Titel: Duty calls
Autor: SilentThunder
Inhalt: Was passiert, wenn man zum Wohl seines Volkes heiraten muss? William hat die schlimmsten Vorstellungen
und macht sich nur sehr widerwillig auf den Weg zu seiner Zukünftigen.
Altersfreigabe: keine
Teile: 14
Beta: Lorias
Storypic: SilentThunder
Hauptcharakter(e): Elisabeth/William (Buffy/Spike)

 

 

Duty calls

Laut scheppernd landete ein bronzener Krug an der Wand, fiel geräuschvoll auf den steinigen Boden und kullerte unruhig darüber hinweg. Sekunden später folgten ein ebensolcher Becher und eine Schale, die einst Obst getragen hatte, das nun verteilt im Thronsaal herum lag. Und als ein antikes Holzschild den gleichen Weg fand, langte es dem Hausherrn und er sprang zornig auf.

„Das reicht jetzt, William! Selbst, wenn du sämtliches Mobiliar in kleine Stücke zerlegst, wirst du meine Entscheidung nicht mehr ändern können. Darf ich dich daran erinnern, dass du selbst es warst, der darauf gedrängt hat?" Er richtete sich zu seiner ganzen Größe auf und starrte finster auf seinen Sohn, der dennoch ein trotziges Gesicht machte.

„Ich habe nicht darauf gedrängt, verraten und verkauft zu werden", schrie William aufgebracht und ließ den bisher geworfenen Dingen noch gleich eine Vase folgen. „Wenn ich mich recht erinnere, habe ich mich dafür eingesetzt, endlich Frieden einkehren zu lassen. Ich habe mich nicht als Opferlamm angeboten."

„Du bist kein Opferlamm. Immerhin sollst du die Tochter unserer Gegner heiraten und das bedeutet, dass du irgendwann der Führer beider Nationen bist." Sein Vater schob seinen schweren Stuhl zurück, warf einen letzten grimmigen Blick durch die Länge der Halle und begann, auf und ab zu laufen. „Richard hat keinen Sohn, dem er seine Bürde hinterlassen kann und das ist einer der Gründe, warum er einem Friedensabkommen zugestimmt hat. Aber er muss sich als sorgender Herrscher auch um sein Volk kümmern und da ist es nur natürlich, dass er dich durch eine Heirat an das Land binden will." Er warf die Hände in die Luft. „Überhaupt weiß ich gar nicht, was du zu meckern hast! Es gibt wohl kaum eine bessere Partie für dich und deine Hörner hast du dir längst abgestoßen."

„Hast du die je gesehen? Hast du je auch nur ihren Namen gehört?", fauchte William. „Sie ist eine Kämpferin, das hast du wohl vergessen. Und offenbar ist sie so stark, dass sich ihre eigenen Untertanen nicht trauen, ihren Namen auszusprechen." William warf sich erbost auf seinen Stuhl und starrte seinen Vater biestig an. „Was erwartet sie, wenn wir verheiratet sind? Muss ich jedes Mal eine Stunde mit ihr ringen, bevor ich sie in mein Bett schleifen kann?"

„So schlimm wird es wohl nicht werden", murmelte Edward und näherte sich vorsichtig seinem aufgeregten Sohn. Tröstend legte er ihm die Hand auf die Schulter. „William, es gab keinen anderen Weg, wie du sehr wohl weißt. Unser Volk ist am Ende. Wir haben tausende von Männern verloren und Richard ergeht es kaum besser. Und das alles für einen Krieg, den keiner von uns angefangen hat. Niemand weiß mehr zu sagen, wie lange er schon tobt oder warum er überhaupt begonnen hat."

„Das weiß ich alles nur zu gut", schnaubte William noch immer außer sich. „Dennoch…. Hätte kein Abkommen gereicht? Ein Vertrag, der den Frieden für immer sichert? Warum muss ich eine Matrone heiraten, die sicherlich zwei Meter groß und schrecklich hässlich ist?"

Edward lachte und ließ sich auch von dem bitteren Blick seines einzigen Sohnes nicht stoppen. „Das weißt du doch gar nicht", sagte er und setzte sich neben ihn auf die Tischkante. „Wie du eben selbst gesagt hast, hat niemand sie je gesehen." Dann runzelte er die Stirn. „Obwohl ich zugeben muss, dass diese Tatsache schon recht merkwürdig ist und irgendwas stimmt an der Geschichte auch nicht. Immerhin sind ihre zahllosen Kämpfe, und wie ich mit Bedauern sagen muss, auch Siege, hinreichend bekannt. Zumindest ihrem Volk muss sie bekannt sein und sie wird gewiss durch diese… Märchen geschützt. Ich kann mir vorstellen, dass jedes kleine Kind ihr Gesicht kennt, nur verrät sie niemand und sie wird sicherlich sehr bewundert."

William nickte nur genervt. Etwas Ähnliches hatte er auch längst überlegt. All die Geschichten über sie, ihre Härte, ihre Schläue und vor allem ihr Kampfgeist wurden bestimmt durch diese geheimnisvollen Berichte ins Unermessliche angeheizt. Kein Mensch, vor allem keine Frau, konnte all diese Heldentaten vollbringen, ohne dass man ihn erkannte. „Trotzdem", sagte er und verschränkte wie ein trotziges Kind die Arme vor der Brust. „Mir war schon klar, dass ich früher oder später heiraten muss. Eher später, wenn du mich gefragt hättest…. Aber nun dieses… dieses Weibsbild. Gott!", schimpfte er und warf die Hände in die Luft. „Erwarte nur nicht, dass ich einer solchen Frau die Treue halte! Ich werde mich nur ein einziges Mal in ihr Bett begeben! In der verdammten Hochzeitsnacht! Und glaub mir, ich werde dafür sorgen, dass ich hinreichend betrunken bin, um über ihr Aussehen hinwegsehen zu können!"

„Vielleicht überrascht sie dich ja und ist gar nicht… ähm, so unansehnlich, wie du befürchtest." Edward hatte hoffnungsvoll klingen wollen, doch sein Gesicht sprach Bände. Auch er erwartete nicht zu viel von seiner zukünftigen Schwiegertochter, die als hervorragende Strategin und Kämpferin bekannt war. „William, du bist ein Mann der Tat. Und solange dieser Beziehung auch nur ein männlicher Nachfolger entspringt, ist deine Pflicht getan."

Er beugte sich vor und klopfte seinem Sohn aufmunternd auf die Schulter. „Du wirst schon wissen, wie du deine einsamen Nächte füllst und…." Er räusperte sich schnell. „Ihr Vater hat mir heute durch Boten seine Vorschläge für einen Einigungsvertrag geschickt. Er verlangt keine unsinnigen Dinge, wie ich befürchtet habe, und alles in allem scheinen seine Vorschläge recht bescheiden und vernünftig." Edward sprang auf und begann wieder eine Wanderung durch den Thronsaal. „Mein Sohn, denke nur nicht, dass ich nicht weiß, welche Last ich dir auf die Schultern lege. Und doch… welche Wahl bleibt uns denn? Richards Land ist genauso gebeutelt wie das unsere. Unzählige Männer haben ihr Leben gelassen und fehlen an allen Ecken und Enden als Arbeitskraft. Unser Volk ist kurz vor dem Verhungern! Die wenigen fruchtbaren Felder liegen brach und es gibt kaum noch Menschen, die sie bebauen könnten. Und jetzt, wo der Winter hinter uns liegt und der Frühling über dem Land liegt, sollten wir unser Bestes geben, um es wieder in ein blühendes Land zu verwandeln."

„Auch das weiß ich alles", schimpfte William, der sich keineswegs beruhigt hatte. „Und ich weiß, dass ich selbst auf eine solche Einigung gepocht habe. Es musste endlich Schluss sein. Die Männer sind des Kämpfens müde und ich war auch bereit, das ein oder andere Zugeständnis zu machen. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, selbst eins dieser Zugeständnisse zu sein." Er beugte sich vor, langte über den Tisch und nahm den Weinkrug, der seiner Zerstörungswut entgangen war. Doch da der Becher noch immer auf der Erde lag, setzte er ihn so an die Lippen. „Es gibt keinen Weg, wie wir uns da herauswinden können, oder?" fragte er, trank und wischte sich anschließend über die Lippen.

„Nein", sagte Edward und schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn wir den unseligen Krieg zwischen unseren Völkern beenden wollen. Und im Grunde genommen ist es ein sehr großzügiges Angebot", sagte er leise. „Das weißt du ebenso gut wie ich. Immerhin fällt über Kurz oder Lang ein ganzes Königreich in unsere Hände. Und ich weiß nicht, ob ich in Richards Situation den gleichen Mut aufgebracht hätte." Er sah seinen Sohn an, wartete einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. „William, Richard macht das nicht ohne Grund. Er hat dich nicht einfach so zu seinem Schwiegersohn erkoren. Dein Ruf ist es, der dir weit vorauseilt und sicherlich glaubt er, du wärst das perfekte Gegenstück zu seiner Tochter."

„Ganz toll", brummte William und verzog genervt das Gesicht. „Mist, verfluchter! Aber dann kann ich mich jedenfalls damit brüsten, alles nur Erdenkliche für mein Volk getan zu haben", knurrte William und stand auf. „Entschuldige mich. Ich werde mir jetzt ein paar meiner Freunde schnappen und dann werde ich mich sinnlos betrinken. Rechne also in den nächsten drei Tagen nicht mit meiner Anwesenheit." Er nickte seinem Vater zu und verschwand.

Edward sah seinem Sohn lange hinterher und musste schmunzeln. William hatte so unglaublich viel von ihm geerbt, dass es beinahe beängstigend war. Neben der schlanken Statur, dem blonden Haar und dem markanten Gesicht auch das Innere seines Wesens, und er war sich sicher, dass William immer das Wohl seines Volkes über das eigene stellen würde. Nur seine Augen… wann immer Edward hineinblickte, sah er seine Frau vor sich, die Gott viel zu früh zu sich gerufen hatte. Auch Emily hatte diese durchdringenden tiefblauen Augen gehabt, die sich einen Weg in seine Seele gebahnt hatten.

„Was würdest du ihm raten?", fragte er leise und sah sie vor sich, wie sie ihn mit ernstem Gesicht betrachtete. „Du wärst genauso entsetzt wie er", seufzte er, denn er hatte seine Emily gut gekannt und sie wäre niemals mit einem solchen Handel einverstanden gewesen. „Aber William wird unsere beiden Reiche zu einem großen, stabilen Land vereinen, sobald es Richard und mich nicht mehr gibt", sagte er und wusste selbst, wie sinnlos es war, sich vor einem Traumbild zu rechtfertigen. Und dennoch tat er es. „Er ist ein guter Junge und immerhin hat er deinen Verstand geerbt. Er wird sein schweres Los schon meistern!"

 

                                                                                          *~*~*

 

Tage vergingen und aus diesen Tagen wurden Wochen. Williams Laune hatte den Nullpunkt erreicht und es graute ihm vor der Abreise. Nicht einmal eine Woche würde ihn dann noch von seiner zukünftigen Frau trennen und er mochte gar nicht darüber nachdenken. Seine Träume, die ihn Nacht für Nacht heimsuchten, waren schon schlimm genug. Mit jeder Nacht wurde sie hässlicher, abscheulicher und er war sich mittlerweile sicher, dass er es nicht über sich bringen konnte, sie auch nur anzufassen.

„Du denkst doch nicht schon wieder an diese Frau?", fragte Xander und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. William war sein bester Freund und natürlich bedauerte er, dass er ein solch schweres Schicksal auf sich nehmen musste. Und doch war es fast unglaublich, dass sich ein so stolzer Kämpfer vor einer unbekannten Frau fürchtete. „Verdammt, William. Zur Not nimmst du dir eine Keule und schlägst sie nieder. Ich werde schon dafür sorgen, dass du genug Wein intus hast, um über ihr Äußeres hinwegzusehen. Und mit ganz viel Glück musst du nur einmal…"

„Du hast ja keine Ahnung", brummte William und schüttelte den Kopf. „Ich war nie ein Kostverächter… doch dieses Mannsweib bringt mich jetzt schon um den Verstand." Er seufzte tief. „Ich hoffe nur, dass sie mir ähnliche Gefühle entgegenbringt und froh ist, mich nicht allzu oft sehen zu müssen. Wenn sie sich an mich hängt wie eine Klette, dann… dann… Gott, soviel Alkohol wird es im ganzen Land nicht geben!"

Lachend klopfte Xander ihm herzhaft auf die Schulter. „Reden wir von etwas anderem. Was hat dein Vater gesagt, als du ihm von deinen Plänen wegen der Reise erzählt hast?"

„Er war natürlich nicht begeistert", sagte William und warf sich rittlings auf sein Bett. „Er wollte, dass ich mit großem Gefolge reise und möglichst viel Pomp. Aber das habe ich ihm ausreden können. Es hätte für Richards Volk wohl zu sehr nach Niederlage ausgesehen und ich habe meinem Vater gesagt, es würde reichen, wenn er zur … Hochzeit… mit einem Festzug anreist."

„Aber dein Vater ist nicht dumm. Er wird sich doch gedacht haben, dass du etwas im Sinn hast", sagte Xander, nahm sich einen Apfel und biss herzhaft hinein. Dann setzte er sich auf Williams Truhe und sah seinen Freund frech grinsend an. „Er kann nicht glauben, wir würden schnurstracks in dein Verderben reiten."

„Natürlich weiß er, was ich vorhabe", sagte William. „Aber er weiß auch, dass ich über kurz oder lang meinem Schicksal stellen muss und ich denke, er gönnt mir die letzten unbeschwerten Tage." Er verschränkte die Hände unter seinem Kopf und starrte an die Decke. „Machen wir uns nichts vor, Xander. Die Reise wird langweilig und fade. Wir reden zwar ständig von einem letzten großen Abenteuer und vielen Frauen, die nur auf uns warten, aber das sind Hirngespinste."

„Sag doch so etwas nicht", widersprach Xander und schüttelte den Kopf. „Wir müssen doch noch so richtig einen draufmachen, bevor deine Zukünftige dich an ihren Bettpfosten kettet." Lachend fing er das Kissen auf, das William ihm an den Kopf warf. „Was denn? Du kannst doch nicht jetzt schon aufgeben. Und irgendwie muss ich dich doch aus deiner Lethargie reißen."

„Du solltest dir wirklich überlegen, mit wem du hier sprichst", drohte William. „Du weißt, dass ich sehr wohl über dein eigenes kleines Leben bestimmen kann. Vielleicht lass ich im ganzen Land das hässlichste Mädchen suchen und lasse sie dann dich heiraten."

„Es wird kaum eine geben, die deiner Zukünftigen das Wasser reichen kann", widersprach Xander noch immer lachend. „Bestimmt hat sie ein spitzes Kinn wie eine Hexe, mit dem passenden Muttermal natürlich, aus dem Haare sprießen. Und wenn es stimmt, dass sie all diese Heldentaten vollbracht hat und eine so gute Kämpferin ist… dann muss sie über zwei Meter groß sein und sie wird dich über ihre Schulter werfen und in ihr Bett zerren. Dann schwingst nicht du die Keule, sondern sie."

Schnaufend schwang sich William aus seinem Bett und ging zum Fenster, um wieder einmal einen Blick hinaus zu werfen. Doch auch dieses Mal war keine Rettung in Sicht und er würde sich wohl oder übel am nächsten Tag auf den Weg machen müssen, um seiner Braut seiner Aufwartung zu machen. „Können wir das Thema wechseln?", fragte er seufzend. „Ich weiß, für dich ist es ein Spaß. Für mich bedeutet es leider sehr viel mehr."

„Will", sagte Xander leise und schüttelte den Kopf. „Ich mache Spaß, das stimmt. Aber warum zum Teufel gehst du eigentlich so beharrlich vom Schlimmsten aus? Möglicherweise ist sie ein ganz hübsches Mädchen, das kein Wässerchen trüben kann und all ihre Heldengeschichten gehören in das Reich der Märchen. Ist dir der Gedanke schon mal gekommen? Richard hat keinen Sohn, der so wie du Schlachten führen und gewinnen kann und von dem im ganzen Land gesprochen wird. Vielleicht haben sie diese Geschichten nur erfunden, um die eigenen Leute bei der Stange zu halten. Und du selbst hast doch gesagt, sie niemals auf einem Schlachtfeld gesehen zu haben."

„Nein, ich habe keine Frau auf dem Schlachtfeld gesehen", seufzte William und wandte sich um. „Und natürlich hast du Recht… vielleicht ist alles nur ein Märchen und sie ist eine gewöhnliche junge Frau. Doch im Grunde ändert es nichts. Ich weiß, es ist albern und vielleicht sollte es mir als Mann und künftiger Regent egal sein, aber ich hätte mir die Frau, die mich den Rest meines Lebens begeleiten soll, schon gerne selbst ausgesucht."

Xander stand kopfschüttelnd auf. „Nein, das sollte dir natürlich nicht egal sein. Ich selbst möchte auch keine Frau, die nichts mit mir gemein hat und nicht zu mir passt. Das Problem ist nur, dass du nicht danach fragen kannst." Er zuckte mit den Schultern. „Auf der anderen Seite hast du das Glück, dich mit jeder Menge Mätressen umgeben zu dürfen. Das scheint vor allem in Richards Reich Gang und Gäbe zu sein."

„Ja, ganz toll. Ich bin begeistert", brummte William missmutig. „Sogar mein Vater hat mir etwas Ähnliches vorgeschlagen. Und das ausgerechnet von ihm. Meine Mutter ist seit beinahe zehn Jahren tot und er hat in all den Jahren nicht einmal eine andere Frau angesehen."

„Mein Vater nimmt es damit nicht so genau", sagte Xander und zuckte wieder einmal mit den Schultern. „Doch das kann man nicht vergleichen. Meine Mutter ist… nun ja… ich kann ihn schon verstehen, wenn er sich in die Arme anderer Damen flüchtet, die nicht nur auf ihm rumhacken und ihn niedermachen."

„Deine Mutter ist auch eine Furie", stimmte William zu. „Und doch… ich hatte mir immer eine Frau gewünscht, mit der ich mehr als nur das Körperliche teilen kann." Er seufzte tief. „Meine Eltern sind Schuld daran", sagte er. „Solange ich mich zurück erinnern kann, haben sie alles zusammen gemacht, alles zusammen entschieden und… Gott, verflucht! Ich wünschte, ich hätte auch nur eine winzige Chance, aus diesem Fiasko zu entkommen. Ich würde sie nutzen!"

„Warten wir es erst einmal ab", beruhigte Xander seinen Freund. „Morgen früh steigen wir auf unsere Pferde und wie wir geplant haben, werden wir uns treiben lassen. Lass uns zwei oder drei Wochen brauchen, es kommt gar nicht darauf an. Und vielleicht haben wir ja doch noch Glück und stürzen in ein Abenteuer, von dem wir noch unseren Enkelkindern erzählen können."

„Enkelkinder", schüttelte sich William. „Das bedeutet, Kinder in die Welt setzen zu müssen." Und wieder hatte er ein abscheuliches Bild seiner zukünftigen Frau vor Augen. „Ich hoffe nur, sie sieht nicht aus wie ein Troll!"

Teil 2

William hasste lange Verabschiedungen. Er hatte sie schon so oft hinter sich bringen müssen, meist, weil er wieder einmal in eine Schlacht gezogen und seine Rückkehr zweifelhaft gewesen war. Doch diesmal war es schlimmer als je zuvor in seinem Leben. In all seinen unzähligen Kämpfen hatte er sich auf sein Können verlassen können. Vielleicht auch auf sein Glück, das ihn bisher mit nur geringen Blessuren davonkommen lassen hatte. Doch dieses Mal fühlte er sich, als habe alles Glück ihn verlassen und er würde in die schlimmste Katastrophe seines Lebens stürzen.

Die Kutsche mit seinem Gepäck und den Brautgeschenken war bereits unterwegs, genau wie die Wachen, die sie begleitete. Nun blieben nur noch Xander und er, und beide hatten sich vorgenommen, in einfacher Kleidung und nur wenig zusätzlichem Ballast zu reiten. „Wir sollten jetzt wirklich los", sagte er zu seinem Vater, der mit betrübtem Gesicht vor ihm stand und nach den richtigen Worten suchte, die er seinem Sohn noch mit auf den Weg geben könnte.

„Ja, natürlich", nickte Edward und verzog das Gesicht. Dann schüttelte er den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Es gibt einfach keinen schlauen Spruch, den ich dir in dieser Situation geben kann. Und dabei habe ich das Gefühl, ich müsste unbedingt…"

„Es ist alles gesagt", seufzte William und ließ sich von ihm kurz in die Arme ziehen. „Wir beide wissen, wie wichtig es ist, genauso wie wir wissen, dass es nicht das ist, was ich will. Aber meine Stellung lässt kaum einen Rückzieher zu." Er klopfte seinem Vater auf den Rücken und schwang sich dann auf sein Pferd, das nervös hin und her trippelte, weil es die Aufregung seines Herrn spürte. „Mach dir keine Sorgen", sagte er und grinste verhalten. „Auch wenn du länger nichts von mir hören wirst. Du weißt schon… Xander und ich…"

„Viel Spaß", lächelte sein Vater und nickte. „Ich würde es an deiner Stelle genauso machen. Aber achte gut auf dich. Es wäre eine Katastrophe, wenn dir jetzt etwas zustößt." Dann wandte er sich an Xander, der bereits auf seinem Pferd saß und wartete. „Du wirst mein Auge sein und dein Leben für das seine geben, sollte es nötig sein", sagte er streng und hob mahnend den Finger. „Ich mache dich persönlich verantwortlich, sollte…"

„Ich werde mein Bestes geben", nickte Xander schnell und verbeugte sich leicht. „Aber Ihr wisst selbst am besten, dass Euer Sohn sich nicht unbedingt von mir bremsen lässt."

„Das sollte er aber", sagte Edward, nickte seinem Sohn noch einmal zu und hob zum Abschied die Hand. „Schick mir einen Boten, wenn alles mit Richard besprochen ist und ein Termin… Nun ja, du wirst schon wissen, was ich meine." Dann gab er Williams Pferd einen Klaps auf das Hinterteil und sah beiden Reitern eine Weile hinterher.

„Pass gut auf dich auf, William", murmelte er und seufzte tief. „Ich wünschte, ich könnte dir diese Last abnehmen, doch das liegt leider nicht in meiner Hand." Dann wandte er sich ab und ging langsam und mit hängenden Schultern zurück ins Schloss.

 

                                                                                            *~*~*

 

Die Sonne stand hoch am Himmel, keine Wolke trübte das klare Blau und der Duft der wilden Blumen wehte ihnen entgegen, doch weder William noch Xander nahmen etwas von der Natur um sich herum wahr. Eine ganze Weile ritten sie nun schon nebeneinanderher, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken. Erst als sie an die erste Weggabelung kamen, stockte Xander und hielt sein Pferd an.

„Kannst du mir mal sagen, wo du hin willst?", rief er William hinterher, der sich den steinigen Pfad ausgesucht hatte, der steil nach oben führte.

William wandte sich mit gerunzelter Stirn um, dann lachte er. „Du hast doch selbst gesagt, wir werden den größtmöglichen Umweg nehmen, damit unsere Reise ewig dauert und wir eine Menge erleben."

„Ja", bestätigte Xander und nickte. „Allerdings habe ich gedacht, wir suchen uns den Weg aus, der am meisten Spaß, Wein und Frauen bietet. Nicht den, der die meisten Gefahren birgt." Er schüttelte den Kopf. „Was zum Teufel willst du da? Da ist nur Wald und noch mehr Wald. Ach, die Berge hab ich vergessen", er runzelte die Stirn und überlegte scheinbar angestrengt. „Hab ich noch was vergessen? Wald und Berge hatte ich schon erwähnt, oder? Oh, jetzt weiß ich es wieder… es ist die verdammt gefährlichste Gegend des ganzen Landes!"

„Du hast doch nicht etwa Angst vor ein paar Räubern?", fragte William und lachte laut los. „Du hast in unzähligen Schlachten direkt neben mir gestanden und dem Tod öfter in die Augen geschaut als so manch anderer. Und jetzt machen dich ein paar lausige Diebe nervös?"

Xander reckte das Kinn. „Das hat mit Angst nichts zu tun", sagte er missmutig. „Allerdings habe ich gedacht, wir würden ordentlich auf die Pauke hauen und Spaß haben. Mit weiteren Kämpfen und Überfällen hatte ich nicht gerechnet."

„Ich muss dort hin", nickte William, der sehr wohl wusste, dass Xander nicht aus Furcht gefragt hatte. „So gerne ich auch wollte, ein paar kleine Pflichten bleiben wie Pech an mir kleben." Er lenkte sein Pferd neben Xanders und seufzte. „Die ganze Gegend hat es wohl am schlimmsten getroffen, wenn man es denn so sagen kann. Der Westen des Landes war immer schon der Ärmste und wie du schon sagtest, gibt es dort außer Bäumen nicht sehr viel. Das ist wohl auch der Grund, warum es dort so viele… Überfälle gibt." Er zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Die Menschen dort wissen einfach nicht, wie sie sonst überleben sollen und nutzen den Umstand aus, dass der Wald die kürzeste Verbindung zwischen den Ländern bildet. Und genau das muss ich ändern. In jüngster Zeit mehren sich die Berichte, dass die Berge dort Eisenerz und Kupfer in sich tragen und wir planen, es abbauen zu lassen. Das bedeutet eine Menge Arbeitsplätze und belebt die nicht vorhandene Wirtschaft…"

„Gott, verflucht", schimpfte Xander und warf die Hände in die Luft. „Reicht es nicht, dass du dich auf einer Reise ins Ungewisse befindest. Musst du auch noch… Verdammt! Also mit dir möchte ich echt nicht tauschen. Da lobe ich mir doch das Leben als einfacher Edelmann. Immerhin kann ich machen, wonach mir der Sinn steht."

„Freu dich nicht zu früh", grinste William hinterlistig. „Das kommt ganz darauf an. Über Kurz oder Lang habe ich ein paar sehr wichtige Stellen zu vergeben, und da du, nach mir natürlich, die meisten Schlachten überlebt hast und zudem noch ein fabelhafter Stratege bist, wollte ich dich eigentlich als Oberhaupt meines zukünftigen Heeres."

„Du willst mich… mich als Heerführer?", fragte Xander und riss die Augen auf. Dann grinste auch er. „Das klingt gar nicht mal so schlecht", meinte er und lachte. „Aber ich lass mir vorher eine genaue Erklärung dieser Anstellung geben. Wenn es beinhaltet, eine hässliche Frau zu heiraten und sesshaft werden zu müssen, dann muss ich mir das Ganze noch einmal gründlich überlegen."

William lachte laut los, dann deutete er mit dem Kopf den steilen Weg hinauf. „Los jetzt. Bevor wir hier Wurzeln schlagen."

 

                                                                                             *~*~*

 

Der Nachmittag brach an und der endlos scheinende Wald kam mit jedem Schritt ihrer Pferde näher. „Sag mal, gab es hier in der Nähe nicht irgendwo einen Gasthof?", fragte Xander. „Der Winter hat mich verwöhnt", sagte er, als William ihn fragend anblickte. „Wir haben seit Monaten nicht gekämpft und sind zudem gut und vor allen Dingen regelmäßig mit Mahlzeiten versorgt worden." Er klopfte sich auf seinen flachen Bauch. „Wir, also mein Magen und ich, haben Hunger und könnten zudem einen großen Krug Bier gut vertragen."

Lachend schüttelte William den Kopf. „Streng deine Augen ein bisschen an, du Gierschlund", sagte er und deutete nach vorne. „Du kannst schon ganz schwach eine Rauchfahne ausmachen, die gewiss zu deinem Gasthof gehört. Allerdings sollten wir dort nicht zu lange bleiben. Fang also nicht an, einen Krug Bier nach dem anderen zu bestellen. Wir werden im Wald nächtigen und ich möchte bis zu einer gewissen Stelle gelangen. Vielleicht erinnerst du dich an sie, denn wir waren vor Jahren schon einmal dort."

„Ich weiß, wo du meinst", nickte Xander. „War da nicht eine steile Felswand, unter der man Schutz suchen konnte?", fragte er und überlegte angestrengt. „Für einen dichten Wald ein recht günstiger Platz, denn man konnte jede Richtung jederzeit im Auge behalten und hatte die Felsen als Schutz im Rücken."

„Allerdings", bestätigte William bitter. „Wir haben dort auf dem Heimweg mit dem Rest der Männer übernachtet, die die Schlacht überlebt hatten ", brummte William und schüttelte den Kopf. „Mich ärgert immer noch, dass wir damals so große Verluste einstecken mussten."

„Auch daran erinnere ich mich", nickte Xander und dachte an all die vielen Kameraden, die er auf dem Schlachtfeld verloren hatte. „Aber ich erinnere mich auch noch daran, dass wir es den Schweinehunden heimgezahlt haben. Zu Dutzenden haben wir sie niedergemacht und es ist uns nicht einer entkommen." Beinahe grimmig blickte er William an. „Rache wird kalt serviert."

„Tja, nur so dürfen wir nicht mehr denken. Alles ein großer Haufen jetzt", sagte William und sah Xander nachdenklich an. „Glaubst du, dass es gelingen wird? Wird jemals wirklich Friede herrschen oder wird in unseren Köpfen das Morden niemals enden? Wie soll man nach all den Jahren vergessen? Nicht einmal mein Vater kann sich erinnern, wann der Krieg begonnen hat. Wir sind in diesem Kampf aufgewachsen, haben früh gelernt, den Gegner zu hassen. Wie sollen wir damit umgehen?" Er seufzte laut. „Wie soll ich damit umgehen, diese Menschen als normale Bürger zu betrachten?"

„Du hast bisher nie etwas darüber gesagt", meinte Xander und kratzte sich an der Stirn. „Und ich habe ehrlich gesagt nicht einmal darüber nachgedacht. Andere Dinge standen im Vordergrund, aber jetzt, wo du es ansprichst… Ich weiß es nicht."

„Nicht nur der Troll von einer Frau macht mir Sorgen", gab William zu. „Ich werde womöglich in einem Land leben, in dem mir praktisch jeder nach dem Leben trachtet. Es wird kaum Familien geben, die keine Verluste zu beklagen haben und viele … werde ich höchst persönlich erledigt haben. Und umgekehrt wird es unseren Leuten ebenso ergehen."

„Das kann ich nur bedingt bestätigen", sagte Xander, der weitaus mehr mit den einfachen Bürgern zu tun hatte, als William. „Die meisten sind durchaus glücklich, dass es endlich ein Ende hat. Du hättest die ausgelassenen Feiern sehen sollen. Die Leute fielen sich in die Arme, tanzten und sangen, und doch… vergessen wird wohl niemand und es wird mehr als eine brenzlige Situation geben. Es wird wohl viel an deinem Verhandlungsgeschick liegen, wie die beiden Seiten mit der Sache umgehen." Er zuckte die Schultern. „Und wieder einmal stelle ich fest, dass ich mit dir nicht tauschen möchte. Aber du bekommst das schon hin. Davon bin ich felsenfest überzeugt."

