Original
Titel: Hard Lessons
Autor: Silentthunder
Inhalt: Ein kleiner Engel und eine große Lektion über das Leben…
Altersfreigabe: keine
Teile: 1
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Damael/ Iofiel
 

 

 

Hard lessons

 

Die Nacht war dunkel, nur spärlich beleuchtet vom Neumond und die Luft war klar und eisig kalt. Es hatte viel geschneit die letzten Tage und die Welt war verpackt in einer weißen, flauschigen Hülle, ganz so, wie es sich zu Weihnachten gehörte. Die Dunkelheit allerdings störte die beiden Wesen nicht. Sie huschten durch die Nacht und stoppten immer nur an den für sie vorgesehenen Orten.

„Puh, das ist anstrengender als gedacht", seufzte Iofiel und setzte sich auf die dicke weiße Wolke.

„Warum hast du dich dann in den Außendienst versetzen lassen?", fragte Damael und setzte sich neben seinen neuen Kollegen.

„Weil ich keine Aktenmappen mehr sehen konnte", lachte Iofiel verschmitzt. Er sah zu seinem Genossen auf und bestaunte wieder dessen Größe. Er selbst war noch klein und hoffte sehr, irgendwann eine solch beeindruckende Statur wie Damael zu besitzen. Je älter sie wurden und je mehr Aufträge sie erfüllt hatten, desto imposanter wurde ihre Größe.

Sie waren das, was die Menschen meist als Engel bezeichneten. Aber sie sahen nicht so aus wie in den merkwürdigen Vorstellungen der Erdenbürger. Sie hatten keine weißen flauschigen Flügel, aber sie konnten trotzdem fliegen. Allerdings war es mehr ein Reisen durch Raum und Zeit als tatsächliches Fliegen. Iofiel dachte an die vielen Bilder und Zeichnungen, die er bei den Menschen schon gesehen hatte. Warum nur glaubten die Erdenbürger, alle Engel hätten einen Heiligenschein und würden den ganzen Tag auf irgendwelchen Harfen klimpern? ‚Pffft’, machte er gedanklich. ‚Als hätten wir dafür Zeit!’

Damael durchstöberte seine kleine Tasche und bot seinem neuen Kollegen etwas zu essen an.

„Nein, danke. Ich habe keinen Hunger", erklärte dieser und Damael verschloss die Tasche wieder.

„Ist es noch weit?", fragte Iofiel.

„Nein, wir sind schon da."

Vorsichtig sah der Kleine über den Rand der Wolke nach unten. „Was machen wir denn hier? Es ist bitterkalt und es sind keine Menschen in diesem Wald."

„Warte es einfach ab", erwiderte der ältere Engel geduldig und deutete auf einen kleinen Punkt am Waldboden, der langsam immer größer wurde.

„Das darf ja wohl nicht wahr sein", krähte der kleine Engel wenige Minuten später. „Ich habe ja schon gehört, dass Menschen so etwas machen, aber heute? An Heiligabend?"

„Einige Menschen lassen sich auch an solchen Tagen nicht aufhalten", erklärte der Ältere und zuckte mit den Schultern.

„Aber das kleine Hundebaby hat doch gar keine Überlebenschancen. Wie kann man so gemein sein und es bei diesem Wetter mitten im Wald aussetzen?", ereiferte sich Iofiel.

„Darum sind wir ja hier", beruhigte Damael den Jüngeren und ließ seine Hand zum Waldrand wandern. „Siehst du?"

Eine Familie wanderte auf dem Weg zur Christmette den schmalen Pfad entlang, der vor dem Wald herführte.

„Aber sie gehen doch vorbei", murmelte Iofiel betrübt.

„Aber genau aus diesem Grund sind wir doch hier", schüttelte Damael den Kopf. „Schau hin!" Er holte mit seiner Hand weit aus und zeichnete mit den Fingern einen Weg an, dem die Familie folgte.

