
Burning Fear
Die frische Luft tat gut, weckte ihre müden Lebensgeister und sie streckte sich nach dem langen Flug, den sie eingepfercht in eine enge Sitzreihe hinter sich gebracht hatte. Die Maschine nach Colorado Springs war nahezu ausgebucht gewesen und sie hatte die letzten zwei Stunden neben einer recht beleibten Dame gesessen, die die ganze Zeit über ihren Strickmustern gebrütet hatte.
„Mein Davie ist ein ganz besonderer kleiner Racker", hatte sie Buffy lächelnd erklärt, als wieder einmal eins ihrer unzähligen Wollknäuel das Weite suchte und sie versuchte danach zu angeln, ohne sich komplett auf ihre Sitznachbarin zu stützen. „Mein erstes Enkelkind. Und natürlich braucht ein so vorwitziges Kerlchen einen ganz speziellen Pullover."
Buffy hatte höflich genickt und zugestimmt, wann immer sie es in der darauf folgenden Unterhaltung für nötig erachtet hatte. Aber in Gedanken war sie meilenweit entfernt gewesen.
Sie hatte es geschafft! Sie hatte ihr altes Leben hinter sich gelassen und konnte nun einen Neuanfang wagen. Unbewusst schüttelte sie sich, als sie an den Mann dachte, der die Schuld daran trug, dass sie alle Brücken hinter sich niedergerissen hatte. Tom Livingston.
Schon der Name warf ihr eisig kalte Schauer über den Rücken und sie schluckte schwer, und musste sich wieder daran erinnern, dass das alles hinter ihr lag. Tom Livingston! Was für ein widerlicher Scheißkerl. Und dabei hatte sie ihn als nett empfunden, damals, als sie die Stelle als Anwaltsgehilfin bei der Topkanzlei der Stadt angenommen hatte. Er war knapp über dreißig, dunkelhaarig, charismatisch und anscheinend immer gutgelaunt. Stets war er höflich und benahm sich wie ein Mensch mit hervorragenden Manieren. Jedenfalls war es das, was er Menschen glauben machte. Sein wahres, abartiges Wesen zeigte sich erst, wenn man genauer hinsah. Buchstäblich so war es bei ihr gewesen. Sie hatte seine Anmachen ignoriert und höflich, wenn auch sehr entschieden, all seine Einladungen abgelehnt.
Zuerst war er sauer, eingeschnappt gewesen, dann hatte er seine Bemühungen verdoppelt. Jeden Morgen stand eine frische rote Rose auf ihrem Schreibtisch, er überschüttete sie mit kleinen Geschenken und als das ganze Büro über sie klatschte und sich das Maul zerriss, hatte es Buffy gereicht. Sogar Wetten waren darauf abgeschlossen worden, wann sie seinem Werben endlich nachgab und sie hatte überreagiert.
Wenn sie jetzt, mit einigem Abstand, darüber nachdachte, dann hatte sie wahrscheinlich falsch und überhastet reagiert, aber ihr war der Kragen geplatzt und sie hatte all seine Geschenke in einen Karton geworfen und war in sein Büro gestürmt.
Die ganze Kanzlei, herunter bis zum kleinsten Büroboten, hatte mitbekommen, wie sie ihm die Meinung gesagt und ihm erklärt hatte, wo er sich seine Geschenke und Blumen hinstecken könnte.
„Das war nicht besonders schlau", murmelte sie leise und wuchtete ihr Gepäck
in den Kofferraum ihres Leihwagens. „Ganz und gar nicht clever."
Sie hatte seine Ehre verletzt, sein übermäßig großes Ego angegriffen und ihn vor
versammelter Mannschaft bloßgestellt. Andere Männer hätten sie dafür gehasst,
dafür gesorgt, dass sie ihren Job verlor… nicht aber Tom Livingston.
Als wäre nie etwas passiert, stand weiterhin jeden Morgen eine frische Rose auf ihrem Schreibtisch und auch die Geschenke blieben nicht aus. Aber das reichte dem Drecksack nicht. Von dem Zeitpunkt aus hatte er ihr nachgestellt, sie terrorisiert und verfolgt. Er war praktisch überall gewesen. Zur gleichen Zeit im Fitnesscenter, im Supermarkt und sogar beim Friseur. Er benutzte den gleichen Bus, obwohl er in einem völlig anderen Stadtteil wohnte und zudem eine große Limousine sein Eigen nannte, aß im gleichen Restaurant und ging im selben Park joggen wie sie.
Seinen Kollegen erzählte er von wilden Liebesnächten, die er mit ihr verbracht hatte und obwohl eigentlich jeder wusste, dass es nicht der Wahrheit entsprach, spürte sie doch die brennenden Blicke ihrer Kollegen und jeden Tag war es schwerer geworden, gutgelaunt ihre Arbeit zu verrichten oder auch nur die gute Laune vorzuspielen.
Das Schlimme daran war gewesen, dass sie nichts gegen ihn unternehmen konnte. Er sorgte dafür, dass seine Aufdringlichkeit nicht zu offensichtlich wurde, stets blieb er innerhalb der Gesetze und alle Außenstehenden hätten höchstens aussagen können, dass er sich sehr um sie bemühte. Doch es war weit mehr als das. Tom Livingston war ein Psychopath, ein gerissener Irrer, der genau wusste, wie weit er gehen konnte. Immerhin war das Gesetz sein Beruf und er war clever … sehr clever.
Als aber dann die ersten Briefe eintrudelten, reichte es ihr endgültig. Sie hatte versucht stark zu sein, sich nicht von ihm fertigmachen zu lassen, aber es war einfach zu viel. Du gehörst mir, nur mir! Ganze Papierseiten mit immer dem gleichen Satz. Natürlich niemals handschriftlich oder unterschrieben. Dafür war er zu schlau.
Buffy hatte Knall auf Fall gekündigt, ihre kleine möblierte Wohnung gekündigt und war aus der Stadt verschwunden. Oft genug hatte sie mitbekommen, wie solche Fälle oft endeten und sie hatte Angst, einer dieser hilflosen Frauen zu werden, die sich nicht mehr aus dem Haus trauten oder noch Schlimmeres.
„Aber jetzt bist du hier", rief sie sich zur Ordnung und atmete tief die kalte, klare Luft ein. „Du hast das alles hinter dir gelassen und beginnst ganz von vorne." Ein letztes Mal warf sie einen Blick auf die grandiose Landschaft um sich herum, dann stieg sie in ihren Leihwagen und fuhr ihrem neuen Leben entgegen.
*~*~*
Sie hatte sich einen Urlaub gegönnt. Wie lang er andauern würde, konnte sie noch frei entscheiden, denn bisher hatte sie noch keine Pläne für ein neues Leben. Sie wusste nicht einmal, in welcher Stadt sie irgendwann landen würde. Doch dafür war diese Auszeit da. Sie würde sich erholen, versuchen, die schrecklichen Geschehnisse zu vergessen und sich dann überlegen, was sie überhaupt wollte. Nach all den Strapazen hatte sie hatte sie diese Pause verdient und nur eine Person wusste, wo sie abgeblieben war. Ihre Nachbarin, Sarah, mit der sie sich schnell angefreundet hatte. Aber sonst niemand. Weder Mr. Holland, ihr ehemaliger Chef, noch sonst wer. Sie wollte Ruhe und brauchte eine Weile, um mit dem Thema abzuschließen.
Ein kleiner lauschiger Ort inmitten eines riesigen Skigebiets war ihr Ziel. Er lag recht abgeschieden von den großen Wintersportzentren, aber das war ihr nur recht. Je mehr Ruhe sie hatte, desto besser war es für sie. Sie hatte eine der urigen Blockhütten des Magic Mountain Resorts gemietet und würde sich alle Zeit der Welt nehmen, um mit sich und der Welt wieder ins Reine zu kommen.
Buffy fühlte sich großartig, wie schon lange nicht mehr. Nur ihr Leihwagen machte ihr Sorgen. Der Motor schnurrte wie ein Kätzchen, aber aus den Lüftungsschlitzen der Heizung wollte keine warme Luft strömen. Ihre Finger waren blau, taten bei jeder Berührung weh und ihre Füße hatte sie das letzte Mal vor dem Flughafengebäude gespürt.
Auch das Fahren auf den verschneiten Straßen war kein Zuckerschlecken für jemanden, der das warme wohlige Wetter Südkaliforniens gewohnt war und sie musste sich eingestehen, dass sie wohl oder übel eine Pause einlegen musste. Als dann die ersten Werbeschilder für ein kleines Diner am Straßenrand auftauchten, freute sie sich wie ein kleines Kind.
Wahrscheinlich war es keine gute Idee, eine Rast einzulegen, denn der
Wetterbericht versprach eine Menge Neuschnee. Aber sie hatte noch gut zwanzig
Meilen vor sich und sie fror erbärmlich.
„Nur einen Kaffee", murmelte sie, setzte den Blinker und bog auf den Parkplatz
des Diners ein. „Nur einen klitzekleinen Kaffee."
*~*~*
Die majestätischen Berge Colorados wirkten ein wenig beklemmend auf sie, auch wenn sie durch den vielen Schnee wie in Puderzucker getaucht aussahen. Alles in allem war es eine exzellente Aussicht, die sie durch das halb zugefrorene Fenster des Diners hatte. Nur die dicken grauen Wolken machten ihr Sorgen und sie seufzte leise, während sie ihren Kaffee trank.
„Nur noch fünf Minuten", murmelte sie und streckte die Füße aus, sodass sie unter der Heizung standen und Wärme tanken konnten.
„Soll ich noch einmal nachschenken, Miss?" Eine gelangweilt dreinblickende Kellnerin stand plötzlich neben ihr und kaute geräuschvoll auf einem Kaugummi.
„Ja, sehr gerne", sagte Buffy und ließ sich ihren Becher wieder auffüllen. ‚Okay, dann eben noch fünf Minuten länger’, dachte sie schuldbewusst, doch dann schüttelte sie den Kopf. Sie hatte alle Zeit der Welt, keine Termine, nichts was sie zur Eile drängte. „Außer vielleicht das Wetter", überlegte sie laut und sah wieder nach draußen auf die dunklen Wolkenberge, die sich zu wahren Monstern auftürmten.
Sie vertrödelte ihre Zeit, dachte an ihre alten Freunde und überlegte, ob sie sich vielleicht Sorgen machten. Doch wahrscheinlich waren sie alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass ihr Weggehen überhaupt schon aufgefallen war. Im Grunde war sie nicht mal böse darüber. Ihre Zeit in L.A. hatte hauptsächlich aus Arbeit bestanden und für richtige, ernste Freundschaften war kein Platz gewesen.
Aber das alles lag jetzt in ihrer Hand. Von nun an würde sie nicht nur arbeiten, das hatte sie sich fest vorgenommen. Ihr neues Leben würde anders werden. Vielleicht würde sie sogar ihren Beruf an den Nagel hängen. Immerhin war sie erst sechsundzwanzig Jahre alt und die ganze Welt stand ihr offen. Sie musste nur zugreifen, wenn sich etwas Gutes bot.
*~*~*
Nur widerwillig kletterte sie eine halbe Stunde später wieder in ihren Leihwagen. Es war ein Landrover, wie geschaffen für diese Wetterverhältnisse, aber nicht unbedingt geschaffen für sie. Er war groß und klotzig, also das krasse Gegenteil zu ihr. Sie war gerade mal einen Meter sechzig groß und schaffte es kaum, über das Lenkrad zu schauen. Und über die Heizung wollte sie gar nicht erst nachdenken.
„Es sind nur noch zwanzig Meilen", sprach sie sich selbst Mut zu, musste dann aber eingestehen, dass sie zu viel Zeit im Diner verplempert hatte. Die Abenddämmerung setzte ein und mit ihr der Schneefall. Wie vorhergesagt, viel eine Menge Schnee und es waren dicke weiße Flocken, die ihr die Sicht nahmen und ihr ein Schritttempo aufzwangen.
Heilfroh darüber, dass nur sehr wenig Verkehr herrschte, nahm sie die gesamte Breite der Straße in Anspruch. Viel zu groß war die Angst, am Straßenrand in einen Abhang zu rutschen und stecken zu bleiben. „Das würde auch noch fehlen", brummte sie unwirsch. „Endlich wieder frei und dann in einem lausigen Leihwagen erfrieren!"
Langsam tuckerte sie über die seit langem nicht mehr geräumte Straße. Die Gegend hier oben war so abgeschieden, dass sicherlich nur einmal am Tag ein Schneedienst seine Arbeit machte und sie hoffte, die Schneewehen würden nicht noch höher werden.
„Du schaffst das schon!" Wie ein Mantra wiederholte sie immer wieder die gleichen Worte und sie stellte den Scheibenwischer schneller. Aber auch er konnte ihr keine bessere Sicht verschaffen. Es war einfach zu viel Schnee, der vom Himmel fiel und alles in eine dicke weiße Watte packte. Als dann auch noch die Scheiben beschlugen, musste die angestaute Wut entweichen und sie ballte die Hand zur Faust und schlug mit voller Wucht auf das Armaturenbrett ein. „Scheißding", schimpfte sie und stellte dann erleichtert fest, dass tatsächlich warme Luft durch die Schlitze strömte.
Allerdings hatte sich einer der Schaltknöpfe bei ihrem Schlag vom
Armaturenbrett gelöst und kullerte nun ungehindert im Fahrraum hin und her.
Stehen bleiben wollte sie nicht, aber das Ding einfach rollen lassen war auch
keine gute Idee. Es war viel zu gefährlich. Was, wenn er sich unter einem Pedal
verkeilte? Sie wollte gar nicht darüber nachdenken!
„Mein Urlaub fängt wirklich toll an", grummelte sie zynisch und machte sich
lang, um mit der freien Hand nach dem Knopf zu angeln. „Blödes Ding", schimpfte
sie. Bei jeder noch so kleinen Bodenwelle oder Kurve rollte der Schaltknopf in
eine andere Richtung und als er schließlich in greifbarer Nähe liegen blieb,
bückte sie sich blitzschnell und packte ihn.
„Hab dich", lachte sie triumphierend und sah gerade rechtzeitig auf, um einen Blick auf einen dunklen Schatten zu erhaschen, einen dumpfen Aufprall zu spüren und etwas großes Schwarzes über die hohe Motorhaube ihres Leihwagens segeln zu sehen.
Teil 2
War das gerade wirklich passiert? Hatte sie in dieser eiskalten Schneehölle
wahrhaftig einen Unfall gehabt? Kreidebleich starrte Buffy auf die weiße
Schneewand vor der Windschutzscheibe und konnte nicht glauben, was nur
Sekundenbruchteile vorher geschehen war. Hatte sie tatsächlich einen Menschen
angefahren? In dieser verschneiten Wildnis? Oder war es ein großes Tier gewesen?
Ein Bär vielleicht?
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte Laute gehört, die nur von einem Mann stammen konnten. „Oh mein Gott", murmelte sie mit einer Stimme, die nicht ihr gehörte. Was musste denn noch alles passieren? Hatte sie in letzter Zeit nicht schon genug schlimme Dinge erlebt? Was hatte sie nur verbrochen, dass das Schicksal wieder und wieder zuschlug?
Doch dann rief sie sich zur Ordnung. Im Wagen sitzen bleiben und trüben Gedanken nachzuhängen brachte sie nicht weiter. Sie musste nachsehen, was mit dem Mann geschehen war, den sie über den Haufen gefahren hatte. Gerade im Begriff die trügerische Sicherheit ihres Leihwagens zu verlassen, stoppte sie und schaltete geistesgegenwärtig die Warnblinkanlage ein. Sie holte krafttankend tief Luft und öffnete langsam die Wagentür.
„Hallo?!", schrie sie gegen den aufkommenden Wind und versuchte ihre Augen abzuschirmen. „Hallo?"
„Ich bin hier! Verfluchte Scheiße!" Die Stimme schien direkt aus der Schneewand vor ihr zu kommen, sie zuckte unweigerlich zusammen und ihre Beine versagten ihr den Dienst. Was hatte sie eigentlich gedacht? Das der Mensch, wer immer es auch war, gutgelaunt nach dem Weg fragte? Sie hatte ihn angefahren und höchstwahrscheinlich war er verletzt…, aber sein Schimpfen machte ihr Angst.
Sehen konnte Buffy nicht viel, wohl aber hören und da der Fremde unablässig fluchte, fand sie ihn bald. Er war nur einige Meter vom Straßenrand entfernt über einen mit Stacheldraht gesicherten Zaun geschleudert worden. Besser gesagt der größte Teil von ihm. Ein Fuß hatte sich auf Hüfthöhe in den groben Zacken verhakt und der Mann lag auf dem Rücken und ruderte wie wild mit den Armen.
Buffy brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass er versuchte sich aufzurichten und zu befreien. Allerdings war der Untergrund zu glatt und er rutschte immer wieder ab und fiel zurück. „Scheiße, verfluchte", schimpfte er. „Wollen Sie da Wurzeln schlagen? Verdammt! Jetzt helfen Sie mir schon!"
„Ja, sicher", sagte Buffy perplex und ging vorsichtig und auf jeden Schritt achtend auf ihn zu. „Es tut mir so leid", sagte sie verlegen und versuchte mit fahrigen Fingern den Fuß des Fremden vom Zaun zu lösen. „Aber ich habe Sie wirklich nicht gesehen."
„Au! Verdammt", zischte der Mann und obwohl die Sicht mehr als bescheiden war, konnte Buffy Zorn in seinen Augen funkeln sehen und Angst schäumte in ihrem Magen wie Säure.
‚Das darf nicht wahr sein! Bitte! Lass das alles nur ein Traum sein, aus dem ich jetzt aufwache! Bitte!’ Mit Mühe hielt sie die Tränen zurück, die plötzlich in ihren Augen standen. „Ich wollte das nicht!" Sie war vollkommen aufgelöst und versuchte mit fahrigen Bewegungen den Draht auseinanderzudrücken. Aber so sehr sie sich auch bemühte, es wollte ihr nicht gelingen. Hatte sie vorne ein wenig Platz geschaffen, schnitt der Stacheldraht dafür hinten tiefer ins Bein und der Mann schrie vor Zorn und Schmerzen auf.
„Es geht nicht", sagte sie verzweifelt. „Ich brauche irgendein Werkzeug. Ich bin gleich wieder da."
„Sie gehen nirgendwo hin", zischte der Verletzte und streckte ihr etwas entgegen, dass sie wegen der vielen Schneeflocken nicht genau erkennen konnte. „Nehmen Sie das!"
Nur widerwillig kletterte sie über den Zaun, immer darauf bedacht genug Abstand zu ihm zu halten. „Los jetzt", schimpfte er und wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. „Ich habe keine Lust, in dieser Saukälte zu krepieren!"
„Ist ja gut", murmelte sie und nahm den Gegenstand an sich, den er nach wie
vor in die Luft reckte. Es war ein Armeemesser und sie schluckte, als sie es aus
dem Futteral zog. Eine Seite der Klinge bestand aus groben Zacken und sie holte
tief Luft.
Buffy Summers kannte niemanden, der so eine Waffe mit sich herumschleppte. Doch
dann fiel ihr ein, dass sie hier in den Bergen Colorados war und vielleicht
einen Jäger vor sich hatte. „Du drehst langsam durch", murmelte sie, während sie
wieder über den Zaun kletterte. „Nicht jeder mit einem Messer ist auch gleich
ein Massenmörder."
Die Klinge der Waffe schnitt den dicken Draht wie Butter und sie sprang erschreckt zurück, als der Mann urplötzlich auf die Füße kam, sich die Schneemassen abschüttelte und mit nur einem Satz über das Hindernis auf sie zu sprang.
„Das nehme wohl besser ich", sagte er und nahm ihr das Kampfmesser aus der zitternden Hand.
„Entschuldigung", murmelte sie wieder. „Ich habe Sie wirklich nicht gesehen." Sie hatte Mühe ihn anzusehen und starrte lieber auf ihre Stiefelspitzen, die sich tief in den vielen Schnee eingruben.
„Ist ja nicht viel passiert", erwiderte er mit einer wegwerfenden Bewegung.
„Jedenfalls haben Sie sich nicht aus dem Staub gemacht. Sonst hätte es für mich
ziemlich übel ausgehen können."
„Ich wäre nie… niemals…!"
„Schon gut", er humpelte einige Schritte, blieb dann stehen und sah sie fragend
an. „Wollen Sie noch länger hier stehen bleiben?" Er deutete mit der Hand nach
oben. „Ich für meinen Teil habe genug vom Schnee."
„Nein, natürlich will ich nicht hier bleiben", nickte Buffy und folgte ihm
nervös hinauf auf die Straße. Die ganze Situation war so abstrus und sie war
ganz durcheinander. Er hatte so viel geflucht und geschimpft und nun benahm er
sich, als wäre nichts geschehen.
„Können Sie mich mitnehmen?"
Buffy schluckte schwer, doch dann fand sie endlich ihre Sprache wieder und
sie funkelte ihn böse an. „Ich soll Sie mitnehmen? Sie haben mich aufs Übelste
beschimpft und ich soll Sie…"
„Immerhin haben Sie mich über den Haufen gefahren!", unterbrach er sie und
lachte, als sie vehement den Kopf schüttelte. „Ich beiße nicht!", versprach er
und wischte sich den Schnee von den Schultern.
„Hah!", machte Buffy. „Das kann jeder behaupten!" Sie hatte genug von merkwürdigen Männern! Sollte er doch sehen, wie er von her wegkam. Er hatte ihr eine Heidenangst eingejagt und am liebsten wäre sie in ihren Wagen gesprungen und schleunigst von hier verschwunden.
Das Dumme war nur, dass ein solcher Abgang lächerlich wirkte, wenn man mit seinem Leihwagen nur im Schritttempo vorwärts kam.
„Ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie beschimpft habe", sagte er und seine Stimme klang recht sanft. „Aber für mich ist es auch nicht gerade alltäglich in einem Schneesturm zu stehen und dann auch noch von einem Wagen angefahren zu werden." Er ging einen Schritt auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Mein Name ist William Grey und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mich mitnehmen würden."
Buffy kniff die Augen zusammen. Am liebsten hätte sie ihn einfach stehen
lassen, doch dann schlug ihr schlechtes Gewissen zu. Immerhin hatte sie ihn
angefahren und sein Bein musste verletzt sein, auch wenn er die Schmerzen nicht
sonderlich zeigte. „Also gut", nickte sie und schüttelte die dargebotene Hand.
„Allerdings fahre ich nicht mehr sehr weit. Nur noch bis zum Magic Mountain
Resort."
„Und genau da will ich hin", grinste er verwegen. „Ich hole meine Sachen."
„Was für Sachen?", fragte sie verwundert, doch er lachte nur und umrundete
humpelnd ihren Leihwagen.
„Aus dem Auto, das Sie angefahren haben!"
Vorsichtig folgte sie ihm, doch er kam schneller zurück als gedacht und
öffnete die Hecktür des Kofferraums. Er warf einen Seesack hinein und legte dann
eine längliche Holzkiste vorsichtig darauf. Sie wusste, sie hatte eine solche
Kiste schon einmal gesehen, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, wann und
wo das gewesen war.
„Können wir dann fahren?", erkundigte er sich vorsichtig, da sie wie angewurzelt
auf der Stelle stand. Er stand auf dem Trittbrett der Beifahrerseite und sah sie
über den Wagen mit gerunzelter Stirn an.
„Sicher", meinte sie und klopfte soviel Schnee ab, wie möglich. „Allerdings funktioniert die Heizung nicht", erklärte sie, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, ihn drehte und der Motor leise dröhnend zum Leben erwachte. „Warm wird es also nicht besonders und das dumme Ding reagiert nur auf rohe Gewalt." Sie holte mit der Faust aus und schlug zu. „Das war wohl nichts", seufzte sie leise.
„Leihwagen", grummelte er und fummelte an den Knöpfen der Heizung. „Aber immerhin ist Ihrer nicht völlig verreckt. Meiner hat den Geist aufgegeben", meinte er und grinste sie an. „Darf ich mal?"
„Immer gerne", erwiderte Buffy und musste beinahe lachen.
„Also gut!" William ballte seine Hand zur Faust und schlug mit Wucht auf das Armaturenbrett. „Geht doch", murmelte er, als warme Luft aus den Lüftungsschlitzen strömte. Er sah sie an. „Ich habe Ihren Namen eben wohl überhört", meinte er und zeigte dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne.
„Eher nicht", erwiderte Buffy. „Ich habe ihn nicht gesagt."
„Das weiß ich", lachte er. „Aber versuchen musste ich es trotzdem."
Buffy blickte in den Rückspiegel, doch außer Schnee konnte sie nichts weiter sehen und so setzte sie vorsichtig ein Stück zurück und machte dann einen Bogen um Williams liegen gebliebenes Fahrzeug. „Ich bin nie zuvor auf Schnee gefahren", gestand sie leise und tuckerte über die fast vollkommen zugeschneite Straße. „Aber ich hoffe mal, dass wir jetzt heil im Resort ankommen."
„Ein Unfall pro Tag reicht", nickte William und fischte eine Packung
Zigaretten aus der Tasche. „Darf ich rauchen?"
„Nur ausnahmsweise und nur, weil es nicht mein Wagen ist", nickte Buffy und
entspannte sich leicht. Viel gesehen hatte sie von ihrem Beifahrer noch nicht.
Dem Wetter entsprechend war er in dicke Sachen eingemummelt und die Mütze auf
seinem Kopf reichte bis weit über die Ohren. Aber ihr gefielen die klaren blauen
Augen und die warme Stimme. „Mein Name ist Buffy. Buffy Summers."
„Angenehm", meinte er und drehte das Fenster ein kleines Stück auf. „Machen
Sie Urlaub?"
„Allerdings", nickte sie und ließ die Straße nicht aus den Augen. „Ich hoffe
nur, er entwickelt sich nicht zur Katastrophe. So schlecht, wie er angefangen
hat…"
„Es kann nur besser werden", nickte er. „Und das kann man wohl für uns beide
sagen."
„Sie machen auch Urlaub?"
„Es war eigentlich so geplant", meinte er leichthin und warf den
Zigarettenstummel aus dem Fenster. „Ich wollte immer schon mal Snowboarden. Aber
ich muss gestehen, dass ich auf gut Glück unterwegs bin. Ich habe keine von den
Blockhütten des Resorts vorbestellt. Aber ein Kumpel von mir meinte, dass hier
oben bedeutend weniger Publikumsverkehr herrscht und ich bestimmt noch eine der
Hütten ergattern kann." Er lachte. „Wenn nicht, dann habe ich mir den ganzen
Mist umsonst angetan und darf mir den nächsten Leihwagen borgen."
„Dann drücke ich Ihnen mal die Daumen", nickte Buffy. „Und das mit dem
Publikumsverkehr habe ich auch gehört. Deswegen habe ich mir diesen Ort
ausgesucht. Ich wollte Ruhe und nicht den großen Trubel, wie es ihn den großen
Wintersportgebieten gibt."
„Verstehe", nickte William. „Dann bleibt uns nur zu hoffen, dass wir beide hier
oben das finden, was wir suchen."
*~*~*
Wie lange die Fahrt schon andauerte, vermochte Buffy nicht mehr zu sagen. Doch sie war froh über seine Begleitung, auch wenn sie den Unfall noch immer sehr bedauerte. Aber es war erleichternd, nicht alleine durch diese Einöde zu fahren und sie musste zugeben, dass er ein guter Unterhalter war. Er hatte sie mehr als einmal zum Lachen gebracht und sie musste sich eingestehen, dass sie ihn falsch eingeschätzt hatte.
Vielleicht war seine anfängliche Verärgerung und das ganze Gemecker wirklich nur auf die Situation zurückzuführen, in die sie ihn gebracht hatte. Wieder fiel ihr die mögliche Verletzung seines Beins ein, doch er verlor kein Wort darüber und sie wollte die Sprache auch nicht unbedingt darauf bringen. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich auch so schon oft genug.
„Wir sind da", riss er sie aus ihren Gedanken und deutete durch die Windschutzscheibe auf eine große leuchtende Reklametafel, die sogar durch das dichte Schneegestöber gut zu erkennen war.
„Gott sei Dank", brach es aus ihr heraus und sie lächelte ihn verlegen an. „Ich bin heilfroh, dass wir es geschafft haben." Sie setzte den Blinker, rollte auf den großen Parkplatz und zog den Schlüssel ab. „Ich fahre heute keinen Meter mehr."
William bedankte sich bei ihr, stieg aus und sammelte seine Sachen zusammen. „Wir sehen uns bestimmt noch mal", meinte er, schüttelte ihr die Hand und stapfte humpelnd durch den Schnee davon.
„Bestimmt", murmelte sie leise. Dann sah sie sich um, erkannte das Restaurant, in dem auch die Rezeption untergebracht war und ging darauf zu. „Anmelden, duschen, schlafen", überlegte sie ihren Plan. „Lange schlafen!"
Das Restaurant wirkte einladend, doch ihr stand heute nicht mehr der Sinn danach. Aus dem Reisebüro wusste sie, dass es hier auch einen Minimarkt gab und da würde sie sich mit dem Nötigsten für die nächsten Tage eindecken. Jetzt wollte sie erst für sich sein und ein bisschen von der inneren Ruhe wieder finden, die ihr sonst zu Eigen war. Doch kaum hatte sie einen Schritt auf die Rezeption zugemacht, stockte sie und hätte am liebsten laut geschrieen. Direkt am Empfang stand Tom Livingston, mit einer einzelnen roten Rose in der Hand.
Teil 3
William, der das Gebäude durch eine andere Tür betreten hatte, sah seine Fahrerin und wollte ihr gerade noch einmal zuwinken, als er ihre Veränderung erkannte. Er runzelte die Stirn, ging ein paar Schritte, sodass er ein besseres Blickfeld hatte und erblickte einen dunkelhaarigen Mann, der am Empfang stand, sie anstarrte und ihr auffordernd eine rote Rose entgegenstreckte.
Er blickte wieder zu Buffy, sah, dass sie zitterte, kreidebleich war und wie versteinert dastand und bevor er wusste, was er tat, lief er auch schon auf sie zu, zog sie in die Arme und plapperte munter drauf los. „Buffy, Schatz. Da bist du ja. Ich habe noch kurz die Informationen gelesen. Hast du gewusst, dass man hier auch Schneemobile ausleihen kann?"
Verwirrt sah sie ihn an und er schirmte sie von den Blicken des Mannes ab. „Alles okay?", flüsterte er leise. „Ich versuche gerade dir zu helfen", erklärte er leise, weil sie ihn ansah, als käme er vom Mond. „Also wäre es ganz nett, wenn du das Spiel mitspielen würdest." Wieder sah er sie an, doch er erkannte schnell, dass sie ihn gar nicht wirklich wahrgenommen hatte und kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. „Hey", sagte er sanft. „Schon gut. Ich hab zwar keinen Schimmer, was hier abgeht, aber ich helfe dir."
Er drehte sich mit ihr herum und sah dem Fremden hinterher, der
offensichtlich wütend aus der Halle stapfte. Die rote Rose lag zertreten auf dem
Fußboden und William ließ sie langsam los. „Er ist weg", meinte er leise, doch
sie rührte sich nicht. „Buffy?"
Doch Buffy konnte nicht antworten. Sie konnte ihn nur ansehen und den Kopf
schütteln. Angst hatte sie umklammert wie eine Schraubzwinge und sie brachte
keinen Laut über die Lippen. Eine Gänsehaut, die auch den kleinsten Winkel ihres
Körpers erreichte, lähmte sie und sie hatte das Gefühl zu ersticken.
„Schon okay", sagte er beruhigend, obwohl er ihr Verhalten überhaupt nicht verstehen konnte. Aber es war augenscheinlich, dass sie völlig außer sich war und er konnte sie so nicht stehen lassen. „Ich bringe dich in deine Hütte." Er führte sie zu einem Sofa, drückte sie darauf und eilte zur Rezeption, wo ihn ein Angestellter fragend ansah.
Natürlich hatte der Rezeptionist die ganze Szene mit angesehen, doch William hatte keine Lust irgendwas zu erklären. Vor allem, da er selber nicht verstand, was sich gerade abgespielt hatte. Er hatte nur auf ihre Versteinerung reagiert. „Summers", sagte er fast automatisch und ohne groß darüber nachzudenken. „Die Blockhütte ist vorbestellt." Er sah den Mann hinter dem Tresen an und versuchte seine eigene Verwirrung zu verbergen. „Wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist, geht es meiner Frau nicht besonders gut. Der Flug und die Anfahrt hierher waren sehr beschwerlich und … vielleicht könnten wir die Formalitäten morgen erledigen?"