„Dann ist es jedenfalls einer", sagte William, allerdings so leise, dass Xander ihn nicht hören konnte. Er selbst hatte große Zweifel, dass sich zwei Völker, die sich seit Jahrzehnten bekämpften, zusammenraufen und zu einem verschmelzen konnten. Dazu kam natürlich noch, wie er sich mit seiner zukünftigen Frau verstand. Sicher, sie machten dumme Scherze über sie und ihr Äußeres, doch auch wenn es für ihn als Person natürlich durchaus wichtig war, so unwichtig war es doch für die Zukunft beider Länder.

„Ich kann das Wildschwein schon riechen", rief Xander und riss ihn aus seinen Gedanken. „Hoffentlich lassen sie uns eine Keule über", er trieb sein Pferd an und William tat es ihm kopfschüttelnd nach.

Xander war sein bester Freund und das schon seit Kindertagen. Sie kannten einander, wie kaum einen anderen Menschen. Doch manchmal überraschte er ihn dennoch. Für so simple Sachen wie eine Wildschweinkeule konnte Xander vor Freude schier aus der Haut fahren, wohingegen er auf ein Vermögen gut verzichten konnte. Xander lebte überall gleich gut, egal wohin man ihn stellte. Er wusste sich auf einem Ball ebenso gut zurechtzufinden wie auf einem Schlachtfeld, doch das, so überlegte William, lag ihnen beiden gleichermaßen. Er selbst konnte den Luxus seines Lebens durchaus genießen, vermisste ihn aber auch nicht, wenn er statt in einem warmen Bett auf einer schmalen Pritsche schlief.

Dann ließ er seine Überlegungen hinter sich und folgte seinem Freund, der bereits sein Pferd festband und seine Satteltasche abnahm. „Jetzt beeil dich doch mal", schimpfte Xander mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Obwohl… wenn wir so in den Wald hineinreiten, wird uns gewiss niemand zu nahe kommen. Mein Magen knurrt so laut, dass man glauben könnte, ich wäre ein großer wilder Bär."

„Dann lass uns den Bären füttern, bevor er noch erlegt wird", lachte William und rutschte von seinem Pferd. „Aber denk dran. Nur einen Krug Bier. Dann reiten wir weiter."

„Das kommt darauf an", sagte Xander vage.

„Worauf?", fragte William und warf sich seine Satteltasche über die Schulter.

„Na", lachte Xander, „darauf, wie groß die Krüge sind!"

 

                                                                                               *~*~*

 

„Mir ist es hier viel zu ruhig", murrte Xander und zupfte ein Grasbüschel aus. „Das gefällt mir nicht. Man hört nicht einen Vogel zwitschern, nicht einen!"

„Ich weiß, was du meinst", nickte William, der es sich in der Felsnische so bequem wie nur möglich machte. „Allerdings sind wir beide hier gut versteckt, ebenso wie unsere Pferde. Wir dürften keinerlei Schwierigkeiten bekommen. Zumindest diese Nacht nicht."

Xander brummte nur und schüttelte den Kopf. „Mir wäre es trotzdem Recht, wenn wir abwechselnd schlafen. Aber ich lasse dem künftigen König natürlich den Vortritt." Er grinste, packte seine Satteltasche und kramte darin herum. „Ich hätte schwören können, ich hätte noch irgendwo etwas zu essen." Frustriert warf er sie in die Ecke, dann wandte er sich William zu. „Wo genau willst du eigentlich hin? Oder darf ich das nicht erfahren?"

„Es ist nur noch ein Tagesritt", sagte William, „der uns allerdings komplett durch den Wald führt. Ich muss mit ein paar Leuten sprechen, vor allem den Experten, die mein Vater hierher geschickt hat. Sollten sich diese Minen wirklich als erfolgversprechend darstellen, muss ich allen weiteren Schritten zustimmen." Er zuckte mit den Schultern, als Xander hochfuhr.

„Du hast doch nicht…? Du wirst doch nicht…?"

„Was werde ich nicht?", fragte William und lachte leise.

Schmollend verzog Xander das Gesicht. „Verkauf mich nicht für blöd", murrte er. „Wenn du sagst, du musst weiteren Schritten zustimmen, dann heißt es, dass du Geldmittel zur Verfügung stellen musst. Ich hab zwar keine Ahnung vom Bergbau, aber es müssen Arbeiter bezahlt werden, Werkzeuge und was weiß ich nicht noch alles."

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen", nickte William und konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.

„Scheiße", motzte Xander auch sogleich. „Dann nehme ich mal an, dass wir ein sehr lohnendes Ziel sind, denn ein einfaches Kopfnicken deinerseits wird wohl nicht ausreichen."

„Wir sind, zumindest im Moment, ein sehr lohnendes Ziel", lachte William und deutete mit dem Kopf auf seine Satteltasche. „Aber da das außer dir und meinem Vater niemand weiß, sind wir ziemlich sicher."

„Aber sicher", nickte Xander und meinte das Gegenteil. „Weißt du was? Schlaf du in aller Ruhe. Ich werde heute Nacht gewiss kein Auge zumachen!"

Teil 3

Die geschäftlichen Dinge hatten sie hinter sich gelassen und Xander freute sich auf die Tage, die nun vor ihnen lagen. Gut, sie ritten noch immer durch diese finstere Waldgegend, in der sich mehr Verbrecher als Rehe tummelten, doch immerhin waren sie nun vorerst alle Pflichten los und konnten sich ins Abenteuer stürzen. Doch William war seltsam still, seitdem sie die Minen verlassen hatten und so langsam ging Xander die schlechte Laune seines Freundes auf die Nerven.

„Könntest du", sagte er genervt, „mal ein anderes Gesicht machen? Noch sind wir nicht angekommen und du kannst deine Zukünftige aus deinen Gedanken vertreiben. Verdammt, Will. Das ist vielleicht unsere letzte Chance, noch einmal so richtig die Sau herauszulassen. Lass deine Sorgen einfach los. Sie kommen schon rechtzeitig zu dir zurück!"

„Darum geht es gar nicht", murrte William und schüttelte den Kopf. „Ich komm einfach nicht über diesen schleimigen, so genannten Experten hinweg", knurrte er. „Ja, Euer Hoheit…", leierte er und kopierte dabei perfekt die nasale Stimme des Mannes, „selbstverständlich, Majestät… aber sicher, Euer Hoheit…. Gott, was für ein Idiot! Und das mitten in dieser verruchten Taverne, in der es vor dunklen Gestalten nur so wimmelte. Er hätte gleich hinausschreien können: Schaut, Leute, hier ist einer mit Geld. Holt eure Keulen und zieht ihm damit welche über!"

Xander musste so lachen, dass er beinahe vom Pferd fiel. Er zügelte es, hielt sich an einem Baum fest und schüttelte sich unter Krämpfen. „Aber es war lustig mit anzusehen, wie er sich bei jedem dieser Aussprüche so tief verbeugte, dass seine Nase fast auf die Tischplatte knallte", brachte er schließlich hervor und holte tief Luft.

„Ja, sehr witzig", murrte William und schüttelte den Kopf. „Hoffentlich habe ich nicht allzu oft das Vergnügen, auf ihn zu treffen. Er weckt in mir den Wunsch, einfach zuzuschlagen und das sollte ich mir wohl besser nicht erlauben. Obwohl… bei ihm wäre es durchaus im Bereich des Möglichen. Schon sein purer Anblick würde mich so weit bringen, dass ich mich und meine gute Erziehung vergesse und…"

Noch immer lachend wandte sich Xander seinem besten Freund zu. „Du weißt schon, dass er dich vollkommen richtig behandelt hat?", fragte er und klopfte ihm herzhaft auf die Schulter. „Von den seltsamen Verrenkungen einmal abgesehen. Doch du musst den armen Kerl verstehen… er ist es nicht gewohnt, mit solch… hoch stehenden Persönlichkeiten zu tun zu haben. Ich bin es ja gewohnt, mit einem Prinzen durch die Weltgeschichte zu ziehen und weil wir uns so gut kennen, muss ich dich auch nur bei gewissen Anlässen mit deinem Titel ansprechen, aber der arme Mann kann ja auch nicht ahnen, dass du außerhalb des Hofes nicht so darauf erpicht bist, von jedem erkannt zu werden."

„Ich weiß", sagte William und verdrehte die Augen. „Und vielleicht bekommt er auch nur den Zorn ab, der seit Wochen in mir schwelt, aber … verflucht, war das ein Tölpel." Er setzte sein Pferd wieder in Bewegung, wartete aber, bis Xander zu ihm aufgeschlossen hatte. „Irgendwie komme ich aus meinen trüben Gedanken nicht heraus", sagte er und zuckte seufzend mit den Schultern. „Vielleicht sollten wir uns bei nächster Gelegenheit so richtig besaufen. Und ich meine richtig! Ich will irgendwann am nächsten Tag unter dem Tisch aufwachen und gleich weiter machen."

„Das klingt schon eher nach Spaß", grinste Xander. „Und vor allem ist mir jetzt wohler. Immerhin hast du die Satteltaschen nicht mehr voller Geld und wir bilden kein so lohnendes Ziel mehr."

William lachte. „Stimmt. Es macht auch viel mehr Sinn, sich grundlos den Schädel spalten zu lassen. Hier im Wald sind weder wir noch irgendein anderer Reisender sicher und ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied macht, wie viel Geld du mit dir herumträgst. Die Leute nehmen, was sie bekommen können."

„Von mir bekommen sie höchstens einen Pfeil in die Brust oder mein Schwert in ihren Bauch", sagte Xander, der keine Lust hatte, sich die gute Laune nehmen zu lassen. Er grinste. „Außerdem wäre eine anständige Rauferei nicht das Schlechteste. Immerhin wollen wir doch nicht einrosten und du… du brauchst du Übung, um deine Zukünftige ins Bett zerren zu können." Er gab William einen Stoß, grinste hinterhältig und beschleunigte rasch sein Pferd, um seinen Freund zu einer wilden Jagd zu animieren.

William ging darauf ein und raste wie besessen hinter ihm her. Doch der harte Ritt dauerte nicht lange. Schon von weitem sah er Xander, der auf einer Hügelkuppe stand und ihm mit der Hand gebot, sein Pferd zu zügeln und leise zu sein. Sie kannten sich lange und gut und William wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Auf dem Schlachtfeld hatten sie sich stets blind aufeinander verlassen können und das hatte sich auch nicht geändert. Er bremste sein Tier und bewegte es lautlos neben das seines Freundes. Kampfgeräusche drangen zu ihnen hoch und eine Frau schrie plötzlich voller Angst um ihr Leben.

„Na, da haben wir unser erstes Abenteuer", sagte Xander leise, der das Geschehen nicht aus den Augen ließ. Ebenso wie William löste er seinen Bogen vom Sattel und zog einen Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken. „Sechs Angreifer gegen eine Frau und einen Jungen", murmelte er, nachdem er die Lage sondiert hatte. „Nicht besonders fair." Er spannte den Bogen und binnen weniger Sekunden erledigten die beiden Männer vier der Banditen.

Die Frau schrie noch immer aus Leibeskräften, der Junge bekämpfte mit einem langen Stecken die beiden restlichen Angreifer und William und Xander lenkten ihre Pferde so rasch es nur ging den Hügel hinab. Beide zogen ihr Schwert, doch als sie endlich ankamen, hatte der junge Mann seine Gegner schon ausgeschaltet.

Xander sprang vom Pferd und rannte auf die Frau zu, die weinend auf dem Boden saß und vor Angst bebte. William hingegen wandte sich dem Jungen zu, der seinen Stecken auch gleich wieder hob und ihm vor die Nase hielt. William lachte. „Ganz schön tapfer", sagte er und schlug den Stock mit der freien Hand weg. Dann steckte er sein Schwert zurück in das Futteral und sprang vom Pferd.

„Was wollt ihr", fauchte der Jüngling wenig beeindruckt und funkelte ihn böse an.

„Immer langsam mit den jungen Pferden", sagte Xander, der mit der jungen Frau im Arm dazukam. „Immerhin haben wir euch gerade den A… gerettet", sagte er mit Blick auf das zitternde Wesen in seinen Armen.

„Das hätte ich auch alleine geschafft", tönte der Jüngling und reckte stolz das Kinn.

Die junge Frau löste sich mit dankbarem Blick und gekonntem Augenaufschlag von Xander und ging auf ihn zu. „Alles in Ordnung mit dir?", fragte sie mit bebender Stimme. „Ich hatte solche Angst. Mein Gott, Buffy. Das hätte böse daneben gehen können."

„Buffy?", wiederholten Xander und William wie aus einem Mund und sie starrten sich an.

„Ja, das ist mein Name", fauchte der Jüngling, nahm seine Kappe ab und eine Fülle honigblonden Haares fiel herab und entlarvte ihn als junge, hübsche Frau.

„Ach, du Scheiße", entfuhr es Xander und er sah zu William, der lauthals zu lachen begann. „Buffy. Nun ja. Warum nicht." William nickte ihr zu. „Dann muss ich sagen, dass ich noch mehr beeindruckt bin." Er streckte ihr die Hand entgegen. „Mein Name ist Spike und das ist Xander."

Beinahe widerwillig nahm sie seine Hand, doch sie funkelte ihn noch immer böse an. „Ausgerechnet du solltest dir das Lachen ersparen, wenn es um meinen Namen geht. Deiner ist noch… dämlicher."

Wieder lachte William und auch Xander fiel mit ein. „Was machen zwei junge Frauen alleine in diesem finsteren Wald? Es ist doch hinreichend bekannt, wie gefährlich es hier ist. Wo sind eure Begleiter? Oder haben sie das Weite gesucht, als die…"

„Wir sind alleine unterwegs", unterbrach Buffy, wirbelte den Stock in ihrer Hand und ließ ihn krachend auf einen der Männer niedersausen, die sie niedergestreckt hatte, und der nun wieder zu Bewusstsein kam. „Und wie ich bereits erwähnte, brauchen wir keine Aufpasser. Wir kommen ganz gut alleine zurecht."

„Das hat gerade anders ausgesehen", sagte Xander und hob die Augenbrauen. „Ich will ja nicht sagen, dass du nicht mit deinem … Stöckchen umzugehen weißt, aber wenn du dich mal umsiehst, dann findest du vier Männer mit Pfeilen bestückt. Hättest du die auch alle noch geschafft?"

„Bitte", sagte die junge Frau, als Buffy hochfahren wollte. „Sie haben uns doch nur geholfen und ich bin ihnen sehr dankbar dafür." Sie ging auf Xander zu und stellte sich vor. „Mein Name ist Willow", sagte sie und reichte erst ihm und dann William die Hand. „Und ich danke euch, dass ihr uns unterstützt habt. Ich hatte mein Lebtag nicht so viel Angst und mir schlottern noch immer die Knie."

Xander lächelte. Er hatte so oder so etwas für hilflose Wesen übrig, wenn sie dann auch noch rothaarig und wunderschön waren, konnte er sich kaum mehr bremsen. „Immer wieder gerne", sagte er und verbeugte sich galant. Dann sah er sich um. „Habt ihr nur ein Pferd?", fragte er mit gerunzelter Stirn und überlegte schon, wie er Willow anbieten sollte, bei ihm mitzureiten.

„Wir sind nicht dämlich, auch wenn wir Frauen sind", fuhr Buffy hoch und pfiff laut und dröhnend auf den Fingern. Sekunden später trottete ein riesiger schwarzer Wallach herbei, der sich bisher im Unterholz versteckt hatte. „Wir haben zwei Pferde, kommen gut zurecht… ihr dürft euch also gerne trollen."

Wieder musste William lachen und er schüttelte den Kopf. „Das mag ja stimmen", sagte er und grinste frech. „Aber wenn ich deine Freundin so ansehe, ist sie recht glücklich darüber, Unterstützung bekommen zu haben."

Doch darauf ging Buffy gar nicht erst ein. Wieder wirbelte sie ihren langen Stock herum und hielt ihn William vor die Nase. „Und wer sagt mir, dass ihr nicht ebensolche Schurken seid, wie die, die wir gerade bekämpft haben? Ihr habt doch selbst gesagt, dass es in diesem Wald nur so von Banditen wimmelt. Woher soll ich wissen, dass ihr nichts Böses im Schilde führt und nur auf eine günstige Gelegenheit wartet?"

„Hätten wir uns dann die Mühe gemacht, euch zu helfen?", fragte William und griff den Stock und hielt ihn fest. Er hatte nicht übel Lust, der jungen frechen Dame einmal zu zeigen, was es bedeutete, auf einen richtigen Gegner zu treffen. Doch dann gab er den Stock frei, allerdings nicht, ohne ihm einen kräftigen Schubs zu geben, der seine Trägerin einen Meter zurück warf. „Aber weißt du was? Ich habe nicht die geringste Lust, mich mit ungezogenen, frechen Biestern abzugeben, die nicht wissen, wie sie sich zu benehmen haben. Ihr wollt unsere Hilfe nicht? Gut", sagte er, zuckte mit den Schultern und wandte sich um. Er schwang sich auf sein Pferd und sah zu Xander. „Lass uns von hier verschwinden."

Doch Xander sah nicht gerade glücklich aus, sich dieser Entscheidung anpassen zu müssen. Aber er löste sich von Willow und verneigte sich vor ihr. „Es war mir eine Ehre", sagte er und nahm rasch die Zügel seines eigenen Pferdes. „Auf Wiedersehen."

„Können sie uns nicht begleiten?", wandte sich Willow händeringend an Buffy. „Offenbar folgen wir doch der gleichen Route und…." Sie verstummte, als sie den Blick ihrer Cousine auffing. Doch dann reckte sie das Kinn. „Ich weiß, wie gut du mich beschützen kannst, doch es wäre so viel leichter, wenn wir zwei starke Männer an der Seite hätten." Sie sackte in sich zusammen. „Vielleicht hätte ich dann nicht mehr pausenlos Angst."

Mit zusammengepressten Lippen sah Buffy erst zu Xander, dann zu William und schließlich nickte sie ergeben. „Wenn es sein muss. Doch ich werde ein wachsames Auge auf euch haben", sagte sie, und William wusste, dass der letzte Satz hauptsächlich an Xander gerichtet war. Sie hatte natürlich, genau wie Willow selbst, bemerkt, dass sein Interesse geweckt war.

„Wo genau wollt ihr hin?", fragte William, der nicht wusste, was er davon halten sollte. Eigentlich hatte er keine Lust, nun die Leibgarde für die beiden jungen Frauen zu spielen. Doch ein Blick auf Xander reichte, um ihn umzustimmen. Er selbst war vielleicht auf einer Reise mit bestimmt grauslichem Ende, Xander hingegen nicht und er schien sich prächtig zu amüsieren. Gerade jetzt half er Willow auf ihr Pferd und hielt etwas zu lange ihre Hand fest. ‚Sie hat ihn jetzt schon um den Finger gewickelt’, dachte er und verdrehte die Augen. Dann fing er einen Blick von Buffy auf und sah erstaunt, dass sie ihn anlachte, denn offenbar dachte sie das gleiche wie er.

Sie kam nah an sein Pferd heran und ihre Miene wurde wieder ernst. „Hör zu", sagte sie und deutete auf Xander und Willow, „ich habe geschworen, Willow heile wieder nach Hause zu bringen und wenn dein Freund… seine Finger nicht bei sich behalten kann, werde ich sie ihm brechen. Und zwar jeden einzeln!"

„Ach, halt doch die Klappe", sagte William genervt und wendete sein Pferd. Dieses verrückte kleine Mädchen konnte ihm gestohlen bleiben und er wandte sich an Xander, der gerade wieder auf sein Pferd stieg. „Da hast du mir vielleicht was eingebrockt", schimpfte er leise. „Ungezogene kleine Mädchen… Gott, wie ich sie hasse. Und wie bitte sollen wir mit den Frauen im Schlepptau noch Spaß haben?"

„Ich habe ja welchen", grinste Xander verwegen. „Außerdem wissen wir noch gar nicht, wohin sie wollen. Vielleicht ist der Weg gar nicht mehr so weit und du hast deine Ruhe schnell wieder."

„Das bleibt nur zu hoffen", murrte William und verstummte, als Willow ihr Pferd in ihre Richtung lenkte.

„Ihr habt noch immer nicht gesagt, wohin ihr wollt", sagte Xander und schenkte ihr sein bezaubernstes Lächeln. „Und vor allem interessiert mich, warum zwei junge Frauen alleine unterwegs sind und sich einer so großen Gefahr aussetzen."

„Meine Mutter ist sehr krank und wir haben sie besucht", sagte Willow und lächelte schüchtern. „Jetzt sind wir auf dem Rückweg nach Bedford Castle und meine Cousine beschützt mich nach Leibeskräften."

„Nun, dann hoffe ich zum einen, ihrer werten Frau Mutter geht es wieder besser", sagte Xander und warf William einen raschen Blick zu. Bedford Castle war auch ihr Ziel und sein Freund kochte gewiss innerlich vor Wut. „Doch ich frage mich noch immer, warum ihr beide alleine unterwegs seid. Und vor allem, warum ihr einen so gefährlichen Weg gewählt habt?"

„Wir haben nicht viel Zeit. Wir mussten so rasch wie nur möglich reisen und der Wald ist nun einmal der kürzeste Weg", warf Buffy ein, gab ihrem Rappen mit der Hand ein Zeichen und William sah erstaunt, dass das Pferd prompt reagierte. Mit einem gewaltigen Satz schwang sich die junge Frau auf den Rücken des Tieres und sah William an, der sie mit gerunzelter Stirn betrachtete. „Was?", fragte sie biestig und sah ihn herausfordernd an.

William hatte sich darüber gewundert, dass sie, obwohl sie nicht besonders groß war, offensichtlich genug Kraft hatte, um die Höhe spielend leicht zu überwinden. Doch das sagte er natürlich nicht. Er schüttelte nur wieder den Kopf und verzog das Gesicht. „Die Kratzbürstigkeit scheint angeboren", sagte er mit schrägem Blick zu Xander. Dann wandte er sich direkt an Buffy. „Mir ist ziemlich egal, warum du eine solche Zicke bist", sagte er gedehnt. „Doch du solltest deine Zunge unter Kontrolle bringen. Denn sonst… und mir ist egal, dass du ein Mädchen bist, werde ich dir einmal zeigen, dass du nicht alleine auf der Welt bist und vor allem, dass du nicht mit jedem umspringen kannst, wie es dir gerade passt." Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern wendete sein Pferd und lenkte es zurück auf den schmalen Pfad, der durch den endlosen Wald führte.

Xander folgte ihm sofort, doch Willow wartete, bis Buffy sich wieder gefasst hatte. „Buffy", sagte sie leise. „Ich weiß, du willst mich beschützen…. Aber du übertreibst es gerade etwas. Er hat dir nichts getan, ganz im Gegenteil, er hat uns sehr geholfen, vielleicht sogar das Leben gerettet, und du… springst mit ihm um, als wäre er ein dahergelaufener Schurke."

Grimmig blickte Buffy ihre Cousine an, dann seufzte sie und zuckte die Schultern. „Ich bin nun mal gerne vorsichtig. Und nur, weil sie uns gerade geholfen haben, heißt es nicht, dass sie nicht doch noch finstere Absichten hegen. Gerade dieser Xander. Wie er dich anhimmelt." Sie schüttelte den Kopf. „Und Spike", sie rollte die Augen. „Hochnäsig ohne Ende."

„Nur, weil du dich so furchtbar aufgeführt hast", sagte Willow leise. „Ich glaube, er kann ganz nett sein. Gib ihm eine Chance. Wenn er sich doch als Bösewicht entpuppt, kannst du ihn immer noch verhauen."

Buffy lachte und sah den beiden Männern hinterher, die sich langsam immer weiter entfernten. „Mal sehen. Wenn er mich wieder ärgert…"

Teil 4

William versuchte gar nicht erst, seine schlechte Laune zu unterdrücken. Er grummelte leise vor sich hin und folgte dem Pfad durch den Wald, ohne besonders auf die drei Menschen zu achten, die dicht hinter ihm ritten. Xander hatte sich bemüht, hatte es mit Ablenkung versucht, lustigen Anekdoten und Geschichten, doch da er nicht darauf reagiert hatte, hatte er sich zurückfallen lassen und versprühte seinen Charme nun bei Willow, die hin und wieder albern kicherte.

Mit verdrehten Augen blickte William sich um und sah, dass auch diese Furie von Buffy offenbar langsam genug von den beiden hatte. Sie machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und ließ sich Zeit, sodass sie das Schlusslicht der kleinen Gruppe bildete. Doch das konnte ihm nur Recht sein. Hätte sie sich entschlossen, sich ausgerechnet mit ihm zu befassen, hätte er sicherlich sämtliche Wut auf sie niedergehen lassen, die durch seine Adern rauschte und ein Ventil suchte.

So hatte er sich seine letzten Tage als Junggeselle nicht vorgestellt. Sicher, er hatte Pflichten, die er nie vergessen würde, doch nun hatte er die Gelegenheit sich noch einmal gehen zu lassen. Und dann das! Jetzt spielten Xander und er die Wachhunde für zwei junge Frauen. Obwohl diese Hexe Buffy wenig von einer Frau an sich hatte. Sie trug enge Hosen, samt Hemd und Weste und sie hatte auch ihre Haare wieder unter der Kappe versteckt, sodass sie aussah wie ein junger Mann von höchstens fünfzehn Jahren.

Seufzend wandte er seinen Blick wieder auf den Weg vor sich. Eigentlich sollte es ihm vollkommen egal sein, was aus den beiden Frauen wurde, doch Xander hatte es offenbar schwer erwischt. Er zog alle Register seine neue Bekannte zu beeindrucken und er wäre bestimmt enttäuscht, wenn William nun darauf bestehen würde, einfach das Weite zu suchen. Und eigentlich, so dachte William, war es auch egal. Was würde es ihm schon helfen, sich zu betrinken? Was würde es ändern, wenn er sich mit willigen Frauen vergnügte? Früher oder später würden sie in Bedford Castle anlangen und dann wäre sein Leben so oder so vorbei.

Er würde eine Frau heiraten müssen, von der er so gut wie nichts wusste. Von den Ruhmesgeschichten einmal abgesehen, die nicht nur auf Schlachtfeldern, sondern schlicht überall erzählt wurden. Zudem sollte er es bewerkstelligen, zwei Völker zu vereinen, die sich fast ein Jahrhundert lang bekriegt hatten. Beides waren Herausforderungen, die er kaum überwinden konnte, schon gar nicht alleine. Und genau das wurmte ihn am meisten. Er brauchte seine Zukünftige, um das Volk ihres Landes auf seine Seite zu ziehen. Doch wie brachte er sie dazu?

Diese Königstochter des anderen Landes war im Grunde genauso ein Spielstein wie er selbst einer war. Das war ihm schon lange klar. Richard wollte Frieden, sein Vater wollte ihn ebenso und die beiden Könige hatten beschlossen, ihn endgültig werden zu lassen. Und das funktionierte nur, wenn sie ihre Kinder miteinander vermählten. Sein Vater hatte zwar nicht extra erwähnt, dass auch er diese Verbindung wollte, doch William hatte es gleich verstanden. Das Schlimme war, dass er es ihm nicht einmal verübeln konnte. Für seinen Vater hatte das Wohl seiner Untertanen stets im Vordergrund gestanden und es war nicht sein erster Versuch, endlich Frieden einkehren zu lassen. Doch bisher hatte der Gegenkönig sich strikt geweigert und jeden Annäherungsversuch unterbunden.

Doch was dachte Richards Tochter? Sicher war sie genauso wenig davon begeistert wie William und erwartete ihn mit einer Mischung aus Abscheu und absolutem Widerwillen. Genau die gleichen Gefühle, die auch ihn durchströmten und einfach nicht weichen wollten. Egal wie sehr er sich darüber bewusst war, wie wichtig diese Verbindung beider Völker war. Doch wie sollte man mit solchen Voraussetzungen etwas wie Vertrauen erschaffen? Mehr noch? Wie sollte er eine Frau lieben können, die ihn sicherlich aus tiefstem Herzen verabscheute.

Der Schrei einer Eule riss ihn aus seinen Gedanken und er sah sich um. Es wurde rasch dunkel, vor allem in diesem undurchdringlichen Wald und sie mussten eine Entscheidung treffen. Er zügelte sein Pferd und wartete, bis die anderen zu ihm aufgeschlossen hatten. Dann wandte er sich an Xander. „Entweder, wir errichten jetzt irgendwo unser Nachtlager, oder aber wir müssen das Tempo ein wenig anziehen. Noch etwa eine Stunde, dann erreichen wir ein Wirtshaus. Aber das ist eine üble Spelunke und ich weiß nicht, ob wir uns einen Gefallen tun, wenn wir dort übernachten. Wir ziehen nur unnötige Aufmerksamkeit auf uns."

„Mir wäre ein Wirtshaus schon lieber", sagte Willow und zupfte an ihrem langen Rock. „Die Natur ist … nun ja, die Natur eben. Ameisen krabbeln überall herum und Käfer und Spinnen und… was weiß ich nicht noch alles."

„Dafür gibt es hier keine Bettwanzen", sagte Buffy und sah sich um. „Ich sag es ja nur ungern, aber ich gebe Spike Recht. Wir sollten uns irgendwo abseits des Weges ein Nachtlager errichten. Für heute hatte ich genug Ärger und wir müssen ihn nicht herausfordern."

Seufzend wandte sich Willow an Xander. „Nun musst du wohl entscheiden", sagte sie und schenkte ihm einen besonders aufregenden Blick, der ihn auf ihre Seite ziehen sollte. „Wir alle haben unsere Meinung schon gesagt und noch steht es in der Schwebe."

Lächelnd nickte Xander, dann sah er zu William und wusste, was er zu tun hatte. „Es tut mir sehr leid", sagte er zu Willow und verbeugte sich leicht, „aber ich stimme Spike und Buffy zu. Es ist besser, wir verstecken uns einfach im Dickicht." Dann versuchte er die junge Frau wieder zu becircen, die jetzt recht beleidigt dreinblickte. „Aber ich verspreche, alle Viecher und Krabbeltiere persönlich von deinem Platz fernzuhalten."

Willow lächelte verzückt, doch Buffy schüttelte den Kopf. „Das wird wohl nicht nötig sein", sagte sie und sah zu William. „Dort hinten… siehst du die Baumgruppe, die fast ein Dreieck bildet? Ich glaube, dort wäre ein recht günstiger Platz. Er ist nicht sehr weit vom Pfad entfernt, bietet aber durch das Gestrüpp rundherum genügend Schutz vor neugierigen Blicken."

Nickend sprang William vom Pferderücken, nahm die Zügel und bahnte sich zusammen mit seinem Tier einen Weg durch das Dickicht. Die anderen folgten ihm und es dauerte nicht lange, bis sie den Platz erreicht hatten, der unter den hohen Bäumen eine kleine Lichtung bildete. „Wir sollten die Pferde hinter diesen Bäumen festbinden, dort stehen sie recht geschützt. Wir selbst sollten diese kleine Schneise als Lager nehmen."

