
Given Promises
Die Nacht war noch nicht vorüber; das wusste er schon, bevor er seine müden Lider auf nur einen winzigen Spalt breit geöffnet hatte. Es war viel zu ruhig. Kein Vogel begrüßte den nahenden Sonnenaufgang und keine Biene summte, eifrig darum bemüht, möglichst früh den besten Futterplatz ausfindig zu machen. Und doch konnte es nicht mehr lange dauern, bis das silbrige Licht, das der Mond in seiner vollen Pracht spendete, endgültig vom goldenen Licht der Sonne ersetzt wurde.
Langsam und vorsichtig streckte er seine kalten, tauben Glieder und verzog das Gesicht, als sich kleine Kieselchen und Äste durch die dünne Decke bohrten, auf der er lag. Sie drückten in sein nun empfindliches Fleisch und er kam leise stöhnend hoch.
Wann hatte er das letzte Mal in einem weichen, warmen Bett geschlafen? Ihm kam es vor, als wären Jahre seitdem vergangen, auch wenn er wusste, dass es erst ein paar Wochen waren. Ein warmes Zuhause, ein bequemes Bett und anständige, vor allem regelmäßige Mahlzeiten wurden oft unterschätzt. Doch diesen Fehler würde er nie wieder begehen. Nicht nach all dem, was er durchgemacht hatte.
Den Luxus eines Zuhauses … nein, das würde er nie wieder als alltäglich hinnehmen. Jetzt und hier wusste er es besser. Nichts war alltäglich, nichts war Gottgegeben, nichts war einfach. Sein Leben hatte sich so schlagartig und so radikal geändert, dass er einiges dafür geben würde, die letzten vier Monate rückgängig zu machen und aus seinem Gedächtnis zu löschen.
Doch so einfach funktionierte diese Welt nicht. Nichts war einfach so wieder zu ändern. Kein böses Wort ließ sich zurücknehmen, kein noch so abscheuliches Verbrechen war rückgängig zu machen. Die Zeit ließ sich nicht zurückkurbeln. Auf schmerzliche Art und Weise war ihm bewusst geworden, dass er nichts mehr an seiner Situation ändern konnte und lernen musste, damit zu leben.
Er setzte sich auf, zog die klammen Beine dicht an den Körper und ließ dann den Kopf kreisen, um die verspannte Nackenmuskulatur zu lockern. Sein Blick fiel auf den Mann, dem es ebenso schlimm erging, wie ihm selbst. Wenn nicht gar schlimmer.
Vollkommen ruhig lag sein Vater da, die Augen fest geschlossen. Und doch war das alles nur der schlechte Versuch von Schauspielerei. Er wusste, dass sein Vater wach war, die ganze Nacht kaum geschlafen hatte, wie er selbst. Auch seine Sorgen waren groß, doch die Wut in seinem Inneren war noch größer als die seine.
Sachte schüttelte er den Kopf. Der Husten seines Vaters war schlimmer geworden, wie jeden Tag ein kleines bisschen. Lange konnte das nicht mehr gut gehen und er fragte sich, wann auch sein Dad das endlich einsehen würde. Aber vielleicht war der alte Herr auch einfach zu verbohrt, um nun aufzugeben. Sie näherten sich ihrem Ziel, langsam aber stetig und irgendwann war es vielleicht endgültig vollbracht.
William wischte alle trüben Gedanken mit einer schwachen Handbewegung beiseite. Er beugte sich über die Überreste des Feuers, das am Abend zuvor zumindest ein bisschen Wärme gespendet hatte, und pustete dann vorsichtig in die weiße Asche. Ein winziges Stück rotgoldener Glut zauberte ein schräges Grinsen auf sein Gesicht und er entfachte das Feuer mit ein wenig trockenem Reisig neu.
„Du bist schon wach?" Die trockene, kratzige Stimme seines Vaters ließ ihn aufsehen. Sein Dad war ein Bild des Jammers und er hustete so erbärmlich, dass William aufsprang und ihm aufhalf.
‚Natürlich bin ich wach’, hätte er ihm am liebsten entgegengeschleudert. ‚Genau wie du, die ganze verdammte Nacht!’ Doch William beherrschte sich und brummte nur undeutlich vor sich hin. Dann seufzte er. „Lass uns in die Stadt reiten. Du musst zu einem Doktor. So geht das nicht weiter."
„Dafür haben wir jetzt keine Zeit", krächzte Joseph McGray und schüttelte die helfende Hand seines Sohnes ab. Verbitterung lag in seinen grauen, nun tief eingesunkenen Augen und er starrte ihn finster an. „Wie oft soll ich dir noch erklären…?" Doch dann wurde sein Blick milder und er nickte langsam. „Wir werden einen Doktor aufsuchen, dann, wenn meine Aufgabe erledigt ist. Ich weiß, dass das alles hier für dich nicht einfach ist, aber ich habe geschworen… bei meinem Leben geschworen…"
„Schon gut, Dad", unterbrach William die Rede seines Vaters. Er hatte das alles nun schon so oft gehört, doch er glaubte nicht mehr daran. An dieser verdammten Situation würde sich nichts ändern und er seufzte lautlos. Doch dann versuchte er es wider seine Vernunft erneut. Er konnte einfach nicht anders. Irgendwann musste er doch zu seinem Vater durchdringen.
„Dad, die Nächte sind zu kalt, um ständig draußen zu übernachten. Vielleicht ist es gar kein so großer Umweg und wir verlieren keine Zeit, wenn wir die nächste Stadt aufsuchen. Irgendein Doktor sollte zu finden sein, irgendeine Medizin, die dir hilft und dich wieder auf die Beine bringt."
„Nein!", bellte Joseph McGray, bevor er wieder hustete. Mühsam kam er hoch, ignorierte die dargebotene Hand seines Sohnes und schleppte sich zu dem Rinnsal, dass den Namen Wildbach nicht verdient hatte. „Ich werde mich durch nichts, rein gar nichts aufhalten lassen!"
William setzte sich zurück ans wärmende Feuer und betrachtete mit zusammengepressten Lippen, wie sein Vater sich das eisige Wasser ins Gesicht schaufelte. Er hatte verloren, seinen Vater verloren, dass begriff er nun endgültig und die Wucht der Erkenntnis ließ ihm eisige Schauer über den Rücken laufen. Wie hatte das alles nur geschehen können? Warum hatte es gerade sie so hart treffen müssen?
Doch es war müßig, noch länger darüber nachzudenken. Seit Wochen, nein Monaten, beherrschte nur dieses eine furchtbare Thema seine Gedanken und er schüttelte mürrisch den Kopf. Es machte einfach keinen Sinn, sich noch länger aufzuregen, machte keinen Sinn, sich deswegen verrückt zu machen. Ganz im Gegenteil, alles wurde nur noch viel schlimmer. Aber warum begriff sein Vater das nicht? Warum wollte er nicht einsehen, dass es vorbei war?
Er schnappte sich seine Satteltasche und kramte eine Emaillekanne heraus. Jedenfalls würde es Kaffee geben, wenn es schon sonst nichts mehr gab, auf das man sich freuen konnte. „Jedenfalls einen verfluchten Kaffee!"
*~*~*
Den ganzen Tag verbrachten die so unterschiedlichen Männer fast wortlos auf den Rücken ihrer Pferde. Es gab einfach nichts mehr, über das sie hätten sprechen können und William hatte es satt, dass sein Vater einfach keinen logischen Gedanken mehr aufnahm. Er war gefangen, gefangen in einer Welt, in der er ihn nicht mehr erreichen konnte.
Mittags machten sie Rast, aßen die letzen kümmerlichen Reste ihrer Vorräte und machten sich bald wieder auf den Weg gen Süden. Doch waren sie noch auf dem richtigen Weg oder hatten sie die Spur längst verloren?
William warf einen flüchtigen Blick auf seinen Vater, der ein paar Schritte hinter ihm ritt und zusammengekauert im Sattel saß, und fluchte innerlich. Was war nur aus diesem stattlichen, vor Kraft strotzenden Mann geworden, dessen Rücken einst so stark und unbeugsam gewesen war? Das einst schwarze, kräftige Haar, hatte sich in innerhalb weniger Wochen in eine undurchdringliche graue Stahlwolle verwandelt und fiel strähnig bis auf seine Schultern. Das ehedem so sanfte Gesicht war von tiefen Falten und Runzeln durchzogen, die auf den tiefen Gram zurückzuführen waren, den er seit Monaten durchlitt.
Doch all diesen Gram, die Trauer, die Wut und den Hass hatte auch er selbst durchgemacht. Auch ihn hatte das Geschehen verändert, doch nicht so sehr wie seinen Vater. Den sanftesten, gutmütigsten Mann, den es gab. Oder einst gegeben hatte. Wieder fluchte er leise vor sich hin. Warum hatte das Schicksal so hart zugeschlagen? War es überhaupt das Schicksal? Oder war es einfach nur verdammtes Pech?
Erneut warf er einen flüchtigen Blick auf seinen Vater, der schon seit Stunden kein Wort mehr von sich gegeben hatte. William stutzte, riss die Augen auf und stoppte sein Pferd, das nur noch müde vor sich hintrottete. Joseph McGray war noch tiefer in sich zusammengesunken und seine Nase berührte beinahe den Sattelknauf.
„Dad?", fragte er, erst leise, dann immer lauter. „Dad?!" Doch sein Vater antwortete nicht, gab keinen Mucks von sich. William streckte die Hand nach ihm aus und diese sanfte Berührung reichte, um seinen Vater endgültig aus dem Sattel zu kippen.
„Gott, verdammt!" Fluchend sprang William vom Pferd, umrundete beide Reittiere und das Packpferd und drehte seinen Vater auf den Rücken. Er beugte sich über den bewegungslos Daliegenden und atmete erleichtert auf, als schwache, rasselnde Geräusche in sein Ohr drangen.
Doch die Erleichterung verpuffte schnell wieder. Einsam und verlassen in der Wildnis zu sein, war nicht gerade das Richtige für einen schwerkranken Mann und sein Gesichtsausdruck wurde grimmig.
„Jetzt reicht es!", schimpfte er laut. „Jetzt bin ich dran und ob es dir gefällt oder nicht, ich werde einen verdammten Arzt suchen. Und wir reiten, verdammt noch mal, erst dann weiter, wenn es dir wieder besser geht!"
*~*~*
Es war gar nicht so einfach gewesen, den bewusstlosen Mann wieder auf den Pferderücken zu bekommen, aber schlussendlich war es ihm gelungen, seinen Vater bäuchlings über den Sattel zu werfen und ihn so festzubinden, dass er nicht wieder herunterfallen konnte.
Doch noch schwieriger war für William, dass er sich auf gänzlich unbekanntem Terrain befand. Seine Erleichterung war groß gewesen, als er endlich eine schwache, gräuliche Rauchfahne ausgemacht hatte, die sachte in den Himmel hinaufwehte. Nun hieß es, sich zu beeilen. Bald würde es dunkel werden und er wollte den kleinen Funken Hoffnung nicht aus den Augen verlieren.
Erschöpft und ausgelaugt kam er kurz vor Sonnenuntergang auf dem Hof einer ansehnlichen Ranch an und wurde auch sogleich lautstark von einem fremden Mann in Empfang genommen, der aus der Scheune kam und mit einer Mistforke bewaffnet auf ihn zustürmte.
„Miss Elisabeth", rief der Fremde dabei wieder und wieder und William hob den Kopf, als eine zierliche blonde Frau verwirrt aus dem Haupthaus stürmte und sich verdattert umsah.
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?", fragte nun der fremde Mann aus der Scheune, hielt seine Forke wie eine Waffe vor sich und packte den Kopf seines Vaters. Am Schopf hob er ihn hoch und blickte dem Bewusstlosen ins Gesicht.
„Vorsichtig", schnauzte William ihn an. „Der Mann ist krank und nicht tot, verdammt!"
„Was hat er?", fragte nun die junge Frau, die seltsamerweise in Hosen, anstatt eines Kleides, gekleidet war und nun atemlos vor ihm stand.
„Er hustet, bekommt kaum Luft. Ich denke, er hat eine Lungenentzündung",
antwortete William wahrheitsgemäß und nahm seufzend seinen Hut ab.
„Entschuldigung, Miss", nickte er dann. „Es war ein langer Ritt und ich habe
mich noch gar nicht vorgestellt."
„Das kann warten, bis wir Ihren Freund versorgt haben", schnaubte die junge Frau
und schüttelte den Kopf. Dann wandte sie sich an den Mann aus der Scheune. „Geh
rasch und hol Bill. Er soll in die Stadt reiten, um Doc Martens zu holen."
„Ja, Miss Elisabeth", nickte der Arbeiter beflissen und warf William einen fragenden Blick zu. „Soll ich Anya dazuholen?", fragte er dann. Es war offensichtlich, dass er nun ungern ging. Anscheinend wollte er die junge Frau nicht mit den beiden Fremden zurücklassen und scharrte nervös mit den Füßen.
„Das kann warten. Zuerst bringen wir den Mann ins Haus", nickte die Frau und
bedachte William mit einem giftigen Blick. „Warum haben Sie Ihren Freund nicht
schon eher zu einem Arzt gebracht?"
„Er ist mein Vater", brummte William und löste dessen Fesseln, sodass er ihn vom Rücken des Pferdes heben konnte. „Wir sind auf dem Weg nach Tucson, Miss, und es gab weit und breit keine Stadt."
„Fass mit an, Xander", befahl die junge Frau und nickte dann. „Sie kommen also aus Westen?", fragte sie dann William und lief neben den beiden Männern her, die den Bewusstlosen über den Hof trugen. Sie sprang behände die kleine Treppe zur Veranda herauf und öffnete die Haustür. „Also?", sagte sie mit Nachdruck, denn sie erwartete eine Antwort.
„Nein, Miss", keuchte William. Seine Kraft ließ langsam nach und seine Arme wurden immer schwerer. „Wir kommen aus dem Norden, aus Riverton, Wyoming." Es war klar, dass sie ihn testete und es blieb ihm gar nichts anders übrig, als die Wahrheit zu sagen. Sich so schnell eine gute Lüge auszudenken, lag nicht in seiner Natur. Außerdem verabscheute er Lügen, hatte für seinen Lebtag genug von ihnen gehört. Trotz allem musste er aufpassen und nicht zu viel verraten. Das hätte sein Vater ihm nie verziehen.
Mit der Antwort zufrieden nickte die junge Frau und öffnete eine Tür auf der rechten Seite des Hauses. „Legen Sie ihn da auf das Bett." Sie sah William in die Augen und schien zu prüfen, ob sie ihm trauen konnte. Scheinbar sagte er die Wahrheit, denn wenn sie aus Westen gekommen wären, wären sie unweigerlich über die Stadt gestolpert. Und doch würde sie Vorsicht walten lassen.
Dann wandte sie sich wieder an den Arbeiter. „Nun aber schnell, Xander. Bill soll sich beeilen und den Doc gleich mitbringen. Egal, was der Doktor gerade macht", meinte sie dann bedeutungsvoll. „Also von mir aus kann er ihn auch aus dem Saloon schleppen, wenn er sich weigert und wieder am Pokertisch festhängt. Und dann lauf und hol Anya. Sie kann mir helfen." Sie sah zu William. „Setzen Sie sich", sagte sie und zeigte auf einen Stuhl, der in der Ecke des Raums stand.
„Danke, Miss", sagte William seufzend und tat wie ihm geheißen. Er war müde, erschöpft, hungrig und dieser jungen Frau unendlich dankbar dafür, das Ruder in die Hand genommen zu haben. Er lehnte sich an die Wand, genoss die trockene Wärme des Hauses und war Sekunden später eingeschlafen.
Teil 2
Als William wieder erwachte, war ihm zwar wärmer wie in den vergangenen Nächten, doch sein Nacken schmerzte wie die Hölle und er verzog das Gesicht. Er öffnete die Augen und bemerkte verwirrt, dass er auf einem Stuhl eingeschlafen war. Irgendjemand hatte ihm eine Decke über die Beine gelegt, die er nun langsam herunter schob.
Nur schleichend sickerte in sein Gehirn, was geschehen war und er sah schnell auf, in Richtung des Bettes, auf dem sein Vater noch immer reglos lag. Allerdings vermochte William nicht zu sagen, ob er noch immer ohne Bewusstsein war, oder einfach tief und fest schlief.
Die leisen Atemgeräusche des Vaters klangen noch nicht viel besser in seinen Ohren, aber man hatte sich scheinbar gut um ihn gekümmert. Er war in zwei warme Decken gewickelt und auf seiner Stirn lag ein feuchtes Tuch, das das aufkommende Fieber absenken sollte.
Noch bevor er aufstehen konnte, um sich zu seinem Vater zu setzen, wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet und der Kopf der jungen Lady erschien im halbdunklen Zimmer. Für einen flüchtigen Augenblick hatte William das Gefühl, einen Engel vor sich zu haben. Eine blonde, leicht gelockte Haarpracht umspielte ihr Gesicht und das Licht, dass von Außen in den Raum fiel, ließ es aufleuchten wie bei den Heiligenbildchen, die seine Mutter wie einen Schatz gehütet hatte.
Unwirsch schüttelte er den Kopf und rief sich selbst zur Ordnung. Doch, bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, hatte die junge Frau ihm zugenickt und sich zur Gänze in den Raum geschoben. Sie beugte sich über seinen Vater und erneuerte dann das Tuch auf seiner Stirn.
„Mehr kann ich im Moment leider nicht für ihn tun", sagte sie leise und sah ihn wieder an. „Kommen Sie", sagte sie dann im Flüsterton. „Lassen Sie Ihren Vater schlafen. Der Doktor war bereits hier und kommt morgen gegen Mittag wieder."
Beschämt nickte er. Wie hatte er den Besuch des Arztes verschlafen können? Doch er folgte ihr aus dem Zimmer und sah sie an. Sie war wirklich ein außergewöhnliches Persönchen. Für gewöhnlich zeigten Frauen sich nicht so vertrauensselig, wie sie es tat. Aber vielleicht wusste sie auch, dass von ihm keine Gefahr ausging. Oder, was noch denkbar war, sie war sich sicher, dass ihr in ihrem Haus nichts geschehen konnte. Bestimmt arbeiteten genug Männer auf der Ranch, die sie beschützen würden. „Danke", sagte er. „Ich weiß gar nicht, wie ich das je wieder gutmachen kann."
„Schon gut", sagte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Aber vielleicht wäre es gut, wenn Sie Sich nun doch vorstellen. Ich weiß ganz gerne, wen ich zu Besuch habe." Ein leises, verstohlenes Lächeln lag auf ihren Lippen und William nickte.
„Natürlich. Mein Name ist William McGray, und wie bereits erwähnt, kommen wir aus Riverton, Wyoming. Der Name meines Vaters ist übrigens Joseph und eigentlich sind wir auf dem Weg nach Tucson, aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt."
„Guten Abend, William", sagte sie keck und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Mein Name ist Elisabeth Summers und ich heiße Sie willkommen auf meiner Ranch."
„Ihre Ranch?", wiederholte er perplex und schüttelte ihre Hand.
„Haben Sie etwa ein Problem damit?" Ihre Augenbrauen schoben sich in die Höhe und sie sah ihn beinahe spöttisch an.
„Selbstverständlich nicht", erwiderte er sofort und verbeugte sich leicht. „Es ist nur … ähm, sehr ungewöhnlich für eine junge Lady Ihres Alters."
Aufmerksam sah er sie an. Wie alt mochte sie sein? Zweiundzwanzig, vielleicht dreiundzwanzig Jahre? Und schon dann Eigentümerin einer Ranch, die eine beträchtliche Größe haben musste? Schon die ganzen Nebengebäude, die er bei seiner Ankunft gesehen hatte, ließen darauf schließen, dass ihr Besitz weitaus größer war, als jede Ranch oder Farm, auf der er je gewesen war.
„Sie müssen hungrig sein", unterbrach sie seine Gedanken. „Ich habe Anya gebeten, etwas für sie zurückzustellen." Mit der Hand deutete sie auf eine Tür, die von dem behaglich eingerichteten Wohnzimmer abging und er nickte dankbar.
„Offen gestanden bin ich sehr hungrig", nickte er und sein Magen, beim bloßen Gedanken daran, mit etwas Nahrhaftem gefüllt zu werden, knurrte eifrig. „Aber eigentlich wollte ich Ihnen nicht noch mehr zur Last fallen."
„Kein Problem", murmelte sie und stieß die Tür auf. Dann sah sie ihn wieder direkt an. „Sind Sie schon lange unterwegs?"
„Beinahe vier Monate, Miss", sagte er und setzte sich an einen blankpolierten großen Holztisch. Neugierig sah er sich um und zuckte zusammen, als sein Blick auf Xander fiel, der im hintersten Winkel der Küche saß und ein Gewehr auf seinen Knien hielt. „Ähm…", murmelte er verwirrt. „Ich habe eigentlich nichts…"
Elisabeth Summers sah auf, folgte seinem Blick und erschrak. „Ach du meine Güte, Xander. Was machst du denn hier?"
„Ich achte darauf, dass hier nichts Schlimmes passiert, Miss", antwortete er unwirsch, ohne den Blick von William zu nehmen. „Man kann ja nie wissen und ich habe Ihrem Vater versprochen, immer gut auf Sie zu achten."
„Das ist ja wirklich sehr nett von dir, aber ich denke, du kannst dich zurückziehen. Morgen liegt ein harter Tag vor uns und du solltest schlafen gehen. Anya wartet bestimmt schon auf dich." Sie nickte ihm zu und der Mann stand mit mürrischem Gesichtsausdruck auf.
„Ich werde bestimmt noch ein paar Stunden auf sein", sagte er dann mit bösem Blick auf William, obwohl er offensichtlich mit seiner Chefin sprach. „Ich schau noch im Stall vorbei. Zwei der trächtigen Milchkühe stehen kurz vorm Kalben und ich will sicher gehen, das alles gut geht."
„Bill schläft doch im Stall", sagte sie überlegend.
„Ich weiß, Miss Elisabeth. „Aber sicher ist sicher." Er setzte sich seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn und nickte in Richtung seiner Chefin. „Ich werde in Hörweite sein." Er öffnete die Tür, die hinaus auf den Hof führte, und verließ die Küche.
Leise lachend wandte sich Elisabeth wieder dem Topf zu, der im Kamin über dem Feuer hing und aus dem es verführerisch duftete. „Nehmen Sie es Xander nicht übel. Er spielt gerne den Bewacher." Mit einer großen Kelle füllte sie einen Teller mit köstlichem Eintopf und stellte ihn vor William ab.
„Es ist doch nett, wenn sich Angestellte gut um ihre Chefs kümmern", brachte William hervor, doch er fühlte sich äußerst unwohl. Diesen Xander musste er wohl oder übel im Auge behalten. Wenn sein Vater davon erfuhr, würde er ihn umbringen. ‚Wie konntest du mich hierher bringen? Ausgerechnet hierher, wo alle Männer wie Schießhunde ausgebildet sind?’ Er konnte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf dröhnen hören und er seufzte leise.
„Alles in Ordnung?", erkundigte sich Elisabeth, die ihn eingehend beobachtet hatte.
„Ja, danke", brachte er über seine Lippen. „Es ist nur… ich bin wohl erschöpfter, als ich gedacht hatte."
Sie nickte. „Verstehe", sagte sie und stellte noch ein Glas Wasser und einen Teller mit Brot auf den Tisch. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und sah ihn an. „Vier Monate sind Sie schon unterwegs", nahm sie dann das Gespräch wieder auf. „Ist das nicht eine sehr lange Zeit für den Weg von Wyoming bis hierher?"
„Das Wetter kam uns in die Quere", erklärte William, seiner Meinung nach glaubwürdig. „Wir mussten die ein oder andere längere Pause einlegen", sagte er und pustete vorsichtig auf seinen Löffel. Dann probierte er und nickte. „Sehr schmackhaft. Mein Kompliment an die Köchin."
Elisabeth lachte. „Ich werde es Morgen an Anya weitergeben." Sie wusste, dass er geglaubt hatte, sie selbst habe den Eintopf gekocht und sie lächelte beim Gedanken daran. „Ich kann so einiges", erklärte sie dem verdutzt guckenden Mann ihr gegenüber. „Aber Kochen ist nicht gerade einer meiner Stärken."
William lächelte und aß dann schweigend weiter. Im Stillen wunderte er sich jedoch darüber, dass sie das so offenherzig zugab. Die meisten Frauen, die er kannte, schworen auf ihre Qualitäten als gute Hausfrau und Köchin, auch wenn man den Fraß, den sie produzierten, meistens nicht einmal an die Schweine verfüttern konnte.
Und doch war es für die meisten jungen Frauen ein überlebenswichtiges Merkmal. Nicht alle besaßen das Geld oder gar die Schönheit, die einen Mann darüber hinweg sehen lassen konnte. Er warf einen flüchtigen Blick auf sein Gegenüber. Diese junge Frau hatte wohl beides. Sowohl die Schönheit, als auch das Geld und er überlegte, warum die jungen Männer ihr nicht zu Füßen lagen und die Ranch geradezu belagerten.
„Das war wirklich sehr lecker", sagte er dann und legte den Löffel auf den leeren Teller.
„Gern geschehen", nickte sie und stand auf. „Ich werde Ihnen dann gleich Ihr
Zimmer zeigen."
„Ich kann bei meinem Vater schlafen", erwiderte William sofort. „Wir fallen
Ihnen genug zur Last und wollen es lieber nicht auf die Spitze treiben."
