immer jetzt passierte, es war bestimmt interessant.
‚Kann er überhaupt schwimmen?’, überlegte sie plötzlich. ‚Ach was! Wahrscheinlich passt es ihm nur nicht, dass er hier nicht den Big Bad raushängen lassen kann! Mehr nicht. Als würde ihn der Strand oder das Meer interessieren."
Aber dieses Mal lag die Jägerin mit ihrer Annahme daneben. Vollkommen daneben. Spike hätte nichts lieber getan, als am Strand abzuhängen oder träge durch das seichte Wasser zu schwimmen. Immerhin widerfuhr es einem Vampir nicht gerade oft, dass er ins Sonnenlicht hinaus konnte, ohne sofort in einen Staubhaufen verwandelt zu werden. Tatsächlich gab es nur eine Sache, die ihn davon abhielt. Und das war die Jägerin. Sein Ruf war schon lange keinen Pfifferling mehr wert, aber wenn jemals herauskam, dass Buffy und er… am Strand…in der Sonne…beste Freunde…
„Ach, vergiss es", knurrte er lautlos. ‚Sollte sie es wirklich ausplaudern, werde ich jedem erzählen, sie hätte sich hier nackt in der Sonne gewälzt und einen Dämon nach dem anderen vernascht!’ Er packte das Badetuch, zog es herunter und sprang auf. ‚Sie wollte Urlaub und jetzt haben eben wir beide einen.’ Hoch erhobenen Hauptes schritt er auf das Wasser zu und bemerkte Buffys Blick nicht, der ihm staunend folgte.
‚Oha’, dachte die Jägerin, als sie Spikes Kehrseite in voller Pracht betrachtete. ‚Ich hätte fast vergessen, das ein Toter so scharf aussehen kann!’ Sie sah ihm dabei zu, wie er Schritt für Schritt weiter ins Meer eintauchte und schluckte schwer, als er schließlich abtauchte.
Eine leichte Gänsehaut krabbelte über ihren Rücken und es kostete sie einige Anstrengung, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. ‚Jetzt krieg dich mal wieder ein’, schimpfte sie mit sich selbst. ‚Es ist nicht das erste Mal, dass du einen Mann in Badehose siehst! Unwirsch schüttelte sie den Kopf.
Aber alles schimpfen brachte nichts und so stand sie auf und folgte ihm ins Wasser. Allerdings hielt sie einen gehörigen Abstand zu Spike und wollte einfach in die entgegengesetzte Richtung schwimmen. ‚Abkühlen ist gut’, dachte sie und tauchte in das klare Wasser ein. ‚Kalt. Kälte ist jetzt genau das, was ich brauche!’
Teil 7
Sanft fuhr der Wind durch ihr Haar, umspielte und liebkoste ihren erhitzten Körper. Ein Streichorchester gab sein Bestes, um der romantischen Stimmung gerecht zu werden und die Luft war geschwängert vom schweren Duft der unzähligen Orchideen, die ringsherum wild wucherten.
Gerade im richtigen Moment drehte sie sich herum und sah ihn, wie er sich mit raubtierhaften Bewegungen näherte. Seine blauen Augen leuchteten im Mondlicht und sie wollte nur das Eine, darin versinken.
Sein Kopf neigte sich zu ihr herab und sie konnte seine weichen Lippen spüren, die sanft ihr Ohr berührten. „Gehst du heute Mittagessen oder lässt du es wieder ausfallen?"
„Wa… wa… was?" Buffy schreckte auf und der Traum zerplatzte wie eine Seifenblase. Sie war eingeschlafen. Am Strand, einfach so.
Spike neben ihr lachte leise. „Gut geschlafen?"
„Ähm…, äh, ja. Entschuldige." Sie fühlte sich ertappt und spürte, wie sich
ihre Wangen verfärbten. „Was hast du gerade gesagt?"
„Ich habe gefragt, ob du heute etwas zu Mittag essen willst oder ob du es wieder
ausfallen lässt?" Spike fand die Situation urkomisch. Niemand, wirklich niemand
würde ihm glauben, dass die Jägerin inmitten einer Horde von Dämonen ein
Nickerchen gehalten hatte. Allerdings hätte er zu gerne gewusst, was sie
geträumt hatte. Ihr Blutdruck war schon lange vor dem Aufwachen rapide
angestiegen und er fragte sich, was für eine Art von Traum sie gehabt hatte.
„Seit wann kümmert es dich, ob und wann ich etwas esse?", erkundigte sie sich schnippisch. Sie kramte ihre Bürste hervor und ließ sie durch ihr noch immer nasses Haar gleiten.
„War ja nur eine Frage", erwiderte er und zuckte gleichgültig mit den
Schultern. „Du bist ziemlich dürr geworden in letzter Zeit. Vielleicht hast du
einfach zu viel Stress."
„Riley geht dich gar nichts an", fauchte sie und band ihr Haar zusammen. „Was
soll das? Bist du…"
„Ich meinte deine Mom und den Krümel", brummte er widerwillig und stand auf.
„Der Zinnsoldat und dein verdammtes Liebesleben interessieren mich einen Dreck!"
Das war gelogen, aber das brauchte er ihr ja nicht auf die Nase binden. Er griff
nach seinem Shirt und zog es über den Kopf. „Slayer, du hast ein echtes Problem
und du solltest es langsam in den Griff bekommen!" Spike schlüpfte in seine
Jeans und hob zum Abschied die Hand. „Bis irgendwann oder so!"
„Spike, warte", rief Buffy und sprang ihrerseits auf. „Es tut mir leid. Entschuldige." Sie schluckte schwer und sah ihn seufzend an. „Wahrscheinlich hast du Recht. Es ist nur… Mom und… vielleicht muss sie operiert werden und … ich habe Angst davor."
Spike nickte. Er konnte gut verstehen, was in ihr vorging. Auch er mochte Joyce. Sie war eine starke Frau und genau das sagte er auch. „Sie schafft das schon. Sie ist deine Mutter und ihr Summers-Frauen setzt immer euren Willen durch."
Buffy lächelte wehmütig. „Ich hoffe, du behältst Recht. Es ist nur weil… ich
faulenze hier in der Sonne und meine Mom…"
„…würde dir diese wenigen Tage Ruhe durchaus gönnen", führte er für sie den Satz
zu Ende. Die Jägerin wirkte mit einem Mal klein und hilflos und er hatte Mühe,
nicht tröstend ihre Hand zu nehmen oder gar über ihre Wange zu fahren. „Buffy,
Giles steht mit Chamuel in Verbindung und wenn tatsächlich etwas geschehen
würde, würden sie dich sofort zurückbringen. Du hast gehört, was diese
Grinsekatze von einem Dimensionswächter gesagt hat, es ist kein Problem für ihn.
Also halt einfach mal die Füße still und spiel mit mir ein wenig Sherlock
Holmes." Er nickte ihr zu und war gerade im Begriff den Strand zu verlassen, als
sie ihn zurückhielt.
„Hey, Dr. Watson", meinte sie lächelnd. „Gehst du mit mir in den Speisesaal? Ich könnte wirklich etwas vertragen und vielleicht findest du ja auch was Essbares."
„Sicher", sagte er und seufzte innerlich. Dieses warme Lächeln auf ihren Lippen würde er zu gern öfter sehen, allerdings wurde er nur höchst selten damit bedacht. Spike sah ihr zu, wie sie ein farblich auf den Bikini abgestimmtes Strandkleidchen überzog und zusammen verließen sie den Strand.
„Vielleicht sollte ich vorher duschen", überlegte Buffy laut.
„Warum? Du warst doch stundenlang im Wasser!" Er lachte und bekam einen leichten Klaps auf den Oberarm verpasst. „Keine Panik. Du stinkst nicht!" Der folgende Schlag war genauso sanft wie der vorherige und er wunderte sich im Stillen. Für gewöhnlich hielt sie nicht lange mit ihrer Meinung hinter dem Berg und er wartete gespannt.
„Stimmt", nickte sie stattdessen. „Auf jeden Fall nicht so sehr wie der Marschok. Hinter ihm fliegt immer ein Schwarm Fliegen und selbst seine freundlichen Mitbewohner machen einen großen Bogen um ihn." Sie machte eine Pause. „Hoffentlich bekommen wir bald Nachricht von Giles. Mich würde wirklich interessieren, wer diese Kristin Haversham war."
*******
Der Speisesaal war voll besetzt und nur im hintersten Winkel des offenen Raumes fanden sie einen freien Tisch. Dämonenkinder spielten Fangen, Unterhaltungen wurden lautstark geführt und Buffy fühlte sich das erste Mal nicht außen vor. Die Normalität war an diesen Ort zurückgekehrt und hatte sie als Jägerin mit eingeschlossen.
„Hat das Steak jemals eine Pfanne gesehen?", fragte Buffy Spike, der genüsslich kaute.
„Ja. Ich habe dem Koch gesagt, er soll es einmal kurz darüber halten." Er lachte leise und seine Augen blitzten vergnügt im Sonnenlicht.
Die Wangen der Jägerin verfärbten sich. Für einen kurzen Augenblick war sie zurück in ihrem Traum und sie erinnerte sich. Es waren Spikes Augen gewesen, die sie gesehen hatte. Seine Lippen, die ihr Ohr… Eine Gänsehaut schoss über ihren Körper und sie schüttelte sich unwillkürlich.
„Alles okay?", erkundigte sich der Vampir, der ihre Veränderung sofort wahrgenommen hatte.
„Ja, alles bestens", gab sie schnell zurück. „Das Stück Kiwi war nur sehr sauer", meinte sie dann und rührte demonstrativ in ihrem Obstsalat.
„Isst du eigentlich auch mal irgendwas, das nicht aus Obst und Rohkost
besteht?"
„Ja. Joghurt", lachte Buffy.
„Oh Mann", brummte Spike und schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, dass du nur aus Haut und Knochen bestehst. Wundert mich geradezu, dass du noch Kraft zum Kämpfen hast."
„Ich bin nicht zu dünn", verteidigte sich die Jägerin. „Außerdem verbrauche
ich hier keine Energie, also brauch ich auch kaum…"
„Vergiss es", knurrte er. „Blöde Idee von mir, dich darauf aufmerksam zu machen.
Aber wenn du so weiter machst, dann kippst du garantiert bald um."
