Autor: Nightsky
Titel: Hüterin der Träume
Inhalt: Der Anfang...Josephine erfährt, was ihre Bestimmung ist... oder war alles nur ein Traum?
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Disclaimer: Meins, meins, alles meins :D
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Josephine Daria Estrelle de Aja, Phoebe
A/N: Teil eins meiner Traum-Reihe. Zum Geburtstag von zwei Menschen, die ich kennen lernen durfte und die mir sehr viel bedeuten.
Beta: Buffy_Angel

 

Die Hüterin der Träume

Zufrieden, aber erschöpft kam Josephine nach Hause. Stundenlang war sie mit ihren Freunden und Kommilitonen durch die Stadt gelaufen, hatte einen Laden nach dem anderen besucht, sich umgeschaut und verschiedene Sachen gekauft. Sie hatte sich zwar vorgenommen, nicht zuviel Geld auszugeben, aber wie das so mit den guten Vorsätzen war…

Josephine hatte sie über den Haufen geworfen. Etliches war dazu gekommen, bei dem sie sich wirklich fragte, warum sie es gekauft hatte.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, lehnte sie sich mit den Rücken dagegen. Egal wie schlecht ihr Gewissen jetzt auch sein sollte, sie fühlte sich einfach nur glücklich. Es war wirklich Zeit gewesen, mal wieder raus zu kommen. Die letzten Wochen hatte sie mit lernen verbracht. Doch die letzten Prüfungen waren geschrieben und jetzt hieß es freie Zeit und die musste doch genutzt werden.

Mit frischem Elan stieß sie sich von der Tür ab, ging in ihr kleines Zimmer und stellte dort ihre Einkaufsbeutel auf den Tisch. Zurück im Flur zog sie erstmal ihre Schuhe und Mantel aus, bevor sie wieder ins Zimmer ging. Ihr zweiter Weg führte sie zu ihrem Computer, den sie auch sofort anschaltete, denn was passte besser als Musik, wenn man seine neuen Errungenschaften von neuem betrachtete? Als der Computer muntere Klänge von sich gab, wandte Josephine ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Tüten zu.

Mit im Takt schwingenden Hüften und einigen Drehungen machte sie sich daran, jedes einzelne Stück heraus zu holen, noch einmal zu betrachten und es dann an den dafür vorgesehenen Platz zu packen. Während sie dies tat, zauberte sie einige neue Oberteile hervor. Alle waren in den Farben schwarz, weiß und rot. Sie hatte einen Narren an solchen Sachen gefressen. Sie trug die Farben, weil sie ihr standen und nicht aus Überzeugung, wie sie ihren Mitmenschen immer lachend erzählte.

Nachdem die neuen Sachen alle im Schrank hingen, machte sie sich daran, den kleinen Schnickschnack aus den Verpackungen zu holen. Sie hatte verschiedene Schmuckstücke gekauft. Ohrstecker in Form von weißen Lilien, weißen Rosen, Sterne und Monde. An einem anderen Stand hatte sie ein Bettelarmband erstanden, an dem eine Mondsichel, ein Stern und eine Sonne hing. Auch eine Kette gehörte zu ihren Eroberungen. Es war eine ganz einfache Silberkette ohne Anhänger. Bis jetzt wusste sie noch nicht, was sie an dieser Kette tragen wolle. Doch das änderte sich, sobald sie entdeckte, was sich in dem seltsamen dunkelblauen Samtbeutel befand.

Auf dem Weg nach Hause hatte sie wieder einen ihrer üblichen Abkürzungen genommen. Normalerweise waren diese Gassen verlassen und Josephine ging sie nur, wenn es noch hell war, aber heute hatte sie sich um die Dunkelheit nicht geschert und war den dunklen Wegen nach Hause gefolgt. Und genau heute war eine der Gassen nicht verlassen gewesen.

(Dort) hatte ein reges Treiben geherrscht. Verschiedene Stände hatten an den Hauswänden gestanden und die Menschen, die sich dort umgeschaut hatten, hatten Kleidung getragen, die Josephine nur dem Mittelalter zuordnen konnte. Sie hatte sich fehl am Platz gefühlt und war schneller gelaufen, um niemandem aufzufallen oder gar zu stören. Doch eine Frau hatte sie entdeckt und angesprochen.

