Original
Titel: Das Erwachen des Schmetterlings
Autor: Silentthunder
Inhalt: Märchen…
Altersfreigabe: keine
Teile: 4
Beta: /
Storypic: Indiansummer
Hauptcharakter(e): Angelina/Jakob (Janek)


 

 

                                             Das Erwachen des Schmetterlings    

 

 

  In einer längst vergangenen Zeit, in der Wünsche noch in Erfüllung gingen und Träume noch wahr wurden, lebte eine wunderschöne Prinzessin mit dem wohlklingenden Namen Angelina. Ihr Haar hatte die Farbe von Ebenholz und es fiel ihr in langen sanften Wellen bis auf die Hüfte herab. Ihre grünen Augen schimmerten wie der Seerosenteich im hinteren Garten des Schlosses. Sie hatte ein wunderschönes Lächeln, und wie ihr Vater immer sagte, das wohl hübscheste Stupsnäschen des ganzen Königreiches.

Angelina war gütig, freundlich und stets hilfsbereit. Ihre Untertanen liebten sie sehr. Nie verlangte sie etwas Unmögliches, immer hatte sie ein Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Diener und auch stets ein nettes Wort auf den Lippen.

Sie lebte in einem großen aus hellem Sandstein gebauten Schloss, das von einem breiten Burggraben umgeben war. An einer Seite des Schlosses begann ein dunkler tiefer Wald während der Rest des großen Hauses von Feldern und einem gepflegten Garten umgeben war.

Das Schloss hatte zwei Türmchen deren spitze Dächer im Sonnenlicht silbern funkelten und die großen Fenster der Vorderfront leuchteten jeden Abend bei Sonnenuntergang in den schönsten Rottönen.

Die steinerne Brücke, die den Burggraben überspannte war an beiden Seiten mit Kletterrosen überwuchert.

Als kleines Mädchen hatte sich Angelina jeden Abend in die große gemütliche Schlossküche geschlichen. Dort hatte sie immer auf einer kleinen alten Holzbank gesessen und in die Flammen geschaut.

Der Köchin, die ihr dabei immer zugesehen hatte kam es so vor als hielte sie Zwiesprache mit ihrer verstorbenen Mutter. Und immer hatte die Köchin sie mit den gleichen Worten ins Bett geschickt. Sie rief: „ Auf auf, Prinzeschen, der Sandmann wartet auf dich. Er fliegt schon ganz aufgeregt vor deinem Fenster hin und her.“

Und wie jeden Abend hatte Angelina gelächelt, der Köchin eine gute Nacht gewünscht und war dann geschwind in ihr Schlafgemach gelaufen.

Ihre Mutter, Königin Elena, war gestorben als Angelina vier Jahre alt gewesen war.

Ihr Vater hatte sich jedoch nie wieder eine neue Frau auf das Schloss geholt. König Johann hatte nie wieder heiraten wollen, denn Elena war seine große Liebe gewesen und er trauerte noch immer um sie.

So hatte er seine Tochter alleine aufgezogen und sie mit all der Liebe, die ihm noch geblieben war geradezu überschüttet. Johann war sehr stolz auf seine Tochter, sie glich ihrer Mutter nicht nur aufs Haar sondern sie war auch außerordentlich klug.

 

Eines Tages aber spürte der König, dass sich sein Leben langsam dem Ende näherte und er war froh schon früh einen passenden Gemahl für Angelina ausgewählt zu haben. Allerdings fürchtete er sich ein wenig davor wie seine geliebte Tochter wohl reagieren würde. Er dachte zurück an die Zeit, wie sie als kleines Mädchen immer trotzig mit dem Fuß aufgestampft hatte wenn ihr etwas gegen den Strich ging.

Allerdings hielt sich ihre schlechte Laune nie länger wie ein paar Minuten.

Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht und ihm wurde warm ums Herz vor Stolz.

Angelina war an diesem Abend schon zeitig im Speisesaal. Sie hatte sich nahe an den wärmenden Kamin gestellt denn es wurde um diese Jahreszeit abends schon sehr kalt. Nun aber drehte sie sich herum und schaute auf das Portrait ihrer Mutter, das am anderen Ende des Saales hing.

Wie jedes Mal wenn sie es betrachtete hatte sie das Gefühl, dass ihre Mutter aus dem Bild heraus über sie wachte. Sie fragte sich was ihre Mutter wohl dazu sagen würde, dass sie nun schon fast erwachsen war.

 

Die Prinzessin hatte sich an diesem Abend besonders viel Mühe mit ihrer Garderobe gegeben, da heute der Namenstag ihres Vaters war. Sie trug ein dunkelgrünes, knöchellanges Abendkleid das ihre Augen wundervoll betonte. Es war aus feinster Seide und war überall mit kleinen Smaragden besetzt die die Form von kleinen Schmetterlingen hatten.

Den ganzen Nachmittag hatte Angelina damit verbracht durch den Wald zu streifen und die Pilze zu sammeln, die ihrem Vater am liebsten waren. Sie hatte einen großen Korb davon in die Schlossküche getragen und die Köchin gebeten sie für das Mahl am Abend zu zubereiten.

Die Köchin staunte über den vollen Korb und meinte: „ Prinzeschen, wo ihr die bloß immer findet! Wenn ich den Küchenjungen danach schicke kommt er immer nur mit einer Hand voll Pilzen zurück.“

Angelina hatte geschmunzelt und erwidert:„ Das bleibt mein Geheimnis! Es ist ja meine Aufgabe den König zu verwöhnen.“

Die Köchin hatte ihr zugezwinkert und Angelina war lachend aus der Küche gelaufen.

 

Jetzt stand sie am wärmenden Kamin und lächelte bei dem Gedanken an das glückliche Gesicht ihres Vaters, das er sicherlich machen würde sobald das Essen serviert werden würde. An diesem Abend jedoch war alles anders.

König Johann begrüßte seine Tochter, gab ihr wie gewöhnlich einen Kuss auf die Stirn und doch spürte Angelina, das der König mit seinen Gedanken wo anders weilte.

Sie setzten sich an die lange dunkle Tafel, die mit edlem Porzellan und schweren Kristallbechern eingedeckt war.

Als die Dienerschaft das Mahl servierte, wusste der König natürlich sofort wer für sein Leibgericht gesorgt hatte und er sprach: „ Ach Angelina! Ich danke dir. Womit habe ich eine so liebe Tochter nur verdient?“

Aber ein Lächeln, das sonst immer auf diesen Ausspruch folgte, legte sich diesmal nicht auf sein Gesicht.

Angelina antwortete bescheiden. „ Es macht mir einfach Spaß, dir eine Freude zu bereiten.“

Der Rest des Mahles verlief schweigsam, niemand sprach ein Wort und der Prinzessin wurde angst und bange. So hatte sie ihren Vater nie gesehen. Nachdem sie das Essen beendet hatten setzte sich Johann auf ein mit rotem Samt bezogenes Sofa nahe dem Kamin und bedeutete seiner Tochter, es ihm gleich zu tun. Er blickte zum Portrait seine Ehefrau und das Herz wurde dem König schwer, während er die Hand seiner Tochter in die seine nahm und in ihr liebliches Gesicht blickte. Er bemerkte ihre Nervosität und begann zu sprechen.

Er erzählte ihr vom König des benachbarten Reiches und von dessen Sohn, erwähnte auch welch guten Ruf beiden nachgesagt wurde und als er dann seiner Tochter erklärte, dass sein Leben sich langsam dem Ende zuneigen würde bemerkte er wie ihre Hand, die immer noch in der seinen lag anfing zu zittern. Ihr Vater sah in ihre schönen grünen Augen und erkannte die Tränen die sich in ihnen sammelten.

  Er stand auf, küsste Angelinas Stirn und sagte leise. „ Mein Schatz, du bist noch so jung, gerade mal 17 Jahre alt. Du kannst die Last eines Königreiches nicht alleine tragen, so klug du auch bist.“

Die Prinzessin konnte kaum antworten und stotterte: „Vater! Ich will dich nicht verlieren.“

  Johann zog sie zu sich hoch, drückte sie ganz fest an sich und flüsterte. Ich werde mein Bestes geben um noch lange bei dir zu sein. Aber auch du musst deine Pflicht tun. Für mich und für dein Volk.“

  Angelina konnte nicht antworten. Sie nickte stumm während ihr die Tränen über das ganze Gesicht liefen.