 

                                                                                             *~*~*

 

Nur ein paar Minuten später durchsuchten alle vier Reiter ihre Satteltaschen und kramten die wenigen Nahrungsmittel hervor, die sie mit sich trugen. William, der sich im letzten Rasthaus noch mit trockenem Brot und einer Wurst eingedeckt hatte, schnitt mit einem großen Messer alles in vier Teile und überreichte sie an seine Kameraden. Willow bedankte sich sogleich und auch Buffy schenkte ihm ein Lächeln. Im Gegenzug reichte sie ihm einen Käse und hob auch ihren Wasserschlauch, den er jedoch ablehnte. „Danke, ich habe selbst noch genug."

Dann runzelte er die Stirn und biss schnell in das trockene Brot. Dieses Lächeln von ihr hatte ihn einigermaßen aus der Fassung gebracht und er wusste nicht warum. Vielleicht, so überlegte er, lag es schlicht daran, dass er es von ihr nicht erwartet hatte. Sie war bissig wie ein Wachhund und zeigte eine Härte, die ihm bei Frauen fremd war. Doch möglicherweise war diese Härte zum Teil nur vorgegaukelt. Rasch sah er zu Xander, der sich, wie auch nicht anders zu erwarten war, wieder um Willow bemühte. „Heute sollten wir wirklich abwechselnd schlafen", sagte er zu ihm. „Nach dem Überfall, wäre es gewiss besser. Ich übernehme die erste Wache, denn wir wissen nicht, wer sich noch in der Nähe aufhält und uns womöglich schon beobachtet."

„Einverstanden", nickte Xander und reckte sich. „Weck mich, wenn du zu müde wirst. Wir teilen uns die Nacht, dann bekommen wir beide genug Schlaf."

„Ich kann auch eine Wache übernehmen", meldete sich Buffy zu Wort und setzte sich im Schneidersitz auf ihre Pferdedecke. „Wenn wir schon zusammen reiten, sollten wir uns auch die Aufgaben teilen."

Lachend sah Xander sie an. „So wie ich dich einschätze, wirst du so oder so kein Auge zu tun. Nicht einmal, wenn ich schwöre, deine Freundin nicht zu belästigen."

Sie sah ihn an und ihre Augen wurden wieder hart. „Willow ist nicht meine Freundin, sondern meine Cousine", klärte sie ihn auf. „Und ja, so ganz trau ich euch beiden nicht über den Weg. Vor allem dir nicht", sagte sie mit festem Blick auf Xander. „Spike ist finster und grimmig und man merkt, dass er seine wahren Gefühle nicht verbirgt. Du hingegen bemühst dich ein wenig zu sehr. Ich kenne dich nicht und Willow ist… nun ja, leicht zu beeindrucken. Es ist meine Pflicht, auf sie zu achten. Schon, weil ich es ihrer Mutter versprochen habe."

Willow wandte den Kopf ab, um zu verbergen, dass ihre Wangen tiefrot leuchteten. „So deutlich musstest du trotzdem nicht werden", sagte sie leise und schämte sich wegen der so offen ausgesprochenen Worte.

„Xander mag ein Charmeur sein", warf William helfend ein, „doch er ist auch ein Ehrenmann und er würde niemals etwas tun, was eine junge Dame brüskieren könnte."

„Das ist gut zu wissen", erwiderte Buffy, ließ Xander aber schon durch ihren undurchdringlichen Blick wissen, dass sie dennoch ein Auge auf ihn haben würde. Dann wandte sie sich an William. „Macht es euch beiden gar nichts aus, dass wir aus einem Land stammen, dass ihr bestimmt jahrelang bekämpft habt?"

„Der Krieg ist vorbei", sagte William müde.

„Das stimmt", nickte Buffy und sah ihn aufmerksam an. „Und doch kann man all die Jahre kaum einfach so hinter sich lassen. Es gibt kaum Familien, die keine Mitglieder in dieser endlosen Fehde verloren haben und …"

„Ich gebe dir Recht", nickte William, lehnte sich zurück, wobei er seinen Sattel als Kissenersatz benutzte. „Doch das gilt ebenfalls für beide Seiten." Er starrte in die dunklen Kronen der Bäume über ihm und überlegte seine nächsten Worte sehr genau. „Aber wenn wir nicht versuchen, dass hinter uns zu lassen und in die Zukunft zu blicken, könnten wir genauso gut beide Länder gleich in Flammen aufgehen lassen. Denn darauf würde es hinauslaufen, sollte dieser Krieg wieder ausbrechen. Beide Länder sind am Ende. Sei es, wenn es um Nahrungsmittel oder auch kampfbereite Männer geht." Er sah zu Xander, musste jedoch feststellen, dass der schon wieder auf Willow einsprach und William schüttelte fast unmerklich den Kopf. „Ist dir vielleicht etwas an diesem Wald aufgefallen?", sagte er zu Buffy, die ebenfalls das tuschelnde Pärchen beobachtet hatte. „Ihr seid doch schon ein paar Tage länger auf dem Weg… In diesem Wald gibt es kaum noch etwas Lebendiges. Oder hast du ein Reh gesehen, ein Wildschwein oder auch nur einen Hasen?"

„Nein", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Und das ist auf unserer Seite des Waldes nicht anders. Die Menschen hungern und da ist es nur natürlich, dass sie jagen, was vor ihre Augen kommt."

„Allerdings", nickte William. „Es wird eine lange Zeit dauern, bis sich alles wieder beruhigt hat und es wird bestimmt eine schwere Aufgabe, beide Länder wieder aufzubauen."

„Du scheinst ausgiebig darüber nachgedacht zu haben", sagte Buffy leise und streckte die Beine wieder aus.

„Ein wenig", gestand William. „Und meiner Meinung nach wäre die Landwirtschaft das erste, was schnell in geordnete Bahnen gelenkt werden müsste. Auf Fleisch kann man vielleicht verzichten, auf Brot und Gemüse nicht und es gibt eine Menge hungriger Mäuler zu stopfen."

Buffy lachte. „Wir sind tatsächlich einmal einer Meinung", sagte sie und deckte sich mit einem Umhang zu. Dann seufzte sie. „Und deswegen kann ich es den Menschen hier nicht einmal verübeln, dass viele von ihnen sich auf die Räuberei verlegt haben. Sie alle haben Familien zu versorgen und das ist so oder so schon nicht einfach."

Diesmal war es Xander, der sich zu Wort meldete, denn er hatte, obwohl sein Hauptaugenmerk auf Willow lag, trotzdem ihr Gespräch verfolgt. „Wenn du das alles weißt… wenn ihr wusstet, wie groß die Gefahr ist, überfallen zu werden… warum habt ihr dann nicht zumindest ein paar Männer mit auf eure Reise genommen?" Er sah Buffy ohne jeden Spott in den Augen an. „Du hast zwar deutlich gezeigt, dass du mit Gefahr umzugehen weißt, aber es wäre um einiges sicherer gewesen." Dann lachte er. „Warum kämpfst du überhaupt mit diesem Stöckchen?", fragte er und zeigte auf den langen Stecken, der neben ihr auf dem Boden lag. „Es gibt weitaus sicherere Waffen, die Gegner nicht nur für ein paar Minuten ausschalten."

„Weil er meine Reichweite deutlich erhöht", sagte Buffy und bevor Xander sich versah, hatte sie den Stab schon auf seinen Kopf niedersausen lassen. Allerdings nicht besonders stark, denn er war mehr eine Demonstration, als ein Angriff. „Und ich kann ihn gut handhaben."

William hörte das hohle Klong und konnte nicht anders. Er lachte laut los und setzte sich wieder auf. „Die Reichweite ist nicht zu unterschätzen", sagte er und hielt sich den Bauch. „Allerdings stimme ich Xander zu. Ich würde ein Schwert jederzeit vorziehen."

„Ich kann auch durchaus mit einem Schwert umgehen", erwiderte Buffy ernst und sie fiel zurück in ihre Rolle einer jungen Frau, die keinen Widerspruch zuließ. „Nun… wie ihr bestimmt bemerkt habt, bin ich nicht besonders groß und durch den Stab komme ich nicht in die Bedrängnis, meinen Gegner zu nah an mich herankommen lassen zu müssen. Und ich muss nicht töten, um mich durchzusetzen." Sie reckte das Kinn und funkelte William an.

„Ich könnte dir durchaus beweisen, dass sich ein geübter Krieger auch nicht vor einem langen Stab abhalten lässt", sagte nun William und fühlte alle Blicke auf sich ruhen. Er sah die kleine Kratzbürste an und wackelte mit den Augenbrauen. „Ich schwöre, ich würde die Distanz schnell überwinden."

„Nun", sagte Buffy eisig und spannte kampfbereit die Muskeln an. „Vielleicht bekommst du irgendwann die Gelegenheit, das zu beweisen."

„Wir sollten jetzt lieber schlafen", rief Willow, die spürte, dass die Situation kurz vor dem Kippen stand. „Außerdem dachte ich, wir wären verbunden." Wieder wurde sie rot. „Für die Reise, meinte ich", sagte sie schnell und räusperte sich. „Und wenn wir gemeinsam auf dem Weg sind, sollten wir uns nicht bekämpfen."

„Da gebe ich Willow recht", sagte Xander, ließ William aber nicht aus den Augen. „Wir sollten jetzt wirklich schlafen", meinte er rasch, nachdem er einen finsteren Blick aufgefangen hatte. „Willst du wirklich die erste Wache übernehmen, oder soll ich…"

„Ich bin nicht müde", versicherte William schnell und schüttelte den Kopf. Dann stand er auf. „Ich werde noch einmal nach den Pferden sehen", sagte er und verschwand rasch im Dickicht.

Drei Augenpaare folgten ihm, bis er außer Sicht war, dann meldete sich Xander wieder zu Wort. „Es ist spät und bereits sehr dunkel. Wir sollten wirklich versuchen, ein paar Stunden zu schlafen." Er schnappte sich seine Pferdedecke, seinen Sattel und die Taschen und platzierte alles neben Williams Sachen. Dann setzte er sich wieder und grinste Buffy an. „Ich hoffe, dir reicht diese Distanz zwischen mir und deiner hübschen Cousine."

„Nur ausnahmsweise", erwiderte Buffy und ihr Blick wanderte zurück zu dem Dickicht, in dem Spike verschwunden war. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich an Willow. „Ist alles okay mit dir? Geht es dir gut?"

„Es geht schon", sagte die Rothaarige und legte sich auf ihren Platz. „Und ich bin wirklich sehr müde. Ich sollte also schnell einschlafen können und mit Glück vergesse ich all die Tierchen, die des Nachts über mich hinweg krabbeln könnten." Sie seufzte. „Allerdings bezweifele ich das stark. Ich werde gewiss wieder davon träumen, wie diese ekligen Spinnen mit ihren schrecklichen Beinchen über dem Gesicht krabbeln und..."

„Mach dir keine Sorgen", sagte Buffy leise. „Ich habe dir versprochen, dich heil wieder nach Hause zu bringen und ich werde mein Versprechen halten." Sie warf einen Blick zu Xander, der sich allerdings schon auf die Seite gedreht und die Augen fest geschlossen hatte. „Gute Nacht", sagte sie und legte sich ebenfalls zurück. Doch sie wusste sicher, dass sie die ganze Nacht über nicht ein Auge zumachen würde.

Teil 5

Unweit des Nachtlagers saß William auf einem umgestürzten Baum und überlegte, wie es weitergehen sollte. Wenn sie dem Weg, der sich als schmaler Pfad auf dem weichen Boden abzeichnete, folgen würde, wären sie in zwei Tagen aus dem Wald heraus. Doch das bedeutete, durch eine Art Nadelöhr zu müssen und dort tummelten sich Banditen und Räuber jeglicher Couleur und er glaubte nicht, dass es eine gute Idee war, sich dort ausgerechnet mit zwei jungen Frauen blicken zu lassen. Doch wenn sie den längeren Weg wählten, mussten sie höher in die Berge und dort über einen nur schmalen Pass. Zudem wären sie mindestens zwei Tage länger unterwegs und er musste gestehen, dass er die beiden Frauen lieber früher als später ziehen lassen wollte.

Doch Xander, so dachte er grimmig, würde sowieso darauf bestehen, sie bis nach Bedford Castle zu bringen. Er war schon immer ein Charmeur gewesen, doch dieses Mal war es anders und es schien fast, als habe er sich auf den ersten Blick furchtbar verliebt. William schüttelte seufzend den Kopf und versuchte den Mond durch die dichten Baumkronen zu erblicken. Sein Freund hatte es wirklich bedeutend leichter als er selbst. Sollte Willow seine Gefühle erwidern, so war es für Xander kein Problem, weit unter seinen Stand zu heiraten.

Er runzelte die Stirn. Wie kam er eigentlich auf den Gedanken, dass Willow nicht von Adel war? Wirklich viel hatten die beiden Frauen nicht über sich verraten. Genauso wenig wie Xander und er, doch er glaubte nicht, dass sie einfachen Bauernfamilien entstammten. Das zeigte schon ihre Art sich zu verhalten. Womöglich, so dachte er, gehörten sie einer Kaufmannsfamilie an oder sogar dem Landadel. Doch warum waren sie dann alleine? Warum hatten sie auf Begleitung verzichtet? Jeder einigermaßen vernünftige Vater hätte darauf bestanden, dass seine Tochter mit ausreichend Schutz eine so lange Reise ging.

Er schüttelte wieder den Kopf und stand auf. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzugrübeln und so langsam wurde er müde. Er würde nun Xander wecken und sich selbst ausruhen. Doch als er sich umdrehte, stand Buffy hinter ihm, den unvermeidlichen langen Stecken in der Hand. Für einen Moment dachte er, sie wollte ihn angreifen, doch sie stand vollkommen ruhig da und er sah sie im schwachen Licht des Mondes an.

„Ich kann nicht schlafen", sagte sie, wie um sich zu erklären. „Ich wollte dich ablösen. Lass Xander einfach schlafen. Ich übernehme den Rest der Wache." Sie sah sich um. „Doch bisher scheint alles ruhig zu sein und wir haben offenbar einen recht guten Platz zum Rasten gewählt."

„Warum versuchst du, so hart zu sein?", fragte William, bevor er auch nur wusste, was er sagte.

Einen langen Augenblick sah sie ihn stumm an. „Nicht jede Frau hat die Möglichkeit, sich ihr Leben lang hinter einem Mann zu verstecken", sagte sie trotzig. „Davon ganz abgesehen, dass ich das auch nicht möchte. Ich bin ein eigenständiger Mensch, der sich nicht durch wen auch immer gängeln lässt. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen und bin auch in der Lage, sie durchzusetzen. Zudem bin ich nicht wie meine Cousine, die sich in die Arme eines Mannes stürzt, nur weil ein wenig Angst an ihr nagt."

„Deine Cousine scheint damit aber recht glücklich zu sein", erwiderte William und musste beinahe lachen. „Aber ich kann dich in Bezug auf Xander wirklich beruhigen. Es ist nicht so, dass er der holden Weiblichkeit widerstehen könnte, doch würde er niemals eine junge, anständige Frau in Schwierigkeiten bringen."

„Verstehe", nickte Buffy, „er hält sich also gewöhnlich an Frauen, die…" Sie schüttelte den Kopf und winkte mit der freien Hand ab. „Das geht mich nichts an." Dann sah sie ihn aufmerksam an. „Aber was ist mit dir?"

„Mit mir?", wiederholte William verblüfft und fühlte sich einen Moment überrumpelt. „Was soll eine solche Frage? Ich habe deine Cousine nicht einmal angesehen und…"

„Davon spreche ich nicht", sagte sie und reckte sich. „Auch wenn es dir vielleicht nicht gefällt… wir ähneln uns ein wenig. Du scheinst ebenso gut wie ich zu wissen, was du willst und du scheinst dich genauso wenig davon abhalten zu lassen. Du bist es gewohnt, die Führung zu übernehmen. Das sieht man schon daran, dass Xander vor allen Entscheidungen ganz offensichtlich erst einmal darauf achtet, was du willst. Denn sonst hätte er sich heute nach Willow gerichtet, die lieber in diesem verwanzten Gasthaus genächtigt hätte."

Einen Augenblick überlegte William und ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Dann nickte er zustimmend. „Du hast vollkommen Recht. Ich bin es gewohnt die Führung zu übernehmen."

„Genau deswegen rasseln wir auch ständig aneinander", sagte Buffy schlicht und sah sich wieder aufmerksam um. Irgendwo in weiter Ferne knackte es im Unterholz, doch nach einem Moment der Wachsamkeit wandte sie sich wieder William zu, denn sie war sich sicher, dass nur ein kleines Tier durch das Buschwerk huschte. „Ich habe dich nie angreifen wollen", sagte sie leise. „Weder mit meinen Worten, noch mit Waffen. Aber ich denke, du verstehst mich dennoch. Auch du wärst besonders wachsam, wenn du auf ein junges, dummes Mädchen aufpassen müsstest, dass etwas naiv ist, wenn es zum ersten Mal in die große weite Welt hinaus darf."

William setzte sich zurück auf den umgestürzten Baum. Diese Unterhaltung schien recht spannend zu werden und die Müdigkeit war aus seinen Knochen gewichen. Einen Augenblick versuchte er in ihrem Gesicht zu lesen, doch dafür war es zu dunkel. „Ich verstehe dich durchaus und du hast Recht, ich würde ebenso handeln. Doch zwischen uns besteht ein kleiner Unterschied." Er lachte leise. „Immerhin bin ich ein Mann und von mir wird so etwas erwartet. Du bist eine Frau und man würde dir eher eine Rolle wie die deiner Cousine zuweisen. Und doch bist du so ganz anders und ich muss gestehen, dass mich deine Härte abschreckt. Sei sie nun gespielt oder echt."

„Sie ist nicht gespielt", erwiderte Buffy und reckte das Kinn. „Es tut mir leid, dich durch meine Art zu brüskieren", sagte sie hart. „Aber ich habe früh lernen müssen, dass gerade Männer sich nicht durch blanke Worte aufhalten lassen. Nicht alle scheinen deinem Freund Xander zu ähneln, der trotz seines unbändigen Charmes seine Grenzen zu kennen scheint."

„Es tut mir Leid", sagte William, der wusste, worauf sie anspielte. Es gab jede Menge Männer, die ein „Nein" von einer Frau nicht akzeptierten und sich nahmen, was sie wollten. „Ich hatte keine Ahnung und…"

„Es muss dir nicht leidtun", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich hatte Glück, jedenfalls so lange, bis ich mich zu wehren wusste." Sie sah ihn böse an. „Aber es geschieht immer wieder und dabei scheint es den meisten Männern egal zu sein, wen sie vor sich haben. Wenn man den Schutz der Familie hinter sich gelassen hat, scheint man als Frau Freiwild zu sein."

„Es tut mir dennoch leid", sagte William, „denn ganz offenbar hast du stets die falschen Männer kennengelernt. Ich hätte so etwas niemals gebilligt. Von keinem meiner Männer."

„Dann hatte ich also Recht", sagte sie beinahe triumphierend. „Du warst in den Krieg verwickelt. Mehr noch, denn du hast gerade zugegeben, eine Gruppe Männer angeführt zu haben." Wieder sah sie sich um, doch die Nacht blieb ruhig. „Und doch schaffst du es, das zu vergessen und dich darauf einzulassen, Menschen aus dem verhassten Land zu beschützen."

„Ich habe dein Land nie gehasst", sagte William mit gerunzelter Stirn. „Ganz im Gegenteil, ich war schon immer für den Frieden. Dieses ganze Abschlachten war so sinnlos und es ist gut, dass wir das hinter uns haben." Er sah sie scharf an und sprang auf. „Oder siehst du das etwa anders?"

„Nein", sagte sie. „Ich bin ganz deiner Meinung. Und ich bin heilfroh, dass es nun eine Einigung zwischen uns gibt." Buffy drehte sich herum und sah zu der Lichtung, auf der ihre Cousine und Spikes Freund friedlich schliefen. „Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass es ein Kinderspiel wird, beide Völker zu vereinen." Sie sah wieder William an. „Hast du auch gehört, dass man die beiden Länder durch eine Hochzeit verbinden will?"

„Ich habe so was läuten hören", sagte William vage. „Warum?"

„Nur so", sagte Buffy schnell. „Allerdings stelle ich mir das sehr schwer vor. Ich möchte jedenfalls nicht mit unserer Prinzessin tauschen. Es ist eine schwere Bürde, die ihr da auferlegt wird. Eurem Prinzen natürlich auch", sagte sie rasch, bevor Spike beleidigt sein konnte. „Dennoch, es wird für zwei Menschen verdammt schwer, das Glück eines zukünftig großen Landes in die Hand zu nehmen. Vor allem habe ich gehört, dass die beiden sich nicht einmal kennen. Wer sagt denn, dass sie sich verstehen werden? Ich stelle es mir grauslich vor, einfach einen Mann vorgesetzt zu bekommen und mit ihm den Rest meines Lebens verbringen zu müssen."

„Das wird allerdings nicht einfach", sagte William und die Müdigkeit war mit einem Schlag zurück. „Bist du dir sicher, dass du den Rest der Wache übernehmen willst?", fragte er deswegen. „Ich könnte sonst Xander wecken…"

„Nein, lass ihn schlafen", sagte Buffy und schüttelte wild den Kopf. „Ich möchte mich mit ihm nicht unterhalten müssen. Nicht heute."

William lachte leise. „Ganz wie du meinst. Aber sollten dir die Augen zufallen, weck ihn. Von mir aus auch mit einem leichten Tritt. Er wird es überleben!"

„Eins noch", sagte Buffy, als William sich an ihr vorbei schob. „Hast du schon darüber nachgedacht, welchen Weg wir einschlagen? Den Schnellen? Oder lieber den Sicheren?"

„Mir wäre der Pass im Gebirge lieber", sagte William leicht verwundert, dann lachte er. „Wäre Willow auch nur annähernd so wie du, würde ich den schnellen Weg vorziehen. Schon weil ich wüsste, dass sie sich gut verteidigen kann. Doch habe ich bis jetzt noch ihre schrillen Hilfeschreie in den Ohren und wenn uns das dort passiert, rufen wir höchstens noch mehr Gegner auf den Plan."

„Gut", nickte Buffy und nahm seinen Platz auf dem Baumstamm ein. „Ich hatte ähnliche Gedanken." Sie nickte ihm zu. „Schlaf gut."

„Ich werde es versuchen", sagte er, hob kurz die Hand und steuerte auf die Lichtung zu. Mit gerunzelter Stirn schob er sich durch die Büsche. Er musste seine Meinung über Buffy revidieren. Sie war keine einfache Zicke, wie er gedacht hatte. Sie hatte ganz offenbar gute Gründe für ihr Verhalten und er konnte verstehen, warum sie hin und wieder so hart reagierte. Dann fielen ihm ihre Worte über seine Vermählung wieder ein und er seufzte leise. Sogar vollkommen Außenstehende hatten offenbar die gleichen Gedanken wie er, doch dann schob er alles von sich. Noch war nicht die Zeit, sich deswegen das Hirn zu zermatern. Jetzt erst einmal musste er dafür sorgen, dass sie heil aus diesem Wald herauskamen.


                                                                                           *~*~*

 

Wie von William nicht anders erwartet, war Buffy am darauf folgenden Morgen nicht mehr ganz so munter. Sie ritt zwar weitestgehend neben ihm, schon, um dem tuschelnden Pärchen zu entkommen, doch sie war schweigsam und hin und wieder fielen ihr die Augen zu. William, der nur ungern eine zusätzliche Pause einlegen wollte, sah sich trotzdem nach einem geeigneten Rastplatz um und gerade als er einen erblickt hatte, sah er mit Erstaunen, dass sie einfach eingeschlafen war.

Allerdings schien sie das lange Reiten gewohnt zu sein, denn sie rutschte nicht einfach vom Pferderücken, sondern ihr war einfach der Kopf auf die Brust gesunken. Ihr Rücken hingegen blieb aufrecht und wieder einmal versetzte ihn die junge, offenbar so mutige Frau in Erstaunen.

Dann langten sie an der Weggabelung an und er sorgte dafür, dass ihr mächtiger Wallach die richtige Richtung einschlug. Er ließ ihn laufen und nahm sich vor, gleich wieder zu ihr aufzuschließen. Doch wollte er jedenfalls kurz mit Xander und Willow sprechen, die auch sogleich ihre Pferde bremsten.

„Alles okay?", fragte Xander und sah Buffy fragend hinterher.

„Sie schläft", grinste William, und an Willow gewandt meinte er: „Keine Sorge, ich hole sie gleich schnell wieder ein. Doch ich muss eben wissen, ob du vielleicht auch Männerklamotten dabei hast? Gegen Mittag erreichen wir eine Taverne, in der ich gerne einkehren würde. Zum einen können wir alle ein gutes Mittagessen vertragen, zum anderen können wir dort unsere Vorräte aufstocken. Und ich denke, es ist eine gute Idee, wenn wir dort als reine Männergruppe auftreten."

„Es tut mir leid", sagte Willow geknickt. „Ich kann leider nicht mit Hemd und Hose aufwarten. Ich hoffe, es ist nicht zu schlimm. Aber selbst wenn… ich habe einfach nicht das Auftreten und man würde mich sofort durchschauen."

„Wo habt ihr Rast gemacht, als ihr den Weg zum ersten Mal passiert habt?", fragte Xander nun und lächelte.

Willow seufzte und ein sanftes Rot zierte ihre Wangen. „Es tut mir leid, aber ich kann euch gar nicht helfen. Für mich sieht es hier überall gleich aus und ich weiß nicht, wo ich bin. Ich würde mich hoffnungslos verlaufen, hätte ich keine Hilfe. Buffy wird es euch sagen können. Ich weiß nur, dass sie die meisten Gasthäuser gemieden hat. Sie meinte immer, es wäre sicherer. Sie hat mir oft ein Versteck gesucht und ist dann alleine losgezogen, um uns etwas zu Essen zu besorgen." Sie schüttelte sich. „Es war furchtbar, alleine und verlassen auf sie warten zu müssen."

„Verstehe", nickte William, leicht enttäuscht. Dann wandte er sich Xander zu. „Wir nehmen den langen Weg über den Pass", sagte er und wendete rasch sein Pferd, um hinter Buffy herzueilen.

„Was ist eigentlich mit euch?", rief Xander ihm hinterher. „Ist gestern Nacht etwas passiert, von dem ich wissen müsste?" Dann begriff er, wie dieser Satz noch gedeutet werden konnte und er wandte sich rasch an Willow. „So meine ich das nicht. Ich wundere mich nur über die Einigkeit, die die beiden an den Tag legen. Und sie streiten sich gar nicht."

Auch Willow runzelte nun die Stirn. „Stimmt", sagte sie und sah zu William, der nun zurückkehrte.

„Sie konnte nicht schlafen in der letzten Nacht", sagte er und schüttelte den Kopf. „Und wir haben uns unterhalten. Nun, ich möchte gerade nicht auf alle Einzelheiten eingehen, doch ich muss gestehen, ihr Verhalten nun ein wenig besser zu verstehen."

„Na", murmelte Xander. „Jetzt machst du mich nur noch neugieriger", meinte er und sah zwischen Willow und William hin und her. „Was kann es nur gewesen sein, dass ihr jetzt so friedlich miteinander umgeht? Gestern, bevor ich mich hingelegt habe, sah es eher so aus, als würdet ihr euch bei nächster Gelegenheit an den Hals springen."

William seufzte. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er sich ohne eine Antwort nicht zufrieden geben würde. „Sagen wir es einmal so", meinte er mit Seitenblick auf Willow, „sie ist nicht unbedingt immer Männern begegnet, die sich einer Frau gegenüber zu benehmen wussten, wie zum Beispiel du."

„Oh", sagte Xander schnell. „Verstehe. Nun, das ist wirklich kein Thema für eine junge Dame", meinte er und deutete mit dem Kopf den Weg hinauf, der langsam in die Höhe führte. „Beeil dich, sie einzuholen, bevor sie noch vom Pferd fällt."

„Sie fällt nicht", lachte William belustigt. „Sie sitzt eisern im Sattel. Genauso wie wir, wenn wir …" Er runzelte die Stirn und drehte sich um. Eigentlich hatte er sagen wollen, genau wie wir, wenn wir todmüde von einem Schlachtfeld kamen. Doch das konnte auf Buffy wohl kaum zutreffen. Verwirrt lenkte er sein Pferd auf den richtigen Pfad und beeilte sich, die Schlafende einzuholen.

Teil 6

Das Glück schien der kleinen Truppe hold zu sein. Als sie gegen Mittag den Gasthof erreichten, war dieser nicht nur in warmen Sonnenschein getaucht, sondern bis auf wenige Menschen leer. Offenbar tummelten sie erst gegen Abend die Gäste und so fanden sie rasch einen Platz zwischen all den handeltreibenden Männern, die sich lautstark über Preise und Angebote unterhielten.

„Bringt uns etwas Gutes zu essen, Wirt", rief Xander auch sogleich bestens gelaunt und bot, wie es sich gehörte, erst Willow einen Platz am Tisch an. Natürlich hätte er bei Buffy ebenso gehandelt, wäre sie nicht noch immer in Männerkleidung gehüllt. Einen Moment stutzte er, dann setzte er sich mit entschuldigendem Blick.

„Esst euch ordentlich satt", sagte William und ließ seinen Blick aufmerksam durch den Gastraum schweifen. Er wusste gerne, mit wem er es zu tun hatte und hasste Überraschungen. „Wir wissen nicht, wann wir etwas Warmes wieder bekommen." Dann wandte er sich an Xander. „Ich kann nicht in den hinteren Raum sehen", meinte er leise und deutete mit dem Kopf zaghaft darauf. „Wie sieht es von deinem Platz aus? Kannst du irgendwas erkennen und weiter hinein sehen?"

Es dauerte einen Augenblick, bis sein Freund antwortete. Um nicht allzu auffällig zu agieren, wartete er und lehnte sich erst bei passender Gelegenheit zurück. „Ich weiß nicht, ob ich ihn ganz im Blick habe, aber ich habe niemanden gesehen. Offenbar ist er noch leer. Vielleicht füllt sich die Bude hier erst, wenn abends die Männer zum Trinken kommen."

William erwiderte nichts, nickte nur und wollte sich gerade Buffy zuwenden, als eine recht beleibte Frau an ihren Tisch kam. Sie wünschte einen guten Tag und fragte, was sie bringen sollte. „Das kommt darauf an, gute Frau, was Ihr zu bieten habt", sagte William. „Wir sind seit Tagen unterwegs und haben großen Hunger."

„Wir haben heute einen Eintopf aus Porree und Lammfleisch", sagte sie und entblößte eine Reihe schiefer Zähne. „Und da ihr die Glücklichen seid, die zuerst danach fragen, kann ich euch versichern, dass ihr alle ein ordentliches Stück Fleisch dazu bekommt."


„Das klingt gut", nickte William und wartete auf die Bestätigung seiner Begleiter, die auch prompt kam. „Wir nehmen vier anständige Portionen." Er lehnte sich etwas vor und lächelte freundlich. „Dann möchte ich noch fragen, ob wir hier ein wenig Proviant für die nächsten Tage bekommen können. Wir sind auf dem Weg herunter in den Wald und unsere Reise wird noch ein paar Tage dauern."