„Selbstverständlich", nickte der Hotelangestellte „allerdings müssten Sie und Ihre Frau ihren Pass hier hinterlegen." Er nickte, holte den passenden Schlüssel und legte einen Plan auf den Tresen, den er auch sofort auseinanderfaltete. „Ihre Hütte hat die Nummer siebzehn", sagte er und zeigte mit dem Finger auf den Plan. „Sie fahren am besten mit dem Wagen. Folgen Sie einfach der Beschilderung, dann dürfte alles klappen."
William nickte nur. Welcher Teufel hatte ihn da gerade geritten? Warum hatte
er sie als seine Frau ausgegeben? Und wie kam er aus der Nummer jetzt wieder
raus? Doch darum würde er sich später Sorgen machen. Er kramte seinen Ausweis
aus der Innentasche seiner Jacke, legte ihn auf den Tresen und ging dann zu der
jungen Frau, deren Blick immer noch leer wirkte. Ohne Fragen nahm er ihr die
Handtasche ab, öffnete sie und nach kurzem Kramen fand er das Gewünschte. Er
brachte das Gefundene dem Rezeptionist und war gerade im Begriff sich zu
verabschieden, als ihm noch etwas einfiel. „Ach so", meinte er und wandte sich
noch einmal dem Mann hinter dem Tresen zu. „Mein Leihwagen ist verreckt.
Ungefähr fünfzehn Meilen von hier." Und da der Mann ihn verwirrt ansah, grub er
noch ein paar mehr Lügen aus. „Ich war geschäftlich unterwegs", sagte er. „Meine
Frau und ich… wir waren hier verabredet. Ich kann wirklich von Glück sagen, dass
ausgerechnet sie mich gefunden hat." Er zuckte mit den Schultern und grinste.
„Wie auch immer. Vielleicht können Sie die Karre für mich abschleppen lassen?"
„Selbstverständlich", nickte der Angestellte. „Sobald das Wetter es erlaubt."
*~*~*
Es war nicht sonderlich schwer gewesen, die Hütte ausfindig zu machen. Er hatte Buffy, wie auch sein eigenes Gepäck wieder in den Wagen verfrachtet und war dem Weg gefolgt, den der Rezeptionist ihm gezeigt hatte.
Schwierig wurde es erst, als er versuchte, seine neue Bekannte auch wieder aus dem Leihwagen herauszubekommen. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, wollte ihn wegdrücken und sofort von hier verschwinden. Sie schimpfte, kämpfte und zitterte am ganzen Leib.
„Du kannst jetzt nicht weg", versuchte er mit endloser Geduld wieder und wieder zu erklären. „Schau doch! Es schneit noch mehr als vorhin. Die Straße ist völlig weg." Doch er sprach gegen eine Wand. Sie hörte ihm gar nicht zu und er fragte sich, was dieser Scheißkerl, der am Empfang gestanden hatte, ihr angetan hatte? Es war offensichtlich, dass sie vor Angst fast wahnsinnig war und er redete mit Engelszungen auf sie ein. Doch erst als er versprach, sie nicht alleine zu lassen, wurde sie etwas ruhiger und er führte die verängstigte junge Frau die Treppe hinauf, die schon bis zur Hälfte eingeschneit war.
Die Erbauer der Blockhütten hatten sich bestimmt etwas dabei gedacht, sie auf Stelzen zu stellen. In Colorado gab es bestimmt jeden Winter eine Menge Schnee und er rannte schnell wieder nach unten, um auch das Gepäck in die Hütte zu schleppen. Schnee hin oder her. Er hatte genug von Kälte und der Nässe und war froh, die klammen Sachen endlich ausziehen zu können.
Buffy saß zusammengekauert auf einem kleinen Sofa nahe am Fenster und er seufzte leise, als er sie sah. Er war bestimmt kein Engel und sicherlich hatte er auch schon so manchen Menschen gekränkt, beleidigt oder tief verletzt, aber niemals hatte er einer Frau so etwas angetan. Und das es nicht nur enttäuschte Liebe war, war offensichtlich.
„Hey", nur vorsichtig näherte er sich ihr. „Du solltest dir trockene Sachen anziehen. Vor allem aber deine nasse Jacke ausziehen. Ich bringe deine Koffer in dein Zimmer. Dann kannst du… Nicht, dass du noch eine Lungenentzündung bekommst." Er wusste kaum, was er von sich gab. Aber das war vermutlich auch egal, denn er bezweifelte, dass sie überhaupt ein Wort wahrnahm. Trotzdem hatte er das Bedürfnis ihr zu helfen. Ihre Augen, ihre furchtbar traurigen Augen brannten sich einen Weg direkt hinein in seine Seele und er seufzte leise. Warum nur brachte er sich freiwillig in so verrückte Situationen? Immerhin kannte er diese junge Frau gar nicht. Sie hatte ihn angefahren und mitgenommen… mehr nicht!
Buffy folgte ihm wie ein Hündchen, während er eine Tür nach der anderen öffnete, bekam aber eigentlich kaum etwas mit. Sie konnte es nicht fassen. Sie hatte gedacht, sie wäre allem entkommen und nun… „Oh mein Gott", schluchzte sie, schob sich an William vorbei als sie das Badezimmer erkannte und verschloss die Tür. Das konnte, durfte alles nicht wahr sein. Was sollte sie denn noch tun? Sie hatte ihr Leben hinter sich gelassen, nur um Tom Livingston direkt wieder in die Arme zu laufen. Psychisch total am Ende, sank sie an der Tür zusammen und heulte hemmungslos.
*~*~*
William hörte ihr Weinen, doch er konnte nichts für sie tun. Es war kaum seine Sache sich da einzumischen, auch wenn er es eigentlich schon getan hatte. Jetzt wollte er ihr und auch sich selbst Zeit gönnen, um über die ganze verzwickte Situation nachdenken zu können. Er würde erst wieder tätig werden, wenn sie das Badezimmer verließ und andeutete, ihm die Sache zu erklären.
„Du bist ein Idiot", brummte er und schüttelte den Kopf. „Warum du dich auch immer in solche Situationen manövrieren musst", schimpfte er leise mit sich selbst. Doch dann seufzte er wieder. Jeder normale Mensch hätte ihr da heraus geholfen. Ihre Angst war fast greifbar gewesen und er war nun mal nicht der Typ, der so einfach über so etwas hinwegsehen konnte.
Er warf Jacke und Mütze auf den Boden, steuerte auf das Telefon zu und überflog die Liste, die direkt daneben lag. „Ja, Summers hier", meinte er, bei seiner Lüge bleibend. „Blockhütte Siebzehn. Ich wollte fragen, ob sie noch Bestellungen aufnehmen? Ja? Sehr gut. Also, ich möchte…."
*~*~*
Eine knappe Stunde später klopfte es an der schweren Holztür und William schälte sich aus dem Sessel, auf dem er vor sich hingedöst hatte. Vorsichtig öffnete er sie und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes, der eine starke Ähnlichkeit mit einem Schneemann hatte. Seine Jacke, seine Mütze und sogar sein Nase … alles war voll von dem weißen Schnee, der sich zentimeterdick auf jede freie Stelle gelegt hatte.
„Sie hatten Glück, Sir. Sie sind der Letzte, dessen Bestellungen aufgenommen
wurden." Er überreichte vier prall gefüllte Packpapiertüten voller Lebensmittel
und wartete dann auf seine Bezahlung. „Es soll noch viel mehr Schnee geben.
Würde mich nicht wundern, wenn wir ab morgen komplett eingeschneit sind."
William bezahlte die Rechnung und nickte. „Aber ich nehme an, dass das Resort
die Wege hier räumen lässt, oder?"
„Selbstverständlich", erwiderte der junge Bursche. „Aber manchmal, wenn zu viel
Neuschnee fällt, dann kommen selbst unsere Schneefräsen nicht mehr durch.
Jedenfalls nicht so schnell." Er nahm grinsend sein Trinkgeld entgegen, tippte
sich an die verschneite Schirmmütze und hüpfte die Treppe hinab. „Wiedersehen,
Sir." Er sprang auf sein Schneemobil, drehte den Gashahn voll auf und verschwand
im Schneesturm.
Grinsend sah William dem jungen Mann hinterher. „Wenigstens einer, der Spaß hat", murmelte er und zuckte zusammen, als Buffy hinter ihm leise „Hi" sagte. Er drehte sich, voll bepackt wie er war, um und versuchte ein Lächeln. „Hey", sagte er verwirrt, als er ihr verweintes Gesicht sah. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll…" Plötzliche Verlegenheit kam in ihm auf. Immerhin hatte er sich als ihr Mann ausgegeben und war praktisch bei ihr eingezogen. Doch hatte sie das überhaupt mitbekommen? Wusste sie überhaupt, warum er hier war?
„Nein", murmelte sie und nahm ihm zwei der Tüten ab. „Es ist… ich möchte mich bedanken, dass du mich… dass du mir geholfen hast. Ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen kann."
„Vielleicht sollten wir uns hinsetzen und darüber reden", schlug er vor, schob mit der Hacke die Tür zu und deutete mit den Tüten auf die Mitte des Raums.
„Gleich", murmelte Buffy, die noch gar nicht wusste, ob sie überhaupt mit ihm darüber sprechen wollte. „Ich brauche noch etwas Zeit." Sie stellte die Tüten auf dem Couchtisch ab und stellte sich an den Kamin, in dem William ein knisterndes Feuer entfacht hatte. Ganz langsam ließ sie ihre Blicke durch die Hütte schweifen, die sie noch gar nicht richtig wahrgenommen hatte.
Das Ferienhaus war, anders als sie erwartet hatte, recht geräumig und vor allem sehr modern eingerichtet. Auf der rechten Seite war eine große Küchenzeile, mit allen elektrischen Geräten, die man sich vorstellen konnte und einer breiten Theke, an der mindestens sechs Personen gleichzeitig essen konnten. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein großes Panoramafenster mit einer einladenden Bank, die die gesamte Fläche des Fensters einnahm. Genau so etwas hatte sie sich immer für ihr späteres Zuhause vorgestellt. Einen Platz, an den man sich zurückziehen konnte, einfach um zu entspannen oder um ein gutes Buch zu lesen. Der Rest des Raumes war mit bequemen Sofas und Sesseln gepflastert und alles machte einen behaglichen Eindruck.
Es hätte schön sein können. Wenn nicht dieser Dreckskerl Tom… Wieder standen Tränen in ihren Augen, doch sie wischte sie energisch weg. Sie hatte sich bisher nicht unterkriegen lassen und würde es auch jetzt nicht. Nur… wie passte William da hinein? Und warum hatte er ihr geholfen? Sie konnte sich kaum daran erinnern, was er in der Eingangshalle der Rezeption zu ihr gesagt hatte, aber er hatte sie offensichtlich gerettet.
Seufzend sah sie ihm dabei zu, wie er einen Haufen Lebensmittel auf der
Küchenzeile verteilte. Möglicherweise war es gut, mit ihm darüber zu sprechen.
Vielleicht aber auch nicht. Vermutlich würde er kein Wort davon glauben und sie
auslachen.
Buffy streckte die Hände aus und wärmte sich am Feuer. Sie würde es darauf
ankommen lassen. Selbst wenn er lachen würde, oder sie für verrückt erklärte.
Sie musste sich das alles endlich von der Seele reden und da er fast ein Fremder
war, würde es ihr leichter fallen. Und wahrscheinlich würde sie ihn niemals
wieder sehen. Sie zuckte mit den Schultern, holte die beiden Papiertüten, die
sie auf dem Tisch abgestellt hatte, und ging ihm langsam entgegen.
„Möchtest du was trinken?", rief William aus der Küche.
„Ja, gerne. Ein Wasser wäre nicht schlecht."
„Okay", murmelte er. „Aber ich brauch jetzt was Härteres." Er entkorkte die
ausgepackte Flasche Whiskey und goss sich ein. Dann sah er auf das Glas, zuckte
mit den Schultern und ließ noch mehr von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit
hineinlaufen.
*~*~*
„Was für`n Arschloch", schloss William und kippte sich den Rest des Whiskeys in den Mund. „Solche Männer sollte man kastrieren", schimpfte er und sah sie an. „Und du hast das nie jemandem erzählt?" Er konnte kaum glauben, was Buffy ihm da erzählte. Und doch wusste er, dass es nichts als die Wahrheit war. Das erkannte er fast blind, denn es war unschwer zu erkennen, wie schwer es ihr fiel, überhaupt darüber zu reden. Sie hatte fein säuberlich darauf geachtet, keinen Namen zu nennen, doch ein schlimmer Verdacht regte sich in ihm.
„Die ganze Geschichte? Nein, niemandem", murmelte Buffy und zog die Beine unter sich. „Es hätte Aussage gegen Aussage gestanden und ich weiß, wem man im Endeffekt geglaubt hätte. Ich habe es oft genug im Gericht erlebt. Es sind fast immer die Frauen, die am Ende den Kürzeren ziehen." Sie seufzte und sah ihn an. „Ich hatte mir gerade ein schönes Leben aufgebaut, eine wunderschöne Wohnung in der Pinestreet gemietet…" Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Aber was ich nicht verstehe… wie hat er erfahren können, dass ich hierher kommen würde? Ich habe es nur meiner Nachbarin erzählt. Sie ist eine wirklich liebe Person und eine sehr gute Freundin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es ihm freiwillig erzählt hat."
„Hat sie nicht", sagte William so leise, dass sie ihn kaum hören konnte. Langsam fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er glaubte an das Schicksal, dass er sonst immer mit einem Lächeln abgetan hatte. Nur eine höhere Macht konnte ihn auf diese Weise mit Buffy Summers zusammengebracht haben. Er stand auf und sah sie an. „Er hat es aus ihr herausgeprügelt." Er musste sich räuspern und schaute kurz zur Seite. „Sarah Mitchell war meine Schwester und jetzt ist sie tot."
Teil 4
Wie Buffy die Nacht überstanden hatte, vermochte sie später nicht mehr zu sagen. Es waren so unglaublich viele Eindrücke, die auf sie niederprasselten und sie durcheinander brachten. Zuerst kam der Unglaube. Tom Livingston war ein Schwein, aber würde er soweit gehen und ihre Freundin töten? Nur um zu erfahren, wohin sie verschwunden war? Dann kam das Entsetzen, als ihr bewusst wurde, wie knapp sie ihm möglicherweise entkommen war und gleich darauf folgte Wut, die sich in ihren Eingeweiden wie eine Schlange aufbäumte. Sarah. Ihre beste, ja einzige Freundin, auf die sie immer zählen konnte. Tot. Erschlagen! Und wenn sie Williams Erzählungen Glauben schenken konnte, dann war ihr Tod mehr als nur schmerzhaft gewesen. Ihr war schlecht und rasend vor Wut versuchte sie ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Tom Livingston war ein Mistkerl, ein Drecksack! Aber war er auch ein Mörder?
Aber je länger sie darüber nachdachte, desto eher glaubte sie daran. Er hatte sich von Nichts aufhalten lassen, aber hatte er auch die letzte Grenze überschritten und in seinem Wahn einen Menschen getötet? Es musste so sein. Sarah war so ein liebes Mädchen gewesen. Jeder im Haus hatte sie gemocht. Sie war immer gut gelaunt und hatte immer für jeden ein freundliches Wort über. Sie hatte keine Feinde, wie es immer im Fernsehen hieß. Es konnte einfach nicht anders sein. Es musste Tom Livingston gewesen sein.
Sie hatte eine furchtbare Zeit hinter sich und gerade Morgenluft geschnuppert, als alles wieder über sie hereinbrach. William hatte sie gerettet, ohne zu wissen, wen er wirklich vor sich hatte. Es war unglaublich, dass ausgerechnet er… er, dessen Schwester wegen ihrer Unzulänglichkeit gestorben war. Getötet worden war…
Buffy schluckte schwer. Sie allein trug die Schuld an diesem Desaster. Sie allein war dafür verantwortlich, dass ein junges, liebes Mädchen sein Leben lassen musste. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Es würde nicht weiterhelfen, wenn sie jetzt durchdrehte. Und so würde sie ihre Schuld nie wieder gutmachen können. Sie blickte zu William, der verloren ins Nichts starrte.
Offensichtlich war, dass er auf seine Art genauso verstört war wie sie und kaum glauben konnte, dass ausgerechnet sie sich getroffen hatten. Er hatte ihr die ganze Geschichte aus seiner Sicht erzählt. Seine Erklärungen waren lang und ausführlich gewesen und seine Stimme war während der ganzen Zeit immer leiser geworden.
Sarah war seine Halbschwester gewesen, deswegen auch die unterschiedlichen Nachnahmen. William hatte den Namen seines leiblichen Vaters nie abgelegt, trotz allem hatte er sich mit seinem Stiefvater bestens vertragen und nach seinen Aussagen, waren sie eine glückliche Familie gewesen.
„Sarah wollte unbedingt in die Großstadt", erzählte er jetzt leise und
lächelte bei dem Gedanken daran. „Sie wollte aus der miefigen Vorstadt heraus
und etwas erleben." Er zuckte die Schultern. „Sie hat mehr erlebt, als sie
gedacht hat." Seine Stimme brach ab und er trank einen Schluck Whiskey. „Ich bin
FBI-Agent", sagte er dann beiläufig und fischte seine Ausweispapiere hervor, um
sie Buffy zu überreichen. „Deswegen konnte ich mich auch so schnell in die
Polizeiakten einarbeiten." Wieder trank er einen Schluck aus dem jetzt fast
leeren Glas. „Tom Livingston wurde im Haus beobachtet. Eine der älteren
Nachbarinnen ist wohl eine… hm, sehr neugierige Dame, die gerne alles im Blick
hat."
„Mrs. Morris." Buffy nickte. „Sie wohnt im ersten Stock und weiß wirklich alles,
was im Haus vorgeht."
„Genau die", nickte William. „Sie konnte diesen Livingston sehr genau beschreiben, denn laut ihrer Aussage, trieb er sich scheinbar des Öfteren in der Gegend herum." Er sah ihr direkt in die Augen. „Und jetzt weiß ich auch, warum. Er hat dich ausspioniert." Er schlug mit der flachen Hand auf das Sofakissen. „Verfluchte Scheiße! Hätte ich gewusst, wer da heute Abend in der Eingangshalle gestanden hat…! Mist, verfluchter! Ich hab ihn nicht erkannt, den Scheißkerl. Ich kenne nur sein verdammtes Hochglanzfoto, das die Kanzlei im Internet zeigt und hab ihn in den Winterklamotten nicht erkannt! Drecksack! Hätte ich nur… Scheiße, verdammte!"
„Es tut mir so leid", murmelte Buffy und versuchte den Kloß in ihrem Hals
herunterzuschlucken, der beständig wuchs und ihr langsam die Luft zum Atmen
nahm. „Ich habe falsch reagiert. Ich hätte zur Polizei gehen sollen, hätte ihn
anzeigen sollen. Aber ich wusste nicht, dass er… dass er Sarah…"
„Es ist nicht deine Schuld", erwiderte William matt und sackte ein Stück in sich
zusammen. „Wie du schon sagtest, es hätte dir eh niemand geglaubt. Tom
Livingston ist bekannt für seine Cleverness und er ist ein hervorragender
Anwalt. Er hätte sich bestimmt spielend aus der Situation herausgewunden." Er
seufzte leise. „Ich hatte ein ganz anderes Szenario im Kopf", gestand er dann.
„Ich habe gedacht, er wäre hinter Sarah her gewesen und nicht hinter … dir. Ich
konnte nur keine Verbindung zwischen den beiden entdecken!"
„Aber wenn ich ihr nicht erzählt hätte, wohin ich fahren wollte…"
„Ich glaube nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte. Er hätte sie so
oder so getötet. Er konnte sie nicht am Leben lassen. Zum einen musste er Angst
haben, dass Sarah über ihn Bescheid wusste und alles ausplauderte und zum
anderen muss er vermutet haben, dass du ihr erzählt hast, wohin du gehst. Sie
war deine Freundin. Was also lag näher?"
„Ich kann es immer noch nicht fassen", murmelte Buffy, nahm eins der
Sofakissen und presste es gegen ihren Bauch. Sie holte rief Luft und sah ihn
wieder an. „Warum… warum bist du sofort auf ihn gekommen? Es gibt unzählige
Möglichkeiten, warum er im Haus war. Warum warst du dir so sicher, dass er es
war, der Sarah getötet hat?"
„Ich war mir nicht sicher", erzählte William. „Ganz und gar nicht. Aber ich habe
die Berichte über seine Aussage gelesen. Er war aalglatt und es war
offensichtlich, dass er den Beamten lauter Lügen aufgetischt hatte. Der
zuständige Officer hat seine Geschichten nicht ohne weiteres geglaubt und ich
muss sagen, dass ich ihn für findig und ausgebufft halte. Er macht seinen Job
schon ein paar Jahre länger und hat eine Nase dafür, wann er angelogen wird. Ich
habe mit ihm gesprochen, einen Tag, nachdem Sarah…", er stockte einen Moment und
sammelte seine Gedanken.
„Die Cops haben gut und schnell gearbeitet, dass kann man dem Revier
definitiv nicht vorwerfen. Und es gab mehrere Leute, Verdächtige, die befragt
worden sind. Unter anderem auch ein vorbestrafter Angestellter einer Wäscherei,
der an dem Tag eine Lieferung ins Haus brachte. Aber nur zwei stachen aus der
Menge heraus. Das warst du, die mir unbekannte Elisabeth Summers, die ihre
Wohnung Knall auf Fall gekündigt hatte und Tom Livingston." Er zuckte
ansatzweise mit den Schultern. „Über dich konnte ich nicht viel herausfinden",
gestand er und zuckte erneut die Schultern. „Du wurdest als ruhig und
zurückhaltend beschrieben und man sagte mir, ihr beide, also meine Schwester und
du, wärt gute Freunde gewesen." Wieder zuckte er mit den Schultern. „Jedenfalls…
wirklich verdächtig wurde Livingston für mich erst, als er einen Tag später sang
und klanglos verschwand. Ich habe mich sofort an seine Fersen geheftet, wusste
aber da noch nicht, dass es dich gibt. Ich meine, dich als Grund für sein
Handeln. Ich wusste nicht mal, wie er aussieht" William lachte gehässig auf.
„Ich habe meine Kollegen auf ihn angesetzt und sie schicken mir alles per Mail,
was sie über ihn herausfinden können. Aber ich hatte noch keine Gelegenheit,
meinen Laptop auszupacken und glaube auch kaum, dass schon irgendwas Brauchbares
herausgekommen ist."
„Ich verstehe", nickte sie und sah ihn an. „Sarah hat öfter von dir gesprochen.
Allerdings nannte sie dich immer Spike." Sie erinnerte sich an die vielen
lustigen Abende mit ihr und ihr wurde das Herz schwer. Das alles war jetzt zu
Ende und sie schüttelte traurig den Kopf. „Aber es klang immer so, als würde sie
dir sehr nahe stehen."
Er lachte und dieses Mal klang es hilflos. „Spike. Ja, den Namen hat sie geprägt
und er hängt mir noch immer nach." Er nickte bedächtig und seine Mimik wurde für
einen Moment sanft. „Das kommt noch aus alten Kindetagen. Meine Haare", er
zeigte auf seinen Hinterkopf, „sie standen immer hoch und Sarah hat mich damit
geärgert." Er verstummte und starrte ins Leere. „Wir sollten versuchen, ein
wenig zu schlafen. Es ist schon sehr spät und wer weiß, was morgen alles auf uns
zukommt."
„Was denkst du, was auf uns zukommt?", fragte Buffy unsicher. „Er kann doch…
wird doch nicht…"
„Ich dachte, du hättest ihn durchschaut", erwiderte William bitter. „Glaubst du
wirklich, er lässt sich aufhalten? Jetzt noch? Nachdem er gemordet hat? Du bist
der Grund für sein verrücktes Handeln. Und du bist in greifbarer Nähe. Er wird
sich nicht zurückhalten oder aus dem Staub machen. Nicht, wenn sein Ziel so nahe
ist."
„Aber du weißt doch gar nicht, ob er es war. Bisher ist alles Theorie." Sie
hatte seitdem Collegeabschluss in einer Kanzlei gearbeitet und deswegen eine
Menge über das Recht an sich mitbekommen. „Offensichtlich gibt es keine hieb-
und stichfesten Beweise, denn sonst wäre er nicht hier, oder? Die Cops hätten
ihn kaum gehen lassen, wenn sie ihm etwas nachweisen könnten."
„Das hätte ich nicht erwartet." Seine Stimme war scharf und schneidend. „Ich
hätte nicht erwartet, dass ausgerechnet du ihn verteidigst." Seine blauen Augen
blitzen böse auf und Buffy schüttelte schnell und entsetzt den Kopf.
„Ich verteidige ihn nicht. Ganz sicher nicht!" Sie sprang auf, baute sich breitbeinig vor ihm auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Tom Livingston ist ein Drecksack, er ist ein widerliches Schwein und ich wünschte, er wäre…" Sie holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. „Ich wünschte, er wäre da, wo er hingehört. Nämlich im dunkelsten, schlimmsten Gefängnis, das es gibt. Verdammt! Du arbeitest für eine Bundesbehörde. Du müsstest wissen, dass du ihm ohne Beweise nichts anhaben kannst."
Es dauerte einen Moment, bis William antwortete. „Ich weiß", seufzte er leise. „Aber ich werde nicht eher ruhen, bis ich ihn dahin befördert habe, wo er wirklich hingehört. Und das ist die Hölle!" Er sprang auf, drückte sich an ihr vorbei und eilte auf den Küchentresen zu, auf dem noch immer die offene Whiskeyflasche stand. Er trank einen kräftigen Schluck, stellte die Flasche zurück und steckte sich eine Zigarette an.
„Wir sollten jetzt schlafen", wiederholte er noch einmal. „Und morgen müssen wir dich von hier wegschaffen. Es ist viel zu gefährlich, wenn du noch länger hier bleibst. Ich werde mich morgen mit meinem Supervisor in Verbindung setzen. Vielleicht können wir dich in Schutzhaft nehmen, bis das Ganze aufgeklärt ist und ich das Schwein geschnappt habe."
„Ich gehe nirgendwohin", sagte Buffy trotzig und ließ sich wieder auf das
Sofa fallen. „Ganz sicher nicht."
„Du kannst nicht hier bleiben. Es ist viel zu gefährlich. Darf ich dich daran
erinnern, dass er schon einmal gemordet hat?"
„Das habe ich nicht vergessen", schnaubte Buffy und diesmal waren es ihre Augen, die Blitze abschossen. „Aber ich bin schon viel zu lange weggelaufen. Ich habe zulange den Mund gehalten! Ich werde nicht gehen!"
Die Stille, die darauf folgte, war beinahe greifbar. Keiner von Beiden wollte
von seiner Meinung abrücken, das war offensichtlich. Doch dann war es Buffy, die
die Funkstille unterbrach. „Warum lassen sie dich an dem Fall arbeiten?", fragte
sie plötzlich. „Und noch dazu ohne Partner?"
„Sie wissen nicht, dass Sarah meine Schwester war." Er sah zur Seite und schaute
in die kleiner werdenden Flammen des Kaminfeuers. „Noch nicht. Und ich werde die
Zeit nutzen, bis meine Kollegen es herausgefunden haben. Außerdem habe ich um
Urlaub gebeten. Kann also machen, was immer ich will!" Er nickte sich selbst zu.
„Und einen Partner brauche ich nicht."
„Verstehe. Du spielst den Lone Ranger." Sie stand auf und ging langsam
auf ihn zu. „Denkst du, das ist eine gute Idee? Solltest du Beweise gegen ihn
finden, dann kann jeder noch so kleine Strafverteidiger sie anfechten. Du hast
keine Chance und das weißt du auch. Sie werden dich im Gerichtssaal in Stücke
reißen. Sie werden dir Befangenheit vorwerfen und dein ganzes Leben auf den Kopf
stellen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche. Immerhin habe ich das oft genug
miterlebt."
„Und ich werde dieses Schwein nicht davonkommen lassen!" Wut stand in seinem
Gesicht geschrieben und er kämpfte, damit er nicht die Kontrolle über sich
verlor und die Einrichtung der Blockhütte in Einzelteile zerlegte. „Ich lasse
ihn nicht damit durchkommen. Er ist ein verdammt cleverer Anwalt, aber er steht
nicht über dem Gesetz und ich werde einen Weg finden, wie ich ihn…"
„Dann müsstest du auch verstehen, warum ich nicht gehen kann." Buffys Stimme war
kaum mehr als ein Flüstern. „Weder du noch ich sollten hier sein, geschweige
denn hier bleiben. Aber da keiner von uns freiwillig das Feld räumt, sollten wir
zusammenarbeiten. Ich habe auch so einige Verbindungen, die ich anzapfen kann.
Gemeinsam schaffen wir es vielleicht, genügend echte, brauchbare Beweise zu
sammeln, die vor Gericht auch Stand halten."
„Einverstanden", nickte William nach einem Moment des Überlegens. Er schnipste
seinen Zigarettenstummel in den Kamin und sah sie an. „Morgen früh… morgen früh
geht es los. Wir schnappen uns den Dreckskerl." Er nickte ihr zu und verschwand
ohne ein weiteres Wort in dem Gästezimmer, dass er sich ausgesucht hatte.
Buffy starrte einen Moment auf die geschlossene Tür, nickte dann und kontrollierte noch einmal die Haustür der Hütte. Sie war fest verriegelt, aber sie verschloss sie zusätzlich mit einem schweren Bolzen. Dann schaltete sie das Licht aus und ging im schwachen Schein des Kaminfeuers auf ihre Zimmertür zu. Schlafen würde sie bestimmt nicht können. Nicht nach all dem, was passiert war. Aber William hatte Recht. Sie musste sich ausruhen. Die nächsten Tage würden sie bestimmt sehr anstrengen und da war es gut, vorher ein wenig Kraft zu tanken.
Sie schlüpfte aus ihrer Hose, zog den warmen Strickpullover aus und huschte ins Bett ihres Zimmers, das warm und gemütlich eingerichtet war. Buffy zog die Decke bis über die Ohren, warf einen letzten Blick auf ihre Armbanduhr und schloss die Augen. „Sarah", murmelte sie leise. „Es tut mir so leid. Ich habe nicht gewusst…" Schuldgefühle übermannten sie und wieder drängten die Tränen in ihre Augen. „Es tut mir so leid. Aber ich verspreche dir, dass ich ihn nicht entkommen lasse. Ich werde ihn schnappen. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Teil 5
Die Nacht war lang, zu lang, was hauptsächlich daran lag, dass William einfach nicht schlafen konnte. Der Unfall, das schicksalhafte Zusammentreffen mit Buffy und seine Schwester geisterten ununterbrochen durch seinen Kopf. Manchmal glaubte er, in einem furchtbaren Traum gefangen zu sein, doch diese Hoffnung war trügerisch. Gerade heute. Sein verletztes Bein, das sich bisher kaum bemerkbar gemacht hatte, schmerzte wie die Hölle und erinnerte ihn daran, dass dies kein Traum, sondern bittere Realität war. Doch noch mehr setzte William zu, dass er keine brauchbaren Mails in seinem Postfach vorgefunden hatte. Die Blockhütten des Resorts waren technisch auf dem neuesten Stand und er hatte keinerlei Schwierigkeiten gehabt, sich ins Netz und auch in sein Emailfach einzuloggen. Doch, was er dort vorgefunden hatte, war wenig Erfolg versprechend gewesen.
Sein Kollege und Freund, der einzige, den er ins Vertrauen gezogen hatte, hatte sein Möglichstes getan, doch bisher nichts Neues ausgraben können. Allerdings hatte er versprochen am Ball zu bleiben und tiefer zu graben. Wie er behauptete, hätte jeder seine dunklen Flecken auf der Weste und man müsste sie nur finden. Doch diese Recherchen kosteten Zeit, schon deswegen, weil er sie vor seinen Vorgesetzten verbergen musste und nur dann daran arbeiten konnte, wenn seine sonstige Arbeit erledigt war.
William seufzte, drehte sich ein wenig und starrte an die Decke des behaglichen Zimmers, an der sich das Mondlicht silbern spiegelte. Zumindest eine brauchbare Nachricht hatte er erhalten. Die Bestätigung seines eiligen Urlaubsantrags, der seinen Vorgesetzen gewiss in Erstaunen versetzt hatte. Aber das kümmerte ihn wenig. Sollte sich sein Supervisor doch wundern. Wichtig war nur, dass der Urlaub genehmigt war und er sich keine Sorgen mehr machen musste, wie er sein Fehlen erklärte. Oder ob er in zwei Wochen noch einen Job hatte!