„Ach ja, Herr Doktor. Und das weißt du, weil…?
„Es jeder sieht, der Augen im Kopf hat", erwiderte er heftiger als geplant. „Du bist blass, sogar hier in der Sonne und du hast mindestens sechs Kilo abgenommen in der letzten Zeit."
Die Augen der Jägerin wurden groß. Sie hatte tatsächlich abgenommen und zwar genau die Menge, die er gerade genannt hatte. Warum hatte Spike es bemerkt, sonst aber niemand? Riley nicht, Willow nicht, nicht einmal ihre Mutter. „Ist es wirklich so schlimm?", fragte sie leise.
„Slayer, du hörst zwar selten auf meinen Rat, aber ich denke, du musst etwas
tun. Ich weiß nicht, was los ist und vielleicht geht es mich auch gar nichts an,
aber du musst dringend etwas ändern. Ansonsten stehen deine Chancen ziemlich
schlecht, wenn du auf einen starken Vampir oder Dämon triffst." Er zuckte mit
den Schultern. „Vielleicht sollte ich dich mästen, solange wir hier sind."
„Das würdest du nicht wagen", sagte sie überrascht von seiner Fürsorge.
Als Antwort stand er auf, ging auf das Buffet zu und kam Minuten später zurück. Er stellte einen gut gefüllten Teller vor sie auf den Tisch und grinste hinterlistig. „Guten Hunger", lachte er und befasste sich wieder mit seinem Steak.
Buffy, noch immer überrumpelt, guckte auf ihren Teller und seufzte. Spike hatte gut gewählt. Es gab Hähnchenbrust in Currysauce, Wildreis und einen Salat und sie sah ihn an. „Warum machst du das?", fragte sie leise. ‚Warum kümmerst du dich so um mich?’ Die zweite Frage blieb unausgesprochen und doch war es das, was sie wirklich wissen wollte.
„Würdest du doch nicht verstehen", nuschelte er undeutlich und wandte sich ab. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und er sah sie schulterzuckend an. „Du solltest anfangen. Gleich ist es kalt."
Stumm nickend griff sie nach der Gabel. ‚Merkwürdig, dass ausgerechnet ein
Vampir weiß, was ich brauche’, dachte sie und führte den ersten Bissen zum
Mund. ‚Ganz im Gegensatz zu Riley’. Er versuchte es auch, auf seine
merkwürdige Art und Weise. Aber sie war nun mal nicht der Typ Frau, den er sich
wünschte. Sie brauchte keinen starken Mann, um irgendwelche schweren Wäschekörbe
oder sonstiges zu wuchten. Physische Kraft hatte sie selbst genug. Sie brauchte
jemanden, der verstand, wie ihr Leben war. Wirklich war. Sie konnte niemanden
gebrauchen, der sie unbeholfen umarmte, auf den Rücken klopfte und ihr
versicherte, es würde alles wieder gut werden. Denn genau das war der große
Irrtum, dem auch all ihre Freunde unterlagen. Nichts würde jemals wieder gut
werden. Für sie gab es kein Happyend. Keinen weißen Gartenzaun und eine Horde
Kinder. Für sie gab es nur ihren ewigen Kampf, der unweigerlich ihren Tod
bedeutete. Das Schlimme daran war nur, dass keiner es begreifen wollte und jeder
versuchte, sie in ein so genanntes normales Leben zu drängen.
„Wusste ich es doch", riss Spike sie aus ihren Gedanken.
„Was wusstest du?", fragte sie verdattert.
„Das du Hunger hattest", sagte er und deutete auf den Tisch. „Dein Teller ist leer", er lachte leise. „Soll ich noch einen Nachschlag holen?"
Der Vampir war sichtlich gut zufrieden und steckte sie mit seiner guten Laune an. Vor allen Dingen hatte er Recht gehabt. Sie hatte alles aufgegessen und es nicht einmal gemerkt, weil sie dafür zu tief in Gedanken gewesen war. „Keinen Nachschlag mehr", meinte sie und lächelte sanft. „Sonst platze ich."
„Was hier sicherlich für Abwechslung sorgen würde", grinste Spike. „Und was machen wir jetzt?"
„Na was schon. Wie gehen schwimmen", feixte Buffy und lachte, als er die Augen verdrehte.
*********
Die ausgelassene Stimmung hielt an und eine halbe Stunde später schwammen Jägerin und Vampir friedlich vereint nebeneinander her.
„Ich bin schon so gespannt, wie du im Anzug aussiehst", meinte Buffy und
grinste ihn an. „In Badehose kenn ich dich ja jetzt"
„Anzug? Was für ein Anzug?" Spike sah sie erstaunt an, drehte sich auf den
Rücken und paddelte in Richtung Strand.
„Heute ist doch diese Tanzveranstaltung", sagte Buffy, spürte festen Boden unter den Füßen und stellte sich hin.
„Deswegen ziehe ich noch lange nicht so ein Ding an", widersprach Spike kopfschüttelnd. „Ganz sicher nicht. Dann kannst du alleine gehen und ich geh in die Bar und lass mich vollaufen."
„Feigling", grinste Buffy und schaufelte eine Ladung Wasser in sein Gesicht.
Die Wasserschlacht, die daraufhin entbrannte, war heftig und wurde von den anderen Badegästen mit Argusaugen begutachtet.
Spike packte Buffy an der Hüfte und warf sie mehrere Meter weiter. „Das kannst du vergessen", schnaufte er. „Ich ziehe keinen Anzug an. Womöglich auch noch einen Smoking. Pah!"
Die Jägerin tauchte ab, riss ihm die Beine weg und schimpfte, als beide zurück an der Wasseroberfläche waren. „Aber sicher wirst du einen…" Weiter kam sie nicht, denn Spike hatte sie gepackt und wieder unter Wasser gezogen.
Das Gerangel war heftig, aber beileibe kein Kampf. Es war ein wildes Spiel, das beide sehr genossen und sie immer näher an den Strand brachte. Irgendwann knieten beide im flachen Wasser und starrten sich an, Buffy vollkommen außer Atem und auch Spike schnappte unnötigerweise nach Luft.
„Und du wirst doch…", schnaufte Buffy und wurde von Spikes Lippen aufgehalten, die plötzlich auf ihren lagen. Er packte sie, zog sie nah an sich heran und vertiefte den Kuss.
„Nicht", stoppte sie ihn. „Ich kann nicht", sie schüttelte verwirrt den Kopf, stand auf und rannte davon.
Teil 8
Der Himmel verfärbte sich langsam und ließ keinen Zweifel daran offen, das es bald Nacht werden würde. Spike saß in der Strandbar und kippte einen Drink nach dem anderen in sich hinein. Er hatte alles versaut. Wieder einmal! Hatte die Zeichen falsch gedeutet und sich in der Situation verrannt.
‚Wahrscheinlich gab es überhaupt keine Zeichen’, schimpfte er in Gedanken. ‚Du hast es nur so sehen wollen!’ Es war auch zu verrückt. Als würde die Jägerin sich jemals mit einem wie ihm abgeben.
Der Vampir hatte mehr als genug getrunken, aber heute wollte der Alkohol ihn nicht einlullen, nicht vor seinen schweren Gedanken retten. Sein Verstand war und blieb klar, egal wie viel er noch in sich hineinkippen würde.
„Oh, da sind Sie ja", sagte eine freundliche Stimme hinter ihm. „Ich habe Sie schon gesucht." Chamuel, wie immer milde lächelnd, setzte sich neben ihn.
„Und nun haben Sie mich gefunden", brummte Spike unwirsch. Er hatte nicht übel Lust, dem Dimensionswächter das endlose Lächeln für immer aus dem Gesicht zu wischen, aber er beherrschte sich mühsam und bestellte einen weiteren Whiskey. „Und jetzt, wo Sie mich gefunden haben… Was wollen Sie von mir?"
„Eigentlich nichts Besonderes", sagte Chamuel und ließ sich ebenfalls etwas zu trinken geben. „Ich wollte nur fragen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist oder ob ich vielleicht etwas für Sie tun kann?"
„Alles bestens", brummte Spike missmutig. „Alles bestens!"
„Ich dachte nur, weil Buffy so plötzlich zurück nach Sunnydale wollte und…"
„Sie ist zurück", unterbrach der Vampir fassungslos und blickte den Wächter fragend an. „Sie ist zurück nach Sunnydale? Wann?"
„Am frühen Nachmittag schon", erwiderte der Angesprochene vorsichtig. Sein Lächeln verblasste und er wirkte längst nicht so selbstsicher wie gewöhnlich. „Ich dachte, Sie wüssten das." Er räusperte sich leise und lehnte sich ein Stück zurück. „Ich hatte angenommen, dass…"
„Nein, das wusste ich nicht", zischte Spike, goss sich seinen Drink in den Mund und stand auf. Er musste hier raus. Musste alleine sein und versuchen, den Kopf wieder freizubekommen. Ohne ein weiteres Wort stürmte er aus der Bar und atmete tief ein.
Wütend stapfte der Vampir über den Strand auf das Meer zu und stoppte unmittelbar vor der Brandung. „Verdammt", knurrte er und trat so heftig in den Sand, dass die losen Körnchen wie Geschosse in Wasser prasselten. „Verfluchter Mist! Was bist du doch für ein bescheuerter Idiot? Als würde sie jemals…" Zornig kniff er die Augen zusammen und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Verdammt!"
Die letzten Badegäste zogen sich verschreckt zurück und Spike konnte es ihnen nicht verübeln. Nur mit Mühe schaffte er es überhaupt sein vampirisches Wesen zu zügeln und er seufzte genervt, als ein Dämon sich lautstark über seine Anwesenheit beschwerte.
„Halt deine verdammte Klappe", fluchte Spike grantig und lief planlos hin und her. Sein Kopf drohte zu platzen und er setzte sich schwer seufzend auf eine der Strandliegen.
Buffy war weg! Sie war einfach zurück in ihr beschissenes Sunnydale gegangen und hatte ihn hier sitzen lassen! „Verfluchte Scheiße! Ich werde ihr nicht hinterhertrotten wie ein dummes Hündchen!", schwor er sich und seine sonst so blauen Augen verschossen Blitze. „Ich werde ihr beweisen, dass ich kein halbstarker Hampelmann bin! Ich werde diesen verdammten Mord alleine aufklären. Jawohl!"