 

In dieser Nacht fanden weder der König noch die Prinzessin viel Schlaf.

Johann stand am Fenster und starrte durch die Dunkelheit hinaus auf den Seerosenteich.

Dorthin war er immer mit seiner Elena gegangen. Sie hatten stundenlang auf der steinernen Bank gesessen, sich unterhalten oder einfach nur zusammen geschwiegen und den Fröschen im Teich zugehört. Er seufzte schwer und fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde bis er seine Elena endlich wieder sehen durfte. Das war etwas woran er fest glaubte. Er und Elena würden die Ewigkeit miteinander verbringen.

Angelina  hingegen lag in ihrem Schlafgemach auf dem Bett und weinte bitterlich. Sie wollte nicht heiraten. Noch nie hatte sie an eine Hochzeit gedacht. Sie kannte den Prinzen nicht, hatte ihn noch nicht einmal gesehen.

Und ihren Vater verlieren wollte sie schon gar nicht. Sie hatte doch schon so früh ihre Mutter verloren.

Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich und sie war völlig verzweifelt. Stunden später schlief die Prinzessin schließlich dennoch erschöpft ein.

 

Die Wochen vergingen wie im Flug und jeden Abend sprach König Johann mit seiner Tochter über die auf sie zukommenden Veränderungen.

  Angelina hatte sich die erste Zeit fast jeden Abend in den Schlaf geweint. Nun aber verstand sie wie wichtig die Angelegenheit für ihren Vater war und sie wusste, dass er eine gute Wahl für sie und das Königreich getroffen hatte. ‚Er hat sich noch nie geirrt’, überlegte sie verzweifelt. ‚Dieses Mal bestimmt auch nicht!’

Jetzt saßen sie zusammen im gemütlich eingerichteten Salon des Schlosses der mit einer filigranen, lindgrünen Satintapete ausgestattet war. Überall hingen wunderschöne Gemälde welche die landschaftliche Umgebung des Schlosses zeigten. Angelinas Lieblingsbild war das des Seerosenteiches im Spätsommer. Der Maler hatte die gesamte Atmosphäre des Teiches und dessen Umgebung wundervoll eingefangen. Das Gemälde war ein Zusammenspiel aus Licht und Farbe und es schien von innen heraus zu leuchten.

  Angelina und ihr Vater saßen auf einem großen, mit schwerem Brokat bezogenen Sofa das farblich genau auf die Satintapeten abgestimmt war.

König Johann erzählte von den Neuigkeiten die ihm heute durch Boten des Nachbarkönigs zu Ohren gekommen waren.

  Sie hatten ihm berichtet, dass der Prinz von seinem Vater den Auftrag hatte sein gesamtes zukünftiges Reich zu bereisen um sich mit dem Volk und dessen Sorgen besser vertraut zu machen. Sobald diese Aufgabe zu einem Ende gekommen sei würde der Prinz ihr seine Aufwartung machen.

  Nun lächelte er seine Tochter an und erklärte: „Ich habe heute Abend gute Nachrichten für dich. Dein zukünftiger Ehemann wird, sobald es ihm seine Pflicht erlaubt, hier vorstellig werden. Spätestens im Frühling wird es soweit sein.“

  Angelina versuchte ein Lächeln doch es wollte ihr einfach nicht gelingen und so erwiderte sie: „ Ich bin schon sehr gespannt auf Prinz Janek und ich freue mich sehr auf seinen Besuch.“

Im Stillen aber hoffte sie, dass der Winter möge endlos werden.

 

Angelina schien es als hätten sich sogar die Jahreszeiten gegen sie verschworen denn in diesem Jahr wurde es schnell kälter. Die Luft roch schon nach Schnee.

Die Felder des Königreiches waren alle abgeerntet und ihr Ertrag war in die große Kornkammer verbracht worden.

Dieses Jahr war für die Bauern der Umgebung sehr ergiebig gewesen. Im Frühjahr hatte es genügend Regen gegeben und auch der Sommer war sehr warm, aber nicht zu trocken verlaufen. Die Obstbäume hatten viele Früchte getragen, manche so viele, dass deren Äste das Gewicht bald nicht mehr tragen konnten und sich bedrohlich dem Boden zugeneigt hatten.

Jetzt aber standen auf den Feldern nur noch die Stoppeln des Getreides und fast alles Obst war geerntet worden.

Die Prinzessin trug nur ein sehr einfaches Kleid und zum Schutz vor der Kälte hatte sie sich einen derben Umhang um die Schultern gelegt.

Sie wollte zusammen mit den Mägden und Knechten die letzten Spätreifen Äpfel pflücken.

Die Knechte hatten die schweren Leitern auf Handkarren in den Schlossgarten gezogen wo die Mägde mit den großen Körben bereits auf sie warteten. Angelina lies es sich nicht nehmen selber auf eine Leiter zu steigen um auch die Äpfel zu pflücken, die ganz oben in den Kronen hingen.

Eine Magd rief ängstlich. „Prinzessin, seid bloß vorsichtig! Oh, ich kann gar nicht hinsehen!“

Angelina lachte und antwortete mit einem Zwinkern: „ Die Äpfel die am weitesten weghängen schmecken aber auch immer am besten.“

Die Arbeit ging zügig voran und bald waren alle Äpfel geerntet. Die großen Körbe waren alle prall gefüllt und die Knechte fuhren sie mit den Handkarren in den Schlosshof, von wo sie in den Vorratskeller gebracht werden sollten.

Angelina war froh das die Arbeit erledigt war denn es würde bald dunkel werden. Sie nahm das kleine Körbchen, das sie extra mitgebracht hatte um noch den Rest der Walnüsse einzusammeln und rief den Mägden zu, die schon auf dem Weg ins Schloss waren. „Sagt der Köchin, dass ihr euch alle nach der harten Arbeit eine Extraportion das Apfelkompotts verdient habt! Ich komme gleich noch zu ihr und bringe die Walnüsse!“

Schnell machte sie sich auf den Weg quer durch die Obstbäume denn der Walnussbaum stand am hinteren Ende des Gartens, fast schon im Wald.

Es wurde schneller dunkel als erwartet und die Prinzessin war froh, dass nicht mehr viele Walnüsse am Boden lagen. Geschwind sammelte sie den Rest ein und wollte sich gerade auf den Weg zurück ins Schloss machen, als sie im Wald hinter sich ein lautes Knacken hörte.

  Sie zuckte zusammen und starrte in den dunklen Wald hinein. Entdecken jedoch konnte sie nichts. Es knackte und krachte immer lauter und ängstlich rief sie: „ Wer ist da?“

  Die Antwort ließ sie schaudern. Es war ein lautes, kehliges Lachen!

 

Teil2

Einen schrecklichen Moment später stürzte ein dunkel gekleideter Mann aus dem Wald heraus, der ein kleines Wägelchen hinter sich her zog.

Angelina wäre beinahe vor Schreck gestürzt, sie strauchelte heftig und ging einige Schritte rückwärts bis der Walnussbaum sie stoppte.

Sie starrte den Fremden erschrocken an und konnte vor Furcht kaum sprechen. ‚Oh mein Gott!’, schrie es in Angelinas Kopf, während ihre Hände sich, hinter ihrem Rücken an den Stamm des Baumes klammerten.

Der Mann sah sie ihr verwegen ins Gesicht, sein Blick wanderte an ihr rauf und runter, dann lachte er und meinte: „Da habe ich ein kleines Bauernmädchen wohl fast zu Tode erschreckt. Keine Angst meine Kleine, ich habe nicht vor dir etwas Böses an zu tun. Ich habe mich nur ein wenig im Wald verlaufen." Noch immer schaute er der Prinzessin ins Gesicht und lachte.