„Ach was", winkte die junge Frau ab. „Ob nun ein Bett mehr oder weniger zu machen ist, macht keinen großen Unterschied. Außerdem liegt es wohl auch in Ihrem Interesse, dass Sie sich nicht bei Ihrem Vater anstecken." Sie ging auf das Feuer zu, drehte mit der Verankerung den Topf aus den Flammen und schürte dann das Feuer. „Ich muss allerdings noch ein paar ernste Worte mit Ihnen wechseln. Es geht um Ihren Vater", erklärte sie dann.
„Was ist mit ihm?", fragte William nervös.
„Doktor Martens weiß nicht genau, ob er ihm wirklich helfen kann. Die Lungenentzündung ist schon sehr weit fortgeschritten und… nun, vielleicht ist sie zu lange verschleppt worden. Wir müssen sehen, was die Zeit bringt."
„Ich verstehe", nickte er und das letzte Stückchen Brot blieb ihm beinahe im Hals stecken. Er seufzte leise, trank einen Schluck Wasser und erhob sich dann. „Ich muss gestehen, ich hatte Ähnliches schon erwartet."
„Konnten Sie denn nicht früher…. Entschuldigung, das geht mich wohl nichts an", sagte sie und nickte bedächtig.
„Natürlich habe ich es bemerkt", meinte William nachdenklich und leise. „Aber Sie kennen meinen Vater nicht. Er ist sturer als jedes Maultier und wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat…. Vielleicht wollte er auch nicht wahrhaben, dass etwas Simples wie eine Erkältung ihn aufhalten könnte. Denn genau das war es zu Anfang. Eine einfache Erkältung." Er zuckte verlegen mit den Schultern. „Er ist stark. Möglicherweise…"
„Bestimmt. Er wird es schon schaffen", sagte sie und führte ihn dann durch das Haus in einen angebauten Flügel. „Ich habe dieses Zimmer für Sie herrichten lassen", erklärte sie dann und öffnete eine weitere Tür. „Wir haben all Ihre Sachen hierher bringen lassen."
„Danke", stotterte William und stürmte schnell in das Zimmer. „Entschuldigung", sagte er dann schnell. „Aber ich bin wohl doch erschöpfter, als ich gemerkt habe."
„Ich wünsche einen angenehme Nachtruhe", sagte sie, noch immer etwas verwirrt. „Ach so, ja. Anya wird Ihnen morgen früh ein Bad einlassen. Sie wird Ihnen alles zeigen." Noch einmal nickte sie ihm zu. „Gute Nacht." Dann verschloss sie die Tür und William hörte sie weggehen.
„Verfluchter Mist", zischte er leise, rannte fast zum Bett und riss eine der Satteltaschen an sich. „Dad würde mich umbringen…" Mit fahrigen Händen wühlte er darin herum und ließ sich erleichtert aufs Bett fallen. Es war noch da. Das Gold war noch da und von jetzt an würde er es nicht mehr aus den Augen lassen.
Teil 3
Das Badezimmer, das William am nächsten Morgen von einer aufgeregt plappernden Anya gezeigt bekam, war anders als jedes, das er jemals zuvor gesehen hatte. Der Erbauer des Hauses hatte nicht nur eine extra Pumpe einbauen lassen, sondern sie auch so geschickt mit Leitungen versehen lassen, das eben diese eine Pumpe sowohl eine große Waschschüssel als auch eine bequeme Badewanne mit Wasser speisen konnte. Zudem gab es einen seltsam geformten Ofen, der eigens dazu gedacht war, einen großen Kessel zu erhitzen.
William kam aus dem Staunen nicht heraus, doch Anya plapperte munter weiter. „Und wenn Sie fertig sind, Sir, dann ziehen Sie einfach diesen Korken heraus. Sehen Sie? So!"
„Die Badewanne hat einen extra Ablauf?" Er konnte kaum fassen, was er da sah und nahm mit großen Augen den Korken in Empfang.
„Allerdings", strahlte Anya voller Stolz. „Der alte Jason Summers, Miss Elisabeth Vater, war ein wahres Genie, wenn es darum ging, das Leben zu erleichtern." Ihr Gesicht wurde ernst. „Vor einem halben Jahr ist er gestorben. Auf dem Rücken seines Pferdes. Er hat einfach die Augen zugemacht und … war tot." Sie seufzte bei der Erinnerung daran. „Gott sei seiner Seele gnädig."
Doch dann lächelte sie wieder. „Mein Xander, der hier schon seit fast siebzehn Jahren auf der Ranch ist, hat ihn sehr gern gehabt. Aber das war nur natürlich. Jeder hatte den alten Herrn gern und jeder hier im Umkreis würde so einiges dafür geben, hier arbeiten zu dürfen." Sie machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm. „Wissen Sie, Sir, mein Mann hat schon ganz früh seine Eltern verloren. Da war er erst zehn Jahre alt. Der werte Herr Summers hat ihn zu sich auf die Ranch geholt, weil niemand anders ihn haben wollte. Xander war noch so jung, aber arbeiten musste er nicht. Ganz im Gegenteil. Der alte Summers hat ihn sogar zur Schule geschickt und ihm alles beigebracht, was er heute weiß, Sir." Sie holte tief Luft und lächelte wieder. „Er hat uns sogar extra ein kleines Häuschen errichtet, indem wir zeitlebens wohnen dürfen. Wenn Sie aus dem Wohnzimmerfenster sehen, dann können Sie es sehen, Sir. Es hat auch so ein Badezimmer. Nun, zumindest fast so eins wie dieses hier. Es ist nur ein wenig kleiner und vielleicht weniger luxuriös. Aber doch durchaus mehr, als man als einfacher Arbeiter erwarten kann."
Sie machte eine Pause und holte tief Luft, um gleich wieder weiterzuplappern.
„All die anderen Arbeiter hier auf der Summers Ranch wohnen in dem lang
gestrecktem Gebäude, das hinten vor den Hügeln steht. Es ist eine Art
Gemeinschaftshaus. Sie wissen schon… jeder hat sein eigenes Zimmer, aber sie
haben nur ein Wohnzimmer, das sich alle teilen und auch eine Küche. Und
natürlich auch ein Badezimmer."
„Natürlich", nickte William ernst und überlegte, wie er die gute Frau am besten
loswerden konnte. Er hatte die schlimme Befürchtung, dass sie nie wieder
aufhören würde zu reden, wenn sie erst einmal so richtig in Fahrt gekommen war.
Doch das Problem löste sich von selbst. Anya seufzte leise und verzog das Gesicht. Wahrscheinlich wollte sie eine traurige Miene zur Schau stellen, doch ihr Ausdruck verkam eher zu einer grauenerregenden Grimasse.
„Ich sollte jetzt gehen und nach Ihrem Vater sehen. Bisher ist er ja noch
nicht wieder bei Bewusstsein, aber man weiß ja nie…. Und wenn er aufwacht,
sollte er nicht alleine sein. Er weiß ja gar nicht, wo er ist und wird sich
bestimmt fürchterlich erschrecken."
„Das ist außerordentlich nett von Ihnen", beieilte sich William zu sagen und
geleitete die Frau zur Tür. „Sobald ich mich frisch gemacht habe, löse ich Sie
ab."
„Das ist eine gute Idee, Sir", nickte Anya und trat hinaus in den Flur. „Aber erst kommen Sie bitte zu mir in die Küche. Miss Elisabeth hat mir aufgetragen, Sie gut zu versorgen."
„Ist Miss Elisabeth schon wach?", erkundigte sich William.
„Schon wach?", lachte Anya. „Sir, sie steht mit den Hühnern auf und ist schon längst draußen bei der Arbeit. Einer der Weidezäune ist kaputt und sie fängt mit ein paar anderen Männern die Rinder wieder ein, die ihre Chance genutzt haben und weggelaufen sind."
„Eine sehr außergewöhnliche Person, Ihre Miss Elisabeth", platzte es aus William heraus, doch Anya schien die Aussage einfach hinzunehmen.
„Das ist sie, Sir. Das ist sie." Sie lächelte ihn an, machte etwas, das einem Knicks sehr nah kam und rauschte dann den Flur herunter.
Erleichtert schloss William die Tür und sah sich dann wieder staunend im Zimmer um. Natürlich kannte er eine Wanne. Auch sie hatten eine gehabt, allerdings gab es keinen extra Raum dafür. Einmal die Woche war das schwere Ungetüm von Zinkwanne in den Garten geschleift worden und seine Mutter hatte eimerweise Wasser anschleppen müssen, um sie zu füllen.
„Sogar mit Abfluss", murmelte er leise und folgte mit den Augen einem kleinen Rohr, das unter dem Fenster in der Wand verschwand. Neugierig geworden schob er das Fenster auf und zollte dem verstorbenen Mr. Summers augenblicklich Respekt.
Das Wasser versickerte nicht einfach irgendwo im Garten, sondern wurde durch eine Leitung zu dem kleinen Holzhäuschen mit dem Herzchen in der Tür geleitet, das William nach dem Baden auch unbedingt einmal aufsuchen musste.
„Hier lässt es sich aushalten", murmelte er leise und schloss das Fenster wieder. Der Ofen verströmte eine bullige Wärme und das Wasser, in dem Kessel darauf, blubberte eifrig vor sich hin.
Er stöpselte den Verschlusskorken in das Rohr, betätigte die Pumpe und sah voller Vorfreude dabei zu, wie reines klares Wasser in die Wanne rauschte. Dann kippte er den Inhalt des riesigen, extrem schweren Kessels dazu und entledigte sich seiner schmutzigen Sachen. „Ja, hier könnte man es aushalten", meinte er wieder und stieg in das angenehm warme Wasser.
*~*~*
Eine gute halbe Stunde später fühlte sich William wie neugeboren. Er hatte sich ausgiebig gewaschen, rasiert und neu angekleidet. Doch kaum hatte er die Badezimmertür zugezogen, verflog das Gefühl des Wohlbefindens augenblicklich.
Er hörte die krächzende Stimme seines Vaters durch das Haus hallen und all die schlimmen Wahrheiten waren wieder da, prallten mit aller Macht auf ihn hernieder und er seufzte leise.
Rasch lief er den Flur hinab, durchquerte in Windeseile das Wohnzimmer und kam gerade rechtzeitig um zu sehen, wie Anya seinen Vater wieder flach auf den Rücken drückte und mit Engelszungen auf ihn einsprach.
„Ist ja gut, Mr. McGray. Sie sind sehr krank und müssen sich ausruhen."
William fing die rudernden Arme seines Vaters ein und setzte sich auf die
Bettkante. „Dad", sagte er beruhigend. „Ist ja gut, Dad. Ich bin hier. Alles ist
in Ordnung."
Seine Stimme schien zu seinem Vater durchzudringen, denn seine Anspannung ließ
nach und er blieb still liegen.
„Ich hoffe, er hat Sie nicht verletzt", sagte er ein paar Augenblicke später zu Anya, die sich am Fußende des Bettes aufgebaut hatte.
„Nein, nein", wehrte die gutmütige Frau schnell ab. „Mir ist nichts passiert. Ich glaube auch nicht, dass Ihr Vater wirklich wach war. Es war wohl eher eine Art Fiebertraum, denn er murmelte die ganze Zeit etwas, das wie Murdoc klang. Und wie ein Mann sehe ich doch wirklich nicht aus, oder?", lachte sie und deutete auf ihre sehr weiblichen Rundungen.
„Natürlich nicht", versicherte William und sah dann wieder zu seinem Vater. „Sind Sie sicher, dass er Murdoc gesagt hat?" Der Schreck darüber saß ihm noch in allen Gliedern und er war sich sicher, dass seine Stimme zitterte.
„Oder jedenfalls etwas, das so ähnlich klang", nickte Anya, die seine Veränderung scheinbar nicht bemerkte. „Kennen Sie jemanden mit dem Namen?"
„Nein, nicht, dass ich wüsste."*
„Dann war es bestimmt nur ein schlechter Traum", entschied Anya und lächelte.
„Kommen Sie. Ich denke, Ihr Vater ist wieder tief und fest eingeschlafen und ich
werde Ihnen jetzt erstmal ein kräftiges Frühstück machen."
William nickte und stand auf. An der Tür blieb er noch einmal stehen und warf einen sorgenvollen Blick zurück auf seinen Vater. Wenn das so weiterging, konnte er auch gleich jedem die ganze Wahrheit erzählen. Denn, wenn sein Vater weiter im Delirium sprach, dann…
*~*~*
Der Vormittag schleppte sich dahin und William wusste bald nichts mehr mit sich anzufangen. Er wanderte nur unruhig zwischen dem Wohnzimmer, der Küche und dem Zimmer hin und her, in dem sein Vater lag. Er hasste es, zur Untätigkeit verdammt zu sein. Denn Untätigkeit und finstere Gedanken passten einfach nicht zusammen. Es gab einfach nichts, was ihn ablenken konnte und er hatte satt, immer und immer wieder über die vergangenen vier Monate nachzudenken.
Doch dann steckte Anya ganz aufgeregt den Kopf durch die Tür. „Der Doktor ist gerade angekommen."
William sprang auf, eilte in die Küche und kam gerade ins Zimmer, als der Doc, gestützt auf einen massiven Gehstock, in die Küche kam. „Guten Tag", nickte er William und Anya zu und humpelte dann durch den Raum. „Als erstes möchte ich meinen Patienten sehen", meinte er dann und ging ins Wohnzimmer.
„Husch, husch hinterher", forderte Anya William auf und war auch schon verschwunden.
William folgte, wenn auch etwas langsamer. Angst machte sich in seinem Innern breit. Er wollte nicht noch mehr schlechte Neuigkeiten hören und seufzte leise, bevor er das Zimmer seines Vaters betrat.
Doc Martens war gerade dabei, die Brust seines Dads mit einem Hörrohr abzuhorchen und brummte dabei unverständliche Worte. Dann fühlte er den Puls und nickte langsam. „Der Mann kämpft wie ein Tier. Mit etwas Glück wird er es schaffen. Aber nur, wenn er sich jetzt Ruhe gönnt. Und ich rede nicht von einer simplen Woche", sagte er dann mit finsterem Blick auf William.
„Selbstverständlich", brachte William über seine Lippen, doch der Doktor hatte sich längst Anya zugewandt. Er verteilte ein paar Tiegelchen und kleine Tongefäße und gab die passenden Anweisungen dazu.
„Ich denke, meine Arbeit ist hier getan. Mehr kann ich nicht ausrichten. Sollte in der Zwischenzeit doch noch irgendetwas geschehen, dann schicken Sie nach mir." Er packte seine Arzttasche und seinen Gehstock und humpelte aus dem Raum.
William eilte hinterher und hielt ihn im Wohnzimmer auf. „Entschuldigen Sie,
Sir. Aber was macht Sie so sicher, dass er es schaffen wird? Gestern wurde mir
noch das Gegenteil gesagt. Ich meine, nicht dass Sie mich missverstehen. Ich
wünsche mir, dass mein Vater wieder gesund wird, aber Miss Elisabeth hat mit
gegenüber angedeutet…"
„Er hat die Nacht überstanden", sagte der Doktor schlicht und sah ihn forschend
an. „Gestern hätte ich keinen Penny mehr auf sein Leben gegeben, aber er kämpft
und so wie es jetzt aussieht, wird er den Kampf gewinnen." Er schüttelte den
Kopf und seufzte tadelnd. „Sie hätten ihn dennoch viel eher zu einem Arzt
bringen müssen."
„Das weiß ich, Sir. Aber mein Vater wollte es nicht." William seufzte und seine
Schultern sackten herab. „Ich danke Ihnen."
„Kein Problem", nuschelte der Doc und humpelte auf die Küchentür zu.
William hielt ihn ein zweites Mal auf. „Ich muss Sie noch bezahlen", sagte er fest, doch der Doktor lachte auf.
„Das hat Miss Summers längst erledigt." Er nickte, setzte seinen schwarzen Hut wieder auf und wenige Augenblicke später hörte William die Kutsche, die vom Hof rollte.
„Das hat Miss Summers längst erledigt", murmelte William, zum Teil verstört und zum Teil beschämt. Das bedeutete, dass sie ihn für einen armen Schlucker hielt. Seltsamerweise war das etwas, was ihn schwer störte. Sie sollte ihn nicht für einen Verlierer halten.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?", riss Anya ihn aus seinen Gedanken. Sie hatte
seinen Vater mit neuen Wadenwickeln versorgt und stand nun mit einer Schale
Wasser in den Händen vor ihm und sah ihn fragend an. „Geht es Ihnen nicht gut?"
„Doch, doch", beeilte er sich zu sagen. Doch dann nahm er sich ein Herz und sah
die gutmütige Frau an. „Miss Elisabeth hat die Rechnung des Doktors beglichen."
„Ja", lächelte sie. „So ist sie. Genauso warmherzig und gutmütig wie ihr Vater."
„Aber das gefällt mir nicht. Ich wäre lieber selber dafür aufgekommen. Wir
belasten sie auch so schon genug und ich kann das nicht annehmen. Glauben Sie,
ich kann sie darauf ansprechen?"
„Sie können es versuchen", lächelte Anya wieder und nickte bedächtig. „Sie können es ja versuchen." Dann schob sie sich durch die Küchentür und ließ einen verblüfft dreinblickenden William im Wohnzimmer zurück.
Teil 4
Der Tag war nur langsam dahin geschlichen und William hatte, außer dass er wie ein gefangenes Tier hin- und hergelaufen war, nichts Außergewöhnliches vollbracht. Sein Vater hatte keinen Mucks mehr von sich gegeben, doch hatte es William auch nicht geschafft, länger als fünf Minuten auf der Bettkante zu sitzen und ihm beim Schlafen zuzusehen.
Wann immer er in das Gesicht seines Vaters sah, schien es, als würden Wunden wieder aufgerissen, die eigentlich längst verheilt sein sollten. Jeder noch so flüchtige Blick in das zerfurchte, nun auch noch eingefallene Gesicht seinen Vaters ließ William erschaudern und nervös werden.
Schon viel zu lange unterdrückte er den brennenden Wunsch einfach seine Sachen zu packen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Aber wann immer dieser Gedanke zu brennend wurde und seine Beine von alleine laufen zu schienen, hallte die Stimme seines Vaters so eindringlich durch seinen Kopf, das er dem nichts entgegenstellen konnte. „Junge, du hast es versprochen. Mir fest versprochen."
Oh ja, er hatte es versprochen. Ohne zu wissen, was auf ihn zukam und wie wenig er damit umgehen konnte. Seine Wut, die ihn einst so leidenschaftlich angestachelt hatte, war längst verraucht und hatte einer Leere Platz gemacht, die jeden Tag ein kleines Stückchen größer wurde.
William hatte den Tag über alles Erdenkliche getan, um sich abzulenken. Er hatte sogar Anya angeboten, bei den Vorbereitungen für das Mittagessen zu helfen. Kartoffeln schälen war besser als Nichtstun.
Doch Anya hatte nur gelacht und ihm erklärt, dass es am heutigen Tag gar kein Mittagessen geben würde. „Jedenfalls nicht für die gesamte Arbeiterschaft", hatte sie gesagt und genickt. „Miss Elisabeth hat mir heute Morgen gesagt, dass sie vor Sonnenuntergang kaum zurück sein würde. Und wir hier im Haus werden uns mit den Resten von gestern zufrieden geben."
„Ist es so schwierig, einen Zaun zu reparieren und ein paar Rinder wieder einzufangen?", hatte William überrascht gefragt, aber die gutmütige Frau hatte nur gelächelt. Er hatte nicht die geringste Ahnung von den Arbeiten auf einer Ranch. Er war Kaufmann, durch und durch. Genau wie sein Dad.
„Es sind weniger die Rinder, als der Weg, den sie dafür zurücklegen müssen." Sie hatte ihm einen Teller von dem Eintopf auf den Tisch gestellt und ihm, wie Miss Elisabeth am Abend vorher, Brot dazugereicht. „Sie können es ja nicht wissen, Sir, aber würden Sie sich ein Pferd nehmen und versuchen, das Land, das zur Ranch gehört abzureiten, dann würden Sie länger als einen Tag brauchen."
„Das ist allerdings groß", hatte William geantwortet und Anyas Kochkünste ausdrücklich gelobt.
Daraufhin hatte die gute Frau sich einen Kaffee eingeschenkt und sich zu ihm
an den Tisch gesetzt. „Im Winter macht Miss Elisabeth mit ein paar ausgewählten
Männern immer einen Kontrollritt um das ganze Areal. Sie wissen schon, dabei
wird nachgesehen, ob noch alle Weidezäune in Ordnung sind und es wird überlegt,
auf welche der Weiden die Rinder als erstes grasen sollen. All so was halt",
hatte sie wichtig genickt. „Wie auch immer. Jedenfalls reiten sie immer bei
Tagesanbruch an und kommen erst am nächsten Tag zur Abenddämmerung zurück."
„Ganz alleine mit den Männern", hatte William gedankenverloren überlegt und sich
dabei gedacht, dass es nun wirklich keine normale Tätigkeit für eine junge Frau
war.
„Nicht das, was Sie da gerade denken!"
William hatte aufgesehen und erstaunt bemerkt, dass Anyas Stimme einen finsteren Klang angenommen hatte und ihre rehbraunen Augen ihn böse anstarrten.
„Oh, um Gottes Willen, nein. So habe ich das nicht gemeint", hatte er sich beeilt zu sagen und die Hände gehoben. „Ganz und gar nicht. Ich würde Miss Elisabeth niemals so etwas unterstellen … niemals!"
Er hatte den Kopf geschüttelt und Anya entschuldigend angesehen. „Ich habe nur überlegt, dass es sehr ungewöhnlich für eine junge Frau ist. Sie könnte doch die Männer auch alleine schicken."
Und weil Anya immer noch nicht überzeugt gewesen war, hatte er schnell weiter gesprochen. „Ihr Mann, Xander, zum Beispiel. Er arbeitet schon so lange hier und ich denke, dass Miss Elisabeth sich voll und ganz auf ihn verlassen kann. Wenn er also diesen Kontrollritt anführen würde…"
„Jetzt verstehe ich, was Sie meinen, Sir", hatte Anya beruhigt und zufrieden genickt. „Selbstverständlich weiß sie, dass mein Xander vertrauenswürdig ist. Aber so ist sie nicht. Sie weiß nun einmal gerne, mit wem und was sie es zu tun hat. Sieht alles gerne mit eigenen Augen. Das hat sie von ihrem Dad gelernt, der das schon genauso gehalten hat." Sie hatte sich über den Tisch gelehnt und ihn verschwörerisch angesehen. „Wissen Sie, Sir. Es gibt oder gab auch Männer hier auf der Ranch, die legen sich auf die faule Haut und verdienen für nichts und wieder nichts ihr Geld."
„Da haben Sie bestimmt Recht", hatte William genickt. „Es ist bestimmt nicht so einfach, einen so großen Betrieb am Laufen zu halten. Und solche Arbeiter gibt es wohl überall", meinte er dann in Erinnerung an eine Aushilfe, die sein Vater früher beschäftigt hatte. Der Bursche hatte jede Chance genutzt, sich auf die faule Haut zu legen und einmal hatte er es sich sogar gewagt, im Lager auf den ungenutzten Mehlsäcken ein ausgedehntes Mittagsschläfchen zu halten.
Und Anya hatte wieder gelacht. „Sie haben ja keine Ahnung, wie groß der Betrieb wirklich ist, Sir."
Fragend hatte William sie angesehen, doch sie hatte nicht mehr ganz viel verraten wollen. „Vielleicht werden Sie es ja noch sehen, sobald es Sie einmal in die Stadt verschlägt."
*~*~*
Nun war endlich die Abenddämmerung hereingebrochen und William konnte das Eintreffen der jungen Miss Summers kaum noch abwarten. Den ganzen Tag hatte er darüber nachgedacht, aber er war immer nur zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Er würde, nein, musste ihr das Geld zurückgeben, das der Doktor als Honorar erhalten hatte. Die junge Ranchbesitzerin war vielleicht großmütig und edel, aber er fühlte sich beinahe in seiner Ehre verletzt, dass sie ihm nicht zutraute, selbst für seinen Vater zu sorgen.
Außerdem, so hatte er sich überlegt, würde er ihr eine bestimmte Summe anbieten. Schon alleine dafür, dass sie ihn und seinen Vater so großzügig aufgenommen hatte, aber auch um die laufenden Kosten zu decken, die er und sein Vater verursachten. Und genau das brachte ihn auch auf seine letzte Forderung. Sobald es seinem Dad besser ging, würde er darauf bestehen, dass man sie in die Stadt brachte. Irgendein Hotel sollte es dort wohl geben und auch dort konnte sich sein Vater mehr oder weniger bequem erholen.
William setzte sich draußen auf die oberste Stufe der Verandatreppe und starrte mal in die eine, mal in die andere Richtung. Anya hatte ihm versprochen nach seinem Dad zu sehen und er war erleichtert, endlich einmal an die frische Luft gehen zu können.
Nun saß er da und begriff dennoch nicht ganz, was er sah, geschweige denn, nicht sah. Denn den Blick nach Rechts versperrte die riesige Scheune und den Blick nach Links ein großes, lang gestrecktes Holzgebäude, das er für einen Pferdestall hielt. Wenn er sich weit nach vorne beugte, konnte er sogar ein Stück des Gemeinschaftshauses sehen, wie Anya es genannt hatte. Außerdem standen auf dem ganzen Grundstück verteilt große, mächtige Eichen, die das Blickfeld noch weiter einengten.
Mit gerunzelter Stirn setzte er sich auf. Was hatte Anya noch gesagt? Der alte Summers wäre ein Genie gewesen, was die Arbeitserleichterung betraf? Das war dann wohl eher eine übertriebene Aussage und beruhte wohl eher auf der Tatsache, dass die gute Frau den Herrn verehrt hatte.