„Ich werde sehen, was sich machen lässt", sagte die Frau, nickte ihm zu und verschwand hinter dem Tresen.

„Herunter in den Wald?", fragte Willow und machte große Augen. „Ich dachte, wir kämen genau daher." Schüchtern lächelte sie Xander an. „Da sieht man wieder, wie unglaublich orientierungslos ich bin."

„Wir kommen tatsächlich aus dem Wald", erwiderte Xander und nickte ihr aufmunternd zu. „Spike hat das nur gesagt, um von unserem wahren Weg abzulenken."

„Verstehe", nickte Willow, auch wenn sie nicht den Eindruck erweckte.

„Glaubst du, dass wir verfolgt werden?", fragte nun Buffy, die sich ebenso wie William beständig in dem Gasthaus umsah. Besonders die anwesenden Gäste hatte sie ausgiebig begutachtet, sie jedoch als einfache Reisende und Kaufleute eingestuft. „Ich hatte bisher nicht das Gefühl…"

„Nein", sagte William und wartete, bis die Wirtin einen großen Krug Bier auf den Tisch gestellt hatte. „Aber sollte trotz allem jemand nach uns fragen, schickt sie ihn in die verkehrte Richtung." Wieder musste er warten, denn es folgten Becher und ein Krug mit Wasser, nachdem Willow auch sofort dankbar griff. „Ich gehe immer gerne auf Nummer Sicher", sagte er nun zu Buffy, die sich ebenfalls Wasser in ihren Becher füllte. „Und wer weiß, wer uns noch begegnet."

„Vielleicht hast du Recht", nickte sie und musterte einen Jungen von vielleicht zwölf Jahren, der nun den Gasthof betrat. Sie runzelte die Stirn, denn er machte nicht den Eindruck, als würde er zur Familie zu gehören. Doch dann zuckte sie unmerklich mit den Schultern und wandte sich ihrem Eintopf zu, der nun dampfend vor ihr auf dem Tisch stand.

„Dann hoffen wir mal, dass es genauso gut schmeckt, wie es duftet", sagte Xander und nahm seinen Löffel zur Hand. „Ich wünsche allen einen guten Appetit!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Fast eine Stunde später, sie hatten das Essen längst beendet und waren ausgeruht, kam William mit einem großen Proviantbeutel zurück in den Gastraum. Die Verhandlungen mit dem Wirt waren hart gewesen und er hatte eine Menge Geld springen lassen müssen, um eine solche Menge an Nahrungsmitteln zu ersteigern. Doch, was ihn erwartete, ließ ihn die Augen aufreißen und die Schritte beschleunigen. Xander und Buffy stritten sich wie wild, Willow hatte sich vor Schreck an eine Wand zurückgezogen und die Mitte bildete ein Junge, der von den beiden Streithähnen hin und her gerissen wurde.

Die wenigen Gäste starrten alle samt auf das Spektakel und William beeilte sich, einschreiten zu können. „Was zum Teufel ist denn hier los?", fragte er, packte den Jungen und zog ihn vor sich.

„Der Bengel hat mich beklaut", schimpfte Buffy auch sogleich los. „Er hat sich angeschlichen und hat aus meiner Tasche meinen Geldbeutel genommen."

„Aber du hast ihn doch jetzt wieder", sagte Xander und stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt lass ihn einfach laufen! Was willst du denn noch von ihm?"

„Ich will, dass er bestraft wird", fauchte Buffy grimmig und wandte sich an William. „Spike! Sag deinem Freund, dass man den Burschen nicht einfach damit durchkommen lassen darf."

William hielt den Jungen vor sich, der vor Angst nur so schlotterte, dann sah er erst Xander und schließlich Buffy an. „Was soll ich jetzt tun?", fragte er hart und ärgerte sich, dass er den Schiedsrichter spielen musste. „Soll ich ihn durchprügeln?", fragte er Buffy. „Es sieht nicht so aus, als wäre er mit seinen Eltern unterwegs, die ihm den Hosenboden strammziehen könnten. Also mach einen Vorschlag. Was soll ich tun?"

„Lass ihn laufen", sagte sie nach einer Weile und gab auf. Allerdings nicht, ohne den Jungen noch einmal am Hemdkragen zu packen. „Wenn ich dich noch einmal erwische, dann Gnade dir Gott", fauchte sie ihn an und gab ihm einen kräftigen Schubs, der ihn bis an die Eingangstür beförderte.

„Wir sollten von hier verschwinden", sagte William, dem die Aufmerksamkeit zu viel wurde. Außerdem fühlte er plötzlich einen Kloß im Hals und er konnte nicht sagen, woher dieses Gefühl auf einmal kam. „Bezahlt habe ich schon, also nichts wie raus hier. Xander, geh und hol Willow. Es sieht nicht so aus, als wäre sie alleine dazu in der Lage." Dann drückte er Buffy den Beutel mit Proviant in die Arme. „Nimm das und bring es raus. Warte bei den Pferden." Er wunderte sich kurz, dass sie seinem Befehl prompt Folge leistete, dann versuchte er, den Schaden auf ein Minimum zu reduzieren. Er wartete, bis seine Begleiter sich aus dem Gasthof verabschiedet hatten und wandte sich dann an die Frau, die ihnen das Essen serviert hatte. „Es tut mir aufrichtig leid, dass meine Kameraden sich so aufgeführt haben", sagte er und nickte ihr zu, „doch gleichermaßen kann ich die Entrüstung meines jüngsten Freundes durchaus nachvollziehen. Ich wäre auch wütend, wenn man mich zu bestehlen versucht." Er nickte ihr zu. „Ich halte Sie für eine ehrbare Frau und kann Ihnen deswegen nur raten, besser auf so kleine Streuner zu achten. Sie könnten Ihren so wunderbaren Gasthof in Verruch bringen."

 

                                                                                           *~*~*

 

„Wie, zum Geier, könnt ihr beiden nur so viel Aufmerksamkeit auf uns lenken?", fauchte William zehn Minuten später. Sie hatten die Reise fortgesetzt und er hatte seine Wut unterdrückt, bis sie ganz sicher ohne Zuhörer waren. Doch nun brach sie Bahn und er sprang von seinem Pferd. „Warum schreit ihr nicht gleich heraus, dass wir nur darauf warten, überfallen und ausgeraubt zu werden? Vielleicht hätte ich euch Schilder machen sollen, die ihr dann um den Hals tragt!"

„Was hättest du denn gemacht, wenn du einen Langfinger in deinen Taschen erwischt hättest?", schimpfte Buffy und es war offensichtlich, dass die Wut noch immer in ihren Adern kreiste. „Und dann fängt dein Kumpel auch noch an, den Wohltäter zu spielen." Sie funkelte Xander an und hob ihren Stecken. „Du Spinner! Das war doch alles nur eine Schau für Willow! Aber sie ist nicht blöd, sie durchschaut dich genauso gut wie ich!"

„Ich habe nicht… wollte nicht…", schimpfte Xander und verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber vor allem habe ich es nicht nötig, mich von einem kleinen Mädchen so beschimpfen zu lassen" schrie er und umfasste mit einer Hand seinen Schwertgriff. „Du bist eine wahrhaftig garstige Zicke und hättest es verdient, einmal ordentlich einen auf die Nase zu bekommen!"

„Schlagt euch ruhig die Köpfe ein", sagte William in einer Stimmlage, in der ein drohender Unterton mitschwang. Er raufte sich die Haare und wandte sich Willow zu, die merkwürdig still auf ihrem Pferd saß und krampfhaft versuchte, nicht in Tränen auszubrechen. Doch das brachte William nicht weiter und zudem hatte er keine Lust, sich auch noch mit einem heulenden Weibsbild abzugeben. „Es ist egal. Es ist zu spät. Wir können nur hoffen, dass sich niemand sonderlich um uns gekümmert hat. Trotz der vortrefflichen Vorstellung, die wir im Gasthof abgeliefert haben!"

„Warum meckerst du dann hier so rum?", schimpfte Xander, der sich nicht den schwarzen Peter zuschieben lassen wollte. Seiner Meinung nach übertrieb Buffy das ganze gewaltig. Was hätte er denn sonst tun sollen? Vor versammelter Mannschaft einen Jungen schlagen, der es sich gewagt hatte, eine Geldbörse zu stehlen? Hätte er es irgendwo draußen versucht, dann bestimmt. Er hätte ihm die Hammelbeine stramm gezogen. Aber doch nicht in einem Gasthof, in dem es vor Menschen nur so wimmelte. „Und warum habe ich das Gefühl, dass du auf ihrer Seite bist?", fauchte er seinen Freund an. „Ich habe doch versucht, alles in Ruhe zu beenden. Aber die kleine Furie wollte es ja nicht anders. Also, warum meckerst du sie nicht an?"

„Weil ich seitdem ein Gefühl habe, einen großen Fehler gemacht zu haben", sagte William leise und klopfte Xander freundschaftlich auf den Arm. „Irgendetwas… und ich kann es nicht einmal genau benennen, macht mich nahezu wahnsinnig." William sah Buffy an. „Ist dir irgendetwas aufgefallen? Ich weiß, dass du genauso wie ich jeden einzelnen Gast genau unter die Lupe genommen hast."

„Die Gäste haben mich nicht irritiert", sagte sie nach einem Moment der Überlegung. „Nur der Junge…"

„Ah, ich wusste es", schnaufte Xander. „Das Thema ist nicht abgehakt, bevor Mylady dazu bereit ist."

„Du bist ein solcher Blödmann", fauchte Buffy auch sogleich. „Darauf wollte ich gerade überhaupt nicht hinaus."

„Können wir nicht einfach unseren Weg fortsetzen?", meldete sich Willow leise zu Wort. Sie rang die Hände und sah nervös von einem zum anderen. „Ihr macht mir Angst. Alle beide."

Doch William ignorierte sie. Er wandte sich wieder an Buffy und ging einen Schritt auf sie zu. „Was genau hat dich an dem Jungen beunruhigt?", fragte er und spürte, dass er seinem Problem auf der Spur war. Er sah zu ihr hinauf und sah, dass sie angestrengt nachdachte.

„Ich glaube, es war der Junge an sich", sagte sie nach einer Weile. „Ich meine, ich hatte ihn nicht gleich als Dieb in Verdacht", meinte sie und runzelte die Stirn. „Aber ich habe mich gleich gewundert, warum ein so junges Bürschchen alleine in einen Gasthof kommt. Ich weiß noch, dass ich ihn beobachtet habe, denn ich habe vermutet, dass er vielleicht dort arbeitet, oder aber der Sohn der Besitzer ist. Aber er hat sich abseits gehalten und eine langen Augenblick nur stumm an die Wand gesehen."

„Ganz genau", nickte William. „Und genau das ist es, was mir auch aufgefallen ist, aber ich kam mit meinen Gedanken nicht weiter", sagte er und war sich sicher, den Grund für seine Unruhe zu kennen. „Ich habe die gleichen Überlegungen angestellt." Dann wandte er sich an Xander. „Kannst du dich an die Geschichten von Harry Woodward erinnern? Hat er nicht immer erzählt, dass eine Räuberbande in den Wäldern von Langton ihr Unwesen trieb und immer Kinder als Kundschafter benutzte? Sie haben sie darauf trainiert, lohnende Ziele ausfindig zu machen und die Kleinen mussten dann herausfinden, welchen Weg die Opfer nehmen würden."

„Stimmt, ich erinnere mich", nickte Xander und seine Wut verrauchte. „Wir haben uns damals lustig über ihn gemacht, weil er auf einen Jungen hereingefallen war und…"

„Habt ihr", unterbrach William und sah von einem zum anderen, „habt ihr, während ich weg war, über unseren Weg gesprochen? Habt ihr erwähnt, dass wir über den Gebirgspass reiten wollen?"

„Nein", sagte Buffy und schüttelte den Kopf. „Wir haben gar nicht gesprochen. Dein Freund war damit beschäftigt, Willow zu beeindrucken und ich habe bei den passenden Momenten die Augen verdreht."

„Du scheinst wirklich auf Ärger aus zu sein", murrte Xander, beherrschte sich dann aber doch. „Wir haben wirklich nicht darüber gesprochen", sagte er und wandte sich zu Willow um. „Komm ruhig näher", sagte er sanft. „Ich verspreche auch, mich zu beherrschen. Du brauchst keine Angst vor mir haben."

Doch Willow verzog nur das Gesicht und sah hilfesuchend zu Buffy, die nickte und genervt den Kopf schüttelte. „Dann sind wir eigentlich recht sicher", sagte sie nach einer Weile zu William. „Du hast der Wirtin doch extra eine Lüge aufgetischt. Du hast ihr doch gesagt, dass wir in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind."

„Ja, hab ich", brummte William und nahm die Zügel seines Pferdes wieder auf. „Ich glaube nur nicht, dass uns das weiterbringt. Sollte ich mit meiner Vermutung recht haben, dann…" Er schüttelte den Kopf und schwang sich auf sein Pferd.

Nun war es Xander, der die Augen verdrehte. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich es hasse, wenn du deine Sätze nicht beendest? Scheinbar setzt du voraus, dass ich dich auch so verstehe, und meistens kann ich das auch. Aber momentan kann ich dir nicht folgen, also spuck es aus!"

„Hast du den Jungen noch gesehen, als wir aus dem Wirtshaus raus sind?", fragte William und sah seinen Freund an.

„Nein, natürlich nicht", brummte Xander. „Nach dem Spektakel hat er natürlich schnell das Weite gesucht."

„Tja, entweder das, oder er hat sich irgendwo versteckt und gewartet, welchen Weg wir nehmen." William seufzte. „Ich hab keinen Schimmer, ob ich damit Recht habe, oder ob der Junge einfach nur ein Dieb war, der sein Glück versucht hat. Dennoch… ich möchte, dass alle ein besonders wachsames Auge haben. Mir ist nicht wohl bei der Sache!" Und damit wendete er sein Pferd und lenkte es den steinigen Weg hinauf, der sie ins Gebirge führen würde.

Teil 7

„Es zieht Nebel auf", sagte William, der den kleinen Trupp Reiter höher und höher ins Gebirge führte. „Wir sollten uns recht bald einen geeigneten Unterschlupf suchen. Ich war zwar schon einige Male hier oben, aber ich kann euch trotzdem nicht blind die schmalen Pfade entlang führen. Es wäre viel zu gefährlich, noch lange weiter zu reiten. Und der Nebel scheint sich zudem rasch auszubreiten. Wir sollten also alle nach einem möglichen Lagerplatz Ausschau halten."

Elisabeth und Willow, die das Schlusslicht bildeten, nickten beide nur und Xander, der seit den Mittagsstunden seine schlechte Laune mit sich herumtrug, holte William ein und lenkte sein Pferd direkt neben das seines Freundes. „Ich habe außerdem das Gefühl, dass es bald Regen geben wird. Meine Narbe ziept", sagte er merkwürdig tonlos und William sah ihn an.

„Alles in Ordnung mit dir?", fragte er leise, denn gewöhnlich hatte Xander gute Laune und beklagte sich nicht, selbst dann nicht, wenn seine alten Verletzungen sich richtig bemerkbar machten und er sein Bein ein wenig nachzog.

„Nein", brummte Xander und deutete mit dem Kopf unauffällig hinter sich. „Deine kleine Freundin ist ein verdammtes Biest und Willow spricht kein Wort mehr mit mir."

„Meine kleine Freundin?", wiederholte William und lachte leise. „Darf ich dich daran erinnern, dass es deine glorreiche Idee war, ihnen zu helfen? Ich wollte in aller Seelenruhe mit dir durch die Lande ziehen und mir hier und da einen hinter die Binde kippen."

„Erinnere mich nur nicht daran", murrte Xander und verdrehte die Augen. Dann schüttelte er den Kopf und seufzte leise. „Ich glaube, ich habe Willow für immer verschreckt. Sie hat Angst vor mir und das wollte ich gewiss nicht."

„Sie ist nur ein Mädchen", versuchte William zu beschwichtigen, doch Xander sah das offenbar anders. Er fuhr hoch, überlegte er sich dann doch anders, sackte auf dem Pferderücken ein Stück in sich zusammen und seufzte tief.

„Das verstehst du nicht", sagte er leise und senkte den Kopf. „Ich verstehe es ja selber nicht, aber… Gott, ich glaube, ich bin Hals über Kopf verliebt und ich fühle mich furchtbar. Fast so schlecht wie früher, wenn wir eine Schlacht verloren hatten." Wieder seufzte er tief. „Wenn ich sie nun für immer verloren habe? Dabei habe ich mir schon ausgemalt…" Er räusperte sich und sah schnell zur Seite.

„Du meine Güte", sagte William und vergaß für einen Moment, seine Umgebung genau zu betrachten. „Dich hat es wirklich schwer gepackt." Fassungslos sah er seinen Freund an. Xander liebte das Leben in allen Facetten und er hatte nicht erwartet, dass er sein Herz jemals an nur eine Frau binden würde. „Ich bin sprachlos", sagte er leise und warf einen kurzen Blick zurück. „Das hört sich fast so an, als plantest du eine Hochzeit."

„Allerdings", nickte Xander und seufzte bedeutungsschwer. „Es ist vollkommen verrückt. Das weiß ich alles selbst! Ich kenne sie kaum ein paar Tage und habe… sie noch nicht einmal geküsst", sagte er besonders leise. „Und glaub mir, es fällt mir verdammt schwer, mich zurückzuhalten. Und du hast keine Ahnung, wie schwierig es ist, überhaupt darüber zu reden. Gerade mit dir, wo du… ach, zur Hölle, du weißt schon… Du hast nun mal nicht die Chance, dich zu verlieben oder was auch immer gerade in meinem wirren Kopf passiert. Aber gerade im Moment platze ich vor Wut und ich weiß genau, dass diese verdammte Buffy gerade alles tut, um mich vor Willow schlechtzumachen."

William erwiderte einen Moment nichts. Es war das erste Mal am heutigen Tag, dass er sich wieder daran erinnerte, warum sie diese Reise überhaupt angetreten hatten. Doch er schob jeglichen Gedanken daran schnell zur Seite und sah seinen Freund an, dem das Unglück ins Gesicht geschrieben stand. „Ich hatte nicht gedacht, dass es ausgerechnet dich einmal so schwer erwischt. Vor allem… nun ja, ich habe nichts gegen Willow, aber sie ist… sehr schüchtern und …."

„Und genau so eine Frau brauche ich", unterbrach Xander seufzend und sah sich kurz um. „Ich möchte eine Frau, die sich in meine starken Arme flüchtet. Eine Frau, die Schutz braucht, sich anschmiegt und…"

Darauf wusste William nichts zu sagen. Er selbst hasste es, wenn er sich zu sehr bedrängt fühlte und eine Frau sich an ihn klammerte. Doch da das unwichtig war, versuchte er sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Wenn Willow dir ähnliche Gefühle entgegenbringt, dann werden alle bösen Worte von Buffy nicht helfen", sagte er und klopfte seinem alten Freund aufmunternd auf die Schulter. „Warte es nur ab. Spätestens morgen herrscht wieder Einigkeit und wir vergessen diesen dummen Streit. Es bringt uns eh nicht weiter. Was geschehen ist, ist geschehen."

„Da", sagte Xander plötzlich und deutete in die Nebelschwaden, die immer dichter wurden. „Es ist nur schwer zu erkennen, aber ich glaube, ich habe eine kleine Höhle in der Felswand ausgemacht, in der wir rasten können." Er sah William an und zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe nur, sie ist groß genug, damit Buffy mir nicht zu oft auf die Füße tritt. Sie meinte zwar, der kleine Dieb hätte eine Tracht Prügel nötig, aber meiner Meinung nach ist es genau das, was ihr fehlt."

Wieder schwieg William. Er nickte nur, zügelte sein Pferd und wartete, bis die beiden Frauen zu ihnen aufgeschlossen hatten. „Xander hat eine Höhle in der Felswand entdeckt", sagte er und zeigte in das immer dichter werdende Grau. „Wir sollten sie uns einmal anschauen. Ganz viel weiter können wir heute sowieso nicht mehr. Der Pfad wird immer schmaler und man kann ihn kaum noch ausmachen."

Buffy sprang sofort von ihrem schwarzen Wallach, nahm seine Zügel und griff auch nach dem Halfter von Willows Pferd. „Lass uns nachschauen", sagte sie und zeigte mit dem Kopf in die angegebene Richtung. „Eine Höhle wäre gar nicht schlecht. Ansonsten sind wir morgen komplett durchnässt." Xander strafte sie mit völliger Missachtung, sie wartete gar nicht, ob er seinen Platz neben William wieder einnehmen wollte, sondern schob sich einfach dazwischen.

„Aber gerne, Eure Hoheit", sagte Xander und verbeugte sich tief auf dem Pferderücken. „Natürlich werde ich Euch den Vortritt lassen, Mylady." Das alles hatte er natürlich in spöttischem Ton von sich gegeben, doch Buffy fuhr herum und noch bevor er sich versah, hielt sie ihm ihren Stecken kampfbereit unter die Nase.

„Was hat das zu bedeuten?", fauchte sie und achtete auch nicht auf Willow, die sich einmischte. „Warum sprichst du mich so an?"

„Weil du eine hochnäsige Ziege bist", sagte Xander wenig beeindruckt. „Du benimmst dich wie eine Königin, die nicht weiß, wie das Leben funktioniert und nur ihren eigenen Willen kennt."

„Bitte", meldete sich Willow leise zu Wort, doch niemand achtete auf sie. Ganz im Gegenteil. Xander rutschte vom Pferd und fasste den Griff seines Schwertes. „Vielleicht sollte ich dir mal zeigen, wo dein Platz ist. Mädchen hin oder her!"

„Jetzt reicht es", zischte William und stellte sich zwischen die beiden Kämpfhähne. „Ich habe das Gefühl, und dabei schließe ich mich nicht aus, dass wir alle einen großen Haufen Probleme wälzen, die wir nur zu gerne an uns auslassen würden. Aber wir ändern nichts an unserer Situation, wenn wir uns gegenseitig an den Hals gehen!"

Xander als auch Buffy ließen ihre Waffen sinken, doch beide waren noch immer auf der Hut. „Gott sei Dank", seufzte Willow und sprang von ihrem Pferd. Dann ging sie einen Schritt auf Buffy zu, zögerte und sah zu Xander. „Ich…"

„Geh schon", sagte Buffy und schnappte sich die Zügel der beiden Pferde. „Kannst du die Höhle noch sehen?", wandte sie sich verstimmt an William und wartete gar nicht erst auf eine Antwort, genauso wenig, wie sie noch einen Blick zurück auf Willow oder Xander warf. Sie marschierte einfach in die Wildnis und William beeilte sich, ihr hinterher zueilen.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Ich bin nicht wirklich glücklich mit diesem Lagerplatz", sagte er, nachdem er zusammen mit ihr die Höhle begutachtet hatte. „Sie war selbst im Nebel auszumachen, wenn auch nur sehr vage. Aber jeder, der sich hier einigermaßen auskennt, wird sie kennen und die vielen Spuren hier zeigen, dass sie oft als Unterschlupf genutzt wird."

„Hast du immer noch so ein schlechtes Gefühl?", fragte sie leise und nickte, als auch er nickte. „Mir gefällt es auch nicht unbedingt." Sie seufzte schwer und klopfte ihrem Wallach auf den Hals. Die Höhle war groß genug, um auch die Pferde aufzunehmen und sie hatten ihre drei Pferde bereits angebunden. „Aber ich sehe auch nicht, wie wir es hätten ändern sollen", sagte sie dann. „Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber Xander hatte auf gewisse Weise Recht. Wir konnten gar nichts anderes tun, als den Jungen laufen zu lassen."

„Ich weiß", meinte William, der das Thema eigentlich satt hatte. Außerdem hatte er keine Lust, sich überhaupt noch mit irgendwelchen Problemen zu beschäftigen. Sein Kopf sehnte sich nach einer Erholung und so setzte er sich kurzerhand auf den steinigen Boden und starrte eine Weile ins Leere. Dann schüttelte er den Kopf. Es würde nicht enden, bevor sich alle einig waren und so wandte er sich Buffy zu, die immer noch ihrem Pferd den Hals tätschelte. „Aber vielleicht solltest du das nicht mir, sondern ihm sagen", meinte er und zeigte mit dem Kopf nach draußen, wo noch immer Xander und Willow standen und sich leise unterhielten.

„Das sollte ich wohl, wenn ich nicht so eine hochnäsige Ziege wäre", sagte sie kalt und schüttelte den Kopf. Sie sah zu William und ließ die Schultern hängen. „Ich glaube, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Zumindest, was mich angeht. Mir stehen demnächst ein paar sehr unangenehme Dinge bevor und ich… Nun ja, hab sie wohl wirklich an dir und Xander ausgelassen. Aber ich… ach, verdammt, ich habe versprochen, nein, sogar geschworen, Willow heil wieder nach Hause zu bringen und dann… Du meine Güte! Willow spricht von nichts anderen mehr! Xander hier, Xander da…"

„Hast du je an Liebe auf den ersten Blick geglaubt?", fragte William leise.

„Liebe auf den ersten…? Was soll denn das nun bitte bedeuten?", fragte Buffy entsetzt. „Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass Willow mehr für Xander bedeutet, als ein kleines Spielchen zwischendurch?"

„Doch, ich glaube, genau das will ich", erwiderte William leise und schüttelte mit verdrehten Augen den Kopf. „Noch vor zwei Tagen hätte ich wohl laut gelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, dass ausgerechnet Xander sich unsterblich verlieben würde. Aber ganz offenbar ist genau das passiert." Er warf die Hände in die Luft und lachte abgehackt. „Ausgerechnet Xander. Verflucht! Aber vielleicht… vielleicht ist es auch an der Zeit dafür. Er hat all die Jahre tapfer gekämpft, hat unaussprechliche Dinge gesehen, wie wir alle, die im Krieg waren, und er hat sich ein bisschen Glück verdient."

„Er meint es also wirklich ernst", sagte Buffy fassungslos. „Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte Willow unbedingt beschützen, wollte sie davor bewahren, sich in den falschen Mann zu verlieben…" Sie sah zu William hinunter, der wieder ins Leere starrte. „Kann er… vielleicht sollte ich das nicht fragen, aber… kann er sie gut versorgen?"

„Ja, allerdings. Er ist in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen." William sah zu Buffy auf und sah, dass eine Menge Stärke aus ihr gewichen war. Vielleicht nur zeitweise, aber gerade im Moment war sie einfach ein junges Mädchen, das sich um seine Cousine sorgte. „Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, er wäre ein Ehrenmann. Er ist vielleicht hin und wieder etwas aufbrausend, aber er hat ein goldenes Herz und ich bin mir verdammt sicher, dass er Willow jeden Wunsch von den Augen ablesen würde."

Eine lange Weile erwiderte Buffy nichts, dann nickte sie. „Jedenfalls sie soll glücklich werden." Sie setzte sich neben William und kramte in ihrer Satteltasche.

„Heißt das, dass du nicht davon ausgehst, irgendwann glücklich zu werden?", fragte William leise.

„Nein", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Das ist mir wohl nicht bestimmt. Mein Leben ist… ach weißt du, ich glaube, ich möchte darüber nicht sprechen. Es würde so oder so nichts ändern."

William wollte gerade noch einmal nachhaken, doch da betraten Xander und Willow die Höhle und beide lächelten sachte. „Friede, Freude, Eierkuchen?", fragte William und sah seinem Freund dabei zu, wie er sein Pferd anband.

„Das kommt darauf an", sagte Xander und sah zu Buffy, die nur müde die Hand hob und sich dann wieder dem Inhalt ihrer Tasche widmete. „Dann nehme ich wohl an, dass alles wieder in Ordnung ist." Er sah zu Willow, die erleichtert aufatmete und sich auf einen flachen Stein setzte.

„Können wir hier ein Feuer machen?", fragte sie und schüttelte sich. „Es ist kalt hier und der Nebel lässt alles nur noch schlimmer werden. Ich fühle mich ganz klamm."

„Ein Feuer?", fragten Buffy und William gleichzeitig. Beide sahen sich an und schüttelten den Kopf. „Vielleicht ein ganz kleines", meine William dann und zuckte mit den Schultern. „Den Rauch dürfte man draußen im Nebel nicht sehen, aber ich befürchte, wenn wir es nicht gerade im Eingang machen, zieht die ganze Suppe in die Höhle und wir bekommen bald keine Luft mehr."

„Dann also kein Feuer", sagte Willow und verzog das Gesicht. Sie stand wieder auf und nahm dankbar ihre Tasche entgegen, die Xander ihr überreichte. „Ich glaube, ich bin für das Reisen wirklich nicht geschaffen", sagte sie und hüllte sich in ihren Umhang. „Ich bin zu verwöhnt. Ich liebe ein warmes Feuer im Kamin und ich liebe mein weiches Bett." Sie sah auf, wurde rot und setzte sich schnell wieder zurück auf den Stein. „Jedenfalls ist es überall gemütlicher als hier in dieser Höhle."

„Wie spät mag es wohl sein?", fragte Xander und setzte sich sicherheitshalber neben William. Er wollte keinen neuen Streit vom Zaun brechen und hatte mit Willow vereinbart, mehr auf Buffy einzugehen. Willow hatte ihm mehrfach versichert, dass ihre Cousine es wirklich nur gut meinte und auf sie aufpassen wollte und er hatte sich damit zufrieden gegeben. Er war ja schon glücklich, dass Willow ihm wegen seines Auftretens an diesem Tag nicht böse war und noch immer mit ihm sprach. „Diese Suppe da draußen bringt meine innere Uhr völlig durcheinander, aber ich glaube, es dauert noch ein paar Stunden, bis es dunkel wird."

„Das denke ich auch", sagte William. „Vielleicht sollten wir nachsehen, ob wir noch ein bisschen Futter für die Pferde auftreiben. Sie sind zwar heute Mittag gut versorgt worden, aber wenn wir erstmal oben auf dem Pass sind, dann sieht es schlecht aus mit frischem Gras."

„Einverstanden", sagte Xander und sprang auf. Erstens wusste er nicht, was er sonst tun sollte und zweitens konnten sich Buffy und Willow aussprechen, wenn er und William draußen waren. „Willst du sie mitnehmen und grasen lassen, oder willst du Gras sammeln?" Er lachte leise und war schon dabei, den ersten Knoten zu lösen. Drei der vier Pferde folgten ihm auch anstandslos, nur Buffys Pferd blieb, wo es war.

William war nur wenig verwundert. Er hatte schon oft gesehen, dass der große Wallach eine ganz besondere Beziehung zu seiner Reiterin hatte und genauso gut auf Worte wie auf Handbewegungen reagierte. Doch Xander sah etwas verwirrt aus. „Warum…?", fragte er und zog stärker an den Zügeln.

Buffy lachte leise. „Geh mit", sagte sie und der Rappe setzte sich prompt in Bewegung.

„Der hört besser als jeder Hund", grinste Xander und nickte William zu, der noch rasch eine Weinflasche einsteckte. „Guter Gedanke, Kumpel", sagte er. „Dann bekommt jeder, was er braucht. Die Pferde werden satt und ich voll."