Angelina zitterten noch immer die Beine als sie leise schimpfte: „ Ihr hättet zumindest auf mein Rufen antworten können!", und fast im gleichem Atemzug fragte sie ihn: „ Wer seid ihr und was wollt ihr hier?"

Er sah ihr ins Gesicht, grinste und spottete hämisch. „Welch ein Befehlston in deiner Stimme. Man könnte glauben du wärst daran gewöhnt."

Angelinas Furcht verwandelte sich in rasenden Zorn. Wie konnte er es wagen so herablassend mit ihr zu sprechen? Wer war er überhaupt, dass er dazu ein Anrecht hatte? Dann aber fiel ihr ein, das sie an dem Tag wohl wirklich nicht als Prinzessin zu erkennen war.

Gerade als sie mit einer Schimpftirade seinen Ausspruch beantworten wollte hörte sie eine Stimme die „ Prinzessin! Wo seid ihr?" rief.

Sie erkannte die Stimme des jungen Stallburschen, man hatte ihn sicherlich geschickt um zu sehen, wo sie denn so lange bliebe.

Sie rief ihm entgegen: „ Ich bin noch immer beim Walnussbaum, Franz. Komm bitte her zu mir, wir haben unerwarteten Besuch bekommen."

Das Gesicht des Fremden hatte sich schlagartig verändert.

Er lachte nicht mehr sondern sah sie sehr ernst an, verbeugte sich tief und sagte dann: „ Entschuldigt bitte, Prinzessin. Es tut mir aufrichtig leid. Ich wollte euch nicht beleidigen." Er schaute zu ihr hoch, sah sie als Antwort jedoch nur leicht nicken.

Im gleichen Moment war der Stallbursche auch schon am Walnussbaum angekommen. Er schaute erst auf den Fremden, sah dann Angelina fragend an und wartete offensichtlich darauf, welchen Auftrag sie ihm erteilen würde.

Der Zorn der Prinzessin verblasste ebenso schnell wie er entstanden war, sie war nur sehr froh darüber nicht mehr mit dem Fremden alleine zu sein. Angelina entschied erst einmal in das Schloss zu gehen, denn es war inzwischen viel zu kalt um sich noch länger im Freien aufzuhalten.

Der Fremde murmelte: „ Ich wollte niemanden Umstände machen."

Aber ein Blick auf die Prinzessin sagte ihm, dass ihm wohl nichts anderes übrig bliebe als mit zu kommen.

Der Stallbursche half dem Fremden dabei sein Wägelchen durch die Obstbäume auf den Weg zu ziehen, der hinauf in das Schloss führte.

Auf dem Weg dorthin hatte Angelina wenig Möglichkeit sich den Fremden etwas näher anzusehen. Das einzige was sie erkennen konnte war, das er die typische dunkle Kleidung eines Zimmermannes trug und auf seinem kleinen Wagen lagen unterschiedliche Werkzeuge. Die Prinzessin konnte einen Hammer, Sägen in verschiedener Größe und jede Menge Nägel erkennen.

 

Sie überquerten die Brücke, die über den Burggraben führte und betraten den Innenhof. Sofort wurde das große schwere Tor, das aus schweren Eichenbohlen gezimmert war, hinter ihnen für die Nacht geschlossen.

Angelina bedankte sich bei dem Stallburschen für seine Hilfe und wies ihn an mit dem Fremden in die Schlossküche zu gehen.

In der Obhut der Dienstboten wird der Fremde wohl nichts anstellen können’, dachte sie bei sich. Sie musste jetzt erst einmal ihrem Vater über den unerwarteten Besuch unterrichten.

 

Die Prinzessin lief auf der Suche nach ihrem Vater durch das ganze Schloss. Schließlich fand sie ihn im Salon, am warmen Kamin sitzend vor. Er war völlig in ein Buch vertieft und bemerkte ihr Kommen nicht. Sie ging durch den Raum auf ihn zu, stupste ihn behutsam an der Schulter und spürte sein leichtes Zucken, das durch seinen Körper lief. Er drehte sich um, sah ihr ins Gesicht und musste sofort lachen.

„Mein kleines Mädchen sieht heute aber nicht besonders nach Prinzessin aus, eher wie ein kleiner Schornsteinfeger!", lachte er während er sein Buch zu klappte und es auf das kleine Tischchen legte, das neben seinem Sessel stand.

Angelina schmollte: „ Du bist schon der Zweite der mir das sagt." Und dann erzählte sie König Johann von dem fremden Mann der unten in der Schlossküche saß.

 

Während König Johann sich auf den Weg in die Schlossküche machte lief Angelina hinauf in ihr Schlafgemach. Sie hatte vor sich rasch zu waschen und umzukleiden. Jetzt war sie doch sehr neugierig darauf zu erfahren, was denn der fremde Zimmermann hier auf dem Schloss wollte, wo er her kam und wo hin ihn sein Weg führen sollte.

 

Sie nahm den Wasserkrug von ihrem Waschtisch und goss behände Wasser in die große Waschschüssel.

Ihr Vater hatte ihr von einer seiner letzten Reise eine wunderbar nach Rosen duftende Seife mitgebracht. Angelina mochte deren Rosenduft besonders gerne, was bestimmt auch daran lag das ihre Mutter immer ein solches Parfüm benutzt hatte.

Nachdem ihr Spiegelbild wieder aussah wie das einer jungen hübschen Frau, zog sie sich rasch ein sauberes Kleid über und eilte zur Treppe.

Zu ihrer Verwunderung waren weder König Johann noch der fremde Mann im Raum, als sie die Schlossküche betrat. Als Angelina die Köchin fragend anblickte zeigte diese auf die Tür die zum Hof hinaus führte, drehte sich dann wieder um und rührte mit einem langen Holzlöffel in dem großen Topf der auf dem rußgeschwärztem Herd stand.

Angelina öffnete die Tür und konnte schon von weitem die Stimme ihres Vaters hören, scheinbar waren sie in die große alte Scheune gegangen. Sie überlegte ob der König wohl einen Auftrag für den Zimmermann hatte, denn einige Bohlen waren doch schon arg durchgetreten. Auch die Holzböden, auf denen das Stroh gelagert wurde, waren zum Teil schon sehr morsch.

Als sie der Scheune bis auf einige Schritte näher kam konnte sie hören, das sie wohl Recht mit ihrer Annahme hatte. Sie fragte sich allerdings, wie es sein konnte, dass der König so schnell Vertrauen in den Zimmermann gefasst hatte. Gewöhnlich prüfte und überlegte er sehr lange bevor er jemand Fremdes in seinem Schloss arbeiten lies. ‚Wirklich eigenartig’, schoss es Angelia durch den Kopf.

König Johann bemerkte ihr Eintreten sofort. Er drehte sich zu ihr um und schmunzelte, weil er sofort bemerkte, dass sie nun wieder wie eine Prinzessin aussah. Angelina hatte sich scheinbar nicht nur gewaschen und umgekleidet, sie hatte sich auch Mühe mit ihrer Frisur gegeben. Scheinbar war es ihr nicht besonders Recht gewesen, nicht sofort als Prinzessin erkannt zu werden.

Der Zimmermann verbeugte sich tief vor ihr, was sie jedoch wieder nur mit einem leichten Kopfnicken beantwortete.

Im Licht der Kerze die der Mann trug konnte Angelina sein Gesicht etwas näher betrachten. Er hatte leuchtend hellblaue Augen, eine gerade Nase, hervorstehende Wangenknochen und im flackernden Schein der Kerze sahen seine Haare aus, als hätten sie die Farbe von Honig. Sein Gesicht wirkte sehr freundlich und aus seinen blitzenden Augen strahlte Klugheit.

Die Prinzessin hörte aufmerksam zu, als der Vater berichtete, dass der Zimmermann und er zu einer Übereinkunft gekommen seien. Der Handwerksbursche dürfe den Winter auf dem Schloss verbringen, wenn er im Gegenzug dazu die Reparaturen erledigen würde die König Johann ihm

auftragen würde.

Jetzt aber würden sie zurück in die Schlossküche gehen damit der Zimmermann erst einmal zu essen bekommen würde, er wäre nach seiner langen Wanderschaft bestimmt sehr hungrig. Danach sollte ihm einer der Diener eine Kammer zeigen, die er den Winter über bewohnen könnte.