Mit den Augen maß er die Entfernung zwischen Pferdestall und Scheune und schüttelte den Kopf. Es lagen gut und gerne dreihundert Meter dazwischen. Wäre es nicht angebrachter, die Scheune unmittelbar neben dem Stall aufzustellen? Immerhin mussten jeden Tag Unmengen von Stroh von einem Ort zum anderen transportiert werden. Im Winter natürlich zusätzlich das ganze Heu, das man für das Versorgen der Pferde brauchte.
Überlegend stand er auf. Aus einem ihm selbst nicht bekannten Grund war er neugierig und er lief eine Weile auf dem Hof hin und her. Alle Gebäude standen verhältnismäßig weit auseinander und er fragte sich, ob das aus einem speziellen Grund so geplant worden war.
Neben dem Haus stand ein alter Apfelbaum und er ging darauf zu und brach kurzerhand einen langen, geraden Zweig ab. Dann ging er zurück auf den sandigen Hof und begann mit dem Ast alle Gebäude in den Boden zu malen. Jedenfalls all die Gebäude, die er von seinem Platz aus sehen konnte. Doch auch das machte keinen Sinn. Egal was er versuchte, oder wie er sie miteinander verband, es ergab kein Muster und auch kein Schriftzeichen.
William zuckte mit den Schultern, zerbrach den Zweig in kleine Stücke und warf ihn hinter sich. Dann verwischte er mit seinem Stiefel all die Zeichnungen und setzte sich wieder auf die Treppe. Wahrscheinlich, so entschied er, hatte der alte Summers die Gebäude einfach nur so weit auseinander gesetzt, weil er den entsprechenden Platz hatte.
Dann endlich sah er sie. Zusammen mit Bill und Xander kam sie langsam auf ihn zugeritten. Sie bremste erst direkt vorm Haus ihr Pferd ab, nickte ihm zu und sprang dann behände vom Pferderücken.
„Jimmy soll die Pferde gut trockenreiben", sagte sie zu Xander und drückte ihm ihre Zügel in die Hand. „Außerdem soll er unseren Pferden eine Extraportion Heu geben. Das haben sich die Tiere heute verdient."
Dann wandte sie sich wieder an William. „Mr. McGray… kann ich etwas für Sie tun?"
Sie klang erschöpft und William schämte sich fast dafür, sie so überraschend zu empfangen und gleich auf sie einzustürmen. Immerhin hatte sie einen Tag voll harter Arbeit hinter sich und er hatte nichts Besseres zu tun, als sie sofort abzufangen und ihr sein Leid zu klagen.
Fest sah er in ihr staubbedecktes Gesicht und nickte sachte. „Ich würde gerne mit Ihnen sprechen", brachte er schließlich heraus.
„Geht es Ihrem Vater gut?", erkundigte sie sich sofort.
„Ja, durchaus. Der Doktor meint, er kommt wieder auf die Beine."
„Das ist doch eine gute Nachricht." Sie nahm ihren Hut ab und fächelte sich
damit Luft zu. „Aber ich denke nicht, dass das alles war, was Sie mir zu sagen
haben."
„Nein, nicht ganz", stimmte er schnell zu. „Aber es wäre mir lieber, wenn wir das unter vier Augen besprechen können."
„Können wir", nickte sie. „Aber ich würde mich doch gerne etwas frischmachen vorher. Es war ein harter, anstrengender Tag und es wäre mir ganz lieb, wenn wir das noch ein wenig aufschieben könnten."
„Selbstverständlich", nickte William und sah ihr hinterher, wie sie mit den schweren Stiefeln über die Veranda ging und dann im Haus verschwand.
Dann spürte er einen heißen Atem dich an seinem Ohr und er fuhr erschreckt herum. Xander stand vor ihm. So dicht, dass sich ihre Nasen beinahe berührten.
„Wenn ich herausfinde, dass du und dein Vater irgendeine krumme Tour plant oder ihr sonstige Pläne habt, die Miss Elisabeth auf die eine oder andere Art verletzen… ich schwöre dir, ich bringe dich eigenhändig um."
Teil 5
William fühlte sich beim Abendessen äußerst unwohl. Es war offensichtlich, dass sich hier eine Familie zum Essen zusammengefunden hatte, auch wenn keine Blutsverwandtschaft bestand. Es wurde gelacht und gescherzt und vom Tag erzählt, ganz so, wie er es früher auch erlebt hatte und er fühlte sie mehr fehl am Platz, als je zuvor.
Anya war gerade dabei sich die Lachtränen aus den Augen zu wischen. Irgendeiner der Cowboys war beim Versuch eins der weggelaufenen Rinder einzufangen, in eine Schlammgrube gefallen. Xanders Erzählungen nach, musste der arme Tropf kopfüber hineingefallen sein und seine Frau lachte und lachte.
„Das hat er sich auch verdient", sagte sie dann. „Erst gestern hat er unseren Charles furchtbar ausgeschimpft, und das nur, weil er und Maggie in der Scheune gespielt haben."
„Maggie und Charles sind Anyas und Xanders Kinder", erklärte Elisabeth William, der verwundert aufgesehen hatte.
„Ach so, Sie haben sie ja noch gar nicht kennengelernt", nickte Anya, die
scheinbar nicht verstand, warum ihr etwas so Wichtiges entfallen hatte können.
„Sie sind heute Morgen mit Josh in die Stadt gefahren. Josh ist der Koch im
Gemeinschaftshaus und musste neue Vorräte kaufen. So eine Chance lassen sie sich
natürlich nicht entgehen."
„Vor allem, weil Josh ihnen jedes Mal eine Zuckerstange kauft", nickte Xander,
der aufgehört hatte William böse anzusehen. Scheinbar dachte er, dass seine
eindringliche Warnung genug Aussagekraft besaß und er sich nun zurückhalten
konnte.
„Ist Josh denn noch nicht wieder zurück?", erkundigte sich nun Elisabeth und legte ihr Besteck beiseite.
„Doch, doch. Schon lange", versicherte Anya. „Aber Maggie und Charles wollten
nun auch noch dort essen und so lange bleiben, bis sie ins Bett müssen."
„Sie werden hundemüde sein", stellte Xander fest, „und schlafen wie kleine
Babys." Er lachte und zwinkerte seiner Frau zu, die sofort rot anlief.
„Lass das, Xander", lachte sie und sah verschämt zu Elisabeth. „Sagen Sie es
ihm, Miss. Sagen Sie ihm, dass ein guter Mann sich so nicht verhält und seine
Frau in Schwierigkeiten bringt."
„Ach, Anya", lachte die junge Frau. „Da ist Hopfen und Malz verloren. Aber wir
kennen ihn ja und wissen, wie er es meint."
„Hört, hört", grinste Xander. „Und dabei schimpft Anya doch immer mit mir." Wieder zwinkerte er seiner Frau zu, die ihm daraufhin mit der Hand einen saftigen Klaps auf den Oberarm gab.
„Willow wird heute Abend noch zurücksein", wandte sich Anya schnell an Elisabeth, sichtlich darum bemüht, rasch das Thema zu wechseln. „Sie hat ausrichten lassen, dass es ihrer Freundin langsam besser geht und sie ab heute Abend wieder ihrer Pflicht nachkommen kann."
Dann plapperte sie weiter. „Mr. McGray schläft tief und fest und ich glaube auch kaum, dass er heute Nacht noch aufwacht", sagte sie dann und sah von William zu Elisabeth. „Ich habe ihm heute Nachmittag ein bisschen Suppe einflößen können, aber ich glaube nicht, dass er weiß, wo er ist. Ich werde Willow bitten, des Öfteren nach ihm zu sehen. Sicher ist sicher und man weiß ja nie…"
„Das ist eine gute Idee. Willow kann gut mit schwierigen Kranken umgehen",
meinte Elisabeth doch William ging sofort auf die Barrikaden.
„Das ist doch wirklich nicht nötig. Ich kann gut nach ihm sehen. Wir machen auch so schon genug Mühe. Ich möchte nicht… möchte nicht noch mehr zur Last fallen." Dann nahm er sich ein Herz und sah Elisabeth an. Eigentlich hatte er vorgehabt, erst mit ihr zu sprechen, wenn er allein mit ihr war, nun aber konnte er sich nicht länger zurückhalten.
„Das ist auch, worüber ich mit Ihnen reden wollte. Der Doktor war doch hier und ich wollte ihn für seine Mühen bezahlen. Allerdings versicherte mir der gute Mann, dass Sie die Rechnung schon beglichen hätten. Ich möchte Sie bitten, mir die Summe zu nennen, sodass ich es zurückzahlen kann. Außerdem möchte ich, dass Sie mir eine Summe nennen, die ich gerne für die Kost und Logis meines Vaters und mir entrichten möchte."
„Wenn Sie darauf bestehen", nickte Miss Elisabeth, doch sie schien einigermaßen verwirrt und auch verstimmt. „Kommen Sie, gehen wir hinaus auf die Veranda, dort können wir alles besprechen." Sie stand auf und bremste Xander, der sich ebenfalls sofort erhoben hatte. „Schon gut, ich kann das alleine", sagte sie sanft, aber auch sehr bestimmt.
Zusammen mit William verließ sie die Küche. „Ich kann verstehen, dass Sie die
Rechnung des Arztes selbst übernehmen wollen", sagte sie, kaum, dass sie durch
die Tür getreten waren. „Allerdings möchte ich kein weiteres Geld von Ihnen. Das
beleidigt meine Gastfreundschaft."
„Das tut mir leid. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu beleidigen",
versicherte William schnell und sah sie aufmerksam an. Ihre Haare waren noch
immer nass und fielen glatt den Rücken herunter. Außerdem trug sie heute einen
Rock, zumindest einen Hosenrock aus hellbraunem Wildleder, dazu eine weiße
Bluse, deren Ärmel sie nun aufkrempelte. „Es ist nur sonst nicht meine Art, mich
aufzudrängen. So bin ich auch nicht erzogen worden."
„Das kann ich verstehen und ich rechne Ihnen das hoch an. Aber solange Sie hier auf meiner Ranch sind, sind Sie beide meine Gäste. Sie und Ihr Vater."
„Das ist außerordentlich großzügig", nickte William, auch wenn er am liebsten widersprochen hätte. „Aber diese Frau, die sich heute Nacht um meinen Vater kümmern soll…"
„Willow", half Elisabeth ihm auf die Sprünge.
„Ja, Willow", nannte er die ihm vollkommen fremde Person. „Nun jedenfalls kann ich sehr gut auf meinen Vater achten, dann kann… Willow… zuhause bleiben. Ich brauche auch kein zusätzliches Zimmer. Das Bett meines Dads ist groß genug und ich könnte…"
„Mr. McGray", unterbrach Elisabeth ihn ernst. „Sie können mir glauben, dass ich nicht vorhabe, hier eine Art von Großmut zu demonstrieren, die mir fremd ist. Willows Hauptaufgabe hier auf der Ranch ist das Versorgen kleiner und großer Verletzungen und etwaiger Kranker. Sie sehen also, dass es durchaus nichts Außergewöhnliches ist, sondern sie einfach der Arbeit nachgeht, für die ich sie bezahle." Finster betrachtete sie ihn, doch dann wurde ihr Blick milder. „Ich denke, Sie handeln ähnlich wie ich und sind es gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Das kann ich verstehen und ich nehme es Ihnen nicht übel. Aber vielleicht sollten Sie begreifen, dass auf so einer Ranch einiges anders läuft, als in einem normalen Haushalt."
„Entschuldigung", murmelte William. Aber diese Entschuldigung kam nicht aus seinem Herzen. Diese kleine Person vor ihm weckte seinen Kampfgeist und nur seine gute Erziehung hielt ihn zurück, ihr einmal gehörig die Meinung zu sagen. Seine Erziehung und die Tatsache, dass sein Vater mehr oder weniger bewusstlos daniederlag.
„Da wir das nun geklärt haben, könnten wir uns vielleicht über etwas Angenehmeres unterhalten", schlug sie vor und deutete mit der Hand auf eine Holzbank, die auf der Veranda stand. „Wir hatten bisher noch nicht die Gelegenheit."
„Was möchten Sie wissen?", erkundigte sich William, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte.
„Fangen wir doch damit an, dass Sie mir erzählen, was Sie bisher in Ihrem Leben so gemacht haben. Dass Sie aus Riverton stammen, weiß ich ja bereits, aber es gibt doch bestimmt noch viel mehr zu berichten."
William starrte für einen Moment vor sich hin. Die junge Miss brachte ihn
wieder zurück zu seinen Lügen und er hasste es. Also beschloss er, so nah an der
Wahrheit zu bleiben, wie es ihm möglich war. „Ich weiß nicht so ganz, wo ich
anfangen soll. Vielleicht wäre es besser, Sie würden mir Fragen stellen."
„Gut", nickte Miss Elisabeth. „Fangen wir doch damit an, dass Sie mir erzählen,
warum Sie sich auf den Weg nach Tucson gemacht haben. Wie ein Viehhändler wirken
Sie nicht gerade auf mich und ich glaube auch nicht, dass Sie mit der Eisenbahn
zutun haben."
„Das stimmt allerdings. Wir hatten in Riverton einen Laden. Sie wissen schon,
Kurzwaren, Nahrungsmittel… von allem ein bisschen."
„Und warum haben Sie, oder besser gesagt Sie und Ihr Vater, ihn aufgegeben?"
„Meine Mom ist… sehr plötzlich verstorben und er konnte wohl nicht länger
dort bleiben. Wissen Sie, die beiden waren ein seltsames Paar, und Fremde, die
neu in die Stadt kamen, hielten die beiden immer für frisch verheiratet. Ich
denke, es war für beide die große Liebe und mein Dad konnte wohl nicht an dem
Ort bleiben, an dem es so viele Erinnerungen gab."
„Das tut mir leid", sagte Elisabeth, „sowohl für Sie als auch Ihren Vater. Ich
selbst habe meine Mutter nie gekannt. Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Aber
ich weiß, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Mein Vater und ich…
wir standen uns sehr nahe und es war ein harter Schlag, als er letztes Jahr so
plötzlich von uns ging."
„Anya hat mir davon erzählt", sagte William leise. „Mein herzlichstes Beileid."
„Danke", sagte Elisabeth und verfiel einen Moment in Gedanken. „Aber wie kommen Sie auf Tucson? Haben Sie Verwandte dort oder Freunde?"
„Es ist wohl einfach eine Stadt, von der mein Vater gehört hat", mutmaßte William. „Ich wüsste jedenfalls nicht, dass wir dort Familie haben. Wahrscheinlich wollte er einfach nur weg und hat die nächstbeste Stadt ausgesucht."
„Und was haben Sie gemacht? Das Geschäft verkauft oder haben Sie es
verpachtet? Wollen Sie irgendwann zurück nach Riverton oder planen Sie, ein ganz
neues Leben zu beginnen?"
„Ich wäre gerne in Riverton geblieben", gab William unverblümt zu. „Dort bin ich
aufgewachsen, dort habe ich Freunde… alles, was man im Leben braucht. Aber mein
Dad hat alles verkauft. Den Laden, das Haus, sogar unsere verdammte Kuh.
Entschuldigung", meinte er dann. „Aber das ist ein Thema, mit dem ich selbst
noch nicht abgeschlossen habe. Sicher, meine Mom ist tot, aber…"
„Ich kann Sie gut verstehen", meinte Elisabeth. „Eigentlich kann ich auch
Ihren Vater verstehen. Allerdings muss ich sagen, dass ich niemals so handeln
könnte, wie er es getan hat. Er flüchtet vor den Erinnerungen, fürchtet sie
vielleicht sogar. Ich dagegen brauche diese Erinnerung. Es fallen einem so viele
Kleinigkeiten wieder ein, Dinge, die mein Vater und ich zusammen gemacht oder
erlebt haben… Ich könnte nicht ohne diese Erinnerungen leben."
„Für Sie ist es bestimmt auch nicht einfach gewesen. Auch, wenn Sie Ihre Mutter
bestimmt nicht vermisst haben." Er verzog das Gesicht. „Ich könnte mir zumindest
vorstellen, dass man niemanden vermissen kann, den man nie gekannt hat. Und dann
diese Ranch…"
„Meine Mutter… nein", stimmte sie ihm zu, „vermisst habe ich sie nie. Wohl bereut, dass ich sie niemals kennengelernt habe. Aber wie Sie bereits bemerkt habe, habe ich hier einige Beschützer." Sie lachte leise. „Xander haben Sie ja bereits erlebt. Aber eigentlich kann ich wohl sagen, dass jeder der Arbeiter auf mich achtet. In bin hier so sicher wie in Abrahams Schoß", lachte sie dann. „Aber das verschreckt auch einige der jungen Männer."
„Oh", machte William, wieder einmal verblüfft, wie offen sie jedes Thema
ansprach. „Das ist bestimmt nicht einfach."
„Im Grunde ist es ganz gut so", meinte sie dann und seufzte schwer. „An Liebe
glaube ich mittlerweile nicht mehr. Jeder, der sich hierher verirrt, hat
scheinbar nur ein Ziel. Mich so schnell wie möglich zu heiraten. Und glauben Sie
mir, das hat wenig mit meiner Person zu tun", sie lachte gehässig auf. „Es geht
wohl eher darum, was ich besitze." Dann sprang sie auf. „Vergessen Sie einfach,
was ich gesagt habe", meinte sie dann. „Der Tag war lang und ich bin doch sehr
müde. Aber vielleicht haben Sie morgen Lust, sich von mir die Ranch zeigen zu
lassen. Ich muss runter zur Farm und kann Ihnen dabei gerne alles zeigen."
„Das wäre sehr nett", nickte William und stand ebenfalls auf.
„Gut, dann ist das abgemacht", lächelte sie und streckte ihm die Hand entgegen.
„Gute Nacht, William."
„Gute Nacht, Miss", sagte er und sah ihr hinterher. Ein Gedanke schoss ihm durch
den Kopf und er verzog traurig das Gesicht. Jeder hatte sein verfluchtes
Päckchen zu tragen und wer vermochte zu sagen, welches leichter und welches
schwerer war? Seine Mutter fiel ihm ein. Eins ihrer Lieblingssprichwörter war …
es ist nicht alles Gold, was glänzt… und sie hatte verdammt Recht damit gehabt!
Teil 6
Wie abgesprochen, warf Anya William am nächsten Morgen schon beim Ersten Hahnenkrähen aus den Federn. Und William war ihr sehr dankbar dafür, allerdings aus anderen Gründen, als die gute Frau ahnte. Seine Träume hatten ihn auf Abwege geführt und er war ebenso erschrocken wie überrascht. Noch auf dem Bett sitzend, wischte er sich den Schlaf aus den Augen und versuchte die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben, die wieder und wieder aufflammten und scheinbar nicht wieder gehen wollten.
Er hatte sie geküsst. Hatte die junge, wunderschöne Elisabeth geküsst und in seinen Träumen hatte sie nichts dagegen gehabt. Ganz im Gegenteil.
„Reiß dich zusammen", schimpfte er und sprang endgültig auf. „Du hast eh keine verdammte Chance bei ihr."
Im Normalfall und unter anderen Umständen hätte er vielleicht sein Glück versucht, so aber war es einfacher, die ganze Geschichte gleich wieder zu vergessen. Mit dem, was ihm noch bevorstand und dem, was sein Vater im Sinn hatte, war er vollauf beschäftigt und es war gut möglich, dass er Elisabeth niemals wieder sah, sobald sein Vater zur Gänze genesen war und sie die Ranch verlassen hatten.
Rasch wusch und rasierte er sich und ging dann durch das Wohnzimmer, in dem Willow gerade dabei war, die Kissen des Sofas wieder zu richten, auf dem sie genächtigt hatte. Am Abend zuvor hatte er sie das erste Mal getroffen und er hielt sie für eine sehr seltsame Person. Ihre Haare leuchteten Feuerrot im Morgenlicht und überhaupt wirkte sie so, als wäre sie nicht von dieser Welt.
„Ah, Mr. McGray. Schon so früh auf den Beinen?", fragte sie auch gleich gutgelaunt und ließ sich auf das Sofa nieder.
„Allerdings", nickte William. „Miss Summers ist so nett, mir heute die Ranch zu zeigen und da sie gerne früh aufsteht, dachte ich, ich schließe mich an." Er sah sie an. „Wie geht es meinem Vater?"
„Nun ja, was soll ich groß sagen, was Sie selbst nicht schon wüssten? Wir müssen den heutigen Tag abwarten, dann kann ich mehr sagen. Ich habe ihm heute Nacht ein wenig meiner selbst zusammengebrauten Medizin eingeträufelt und nun heißt es warten, wie er darauf reagiert."
„Selbst zusammengebraut?", wiederholte er verunsichert. Er wusste nicht wirklich, was er dazu sagen sollte und starrte sein Gegenüber sprachlos an.
„Nicht jeder, der sich ein wenig auf Krankheiten und deren Heilung versteht, muss auch unweigerlich Medizin studiert haben", schimpfte Willow auch sogleich los. „Meiner Meinung nach legen die heutigen Doktoren viel zu wenig Wert auf altbekannte Hausmittel, Kräuter und Pflanzen, die von Heilern und Medizinmännern schon seit Ewigkeiten genutzt werden." Sie rümpfte die Nase. „Buffy vertraut mir. Und das nicht nur bei Ihrem Vater."
„Buffy?", fragte William verwirrt. „Ist das ein Name?"
„Ich meinte Miss Elisabeth", brummte Willow und schürzte die Lippen. „Ihr Vater hat sie immer so genannt und da sie… ja, ich kann schon sagen, meine beste Freundin ist, benutze ich den Namen auch."
Fast herausfordernd sah sie ihn an, doch William nickte nur kurz. Der Name Buffy hin oder her… Wenn er eines hier auf der Ranch gelernt hatte, dann war das, das Miss Elisabeth wusste, was sie tat. Und wenn sie auf Willow und deren Heilkunst vertraute, dann tat er gut daran, es ebenso zu halten. „Vielleicht sollte ich heute doch lieber hier bleiben. Wenn Ihre Medizin gut ist, wacht er vielleicht auf und ich…"
„Ach was", unterbrach Willow ihn, sichtbar zufrieden, dass er ihr offensichtlich doch vertraute. Mit der Hand wischte sie ein paar Falten auf dem Kleid glatt, das schon bessere Zeiten gesehen hatte und lächelte dabei. „Ich habe ihm eine Mischung aus Thymian, Salbei, Spitzwegerich, Pfefferminze und Weidenrinde eingeträufelt. Wenn die Mischung so wirkt, wie sie sollte, wird er leichter atmen können und auch seine Schmerzen werden gemildert. Er wird schlafen wie ein Baby. Außerdem sind Sie ja nicht aus der Welt. Sollte irgendetwas Unvorhergesehenes eintreten, so schicke ich einen der Jungs los, Sie zu holen."
„Einverstanden", nickte William einigermaßen erleichtert. Es fiel ihm immer schwerer, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen und war dankbar für jede Abwechslung. Und gerade die bot ihm Miss Elisabeth heute. Er bedankte sich rasch bei Willow und betrat dann das Zimmer seines Vaters, um zumindest einmal nach ihm zu schauen. Doch wie immer, seitdem sein alter Herr krank daniederlag, schaffte er es kaum länger als fünf Minuten im Raum zu verharren und so beeilte er sich, in die Küche zu kommen.
„Ah", lächelte Anya, als er den Raum betrat. „Da sind Sie ja. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Miss Elisabeth schon in den Pferdestall gegangen ist. Sie lässt dort zwei der Tiere satteln und holt Sie dann hier ab."
„Ach du meine Güte", entfuhr es ihm. „Und ich habe mich extra so beeilt."
„Es ist nicht leicht, mit ihr schrittzuhalten", meinte Anya weise. Sie bedeutete
ihm, sich an den Tisch zu setzten und stellte auch sogleich einen Teller, voll
gepackt mit Rührei, Würstchen und Brot, vor ihn ab. „Essen Sie, Sir", sagte sie
und stellte eine dampfende Tasse Kaffee daneben. „Sie wollen die Miss doch nicht
warten lassen."
Als William schließlich die Treppe der Veranda hinab schritt, kam ihm die junge Miss Summers auch schon entgegen. Sie führte zwei Pferde mit sich und lächelte, als sie ihn erreichte. „Guten Morgen."
„Gute Morgen, Miss", meinte er und lüftete kurz seinen Hut. Dann sah er, dass sie ihn böse anfunkelte und er runzelte die Stirn. „Habe ich etwas Falsches gesagt?"
„Nicht wirklich", brummte sie, „aber ich kann die Anrede Miss einfach nicht
mehr hören. Ich weiß selbst, dass sie grundsätzlich richtig ist, aber ich komme
mir jedes Mal mehr wie eine alte Jungfer vor und noch habe ich nicht aufgegeben.
Es wäre mir sehr lieb, wenn wir uns einfach beim Vornamen nennen würden."
„Im Prinzip hätte ich nichts dagegen", lächelte William verschmitzt und seine
blauen Augen leuchteten auf. „Allerdings sollten Sie das Xander erklären, bevor
er mich umbringt."
Elisabeth lachte. „Das werde ich", meinte sie und streckte ihm beinahe feierlich die Hand entgegen. „Also dann, William. Dann wollen wir den Tag beginnen."
Mit einem gewaltigen Satz, den er ihr kaum zugetraut hatte, schwang sie sich auf den Rücken des riesigen Wallachs und er beeilte sich, ebenfalls in den Sattel zu kommen.
„Welche Richtung schlagen wir ein?", fragte er und sie lachte.
„Es gibt nur die Eine. Außer du willst zurück in den Wald, aus dem ihr
herausgepoltert seid."