Teil 8

William schlief nur sehr schlecht. Xander hatte die erste Wache übernommen und er wusste, er konnte sich auf ihn verlassen. Doch das schlechte Gefühl wollte nicht weichen und der Nebel, der auch in die Höhle eingedrungen war, hatte seine Sachen klamm und kalt gemacht. Auch seine Pferdedecke half nicht, ihn warmzuhalten und so wälzte er unruhig hin und her und wirre Bilder spukten durch seine Träume. Dann drangen seltsame Geräusche in sein Ohr und er fuhr taumelnd hoch.

Seltsamerweise gehörte sein erster Gedanke Buffy, die bereits auf den Beinen war und mit einem langen Dolch auf jemanden losging, den er nicht sehen konnte. William zog sein Schwert und schrie nach Xander, der allerdings nur aus weiter Ferne antwortete. Er hörte Schwerter klirren und versuchte Buffy auszumachen, die im dichten Nebel verschwunden war. „Bleib hier", zischte er Willow zu, die zähneklappernd auf ihrem Platz saß und die Arme um sich geschlungen hatte, dann stürmte er nach draußen in die graue Suppe und versuchte, sich den Gegnern zu stellen.

Allerdings war das gar nicht so einfach. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen und stolperte mehr durch das Gelände, als das er lief. Und da er sich auf seine Augen nicht verlassen konnte, richtete er sich nach den Geräuschen, die Schwerter machten, wenn sie aufeinander trafen. „Xander! Buffy!", schrie er, machte damit aber auch seine Feinde auf sich aufmerksam, die sich auch sogleich auf ihn stürzten.

Ein wilder Kampf entbrannte, er hörte Xander schreien und glaubte auch Buffy einmal kurz zu sehen, wie sie mit ihrem Dolch bewaffnet durch den Nebel hastete. „Verflucht", zischte er, als sich gleich zwei Banditen auf ihn stürzten. Offenbar kannten sie das Gelände weitaus besser, denn sie stolperten nicht planlos über Büsche und Sträucher wie er. Doch auch das konnte ihn nicht lange aufhalten. Mit all seiner aufgestauten Wut sprang er ihnen entgegen und es dauerte nicht lange, bis er den ersten durch einen gezielten Schlag mit dem Schwertknauf außer Gefecht setzte. Der zweite Angreifer hatte mehr Glück, wich geschickt seinen Schlägen aus, doch William war nicht das erste Mal in einen Kampf verwickelt und er zögerte auch nicht, fiese Tricks anzuwenden.

Er holte mit dem Schwert weit aus, sodass sein Gegner sich darauf vorbereiten konnte, den Schlag zu parieren, doch dafür sah er das Messer nicht, dass William mit der linken Hand aus seiner Weste zog und es ihm blitzschnell zwischen die Rippen jagte. Es folgte ein letzter finaler Schlag mit dem Schwert und William stolperte weiter durch den Nebel. „Xander? Buffy?"

„Ich bin hier, verflucht", hörte er Buffy ganz in der Nähe und er tastete sich auf sie zu. Dann lief sie ihm nahezu in die Arme und er sog die Luft ein. Sie war über und über mit Blut besudelt und er packte sie und spürte eine unsägliche Furcht in sich aufsteigen. „Gott, du bist verletzt?", stammelte er, doch sie machte sich von ihm los und schüttelte wild den Kopf.

„Das ist nicht mein Blut", murrte sie barsch und lauschte in den Nebel. Sie wandte sich um, ihren langen Dolch kampfbereit erhoben, doch es war nur noch eine tonlose Stille, die sie umgab. „Haben sie sich zurückgezogen?", fragte sie William, der noch etwas verwirrt dreinblickte.

„Ganz offenbar", sagte er und schüttelte sich. Eine Woge seltsamer Gefühle durchströmte ihn und er versuchte sich davon zu lösen. „Xander!", brüllte er, als sein Denken wieder klarer wurde. „Xander! Verdammt, wo steckst du?"

Nur ein leises Brummen antwortete ihm und der Schreck fuhr in seine Glieder. „Xander! Xander!", schrie er und stolperte durch das Gelände. „Xander!", schrie er immer wieder, dann stolperte er über ihn. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Freund lag lang ausgestreckt auf der Erde und regte sich nicht mehr. „Scheiße, verfluchte", zischte William und beeilte sich, wieder auf die Füße zu kommen.

Buffy, die in seiner Nähe geblieben war, hatte sich längst über den reglosen Körper gebeugt und atmete erleichtert aus. „Er ist nur bewusstlos. Aber er hat ordentlich was abbekommen", sagte sie, als William neben sie hetzte. „Er hat einen Schwerthieb am Arm und eine große Beule am Kopf. Wir sollten ihn so schnell es geht in die Höhle bringen."

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, fiel ihr etwas ein und genau wie eben William, schrie sie nun aus Leibeskräften nach Willow. Doch die junge Frau antwortete ihr nicht.

„Vielleicht hat sie zu viel Angst, oder sie hört dich nicht", versuchte William sie zu beruhigen und hielt sie fest, als sie aufspringen wollte. „Ich brauche jetzt deine Hilfe. Alleine bekomme ich Xander niemals in die Höhle."

„Ich kann dir jetzt nicht helfen", schimpfte Buffy, dann war sie auch schon im Nebel verschwunden.

„Scheiße", murmelte William, packte Xander unter die Schultern und schleifte ihn langsam in die Richtung, in der er die Felswand und somit auch ihren Unterschlupf vermutete. Er steckte in einer Zwickmühle. Einerseits wollte er nichts mehr, als seinen Freund aus der Gefahrenzone bringen, andererseits hatte er Angst um Buffy und Willow. Denn nur, weil sie nicht mehr angegriffen wurden, bedeutete das nicht, dass sich die Banditen zurückgezogen hatten. Sie konnten noch immer im Nebel lauern und auf einen günstigen Moment warten.

Dann hörte er wieder Buffy, die mit schriller Stimme nach Willow rief. Er ließ Xander los, richtete sich auf und rief in den Rufpausen ihren Namen.

„Sie ist weg", sagte die junge Frau, die sich in dem dichten Nebel offenbar bedeutend besser zurechtfand, als er selbst. „Die Höhle ist leer. Sie haben all unsere Sachen nicht einmal berührt. Sie haben nur Willow weggeschleppt."

„Vielleicht hat sie sich versteckt", sagte William vage und unterdrückte das Gefühl, Buffy an sich ziehen und trösten zu wollen.

„Nein, niemals", sagte Buffy tonlos und sackte in sich zusammen. Alle Kraft wich aus ihr und sie landete unsanft auf den Knien. „Ich konnte sie nicht beschützen. Ich habe versagt. Ich kann…"

„Verdammt, Buffy", sagte William bitter. „Ich kann das jetzt nicht gebrauchen. Nicht du auch noch. Bisher warst du immer stark und immer bereit, dich jedem Gegner zu stellen. Also stell dich jetzt der Ungewissheit, denn noch bedeutet es nicht, dass wir Willow für immer verloren haben. Aber jetzt müssen wir uns erst um Xander kümmern und in diesem verdammten Nebel können wir sowieso nichts unternehmen!"

Es dauerte einen Moment, bis sich die junge Frau wieder regte. Sie nickte sachte mit dem Kopf und stand dann mühsam wieder auf. Dann sah sie zu William und er konnte trotz des Nebels Tränen in ihren Augen glitzern sehen. „Gib nicht auf", sagte er und nahm tröstend ihren Arm. „Sie haben sie nicht weggeschleppt, um sie zu töten. Bestimmt wollen sie ein Lösegeld erpressen."

Seufzend nickte Buffy wieder, dann packte sie Xander an den Beinen. „Los jetzt. Wir müssen ihn verbinden. Er verliert eine Menge Blut aus der Wunde am Oberarm."

William nickte nur, packte seinen Freund wieder unter den Schultern und zusammen schleppten und schleiften sie ihn zurück in die Höhle.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Lass uns ein Feuer entfachen", sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Sie wissen bereits, wo wir sind und wir müssen uns nicht mehr verstecken. Außerdem brauchen wir Licht, um besser sehen zu können." In der Höhle war zwar kein Nebel, aber es war noch immer Nacht und somit recht finster und William konnte kaum seine Hand vor seinen Augen sehen.

Buffy kümmerte sich sofort darum und es dauerte nicht lange, bis ein kleines Feuer im Eingang der Höhle ein wenig Wärme und Licht spendete. Es rauchte furchtbar, schon, weil das Reisig, das sie gesammelt hatte, nass war, doch der Wind trug den Rauch schnell aus der Höhle heraus. „Hast du Wasser?", fragte sie William, der sich über Xander gebeugt hatte. „Die Wunde muss…"

„Weiß ich", unterbrach er sie barsch. „Reich mir bitte mal meine Satteltasche. Da müsste noch ein sauberes Hemd drin sein. Zerreiß es in lange Bahnen, damit ich die Wunde verbinden kann."


Sie arbeiteten wie ein lange eingespieltes Team und nur wenige Minuten später ließ sich William müde zurückfallen. Die Wunde am Oberarm war nicht ganz so schlimm, wie er befürchtet hatte, aber Xander hatte eine große Beule an der Stirn, die ihm noch immer Sorgen bereitete. Er war erfahren genug, um zu wissen, wie gefährlich eine solche Verwundung sein konnte. „Wenn er nicht bald aufwacht, bekommen wir Probleme", sagte er matt und sah zu Buffy, die an der steinigen Wand der Höhle lehnte.

„Wir haben schon eine Menge Probleme", sagte sie leise und sah an sich herunter. Ihr Hemd strotzte nur so vor Blut und noch war sie sich nicht sicher, ob es wirklich nur das der Männer war, die sie mit ihrem Dolch erwischt hatte. Sie fasste sich an den Bauch und zuckte zusammen. „Ich habe ein Problem", sagte sie und blickte auf ihre Hand, die nun rot im Schein des Feuers glänzte.

William sah auf, erkannte wie blass sie geworden war und sah auch das frische Blut auf ihrer Hand. „Wo hat es dich erwischt?", fragte er und sprang auf. Doch Buffy konnte nicht mehr antworten. Sie sackte lautlos in sich zusammen und William konnte sie gerade noch auffangen.

 

                                                                                            *~*~*

 

Als sie wieder erwachte, lag sie lang ausgestreckt auf einer Pferdedecke und fühlte sich, als wäre sie in einen Steinschlag geraten. Es gab kaum eine Stelle an ihrem Körper, die nicht schmerzte und sie versuchte sich aufzurichten. Mit Schrecken erkannte sie, dass ihr Oberkörper nackt war und sie raffte die Decke an sich und schimpfte leise.

„Bleib liegen", sagte William, der sich sicherheitshalber ein wenig zurückgezogen hatte. „Du hast einen üblen Schnitt am Bauch. Er ist nicht tief, dafür aber verdammt lang. Das hätte böse ausgehen können." Er rechnete mit einer bösen Schimpftirade, doch da sie weitestgehend aus blieb, sprach er schnell weiter. „Ich musste irgendwie das ganze Blut von dir runter bekommen und habe dich… gewaschen."

„Warum… warum…", stammelte sie. „Warum zum Teufel hast du mich entkleidet?" Sie schämte sich und war gleichzeitig immens wütend. „Hätte es nicht gereicht, das Hemd einfach ein Stück hoch zu schieben?"

Lachend wandte sich William ab. Genau mit dieser Reaktion hatte er gerechnet. „Erstens war dein Hemd kaum mehr als Hemd zu erkennen und bei all dem Blut musste ich erst einmal schauen, wo deine Wunde anfängt und wo sie wieder aufhört. Zweitens bist du nicht die erste Frau, die ich so sehe, also mach dir keine Gedanken."

„Schön für dich", knurrte sie und fühlte über den Verband, den er ihr angelegt hatte. „Aber du bist der erste Mann, der mich…" Sie stockte und verstummte. Dann versuchte sie wieder sich aufzurichten und hielt sich den schmerzenden Bauch. „Jetzt hilf mir schon", knurrte sie, als sie wieder zurückfiel.

„Ich habe doch gesagt, du sollst liegen bleiben", sagte William leise und kam langsam näher.

„Ich will aber nicht", schnauzte sie ihn an und versuchte, sich auf den Bauch zu drehen, um sich mit dem Armen abstützen und besser aufstehen zu können.

„Gott, verflucht, kannst du denn nicht einmal hören?", schimpfte William, packte sie und drehte sie zurück auf den Rücken.

„Ich habe eine Aversion gegen Befehle", knurrte sie und wie um ihre Aussage zu bekräftigen, kämpfte sie gegen ihn an. Doch er hielt sie eisern fest und ihre Augen sprühten Funken. „Verdammt, Spike", schleuderte sie ihm entgegen. „Ich bin kein hilfloses Frauenzimmer und werde auch nie eins sein!"

„Aber im Moment bist du ein verwundetes Frauenzimmer, das dringend Ruhe braucht", erwiderte er und hielt sie fest. „Und falls ich dich erinnern darf, du bist nackt unter der Decke, also solltest du das Gestrampel sein lassen, denn du zeigst mir gerade bedeutend mehr, als dir lieb ist."

Buffy fluchte, riss ihre Hände los und zog die Decke hoch. „Das macht dir Spaß, was?", maulte sie, dann versuchte sie es mit Ablenkung. „Wo ist Xander?"

„Xander ist auf der Spurensuche", sagte William und als er sicher war, dass sie den Kampf aufgegeben hatte, setzte er sich einfach neben sie. „Er ist aufgewacht, kurz… kurz nachdem ich dich verarztet hatte. Und keine Sorge, er hat dich nicht…"

„Du brauchst es nicht zu erwähnen", schnaubte sie und verzog das Gesicht.

Lachend schüttelte William wieder den Kopf. „Jedenfalls ist er draußen. Er hat sich nicht aufhalten lassen, als er hörte, dass die Banditen Willow entführt haben."

„Aber es ist Nacht", sagte Buffy. „Und bestimmt liegt der Nebel noch immer über dem Land. Er wird sich verlaufen oder in eine Felsspalte stürzen."

„Es ist Nacht", nickte William. „Aber es ist nicht mehr die Nacht, in der du so tapfer gekämpft hast." Er lächelte sachte. „Du hast einen ganzen Tag verschlafen."

„Ich habe was?", fragte sie erschrocken und fuhr hoch.

„Du meine Güte, du bist schlimmer als jeder Mann, den ich je verarztet habe", schimpfte William und packte wieder einmal ihre Arme, um sie zurück auf das Lager zu drücken. Doch der Schreck hatte sie so gepuscht, dass sie fast aufrecht saß und er eine Menge Kraft aufbringen musste, um sie zurückzudrängen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sie bezwungen hatte und erstaunt bemerkte er, dass er praktisch über ihr lag. Und noch bevor er wusste, was er tat, hatte er sich auch schon über sie gebeugt und seine Lippen trafen auf ihre.

Einen Moment kämpfte sie gegen ihn, dann wurden ihre Lippen weich und ihre Küsse fordernder. „Du bist ein kleiner Teufel, der direkt aus der Hölle kommt", sagte er, als er sich atemlos von ihr löste. „Und genauso küsst du auch. Heiß und feurig."

Doch falls er damit gerechnet hatte, dass Buffy ihn wieder an sich zog, so hatte er sich getäuscht. Sie wurde rot, mied seinen Blick und zerrte die Decke unter ihm weg, sodass sie sich komplett darunter verbergen konnte. „Geh", sagte sie leise. „Bitte. Geh einfach."

Und William ging. Mit der furchtbaren Gewissen, gerade einen schrecklichen Fehler gemacht zu haben. Er wandte sich noch einmal um, wollte etwas sagen und unterließ es dann doch. Er marschierte geradewegs aus der Höhle heraus und malträtierte den ersten Strauch, der das Unglück hatte, in seiner Nähe zu wachsen. „Scheiße, verdammte", knurrte er und trat das Gestrüpp platt. „Du bist ein echter Held. Gerade jetzt musst du Idiot dich verlieben!"

Teil 9

Der Morgen graute bereits, als Xander müde und ermattet zur Höhle zurückkehrte. Sein Kopf dröhnte, sein Arm schmerzte wie die Hölle, doch gleichzeitig war er glücklich, denn er hatte es geschafft, den Unterschlupf der Banditen zu finden. Sie hatten tiefer unten im Wald ein kleines Dorf aus mehreren flachen, sehr einfachen Hütten erbaut. Die ganze Nacht hatte er auf der Lauer gelegen und versucht, sich jede Kleinigkeit einzuprägen. Es war wichtig zu wissen, ob, und wenn ja, sie Wachen aufstellten, wann sie abgelöst wurden und wie viele Menschen sich dort überhaupt aufhielten. Und natürlich war es wichtig, ob sich diese verfluchten Banditen überhaupt noch um sie scherten.

Ihre Verwundeten hatten sie nach dem Kampf in der vergangen Nacht mitgenommen, die Toten hatten sie zurückgelassen und William und er hatten sich die Mühe gemacht, sie in eine enge Schlucht zu werfen. Ein besseres Begräbnis hatten die Männer nicht verdient und er würde keinen weiteren Gedanken daran verschwenden.

Doch er hatte niemanden ausmachen können, der hinauf in die Berge geschickt wurde, um nachzusehen, wie sie sich verhielten. Sie gingen offenbar einfach davon aus, dass sie entweder noch immer ihre Verletzungen versorgten, oder aber einfach weiter geritten waren. Ihm war ebenso klar wie Buffy und William, dass die Banditen Willow entführt hatten, um Lösegeld zu erpressen. Doch das wenige Bargeld, das sie bei sich trugen, reichte ihnen offenbar nicht und er musste dringend mit Buffy sprechen. Willow hatte ihnen bestimmt ihren kompletten Namen genannt und gewiss auch erzählt, dass es sich lohnen würde, wenn sie sie ordentlich behandelten. Er hätte in einer solchen Situation jedenfalls so gehandelt.

Die Frage war nur, ob Willows Familie im Notfall wirklich genug Geld aufbringen konnte, um sie aus den Fängen der Verbrecher zu befreien? Falls nicht, nun, er hatte genug und würde nicht zögern, es bis auf den letzten Shilling herzugeben. Doch noch war er nicht bereit, sich überhaupt darauf einzulassen und er konnte es kaum erwarten, all sein Wissen mit William zu teilen. Vielleicht … ja, möglicherweise konnten sie auch so etwas unternehmen und Willow rasch aus den Klauen der Banditen reißen.

Die Kraft kehrte zurück, als er das kleine Feuer im Eingang der Höhle entdeckte und er steuerte direkt darauf zu. Allerdings brauchte er gar nicht erst hinein gehen, denn William saß auf einem Findling vor dem Unterschlupf und sah ihn ebenso müde an, wie er sich fühlte.

„Ich habe sie gefunden", sagte er stolz. „Ich habe Willow nicht gesehen, aber ich weiß, wo sie festgehalten wird. Und diese verdammten Strolche sind zudem entweder nicht besonders helle, oder sie halten sich für unantastbar. Sie haben kaum Wachen aufgestellt und saufen wie die Kesselflicker." Er schüttelte den Kopf und lachte. „Wir sollten sie überwältigen können, wenn wir es ordentlich anstellen." Doch William reagierte nicht auf die gewünschte Weise. Er nickte nur und wirkte geistesabwesend. „Hast du mir denn nicht zugehört?", fragte Xander und packte William an der Schulter.

„Doch, hab ich", sagte William leise. „Allerdings bin ich nicht davon überzeugt, dass wir alleine versuchen sollten, Willow zurückzuholen. Du bist verwundet, Buffy ebenso und ob es dir gefällt oder nicht, du brauchst ein paar Tage, um wieder völlig auf dem Damm zu sein. Und Buffy… ich kann sie da nicht mit hineinziehen."

„Nicht mit hineinziehen?", fuhr Xander auf. „Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt? Wenn ich ihr erzähle, wo Willow gefangen gehalten wird, zieht sie sogar alleine in den Kampf und das weißt du genau."

Aber William schüttelte nur den Kopf und starrte ins Leere. „Sie hat einen üblen Schnitt abbekommen und sollte genau wie du ein paar Tage Ruhe genießen." Er sprang auf und nahm Xanders Arm. „Lass uns das drinnen besprechen. Dort ist es jedenfalls ein bisschen wärmer und du musst gewaltigen Hunger haben."

 

                                                                                             *~*~*

 

„Kann ich mit dir sprechen?", erkundigte sich Buffy und steckte den Kopf aus der Höhle. Sie hielt sich an der Felswand fest, denn ihre Beine wackelten noch immer ein bisschen. Aber diese Schwäche wollte sie nicht zeigen und so reckte sie das Kinn und sah Spike fest an.

„Sicher", nickte er. Er hatte die Wache übernommen und saß wieder einmal auf dem Findling vor dem Eingang. Xander schnarchte in der Höhle munter vor sich hin, eingemummelt in zwei Decken. „Aber du hättest mich auch rufen können. Du sollst dich ausruhen, das habe ich dir mehrfach gesagt."

„Mir geht es prima", erwiderte sie und hoffte, ihre Stimme klang so fest, wie sie es wollte. „Zudem kann man bei diesem Höllenlärm kein Auge zutun", sagte sie und deutete mit dem Kopf nach hinten. „Und ich bin nicht müde. Mir geht es schon wieder viel besser und…"

„Ja, das seh ich", brummte William und stand auf. „Deswegen siehst du auch aus wie ein Gespenst." Er ging auf sie zu, schüttelte den Kopf und nahm dann ihren Arm und führte sie langsam zu seinem Sitzplatz. „Wenn du schon nicht liegen willst, dann setzt dich jedenfalls."

„Wenn es sein muss", murrte sie, war jedoch dankbar dafür, sich ausruhen zu können. „Hör zu", sagte sie dann. „Xander hat uns eine Menge Informationen geliefert und ich bin seiner Meinung. Wir sollten versuchen, Willow zu befreien."

„Ich muss mich bei dir entschuldigen", sagte William, der überhaupt nicht zugehört hatte. Den ganzen Tag über begleiteten ihn ganz andere Gedanken und er musste sich erklären und, was noch viel wichtiger war, rechtfertigen. „Ich hätte niemals… wirklich niemals… Es ist unverzeihlich, ich weiß. Gerade dir gegenüber, und ich…"

Verwirrt sah Buffy ihn an und es dauerte eine Weile, bis das Gehörte durchsickerte. „Oh….", murmelte sie und sah schnell zur anderen Seite. Den ganzen Nachmittag hatte sie über diesen einen Kuss nachgedacht und war dankbar gewesen, dass Xander sie endlich auf andere Gedanken gebracht hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass William noch einmal davon anfangen würde und war unsicher, was sie sagen sollte. „Ähm… vielleicht sollten wir das einfach vergessen."

„Vergessen?", wiederholte William und schüttelte den Kopf. Diesen Kuss würde er bis an sein Lebensende nicht vergessen, doch war es nicht das, was er Buffy sagen sollte und wollte. „Ich hätte mich trotzdem nicht so hinreißen lassen dürfen. Gerade dir gegenüber nicht. Immerhin hast du nur wenige Minuten vorher durchblicken lassen, dass du… noch nie…"

„Oh, um Gottes Willen", fuhr Buffy hoch und stöhnte unterdrückt auf. Sie fasste sich an den Bauch, schickte William aber mit einem giftigen Blick zurück, als er ihr helfen wollte. „Du hast mich geküsst… na und? Du machst davon ein Aufhebens, als wenn es…" Sie sah ihn scharf an und schüttelte den Kopf. „Weißt du was? Ich werde dir auf ewig dafür dankbar sein."

„Du wirst… was?", fragte er verblüfft und riss die Augen auf.

„Ich werde dir dafür dankbar sein", wiederholte sie und Trotz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich habe dir auch erzählt, dass es für mich keine rosige Zukunft geben wird und dieser Kuss wird eine meiner schönsten Erinnerungen sein. So verrückt es auch ist. Es ist nicht durch Berechnung dazu gekommen, vielleicht nicht einmal, weil du irgendwelche Gefühle für mich hegst… aber dennoch habe ich mich in diesen wenigen Minuten zum ersten Mal wirklich lebendig gefühlt."

„Buffy, ich", begann William und hatte unglaublich viele Gedanken, die er alle nicht aussprechen konnte. Was sollte er auch sagen? Ich bin ein Idiot und verliebe mich ausgerechnet auf der Reise zu meiner zukünftigen Frau? Ich meinte es durchaus ernst? Ich wollte dich schon seit Tagen küssen? Du gehst mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf? Das alles hätte sie nur tiefer in seinen Sumpf hineingezogen, also wandte er sich ab. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll."

„Dann belass es dabei", sagte Buffy und setzte sich stöhnend zurück auf den Findling. „Lass uns über Willow sprechen und all die Dinge, die Xander herausgefunden hat. Ich bin noch immer der Meinung, wir sollten sie da herausholen."

Von dem plötzlichen Themenwechsel überrumpelt brauchte William einen Moment, sich umzustellen. „Ich habe auch schon darüber nachgedacht", gab er schließlich zu und nickte. „Allerdings müsste das ganze gut durchdacht werden und es würde mehrere Tage in Anspruch nehmen. Wir müssten die Höhle als Unterschlupf aufgeben und einen finden, der näher am Lager der Banditen ist, dafür aber noch besser versteckt. Außerdem… ob es dir gefällt oder nicht, brauchst du eine Pause, bis die Wunde einigermaßen verheilt ist. Das gleiche gilt für Xander, der es allerdings genauso wenig zugeben würde wie du!"

„Wenn du mir versprichst, Willow nicht einfach aufzugeben, verspreche ich, mich zurückzuhalten", sagte Buffy und lächelte zaghaft. „Aber wir sollten wirklich so schnell wie möglich von hier verschwinden. Xander meinte zwar, sie würden sich keinen Deut mehr um uns scheren, aber früher oder später könnte trotzdem einer von denen auf die Idee kommen, einmal nachzusehen, was aus uns geworden ist."

„Da stimme ich dir zu", nickte William. „Aber es steht im Widerspruch zu dem, was wir vorher gesagt haben. Wie sollt ihr euch schonen, wenn wir morgen wieder auf dem Pferd sitzen?"

Genervt verdrehte Buffy die Augen. „Gott, verflucht! Du bist schlimmer als mein Vater!" Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht vor, in einen Krieg zu ziehen. Ich will nur von hier verschwinden und ein anderes Versteck suchen. Genau wie du es gerade vorgeschlagen hast."

„Wir werden sehen", sagte William vage. Noch wollte er sich nicht festlegen und für einen Moment schoss ihm durch den Kopf, wie verrückt die Situation war. Im Grunde durfte er es sich nicht erlauben, sein Leben zu riskieren, denn das würde die Geschicke seines Landes vollkommen verändern, sollte er bei dieser waghalsigen Mission vielleicht sogar zu Tode kommen. Auf der anderen Seite war sein Tot eine Möglichkeit, dem ganzen zu entkommen. Er schüttelte sich und versuchte die wirren Gedanken zu vertreiben. „Also gut", nickte er dann. „Wir machen es so…. Morgen in aller Frühe werde ich mich nach Xanders Anweisungen zu dem Lager der Banditen durchschlagen und dort nach einem Versteck für uns suchen. Wenn ich wirklich etwas finde, komme ich zurück und hole euch. Aber natürlich nur unter der Voraussetzung, dass ihr Beiden euch bis dahin ruhig verhaltet."

„Dir ist schon klar, dass wir auch tagsüber angegriffen werden können", sagte Buffy, die damit nicht wirklich zufrieden war. Außerdem bedeutete das, dass sie unzählige Stunden alleine mit Xander verbringen musste und auch, wenn sie einigermaßen an seine Ehrlichkeit glaubte, so war sie dennoch nicht wirklich damit zufrieden, dass er sich so um Willow bemühte. Zudem war sie viel lieber im Mittelpunkt des Geschehens und sah mit eigenen Augen, was vor sich ging.

„Das ist mir durchaus bewusst", sagte William ernst. „Aber ich weiß auch, dass Xander sein Bestes geben würde, um dich zu beschützen." Er stand auf und deutete mit dem Kopf zur Höhle. „Du solltest dich jetzt lieber ausruhen, denn du musst schnell zu Kräften kommen."

„Und ich habe dir schon gesagt, dass ich dort kein Auge zubekomme. Xanders grausliches Schnarchen hallt an den Felswänden wider und wird nur noch lauter." Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust, hatte aber kurzzeitig ihre Verletzung vergessen und stöhnte unterdrückt auf, als ihre Arme ihren Bauch trafen. „Ja, ich weiß", schnaubte sie, als sie Williams hinterhältiges Grinsen sah. „Aber das ändert nichts daran, dass ich in der verdammten Höhle keine Ruhe finde!"

William lachte leise, dann ging er in die Höhle und suchte Buffys Sachen zusammen, die er sogleich ins Freie schleppte. „Gut, dann suchen wir dir eben hier einen Platz", sagte er und ging ein paar Meter vom Eingang weg. „Ich glaube hier in der Nische ist es aushaltbar", sagte er, nachdem er einen Moment gelauscht hatte. „Und du hast den Vorteil, nicht ganz so nass zu werden, sollte es zu regnen anfangen." Er wartete gar nicht erst auf ihre Zustimmung, sondern breitete ihre Pferdedecke aus. „So", meinte er, „jetzt dürfte dich nichts mehr davon abhalten, dich hinzulegen und auszuruhen."

„Ich habe Hunger", murrte Buffy und William warf die Hände in die Luft.

„Du bist wirklich… anstrengend", sagte er und ging wieder in die Höhle. Die Vorräte wurden langsam knapp, doch noch hatten sie ein wenig Brot und Käse und er trug beides zu dem Platz, den er für Buffy ausgesucht hatte. Dann fackelte er nicht mehr lange, ging auf sie zu und hob sie hoch. „Und wag es dich nicht, noch irgendwelche Ausreden zu suchen, denn sonst ist unsere Abmachung hinfällig. Wir müssen uns einer Menge Gegner stellen und ich werde den Scheiß nicht alleine machen! Verstanden?"

Er konnte den Widerspruch schon in ihren Augen sehen, doch sie seufzte leise und gab nach, ohne weiter darauf einzugehen. „Gut", murmelte er und setzte sie vorsichtig auf ihrem Lager ab. „Und damit du alles hast, was du brauchst, werde ich dir nun auch deinen Wasserschlauch holen."

„Spike", rief sie, als er sich wieder auf den Weg machte und er drehte sich mit fragendem Blick zu ihr um. „Es war doch nicht einfach aus einer Laune heraus? In dem Moment hast du es ernst gemeint, oder?"

William schluckte und nickte. „Ich habe es sehr ernst gemeint", sagte er und war froh, in der Höhle verschwinden zu können.

 

                                                                                         *~*~*

 

„Was ist los mit dir, Kumpel?", fragte Xander am Nachmittag des nächsten Tages. „So schlechter Laune habe ich dich lange nicht mehr gesehen. Nicht mal an dem Tag, als du von deiner geplanten Hochzeit erfahren hast, warst du so verstockt und in dich gekehrt." Er warf seinen Sattel auf den Rücken seines Pferdes und stöhnte leise, als der Schmerz durch seinen Oberarm fuhr. „Eigentlich solltest du dich über dieses letzte große Abenteuer freuen und dich geradezu hineinstürzen."