Der Fremde verbeugte sich erneut und sagte dem König zugewandt: „ Ich danke euch sehr für eure Freundlichkeit. Ihr seid sehr großzügig." Damit wandte er sich ab und wollte aus der Scheune treten.

König Johann allerdings hielt ihn lächelnd zurück. „Nun da Ihr unter meinem Dach wohnt, sollte ich zumindest Euren Namen erfahren."

Erschrocken verbeugte der Zimmermann sich erneut und antwortete sofort. „ Es tut mir aufrichtig leid. Wie konnte ich nur vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Jakob. Jakob Fuchs."

„Nun denn, Jakob Fuchs.", lächelte der König. „Dann macht Euch jetzt auf in die Küche.

 

Die Prinzessin und ihr Vater blieben noch einen Moment in der Scheune. Der König wusste nur zu gut, dass seine hübsche Tochter bestimmt noch einige Fragen an ihn hätte. Er sollte sich nicht getäuscht haben, denn nach dem Geräusch der sich schließenden Küchentür sprudelten ihre Fragen geradezu aus ihr heraus.

Sie wollte wissen wo der Zimmermann herkam, welches Ziel er hatte und wie es sein könnte das ihr Vater ihn so schnell in das Schloss aufgenommen hätte.

Mit einer Handbewegung stoppte König Johann seine Tochter, lächelte bei dem Gedanken daran wie gut er seine Tochter doch kannte und erklärte: „Ich kann es dir nicht genau sagen. Irgendetwas ist in seinen Augen. Er wirkt nicht wie ein einfacher Handwerksmann."

Aber genauer begründen konnte der König Johann seine Annahme nicht.

Angelina die ihrem Vater in Bezug auf seine Menschenkenntnis immer vertraute, hatte dem nichts hinzu zu fügen. Sie dachte im Stillen, das er sich noch in Bezug auf Menschen noch nie geirrt hätte, warum also jetzt?

Sie war bestimmt durch den plötzlichen Auftritt des Mannes noch etwas erschrocken.

 

Abends im Speisesaal unterhielten sich Vater und Tochter wie gewohnt über alles was am Tage geschehen war.

Doch diesmal überraschte ihr Vater sie, als er bemerkte, es wäre langsam an der Zeit sich die Schneiderin ins Schloss kommen zu lassen.

Immerhin würde es einige Zeit dauern bis ein aufwändiges Hochzeitskleid genäht sein würde.

Der Prinzessin wurde es mulmig. Sie hatte gedacht sie könnte den ganzen Winter über ihr Leben noch genießen, ohne sich über ihren zukünftigen Ehemann Gedanken machen zu müssen. Nun aber musste sie sich Wohl oder Übel um ihr Hochzeitskleid kümmern.

Der Apfelkompott, der an diesem Abend zum Nachtisch gereicht worden war, schmeckte auf einen Schlag schal. ‚Es ist so ungerecht’, überlegte Angelina verbittert. ‚Ich will nicht heiraten! Und Jemanden den ich nicht kenne schon gar nicht!’

 

Es schien als hätte König Johann prompt gehandelt, denn drei Tage später fand sich die Schneiderin das erste Mal im Schloss ein. Sie hatte viele verschieden Stoffe, Muster, Bordüren und Spitzen mitgebracht und sie über das gesamte Mobiliar ausgebreitet.

 

Angelina saß mit Madame Debois zusammen im Salon und bewunderte heuchlerisch die große Auswahl an reich verzierten Stoffen, konnte sich jedoch nicht wirklich mit einem anfreunden. Alles in ihr wehrte sich dagegen.

Mit verschiedenen Farbmustern in den Händen trat sie nahe ans Fenster, um sie unter Tageslicht besser sehen zu können.

Durch eine Bewegung vor dem Fenster überrascht, sah sie hinaus und beobachtete wie der Zimmermann lange Bretter über den Hof trug. Die Bretter waren scheinbar schon auf die richtige Länge gebracht worden und mussten jetzt noch abgehobelt werden, bevor sie die morschen Bohlen in der Scheune ersetzten konnten.

Jakob hatte sie ebenfalls bemerkt, er sah zum Fenster und deutete eine leichte Verbeugung an. Die Prinzessin zuckte zusammen, ging einige Schritte zurück bis sie nicht mehr gesehen werden konnte und atmete erleichtert auf. Angelina ging ein kleines Stück nach links um beim nächsten Blick aus dem Fenster hinter dem Vorhang versteckt zu sein. Erneut sah sie aus dem Fenster und schaute dem Zimmermann bei der Arbeit zu. ‚Warum habe ich mich jetzt versteckt?’, wunderte sie sich im Stillen.

Die Stimme der Schneiderin riss sie aus ihren Gedanken.

Madam Debois war sehr aufgeregt, es passierte immerhin nicht oft, dass sie ein Brautkleid für eine Prinzessin nähen durfte.

Ihre gütigen braunen Augen strahlten Angelina an und sie fragte nervös eine Bordüre um den Finger wickelnd: „ Prinzessin, habt ihr schon eine Wahl getroffen?" Dann sah sie auf die Hände der Königstochter und bekundete freudig ihre Zustimmung.

Angelina, völlig überrascht, besah sich den Stoff den sie als obersten in den Händen hielt. Im Grunde war es ihr egal wie das Kleid aussehen würde, aber der Seidenstoff in ihrer Hand war wirklich wunderschön. Er war aus cremefarbener, feinster Seide und war durchwirkt mit kleinen silbernen Rosen.

Madame Debois nahm ihr das Stoffmuster aus den Händen und meinte: „Ihr habt einen vortrefflichen Geschmack, Prinzessin! Das war eine sehr gute Wahl, ich werde ein ganz besonderes Brautkleid für Euch daraus nähen. Das ganze Königreich wird davon sprechen."

Die Prinzessin lächelte und schwärmte täuschend echt: „Euer Ruf eilt Euch voraus. Ich bin überzeugt, dass das Kleid unvergleichlich sein wird." Ihre Gedanken schweiften zu ihren unbekannten Bräutigam und sie schauderte. ‚Bitte, lass den Winter endlos sein!’

Angelina konnte sehen, dass sich die Schneiderin geschmeichelt fühlte. Madame Debois wuselte aufgeregt durch den Salon, suchte ihr Maßband und ihr kleines Schreibheft, um sich die Maße der Prinzessin notieren zu können.

Die Königstochter jedoch dachte an Jakob Fuchs. Niemals in ihrem Leben hatte sie sich versteckt, schon gar nicht vor einem Untertan!

Warum also hatte sie es jetzt getan?

Sie dachte an seine durchdringenden hellblauen Augen die leuchteten wie der Abendstern!

Angelina fragte sich, was dieses merkwürdige Kribbeln in ihrem Bauch wohl zu bedeuten hatte?

 

Teil 3

Über Nacht hatte es heftig geschneit, das gesamte Schloss und all seine Länderein lagen unter einer dichten weißen Schneedecke begraben.

Angelina sah aus dem Fenster ihres Schlafgemaches und konnte am Waldrand eine Herde Rehe sehen, die unter den Obstbäumen die Erde aufwühlten und nach Futter zu suchten. Sie nahm sich vor mit dem Stallburschen zusammen Heu unter die Bäume zu legen, damit auch die Rehe den Winter gut überstehen konnten. Im letzten Sommer war genügend Heu eingefahren worden, sodass sie nicht Gefahr liefen die Tiere des Schlosses hungern zu lassen.

Die Prinzessin kleidete sich an, lief in die Schlossküche hinunter um schnell noch zu frühstücken, bevor sie sich auf den Weg in den Stall machen würde.

Die Köchin schmunzelte beim Eintreten der Prinzessin. Endlich lächelte die Königstochter mal wieder. In letzter Zeit hatte man sie nur noch mit einem sehr ernsten Ausdruck in den Augen gesehen.

Die Köchin sagte: „ Prinzessin! Ich werde Euch Euer Frühstück sofort hinauf in den Speisesaal bringen."