Er seufzte ein weiteres Mal. Das mit dem Job war so eine Sache. Es kam darauf an, ob jemand von seiner Dienststelle herausfand, wo er war und was er machte. Sollte man ihm auf die Schliche kommen…. Nein, daran konnte und wollte er nicht denken. Er liebte seinen Beruf, das war nicht die Frage. Aber seine Schwester hatte er noch mehr geliebt und er würde ihren Mörder nicht davonkommen lassen. Er würde dieses Schwein Tom Livingston zur Strecke bringen. Und wenn es das Letzte war, was er tat! Einen Moment war er unsicher, ob er wirklich den richtigen Mann jagte. Immerhin gab es keine wirklichen Beweise gegen den Anwalt. Doch dann wischte er den Gedanken beiseite. Sein Instinkt sagte ihm, dass er auf der richtigen Fährte war und außerdem hatte Buffy Summers ein ganz neues Licht auf die Sache geworfen. Der Beweggrund für die Tat hatte gefehlt, doch nun war er offensichtlich. Tom Livingston war besessen, besessen von einer jungen Frau und er hatte die einzige Person getötet, die davon wusste.
Eine ganze Weile lag er still unter der warmen Decke, dann warf er sie entschlossen zur Seite und setzte sich auf die Kante des Bettes. Rasch warf er einen Blick auf die Verletzungen und fluchte leise. Die meisten Schnitte und Kratzer, die der Stacheldraht beim Unfall hinterlassen hatte, waren nicht besonders tief und hatten sich bereits geschlossen, doch zwei oder drei dieser Verletzungen sahen nicht sonderlich gut aus. „Mist, verdammter!", schimpfte er. „Das kann ich jetzt echt nicht brauchen!"
Er dachte an den Verbandskasten, der gewiss im Auto lag und humpelte zum Fenster, um einen Blick auf den Neuschnee zu erhaschen! „Ganz toll", knurrte er, nachdem er gesehen hatte, wie viel dieser weißen Watte die Nacht gebracht hatte. „Ich werde das verfluchte Auto ausgraben müssen, um daran zu kommen!"
Entschlossen nicht noch länger trübe Gedanken zu schieben, kramte er einen Stapel sauberer Wäsche aus seinem Gepäck und humpelte ins Badezimmer. Zehn Minuten später verließ er es wieder und bewegte sich möglichst lautlos durch das Zimmer. Er wollte seine neue Bekannte und Verbündete nicht wecken, denn sie konnte den Schlaf gewiss ebenso gut gebrauchen, wie er ihn benötigt hätte.
Er schob sich leise durch die Tür in den Wohnbereich der Hütte und stockte. Buffy stand in der Küche und durchsuchte den Kühlschrank. „Hey", sagte sie, als sie ihn erblickte. „Auch schon ausgeschlafen?"
„Wenn man es so nennen möchte", sagte er vage und humpelte in den Raum
hinein. „Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dich schon vorzufinden."
„Ich konnte nicht schlafen. Oder besser gesagt, nicht länger schlafen. Mir spukt
zu viel im Kopf herum", meinte sie und sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Das
wird dir sicherlich nicht viel anders gehen." Sie schloss die Kühlschranktür und
deutete mit der Hand auf sein Bein. „Ist es schlimm? Ich habe mich gestern schon
gewundert, dass du nichts davon gesagt hast." Es war eine seltsame Situation. Im
Grunde stand ein vollkommen fremder Mann vor ihr und doch hatte sie das Gefühl,
dass sie ihm vertrauen konnte. Und sein Humpeln weckte wieder ihr schlechtes
Gewissen und sie verzog das Gesicht.
„Geht schon", brummte er und schob sich auf einen Hocker vor dem Küchentresen. „Gestern, nach all der Aufregung, war bestimmt jede Menge Adrenalin in meinem Körper. Deswegen hab ich die Wunden nicht gespürt. Aber es wird heilen und da wir heute sowieso nicht viel unternehmen können, kann ich mein Bein schonen."
„Soll ich es mir ansehen?" Buffy ließ nicht locker. Noch immer fühlte sie die Schuld für den Unfall in sich brennen und sie sah ihn über den Tresen hinweg an. „Ich könnte zumindest einen Verband darum machen oder … was weiß ich."
William lachte verhalten, schüttelte den Kopf und winkte ab. „Daran hab ich selbst schon gedacht, doch der Verbandskasten liegt im Auto und da das und einer meterdicken Schneeschicht liegt, kommen wir nicht heran. Und ausbuddeln werde ich das verflixte Ding garantiert nicht!"
„Ha!", sagte Buffy und lächelte verwegen. „Die Leute hier denken mit", sagte sie, bückte sich und kramte einen kleinen Koffer aus einem der Küchenschränke. „Den hab ich gefunden, als ich nach einer Pfanne gesucht habe." Sie stellte den roten Kasten auf die Arbeitsplatte. „Hier gibt es bestimmt so einige Wehwehchen zu behandeln. Es sollen wohl allerhand Gäste mit Blessuren von den Skipisten kommen."
„Gut möglich", nickte William und wollte den Verbandskasten an sich nehmen, doch Buffy ließ ihn nicht los. „Ich mach das schon", sagte sie fast herausfordernd. „Immerhin bin ich schuld an der Verletzung."
„Niemand trägt Schuld daran", erwiderte er. „Es war ein Unfall. Im Grunde bin ich froh darüber. Immerhin hab ich dich dadurch kennengelernt und verstehe so einiges mehr."
„Wie auch immer", sagte sie, zog den Kasten unter seinen Fingern weg und
umrundete damit die Küchenzeile. „Also los", forderte sie ihn auf. „Wollen wir
es hier machen, oder lieber auf dem Sofa?" Sie stockte und wurde rot, als sie
begriff, auf welche Weise man diese Frage noch deuten konnte. „Die Wunde", sagte
sie schnell. „Ich meine, wo wir die Wunde versorgen wollen."
William lachte leise, hüpfte vom Hocker und humpelte auf die Couch zu. „Lass es
uns auf dem Sofa machen", sagte er, setzte sich und sah sie grinsend an.
„Das ist nicht nett", erwiderte Buffy, noch immer hochrot. „Wirklich gar
nicht nett. Ich wollte doch nur… so war das bestimmt nicht gemeint."
„Kein Problem", winkte er ab. „Ich hab dich schon verstanden. War nur ein blöder
Witz." Und um seine Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen, schob er die Jeans
bis ans Knie hoch.
„Oh, Mist", sagte Buffy, die schon von weitem sah, wie viele offene und scheinbar auch tiefe Wunden sich auf seinem Unterschenkel befanden. „Warum hast du gestern nur nichts gesagt?" Doch eigentlich war die Frage überflüssig. Zum einen hatten sie Wichtigeres zu besprechen gehabt und rein theoretisch kannten sie sich gar nicht. Sie ging auf ihn zu, stellte den Verbandskasten auf dem Couchtisch ab und öffnete ihn. „Hier ist ein Wundbalsam", sagte sie nach kurzem Kramen. „Antiseptisch steht drauf. Das sollten wir auf die Kratzer pinseln", meinte sie und drückte ihm die kleine Flasche in die Hand. „Und hier ist jede Menge Zellstoff und auch Verbandszeug."
Zusammen versorgten sie die Wunden und Buffy verklebte hinterher den Verband mit einer Menge Pflasterstreifen, damit er nicht herunterrutschte. „Das sollten wir aber nicht zu lange aus den Augen lassen. Einige der Schnitte sehen echt übel aus." Sie stand auf und warf einen Blick aus dem großen Panoramafenster. „Ob sie schon geräumt haben? Vielleicht wäre es besser, da mal einen Arzt einen Blick drauf werfen zu lassen."
„So schlimm ist es auch nicht", brummte William, schnappte sich die Überreste der Aktion und räumte sie wieder in den Koffer. „Ich schau heute Abend noch einmal darauf und erneuere gegebenenfalls die Verbände." Er erhob sich, packte den Koffer und ging langsam auf den Küchentresen zu. „Aber jetzt hab ich Hunger."
„Hunger. Das erinnert mich daran, dass ich mir Frühstück machen wollte", sagte Buffy und eilte ihm nach. „Hinsetzen", sagte sie und deutete auf den Hocker, auf dem er schon zuvor gesessen hatte. „Jedenfalls das kann ich tun." Sie wartete gar nicht erst seine Einwände ab sondern öffnete den Kühlschrank. „Rühr- oder Spiegelei?", fragte sie. „Toast? Oder lieber Müsli?"
„Alles außer Müsli ist mir recht", brummte William und setzte sich.
„Gut", nickte Buffy, gerade damit beschäftigt, Wasser in die Kaffeemaschine zu füllen. „Was ich dich fragen wollte…", meinte sie und startete die Maschine, „was genau machen wir eigentlich jetzt? Wir können den Drecksack wohl kaum direkt darauf ansprechen." Sie sah ihn einen Moment an und zuckte andeutungsweise mit den Schultern.
„Eigentlich können wir nicht wirklich viel machen", sagte er nach einer Zeit des Überlegens. „Ich muss abwarten, was mein Kollege ausgräbt. Wenn er etwas Brauchbares findet, dann wird er es an die richtigen Stellen weiterleiten. Allerdings glaube ich nicht, dass das hier ein Kinderspiel wird." Nun war er es, der sein Gegenüber ansah. „Dir ist schon klar, dass der Mistkerl Livingston weiß, dass wir nicht verheiratet sind? Ich mag ja den Dummkopf am Empfang getäuscht haben, doch ihn nicht. Er wird, jedenfalls stell ich mir das vor, jede noch so kleine Kleinigkeit aus deinem Leben wissen und ein Ehemann wäre ihm garantiert aufgefallen."
„Du hast dich als meinen Ehemann ausgegeben?", fragte Buffy und ließ vor Schreck beinahe das Ei fallen, das sie in der Hand hielt. „Ich hab das nicht mitbekommen", sagte sie dann leiser. „Ich stand… etwas neben mir."
„Was kein Wunder ist", sagte William und nickte. „Es muss ein furchtbarer
Schock gewesen sein."
„Eigentlich bin ich nicht so", sagte Buffy und wandte sich der nun brutzelnden
Pfanne zu. „Ich bin keine dieser Frauen, die bei jeder Kleinigkeit in Ohnmacht
fallen. Eigentlich habe ich recht starke Nerven und lass mich nicht
unterkriegen."
„Das ist mir schon klar", erwiderte er und fing sich dafür einen erstaunten Blick ein. „Die meisten anderen Frauen", erklärte er, „hätten längst aufgegeben und das getan, was der Drecksack Tom Livingston von ihnen wollte", sagte er mit einem Schulterzucken. „Und kaum eine hätte es gewagt, ihr ganzes altes Leben zurückzulassen und neu anzufangen."
Buffy schaufelte Rührei auf zwei Teller und stellte einen davon vor ihm ab. „Möglich", sagte sie leise und legte Toast dazu. „Ich dachte nur, weil ich gestern… ein heulendes Häufchen Elend war. Aber es war wirklich zu viel. Ich hatte gedacht, alles hinter mir gelassen zu haben und das war wirklich nicht einfach. Ich hatte dort ein Zuhause, meine Arbeit und ein paar Freunde. Und dann steht er da. Einfach so und…!" Während des Redens hatte sie weiter in der Küche gekramt und die Kaffeekanne landete nun etwas härter in der Halterung, als es gut war. Es knackte laut, doch sie blieb ganz. Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Milch und Zucker?", fragte sie, zwei Kaffeebecher in der Hand.
„Schwarz", sagte er und nahm einen entgegen. „Ich hab bisher nie an das Schicksal geglaubt", meinte er und trank vorsichtig einen Schluck des heißen Getränks. „Aber die Begegnung mit dir hat mich eines Besseren belehrt. Mir hat es eine Menge neuer Informationen gebracht und dir… dir vielleicht eine gewisse Unterstützung. Ich weiß, wir kennen uns nicht und wissen im Grunde nichts voneinander. Und doch haben wir eine wirklich wichtige Gemeinsamkeit. Meine Schwester. Und ich denke, dass wir schon ihretwillen zusammenarbeiten müssen." Er stockte, lauschte und drehte dann den Kopf. „Es hört sich an, als würden sie den Schnee räumen."
Wenige Augenblicke später konnte man eine große Schneefräse durch das Panoramafenster sehen, die sich langsam und mühsam einen Weg durch die Unmengen von Schnee bahnte. „Das bedeutet dann wohl, dass wir nicht länger gefangen sind", meinte Buffy, stellte Butter und Marmelade auf den Küchentresen und setzte sich dann neben ihren Verbündeten.
„Was gut ist", nickte Spike und trank einen weiteren Schluck Kaffee. „Kannst du gut schauspielern?", fragte er dann.
„Schauspielern? Warum?", fragte Buffy und legte den angebissenen Toast beiseite.
„Nun", sagte William gedehnt und sein Grinsen wurde diabolisch. „Bisher haben wir nichts gegen Tom Livingston in der Hand und unternehmen können wir dementsprechend auch nichts gegen ihn. Aber wir können ihn aus seinem Schneckenhaus locken. Wir können ihn bis aufs Blut reizen und dann auf seine Reaktion antworten!"
Etwas erschrocken sah sie ihn an. „Und was schwebt dir da vor?", fragte sie vorsichtig, denn sie war sich sicher, dass es keine gute Idee war, Tom Livingston aufzuregen. Nicht nachdem, was er der armen Sarah angetan hatte.
„Der Scheißkerl ist doch besessen von dir…", sagte er und ein harter Ausdruck trat in seine Augen. „Was, wenn er mit ansehen muss, wie seine Angebetete mit einem anderen Mann flirtet? Vorausgesetzt natürlich, du kannst so etwas vortäuschen. Mit mir."
Buffy schluckte hörbar und er wiegelte ab, als er ihr entsetztes Gesicht sah. „Hey, so unausstehlich und hässlich bin ich auch nicht."
„Das ist es nicht", beeilte sie sich zu sagen. „Ich weiß nur nicht, ob ich den Mut aufbringe." Sie zuckte verlegen mit den Schultern. „Gestern… gestern bin ich praktisch zusammengebrochen, als ich ihn sah. Ich weiß einfach nicht, ob ich die Kraft dazu habe."
„Verstehe", sagte William und stocherte missmutig in seinem Rührei. „Ich dachte nur…"
„Ich werde es machen", unterbrach ihn Buffy und Trotz stand in ihren Augen geschrieben. „Und wenn es nur dafür gut ist, ihm zu zeigen, dass er mich nicht klein gekriegt hat!"
„Gut", grinste William, nun wieder bester Laune. „Dann haben wir einen Plan. Wir werden ihn zwingen, den nächsten Schritt zu machen. Der Drecksack! Der wird mich noch kennenlernen. Er wird sich wünschen, nie geboren worden zu sein! Dafür werde ich schon sorgen!"
Teil 6
Der Tag schleppte sich dahin. Buffy und William war der Gesprächsstoff ausgegangen und irgendwann hatten sich beide auf dem Sofa wieder gefunden, jeder in eine der Ecken gekuschelt und mit einer Decke über den Beinen. Der Fernseher lief, doch niemand achtete sonderlich auf das Programm. Eigentlich hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.
Erst langsam wurde Buffy bewusst, dass sie unglaubliches Glück gehabt hatte. Und genau das machte sie unfassbar betroffen und sie fühlte einen Kloß im Hals, der sich auch durch mehrmaliges Räuspern nicht vertreiben lassen wollte. Denn Sarah hatte dieses Glück nicht gehabt. Sie war tot, war auf furchtbare Art und Weise aus dem Leben geschieden und Buffy gab sich die Schuld daran. Wieder und wieder überdachte sie jeden Aspekt dieser schrecklichen Geschichte. Hätte sie anders handeln sollen? Hatte sie sich falsch entschieden? Hätte sie doch zur Polizei gehen sollen? Säße Tom Livingston dann jetzt schon längst hinter Gittern?
„Glaubst du…", begann Buffy, stockte jedoch sofort, als sie erkannte, dass ihr neuer Bekannter eingeschlafen war. Sein Kopf war nach vorne auf die Brust gesunken und er atmete tief und gleichmäßig. „Okay", murmelte sie leise und stand auf. „Ich sollte auch ein wenig schlafen."
Sie legte ihre eigene Decke noch zusätzlich über ihn und ging dann auf Zehenspitzen auf ihr Zimmer zu. Eine bleierne Müdigkeit hatte sich bei seinem Anblick über sie gelegt und sie schlüpfte schnell unter die dicke und warme Bettdecke. Sie würde Kraft brauchen, wenn sie sich Tom Livingston gegenüberstellen musste und Angst durchzuckte sie. Würde sie es schaffen? Konnte sie ihm vorspielen, glücklich und verliebt zu sein? William hatte natürlich Recht. Livingston würde niemals auch nur annehmen, dass sie verheiratet waren. Doch würde er glauben, sie habe sich in die nächstbeste Liebesgeschichte gestürzt, kaum dass sie die Stadt verlassen hatte? Nach all dem, was sie durchgemacht hatte?
„Wir werden es herausfinden", murmelte sie leise und zog die Decke hoch bis zur Nasenspitze. Dann schloss sie die Augen und nur wenige Sekunden später schlummerte sie tief und fest und vor allem traumlos.
*~*~*
„Bist du bereit?", fragte William und warf einen Blick auf die Uhr. Der Abend war längst angebrochen und es war Zeit, ihre Schauspielkunst unter Beweis zu stellen.
Den ganzen Nachmittag über hatten die Angestellten des Resorts schwer gearbeitet und alle Wege weitestgehend von den Schneemassen befreit. Er selbst hatte, nachdem er auf dem Sofa erwacht war, den Wagen freigeschaufelt, damit er den weiten Weg bis zum Restaurant nicht zu Fuß laufen musste. Die Bewegung hatte ihm gut getan und ein wenig der Wut verscheucht, die ihn nicht mehr verlassen hatte, seitdem er auf der Jagd nach dem Mörder seiner Schwester war.
„Ich weiß es nicht", gestand Buffy und kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Ebenso wie William hatte sie sich chic angezogen und ihre honigblonde Mähne fiel ihr in sanften Wellen bis auf den Rücken. Gewöhnlich zog sie sich ein wenig schlichter an. Modisch, aber schlichter. Doch William hatte gemeint, heute wäre Auffallen die Devise und wieder kontrollierte sie ihr Aussehen im Spiegel der Garderobe neben der Eingangstür.
„Ich weiß nicht, ob es dir hilft", sagte er nun leise und sah sie über ihre Schultern im Spiegel an. „Aber wären wir nicht hier und hätten uns auf andere Art und Weise kennengelernt, dann wäre es mir eine Ehre, eine so hübsche junge Frau auszuführen."
„Danke", brummte sie und funkelte ihn an. „Du brauchst keine Märchen erfinden, nur damit ich das Spiel mitspiele."
„Es war keine Lüge", sagte er sanft, zwinkerte und fasste kurz ihren Arm. „Du schaffst das schon. Du bist mutig, dass hast du schon mehrmals unter Beweis gestellt. Sonst wärst du nicht hier." Er zuckte mit den Schultern und öffnete die schwere Haustür der Hütte. „Du kannst mir vertrauen. Ich werde schon auf dich aufpassen. Ich würde dich niemals einer unbekannten Gefahr aussetzen. Doch das hier ist überschaubar. Wir fahren mit dem Wagen bis zum Restaurant, essen und fahren mit dem Wagen zurück. Natürlich nicht, ohne ordentlich aufzufallen."
„Mir war Auffallen schon immer zuwider", sagte sie leise, doch dann hob sie den Kopf und der Trotz bahnte sich einen Weg. Wenn sie Tom Livingston beweisen wollte, dass er sie nicht gebrochen hatte, dass sie immer noch unabhängig und mutig war, dann musste sie diese Gefühle auch ausdrücken. Ein letztes Mal warf sie einen Blick in den Spiegel und sie stellte erstaunt fest, dass sie lächelte.
*~*~*
Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und William lenkte den Wagen auf den großen Parklatz des Resorts. „Wie es scheint, ist ordentlich was los", sagte er nach einer zweiten Runde auf dem Stellplatz. Doch dann war ihnen das Glück hold und ein anderer Gast fuhr seinen Kombi aus einer Parklücke. „Also gut", sagte er und zog den Zündschlüssel ab. Er wandte sich Buffy zu und nickte aufmunternd. „Wir ziehen keine allzu große Schau ab. Sonst glaubt er gar nichts und durchschaut sofort, dass es ein Spiel ist und wir ihn herausfordern. Doch das ist nicht das, was ich will. Er soll unsicher werden. Soll sich fragen, woher und wie lange wir uns schon kennen." Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es dir ja möglich, so zu tun, als wären wir frisch verliebt." Er räusperte sich und zum ersten Mal wirkte er verlegen.
„Ich denke, ich bekomme das hin", sagte sie und fühlte sich auf einmal viel wohler. Es war beruhigend zu wissen, dass auch er sich seltsam dabei fühlte, gleich ein Liebespaar zu spielen. „Aber was machen wir, wenn er gar nicht da ist?" Sie drehte sich auf dem Autositz herum und versuchte durch die Fenster einen Blick auf den Gastraum zu erhaschen. „Vielleicht hat ihn der gestrige Auftritt so geschockt, dass er die Segel gestrichen hat und längst abgereist ist."
„Das denke ich eher nicht", sagte William und sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Aber wenn er nicht im Restaurant ist, oder hier in der Gegend herumlungert, dann werden wir uns einfach ein fantastisches Abendessen schmecken lassen."
„Einverstanden", nickte Buffy, schüttelte sich und strahlte ihn dann an. „Ich hoffe, mein Lächeln friert nicht irgendwann ein."
„Das glaube ich nicht", sagte er und war einen Moment fasziniert von ihren
grünen Augen, die sogar beim schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung
aufblitzten. Dann rief er sich zur Ordnung und erinnerte sich daran, dass er
nicht zum Spaß hier war. „Wollen wir gehen?"
Buffy nickte, öffnete die Wagentür und glitt aus dem Landrover hinaus. Sie ging
um den Wagen herum und wurde sogleich von William empfangen, der ihr die Hand
entgegenstreckte. „Wir gehen durch die Rezeption hinein. Ich hatte ganz
vergessen, dass wir uns noch nicht korrekt angemeldet haben. Gestern Abend habe
ich nur unsere Pässe hinterlegt." Er zuckte mit den Schultern. „Na ja… ähm, du
warst nicht in der Verfassung und ich hatte noch keinen Schimmer, um was es
überhaupt ging."
„Oh, also… einverstanden", sagte Buffy, die sich kaum an irgendeine Einzelheit
erinnern konnte. Sie lächelte ihn entschuldigend an, fasste seine Hand und
zusammen schlenderten sie über den Parkplatz auf den Eingang zu.
*~*~*
Die Anmeldung verlief schnell und unkompliziert und es dauerte nicht lange, bis beide Hand in Hand das Restaurant betraten. William blieb gleich im Eingang stehen, meldete sich und Buffy für einen Tisch an und sondierte die Lage. Wobei er allerdings vorgab, die Speisekarte zu studieren, die in einem Schaukasten im Eingang hing. „Er ist hier", flüsterte er und fühlte, wie Buffys Hand in seiner zuckte. „Er sitzt an der Theke, hinten, in der dunkelsten Ecke, und wie es aussieht, hat er ordentlich gebechert. Am besten ist, du schaust überhaupt nicht zu ihm hinüber." Er drehte sie, zog sie an sich und küsste sie flüchtig auf die Stirn.
Buffy murmelte ein leises „Okay", lehnte sich in seine Umarmung und fühlte sich merkwürdig. Sie war ihm so nah und doch kannte sie ihn gar nicht. Dann spürte sie etwas Hartes unter seiner Jacke, erschrak, und war im gleichen Moment erleichtert darüber, dass er offensichtlich bewaffnet war. „Und was jetzt?"
„Jetzt fängt das Spiel erst richtig an", sagte er und ließ die Finger seiner rechten Hand über die Speisekarte im Aushang gleiten. Er lächelte und küsste wieder flüchtig ihre Stirn. „Da wir auf einen freien Tisch warten müssen, gehen wir jetzt an die Theke und werden etwas trinken. Und ganz ehrlich… einen Whiskey könnte ich gut gebrauchen." Er lächelte ununterbrochen, wirkte glücklich und zufrieden, nur seine Worte passten nicht unbedingt dazu.
William wählte den Platz an der Theke mit Bedacht. Tom Livingston hatte praktisch freie Sicht auf ihn, Buffy jedoch saß ihm abgewandt gegenüber und das war vielleicht auch gut so. Im Moment wirkte sie eher wie ein verängstigtes Reh als wie eine verliebte junge Frau. „Alles okay?", fragte er mit einem breiten Lächeln im Gesicht, doch Besorgnis schwang in seiner Stimmte mit.
„Wird schon", nickte Buffy und staunte nicht zum ersten Mal über die schauspielerische Leistung, die er ablieferte. „Ich brauche nur einen Augenblick, um meinen Mut wieder zu finden." Sie sah ihn an, lächelte entschuldigend und beugte sich dann vor, um seine Hand zu fassen. „Was macht er?", fragte sie leise.
„Es sieht aus, als würde er am liebsten ein Stück aus seinem Glas heraus beißen", sagte William befriedigt und trank seinerseits einen Schluck Whiskey. Er lächelte ununterbrochen und steckte dem Kellner, der einen freien Tisch meldete, ein stattliches Trinkgeld zu. „Ich habe vielleicht Hunger", meinte er laut und erhob sich. „Hoffentlich schmeckt das Steak so lecker, wie es auf der Speisekarte angepriesen wird."
Galant geleitete er Buffy zum Tisch, schob ihr den Stuhl an und setzte sich
wiederum so, dass er selbst den besten Blick auf das Restaurant hatte. „Ich kann
ihn jetzt nicht mehr komplett sehen", flüsterte er ihr leise zu. „Der verdammte
Pfeiler ist mir im Weg."
Buffy war schlau genug, nicht sofort den Kopf zu wenden, sondern wartete auf die
passende Gelegenheit. Als der Oberkellner kam und ihr die Speisekarte
überreichte, blickte sie sich vorsichtig um. „Er wirkt wahrhaftig nicht
glücklich", sagte sie und zum ersten Mal an diesem Abend war ihr Lachen echt.
Tom Livingston saß an der Bar, mit grimmig verzerrtem Gesicht und er starrte das
Glas in seiner Hand an, als verspüre er den Wunsch, es an die Wand zu
schmettern.
Es tat gut, den verhassten Mann einmal aus der Fasson gebracht zu haben. Einigermaßen gut gelaunt bestellte sie sich Lachs in Safransauce und entspannte sich ein wenig. Es war gar nicht so schwer zu schauspielern, wie sie sich das vorgestellt hatte. Allerdings machte William es ihr auch sehr leicht. Er lächelte fast durchgehend, erzählte, gestikulierte und es war einfach, die angespannte Situation zu vergessen. Ihre Laune verbesserte sich von Minute zu Minute und als das Essen kam, stellte sie fest, dass sie wirklich großen Hunger hatte.
„Er geht", sagte William, nachdem sie ihr Essen fast beendet hatten und blickte schnell wieder zu Buffy, denn für einen Moment blieb Tom Livingston mitten im Restaurant stehen und blickte zornig zu ihrem Tisch. Dann stapfte er zur Tür hinaus.
„Gott sei Dank", murmelte Buffy und ließ die Hand los, die William ihr auf dem Tisch entgegenstreckt hatte. „Ich wäre wirklich froh, wenn er verschwindet."
„Kann ich dich einen Moment alleine lassen?", fragte er und lächelte beruhigend, als er ihren Blick auffing. „Wirklich nur ganz kurz. Ich will nur an die Bar. Der Barkeeper hat das Büchlein liegen lassen, in dem eingetragen wird, an welche Hütte die Rechnung geht. Ist vielleicht die leichteste Art herauszufinden, wo Livingston wohnt."
„Okay", murmelte sie unsicher und fühlte, wie ihre Hände zu schwitzen anfingen.
William lachte noch einmal, um ja das Schauspiel aufrecht zu erhalten, schmierte sich dann rasch und heimlich etwas Sauce auf sein Hemd und eilte dann nach vorne an den Tresen. Er schob sich durch zwei an der Bar sitzende Männer und beugte sich weit vor. „Entschuldigung. Könnte ich bitte einen nassen Lappen haben? Mir ist da gerade ein kleines Malheur passiert."
Buffy beobachtete ihn dabei. Erst hatte sie nicht hinsehen wollen, doch das wäre eher unnatürlich gewesen. Denn immerhin spielten sie ein Paar und für gewöhnlich schauten Liebende, was der andere tat. Sie musste lächeln. Er war wirklich einfallsreich. Ihr wäre diese Idee nicht so schnell gekommen und das sagte sie ihm auch, als er sich wieder setzte.
„Ach das", winkte er ab. „Jedenfalls weiß ich jetzt, wo das Schwein steckt. Er hat Hütte Nummer dreizehn gemietet."
„Dreizehn?", wiederholte Buffy und seufzte. „Das ist nicht wirklich weit weg. Ich hatte im Stillen darauf gehofft, dass er in einer möglichst weit entfernten Ecke des Resorts abgeblieben ist." Eigentlich, auch wenn sie es William gegenüber nicht zugeben würde, wäre es ihr am liebsten gewesen, wenn er einfach verschwunden wäre und sie ihn nie wieder zu Gesicht bekäme. Doch das war keine wirkliche Alternative. Nicht nach dem, was er getan hatte. Tom Livingston musste für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Und doch hatte sie Angst.
„Ich glaube, so nah ist das gar nicht", sagte William und winkte den Kellner heran. „Soweit ich weiß, gabelt sich der Weg und er „wohnt" auf der linken Seite des Geländes. Also vom Hauptweg aus gesehen. Die Nummer siebzehn, unsere Hütte, ist auf der rechten Seite." Der Kellner kam und William bestellte sich Apfelkuchen zum Nachtisch. „Möchtest du auch?"
„Nein, danke", meinte Buffy, wartete, bis der Tisch abgeräumt war und lehnte sich dann vor. „Was glaubst du, was jetzt passiert? Haben wir ihn aus der Reserve locken können?" Sie hatte beinahe Angst vor der Antwort, musste aber dennoch wissen, was ihr Verbündeter dachte und vor allem, was er nun plante.
William sah sie einen Moment an und nickte dann. „Meiner Meinung nach kann er gar nicht anders. Er muss jetzt reagieren. Warten wir es ab. Das Spiel ist eröffnet und ich halte ihn nicht für einen Mann, der eine solche Herausforderung einfach wegsteckt. Sein Ego muss extrem groß sein und wir haben ihn da angegriffen, wo es wehtut. Vielleicht ist das seine einzige Schwachstelle und die müssen wir ausnutzen."
Teil 7
Die Tage schlichen dahin, ohne dass etwas Aufregendes passierte. Jeden Abend gingen Buffy und William ins Restaurant, spielten das glückliche Pärchen und jeden Abend stolzierte Tom Livingston früher oder später vor Wut rasend aus dem Lokal. Doch das war auch alles. Soweit William das beurteilen konnte, hatte er sich ihrer Blockhütte nicht genähert, es gab keinen Telefonterror und auch keine Drohbriefe, die Livingston vorher so gerne geschrieben hatte. Es geschah einfach gar nichts.
Sicherheitshalber hatte es sich William zur Aufgabe gemacht, jeden Tag im Schnee nach eventuellen Fußabdrücken zu suchen, doch es gab nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass Tom Livingston auch nur einen Fuß vor ihre Blockhütte gesetzt hatte und so langsam hatte William es satt, auf eine Reaktion des verhassten Mannes zu warten.
„Was sollen wir denn nun machen?", fragte Buffy, nachdem William wieder einmal enttäuscht sein Laptop zuklappte.
„Das ist eine gute Frage", brummte er und ärgerte sich, dass noch immer keine Neuigkeiten eingetrudelt waren. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht", sagte er und ließ sich auf dem Sofa zurückfallen. Sein Blick war an die Decke geheftet und er seufzte leise. „Der Drecksack hat eine Selbstbeherrschung, die ich ihm nicht zugetraut hätte! Ich hatte gedacht, er würde völlig durchdrehen und praktisch sofort in die Falle hineinlaufen. Doch da hab ich mich wohl zu früh gefreut. Das wäre wohl auch zu einfach gewesen. Aber im Stillen hatte ich doch gehofft, dass er spätestens am zweiten Tag wutentbrannt hier aufgetaucht, total durchdreht und uns möglicherweise sogar mit einer Waffe bedroht. Dann hätte ich das Schwein dingfest gemacht. Und das mit Freuden!"
„Er ist nicht dumm", sagte Buffy leise und wärmte die kalten Hände am
flackernden Kamin. „Ich hab lange darüber nachgedacht…", sagte sie vorsichtig
und wandte sich ihm zu. „Glaubst du… denkst du, dass ich die erste Frau bin, der
er nachgestellt hat? Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen."
„Nein, ich denke nicht, dass du die Erste warst. Aber vielleicht warst du die
Einzige, die sich gegen sein Werben gesträubt hat. Das ist wohl auch der Grund,
warum sich nichts über den Mistkerl finden lässt", schimpfte William, dann
lachte er gehässig auf. „Er sieht einigermaßen gut aus, ist Anwalt und hat schon
von Haus aus eine Menge Kohle. Die meisten Frauen haben sich wahrscheinlich
geehrt gefühlt und sich schon ausgemalt, wie es wäre, die Ehefrau eines reichen,
erfolgreichen Anwalts zu sein."