William sah sich um, konnte Buffy aber nirgends entdecken. Sie hatte sich vor ein paar Minuten zurückgezogen, um sich zu waschen und saubere Kleidung anzuziehen. „Weißt du noch, wie sprachlos ich war, als du mir erzählt hast, du hättest dich über beide Ohren in Willow verliebt?", fragte er leise und Xander nickte.

„Sicher weiß ich das noch", sagte er und befestigte seine Satteltasche und den Bogen. „Und ich kann es dir nicht verübeln, ich war genauso überrascht wie du."

„Tja", sagte William leise. „Mich hat es auch erwischt."

Xander fuhr hoch und sah ihn grimmig an, doch dann begriff er, dass William gerade nicht von Willow sprach und ein sattes Grinsen zierte sein Gesicht. „Die kleine Wildkatze?", fragte er und sah sich vorsichtig um. „Du hast dich in… Oh", sagte er dann und sein Gesicht wurde ernst. „Scheiße. Es tut mir leid." Er klopfte Williams Arm und schüttelte seufzend den Kopf. „Das ist nicht gut. Gar nicht gut. Es ist mehr als unfair." Er überlegte einen Moment. „Weiß sie es?"

„Ich bin mir nicht sicher", sagte er leise und ordnete seine Pfeile im Köcher neu, die sich zum Teil ineinander verhakt hatten. „Aber selbst wenn. Was soll ich ihr sagen, um sie nicht völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen? Ja, ich habe mich in dich verliebt, kann aber leider nichts mit dir anfangen, weil ich dazu auserkoren bin, zwei Länder zu vereinen? Ich bin auf dem Weg zu einer mir vollkommen unbekannten Frau und muss sie heiraten, aber wenn du Lust hast, kannst du mich gerne begleiten?" Er schnaubte und verdrehte die Augen. „Sie hat besseres verdient, also werde ich meine verdammte Schnauze halten."

Xander wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Eine unbekannte Wut rauschte durch seine Adern und er hätte alles gegeben, William von seinem Schicksal zu befreien. „Wenn ich irgendwas tun kann", sagte er mit finsterem Gesicht, dann seufzte er. „Verfluchte Scheiße! Man sollte meinen, dass man als Sohn eines Königs sein Leben genießen kann. Aber…"

Buffy löste sich vorsichtig aus ihrem Versteck. Sie hatte nicht lauschen wollen, doch nun hatte sie unfreiwillig mehr gehört, als sie wollte und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Laut zwängte sie sich durch das Gebüsch und hob kurz die Hand, als William und Xander sich zu ihr umdrehten. „Ich bin gleich fertig", sagte sie rasch und huschte in die Höhle. Geschwind wischte sie die eine Träne weg, die über ihre Wange rollte und beeilte sich, ihre Sachen zu packen.

Teil 10

„Was ist das hier?", fragte Buffy leise und schob sich mit ihrem Wallach durch das dichte Gebüsch, durch das William sie führte.

„Eine alte Mine", sagte William ebenso leise. „Ich habe sie nur durch Zufall entdeckt, aber sie ist groß genug, um uns und die Pferde aufzunehmen." Er führte sie an die Felswand, an die sich der Eingang schmiegte, der zudem von hohen Büschen verdeckt war. „Und wir sind nicht weit vom Lager der Banditen entfernt. Ich habe heute Morgen bereits einen Blick darauf geworfen und muss Xander Recht geben. Sie fürchten offenbar keinen Angriff und haben kaum Wachen aufgestellt. Zudem wissen sie offenbar nichts von diesem Unterschlupf. Ansonsten hätten sie ihn längst selbst in Beschlag genommen."

„Das ist gut", sagte Buffy und tätschelte ihrem Wallach beruhigend den Hals. „Das erleichtert es uns."

„Noch unternehmen wir gar nichts", sagte William und sah drohend auf sie herunter. „Es war abgesprochen, dass wir ein paar Tage Pause einlegen, bevor wir uns daran machen, Willow zu befreien." Er hatte durchaus bemerkt, wie tapfer sie sich gab, doch er hatte auch ihr schmerzverzehrtes Gesicht gesehen, wann immer sie glaubte, niemand achtete auf sie.

„Ich bin vollkommen fit", widersprach Buffy auch sogleich. „Meine Wunde ist fast verheilt und…"

„Auch wenn es sich nicht gehört und es möglicherweise ein saublöder Gedanke ist, aber ich werde mich persönlich davon überzeugen, bevor wir losschlagen", sagte William kalt und ließ ihre Zügel los. Er gab dem Wallach einen Klaps auf das Hinterteil und das Tier trottete durch den halb verfallenen Eingang der Mine und Buffy ging ohne Erwiderung mit. Er seufzte innerlich und wandte sich zu Xander um, der die Nachhut bildete und darauf achtete, dass sie nicht entdeckt wurden.

„Ich bin zweimal hier vorbeigekommen", sagte er, „aber die Mine habe ich nicht gesehen."

„Ich hätte sie auch kaum bemerkt, wären nicht bei Morgengrauen die Fledermäuse gewesen, die sich nach erfolgreicher Jagd in der Nacht dorthin zurückgezogen hätten", sagte William leise und ließ seinen Freund vorbei, der auch sogleich ins Innere der Mine trat. Dann holte er ein letztes Mal tief Luft und führte Willows und sein Pferd in den neuen Unterschlupf.

„Hier ist es bedeutend angenehmer als in der Höhle", sagte Buffy an ihn gewandt, kaum dass er einen Schritt in den schmalen Eingang gemacht hatte. „Die Pferde stehen im Stollen ruhiger und durch die Nischen im Fels kommt genügend frische Luft herein. Außerdem kommt dort hinten aus der Wand frisches Wasser, was ein großer Vorteil ist."

„Freut mich, dass es dir gefällt", nickte William und runzelte die Stirn. Es war ein seltsamer Satz gewesen, den er gewiss noch nie gesagt hatte, wenn es um ein Versteck im Freien ging, doch Buffy schien offensichtlich zufrieden damit zu sein. Überhaupt, bemerkte er gerade, meckerte sie selten wegen des kargen Essens oder der wenig behaglichen Unterkünfte. Ganz im Gegenteil zu Willow, die an allem etwas auszusetzen hatte. Vielleicht gehörte ja Willow dem unteren Landadel an und Buffy war ihre… ja, was? Kammerzofe? Hatten Landadlige Kammerzofen? Oder begnügten sie sich mit einfachen Dienstboten, die für mehr oder weniger alles zuständig waren? Doch bevor er sich in seinen seltsamen Gedankengängen verlieren konnte, richtete die junge Frau wieder eine neue Frage an ihn.

„Was ist das hier?", fragte sie nun und deutete auf ein dickes Bündel, dass sie vorher noch nie gesehen hatte. Sie lehnte sich an eine Wand und versuchte den Eindruck zu erwecken, es ginge ihr gut und sie wäre fit, um sich wieder ins Abenteuer zu stürzen.

William grinste Xander an und schüttelte den Kopf. „Ich bin ebenso in der Lage etwas zu stehlen, wie unsere Freunde da draußen. Ich hab den Boten überfallen, der für den Nachschub an Essbarem zuständig war."

„Du hast den Banditen das Essen geklaut?", fragte Xander beeindruckt und lachte leise. „Auch nicht schlecht."

Auch Buffy lachte, wenn auch sehr verhalten und sie hielt sich den Bauch. „Nein, ich werde mich nicht hinlegen", fuhr sie William an, der die Augenbrauen hochzog. „Ich habe Hunger und außerdem… ach, es ist doch vollkommen belanglos, was ich sage. Du wirst mich eh zwingen, mich auszuruhen."

„Damit hast du Recht", sagte Xander und setzte sich auf die Erde. „Wenn William sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bekommt er gewöhnlich auch was er will."

„Also ist dein Name William", sagte Buffy und kniff die Augen zusammen. „Ich hätte mir denken können, dass kein Mensch Spike heißt!"

„Oh", murmelte Xander, der seinen Fehler bemerkte. Etwas Derartiges war ihm noch nie passiert. Gewöhnlich nannte sich sein Freund Spike, wenn er nicht erkannt werden wollte und Xander war das in Fleisch und Blut übergegangen. Er hatte ihn sogar schon einmal vor seinem Vater so angesprochen, doch umgekehrt war er nie in die Falle getappt. Er zuckte mit den Schultern und sah seinen Gefährten entschuldigend an.

„Haben wir nicht schon am ersten Tag festgestellt, dass wir beide uns mit sehr merkwürdigen Namen schmücken?", fragte William genervt und verdrehte die Augen. „Buffy ist nun mal auch kein sehr… gebräuchlicher Name", sagte er vage.

Doch Buffy lachte nur und hielt sich wieder den Bauch. „Ist ja gut, verdammt", schimpfte sie, als sie wieder einmal seinen prüfenden Blick auffing. „Ich werde mich ausruhen. Aber erst, nachdem ich gegessen habe. Und…", fügte sie hinzu, „es ist nicht die Wunde, die so schmerzt. Ich glaube nur langsam, ich habe ein paar Schläge abbekommen, die ich vorher gar nicht bemerkt habe. Mein Bauch ist grün und blau und…"

„Ich werde mir das trotzdem ansehen", sagte William und fing sich dafür einen neugierigen Blick von Xander ein.

„Lass uns essen", sagte Xander schnell und rieb sich die Stirn. Die Beule war zurückgegangen, doch seine Stirn leuchtete noch immer in fröhlichen Farben und hin und wieder durchzuckte ihn ein heftiger Kopfschmerz, den er jedoch verdrängte. Auch sein Arm war wieder voll funktionstüchtig und er würde William später zur Seite nehmen und darauf drängen, Willow so schnell wie nur möglich zu befreien. Bedford Castle war von hier aus kaum vier Tage entfernt und die Banditen hatten bestimmt schon einen Boten mit einer Lösegeldforderung losgeschickt. Zudem hatte ihn die Furcht gepackt, dass einer der Banditen Willow zu etwas zwingen würde, das praktisch unaussprechlich war. Doch er wusste, dass auch William und Buffy sich dieser Tatsache bewusst waren und deswegen sprach er das Thema nicht an.

„Ja, lasst uns essen", seufzte William und setzte sich zu seinen beiden Mitstreitern auf den Boden. Er nahm das Bündel, öffnete es und hörte begeisterte Zustimmung, als er gebratenes Fleisch, frisches Brot und Wurst auspackte.

„So lässt es sich aushalten", nickte Xander und schnappte sich eine Gänsekeule, in die er auch sogleich hinein biss. „Verdammt, ist das lecker", murmelte er mit vollem Mund. „Ich hatte fast vergessen, wie so etwas Gutes schmeckt."

„Ich hab hier noch etwas viel Besseres", sagte William zu Xander und zauberte eine Flasche Wein hervor. „Offenbar wissen unsere Freunde, wie sich das Leben genießen lässt", sagte er und bot sie zuerst Buffy an, die sie jedoch kopfschüttelnd ablehnte.

„Ich bliebe lieber bei Wasser", sagte sie und zuckte furchtbar zusammen, als ein lauter Donner durch den alten Stollen hallte. „Gott, verflucht", schimpfte sie und verzog das Gesicht. Ihre Hand wanderte wieder zu ihrem Bauch und sie hatte nicht über Lust, William die Zunge herauszustrecken, der sie wieder einmal fragend ansah. „Darf man sich nicht einmal erschrecken?", fuhr sie hoch und musste trotzdem lachen. „Ich hatte nicht mit einem Gewitter gerechnet."

„Hoffen wir mal, dass es weiterzieht, ohne dass es vorher regnet", sagte Xander, lehnte sich vor und riss sich ein Stück Brot ab. „Auf trockenem Boden lassen sich Spuren bedeutend besser vermeiden. Und ich will nachher noch raus, um das Geschehen im Lager im Blick zu haben."

„Wir haben so oder so noch einiges zu durchdenken", sagte William mit gerunzelter Stirn. „Vielleicht sind die Räuber nicht sehr helle, aber sie sind uns zahlenmäßig weit überlegen. Und wir können kaum zwanzig Männer gleichzeitig bekämpfen. Entweder müssen wir sie ablenken und vom Lager fortlocken, oder aber…." Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe eine Anhöhe gesehen, die recht günstig gelegen ist. Von dort aus könnten wir mit dem Bogen eine Menge Männer ausschalten, bevor sie in der Lage sind, sich zu verstecken. Die Frage ist nur, ob das reichen wird."

„Du machst nicht viel Federlesen", sagte Buffy leise und hob schnell die Hände. „Das sollte keine Anschuldigung sein", meinte sie und schüttelte den Kopf. „Das sind Verbrecher und sie hätten es verdient. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie viele Reisende sie schon überfallen und getötet haben…. Aber es wundert mich trotzdem. Ich hatte bisher den Eindruck, du vermeidest derartige Konfrontationen und kämpfst nur im Notfall."

„Ich wähle für gewöhnlich den leichtesten Weg", sagte William leise und war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht doch kritisierte. „Ich hasse es, Leben zu nehmen, denn das musste ich schon oft genug", sagte er leise. „Aber ich zögere nur, wenn dieses Leben anständig ist. Ich habe aber keinerlei Probleme damit, wenn es sich um Verbrecher handelt. Und diese… Bösewichter … sind keine einfachen Diebe. Sie haben den Tot eines jeden von uns in Kauf genommen und haben Willow entführt. Das geht über reine Not weit hinaus."

„Verstehe", nickte Buffy. „Dann sind wir uns ja einig. Keiner dieser Männer hat es verdient, verschont zu werden. Sie haben uns überfallen, haben versucht uns zu töten und haben Willow entführt. Erwarte also kein Mitleid von mir."

„Du bist ein verdammt harter Knochen", sagte Xander und wischte sich die Hände an der Hose ab. Er betrachtete Buffy einen Moment und schüttelte den Kopf. „Von einem Mann hätte ich diese Antwort erwartet. Von dir eher nicht."

„Tja", sagte sie gedehnt. „Ihr habt doch schon des Öfteren bemängelt, dass ich mich nicht sonderlich weiblich aufführe. Warum also erwartest du es jetzt?" Sie sah Xander herausfordernd an, doch der schüttelte nur den Kopf und hob abwehrend die Hände.

„Du musst nicht jede meiner Äußerungen auf die Goldwaage legen", sagte er und legte die abgenagte Keule zur Seite. „Und doch ist eine Frau wie du recht… selten zu finden", sagte er und stand auf. „Und jetzt gehe ich raus, die Lage sondieren."

„Ich gehe mit", sagte sie und versuchte, ebenso schnell aufzustehen, doch das misslang gründlich und sie musste einen alten Holzbalken als Unterstützung benutzen.

„Du", sagte William und stand ebenfalls auf, „gehst nirgendwo hin, bevor ich mir nicht deine Wunde angesehen habe.

Buffy protestierte sofort und Xander machte, dass er aus der Mine kam. „Alleine kann ich mich sowieso besser verstecken", sagte er rasch und sah William mit großen Augen an. Dann schüttelte er fast unmerklich den Kopf und verschwand.

„Findest du das nicht ein wenig übertrieben?", schimpfte Buffy, die sich nicht bevormunden lassen wollte. „Davon mal ganz abgesehen, dass es unverschämt ist, dass ich dir meine Wunde zeigen soll. Und wer überhaupt gibt dir das Recht dazu?", schnaubte sie böse.

„Wer mir das Recht gibt?", fragte William und zuckte die Schultern. „Wohl nur ich selbst", sagte er grimmig. „Aber ich habe, auch wenn es dir vielleicht nicht gefällt, ein wachendes Auge auf dich. Und das seit dem Tag, als wir dich und Willow das erste Mal aus den Fängen von Banditen gerettet haben." Er hob die Hand, um sie von einer biestigen Antwort abzuhalten. „Außerdem kann ich niemanden auf einer Befreiungsaktion gebrauchen, der körperlich nicht fit ist. Das würde die ganze Aktion nur gefährden. Also entweder, ich werfe einen Blick auf deinen Bauch, den ich seit dem Verbinden nicht mehr gesehen habe, oder aber du bleibst störrisch wie ein Esel und ich verspreche im Gegenzug, dich ganz bestimmt nicht mitzunehmen, sollten Xander und ich Willow befreien."

Eine lange Weile antwortete Buffy nicht. Sie kniff die Augen zusammen und selbst im schummrigen Licht der Mine war zu erkennen, dass sie vor Wut schier platzte. „Ich bin… stinksauer", knurrte sie schließlich, „und ich finde es unter deiner Würde, mich so unter Druck zu setzten."

„Vergiss es", sagte William und schüttelte den Kopf, denn er wusste, was sie gerade versuchte. „Auf dieser Schiene kommst du kein Stück weiter. Wenn es notwenig ist, ist nichts unter meiner Würde. Du brauchst also gar nicht erst versuchen, an meine Anständigkeit zu appellieren."

„Verflucht", schimpfte Buffy und funkelte ihn böse an. „Dann los, damit wir es hinter uns bringen." Sie warf ihre Weste zur Seite und riss bereits an ihrem Hemd, als William sie stoppte.

Er fasste ihre Arme und zog sie an den Eingang der Mine. „Dir ist schon klar, dass ich es eigentlich nur gut mit dir meine?", fragte er, erwartete aber keine Antwort. Er zog sie heraus ins Licht, dass mit all den dicken Regenwolken auch nicht wirklich hell war. „Warte", sagte er dann und schaute sich erst einmal aufmerksam um. „Gut, wir sind alleine", meinte er und ging wieder auf sie zu.

Buffy lehnte mit grimmigem Gesicht an der Felswand. „Ist dir eigentlich bewusst, wie unangenehm mir das ist?", fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Mach es nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist", murrte William und fühlte sich seltsam beklommen. Doch ein Blitz, der krachend in einen entfernten Baum einschlug, lenkte ihn einen Moment ab. Er schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Buffy zu, die noch immer an der Felswand lehnte. „Bitte", sagte er hilflos und kam näher, „ich will dir wirklich nicht zu nahe treten. Glaub mir, das liegt mir fern. Ich will einfach sicher sein, dass deine Wunde nicht entzündet ist und gut verheilt. Denn wenn du ehrlich bist, würdest du nichts sagen, selbst wenn du vor Schmerzen kaum mehr laufen könntest."

Buffy seufzte und begann ihr Hemd aufzuknöpfen, doch William stoppte sie sofort. „Es wird reichen, wenn du es ein wenig hochziehst", sagte er und schluckte schwer. Dann ging er vor ihr in die Hocke und löste mit spitzen Fingern den Verband.

„Und?", fragte Buffy und versuchte mit ihrer Biestigkeit ihr Unwohlsein zu verbergen. „Habe ich gelogen?"

„Nein, hast du nicht", sagte William und stand schleunigst wieder auf. „Der Schnitt ist gut verheilt, aber du hast massive Prellungen und solltest trotzdem heute noch eine Pause einlegen." Es donnerte wieder und er warf einen Blick in den Himmel, der immer mehr zuzog und dunkler wurde. „Du kannst sowieso nicht viel tun", meinte er und zuckte mit den Schultern. „Also lass uns einfach hineingehen und uns Schlafplätze einrichten."

Bewegungslos starrte sie ihn an, dann seufzte sie und nickte. „Wahrscheinlich hast du Recht. Aber ich hasse es, so untätig zu sein." Dann sackten ihre Schultern herab. „Und ich mache mir große Sorgen um Willow", sagte sie leise. „Du hast sie erlebt. Du weißt, wie hilflos sie ist. Sie war nie zuvor alleine und schon vor unserer Reise hatte sie eine furchtbare Angst. Ich weiß einfach nicht, ob sie das durchsteht." Dann sah sie William an. „Ich habe dir auch erzählt, dass Männer sich einfach nehmen, was sie wollen und ich glaube, Willow würde das nicht überleben."

„Geh nicht gleich vom Schlimmsten aus", sagte William und fasste tröstend ihre Schulter. „Sie wollen Geld und sind sich der Tatsache bewusst, dass der Bote mit dem Geld bestimmt nicht ohne eine Truppe bewaffneter Reiter zurückkommt. Und sie müssen Willow bei guter Verfassung zurückgeben, wenn sie nicht alle getötet werden wollen."

„Ich hoffe, du hast Recht", seufzte Buffy, dann sah sie ihn noch einmal an und ging zurück in die Mine.

William hingegen starrte wieder in den Himmel und versuchte das Brennen in den Fingerspitzen zu verdrängen, die ihre weiche Haut am Bauch berührt hatten. „Gott, das wird die Hölle", murmelte er und als der Regen einsetzte, ging auch er zurück in die schützende Mine.

Teil 11

Im Lager der Banditen herrschte Aufbruchstimmung und William, der es nahezu genoss, unter einem Gebüsch versteckt auf dem nassen Waldboden zu liegen, robbte noch ein Stück näher heran, um besser sehen zu können. Viele Stunden hatte er zusammen mit Buffy in der Dunkelheit der alten Mine verbracht und es war immer schwerer geworden, nicht auf vollkommen falsche Gedanken zu kommen. Die Nähe zu ihr war nicht gut für ihn und hatte seine Gefühle mehr durcheinander gebracht, als es ihm lieb war.

Im Gegenteil zu ihrer sonstigen Stärke hatte sie zugegeben, wie groß ihre Furcht war, dass ihrer Cousine etwas zustoßen könnte und sie hatte nicht einmal versucht, diese Angst durch bissige Bemerkungen zu überspielen. Buffy hatte unglaublich viele Fragen gestellt, die ihn durcheinander brachten und als sie sich schließlich zu ihm auf die Pferdedecke gesetzt hatte, war der Wunsch sie einfach in die Arme zu ziehen ins Unermessliche angewachsen.

Doch Xander hatte ihn erlöst. Mitten in der Nacht war er bis auf die Haut durchnässt ins Versteck zurückgekommen und hatte erzählt, was er gesehen hatte. Er hatte herausgefunden, wie viele Männer sich im Lager tummelten und er hatte zudem beobachtet, in welcher der flachen Hütten Willow gefangen gehalten wurde. „Jetzt brauchen wir nur noch einen guten Plan", hatte er gemeint und beide hatten zu Buffy gesehen, die seltsam still gewesen war.

Doch dafür gab es einen guten Grund. Buffy war einfach eingeschlafen. Die Tage voller Anstrengungen und Mühen hatten sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht und sie hatte es nicht geschafft, noch länger auszuhalten. Sie lag zusammengerollt wie eine kleine Katze auf Williams Platz und schlief tief und fest.

„Sie ist verdammt tapfer", hatte Xander gemeint und William seltsam angesehen. „Du wirkst nicht gerade so, als wärst du bester Laune. Kommst du klar?"

„Bleibt mir etwas anderes übrig?", hatte er gefragt und sich auf Buffys hergerichtete Bettstatt zurückgezogen. „Lass sie schlafen", hatte er zu seinem Freund gesagt, der seine nassen Sachen auszog und über einen Balken hängte. „Und Schlaf ist momentan das Zauberwort. Wir sollten uns auch sofort hinlegen. Vielleicht bietet sich uns morgen eine Gelegenheit und dann sollten wir erholt und kräftig genug sein, um uns den Verbrechern auch entgegenzustellen."

 

                                                                                                *~*~*

 

Und genau so eine Möglichkeit bot sich gerade. Mehr als zehn vermummte Gestalten bestiegen gerade die Pferde und machten sich kampfbereit. „Offenbar haben sie eine neue Gruppe Reisender ausgemacht, die sie überfallen wollen", murmelte William lautlos. Doch die konnte er nicht auch noch retten. Er musste warten, was weiterhin geschah und dann Buffy und Xander holen, um losschlagen zu können, solange im Lager nicht viel mehr als zehn Gegner warteten.

Fünf Minuten vergingen, dann sprach der Anführer ein paar reißerische Worte und die Männer, die ihm folgten, reckten ihre Waffen und johlten begeistert. Dann setzte sich der Tross in Bewegung und verschwand im Dickicht des Waldes. William wartete zwei Minuten, dann löste er sich aus seinem Versteck und rannte so schnell er nur konnte zur Mine zurück.

Er stürmte durch den Eingang und stand atemlos vor Xander, der einen Angriff erwartet hatte und ihm sein Schwert unter die Nase hielt. „Wir müssen handeln", keuchte er und holte tief Luft. „Die Hälfte der Banditen ist gerade auf Raubzug, also packt die Sachen und die Pferde und los." Er sah zu Buffy, doch die wirbelte schon herum und schnappte sich ihre Decke und den Sattel.

„Anhöhe, Bogen", schnaufte William, nickte Xander zu und eilte dann, um sein eigenes Pferd reisebereit zu machen. Er wusste, dass die beiden Worte ausgereicht hatten, um seinen Freund über seinen vagen Plan in Kenntnis zu setzten, denn immerhin hatten sie diese Möglichkeit oft genug besprochen. Doch ob Buffy über ihre Aufgabe glücklich sein würde, wagte er schwer zu bezweifeln.

 

                                                                                               *~*~*

 

Kaum fünf Minuten vergingen, bis sie ihre Pferde aus der Mine führten. „Ich möchte, dass du bei den Tieren bleibst", sagte William eindringlich zu Buffy und sah Xander hinterher, der schon vorsichtig die Umgebung beobachtete. „Wir werden sie vielleicht schneller brauchen, als uns lieb ist."

„Du spinnst jawohl", schnaubte Buffy auch sofort. „Ich soll die verdammten Pferde festhalten? Das kannst du vergessen! Ich gehe mit ins Lager", sagte sie und wirbelte ihren langen Stecken kampfbereit herum. „Ich bin doch kein verfluchter Stallbursche!"

„Darum geht es hier nicht", schimpfte William. „Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt, bis der Rest der Banditen zurückkehrt und ich kann mir kaum vorstellen, dass wir dann noch genügend Zeit haben, unsere Pferde zu suchen."

„Das lass mal meine Sorge sein", schnaubte Buffy und schüttelte wild den Kopf. „Und hör auf, mich beschützen zu wollen! Ich kann gut auf mich selbst aufpassen!"

Xander, der erst gewartet hatte, zog sich schnell zurück. Er nahm William nur die beiden Pferde ab und lief los. Das war ein Moment, in dem sein Freund alleine sein musste und deswegen beeilte er sich, ein wenig Raum zwischen sich, William und Buffy zu bringen. Immerhin kannte er ihn gut genug, um in seinem Gesicht lesen zu können und gerade im Moment stand nicht Anspannung darin, sondern fast so etwas wie Trauer.

„Hast du je darüber nachgedacht, dass ich vielleicht gute Gründe habe, dich schützen zu wollen?", fragte William und seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Zischen. „Ich will dich nicht im Kampfgetümmel. Willow lässt sich sicher zu gerne von Xander retten und wir brauchen dich nicht, um mit ein paar Gegnern fertig zu werden. Außerdem bist du schon einmal verletzt worden… reicht das nicht?"

„Ich war schon bedeutend öfter verletzt", fuhr Buffy hoch und war keineswegs beeindruckt. „Du willst mich bloß nicht dabei haben, weil du glaubst, ich wäre nicht stark genug, oder schlimmer, ich würde dich aufhalten. Aber ich verspreche dir, dass ich genau das nicht tun werde!" Sie stemmte die Beine auf die Erde und funkelte ihn an. „Ich bin kein verhätscheltes kleines Mädchen! Ich dachte, das wäre dir längst klar."

Drohend ging er einen Schritt auf sie zu. „Falls du es noch nicht bemerkt hast… ich sage, wo es lang geht und ich wiederhole es noch einmal. Du übernimmst die Pferde, damit wir nicht danach suchen müssen, wenn wir Willow befreit haben. Verstanden?" So hart hatte er noch niemals mit einem Menschen gesprochen. Nicht einmal in Kriegszeiten wenn es darum ging, seine Männer zu motivieren oder Quertreiber zurechtzustutzen.

Doch Buffy blieb unbeeindruckt. Sie schüttelte einfach den Kopf und sah ihn herausfordernd an. „Du kannst mich nicht aufhalten", sagte sie eisig und wandte sich ab. Ihrer Meinung nach hatte sie genug gesagt und William würde mit ihrer Entscheidung leben müssen. Doch so leicht machte er es ihr nicht.

William packte sie an der Hand und wirbelte sie herum. „Verdammte kleine Hexe, begreifst du es denn wirklich nicht", zischte er, riss sie an sich und küsste sie hart. Dann ließ er von ihr ab, schüttelte grimmig den Kopf und eilte Xander hinterher.

Für einen verwirrten Moment blieb Buffy ruhig stehen und sah ihm hinterher. Dann lachte sie leise und beeilte sich, ihren großen Wallach durch das Gebüsch zu führen. Rasch traf sie auf Xander, der mit den Zügeln dreier Pferde da stand und auf sie wartete. „Gib schon her", sagte sie böse und Xander nickte und verschwand ebenso schnell wie William. Doch Buffy hatte längst einen eigenen Plan und den würde sie auch ausführen. Sie setzte sich nicht zum ersten Mal über irgendwelche Anordnungen hinweg und zudem hatte William ihr nichts zu befehlen. Niemand konnte sie aufhalten, wenn es um Willow ging. Auch William nicht, den sie nur zu gut verstanden hatte.

 

                                                                                          *~*~*

 

„Hat sie die Pferde genommen?", fragte William, der neben Xander auf dem Waldboden lag und vor dem Angriff noch einmal die Lage sondierte.

„Allerdings", nickte Xander. „Aber sie sah nicht gerade glücklich aus und ich bin mir nicht sicher, ob sie sie nicht doch irgendwo anbindet und hinter uns her kommt." Er zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Sie hat einen gewaltigen Kampfgeist", murmelte er, „und wir würden uns an ihrer Stelle auch nicht mit solchen Kinkerlitzchen aufhalten lassen."

„Wahrscheinlich hast du Recht", seufzte William und robbte langsam rückwärts. „Lass uns gehen. Es wird Zeit. Ich weiß nicht, wie weit der Trupp Reiter entfernt ist und ob wir ihn möglicherweise herlocken, wenn erst einmal wildes Geschrei durch den Wald tönt."

Geschwind huschten die beiden Freunde durch den dichten Wald und erklommen rasch die kleine Anhöhe, die einen freien Blick auf das Geschehen im Lager bot. „Du fünf, ich fünf", sagte William und zog einen Pfeil aus dem Köcher, den er auf dem Rücken trug.

„Wenn es nur so einfach wäre", sagte Xander, tat es ihm aber nach und spannte den Bogen. „Auf los geht’s los", meinte er und sie stürmten auf die Kuppe, legten an und binnen weniger Sekunden sirrten die ersten Pfeile durch die Luft.

Zwei der Banditen kippten auf der Stelle tot zur Seite, die anderen sprangen schreiend auf und Chaos brach im Lager aus. William und Xander spannten wieder und wieder ihre Bögen und ein wahrer Pfeilhagel ging auf die Männer nieder, die hinter den flachen Hütten Schutz suchten und ihrerseits ihre Bögen spannten.