Aber Angelina antwortete mit einem Strahlen im Gesicht: „ Ich habe keinen großen Hunger. Ich werde mir einfach einen Apfel nehmen." Und im gleichen Atemzug fragte sie: „Ich möchte mit dem Stallburschen sprechen, wisst Ihr vielleicht wo er sich im Moment aufhält?"

Ihre Frage wurde mit dem Öffnen der Außentür beantwortet. Der Stallbursche kam, gefolgt von Jakob in die warme Küche. Sie unterhielten sich über die Ausbesserungsarbeiten des Heubodens und scherzten über den überheblichen Rittmeister, dem am Morgen eine große Menge Stroh auf den Kopf gefallen wäre. Die Beiden bemerkten die Prinzessin und verbeugten sich.

Angelinas Bauch begann sofort wieder zu kribbeln als sie in Jakobs aufregenden Augen sah.

Sie wandte sich schnell dem Stallburschen zu und erklärte ihm Ihr Anliegen. „ Franz", sagte die Prinzessin. „Wir haben doch genügend Futter für die Tiere in diesem Jahr. Ich habe mich gefragt, ob wir nicht ein wenig Heu für die Rehe unter die Obstbäume legen könnten?

Der Stallbursche bejahte ihre Frage und erwiderte: „ Ich werde mich gleich darum kümmern Prinzessin."

Angelina bedankte sich und beeilte sich aus der Schlossküche zu kommen, damit sie nicht in Versuchung geraten würde, wieder in den Augen des Zimmermannes zu versinken.

 

Jakob war einigermaßen verwirrt und erkundigte sich bei Franz, ob die Prinzessin sich immer um die Tiere des Waldes sorgen würde. Er hatte noch nie gehört, dass eine Prinzessin sich um so etwas kümmern würde. Der Stallbursche nickte jedoch nur und erwiderte, dass die Königstochter immer das Wohl aller Tiere bedenken würde.

Die Köchin mischte sich aufbrausend in das Gespräch ein, schimpfte und beendete es mit den Worten: „ Die Prinzessin sorgt sich um Mensch und Tier. Sie kümmert sich um alle Bewohner des Schlosses gleichermaßen. Nichts erscheint ihr unwichtig und alle Belange der Dienerschaft nimmt sie sehr ernst. Sie ist stets herzlich und gütig. Ihr werdet niemanden auf diesem Schloss findender sie nicht mag. Und jetzt solltet ihr Beiden euch lieber um eure Arbeit kümmern!"

 

Angelina hingegen war in das Arbeitszimmer ihres Vaters hinauf gegangen. Sie sah dabei zu, wie der König seine täglichen Aufgaben erledigte und wartete geduldig darauf sich mit ihm unterhalten zu können. Sie betrachte ihn aufmerksam uns sah, dass er an diesem Morgen dunkle Ringe unter den Augen hatte. Auch konnte die Königstochter ihn hin und wieder husten hören. Scheinbar hatte er sich erkältet und sie überlegte, hinunter in die Küche zu gehen und der Köchin aufzutragen, einen heilenden Tee für ihren Vater zu brauen.

 

So wie jeden Morgen kümmerte König Johann sich um seine Korrespondenz und verhandelte mit Lieferanten über alle Waren, die für das Schloss und dessen Unterhalt bestellt werden mussten. Im Moment überdachte er auch schon was alles für die Hochzeit Angelinas bestellt

werden musste. Er hoffte immer noch, dass seine Tochter glücklich werden würde, es schien aber nicht so als hätte seine Tochter sich mit der geplanten Hochzeit abgefunden.

Madame Debois hatte sich bitterlich bei ihm beklagt, dass die Prinzessin bei Anproben nie ganz bei der Sache war. Er seufzte lautlos und überlegte ob er den richtigen Weg für seine Tochter gewählt hatte. ‚Oh Elena, ich wünschte du wärst jetzt an meiner Seite!’

„Angelina, ich muss mit dir reden", hatte er schließlich gesagt und sie traurig angesehen. „Du musst mir glauben, ich möchte nicht mit dir schimpfen, aber scheinbar nimmst du die Hochzeit nicht besonders ernst. Du musst begreifen wie wichtig diese Sache für mich und das gesamte Königreich ist!"

Die Prinzessin hatte beschämt genickt und Besserung versprochen. Sie hatten sich lange und ausführlich unterhalten und der König starrte noch lange die Tür an, durch die seine Tochter mit hängenden Schultern entschwunden war.

 

Angelina hingegen fühlte sich beobachtet, Jakob schaute ihr bei allem was sie machte zu. Er beobachtete sie beim Spazieren gehen im Schlossgarten, aber auch wenn sie einfach nur den Innenhof überquerte, nie schien er weit weg zu sein. Einmal hatte die Prinzessin furchtbar lachen müssen. Jakob hatte ihr wie immer nachgeschaut, während er selbst auf dem Weg in die Scheune gewesen war. Auf einem kleinen vereisten Stück des Weges war er ausgerutscht und gegen den Rahmen des Scheunentores geprallt.

Angelina hatte sich noch gerade um eine Hausecke retten können, dann war sie in lautes Lachen ausgebrochen. Aber sie fühlte sich auch sehr geschmeichelt, nie hatte ihr ein Mann eine solche Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Abends in der Küche machten sich die Dienstboten des Schlosses über Jakob lustig. Er hatte eine dicke Beule direkt über dem linken Auge, die in allen Regenbogenfarben schimmerte.

Franz meinte mit einem schiefen Lächeln im Gesicht: „ Vielleicht solltest du das nächste Mal einfach in die Richtung schauen in die du gehst."

Die versammelte Dienerschaft lachte und gluckste noch lauter. Nur die Köchen schaute böse und grummelte: „ Es schickt sich nicht für einen Zimmermann einer Prinzessin schöne Augen zu machen!"

Jakob konnte nicht verhindern, dass sein Gesicht eine dunkelrote Farbe annahm. Sofort versuchte er sich zu verteidigen, aber egal was er für eine Ausrede vorbrachte, die Dienerschaft lachte nur umso lauter. Beschämt und verlegen ging er hinauf in seine Kammer.

 

Angelina saß mit ihrem Vater zusammen im kalten Speisesaal. Obwohl im Kamin ein großes Feuer brannte, reichte die Hitze nicht aus um den großen Saal zu wärmen. Sie hatte sich einen warmen Umhang über die Schultern gelegt, aber sie fröstelte noch immer und ihre Finger wurden blau. Angelina war froh, dass König Johann nach dem Abendessen vorgeschlagen hatte in den Salon zu wechseln.

Dort angekommen setzten sich beide auf ein großes Sofa nahe am Kamin. Die Königstochter sah ihrem Vater ins Gesicht und bemerkte, dass seine Augenringe fast verschwunden waren. Er war aber noch immer sehr blass und sein Husten hatte sich auch nicht sehr verbessert.

Johann stand auf, wanderte ruhelos durch den Salon und überlegte wie er am besten mit seiner Tochter sprechen sollte. Sollte er schimpfen oder sollte er versuchen zu verstehen warum sie sich scheinbar immer noch keinerlei Gedanken um ihre Hochzeit machte. Wieder wurde ihm sein Herz schwer und er wünschte seine Frau wäre nicht so früh verstorben. Sie hätte mit Angelina bedeutend besser über solche Angelegenheiten sprechen können.

Der König blieb direkt vor seiner Tochter stehen, blickte ihr direkt in die Augen und unterdrückte ein Lächeln. So wie es aus sah wusste Angelina sofort, worüber er mit ihr sprechen wollte denn ihr Gesicht wurde sofort ernst.

Die Prinzessin erhob sich ebenfalls, begann ihrerseits mit einer Wanderung durch den Salon und meinte: „ Vater, ich weiß schon was du mir sagen möchtest. Ich werde mir Mühe geben das nächste Mal bei der Anprobe Begeisterung vor zu täuschen. Aber begeistert sein kann ich nicht. Es tut mir Leid und ich verspreche dir, von nun an mein Bestes zu tun um dich stolz zu machen."