Kramend durchsuchte er seine Hosentaschen und fischte ein verbeultes Päckchen Zigaretten hervor. Rauchend überlegte er, was er als nächstes machen würde oder könnte. Er hatte bisher nur die Liste mit den Gästen, die er von Chamuel hatte und das war nicht gerade viel. Würde der Wächter in Sunnydale ihn trotzdem mit den angeforderten Informationen versorgen, oder war das hinfällig, weil Buffy nicht mehr da war?
Wütend spuckte er aus und erhob sich. Noch länger hier herumsitzen brachte ihn kein Stück weiter, und da er zu wenige Papiere hatte, um irgendwas nachzulesen, würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als auf eigene Faust nachzuforschen. Der Tanzabend fiel ihm ein und ein spöttisches Grinsen legte sich auf sein Gesicht. Wenn die Anwesenden im Speisesaal schwoften, hatte er genügend Zeit, sich einmal in den Bungalows umzusehen. Vielleicht würde er auf diese Art etwas Brauchbares finden. Außerdem würde er sich die Umgebung hier einmal genauer ansehen. Möglicherweise gab es hier irgendwelche Verstecke und selbst wenn der Mörder schon lange wieder von hier verschwunden war, konnte er vielleicht irgendwelche Hinterlassenschaften finden.
Ein Angestellter begann den Strand für den nächsten Morgen herzurichten. Er stapelte Stühle übereinander, klappte Sonnenschirme zusammen und fuhr schließlich mit einem breiten Rechen durch den puderigen Sand.
Spike beobachtete ihn eine Zeit lang und eine Art Plan nahm in seinem Kopf Form an. Allerdings musste er dafür vorher noch etwas genauer wissen. „Hey", rief er und stapfte auf den Mann zu.
Der Angestellte schien etwas erschrocken, und wie Spike mit einer gewissen Genugtuung feststellte, ging der Mann, vorsichtig geworden, ein paar Schritte zurück.
„Ja, Sir", sagte er leise. „Was kann ich für Sie tun?", erkundigte er sich behutsam.
„Ich brauche ein paar Infos", sagte Spike und blickte ihn scharf an.
„Vielleicht sollten Sie Sich dann lieber an Chamuel wenden", sagte der Mann und man konnte seine Anspannung förmlich fühlen. Ein Vampir war in dieser Dimension die große Ausnahme und er hatte schon viele Schauergeschichten über den Blutdurst dieser Dämonen gehört. Vorsichtig blickte er sich um, aber weit und breit war niemand zu sehen, der ihm im Notfall helfen konnte.
„Ich will das aber von dir wissen", grinste Spike und genoss die Angst, die der Angestellte ausströmte.
„Ähm… sicher, Sir. Was genau möchten Sie denn wissen?" Er hielt den Rechen schützend vor sich und hoffte, dass ihm nichts Schlimmes geschehen würde.
„Wie viele Dämonen leben hier in dieser Welt?", fragte der Vampir.
„Hier?", wiederholte der Mann überrascht. „Es sind fünfunddreißig ausgewachsene Dämonen, sechs Dämonenkinder und acht Menschen" beantwortete er verwirrt die Frage. „Warum?"
„Weil mir das sehr wenig vorkommt", meinte Spike und überlegte. „Ich dachte,
in dieser Dimension gibt es bedeutend mehr Verrückte, die ihre Herkunft
verleugnen."
„Ähm…, Sir", wagte sich der Mann vor. „Äh… wie soll ich das sagen?", überlegte
er laut. „Dies hier ist nur eine Welt… hm, innerhalb der Welt." Er runzelte die
Stirn und zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie verstehen, was ich meine."
„Nicht unbedingt", erwiderte Spike, genervt von dem Gestotter des Mannes.
„Es gibt viele Welten hier", versuchte der Angestellte es weiter. „Nicht
jeder Dämon liebt den Strand. Wir haben einen ausgedehnten Wald hier, einen
Sumpf, eine Prärielandschaft und sogar ein Hochgebirge."
„Na super", brummte Spike missmutig. ‚Warum erzählt uns dieser grinsende
Idiot das nicht? Vielleicht suchen wir an der völlig falschen Stelle!’
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?", riss ihn der Mann aus seinen Gedanken.
„Ja. Ich will wissen, wie ich von dieser Welt in die nächste komme? Hängen die alle aneinander? Sind sie durch Straßen miteinander verbunden oder wie geht das?" Er konnte es einfach nicht begreifen. Wie konnte der verdammte Kerl so etwas Wichtiges einfach vergessen?
„Nein, Sir. Dazu braucht man einen der Wächter. Man kann nicht einfach von der einen Welt in die andere wechseln. Sie sind magisch voneinander getrennt und nur ein Wächter kann das Tor öffnen, dass einen von hier wegbringt." Sichtlich erleichtert darüber, dass der Vampir offenbar nur Fragen hatte, lächelte der Angestellte und wagte sich mutig vor. „Sir, ich muss jetzt wirklich weiterarbeiten. Heute ist der Tanzabend und so manches Mal ufert es ein wenig aus und die Leute feiern am Strand weiter. Ich muss jetzt aufräumen."
„Von mir aus", brummte Spike, der noch Probleme hatte, die neuen Informationen zu verdauen. Er winkte mit der Hand ab und angelte wieder seine Zigaretten aus der Tasche. ‚ Die Welten sind magisch voneinander getrennt’, überlegte er, während er sich eine anzündete. ‚Super Idee’, dachte er verächtlich. ‚Viele Dämonen beherrschen Magie, oder haben eine ganz eigene Art von Zauberkraft. Was sollte sie dann hier halten? Ich muss mir später unbedingt diesen Idioten von einem grinsenden Wächter vorknöpfen’, dachte er angesäuert. Warum hatte er selbst nur vorher nie irgendwelche Fragen gestellt? Doch dann fiel im ein, dass er bisher viel zu sehr mit Buffy beschäftigt gewesen war. Außerdem hatte er die Idee eines Kurzurlaubs selbst recht nett gefunden und so hatte er sich einfach treiben lassen.
Spike sah sich um und überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Sein Blick wanderte die Hügel hinauf und er betrachtete die Palmen, die langsam in der Dunkelheit der Nacht verschwanden. Noch war es hell genug, aber selbst wenn ihn die Finsternis überraschen würde, würde er dank seiner Fähigkeiten genug sehen. Er schnipste seinen Zigarettenstummel in die Luft und ging los. Vielleicht gab es dort oben noch etwas Interessantes zu entdecken.
********
Über eine halbe Stunde lief er nun schon kreuz und quer durch die Landschaft und die Brandung des Meeres war nur noch als leises Hintergrundrauschen zu hören. Er hatte sich weit von dem Dörfchen entfernt und auch die magische Begrenzung gefunden, die diese Welt von den anderen trennte. Er selbst konnte sie nicht durchbrechen, aber das hieß ja bekanntlich nicht sehr viel. Immerhin war er nur ein Vampir und kein Hexenmeister.
Höhlen und andere Verstecke hatte er nicht entdeckt, nur einen Haufen Palmen und wildwachsende Hibiskusbüsche. Er war gerade auf dem Rückweg, als er eine leise Frauenstimme hörte, die in einiger Entfernung weinte. Er legte den Kopf schräg und lauschte, aus welcher Richtung die Stimme zu ihm drang. Geräuschlos bewegte er sich darauf zu und stockte. Es war nicht nur eine Frau. Es waren zwei Personen.
„So habe ich das nicht gewollt", schluchzte die fremde Frau und kurz darauf ertönte ein markiges Lachen. „Du hast es nicht anders gewollt. Du hast mich angefleht und… schhhhh, leise…"
‚Sie haben mich bemerkt’, dachte Spike verwirrt. Dabei hatte er sich doch vollkommen lautlos angeschlichen. Er hörte, wie sich etwas Schweres durch die Büsche schob und beeilte sich hinterherzukommen. Allerdings erhaschte er nur einen flüchtigen Blick auf einen gelblich schimmernden Panzer, dann war der Spuk vorbei. „Was zur Hölle war jetzt das?"
Er durchsuchte die nähere Umgebung, musste aber schussendlich einsehen, dass er die Spur verloren hatte und es wurmte ihn mächtig, dass er nicht mehr von dem Gespräch hatte auffangen können. Wer auch immer die Beiden gewesen waren… sie konnten sich über alles Mögliche unterhalten haben. Es musste nicht unbedingt mit dem Mord zusammenhängen und in seinem Kopf tauchten die ersten Bilder von den gemischten Pärchen auf, die sich in dieser Welt aufhielten. Allerdings konnte er sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass ein Dämon mit gelbem Panzer darunter war und auch die Frauen wirkten nicht gerade hilflos. Wahrscheinlich mussten sie eine harte Schale haben, um sich überhaupt mit einem Dämon einzulassen.
Für eine flüchtige Sekunde schoss Buffy durch seine Gedanken, doch er verbannte sie sofort wieder. Die Jägerin hing wahrscheinlich gerade am Arm ihres Zinnsoldaten und er hatte keine Lust, sich weiter darüber aufzuregen. Außerdem brachte es ihm nichts, weiter über diese verdammte Situation nachzudenken, in die er sich selbst gebracht hatte. Das Einzige, was jetzt noch zu seiner Ehrenrettung beitragen konnte, war die Aufklärung dieses dummen Falles.
Er reckte sich und lockerte seine verspannte Nackenmuskulatur durch Überdehnen des Halses. Sein Blick wanderte hinauf in den jetzt stockdunklen Nachthimmel und er überlegte, was es als nächstes zu tun gab.
Er musste mit Chamuel sprechen, das war klar. Denn dieser Idiot hatte ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt und Spike würde sich kaum zurückhalten und ihm gehörig die Meinung sagen. Außerdem musste er herausfinden, wem dieser gelbe Panzer gehörte. Vielleicht war es völlig belanglos, aber seine Neugierde war geweckt.
Spike machte sich auf den Weg. Er würde sich jetzt in einen verdammten Anzug zwängen und diesen verfluchten Tanzabend auf den Kopf stellen. Sollte Buffy doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Er würde dieses elende Rätsel auch alleine lösen.