Die Frau hatte ein langes nachtblaues Kleid aus Samt getragen und auch wenn ihr Kleid wertvoller gewesen war als die Baumwollkleider aller anderen, so hatte sie dorthin gepasst. Sie war jung gewesen, vielleicht vier oder fünf Jahre älter als Josephine selbst. Ihre nachtschwarzen Haare waren in sanften Wellen ihren Rücken hinuntergeflossen. Trotz des blauen Kleides und der schwarzen Haare hatte sie keines falls blass gewirkt. In ihren Augen, in ihrem ganzen Gesicht hatte man ihre Lebendfreude gesehen und sie hatte wie ein dunkler – aber nicht Unheil bringender – Engel gewirkt. Einfach nur wunderschön.

„Verzeih mir, meine Unverfrorenheit", hatte sie Josephine angesprochen, „doch du siehst müde aus, mein Kind." Es war eigenartig gewesen, als die Frau sie ‚mein Kind‘ genannt hatte, immerhin schien sie nicht viel älter als zwanzig Jahre zu sein. Josephine hatte sie nur anstarren können. Die junge Frau hatte gelächelt und sich dann dem Tisch, der hinter ihr gestanden hatte, zugedreht. Kurz darauf hatte sie zwei Beutel aus dunkelblauem und schwarzem Samt in den Händen gehalten. Wobei der schwarze Samtbeutel mindestens viermal größer gewesen war als der dunkelblaue.

Josephine hatte sie argwöhnisch angeschaut, doch die Frau hatte nur weiter gelächelt. „Der Tee in dem schwarzen Beutel wird dir helfen, wenn du nicht schlafen kannst. Benutze ihn nur, wenn es sein muss. Seine Wirkung ist stark und seine Zusätze selten. Man findet sie kaum noch und in deiner Zeit fast gar nicht mehr. Der Inhalt des anderen Beutels wird dir Glück bringen und dich durch deine Träume begleiten. Trage ihn, wann immer du den Drang danach verspürst. Er wird dich beschützen, egal in welcher Situation, egal in welcher Zeit."

Mit diesen Worten hatte sie sich umgedreht und war in der Menschenmenge verschwunden. Josephine hatte sich nicht mal bedanken können, geschweige den die zwei Beutel bezahlen können. Sie hatte schon Anstalten gemacht, die beiden Beutel wieder auf den Tisch zu legen, als die ältere Frau dahinter meinte, sie solle das, was man ihr schenkte nicht einfach undankbar irgendwo vergessen. Daraufhin hatte Josephine schließlich die beiden Beutel eingesteckt und war nach Hause gekommen.

Nachdem sie nun auch die Schmuckstücke, die sie in den verschiedenen Läden erstanden hatte, in ihre Schmuckschatulle gelegt hatte, wandte sie sich den geheimnisvollen Samtbeuteln zu. In dem schwarzen, so wusste sie, sollte sich Tee befinden. Vorsichtig zog sie die Kordel auf, mit der der Beutel verschnürt war auf. Sie wollte nichts von dem Tee verschütten. Sobald sie den Beutel geöffnet hatte, kam ihr auch schon ein angenehmer Geruch entgegen. Sie liebte Tee und so erkante sie sofort Lemongras, Rooibos und Limette.

Vorsichtig zog sie den Beutel wieder zu und brachte ihn in die Küche. Sie wollte den Tee nicht aus dem Beutel nehmen, aber ihn wenigstens samt Beutel in eine andere Dose legen. Zurück aus der Küche nahm sie den dunkelblauen Beutel in die Hand und befühlte ihn, bevor sie vorsichtig die Kordel aufzog. Sie hatte etwas Hartes gespürt und rechnete mit einem Anhänger aus einem Edelstein oder ein Amulett. Was sie schließlich aus dem Beutel holte, erstaunte sie dann doch.

 

Es war ein Anhänger, wie sie schon erwartet hatte, aber er bestand keineswegs aus einem Amethyst, Bernstein oder einem anderen ihr bekannten Stein. Sie konnte auch nicht sagen, ob er aus Bergkristall oder aus einfachem Glas bestand. Selbst wenn er aus Glas bestehen sollte, so wusste sie, dass der Anhänger in der Zeit des Mittelalters eine Menge wert gewesen war. In den Anhänger waren eine Mondsichel und fünf Sterne eingraviert. Die Mondsichel hatte ein freundliches Gesicht und ein Lächeln wie die Monde aus Kinderbüchern. Die Sterne schwebten vor ihr, als würde die Sichel die Sterne hüten. Vorsichtig drehte sie den Anhänger in ihren Händen.