„Du lenkst sie um", stellte Iofiel beeindruckt fest.

„Ganz genau. Und so werden sie den kleinen Welpen finden."

„Aber woher weißt du, dass sie den armen kleinen Kerl mitnehmen? Vielleicht wollen sie gar keinen Hund!"

„Du musst wirklich noch viel lernen", sagte Damael und konnte sich ein kleines kurzes Lachen nicht verkneifen. „Es gibt keinen Zufall und kein Glück", erklärte er dann. „Alles geschieht genauso, wie es muss. Nur manchmal, ja manchmal müssen wir nachhelfen und die Lage geradebiegen. So wie jetzt."

Iofiel nickte nur. Er stand nahe am Rand der dicken Wolke und schaute auf die Menschen herab, die gerade den Welpen vor seinem schrecklichen Schicksal bewahrten. „Wird er es gut haben?", fragte er dann.

„Ja, das wird er", bestätigte Damael. Er war bedeutend älter als sein neuer Kollege und hatte die Macht, in die Zukunft zu blicken. „Und er wird es ihnen danken und gut für seine neue Familie sorgen!"

„Was wird der kleine Kerl denn machen?", erkundigte sich der Jüngere neugierig.

„Eigentlich dürftest du das gar nicht wissen, aber ich mache mal eine Ausnahme, weil du heute den ersten Tag mit mir arbeitest. Er wird die Familie retten, indem er sie vor einem großen Feuer warnt."

„Das ist schön", murmelte Iofiel und Damael verschwieg wohlweislich, das der Hund dabei sein eigenes Leben lassen würde. Es gab einfach Dinge, die der kleine Engel noch nicht wissen musste.

„Jetzt erklär mir doch noch mal genau, warum du dich in den Außendienst versetzen lassen hast", forderte der Ältere den Jüngeren auf.

„Wie ich schon sagte, ich hatte einfach keine Lust mehr auf Aktenmappen, Telefondienst und irgendwelche Aufträge, die einen für Stunden an den Sessel fesselten."

„Mag ja sein, aber soweit ich weiß, drängen sich doch alle um einen solchen Job. Kurze Arbeitszeiten, immer warm und trocken sitzen…"

„Glaub mir", sagte Iofiel. „Das wird alles überschätzt. Kannst du dir auch nur im Mindesten vorstellen, wie viele Akten es gibt, seit der erste Engel mit seiner Arbeit begann?", fragte er und gab selbst gleich die Antwort. „Millionen! Und es ist nicht gerade angenehm, tausend Jahre alten Staub einzuatmen. Und mit was für Ideen einige Engel aus dem Vorstand kommen. Fragen nach Akten, die seit hundert Jahren niemand mehr in der Hand hatte."

„Ist ja gut", lachte Damael. „Ich habe dich ja verstanden."

„Ja, schon gut. Ich bin jedenfalls froh, dass ich da raus bin." Iofiel streckte sich. „Haben wir noch viele Aufträge heute?"

„Nein, nur noch einen. Dann ist Feierabend", sagte Damael und erhob sich in die Lüfte. „Kommst du? Es ist nicht weit. Wir müssen nur zu der kleinen Stadt dort drüben."

 

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Fünf Minuten später saßen sie auf einem verschneiten Hausdach, nahe am Schornstein und Iofiel blickte hinunter auf die belebte Straße.

„Warum sind an Heiligabend so viele Menschen unterwegs?", fragte er neugierig.

„Oh, da gibt es viele Gründe", meinte Damael leise. „Sie gehen Verwandte besuchen, sind auf dem Weg in die Christmette oder wissen einfach nur nichts mit sich anzufangen."

„Hm", brummte der Jüngere und es klang nicht gerade begeistert. „Auch das verstehe ich nicht, aber es ist ja auch nicht meine Aufgabe, Menschen zu verstehen. Welchen Auftrag haben wir denn hier?"