„Also denkst du, ich hätte mich einfach nur… flachlegen lassen sollen, und das alles wäre nicht passiert?", fragte Buffy vor Wut fast platzend. „Er hätte seinen Spaß gehabt, hätte einen weiteren Strich auf seine Liste kritzeln können und alles wäre gut? Sarah würde noch leben, ich hätte noch einen Job und…."
„Natürlich nicht", fuhr William herum. „Wie kommst du darauf, dass ich dir… also ehrlich…"
„Glaub mir", unterbrach Buffy ihn barsch, „hätte ich gewusst, was passiert… hätte ich auch nur geahnt, was meine Abfuhr anrichtet… ich hätte es getan. Und erzähl mir nicht, du hättest nicht längst darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn ich…"
„Natürlich habe ich darüber nachgedacht", schimpfte William und fuhr hoch. Er ging auf sie zu und funkelte sie an. „Aber dieses ganze bescheuerte Was- wäre- wenn- Spiel ist vollkommen sinnlos. Immer, wirklich immer, wenn einem irgendwas misslingt oder etwas nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, denkt man hinterher… hätte ich doch nur…. Man hat aber nicht. Der Moment kommt und man trifft eine Entscheidung. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Entscheidung falsch war, doch ändern kann man es nicht mehr und es macht überhaupt keinen Sinn, länger darüber nachzudenken. Dir war der Kerl, seine bescheuerten Anmachversuche, und was weiß ich noch, zuwider, und du hast dich entschieden, ihm nicht nachzugeben. Und das kannst und darfst du nicht bereuen! Du hast nicht wissen können, was er mit Sarah anstellt. Du hast nicht wissen können, wie gefährlich er wirklich ist und…"
„Schon gut", bremste Buffy ihn vorsichtig, denn er hatte sich richtig in Rage geredet, genauso sehr, wie sie einige Augenblicke vorher. „Du hast ja Recht. Aber hätte ich in die Zukunft sehen können, hätte ich anders entschieden."
William holte tief Luft und sah sie an. „Entschuldige. Ich hätte eben nicht so hochfahren dürfen. Ich wollte dir bestimmt keine Vorwürfe machen." Er verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Und doch… alles was geschehen ist, alles was noch geschehen wird … was auch immer Tom Livingston noch anstellen wird… es ist nicht deine Schuld." Er sah sie an und nickte aufmunternd. „Es ist nicht deine Schuld. Sondern seine. Er alleine trägt die Last auf seinen Schultern … also lass sie dir nicht aufhalsen!"
„Ich weiß, ich sollte nicht mir die Schuld dafür geben", seufzte Buffy leise. „Aber selbst, wenn ich nicht …" Sie warf die Hände in die Luft. „Du hast Recht. Es macht keinen Sinn darüber nachzudenken, was geschehen wäre, hätte ich anders reagiert. Aber vor allem hilft uns das nicht weiter. Tom Livingston ist clever, er wird sich so leicht nicht ins Bockshorn jagen lassen. Höchstwahrscheinlich ist ihm vollkommen klar, dass wir ein Spiel mit ihm spielen. Er weiß nur nicht, wo er dich einordnen soll."
„Darüber habe ich auch schon nachgedacht", nickte William, grinste fies und setzte sich wieder auf das Sofa. „So wie ich ihn einschätze, wird er seinerseits versuchen etwas über mich herauszufinden. Er hat sicherlich schon längst in der Rezeption nachgefragt. Und wenn ein bisschen Kohle über den Tresen gegangen ist, wird der Angestellte sich wohl nicht lange geziert haben."
Buffy bewegte sich vom Kamin weg auf die Küche zu. „Möchtest du auch einen Kaffee?"
„Kaffee wäre gut", nickte er und grübelte weiter. „Allerdings wird er mich nicht mit Sarah in Verbindung bringen können. Überhaupt gibt es über mich nichts zu finden. Livingston wird ganz schön sparsam aus der Wäsche gucken, wenn er seine Leute darauf ansetzt und die nichts finden."
„Warum gibt es nichts über dich herauszufinden?", fragte Buffy neugierig, die mit zwei Bechern brühendheißer Flüssigkeit zurückkehrte. Sie stellte eine Tasse auf den Couchtisch und setzte sich dann in einen der bequemen Sessel. „Über jeden findet man etwas", meinte sie und zuckte mit den Schultern. „Vor allem heutzutage. Gewöhnlich braucht man den Namen nur bei einer Suchmaschine im Internet eingeben und…"
„Meine ganze Identität ist … naja, es gibt sie nicht. Ich habe viel verdeckt gearbeitet und um mich und meine Familie zu schützen, ist sie praktisch gelöscht worden." Er lächelte sie belustigt an. „Man muss schon eine sehr hohe Sicherheitseinstufung haben, um an meine Daten heranzukommen. Die hat Livingston erstens nicht und zweitens wüsste er wohl kaum, wo er suchen sollte." Er zuckte mit den Schultern, als er ihr verwirrtes Gesicht sah. „Das gehört zu meinen Job", sagte er leise. „Ich bin nie mit meinem eigenen Namen unterwegs. Hier bin ich zum Beispiel als William Anderson aus Wyoming gemeldet. Ich habe eine Menge falscher Identitäten und hab so gesehen die freie Auswahl."
„Auch nicht schlecht", hustete Buffy, denn sie hatte sich vor Überraschung an ihrem Kaffee verschluckt. „Das wäre genau das Richtige für mich. Eine komplett neue Identität." Dann seufzte sie. „Nein, das wäre auch nicht gut. Ich mag zwar in Los Angeles nicht viele Freunde gefunden haben, aber dennoch… ich würde gerne die bleiben, die ich bin."
„Hat alles seine Vor- und Nachteile", meinte er und überlegte. „Kannst du Skifahren? Snowboarden?"
„Nein", gestand sie. „Ich hab mir diesen Ort nicht wegen des Wintersports ausgesucht, sondern weil er weit weg war und abgelegen. Ich hatte eigentlich gehofft, hier ein wenig Ruhe zu finden und viel Zeit, um mein zukünftiges Leben zu planen."
William nickte nur und stellte seine leere Tasse auf den Tisch. „Wir müssen
uns trotzdem mehr zeigen. Tom Livingston muss mehr Gelegenheit haben, sich über
uns aufzuregen. Wir sollten unsere Bemühungen verdoppeln. Wir müssen ihn mehr
reizen, aus der Reserve locken. So weit, dass er nicht mehr zurück kann."
„Ich halte das für sehr gefährlich", sagte Buffy leise, die gar keine Lust
hatte, sich freiwillig einer solchen Gefahr auszusetzen. „Er ist unberechenbar
und wir können nicht einschätzen, wie er reagieren wird. Ich weiß, du gehst
unbewaffnet nicht vor die Tür und mir ist schon klar, dass das dein Beruf ist
und du gewiss… gut gerüstet bist, aber ich…"
William sagte eine Weile gar nichts, er sah sie nur an und nickte dann mit unleserlichem Gesichtsausdruck. „Okay, ich verstehe. Vermutlich ist das auch nichts für dich. Daran hätte ich denken sollen. Na ja, schauen wir mal. Der Wetterbericht klingt recht positiv. Für die nächsten Tage ist kein Neuschnee gemeldet und wir sollten uns überlegen, dich irgendwann… am besten nachts… zum Flughafen zu bringen. Ich kann dir helfen, dich zu verstecken. Ich habe ein, zwei Wohnungen, die sicher sind und die du für eine Zeit lang benutzen kannst."
Nun war es Buffy, die verstummte. Sie sah ihn an und ihr Blick verfinsterte sich jede Sekunde ein wenig mehr. Wollte er sie herausfordern oder glaubte er wirklich, sie würde sich wie ein dummes junges Mädchen fortschicken lassen? „Das ist nicht dein Ernst, oder?" Sie sprang auf, stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn giftig an. „Ich habe dir gesagt, ich gehe nirgendwohin, bevor wir das Schwein zur Strecke gebracht haben! Ich bin nicht so hilflos, wie du es gerade darstellst. Ich hänge nur an meinem Leben und deswegen... du kannst mir das wohl kaum verübeln!"
William schüttelte den Kopf und lächelte sachte. „Du meine Güte, da steckt ja richtig Feuer in dir drin." Er hatte sie aus der Reserve locken wollen und wie es den Anschein hatte, war es ihm gelungen und er war hoch zufrieden mit sich.
„Ich zeig dir gleich mein Feuer", drohte Buffy und stupste ihn mit dem Finger, doch als William laut loslachte, konnte auch sie nicht anders und schloss sich ihm an.
„Dann sind wir uns also einig", sagte William nach einer Weile, stand auf, ging hinüber zur Garderobe, nahm ihre Jacke und warf sie ihr zu. „Wir gehen jetzt raus. Ich hab auch schon eine Idee, was wir jetzt machen können. Zum einen werden wir gesehen, zum anderen macht es Spaß. Wir verbinden einfach beide Dinge miteinander…also los!"
*~*~*
„Oh, Mann", murmelte Buffy in ihren dicken, wolligen Schal. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war." Sie stand ein paar Meter hinter William und sah ihn begeistert mit einem Angestellten fachsimpeln. „Auf was hab ich mich da nur eingelassen?", überlegte sie halb laut und sah die Schneemobile vor sich fragend an. Ganz sicher würde sie so ein Ding niemals fahren. Nie im Leben!
„Alles klar", sagte William und riss sie aus ihren Gedanken. „Wir nehmen die beiden da vorne." Er redete gar nicht mit ihr, hatte sie nicht einmal angesehen, sondern einfach über ihren Kopf hinweg entschieden und der Angestellte kramte die passenden Schlüssel hervor.
„Moment", mischte sie sich schnell ins Gespräch ein und der Mann vom Verleih sah sie fragend an. „Ich habe so ein Ding noch nie gefahren und will es auch nicht einmal probieren. Aber bitte, tu dir keinen Zwang an", sagte sie giftig zu William. „Ich geh zurück in die Hütte und setz mich vor den Fernseher!"
„Einen Augenblick", sagte William zu dem jungen Mann, zu dem er schnell einen
Draht gefunden hatte. „Wir sind gleich wieder zurück." Er hakte Buffy unter und
führte sie ein paar Meter weg, sodass er ungestört mit ihr reden konnte. „Ähm…
entschuldige", sagte er lächelnd. „Aber vor ungefähr zwanzig Minuten hast du mir
noch erzählt, du wärst tapfer und mutig. Im Moment sieht es aber eher so aus,
als wolltest du dich drücken." Er machte eine Pause und seine blauen Augen
glitzerten vergnügt im Sonnenlicht. „Hör mal", meinte er dann. „Wir können nicht
den ganzen Tag in der Blockhütte versauern. Da wird man doch irre im Kopf, wenn
man nichts anderes zu tun hat, als sich ständig über das gleiche Thema
auszulassen. Wir verbinden einfach ein bisschen Spaß mit unserer Aufgabe und so
schlimm und gefährlich sind Schneemobile nun wirklich nicht. Außerdem möchte ich
dich nicht alleine in der Hütte lassen. Wer weiß, wie weit Livingston schon ein
Netz um uns gespannt hat. Vielleicht bezahlt er sogar irgendwelche Männer, die
uns für ihn im Auge behalten. Möglicherweise wartet er nur auf die Gelegenheit,
wo du alleine bist. Schon mal darüber nachgedacht?"
„Ich hab es aber nicht so mit Fahren", sagte Buffy und verdrehte die Augen.
„Generell. Autofahren ist mir schon ein Gräuel, da brauche ich mit so was gar
nicht anfangen", erwiderte sie und deutete auf ein silber-schwarzes Schneemobil.
„Aber wenn du mich unbedingt dabei haben willst… dann nur als Beifahrerin. Ich
sitze hinten, halte mich fest und schau mir die Gegend an. Und zum Thema
Schauspiel. Ich werde mich gewiss ordentlich festhalten und von mir aus kuschele
ich mich auch an deinen Rücken! Aber fahren… Nein!"
„Einverstanden", nickte William. „Das klingt doch schon viel besser." Er ließ sie stehen, ging zurück zu dem wartenden Angestellten und unterzeichnete das vorformulierte Papier. „Das war es?", fragte er und grinste breit, als der junge Mann nickte.
„Eine Einweisung brauchen Sie nicht, oder?", fragte er William grinsend und überreichte ihm einen Plan. „Die Pisten für Schneemobile sind besonders gekennzeichnet und gut präpariert. Sie dürften keine Schwierigkeiten bekommen." Er machte eine Pause und sah dabei zu, wie William die Maschine startete. „Aber denken Sie daran, hier im Resort ist nur Schritttempo erlaubt."
„Ich werde es mir merken", nickte William und drehte den Gashahn einmal auf.
Dann lächelte er Buffy kess an und forderte sie auf, sich hinter ihn zu setzen.
„Auf los geht es los!", meinte er, als sie sich an ihn klammerte und schon ging
die Fahrt los.
Teil 8
Das Fahren mit einem Schneemobil war gar nicht so schlimm, wie Buffy es sich vorgestellt hatte. Zwar gab es bedeutend bequemere Sitzpositionen und die Kälte setzte einem auch zu, aber so grauenvoll wie in ihren Vorstellungen war es nun auch nicht. Noch nicht jedenfalls. William hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, eine Runde durch das ganze Resort zu drehen und ihr war schon klar, warum er es tat und außerdem auf Helme verzichtet hatte. Tom Livingston sollte sie sehen und sich ärgern. Aber selbst das war ihr im Moment egal. Noch war sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich festzuhalten und augenblicklich fuhren sie nur im Schritttempo. Was würde geschehen, wenn er auf das freie Feld abbog und sie an Geschwindigkeit zulegten? Schon jetzt war es gar nicht so einfach die Balance zu halten ohne die Arme um ihren Vordermann schlingen.
Möglicherweise wäre das ihrem Schauspiel zuträglich gewesen, aber es fiel ihr dennoch schwer. Sie mochte William. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Er war geradeheraus, spielte offenbar nicht gerne Spielchen und war der Bruder ihrer besten Freundin, was ihm alleine schon einen Bonus einbrachte. Aber dennoch… sie hatte die Nase von Männern gestrichen voll. Nach allem, was sie mit Tom Livingston erlebt hatte, war sie weit davon entfernt, jemals wieder einem Menschen, sprich Mann, vollkommen zu vertrauen.
„Wir fahren jetzt raus", sagte William und drehte ihr sein Gesicht einen Augenblick zu, das vom Wind und der Kälte gerötet war. „Erschreck dich nicht und halte dich ordentlich fest."
„Okay", murmelte Buffy nickend und ihre in dicken Handschuhen steckenden Finger suchten krampfhaft nach einer vernünftigen Halterung. Dann war er soweit. Sie verließen das Resort und bogen auf eine der vorgegebenen Pisten ein. William gab Gas und Buffy kippte nach hinten über. Nur mühsam richtete sie sich wieder auf und voller Angst suchte sie nach einem festen Griff. William, der keinen direkten Kontakt zu ihr hatte, hatte ihre Schwierigkeiten gar nicht bemerkt und kurvte munter durch das Gelände. Hin und wieder hörte sie ihn lachen oder fing Fetzen von Aussagen auf, die sie nicht verstand. Zudem wurde es erst jetzt richtig kalt. Der Fahrtwind schoss um William herum, traf direkt auf sie und ließ sie erschaudern.
„Du meine Güte", murmelte sie lautlos, als sich eine Gänsehaut auf ihren gesamten Körper legte. „Und das soll Spaß machen?" Sie fror erbärmlich und ihre Kräfte ließen auch langsam nach. Ihre Finger fühlten sich an, als wären sie aus gefrorenem Beton und das Festhalten wurde immer schwieriger. Doch als hätte William ihre Zweifel gehört, wurde er langsamer und lenkte das Schneemobil an den Rand der Piste.
„Ich hatte wirklich gedacht, du kämst von alleine darauf", sagte er, als er ihr sich grinsend zuwandte. „Hör zu", meinte er und zwinkerte, „wir laufen ständig Händchen haltend durch das Resort und spielen ein frisch verliebtes Pärchen. Du darfst mich also ruhig anfassen und dich an mir festhalten." Dann lachte er. „Du bibberst so sehr, dass ich das sogar über das Motorengebrumme hinaus spüren kann."
„Ich dachte… ich wollte", versuchte Buffy sich zu verteidigen. „Ich hab dich gewarnt", schimpfte sie dann. „Das ist einfach nichts für mich. Ich wollte nicht mitkommen und war so doof, mich umstimmen zu lassen. Ich habe…"
„Buffy", sagte er, den Namen sehr sanft aussprechend, „rutsch einfach näher an mich heran und halt dich an mir fest. Glaub mir, ich werde dich nicht beißen."
„Ha ha!", knurrte sie, befreite dann doch ihre klammen Finger aus den Ritzen der Sitzbank und rutschte näher an ihn heran.
„Noch näher", sagte er und musste nun den Kopf sehr weit drehen, damit er ihr noch ins Gesicht sehen konnte. „Dein Bauch an meinen Rücken und die Arme bitte um mich herum!" Er hatte natürlich schon bemerkt, dass sie Schwierigkeiten damit hatte, einem fast unbekannten Mann zu vertrauen und rechnete ihr das sogar hoch an. Es zeugte von ihrer Selbstständigkeit und auch davon, sich nicht jedem bedingungslos unterzuordnen. Doch das würde ihr in dieser Situation nicht weiterhelfen. Er wartete, bis ihre Arme sich zögerlich um ihn legten und packte dann ihre Hände, die sie ihm sofort wieder entziehen wollte. „Ich will dir nichts Böses", sagte er lachend und hielt sie fest. „Steck sie in meine Jackentaschen. Dann ist es noch wärmer."
Buffy war die ganze Angelegenheit mehr als peinlich und sie war heilfroh, dass er ihr Gesicht nun nicht mehr sehen konnte. Doch da ihre Finger kurz vor dem Kältetod waren, nahm sie schließlich seufzend seinen Vorschlag an. Sie suchte und fand die Jackentaschen, steckte vorsichtig die Hände hinein und fühlte sofort die Wärme darin. „Warte, rief sie dann und riss die Hände wieder zurück." Rasch zog sie die Mütze tiefer ins Gesicht, den Schal enger um den Hals und sie kontrollierte noch einmal, ob ihre Jacke auch wirklich ganz geschlossen war. Dann legte sie wieder die Arme um ihn und ihre Hände wanderten zurück in seine Jacke. „Alles klar. Es kann weitergehen", sagte sie, auch wenn ihr mehr danach war, ihn zur Umkehr zu bewegen.
Der Motor des Schneemobils heulte auf, dann lenkte William es zurück auf die Piste und gab langsam Gas. Es dauerte nur wenige Sekundenbruchteile bis er spürte, dass Buffy noch ein winziges Stück näher an ihn rückte und er lächelte zufrieden. Das sie ihm vertraute, war von absoluter Wichtigkeit. Gerade bei der Aufgabe, die vor ihnen lag. Und er würde sie nicht enttäuschen. Keine halsbrecherischen Manöver wagen und erst einmal die leichteste Route fahren, die der Plan aufzeigte. Immerhin hatte er die Fahrt mit einem Schneemobil nicht ohne Grund gewählt. Er hatte gewusst, dass sie niemals auch nur in Erwägung ziehen würde, selbst eines zu fahren und hatte entweder mit kompletter Verweigerung gerechnet, oder eben damit, dass sie sich damit zufrieden gab, hinter ihm zu sitzen. Sie musste wissen, dass sie sich jederzeit auf ihn verlassen konnte und dies war die erste Situation, in der er sich beweisen musste, um sie nicht zu verschrecken. Tom Livingston würde eine harte Nuss werden, dass hatte er schnell begriffen, und wenn er Buffy mit in diese Sache hineinzog, dann musste er sie auch beschützen können. Und das funktionierte eben nur, wenn sie ihm vertraute!
*~*~*
Die Fahrt dauerte an und Buffy bemerkte erstaunt, wie sie sich entspannte. Die verschneite Landschaft um sie herum drang langsam in ihr Bewusstsein und sie ertappte sich dabei, die Berghänge zu betrachten, die winterlich verpackten Bäume und einmal glaubte sie sogar, einen Hirsch im Dickicht erspäht zu haben. Kalt war ihr kaum noch. Nur ihr ungeschütztes Gesicht war der Witterung ausgesetzt und brannte ein wenig. Sie zuckte unmerklich mit den Schultern und legte den Kopf dann auf Williams Rücken. Sie hatte ihre Hände bereits an seinem Bauch, da war der Kopf doch eine Kleinigkeit.
„Wir sind gleich schon wieder im Resort", rief William und Buffy schaute hoch.
„Schon?", fragte sie verwundert und blickte sich um, als er das Schneemobil wieder an den Rand der Piste lenkte. „Machen wir noch eine Pause?"
„Ich dachte, du möchtest vielleicht den Rest des Weges fahren. Laut Hinweiszeichen ist es nur noch eine Meile und außer einer großen Kurve geht der Weg geradeaus", sagte er nach einem Blick auf den Plan.
„Ganz sicher nicht", sagte sie entsetzt und schüttelte den Kopf. „Ich kann und will das nicht." Da er Anstalten machte, aufzustehen, zog sie rasch ihre Hände zurück und sah ihn an. „Ehrlich", sagte sie, als er mit grinsendem Gesicht vor ihr stand. „Außerdem wüsste ich nicht einmal, wie … und überhaupt…"
„Ich zeig es dir", sagte er. „Rutsch mal bis nach vorne durch."
Die nächsten fünf Minuten verbrachten die beiden damit sich zu streiten und es war Buffy, die schließlich entnervt die Hände in die Luft warf und auf die Fahrerposition vorrückte. „Ich kann das nicht! Das weiß ich jetzt schon! Fahrzeuge mögen mich einfach nicht!"
Doch William ließ nicht locker. Mit einer Engelsgeduld erklärte er ihr jede Kleinigkeit, zeigte Brems- und Gaspedal, erläuterte ihr die Schaltung und lief neben ihr her, als sie zum ersten Mal zögerlich Gas gab. „Siehst du. Du kannst es doch", strahlte er sie an, also sie nach ein paar Metern ruckelnd zum stehen kam. Er blickte sich um, und da meilenweit keine andere Person zu sehen war, ließ er Buffy ein ganzes Stück in die falsche Richtung fahren, damit sie noch ein wenig mehr Zeit zum Üben hatte. Schließlich setzte er sich hinter sie und ohne viel Federlesens umschlossen seine Arme ihren Bauch. „Los geht es!"
Und Buffy fuhr. Wenn auch erst sehr zögerlich und im Schritttempo, aber sie fuhr. Dann wurde sie mutiger und drehte den Gashahn ein wenig weiter auf. Das Schneemobil machte einen gehörigen Satz nach vorne, doch nachdem sie den Schock verdaut hatte, genoss sie die Fahrt und war sogar ein wenig enttäuscht, als die ersten Blockhütten des Resorts in Sicht kamen. Allerdings wollte sie sich das nicht anmerken lassen und lenkte den Motorschlitten auf direktem Weg zurück zum Verleih.
*~*~*
Der Angestellte machte zwar ein erstauntes Gesicht, sagte jedoch nichts dazu, als Buffy ihm den Zündschlüssel überreichte und abstieg. Allerdings konnte sie ihr fröhliches Gesicht vor William nicht verbergen und er lächelte breit, als er sie ansah. Allerdings hütete er sich davor, irgendeinen schlaumeierischen Spruch abzulassen. Er nickte ihr nur zu, hakte sich dann bei ihr unter und führte sie in Richtung des Restaurants davon. „Das schreit geradezu nach einem guten Mittagessen. Ich bin kurz vorm Verhungern!"
„Ich auch", gestand Buffy noch immer lächelnd. Sie war hoch zufrieden mit sich. Sie hätte sich nie alleine auf ein solches Gefährt getraut, noch hätte sie gedacht, es bändigen zu können. Schon immer waren Fahrzeuge eine Sache für sich gewesen. Auch Autos. Eigentlich mochte sie das Autofahren, doch das Fahren mochte sie offensichtlich nicht und so hatte sie bisher nicht einmal in Erwägung gezogen, sich einen eigenen Wagen zuzulegen. Sie lächelte William an. „Danke."
„Wofür?", fragte er erstaunt und hielt ihr die Tür zum Restaurant auf.
„Dafür, dass du nicht locker gelassen hast und mir zugetraut hast, es zu schaffen", sagte sie leise. Bisher war sie immer mit allen Situationen klargekommen oder aber sie war ihnen aus dem Weg gegangen. Es war etwas ganz Neues für sie, dass sich eine andere Person so lange bemühte, nur um sie über ihre eigenen Grenzen hinauszuführen.
„Ach was", sagte er, konnte sich ein Lächeln jedoch nicht verkneifen. „Du hast bedeutend mehr Kraft und Stärke als du es dir selbst zutraust. Und genau das wollte ich dir zeigen."
*~*~*
Gut gelaunt ließen beide sich von einem Kellner zu einem der freien Tische führen und setzten sich. Mittags war das Restaurant lange nicht so voll wie in den Abendstunden und sie ergatterten einen Platz am Fenster, der einen grandiosen Blick auf die verschneite Landschaft rund um das Resort gestattete.
„Von hier sieht alles so gemütlich aus", sagte Buffy, die den Blick kaum von den majestätischen Bergen abwenden konnte. „Aber ich glaube, ein Naturmensch werde ich niemals werden. Für mich wäre es eine halbe Katastrophe, da draußen herumlaufen zu müssen."
„Ich hab das schon mal gemacht", erzählte William und suchte in der für ihn neuen Tageskarte etwas aus. „Das klingt gut", sagte er. „Zart gegrillte Hähnchenbrust, serviert mit Country Potatoes, Sour Cream und BBQ-Dip. Dazu einen Salat." Er sah Buffy an, die zustimmend nickte. „Gut, dann nehmen wir das."
Buffy nippte an dem Eistee, den der Kellner gerade gebracht hatte und sah William dann direkt an. „Wann hast du so etwas schon gemacht und vor allem… warum?" Sich freiwillig in eine weiße Hölle begeben käme für sie nie in Frage. Schon gar nicht aus Spaß.
„Das war so eine Art Überlebenstraining", erzählte er. „Und ich wollte meine Grenzen austesten. Bei normalen Klimabedingungen ist es keine wirkliche Herausforderung. Also hab ich die Latte ein wenig höher gelegt." Er zuckte mit den Schultern. „War nicht ganz einfach, aber es hat gut geklappt." Dann lächelte er. „Ich muss allerdings zugeben, dass mir warme Temperaturen mehr zusagen. Also sollte ich für die nächste Aktion einen Strand aussuchen."
Sie plauderte, unterhielten sich über dies und das, doch ihre gute Laune verflog rasend schnell, als Tom Livingston in Begleitung eines unbekannten Mannes das Restaurant betrat. Er warf beiden einen flüchtigen Blick zu und setzte sich dann mit seinem Gast an die Bar.
„Wer ist das?", fragte Buffy über den Tisch gebeugt leise. „Den hab ich nie
zuvor gesehen."
„Das bedeutet nichts Gutes", knurrte William und drehte seinen Stuhl, sodass
Livingston ihn höchstens noch von hinten sehen konnte. „Ab jetzt müssen wir
höllisch aufpassen", sagte er mit warnendem Tonfall.
Für einen Moment starrte Buffy ihr Gegenüber verständnislos an. Sie war die
ganze Zeit schon auf der Hut und wusste auch, dass es William ebenso erging.
Doch sein Gesichtsausdruck und auch seine Haltung ließ sie vermuten, dass er
mehr gesehen hatte als sie. „Warum gerade jetzt?"
„Guck dir den Typen an, mit dem er hereingekommen ist. Sieht der aus, als wäre
er ein Freund oder Geschäftspartner?" Er rückte ein Stück zur Seite, damit sie
einen besseren Blick auf die Beiden hatte und wartete auf eine Antwort. Da Buffy
jedoch nur vorsichtig den Kopf schüttelte, sprach er weiter. „Die Klamotten, die
er trägt schreien nicht gerade nach der neuesten Mode und ich würde auch nicht
behaupten, dass sie sonderlich teuer waren. Entweder also hat unser Freund
Livingston einen Privatschnüffler auf uns angesetzt… oder er ist noch weiter
gegangen."
„Du meinst… du meinst… er hetzt einen Killer auf uns?", krächzte Buffy und ihre Stimme wollte ihr nicht mehr gehorchen. Mehr als ein heiseres Krächzen brachte sie kaum zustande und sie musste sich mehrfach räuspern, um weitersprechen zu können. „Das kann er doch nicht machen", sagte sie und wusste im gleichen Augenblick, wie dumm der Ausspruch gewesen war. „Natürlich kann er", sagte sie deswegen leise und Angst kroch in ihr herauf. Bleiern legte sie sich über jeden Muskel und lähmte sie.
„Lass uns gehen", sagte William und winkte den Kellner heran. Das Mittagessen hatten sie längst hinter sich gebracht und die Lust auf einen Nachtisch war ihm gründlich vergangen. Mit einer solchen Reaktion auf ihre Herausforderung hatte er nicht gerechnet und nun musste er umdenken. Er unterschrieb das Rechnungsformular, stand auf und wartete, bis Buffy es ihm mit wackeligen Beinen nachtat. „Lass uns möglichst langsam an ihnen vorbei gehen", meinte er, nickte ihr aufmunternd zu und nahm ihre Hand. „Ich will mir den Typen ansehen, gründlich ansehen."
Teil 9
Williams Augen schmerzten und langsam traute er seinen eigenen Erinnerungen nicht mehr, obwohl er sich das Antlitz des Fremden fest eingeprägt hatte. Er hatte sich, kaum dass sie in ihrer Blockhütte angekommen waren, in den Server seiner Dienststelle eingeloggt und versucht, mehr über den geheimnisvollen Unbekannten herauszufinden, doch noch war ihm kein Foto untergekommen, das Ähnlichkeit mit ihm hatte. Und dabei hatte er mittlerweile gewiss tausend Bilder angesehen. Dann sah er, dass er eine Email erhalten hatte und klickte sich durch. Sie war von seinem Chef.
„Wo zum Teufel stecken Sie?", war die erste Frage und Williams Magen brannte heiß, als wäre ein Klumpen Säure am Überschäumen. Hatte man etwa entdeckt, woran er arbeitete? War er nach nur wenigen Tagen aufgeflogen? Doch die zweite Aussage ließ ihn entspannt aufatmen. „Ich dachte, Sie machen Urlaub! Und was sehe ich? Dass Sie schon wieder in unseren Archiven kramen. Dafür haben Sie Zeit genug, wenn Sie wieder zurück sind!"
Rasch flogen seine Finger über die Tastatur, um die Mail so geschwind wie möglich zu beantworten. Und er blieb so nah an der Wahrheit, wie er nur konnte. Er schrieb: Stecke im Tiefschnee fest und habe einen verdächtigen Mann gesehen, den ich für einen von uns gesuchten Verbrecher hielt. Doch offenbar habe ich mich geirrt. Konnte keine Übereinstimmung feststellen. Mit freundlichen Grüßen…
Ein letztes Mal kontrollierte er das Geschriebene, dann schickte er es ab und klappte schnell seinen Laptop zu. „Das war knapp", murmelte er und ging in die Küche, um sich seinen Kaffeebecher nachzufüllen. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, seinen Job zu behalten. Sein Chef, so gutmütig er hin und wieder auch sein konnte, war ein harter Knochen und sollte er jemals herausfinden, mit was William sich im Urlaub abgab, würde es erstens eine Beurlaubung und zweitens eine interne Untersuchung geben. Doch das war es ihm wert, auch wenn er noch keinen blassen Schimmer hatte, wie er die Sache überhaupt angehen sollte.
Der Kaffee dampfte in der Tasse und er trank vorsichtig einen Schluck. Vorrangig war und blieb, dass er Buffy schützen musste. Sie hatte sich direkt nach ihrer Ankunft in der Blockhütte in ihr Gästezimmer zurückgezogen. Der Schock und auch schon die Aktion mit dem Schneemobil hatten sie eine Menge Kraft gekostet und sie schlief schon den ganzen Nachmittag. Zumindest nahm er an, dass sie schlief. Nachgesehen hatte er nicht, aber da es langsam an der Zeit für den allabendlichen Besuch im Restaurant war, würde er über kurz oder lang an ihre Tür klopfen müssen.
Er setzte sich auf die Bank vor dem Panoramafenster, zog die Beine an und sah hinaus. Machte es überhaupt noch Sinn, Tom Livingston ein Schauspiel vorzuspielen? Konnte er es verantworten, Buffy weiterhin einer unbekannten Gefahr auszusetzen? Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie hartnäckig diese kleine Person sein konnte. Sie würde nicht freiwillig von hier weggehen, das hatte sie mehrfach unter Beweis gestellt, doch vielleicht war es besser, er würde sie zwingen.