Der Anhänger hatte keine Kette und Josephine fiel die silberne Kette ein, die sie sich heute gekauft hatte. Sie holte diese aus ihrer Schmuckschatulle und fädelte sie durch das Metallstück, das extra dafür am Anhänger befestigt war. Sobald der Anhänger an der Kette hing, legte sie diese um ihren Hals. Sie betrachtete das Schmuckstück um ihren Hals noch ein wenig, dann machte sie sich daran, alle Beutel, die sie heute erstanden hatte, zusammenzulegen und wegräumte.

Eine Stunde später hatte Josephine sich endlich umgezogen und machte es sich in ihrem Bett bequem. Der lange Tag mit ihren Freundinnen war anstrengend gewesen und der Prüfungsstress der vergangenen Tage hatte auch seine Spuren hinterlassen. Sie schaffte es nicht einmal, noch ein paar Seiten in ihrem Buch zu lesen, sondern legte sich hin, schaltete das Licht aus und schlief innerhalb weniger Minuten ein.

 

                                                                                 ~*~*~*~*~*~

Der Wald lag in Dunkelheit. Nicht einmal der Mond schaffte es, durch das dichte Blätterwerk den Boden in ein wenig Licht erstrahlen zu lassen. Ein Uhu rief in der Ferne. Hier und dort knackte ein Ast und verschiedene Nachttiere liefen auf der Suche nach Nahrung durch den Wald.

Die Nacht war lauwarm und ein sanfter Wind wehte durch die Bäume, ließ die Blätter rascheln.

Josephine setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, doch auch wenn sie nichts sah, so war sie sich sicher, wo sie hintrat, denn sie verspürte keine Angst zu stolpern oder gar zu fallen. Schritt für Schritt gelangte sie immer tiefer in den Wald. Irgendwoher wusste sie, welche Richtung sie einschlagen musste und auch welches Ziel sie hatte. Ihr Ziel war das Zentrum des Waldes.

Sie wusste nicht, wie lange sie durch den Wald gelaufen war, doch irgendwann war ein leichtes Licht zu sehen – ein schwaches Leuchten in der Dunkelheit. Je näher Josephine dem Licht kam, umso klarer wurde es, bis sie den Lichtkreis erkennen konnte. Das einzige Mondlicht, das es durch das Blätterdach schaffte. Im Lichtkreis war ein kleines Lagerfeuer, umrundet von einigen Baumstämmen. Auf einem der Stämme saß eine Frau, die wie gebannt auf das Feuer starrte. Es schien, als ob sie darin irgendwas suchen, etwas sehen würde.

Josephine trat auf einen kleinen Ast, der auch sofort knackend zerbrach. Die Frau am Feuer hob ihren Kopf und schaute Josephine an. Diese erstarrte fast, denn die Frau am Feuer sah ihr so ähnlich, als wäre sie ihr Zwilling. Sie hatte ein schmales Gesicht, welches von dem langen, gewellten und braunen Haar umspielt wurde. Ihre Augen schienen in der Nacht schwarz und das Feuer spiegelte sich in ihnen wieder. Sie trug ein dunkelblaues Gewand, welches vereinzelt mit Symbolen und Ranken mit Blüten verziert war. Langsam erhob die Frau sich und kam um das Feuer herum.

„Komm, Josephine", sprach die Frau und hielt ihr eine Hand hin. „Setzt dich zu mir ans Feuer." Josephine nahm die ihr angebotene Hand und ließ sich von der Frau zum Feuer ziehen. Sie wusste nicht wieso, aber sie vertraute dieser Frau. Als sie sich neben ihr niederließ, fiel Josephine zum ersten Mal auf, dass sie selber ein hellblaues Kleid trug, das bis auf den Boden fiel. Ihre Ärmel waren weit geschnitten und lang. Die Frau sah sie eine Weile schweigend an, bevor sie wieder ins Feuer starrte.

Josephine folgte ihrem Blick, schaute ebenfalls ins Feuer und erschrak. Im Feuer bewegte sie etwas, das wie Vögel aussahen. Sie schaute kurz zu der Frau neben ihr und entdeckte auf ihrem Gesicht ein Lächeln. „Phönixe", meinte die Frau neben ihr. „Magische Tiere. Wenn ihr Lebensende naht, gehen sie in Flammen auf und erstehen aus der Asche wieder auf. Sie sind meine Lieblingsvögel. Sie zeigen uns, dass das Leben endet und doch weiter geht."