Musik drang durch die Nacht, als er sich den Bungalows näherte und er nickte hinterlistig grinsend. Sollte der Angestellte Recht haben und die Party würde sich über die Nacht hinziehen, dann hatte er genügend Zeit, den ein oder anderen Holzbungalow zu durchsuchen. Behände riss er die Tür auf, die ihn in sein eigenes Häuschen führen würde und stockte. Dort stand sie. Die Jägerin. Mitten im Raum, gekleidet wie eine Prinzessin.
Für einen kurzen Augenblick konnte er nicht mehr tun, als sie finster anzustarren und gerade als er im Begriff war, etwas Fieses zu sagen, sprach sie.
„Oh. Da bist du ja. Ich habe schon auf dich gewartet."
„Du hast auf mich gewartet?", völlig verdattert über ihren Ausspruch vergaß er
seine Wut. „Warum?"
„Weil der Tanzabend schon angefangen hat", erwiderte Buffy kopfschüttelnd. „Oder
glaubst du, ich ziehe mich immer so an?" Sie trug ein bodenlanges, bordeauxrotes
Abendkleid, dessen Oberteil mit funkelnden Steinchen versetzt war. Gehalten
wurde es von schmalen Spaghettiträgern, die ihr Dekollete besonders zur Geltung
brachten. Ihr Haar war kunstvoll hochgesteckt und auch dort blitzen vereinzelt
Steinchen im Licht. „Ich dachte schon, ich müsste dich suchen gehen", lachte
sie.
Spike, viel zu verwirrt, um zu reagieren, nickte nur. „Aber… Ich bin doch…"
„Beieil dich lieber", nickte Buffy. „Ich warte draußen auf dich." Sie lächelte
ihn an und verließ den Raum.
‚Was zur Hölle war jetzt das?’, überlegte Spike und für einen kurzen Moment hielt er das Geschehene für einen Tagtraum. ‚Wieso…? Warum…?’, doch dann schüttelte er den Kopf. Sie war wieder da, aber weshalb? Und warum tat sie so, als wäre nichts passiert?
„Ich werde es herausfinden", murmelte er in seinen nichtvorhandenen Bart und ging in sein Zimmer. „Und ich werde es ihr nicht so leicht machen, das alles zu erklären!"
Teil 9
„Wow", sagte Buffy, als Spike zwanzig Minuten später durch die Tür trat, und nahm ihm damit sofort den Wind aus den Segeln. Dabei hatte er sich schon üble Beschimpfungen und fiese Sprüche ausgedacht, die er ihr um die Ohren hatte werfen wollen.
„Sogar im Smoking", schmunzelte sie. „Ich hätte nie gedacht, dass dir das so gut stehen würde."
„Warum bist du weggegangen?", fragte er stattdessen. Spike konnte das alles einfach nicht mehr begreifen. Sie war weggerannt und jetzt spielte sie die Unschuld vom Lande. Sie tat so, als wäre nie etwas passiert und er begriff ihr Verhalten einfach nicht.
„Ich musste mich dringend um etwas kümmern", stieß sie etwas abgehackt hervor, dann drehte sie sich um und wählte den Weg zum Speisesaal. Sie konnte ihm kaum erklären, dass sie unbedingt erst mit Riley hatte sprechen müssen. Sie musste die Beziehung erst beenden, bevor sie etwas Neues…
Buffy seufzte innerlich und sackte ein kleines Stück in sich zusammen. Gab es überhaupt etwas Neues? Vielleicht war für den Vampir alles nur ein blödes Spiel gewesen und er hatte nur seine Langeweile auf diese Weise bekämpft. Sicher, er hatte ihr oft gesagt, dass er sie liebte, aber dieses Gefühl war vielleicht längst verflogen. Sie hatte ihn sooft ausgelacht und zurückgewiesen, dass er…
„Was jetzt?", riss Spike sie aus ihren wirren Gedanken. Sie war unmittelbar vor dem Saal stehengeblieben und hatte ins Leere gestarrt.
„Nichts. Ich habe nur… Wollen wir hineingehen?", fragte sie leise und warf einen Blick in den offenen, nun beinahe überfüllten Raum.
„Deswegen sind wir doch hier", knurrte Spike. Er verstand gar nichts mehr. Warum benahm sie sich so eigenartig? Was sollte das werden? Wollte sie einfach verdrängen, was am frühen Nachmittag geschehen war? Alles deutete darauf hin, aber er war sich nicht sicher, ob der die Angelegenheit einfach im Sande verlaufen lassen wollte. Sollte er es ihr so einfach machen? „Erst tanzen oder erst essen?", sagte er, als sie in den Saal traten. In seiner Stimme klang unterdrückte Wut mit, die auch die Jägerin bemerkte.
Sie blieb stehen und sah ihn an. „Ich wusste nicht, dass du wirklich tanzen willst", stammelte sie unsicher.
„Denkst du etwa, ich kann nicht tanzen?", schnaubte er wütend und ohne ein weiteres Wort führte er sie einfach auf die Tanzfläche, die extra für diesen Abend magisch vergrößert worden war. Seine Hand legte sich auf ihren Rücken und er zog sie näher an sich heran.
„Ob du das kannst, weiß ich nicht", stöhnte sie. „Aber das ist ein Tango und ich habe noch nie…"
Buffy kam nicht dazu weiter darüber nachzudenken, den Spike lenkte sie so geschickt durch die Menge, dass sie aufpassen musste, was ihre Füße gerade machten. Allerdings war der Vampir ein hervorragender Tänzer und so schaffte sie es verhältnismäßig schnell, sich dem Rhythmus anzupassen.
„Geht doch", brummte er und wirbelte sie herum. Er war weit davon entfernt, gute Laune zu haben und wenn er seiner Entrüstung schon keinen freien Lauf lassen konnte, so würde er sie eben ein wenig über die Tanzfläche jagen.
„Spike", ächzte Buffy. „Mir wird schwindelig. Können wir bitte… mir ist schlecht…" Die Musik verebbte und Buffy atmete erleichtert ein. „Tango ist nichts für mich", stellte sie fest und wedelte sich frische Luft zu.
„Dann versuchen wir eben den Walzer", nörgelte er und hatte sie bereits wieder im Griff, als die Musik wieder zu spielen begann.
„Spike", keuchte sie. „Können wir nicht eine kleine Pause einlegen?"
„Nein", erwiderte er grob und schob sie im 3/4-Takt über den glatten Boden.
„Warum bist du gegangen?", brachte er ein weiteres Mal hervor und blieb für
einen Moment stehen. „Ich dachte wirklich, dass … und dann bist du einfach
verschwunden."
‚Jetzt oder nie’, dachte Buffy nach einem Blick in seine Augen. Wut war darin zu erkennen, aber auch unterdrückte Liebe und vieles vieles mehr. „Ich musste erst mit Riley sprechen", flüsterte sie und spürte, wie er sich bei Nennung des Namens versteifte. „Ich musste ihm sagen, dass…dass…
„…dass was?", fragte er geradeheraus und blieb mitten auf der Tanzfläche stehen. Dass sie so die anderen tanzenden Paare störten, interessierte ihn kein bisschen. Er wollte eine Antwort, und das jetzt sofort.
„Das es vorbei ist. Das ich jemand anderen liebe", ihre Stimme war nur mehr ein heiseres Flüstern und sie versuchte ihren Kopf wegzudrehen, wurde aber von seiner Hand aufgehalten, die ihr Kinn packte und festhielt.
„Buffy?", fragte er ungläubig. Das konnte nicht das heißen, was er sich so sehnlichst wünschte, oder? „Bitte sag mir…"
Weiter kam er nicht. Buffy hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn durch einen Kuss gebremst. Noch immer fassungslos klammerte er sich an ihrem Rücken fest. „Was…", murmelte er und fühlte einen Finger, der beständig auf seine Schulter klopfte.
„Entschuldigung", lächelte Chamuel. „Aber ich habe hier…"
„Nicht jetzt", unterbrach Spike ihn biestig, wandte sich wieder Buffy zu und
wurde wieder unterbrochen.
„Entschuldigung, aber es ist wirklich wichtig. Mr. Giles hat mir…"
Spikes Gesicht verwandelte sich in eine Fratze und er fauchte böse, während er sich von Buffy löste. „Und ich habe gesagt… NICHT JETZT!"
Chamuel, doch etwas überrascht über das Gebaren des Vampirs, trat einige Schritte zurück. „Ähm… ich komme doch etwas ungelegen, wie ich bemerke", entschuldigte er sich und hob abwehrend die Arme. „Vielleicht sollte ich…"
„Schon gut", lachte Buffy und hielt Spike am Ärmel zurück. „Was gibt es denn?"
„Ähm…", sagte der Gastgeber mit unsicherem Blick auf Spike. „Ihr Wächter hat jetzt die gewünschten Auskünfte über Kristin Haversham zusammengetragen", meinte er und hielt dem Vampir einen Stapel Papiere unter die Nase. „Und ich wollte wirklich nicht… nicht gewusst, dass… Entschuldigung. Ich muss dann auch… gehen und überhaupt…"
Die Jägerin lachte leise, doch Spike was alles andere als amüsiert. Gerade jetzt, in diesem Augenblick, hatte er nicht unterbrochen werden wollen und er schluckte nur unter größter Mühe seine Wut herunter.
„Spike? Alles okay?", erkundigte sich Buffy besorgt. Sie hielt noch immer seine Hand und spürte das Zittern seiner angespannten Muskeln.
„Ja, bestens", knurrte er und verbannte seinen Dämon. Er überreichte Buffy den Papierstoß und seufzte lautlos. Der kurze, magische Moment war verflogen und es ärgerte ihn über alle Maßen, dass er ihn nicht hatte auskosten können. Vor allem kannte er die Jägerin nun schon etwas länger und es war nichts Außergewöhnliches, wenn sie ihre Meinung sofort wieder änderte.
„Das kann warten", lächelte Buffy, rollte die Papiere zusammen und stopfte sie in seine Innentasche. „Wie du ja weißt, vergeht die Zeit hier anders und da kommt es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht an. Sie nahm wieder seine Hand, legte sie zurück auf ihre Hüfte und blinzelte. „Wenn ich mich nicht irre, dann ist das ein Foxtrott", meinte sie, verschlagen der Musik lauschend. „Kannst du den auch tanzen?"