„Hab ich es mir doch gedacht", schnaufte William, als er sicher war, mit dem Bogen nicht mehr weiterzukommen. „Wäre auch zu schön gewesen." Er warf einen raschen Blick auf Xander, der bereits sein Schwert gezogen hatte und nur auf einen Wink wartete. „Wie viele haben wir erwischt?"

„Fünf oder sechs", murmelte er leise. „Bleiben noch mindestens sechs." Er sah William an, nickte und zusammen stürmten sie unter lautem Geschrei den Hügel herab.

Fast blind mähte William alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. Xander hatte gleich den Weg zu der Hütte eingeschlagen, in der Willow gefangen halten wurde und kämpfte gerade gegen zwei Gegner gleichzeitig. Dann sah William Buffy, die ihren Stecken auf den Kopf eines Banditen niedersausen ließ und er bekam einen heftigen Schlag mit einem Schwert ab, weil seine Aufmerksamkeit völlig verloren ging.

„Scheiße", murmelte er und sah flüchtig auf sein Bein. Doch offenbar hatte sein Gegner wenig Erfahrung im Umgang mit einem Schwert, denn er hatte ihn nur mit der flachen Seite der Klinge erwischt, nicht mit der Schneide. William knurrte und zeigte dem Mann, wie man es richtig machte. Dann zog er sein Schwert aus der Brust des Mannes und hob es hoch, um es auf den nächsten Gegner niedersausen zu lassen.

Doch es gab keinen, der darauf drängte, sich von ihm töten zu lassen. Die Männer glaubten, in Buffy ein leichteres Ziel zu finden und stürmten zu dritt auf sie ein. „Verflucht, ich hab es doch gewusst", schnaubte William grimmig und rannte auf sie zu. „Kopf runter", brüllte er in vollem Lauf und sie reagierte prompt. Sie ging in die Knie und zog den Kopf ein, allerdings nicht, ohne den langen Stab mit Wucht nach hinten zu rammen.

„Ich hatte ihn gesehen", brummte sie als der Bandit zusammenklappte, stand wieder auf und wirbelte den Stecken über ihrem Kopf. „Mach mir Platz, sonst bekommst du ihn noch aus Versehen ab."

William schnaufte und parierte den Schlag eines Angreifers. „Hatte ich dir nicht gesagt, dass du dich raushalten sollst", knurrte er und ließ seine Wut an dem jungen Mann ab, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Mit dem Schwertknauf traf er hart dessen Kopf und ließ sein Schwert rasch auf ihn niedersausen. Dann wirbelte er herum, doch Buffy hatte ihren zweiten Gegner längst ausgeschaltet.

Sie sahen sich einen flüchtigen Moment an, dann rannten sie beide auf Xander zu, der sich noch immer mit zwei Gegnern abmühte. „Geh und hol Willow", rief William und zusammen mit Buffy nahm er die beiden Männer aufs Korn, die verzweifelt kämpften und schließlich doch verloren.

„Sind es noch mehr?", fragte Buffy mit zusammengepressten Zähnen und fuhr kampfbereit herum.

Auch William erwartete noch mehr Banditen, doch entweder hatte sich der Rest versteckt oder aber sie hatten jeden einzelnen von ihnen erwischt. „Scheinbar nicht", murrte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann wandte er sich Buffy zu und ließ seine gesamte Wut auf sie niedersausen. „Verfluchte Hölle! Hatte ich dir nicht gesagt, dass du bei den Pferden bleiben sollst! Was machen wir, wenn der Rest der Bande jetzt zurückkommt? Hier stehen und blöd gucken? Verdammt! Außerdem hast du eben verfluchtes Glück gehabt. Die Klinge des Schwerts hat dich nur um Millimeter verpasst!"

„Aber sie hat mich verpasst", knurrte sie trotzig und wandte sich zu Xander um, der Willow an der Hand hinter sich herzog.

Die junge Frau stürmte auch sogleich auf Buffy zu und umarmte sie fest. „Oh Gott, ich hatte ja solche Angst", jammerte sie und wollte sich gar nicht wieder von ihr lösen. „Du weißt ja nicht, was ich durchgemacht habe."

Doch beide Männer achteten gar nicht auf sie. William und Xander beobachteten die Umgebung und Xander war es schließlich, der fragte: „Und wo sind jetzt unsere Pferde?"

„Ich habe keine verdammte Ahnung", brummte William und warf Buffy wieder einmal einen giftigen Blick zu. „Sie können überall sein. Vielleicht haben sie sich ja schon auf den Weg nach Hause gemacht!"

Buffy schob Willow von sich und ging auf William zu. Sie funkelte ihn böse an, wirbelte blitzschnell ihren Stecken und ließ ihn auf sein Schienbein niedersausen. „Das hast du dir verdient", schnaubte sie, als er schmerzerfüllt auf einem Bein hüpfte. „Und wenn ich es gewollt hätte, dann hätte ich dir dein verdammtes Bein gebrochen", fügte sie hinzu. Dann wandte sie sich an Xander. „Ihr wollt die Pferde? Ihr bekommt die Pferde", zischte sie, und pfiff auf den Fingern.

Nur wenige Sekunden später trabte Buffys Wallach auf den Lagerplatz der Banditen und die anderen Pferde folgten ihm an Seilen, mit denen Buffy die Pferde aneinandergekettet hatte. „Ich habe doch gesagt, dass ich mich darum kümmern werde", schimpfte sie und löste rasch die Seile. Dann schwang sie sich auf ihr Pferd und starrte böse auf die drei Menschen nieder, die sie mit großen Augen ansahen. „Was?", brummte sie. „Wollt ihr hier Wurzeln schlagen? Ich dachte, ihr hättet es eilig!" Sie wendete ihr Pferd und wartete. „Na los jetzt!", schimpfte sie, als weder Willow, noch William oder auch Xander sich vom Fleck bewegten. „Oder habe ich etwas falsch verstanden und wir warten doch noch auf den Rest der Banditen?"

Xander verdaute den Schock zuerst. Er lachte laut los, schnappte sich Willow und setzte sie kurzerhand auf ihr Pferd. Dann schwang er sich selbst auf sein Reittier und deutete William an, auch endlich aufzusteigen. „Los, Kumpel. Lass uns endlich von hier verschwinden."

William warf Buffy einen letzten grimmigen Blick zu, dann sprang er auf sein Pferd und nur Sekunden später jagte er fort vom Lagerplatz. Buffy lächelte sachte, doch Xander beugte sich herunter zu ihr und sah sie ernst an. „Du solltest dir solche Späße nicht zu oft erlauben. Er ist wirklich stinksauer." Er schüttelte den Kopf. „Nein, das sagt nicht genug. Ich versuche es anders… ich kenne William fast mein ganzes Leben lang, aber so böse habe ich ihn noch nie gesehen." Er sah sie scharf an, nickte, und zusammen mit Willow eilte er seinem Freund hinterher.

„Und wenn schon", murrte Buffy trotzig, dann seufzte sie laut und beeilte sich, den anderen schnell zu folgen.

Teil 12

William war wütend. So wütend wie nie zuvor in seinem Leben und nicht einmal Xander wagte es, ihn anzusprechen. Sein Freund hatte zwar zu ihm aufgeholt, doch nach einem Blick in sein verbissenes Gesicht hatte er es sich anders überlegt und geschwiegen. Doch das war William nur recht. Er hatte keine Lust, sich mit belanglosen Sprüchen beruhigen zu lassen, denn die Wut tat gut und half ihm einen einigermaßen klaren Kopf zu bekommen. Er konzentrierte sich auf den Weg, der vor ihnen lag und blendete alles andere aus.

Den Wald hatten sie längst hinter sich gelassen, ebenso wie die Höhle in der sie genächtigt hatten und den steilen Gebirgspass. Nun führte der Weg wieder hinab in die andere Seite des Waldes und William zügelte sein Pferd, das müde und erschöpft war.

„Verflucht, das wird auch Zeit", murmelte Xander neben ihm, der das als Zeichen nahm, dass William sich beruhigt hatte. „Noch viel länger in dem Tempo und wir hätten zu Fuß weiterziehen müssen." Er klopfte seinem Pferd beruhigend den Hals und ließ es im Schritt langsam auslaufen.

Doch William sprach noch immer kein Wort. Er ritt schweigend neben seinem Freund her und stoppte, als sie an einen kleinen Bachlauf gelangten. Er sprang vom Pferderücken und führte das erschöpfte Tier zum Wasser.

Es dauerte nicht lange, bis die drei anderen Reiter es ihm nachtaten und er spürte alle Blicke auf sich ruhen. „Es wird nur eine Pause", sagte er barsch, sah aber niemanden an dabei. „Die Pferde sollen sich ein wenig erholen, dann geht es weiter."

„Wir haben bestimmt genug Abstand zwischen uns und die Banditen gebracht", sagte Xander, der vermitteln wollte. Willow sah aus, als schliefe sie vor Müdigkeit im Stehen ein und auch Buffy wirkte nicht taufrisch. Sie hatte eine Hand auf ihrer Wunde am Bauch, sagte aber kein Wort. „Vielleicht ist der Trupp Räuber noch nicht einmal zurück in ihrem Lager und sie wissen noch gar nicht, was vorgefallen ist."

„Möglich", brummte William und setzte sich ins Gras. „Trotzdem will ich noch weiter." Er sah zu Xander auf, der die Zügel seines Pferdes fallen ließ. „Es ist auch nicht mehr zu weit. Vielleicht noch eine gute Stunde. Wir sind sicher vor dem Anbruch der Nacht da."

„Du willst bis zur Grenze", nickte Xander. „Verstehe", sagte er und sah zu Willow, die sich erschöpft und mit blassem Gesicht ins Gras abseits des Weges setzte. „Steht dort immer noch eine Garnison?", fragte er dann und blickte wieder zu seinem Freund herunter, der Grashalme abpflückte und sie achtlos wieder fallen ließ. Xander war hin und her gerissen. Willow hatte furchtbare Tage hinter sich, doch Buffy kümmerte sich gut um sie. William hingegen war sein bester Freund und brauchte gerade etwas Unterstützung, also entschied er sich schweren Herzens, sich erstmal mit ihm zu beschäftigen.

„Allerdings", nickte William. „Dort sind wir auf alle Fälle sicher. Kein Räuber wird es sich wagen, einen Gasthof anzugreifen, der direkt von Soldaten geschützt wird." Er ignorierte die Frauen, die sich einen Platz im Schatten gesucht hatten und sprach einzig zu seinem Freund, der nervös von einem zum anderen sah.

Doch dann setzte sich Xander neben William. „Meinst du nicht, dass es an der Zeit ist, dich wieder zu beruhigen?", fragte er leise. „Ich meine… du hättest doch nicht anders gehandelt als Buffy. Du hättest dich auch nicht damit begnügt, einfach die Pferde festzuhalten."

Williams Gesicht wurde, wenn das denn möglich war, noch eine Spur grimmiger. „Sie hätte getötet werden können", brummte er und wusste, dass das eigentlich gar nicht sein Problem war.

„Du auch", erwiderte Xander prompt. „Und das hätte eine Katastrophe heraufbeschworen, wenn ich dich erinnern darf." Er schüttelte den Kopf und seufzte leise. „Verdammt, Will. Ich kann dich verstehen. Wirklich. Gerade jetzt wo ich…", er sah zu Willow und zuckte mit den Schultern. „Aber es ist alles gut gegangen und von jetzt an ist es nur mehr zwei Tagesritte bis Bedford Castle. Und wir brauchen nicht einmal mehr durch diesen verfluchten Wald. Wir können die sicheren Wege übers Land benutzen und…"

„Was ändert das?", unterbrach William. Dann schüttelte er den Kopf und ließ seine Wut einfach entweichen. „Zwei Tage, Xander. Nur noch zwei verdammte Tage, in denen ich ein einigermaßen normales Leben führen kann. Zwei Tage, in denen ich wie ein dummer Tölpel verliebt in der Weltgeschichte herumlaufen kann. Und was dann? Was dann?"

Xander verstummte und verzog das Gesicht. Er wusste kaum, was er sagen sollte und versuchte es mit Aufmunterungen, von denen er schon vorher wusste, dass sie nichts bringen würden. „Vielleicht ist deine zukünftige Frau gar nicht so schlimm. Und Buffy, nun ja… ich meine, sie ist eher ein Soldat als eine Frau und ich kann mir nicht denken, dass sie…"

„Sie weiß, was sie will", unterbrach William, der diese Sprüche nicht hören wollte. „Und ich glaube, ich kenne sie besser als du. Sie ist nicht immer diese harte Person, die sie so gerne heraushängen lässt. Sieh dir doch nur einmal an, wie rührend sie sich immer um ihre Cousine bemüht." Er seufzte leise und sah hinauf in den Himmel. „Eigentlich ist es blanker Unsinn, überhaupt darüber zu sprechen. Das alles ist so unwichtig…"

„Für dich ist es das nicht", sagte Xander leise und klopfte William tröstend den Rücken. „Glaub mir, Kumpel, wenn ich wüsste, wie ich dir aus dieser Misere helfen könnte, dann würde ich das tun. Aber…"

„Ich weiß", brummte William und legte sich flach auf den Rücken. „Es gibt kein Zurück für mich. Auch wenn ich schon darüber nachgedacht habe, einfach zu verschwinden und… Ach, Blödsinn. Das würde ich niemals tun. Deswegen hat mein Vater uns auch alleine ziehen lassen. Er wusste, ich würde mir immer meiner Pflicht bewusst sein."

„Will", sagte Xander, noch leiser, als sie bisher gesprochen hatten. „Wir haben das Thema schon einmal angerissen", flüsterte er. „Wir haben schon mal davon gesprochen, dass es an Richards Hof beinahe normal ist, sich eine Mätresse zu halten. Der König selbst hat zwar nie, aber die Adligen am Hofe durchaus und vielleicht…"

William schoss hoch und seine Augen versprühten Blitze. „Willst du damit…", er wurde sich bewusst, wie laut er sprach und senkte die Stimme, „willst du damit etwa andeuten, ich sollte Buffy zu meiner Geliebten machen?", fragte er grimmig und Xander rückte sicherheitshalber ein Stück zur Seite.

„Es war ja nur ein Vorschlag", murmelte er und warf einen Seitenblick auf die beiden Frauen, die sich leise unterhielten.

„Vergiss lieber, dass du je an so etwas gedacht hast", knurrte William. „Das wäre das letzte, was ich für sie wollte. Sie hat sich einen Mann verdient, der… Ach, Scheiße! Lass uns das Thema wechseln, sonst drehe ich noch durch!"

Doch Xander fiel so schnell nichts ein, worüber er sprechen sollte und so wandte er sich leiblichen Dingen zu. „Haben wir eigentlich noch irgendwas Essbares im Gepäck? Immerhin sind wir fast den ganzen Tag unterwegs und haben heute Morgen einen netten Kampf überstanden." Er sah William an und grinste frech. „Da wird man doch Hunger haben dürfen."

„Ich muss dich leider enttäuschen", lachte William und setzte sich wieder auf. „Mit den paar Krumen könnten wir nicht einmal eine Maus satt bekommen. Aber du musst dich ja nicht mehr zu lange gedulden. Heute Abend lassen wir uns etwas besonders Gutes schmecken."

„Na Gott sei Dank", grinste Xander. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Wirst du mit ihr sprechen?", fragte er leise.

„Was sollte ich ihr sagen?", fragte William und schüttelte den Kopf.

„Ich meine nicht, dass du…", er schluckte und sah, dass beide Frauen nun herübersahen. „Ich meine, generell. Ich glaube, es wäre ziemlich ungerecht, sie für etwas büßen zu lassen, an dem sie eigentlich keine Schuld hat. Und gewöhnlich bist du… auch nicht so, dass du andere deine schlechte Laune ausbaden lässt."

„Mal sehen", brummte William und legte sich zurück ins Gras. Er verschränkte die Arme unter dem Kopf schloss die Augen. „Kommt Zeit, kommt hoffentlich Rat."

 

                                                                                           *~*~*

 

Die Nacht war hereingebrochen und William drückte dem Stallburschen eine Münze in die Hand, die dieser mit großen Augen betrachtete. „Ich will, dass unsere Pferde gut versorgt werden", sagte er und nickte. „Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich und brauchen gute Pflege. Und wenn mir morgen gefällt, was ich sehe, dann verdoppele ich deinen Lohn noch einmal."

„Ich werde ganz bestimmt gut für sie sorgen", sagte der junge Mann mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Dann nickte er und führte die Pferde in den Stall.

„Lass uns endlich hineingehen", nörgelte Xander, dem der Magen grummelte. „Sonst falle ich auf der Stelle um." Er nahm Willows Arm und half ihr die wackeligen Stufen zum Eingang des Wirtshauses hinauf. „Ich könnte ein ganzes Wildschwein verdrücken!"

„Hoffentlich haben sie überhaupt noch Zimmer frei", sagte Buffy, die ihre Umgebung wieder gut im Blick hatte. „Der Stall ist ziemlich voll und es hört sich an, als wären eine Menge Gäste im Wirtshaus."

„Das werden wir nur feststellen, wenn wir endlich hineingehen", drängelte Xander, dann hatte er das Warten satt und öffnete die Tür. Er ließ Willow den Vortritt und eilte dann schnell hinterher.

William wartete auf Buffy, die als letztes die kurze Treppe erklomm. „Dich scheinen eine Menge der Soldaten zu kennen", sagte sie, als sie langsam auf ihn zuging. „Als wir eben an einer der Wachmannschaften vorbei ritten, haben einige sogar auf dich gezeigt und zu Flüstern begonnen. Bist du vielleicht eine Art Kriegsheld?", fragte sie ohne jeden spöttischen Unterton.

„Eher nicht", brummte William, der ganz vergessen hatte, dass er natürlich erkannt wurde, wenn Soldaten in der Gegend waren. „Du kennst das bestimmt…. Die meisten Geschichten werden einem angedichtet."

„Es wäre trotzdem interessant, mehr darüber herauszufinden", sagte Buffy, lächelte und trat ins Innere des Gasthauses.

Einen langen Moment starrte er ihr hinterher, dann ging er langsam zu dem Tisch, den Xander trotz des regen Andrangs ergattert hatte. „Wir haben Glück", erklärte Xander auch sofort. „Gerade heute haben sie ein Schwein geschlachtet und ich habe von allem etwas bestellt, was sie heute zubereiten", erklärte er William. „Allerdings weiß ich noch nicht, wie das mit den freien Zimmern aussieht. Ich habe danach gefragt, aber offenbar weiß hier die eine Hand nicht, was die andere tut und man wird uns gleich Auskunft geben."

„Wie viele Zimmer hast du denn bestellt?", fragte William, eigentlich nur, um überhaupt etwas zu sagen. Er setzte sich neben Willow und sah sich Elisabeth gegenüber, die allerdings gerade nicht auf ihn achtete, sondern die Blicke durch das Wirtshaus schweifen ließ.

„Zwei natürlich", sagte Xander schnell und schüttelte den Kopf. „Was denkst denn du?"

„Gar nichts", brummte William und nahm dankbar einen Krug mit Wein entgegen, den eine junge Frau mit schmutziger Schürze an ihren Tisch brachte. Er hatte nicht übel Lust, den Krug an seine Lippen zu setzen und in einem Zug leerzutrinken. Diesen Krug und am besten noch einen dazu. Doch er beherrschte sich und goss sich schlicht einen Becher voll. Dann reichte er ihn an Xander weiter. „Ich hab draußen Smith und Greene gesehen. Wir sollten bei Wachwechsel einmal zu ihnen hinübergehen."

„Smith habe ich auch erkannt", nickte Xander und bot Willow und Buffy Wein an. Doch beide Frauen begnügten sich wieder einmal mit Wasser und er zuckte mit den Schultern und stellte den Krug auf den Tisch. „Allerdings hatte ich in Erinnerung, dass er zurück nach Hause wollte. Doch offenbar hat er sich breitschlagen lassen, noch länger zu dienen."

„Seine Familie ist…", William senkte die Stimme, „bei einem der letzten Überfälle vor dem Kriegsende umgekommen. Er hat kein Zuhause mehr." Sofort blickte Buffy ihn an, doch es lag mehr Trauer in ihrem Blick, als er jemals erwartet hatte. Allerdings sagte sie kein Wort, sondern blickte schnell wieder zur Seite. „Wie auch immer", sagte William, bemüht, das Thema zu wechseln. „Wir sollten den beiden später einen ordentlichen Krug Bier ausgeben."

„Sollten wir", grinste Xander und klatschte vor Vorfreude in die Hände. „Es macht gewiss Spaß, mit ein paar alten Kollegen wilde Geschichten auszutauschen. Aber das setzt voraus, dass wir hier ein Zimmer bekommen. Mit in die Garnison können wir die… ähm, jungen Damen nun wirklich nicht nehmen. Hier im Wirtshaus stehen sie unter dem Schutz der Soldaten, aber wer soll sie vor den Soldaten beschützen?" Dann sah er William an. „Obwohl… solange du dabei bist…"

„Was heißt das?", erkundigte sich Buffy sofort, die zwar unbeteiligt getan, das Gespräch aber verfolgt hatte. Sie sah fragend zu Xander und sah dann William an.

„Ach, weißt du", murmelte Xander, der schnell merkte, wieder einmal in ein Fettnäpfchen getreten zu sein. „William hat einen verdammt guten Ruf unter den Soldaten und es würde sich wohl niemand wagen, sich an seinen Schützlingen zu vergreifen." Glücklich, noch einmal die Kurve gekriegt zu haben, grinste er William an, der allerdings die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.

„Vielleicht erübrigt es sich gleich, noch weiter darüber zu reden", sagte William, denn er sah einen Mann auf sie zukommen, der eine schmuddelige Schürze aus Leder über dem dicken Bauch trug.

„Hatten Sie nach Zimmern gefragt?", meinte er, kaum dass er vor ihnen stand. Er wandte sich direkt an William und William nickte. „Ich habe gehört, dass Sie nach zwei Zimmern gefragt haben", sagte er und sein Blick fiel auf Willow. „Ich muss allerdings gestehen, nur noch einen freien Raum zu haben. Dafür allerdings ist er sehr groß und möglicherweise…" Wieder sah er zu Willow und verstummte.

„Ich… also", murmelte Willow und sah hilfesuchend zu Buffy. „Ich denke, wir werden eine Lösung finden. Danke schön."

„Die junge Dame und ihr Bruder werden das Zimmer beziehen", beendete William jegliche Überlegung. Er selbst hatte sich an Buffys Kleidung so gewöhnt, dass er sie kaum mehr als außergewöhnlich hinnahm. Doch hier zeigte sich wieder, dass ihre Verkleidung offensichtlich sehr gut funktionierte, denn der Wirt hatte sie als jungen Mann wahrgenommen. „Mein Freund und ich… nun, wir haben gute Beziehungen und können über Nacht gewiss in der Garnison unterkommen."

„Gut", nickte der Wirt und winkte zwei Angestellte herbei, die beladen mit schweren Tellern und Platten an den Tisch eilten. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Abend", sagte er, verbeugte sich und ging.

„Wir können uns das Zimmer auch teilen", sagte Willow mit einem Anflug von Rot auf den Wangen. „Immerhin haben wir schon mehrere Tage und ähm… Nächte… nun ja."

„Lass den beiden ihren Spaß", unterbrach Buffy das nervöse Stottern ihrer Cousine. „Du hast doch gehört, dass sie Freunde hier haben. Sie werden sich bestimmt einen schönen Abend machen wollen. Und nach all den Strapazen mit uns, haben sie es sich auch verdient."

„Stimmt", lächelte Willow zufrieden. „Das haben sie wirklich. Immerhin haben sie mir zweimal das Leben gerettet."

Xander sah William über den Tisch hinweg an und es war, als unterhielten sie sich wortlos. Schließlich nickten beide Männer. „Warum nicht?", sagte Xander lächelnd. „Über ihre Sicherheit brauchen wir uns keine Gedanken machen, also können wir… das ein oder andere Bierchen trinken."

„Einverstanden", sagte schließlich auch William. „Aber jetzt lasst uns essen. Ich habe Hunger!"

Teil 13

„Gott, ich fühle mich, als hätte ich gestern zu viel gesoffen", murmelte Xander, drehte sich auf seiner schmalen Pritsche und grinste William schief an, der ihn gerade geweckt hatte und auch nicht sonderlich frisch und munter wirkte.

„Wie kommst du denn darauf?", fragte William mit vom Schlaf noch dunkler Stimme und lachte. Auch er war noch hundemüde und der viele Alkohol kreiste noch immer in seinen Adern. Doch es hatte unglaublich gut getan, mit seinen alten Kameraden zusammen am Lagerfeuer zu sitzen, alte Geschichten zu erzählen und sich sinnlos zu betrinken. „Kommst du klar?", fragte er, als Xander die Augen wieder schloss.

„Jaaa", murmelte Xander. „Ich hatte nur gerade einen wunderschönen Traum von Willow", sagte er leise und kicherte wenig männlich. „Ich habe sie zu mir nach Hause gebracht, als meine Frau natürlich und… na, alles weitere kannst du dir wohl vorstellen." Träge öffnete er seine Augen, aber das Grinsen auf seinem Gesicht sprach Bände.

„Und genau deswegen habe ich dich ja geweckt", sagte William und lächelte verschmitzt. „Ich weiß nur zu gut, was du gerade geträumt hast. Hast du es vergessen? Hin und wieder sprichst du im Schlaf und das gerade… war sehr ausführlich."

„Ach du je", murmelte Xander und setzte sich auf. Er hielt sich den Kopf und brummte leise vor sich hin, dann sah er zu William, der bereits damit begann, sich anzuziehen. „Ich hoffe, ich bin nicht zu sehr auf Einzelheiten eingegangen."

„Nein, dazu hattest du keine Zeit", sagte William. „Ich habe dich gebremst, bevor es zu eindeutig wurde."

„Na, Gott sei Dank", brummte Xander und erhob sich seufzend. „Wie spät ist es eigentlich? Ich habe das Gefühl, kaum eine Stunde geschlafen zu haben."

„Ich kann es dir nicht genau sagen", erwiderte William. „Aber ich schätze, es ist um die neun Uhr. Warum?"

„Ich habe mich nur gefragt, ob die Mädels wohl auch schon aufgestanden sind", sagte Xander und erhob sich schwankend. „Aber zu dieser Zeit sitzen sie bestimmt schon im Gastraum und warten auf uns. Oder denkst du nicht?"

„Damit rechne ich auch", nickte William, der eigentlich aus diesem Grund aufgestanden war. So wie er Buffy einschätzte, wollte sie die Reise so früh es nur ging fortsetzen. Immerhin hatte sie mehrfach betont, dass sie gewissermaßen unter Zeitdruck standen. Er runzelte die Stirn. Allerdings hatte sie nie erwähnt, warum sie es eilig hatte; genauso wenig, wie sie überhaupt viel von sich preisgegeben hatte. Er kannte nicht einmal ihren vollständigen Namen und zudem konnte er sich nicht vorstellen, dass Buffy mehr als nur ein Spitzname war.

„An was denkst du?", fragte Xander und trocknete sich das Gesicht und den Hals ab. Das kühle Wasser aus der Waschschüssel weckte seine Lebensgeister und verscheuchte den Rest der Trunkenheit aus seinem Verstand.

„Nur daran, auf welchem Weg wir am besten weiter reisen", log William, denn er hatte keine Lust, wieder mit seinem Freund über sein verdammtes Schicksal zu sprechen. „Wir sollten den Wald ab jetzt meiden, auch wenn wir dafür einen halben Tag länger unterwegs sein werden. Es ist einfach sicherer und ich bin nicht gewillt, mich noch einmal überfallen zu lassen."

„Das hatte ich mir gedacht", sagte Xander und erwähnte nicht, dass ihm der Weg bedeutend besser gefiel. Immerhin bot er regelmäßig gute Gasthäuser an, die alle gutes Essen anboten. „Lassen wir das Frühstück hier ausfallen?", fragte er deswegen. „Ich kenne den Koch nur zu gut. Er hat uns damals schon immer die karge Kost verdorben. Vielleicht bekommen wir ja im Gasthaus noch etwas Gutes."

„Von mir aus", sagte William und schlüpfte in seine Weste. „Ich könnte auch etwas feste Nahung gebrauchen. Ich habe das Gefühl, in mir schunkelt ein See aus Wein und Bier und wenn ich mich zu sehr bewege, schwappt er über." Er lachte und klopfte Xander auf die Schulter. „Also los, lass uns nachsehen, ob deine zukünftige Frau schon wieder munter und auf den Beinen ist."

 

                                                                                        *~*~*

 

„Abgereist? Was soll das heißen? Abgereist!" Xander war kurz davor, dem Wirt des Gasthofes an die Kehle zu springen. „Jetzt red schon, verdammter Kerl!"

„Ich kann Ihnen doch auch nicht mehr dazu sagen", sagte der Wirt grimmig und überreichte William einen Brief. „Die junge Dame kam schon vor Morgengrauen herunter und ihr Bruder schien es besonders eilig zu haben. Er bezahlte die Zeche und übergab mir dieses Schreiben für Sie", sagte er und sah William an. „Er hat mich angewiesen, es Ihnen persönlich zu überreichen, danach sind sie weg."

William öffnete mit fahrigen Händen den Umschlag und las: Entschuldigt unsere plötzliche Abreise, doch vielleicht ist es besser so. Wir bedanken uns für Eure tatkräftige Hilfe und werden gewiss nie vergessen, wie viel ihr für uns getan habt. Buffy & Willow. Ihm war schlecht und er wusste, dass es nicht am Alkohol lag. Mit verzerrtem Gesicht überreichte er Xander den Brief, dann setzte er sich an einen Tisch und sah den Wirt an. „Guter Mann, bringen Sie uns ein deftiges Frühstück. Nach einer solchen Nachricht braucht man eine Stärkung."

Der Wirt nickte und eilte davon, Xander starrte ihm hinterher und sah dann zu William. „Wir kannst du jetzt ans Essen denken? Wir sollten uns auf unsere Pferde schwingen und den beide folgen. Aber sofort."

„Verstehst du es denn nicht?", sagte William und fühlte sich müde und erschöpft. „Sie wollten nicht auf uns warten. Sie sind seit dem Morgengrauen unterwegs und da bedeutet, sie haben mindestens vier Stunden Vorsprung!"

„Du meinst, sie …", Xanders Gesicht wurde wieder grimmig. „Wir sind nicht einfach zu spät für sie dran. Sie haben es so geplant. Verflucht! Das hat doch wieder diese kleine Zicke Buffy ausgeheckt." Er sah William an. „Deswegen war sie gestern so guter Dinge und meinte, wir sollten mit unseren Freunden feiern. Sie war froh, uns los zu sein!"

„Du hast es begriffen", nickte William und deutete seinem Freund an, sich hinzusetzen. „Nun komm schon. Es hilft so oder so nichts. Buffy kennt sich hier aus und egal welche Straße wir auch wählen, sie wird uns aus dem Weg gehen können."

Böse knüllte Xander den Brief zusammen und warf ihn ins Kaminfeuer. Dann setzte er sich zu William und starrte ins Leere. „Ich hätte sie übers Knie legen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte", sagte er tonlos. Dann sah er seinen Freund an und seufzte tief und unglücklich. „Und was mache ich jetzt? Wie soll ich Willow finden? Sie hat mir nicht einmal ihren Nachnamen genannt und ich weiß auch nicht, ob sie in Bedford Castle leben oder sie auch dort nur irgendwen besuchen."