„Wer bist du?", schaffte Josephine endlich zu fragen. „Ich bin wie ein Phönix. Unsterblich und doch wieder nicht. Ich habe so viele verschiedene Namen. Den, den ich am liebsten habe, ist Hikari. Es ist japanisch und bedeutet Licht. Ein anderer schöner Name, den man mir gab, lautet Phoebe. Ich liebe beide Namen, such dir aus, welchen du benutzen willst. Ich bin eine Hüterin der Träume und du bist einer meiner Schützlinge. Die Kette, die du um den Hals trägst, ist, wie du dir sicherlich denken kannst, eine Amulett; das Amulett der Träume, das dich beschützen soll. Es ist auch ein Wegweiser durch all deine Träume."

Josephine nahm den Anhänger in ihre Hände und betrachtete ihn noch einmal. Etwas war eigenartig. Sie war doch gerade noch bei sich zu Hause gewesen und hatte sich in ihr Bett gelegt, um zu schlafen. Und nun war sie hier. Was sollte das? Verwirrt schaute sie von ihrem Anhänger zu Phoebe. Phoebe lächelte sie nur an.

„Ich weiß, wann und wo du die Kette erhalten hast, Josephine." Das verwirrte sie nun noch mehr. „Du wurdest auserwählt und bist eine von circa zwei dutzend Traumwanderern in dieser Stadt. Auf der Welt gibt es noch einige tausend mehr."

„Was sind Traumwanderer?", fragte Josephine. „Und vor allem, was machen sie?"

„Wie der Name schon sagt, reist ihr durch Träume. Doch für euch sind es nicht nur Träume. Die Träume werden zum Teil Realität. Das, was du träumst, kann sich auf deine physische Welt übertragen wie Schmerzen oder Wunden, aber auch Gefühle wie Glück, Freude und Trauer. Traumwanderer reisen durch Träume, um in ihnen aktiv mitzuwirken und nicht passiv zu agieren, wie andere Menschen in ihren Träumen."

„Und was sind das für Träume?"

„Es sind verschiedene. Traumwanderer reisen nicht nur durch ihre eigene, sondern auch durch die Träume anderer. Themen wie Liebe, Krieg, Freundschaft, Trauer sind Bestandteil in jedem Traum und jeder Traum birgt Gefahren. Denn sie sind, im Gegensatz zu der Annahme der Menschen, nicht alle ungefährlich. Wenn es die Traumwanderer nicht gäbe, würden viele Menschen in ihren Träumen gefangen bleiben und nicht mehr aufwachen. Die Aufgabe der Traumwanderer ist es, in die Träume, in denen Gefahren verborgen sind, einzudringen und den Menschen, der Urheber des Traumes ist, zu retten. Während du als Traumwanderer seine aktive Stelle übernimmt, bleibt er ein passiver Akteur, was ihm garantiert, dass er am Morgen wieder aufwacht."

„Und was ist mit mir? Kann mir dabei etwas passieren?"

„Wie gesagt, vieles kann sich auf deine physische Welt übertragen, aber dennoch brauchst du keine Angst zu haben. Der Anhänger schützt dich in deiner aktiven Rolle. Er kann zwar nicht alles von deinem Körper fernhalten, aber er beschützt dich davor zu sterben oder andere lebensbedrohliche Verletzungen zu erhalten. Vorher holt er dich aus dem Traum, den du gerade besuchst, heraus."

Josephine sah sie erschrocken an. „Und was passiert dann mit dem, der den Traum wirklich träumt?"

„Auch er wird aus seinem Traum gerissen. So dass weder dir noch ihm etwas passiert. So was nennt man im Allgemeinen dann Alptraum."

„Aber wenn die Menschen aus Alpträumen erwachen, warum braucht man dann die Traumwanderer?"

„Weil nur die Traumwanderer das Amulett der Träume tragen können. Ihre Anzahl ist begrenzt und würde ein normaler Mensch in seinem Alptraum sterben und nicht der Traumwanderer, der ja den Schutz des Amuletts hat, würde der Mensch entweder wirklich sterben oder in einen ewigen Schlaf fallen, aus dem er nie wieder erwacht. Wenn das Amulett dich aus einem Traum rausholt, so wird er auch den Urheber erwachen lassen. Die Kraft des Amuletts ist dann so stark, dass sie jeden, der in diesem Traum ist, ob aktiv oder passiv, den Traum verlässt."

„Und warum ausgerechnet ich?"