Nur sehr langsam schaffte es Spike, wieder auf ein normales Stressniveau einzupendeln. Alles war so unwirklich und nach diesem anstrengenden Tag war es schwer, das Gesagte zu verdauen und zu verarbeiten. Spike glitt in eine Art Tunnelblick und er sah nur noch ihr kleines schmales Gesicht, das sanft zu ihm aufschaute. Die Dämonen und Menschen im Hintergrund verblassten mehr und mehr und auch die Musik verschwand einfach. In diesem Moment existierte nur noch Buffy und er hielt sie eisern umklammert. War das alles ein Traum, aus dem er bald erwachen würde?
„Das Orchester macht eine Pause", sagte die Jägerin sanft, als die Musik verklang und Spike sie immer noch drehte und hin und herwiegte.
Es dauerte einen Moment, bis der Vampir überhaupt reagierte. „Oh", machte er und bemerkte verstört, dass nur noch Buffy und er auf der großen Tanzfläche standen. Die anderen Gäste hatten sich an die Tische verteilt oder stürmten das Buffet. Er lachte, denn scheinbar hatten alle Anwesenden beschlossen, sie einfach zu übersehen, niemand warf ihnen neugierige Blicke zu und er hörte auch kein Getuschel. ‚Was auch besser für den Einzelnen ist’, dachte er brummig und zog Buffy hinter sich her.
„Ich kann alleine laufen", schimpfte Buffy lachend und versuchte halbherzig, sich aus seinem Griff zu befreien. Dann prallte sie gegen ihn, da er einfach stehengeblieben war.
„Du glaubst doch nicht, dass ich dich jemals wieder loslasse", knurrte er, führte sie zu einem freien Tisch und winkte einen der Kellner heran, der eigentlich nur für die Getränke zuständig war. Einen kurzen Augenblick und einen bösen Blick später erklärte sich der arme Mann dazu bereit, eine gewisse Auswahl an Speisen an den Tisch zu bringen.
„Ich hoffe, du hast Hunger", sagte er leise und setzte sich auf einen Stuhl neben Buffy.
„Ehrlich gesagt, nein", gestand die Jägerin und wurde leicht rosa um die Ohren. „Ich bin doch etwas aufgeregt."
Der Vampir lächelte nur wissend, beugte dich dann vor und strich ihr federleicht über die Wange, während er sprach. „Du solltest aber essen", hauchte er in ihr Ohr. „Wenn wir erstmal aus dem Trouble hier heraus sind, dann hast du für eine lange Zeit keine ruhige Minute mehr."
Beinahe erleichtert nickte Buffy dem Kellner zu, der lautlos an den Tisch herangetreten war. Langsam wurde ihr doch etwas warm und wenn sie noch länger in Spikes blaue Augen gucken würde, dann…
Sie versuchte zu essen, doch wirklich etwas herunterbringen konnte sie nicht. Lustlos kaute sie auf ein paar Weintrauben herum und versuchte seinen Blicken auszuweichen. Denn jedes Mal, wenn es ihr nicht gelang, kribbelte ihr Magen noch ein kleines bisschen stärker und ihr Herz hämmerte wie wild.
Chamuel wagte sich ein weiteres Mal heran, doch er blieb sicherheitshalber einige Meter vor dem Tisch stehen und wartete praktisch auf Spikes Erlaubnis, die dieser nur sehr widerwillig gab. „Waren die Informationen hilfreich?", wandte er sich an die Jägerin, die daraufhin schamlos log und nickte.
„Genau das, was uns gefehlt hat. Jetzt können wir uns endlich Gedanken darum machen, wer ein Motiv gehabt hat, oder einen Groll gegen sie gehegt hat", sagte sie eifrig.
„Der Grakvaloth benimmt sich merkwürdig", warf Spike ein und deutete mit dem Kopf auf den Dämon, der sich hinter einer Säule versteckte. „Er stand auch auf der Liste der Neuankömmlinge, oder?"
„Das ist richtig", lächelte der Gastgeber und zuckte zurück, als er den Blick des Vampirs auffing.
„Da fällt mir gerade ein…", knurrte dieser böse. „Sie haben ganz zufällig vergessen uns zu erzählen, dass es verschiedene Welten in dieser verdammten Dimension gibt." Er sah Chamuel abschätzig an. „Gibt es dafür einen speziellen Grund oder war es reine Überheblichkeit?"
„Es gibt mehrere … was?", fragte Buffy ungläubig und sah Spike nicken. „Heißt das, dass hier noch viel mehr Dämonen herumlaufen?"
„Nun ja", gestand der Wächter pikiert. „Allerdings kann niemand diese Welt betreten oder verlassen, ohne dass ich dabei bin. Deswegen dachte ich, es wäre nicht wichtig für den Fall und so habe ich…"
„Solche Entscheidungen sollten Sie lieber uns überlassen", schnaufte Spike. „Wir entscheiden, was wichtig ist und was nicht! Außerdem will ich wissen, wie sicher diese Abschirmungen sind und wer oder was sie durchbrechen kann!"
„Niemand kann sie durchbrechen", versicherte Chamuel und nickte wichtig. „Es
ist schwer zu erklären, aber diese… sagen wir einmal Wände, reagieren nur auf
ihren Erschaffer. Jede dieser Welten hat einen anderen Wächter und sollte ein
Dämon seinen Aufenthaltsort wechseln wollen, so braucht er zwei Wächter, die die
jeweiligen Mauern öffnen."
„Und es gibt keine andere Möglichkeit?", fragte Spike gehässig. „Irgendeine Art
von Magie oder gewisse Fähigkeiten?"
„Nein", sagte Chamuel und schüttelte den Kopf. Er erhob sich und sah zerknautscht von Buffy zu Spike. „Es tut mir aufrichtig leid", entschuldigte er sich. „Aber da es ausgeschlossen ist, dass jemand außerhalb dieser Welt eingreifen konnte, hielt ich es nicht für angebracht, Sie aufzuklären."
„Gibt es sonst noch etwas, dass Sie für nicht angebracht hielten uns zu erzählen?", bohrte Spike weiter.
„Nein, bestimmt nicht", seufzte der Wächter schwer. Er blickte Buffy hilfesuchend an und zuckte fast unmerklich mit den Schultern. „Ich denke, ich lasse Sie jetzt wieder alleine. Die Pause der Kapelle ist gleich beendet und Sie wollen doch sicherlich den Abend genießen."
„Nein", erwiderte Buffy leise. „Ich denke, für heute haben wir genug gesehen und gehört", sagte sie und fühlte Spikes Hand, die er unter dem Tisch über die ihre legte. „Wir haben einiges zu besprechen und werden uns jetzt zurückziehen." Sie lächelte den bedrückt wirkenden Gastgeber an. „Sollten weitere Fragen auftauchen, so werden wir uns morgen melden."
Sie erhob sich und Spike tat es ihr gleich. „Danke für die Einladung", sagte sie und sah den Wächter aufmunternd an. „Ich muss ehrlich gestehen, ich habe nicht geglaubt, dass eine solche Welt wie die Ihre funktionieren würde. Dämonen und Menschen friedlich vereint… Aber ich habe mich geirrt."
Chamuel lächelte weise und sein Blick wanderte für einen kurzen Augenblick zu Spike. „Und ich war mir von Anfang an sicher, dass Sie beide genau die Richtigen für diese Aufgabe sind."
Die Verabschiedung war kurz und Buffy hatte kaum einen Fuß auf den Kiesweg gesetzt, als Spike sie auch schon hochhob.
„Spike", schimpfte sie kichernd. „Wir sind nicht frisch verheiratet und ich kann sehr wohl alleine laufen."
„Sicher ist sicher", brummte er leise und rannte beinahe.
„Sicher ist sicher?", wiederholte sie, weil sie nicht verstand, was er damit sagen wollte.
„Bevor du es dir wieder anders überlegst und verschwindest", sagte er unsicher. An der Bungalowtür angekommen drehte er sich herum und öffnete sie mit dem Ellbogen.
Buffy sprang von seinen Armen und griff nach seinen Händen. „Spike", sagte sie liebevoll. „Ich kann dir versichern, dass ich sehr genau weiß, was ich gerade will." Sie küsste ihn auf die Nasenspitze und zog ihn ins Innere des Hauses. „Ich will dich", murmelte sie leise und schob mit dem Fuß die Tür zu.
Teil10
Buffy lag bäuchlings auf dem Bett, das dicke Kissen stützend unter die Brust geklemmt und studierte Giles Bericht. Trotz dem Ernst des Themas musste sie schmunzeln, da sogar, ganz wie es für ihren Wächter üblich war, die Anmerkungen der Computerausdrucke Anmerkungen hatten.
„Recht verzwickte Familienverhältnisse, wenn du mich fragst", meinte sie zu Spike, der neben ihr auf dem Bett lag.
„Hm", machte der Vampir träge und malte mit der Fingerspitze unsichtbare Muster auf ihren Rücken. Eigentlich hatte er gerade ganz andere Sachen im Sinn, als den Mord an Kristin Haversham aufzuklären oder auch nur darüber nachzudenken. Zum Beispiel interessierte ihn die Frage brennend, was Buffy machen würde, wenn sie zurück nach Sunnydale mussten?
Sie hatte zwar den Pappsoldaten in die Wüste geschickt, aber bedeutete das automatisch, dass sie mit ihm zusammensein wollte? Würde sie ihren Freunden, ihrem Wächter und ihrer Mutter hiervon erzählen? Oder wäre er wieder nur das dumme Hündchen, das hinter ihr hertrottet?
„Hörst du mir überhaupt zu?", riss Buffy ihn aus seinen Gedanken. Sie drehte sich auf die Seite und blickte ihn fragend an.
„Ähm…also… nein, eher nicht", lachte er verschmitzt und lehnte sich vor, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Nasenspitze zu hauchen.
„Wenn das so weitergeht, kommen wir nie von hier weg", sagte sie halb verärgert, halb belustigt.
„Ich könnte es hier auch locker noch ein paar Wochen aushalten", murmelte er, räusperte sich dann und schälte sich aus dem Bett. Sie sollte die Unsicherheit in seinem Gesicht nicht sehen und so stand er auf und sah scheinbar interessiert aus dem Fenster.