„Nein, danke", grinste William. „Einmal war genug."
„Gut", lächelte sie und wendete ihr Pferd. „Dann also hier lang."
*~*~*
Im Schritttempo ritten sie an dem Pferdestall vorbei und William sah erstaunt, dass weit hinter dem Gebäude noch zwei weitere Holzbauwerke standen, die Elisabeth ihm als Stall für das Milchvieh und Gerätschuppen erklärte.
Vor dem Schuppen stand ein alter Mann, der sie zahnlos anlächelte und mit seinem Hut winkte.
„Guten Morgen, Johnny", rief sie und der alte Mann krähte zurück. „Er ist einer der ältesten Männer auf der Ranch", erklärte sie dann William. „Er war einer der Ersten, die mein Vater damals eingestellt hat. Er wohnt sogar im Schuppen, hat sich eine Ecke häuslich eingerichtet. Ich habe oft versucht ihn davon zu überzeugen, dass er es im Gemeinschaftshaus viel bequemer hätte, aber er besteht darauf, im Schuppen zu bleiben. Aber immerhin geht er regelmäßig zu den Mahlzeiten hinüber", sagte sie dann.
„Ein wahres Unikum also", stellte William fest.
„Da haben wir so Einige von", lächelte Elisabeth. „Und zwei davon wirst du heute noch kennenlernen."
William sah sich neugierig um. Das Gelände erschien ihm sauber und aufgeräumt. Trotz der vielen Bäume lagen nirgendwo abgebrochene oder vertrocknete Äste herum und es gab auch keine morschen Stämme. Dann blitzte etwas in der Sonne auf und er reckte sich, um zu sehen, was es war. Schnell warf er einen flüchtigen Blick auf seine Begleitung, doch Elisabeth sagte kein Wort. Das musste sie auch nicht, er erkannte einen Friedhof, wenn er ihn sah und viel zu erklären gab es wohl nicht.
Dann änderte sich die Landschaft, und das so plötzlich, das er sein Pferd zügelte und stehen blieb. „Was ist das?"
„Hier fängt das Gelände der Farm an", erklärte Elisabeth.
William drehte sich um und sah zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er durch ein Tor oder ähnliches gekommen war, das normalerweise den Weg zur Ranch einfasste. Überhaupt war es sehr seltsam, das diese Farm keinen eigenen Zuweg hatte, sondern den gleichen wie die Ranch benutzte.
Allerdings gab Elisabeth ihm schnell die Antwort, auf eine noch nicht gestellte Frage. „Die Farm gehört zur Ranch. Als mein Vater damals anfing, hatte er tatsächlich vor ein Farmer zu werden." Sie lächelte. „Freilich hat er schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige für ihn ist und er hat weiter hinten begonnen, sich eine Ranch aufzubauen."
„Er hat die Farm also verpachtet?", fragte William und blickte über weite, endlos scheinende frisch bestellte Felder.
„Nein, nicht wirklich. Er hat immer unabhängig sein wollen und so hat er einfach Leute eingestellt, die das Gelände für ihn bewirtschaften. So war er nicht darauf angewiesen, Weizen, Gemüse und anderes zu kaufen."
„Dein Vater muss ein sehr außergewöhnlicher Mann gewesen sein."
„Das war er", nickte Elisabeth und für einen Moment verdüsterte sich ihr Gesicht. Dann seufzte sie und sah William wieder an. „Die Farm ist übrigens ähnlich strukturiert wie die Ranch. Es gibt ein Haupthaus, das Mr. Giles, der Vorarbeiter, bewohnt, ein Gemeinschaftshaus für die Farmarbeiter, einen Geräteschuppen und ebenfalls einen Viehstall."
Ganz langsam sickerten die riesigen Dimensionen des gesamten Geländes in Williams Bewusstsein und er nickte beeindruckt. Der alte Mr. Summers hatte eine unglaubliche Gabe besessen, ein riesiges Imperium aus dem Nichts zu erschaffen und er zog in den Gedanken seinen Hut vor dem ihm unbekannten Mann. Vielleicht war ihm einiges in den Schoß gefallen, aber William glaubte eher zu wissen, dass es ein hartes Stück Arbeit gewesen sein musste, überhaupt so weit zu kommen.
„Lass uns weiterreiten", holte Elisabeth ihn aus seinen Gedanken. „Ich muss mit Rupert, Mr. Wellington, über die neue Maissorte reden, die er angepflanzt hat. Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie sehr Schädlingsanfällig ist und ich muss sicher sein, genug Vorräte für den Winter anhäufen zu können."
Dann lächelte sie. „Rupert ist auch ein wahres Unikum", meinte sie dann. „Er pflanzt alles an. Jeden Samen, jeden Korn, den er in die Hände bekommt. Es sind schon ein paar wunderliche Dinge dabei rausbekommen. Ein Jahr hatten wir ein riesiges Klatschmohnfeld, weil einer der Arbeiter die Samen mit Rettichsamen verwechselt hat und letztes Jahr hatten wir Unmengen von roten Linsen. Anya schüttelt sich heute noch, wenn sie daran denkt."
William lachte. „Das klingt wirklich sehr interessant. „Hat er dieses Jahr auch Überraschungen in petto?"
„Gut möglich", lächelte Elisabeth und ihre grünen Augen funkelten belustig. „Solange es nicht wieder rote Linsen sind."
Teil 7
Ein laues Lüftchen wehte, verströmte einen würzigen Duft und William drehte sich auf dem Rücken seines Pferdes hin und her. Er konnte kaum in Worte fassen, was er da sah und es würde bestimmt noch einige Zeit dauern, bis er selbst begriff, dass es kein Traum war.
Rechts vom Weg gingen unendliche Mais- und Getreidefelder ab, die bis zum Horizont zu reichen schienen, es gab Anpflanzungen und große Beete mit unzähligen Blumen- und Gemüsesorten und links lag eine ausgedehnte Obstplantage, die bis hinauf zu den Hügeln reichte.
Elisabeth hatte ihn kurz mit dem Leiter der Farm, Rupert Wellington, bekannt gemacht, sich dann jedoch entschuldigt, da sie mit ihrem Angestellten alleine sprechen wollte. Doch William hatte das nichts ausgemacht. Immerhin hatte er bei Gesprächen, die sich ausschließlich um die Arbeit drehten, nun wirklich nichts zu suchen. Er war nur ein Gast auf der Farm und wollte bestimmt nicht den Eindruck erwecken, er würde sich einmischen.
Er hatte die Zeit genutzt, sein Pferd den sandigen Weg hinaufgeführt und sich die Umgebung eingehend angesehen. Irgendwann war er sogar abgestiegen und war zu Fuß weitergegangen. Die Obstplantage hatte es ihm besonders angetan, da es offensichtlich eine Bewässerungsanlage gab und er konnte sich schon vorstellen, wer sie geplant und gebaut hatte.
Langsam lief er durch die Baumreihen und genoss die Stille des Augenblicks. Einige der Bäume blühten bereits in voller Pracht, andere standen kurz vor der Blüte und wieder andere schienen gerade erst aus dem Winterschlaf zu erwachen.
William war bei Weitem kein Botaniker. Ganz im Gegenteil, bisher hatte er sich um Obst jeglicher Art nur gekümmert, wenn es darum ging, es zu verspeisen oder zu verkaufen. Doch dieser Ort strahlte einen Frieden aus, der bis in seine Seele zu dringen schien.
Tief atmete er die würzige Luft ein und verharrte einen Moment regungslos. Es war fast so, als wollte er die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlte, einfangen, um sich für den Rest seines Lebens daran zu erinnern.
Doch dann war der Moment vorbei und er interessierte sich brennend für die unendlich vielen Rohrleitungen, die zur Bewässerung kreuz und quer durch die gesamte Plantage verlegt worden waren. Es konnte nur so sein, das dies eine der glorreichen Erfindungen war, die der alte Summers erdacht hatte, und er folgte einem Rohr hinauf in die Weiten der Baumpflanzung. Allerdings traf er auf seinem Weg nur auf weitere, immer dicker werdende Rohre, die die kleineren speisten.
„Das Rohrleitungssystem ist sehr verzweigt und führt bis in die Berge
hinauf", erklärte Elisabeth und William zuckte zusammen. „Entschuldigung. Ich
wollte dich nicht erschrecken."
„Schon gut", lächelte er und fühlte sich seltsam ertappt. „Ich hatte dich gar
nicht kommen hören." Dann zeigte er hinauf in die Hügel, die beständig anwuchsen
und in einem Gebirgsrücken endeten. „Bis da hinauf?"
„Ja, allerdings. Dort oben gibt es einen riesigen Bergsee, der unsere Obstplantage und zum Teil auch die Getreidefelder bewässert. Wir hatten vor ein paar Jahren eine wirklich schlimme Dürreperiode, die sich über mehrere Sommer hinzog und deswegen hat mein Vater…"
„… sich etwas einfallen lassen", beendete William beeindruckt den Satz. „Er war wirklich ein Genie."
„Ja", seufzte Elisabeth. „Er war wirklich gut in so was." Dann sah sie auf und lächelte wieder. „Der Bau der Leitung hat fast drei Jahre gedauert und wie du dir vorstellen kannst, hat er Unsummen von Geld verschlungen."
„Das kann ich mir allerdings vorstellen", nickte William, ganz Kaufmann. „Aber ich denke, es rentiert sich."
Sie lächelte breit. „Das tut es allerdings." Dann zeigte sie den langen Weg durch die Plantage entlang auf den Zuweg der Ranch. „Wir sollten jetzt weiterreiten. Sonst kommen wir zu spät zum Mittagessen und Anya schimpft mit uns."
„Ist es schon so spät?", fragte William, lief jedoch bereitwillig neben ihr her. War wirklich schon so viel Zeit vergangen? Er konnte es kaum glauben und Elisabeth wiegelte auch sofort ab.
„Nein, nein. Aber wir sind noch nicht ganz fertig mit der Führung."
„Ich bin schon gespannt, was es sonst noch zu sehen gibt", sagte er übermütig und grinste verwegen. „Vielleicht gibt es noch eine eigene Stadt auf dem Gelände, oder eine eigene Eisenbahnlinie." Er lachte und sie fiel mit ein.
„Nein. Wir haben das Grundstücksende fast erreicht. Noch ungefähr zwei Meilen, dann sind wir am Pförtnerhaus."
William wusste nicht, was ihn mehr verwunderte. Die zwei Meilen, die ihrer Meinung nach kurz zu sein schienen, oder aber der Ausdruck Pförtnerhaus, der er noch nie gehört hatte. Er entschied sich für Letzteres und hob verdutzt die Brauen, als sie ihn ansah. „Was bitte ist ein Pförtnerhaus?"
„Wir haben das Gebäude erst vor ein paar Jahren errichtet und wussten dann nicht, wie wir es nennen sollten", versuchte sie zu erklären. „Es ist albern", gestand sie dann leise, „Aber mein Dad hat gehört, das einige Schlösser in England ein eben solches Haus haben. Darin wohnen meist Angestellte, die sich um die Ländereien kümmern, aber eben auch den Zuweg bewachen. Sie achten darauf, wer das Grundstück betritt."
Nun konnte sich William ausmalen, wovon sie sprach, doch verstehen konnte er es nicht und so blieb er stehen und sah sie fragend an. „Und wofür braucht eine Ranch ein Pförtnerhaus?"
„Es ist nicht immer einfach, einen solchen Besitz zu leiten", sagte Elisabeth und wirkte beinahe beschämt. „Es kommen eine Menge Menschen. Einige suchen Arbeit, andere kommen um zu … um zu betteln." Sie sah ihn an und zuckte verlegen mit den Schultern. „Wir geben gerne, haben es immer schon getan. Aber unser Augenmerk richtet sich auf die Menschen aus der Umgebung und unserer Stadt. Wir können nicht…"
„Sehr verständlich", sagte William schnell und lächelte sie an. Dann dachte er an längst vergangene Tage. Sein Vater war einst genauso gewesen. Auch er hatte Bedürftigen immer unter die Arme gegriffen, wenn es in seiner Macht gestanden hatte. Er hatte immer da geholfen, wo er hatte helfen können. Natürlich wahrscheinlich in bedeutend kleineren Rahmen, als es hier der Fall war, aber auch sein Dad hatte ihn früher schon gewarnt.
„Sei immer gut zu den Menschen", hatte er oft gesagt. „Unterstütze die, die Hilfe brauchen und sich nicht selbst aus ihrem Dilemma befreien können. Aber achte immer darauf, dass man dich nicht ausnutzt."
„Du findest das bestimmt furchtbar", seufzte Elisabeth, seine Schweigsamkeit missverstehend. „Aber wir können nicht jedem helfen."
„Ich finde das nicht furchtbar", beeilte er sich zu sagen. „Das ist durchaus verständlich. Ansonsten wäre eure Ranch schon längst überlaufen."
„Leider muss man sehr aufpassen", gestand sie und zuckte wieder mit den Schultern.
Sie waren an der Zuwegung der Ranch angelangt und Elisabeth band ihr Pferd los. „Und genau aus dem Grund haben wir das Haus am Anfang des Geländes gebaut. Samuel Lancaster, der das Haus mit seiner Frau bewohnt, ist so was wie ein Wachhund", erklärte sie dann und katapultierte sich wieder auf den Rücken ihres Wallachs.
„An ihm muss praktisch jeder vorbei, der bis hinauf zur Ranch will", sagte sie dann und zuckte erneut mit den Schultern. „Er hat eine unglaubliche Menschenkenntnis und sortiert schon vorher aus, wenn wir zum Beispiel in den Sommermonaten Erntehelfer einstellen oder einmal im Monat überschüssige Vorräte verteilen."
„Was eine gute Idee ist", nickte William, der mehr und mehr begriff, was für eine straffe Ordnung diese Ranch hatte, ja haben musste, um in einer solchen Form und einer solchen Größe Bestand zu haben. Eine lasche Handhabung hätte vielleicht alles zerstört und er bewunderte Elisabeth dafür, dass sie die alleinige Führung übernommen hatte und diese Gradwanderung offensichtlich beherrschte.
Wenn er jedoch über diesen Samuel Lancaster nachdachte, dann hatte er einen drahtigen jungen Burschen vor Augen, der mit einem Gewehr auf den Schultern den Zuweg zur Ranch sicherte. „Aber es gibt doch bestimmt auch andere Wege, um hinaus zum Haupthaus zu gelangen."
Er schwang sich in den Sattel und grinste sie an. „Ich habe auch einen gefunden."
„Eigentlich haben wir durchblicken lassen, dass es keinen Sinn macht, sich nicht an den regulären Weg zu halten. Niemand wird zum Beispiel zu mir durchgelassen, der nicht vorher von Samuels durchdringenden Blicken durchbohrt wurde. Außerdem ist der Weg durch den Wald sehr kompliziert und fast nicht zu bewältigen."
„Du bist eine große Ausnahme", lächelte sie dann. „Was aber wohl eher daran lag, dass du einen sterbenskranken Mann auf einem deiner Pferde hattest." Sie lächelte ihn verwegen an. „Es lag nicht nur an deinen wunderschönen, durchdringenden blauen Augen, wie du vielleicht vermutest." Sie presste die Lippen aufeinander, nickte kurz und gab dann dem Wallach einen leichten Kick in die Flanken, woraufhin das Tier sofort losgaloppierte und eine gewaltige Staubwand aufwarf.
William konnte für einen Moment nichts weiter tun, als ihr hinterher zustarren. Doch dann grinste er breit. „Eine wirklich unglaubliche kleine Person", sagte er zu sich selbst, schüttelte noch immer lachend den Kopf und eilte ihr dann hinterher.
*~*~*
Elisabeth hatte ihn irgendwann aufholen lassen und ihn angelächelt. „Mal sehen, wie gut du bist", hatte sie gelacht, ihr Pferd wieder losstürmen lassen und zusammen lieferten sie sich ein Rennen, das sie weit über die Grenzen der Ranch hinausführte.
„Nicht schlecht", lachte sie, als sie ihren Wallach schließlich doch zügelte
und das Tier sofort in einen sanften Trab verfiel. „Reiten kannst du
jedenfalls."
„Ich kann noch bedeutend mehr", sagte William bedeutungsschwer.
„Was du dann beweisen müsstest", grinste Elisabeth und drückte ihren Hut wieder fest auf den Kopf, der sich beim Rennen gelöst hatte und, durch ein Band gehalten, auf ihren Rücken gefallen war.
„Vielleicht bekomme ich ja eine Gelegenheit", lächelte William und wendete, wie sie selbst, sein Pferd. „Ist dort hinten die Stadt?", erkundigte er sich und deutete mit der Hand hinter sich.
„Ungefähr drei Meilen weiter", nickte sie dann, offensichtlich erleichtert über den Themawechsel. „Aber Plainville ist eigentlich keine wirkliche Stadt. Mehr ein Kaff in dem jeder jeden kennt. Nicht groß halt", erklärte sie dann. „Aber wir haben einen eigenen Bahnhof, was gut für uns ist."
Zusammen ritten sie den Weg zurück zur Ranch und William entdeckte das große Tor, das er am Eingang der Farm vergeblich gesucht hatte. Summers Ranch stand in eingebrannten Lettern auf dem großen Holzbrett, allerdings hatte man auf weitere Verzierungen verzichtet, was ihn jedoch nicht wunderte. Hier protzte niemand mit seinem Vermögen und Williams Bewunderung wuchs noch ein kleines Stückchen mehr an.
Dann entdeckte er Samuel Lancaster, der offensichtlich erstaunt über den Ausfall aus der Ranch aufgesprungen war und nun bitterböse guckte. Dann erkannte er Elisabeth und er lächelte. „Ah, Miss. Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen." Dann fiel sein Blick auf William und sein Gesichtsausdruck wurde wieder finster.
„Schon gut", lächelte Elisabeth ihn an. „Das ist William McGray, der seinen Vater durch den Wald zu uns gebracht hat.
„Oh. Ach so", nickte Samuel, der vollkommen anders war, als William ihn sich vorgestellt hatte.
Er war weder jung noch drahtig, sondern bereits in die Jahre gekommen und er hinkte schwer über den sandigen Boden. „Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?", fragte er, während er auf das Haus zuhumpelte, das verborgen unter starken Eichen stand. „Meine Frau Linda hat heute Morgen eine frische Limonade gemacht."
„Nein, danke schön", lächelte Elisabeth. „Wir müssen uns so langsam auf den
Rückweg machen. Anya wartet nicht gerne. Wir sind auch nur unterwegs, weil ich
Mr. McGray einmal die Ranch zeigen wollte."
„Verstehe", nickte Samuel und humpelte auf seine Veranda. Er setzte sich auf
seinen Schaukelstuhl und sah William wieder fest an. Doch dann wandte er sich
plötzlich an Elisabeth. „Grüßen Sie Xander schön von mir und sagen Sie ihm, dass
er gut auf Sie achten soll."
„Das tut er auch so", lachte sie und verabschiedete sich rasch.
„Wow", murmelte William, als sie einige Meter zurückgelegt haben. „Hier passt wohl wirklich jeder auf dich auf. Ich habe durchaus verstanden, warum Mr. Lancaster extra Xander erwähnt hat."
„Stimmt", sagte sie. „Manchmal ist ein Fluch, manchmal ein Segen." Sie sah ihn an. „Die meisten der Männer kennen mich von klein auf." Sie zuckte mit den Schultern. „Sie halten es scheinbar für ihre Pflicht, seitdem mein Vater…"
William nickte nur. Er konnte gut verstehen, warum diese Ranch so gut funktionierte. Zum einen war es die straffe Ordnung, die alles zusammenhielt und zum anderen, dass sie trotz der Größe wie ein Familienunternehmen geführt wurde. Jeder fühlte sich jedem verpflichtet und seiner Meinung nach gab es kaum etwas Besseres.
„Wir sollten uns ein wenig beeilen", sagte Elisabeth. Sie hatte ihr Pferd gestoppt und sich aufmerksam umgesehen. „Das Wetter wird umschlagen. Vielleicht ein Sturm oder ein Unwetter."
Mit gerunzelter Stirn tat es ihr William gleich. Auch er sah sich um, doch außer Sonnenschein und dem lauen Lüftchen bemerkte er nichts. Aber er stellte keine Fragen und lächelte. „Dann nichts wie los."
Teil 8
Das Hochgefühl und der Hauch von Normalität verpuffte, kaum dass William das Haupthaus der Ranch betreten hatte. Denn sofort eilte Anya ihm entgegen und lachte ihn freudestrahlend an.
„Ihr Vater ist aufgewacht. Er hat schon nach Ihnen gefragt."
Nur mühsam schaffte er es zu lächeln. „Danke schön, das ist eine gute Nachricht." Doch sein Magen fühlte sich an, als würde er sich umdrehen und die Welt um ihn herum schien zu schwanken, schien sich in ein Schiff verwandelt zu haben, das auf hohem Wellengang segelte und William musste sich für einen Moment an einer Kommode festhalten.
„Er war wirklich sehr verwirrt", plapperte Anya gleich drauflos. „Aber Willow hat sich gut um ihn gekümmert und er hat sich schnell wieder beruhigt. Erst war er nämlich sehr böse, Sir. Aber nachdem wir ihm erklärt hatten, warum er sich hier auf der Ranch befindet, hat er wohl eingesehen, dass Sie keine andere Möglichkeit hatten, als ihn hierher zubringen."
„Hat er schon etwas zu Essen bekommen?", erkundigte sich Elisabeth. „Er wird nach diesen schweren Tagen sehr schwach sein."
„Selbstverständlich", brummte Anya eingeschnappt. Wie konnte ihre Chefin nur darauf kommen, dass sie sich nicht gut kümmern würde? Doch dann wurde ihr Gesicht milder. „Er hat ein wenig von der Suppe gegessen, dann ist er wieder eingeschlafen. Willow ist inzwischen rauf zum Gemeinschaftshaus. Einer der Männer ist unter die Hufe eines Stiers gekommen."
Sie schüttelte den Kopf. „Versteh dass, wer will. Die Männer arbeiten doch seit Jahren hier. Sie müssten doch wissen, dass man zu einem Stier nicht auf die Weide geht. Nun, jedenfalls hat er üble Abschürfungen und vielleicht ist sogar ein Fuß gebrochen. Willow kommt zurück, sobald sie die Zeit dafür hat."
William hörte das Gespräch, dass die beiden Frauen führten, nur am Rande. Er dachte an das, was ihm bevorstand und hätte es in seiner Macht gelegen, hätte er die Unterredung mit seinem Vater gerne verschoben. Dann seufzte er leise und wandte sich an Elisabeth. „Entschuldige bitte, aber ich werde dann mal nach meinem Vater sehen."
Etwas verwirrt sah sie ihn an. „Selbstverständlich."
Er bemerkte noch den fragenden Blick, den Anya Elisabeth zuwarf, dann trat er hinaus ins Wohnzimmer. Vor der Tür des Zimmers, indem er nun seinen Vater leise rumoren hörte, blieb er einen Moment stehen und wappnete sich für das, was unweigerlich folgen musste.
„Dann mal ab in Teufels Küche", murmelte er leise und öffnete die Tür.
*~*~*
Sein Vater starrte ihn aus trüben Augen an, doch wie erwartet lag keine Gutmütigkeit in seinem Blick. „William", krächzte er heiser und versuchte sich aufzusetzen.
Sofort war William bei ihm und stützte ihn. „Dad", sagte er leise. „Gott sei Dank bist du wieder bei dir."
„Warum hast du mich hierher gebracht?" Die Stimme Joseph McGrays klang vorwurfsvoll, so leise sie auch war. Er schob seinen Sohn von sich und starrte bitterböse zu ihm hinauf. „Warum?", hustete er. „Warum?"
„Was hätte ich deiner Ansicht nach sonst tun sollen? Du bist einfach vom Pferd gekippt. Ich hatte gar keine andere Wahl, als dich zu einem Arzt zu bringen. Und diese Ranch war das erste Gebäude, das ich gefunden habe. Und sie haben dich außerordentlich gut versorgt."
Das Gespräch, das daraufhin entbrannte, wurde immer hitziger und William platzte zum ersten Mal in seinem Leben der Geduldsfaden. Nie zuvor hatte er seinen Vater angeschrieen, nun aber konnte er sich nicht länger zurückhalten. „Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Dich einfach in dem gottverlassenen Wald zurücklassen? Hätte ich dich krepieren lassen sollen? Einfach so? Du warst nicht einmal bei Bewusstsein, verdammt! Aber vielleicht hast du Recht! Ich hätte dich zurücklassen sollen. Dann wäre es nämlich endlich vorbei gewesen. Endlich!"
Joseph sagte nicht viel. Er starrte nur böse vor sich hin und zischte dann genau das, was William so gar nicht hören wollte. „Du hast es versprochen!"
„Und wie hätte ich mein Versprechen einhalten sollen, wenn ich dich nicht hierher gebracht hätte?", fragte er leise. „Niemand weiß, wer wir wirklich sind und was wir vorhaben. Ich habe ihnen erzählt, wir wären geschäftlich auf dem Weg nach Tucson."
Doch auch darauf reagierte sein Vater nicht. „Lass mich allein. Ich bin jetzt müde." Demonstrativ hatte er sich zurück auf das Kissen gelegt und die dicken Decken bis zu den Augen hochgezogen.
William war gegangen. Doch zurück in die Küche hatte er, mit all der unterdrückten Wut im Bauch, auch nicht gehen können. Er konnte wohl schlecht seine miese Laune an den Leuten auslassen können, die ihn und seinen Dad so freigiebig aufgenommen hatten. Also blieb ihm nur ein Raum. Nämlich das Schlafzimmer, das Elisabeth ihm großzügigerweise zur Verfügung gestellt hatte.