Angelinas Wanderung endete am Fenster, sie sah hinaus und bemerkte Jakob. Wie immer spürte er ihren Blick und sah hinauf zu ihr. Beinahe, wirklich nur beinahe hätte sie ihm zu gewunken. ‚Warum könnte ich ihm nur stundenlang in die Augen sehen?’, fragte sie sich irritiert. ‚So etwas ist mir noch nie geschehen.’

 

Am Morgen war eine erneute Anprobe ihres Hochzeitskleides und Madame Debois wirbelte wie immer gutgelaunt durch den Salon. Angelina stand auf einem kleinen Hocker und es wurden letzte kleine Veränderungen am Kleid vorgenommen.

Schließlich stand sie vor dem großen Spiegel, der extra dafür in den Salon getragen worden war. Das Kleid war wirklich traumhaft schön geworden. Es war mit großen Perlen bestickt die wunderbar zu den Eingewebten Rosen passten und es hatte eine wunderschöne lange Schleppe, dessen Saum in Silber eingefasst war.

Sie bedankte sich überschwänglich bei der Schneiderin: „Madame Debois, ihr habt Euch selbst übertroffen! Es ist wunderbar. Ein schöneres Kleid hat es noch nie gegeben."

Die Schneiderin klatschte aufgeregt in die Hände und nickte: „Ja! Da habe ich wirklich gute Arbeit geleistet. Es umschmeichelt Euch und unterstreicht Eure schlanke Gestalt besonders gut."

Die Prinzessin fragte sich im Stillen, ob die Schneiderin wohl glücklich darüber war das ihre Arbeit auf dem Schloss beendet war, sie hätte es ihr nicht verdenken können.

 

Die Königstochter überraschte ihren Vater beim Mittagessen mit einer Liste der Brautjungfern, sie hatte die Mädchen aus den Adelshäusern der Umgebung ausgewählt. König Johann war sehr froh darüber, er umarmte seine Tochter herzlich und sagte ihr, wie sehr er sich darüber freuen würde.

Angelina fühlte sich schrecklich. Jetzt war ihr Vater schon wegen einer Liste froh, sie musste sich in letzter Zeit furchtbar aufgeführt haben und schwor sich Besserung.

 

Das Wetter änderte sich schlagartig. Es war Ende Februar und der Schnee schmolz eben so schnell wie er gekommen war. Der Frühling würde nicht mehr lange auf sich warten lassen und die Prinzessin dachte an ihren zukünftigen Gemahl. Es waren keine besonders schönen Gedanken. Alleine schon der Name Janek warf ihr Schauer über den Rücken. ‚Was für ein schrecklicher Name, da war Jakob doch viel schöner’, überrascht von sich selbst zuckte sie zusammen und schämte sich.

 

In der Schlossküche hingegen war eine große Aufregung ausgebrochen. Die Köchin flitzte aufgeregt hin und her, durchsuchte alle ihre Vorratschränke und fragte sich ob noch alle Zutaten da wären, die sie brauchen würde. Jakob saß mit Franz zusammen am großen Tisch der Schlossküche und war sehr verwundert. So nervös hatte er die Köchin noch nie erleb.

Er wandte sich Franz zu und fragte: „ Was bedeutet der ganze Trubel hier im Schloss? Alles wird geputzt und gewienert, und so aufgeregt habe ich die Köchin noch nie gesehen."

Franz zuckte nur mit den Schultern, kaute weiter an seinem Apfel und meinte: „ Die Prinzessin hat in zwei Tagen Geburtstag. Es ist ihr achtzehnter und er soll etwas ganz Besonderes werden!"

 

Die Prinzessin konnte es nicht fassen. Als sie am Morgen ihres Geburtstages wie üblich die Treppe hinunterlief sah sie die gesamte Dienerschaft am Fuße der Treppe stehen.

Als die Menge Angelina erblickte, stimmte sie sogleich ein Geburtstagsständchen an. Die Dienerschaft sang so laut, dass sogar König Johann seine Arbeit unterbrach und über das Treppengeländer hinunter auf die Menge schaute.

Angelina war tief bewegt, sie konnte die Tränen der Rührung kaum zurück halten und knetete nervös ihre Hände. Als das Lied zu Ende gesungen war schritt die Königstochter, um Fassung ringend, die Treppe bis zum Ende hinunter. Die Menge teilte sich und gab den Blick auf einen Tisch frei, auf dem die größte Torte stand, die Angelina je gesehen hatte. Sie hatte drei Stockwerke, war überzogen mit rosa Zuckerguss und überall mit kleinen Marzipanrosen verziert.

Die Prinzessin hatte große Mühe ihre Stimme unter Kontrolle zu bringen. Sie bedankte sich herzlich und meinte, es wäre an der Zeit die wunderschöne Torte anzuschneiden, damit alle zusammen ihren Geburtstag feiern könnten. Die Dienerschaft jubelte und lies sie hochleben.

Angelina hingegen nahm zwei Stücke Torte und ging hinauf in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Der König lächelte sie an, nahm ihr ein Stück Torte ab und meinte dann: „ So etwas wie eben habe ich noch nie erlebt. Du kannst sehr stolz auf dich sein. Die gesamte Dienerschaft liebt dich." Dann ging er hinüber zu dem großen Schreibtisch, öffnete eine Schublade und überreichte Angelina sein Geschenk.

Es war eine Schmuckschatulle und die Königstochter öffnete sie erwartungsvoll. Eine wunderschön gearbeitete Kette aus Silber, mit eingefassten Perlen und den dazugehörigen Ohrringe blitzten ihr entgegen. Mit den Worten: „Vater, es ist wundervoll", stürzte sie sich in König Johanns Arme.

 

Nachmittags hatte sie sich entschlossen einen kleinen Spaziergang zum Seerosenteich zu machen. Sie war noch immer überwältigt, so einen schönen Geburtstag würde sie bestimmt niemals wieder erleben. Völlig in Gedanken versunken bemerkte sie Jakob nicht, der plötzlich hinter ihr stand.

Der Zimmermann räusperte sich leise und Angelina fuhr erschrocken herum. Sie sah in sein Gesicht und sofort war das Kribbeln in ihrem Bauch wieder da.

Jakob sah verlegen aus, doch er meinte: „ Ich weiß, es schickt sich nicht! Doch ich möchte Euch sehr gerne etwas schenken. In ein paar Tagen werde ich das Schloss verlassen, darum…", er sprach nicht weiter, nickte ihr dann noch einmal zu und ging eilig zurück in den Innenhof.

Angelina war überrascht. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte nicht einmal die Zeit gehabt sich zu bedanken, geschweige denn sich das Geschenk an zu sehen.

Sie betrachtete das kleine Kästchen in ihrer Hand. Es war aus Nussbaum gearbeitet, hatte aber keinerlei auffällige Gravur oder Schnitzerei. Die Prinzessin öffnete es vorsichtig und war augenblicklich überrascht. Der Boden war mit vielen bunten Steinchen ausgelegt die in der Mitte einen wunderschönen Schmetterling bildeten. Je nach Lichteinfall veränderte er seine Farbe und es schien als könnte der Falter sich jeden Moment in die Luft erheben und weg fliegen.

Die Prinzessin schluckte schwer, solch ein außergewöhnliches Geschenk hatte sie noch nie erhalten. ‚Es hat ihm bestimmt viel Mühe gemacht das herzustellen’, überlegte sie verwundert. ‚Wunderschön!’

 

Bevor sie zu Bett ging nahm sie das Kästchen noch einmal in die Hand.

Wieder bewunderte sie die ausgefallene Einlegearbeit. Bei den vielen kleinen Steinchen hatte Jakob bestimmt sehr lange gebraucht es fertig zu stellen. Im flackernden Licht der Kerze sah es aus, als ob der Schmetterling mit seinen Flügeln schlagen würde um sich den nächsten Moment in die Luft zu erheben.

Am nächsten Tag wollte Angelina sich bei Jakob dafür bedanken.

Sie hatte jedoch kein Glück, der Zimmermann war bereits in den frühen Morgenstunden weiter gezogen. Er hatte all seine Arbeiten im Schloss beendet und da auch der Frühling Einzug hielt, hatte es keinen Grund mehr für ihn gegeben noch länger im Schloss zu verweilen.