„Aber das hilft uns nicht", tadelte sie leise. „Auch wenn es noch so schön hier ist. Über kurz oder lang müssen wir zurück und ich… will meine Mom nicht so lange alleine lassen." Sie setzte sich auf und zog die Bettdecke über ihre bloßen Beine.
„Buffy?", sagte er, sich umdrehend.
„Ja?", erwiderte sie und Spike verließ der Mut. Wollte er wirklich jetzt schon eine Antwort auf seine Fragen? Konnte er mit ihrer Antwort leben?
„Was schreibt Giles denn?", fragte er ausweichend und blickte wieder aus dem Fenster.
Etwas verwirrt schüttelte Buffy den Kopf. „Hm, also… er hat mir alles zusammengefasst, was er für wichtig erachtet. Der Bruder sitzt nach wie vor im Knast und scheint auch dort keine Probleme mit Drogennachschub zu haben. Liegt wahrscheinlich daran, dass er Geld genug hat", murrte sie böse. „Der Vater arbeitet wie ein Irrer und so wie es aussieht, hat er nicht mal die Zeit gefunden, bei der Beerdigung seiner Tochter aufzutauchen."
„Nett", brummte Spike. „Dem würde ich gerne mal ein paar Takte sagen."
Für einen flüchtigen Moment war Buffy versucht, ihn nach dem Warum zu fragen, dann überlegte sie es sich anders und wandte sich wieder ihren Zetteln zu. „Wirklich interessant ist wohl, dass die jüngere Schwester verschwunden ist. Sie war ebenfalls nicht auf der Beerdigung und soweit Giles und Willow herausgefunden haben, ist sie wohl schon ein paar Tage vor dem Tod der Schwester untergetaucht."
„Dann denke ich mal, wir haben die Schuldige schon", meinte Spike und setzte sich wieder auf das Bett.
„Na, ganz so einfach wird es wohl nicht sein, oder?", erwiderte Buffy. „Auch
wenn sie wohl die Einzige ist, die ein Motiv hatte. Giles hat mir noch Auszüge
aus einen Testament angestrichen, wonach Kristin die Haupterbin ihrer Mutter
gewesen ist. Elisabeth Haversham war eine geborene O`Ready, die wohl die Letzte
einer stinkreichen Familie aus Irland war." Sie zuckte mit den Schultern, als
sie die Summe des geschätzten Vermögens las. „Nicht schlecht", murmelte sie
leise. „So ein Kontostand würde mir auch gefallen", lachte sie, dann wurde sie
wieder ernst. „Die Frage ist, würde Shannon Haversham ihre Schwester wirklich
umbringen, um an das Vermögen zu gelangen? Immerhin hat die Familie Geld wie
Heu."
„Es sind schon Menschen für viel weniger Geld umgebracht worden", meinte Spike,
ließ sich auf den Rücken fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Da hast du wohl recht", murmelte Buffy, legte die Papiere beiseite und
lehnte sich an ihn. „Was ich viel interessanter finde, ist, dass sie auch
verschwunden ist. Wenn sie ihre Schwester getötet hat, um an das Geld zu kommen…
wo ist sie dann jetzt?" Ihre Hand strich sanft über seine Brust, während sie
überlegte. „Ich komme immer mit diesem blöden Zeitunterschied durcheinander",
sagte sie dann. „Wie lange ist Kristin Haversham jetzt tot?"
Doch Spike antwortete nicht. Er runzelte die Stirn und dachte nach. „Hast du den
Wisch von Chamuel noch? Den, auf dem die Anreisezeiten der Gäste stehen?"
„Sicher", erwiderte sie und stand auf, um ihn zu holen.
Spike sah ihr zu und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. An diesen Anblick könnte er sich gewöhnen und er verwarf den Gedanken, jetzt gleich eine Liste zu durchforsten. Die Jägerin nackt durch den Raum huschen zu sehen, brachte ihn auf ganz andere Ideen. „Kristin", murmelte er fast lautlos. „Du musst noch warten."
Er wackelte mit den Augenbrauen und als Buffy verwirrt „Was?" fragte, zog er sie an sich und nahm ihr flink das Papier aus der Hand. „Das hat Zeit", sagte er heiser und küsste sie stürmisch.
********
Die Sonne war angenehm warm und der laue Wind trug dazu bei, dass Spike sich pudelwohl fühlte. Diese Welt war für einen Vampir wie ihn geradezu geschaffen. Auf die Dauer wäre es wahrscheinlich furchtbar öde, aber für ein paar Wochen…
Behände sprang er die Stufen hinauf, die ihn in den Speisesaal führten und er griff sich den erstbesten Angestellten, den er erwischen konnte. Die Zeit für das Frühstück war längst um und bis zum Mittagessen würde es noch dauern, aber er wollte jetzt etwas zu essen für Buffy, die in die dünnen Bettdecken eingemummelt friedlich schlief.
Er lächelte, als er daran dachte, sie die ganze Nacht wach gehalten zu haben und er wusste, dass auch sie nichts dagegen einzuwenden gehabt hatte. Aber jetzt hatten die Anstrengungen ihren Tribut gefordert und er würde dafür sorgen, dass sie ordentlich versorgt war.
Er bestellte bei dem verwirrten Kellner einige Speisen und setzte sich an einen Tisch, um darauf zu warten. Es war der Tisch mit der großen Pflanze, hinter der sich der Grakvaloth versteckt hatte, als sie den ersten Abend hier gewesen waren. Er runzelte die Stirn, ein kleiner Gedanke flammte in seinem Kopf auf, doch er wurde von Chamuel unterbrochen, der in den Speisesaal trat und lächelnd auf ihn zukam.
„Hallo", sagte der Wächter mit seiner gewohnt sanften Stimme. „Kann ich etwas
für Sie tun oder…"
Spike ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Die Liste, die Sie uns gegeben haben…
die Zeitangaben darauf… sind sie in Erdstandardzeit oder in der Zeit dieser
Welt?"
Für einen Moment verzog Chamuel das Gesicht. „Ich glaube, nein… ich weiß, dass sie in dieser Zeitlinie berechnet ist. Einer meiner Angestellten hat sie zusammengefasst und da er schon seit Jahren hier in dieser Welt ist, würde er niemals auf die Idee kommen, sie in …"
„Scheiße", zischte der Vampir und sprang auf. Das veränderte alles, einfach alles! Warum zum Teufel hatte er nicht eher daran gedacht? ‚Diese verdammte Zeitverschiebung!’, dachte er und sein Gesichtsausdruck wurde grimmig. „Mitkommen", schnauzte er Chamuel an, griff nach dem Tablett, dass der Kellner gerade brachte und stürmte schon los.
„Aber warum…?", rief Chamuel und beeilte sich Schritt zuhalten. „Was ist denn…?"
„Hier warten", brummte Spike und schob sich durch die Tür des Bungalows.
„Aber was ist denn los?", rief der Wächter, doch er bekam keine Antwort und so zuckte er mit den Schultern und tat wie ihm geheißen.
Spike hingegen eilte durch das Zimmer, stellte das Tablett ab und ging dann
auf das Bett zu, in dem die Jägerin noch immer friedlich schlummerte. „Buffy",
sagte er leise und strich ihr mit der Hand die Haare aus dem Gesicht. „Du musst
aufwachen, Liebes."
Die Jägerin brummte leise vor sich hin. „Jetzt schon? Komm doch lieber mit
rein", schlug sie verschlafen vor und lüftete die Decke, ohne auch nur die Augen
zu öffnen.
Es war schwer, die Einladung auszuschlagen und Spike seufzte, als er sich auf das Bett setzte. „Ich wünschte, ich könnte. Aber es wichtig, dass du wach wirst", sagte er und streichelte ihren Rücken. „Wir müssen dringend mit Giles sprechen. Ich habe Chamuel mitgebracht, damit er ein Dimensionsfenster öffnet und…"
„Giles?", schnaufte sie erschrocken und öffnete die Augen. „Jetzt? So wie ich
aussehe? Das geht doch nicht…" Durch den Schock war sie hellwach und sie sah ihn
entsetzt an. „Aber warum…?"
„Ich erklär dir alles. Geh schnell duschen, ich lass die Grinsekatze von Wächter
rein."
Buffy wollte erst protestieren, doch dann nickte sie und verschwand im Badezimmer. Spike ließ Chamuel hinein, platzierte den verwirrten Mann auf dem Sofa und eilte dann der Jägerin hinterher.
„An allem ist nur Chamuel schuld", sagte er, als er sich neben die Dusche stellte.
„Ich versteh nur Bahnhof", murrte die Jägerin und ließ das Wasser den Rücken
herabrinnen. „Kannst du mir jetzt mal in Ruhe erklären, was hier eigentlich los
ist?" Sie gähnte herzhaft und griff nach dem Shampoo.
„Der Grakvaloth…kannst du dich erinnern? Ich habe ihn dir gezeigt, als wir das
erste Mal im Speisesaal waren." Spike ließ sich trotz der Eile nicht davon
abhalten, sie zu beobachten.
„Sicher. Er hat sich versteckt und du hast dich darüber gewundert."
„Richtig", nickte Spike. „Er steht auch auf der Liste der zuletzt angereisten
Gäste."
„Aber wir haben doch schon festgestellt, dass uns diese Liste nicht
weiterbringt", sagte Buffy und drehte das Wasser ab. „Kannst du mir ein Handtuch
reichen?"
Spike nickte und hielt es ihr hin. „Diese Liste ist sehr verwirrend", sagte er
mürrisch. „Irgendein bescheuerter Angestellter hat sie geschrieben und Chamuel
hat vergessen, uns zu erzählen, dass sie in *dieser Zeit* berechnet ist. Ich
habe draufgeschaut und der Grakvaloth ist genau sieben Wochen vor dem Mord
angereist."
„Aber das … das ist doch nur ein Tag in Sunnydale", überlegte Buffy und starrte ihn an. „Nur ein Tag!"
„Ja, eben", nickte Spike. „Verstehst du? Der Scheißdämon könnte für den Mord verantwortlich sein."
„Er könnte", sagte die Jägerin vage. „Aber es standen noch viel mehr darauf
und jetzt könnten alle… Warum haben wir nicht darüber nachgedacht? Wir hätten
fragen müssen, in welcher Zeitrechnung sie ist."