Er setzte sich aufs Bett, stand wieder auf und baute sich vor dem Fenster auf. Dunkle Regenwolken zogen auf und William seufzte. Es war fast so, als würde sich das Wetter seiner Laune anpassen und er schüttelte den Kopf. Was hätte er anders machen können? Was hätte er denn sonst tun können, um seinen Vater zu beschützen? Er fand keine Antwort und eigentlich war ihm bewusst, dass es darauf gar keine andere Antwort gab, als die, die er sich selbst schon lange gegeben hatte. Alleine hätte er es nie geschafft, seinen Vater am Leben zu erhalten. Doch warum sah der alte Herr das nicht ein? Warum konnte sein Vater nicht verstehen, dass er, William, doch wirklich alles Menschenmögliche tat, um sein verdammtes Versprechen zu halten?
*~*~*
Eine halbe Stunde später klopfte es zaghaft an seiner Tür und William, der immer noch am Fester stand, drehte sich seufzend herum und rief: „Herein!"
Elisabeth steckte den Kopf durch die Tür und sah ihn fragend an. „Das Mittagessen ist fertig", meinte sie und kam ganz herein. „Alles in Ordnung?"
„Alles bestens", versuchte William ein Lächeln. Doch dann schüttelte er den Kopf und winkte mit der Hand ab. „Mein Dad ist sauer auf mich. Er denkt vielleicht, wir hätten es auch alleine geschafft und dann kommt natürlich noch die Unterbrechung unserer Reise. Möglicherweise denkt er, wir kommen nicht termingerecht an. Oder was weiß ich auch immer!"
„Dein Dad wäre gestorben, wenn du ihn nicht hierher gebracht hättest", sagte sie sachte und setzte sich auf die Bettkante. „Das weiß er doch sicherlich, oder?"
„Wissen tut er es", brummte er und schüttelte den Kopf. „Aber, ob er es wissen will, ist eine andere Frage. Er hat sich nach dem Tod meiner Mutter sehr verändert", sagte er dann und wusste nicht, ob er versuchte, es Elisabeth oder sich selbst zu erklären. „Er war nicht immer so… so griesgrämig. Aber jetzt scheint es so, als würde er mit nichts mehr zufrieden sein."
„Es ist nicht einfach, jemanden zu verlieren, den man geliebt hat", murmelte Elisabeth leise und zuckte mit den Schultern.
„Verdammt noch mal, das weiß ich. Immerhin war sie meine Mutter!" Dann seufzte er und setzte sich neben sie auf das Bett, wobei er allerdings auf Abstand achtete. „Entschuldige. Ich hätte meine Wut nicht an dir auslassen dürfen. Dein Verlust war nicht geringer als meiner, aber mir scheint es fast, als hätte ich Vater und Mutter am gleichen Tag verloren."
Mehrere Minuten vergingen, in denen keiner ein Wort sagte. Dann stand Elisabeth auf und lächelte schüchtern. „Lass uns in die Küche gehen. Sonst bekommen wir außerdem noch Ärger mit Anya. Und glaub mir, das kann sehr… anstrengend sein."
William lachte, stand ebenfalls auf und folgte seiner Gastgeberin in die Küche. Anya, Xander und die beiden Kinder saßen bereits am Tisch und sahen alle erstaunt auf, als die beiden eintraten.
„Alles in Ordnung?", fragte Xander sofort misstrauisch. Sein Blick wanderte zwischen Elisabeth und William hin und her und seine Augenbrauen verzogen sich sorgenvoll.
„Alles bestens", versicherte die Hausherrin lächelnd und setzte sich. „Wir haben uns nur unterhalten und dabei ein wenig die Zeit vergessen", sagte sie leichthin. „Und jetzt haben wir Hunger und können es kaum erwarten, Anyas köstliches Mittagessen zu verschlingen."
*~*~*
Der Nachmittag schlich dahin. Immer weniger Licht fiel durch die Fenster und der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr. Elisabeth hatte also recht gehabt, mit ihrer Vorhersage, dass ein Wetterwechsel bevorstand. Wahrscheinlich hatte sie Anzeichen dafür gesehen, die William entgangen waren. Aber hier auf der Ranch wurde so naturnah gearbeitet, dass es vielleicht sogar überlebenswichtig war, auf jeden Wetterwechsel zu achten.
William stand wieder am Fenster seines Zimmers. Er wusste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Sein Vater wollte offensichtlich nichts von ihm wissen, denn ansonsten hätte sich Willow bestimmt bemerkbar gemacht, die am frühen Nachmittag zurückgekehrt war, um die Pflege des Kranken wieder zu übernehmen.
Jetzt ging es schon langsam auf den Abend zu und die Dunkelheit verstärkte sich jede Sekunde. Hin und wieder sah William Männer am Fenster vorbeieilen. Er wusste, dass sie versuchten, die Ranch vor dem Sturm zu sichern. Elisabeth war sogar mit Xander noch einmal hinaus geritten, um ein paar der tragenden Kühe in den sicheren Stall zu bringen. Sie wollten und mussten wohl sichergehen, dass den wertvollen Tieren nichts zustieß, denn immerhin stammte ein Teil der Einnahmen der Ranch mit absoluter Gewissheit aus dem Verkauf der Rinder.
Seufzend wandte sich William um und starrte auf die Tür, die in der Düsternis nur noch schemenhaft zu erkennen war. Bisher hatte er es nicht für nötig erachtet, eine oder gar mehrere Kerzen zu entzünden, aber so langsam war es vielleicht ratsam. Doch dann begriff er, dass er sich nicht noch länger drücken konnte und ihm gar nichts anderes übrig bleiben würde, als noch einmal das Gespräch mit seinem Vater zu suchen. Vielleicht würde er ja diesmal zu ihm durchdringen. Jedenfalls soweit, dass er begriff, dass William gar nicht anders hatte handeln können.
*~*~*
Im Wohnzimmer stieß er auf Willow, die ein großes, warmes und helles Feuer im Kamin entzündet hatte und nun vor den lodernden Flammen stand und sich die Hände rieb.
Er begrüßte sie kurz und erkundigte sich, ob er zu seinem Dad gehen konnte. Eine leise Hoffnung durchfuhr ihn. Vielleicht würde die gute Frau ihn ja mit einer vernünftigen Erklärung davon abhalten, doch sie nickte nur. „Sicherlich."
Also betrat er mit flauem Gefühl im Magen wieder das Zimmer, das er am wenigsten mochte. Und wie nicht anders zu erwarten, starrte sein Vater ihn wieder böse an. Doch William hatte nicht vor, sich wieder so leicht abhalten zu lassen und so setzte er sich auf die Bettkante und versuchte mit möglichst sanfter Stimme seine Meinung zu vertreten.
Keine fünf Minuten später rannte er beinahe aus dem Zimmer und schlug mit Wucht die Tür zu. Warum hatte er es überhaupt versucht? Wieder und wieder? Sein Vater wollte einfach nicht hören, wollte keine Vernunft mehr gelten lassen. Er war gefangen, gefangen in einer Welt aus unendlichem Zorn. Und William erging es ebenso.
Er stürmte durch die Küche hinaus ins Freie und musste sich beherrschen nicht laut loszuschreien. Seine Wut war unglaublich, verbrannte ihn fast und so lief er hin und her, um sich wieder zu beruhigen. Dann stand plötzlich Maggie vor ihm und sah ihn auf ihre kindlich naive Weise unschuldig an.
„Alles okay, Mister?", frage sie. „Ich kann meine Mom holen, wenn es Ihnen nicht gut geht."
„Nein, das brauchst du nicht", erklärte er möglichst ruhig und sah zu ihr herunter. Sie hatte eine unglaubliche Ähnlichkeit mit Anya, aber scheinbar nicht deren Eigenschaft geerbt, pausenlos zu reden. „Und was machst du hier draußen? Solltest du nicht lieber im Haus spielen, wo es doch so windig ist?"
„Mein Dad holt mich schon, wenn ich ins Haus soll", erklärte sie kurzerhand und hüpfte los. „Aber jetzt geh ich zu Charles in die Scheune. Der wartet nämlich schon auf mich. Wir wollen Verstecken spielen."
William sah ihr lange hinterher, doch dann zuckte er zusammen, als ein tiefer, dunkler Donner durch die Dunkelheit grollte. Er sah hinauf in den Himmel und erblickte riesige grünschwarze Wolken, die nichts Gutes verhießen.
Dann passierte alles auf einmal. Binnen weniger Sekunden folgte ein zweiter Donner und kurz darauf zuckte ein gewaltiger Blitz vom Himmel herab, der mit lautem Krachen in der Scheune einschlug und sie sofort in Brand setzte. Augenblicke später hörte er Charles schreien und Maggie weinen, dann rannte William und stürmte hinein in die lichterloh brennende Scheune.
Teil 9
Nicht nur die Scheune brannte, auch die Luft brannte, versenkte die Haare auf Williams Unterarmen und nahm ihm die Luft zum Atmen. Nur ein unbändiger Kampfgeist hielt ihn auf den Beinen, ließ ihn in seinem Vorhaben nicht nachlassen, die beiden Kinder zu finden und zu retten.
Rufen konnte er nicht nach ihnen. Ein einziger Versuch hatte gereicht, um zu begreifen, dass es unmöglich war. Seine Kehle brannte und die heiße Luft, die er zum Rufen benötigte, verbrannte ihn innerlich und er keuchte und hustete.
Schützend hielt er sich den Ärmel seines Hemds vor den Mund und versuchte es mit Lauschen. Doch weder Maggie noch Charles gaben irgendwelche Lebenszeichen von sich. Jedenfalls keine, die das Getöse des Feuers und die schreienden Stimmen der Menschen übertönten, die sich mittlerweile vor der brennenden Scheune eingefunden hatten.
Fast blind taumelte William durch die Scheune. Über ihm knackte und krachte es bedrohlich und er schaffte es gerade noch rechtzeitig, einem der schweren Dachbalken auszuweichen, der lichterloh brannte und hart auf die Erde fiel, wo er einen gewaltigen Funkenbogen versprühte.
‚Verdammt! Irgendwo müssen sie doch sein’, dachte er und taumelte weiter. Langsam wurde es brenzlig. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihn selbst. Die Atemluft wurde immer knapper und William sah bereits kleine goldene Sternchen vor seinen Augen, die einen wirren Tanz aufführten. Dann entdeckte er sie; eine knappe Bewegung hatte ihn aufmerksam gemacht und er stolperte über die lodernden Dachsparren hinweg, die jetzt einer nach dem anderen von der brennenden Decke herabfielen.
Die beiden Kinder hatten sich im hintersten Winkel der Scheune flach an die Wand gedrückt. Maggie kämpfte tapfer gegen eine Bewusstlosigkeit an; ihre Augenlider flatterten und sie bewegte sich unruhig. Charles hingegen schien sich in einer Art Starre zu befinden. Er blickte stumm und mit unbeweglicher Miene in eine Richtung und das änderte sich auch nicht, als William endlich bei ihnen anlangte.
„Komm schon", forderte William den Jungen auf, während er Maggie in seine Arme nahm und hochhob. „Du musst laufen, Charles." Doch der Junge reagierte nicht. „Charles", schrie William und musste husten. „Nun komm schon!"
Doch er drang nicht zu dem Jungen durch. Er schien ihn weder zu sehen noch zu hören und William wurde bewusst, dass sie kostbare Zeit verloren. Er legte Maggie zurück auf das Stroh und sah sich hektisch um. Die Flammen hatten ihn fast erreicht, nagten schon an der Außenwand dicht neben ihnen und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie endgültig eingeschlossen und gefangen waren.
„Charles", schimpfte William, packte die Schultern des Jungen und er schüttelte ihn heftig. „Verdammt, Charles!" Dann endlich fanden die Augen des Jungen die seinen und er seufzte erleichtert. „Du musst auf meinen Rücken klettern!" Wieder schüttelte er das Kind. „Hast du mich verstanden? Du musst auf meinen Rücken klettern und dich gut festhalten. Egal, was passiert!"
*~*~*
War es vorher schon mühsam gewesen, sich einen Weg durch das flammende Inferno zu bahnen, so war es nun mit dem zusätzlichen Gewicht der Kinder eine wahre Qual. Williams Haut brannte, er bekam kaum noch Luft und seine Beine wurden langsam weich. Doch noch hatte er nicht aufgegeben.
Ziellos torkelte er durch die brennende Scheune und suchte einen Ausweg. Doch wohin er auch blickte, überall schlugen Flammen hoch und schließlich blieb er, bar jeder Hoffnung, einfach stehen. Er strauchelte, war kurz davor, sich einfach den Flammen zu überlassen, als ein Geräusch zu ihm durchdrang, das nicht vom Feuer kommen konnte.
Es war ein sattes Zischen und er wandte sich langsam um und suchte nach der Quelle der seltsamen Laute. Dann endlich fand er sie. Die Arbeiter draußen bahnten ihm einen Weg aus der Flammenhölle. Sie konzentrierten sich nur einen schmalen Pfad und William begriff, dass es seine letzte Chance war.
Die Männer draußen schafften es nicht, die Flammen ganz zu erstickten, aber jeder Eimer Wasser half, sie so niedrig wie möglich zu halten. William mobilisierte seine letzten verbliebenen Kräfte, die ihm geblieben waren und rannte los.
Er rannte durch ein Flammenmeer, spürte, dass seine Kleidung Feuer fing und torkelte dennoch weiter. Dann traf ihn reines, kaltes Wasser im Gesicht und er stürzte zu Boden. Er fühlte starke Arme, die ihn über den rauen Erdboden zogen, fühlte einen weiteren Eimer eiskalter Flüssigkeit, die über ihn geschüttet wurde… dann wurde es schwarz um ihn.
Wildes, lautes Geschrei weckten ihn schnell wieder und William hustete und versuchte, sich aufzusetzen. Aber eine Stimme hielt ihn zurück. „Bleib liegen. Du hast für heute genug getan."
Er sah auf und blickte in Xanders verrußtes, doch überglückliches Gesicht. „Danke, Kumpel", sagte Xander und zog ihn in eine sitzende Position. „Aber bleib jetzt hier", brummte er und klopfte William auf die Schulter. „Wir haben alles im Griff und du hast mehr als genug getan."
„Wo sind die Kinder?", keuchte William und hustete wieder. „Geht es ihnen gut?"
„Sie sind bei Anya", lächelte Xander und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Und das haben wir nur dir zu verdanken." Er nickte und lief dann los, um den anderen Arbeitern zu helfen.
*~*~*
Unzählige Menschen hatten sich zu langen Schlangen formiert, jeweils zu den drei nächstgelegenen Wasserquellen. Dem Haupthaus, Xanders Haus und einer Viehtränke. Wassereimer für Wassereimer wurde weitergegeben und William sah mit Erstaunen, dass niemand versuchte, die Flammen zu löschen, sondern die Eimer rund um die Scheue ausgeleert wurden, um den Boden anzufeuchten.
‚Sie versuchen die anderen Gebäude zu schützen’, dachte William, bevor ein erneuter Hustenanfall ihn schüttelte. Und plötzlich begriff er auch, warum all die Bauwerke so weit auseinander standen. Nur aus einem einzigen Grund; damit die Flammen nicht so leicht überspringen konnten.
Zu gern wäre er aufgestanden, um bei den Arbeiten zu helfen, doch seine Muskeln zitterten und er bezweifelte, überhaupt aufstehen zu können. Außerdem war ihm höllisch kalt. Eine Gänsehaut hatte sich über seinen ganzen Körper gespannt und seine Zähne klapperten.
Langsam und unter großer Anstrengung robbte er ein Stück rückwärts und lehnte sich dann seufzend gegen einen großen Findling. Es tat unglaublich gut, sich nicht mehr aus eigener Kraft aufrechthalten zu müssen und für einen Moment schloss William erschöpft die Augen.
Erst danach nahm er seine Umgebung wieder vollständig wahr. Er sah und hörte die Männer und Frauen laufen und schreien, sah die Flammen, die noch immer in den Überresten der Scheune hochschlugen, aber zum ersten Mal bemerkte er auch das Wetter. Ein scharfer Wind blies, der das Feuer weiter anstachelte, Donner grollte in der Ferne und auch Blitze zuckten noch durch den rabenschwarzen Nachthimmel. Doch der Wind hatte auch den Regen mitgebracht. Erst tröpfelte es nur ein wenig, dann goss es in Strömen und William konnte kaum so schnell zittern, wie er fror.
„Hey", sagte jemand und er hob müde den Kopf.
„Hey", erwiderte er müde, als er Elisabeth erkannte. Seine Zähne klapperten, dann überkam ihn ein erneuter Hustenanfall.
„Du warst unglaublich mutig", sagte sie und deckte ihn mit einer derben Pferdedecke zu. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."
„Kein Problem", murmelte er undeutlich und versuchte ein Lächeln. „Jederzeit wieder."
Elisabeth lachte und beugte sich zu ihm herab. „In den nächsten Tagen eher nicht", sagte sie sanft und sah ihn prüfend an. „Alles okay soweit?"
„Ich hatte schon bessere Tage", krächzte William und hustete wieder. „Aber
ich bin in Ordnung."
Sie nickte ernst. „Ich lass dich gleich ins Haus bringen. Im Moment geht hier
noch alles drunter und drüber."
„Okay", murmelte William, doch kaum war sie gegangen, stemmte er sich mit Hilfe des Findlings hoch. Zuerst schwankte er bedrohlich, doch dann stand er sicher auf beiden Füßen und warf sich die raue Decke über die Schultern. Als er sich dann noch sicher war, dass seine Beine ihn auch weiterhin trugen, marschierte er langsam auf das Haupthaus zu.
Ein William McGray ließ sich nur einmal tragen. In einem verdammten Sarg auf den Friedhof!
Träge stiefelte er die Verandatreppe hinauf, durchquerte die Küche und hörte im Wohnzimmer angekommen seinen Vater husten. Doch das war nichts, um was er sich jetzt noch kümmern würde und er ging langsam und bedächtig weiter. Dann endlich hatte er sein Gästequartier erreicht. Mit zittrigen Händen öffnete er die Tür, schlurfte auf das Bett zu und ließ sich fallen.
Dann schloss William die Augen und überließ sich selbst einem erholsamen tiefen Schlaf.
*~*~*
Viele Stunden später wurde William wieder wach und verzog sofort das Gesicht, als der Schmerz ihn durchzuckte. Doch das war es nicht, was ihn geweckt hatte. Er öffnete die Augen und sah Willow, die auf seiner Bettkante saß und ihn ansah.
„Guten Morgen", strahlte sie ihn an.
„Wie auch immer", brummte er, setzte sich auf und bemerkte mit Erstaunen, dass man ihn entkleidet hatte. Er riss die Decke hoch und starrte seine Krankenpflegerin wütend an. „Was zum Teufel sollte das?"
„Für einen Helden sind Sie ganz schön griesgrämig", schimpfte Willow und schüttelte den Kopf. „Wie hätte ich sonst Ihre Verbrennungen kühlen sollen?" Sie stand auf, ging zu einer Wasserschüssel und holte neue kalte Tücher. „Also was jetzt?", fragte sie. „Kann ich meine Arbeit tun, oder wollen Sie sich weiter zieren wie ein kleines Mädchen?"
William schnaubte beleidigt und sah sie dann kampfeslustig an. „Außerdem bin ich kein verdammter Held! Jeder andere Mann hätte genau das Gleiche getan, wäre er in meiner Situation gewesen."
„Wenn Sie das glauben", murmelte Willow leise vor sich hin und brachte die Schüssel zum Bett. „Kaltes Wasser mit Teebaumöl versetzt", erklärte sie und stellte sie ab. Dann packte sie die Decke und konnte sich ein leises, belustigtes Lächeln nicht verkneifen. „Darf ich nun meiner Arbeit nachgehen oder wollen Sie lieber weiter beleidigt spielen?"
„Wie schlimm ist es?", fragte William knurrig, ihre Frage ignorierend.
„Sie haben unverschämtes Glück gehabt, würde ich mal sagen", meinte Willow und ihr rotes Haar glühte im Licht der aufgehenden Sonne. „Nicht eine einzige Brandblase. Nur gerötete Haut."
„Was ist mit den Kindern?", bohrte er weiter und musste husten.
„Den beiden geht es noch besser", nickte die Rothaarige. „Aber das hätte übel ausgehen können, wenn Sie nicht eingegriffen hätten. Charles und Maggie sind wohlauf, Anya kümmert sich um die Beiden. Aber Xander sagt, sie hätten alles gut überstanden."
„Immerhin etwas", knurrte William und sah seine Pflegerin fast böse an. „Nur
gerötete Haut?", wiederholte er dann das, was sie eben gesagt hatte und sah sie
nicken. „Dann haben Sie Ihre Pflicht getan", meinte er und deutete auf die Tür.
„Den Rest erledige ich selbst."
„Und wie gedenken Sie das zu tun?", lächelte Willow, den Umgang mit schwierigen
Kranken schon gewohnt.
„Dieses Haus hat immerhin ein ausgezeichnetes Badezimmer", erwiderte er, nicht bereit auch nur einen Schritt zurückzuweichen. „Und was ist besser für Verbrennungen, als eine Menge kaltes Wasser?"
„Also gut", seufzte die Rothaarige und schüttelte den Kopf. „Aber das wird
Buffy nicht gerade gefallen", meinte sie dann, ging zur Kommode und holte einen
kleinen Tiegel. „Nehmen Sie jedenfalls das mit", brummte sie und drückte ihn
William in die Hand. „Das ist Teebaumöl. Es wirkt antiseptisch. Schütten Sie es
einfach mit in das Badewasser."
„Werde ich", versprach William und sah sie an. „Danke für alles, aber jetzt wäre
ich gerne alleine."
Er sah Willow hinterher, wie sie mit der Wasserschüssel bewaffnet aus dem Zimmer rauschte und hörte ihre leise Stimme, die „Männer", brummte. Doch das war ihm egal. Er war nicht krank und brauchte keine Pflege. Dann seufzte er und schob sich langsam aus dem Bett. Wie es schien, hatte er mehr mit seinem Vater gemein, als er eigentlich wollte und das war etwas, das ihm nicht sonderlich gefiel.
Teil 10
Das ausgedehnte Bad in dem lauwarmen, mit duftendem Teebaumöl versetzten Wasser hatte William gut getan, hatte die letzten noch immer brennenden Hautstellen beruhigt und ihn einigermaßen erholt zurückgelassen. Vorsichtig zog er seine Sachen über die malträtierte Haut und wurde auch sofort von Willow in Empfang genommen, kaum dass er das Badezimmer verlassen hatte.
„Habe ich es mir doch gedacht", meinte sie lächelnd und kramte in einem Weidenkörbchen.
„Was haben Sie sich gedacht?", erkundigte sich William. Die rothaarige junge Frau war seltsam. Nett, aber merkwürdig und er war sich nicht schlüssig darüber, ob er jemals aus ihr schlau werden würde.
„Ihre Haut spannt", sagte sie und es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Ich hatte schon damit gerechnet und man sieht Ihren Bewegungen an, dass ich Recht habe", meinte sie und streckte ihm eins ihrer sonderbaren Tiegelchen entgegen. „Streichen Sie das auf die empfindsamen Stellen. Es wird helfen. Es ist eine Mischung aus Ringelblume, Öl und Bienenwachs." Dann lächelte sie. „Ihr Vater hat bereits von Ihrer Heldentat erfahren. Er wird bestimmt sehr stolz auf Sie sein."
„Ganz sicher", brummte William, verabschiedete sich schnell und ging in sein Zimmer. Er schloss die Tür, setzte sich auf sein Bett und schüttelte den Kopf. Stolz. Würde sein Vater tatsächlich noch dazu in der Lage sein, ein solches Gefühl aufzubringen? Oder würde er wie immer einen Grund finden und einfach nur wütend sein?
‚Früher oder später werde ich es erfahren’, dachte er sich, setzte sich auf das frisch gemachte Bett und verteilte dann die Salbe auf den wunden Stellen auf den Unterschenkeln, den Unterarmen und im Gesicht.
„Eher später", entschied er sich und stellte das Tiegelchen auf der Kommode ab. Er hatte jetzt weder die Kraft noch die Lust, sich wieder mit seinem Vater auseinanderzusetzen und wollte viel lieber in die Küche gehen und Anya fragen, ob sie vielleicht noch ein Frühstück für ihn über hatte.
Im Moment fühlte er sich einfach nur müde und ausgelaugt, aber er hoffte schwer, dass das einfach an den Geschehnissen der vergangenen Nacht lag und er nicht etwa auch noch krank wurde. Das würde ihm jetzt auch noch fehlen und der Laune seines Vaters die Krone aufsetzen. Er seufzte, wischte die dunkeln Gedanken beiseite und betrat die Küche.
*~*~*
„Da sind Sie ja endlich", stürmte Anya auch sogleich freudestrahlend auf ihn zu. Sie umarmte ihn stürmisch und wagte es sich in ihrem Übermut sogar, ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Oh, Sir, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben meine Kinder gerettet. Meine beiden Engelchen… wenn Sie gestern nicht … ich weiß nicht, was dann mit mir geschehen wäre."
„Wo sind die Beiden?", erkundigte sich William schnell. Die ganze Lobhudelei wurde ihm zu viel. Seiner Meinung nach hatte er nichts Außergewöhnliches vollbracht und er war nach wie vor der Ansicht, dass jeder Mann in seiner Situation genauso gehandelt hätte. „Geht es ihnen gut?"