„Was machst du?" Buffy war leise in den Wohnraum gekommen und sah ihn erschrocken zusammenzucken, als sie ihn so unerwartet ansprach.
„Darüber nachdenken, ob ich dich nach Hause schicke", antwortete er wahrheitsgemäß und betrachtete die Kaffeeflecken, die sein Zucken auf seinem T-Shirt hinterlassen hatte.
„Das hatten wir doch schon", erwiderte sie und setzte sich ans Ende der Bank. „Ich werde nicht gehen", sagte sie, machte ein trotziges Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja. Und ich habe es zugelassen", sagte er gedehnt und sah wieder nach draußen. „Aber Tatsache ist, dass sich die Lage zuspitzt. Bisher hatten wir es mit nur einem Psychopathen zu tun und solche Menschen reagieren eigentlich immer gleich. Sie rasten total aus und dem hab ich mich gewachsen gefühlt." Er sah sie an und schüttelte den Kopf. „So war das nicht gemeint. Ich fühle mich der Sache noch immer gewachsen, doch da Tom Livingston vollkommen anders reagiert hat, als ich erwartet habe, hat sich auch deine Situation geändert. Die Zahl unserer „Gegner" hat sich erhöht und da ich vollkommen im Dunkeln tappe, ist nicht absehbar…"
„Das ist egal", unterbrach sie den so ernst dreinblickenden Mann vor sich. „Für mich ändert das gar nichts." Wollte oder konnte William sie nicht verstehen? Eigentlich hatte sie gedacht, er hätte sie verstanden. Sie konnte nicht gehen. Nicht nach allem, was schon geschehen war.
„Das sollte es aber", sagte er ernst und stellte seinen leeren Kaffeebecher auf den Fußboden. „Du bist noch so jung. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir…"
Buffy sprang auf und fauchte ihn an. „Ach du heilige Scheiße! Komm mir doch jetzt nicht mit so banalen Sprüchen. Du bist noch so jung…", äffte sie ihn nach. „Du bist auch nur ein paar Jährchen älter und verkrümelst dich auch nicht, bloß weil es Schwierigkeiten gibt. Also ehrlich", regte sie sich auf. „Hast du eigentlich auch nur den geringsten Schimmer, wie wichtig es für mich ist, hier an Ort und Stelle zu bleiben? Nein! Hast du nicht!", gab sie selbst bitter die Antwort. „Du hast nicht begriffen, wie schwer es für mich gewesen… und zum Teil noch immer ist. Ich hab mich so lange versteckt, mich so lange zurückgehalten… hab die Schnauze gehalten und mir eine Menge unaussprechlicher Dinge antun lassen. Weißt du eigentlich, wie es ist, jeden Morgen mit Angst vor dem neuen Tag aufzuwachen? An jeder Ecke eine Bedrohung zu sehen? Ständig das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden und nie auch nur einen Moment der Ruhe genießen zu dürfen?" Sie warf die Hände in die Höhe und holte tief Luft, um eine weitere Schimpftirade auf ihn niederprasseln zu lassen.
Doch William hatte genug gehört. Er sprang auf und unterbrach sie, bevor sie loslegen konnte. „Es muss der Horror gewesen sein", zischte er biestig, keinen Deut nachgebend. „Du hast eine beschissene Zeit hinter dir… aber was glaubst du, was passiert, wenn ich dich nicht schützen kann…. Dann hab ich eine ebensolche Zeit vor mir. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn du durch einen Fehler meinerseits umkommst. Du bist klein, hübsch und überhaupt nicht dafür gemacht, dich mit Spinnern, Mördern und Verbrechern einzulassen! Frauen wie du…"
Weiter kam er nicht. Buffys hörte nur „Frauen wie du" und ihre Wut bahnte sich einen Weg. Und noch bevor William sich versah, bekam er zwei gezielte Schläge gegen die Brust und einen in den Magen, dann riss sie ihm mit einem Tritt die Beine unter dem Körper weg. „Klein und hübsch?", fauchte sie und sah auf ihn herunter. „Scheiß drauf!"
Einen Augenblick sah er sie fassungslos an, dann lachte er laut los und stand langsam wieder auf. „Alle Achtung", sagte er und nickte ihr zu. „Das hatte ich dir gar nicht zugetraut!" Er rieb sich die Brust und schüttelte den Kopf. „Gar nicht übel." Einen wirklichen Kampf mit ihm würde sie gewiss nicht überstehen, aber das Überraschungsmoment war definitiv auf ihrer Seite und zudem hatte er ihr eine solche Kampfkunst nicht zugetraut.
„Ich hab dir gesagt, ich bin nicht klein und hilflos", murmelte sie, noch immer wütend. Dann schüttelte sie den Kopf und seufzte. „William", sagte sie ernst. „Ich werde nicht von hier weggehen. Egal, was passiert. Ich bin schon viel zu lange weggelaufen und habe für mich beschlossen, dass mir so etwas nie wieder passiert!"
Es dauerte einen Moment bis er antwortete. „Okay. Ich werde nicht wieder
davon anfangen. Aber wir müssten trotzdem höllisch aufpassen und ich muss darauf
bestehen, dass du tust, was ich sage, wenn es darauf ankommt." Er sah sie
abwartend an. „Möglicherweise hängt dein Überleben davon ab."
„Einverstanden", sagte Buffy nach einer kurzen Denkpause. „Und jetzt lass uns
essen gehen. Ich habe einen Mörderhunger!"
*~*~*
„Wo fahren wir eigentlich hin?", fragte Buffy und gähnte herzhaft. Es war noch sehr früh am Morgen, doch William hatte sie geweckt und ihr mitgeteilt, dass er in die nächste Stadt fahren wollte. Und weil er sie nicht für Stunden alleine zurücklassen wollte, musste sie eben mit.
„Ich will ein paar Sachen besorgen", sagte er vage und stellte den Scheibenwischer schneller. Wieder einmal ließ der Himmel Unmengen von Schnee auf sie nieder fallen und verwandelte die Straße in eine große Schneewehe.
„Hm…", murmelte Buffy und schüttelte den Kopf. „Ich hab zwar versprochen, in brenzligen Situationen auf dich zu hören, kann mich aber nicht daran erinnern, dass wir irgendeine Vereinbarung haben, mich im Unklaren zu lassen." Seit gestern Abend gab es eine seltsame Spannung zwischen ihnen, die sie nicht genau erklären konnte. Möglicherweise lag es daran, dass William immer noch am liebsten gesehen hätte, wenn sie ihre Koffer gepackt hätte. Doch ihrer Meinung nach hatte sie ihm klar und deutlich gesagt, dass das keine Alternative für sie war.
„Darum geht es nicht", sagte William und nutzte wieder einmal seine Faust, um
den Lüftungsschlitzen etwas warme Luft zu entlocken. „Ich will ein paar Sachen
besorgen, so wie ich es dir gesagt habe. Ich will auf alles vorbereitet sein,
und da das unser gemeinsamer „Freund" nicht wissen soll, fahren wir lieber in
die nächste Stadt, als die Sachen im Resort zu besorgen."
„Fein", brummte Buffy und verdrehte die Augen. „Soweit war mir das schon
irgendwie klar." Sie sah aus dem Seitenfenster und ärgerte sich. Offensichtlich
nahm William sie immer noch nicht für voll und sie fragte sich, wie sie ihm noch
beweisen sollte, dass sie nicht nachgeben würde.
„Also gut", sagte er schließlich matt. „Mit Sachen meine ich einen vernünftigen Rucksack, ein paar Konserven, einen Klappspaten und jeglicher Kram, der ein Überleben in der freien Natur sichert." Er sah sie an und schmunzelte, als er ihren geschockten Blick auffing.
Es dauerte einen Augenblick, dann schüttelte sie vehement den Kopf. „Das kann
nur ein Witz sein. Du kannst nicht wirklich planen, in diese Schneehölle
hinauszuwandern."
„Von wandern redet hier niemand", erklärte er. „Ich will nur gerüstet sein, wenn
wir dringend weg müssen und das Auto keine Alternative ist." Er hütete sich zu
sagen, dass der Wagen wohl das erste wäre, was ihre Gegner ausschalten würden.
Er jedenfalls würde so handeln, wenn er eine Person festsetzen wollte. Und
gerade bei diesen Wetterverhältnissen war es einfach. Ohne fahrbaren Untersatz
war eine Flucht fast aussichtslos. „In Kalifornien könnten wir einfach in die
Nacht hinausstürmen, sollte es denn erforderlich sein. Hier geht das nicht. Wir
wären nach spätestens zwei Stunden tot."
„Mag ja sein", erwiderte sie. „Aber wir haben eine Blockhütte in einem Resort und nicht am Ende der Welt. Es wäre also leichter, einfach in eins der öffentlichen Gebäude zu flüchten, anstatt in die verschneite Bergwelt Colorados." Sie konnte ja nachvollziehen, dass er einen Notfallplan brauchte. Aber diese Idee hielt sie doch für arg übertrieben. Warum in die Hölle, wenn geheizte Gebäude in fast unmittelbarer Nähe waren?
William antwortete eine ganze Weile lang nicht. Wie sollte er ihr auch erklären, oder all die Dinge begreiflich machen, die ihm bedingt durch seinen Job schon lange nicht mehr unmöglich vorkamen. „Hör mal", sagte er deswegen nur. „Mach dir deswegen keine großen Sorgen. Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Nichts weiter." Er sah sie einen flüchtigen Augenblick lang an, dann lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Es ist nur meine Art zu arbeiten. Ich bin gerne auf alle Eventualitäten vorbereitet."
*~*~*
Die Stadt war klein und heimelig. Von Touristen schien man hier noch nicht viel gehört zu haben und es dauerte eine ganze Weile, bis sie ein passendes Geschäft gefunden hatte. Das Schaufenster war voll gestopft mit Angeln, Ködern, Schnüren und Keschern. Doch es gab auch warme Bekleidung und wenn Buffy es richtig gesehen hatte, auch Zelte. Sie sah William an, der wie sie aus dem Wagen heraus die Auslagen im Schaufenster begutachtete. „Du hast aber nicht vor zu zelten, oder?" Sie lächelte und schüttelte den Kopf, als er sie verwirrt anstarrte.
Doch dann lachte er auch. „Camping im Tiefschnee? So was Ähnliches hatte ich schon mal. Das brauch ich nicht wieder. Ich wundere mich immer noch, dass mir damals nicht sämtliche Finger und Zehen abgefroren sind." Er deutete mit dem Kopf auf die Eingangstür. „Lass uns gehen. Je schneller wir hier wieder weg sind, desto besser."
„Das hört sich fast so an, als befürchtest du, dass wir beobachtet werden", sagte Buffy, nachdem sie aus dem Landrover herausgerutscht war.
„Es wäre im Bereich des Möglichen", nickte William. „Allerdings habe ich nichts Auffälliges gesehen. Und verfolgt wurden wir wohl auch nicht." Er öffnete die Ladentür, ließ sie vorgehen und folgte ihr ins Innere des Geschäfts.
Der Besitzer des Ladens hörte William zu und machte ein erstauntes Gesicht, als er die unterschiedlichen Wünsche des Fremden hörte. „Das sind allerdings seltsame Gegenstände für den Winter. Sie wollen doch nicht etwa bei diesen Temperaturen eine Bergwanderung machen?" Er kramte in einer seiner unzähligen Schubläden und angelte einen Klappspaten heraus.
„Oh, gewiss nicht", lachte William und tat die Sache als groben Scherz ab. „Wir beide", sagte er und zeigte auf Buffy, „meine Frau und ich haben für den Sommer eine Bergwanderung geplant und da wir gerade in der Gegend sind, wollten wir uns schon mit ein paar Dingen eindecken. Bei uns in Washington", log er ohne rot zu werden," sind die ganzen Sachen so viel teurer als hier. Deswegen…"
„Verstehe", nickte der Ladenbesitzer. „Ich war nur ein einziges Mal in unserer Hauptstadt und muss wirklich sagen, ich bin heilfroh, in einem so kleinen Kaff zu leben. Hier kennt jeder jeden. So etwas wie Verbrechen gibt es gar nicht und das Schlimmste, was der Sheriff je aufzuklären hatte, war der Diebstahl eines Gartenzwergs." Er lächelte Buffy über seinen Tresen hinweg an und entblößte eine Reihe schiefer Zähne. „Den hatte allerdings nur ein Nachbar versteckt, weil er dessen nackten Hintern nicht mehr sehen wollte."
Buffy lachte und wagte sich weiter in den Laden hinein. „Weißt du was", sagte sie zu William, der sie fragend ansah. „Vielleicht sollten wir alles gleich im Doppelpack kaufen. Früher oder später werde ich eh mein eigenes Zeug schleppen müssen." Dann wandte sie sich wieder an den Verkäufer. „Haben Sie auch Rucksäcke, unter deren Gewicht ich nicht gleich zusammenbreche?"
Der Mann verschwand in den Tiefen seines Geschäfts und William beugte sich zu Buffy herunter. „Was soll denn das?", fragte er flüsternd.
„Wenn wir wirklich in die Wildnis verschwinden müssen, wäre es vielleicht
eine gute Idee, wenn wir beide vernünftige Sachen mitnehmen", flüsterte sie
zurück. „Wir teilen den Krempel einfach auf. Oder willst du alles alleine
schleppen?"
Dann kam der Verkäufer zurück und zeigte ihr einen leichten und doch sehr
robusten Rucksack. „Ich glaube, das wäre etwas für Sie", meinte er und half ihr
beim Hineinschlüpfen.
William sah dem ganzen Spektakel aus einigen Schritten Entfernung zu und wunderte sich wieder einmal über diese kleine und doch so mutige Person. Noch vor wenigen Minuten war sie völlig gegen diese Eventualität gewesen, nun hatte sie sie offenbar verinnerlicht. Vielleicht sogar noch mehr. Sie nahm einfach hin, was geschehen konnte und das machte ihn fast sprachlos. Einer solchen Frau war er nie zuvor begegnet und er war gespannt, welche Überraschungen sie noch für ihn parat hatte.
Teil 10
‚Hey Kumpel’, las William zum dritten Mal die Mail, die endlich nach so vielen Tagen von seinem Freund und Arbeitskollegen, Andrew, gesendet worden war. ‚Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich glaube, du hast da echt einen Kandidaten für das Arschloch der Woche ausgegraben. Der Typ ist nicht koscher. Das hab ich nach dem ersten Blick auf sein bescheuertes Hochglanzfoto gewusst. Seine Akte war einfach zu sauber (Der Mistkerl hat nicht mal ein Ticket für Falschparken oder sonst was!). Wie auch immer! Jedenfalls hab ich ein bisschen tiefer gegraben und hab auch was gefunden, wie du dir vorstellen kannst. Allerdings weiß ich noch nicht, wo es dich oder mich hinführt. Es ist alles bisschen durcheinander und die Akten sind nach so langer Zeit kaum wieder zu finden. Ich frag mich immer noch, warum es kein allgemein gültiges Ablagesystem dafür gibt…
Okay, ich verzettele mich gerade wieder in meinen Gedanken’, las William und musste lachen. Ja, das klang ganz nach Andrew. Ein unglaublich heller Kopf, doch er schaffte es kaum, seine ganzen Gedanken zu ordnen und in einen logischen Strang zu verwandeln.
‚Also… ich hab tief in der Vergangenheit gegraben. Tom Livingston hatte Ärger im letzten Jahr seiner High School Laufbahn’, las William weiter. Ein Mädchen hat ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt. Vielleicht war es auch eine vollendete Tat. Das lässt sich alles nicht mehr so genau sagen. Es ist eine Menge Geld geflossen, um die ganze Sache unter den Teppich zu kehren. Papa Livingston hat sich eingemischt und dafür gesorgt, dass nichts in den Schulakten vermerkt wird und die Anzeige zurückgezogen wird. Ich weiß nicht, wie viel Kohle da geflossen ist, aber die besagte Schule hat sich hinterher jedenfalls eine Komplettmodernisierung leisten können und die Familie des Mädchens ist unbekannt verzogen. Ich hab wirklich versucht sie zu finden, aber sie sind spurlos entschwunden.
Dann ging es im College weiter. Auch hier gab es wohl Ärger mit irgendeiner Studentin. Allerdings lässt sich darüber noch weniger herausfinden. Auf die ganze Sache ist ein großer Deckel gelegt worden. Ich hab keinen Schimmer, ob Papa Livingston auch da seinen Geldbeutel weit geöffnet hat, aber ich kann dir sagen, dass besagte Studentin tot ist. Sie hat sich erhängt. In ihrem Zimmer auf dem Campus.
Ihre Mitbewohnerin, deren Nachnamen ich noch nicht herausgefunden habe (sie ist zum fünften Mal verheiratet und ich hab beim dritten Mann die Spur verloren) hat wohl stets behauptet, dass es keinesfalls ein Selbstmord gewesen sein könnte. Das Mädchen, das sich erhängt hat (oder haben soll) war wohl strenggläubige Katholikin und wie wir alle wissen, ist es eine Todsünde, Selbstmord zu begehen. Außerdem wäre sie einfach nicht der Typ dafür gewesen. (Aber das besagt nicht viel. Ich kenne das, du kennst das… Familie und Freunde sagen immer, der Selbstmörder wäre nicht der Typ dafür gewesen...)
Ich hab echt keinen Schimmer, wie ich in der Sache weiterkomme. Der Coroner, der damals die Leiche der Studentin untersucht hat, ist tot und seine Akten geben nicht viel her. Solltest du also darüber nachdenken, die Leiche des Mädchens exhumieren zu lassen, dann brauchen wir mehr triftige Beweise. So weist uns jedenfalls jeder Richter ab.
So, und zum Schluss. Ich hab meine Fühler ausgestreckt und hab herausgefunden, dass der „heutige" Tom Livingston eine Art Frauenheld ist. Er schleppt sie reihenweise ab, scheint aber selten Interesse an längeren Beziehungen zu haben. Ich habe mit vier seiner Exfreundinnen gesprochen. Im Grunde sagen sie alle das gleiche und deswegen kann ich es mir ersparen, noch mehr von ihnen ausfindig zu machen. Tom Livingston ist ein Scheißkerl, der nur seine eigenen Belange als wichtig erachtet. Er ist ruppig und sobald er das bekommen hat, was er will, verschwindet er auf Nimmerwiedersehen! (Fragt sich doch, warum er bei dem Ruf immer noch so viele Frauen abschleppen kann?!? Versteh einer die Frauen!!!)’
Wieder musste William schmunzeln und er konnte das Seufzen praktisch hören, das Andrew nach dem letzten Satz von sich gegeben hatte. Sein Freund hatte nicht unbedingt viel Glück bei Frauen. Das lag allerdings weniger daran, dass er nicht gut aussah oder nichts zu bieten hatte, sondern eher daran, dass er sich in der Nähe von einer hübschen Frau in einen Trampel verwandelte. Er warf um, was umzuwerfen war und schaffte es regelmäßig, sich mit allem Erdenklichen zu bekleckern. Er sprach mit Spinat zwischen den Zähnen, bekam Stotteranfälle oder verstummte ganz, um ja keinen Fehler zu machen.
„Endlich etwas Brauchbares?", riss Buffy William aus seinen Gedanken und setzte sich mit einer Tasse Tee zu ihm auf das Sofa im Wohnbereich der Blockhütte.
„Es kommt darauf an", nickte er und klappte den Laptop zu. „Wie ich mir schon gedacht habe, ist unser Freund Livingston schon früher aufgefallen. Allerdings hat sein alter Herr wohl jedes Mal interveniert und dafür gesorgt, dass nichts bekannt wurde. Es gibt jedenfalls ein oder zwei dunkle Punkte auf Livingstons Weste, die man nicht ganz verbergen konnte. Vermutlich sind es noch sehr viel mehr, aber Geld renkt eine Menge wieder ein. Zudem bringt uns dieses Wissen nichts. Es stützt nur unseren Verdacht." Er sah Buffy an und überlegte, ob er genauer auf die Fälle eingehen sollte. Dann jedoch entschied er sich dagegen und sagte stattdessen: „Bist du bereit, dich ein weiteres Mal in die Höhle des Löwen zu begeben? Es wird Zeit für unseren allabendlichen Besuch im Restaurant."
„Aber immer", sagte sie und setzte das strahlende Lächeln auf, das sie so lange vor dem Spiegel geübt hatte. Dann jedoch erschlafften ihre Gesichtsmuskeln und sie seufzte. „Es ist so schwer zu lächeln, wenn man es mit Absicht machen muss und man eigentlich gar keinen Grund hat."
„Vielleicht fallen mir ja noch ein paar Anekdoten ein, mit denen ich dich zum Lächeln bringen kann", sagte William und stand auf.
„Mal eine andere Frage", sagte Buffy und tat es ihm nach. „Können wir heute mal zu Fuß zum Restaurant gehen? Außer essen tue ich hier so gut wie gar nichts und wenn das so weitergeht, kann man mich als Kugel zum Schneemannbauen verwenden." Sie zuckte mit den Schultern und verzog missmutig das Gesicht. „Normalerweise jogge ich mehrfach die Woche. Hier fahre ich mit dem Auto zum Restaurant und wieder zurück. Das ist nicht gut für meine Hüften."
William lachte, auch wenn er ihr nicht zustimmen konnte. Seiner Meinung nach
war sie fast ein wenig zu schlank. Doch er war nicht auf den Kopf gefallen. So
etwas sagte man einer jungen Frau einfach nicht und deswegen ersparte er sich
jeden Kommentar. „Vor mir aus", nickte er. „Ich habe nichts dagegen."
„Was ist mit deinem Bein?", versicherte sich Buffy noch einmal. „Du hast nie
wieder ein Wort darüber verloren."
„Wohl deswegen, weil es nichts darüber zu sagen gibt", sagte er grinsend und nahm seine Jacke von der Garderobe. „Die Wunden verheilen bestens und Schmerzen habe ich auch keine mehr." Er schloss den Reißverschluss und setzte sich seine warme Mütze auf den Kopf. „Alles okay?", fragte er, da Buffy sich nicht von der Stelle bewegt hatte.
„Ja, sicher", sagte sie gedehnt. „Bis auf das ich mich in einer Art von Dauerpanik befinde, geht es mir super." Dann winkte sie mit der Hand ab und brachte ihre Teetasse schnell zur Spüle. „Tu mir den Gefallen und geh gar nicht erst auf meinen letzten Satz ein", sagte sie, als sie neben William an der Haustür stand und sich ebenfalls warm einpackte. „Es würde nur wieder auf eine Diskussion darüber hinauslaufen, ob ich hier bleiben sollte oder nicht. Und das haben wir ausführlich und vor allem oft genug durchgekaut."
„Ganz wie du meinst", sagte er und seine Augen leuchteten auf, als er sie verschmitzt angrinste. „Allerdings kennst du mich nicht gut genug um zu wissen, dass ich selten etwas für wirklich ausdiskutiert halte. Ich hätte kein Problem damit, noch einmal von vorne anzufangen."
„Ganz sicher nicht", erwiderte Buffy, doch dann musste sie lachen. „Also los. Lass uns gehen, damit ich mir wieder den Wanst voll schlagen kann!" Sie hakte sich bei ihm unter und zusammen liefen sie den Weg durch das verschneite Resort bis zum Restaurant.
*~*~*
„Ich bin so satt, ich mag kein Blatt", murmelte Buffy und schob das Stück Rinderfilet auf ihrem Teller lustlos hin und her.
„Du hast heute so gut wie gar nichts gegessen", bemerkte William und sah sie besorgt an. „Bist du sicher, dass es dir gut geht?" Das Schauspielern konnten sie sich heute sparen. Von Tom Livingston war weit und breit nichts zu sehen und auch sein neuer Freund ließ sich nicht blicken.
„Mir geht es bestens", sagte Buffy und ließ wieder ihr zartestes Lächeln aufblitzen. „Nein, tut es nicht", seufzte sie dann. „Mir geht es nicht gut, aber das ist nichts Körperliches. Ich habe einfach keinen Hunger." Sie sah ihm in die Augen und grinste hinterhältig. „Das liegt aber auch daran, dass du mich so gut fütterst. Entweder schleppst du mich in dieses Lokal, oder du füllst mich mit Süßigkeiten ab. Überhaupt scheinst du keinen Meter ohne diesen Süßkram zu gehen. Die Küche liegt voll davon, der Wohnzimmertisch… und was weiß ich noch alles. Und ich dusselige Kuh futtere kräftig mit." Sie musste lachen, als sie seinen Blick auffing. „Und nein, dass heißt nicht, dass du zu dick bist. Dich könnte man höchstens als drahtig beschreiben."
„Drahtig?", fragte er entsetzt und ließ die Gabel sinken. „Drahtig? Also ehrlich. Ich bin doch nicht drahtig. Das hört sich ja an, als wäre ich ein Strich in der Landschaft."
„Ich wette, du hast nicht ein Gramm Körperfett", schoss es aus Buffy heraus. „Was ich natürlich nicht beweisen kann", fügte sie schnell hinzu und lächelte dann. „Wie würdest du dich denn beschreiben?"
„Durchtrainiert klingt gut", sagte er und nickte. „Ja, ich glaube, das trifft es am besten. Außerdem brauche ich meine tägliche Dosis Nervennahrung. Ansonsten bin ich nicht zu ertragen und sollte ich je unterzuckert sein, dann lauf lieber weg. Ich neige dazu, nicht eine Sekunde stillsitzen zu können und mutiere zu einem unkontrollierbaren Nervenbündel."
„Das kenn ich", winkte Buffy ab. „Mir ergeht es ähnlich. Allerdings liegt es eher daran, dass ich nicht still herumsitzen mag. Es ist langweilig. Todlangweilig! Da geh ich lieber joggen oder mache … mein Training."
„Kampftraining nehme ich mal an", sagte er und nahm seine Mahlzeit wieder auf. Taekwondo, wenn ich mich nicht irre."
„Allerdings", nickte Elisabeth und tat es ihm nach. Sie schnitt ein Stück Steak ab und kaute lustlos darauf herum. „Mein Aussehen… warte, wie hast du es beschrieben… klein und hilflos? Irgend so was war es jedenfalls", meinte sie dann und rümpfte die Nase, „war schon immer mein Problem. Man wird schnell als dummes blondes Püppchen abgestempelt, aber ich kann dir versichern, ich hab schon so manchen Menschen überrascht."
William sah auf und lächelte. „Das kann ich bestätigen. Du hast mich so einige Male kalt erwischt."
Er beschäftigte sich längst wieder mit seinem Fisch, als Buffy ihn noch immer stumm betrachtete. Ein seltsamer Gedanke durchzuckte sie und sie schüttelte verwirrt den Kopf. Doch dann musste sie zugeben, dass sie ihn vermissen würde, sollte diese Geschichte je erledigt sein. Er war ganz anders als die meisten Männer, die sie kennengelernt hatte. Die wichtigste Eigenschaft war wohl, dass er wirklich zuhörte. Und nicht nur das. Er versuchte nicht stumpf seinen Willen durchzusetzen, sondern war bereit, sich ihre Meinung anzuhören und die Situation auch aus ihrer Sicht heraus zu betrachten.
Buffy schaute schnell auf ihren Teller und schob ein paar Speckbohnen hin und her. Außerdem, so dachte sie, sieht er verdammt gut aus. Die kurz geschnittenen blondgefärbten Haare verliehen ihm ein verwegenes Aussehen und seine blauen Augen waren einfach nur…. ‚Bist du noch bei Trost?’, schimpfte sie gedanklich mit sich selbst. ‚Du hast genug Probleme! Du bist ja wohl total irre!"
„Möchtest du einen Nachtisch?", riss William sie aus ihren Gedanken.
„Nein, danke", winkte sie schnell ab, dankbar für die Unterbrechung, und musste
gleich wieder lachen. „Wo wir wieder beim Thema wären… Wo lässt du das nur
alles?"
„Hey", sagte er und schlug sich gegen den Brustkorb. „Ein solcher Körper will gefüttert werden!"
„Ein solcher Körper? Das müsste erstmal bewiesen werden…." Buffy stockte. „Ähm, nein, das musst du nicht beweisen. Ich glaube es dir auch so." Etwas verschämt lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre mittlerweile kalte Speise und so bekam sie nicht mit, dass William sich ein Lachen verkniff.
‚Der war fast so gut wie die Frage damals… Wo wollen wir es machen? Hier oder auf dem Sofa?’ Lächelnd winkte er den Kellner heran und bestellte sich wieder einmal ein Stück von dem Apfelkuchen, den er im Stillen zu seinem Lieblingsessen erklärt hatte. Dann warf er ihr einen fragenden Blick zu, den sie allerdings nicht mitbekam. Sie war eine wahrhaft außergewöhnliche junge Frau und er überlegte, ob sie das überhaupt wusste.
*~*~*
„Jetzt geht es mir besser", sagte Buffy und schaute hinauf zu dem wolkenlosen Nachthimmel. Sie hatten den Rückweg zur Blockhütte fast hinter sich gebracht. Nur ein kurzes Stück war noch zu laufen und augenblicklich hatte sie keine Lust, wieder im Innern des eigentlich gemütlichen Hauses zu verschwinden. Viel zu lange hatte sie dort untätig herumgesessen und sie war es leid. Doch, so wusste sie, gab es nicht wirklich viel für sie zu tun. Vor allem, da sie nie sicher waren, wo Tom Livingston ihnen über den Weg laufen würde und … wie er darauf reagierte.
„Wir sollten wirklich mehr unternehmen", sagte William, dem die körperliche
Bewegung auch ein wenig fehlte. „Vielleicht sollten wir morgen ein paar
Schneemobile ausleihen und …" Er verstummte, nahm Buffys Arm und hielt sie fest.
„Vorsicht", warnte er leise. „Bleib dicht bei mir."
Langsam und vorsichtig gingen sie auf die Treppe zu ihrer Blockhütte zu. Ein
Karton stand darauf, den beide beim Verlassen am Abend nicht gesehen hatten.
William blieb zwei Meter vor den Stufen endgültig stehen und sah sich aufmerksam
um. Allerdings konnte er niemanden entdecken und so ging er langsam weiter.
„Scheiße", murmelte er, als sie schließlich vor der Treppe zum Stehen kamen und
sahen, dass der Karton offen war. Ein Strauß roter Rosen lag darin. Doch das war
nicht, was William schockierte. Es waren Fotos. Dutzende von Fotos von Buffy und
sich selbst. Alle grässlich entstellt und zerfetzt.
„Oh mein Gott", entfuhr es Buffy und William fasste ihren Arm und führte sie wortlos die Treppe hinauf. Mit seinem Schlüssel öffnete er rasch die Tür und schob sie ins Innere. „Bleib hier", sagte er, dann lief er zurück, nahm vorsichtig den Karton und brachte ihn in die Hütte.
Teil 11
„Warum bringst du dieses Ding hier herein?" Fassungslos sah Buffy dabei zu, wie William das Paket die Stufen hinauftrug, an ihr vorbei ging und es bis zum Küchentresen brachte, auf dem er es abstellte. Sofort schoss in ihr die Angst wieder hoch, die sie so viele Monate begleitet hatte und sie erschauderte. Ihr ganzer Körper bebte und sie war unfähig sich zu bewegen. „Wirf es weg! Ich will es hier nicht haben! Oh mein Gott. Bring es weg. Bitte."
Doch William hörte nicht auf sie. Vorsichtig und froh darüber Handschuhe zu tragen, warf er einen flüchtigen Blick hinein und schüttelte grimmig den Kopf. Dafür war später Zeit. Rasend schnell zog er die warmen Wintersachen aus und warf sie achtlos auf das Sofa. Dann stürmte er auf Buffy zu, die immer noch bewegungslos in der offenen Tür stand.
„Komm rein! Schnell", rief er und gab der Tür einen Schubs, sodass sie laut klappernd ins Schloss fiel. „Verschließ sie", sagte er, zog seine Waffe aus dem Schulterholster und raste durch den Raum auf die Schlafzimmer zu. Mit der Waffe im Anschlag untersuchte er jedes nur erdenkliche Versteck und eilte dann zurück in den Wohnraum. „Hast du die Tür abgeschlossen?", fragte er und riss die großen, schweren Vorhänge vor dem Panoramafenster zu. „Buffy?"
Die junge Frau reagierte nicht. Mit fassungslosem Gesichtsausdruck stand sie noch immer an Ort und Stelle und starrte ins Leere. Plötzlich zuckte sie zusammen und verschloss die Tür. Dann schob sie zusätzlich den schweren Riegel vor und holte schwer atmend Luft. Sie wandte sich William zu, der an den Küchentresen zurückgeeilt war und wieder ins Innere des Kartons starrte. „Warum… warum bringst du dieses… Ding ins Haus?"