„Wir haben nun mal nicht daran gedacht", brummte Spike, der sich ebenfalls
darüber ärgerte. „Wir sind nicht daran gewöhnt, in verschiedenen Zeiten zu
leben."
„Aber warum denkst du, dass der Grakvaloth der Mörder ist? Wir müssten alle überprüfen und…"
„Nein", unterbrach Spike sie und sah dabei zu, wie sie ihr nasses Haar bürstete. Nur dieser verdammte Dämon verhält sich falsch. Ich habe dir doch gesagt, dass er einem stolzen und starken Geschlecht entspringt. Selbst wenn er keine Lust mehr hat, Menschen zu töten… er würde nicht sein ganzes verdammtes Verhalten verändern. Kein Grakvaloth würde sich jemals vor irgendwem verstecken! Deswegen muss ich mit Giles reden!"
„Was genau vermutest du denn?" erkundigte sich Buffy, während sie sich eins ihrer eigenen Kleider anzog. Sie mussten mit Giles sprechen, dass war klar. Aber irgendwie wollte sie ihrem Wächter nicht zeigen, was in dieser Welt wirklich vor sich ging. Warum das so war, wusste sie selbst nicht, aber ihrer Meinung nach musste er nicht wissen, dass sie wie eine Prinzessin behandelt wurde, der sämtliche Wünsche erfüllt wurden. Vielleicht war es einfach, weil es so gar nicht zu ihrer Rolle als Jägerin passte… vielleicht aber auch, weil sie sich eine Möglichkeit aufhalten wollte, noch einmal hierher zurückzukehren.
„Ich mag mich irren", gestand Spike, „aber ich glaub nicht, dass wir wirklich
einen Grakvaloth vor uns haben."
„Einen Gestaltwandler?", fragte sie verblüfft. „Du meinst wirklich, dass er sich
verstellen kann? Eine so lange Zeit?"
„Es wird schwer sein, aber es ist durchaus möglich. Und ganz oft ist er uns auch nicht gerade über den Weg gelaufen." Das Weinen der Frau fiel ihm ein, dass er im Gelände über dem Ressort gehört hatte und er nickte grimmig. War Shannon Haversham etwa auch hier irgendwo versteckt? Hatte sie einen Dämon mit dem Mord an ihrer Schwester beauftragt und saß jetzt in dieser Welt fest? „Ich gehe schon vor", sagte er zu Buffy und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Ich werde Chamuel erklären, was ich von ihm will."
An der Tür blieb er ein letztes Mal stehen und sah Buffy an, die gerade ein letztes Mal ihr Äußeres prüfte. Was, wenn er Recht hatte und sie den Fall heute noch lösten… Würde sie ihn in ihrem Leben haben wollen oder wäre alles vorbei, sobald diese Jagd ein Ende hatte? Er seufzte lautlos und ging ins Wohnzimmer, um den Wächter dieser Welt auf seine Aufgabe vorzubereiten.
Teil 11
Absolute Stille durchflutete den Bungalow. Die drei Anwesenden starrten auf das Dimensionstor, dass Chamuel in Windeseile erschaffen hatte. Giles, der in seiner Wohnung in Sunnydale die Augen weit aufgerissen hatte und nun irgendwo hin verschwunden war, um eines seiner unzähligen Bücher zu suchen, redete ununterbrochen. Für ihn war es früher Morgen und sie hatten ihn praktisch aus dem Bett geworfen.
„Spike?", fragte der Wächter in das von Chamuel geöffnete Fenster, das ähnlich dem eines Fernsehers war. Allerdings ohne Rahmen und die Außenränder wackelten in diffusem weißen Nebel.
„Was?", erwiderte Spike die Frage biestig. Er war schon wieder genervt. Das alles dauerte ihm viel zu lange und er hatte die Geschichte mit der weinenden Frau dreimal erzählen müssen. Warum zum Teufel musste der verknöcherte Engländer bloß immer alles so ausschweifend erklären und jedes winzige Detail zerkauen?
„Welche Farbe, sagten Sie, hatte der Panzer oder die Haut des Dämons?" Giles Kopf verschwand wieder und Spike verdrehte die Augen.
„Er war gelb! Wie oft habe ich das jetzt schon gesagt? Gelb! Einfach Gelb! Verdammt! Ich habe jetzt schon dutzend Mal erklärt, dass ich nur einen flüchtigen Blick darauf werfen konnte!"
„Aber es gibt verschiedene Arten von Gelb", erwiderte Giles und für einen flüchtigen Augenblick erschien sein Kopf erneut im Fenster.
„Mag ja sein", brummte Spike und stand auf. Es war noch nicht einmal Mittag und er verspürte schon wieder die Lust, sich volllaufen zu lassen. Er ging zur Bar, fischte ein Glas und eine Flasche heraus und goss sich ein. „Der Panzer, oder was auch immer, war gelb! Es wurde dunkel und ich hatte keine Zeit, das Ding näher zu betrachten. Ich würde es nicht wieder erkennen, selbst wenn es direkt vor mir stehen würde!"
„Giles", mischte sich nun Buffy ein. „Wie viele Dämonen gibt es denn, die die Gestalt verändern können? Das können doch nicht so viele sein."
Der Kopf des Wächters tauchte wieder auf und er sah seine Jägerin
eindringlich an. „Es ist kein Gestaltwandler", sagte er und rückte seine Brille
zurecht."
„Nicht? Aber ich dachte… was… was ist es dann?"
„Ich bin mir noch nicht ganz sicher", gestand Giles und räusperte sich.
„Allerdings hat Chamuel mehr als deutlich gemacht, dass er Gestaltwandler
durchschaut", erklärte er und nickte dem Erschaffer des Dimensionsfensters zu.
„Allerdings", nickte Chamuel. „Ein Dämon kann seine wahre Gestalt nicht so einfach vor mir verbergen. Dazu bedarf es mehr, als nur eine Formwandlung. Allerdings… also, es gibt schon Möglichkeiten mich zu täuschen. Aber ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte und ich…"
„Zur Hölle!", schimpfte Spike und verdrehte die Augen. „Die Frau ist tot, der Dämon ist noch hier." Er schüttelte den Kopf und blickte Chamuel verächtlich an. „Ihre verdammte Welt ist nun mal nicht ganz so gefahrlos und perfekt, wie Sie gedacht haben. Schwamm drüber", knurrte er. „Wir müssen jetzt nur eins wissen… was ist das für ein verdammter Dämon, wie finden wir ihn, wenn er noch mal seine Form ändert und wie zum Teufel können wir ihn killen?"
„Es tut mir so leid", murmelte Chamuel plötzlich und man konnte die
Bestürzung in seinem Gesicht sehen. „Ich war so hochmütig und… wie konnte ich
das nur übersehen? Wie konnte ich nur…"
„Sie konnten doch nichts dafür", sagte Buffy tröstend. „Ich an Ihrer Stelle
hätte auch nicht damit gerechnet, dass sich hier jemand einschleicht, um
jemanden umzubringen."
„Aber ich…", versuchte Chamuel noch einmal sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, wurde allerdings von Spike resolut ausgebremst."
„Vergiss es einfach! Wir erledigen das Mistvieh schon!"
„Also", räusperte sich Giles und blickte von einem zum anderen. „Ich habe da
vielleicht etwas gefunden."
„Was eine gute Sache ist", brummte Buffy, die sich langsam von Spikes
Genervtheit anstecken ließ. Es war noch nie eine ihrer Stärken gewesen,
zuzuhören oder gar selbst zu recherchieren. Sie war lieber für das Praktische
zuständig und das war wahrscheinlich auch gut so. „Also, was für ein Dämon ist
es?"
„Es ist kein Dämon", erklärte Giles und Buffy sah, wie er die Brille abnahm.
„Ihr habt es mit einem Gott zu tun. Einer uralten, längst in Vergessenheit
geratenen Gottheit."
Die endlos lange Erklärung, die daraufhin folgt, ließ Buffys Ohren qualmen und sie fasste zehn Minuten später das Gesagte zusammen: „Also ein Gott, der seine Kraft verloren hat, als er mit irgendeinem anderen Gott gekämpft hat, und jetzt nicht mehr ist als eine bloße leere Hülle."
„Ähm… grob überschlagen ja", erklärte Giles. „Salzza, Gott der Finsternis, hat gegen Nabaries, Gott der Sonne und des Lichts…"
„Haben wir verstanden", unterbrach Spike rüde. „Jetzt bin ich mal dran. Wenn
ich alles richtig verstanden habe, dann hat Shannon Haversham irgendeinen
Hokuspokus veranstaltet und Salzza angerufen. Richtig?"
„Ich vermute", sagte Giles, ein wenig eingeschnappt.
„Und was hat sie ihm angeboten? Er kann wohl schlecht Geld gebrauchen, wenn er selbst nicht mehr als ein… Nichts ist?", hakte Buffy nach.
„Da wird es kompliziert", erläuterte Giles. „Sie konnte ihm nur eins bieten.
Nämlich sich selbst."
„Versteh ich nicht", meinte Buffy verwirrt und drehte sich zu dem Vampir um.
„Ich schon", grinste Spike fies. „Salzza hat Shannon verarscht. Er hat
versprochen zu helfen, aber da er keine Kraft besaß, brauchte er ihre. Er hat
ihren Körper übernommen. Das erklärt einiges", nickte er dann. „Deswegen konnte
ich die verdammte Heulsuse nicht finden!"
„Alles gut und schön", meinte nun Buffy. „Aber wie bekommen wir Salzza wieder
aus ihrem Körper? Und wie töte ich ihn?"
„Tja", sagte Giles, und seine Stimme war nur leise zu vernehmen. „Das wird nicht möglich sein. Sollte es wirklich Shannon Haversham sein, die Salzza angerufen hat… so ist sie für immer verloren. Er wird ihren Körper, oder besser ihre Seele, nicht wieder hergeben, da es ihn zurück in seine nichtswürdige Form katapultieren würde. Davon mal ganz ab würde ich bezweifeln, dass sie überlebt… selbst wenn er sie freigeben würde. Shannon Haversham ist diese Verbindung freiwillig eingegangen, allerdings glaube ich nicht, dass sie wirklich wusste, was sie da macht."