Angelina spürte eine große Verzweifelung und tiefe Trauer. Nie würde sie ihn wieder sehen, niemals würde sie sich für das schöne Kästchen bedanken können und niemals wieder würde sie diese wunderschönen blauen Augen leuchten sehen.

 

Teil 4

Der Schnee war noch nicht völlig geschmolzen, doch die Sonne stand hoch am Himmel und warf ihre ersten, wohlig wärmenden Strahlen auf die Erde. Krokusse, Schneeglöckchen und die frühen Tulpensorten standen bereits in voller Blüte.

Je wärmer es wurde desto mehr fror Angelina. Sie wusste, es würde nicht mehr lange dauern bis König Ludwig mit seinem Sohn vorstellig wurde. Im Schloss war bereits alles für ihren Besuch vorbereitet worden. Die Gästezimmer waren hergerichtet und das ganze Schloss war geputzt und gewienert worden.

 

Die Prinzessin verbrachte viel Zeit im Schlossgarten, wandelte um den Seerosenteich und schien immer tief in Gedanken versunken. König Johann sah sie immer wenn er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers blickte. Er konnte seiner Tochter nach fühlen, aber helfen konnte er ihr nicht. Wieder wünschte er, Elena könnte Angelina jetzt zur Seite stehen. Seine geliebte Frau hätte bestimmt Rat gewusst. Elena war sehr feinfühlig gewesen. Sie hatte immer sofort bemerkt wenn er sich Sorgen machte, stets hatte sie ihm aufmerksam zu gehört und oft war König Johann ihr guter Rat lieb und teuer gewesen.

Am Morgen waren Boten König Ludwigs angekommen. Sie hatten ihm mitgeteilt, dass der König sich mit seinem Gefolge auf den Weg hierher gemacht hatte.

Nach dem Mittagessen würde Johann seiner Tochter Wohl oder Übel die Neuigkeit berichten müssen. In spätestens zwei Tagen würde ihr zukünftiger Gemahl eintreffen. König Johann musste feststellen, dass er nervös war, er wünschte sich immer noch Angelina würde die Nachricht freudig begrüßen. Im Stillen aber wusste er, das dem nicht so sein würde.

 

Die Prinzessin hatte nicht viel gegessen, eigentlich hatte sie die Speisen nur auf ihrem Teller hin und her geschoben. Sie dachte an Jakobs Augen und daran, dass sie niemals wieder hinein sehen konnte. ‚Ich weiß ich darf es eigentlich nicht’, überlegte sie traurig. ‚Aber ich vermisse ihn furchtbar.’

Das Mahl war schweigsam verlaufen, auch ihr Vater schien nicht in der Stimmung zu sein viel zu erzählen. Nun aber schob er seinen schweren Stuhl zurück, räusperte sich und erklärte: „ Angelina, heute morgen waren Boten König Ludwigs hier. Er und Prinz Janek werden übermorgen hier eintreffen."

Die Prinzessin wirkte völlig überrascht. Ein krampfhafter Versuch eines Lächelns legte sich auf ihr Gesicht und sie erwiderte mühsam: „Ich danke dir Vater für diese erfreuliche Nachricht. Wenn du nichts dagegen hast würde ich mich jetzt gerne zurückziehen."

König Johann sah die Tränen, die in den Augen seiner Tochter standen und nickte ihr sanft zu. ‚Meine arme Kleine, es tut mir so leid.’

 

Die Prinzessin fand Zuflucht in ihrem Schlafgemach. Sie warf sich auf ihr Bett und konnte die Tränen schließlich nicht mehr zurückhalten. Sie fürchtete sich schrecklich. Sie kannte Prinz Janek nicht, sie wusste nur dass er einen guten Ruf als zukünftiger Herrscher hatte. Aber war er deshalb auch ein netter Mensch? Ihr war nur bekannt, dass er 24 Jahre alt war. Der Prinz war somit ungefähr in Jakobs Alter. Erneut traten Tränen in ihre Augen und sie griff nach dem Kästchen, das auf ihrem Nachttischen stand.

 

 

Zwei Tage später waren am frühen Morgen erneut Boten da gewesen, um die Ankunft König Ludwigs und seines Gefolges an zu kündigen.

Die Prinzessin hatte sich viel Mühe mit ihrer Garderobe gegeben, denn sie wollte ihren Vater nicht enttäuschen. Angelina trug ein dunkelrotes, langes Kleid mit einer aufwändigen schwarzen Spitze an Kragen und Handgelenken. Ihre Haare trug sie aufwendig hochgesteckt, mit vielen eingeflochtenen Perlen darin.

Nun stand sie aufgeregt neben ihrem Vater im Innenhof des Schlosses, bereit den königlichen Besuch zu empfangen. König Johann nahm die Hand seiner Tochter in die seine, blickte in ihre Augen und flüsterte: „ Ich bin sehr stolz auf dich Angelina. Es wird bestimmt alles gut werden."

 

Es dauerte nicht lange und die Kutsche König Ludwigs rollte über die Brücke hinein in den Innenhof.

Die Prinzessin war nervös und sie hatte große Mühe ihre Hände unter Kontrolle zu halten.

König Johann schritt auf die Kutsche zu und wartete, dass seine Gäste ausstiegen. Die Kutschentür öffnete sich langsam und der König schritt behände die kleine Treppe hinunter, er war hoch aufgewaschen und sehr stämmig, hatte weißblondes Haar und einen weißen, rauschenden Bart. Er lächelte König Johann und Angelina freundlich an, drehte sich zur Kutsche, blickte in das Innere und wartete scheinbar darauf, dass der Prinz es ihm gleichtat.

Angelina wurde immer nervöser. Was wenn Prinz Janek nun genauso stämmig war. Sie mochte gar nicht darüber nachdenken. Würde sie es schaffen ihn an zu lächeln? Sie schaute gebannt auf die Kutsche und zitterte dabei wie Espenlaub.

König Johann hatte scheinbar schon einen Blick auf den Prinzen geworfen. Nun stand er stocksteif da und starrte in die Kutsche. Die Prinzessin war auf das Schlimmste gefasst, doch als der Prinz ausstieg und sie ihm ins Gesicht geblickt hatte konnte sie nur noch eines, laufen!

Wie ein Wirbelwind drehte Angelina sich um und rannte hinaus aus dem Schlosshof.

König Johann hingegen starrte noch immer auf den Prinzen und alles was er hervor brachte war: „ Wie…? Wie?.."

Dann aber sprach Ludwig seinen Sohn lächelnd an und meinte: „ Nun lauf schon, ich werde es deinem zukünftigen Schwiegervater schon erklären." Janek tat wie ihm geheißen und eilte der Prinzessin geschwind hinterher.

 

Ludwig klopfte Johann freundlich auf die Schulter, strahlte ihn an und fragte: „ Bekommt ein König hier im Hause auch etwas Gutes zu trinken?"

Und König Johann, immer noch verstört erklärte: „ Aber selbstverständlich mein Freund, aber nur wenn du mir dann die Sachlage erklärst."

Im Salon angekommen, erzählte König Ludwig lachend seine Geschichte.

Der Prinz war gar nicht begeistert gewesen eine ihm völlig unbekannte Prinzessin zu heiraten zu müssen und hatte sich schlicht geweigert.

Janek hatte geschimpft und darauf bestanden sich seine zukünftige Gemahlin selbst aus zu suchen. Da dies aber nicht möglich war hatte König Ludwig einen Plan ausgeheckt. Janek war immer schon sehr bewandert im Umgang mit Holz gewesen, warum also sollte er sich nicht als Zimmermann verkleidet seine Braut ansehen?

König Johann hatte seine Sprache wieder gefunden und lachte aus vollem Halse, allerdings war er doch sehr auf Angelinas Reaktion gespannt. ‚Ich denke nicht, das sie es ihm sehr leicht machen wird’, grübelte er.