„Weil das die Reaktion ist, auf die wir seit einer Woche warten", wollte er sagen, doch nach einem Blick in ihr Gesicht bremste er sich und seine eigene Aufregung, die durch seinen gesamten Körper tobte. Blanke Panik war darin zu lesen und er suchte nach den passenden Worten. „Du musst dich nicht fürchten", sagte er mit einer Stimme, mit der man ein verletztes Tier beruhigte. Ganz langsam ging er auf sie zu und fasste vorsichtig und sachte ihre Hand. „Wir brauchen den Karton", sagte er leise. „Die… Dinge darin sind Beweise. Möglicherweise war Livingston unvorsichtig und hat irgendwo seine Fingerabdrücke hinterlassen."
Eine ganze Weile erwiderte Buffy nichts, starrte ihn nur an. Dann platzte es aus ihr heraus. „Das glaubst du doch selbst nicht!" Der Schock war vergangen und an dessen Stelle drängte eine unglaubliche Wut. „Ich hab dir hundert Mal gesagt, dass Tom Livingston kein Dummkopf ist. Er ist vorsichtig und hinterlässt gewiss nicht einfach so irgendwelche Abdrücke!"
„Das mag sein", erwiderte William, sich nicht aus der Ruhe bringen lassend. „Aber selbst die schlauesten Menschen machen Fehler. Ich werde den ganzen Karton an unser Kriminallabor weiterreichen. Es reicht schon, wenn sie ein Haar von ihm finden, das sich aus Versehen in den Karton verirrt hat." Er sah sie an und zuckte mit den Schultern. „Er kann dir nichts tun. Ich pass auf dich auf und werde dich nicht eine Sekunde aus den Augen lassen."
„Wir werden ja sehen", murmelte sie leise und zog die Hand zurück, die
William immer noch festhielt. Sie zog sich die Mütze vom Kopf, schüttelte die
Haare und seufzte laut. „Wahrscheinlich ist es die Art von Reaktion, auf die du
gewartet hast", sagte sie, ohne ihn anzusehen und Verbitterung schwang in ihrer
Stimme mit. Sie zog Handschuhe und Jacke aus und verstaute sie mit fahrigen
Bewegungen in der Garderobe. Erst dann drehte sie sich um. „Oder etwa nicht?"
„Auf Ähnliches hatte ich gehofft", gab er zu. „Wir wussten beide, dass früher
oder später etwas geschehen musste."
„Du hast Recht", nickte Buffy und ihre Schultern sackten kraftlos herab. „Aber vielleicht hab ich im Stillen gehofft, dass er einfach verschwindet und ich ihn nie wieder sehen muss. Ich weiß, das würde Sarah nicht gerecht werden, aber ich… ich… möchte einfach ein Ende dieser schrecklichen Geschichte. Ich möchte darüber nachdenken, was ich von jetzt an mit dem Rest meines Lebens anfange. Ich möchte darüber nachdenken, wo ich wohnen möchte. Was ich arbeiten möchte…. Ich will keine Angst mehr haben! Will nicht, dass dieser Drecksack mich sogar in meinen Träumen nicht in Ruhe lässt."
„Es wird nicht mehr lange dauern, dann kannst du dich voll und ganz auf dein neues Leben konzentrieren. Das verspreche ich", sagte William, der durchaus nachfühlen konnte, was sie dachte und fühlte. Und doch brannte ihm die Neugier unter den Fingern. Er wollte wissen, was der Karton möglicherweise noch verbarg, mochte sie aber auch nicht einfach von sich schieben und sie mit ihrer Angst alleine lassen.
„Vergiss es", wiegelte Buffy ab und schob sich an ihm vorbei. „Ich bin selbst Schuld. Immerhin wusste ich, was auf mich zukommt und ich hab mich dafür entschieden, hier zu bleiben. Ich bin einfach unglaublich dämlich manchmal und sollte wirklich…" Sie strebte auf ihr Zimmer zu, konnte die Tür jedoch nicht öffnen.
„Es ist niemand darin", sagte William, der ihre Gedanken fast lesen konnte. „Ganz sicher nicht. Der hintere Teil der Blockhütte ist ohne eine Leiter nicht zu erreichen, die Fenster sich verschlossen und verstecken kann sich auch niemand. Ich habe überall nachgesehen."
Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich kann trotzdem nicht…." Sie drehte sich um und blickte William mit traurigen Augen an. „Wärst du so nett mich zu begleiten? Ich hole nur rasch ein paar Sachen und leg mich dann auf das Sofa. Wenn es dich nicht stört." Etwas verlegen blickte sie zur Seite. So oft hatte sie von sich selbst gefordert, stark zu sein und zu bleiben, doch irgendwie wollte es ihr nicht gelingen. Nach all den Monaten der ständigen Angst waren ihre Nerven einfach zu überreizt und sie ärgerte und schämte sich deswegen.
„Natürlich nicht", sagte William und ging auf sie zu. Er wartete, doch da sie keine Anstalten machte die Tür zu öffnen, übernahm er es für sie. Er war auch der erste, der über die Schwelle trat und das Licht wieder anschaltete. Ohne weiter darauf einzugehen strebte er direkt auf das Bett zu und setzte sich auf die Kante, währenddessen Buffy im Badezimmer verschwand. Er hörte sie darin rumoren, dann öffnete sich die Tür und sie steckte ihren Kopf hinaus. „Ähm… hättest du etwas dagegen, wenn ich eben schnell unter die Dusche springen?", fragte sie kleinlaut. „Ich verspreche auch, mich zu beeilen."
„Mach nur", sagte er, und um sie zu beruhigen, robbte er ein Stück auf dem Bett zurück und machte es sich demonstrativ gemütlich. „Wir haben alle Zeit der Welt. Es kommt auf ein paar Minuten nicht an." Das war eine feiste Lüge, denn er wollte nichts lieber als zurück zum Karton. Aber William wollte sie nicht noch mehr ängstigen und zügelte deswegen seine Neugierde.
Dankbar lächelnd schloss Buffy die Tür wieder und William seufzte lautlos. Er war schon oft in brenzligen Situationen gewesen und hatte auch keine Probleme damit, doch es war das erste Mal, dass er zuließ, das sich eine junge Frau in eine Gefahr begab, die er nicht wirklich einschätzen konnte. Er schloss die Augen und überdachte die Lage. Sollte er nicht langsam einen Plan entwickeln? Und wie sollte er es schaffen, den Karton ins Kriminallabor zu schaffen, ohne dass Livingston es herausfand? Gab es hier ein Postamt? In dem verschlafenen Nest, in dem sie ihre Ausrüstung gekauft hatten, hatte er keins gesehen und vor allem musste er unbemerkt dorthin gelangen. Mittlerweile war er der festen Überzeugung, dass er und Buffy keinen Schritt ohne Beobachtung machten. Er hatte es ihr gegenüber nicht erwähnt, doch das Gefühl nicht alleine zu sein, wollte einfach nicht weichen. Und sein Gefühl trog ihn nur selten.
William wechselte die Position, legte sich längs aufs Bett und rückte das Kissen zurecht. Vielleicht sollte der doch noch einmal versuchen, Buffy zur Abreise zu überreden. Aber die Frage war, ob das helfen würde? Tom Livingston würde nicht ruhen, bis er sie gefunden hatte und da er genügend Geld besaß, konnte er auch Türen öffnen, die gewöhnlich geschlossen waren und sie praktisch überall finden.
„Scheiße", murmelte William und lauschte dem Geräusch der laufenden Dusche im
Raum neben sich. Würde er damit umgehen können, wenn ihr was geschah? Sie war
eine so außergewöhnliche kleine Person und er zog sie in einen Rachefeldzug, in
dem sie eigentlich nichts zu suchen hatte. Sie war nur ein Baustein, ein
Puzzleteil, das die Geschichte vervollständigte, aber sie war nicht dafür
geschaffen, einen psychopatischen Irren zu schnappen. Je länger er darüber
nachdachte, desto mehr ärgerte er sich, sie überhaupt in seine Pläne mit
einbezogen zu haben. Er hätte von Anfang an fest darauf bestehen müssen, dass
sie sich heraus hält. Und doch hatte er es nicht getan, denn sie war auch eine
Chance, wie er sich ungern eingestand. Eine Möglichkeit, den Mörder seiner
Schwester aus der Reserve zu locken, sodass er ihn dingfest machen konnte.
„Verflucht, Sarah", murmelte er leise. „Du hättest nie von zuhause weggehen
dürfen. Die Stadt war nichts für dich."
Und plötzlich stand Sarah vor ihm. Sie lächelte und knuffte ihn in die Seite, wie sie es schon als kleines Mädchen immer getan hatte. Dann waren auch seine Eltern da und sie feierten einen Geburtstag. Luftballons schmückten die Veranda, die Sonne schien auf ein selbst gebasteltes Schild über der Eingangtür hieß Sarah willkommen, die gerade aus dem Schulbus hüpfte und auf dem kurzen Weg zum Haus wie verrückt winkte…
Als Buffy ein paar Minuten später aus dem Badezimmer schlüpfte, fand sie William schlafend auf ihrem Bett vor. Einen Moment war sie erschrocken, doch dann fasste sie sich schnell wieder und überlegte, was sie machen sollte. Alleine zurück ins Wohnzimmer wollte und konnte sie nicht. Die Blockhütte war gut verriegelt, dass wusste sie. Die Fenster waren alle geschlossen und William würde gewiss nicht schlafen, wenn er einen Überfall vermutete. Und doch konnte sie sich nicht aufraffen und einfach das Schlafzimmer verlassen. Das Bedürfnis, nicht alleine zu sein, war einfach zu stark und so setzte sie sich schließlich auf das Bett und sah William beim Schlafen zu.
Ganz offensichtlich hatte er nette Träume, denn er lächelte unentwegt. „Ich wünschte, ich könnte auch wieder einmal etwas Schönes träumen", murmelte sie leise und sah nervös auf ihre Hände. Was sollte sie jetzt nur tun? Stundenlang auf der Bettkante sitzen und ihn beobachten? Das würde sie nur noch mehr durcheinander bringen, denn mit der Langeweile kehrten gewöhnlich die schrecklichen Erinnerungen zurück. Buffy seufzte, griff nach dem Buch auf ihrem Nachttisch und legte es unentschlossen wieder weg. Dann krabbelte sie auf der anderen Seite des Bettes unter die Decke und legte sich hin. Etwas unruhig drehte sie sich auf die Seite und starrte aus dem Fenster in den Nachthimmel. Was würde noch alles geschehen? Doch dann schob sie den Gedanken beiseite und kramte in ihren Erinnerungen nach einer schönen Begebenheit, an der sie festhalten konnte.
*~*~*
Nur langsam erwachte William wieder und auch seine Gedanken brauchten Zeit, um sich von seiner Schwester zu verabschieden und wieder auf Hochtouren zu arbeiten. Nur das seltsame Gefühl das irgendwas anders war, wollte nicht weichen. Ein seltsamer Druck lag auf seiner Brust und seine Hand wanderte zu der Stelle, nur um sofort in einer Fülle weicher Haare zu versinken.
Sofort hellwach riss er die Augen auf und blickte auf Buffys Kopf herunter, der auf seiner Brust ruhte. Sie schlief tief und fest und hatte zusätzlich einen Arm um ihn geschlungen. Für einen Moment war er verwirrt, dann überlegte er fieberhaft, wie er in diese Situation geraten war. Des Rätsels Lösung war einfach, wie er nach nur wenigen Augenblicken erkannte. Er war auf ihrem Bett eingeschlafen, während sie unter der Dusche gestanden hatte und sie hatte sich offensichtlich einfach irgendwann daneben gelegt.
Natürlich war ihm sofort bewusst, dass sie sich nicht von Anfang an an ihn gekuschelt hatte, sondern ganz offenbar einfach im Schlaf an ihn herangerutscht war. Anders konnte es nicht sein. Sie war nicht der Typ Frau, der sich auf solche Art und Weise benahm. Sein schlechtes Gewissen machte sich bemerkbar, denn es war seine Schuld. Er war eingeschlafen, anstatt wie versprochen zu warten und da sie unter den gegebenen Umständen nicht alleine sein wollte, war ihr gar nichts anders übrig geblieben, als sich über kurz oder lang zu ihm zu legen.
Ein Moment des Bedauerns durchströmte ihn und er fühlte einen Stich, als ihm klar wurde, dass er sich einen anderen Grund für ihr Verhalten wünschte. ‚Krieg dich wieder ein’, rief er sich gedanklich zur Ordnung. ‚Du hast momentan wichtigere Sachen zu tun, als dich Hals über Kopf zu verlieben. Außerdem kann sie mit einem Typen wie dir garantiert nichts anfangen!’
Eine Viertelstunde verging und William blieb reglos liegen, um sie ja nicht aufzuwecken. Sie würde sich in Grund und Boden schämen, wenn sie jemals herausfand, dass sie die Nacht an ihn gekuschelt verbracht hatte und diese Schmach wollte er ihr auf alle Fälle ersparen. Doch er wusste nicht, wie er sich aus ihrer Umklammerung befreien sollte, ohne dass sie erwachte.
Aber noch während er überlegte, half sie ihm unbewusst. Buffy murmelte leise im Schlaf und veränderte ihre Position. Sie drehte sich, griff eins der Kissen und presste es gegen ihren Bauch. William nutzte die Gelegenheit und rollte sich blitzschnell zur Seite weg. Dann stand er lautlos auf und reckte sich vorsichtig. ‚Das war knapp’, dachte er und ertappte sich dabei, sie zu beobachten und ihre Mimik deuten zu wollen. ‚Küche. Karton. Nachsehen’, befahl er sich selbst und schlich auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer. „Besser", murmelte er, als er den Wohnbereich erreichte. „Und jetzt kümmere dich um deine verdammte Aufgabe!"
*~*~*
Die Kaffeemaschine zischte leise vor sich hin und verbreitete einen köstlichen Duft. Es war noch früh am Morgen, doch William hatte schon eine Menge Arbeit hinter sich. Zuallererst hatte er sich um das „Geschenk" gekümmert, dass Tom Livingston liebenswürdigerweise auf der Treppe zur Blockhütte hinterlassen hatte. Mit sterilen Handschuhen, die er im Verbandskasten gefunden hatte, hatte er den Karton durchsucht. Doch außer den entstellten und zerschnittenen Bildern von sich und Buffy hatte er nur einen Strauß Rosen enthalten, der langsam vor sich hinwelkte.
Gehofft hatte er auf einen Brief, eine schriftliche Mitteilung, doch dazu hatte Livingston sich nicht hinreißen lassen und das frustrierte ihn ein wenig. Aber dann erinnerte er sich an das, was er Buffy gestern gesagt hatte. Ein verirrtes Haar würde reichen, um den verfluchten Anwalt zu überführen und er hatte das ganze Paket in einen großen Müllbeutel verpackt.
Dann hatte er einen flüchtigen Blick in Buffy Schlafzimmer geworfen und da sie nach wie vor fest schlummerte, hatte er sich seine Jacke übergeworfen und war nach draußen geeilt, um den Schnee rund um die Hütte nach Fußspuren abzusuchen. Gefunden hatte er keine und einigermaßen beruhigt hatte er sich wieder ins Innere begeben. Als nächstes hatte er ihre beiden neu gekauften Rucksäcke noch einmal auf ihren Inhalt geprüft, und sie in den Kofferraum des Wagens verfrachtet. So waren sie schnell greifbar und sie würden keine Zeit verlieren, wenn sie wirklich übereilt das Resort verlassen mussten. Der Gedanke war natürlich aberwitzig und es wäre der reine Irrsinn, sich in die Wildnis zu schlagen, doch er hatte nicht gelogen, als er behauptete, gerne auf jede Situation vorbereitet zu sein. Er machte seinen Job schon ein paar Tage länger und wusste, dass eine solche Vorsicht oft genug Leben rettete. Und das war seine vorrangige Aufgabe. Buffy heil aus dieser vertrackten Situation herauszubringen!
Teil 12
„Kannst du mir sagen, was du da machst?", fragte Buffy mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Frühstück hatten sie gerade erst hinter sich gebracht und sie stand noch immer hinter dem Küchentresen, den letzten Schluck Kaffee trinkend und ihr Magen begann seltsam zu kribbeln. Denn William hatte es offenbar eilig. Er war zu Garderobe gegangen und begann damit, sich warm einzupacken.
„Wir gehen jetzt Schneemobil fahren", sagte er, grinste unter seiner Mütze
und wickelte sich seinen Schal um den Hals. „Na, komm schon. Ich weiß, du
hattest letztes Mal Spaß!" Es war ein Versuch, sie mit übertriebener
Fröhlichkeit aus der Reserve zu locken, auch wenn es wohl kaum funktionieren
würde. Dennoch musste er sie dazu überreden, denn er wollte unbedingt raus aus
der Blockhütte, um keinen Koller zu bekommen. In seinen Eingeweiden rumorte es
aufgrund der Untätigkeit und er brauchte dringend etwas Bewegung. Außerdem hatte
er noch eine Kleinigkeit im Sinn und er musste herausfinden, ob es funktionieren
würde.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf und musste seine Aussage erst einmal sacken
lassen. „Bist du total irre?", fragte sie dann und stellte die Tasse hart auf
den Küchenschrank. „Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein. Heute? Jetzt?
Nachdem, was gestern passiert ist?" Sie hatten nur wenig über die Vorkommnisse
des gestrigen Abends geredet. Überhaupt hatte sie das Gefühl, dass William am
heutigen Tag genau wie sie nicht das Bedürfnis hatte, sich sonderlich
mitzuteilen und deswegen schockierte sie die Idee, die sichere Hütte zu
verlassen, bis in die Grundmauern ihrer Seele.
„Gerade wegen dem, was gestern passiert ist", sagte er und machte ein paar Schritte auf sie zu. Er legte den Kopf auf die Seite und sah sie abwägend an. „Überleg doch mal", meinte er dann. „Wenn wir uns jetzt hier in der Hütte verkriechen, dann hat der Scheißkerl gewonnen. Zumindest denkt er das. Aber wenn wir rausgehen, Spaß haben und einfach so weitermachen wie bisher, dann…"
„… bringt ihn das dazu, komplett auszuticken", beendete sie den Satz und lehnte sich mit verschränkten Armen an den Kühlschrank. „Das kann nicht wirklich deine Absicht sein. Willst du wirklich, dass er auf uns losgeht?" Sie lachte abfällig. „Dem Mistkerl traue ich einfach alles zu und ich glaube fest, dass er sich mittlerweile eine Waffe besorgt hat. Ach, scheiße! Ich habe keinen Schimmer, ob er sich eine Waffe organisiert hat, aber ich habe eine Heidenangst davor. Und du vergisst offenbar diesen Mann, mit dem er letztens zusammen im Restaurant war. Wir haben keine Ahnung, wer er ist, oder weswegen er hier war."
„Da hast du natürlich Recht", nickte William. „Aber ich muss gestehen, ich hatte dir einen größeren Kampfgeist zugetraut. Nach all dem, was du durchgemacht hast, bist du nun bereit, die Segel zu streichen und aufzugeben? Das hätte ich nicht erwartet." Er wusste, er reizte sie, denn das war genau das, was er erreichen wollte. Und er setzte sogar noch einen drauf. „Also gut, kein Problem", meinte er. „Dann geh ich ohne dich", sagte er und war sich bewusst, dass sie keinesfalls alleine sein wollte. „Verschließ die Tür gut hinter mir. Ich bin in ein paar Stunden zurück."
Buffy, die seinen Plan durchaus durchschaut hatte, wusste nicht, wie sie reagieren oder was sie sagen sollte. Es war unfair, doch das kümmerte ihn wahrscheinlich wenig. Ihn interessierte es nur, den Mörder seiner Schwester zu schnappen und dazu war ihm jedes Mittel recht. Immerhin war er aus diesem Grund hier. Gleichzeitig konnte sie ihm nicht einmal die Schuld an ihrer derzeitigen Situation geben, denn immerhin hatte sie sie selbst gewählt. Sie hätte verschwinden können, gleich am Tag ihrer Ankunft oder spätestens einen Tag später. Aber sie war geblieben und ihr fiel der blöde Spruch ein, den sie immer schon gehasst hatte. Mitgehangen… mitgefangen!
Mit zusammengekniffenen Augen verließ sie ihren Platz am Kühlschrank und ging langsam auf ihn zu. „Du hast Recht", sagte sie bitter und funkelte ihn an. „Damit, dass ich ein Weichei bin und wahrscheinlich auch damit, dass ich hier nichts zu suchen habe. Aber ich bin nun einmal hier… Und vielleicht bin ich ein Klotz an deinem Bein, ein Hemmschuh", sie lachte gehässig auf. „Aber schleppen musst du ihn trotzdem!"
„Buffy", versuchte er es vorsichtig, denn er hatte sie offenbar mehr gereizt und tiefer verletzt, als er es geplant hatte. „Es tut mir leid. Ehrlich. Ich verlange viel von dir, das weiß ich. Aber du musst auch zugeben, dass wahrscheinlich richtig ist, was ich mache. Wir dürfen nicht nachgeben. Wir können diesem Schwein nicht die Oberhand überlassen. Und der einzige Weg ihm zu zeigen, dass er dich nicht gebrochen, nicht klein gekriegt hat, ist, es ihm zu klar vor Augen zu führen." Er verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Warte einen Augenblick", meinte er dann und eilte in sein Zimmer.
„Was?", fuhr Buffy herum und sah ihm fragend hinterher. Allerdings dauerte es nicht sehr lange, bis er mit einem seltsam anmutenden Kleidungsstück in der Hand zurückkehrte. „Was ist das?", fragte sie misstrauisch, als er es ihr entgegenstreckte.
„Eine Beschuss hemmende Weste", sagte er und nickte aufmunternd. „Ich helfe dir, sie überzuziehen. Dann geht es dir besser und du fühlst dich sicherer. Ich hätte viel früher daran denken sollen."
Die Weste wog nicht sonderlich schwer in ihrer Hand und sie machte ein unsicheres Gesicht. „Und das soll funktionieren?", fragte sie und ließ die Finger über das Gewebe gleiten. „Es fühlt sich nicht wirklich hart oder fest an."
„Das ist eine der neuartigsten Westen der Welt", sagte er und nahm sie ihr wieder ab. „Streng geheim das Ganze", lachte er dann und blinzelte verschmitzt. „Irgendeine neuartige Nanotechnologie und künstliche Spinnenseide. Sie bietet den höchsten Schutz aller bisherig erhältlichen Westen." Mit geübten Handgriffen öffnete er die Verschlüsse und half ihr beim Überziehen. Beim Verschließen zögerte er einen Moment. „Ähm…", meinte er und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht solltest du dich damit vor einen Spiegel stellen. Ich weiß nicht, ob ich…"
Nickend ging sie auf den Garderobenspiegel zu und musste lachen, als sie sich sah. Die Weste war ihr eigentlich viel zu groß und es sah albern aus. „Gott, ist das alles blödsinnig", meinte sie und zupfte an den Verschlüssen herum. „Ich benehme mich wahrscheinlich wie ein Kleinkind. Immerhin wird Livingston wohl kaum eine Waffe ziehen und auf mich schießen. Es sind hunderte von Menschen hier unterwegs und da er doch so peinlich darauf achtet, nicht aufzufallen… ist das hier vollkommen überflüssig", schimpfte sie und warf genervt die Hände in die Luft. Zog sie an einer Seite der Klettverschlüsse, verzog sich auch die gesamte Weste mit und egal wie sehr sie sich bemühte, sie saß krumm und schief. „Ich zieh das blöde Ding einfach wieder aus", murrte sie nach einer Weile, doch William bremste sie.
„Warte", meinte er und lächelte. „Ich kann dir helfen. Ich muss sie allerdings komplett neu auf deine Größe umstellen. Das dauert einen Moment." Er begann an ihren Schultern und arbeitete sich langsam durch. Erst als es an die Verschlüsse an der Vorderseite ging stockte er einen Moment. „Ich muss hier… eben…", murmelte er und packte die beiden am Bauch zusammenlaufenden Klettverschlüsse auf einmal, zog sie stramm und presste sie gegen die Weste. Dann zog er sich eiligst zurück und sah sie an. „Sie ist immer noch ein bisschen groß, aber besser werden wir es nicht hinbekommen. Auf jeden Fall wird sie ihren Zweck erfüllen."
Einen Augenblick betrachtete sich Buffy im Spiegel. Dann seufzte sie. „Ich bin furchtbar, oder?", fragte sie dann und sah ihn niedergeschlagen an. „Ich benehme mich wie eine Memme und dabei war ich bisher immer so stolz, mein Leben selbst fest in der Hand zu halten." Sie seufzte ein weiteres Mal, diesmal tiefer. „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Einen Tag geht es mir gut und ich fühle mich fast… fast wie früher. So, als wäre diese ganze schlimme Zeit nie geschehen. Dann kommt mir nur eine winzige Kleinigkeit in die Quere und ich breche zusammen." Sie sah sich im Spiegel an. „Ich hasse es. Ich hasse es so ängstlich zu sein. Ich hasse es, nicht komplett selbst über mich bestimmen zu können und ich hasse diese Angst, die mich immer wieder überkommt und mich aus der Bahn wirft."
„Das ist nach den ganzen Monaten deines Martyriums mehr als nur verständlich", sagte er sachte, nahm dann ihre Jacke und überreichte sie ihr. „Und du hast alles mit dir alleine ausgemacht, ohne jegliche Hilfe. Das steht kein Mensch durch, ohne dass es Spuren hinterlässt."
„Kann ja sein", murrte sie und versuchte ihre Haarmenge unter die Wintermütze zu zwängen. „Aber so gefalle ich mir kein Stück." Sie zog die Jacke fest zu und zog ihre Handschuhe über. „Sieht man einen Unterschied?", fragte sie, als sie komplett winterlich ausgerüstet vor dem Spiegel stand und sich prüfend drehte.
„Wäre das wirklich wichtig?", beantwortete er ihre Frage mit einer Gegenfrage
und fing sich dafür einen giftigen Blick ein. „Nein, man sieht es nicht", sagte
er schnell und lachte dann. „Fertig?"
„Fertig?", wiederholte sie. „Ja, mit der Welt. Aber ob ich bereit bin, mich ein
weiteres Mal gegen Tom Livingston zu stellen… da bin ich mir nicht so sicher."
Dann versuchte sie ein Lächeln und schob sich an William vorbei. „Egal was
passiert, es liegt nicht in meiner Hand und ich glaube, das ist es, was mich am
meisten stört. Es ist ein Leben im Wartesaal. Warten darauf, dass irgendwer
irgendwann entscheidet." Sie zuckte mit den Schultern, öffnete die Tür und ging
hinaus.
*~*~*
Die Dunkelheit hatte sich bereits über das Urlaubsgebiet gelegt, als Buffy und Spike sich auf den Weg zurück in ihre Blockhütte machten. Sie hatten Stunden damit verbracht, die Motorschlitten durch das gesamte Gelände des Resorts zu fahren und obwohl Buffy zunächst schwer damit zu kämpfen hatte, sich nicht ständig umzudrehen und nach Gefahren Ausschau zu halten, hatte sie schließlich gemerkt, dass das Motorschlittenfahren eine gute Gelegenheit war, endlich einmal den Frust und den Ärger, der sich seit Monaten in ihr aufgestaut hatte, abzubauen. Sie hatte sich wahre Rennen mit William geliefert, der sie weiter angestachelt hatte und sie fühlte sich befreit, als sie sie schließlich zurück zum Verleih fuhren.
William hatte noch eine Weile mit dem jungen Angestellten geplaudert und war sichtlich zufrieden, als sie dann in Richtung des Minimarktes geschlendert waren. Ihre Vorräte waren so gut wie aufgebraucht und sie wollten sich vor die nächsten Tage eindecken. Gekauft hatten sie eine Menge, doch der nette Verkäufer war so nett, die Sachen liefern zu lassen, sodass sie sich nicht mit einer Unmenge an Einkaufstüten abschleppen mussten.
„Ich freu mich schon auf ein knisterndes, warmes Feuer", meinte Buffy, als sie auf den Weg zur Blockhütte abbogen. Nach all den langen Stunden im Freien war sie bis auf die Knochen durchgefroren und konnte es kaum abwarten, die nassen und klammen Klamotten von sich zu werfen und sich in einen gemütlichen Jogginganzug gehüllt vor dem Feuer aufzuwärmen. Das Abendessen im Restaurant sollte heute ausfallen und sie wollten nur ein wenig Salat essen. Was Buffy besonders gelegen kam.
William nickte und blieb Sekundenbruchteile später stocksteif stehen. Er fasste Buffy am Arm und schob sie ohne ein weiteres Wort ins nächste Gebüsch. „Vorsicht", warnte er, bevor sie verwirrt nachfragen konnte, und hielt sich den Zeigefinger vor den Mund. Mit der anderen Hand zeigte er hinauf zur Blockhütte. „Wir haben Besuch", sagte er leise und zog sie tiefer in die verschneiten Büsche.
Mit klopfendem Herzen sah Buffy zur Blockhütte hinauf. Tom Livingston trat gerade zur Tür heraus, drehte sich um und verschloss sie sorgfältig wieder. Dann gab er ihr einen saftigen Tritt und man konnte ihn noch aus der Ferne fluchen hören.
William wusste auch sofort, was den Anwalt so aus der Fassung gebracht hatte. Es gab nur ein benutztes Bett, denn er und Buffy hatten die Nacht zusammen verbracht. Mehr oder weniger freiwillig, und doch konnte Livingston nur einen Schluss aus dem zerwühlten Bett ziehen. Ein gehässiges Grinsen zierte Williams Gesicht und er freute sich diebisch, dem verhassten Mann eins ausgewischt zu haben.
Buffy jedoch bebte, dieses Mal allerdings vor Wut und nicht vor Angst. Ihm Aug in Aug gegenüberzustehen war lange nicht so schlimm, als ständig nur darüber nachzugrübeln, was als nächstes geschehen würde. Doch wie hatte er es geschafft, sich einen Schlüssel für die Blockhütte zu besorgen? Hatte Geld wirklich so viel Macht? Musste man nur genügend Scheine auf den Tisch legen und alle Probleme und Schwierigkeiten lösten sich in Luft auf? Sie selbst hatte ihren Schlüssel nicht aus der Hand gegeben, William sicherlich ebenso wenig, also konnte es nur bedeuten, dass Tom Livingston den Mann an der Rezeption geschmiert hatte und sich einen Ersatzschlüssel organisiert hatte.
„Was machen wir jetzt?", wandte sie sich flüsternd an William, der sie jedoch gar nicht ansah, sondern den Blick fest auf das Geschehen vor der Hütte gerichtet hatte.
„Er ist nicht alleine", wisperte er und veränderte seine Position ein wenig,
um besser sehen zu können. „Ahh…", meinte er. „Da ist ja auch unser Freund aus
dem Restaurant wieder."
„Wo kommt der denn auf einmal her? Ich habe ihn vorher gar nicht gesehen." Es
war seltsam. Sie fürchtete sich kein bisschen, nur Wut rauschte durch ihre Adern
und sie wäre am liebsten auf die beiden Männer vor der Blockhütte zugestürmt.
„Er kam unter dem Landrover weg. Ich schätze mal, er hat uns eine nette Überraschung hinterlassen." Er fing einen Blick von Buffy auf und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Bombe", sagte er leise. „Das wäre viel zu auffällig. Vielleicht hat er die Bremsleitung durchgeschnitten, oder angeschnitten. Irgendetwas Derartiges. Aber eins ist offensichtlich. Sie planen unser Ableben. Offenbar ist Tom Livingston über seine Besessenheit hinaus und er versucht nun, den einzigen Belastungszeugen loszuwerden. Dich."
„Klasse. Das wird ja immer besser", schnaubte Buffy leise und verstummte dann, denn die beiden Männer verließen ihren Platz vor der Hütte. Sie liefen zusammen den Weg entlang und näherten sich immer mehr dem Versteck, in dem Buffy und William sich verbargen.
William packte Buffy auch sogleich, zog sie an sich und hielt sie eisern fest. „Versuch keinen Mucks zu machen. Sie werden uns nicht sehen."
Natürlich befolgte sie seine Anweisung, obwohl sie sie eigentlich nicht gebraucht hätte. Aber vielleicht spürte William auch die Wut in ihr und wollte sie ausbremsen, bevor sie losstürmte und auf den Anwalt losging. Zudem verstärkte er seinen Griff noch, als Livingston und der Fremde nur wenige Meter weit weg stehen blieben und sich aufgeregt unterhielten.
„Und Sie sind Sich sicher, dass die beiden keinen anderen Weg finden, das Resort zu verlassen?", fragte der Unbekannte und lächelte hinterhältig. Er wischte sich seine Hände an der Hose ab und zog seine Handschuhe wieder über.