Die Jägerin schluckte schwer. Sie war nicht dafür geschaffen Menschen zu töten, selbst wenn diese zu Mördern geworden waren. Sie seufzte, versuchte den Gedanken beiseite zu schieben und sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. „Aber wie schafft er es, ihren oder seinen Körper zu verändern?", fragte Buffy durcheinander. „Hat er seine Macht zurück? Als Gott müsste er doch stärker sein und er hätte diese Welt längst verlassen."
„Nein", meldete sich Giles wieder. „Er hat seine ganze Macht nicht entfalten können. Es war nur ein Mensch, der ihm Kraft gegeben hat und deswegen sitzt er nach wie vor fest. Shannon Haversham hat ihm lediglich die Möglichkeit gegeben, zurück auf die Erde zu kommen. Er braucht viel mehr Kraft, um seine ursprüngliche Form zurückzuerhalten."
„Was eigentlich vollkommen egal ist", brummte Spike und kippte den Rest seines Whiskeys in seinen Mund. „Wichtig ist nur, dass wir ihn aufhalten, bevor er die Gelegenheit bekommt, wieder ein Gott zu werden."
„Richtig", sagte Buffy und sprang auf. „Also, was machen wir jetzt?"
********
Die Lösung des Problems war mehr als einfach. Zumindest dem Plan nach. Da Salzza kaum Macht hatte, sollte Chamuel ihn mit einem Zauber bannen und Buffy sollte ihn erledigen. Es dauerte auch nicht wirklich lange, ihn aufzuspüren. Er hielt sich in seinem Bungalow auf und hatte kaum die Macht, sie zurückzuhalten, als sie zu dritt durch die Tür stürmten. Von da an wurde es allerdings kompliziert. Sowohl Chamuel, als auch Buffy hatten Schwierigkeiten, einen Menschen zu verletzen oder gar zu töten und Salzza nutzte diese Tatsache zu seinen Gunsten. Er veränderte seine Form und Shannon Haversham trat in den Vordergrund. Sie weinte und flehte die Eindringlinge an ihr zu helfen und zu befreien. Sie wäre eine Gefangene und könnte sich nicht aus eigener Kraft von Salzza befreien.
„Bisschen spät für Reue", brummte Spike, der hinter Buffy Stellung bezogen hatte. Ihn ließ das alles kalt. Es war nichts Außergewöhnliches für ihn, einen Menschen zu töten, aber er beobachtete Buffy sehr genau.
„Ich wollte das nicht", weinte Shannon. „Niemals. Ich wollte…"
„… nur meine Schwester loswerden, um an noch mehr Kohle zu kommen", führte der
Vampir den Satz verächtlich weiter. „Das ist dir ja auch gelungen."
„Ihr versteht das nicht", schluchzte sie wieder. „Mein Vater ist ein Monster,
ein …"
„Es ist egal, was er ist", unterbrach Buffy sie, während ihr eigener Vater kurz
durch ihre Gedanken jagte. „Es entschuldigt keinen Mord." Die Jägerin sah
unsicher zu Spike. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte nicht einmal
eine Waffe und sie konnte doch nicht einfach auf Shannon losstürmen und
zuschlagen. Auch wenn sie kein Mensch mehr war, sie sah wie einer aus und Buffys
Mitgefühl machte es ihr unmöglich, sich zu konzentrieren.
„Was machen wir jetzt?", fragte Chamuel leise. Er war ein sehr mächtiger Magier, aber zugleich auch ein Pazifist. Er war nicht dafür geschaffen, Dämonen oder gar Menschen zu vernichten und alles in ihm sträubte sich gegen diese Aufgabe. Er hatte sein Leben dem Schutz aller Lebewesen gewidmet und wehrte sich gegen die ihm zufallende Aufgabe.
Salzzas fieses Lachen dröhnte durch den Raum und sein Gesicht verband sich
mit dem von Shannon Haversham. „Ihr seid unfähig", kreischte er wild, schüttelte
Chamuels Bann ab und stürmte auf den verdutzt blickenden Wächter zu. „Es gibt
keinen Grund mehr, mich zu verstecken! Ich werde euch töten und eure Seelen zu
meinen machen! Sie werden mich stärken und mächtiger machen!"
„Da gibt es aber ein Problem", zischte Spike und hechtete auf ihn zu. „Ich habe
keine Seele!" Er rammte Salzza sein rechtes Bein in die Magengrube und drängte
ihn zurück.
Aber wieder spielte das Monster ein falsches Spiel. Es war Shannon Haversham, die schrie, stürzte und erneut um ihr Leben flehte.
„Spike!", rief Buffy erschrocken, als er die Frau am Kragen packte und hochriss.
„Buffy", sagte er sanft. „Es gibt keine andere Möglichkeit und ihr Beide könnt es nicht tun." Er verzog kurz das Gesicht, dann verwandelte es sich in eine Fratze und mit nur einer fließenden Bewegung brach er Shannon Haversham das Genick.
„Oh, mein Gott", stöhnte Buffy, als er den leblosen Körper einfach fallen ließ und sie hatte Schwierigkeiten ihn anzusehen. „Ich… ich…kann nicht", stammelte sie und rannte aus dem Bungalow.
„Aber…", rief Spike ihr hinterher. Damit hatte er nicht gerechnet. Eher damit, dass sie dankbar war, dass er die elendige Aufgabe erledigt hatte.
Chamuel räusperte sich und sein Gesicht war äußerst blass. „Was mache ich jetzt… mit ihr oder ihm?"
„Das, was Giles gesagt hat", knurrte der Vampir mit zusammengepressten Zähnen. „Die Beschwörungsformel aufsagen und den Körper verbrennen."
„Aber…aber…aber ich kann doch nicht", stotterte Chamuel.
„Meine Aufgabe ist erledigt", brummte Spike unwirsch und verließ ebenfalls den
Bungalow. Vor der Tür blieb er stehen, kramte seine Zigaretten heraus und
überlegte, ob er Buffy nachlaufen sollte. Warum war sie überhaupt weggelaufen?
Es war doch klar, dass es über kurz oder lang zu diesem Ergebnis kommen würde.
Nachdenklich blies er den Rauch in die Luft und stockte. War sie verschwunden,
weil sie ihn nach den lauen Tagen hier wieder als das gesehen hatte, was er war?
Ein Killer, dem es nichts ausmacht zu töten? Er schluckte schwer. Wenn er mit
seiner Annahme recht hatte, dann war schon zu Ende, was gerade erst begonnen
hatte. Buffy würde all ihre alten Zweifel und Vorbehalte wieder hervorholen und
die vergangene Nacht wäre nicht mehr als bloße Erinnerung. Er seufzte, schnippte
den Zigarettenstummel in die Luft und machte sich auf den Weg zu ihrem Bungalow.
Buffy war bestimmt schon dabei, ihre Sachen zusammenzusuchen, damit sie
schleunigst von hier verschwinden konnte. Und er wusste nicht einmal, ob er es
ihr verübeln konnte.
**********
„Wo bist du solange gewesen?" Spike betonte das Wort „so" besonders und sah Buffy entgegen, die mit hängenden Schultern auf ihn kam. Er saß vor dem Bungalow auf einem Findling und rauchte die mittlerweile zehnte Zigarette. Der Abend kam langsam näher und Buffy war wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Allerdings hatte er auch nicht wirklich versucht, sie zu finden. Sie hatte sich nicht grundlos versteckt und eben diesen Grund wollte er vielleicht gar nicht hören.
„Ich musste allein sein… nachdenken und verarbeiten, was ich gesehen habe", sagte sie leise und sah ihn an. Dann seufzte sie laut und atmete tief ein. „Ich weiß, dass sie kein Mensch mehr war, aber das macht die Sache nicht einfacher." Sie verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern.
Der Vampir antwortete nicht, er verzog keine Miene und wartete auf das, was sie ihm sonst noch zu sagen hatte. Seine Sachen waren bereits gepackt und warteten hinter der Eingangstür auf ihn, da er sich ziemlich sicher war, gleich die Abfuhr seines Lebens zu bekommen.
„Danke", sagte Buffy und Spike hob verwundert die Augenbrauen. Was war jetzt das? Hatte er etwas nicht mitbekommen?
„Wofür sagst du danke?", erkundigte er sich erstaunt. Wo waren die Vorwürfe? Wann kam das... Spike! Du bist ein Schwein?
„Dafür, dass du mir das abgenommen hast", sagte sie sanft und nahm seine Hand. „Ich hätte das niemals…niemals alleine hinbekommen."
„Du bist nicht sauer?", versicherte er sich und trat die Kippe in den Sand.
„Nein", erwiderte sie und stellte sich direkt vor ihn. „Es war nur… sie sah aus wie ein Mensch und ich konnte es nicht… Und ich dachte, du wärst böse auf mich."
„Ich habe nicht verstanden, warum du weggelaufen bist. Ich dachte, es wäre wegen mir. Weil ich sie getötet habe." Was passierte hier gerade? Kam das dicke Ende noch? Oder war er gar eingeschlafen und träumte das alles nur?
„Ich glaube, es ist einfach zu viel passiert in der letzten Zeit."
„Möglich", brummte Spike. „Ich habe meine Sachen schon gepackt", sagte er und deutete mit der freien Hand auf die Tür. „Wir können also bald zurück." Er beobachtete sie genau, sah das Zucken ihres Mundwinkels und den verschlagenen Ausdruck, der sich in ihre Augen schlich.
„Einen Tag", flüsterte sie. „Sie werden uns diesen einen Tag nicht vermissen! Sogar Giles würde ihn uns zugestehen. Immerhin kennt er den Zeitunterschied nicht." Buffy biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. So einen entsetzen, verwirrten Gesichtsausdruck hatte sie bei ihm noch nie gesehen.
„Du meinst", sagte er und zog sie an sich. „Wir bleiben noch eine ganze Woche hier?" Er hob eine Augenbraue und legte den Kopf auf die Seite. „Eine ganze Woche? Nur wir beide?"
„Allerdings", lachte sie und küsste ihn stürmisch. „So eine Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen!"
„Da hast du allerdings recht", sagte er, hob sie in seine Arme und stürmte durch die Tür. „Aber glaub nicht, dass du den Strand noch einmal siehst! Den Rest der Zeit verbringst du da, wo ich dich haben will! In meinem Bett!"
Ende