„Schau mal da unten", sagte der große Engel. „Siehst du den Mann in dem Nikolauskostüm?"

„Das verschlissene Ding nennst du Kostüm?", erwiderte Iofiel mit hochgezogenen Augenbrauen und schüttelte den Kopf.

„Ja, das nenne ich so. Der nette Herr hat kein Geld für ein neues. Er spart das ganze Jahr über jeden Penny, um Geschenke für die Kinder im Waisenhaus zu kaufen."

„Oh, entschuldige", entgegnete der kleine Engel betroffen. „Das habe ich ja nicht gewusst." Er blickte wieder herunter auf den verkleideten Mann. „Aber der Jutesack, den er auf dem Rücken trägt, ist leer."

„Das stimmt", erwiderte Damael. „Er war bereits im Waisenhaus und ist jetzt auf dem Rückweg. Seine Arbeit ist getan."

„Ich verstehe", murmelte Iofiel. „Und was genau ist jetzt unser Auftrag?"

„Setz dich lieber wieder hin", sagte der Große. „Das wird nicht einfach. Vor allem am ersten Arbeitstag."

Der kleine Engel tat, wie ihm geheißen. Auch von seinem Sitzplatz aus hatte er alles im Blick und er sah auch den schweren Lastkraftwagen, der mit enormer Geschwindigkeit die Straße hinauffuhr.

„Das geht nie gut", murmelte er leise und sprang auf, als er den verkleideten Nikolaus auf die Fahrbahn treten sah. „Wir müssen ihn aufhalten", rief er mit schriller Stimme. „Sofort!"

„Nein, das müssen wir nicht", erwiderte Damael mit fester Stimme. Er legte dem Jüngeren beruhigend seine Hand auf die Schulter und Sekunden später hörten sie den Aufprall und die spitzen Schreie der Passanten.

„Warum… warum hast du das zugelassen?", krächzte Iofiel und seine Stimme schien zu versagen. „Er war ein guter Mensch und wir hätten ihn retten müssen."

„Es ist gut so, wie es ist", sagte Damael sanft. „Wir haben einen Auftrag und den werden wir jetzt erfüllen."

„Was für ein Auftrag?", schimpfte der kleine Engel. „Wir hätten… du hättest ihn retten können und…"

„Iofiel", rief der große Engel ihn zur Besinnung. „Es war nicht mein Auftrag, ihn zu retten. Dieser Mann hat sein Leben lang Gutes getan und wir sind hier, um ihn direkt in den Himmel zu bringen. Er hat sich seinen Platz dort redlich verdient und wir sollten nun gehen. Er wartet bereits auf uns."

„Entschuldige", murmelte der Jüngere mit gesenktem Kopf. „Ich glaube, ich bin für den Außendienst nicht geeignet. Vielleicht ist es besser, ich gehe zurück an meinen Schreibtisch."

„Nein, das ist es nicht. Du hast Mut und einen hohen Gerechtigkeitssinn. Genau das zeichnet dich aus. Du musst nur lernen, dass wir nicht alles ändern können und dürfen. Wir können unterstützen und wir können den Menschen manchmal den rechten Weg zeigen, aber entscheiden dürfen wir nicht für sie." Er klopfte Iofiel auf die Schulter. „Komm jetzt. Dort unten wartet ein sehr netter Mann auf uns und es ist eine große Ehre für uns, einen solchen Menschen in Empfang zu nehmen."

„Wirst du mir helfen, zu lernen und zu wachsen?", fragte der kleine Engel leise.

„Selbstverständlich", erwiderte der Große. „Genau das ist es, was uns mit den Menschen verbindet. Wir alle müssen täglich Neues lernen und wir wachsen, wenn es uns gelingt." Damael stieg auf in die Luft. „Komm jetzt. Deine erste Unterrichtsstunde beginnt! Und die leitet ein sehr netter alter Mann in einem schäbigen Nikolauskostüm."

 

Ende