„Der lächerliche kleine Mann vom Empfang ist fest in meiner Hand. Er ist zwar äußerst gierig, aber das erledigen Sie ja für mich, sobald diese Farce hier erledigt ist." Tom Livingston streckte sich zur vollen Größe aus und sah auf seinen Partner herunter. „Es wäre ja nicht das erste Mal, dass wir zusammenarbeiten und bisher konnte ich mich immer auf Sie verlassen. Ich denke nicht, dass sich das geändert hat. Oder?" Beinahe bedrohlich trat er einen Schritt auf den anderen Mann zu, der nur mit der Hand winkte. „Das habe ich mir gedacht", sagte Tom Livingston, nun wieder selbstsicher wie eh und je. „Nun, er verlangt eine Menge, sorgt aber jedenfalls dafür, dass sie keinen anderen Leihwagen bekommen können. Die einzige Chance, die die Schlampe noch hat, wäre ein Taxi aus dem Kaff zu rufen. Doch warum sollte sie das tun? Immerhin hat sie einen Wagen direkt vor der Tür stehen."
Der Fremde lachte fies. „Ja… sie hat einen Wagen direkt vor der Tür." Er nickte wohlgefällig. „Jetzt heißt es nur noch abwarten. Früher oder später werden sie einen Ausflug machen oder einkaufen fahren oder… was auch immer. Ich habe einen Sender unter dem Wagen befestigt, mit dem ich die Bewegungen des Wagens verfolgen kann. Ganz so, wie Sie es mir aufgetragen haben. Sobald sie die Bergstraße erreichen, werde ich durch einen Fernzünder die Bremsleitung zerstören. Und den Rest übernimmt die vereiste Straße für uns, die über sieben Kilometer steil bergab führt." Er lachte und schlug die Hände zusammen. „Ich kann schon die Schlagzeilen in den Nachrichten sehen. „Ein tragischer Unfall hat sich heute…."
Teil 13
Eine Weile verharrten Buffy und William noch reglos in dem verschneiten Gebüsch. Erst als sie ganz sicher waren, dass Tom Livingston und sein Helfershelfer gegangen waren, ließ William Buffy los und vorsichtig und langsam bahnten sie sich einen Weg heraus aus dem Versteck.
„Das wird ja immer besser", murrte Buffy und blickte vorsichtig um die Ecke. Sie sah die beiden Männer in einiger Entfernung in einen Wagen steigen, der auch sogleich abfuhr. „Sonderlich viel Mühe haben sie sich nicht gerade gemacht, um ihre Anwesenheit zu verbergen", sagte sie dann und wischte sich den Schnee von der Jacke. Sie war vollkommen ruhig und begriff nicht einmal selbst, warum das so war. Immerhin hatte sie erst vor wenigen Augenblicken gehört, dass ihr Tod beschlossene Sache war. Warum flippte sie nicht aus? Warum hatte sie nicht den Drang sofort zu verschwinden? Buffy wunderte sich über sich selbst. Waren ihre Nerven schlicht nicht mehr vorhanden oder stand sie so nah am Abgrund, dass es keinen Unterschied mehr machte? „Und ich kann immer noch nicht fassen, dass er einen Schlüssel hat und einfach am helllichten Tag in eine fremde Hütte marschiert!"
„Das beste Versteck ist die Öffentlichkeit", sagte William und wischte seinerseits den Schnee von seinen Schultern. „Hier gibt es unzählige Hütten, unzählige Gäste und kaum einer weiß, wer in welcher Blockhütte wohnt. Die Anlage hier ist klasse, wenn man abschalten will und nicht sonderlich auf Gesellschaft erpicht ist. Die Hütten stehen weit genug auseinander, so dass jeder seine Ruhe haben kann. Aber genau das ist auch das Manko. Nur vorne im Eingangsbereich des Resorts ist eine Menge los. Hier… kann jeder machen, was ihm beliebt. " Er schüttelte sich, denn eine Menge Schnee war von den Ästen der Büsche in seinen Kragen geraten und schmolz nun. Es war ein äußerst scheußliches Gefühl, das eisig kalte Wasser hinab laufen zu fühlen, doch er ignorierte es. Weitaus unangenehmere Dinge standen ihm jetzt bevor und die waren ein dringlicheres Problem.
Buffy warf einen letzten Blick auf den Wagen, dessen Rücklichter nun in der Dunkelheit verschwanden. „Und was machen wir jetzt? In die Hütte können wir wohl kaum zurück. Da sind wir nicht mehr sicher. Ich glaube nicht, dass ich auch nur ein Auge zutun kann, wenn…"
William schüttelte den Kopf. „Die Hütte ist sicher. Absolut sogar. Immerhin haben sie unser Ableben durch einen „Autounfall" geplant. Da wäre es unsinnig, wenn er uns nachts einen Besuch abstatten würde. Außerdem können wir zusätzlich noch den schweren Riegel vor die Tür legen." Wieder schüttelte er den Kopf. „Nein, nachts gibt es kein Reinkommen für ihn."
„Vielleicht hast du Recht", sagte Buffy langsam, da sie sich trotzdem sehr unsicher war. „Aber dennoch… wir können doch nicht einfach abwarten und… Was machen wir denn jetzt?"
„Jetzt…", sagte William gedehnt und seufzte dann. „Jetzt wird es Zeit, dass ich einige Dinge klarstelle und wieder gerade bügele. Soweit es denn geht", er zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Kopf auf die Blockhütte. „Lass uns gehen."
*~*~*
„Ja, Sir…", sagte William in sein Mobiltelefon. Seit geraumer Zeit telefonierte er nun bereits mit seinem Vorgesetzten und Buffy bewunderte ihn dafür, trotz des Ärgers nicht den Kopf einzuziehen. Schon aus einiger Entfernung konnte sie den besagten Vorgesetzten toben hören und sie wäre längst in Grund und Boden entschwunden, hätte jemand sie am Telefon so niedergemacht. William hingegen stand noch immer mit hoch erhobenem Kopf da und berichtete jede noch so winzige Kleinigkeit. „Mehr als nur ein dringender Verdacht, Sir", sagte er nun und nickte. „Ja, Sir. Danke."
„Das war … nicht gut", sagte er, nachdem er das Gespräch endlich beendet hatte. „Aber damit hatte ich vorher schon gerechnet." Er zuckte mit den Schultern und legte sein Mobiltelefon auf den Couchtisch.
„Wird es sehr schlimm?", fragte Buffy mitfühlend. Sie hatte sich in der Zeit des Telefonats geduscht, umgezogen und eine Tasse Tee gekocht, und doch fühlte sie sich noch immer ausgelaugt und kaputt. William hingegen schien das blühende Leben zu sein und sie fragte sich, wie viel davon gespielt war.
„Das kommt darauf an", meinte er und lächelte tapfer, dann sackte er ein Stück in sich zusammen. „Es kommt darauf an...", murmelte er leise, starrte ins Leere und verstummte.
„Worauf?" Buffy musste es wissen. Ihr war gar nicht wohl bei der Sache, und obwohl sie keinerlei Schuld an diesen Schwierigkeiten hatte, fühlte sie eine Last auf ihren Schultern. William hatte sich zwar ohne das Wissen seines Vorgesetzten auf die Suche nach Tom Livingston gemacht, doch wenn sie sich nicht begegnet wären, wäre er womöglich ohne jede Spur wieder abgefahren.
„Ob er mir den Kopf abreißt oder nicht", sagte William und zuckte mit den
Schultern. „Es wäre zwar schade um meinen Job, denn ich hab ihn wirklich sehr
gern gemacht. Aber für Sarah würde ich alles geben. Und ich meine wirklich
alles. Ihr Mörder wird nicht ungeschoren davonkommen, selbst, wenn ich dafür…"
„Okay", unterbrach sie ihn rasch. „Du solltest lieber nicht aussprechen, was dir
gerade im Kopf herumspukt. Sag mir lieber, was wir jetzt machen."
„Warten", sagte er und warf sich auf das Sofa. Fast automatisch angelte er
nach einem Gummibärchen, drückte es zwischen Zeigefinger und Daumen platt und
steckte es in den Mund. „Mein Boss meint, ich hätte genügend Verdachtsmomente,
damit sich unsere Behörde einmischen kann."
„Und was heißt das genau?" Buffy ließ sich so leicht nicht täuschen. Auch wenn
er seinen Unmut gut überspielte, so war doch zu sehen, wie sehr er an seinem Job
hing. Zudem war das Damoklesschwert über seinem Kopf bestimmt eine harte Nuss,
die er nicht so leicht knacken konnte. War er noch lange ein Agent, oder hatte
er seine Karriere aufs Spiel gesetzt? „Worauf warten wir?", fragte sie schnell,
um ihn, aber auch sich selbst abzulenken.
„Darauf, dass eine Horde FBI-Agenten in das Resort einfällt", sagte er und seufzte. „Scheiße. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Vor allem nicht, nachdem…" Er schüttelte den Kopf. „Wie auch immer. Ich hab meinem Boss alles erklärt und er weiß auch, dass ein Paket für das Kriminallabor unterwegs ist. Das Problem ist nur, wir haben keine Zeit darauf zu warten. Es wird mindestens noch einen Tag unterwegs sein und die Untersuchungen können Wochen verschlingen. Dafür bleibt nur keine Zeit."
Mit großen Augen setzte sich Buffy ihm gegenüber auf einen der bequemen
Sessel. „Das Paket ist… was? Unterwegs? Wie hast du es geschafft, es zur Post zu
bringen? Wir waren die ganze Zeit zusammen. Du kannst doch nicht…"
„Ich gar nicht", meinte William und nahm eine Handvoll Gummibärchen aus der
Schale. „Unser junger Freund vom Motorschlittenverleih hat das heute Morgen für
mich übernommen. Ich hab es nur hier unter die Treppe gestellt und er hat es
abgeholt, während wir draußen im Gelände waren." Er zuckte mit den Schultern.
„Nicht nur der Drecksack Tom Livingston ist in der Lage, jemanden zu bestechen.
Ich hab dem Jungen einfach einen Hunderter zugesteckt und schon…"
Das Gespräch verstummte und eine lange Zeit hing jeder seinen eigenen
Gedanken nach. Erst als Williams Magen laut grummelte, wurde beiden bewusst,
dass der Abend längst angebrochen war und es Zeit für das Abendessen war.
„Wollen wir noch länger auf unsere Lieferung warten, oder gehen wir doch ins
Restaurant?"
„Wir gehen ins Restaurant", nickte Buffy entschieden und sprang auf.
Seltsamerweise fühlte sie noch immer keine Angst, nur eine seltsame Art der
Erleichterung. Vielleicht, weil sie Unterstützung bekamen, vielleicht aber auch
nur, weil, egal was nun auch geschah, sich die Sache einem Ende näherte. „Ich
glaube, heute Abend kann sogar ich einen Nachtisch vertragen. Ist der
Apfelkuchen gut?"
*~*~*
Fünf Minuten später waren beide wieder in ihre dicken Winterjacken eingemummelt und bereit, die Blockhütte zu verlassen. Doch William zögerte, die Klinke schon in der Hand. „Buffy", sagte er leise. „Ich weiß nicht, was geschieht, wenn… meine Kollegen eintrudeln. Aber ich möchte nicht, dass du dich in Schwierigkeiten bringst. Sag einfach, wie es gewesen ist. Sag ihnen, dass alles meine Idee gewesen ist und du dich nur angeschlossen hast. Von mir aus kannst du ihnen auch sagen, dass ich dich als Druckmittel gegen Tom Livingston einsetzen wollte, denn das wäre nicht einmal gelogen. Wie auch immer… Ich möchte keinesfalls, dass du irgendwelche Probleme wegen dieser … dieser Sache bekommst." Er lächelte, beugte sich dann vor und gab ihr einen schnellen Kuss auf den Mund.
Vollkommen verwirrt starrte sie ihn an. Seine Worte schwirrten durch ihren
Kopf, doch viel mehr beschäftigte sie dieser flüchtige Kuss. Glaubte er, sie
würden beobachtet werden? Hier in der Hütte, obwohl die Vorhänge vor dem großen
Panoramafenster noch immer zugezogen waren? „Warum…warum hast du mich geküsst?",
fragte sie, ihre Verwirrung nicht verbergen könnend.
„Weil ich sonst möglicherweise nie wieder die Gelegenheit dazu bekomme", sagte
er und eine gewisse Traurigkeit schwang in seiner Stimme mit. Dann drehte er
sich rasch um, öffnete die Tür und ging hinaus.
Einen verdutzten Augenblick später eilte Buffy ihm hinterher, packte ihn an den
Schultern und drehte ihn herum. „So geht das aber nicht", schimpfte sie und zog
ihn zu sich herunter. „Wenn es wirklich nur einen Kuss geben soll, dann …"
Weitersprechen brauchte sie nicht, denn William hatte begriffen und zog sie
rasch an sich.
Keiner von beiden sah Tom Livingston, der keine hundert Meter entfernt in seinem Wagen saß und mit der Faust auf das Lenkrad einschlug. Sie hörten auch den Wagen nicht starten und sahen auch nicht, wie er schlingernd und schlitternd in der Dunkelheit verschwand. Für einen kurzen Augenblick hörte sich die Welt der beiden auf zu drehen und sie versanken in der Unendlichkeit.
*~*~*
Ihr war übel und ihre Finger waren schweißnass. Am frühen Morgen, lange bevor auch nur ein Silberstreif am Himmel zu erahnen war, hatten sie Besuch bekommen, mit dem niemand gerechnet hatte. Williams Vorgesetzter hatte höchstpersönlich an ihre Tür gehämmert und sie damit geweckt. Nun sprach er bereits seit über einer halben Stunde mit William in dessen Schlafzimmer und Buffy wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er auch sie befragen würde.
Und kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, öffnete sich die Tür und
William kam heraus. „Denk daran, was ich dir gestern gesagt habe", sagte er
leise, als er sie heranwinkte. „Sag ihm die Wahrheit. Du brauchst mich nicht
verteidigen."
Sie nickte nur, schob sich an ihm vorbei und holte tief Luft, als sich die Tür
hinter ihr schloss. Williams Vorgesetzter hatte einen Platz am Fenster bezogen
und sah sie nicht einmal an. „Miss Summers", sagte er, „dies ist ein eher
ungewöhnlicher Ort für eine Befragung", meinte er gedehnt und wandte sich um.
„Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht die volle Wahrheit von Ihnen erfahren
möchte!"
„Selbstverständlich", sagte sie und schluckte schwer. Nicht nur seine Stimme war beängstigend, er selbst auch. Anthony Hopkins war ein beeindruckender Mann. Er war nahezu zwei Meter groß, hatte eine bullige Figur und sah nicht so aus, als würde er sich mit irgendwelchen Ausreden zufrieden geben.
„Setzen Sie sich", sagte er und zeigte auf den einzigen Stuhl, der im Zimmer stand.
„Ich würde lieber stehen bleiben, Sir", sagte Buffy und reckte das Kinn. Sie hatte nichts zu verbergen und egal wie grimmig er sie noch ansehen würde, sie würde nicht zurückweichen. Hoffte sie zumindest.
„Erzählen Sie mir bitte, wie Sie William Grey kennengelernt haben", forderte der Furcht einflößende Mann sie auf, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen das Fenster.
„Ich habe ihn angefahren, Sir", sagte sie schnell, zuckte andeutungsweise mit den Schultern und erzählte dann auf Anweisung alles, was an dem und den darauf folgenden Tagen geschehen war. Sie ließ nichts aus und nach einigem Nachfragen erzählte sie ihm auch haarklein, was sie mit Tom Livingston erlebt hatte. Ihre Stimme wurde immer leiser und zum Schluss war sie kaum noch zu verstehen.
„Und Sie bleiben dabei, dass Sie Grey erst auf dem Weg hierher kennengelernt haben", sagte Anthony Hopkins, kniff die Augen zusammen und Buffy hatte das Gefühl, mit einem Röntgenblick durchbohrt zu werden. „Sie wissen, wie lächerlich es klingt, dass sie ihn scheinbar angefahren haben. Das glaubt Ihnen kein Gericht der Welt. Das sind einfach zu viele Zufälle!"
„Ich kannte seine Schwester, Sir." Buffy fühlte ihre Kräfte schwinden. Dieser Mann vor ihr, mit der ernsten Miene und dem unleserlichen Gesicht, wusste, wie er jemanden zu befragen hatte und sie fühlte sich klein und unwichtig. „Ich wusste aus Erzählungen ihrerseits von einem Bruder. Aber Sarah hat ihn immer nur Spike genannt und wir haben uns nie zuvor gesehen. Und ich bin mir hundert prozentig sicher, dass auch er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte, bis ich… zusammengebrochen bin und mich bei ihm ausgeheult habe", fügte sie leise hinzu. „Erst da hat er gewusst, wer ich bin und warum Sarah… sterben musste."
„Würden Sie diese Aussage auch vor Gericht beeiden?" Anthony Hopkins kam einen Schritt näher und wirkte dadurch noch bedrohlicher.
„Ja, Sir. Jederzeit", sagte sie und sah ihm fest in die Augen. „Denn das ist die Wahrheit."
„Gut", nickte Williams Boss und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, sodass es wie durch ein Wunder auf einmal freundlich und liebenswürdig wirkte. „Ich hätte auch ungern einen so guten Agenten verloren. Doch nun etwas anderes", meinte er und setzte sich auf die Kante des Bettes. „Ich habe Sie gerade gefragt, ob Sie vor Gericht beeiden würden, dass Sie die Wahrheit gesagt haben… Und Miss Summers, ich lehne mich hier gerade sehr weit aus dem Fenster und von nun an geht es nicht mehr nur um Williams Job, sondern auch um meinen. Und doch muss ich Sie das fragen." Er machte eine Pause, sah sie abwägend an und sprach dann leise weiter. „Sind Sie auch bereit, das Gegenteil zu behaupten, wenn es darauf ankommen sollte?"
Verwirrt sah Buffy ihn an, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen, Sir."
Anthony Hopkins seufzte. „Ich möchte wissen, ob Sie zur Not dazu bereit sind, vor Gericht zu lügen und dieses hier", er machte eine weit ausholende Bewegung", zu einer geplanten Aktion zu machen. Eine Verbindung zwischen Ihnen und William Grey ließe sich leicht herstellen. Immerhin waren Sie mit seiner Schwester befreundet und wenn ich diesen… Mist … hier jemals vor meinen Direktoren rechtfertigen soll, dann geht das nur, wenn William Grey mit meinem Einverständnis gehandelt hat. Soll heißen, ich war von Anfang an in diese Geschichte eingeweiht." Er wackelte unruhig mit dem Kopf. „Sie wissen schon… Sie haben sich an William gewandt, um seine Hilfe einzufordern, er hat daraufhin mit mir gesprochen und zusammen haben wir entschieden, dass es wert ist, der Sache nachzugehen…"
„Selbstverständlich", nickte Buffy erleichtert. „Wenn Sie das so wünschen, Sir, werde ich nie wieder irgendetwas anderes behaupten."
Schallend lachend erhob er sich, schüttelte den Kopf und schüttelte ihre Hand. „Sie sind wahrhaftig eine mutige kleine Person. Ganz so, wie William es gesagt hat." Er nickte ihr zu, ließ sie dann stehen und verließ das Schlafzimmer. Allerdings fehlte ihr die Kraft, um ihm zu folgen. Sie setzte sich auf das Bett und starrte eine lange Zeit aus dem Fenster. Dann fiel alle Anspannung von ihr ab. Es würde alles gut werden. William behielt seinen Job und Tom Livingston… würde das bekommen, was er verdiente! Ganz sicher!
Teil 14
Eine Menge Fragen spukten durch Buffys Gedanken, als sie sich lange nach der Befragung durch Anthony Hopkins doch entschloss, wieder in den Wohnbereich der Blockhütte zurückzukehren. Ein bisschen mulmig war ihr noch immer und zudem wusste sie nicht genau, was sie von dem großen, grimmigen Mann denken sollte, der sie so eisern befragt hatte. Doch offenbar war er nicht ganz so furchteinflößend, wie es erst den Anschein gehabt hatte. Oder besser gesagt, er war furchteinflößend, wenn er es für angebracht hielt, ansonsten schien er ein ausgesprochen netter Mensch zu sein, der sich für die Belange seiner Untergebenen einsetzte. Aber auch dieser Eindruck mochte täuschen. Einen derart ungewöhnlichen Menschen hatte Buffy nie zuvor kennengelernt und sie konnte sich noch keinen Reim auf ihn machen.
Einen Moment stockte sie vor der Tür und war sich nicht sicher, ob sie sich durch ein Klopfen bemerkbar machen sollte, dann schob sie den Gedanken beiseite und öffnete die Tür langsam. William war alleine. Er saß am Küchentresen, seinen Laptop vor sich und sah auf, als sie hinein trat. „Ist er… ist dein Boss schon gegangen?", fragte Buffy und ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen.
„Ja, er ist weg", nickte er, stand dann auf und ging langsam auf sie zu. „Er
wollte vor Tagesanbruch ungesehen verschwinden." Er lächelte sachte, überlegte,
ob er ihr danken sollte, wollte aber nicht noch extra darauf hinweisen, wie viel
Glück er gehabt hatte, dass er seinen Job noch hatte und sein Kopf noch immer
fest auf seinen Schultern ruhte. Er hatte Buffy als eine grundehrliche Person
kennengelernt und es war schwer genug, sie zu einer Lüge zu zwingen. Früher oder
später würden sie ihre Aussagen noch abstimmen müssen, doch darüber wollte er
jetzt nicht sprechen.
„Der Mann kann niemals ungesehen verschwinden", seufzte Buffy erleichtert und
schüttelte den Kopf. „Er ist ein grimmiger Riese, der sich nicht verstecken
kann. Schon durch sein Äußeres fällt er auf wie ein bunter Hund." Sie
schauderte. „Ich würde, wenn ich denn ein Verbrechen begangen hätte, schon
zusammenbrechen, wenn er mich noch einmal so finster ansehen würde."
„Er ist nicht wirklich so grimmig", sagte William rasch und lachte leise.
„Aber er ist gut in seinem Job und ich muss dich wahrlich um Entschuldigung
bitten. Ich hätte dich auf ihn vorbereiten müssen. Sicherheitshalber. Aber ich
habe nicht geglaubt, dass er persönlich erscheinen würde."
Sie schüttelte den Kopf. „Wie bereitet man sich auf eine solche Naturgewalt vor?
Ich hätte dir doch nicht geglaubt." Buffy gähnte herzhaft und zuckte verlegen
mit den Schultern. „Die Nacht war zu kurz", sagte sie leise und dachte an den
vergangenen Abend und die Stunden, die darauf folgten. War nun schon wieder
vorbei, was noch gar richtig angefangen hatte? Doch William wischte ihre Zweifel
rasch weg. Er nahm ihre Hand und zog sie daran näher heran.
„Vielleicht solltest du dich hier ein wenig auf das Sofa legen. Ich bring dir auch einen Kaffee und Toast, wenn du möchtest", meinte er und hielt sie in seiner Umarmung. „Ich würde mich ja zu gerne dazulegen", hauchte er und küsste sie. „Aber ich hab leider zu viel zu tun." Mit dem Kopf deutete er auf seinen Laptop. „Ich muss alle Details an meine Kollegen weitergeben und im Moment herrscht noch ein wildes Durcheinander."
„Wie viele Kollegen sind denn hier?", fragte sie und lehnte sich gegen ihn. „Außer deinem Chef natürlich?"
„Das ganze Team", erzählte er leise. „Das sind mit meinen Boss fünf Leute. Dazu noch ein paar andere Einsatzkräfte. Alles in allem acht Leute."
„Acht?", rief sie erstaunt und machte sich von ihm los. „Acht Agenten? Wie zum Teufel rechtfertigt ihr ein solches Aufgebot?" Sie hatte an zwei Personen gedacht, plus Anthony Hopkins natürlich. Ungläubig starrte sie ihn an.
„Wir sind einem mehrfachen Mörder auf der Spur", sagte er schuldbewusst, denn er hatte ihr die letzten Neuigkeiten verschwiegen. Er wusste schon seit ein paar Tagen, dass Tom Livingston noch mehr Leichen im Keller hatte, wie man so schön sagte. Andrew, sein Freund und Kollege, der nun auch irgendwo in der Nähe war, hatte weitere Frauen gefunden, die auf seltsame Art und Weise ums Leben gekommen waren, nachdem sie mit Tom Livingston zusammengetroffen waren. Sein Boss hatte bereits gestern entschieden, dass dies einer genaueren Untersuchung bedurfte und hatte deren Exhumierung beantragt. „Obwohl ich ihn nur für den Auftraggeber halte. Die Morde selbst wird David Barett für ihn begangen haben." Er zuckte mit den Schultern. „Das ist der Mann, der deinen Leihwagen sabotiert hat."
„Du kennst seinen Namen?", geschockt ging Buffy einige Schritte zurück. „Du weißt es und hast es mir nicht … was hast du mir noch alles verschwiegen?" Bitterböse funkelte sie ihn an. „Damit hatte ich nicht gerechnet", sagte sie enttäuscht und ließ ihn stehen. Sie wandte sich ab und ging in die Küche, wo sie sich eine Tasse nahm und Kaffee hineinlaufen ließ. „Ich hatte gedacht, wir würden zusammen in dieser „Sache" stecken und hatte nicht damit gerechnet, dass du Geheimnisse vor mir hast."
William folgte ihr, machte aber nicht den Fehler, ihr zu nahe zu kommen. „Ich
wollte dich damit nicht belasten", sagte er vorsichtig. „Vielleicht war es ein
Fehler, aber du warst… auch so schon…. Buffy, du warst so voller Angst und was
hätte es dir gebracht, von all den anderen vermutlichen Opfern zu hören? Hätte
es dir geholfen, den Namen seines Komplizen zu wissen? Ich habe es dir nicht
verschwiegen, weil ich dir nicht vertraut habe. Sondern ich habe geschwiegen, um
dich zu schützen."
„Hah!", knurrte sie biestig, doch dann warf sie die Hände in die Luft.
„Vermutlich hätte es mich noch nervöser gemacht. Damit hast du Recht. Aber
ich…." Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich an den Tresen. „Wie habt ihr ihn
herausgefunden? Also den Namen seines Freundes?" Sie war noch immer böse,
enttäuscht, doch sie hatte seinen Gründen für sein Schweigen nichts
entgegenzusetzen.
„Andrew hat sich tief in alle Akten eingegraben, die er über Tom Livingston
ausfindig machen konnte", erklärte William leise. „Sie waren zusammen auf dem
College und obwohl David Barett ein Loser ist, hat er eine Menge Kohle, die er
nur zu gerne verschleudert. Genau das hat Andrew stutzig gemacht, denn Barett
stammt nicht aus einer begüterten Familie und scheint auch keinem regelmäßigen
Job nachzugehen, der eine solche Geldmenge rechtfertigt. Er hat ein paar große
Überweisungen von Livingstons Privatkonto aufgestöbert und hat mir deswegen ein
Foto von Barett gemailt."
„Und du glaubst, dass er von Livingston dafür bezahlt wurde, die ihm lästig gewordenen Frauen aus dem Weg zu räumen." Ihre Stimme war eisig und genauso fühlte sie sich auch. Ihr war kalt und Schauer liefen über ihren Rücken. „Das würde bedeuten… würde bedeuten, dass ich noch bedeutend mehr Glück hatte, als wir gedacht haben." Sie sah William an und konnte die Angst nicht verbergen. „Warum hat er… warum hat er sich bei mir solche Mühe gegeben? Auf kranke Art und Weise, aber er… hätte mich auch einfach töten lassen können. Schon vor Monaten!"
„Wie es aussieht, haben alle anderen Frauen nichts gegen eine Beziehung zu ihm gehabt", antwortete William und musste den Drang unterdrücken, sie in die Arme zu ziehen. Doch das wäre die falsche Zeit gewesen und so blieb er sicherheitshalber an Ort und Stelle stehen. „Andrew hat auch das Mädchen gefunden, das damals in High School Zeiten Anklage gegen ihn erhoben hatte. Wie sich herausgestellt hat, hat sie sich freiwillig… hingegeben, war dann aber enttäuscht, weil es für ihn nur ein One Night Stand war. Und deswegen hat sie die Vergewaltigung erfunden. Ihre Familie ist damals nicht verschwunden, weil sie Geld von Livingstons Vater erhielten, sondern weil ihnen klargemacht wurde, was sie erwartete, wenn sie in der Stadt blieben. Sie sind aus Angst sang- und klanglos verschwunden."
„Und trotzdem… ich kann es einfach nicht fassen", sagte Buffy entsetzt. „Er muss total verrückt sein. Er muss…"
„Er ist ein durchgeknallter Irrer, dem dringend das Handwerk gelegt werden muss", sagte William und entschied, dass er sich ihr nun gefahrlos nähern konnte. „Buffy", raunte er, als er sie in die Arme zog. „Das alles ist nicht deine Schuld. Fang nicht an, sie dir zu geben. Du hast ihn besiegt… schon dadurch, dass du seinem kranken Werben nicht nachgegeben hast."
„Mag sein", seufzte sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Aber ich
kann immer noch nicht fassen, dass ihm bisher keiner auf die Schliche gekommen
ist. So viele tote Frauen in seiner Umgebung… das hätte doch jemandem auffallen
müssen."
„David Barett ist ein Loser. Aber scheinbar hat er das Talent, Morde wie
Selbstmorde aussehen zu lassen", sagte William und strich ihr über das seidig
weiche Haar. „Das ist auch der Grund, warum die beiden immer noch Kontakt haben.
Sie sind abhängig voneinander. Der eine braucht das Geld, der andere den
Killer."
*~*~*
Ihr Magen knurrte, doch vor dem abendlichen Besuch im Restaurant blieb Buffy vor der Tür stehen und löste sich von Williams Hand. „Ich weiß nicht… wie ich es sagen soll, aber… du möchtest vielleicht nicht… ich meine…"
William schüttelte verwirrt den Kopf. „Buffy? Was ist denn los? Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst."
„Deine Arbeitskollegen sind hier", sagte sie entschieden. „Und möglicherweise möchtest du nicht, dass sie… vielleicht den falschen Eindruck haben." Zuviel Zeit zum Nachdenken war nicht gut und sie hatte den ganzen Tag über genügend davon gehabt. William war dauerbeschäftigt gewesen. Er hatte entweder am Laptop gesessen, oder aber er hatte sein Telefon am Ohr gehabt. Buffy hatte nicht nur mitbekommen, wie effektiv seine Kollegen waren und ihr war vage bewusst, was sie planten, auch wenn er es nicht explizit erklärt hatte. Doch sie hatte eben auch genügend Zeit gehabt, darüber nachzugrübeln, wie ernst diese Geschichte zwischen ihr und William wirklich war.
William lachte und nahm wieder ihre Hand. „Buffy, du hast meinen Boss doch kennengelernt… glaubst du ernsthaft, er hätte nicht längst gesehen, was ich für dich empfinde?" Dann wurde sein Gesicht ernst. „Das ist gar nicht das Problem", stellte er fest. „Du weißt nicht, was ich empfinde." Er zog sie nah an sich heran und küsste ihre Nasenspitze. „Manchmal kann ich ein echter Idiot sein. Und selbst dieses ganze Durcheinander kann diesen Fehler nicht verzeihen. Es tut mir leid." Er zog sie noch näher an sich und legte seine Arme um sie. „Du hast mir den Kopf schon verdreht, als ich noch hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken im Schnee lag und nicht wieder aufstehen konnte. Ein Blick in deine wunderschönen Augen und ich war hoffnungslos verloren. Und glaub mir, ich hab versucht, es nicht zuzulassen, professionell zu bleiben. Es war sinnlos." Er küsste sie, sanft und zärtlich. „Und denk ja nicht, dass ich dich jemals wieder gehen lasse!"
„Dann… willst du also…"
„Nun", sagte er und schmunzelte. „Es gibt wohl keinen schnelleren Weg, um all
meinen Kollegen zu zeigen, dass du zu mir gehörst und es sich keiner wagen soll,
auch nur ein Auge auf dich zu werfen." Damit öffnete er die Einganstür des
Restaurants und führte sie galant hinein.
*~*~*
Buffy fühlte sich warm, sicher und geborgen. Und das, obwohl sie in einem überfüllten, lauten Restaurant saß, und sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie viele von Williams Kollegen zugegen waren. Nicht einmal Tom Livingston und sein mörderischer Freund, die wie immer an der Bar einen Platz gefunden hatten, konnten ihre Empfindungen trügen. William hatte ihr deutlich gezeigt, was er dachte und fühlte und mehr brauchte sie an diesem Abend nicht.