 

In Janek machte sich Verzweifelung breit, er hatte zuerst am Seerosenteich nach der Prinzessin gesucht, allerdings ohne großen Erfolg. Danach hatte er den weitläufigen Garten hinter dem Schloss gründlich durchsucht, aber auch da war sie nicht auffindbar gewesen. Er überlegte

hin und her. Wo konnte sie nur stecken? Der Prinz hoffte sie war nicht in den Wald gelaufen, denn dort würde er sie niemals finden. Sie kannte den Wald bedeutend besser als er und dort bestimmt auch viele Verstecke. Janek fiel der alte Wallnussbaum ein, sollte sie sich vielleicht da hin geflüchtet haben? ‚Das kann nicht sein, oder?’

 

Angelina war völlig aufgelöst, ihr ganzer Körper zitterte und sie konnte nicht aufhören zu weinen. War es wirklich Jakob gewesen der aus der Kutsche gestiegen war? Oder war es nur ein Traum gewesen? Was würde ihr Vater sagen? König Johann war bestimmt sehr enttäuscht von ihr. Ihre Gedanken überschlugen sich, alles wirbelte wild durcheinander.

Dann fühlte sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter, sie hörte Jakobs Stimme die beruhigend auf sie einsprach. Er war es also wirklich! Es war kein Traum gewesen!

Die Prinzessin wurde von einer plötzlichen Wut übermannt. Sie sprang auf, wischte sich energisch die Tränen aus den Augen und fauchte ihn an: „Wie könnt Ihr es wagen mir so etwas an zu tun?"

Sie schimpfte wie ein Rohrspatz und für Janek wurde es immer schwerer ihr zu folgen. Der einzige Satz den er noch verstanden hatte, war ein leises: „ Ich konnte mich nicht mal bedanken."

Dann hatte Angelina ihr Kleid gerafft und war wie der Blitz hinauf ins Schloss gelaufen.

 

Prinz Janek schaute ihr hinterher und fragte sich was er jetzt tun sollte. So schwer hatte er sich ihr Wiedersehen nicht vorgestellt. Er würde seinen Vater aufsuchen und ihn um Rat fragen.

König Ludwig saß auf einem bequemen Sofa im Salon während König Johann es sich in einem Sessel gemütlich gemacht hatte. Sie hatten inzwischen herzlich über die ganze Angelegenheit gelacht.

Beide schauten jetzt allerdings einem verzweifelten Prinzen ins Gesicht, der in den Raum trat.

König Johan stellte fest: „Ihr habt die Prinzessin also nicht gefunden?"

Und Janek antwortete: „ Nun, gefunden habe ich sie. Allerdings war sie nicht sehr erfreut mich zu sehen."

Der Prinz sah sehr niedergeschlagen aus. Johann meinte, Janek solle seiner Tochter etwas Zeit geben, sie würde sich sicherlich beruhigen. Der Prinz erklärte jedoch traurig: „ Aber sehen will sie mich bestimmt nicht."

 

 

Angelina lag auf ihrem Bett und hielt das kleine Kästchen in der Hand. Sie hatte es geöffnet und bewegte es nun im Sonnenlicht hin und her. Immer noch verwunderte es sie, wie so einfache kleine Steinchen so wunderbar schimmern konnten.

Sie hatte sich wieder beruhigt, sie weinte nicht mehr aber ihre Gedanken waren noch immer sehr durcheinander. Sie dachte an Jakob, oder besser gesagt an Janek. Warum nur hatte er sich als verkleidet?

Es klopfte an ihrer Tür und laut rief sie: „Herein, wenn es kein Zimmermann ist!

Ihr Vater betrat ihr Gemach und schmunzelte: „Scheinbar hast du deinen Humor wieder gefunden."

Angelina sprang auf und warf sich in seine Arme: „Vater es tut mir leid, das ich weggelaufen bin!"

Aber der König beruhigte sie: „ Ich war auch sehr überrascht unseren Zimmermann zu sehen. Ich sollte dir wohl erklären wie es zu dieser ganzen Geschichte kam."

Angelina setzte sich zurück auf das Bett und lauschte gespannt den erklärenden Worten des Vaters.

„Eins musst du noch wissen!" meinte der König schließlich. „ Der Prinz wirkt zutiefst betrübt. Du solltest ihm jedenfalls die die Möglichkeit geben dir alles zu erklären."

Als Antwort nickte Angelina nur zustimmend.

 

Das Mittagessen würde bald serviert werden. Beide Könige und der Prinz hatten bereits an der festlich gedeckten Tafel festlich genommen. Niemand rechnete mit dem Erscheinen der Prinzessin, umso mehr waren alle drei überrascht als Angelina zur Tür herein kam. Sie schritt hoch erhobenen Hauptes auf ihren Platz zu und nickte den drei Herren zur Begrüßung kurz entgegen.

König Johanns Brust platzte fast vor Stolz. Angelina hatte sich vollkommen gefangen, in ihrem Gesicht war kein Zeichen des überstandenen Sturms mehr zu sehen. ‚Das ist meine Tochter! Ganz die Mutter!’

 

Die Gespräche bei Tisch kamen nur sehr langsam in Schwung. Immer wieder bemerkten Johann und Ludwig wie ihre Kinder sich verstohlene Blicke zuwarfen. Allerdings sprachen Angelina und Janek nicht miteinander, immer sprachen sie einen der Väter an. Für Johann war es sichtlich schwer nicht in lautes Gelächter aus zu brechen und die bösen Blicke, die seine Tochter ihm immer mal wieder zu warf machten die Sache nicht einfacher.

König Ludwig klärte die ganze Sache, als er nach dem Essen verkündete: „So Johann, jetzt gehen wir beide mal in den Salon und genehmigen uns ein Gläschen Likör. Die Kinder haben sicherlich noch so einiges zu besprechen!"

 

Angelina und der Prinz saßen sich gegenüber und wussten nicht was sie sagen sollten. Betretenes Schweigen machte sich breit, bis plötzlich beide gleichzeitig anfingen zu sprechen.

Die Prinzessin musste lachen und lies Janek den Vortritt. Der Prinz erhob sich, ging um die große Tafel herum, blieb dann neben der Königstochter stehen und nahm ihre Hand.

„Angelina, es tut mir so Leid, ich wusste nicht wie ich es dir hätte sagen sollten. Hättest du mir überhaupt geglaubt?"

Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er hätte sich gleich beim ersten Treffen unter dem Walnussbaum in sie verliebt obwohl er nicht mal gewusst hatte wer sie war. Ihre grünen Augen hatten ihn sofort in ihren Bann gezogen. Als er dann erfuhr wer sie war wäre er der glücklichste Mann des Königreiches gewesen.

Angelina gestand ihm, dass es ihr ebenso ergangen war und sie sich heftig für ihre Gefühle geschämt hatte.

 

Sie lachte und meinte: „ Jakob, ich habe mich nie für das Kästchen bedanken können. Es ist das schönste Geschenk das ich je bekommen habe."

Der Prinz erwiderte lächelnd: „Mein Name ist Janek!"

Doch Angelina schmunzelte: „Für mich wirst du immer Jakob bleiben."

Der Prinz zog sie zu sich hoch und schaute ihr fragend ins Gesicht. Da er jedoch keine Ablehnung erkennen konnte wagte er es sich seiner zukünftigen Frau einen ersten, sehr vorsichtigen Kuss zu geben den Angelina allerdings sofort heftig erwiderte.

 

Zwei Monate später feierten sie Hochzeit.

Angelina war in ihrem Brautkleid die Treppe herunter geschritten während ihr Vater unten an der Treppe auf sie wartete.

König Johann bestaunte seine wunderschöne Tochter: „ Angelina, du bist ebenso schön wie es deine Mutter war. Ich wünsche dir viel Glück in deinem Leben!"

Die Prinzessin dankte ihm, nahm seine Hand und lies sich von Ihrem Vater zum Traualtar führen.

Janek hatte ihr auf dem Weg dorthin von weitem zugezwinkert und wieder einmal war sie in seinen wunderschönen blauen Augen versunken.

Angelina war sich sicher, sie würde ein wunderschönes, erfülltes und sehr glückliches Leben führen.

 

Ende