„Putzmunter, die Beiden", lachte Anya ausgelassen. „Sie sind schon wieder draußen. Wollten unbedingt bei den Aufräumarbeiten helfen. Ich hätte sie ja am liebsten gar nicht wieder losgelassen, aber Xander hat versprochen, ein Auge auf sie zu werfen." Sie beugte sich vor und sah ihn verschwörerisch an. „Wenn Sie mich fragen, dann wird Xander heute kaum etwas anderes tun, als sie im Auge zu behalten. Er spielt zwar gerne den harten Mann, aber wenn es um seine Kinder oder mich geht, dann wird er ganz weich. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen, Sir, die würden Sie mir niemals glauben."
„Ähm…", murmelte William verlegen. Es gab einfach Dinge, die er nicht hören wollte und er hatte das dumpfe Gefühl, Anya würde ihm gleich Geheimnisse über Xander erzählen, die bestimmt nicht für seine Ohren bestimmt waren. Die Frage war nur, ob er die gute Frau vorher bremsen konnte? „Sie haben nicht zufällig noch ein Stückchen Brot für mich? Ich falle um vor Hunger."
„Brot?", wiederholte Anya und schüttelte den Kopf. „Selbstverständlich mache ich Ihnen ein richtiges Frühstück. Das haben Sie sich nach den Anstrengungen verdient. Setzen Sie sich, es wird nicht lange dauern."
Sie klapperte mit Pfannen und Tellern und nur fünf Minuten später duftete es in der Küche so verführerisch nach gebratenem Speck, das William das Wasser im Munde zusammenlief und sein Magen voller Vorfreude laut zu knurren begann.
„Ist eigentlich sonst noch jemand verletzt worden?", erkundigte er sich und
pustete auf den brühendheißen Kaffee, den sie ihm serviert hatte. „Ich habe
nicht mehr ganz viel mitbekommen."
„Nein, niemand ist verletzt", sagte Anya. „Aber Sie haben uns gestern noch einen
ganz schönen Schrecken eingejagt, Sir", meinte sie schlicht und schaufelte
Rührei auf einen Teller. „Nachdem das Feuer endlich gelöscht war, wollte Miss
Elisabeth Sie ins Haus bringen lassen, aber da waren Sie plötzlich verschwunden.
Ein paar Männer haben die ganze Gegend durchkämmt, aber sie konnten Sie nicht
finden. Wir haben wirklich überall gesucht, nur nicht in Ihrem Bett." Sie
lachte. „Was ein verrückter Abend."
„Ach herrje", seufzte William und nahm den voll beladenen Teller entgegen.
„Das lag nicht in meiner Absicht. Ich wollte nur… Ich werde gleich rausgehen,
und mich dafür entschuldigen."
„Ach was", winkte Anya lächelnd ab. „Wir haben Sie ja gefunden."
„Wer hat mich denn zum Schluss entdeckt?", erkundigte sich William plötzlich neugierig geworden. Er tippte auf Willow. Er konnte und wollte zwar keine Gerüchte in die Welt setzen, aber er war fest davon überzeugt, dass die rothaarige, etwas seltsame, Frau, manchmal so etwas wie Vorahnungen hatte. Jedenfalls wäre sie der Typ dafür.
„Miss Elisabeth", sagte Anya und seufzte dann schwer. „Ich muss Sie jetzt leider alleine lassen, Sir. Auf mich wartet eine Menge Wäsche und ich habe es schon so lange aufgeschoben, weil ich mich unbedingt noch bei Ihnen bedanken wollte. Sie nehmen es mir doch nicht krumm, wenn ich jetzt gehe?"
Selbstverständlich nicht", beeilte er sich zu sagen. „Ich habe Sie bestimmt schon viel zu lange aufgehalten." Er war alles andere als böse darüber, dass sie nun ging. So herzensgut sie auch war, das ständige Geplapper ging ihm auf die Nerven und machte ihn nervös. Und William fragte sich, wie Xander das wohl aushielt? Aber vielleicht war er einer der Männer, die das Gehör einfach ausschalten konnten und gelernt hatten, bei den wichtigen Stellen zu nicken oder vage brummende Laute von sich zu geben.
In aller Selenruhe aß er auf, stellte seinen schmutzigen Teller und den Kaffeebecher in das steinerne Spülbecken und ging hinaus.
*~*~*
Auf dem Hof herrschte rege Betriebsamkeit. Wie in der Nacht vorher liefen eine Menge Männer hin und her und man konnte gut auseinanderhalten, wer auf der Farm und wer auf der Ranch angestellt war. Die Farmer trugen alle mehr oder weniger ausgebeulte Hosen und weite Hemden, während die Rancharbeiter alle Cowboyhosen und Westen trugen.
Und wenn sonst auch kaum einer der Männer Notiz von ihm genommen hatte, ja, ihn kaum angesehen hatte, so grüßten jetzt alle und einige zogen sogar den Hut vom Kopf und riefen ihm laut „Guten Morgen!" zu.
Langsam stieg William die Treppe der Veranda herab und wandte sich sofort nach rechts. Er wollte sehen, was aus der Scheune geworden war und hob überrascht die Augenbrauen. Außer einer großen Stelle verbrannter Erde war kaum noch etwas zu sehen. Die Arbeiter hatten ein großes, tiefes Loch ausgehoben, in das sie alle Überreste, die nicht verbrannt waren, hineingeworfen hatten. Nur die Metallteile wurden separat in Kisten gesammelt. William warf einen flüchtigen Blick hinein und erkannte Schneiden von Sichel und Sensen, Spaten, Schaufeln und einen Flaschenzug.
„Das bringen wir gleich zu Johnny", sagte Xander, der plötzlich hinter ihn getreten war. „Der alte Kauz wird sich angucken, was davon vielleicht noch zu gebrauchen ist." Er grinste William an. „Der alte Kauz repariert Dinge, die jeder andere längst weggeworfen hätte."
„Ist das nicht der alte Mann, der im Schuppen schläft?", erkundigte sich William, dankbar dafür, das Xander offensichtlich nicht vorhatte, sich noch einmal zu bedanken. „Miss Elisabeth hat ihn mir vorgestellt, als sie mir die Ranch gezeigt hat."
„Jepp. Das ist er. Wunderlicher alter Mann, aber verdammt clever. Man sollte ihn nicht unterschätzen." Dann rammte Xander den Spaten, den er in der Hand gehalten hatte, in die Erde und lehnte sich seufzend darauf. „Ich kann keinen Sand mehr sehen", lachte er und wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. „Löcher graben sollte man wirklich den Farmern überlassen. Dafür bin ich echt nicht gebaut. Ich sitze lieber auf dem Rücken eines Pferdes."
„Ich hatte nicht gedacht, das ihr so schnell… also, dass alles schon wieder auf- und weggeräumt ist", meinte William, der nicht so recht wusste, wie er sich ausdrücken sollte.
„Wir müssen uns beeilen", meinte Xander schulterzuckend, der offensichtlich
doch verstanden hatte, was sein Gegenüber beschäftigte. „Früher oder später
kommt das erste Heu und muss irgendwo eingefahren werden. Miss Elisabeth und
Bill sitzen schon an einem Plan für die neue Scheune. Im Grunde hatten wir
Glück, dass es zu Anfang des Jahres passiert ist. Das meiste Stroh und vom
letzten Jahr war schon verbraucht und die Tiere kommen jetzt eh auf die Weiden.
Im Herbst oder im Winter wäre es bedeutend schlimmer gewesen. Dann hätten wir
Stroh und Heu dazukaufen müssen."
„Verstehe", nickte William. „Wie lange dauert es, eine neue Scheune zu bauen?"
Er hatte eine Menge Fragen, was aber wohl eher daran lag, dass er nicht wieder
still irgendwo sitzen wollte, um nur noch mehr Zeit zum Grübeln zu haben.
„Eine Woche vielleicht. Es kommt hauptsächlich darauf an, wie schnell wir eine solche Menge an Holzbrettern geliefert bekommen können. Männer gibt es auf der Ranch genug, und die, die an der Scheune mitbauen, werden von anderen vertreten." Er zuckte mit den Schultern. „Ist nicht mal das erste Mal, dass es hier gebrannt hat", meinte er dann. „Die erste Farm des alten Summers ist damals komplett ausgebrannt. Samt Scheune, Viehstall und allen Tieren, die sich darin befunden haben."
„Deswegen hat er alle Gebäude so weit auseinander aufgebaut", nickte William, der sich etwas Ähnliches ja schon gedacht hatte. Er sah sich um, zeigte auf Xanders Spaten und zuckte dann mit den Schultern. „Kann ich helfen?"
„Nein, Kumpel", meinte Xander und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern. „Willow meinte zwar, dass du deine gestrige Aktion ganz gut überstanden hast, aber sie sagte auch, dass du dich ein paar Tage schonen solltest. Du hast eine Menge Rauch abbekommen und sogar Miss Elisabeth sagte, sie hätte dich die ganze Nacht husten hören."
„Oh, das habe ich nicht mal mitbekommen", sagte William und freute sich, dass Xander die förmliche Anrede einfach wegließ. „Ich hoffe, ich habe nicht das ganze Haus wach gehalten."
„Miss Elisabeth wird bestimmt nicht viel geschlafen haben. Sie hatte genug Dinge, über die sie nachdenken musste. Aber sie kriegt das schon hin. Ist ganz die Tochter ihres Vaters." Er nickte kurz. „So, jetzt muss ich aber wieder an die Arbeit. Das Loch schaufelte sich nicht von alleine zu." Er hob die Hand, zog den Spaten aus der Erde und ging.
William sah ihm hinter, hörte, wie Xander „Scheiß Buddelei", sagte und musste sich das Lachen verkneifen. Doch dann sah er sich um und seufzte. Alle schienen schwer beschäftigt, nur er selbst hatte nichts zu tun, außer sich um seinen eigenen Krempel zu kümmern. Er seufzte ein weiteres Mal, diesmal noch schwerer, und schlurfte dann zurück zum Haupthaus. Die Zeit war gekommen. Er musste mit seinem Vater reden.
Teil 11
Trotz des festen Vorhabens, sofort und eindringlich mit seinem Vater zu reden, schaffte es William nicht, das Zimmer das Kranken zu betreten. Vielmehr lief er im Wohnzimmer des Haupthauses hin und her und überlegte sich Antworten auf alle möglichen Fragen und Anklagen, die sein Dad sicherlich vorbringen würden.
Doch dann irgendwann begriff er, wie absurd das Ganze war. Nur selten war ein Gespräch planbar, denn meist reagierte die entsprechende Person vollkommen anders, als man es erwartet hatte. Trotz keimte in ihm auf und er stürmte durch die Tür, nur, um einen Augenblick später sofort wieder stocksteif stehen zu bleiben.
„Dad", murmelte er, als er seinen Vater auf der Bettkante sitzen sah, allem Anschein nach noch immer geschwächt, doch durchaus wach und wütend wie eh und je.
„Ach, guck an", murmelte Joseph McGray unwirsch. „Du erkennst mich also doch noch. Ich dachte schon, du hättest mich vergessen, so wenig, wie du dich um mich gekümmert hast! Jede Menge Frauenzimmer huschen um mich herum, machen mich mit dem ganzen Gewusel nervös… nur mein werter Herr Sohn lässt sich nicht blicken!"
Die Anklage überhörend zog William einen Stuhl darauf und setzte sich. „Ich wusste nicht, dass du schon wieder auf den Beinen bist. Wäre es nicht ratsamer, dich weiterhin auszuruhen und zu schonen?"
„Diese wunderliche Rothaarige flößt mir allerlei Zeugs ein", maulte Joseph. „Aber es scheint zu wirken." Er hustete, wenn auch weitaus nicht mehr so schlimm und tief, wie noch vor ein paar Tagen. „Jedenfalls habe ich sie in den letzten Tagen länger und öfter gesehen als dich." Er schnaufte, schüttelte den Kopf und seufzte dann. „Bald bin ich wieder ganz gesund. Und dann werden wir uns wieder auf den Weg machen."
„Nein", sagte William fest, erstaunt darüber, dass er den Mut fand, seinem Vater endlich einmal zu widersprechen. „Dieses Mal werde ich nicht auf dich, sondern du auf mich hören. Der Doktor sagt, du brauchst Ruhe und eine ausgedehnte Erholungsphase. Und Willow meint das auch. Das ist die Rothaarige, die dich unentwegt umsorgt und die dir so auf die Nerven zu gehen scheint." William rollte die Augen. Konnte es sein Dad nicht einmal gut sein lassen? Musste er sich über alles beschweren? Dann seufze er wieder. „Uns läuft nichts weg. Wir haben jede Menge Zeit."
„Hört, hört", brummte Joseph und lachte schäbig. „Du spielst den tapferen Mann. Ich habe schon von deinen Heldentaten gehört." Er grunzte laut und bedachte seinen Sohn mit einem finsteren Blick. „Und wem glaubst du, imponierst du damit? Etwa dieser Elisabeth? Denkst du, sie hat Interesse an dir? Mach dich doch nicht lächerlich!"
„Es ging nie darum, jemandem zu imponieren", erwiderte William hitzig, angefüllt mit einer unbändigen Kampfeslust. „Aber das verstehst du nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, an denen noch irgendwas dein Herz berührte. Denn dein Herz ist tot. Gestorben an dem Tag, an dem auch Mutter starb."
„Ich habe also keine Ahnung, wie diese verdammte Welt funktioniert?", schnaubte Joseph und hustete aufgeregt. „Dann klär mich auf, was dieses verdammte Affentheater sonst zu bedeuten hat!"
„Es waren Kinder, Dad. Unschuldige kleine Kinder, die niemandem etwas zuleide getan haben." William schüttelte beinahe traurig den Kopf. „In deiner Welt gibt es so etwas nicht mehr. Deine Welt besteht nur noch aus Hass, Wut und Trauer und nichts von dem, was wirklich wichtig ist, dringt noch zu dir durch." Er stand auf, sah seinen Vater fast mitleidig an und schüttelte wieder den Kopf. „Was ist passiert, Joseph?", fragte er, wohlweislich den Vornamen seines Vaters benutzend. „Wo ist der Mann geblieben, der du einst warst?"
„Wie du schon sagtest", knurrte Joseph McGray, von den Widerworten seines Sohnes überrascht, „der ist am gleichen Tag gestorben, wie deine Mom." Er schluckte hörbar, doch dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Drei Tage", knurrte er. „Drei Tage werde ich diese verdammte Scharade noch mitspielen. Dann werden wir von hier verschwinden!" Seine Augen schossen Blitze ab und er richtete sich auf. „Ich muss dich nicht noch einmal an dein Versprechen erinnern, oder?"
„Nein, Vater. Das brauchst du nicht", zischte William, drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Zimmer. Er wollte nur noch weg, hatte das Gefühl Meilen zwischen sich und seinen Vater bringen zu müssen und so rannte er beinahe aus dem Haus, auf den Pferdestall zu.
Er suchte und fand sein Pferd, sattelte es und schwang sich darauf. „Scheiße", knurrte er, zwang dem Tier einen Galopp auf und donnerte den Weg zur Farm herunter.
*~*~*
„Was ist denn da los?", fragte Xander und schob seinen Hut zurück. Zusammen
mit Elisabeth hatte er das seltsame Gebaren Williams aus der Ferne beobachtet
und schüttelte den Kopf. „Wo will er denn hin?"
„Woher soll ich das wissen?", zuckte sie die Schultern, doch ihrer Augenbrauen
verzogen sich nachdenklich. „Aber ich glaube, es ist besser, ich reite ihm
hinterher. Er sah wütend aus. Ob er sich wieder mit seinem Vater gestritten
hat?", meinte sie dann. „Anya sagte, die beiden würden sich fast immer zanken,
wenn sie sich sehen."
„Sollte ich das nicht lieber übernehmen, Miss, und ihm hinterher reiten? Vielleicht würde er lieber mit einen Mann reden.", meinte Xander, der auch schon von den ewigen Zankereien der Beiden gehört hatte. Immerhin redete seine Frau fast ununterbrochen und manchmal hörte er sogar zu.
„Xander?", schnaufte Elisabeth, der urplötzlich der Kragen platzte. Sie baute sich vor ihm auf und sah ihn finster an. „Das wollte ich schon so lange", brummte sie dann. „Wenn du mich noch einmal Miss nennst, oder Miss Elisabeth… dann schwöre ich, trete ich dir vors Schienbein! Du lebst seit Urzeiten auf der Ranch, wir sind mehr oder weniger zusammen aufgewachsen … wir sind eine Familie. Wage es dich nie wieder…"
Überrascht und erstaunt sah Xander auf die kleine Person vor sich, dann musste er lachen. „Okay, okay", murmelte er dann und lächelte sie an. „Ich hab es ja verstanden."
„Gut", nickte Elisabeth erleichtert. „Und sag das bitte auch Anya. Ich habe es wirklich satt, ständig als Einzige so formell angesprochen zu werden. Die Einzige, die das nicht tut, ist Willow und ich bin ihr sehr dankbar dafür." Dann wandte sie sich um und blickte den Weg zur Farm herunter. „Aber jetzt mache ich mich lieber auf den Weg. William kennt sich hier doch gar nicht aus, und auch, wenn er sich vielleicht nicht verirrt, so braucht er möglicherweise jemanden, mit dem er reden kann."
„Was mich wieder zu der Frage bringt, ob ich ihm nicht lieber folgen sollte?" Xander sah sie an und zuckte mit den Schultern, als er ihre finstere Miene sah. „War ja nur ein Vorschlag. William ist … ich kenne ihn nicht gut genug, um mir ein Bild von ihm zu machen. Er hat meine Kinder gerettet und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein, aber meiner Meinung nach hat er ein Geheimnis, das ihm schwer auf der Seele lastet. Ich will Sie… ähm dich ja nur schützen. Immerhin ist das meine Aufgabe, seitdem dein Dad nicht mehr bei uns ist."
Elisabeth schüttelte den Kopf. „Nein, Xander. Das ist nicht deine Aufgabe. Aber ich bin dir trotzdem dankbar dafür." Dann sah sie wieder den Weg herab. „Ich muss mich jetzt beeilen, sonst ist er auf Nimmerwiedersehen verschwunden."
*~*~*
William hatte das Gelände der Ranch hinter sich gelassen und konnte schon das Farmhaus erkennen, das eingesäumt von blühenden Bäumen friedlich zu schlafen schien. Er zügelte sein Pferd, klopfte ihm beruhigend den Hals und ritt im Schritttempo weiter. Seine Wut verrauchte langsam und er überlegte, was genau er tun sollte. Zurück zur Ranch wollte er noch nicht, aber er hatte auch keine Lust, bis in die Stadt zu reiten. In Plainville würde er sich höchstens in den Saloon setzen und sich sinnlos besaufen. Doch das brachte ihn auch nicht weiter. Er brauchte einen kühlen Kopf, musste sich endlich klar werden, wie lange er das seltsame Spiel seines Vaters noch mitspielen konnte und wollte.
Er blieb stehen, blickte einen Feldweg herunter, der zu den Hügeln zu führen schien, und lenkte sein Pferd schließlich dorthin. Die Stille um ihn herum tat ihm gut, ließ ihn zur Ruhe kommen und sein Kopf arbeitete fieberhaft, ließ ihn nach einer Lösung suchen, die es scheinbar nicht gab.
William haderte wieder einmal mit dem Schicksal. Warum nur hatte es ihn, seine ganze Familie, so hart treffen müssen? Er dachte an seine Mutter und sein Herz wurde noch ein kleines Stückchen schwerer, als es eh schon war. Hätte sie all das hier gewollt? Was hätte sie gesagt, wenn sie ihren Mann in dieser Verfassung gesehen hätte?
Seufzend musste er sich eingestehen, dass sie damit keineswegs zufrieden gewesen wäre. So etwas hätte sie niemals zugelassen und es hätte ihr garantiert das Herz gebrochen. Doch er wusste noch etwas anderes ganz sicher, denn sie hatte es ihm beigebracht. Ein gegebenes Versprechen durfte man niemals brechen. Niemals!
Diese Lektion war eine Macht in seinem Leben, auf die er sich immer hatte verlassen können. Seine Eltern hatten niemals ein gegebenes Versprechen gebrochen, darauf hatte er immer felsenfest bauen können. William lenkte sein Pferd die stetig ansteigenden Hügel herauf und seufzte wieder. Sein Weg lag nun offen vor ihm und er konnte das Ende sehen. Und ob ihm dieses Ende gefiel oder nicht, er konnte nichts tun, um es aufzuhalten.
*~*~*
Elisabeth fand William schließlich am so genannten Bergsee. Ein wunderschöner klarer See, der allerdings nicht wirklich hoch in den Bergen lag, sondern noch in den zerklüfteten Felsen vor dem Hochgebirge.
Sie band ihr Pferd an einen Baum und sah dabei zu, wie William glatte schmale Steine aufhob und durch einen flachen Wurf über das Wasser hüpfen ließ. Bisher schien er sie noch gar nicht bemerkt zu haben und sie fragte sich, ob sie überhaupt das Recht hatte ihn zu stören. Sie kannte ihn kaum und wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn sie sich in etwas einmischte, das sie offensichtlich nichts anging. Doch dann zuckte sie die Schultern. Er würde es ihr schon sagen, wenn sie störte und so nahm sie sich ein Herz und ging auf ihn zu.
„Hey", rief sie, als sie nur noch ein paar Schritte entfernt war.
William zuckte zusammen, wandte sich um und ließ die Steine in seiner Hand fallen. „Hey", sagte er und seufzte. „Auf der Ranch passiert wohl nie etwas, das nicht sofort von irgendwem bemerkt wird, oder?"
„Nicht ganz viel", lächelte Elisabeth. „Aber das ist auch gut so." Sie sah
ihn abwägend an. „Dein Vater und du… ihr vertragt euch im Moment nicht
sonderlich gut, oder?" Und da William nicht antwortete, sondern einfach auf die
Weite des Wassers hinaussah, sprach sie weiter. „Du hast mir erzählt, dass du
nicht wegwolltest von Zuhause. Liegt es daran?"
„Auch." Er seufzte wieder. „Mein Dad ist wieder munter und sofort geht der Ärger
wieder los. In drei Tagen will er weiterreiten", brummte William, drehte sich
dann um und sah sie ernst an. „Aber in erster Linie geht es darum, dass ich
nicht das machen kann, was ich möchte. Mir wird etwas aufgezwungen und ich…" Er
stockte, schüttelte den Kopf und drehte sich wieder weg. „Ich kann und will
nicht darüber reden."
„Verstehe", nickte Elisabeth ernst. Sie baute sich neben ihm auf und für eine Weile starrten beide auf die glitzernde Wasseroberfläche. „Was würdest du denn machen wollen?", erkundigte sie sich dann leise.
„Was ich gerne würde… Ich würde am liebsten die Zeit zurückdrehen, aber da das nicht möglich ist…." Er seufzte und zuckte mit den Schultern. „Eigentlich will ich nichts Außergewöhnliches. Ein gutes Leben, eine Familie, auf die man sich immer verlassen kann…", dann drehte er sich so, dass er sie anschauen konnte. „Und das würde ich auch gerne tun", meinte er dann mutig, nahm ihr Gesicht in beide Hände und zog sie an sich. „Dich küssen würde ich gerne", murmelte er und tat es dann auch.
Teil 12
Elisabeth Lippen waren warm, weich und verführerisch und William stand kurz davor, sämtliche Bedenken sausen zu lassen. Doch dann schoss ein einziger klarer Gedanke durch seinen Kopf. So konnte er sich einer jungen Frau gegenüber kaum benehmen und er löste keuchend den Kuss. „Entschuldige. Das war ein Fehler. Ich hätte nie… niemals…", stotterte er verlegen und lief nervös auf und ab. „Niemals!"
Doch die junge Frau war noch viel zu verwirrt, um überhaupt etwas aufzunehmen. Ihre Lippen fühlten sich noch immer so an, als lägen die seinen darauf und in ihrem Magen flatterten Schmetterlinge wild durcheinander, die wagemutige Tänze und lustige Salti aufführten. Noch niemals zuvor war sie auf eine solche Art geküsst worden und sie brauchte einen Moment, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen.
In der Zwischenzeit hatte William sich allerdings wieder gefasst und er trat mit entschuldigendem Gesichtsausdruck vor sie. „Elisabeth… Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Das hätte nicht passieren dürfen." Er sah sie an, versuchte ihren Blick zu deuten und schüttelte dann verwirrt den Kopf. „Es tut mir so leid", meinte er dann wieder. „Ich hätte mich so nicht aufführen dürfen. Ich bin alt genug um zu wissen, dass man nicht alles bekommt, was man sich wünscht. Ich hätte dich nicht drängen dürfen."
„Warum nicht?", fragte sie verdattert und sah ihn arglos an. Sie verstand noch immer nicht, was gerade vor sich gegangen war und schüttelte den Kopf. „Ähm… verstehe", nickte sie dann, als ihr Verstand wieder zurückkehrte und sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst wurde. „Es war ein… ein Ausrutscher und ist nur passiert, weil die… die Situation…" Doch dann wurde ihr Blick ernst, beinahe böse und sie kniff die Lippen zusammen. „Warum durfte das nicht passieren?", schnaubte sie und reckte das Kinn. „War ich nur zur falschen Zeit am richtigen Ort? Bin ich nicht Frau genug, um… um…"
„Das ist es nicht", bremste William sie, nahm ihre Hand und ließ sie gleich darauf wieder los. Er seufzte und sah sie traurig an. „Ich würde liebend gerne… nichts könnte mich abhalten, wenn nicht... wenn nicht mein Vater wäre." Er seufzte und begann wieder mit einer unruhigen Wanderung. „In drei Tagen muss ich fort und ich weiß nicht, ob ich jemals hierher zurückkehren kann. Es wäre unfair. Es wäre nicht richtig."