„Weil du zu denen gehörst, die die Phönixe im Feuer sehen", meinte Phoebe und zeigte ins Feuer. Sie hatte Recht, denn Josephine sah noch immer die jungen Phönixe im Feuer sitzen und spielen. Sie fühlten sich wohl darin. „Du gehörst zu den wenigen Menschen, die psychisch und physisch stark genug sind, Traumwanderer zu sein und die ein wenig Magie in sich haben."

„Magie?", fragte Josephine erstaunt.

„Ja, Magie", wiederholte Phoebe sanft. „Ich weiß, die Menschen glauben nicht an Magie, aber sie existiert. Wissenschaftler haben sie teilweise in ihren Naturwissenschaften erklärt oder es zumindest versucht. Aber dass da die Magie wirkt, glauben sie nicht. Doch die Magie ist überall und in jedem und die wenigen, die sie benutzen können, bekommen eine bestimmte Aufgabe. So wie du." Phoebe schwieg, damit Josephine einen Augenblick nachdenken konnte.

„Wer war die Frau, die mir den Anhänger gegeben hat?"

„Ihr Name ist Finn. Sie wandert durch Träume auf der Suche nach Menschen wie dir. Sie kann in den Träumen nicht so aktiv werden wie du als Traumwanderer. Sie durchstreift die Träume der Menschen und sucht in deren Unterbewusstsein nach der Magiesignatur, die jeder hat. Und wenn sie stark genug ausgeprägt ist, übergibt sie diesen Menschen den Anhänger. Sie hat dich in der Gasse für einen Moment in einen Traum gezogen und hat dir den Beutel mit dem Anhänger gegeben. Für dich hat es einige Minuten gedauert, aber an sich waren es nur wenige Sekunden, in denen dein Körper normal funktioniert hat. Sie gab dir den Anhänger, weil sie wusste, dass du ein Traumwanderer bist."

„Aber sie hat mir zwei Beutel gegeben", sagte Josephine. „Was ist mit dem Tee in dem zweiten Beutel?"

Phoebe sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Sie hat dir einen Beutel mit Tee gegeben? War der Beutel aus schwarzem Samt?" Josephine nickte, worauf sich Phoebes Gesichtszüge wieder erhellte. „Dann gehörst du zu den ganz wenigen Traumwanderern, denen die Fähigkeit zusteht, Dinge aus ihrem Traum mit in ihre Welt zu nehmen. Das was du in deinen Träumen erlernst, wirst du auch in dieser Welt können."

„Aber wozu dann der Tee?"

„Diesen Tee erhalten nur die Traumkrieger. Eure Rolle ist so wichtig, wie sie gefährlich ist. Manchmal passiert es, dass das, was die Krieger erleben, auch das alltägliche Leben beeinflusst. Dazu ist der Tee da. Er hilft, wenn ihr Angst habt, in einen weiteren Traum zu gehen, oder wenn ihr nicht schlafen könnt. Eure Rolle ist so wichtig, dass man auf euch in den Träumen nicht verzichten kann. Der Tee hilft aber auch, unerwünschte Fähigkeiten oder Eigenschaften, die ihr mit aus dem Traum in die reale Welt nimmt, wieder los zu werden.

„Der Tee ist also dazu notwenig, die Traumwelten von der realen Welt zu trennen."

„Genau."

„Was kann man für Fähigkeiten oder Eigenschaften aus einem Traum mit in die reale Welt mitnehmen?"

„Es gibt verschiedene. Zum einen, wenn du in einem Traum etwas lernst, wie verschiedene Sportarten oder auch Sprachen – auch wenn viele Sprachen in der realen Welt keinen Sinn ergeben. Aber euch ist es manchmal auch vergönnt, ein wenig Magie mitzunehmen und sie dann anwenden zu können. Diese Kräfte sind dann zwar nur minimal, aber sie sind da. Und was die Eigenschaften angeht. Ihr habt ja auch schöne Träume von Erlebnissen, die andere Menschen hatten. Selbst wenn es nur ein Tag am Strand ist. Einen Sonnenbrand willst du sicherlich nicht haben, wenn du am morgen wieder aufwachst."

Josephine lachte. „Was ist an diesen schönen Träumen denn gefährlich?"

„Manche Menschen sind psychisch instabil und neigen dazu, lieber in ihrem Traum bleiben zu wollen, als je wieder aufzuwachen. Deswegen übernehmen die Traumwanderer dann die Hauptrolle. Der Mensch fühlt zwar das Glück und die Zufriedenheit, aber er macht sich keine Gedanken darüber, wie es wäre, für immer in dem Traum zu bleiben und nie wieder aufzuwachen."