William antwortete nicht. Für einen Moment schoss ihm durch den Kopf, das gerade Xander doch mehr Fragen über die Herkunft seiner Angebeteten gestellt haben müsste, dann jedoch dachte er, dass auch er mehr Fragen hätte stellen müssen. „Wir werden sie schon finden, Xander", sagte er leise. „Und wenn ich alle Rothaarigen des Landes zusammenrufen lassen. Wir werden sie finden. Das verspreche ich dir!"

 

                                                                                           *~*~*

 

Das Frühstück war rasch beendet und vor allem war es fast wortlos verlaufen. Xander wurde noch immer von seiner Wut beherrscht und William war zu durcheinander, um klar denken zu können. Ein Teil von ihm empfand wahre Trauer, doch er kannte den Grund dafür nicht. War es, weil er Buffy verloren hatte oder einfach, weil seine Reise bald ein Ende hatte und sein Leben sich von Grund auf ändern würde? Ein anderer Teil empfand große Wut. Und diese Wut gehörte tatsächlich ganz alleine Buffy. Sie hatte ihm den Abschied abgenommen, ein Abschied, den er im Kopf mehrfach durchgespielt hatte und eines war sicher, er hätte sich einen weiteren, letzten Kuss gestohlen, den sie ihm nun versagte.

„Ich geh und lass die Pferde satteln", murmelte Xander und riss ihn zurück in die Wirklichkeit. „Dann sind wir gegen Abend im nächsten Rasthaus und ich schwöre schon jetzt, dass ich dem Wirt das Weinlager leer trinken werde!" Er grunzte, warf die Hände in die Luft und eilte hinaus.

Seufzend erhob sich auch William, doch bevor er zum Wirt gehen und zahlen konnte, kam eben dieser Wirt zu ihm. „Ich sollte auf eine günstige Gelegenheit warten", sagte er und zog einen weiteren Umschlag hervor. „Ich sollte Ihnen den nur geben, wenn Sie alleine sind, Sir." Er nahm die Bezahlung für das Frühstück entgegen und zog sich zurück.

Neugierig und gleichermaßen verwirrt riss William das zweite Schreiben auf und entfaltete das Stück Papier.

Ich danke dir für eine wundervolle Erinnerung, die mich bis ans Ende aller Zeiten begleiten wird. In Liebe, Buffy

Wieder und wieder las er die wenigen Worte und der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker. Dann faltete er das Schreiben zusammen und verstaute es in der Innentasche seiner Weste.

 

                                                                                             *~*~*

 

William und Xander hatten das Gasthaus kaum erreicht, in dem die Wachen und das Personal der Brautkutsche abgestiegen waren, als der Hauptmann der Wachmannschaft auch schon zwei Boten losschickte. „Was hat das zu bedeuten?", fragte William misstrauisch.

„Ich hatte Order, sofort bei Ihrem Eintreffen eine Nachricht an ihren Vater und König Richard zu senden", sagte er Hauptmann und verbeugte sich pflichtbewusst.

„Verstehe", nickte William und schickte Xander schon vor ins Wirtshaus. „Gibt es sonst etwas, das ich wissen müsste?" Auf einen Schlag war er in einer komplett anderen Welt und er brauchte einen Augenblick, um sich umzustellen.

„Ich kann nicht sagen, dass sonderlich viel passiert ist", sagte der Soldat und runzelte die Stirn. „Weder auf der Reise hierher, noch seitdem wir hier nächtigen. Allerdings sind uns Gerüchte zu Ohren gekommen, für deren Richtigkeit ich allerdings keine Gewähr übernehmen kann."

„Gerüchte welcher Art?", fragte William und ließ sich vom Hauptmann in das Zimmer führen, das seit Tagen für ihn vorbereitet war. All seine Sachen waren ausgepackt und für ihn parat gelegt und er runzelte die Stirn. Gerade im Moment hatte er große Lust, dem Gasthaus den Rücken zu kehren und für alle Zeiten zu verschwinden. Doch wie immer schob er den Gedanken einfach beiseite. „Erzählen Sie mir davon. Ich werde nicht auf deren Richtigkeit pochen."

„Also gut", nickte der Hauptmann. „Wir haben schon am Tag unserer Ankunft eine Nachricht an König Richard geschickt und seine Antwort darauf war mehr als vage. Er nannte uns keinen Termin, an dem wir vorstellig werden sollten und schon das hat uns etwas verwundert. Doch natürlich hat er uns zusätzliche Wachen geschickt. Alles in allem war also alles in bester Ordnung."

„Es hört sich so an", sagte William, dem dieses Drumherumgerede auf die Nerven ging. Ermattet setzte er sich auf das Bett, trat die Stiefel von den Füßen und sah seinen Hauptmann an. „Kommen wir dann bitte jetzt zu den Gerüchten!"

„Selbstverständlich, Euer Hoheit", nickte der Soldat und verbeugte sich wieder. „Es hieß, dass die Prinzessin seit Tagen verschwunden sei. Manche behaupten, sie wäre ausgerissen, was ich natürlich stark bezweifle, denn eine Prinzessin weiß mit ihren Pflichten umzugehen. Andere behaupten, sie wäre sehr krank und man hätte sie deswegen über eine Woche nicht zu Gesicht bekommen. Diese Variante halte ich natürlich für die wahrscheinlichste, auch wenn es natürlich nicht gut ist, dass sie nicht bei bester Gesundheit ist. Und womöglich stimmen beide Geschichten nicht und dieses schreckliche Gerücht ist nur in Umlauf gebracht worden, weil das Volk verunsichert ist."

William nickte nur, hatte aber kurzzeitig das Bild eines bärbeißigen Trolls vor Augen, der sich hustend und niesend in einem Bett herumdrehte. Rasch schüttelte der den Kopf. „Wenn das alles ist, wäre ich gerne alleine. Die Reise war anstrengend und ich könnte eine Ruhepause gut gebrauchen."

„Selbstverständlich, Euer Hoheit", nickte er Hauptmann, verbeugte sich wieder und zog sich zurück.

Kaum war er aus dem Zimmer verschwunden, ließ William sich einfach fallen und starrte an die Holzdecke seines Zimmers. Sein Vater hatte also verlangt, dass ihm sofort eine Nachricht geschickt wurde, sobald er angekommen war. Hatte er erwartet, dass sein Sohn sich vielleicht doch vor seiner Pflicht drücken würde? Doch das konnte er sich nicht vorstellen. Sein Vater kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er niemals so sinnfrei handeln würde. Bestimmt wollte er nur sichergehen, dass er wohlauf war.

Und was war dran an diesen komischen Gerüchten um diese verdammte Prinzessin? Entsprachen sie der Wahrheit, oder waren sie nur Ausgeburten irgendwelcher verrückter Menschen, die eine Verbindung beider Länder verhindern wollten? Doch konnte man mit solchen Aussagen etwas abwenden? Ein Mordkomplott gegen ihn wäre bedeutend wahrscheinlicher. Doch, das wusste er ebenso gut wie jeder Bürger dieses Landes, brachte es rein gar nichts, wenn er sein Leben lassen würde. Nur eine Verbindung beider Völker konnte noch den völligen Verfall aufhalten.

Sein Land steckte voller Rohstoffe, die nur darauf warteten, abgebaut zu werden. Dieses Land konnte mit endlosen Feldern und einer fischreichen Küste aufwarten. Zusammengenommen ein Gebiet, dem die Zukunft offen stand und das reich und mächtig werden konnte. Einzeln gesehen waren beide zum Scheitern verurteilt, denn eins ging ohne das andere nicht.

William setzte sich auf und streifte seine Weste ab. Dann klopfte es leise an der Tür und Xander schob sich in sein Zimmer, noch bevor er „Herein" rufen konnte. „Gott", sagte er und zupfte am Hemdkragen. „Ich vergesse immer, wie schwer diese Umstellung ist", sagte er und schüttelte sich. „Vielleicht sollten wir bei Hofe eine neue Mode einführen. Eine, die genauso einfach und schlicht ist, wie die, die wir auf Reisen tragen."

„Die Kragen nerven", stimmte William ihm zu. „Ansonsten habe ich nichts gegen die weicheren Stoffe. Doch das ist es bestimmt nicht, was du von mir willst", meinte er und sah seinen Freund aufmerksam an. „Und warum überhaupt bist du schon wieder umgezogen? Wir haben alle Zeit der Welt und ich dachte, wir erholen uns ein wenig. In den letzten beiden Tagen haben wir dem Alkohol ein bisschen zu viel Beachtung geschenkt und ich habe das Gefühl, dass er in der Zwischenzeit mein Blut komplett ersetzt hat."

„Geht mir ähnlich", grinste Xander, „allerdings kann ich nicht sagen, dass es mich sonderlich stört." Dann wurde er ernst. „Hör mal… wenn du mich nicht brauchst… hättest du etwas dagegen, wenn ich ein bisschen durch die Stadt streife?"

„Du willst nach Willow Ausschau halten", nickte William verstehend. „Sicher. Aber mein Freund, ich bezweifle, dass dir das Glück dabei hold sein wird. Bedford Castle ist nicht klein und es wäre ein großer Zufall, wenn ausgerechnet sie dir über den Weg läuft."

„Das weiß ich", sagte Xander und zuckte mit den Schultern. „Aber wenn ich es nicht versuche, werde ich mir das nicht verzeihen können."

„Nimm zwei von den Wachen mit", nickte William und hob die Hand, als Xander trotzig etwas erwidern konnte. „Ich weiß, du kannst auf dich aufpassen. Aber sicher ist sicher. Außerdem kann ich auf dich derzeit nicht verzichten. Ich brauche einen guten Freund an meiner Seite." Er nickte ihm zu. „Such dir zwei aus und lass sie Straßenkleidung anziehen. Dann sieht es so aus, als würden drei Freunde die Stadt unsicher machen."

„Wenn es unbedingt sein muss", brummte Xander, doch dann lächelte er. „Drück mir die Daumen, Kumpel. Ich kann jede Hilfe brauchen!"

William sah ihm hinterher, dann gefror das Lächeln auf seinem Gesicht. Xander hatte einfach unverschämtes Glück und konnte seinen Gefühlen folgen. Er selbst leider nicht, denn sonst hätte er sich ihm gewiss ohne zu Zögern angeschlossen. „Schlag sie dir endgültig aus dem Kopf", befahl er sich leise und legte sich zurück auf das Bett. „Konzentriere dich auf die verdammten Aufgaben, die vor dir liegen!"

Teil 14

„Was verschafft mir die Ehre Ihres frühen Besuchs?", fragte William, der gerade sein Frühstück genoss, dass ihm netter Weise auf sein Zimmer gebracht worden war. Seit zwei Tagen waren sie nun in Bedford Castle und bisher war nicht viel passiert. Er hatte sich ausgeruht und die blauen Flecken, die er massenhaft an den verschiedensten Körperstellen hatte, verblassten langsam.

Leider hatte Xander kein Glück gehabt, auch wenn er heute gewiss wieder den ganzen Tag durch die Stadt streifen würde, um nach Willow oder Buffy Ausschau zu halten. Er wandte sich seinem Hauptmann zu, der nervös an seinem Revers nestelte. „Also, was haben Sie mir zu sagen?", forderte er den Mann auf und legte sein Besteck zur Seite.

„Vor wenigen Minuten kam ein Bote des Königs", sagte der Soldat und verbeugte sich. „König Richard hat für morgen Vormittag Ihren Besuch erbeten und… Entschuldigung, Euer Hoheit, aber kennen Sie den Palast vielleicht?"

„Nein", murmelte William, dem schlagartig der Appetit verloren ging. „Warum?"

„Nun, König Richard hat uns genau Informationen hinterlassen, wie und wo er Euer Hoheit empfangen möchte", sagte der Hauptmann nervös. „Das Schloss hat einen recht großen Vorhof, von dem aus eine Treppe hinaufführt, die auf halber Höhe des ersten Stockwerks auf eine große Terrasse führt. Auf eben dieser Terrasse zeigt sich König Richard des Öfteren seinem Volk und von dort aus werden auch Neuigkeiten verbreitet." Er zuckte andeutungsweise mit den Schultern und nickte dann. „Jedenfalls erwartet der König Euere Hoheit morgen Vormittag auf eben dieser Terrasse. Offenbar plant er, Euch direkt seinem Volk vorzustellen." Er machte eine kurze Pause und runzelte die Stirn. „Dazu passen auch die vielen Aktivitäten in der Stadt, die in Windeseile geschmückt wird."

Doch William interessierte nur ein Wort, das der Hauptmann von sich gegeben hatte. „Morgen schon?", fragte er und schob endgültig sein Frühstück von sich. „Dann kann seine Tochter nicht sehr krank sein", brummte er und versuchte, nicht die Augen zu verdrehen.

„Nun, mir macht eher dieser große Platz Sorgen und die offenbare Eile, die der König nun an den Tag legt. Aber der Schlosshof ist das, was mich am meisten beunruhigt", sagte der Hauptmann. „Er ist von jeder Seite frei einsehbar und somit auch leicht angreifbar. Hätte ich geahnt, wie diese erste Begegnung von Statten gehen sollte … dann hätten wir mehr Wachen mitgenommen, die besser für Euer Wohl sorgen können." Er verbeugte sich tief vor William, doch der seufzte nur.

„Darüber mache ich mir keine Gedanken", sagte er, „auch wenn ich Euer Pflichtbewusstsein begrüße", lobte er den Hauptmann, dann schüttelte er den Kopf. „Will mich der König nicht vorher unter vier Augen sprechen?", fragte er verblüfft. „Das wundert mich, gelinde gesagt", sagte William, als der Hauptmann den Köpf schüttelte. „Ich hatte mit harten Verhandlungen gerechnet und vor allem mit…" Er verstummte und dachte an all die kostbaren Brautgeschenke, die seit über einer Woche strengstens bewacht wurden und die mit Bedacht und Sorgfalt gewählt worden waren. Waren König Richard diese Offerten zu unwichtig, oder würde er andere Dinge erwarten, die William nicht mehr ablehnen konnte, wenn er erst einmal seiner zukünftigen Frau gegenüber stand?

Doch was sollte er verlangen? Die Länder sollten eine Verbindung eingehen, die beiden Seiten gleichermaßen nützlich war. Und die Verträge, die König Richard mit seinem Vater ausgehandelt hatte, sorgten dafür, dass keine Seite einen größeren Profit aus dieser Verbindung zog als die andere. William sah seinen Hauptmann an. „Gibt es sonst noch etwas, das ich dazu wissen müsste?"

„Nun", sagte der tapfere Soldat, „soweit ich das verstanden habe, soll Euch bei diesem Treffen auch die Prinzessin das erste Mal begegnen." Er kratze sich ganz ungeniert den Kopf. „Ehrlich gesagt überrascht mich die Art und Weise, wie Euere Hoheit empfangen werden soll und ich kann nur wiederholen, dass sie mir nicht sonderlich zusagt. Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, Euch Leid anzutun und ich bin nicht sicher, ob die wenigen Männer ausreichen, um für Eure Sicherheit zu sorgen."

„Und ich bin mir sicher, dass Ihr Euer bestes geben werdet, um jeden Versuch mir etwas anzutun zu verhindern", sagte William, der das dringende Bedürfnis hatte, alleine zu sein. Sein Magen rumorte und er brauchte eiligst frische Luft. Er wartete, bis sich der Hauptmann zurückgezogen hatte und stürzte dann ans Fenster und riss es auf.

 

                                                                                            *~*~*

 

Xander lief draußen über den Hof und war gerade auf dem Weg zum Pferdestall, als er Williams Stimme hörte und stehen blieb. Er sah sich um, runzelte die Stirn und wollte gerade weiter gehen, als er ihn oben am Fenster erblickte. Sein Freund sah aus, als habe er ein Gespenst gesehen und sofort lenkte er seine Schritte zurück in den Gasthof und eilte die Treppe hinauf. „Um Gottes Willen", rief er. „Bist du krank?"

„So kann man es auch sagen", murmelte William dumpf und schüttelte den Kopf. Dann erzählte er, was er vor wenigen Minuten erfahren hatte und sah dabei zu, wie Xander sich mit versteinertem Gesicht auf sein Bett fallen ließ. „Ja, genauso fühle ich mich auch", sagte William leise. „Völlig erschlagen."

„Scheiße", murrte Xander und vergaß völlig, dass er sich eigentlich wieder auf die Suche nach Willow machen wollte. „König Richard scheint es recht eilig zu haben. Wir sind kaum zwei Tage hier." Er sah William an und verzog das Gesicht. „Scheiße", wiederholte er. „Dann können wir uns heute Abend nicht einmal volllaufen lassen. Es wäre wohl nicht besonders gut, wenn du am Tag der Aufwartung irgendwelche Treppen hinauf torkelst."

„Nicht wirklich", brummte William und seufzte schwer. Dann schüttelte er den Kopf. „Was soll`s. Es ändert im Grunde nichts, beschleunigt die Sache nur und vielleicht ist es gut, wenn ich den Mist endlich hinter mir habe und nicht mehr denken muss."

 

                                                                                         *~*~*

 

Ganz Bedford Castle schien auf den Beinen zu sein, als William sich am nächsten Morgen flankiert von seiner Leibgarde und begleitet von der Kutsche auf den Weg machte. An den Straßenrändern standen Menschen die recht zaghaft mit kleinen Fähnchen schwenkten, die alle sein Wappen zeigten, doch als er sich zu einem Lächeln zwang und hin und wieder winkte, kam Bewegung in die Menge. Die Menschen klatschten, winkten zurück und einige wenige jubelten sogar.

„Das sieht bisher ganz gut aus", sagte Xander, der neben ihm ritt und extrem wachsam war. „Jedenfalls hab ich bisher niemanden gesehen, der dir ganz offensichtlich nach dem Leben trachtet."

„Sollte einer dabei sein, trägt er bestimmt kein Schild um den Hals", sagte William ernst, doch sein Gesicht zierte noch immer ein Lächeln. Dann sah er kurz zu seinem Freund. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie speiübel mir gerade ist."

„In etwa doch", nickte Xander, der sich selbst schon nicht sonderlich wohl fühlte. „Aber je eher du es hinter dir hast, desto besser ist es." Er verzog kurz das Gesicht und wandte sich dann wieder der Menschenmenge zu. Er hatte nicht vergessen, dass König Edward ihm aufgetragen hatte, gut auf seinen Sohn zu achten und gerade hier in der Stadt nahm er diese Aufgabe sehr ernst. Er würde ohne zu zögern sein Leben für Williams geben, hoffte aber schwer, dass das nicht nötig sein würde.

Nach kurzem Ritt durch die Stadt leitete seine Garde William auf den Schlosshof, der mit Menschen voll gestopft war. Der Hof war in seinen Landesfarben geschmückt und auch hier schwenkten die Menschen Fähnchen, doch herrschte eine nervöse Stille und die Anspannung aller Anwesenden war deutlich zu spüren. Der Tross stockte hin und wieder, doch schließlich langte er vor der großen Freitreppe an, die zum Palast hinaufführte. William stieg von seinem Pferd und sah zu König Richard hinauf, der nickte und mit erhobenem Kopf die Treppe langsam hinab schritt.

„Hoffentlich hat die Prinzessin nicht zu viel von ihrem Vater", raunte Xander William leise zu und William nickte unmerklich. König Richard hatte eine imposante Figur. Er war hoch gewachsen und trug einen immensen Bauch vor sich her. In früheren Zeiten war er bestimmt ein tapferer Recke gewesen, der so manchen Gegner durch sein bloßes Antlitz verunsichert hatte und noch immer ging eine gewisse Bedrohlichkeit von ihm aus.

Doch er begrüßte seinen zukünftigen Schwiegersohn überschwänglich und führte ihn unter Fanfarengetöse die Treppe zur Terrasse herauf. Dort stellte er ihm alle wichtigen Minister vor, deren Namen William sofort wieder vergaß, kaum dass der König sie ausgesprochen hatte, und führte ihn dann ans Geländer, um ihn der Menge zu zeigen.

William war nervös, hoffte es jedoch durch ein vages Lächeln überspielen zu können und bemerkte dann, dass er die Menge nach einem bekannten Gesicht absuchte. Sein ganzes Denken beschäftigte sich gerade mit Buffy und er hörte kaum die Worte, die König Richard an seine Untertanen richtete. Überall in der Menge schien ihr Gesicht aufzutauchen, doch es waren nur Trugbilder, die ihn foppten und zum Narren hielten.

Rasch warf er einen Blick nach hinten und sah Xander, der kaum zwei Meter von ihm entfernt stand und die Menge nicht aus den Augen ließ. Er hatte, zusätzlich zu Williams Soldaten, die Aufgabe eines Leibwächters übernommen, doch gerade im Moment wäre es William lieber gewesen, seinen Freund neben sich zu haben. Er befürchtete, sollte er Buffy wirklich entdecken, würde er einfach über die Brüstung springen, sie schnappen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch Xander hielt sich zurück, genauso, wie es von ihm verlangt wurde und William versuchte sich auf die Worte des Königs zu konzentrieren, der gerade darüber sprach, wie wichtig der Friede zwischen beiden Ländern war.

Doch seine Gedanken schweiften schnell wieder ab und wieder ertappte er sich dabei, nach Buffy zu suchen. Zumindest ein letztes Mal hätte er sie gerne gesehen, doch dann fiel ihm ein, dass sie überhaupt nicht wusste, mit wem sie all die Tage unterwegs gewesen war und seine Laune sank ins bodenlose. Warum sollte sie ausgerechnet hier sein?

Dann bemerkte er mit Schrecken, dass Ruhe eingekehrt war und alle Blicke auf ihm ruhten. Er schloss daraus, dass die Menge und auch der König wohl eine Erwiderung der Begrüßung erwarteten und so begann er mit lauter Stimme davon zu sprechen, wie geehrt er sich fühlte, wie wichtig die Verbindung beider Königshäuser war und wie sehr er sich darauf freute, Land und Leute endlich besser kennenzulernen. Er redete und redete und hatte im Grunde keine Ahnung, was er von sich gab. Doch die Menschenmenge auf dem Hof schien damit zufrieden zu sein, denn sie jubelte, als er schließlich verstummte.

„Gut gemacht, Kumpel", raunte Xander plötzlich in sein Ohr und William sah ihn verwirrt an. Er stand vollkommen neben sich und wusste nicht, warum sein Freund sich nun doch zu ihm gesellt hatte, doch dann sah er, dass sich die Minister und anderen Adligen ebenfalls bewegt hatten und nun die Treppe flankierten, die endgültig zum Eingang des Schlosses hinaufführte.

„Dann ist es wohl soweit", murmelte Xander wieder und verließ seinen Platz neben William ebenso schnell wieder wie er gekommen war. Er reihte sich in die Riege der Soldaten ein und nickte seinem Freund aufmunternd zu.

„Dann wird es wohl Zeit, Euch meine Tochter vorzustellen", sagte König Richard und nickte ihm wohlwollend zu. Dann lachte er leise und wandte sich schnell ab.

William wurde angst und bange. Was hatte denn dieses hinterhältige Lachen zu bedeuten? Irgendwie hatte er die Befürchtung, dass an seinen Vorstellungen von einem weiblichen Troll wirklich etwas dran war und der König froh war, seine Tochter unter der Haube zu wissen. Mit bangem Hoffen und wirren Gedanken ließ er sich zum Absatz der Treppe führen, wagte es aber kaum, den Blick zu heben. Sein ganzes Leben endete genau in diesem Moment, da war er sich absolut sicher und er wandte den Kopf in der vagen Hoffnung, vielleicht doch noch Buffy zu erblicken. Doch er musste feststellen, dass er von seinem derzeitigen Standpunkt aus überhaupt keinen Menschen auf dem Hof mehr erkennen konnte.

Dann hörte er, wie weit über ihm eine Tür geöffnet wurde und stellte sich seinem Schicksal. Er hob den Kopf und hoffte, die Angst und die Abscheu wäre nicht zu deutlich in seinem Gesicht zu lesen. Dann lenkte er seinen Blick auf das Geschehen über ihm und wartete.

Jubel brach los, als sich eine Person in der Tür zeigte und William erkannte nur ein bauschiges grünes Kleid. Er sah rasch zu Xander, doch der hatte keinen Blick für ihn übrig. Er starrte wie gebannt nach oben und William schluckte, als er ebenfalls wieder den Blick nach oben richtete und Willow erkannte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Das durfte, konnte einfach nicht wahr sein und wieder suchte er den Blick seines Freundes.

Und Xander sah zu ihm, mit einer Mischung aus Abneigung und tiefer Trauer. Dann seufzte er und ließ kopfschüttelnd die Schultern hängen.


William fühlte mit ihm. Er hatte alles erwartet, das aber nicht und er wusste, Xander würde es nie verwinden können. Ausgerechnet Willow. Weder ihr Name war sonderlich majestätisch, noch ihr Gebaren. Sicher, sie war eine verwöhnte junge Frau, aber eine Prinzessin? Und was war mit den ganzen Geschichten über ihre Tapferkeit? Das konnte nur ein schlechter Witz sein. Willow war sicherlich nicht einmal in der Lage, eigenhändig eine Mücke zu erschlagen. ‚Du musst dich konzentrieren’, dachte er, holte ein letztes Mal tief Luft und riss sich selbst zurück in die Wirklichkeit.

Er brauchte sämtliche Kraft, um wieder die Treppe hinaufzusehen. Willow winkte dem Volk, trat dann aber merkwürdiger Weise zur Seite und machte einer anderen Person hinter ihr platz. Hörbar schluckend nickte William Xander zu, der genau wie er gleich begriffen hatte, dass Willow nicht die Hauptperson war und nun erleichtert lächelte.

Mit schweißnassen Fingern sah William seinen zukünftigen Schwiegervater an, der noch immer ein seltsames Lächeln auf den Lippen hatte. „Meine Tochter, Elisabeth", sagte Richard laut und William wandte sich wieder der Treppe zu.

Es war, als würde der Schlag ihn treffen. Eine schlanke, kleine Person erschien auf der Treppe, eingehüllt in ein rauschendes blaues Kleid, das viel zu mächtig für ihre zierliche Figur schien. Dann sah er hinauf in ihr Gesicht und die Welt um ihn herum begann sich zu drehen. Die Aufregung und die harten vergangenen Tage steckten ihm noch in den Knochen und William fühlte, wie seine Knie weich wurden. Am liebsten hätte er sich an seinem Nebenmann festgehalten, doch es hätte wohl seltsam angemutet, wenn er sich an den König des Landes klammerte, um nicht zusammenzubrechen. „Buffy", murmelte er fassungslos, als sie langsam die Treppe hinab schritt und ihn dabei nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.

„Elisabeth ist mir lieber", lachte König Richard und klopfte ihm so hart auf die Schulter, dass William endgültig einknickte. „Aber ich denke, ihr werdet euch darüber schon einig." Er trat zur Seite und machte Elisabeth platz, die die Treppe hinter sich gelassen hatte und sich lächelnd an Williams Arm hängte.

„Du siehst etwas überrascht aus", raunte sie ihm zu und lachte leise, weil ihm seine Kinnlade heruntergefallen war.

„Wie…", stammelte er hilflos und sah zu Xander, dem die Überraschung ins Gesicht geschrieben stand. Doch eine große Hilfe war sein Freund nicht. Er sah genauso benommen aus, wie er selbst sich fühlte. „Warum…?", krächzte er, räusperte sich und sah Buffy an. „Warum…?"

„Warum ich es dir nicht gesagt habe?", fragte Buffy leise und zwinkerte ihm zu. „Nun, ich wusste auch all die Tage nicht, mit wem ich es in Wirklichkeit zu tun habe und habe auch nur durch Zufall erfahren, wer du wahrhaftig bist", sagte sie und sah zu Willow, die lächelnd auf Xander zuging. „Wir hatten wohl alle ein paar Geheimnisse."

William schluckte schwer, dann sickerte zu ihm durch, was gerade geschehen war und er musste sich schwer zusammennehmen, sie nicht einfach an sich zu reißen und zu küssen. „Aber warum dann diesen Brief?", fragte er leise und dachte an das Schreiben, dass seitdem stets in seiner Tasche steckte. „Es klang wie ein Abschied … für immer … und…"

„Zum einen wollte ich dich überraschen", sagte sie und der Schalk leuchtete in ihren Augen auf, „zum anderen war es nichts als die Wahrheit. Ich werde diesen Kuss niemals vergessen. Er kam so unerwartet und … beruhte nicht auf der Tatsache, dass ich eine Prinzessin bin. Es ging nicht darum, mich zu beeindrucken und auch nicht darum, etwas von mir zu wollen."

„Ich unterbreche euch nur sehr ungern", sagte König Richard und kam lächelnd wieder näher. „Aber das Volk wartet auf euch. Ihr werdet eure Erklärungen auf Später verschieben müssen."

Elisabeth nickte lächelnd und führte William an die Balustrade der Terrasse. Lauter Jubel brach los und beide winkten den Menschen, die jetzt ihre Fähnchen schwenkten und sie hochleben ließen. „Ich wäre jetzt viel lieber mit dir alleine", sagte William, der den Schock endlich überwunden hatte. Sein Herz klopfte wild. Ob vor Freude oder vor Aufregung… das vermochte er nicht zu sagen, doch das war auch unwichtig. Er lächelte Buffy an und sie lächelte zurück.

„Dafür ist später noch Zeit", sagte sie und konnte es nicht lassen, ihn ein wenig zu foppen. „Außerdem sind wir noch nicht verheiratet", sagte sie und biss sich auf die Lippen, als er sie entgeistert anstarrte.

Doch dann lachte William. „Du hast durchaus Recht. Aber das kann mich nicht davon abhalten, dir noch ein paar weitere Erinnerungen zu geben, die du sicherlich auch nie wieder vergessen wirst!" Ohne die Etikette zu verletzen, zog er sie am Arm ein wenig näher an sich heran. „Meinst du, wir müssen noch lange winken?", fragte er dann und strahlte sie an. „Oder haben wir gleich ein paar Minuten für uns?"

„Ich habe meinem Vater alles über unsere Reise erzählt", sagte sie leise, ohne auf seine Frage einzugehen, „deswegen hat er es dir auch so leicht gemacht, hier vorstellig zu werden. Er hat auf weitere Verhandlungen verzichtet, weil ich ihm gesagt habe, dass ich … dass ich mich sehr freuen würde, dich wiederzusehen." Ein leichtes Rot zeigte sich auf ihren Wangen, doch sie senkte den Blick nicht. „Aber mein Vater wäre nicht mein Vater, hätte er nicht ein großes Bankett geplant, dass sich sicherlich über Stunden hinziehen wird. Und am Nachmittag will er dir unbedingt die Stallungen zeigen und was weiß ich nicht noch alles. Seine Planungen sind immer straff durchorganisiert und ich schätze, für die nächsten Tage hat er dich vollkommen mit Beschlag belegt." Dann lächelte sie und zwinkerte ihm zu. „Aber ich denke, für ein paar Erinnerungen werden wir die Zeit finden."