Mit bitterem Gesichtsausdruck setzte sich Elisabeth auf einen großen Stein am Ufer des Sees und ihr Blick verlor sich in den endlosen Weiten der Landschaft. Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie wirklichen Gefallen an einem Mann gefunden. Einfach so und innerhalb kürzester Zeit. Das Schicksal war hart und grausam. Unzählige Bewerber hatte sie vom Hof gejagt, schon fast den Glauben an die Liebe verloren und dann kam er. Der erste Mann, der nicht nach ihrem Vermögen fragte, der erste, der keine Bemerkungen machte oder fragte, wie groß die Ländereien wirklich waren. Und was passierte? Er musste wieder gehen.
„Es ist in Ordnung", sagte sie leise und starrte dennoch stur geradeaus. „Ich verstehe schon." Sie war hart im Nehmen und würde auch das überstehen. Irgendwie.
„Es tut mir leid", sagte William sanft, der plötzlich hinter ihr stand. „Ich habe das so nie gewollt. Es ist unverzeihlich." Er seufzte, ging dann ein paar Schritte, sodass er vor ihr stand und sah ihr ernst in die Augen. „Ich habe so etwas niemals zuvor getan. Und ich habe so etwas auch niemals zuvor erlebt. Ich kenne dich kaum und doch scheint eine Stimme in meinem Inneren zu schreien, scheint mir zu sagen, dass ich das gefunden habe, was ich immer gesucht habe." Dann unterbrach er sich. „Ich sollte jetzt lieber meinen Mund halten und es nicht noch schlimmer machen, als es so schon ist. Es war unfair dir gegenüber. Es war ein Überfall und du hattest nicht die geringste Chance, dich dagegen zu wehren."
„Besteht keine Chance, dass du doch hier bleiben kannst?" Sie seufzte bitter und schnaubte. „Vergiss, was ich gesagt habe", schimpfte sie und funkelte ihn böse an. Dann sprang sie auf, rannte beinahe auf ihr Pferd zu und band es los. „Es wird bald dunkel und wir sollten zurücksein, bevor Anya das Essen auf dem Tisch hat. Ansonsten schickt Xander uns einen Suchtrupp hinterher und ich möchte… möchte jetzt lieber alleine sein." Sie schwang sich auf ihr Pferd, nickte William zum Abschied kurz zu und verschwand.
Eine lange Zeit sah er ihr mit zusammengepressten Lippen hinterher. Sie war eine Frau, die ihn mehr als nur ein wenig interessierte. Sie war clever, selbstständig, einfach nur wunderschön und so ganz anders, als alle Frauen, denen er bisher begegnet war. Es war eine wahre Schande, dass er nicht bleiben konnte und doch konnte er kaum erwarten, dass sie ihm ein Versprechen gab, wenn er selbst nicht wusste, ob er es halten konnte. Er seufzte bitter auf und ging dann zu seinem eigenen Pferd zurück. Konnte noch ein weiteres Unheil auf ihn herniederstürmen? Reichte es nicht irgendwann? Seufzend schwang er sich in den Sattel und folgte ihr langsam den Hügel hinab.
Der Weg bis zurück zur Ranch schien sich heute Abend immer mehr in die Länge zu ziehen und William, der eigentlich vorgehabt hatte, seine Probleme hinter sich zu lassen, hatte es geschafft, sich noch mehr aufzubürden und die Situation zu verschlimmern. Doch, was ihn am meiste ärgerte, war, dass er Elisabeth mit dahinein gezogen hatte.
Das hatte die junge Frau nicht verdient. Sie war edel und großmütig und er hatte sich aufgeführt wie ein Schuljunge, der noch grün hinter den Ohren war. Wütend über sich selbst schüttelte er den Kopf und dachte an längst vergangene Zeiten. So ähnlich wie Elisabeth jetzt hatte er sich damals gefühlt. Verraten und betrogen.
Seine erste große, seiner Meinung nach einzige wahre Liebe hatte ihn im Regen stehen lassen. Drusilla war ebenfalls eine außergewöhnliche Person gewesen. Als Tochter eines Trunkenbolds hatte sie es nicht immer leicht im Leben gehabt und William hatte den Beschützer gespielt. Hatte sie schon in frühesten Kindertagen vor den Hänseleien der anderen Kinder bewahrt und sich immer gut um sie gekümmert. Bis eines Tages der Sohn des Bankdirektors ein ergiebigeres Ziel gewesen war und sie ihn links liegen ließ.
Er hatte lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen und seine Eltern, obwohl überglücklich über den Bruch zu der jungen Frau, hatten sich rührend um ihn gesorgt und ihm immer gesagt, dass eines Tages die richtige Frau den Weg in sein Leben finden würde.
William lenkte sein Pferd seufzend wieder auf den Hauptweg zur Ranch. Die Dunkelheit ummantelte ihn, hielt ihn in einer finsteren Welt gefangen und seine Schultern sackten herab. War Elisabeth vielleicht die richtige Frau? Und wenn ja, warum spielte das Schicksal dann ausgerechnet jetzt all seine schrecklichen Karten aus?
*~*~*
Das Abendessen war alles andere als angenehm für William. Er hatte einfach nicht gewusst, was er sagen sollte und da auch Xander, Anya und die Kinder anwesend gewesen waren, hatte er nicht noch einmal mit Elisabeth sprechen können. Und dabei hatte er sich gewünscht, sie vorher noch einmal erreichen zu können. Er wollte und musste ihr sagen, wie wichtig es war, dass sie ihn verstand. Sie musste verstehen, dass es kein Spiel für ihn gewesen war und er nur einem Wunsch gefolgt war, der tief in seinem Herzen verankert war.
Aber vielleicht wollte Elisabeth das gar nicht hören. Vielleicht wollte sie ihn auch einfach nie mehr wiedersehen. Nach dem, was alles passiert war, war sie vielleicht froh, wenn er so schnell wie möglich seines Weges zog. Jedenfalls hatte sie ihn keines Blickes gewürdigt. Sie hatte nur schnell ihr Abendessen verschlungen und sich dann mit der Entschuldigung verabschiedet, dass die letzte Nacht ihr noch in den Knochen hing und sie müde war. Ohne ihn überhaupt anzusehen, war sie aus der Küche verschwunden und ihm blieb nichts an als sein schlechtes Gewissen, das beständig weiter anwuchs.
Xander hatte ihn, wie es seine Art war, eingehend beobachtet und ihn merkwürdig angesehen, als Elisabeth gegangen war. William war sich sicher, das der junge Vorarbeiter nicht genau wusste, was vor sich ging, doch natürlich hatte er die Veränderung seiner Chefin durchaus bemerkt. Immerhin kannten sie sich seit Jahren und er erwartete fast, dass Xander ihn nach dem Abendessen löchern würde, um zu erfahren, was genau geschehen war.
„Ich glaube, heute Abend sind wir alle zu müde, um ein vernünftiges Gespräch führen zu können", gähnte Anya herzhaft. Sogar sie war an diesem Abend sonderlich still gewesen und hatte sich auf sanfte Blicke beschränkt, die sie Maggie und Charles immer wieder zugeworfen hatte. Und genau das tat sie nun wieder. Sie warf einen liebevollen Blick auf ihre beiden Kinder, die ebenfalls erschöpft und müde am Tisch saßen und auch nicht sonderlich viel zu vermelden hatten. „Ich stelle jetzt einfach noch die Sachen zusammen… den Rest mache ich morgen früh." Sie sah ihren Mann an. „Kommst du auch?"
„Gleich", nickte Xander bedächtig, den Blick fest auf William gerichtet. „Geh ruhig schon vor, ich möchte noch kurz mit William reden." Er wartete, bis Anya die Kinder aufgescheucht und seine kleine Familie sich auf den Weg zum Vorarbeiterhaus gemacht hatte. Dann schob er seinen Stuhl rückwärts und lehnte sich zurück.
„Eigentlich interessiert mich brennend, was zwischen dir und Elisabeth vorgefallen ist", sagte er ganz unverblümt. „Aber vielleicht geht mich das auch nichts an", meinte er dann. „Allerdings möchte ich dich doch noch einmal daran erinnern, dass meine Warnung durchaus ernst gemeint war. Elisabeth ist ein wichtiger Teil meiner Familie und ich lasse es nicht zu, dass ihr wehgetan wird."
„Es lag nie in meiner Absicht, sie zu verletzen", murmelte William erschöpft. „Ich bin durchaus dankbar dafür, dass wir hier so liebenswürdig empfangen wurden und dass man uns so problemlos Hilfe angeboten hat." Er sah Xander an und zuckte mit den Schultern. „In drei Tagen sind wir verschwunden. Dann…"
Eigentlich hatte William nicht vorgehabt, sich von Xander einschüchtern zu lassen, doch er hatte nicht die Kraft, sich mit dem Mann zu streiten und so zuckte er einfach nur müde mit den Schultern. „Elisabeth ist eine Frau, wie man sie so wohl nie wieder findet", sagte er und sah Xander tief in die Augen. „Ich würde sie niemals bewusst in Schwierigkeiten bringen. Darauf kannst du dich verlassen." Er stand auf und nickte dem Vorarbeiter zu. „Ich werde jetzt auch schlafen gehen."
„William", hielt Xander ihn auf. „Ich fahre morgen in die Stadt. Ich muss zum Sägewerk, die Holzbretter für die Scheune in Auftrag geben und danach noch ein paar Kleinigkeiten in der Stadt erledigen." Er machte eine Pause und seine Stirn legte sich in Falten. „Vielleicht möchtest du mitfahren und Elisabeth so die Chance geben, wieder zu sich selbst zu finden. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich weiß auch, dass etwas geschehen sein muss. Sie wollte es mir nicht erzählen und das macht mir Sorgen. Bisher hat sie über alles mit mir gesprochen." Wieder warf er einen prüfenden Blick auf William. „Ich glaube dir, wenn du sagst, du würdest sie niemals bewusst verletzen, aber …"
„Ich würde gerne mitfahren", unterbrach William, doch das war eine faustdicke
Lüge. Aber er verstand, was Xander von ihm wollte und in Anbetracht dessen, was
heute geschehen war, war es vielleicht eine gute Idee, wenn er Elisabeth morgen
so selten wie möglich zu Gesicht bekam. „Dann kann ich unsere Vorräte aufforsten
und schon alles für unsere Abreise vorbereiten."
„Anya wird dich morgen wecken", nickte Xander zufrieden und stand auf. „Gute
Nacht."
*~*~*
Doch eine gute Nacht war etwas, das William nicht zuteil wurde. Unruhig wälzte
er sich hin und her und hörte hin und wieder das kratzige Husten seines Vaters,
dem es offensichtlich ähnlich erging und der, wie er selbst, seinen trüben
Hirngespinsten nachjagte. Auch Joseph konnte anscheinend nicht schlafen, doch
darüber wollte William sich nicht auch noch Gedanken machen. Er hatte mit seinen
eigenen Eindrücken genug zu tun. Überhaupt hätte er so einiges dafür gegeben,
seinen Kopf einfach auszuschalten und schlafen zu können.
Doch Elisabeth tauchte beständig in seinen Gedanken auf und so sehr er auch wünschte, er könne die Eindrücke aus seinem Kopf vertreiben… wieder und wieder spürte er ihre weichen Lippen auf den seinen und er hasste sich dafür. Hasste sich dafür, was er ihr und sich selbst damit angetan hatte. Doch dann seufzte er und überlegte, ob er seine Gedanken nicht besser umkehren sollte. Denn wahrscheinlich würden sie die einzig schönen Erinnerungen sein, die ihm bis ans Rest seines Lebens bleiben würden.
Teil 13
Die Fahrt mit Xander in die Stadt war nicht ganz so unangenehm, wie William sich vorher ausgemalt hatte. Der dunkelhaarige Vorarbeiter stellte keinen weiteren Fragen, warf ihm keine bohrenden, durchdringenden Blicke zu und war auch nicht sonderlich abweisend. Vielleicht, so überlegte William, wartete Xander auch nur auf das richtige Stichwort. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, das Xander sich damit zufrieden gab, nichts zu wissen. Zumindest nichts darüber, was zwischen ihm und Elisabeth vorgefallen war.
Gerade fuhren sie an der Farm vorbei und Xander hob grüßend den Arm, als Willow, bepackt mit zwei offensichtlich schweren Weidenkörben, aus der Tür trat.
„Ist auf der Farm jemand krank?", erkundigte sich William, um ein normales, unverfängliches Gesprächsthema bemüht.
„Nein", meinte Xander und sah ihn breit grinsend an. „Oder vielleicht doch", sagte er dann und verzog schelmisch das Gesicht. „Rupert hat es schwer erwischt. Die schlimmste Art von Liebeskrank, die ich je gesehen habe."
„Wer ist die Glückliche?", fragte William und versuchte dabei, sich das Gesicht des Farmleiters in Erinnerung zu rufen. Ein Mann mittleren Alters, erinnerte er sich, und so weit er das sagen kann, war nichts Außergewöhnliches an ihm. Außer vielleicht der Tatsache, das er jede Pflanze anbaute, derer er habhaft werden konnte.
„Willow", lachte Xander und klopfte sich auf die Oberschenkel. „Willow ist die Glückliche. Unsere gute kleine Fee bringt Rupert noch vollständig um den Verstand. Wenn das so weitergeht, dann baut er demnächst nur noch Kräuter und Heilpflanzen an, nur um ihr zu imponieren."
„Willow?", erwiderte William perplex. „Sie ist doch mindestens fünfzehn Jahre jünger. Wenn nicht noch mehr."
„Das ist wohl wahr", nickte Xander bedächtig. „Ich habe sie wirklich gern und kenne sie schon mein verdammtes Leben lang … aber Willow ist anders als andere junge Frauen. Sie kümmert sich einen Dreck um ihr Aussehen und dabei ist sie wirklich hübsch. Kochen, Nähen und Stricken interessiert sie keinen Deut, aber wenn man sie fragt, wo eine bestimmte Pilzsorte wächst, dann weiß sie garantiert die Antwort." Er schwieg einen Moment. „Rupert hat vielleicht ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel, aber meiner Meinung nach ist er der perfekte Gegenpart für sie. Außerdem wäre es wirklich schade, wenn ein so gutes Mädchen alleine bleiben würde."
William drehte sich auf dem Kutschbock um und sah den Weg zurück zur Farm. Willow hatte sich offenbar zu Fuß auf den Weg zur Ranch gemacht und war nur noch als kleiner Punkt auszumachen, der schließlich hinter ein paar Bäumen verschwand. „Es gibt schon seltsame Paare", meinte er kopfschüttelnd und wandte sich Xander zu. „Manchmal ist es schier unverständlich, wie einige Menschen zueinander finden."
„Wo die Liebe hinfällt", murmelte Xander und bedachte ihn mit einem merkwürdig wehmütigen Gesichtsausdruck. „Wo die Liebe hinfällt."
*~*~*
Den Rest des Weges brachten sie weitestgehend schweigend hinter sich. Erst als sie sich dem Sägewerk näherten, das sich am untersten Ende der Stadt im Wald verbarg, wurde Xander wieder munter.
„Dann wollen wir dem guten Mitchell mal ein gieriges Lächeln ins Gesicht zaubern", meinte er, hielt den Wagen an und klemmte die Bremse ein. „Er hat garantiert schon von dem Brand gehört und reibt sich seitdem durchgehend die Hände."
William sprang vom Kutschbock und musste auch nicht lange auf Mitchell warten. Der vollbärtige, hünenhafte Mann kam tatsächlich lachend auf sie zu, doch ein zugeschwollenes Auge ließ das Ganze etwas grotesk wirken.
„Wow", murmelte Xander und schüttelte ihm die Hand. „Hast du beim Pokern betrogen? Oder hast du dich wieder an Annie Chapman rangemacht und ihr Mann war ausnahmsweise einmal nüchtern und hat es dir übel genommen?"
Doch Mitchell winkte kopfschüttelnd ab. Er warf einen fragenden Blick auf William, wandte sich dann aber wieder rasch Xander zu. „Wie ich höre, hast du Arbeit für mich…"
„Ah, die Buschtrommeln waren schnell", grinste Xander und fingerte ein Blatt Papier aus der Hosentasche. „Und jetzt steck das gierige Grinsen weg", schimpfte er mit einem Zwinkern in den Augen. „Die Sache ist ernst. Wie lange brauchst du, um den Auftrag auszuführen?"
„Nicht halb so lange, wie du glaubst", meinte Mitchell, den Blick fest auf den Zettel in seiner Hand gerichtet. „Schau mal dahinten", meinte er und zeigte ohne aufzusehen hinter sich auf einen gewaltigen Bretterstapel. „Die kannst du mitnehmen. Von den Maßen her passt es und ich wäre froh, sie vom Hof zu haben."
„Bist du unter die Hellseher gegangen?", erkundigte sich Xander mit
hochgezogenen Augenbrauen.
„Nein", knurrte Mitchell und sein Gesicht verzog sich spöttisch. „Frank Jackson
hat sie bestellt. Wollte wohl eine neue Scheune bauen", meinte er
schulterzuckend. „Nur bezahlt hat er nicht. Daher auch mein blaues Auge." Er
grinste. „Er war nicht gerade begeistert, als ich gestern mit ein paar Männern
zu seiner Farm rausgefahren bin, um mein Eigentum zurückzuholen." Er schnaubte.
„So weit kommt das noch… holt mir das Holz vom Hof und bezahlt nicht…"
„Der verfluchte alte Drecksack", schimpfte Xander. „Ich hoffe, du hast es ihm mit gleicher Münze heimgezahlt."
„Allerdings", lachte Mitchell und zeigte eine Reihe gelbbrauner Zähne. „Dem geht es heute Morgen sicherlich nicht so gut wie mir!"
*~*~*
Zwanzig Minuten später hievten Xander und William eine Menge Bretter auf den
mitgebrachten Wagen. „Der alte Jackson wieder", schnaufte Xander und schüttelte
den Kopf. „Wer auch sonst!"
„Warum?", erkundigte sich William. „Zahlt er immer so schlecht?" Davon konnte er
ein Lied singen. Auch sie hatten früher so einige Kunden gehabt, die es damit
nicht so genau nahmen.
„Er ist ein Mistkerl", knurrte Xander. „Macht uns ständig Scherereien. Schon mit
dem alten Summers hat er ständig in Clinch gelegen", erklärte der Vorarbeiter
der Ranch und lehnte sich für eine kurze Pause gegen den Wagen. „Aber Elisabeth
macht er das Leben zur Hölle. Glaubt wohl, bei ihr kommt er damit durch, weil
sie eine Frau ist. Ständig kommt er und beschwert sich über irgendwas.
Vollkommen belangloses Zeugs."
„Was für einen Grund hat er dafür?", fragte William neugierig und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Das ganze Land, das jetzt Elisabeth gehört, hat früher einmal seine Familie besessen. Sein Vater war auch schon ein Drecksack, hat rumgehurt und seine Kohle beim Spielen verzockt." Er schnaubte und verzog das Gesicht. „Irgendwann hatte er dann Schwierigkeiten seine Gläubiger zu bezahlen und die sind ihm dann auf die Pelle gerückt, sodass er sein Land verkaufen musste. Der alte Summers hat das Geschäft seines Lebens gemacht. Aber jetzt meint der gesamte Jackson-Clan, dass ihm mehr Kohle zusteht, weil die Ranch so groß geworden ist und ihrer Meinung nach eine Menge Profit abwirft."
„Scheißkerl", stimmte William zu und dachte an Elisabeth. Sie hatte wirklich kein so leichtes Leben, wie es auf den ersten Blick schien, und das schwere Los, das sie trug, mochte ihr manchmal schwer zusetzen.
„Es kommt noch viel schlimmer", spuckte Xander bitter aus. Wenn er schon einmal in Fahrt war, dann wollte er auch die ganze Gesichte erzählen. „Er hat seinen verzogenen Sohn auf Elisabeth angesetzt", knurrte er dann. „Sollte sie wohl verführen und am besten gleich so, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihn zu heiraten." Er sah William an. „Du verstehst schon, wie ich das meine."
„Verflucht", brummte William, urplötzlich stinksauer. „Was hat sie dagegen unternommen?"
„Erstmal gar nichts", seufzte Xander, nahm seinen Hut ab und fächelte sich damit Luft zu. „Er hat sich sehr geschickt angestellt. Hat erklärt, dass er von den Machenschaften seines Vaters die Schnauze voll hätte und seine Spielchen nicht mehr mitspielen würde. Dann hat er versucht, Elisabeth einzuwickeln. Du weißt schon… er war hilfsbereit, galant und höflich. Doch sie ist keine Frau, die sich jemandem an den Hals wirft und als er glaubte, das Ganze würde zu lange dauern, hat er versucht, die Sache mit ein wenig Gewalt zu beschleunigen."
„Was hat der Höllenhund getan?", schnaubte William und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Mörderische Wut flammte in ihm auf und er hielt sich nur mit Mühe unter Kontrolle. „Hat er ihr wehgetan?"
„Versucht hat er es wohl", grinste Xander spitzbübisch. „Aber er hat wohl nicht mit ihrer heftigen Gegenwehr gerechnet. Verdammt, sie ist unter Männern auf einer Farm aufgewachsen." Er lachte gackernd. „Elisabeth lässt sich so leicht nicht unterbuttern. Nun jedenfalls… er humpelt heute noch." Xander zwinkerte William zu. „Ich hab den Doc mal danach gefragt. Er meinte, Elisabeth hätte ihm wohl so hart gegen das Schienbein getreten, dass es mindestens angebrochen war."
„Gut", murmelte William, erleichtert darüber, dass ihr nichts geschehen war. „Doch der Drecksack hätte eine viel schlimmere Strafe verdient." Doch dann musste er die Anspannung in seinem Körper loswerden und so packte er gleich mehrere der langen Bretter und warf sie auf die Ladefläche des Wagens.
„Langsam, Kumpel", bremste Xander ihn. „Immerhin brauchen wir sie in einem Stück." Dann packte er mit an und zusammen verstauten sie soviel von dem Holz, wie sie aufladen konnten.
*~*~*
Die Stadt selbst war genauso, wie Elisabeth sie beschrieben hatte. Klein und heimelig. Es gab einen Saloon, ein kleines Restaurant, dass auch Zimmer anbot, einen Sheriff, einen Gemischtwarenladen, einen Friseur und ein paar Wohnhäuser. Etwas weiter abseits stand noch ein aus groben Brettern errichtetes Gebäude, das sich als Bahnhof entpuppte. Doch sonst sah William nichts Erwähnenswertes.
„Lass uns ranklotzen", meinte Xander und hatte ein durchtriebenes Lächeln auf dem Gesicht. „Dann haben wir noch die Zeit, uns ein oder zwei Bierchen im Saloon zu gönnen. Ich komme so selten in die Stadt, das ich mir das eigentlich verdient habe."
William hielt das für eine ausgesprochen gute Idee. Nach allem, was er heute gehört hatte, konnte er einen Schluck Alkohol gut brauchen. Allerdings würde er sich wohl eher an Whiskey halten, als an die lauwarme Flüssigkeit, die Xander offensichtlich eher bevorzugte.
Eine gute Stunde später war es so weit. Sämtliche Einkäufe und Besorgungen waren auf dem Wagen verpackt und festgezurrt und beinahe beschwingt betraten die beiden Männer den Saloon. Allerdings gefror Williams Lächeln zu einer Grimasse, kaum dass die Schwingtüren des Saloons hinter ihm zugefallen waren. An der Theke saß ein Mann, den er niemals zuvor hatte wiedersehen wollen. „Murdoc", murmelte er und atmete tief ein, als ebendieser einen flüchtigen Blick auf die Neuankömmlinge warf.
Doch es passierte nichts. Der schmierige Mann mit den verdreckten zerschlissenen Hosen wandte sich wieder seinen Kumpels zu und grinste breit, als jemand ihm ein Glas Whiskey über den Tresen zuschob.
„Der Drecksack hat mich nicht mal erkannt", murmelte er leise und folgte Xander zu einem kleinen Tisch, der noch unbesetzt war.
„Alles okay?", erkundigte sich Xander und sein breites Lächeln verschwand und machte einem sorgenvollerem Gesichtsausdruck platz.
„Jepp, alles bestens", nickte William und setzte sich so, dass er seinem Todfeind in die Augen sehen konnte.
Teil 14
An den langen Weg zurück zur Farm konnte sich William später nicht erinnern. Auch nicht, ob er mit Xander gesprochen hatte, oder ob sie die Fahrt über schweigend nebeneinander verbracht hatten. In ihm rauschte eine wilde Wut, die er längst verloren glaubte. Schon die Erzählungen Xanders über diesen verfluchten Jackson-Clan hatten ihn zur Weißglut gebracht, dann aber noch Murdoc gegenüberzustehen, war zuviel des Guten. In seinen Adern rauschte das Blut und er konnte sein Herz pochen hören. Unbändige Kraft schien ihn zu durchzucken und er hatte Mühe, sich auch nur für ein paar Minuten still hinzusetzen. Seine Energie ließ ihn immer wieder aufstehen und im Zimmer umherwandern.
Seine Hände hatten gezittert, als er all seine Einkäufe in sein Zimmer gebracht hatte und er hatte versucht, sich über die Konsequenzen des Gesehenen klar zu werden. Zum einen bedeutete es, das ihre gefährlichen Reise ein Ziel gefunden hatte, zum anderen aber auch das sichere Ende.
William war zwiegespalten, wie nie zuvor in seinem Leben und er verkroch sich den Rest des Tages in seinem Zimmer. Elisabeth war eine starke, treibende Kraft in seinen Gedanken, doch die Erinnerungen an seine Vergangenheit drängten sich wieder und wieder dazwischen und er hatte das Gefühl wahnsinnig zu werden.