„Bekommen die Menschen eigentlich mit, dass Traumwanderer in ihren Träumen sind?"

„Selten. Meistens gehen sie in der Masse der Ereignisse unter. Wenn sie Träumen, dann sehen sie sich selbst meistens von außerhalb, weil die Traumwanderer ja ihre Rolle übernehmen. Wenn sie es mal nicht aus dieser Perspektive sehen, seid ihr Traumwanderer immer in der unmittelbaren Nähe, um sie zu leiten."

„Das ist ganz schön kompliziert", meinte Josephine schließlich. Sie hatte, während sie mit Phoebe gesprochen hatte, kaum den Blick vom Feuer abwenden können.

„Ich weiß, aber keine Sorge Josephine. Ihr Traumwanderer habt einen Instinkt, der euch sagt, was ihr zu tun habt. Und wenn es mal ein schwieriger Fall sein sollte, sind meistens auch zwei oder mehrere Traumwanderer in einem Traum. Du brauchst also keine Angst haben."

Sie schwiegen beide und sahen den jungen Phönixen im Feuer gespannt zu. Schließlich hüpfte einer von ihren aus dem Feuer und direkt auf Josephine zu. Diese hielt ihre Hand hin und der junge Vogel hüpfte darauf. Er zwitscherte etwas und Josephine verstand es sofort. Er stellte sich als Fuego vor.

„Ich sehe schon. Fuego hat sich endlich eine Traumkriegerin ausgesucht." Josephine sah sie verwirrt an. „Phönixe sind die Begleiter der Traumkriegerinnen, wie so einige andere magischen Tiere, nur dass der Phönix dir in jeden Traum folgt, während die anderen Tiere in den Träumen sind, wo du sie am dringendsten brauchst. Die magischen Tiere sind deine Freunde und werden dir immer helfen, wenn du Hilfe brauchst."

Schließlich stand Phoebe auf. „Du musst gehen Josephine. Der Tag bricht bald an, ich kann schon die ersten Sonnenstrahlen spüren. Du musst in deine Welt zurückkehren. Aber keine Angst, wenn du Kummer hast oder du nicht weiter weißt, dann komm einfach zu mir. Deine Magie wird dich zu mir führen und ich als Hüterin der Träume werde dir mit Rat zur Seite stehen, wann immer du ihn brauchst."

 

Josephine umarmte Phoebe noch einmal kurz, bevor sie sich auf den Weg zurück machte, doch bevor sie überhaupt die Bäume erreicht hatte, zwischen denen sie verschwinden wollte, rief Phoebe noch einmal nach ihr. Josephine drehte sich um. „Wenn man in den Träumen nach deinem Namen fragt, sage ihnen immer deinen Namen, denn du weißt nie, wessen Traum es wirklich ist. Sage ihnen den Namen, den du als Traumwanderer und Traumkriegerin trägst: Josephine Daria Estrelle de Aja. Dies ist dein Name, meine geliebte Kriegerin."

Dann drehte sich Phoebe um und verschwand zwischen den gegenüber liegenden Bäumen und auch Josephine machte sich auf den Weg zurück.

 

                                                                              ~*~*~*~*~

 

Langsam öffnete Josephine ihre Augen wieder. Sie musste blinzeln, als das Sonnenlicht sie blendete, und zog ihre Decke über den Kopf. Sie hatte einen verdammt seltsamen Traum gehabt.

Vorsichtig schob sie ihre Decke zur Seite und schaute auf den Wecker der auf dem Nachttisch stand. Es war erst kurz nach acht Uhr. Dafür, dass sie schon kurz nach neun in ihrem Bett gewesen war, hatte sie lange geschlafen. Als sie sich in ihrem Bett drehte, merkte sie wieder, dass sie die silberne Kette mit dem Anhänger trug. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn wie am vorherigen Abend eine Weile und die Erinnerungen an den Traum kamen wieder. An den Wald, an das Feuer, an Phoebe – eine Hüterin der Träume – und ihre Geschichte über die Traumwanderer und Traumkrieger und das sie selbst, Josephine, zu ihnen gehörte. Und sie erinnerte sich an den Namen, der ihr gesagt oder auch gegeben wurde. Josephine Daria Estrelle de Aja.

 

Ein komischer Name, aber auch ein komisch Traum. Oder war es gar kein Traum gewesen?

Ende