Überhaupt hatte er seine Gastgeberin den ganzen Tag über nicht zu Gesicht bekommen. Alles in ihm drängte danach, mit ihr zu sprechen, aber nach dem Vorfall am gestrigen Tag, war sie sicherlich nicht dazu bereit, sein Gejammer und seine Unsicherheit zu ertragen. Außerdem hätte das bedeutet, sie in eine Sache hereinzuziehen, in der sie nichts zu suchen hatte. Sie hatte auch so genug Leid zu tragen, ohne dass er seins auch noch bei ihr ablud.
William stand vor dem Fenster und sah hinaus in die stetig wachsende Dunkelheit. Noch immer hatte er sich nicht entschieden, wie er vorgehen sollte. Sollte er so tun, als wäre nichts geschehen und einfach in zwei Tagen mit seinem Vater abreisen, und dann hoffen, dass alles von alleine ein Ende fand oder Joseph schlussendlich aufgab? Oder sollte er Joseph sagen, wen er in der Stadt gesehen hatte? Wie würde sein Dad auf diese Nachricht reagieren? Auch wenn er sich tapfer gab, seine Krankheit war noch lange nicht besiegt und vielleicht würde William für seinen sicheren Tod sorgen, sollte er ihm die ganze Wahrheit sagen.
Dann endlich war seine Wut verraucht und sein Kopf wurde klarer. Er konnte das Ende nicht aufhalten. Früher oder später würde sein Vater sich wieder auf den Weg machen und William wurde bewusst, dass er ihm niemals wieder in die Augen sehen konnte, wenn er ihn nun in einer solch wichtigen Angelegenheit belog. Joseph McGray würde niemals aufgeben!
*~*~*
William verließ die trügerische Sicherheit seines Gastzimmers, lief durch das Wohnzimmer und begrüßte Willow nur äußerst sparsam, die auf dem Sofa saß und irgendwelche Kräuter auseinanderpflückte.
„Ihr Vater ist müde", meinte sie leise, als sie erkannte, was sein Ziel ist. „Er ist noch lange nicht wieder gesund, auch wenn er das anders sieht. Vielleicht sollten Sie ihm das klarmachen."
„Ich werde es versuchen", nickte William schnell und betrat das Krankenzimmer.
Seltsamerweise ersparte sich Joseph jeglichen bitteren Kommentar, sondern sah seinem Sohn dabei zu, wie dieser nervös im Zimmer auf und ab lief. „Was ist los?", erkundigte er sich krächzend und er setzte sich mühsam auf. „Irgendetwas stimmt doch nicht." Er lehnte sich an die Rückwand des Bettes und runzelte die Stirn.
William schob das Kinn vor und sah seinen Vater ernst an. „Ich war heute in der Stadt. Vorräte besorgen. Vielleicht weißt du das aber auch schon", meinte er dann und seufzte. „Dad, ich habe… ich habe Murdoc in Plainville gesehen. Im Saloon. Er hat mich nicht einmal erkannt."
Ganz anders als er es erwartet hatte, blieb sein Vater vollkommen ruhig. Nicht ein Hinweis darauf, was in ihm vorging und William setzte sich aufs Bett und sah ihn an. „Er hat mich nicht einmal erkannt", wiederholte er dann, vielleicht, um selbst zu verstehen, was geschehen war. „Hat seelenruhig mit seinen Kumpels gesoffen und…"
„Ist gut, William", sagte Joseph mit einer Stimmlage, die William daran erinnerte, wie sein Dad einst gewesen war. Mahnte ihn an eine bessere Zeit, bevor das Unheil auf sie hernieder gehagelt war.
„Nichts ist gut, Dad", sagte er und schüttelte den Kopf. „Er saß da, trank einen Whiskey nach dem anderen und freute sich des Lebens. Es war unglaublich. Es war… als würde er nie… als würde ihm nichts etwas ausmachen. Als wäre es ihm egal, dass er unser Leben zerstört hat."
„Weil es ihm egal ist", sagte Joseph und mühte sich unter der Decke hervor. Er stellte die Beine auf den Boden und kam unsicher und schwankend zum Stehen. Dann legte er seine Hand auf die Schultern seines Sohnes und sah ihn an. „William, es tut mir leid. Ich hätte dich niemals in diese Situation bringen dürfen. Ich habe lange nachgedacht und ich möchte mich dafür entschuldigen. Du hattest von Anfang an Recht, zumindest, was dich betraf."
„Schon gut, Dad", nickte William und sah zu seinem Vater auf. Warum nur war
er so ruhig? Lag es daran, dass er sich am Ziel angekommen wähnte? Doch dann
wischte er den Gedanken beiseite. „Mittlerweile verstehe ich dein Handeln besser
als je zuvor", seufzte er und dachte an Elisabeth. Doch dann konzentrierte er
sich wieder auf sein Gegenüber. „Morgen früh reite ich in die Stadt… und beende
das Ganze."
„Das wirst du nicht tun", sagte Joseph leise. „William, es ist nicht dein Kampf,
sondern meiner. Du hast genug gelitten." Tränen glänzten in seinen Augen und er
betrachtete seinen Sohn voller Stolz. „Du bist ein guter Junge. Der beste Sohn,
den ein Vater sich wünschen kann."
„Aber Dad", widersprach William und schüttelte verwirrt den Kopf. „Du bist noch immer krank und bis du wieder vollkommen auf den Beinen bist, ist er vielleicht längst über alle Berge. Das kann ich nicht zulassen. Unsere Suche dauert nun schon so lange…"
„William", sagte Joseph und schüttelte seinen Sohn sanft, sodass dieser zu ihm aufsah. „Du weißt, dass ich dich liebe, oder? Die vergangenen vier Monate waren die Hölle für dich, aber vergiss niemals, dass ich dich liebe."
„Dad?", fragte William unsicher, dann sah er eine Faust auf sich zukommen und die Welt um ihn herum wurde dunkel.
*~*~*
Joseph beugte sich ein letztes Mal über seinen bewusstlosen Sohn, verabschiedete sich lautlos und zog sich dann rasch an. Und auch, wenn seine Beine wackelten und seine Welt hin und wieder schwankte, so ließ er sich doch nicht davon abhalten. Die Wut und der Hass hatten ihn so lange aufrechterhalten, und eben diese tiefen Gefühle ließen ihn jetzt durchhalten. Nie war er seinem Ziel so nah gewesen wie jetzt und er würde nicht aufgeben. Nichts und niemand konnten ihn nun noch aufhalten.
Er öffnete sein Fenster und kletterte schwerfällig hinaus. Doch dann stand er seiner Gastgeberin gegenüber, die gerade ihr Pferd an einen Pflock binden wollte und er zog seinen Colt aus dem Halfter.
„Miss", sagte er seufzend und zielte auf ihre Stirn. „Glauben Sie mir, ich
will Ihnen nichts Böses, aber ich brauche Ihr Pferd. Gehen Sie einfach ein paar
Schritte zur Seite, dann wird Ihnen nichts geschehen."
Elisabeth, komplett geschockt, ließ die Zügel ihres Wallachs fallen und starrte
ihn an. „Was zum Teufel ist hier los?", brachte sie über ihre Lippen, doch dann
ging sie die geforderten Schritte zurück und hob sicherheitshalber die Arme. „Wo
ist William?"
Joseph mühte sich auf das große Pferd, ließ sie jedoch keine Sekunde aus den Augen. „Kümmern Sie sich um ihn, Miss. Es ist nicht seine Schuld, sondern ganz allein meine", sagte er dann, riss die Zügel herum und gab dem Tier die Sporen.
Einen Moment starrte ihm Elisabeth fassungslos hinterher, dann rannte sie ins Haus und traf auf Xander, der sich nach getaner Arbeit zu seiner Frau gesetzt hatte und auf das Abendessen wartete. „Wo ist William?", schrie sie aufgebracht und der dunkelhaarige Vorarbeiter sprang sofort auf.
„Was ist passiert?"
„Sein Dad hat mich gerade mit einer verfluchten Waffe bedroht und mir das Pferd abgenommen. Wie der Teufel ist er davon geritten", spuckte Buffy aus. „Wo ist William?", wiederholte sie die Frage. „Wer hat ihn gesehen? Ist er in seinem Zimmer?"
„Ich weiß es nicht", sagte Xander wahrheitsgemäß und blickte zu seiner Frau,
die nur stumm den Kopf schüttelte. Er verstand gar nichts mehr, war vollkommen
perplex und schüttelte verwirrt den Kopf. „Was ist denn hier los?"
„William ist eben zu seinem Vater gegangen", sagte Willow, die aufgeschreckt
durch das Geschrei in die Küche geeilt war. „Vor ein paar Minuten. Er ist immer
noch bei ihm. Warum?"
Wütend schob sich Buffy an ihr vorbei und eilte in das Krankenzimmer, wo William noch immer bewusstlos auf dem Bett lag. „Was zur Hölle ist hier los?", fauchte sie, sprang aufs Bett und schüttelte ihn. „Sag mir, was hier los ist!"
Willow, Xander und Anya waren ebenfalls ins Zimmer gestürmt, wussten jedoch
nicht, was sie tun sollten und sahen sich ratlos an. Dann erwachte William und
setzte sich ruckartig auf. „Wo ist mein Dad?"
„Das ist eine gute Frage", schnaufte Elisabeth wütend und funkelte ihn an. „Er
hat mich mit einer Waffe bedroht", keifte sie und kletterte wieder herunter vom
Bett „Er hat mich bedroht und mein Pferd mitgenommen. Erklär mir, was hier los
ist. Auf der Stelle!"
„Keine Zeit", brummte William, stand auf und wollte aus dem Zimmer stürmen. Doch Xander hatte sich im Türrahmen aufgebaut und schüttelte mit finsterem Gesichtsausdruck stumm den Kopf.
„Keine Chance, Kumpel", meinte er und seine Stimme war kaum mehr als ein dunkles Grollen. „Nicht, bevor du uns gesagt hast, was zur Hölle hier los ist!"
„Verdammt, dafür ist keine Zeit", sagte William aufgebracht und starrte von
einem zum anderen. „Er wird ihn umbringen…"
„Wer wird wen umbringen?", fragte Elisabeth, nun gänzlich verwirrt.
„Den Mann, der meine Mutter auf dem Gewissen hat", seufzte William verzweifelt. „Ich habe ihn heute Morgen in der Stadt gesehen. Oh, verdammt. Jetzt lasst mich doch gehen. Verflucht! Das hat doch alles nichts mit euch zu tun."
„Mittlerweile doch", fauchte Buffy ihn an. „Und jetzt erklär mir, was passiert ist und was für einen Mann dein Dad umbringen will. Und glaub ja nicht, dass ich noch einmal auf deine Lügen hereinfalle!"
„Ich habe dich nie angelogen", sagte William und sah sie kopfschüttelnd an. „Niemals! Ich habe nur nicht alles erzählt. Nicht die ganze Geschichte. Ich habe dir gesagt, dass meine Mom gestorben ist. Nur nicht wie. Sie ist erschossen worden. Murdoc heißt der Mistkerl und ich habe ihn heute Mittag im Saloon gesehen." Er seufzte und warf die Hände in die Luft. „Bitte! Ich muss jetzt wirklich gehen. Sonst ist alles zu spät."
Elisabeth brauchte einen Moment, um das Gehörte zu verdauen. Dann wandte sie sich Xander zu. „Trommel ein paar Leute zusammen. Jeder, der genug Mumm in den Knochen und ein Gewehr hat, soll sich uns anschließen." Dann sah sie zu Anya. „Lauf in den Stall. Die Jungs dort sollen die Pferde satteln und das so schnell wie möglich!"
Beide Angestellten nickten und liefen los. „Willow, ich brauche deine Hilfe", sagte sie dann. „Lauf runter zur Farm. Sag Bescheid, was hier passiert ist und vielleicht gelingt es dir, noch ein paar der Farmer anzutreiben." Und auch als die Rothaarige losrannte, wandte sich Elisabeth an William. „Du hast einiges zu erklären", schnauzte sie ihn an. „Und egal, was nun passiert… ich will die ganze Wahrheit!"
Teil 15
Kaum zehn Minuten später verließen zwölf bewaffnete Reiter, darunter William, Elisabeth und Xander, mit ernsten Gesichtern den Hof der Summers Ranch und William seufzte lautlos. Nie im Leben hatte er gewollt, dass Elisabeth und ihre Leute in seines Vaters und seiner Fehde involviert werden. Er hatte alles Menschenmögliche getan, um sie aufzuhalten, doch es war ihm nicht gelungen. Stur wie sie war, hatte sie ihn einfach ignoriert und sich ein Gewehr aus dem Waffenschrank des Wohnzimmers geholt.
Schweigend ritten sie nun nebeneinanderher. Elisabeth links und Xander rechts von ihm. Ihre Mienen waren unleserlich und William hätte am liebsten jeden einzelnen geschüttelt und angeschrieen, darum gebeten, sie mögen wieder umkehren und ihn alleine des Weges reiten lassen. Es war nicht fair, sie in einen möglichen Kampf ziehen zu lassen, der nicht ihr Kampf war. Aber nicht einmal der gutmütige Xander hatte auf ihn hören wollen, als er kurz vor dem Aufbruch versucht hatte, ihn zur Vernunft zu bringen.
Bei der Farm angekommen, gesellten sich sieben weitere Reiter zu dem schweigsamen Tross. Nur das Hufklappern der Pferde war zu hören, die angetrieben von ihren Reitern in wildem Galopp durch die Nacht eilten.
Niemand sprach auch nur ein Wort, und schon alleine das verstand William nicht. Keiner hinterfragte, warum sie sich wegen eines Fremden in Gefahr bringen sollten und was noch schlimmer war, niemand warf ihm auch nur einen finsteren Blick zu. Denn damit hätte er umgehen können. Er hätte mit allen Mitteln versucht, sie wieder nach Hause zu schicken. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn begleiteten, ließen ihn unsicher und nervös werden.
Dann gärte ein letzter Funke Hoffnung in ihm auf und als sie das Sägewerk erreichten, trieb er sein Pferd noch weiter an und übernahm die Führung des Trosses. Wenn er nur schnell genug war, dann konnte er vielleicht seinen Vater retten und gleichzeitig Elisabeth und die Männer der Ranch schützen.
„Nur noch diese eine Kurve", dachte er laut und wandte sich um. Er hatte zwar einen geringen Vorsprung herausgearbeitet, doch ob der ausreichte, vermochte er nicht zu sagen. Aber er musste es einfach versuchen. Doch dann gellte ein Schuss durch die Nacht und der Nachhall warf ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Sekundenbruchteile später dröhnte ein zweiter durch die Nacht und William wusste, er war zu spät. Für einen Moment herrschte Ruhe, dann brach die Hölle los. Frauen und Kinder kreischten, Männer schrieen wild durcheinander und William fluchte.
In vollem Galopp sprang er vom Pferd, strauchelte und rannte dann auf seinen Vater zu, der lang ausgestreckt auf dem Rücken lag, die Augen ausdruckslos und tot gen Himmel gerichtet und einem seligen Lächeln auf den Lippen. „Oh, mein Gott, Dad!"
Williams Welt schien sich zu verschieben und er bekam nichts davon mit, dass auch Murdoc tot am Boden lag, umringt von seinen Männern, die jedoch schnell die gezogenen Waffen einsteckten, als sie von der Übermacht der bewaffneten Reiter umringt wurden. Er sah und hörte auch nicht, wie sie auf ihre Pferde sprangen und in die Nacht hinaus ritten. Sein Blick war auf seinen toten Vater geheftet und alle Kraft schien aus ihm zu weichen.
Dann war Elisabeth bei ihm und ihre Stimme klang nur verhalten zu ihm durch. „Es ist vorbei", sagte sie und versuchte ihm aufzuhelfen, doch sie schaffte es nicht. „William?" fragte sie und seufzte, als sie erkannte, dass er nicht ansprechbar war.
Sie schüttelte den Kopf, suchte und fand Xander und gab ihm einige Anweisungen, dann ging sie auf den früh gealterten Sheriff zu, der wirr hin und herlief und nicht begriff, was gerade in seinem verschlafenen Nest geschehen war. Elisabeth hatte ihm wohl einiges zu erklären, hoffte aber, dass sich die Sache erledigt hatte, da beide Kontrahenten tot am Boden lagen.
In William selbst kam erst wieder Bewegung, als starke Männer seinen Vater an Schultern und Füßen packten und auf einen Wagen hievten. Er sprang auf, versuchte sie aufzuhalten und wurde von dem dunkelhaarigen Vorarbeiter aufgehalten.
„Schon okay", murmelte Xander und hielt ihn fest. „Wir nehmen ihn wieder mit auf die Ranch."
*~*~*
Die Beerdingung hatte beim ersten Morgengrauen stattgefunden und William hatte noch lange auf den Erdhügel gestarrt, der seinem Vater nun die endgültige Ruhe verhieß. Die Nacht über hatte er kaum geschlafen, aber seine Gedanken waren wieder klar und er wusste, was er zu tun hatte. Nämlich so schnell wie möglich von der Ranch zu verschwinden. Er hatte genug Schaden angerichtet und konnte den Menschen hier kaum noch in die Augen schauen.
Ein dicker Kloß hatte ihm im Hals gesteckt, als auch Xander, Anya, Willow und Elisabeth seinem Vater die letzte Ehre erwiesen hatten und er schämte sich, dass er es nicht geschafft hatte, ein einziges dankendes Wort über die Lippen zu bringen.
William streckte sich. Er verabschiedete sich ein letztes Mal von seinem Vater und ging dann auf das Haupthaus zu. Er hatte sich dazu entschlossen, Elisabeth die ganze Geschichte zu erzählen. Wenn sie sie denn hören wollte. Ansonsten würde er nun seine Sachen packen und verschwinden. Doch als er ins Wohnzimmer kam, schauten ihn vier Augenpaare abwartend an und er seufzte und nickte schließlich. Er wusste, was sie erwarteten und so setzte er sich auf einen Stuhl nahe dem Fenster und begann zu erzählen.
*~*~*
„Es war kurz vor Weihnachten", krächzte er, dann wurde seine Stimme fester. „In unserem Geschäft. Ich schrieb gerade ein paar Rechnungen, meine Mom sortierte die Konserven neu und Dad stand an der Kasse und machte die Abrechnung. Wir hatten keine Kundschaft mehr erwartet, es war fast Feierabend." Er seufzte und sah aus dem Fenster. „Ich weiß noch, dass ich aufsah. Ein fremder Mann stand vor dem Tresen und hielt meinem Dad eine Waffe vor die Stirn. Er wollte Geld und ich weiß nicht warum, aber Dad sagte nein. Vielleicht war er durcheinander, vielleicht konnte er auch einfach nicht verstehen, was gerade vor sich ging." Er zuckte mit den Schultern und sah wieder aus dem Fenster.
„Der Kerl wiederholte seine Forderung, doch Dad schien wie festgefroren. Er konnte sich kaum bewegen. Ich sah, wie der Drecksack lachte, seinen Colt auf meine Mom richtet und abdrückte. Einfach so, ohne ein Zaudern, ohne eine Gefühlsregung." William sah auf, blickte Elisabeth an und als er ihren mitleidigen Gesichtsausdruck erkannte, sah er schnell wieder weg. Er hatte kein Mitleid verdient. Er hatte alles verbockt.
Einen Moment sammelte er sich, dann sprach er weiter. „Dad war danach wie ausgewechselt. Ich hab viel darüber nachgedacht und ich glaube, er fühlte sich dafür verantwortlich, dass meine Mom tot war. Vielleicht dachte er, er hätte etwas verändern können, wenn er anders reagiert hätte…" Er seufzte wieder und knetete nervös seine Hände. „Zwei Wochen später, ich weiß gar nicht mehr, wo ich gewesen bin… jedenfalls kam ich nach Hause und mein Dad erklärte mir, er habe alles verkauft. Den Laden, das Haus, einfach alles. Er drückte mir einen Geldbeutel in die Hand und sagte, ich müsste mich entscheiden. Entweder ein Leben ohne ihn beginnen oder ihm dabei helfen, den Mörder meiner Mom zu jagen."
William sah Xander direkt ins Gesicht, suchte nach ein wenig Verständnis und sprach schnell weiter. „Ich konnte ihn nicht einfach gehen lassen. Er war so anders, so verändert und darum konnte ich ihn nicht… Ich fühlte mich selbst doch genauso schuldig wie er. Auch ich hatte nichts unternommen und im Nachhinein glaube ich, dass Murdoc mich auf meinem Platz nicht einmal gesehen hat. Wenn ich reagiert hätte, vielleicht aufgesprungen wäre… eventuell wäre alles anders verlaufen." Er seufzte wieder und starrte ins Leere. „Mein Dad rang mir ein Versprechen ab. Wenn ich mit ihm kam, dann dürfte ich niemanden verraten, was er vorhatte. Er wollte nicht, dass jemand versuchte ihn aufzuhalten und wir wollten auch keinen Unbeteiligten in die Sache verstricken." William schnaufte und schüttelte den Kopf. „Und das ist uns ja auch unglaublich gut gelungen", knurrte er sarkastisch.
Einen Moment blieb er stumm, dann fand er, er hätte genug erklärt und stand auf. „Ich werde jetzt meine Sachen packen und verschwinden." Er sah Elisabeth an. „Ich habe das so nie gewollt. Ich hätte nie gedacht, ausgerechnet hier auf Murdoc zu treffen, ich wollte nie…" Seufzend schob er sich an allen Anwesenden vorbei und eilte in sein Zimmer. Seine Sachen waren schon alle verstaut und so schnappte er sich seine Satteltaschen und warf sie sich über die Schulter.
Er wandte sich um, wollte so schnell als möglich aus dem Haus verschwinden, doch Elisabeth versperrte ihm den Weg. Sie hatte sich an die Türzarge gelehnt und ihn offensichtlich schon länger beobachtet. „Du hast eine Menge erklärt", sagte sie in einer Tonlage, die er nicht deuten konnte. „Ich will nur noch eins von dir wissen, bevor du gehst", sagte sie und kniff die Lippen zusammen. „Oben am Bergsee… was war das?"
„Oh Gott", seufzte William und wünschte, er wäre in der Lage ihr ins Gesicht zu lachen und eine Lüge zu erzählen. Irgendetwas, sodass sie ihn bis ans Ende seines Lebens hassen würde. Doch genau das konnte er nicht und er ließ sich auf das Bett fallen und seine Schultern sackten herab. „Das war … das, was ich mir am meisten gewünscht habe. Es war kein Spiel und ich wollte auch nicht… Es tut mir leid." Niedergeschlagen sah er sie an und traute kaum seinen Ohren, als sie zu sprechen begann.
„Ich könnte einen Buchhalter gebrauchen", sagte Elisabeth leise. „Ich hasse den ganzen Papierkram und wäre froh, wenn ich mich nicht mehr darum kümmern müsste."
Erstaunt und geschockt sprang William auf. „Du willst… du willst, dass ich hier
bleibe? Nach all dem, was geschehen ist?" Er konnte es nicht fassen und starrte
sie kopfschüttelnd an. „Warum?"
„Ich weiß nicht", sagte sie und ging durch das Zimmer auf das Fenster zu. „Vielleicht war dein Start hier auf der Ranch nicht gerade glücklich, aber ich weiß, dass du kein schlechter Kerl bist." Sie wandte sich um und sah ihn offen an. „Zumindest denke ich das und ich irre mich nur sehr selten." Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht will ich aber auch nur herausfinden, was genau ich für dich empfinde", gestand sie dann etwas leiser.
„Buffy?", flüsterte er fassungslos und sie wirbelte herum.
„Du kennst meinen … meinen Spitznamen?", fragte sie dann. „Er ist albern",
seufzte sie verlegen, „mein Dad hat mich immer so genannt… jetzt nennt mich nur
noch Willow so."
„Er ist nicht albern", sagte William und warf die Satteltaschen auf das Bett.
Mutig ging er ein paar Schritte auf sie zu. „Jedenfalls bedeutend schöner als
meiner."
„Warum? Wie hat man dich genannt?"
„Spike", sagte er, dann musste er lachen. Die ganze Situation war so absurd und sein Gefühlsleben war so durcheinander, dass er kaum einen vernünftigen Gedanken fassen konnte.
„Spike?", lachte jetzt Elisabeth. „Das ist wirklich seltsam." Doch dann wurde sie wieder ernst und sie schaute ihn einen Moment an. „Du kannst mir helfen", sagte sie dann leise.
„Wobei?", fragte William, ebenso leise.
Sie presste die Lippen aufeinander. „Dabei herauszufinden, was ich wirklich will." So mutig sie auch gewöhnlich war, im Moment fühlte sie sich unsicher wie nie zuvor in ihrem Leben und ein fast unbändiger Drang wegzulaufen durchfuhr sie.
„Und wie genau kann ich das tun?" William baute sich vor ihr auf und lächelte unsicher.
Beinahe schüchtern sah sie ihn an und ihre grünen Augen glänzten im Sonnenlicht. „Indem du mich noch einmal küsst." Sie schluckte und suchte nach einer Erklärung, doch William hatte schon ihre Hände genommen und sie nah an sich herangezogen.
„Es gibt nichts, was ich lieber täte", flüsterte er, zog sie noch ein kleines
Stückchen näher an sich heran und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf die
Lippen. „Bist du dir sicher?"
Elisabeth konnte nicht antworten, sie seufzte nur leise und nickte stumm. Doch
mehr Antwort brauchte William auch nicht. Seine Lippen knabberten zärtlich an
ihrer Oberlippe, dann küsste er sie, wie er nie zuvor eine Frau geküsst hatte.