Doch dann hatte Anthony Hopkins seinen großen Auftritt und es schien, als habe eine unsichtbare Kapelle einen Tusch gespielt, denn die Gäste richteten alle sofort ihr Augenmerk auf ihn. Vielleicht nicht unbedingt nur auf ihn, sondern auch auf die Frau an seinem Arm, die er hoch erhobenen Hauptes durch das Lokal führte. Sie war überirdisch schön, mit einer Haut wie Ebenholz und einer natürlichen Grazie, die jede Elfe neidisch gemacht hätte. Lange, seidigglatte Haare fielen ihr bis auf den Rücken und sie war fast ebenso groß wie er.
„Ach du meine Güte", entfuhr es Buffy beeindruckt und William wandte sich schnell und unauffällig um.
„Jaaa, diesen Eindruck hinterlässt Eve immer", schmunzelte er. „Sie hätte
Modell werden können und damit eine Menge Geld scheffeln können. Aber wir sind
froh, dass sie sich entschieden hat, Computerspezialistin zu werden. Es gibt
keinen Server, in den sie sich nicht einhacken könnte und auch keinen Code, den
sie nicht knackt. Sie ist großartig und sie hat ein unglaubliches Wissen."
„Großartig ist wohl das richtige Wort", murmelte Elisabeth fasziniert und es
wunderte sie kein Stück, dass der Kellner das Paar sofort an einen freien Tisch
führte, obwohl andere Paare schon länger warteten. Sie beugte sich zu William
vor. „Und jetzt sag mir noch einmal, dass dein Boss sich gut verbergen und
verstecken kann. Er fällt auf wie ein bunter Hund. Vor allem mit einer so
schönen Frau an der Seite."
„Und genau das ist die perfekte Tarnung", lächelte William und zwinkerte ihr zu.
„Sie fallen so sehr auf, dass kein Mensch auch nur auf den Gedanken käme, sie
würden etwas oder jemanden ausspionieren."
Für einen Moment überdachte Buffy seine Aussage, dann gab sie ihm im Stillen
Recht. „Hat er… hat er sich eine Hütte gemietet? Oder wo sind deine Kollegen
alle untergebracht? Sie können ja wohl kaum in ihren Autos übernachten."
„Mein Boss hat eine der Luxushütten gebucht", grinste William. „Deswegen beeilt
sich der Kellner auch so sehr. Er hofft wohl auf ein großzügiges Trinkgeld. Und
die übrigen Kollegen verteilen sich auf zwei weitere Blockhäuser, die allerdings
den gleichen Standard haben wie unsere."
„Luxushütten? Es gibt hier Luxushütten? Schon der Name ist ein Widerspruch in
sich", meinte Buffy überrascht und auch nachdenklich. Konnte eine Blockhütte
luxuriös sein? Die Hütte, die sie über das Internet gebucht hatte, war genauso,
wie sie sich solche Häuser immer vorgestellt hatte. Warm, gemütlich und auch
urig.
„Ich hab Bilder davon gesehen", raunte William ihr zu. „Sie haben die gleiche Breite wie die normalen, sind aber bis zu zwanzig Meter länger. Die Erbauer hier haben sich wohl einiges dabei gedacht, denn von Außen sieht man keinen Unterschied. Aber das Inneninterieur unterscheidet sich gewaltig von den Allerweltsblockhütten. Sie sind mit Whirlpools und Saunen ausgestattet, haben zwei oder drei Schlafzimmer mehr und das Mobiliar ist vom Feinsten."
„Vielleicht sollten wir fragen, ob noch eine von den Hütten frei ist und umziehen", lächelte Buffy William kokett über den Tisch hinweg an. „Gegen einen Whirlpool hätte ich nichts auszusetzen. Doch eine Erwiderung musste William hinunterschlucken. Die Bedienung brachte den Apfelkuchen und unterbrach somit jeden Gedankengang.
Teil 15
Die Zeit verging wie im Flug und Buffy musste sich eingestehen, dass sie den großen Überblick über das, was gerade im Resort vor sich ging, verloren hatte. Sie war auch nur noch ein kleines Rädchen im Getriebe, was sie jedoch nicht sonderlich störte. Ganz im Gegenteil, dadurch fühlte sie sich nahezu befreit und es tat gut, einmal die Verantwortung abzugeben. Zudem hatte sie nun genügend Ruhe und Muße und eine Menge Zeit, um sich über ihr künftiges Leben Gedanken zu machen. Doch genau damit tat sie sich schwer. Auch wenn sie so gut wie sicher war, dass William es ernst mit ihr meinte, war sie sich nicht sicher, ob sie ihn in ihre Pläne einbeziehen sollte. Es war einfach viel zu viel passiert in den letzten Monaten und sie vertraute ihren Gefühlen nicht mehr. Zudem musste sie das Ende dieser Sache abwarten, um endlich vollkommen damit abzuschließen.
Der „Fall", wie er gemeinhin genannt wurde, hatte sich ausgedehnt und verlangte eine Menge Zeit, doch da sie noch immer nicht alleine die Blockhütte verlassen wollte, war sie verständlicherweise fast durchgehend in Williams Nähe. Auch wenn sie sich größtenteils selbst beschäftigen musste, denn William war fest in das Geschehen eingespannt. Ein kleiner Knopf steckte in seinem Ohr und er unterhielt sich pausenlos mit seinen Kollegen. Jetzt gerade lächelte er, wie sie von ihrem Platz auf dem Sofa sehen konnte. Und dieses Lächeln wurde immer breiter und es dauerte nicht lange, bis sein Blick ihren traf. „Ja, Sir. Ich habe verstanden. Selbstverständlich!"
„Oha", murmelte sie und legte ihr Buch beiseite. „Dein Gesicht… du lächelst
zwar, aber ganz geheuer ist mir dieser Ausdruck nicht. Was ist denn?"
„Ich habe gerade einen Auftrag bekommen. Von ganz oben… sozusagen", sagte er und blieb vor ihr stehen. „Genauer gesagt habe ich gerade einen fürchterlichen Anranzer bekommen." Er nahm ihre Hände, zog sie auf die Füße und lächelte unentwegt. „Man hat mir gerade mehr als deutlich gesagt, dass ein frisch verliebter junger Mann sich mehr um die Dame seines Herzens kümmern sollte. Hopkins meint, wir wären zu lange in unserer Hütte und würden uns zu wenig draußen sehen lassen. Und wie eigentlich immer hat er vollkommen Recht."
„Das mag ja sein", erwiderte Buffy, noch immer etwas nervös wegen seines undurchschaubaren Lächelns. „Und wie genau sollen wir das ändern."
„Nun", sagte William gedehnt und zog sie dabei an sich heran. „Zum einen, und damit liegt er goldrichtig, soll ich dich gefälligst mehr ausführen und verwöhnen…"
Buffy entwand sich seiner Umarmung und ging rasch ein paar Schritte zurück. „Ich glaube, den anderen Grund möchte ich gar nicht erst erfahren. Ich weiß schon, um was es geht. Ich soll Tom Livingston aus der Reserve locken." Doch das war nicht, was sie störte. Irgendwelche Aufträge zu bekommen, die ihre noch wackelige Beziehung beinhalteten, waren nicht nach ihrem Geschmack.
Williams Gesicht wurde ernst, denn er hatte sofort erfasst, dass sich ihre
Laune binnen weniger Sekunden bedeutend verschlechtert hatte. „Du bist sauer",
stellte er fest und legte den Kopf auf die Seite. „Warum?"
Den Kopf schüttelnd wandte sie sich ab. Was sollte sie ihm sagen? Dass sie sich
durch solche Aktionen fast wie eine tatsächliche Schauspielerin fühlte? Dass sie
sich benutzt und ausgebeutet fühlte? Immerhin hatte sie der Scharade am ersten
Tag ihres noch unfreiwilligen Zusammenseins zugestimmt. Doch sie brauchte nicht
weiter nach Worten suchen. William war schneller und wie eigentlich immer traf
er den Nagel auf den Kopf.
„Du ärgerst dich darüber, dass es erst einen Anranzer meines Chefs braucht,
um mich auf solche Ideen zu bringen", sagte er und setzte sich auf die Couch.
„Du hast allen Grund, dich darüber aufzuregen, denn du hast vollkommen Recht."
Er sah sie an und zuckte mit den Schultern. „Ich müsste mich schon wieder
entschuldigen und so langsam häuft es sich. Ich könnte verstehen, wenn du… die
Nase davon voll hättest. Aber du musst mir glauben, dass es mir extrem schwer
fällt. Eine Seite von mir möchte nichts weiter als Sarahs Mörder zu schnappen.
Der andere Teil von mir möchte pausenlos mit dir zusammen sein…."
Nun war es Buffy, die lächelte. „Du glaubst gar nicht, wie unheimlich gut es
tut, dich so zu sehen."
Etwas verwirrt und wohl auch beunruhigt sah er sie fragend an. „Ich verstehe nicht so ganz, worauf du hinaus willst, Liebes", sagte er vorsichtig und mit gerunzelter Stirn.
„Keine Sorge", meinte sie und ging auf ihn zu. „Ich bin jetzt nicht komplett
durchgedreht und ich will dir auch nichts Böses." Sie setzte sich auf seine
Oberschenkel und schlang die Arme um ihn. „Es tut nur gut, dich einmal nicht
selbstsicher zu sehen. Ich habe immer das Gefühl, dass nur ich nicht weiß, wie
es weitergehen soll."
„Ich weiß sehr genau, wie es weitergehen soll", sagte William und zog sie näher
an sich. „Ich möchte lieber heute als morgen die beiden Spinner einbuchten, und
zusehen, wie ihnen das Grinsen im Gesicht gefriert. Und dann…", sagte er und
küsste ihren Hals, „und dann… wäre ein ausgedehnter Urlaub gut. Ich stelle mir
das auch schon sehr bildhaft vor. Wir beide, am Strand… wo es schön warm ist…
Palmen… sanfter Wind, der das Meer aufschäumt…"
„Wow", nickte Buffy und kicherte. „Das klingt wirklich gut. Aber ich muss dir
sagen, ich würde viel lieber hier bleiben."
„Hier?", fragte er und sah sie an. „Hier? Nach all dem…"
„Ja, nach all dem. Allerdings muss ich zugeben, dass ich dann gerne in eine
dieser exquisiten Hütten wechseln würde. Der Whirlpool beschäftigt mich nämlich
immer noch." Sie lächelte verlegen und versteckte sich an seinem Hals. „Ich mag
es kalt. Vor allem, weil es dann hinterher am Kamin so herrlich gemütlich ist."
„Die Vorstellung klingt auch nicht schlecht", murmelte er heiser und räusperte sich rasch. „Vielleicht sollten wir es gleich heute ausprobieren. Doch dazu müssen wir uns erst nach draußen in die Kälte wagen, furchtbar frieren und uns auf das freuen, was danach kommt. Hopkins meint eh, wir sollten uns mehr zeigen. Vielleicht sogar ein paar Freundschaften schließen. Seiner Meinung nach könnte Livingston sonst glauben, er hätte gewonnen und das wäre zu früh. Er darf sich noch nicht siegessicher sein, denn sonst könnte es passieren, dass er abreist und alles Barett überlässt. Und noch sind wir nicht so weit, dass wir ihn mit hieb- und stichfesten Beweisen festnageln können."
„Und was schlägt dein Chef vor?" Wieder einmal spürte sie einen inneren Widerstand, doch sie versuchte tapfer ihn zu überspielen.
„Gar nichts", sagte William schnell. „Das überläßt er ganz uns. Aber ich muss
gestehen, ich hätte da schon eine Idee. Ich hab gestern im Restaurant zufällig
ein Prospekt darüber gesehen und fand es unglaublich interessant." Sanft zog er
sie aus seinem Versteck und lächelte wieder kess. „Nur bin ich nicht ganz
sicher, wie du die Idee findest."
„Dir ist schon klar, dass gerade wieder Panik in mir aufsteigt?", fragte sie und
verzog das Gesicht. „Du weißt, ich kann weder Snowboarden noch Skifahren und
sollte dir in den Sinn kommen, mich für einen dieser Anfängerkurse anzumelden…
dann schwöre ich bitterböse Rache! Schon das Motorschlittenfahren war für mich
eine unglaubliche Herausforderung. Ich tue mich nun mal schwer mit so was."
„So was würde ich dir niemals antun", sagte er und schmunzelte. „Jedenfalls
noch nicht." Er lachte und küsste sie schnell. „Aber wer weiß, wie mutig du noch
wirst, wenn wir länger bleiben. In dir steckt nämlich eine immense Kraft, nur
hast du sie leider noch nicht entdeckt." Er erinnerte sich an das eine Mal, als
sie ihn mit gezielten Schlägen und Tritten zu Fall gebracht hatte. „Oder sagen
wir es anders. Bisher kommt sie nur aus der Versenkung, wenn die Wut in dir
aufsteigt. Und nein, ich möchte dich nicht ständig an deine Grenzen bringen oder
dich zu etwas zwingen. Ich möchte nur, dass du aus deinem Schneckenhaus kommst.
Es gibt nämlich keinen Grund, noch länger den Kopf einzuziehen. Sogar mein Boss
hält dich für extrem mutig und tapfer. Und er hat Recht!"
Einen Augenblick verstummte Buffy, dann schüttelte sie den Kopf. Das waren eine
Menge Informationen, über die sie später nachdenken würde. William hatte einen
wunden Punkt getroffen und noch wusste sie nicht, was sie davon halten sollte.
„Du hast mir gerade eine Menge gesagt", meinte sie deswegen schnell. „Aber
nicht, was du machen möchtest."
„Schlittenfahren", sagte er und seine Augen blitzten vor Freude auf.
„Schlittenfahren?", wiederholte Buffy. „Das ist jetzt nicht dein Ernst", meinte sie, doch William nickte. „Das ist wirklich alles? Schlitten fahren? Na gut. Das kann ja nicht so schlimm werden."
„Klasse", sagte William, umschlang sie und stand mit ihr im Arm auf. „Ich gebe nur schell weiter, wohin wir verschwinden, dann können wir gehen." Er stellte sie auf die Füße, küsste sie stürmisch und eilte auf seinen Laptop zu.
Einigermaßen verwirrt sah sie ihm hinterher und fragte sich, ob er nicht vielleicht doch mehr über dieses Schlittenfahren wusste wie sie. Das letzte Mal hatte sie als kleines Mädchen auf einem Rodel gesessen und sie musste gestehen, es war schon damals furchtbar langweilig gewesen. Was bestimmt daran gelegen hatte, dass der Hügel kaum der Rede wert gewesen war und der Schlitten kaum in Fahrt war, wenn sie bereits wieder bremsen musste. Das konnte doch nicht das sein, was er plante. Hatte sie ihn wirklich richtig verstanden? Buffy seufzte. Sie hatte schon zugesagt und zurückrudern wollte sie nicht, denn er hatte Recht. Vor allem Neuen versteckte sie sich und das musste unbedingt aufhören.
*~*~*
Eine halbe Stunde später standen Buffy und William mitten im Tiefschnee und sahen mit großen Augen den Abhang hinab. William konnte seine Vorfreude kaum verbergen, Buffy ihre Fassungslosigkeit. Das also verstand er unter Schlitten fahren! Eine mit Bändern und Fähnchen abgesteckte, endlos lange und steile Strecke tat sich vor ihr auf, deren Ende nicht zu sehen war. Allerdings sah sie die furchtbar abschüssigen Abhänge, die nicht gerade vertrauenerweckend aussahen.
„Komm", sagte William, packte ihre Hand und zog sie auf die Menschenmenge zu,
die sich am Eingang der Piste tummelte. „Das macht bestimmt irren Spaß."
Doch genau da war Buffy sich nicht so sicher. Es gab zwei Stapel Schlitten. Die
einfachen aus Holz, die sie noch von früher kannte und auf denen bequem zwei
Personen platz fanden, und sportlich und gefährlich aussehende gelb-schwarz
gestreifte, die, wie sie aus einer Unterhaltung ihrer wartenden Nachbarn
entnahm, Snow-Speed Schlitten genannt wurden.
Die Schlange vor dem Einlass wurde viel zu schnell kleiner und Buffy kämpfte mit sich selbst. Schreiend weglaufen war nicht wirklich eine Option und doch war es etwas, das ihr nicht aus dem Kopf heraus wollte. Dann fiel ihr wieder ein, was William gesagt hatte. Sie steckte wieder einmal den Kopf zurück in ihr Schneckenhaus und eigentlich gab es überhaupt keinen Grund dafür. Unzählige Menschen standen mit lachenden Gesichtern vor dem Einlass und die Vorfreude war beinahe greifbar. Sie sah zu William hinauf, der wieder einmal ihre Gedanken zu lesen schien.
„Wir nehmen den Holzschlitten", sagte er und nickte ihr aufmunternd zu. Dann waren sie auch schon an der Reihe und er bugsierte sie sanft durch den abgesteckten Eingang.
Ein dick eingemummter Angestellter eilte auf sie zu, gab ein paar kurze Worte der Einführung von sich und fragte auch sogleich, für welche Art von Schlitten sie sich entschieden hätten. „Wir nehmen die Gelben", sagte Buffy und kam William somit zuvor.
„Bist du dir sicher?", fragte er.
„Nein", lachte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. „Aber da alle anderen es scheinbar überleben, soll ich es wohl auch." Sie nahm den Snow-Speed Schlitten entgegen und ging dann mit William zusammen zu dem nächsten Angestellten, der am Rand der Abfahrt stand und wieder Instruktionen herunterleierte. Furchtbar nervös vergass sie prompt jedes Wort von ihm sofort wieder und wiederholte nur die
Bewegungen, die William machte. Sie stellte den Schlitten auf die Kufen, setzte sich darauf und noch bevor sie sich versah, setzte sich der Schlitten in Bewegung.
Die Abhänge waren genauso abscheulich steil wie erwartet und sie hatte alle Mühe, das schnelle Gefährt einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Wo William abgeblieben war, vermochte sie ebenfalls nicht zu sagen, denn sie hatte nach nur wenigen Metern eine Art Tunnelblick entwickelt. Sie sah nur noch die Strecke vor sich und versuchte ein wenig die Geschwindigkeit zu drosseln. Alles andere um sie herum verschwamm und war schlicht nicht mehr vorhanden.
William war kaum durch das Ziel gerast, da stemmte er auch schon mit Macht die Beine in den Tiefschnee und bremste so abrupt, dass der Angestellte, der gewöhnlich nur die Schlitten in Empfang nahm und stapelte, erschreckt hochfuhr und seinen Platz verließ. Doch er bremste ihn mit einer Handbewegung aus und drehte sich dann um und starrte die Piste hinauf. Warten musste er nicht lange. Weniger Sekunden später raste Buffy durch das Ziel, bremste auf ähnlich markante Weise und sprang ab. Doch sie machte kein entsetztes Gesicht und wirkte auch nicht verängstigt. Ganz im Gegenteil. Sie strahlte, lief ihm entgegen und fiel lachend in seine Arme.
„Das machen wir noch mal. Komm!", rief sie, packte seine Hand und schleifte ihn hinter sich her zum Skilift.
*~*~*
Den Rest des Vormittags verbrachten sie damit, die Abfahrt wieder und wieder mit dem Speed-Schlitten hinabzujagen und erst, als Buffy William geschlagen hatte, ließ sie sich dazu überreden, einen Glühwein zu trinken, der am Rande der Piste angeboten wurde.
„Du bist wirklich unglaublich", sagte William und schüttelte lachend den
Kopf. Sie stand mit geröteten Wangen vor ihm und hauchte auf ihren Glühwein.
„Ich könnte schwören, dass es mit dir nie langweilig wird und du mich wieder und
wieder mit vollkommen unglaublichen Sachen aus den Latschen hauen wirst."
„Ich fürchte, damit hast du Recht", lachte sie. „Und glaub mir, du wirst dich
nicht immer darüber freuen."
„Warten wir es ab", lächelte er unergründlich. „Warten wir es ab."
Teil 16
Gerade im Begriff, sich für das Restaurant fertig zu machen, klopfte es an der Tür und Buffy fuhr herum. Mit William an ihrer Seite fühlte sie sich eigentlich sicher, doch sie hatte nicht vergessen, dass Tom Livingston einen Schlüssel für diese Blockhütte hatte. Da konnte der schwere Riegel vor der Tür auch nicht helfen. Es klopfte wieder und sie postierte sich hinter dem Sofa. William warf ihr einen Blick zu, zuckte mit den Schultern und ging dann, um sie zu öffnen.
„Hey", sagte eine in eine dicke Winterjacke eingepackte Person und schob sich blitzschnell ins Innere. Rasend schnell verschloss er die Tür hinter sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Endlich hab ich Gelegenheit, dich zu besuchen." Eine Buffy unbekannte männliche Person riss sich die schneebedeckte Mütze vom Kopf und grinste William an. „Ich wollte doch mal gucken, was du so machst in deinem Urlaub." Dann fiel sein Blick auf Buffy und er hob die Hand. „Hi", sagte er und stolperte prompt über seinen langen Schal, der lose bis hinunter zu seinen Beinen baumelte.
William unterdrückte ein Lachen, das mit Macht aus seiner Kehle dringen wollte und verschluckte sich fast dabei. Dann schüttelte er den Kopf, grinste Buffy an und zeigte auf den Fremden. „Darf ich vorstellen… Andrew Sullivan. Mein Arbeitskollege und zugleich bester Freund."
„Sehr erfreut", murmelte Andrew, streckte ihr die Hand entgegen und ließ dabei seine Mütze fallen. Er zog die Hand zurück, die Buffy gerade schütteln wollte, bückte sich, um die Mütze aufzuheben, bemerkte seinen Fauxpas und hielt ihr wieder die Hand hin.
Etwas verwirrt zog Buffy sich nach dieser seltsamen Begrüßung zurück und setzte sich schnell an den Küchentresen. William, der ihren Blick auffing, konnte deutlich lesen, was sie dachte. Solche Trottel dürfen beim FBI arbeiten? Er nahm sich vor, sie später über das große Manko seines Freundes aufzuklären und nahm ihm die Jacke ab, die bereits zwei Mal auf dem Boden gelandet war.
„Was führt dich hierher?", fragte er und deutete Andrew an, sich auf das Sofa
zu setzen. „Außer deiner Neugierde, die dir sicherlich seit meinem ersten Anruf
unter den Fingernägeln brennt."
Andrew warf Buffy einen hastigen Blick zu und schaute William dann böse an.
„Musst du… musst du gleich so deutlich werden und mit der Tür ins Haus fallen?"
Wieder warf er einen Blick zu Buffy, lächelte verlegen und zuckte mit den
Schultern. „Du bist mein bester Kumpel", meinte er an William gewandt. „Da wird
man doch mal schauen dürfen, was du so machst und wie es dir geht. Immerhin
haben wir uns seit einer Woche nicht mehr gesehen." Er stockte. „Oh Mann, jetzt
klinge ich auch noch wie eine klammernde Ehefrau."
William lachte und warf sich auf einen der Sessel. „Wir quatschen fast den
ganzen Tag miteinander. Entweder per Telefon oder per Chat. Da musst du dir
schon eine bessere Ausrede einfallen lassen." Er zog die Brauen hoch. „Und? Hat
Hopkins übertrieben oder untertrieben?"
„Absolut untertrieben", erwiderte Andrew unbehaglich und sah wieder zu Buffy,
die mit gerunzelter Stirn das Gespräch verfolgte. „Aber so was von
untertrieben."
„Dann solltest du lieber still sitzen bleiben und ja nichts anfassen", lachte William, und war so offensichtlich belustigt, dass Buffy nicht wusste, was sie davon zu halten hatte. Dieser Andrew war merkwürdig, doch nicht weniger merkwürdig war Williams Reaktion auf ihn. Hatte sie etwa etwas Wichtiges verpasst? Und warum war William kurz davor, sich vor Lachen auf dem Boden zu wälzen, wenn Andrew sein bester Freund war?
„Ha, ha", grummelte Andrew nun beleidigt und verzog das Gesicht. Dann seufzte er. „Vielleicht hilft der Gedanke, dass ich mich gar nicht sonderlich anstrengen muss, denn ich bin eh zu spät dran. Wie immer! Gott! Warum haben andere immer Glück und warum bin ich… Ach, verflucht", brummte er, erinnerte sich daran, dass noch jemand anders außer seinem Freund im Zimmer war und verstummte komplett.
William sah zu Buffy, die ihn fragend ansah, und deutete ihr an, sich zu ihm zu setzen. „Ich sollte dich lieber gleich aufklären, bevor es noch schlimmer wird." Andrew murmelte leise und unmutig vor sich hin, doch sie war längst neugierig geworden und kam langsam näher. Sie setzte sich auf die Lehne des Sessels und ließ sich bereitwillig von Spike zurück auf seinen Schoß ziehen.
„Ich muss dir unbedingt von meinem Kumpel erzählen", lächelte William und
achtete gar nicht auf die stummen Warnungen und flehentlichen Blicke seines
Freundes. „Er ist ein absolut genialer Techniker und Ermittler. Auch wenn es auf
den ersten Blick nicht so erscheint. Zudem ist er der beste Freund, den man sich
wünschen kann. Er hat nur ein kleines Problem. In Gesellschaft von schönen
Frauen wird er immer unsicher und verwandelt sich in einen Tollpatsch."
„Musste das sein?", knurrte Andrew. „Es ist schlimm genug, dass mir ständig
dumme Sachen geschehen. Du musst nicht ausdrücklich darauf hinweisen und… es
Miss Summers so ausführlich erklären." Er warf die Hände in die Luft, erwischte
mit den Fingern ein Kissen und warf es William versehentlich an den Kopf. „Gott,
verdammt", murmelte er und versteckte sein Gesicht in seinen Händen. „Ich sollte
wirklich den Beruf wechseln. Vielleicht sollte ich mich als Komiker bewerben."
Doch Buffy lächelte nicht wegen des Versehens, sondern weil sie sich geehrt fühlte. Schöne Frauen… so etwas hörte man doch immer gerne und sie nickte ihrem neuen Bekannten wohlwollend zu. Doch dann fiel ihr ein, dass noch immer eine Frage unbeantwortet war und sie wandte sich William zu. „Und womit hat Hopkins nun untertrieben?", fragte sie William, der das Kissen nahm und zurück auf das Sofa warf.
„Oh bitte, nicht das auch noch", seufzte Andrew und sah seinen Freund bittend
an. „Muss das denn wirklich sein?", fragte er und sackte ein Stück in sich
zusammen. „Was soll… sie denn von mir denken."
„Sie… ist anwesend, Andrew", sagte William mit einem Lächeln auf den
Lippen. „Und sie muss es wissen. Immerhin bist du mein bester Freund, wir
verbringen eine Menge Zeit miteinander. Freizeit wie Arbeit. Und wenn…", er sah
zu Buffy und sein Blick veränderte sich und wurde nachdenklich, „… ich es
schaffen will, dass sie mich nach dieser Sache … nach Washington begleitet, dann
muss sie auch über dich genauestens Bescheid wissen." Die unausgesprochene Frage
hing einen Moment in der Luft, dann zog er sie noch näher an sich heran und
legte die Arme um sie. „Hopkins wird Andrew erzählt haben, wie hübsch du bist.
Das war mit über- und untertrieben gemeint."
„Oh", murmelte Buffy und nun war sie es, die sich verlegen fühlte. Rasch sah sie zu Andrew, der sich seinem Schicksal ergeben hatte und schwer seufzend den Reißverschluss seiner Jacke öffnete.
„Er hat extrem untertrieben", versicherte er murmelnd, sah Buffy an und zuckte mit den Schultern. „Wenn es anders wäre, würde ich mich nicht wie ein Trottel aufführen. Da können Sie sich ganz sicher sein, Miss."
Einen Moment sprach niemand ein Wort und William durchbrach die Stille
schließlich. „Wie läuft es?", fragte er schnell, um das Gespräch in andere
Bahnen zu lenken. „Hast du schon irgendwelche Neuigkeiten erfahren? Ich weiß, es
ist noch nicht wirklich viel Zeit vergangen, aber möglicherweise sind schon
irgendwelche Nachrichten eingetrudelt."
Andrew warf einen schnellen Blick auf Buffy und es war ihm anzusehen, dass er
darüber nachdachte, wie offen er vor ihr sprechen konnte. „Es gibt noch nicht
viel Neues", meinte er dann. „Die Exhumierungen laufen noch, auch wenn die
ersten… Überreste schon zu den zuständigen Pathologen geschickt wurden. Aber es
ist wirklich zu früh, um auf Ergebnisse zu hoffen." Er langte auf den Tisch,
wollte einige Gummibärchen aus der Schale nehmen und erwischte dabei eine leere
Kaffeetasse, die umfiel und über den Tisch rollte. Mit fahrigen Fingern stellte
er sie wieder hin und setzte sich rasch zurück. Ohne Gummibärchen.
„Das habe ich mir gedacht", brummte William unwirsch. „Es wäre auch zu schön gewesen. Aber was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden und früher oder später kommen die richtigen Ergebnisse. Da bin ich mir ganz sicher." Er küsste Buffy zärtlich den Nacken und wandte sich schnell wieder seinem Freund zu. „Was gibt es sonst noch? Den Nachmittag über muss sich doch irgendwas getan haben."
„Ja, etwas ist schon herausgekommen, beziehungsweise hat sich bewahrheitet."
Er sah William an und seine Miene wurde mitleidig. „Wir haben herausgefunden,
dass…", er stockte einen Moment, betrachtete den Teppich zu seinen Füßen und
verzog das Gesicht, „… deine Schwester wohl wirklich Tom Livingstons erstes
Mordopfer war." Er machte eine Pause, wartete, doch da sein Freund nicht
antwortete, sprach er schnell weiter. „Wir haben Barett überprüft. Er war zu der
Zeit in Vegas und hat sein Geld mit Glücksspiel und leichten Mädchen
durchgebracht. Unzählige Menschen können das bestätigen. Ein Croupier, an dessen
Tisch er hunderttausend Dollar verloren hat und auch ein paar Nutten, die ihn
auf einem Foto erkannt haben."
„Dann hat Tom Livingston also tatsächlich einmal ohne sein Helferlein
gearbeitet", brummte William bitter. „Ich hab es von Anfang an gewusst. Das
Dreckschwein! Und…", er bremste sich selbst und schüttelte den Kopf. „Was sonst
noch?", erkundigte er sich rasch, denn Wut brachte ihn nicht weiter. „Habt ihr
euren Plan zu Ende durchdacht? Wann und wie geht es weiter?"
Froh darüber, endlich gute Neuigkeiten verbreiten zu können, setzte sich Andrew
wieder auf die Kante des Sofas und startete einen zweiten Angriff auf die
Süßigkeiten. Diesmal gelang es ihm ohne Probleme, sich welche zu nehmen,
allerdings landete die Hälfte davon auf dem Fußboden und er seufzte. „Ich sollte
es einfach lassen", murmelte er und hob sie rasch auf. „Aber zum Plan. Die
Wanzen sitzen, die Überwachungsmikrofone auch. Ganz davon abgesehen, dass
Livingston und Barett vierundzwanzig Stunden am Tag unter Überwachung stehen.
Wir haben schon ein paar ganz hübsche Tonaufnahmen dabei. Vor allem von heute."
Wieder warf er Buffy einen Blick zu und sah dann William an. „Barett hat euch
heute beim Schlittenfahren beobachtet und Livingston dazu gerufen, als ihr
seiner Meinung nach zu viel Spaß hattet. Er musste es seinem Kumpel wohl
brühwarm unter die Nase reiben. Offensichtlich stacheln sie sich gerne
gegenseitig an."
„Ich habe Barett gesehen", nickte William. „Livingston allerdings nicht."
„So weit wie ich erfahren habe, warst du auch sehr beschäftigt", sagte Andrew und freute sich, seinem Freund eins auswischen zu können. „Gott, ich wünschte, ich hätte auch Zeit fürs… Schlittenfahren." Er hob den Kopf, warf einen heimlichen Blick auf Buffy und redete schnell weiter. „Nun, wie auch immer. Livingston ist ausgerastet, als er euch beide gesehen hat. Offenbar war er der Meinung, euch beide längst in die Knie gezwungen zu haben. Hopkins hat sich vor Spaß die Hände gerieben und meinte, so müsse es weitergehen. Er will höchstpersönlich sehen, wie der Drecksack noch eins seiner netten Pakete bei euch abstellt." Er sah auf. „Das Paket. Mensch! Das hab ich vergessen. Es ist wohlbehalten im Kriminallabor angekommen. Ergebnisse gibt es noch nicht, gefunden haben sie aber wohl einen halben Fingerabdruck und eine Wimper. Nun bleibt abzuwarten, zu wem beide Beweise gehören."
*~*~*
Das Abendessen im Lokal hatten sie hinter sich gebracht und nun war es an der Zeit, es sich endlich vor dem Kamin gemütlich zu machen. William hatte weder Kosten noch Mühen gescheut. Was bedeutete, dass er eine Flasche Champagner organisiert hatte und in der Zeit, in der Buffy unter der Dusche stand, den Wohnbereich umstellte. Sessel und Sofa landeten an der gegenüberliegenden Wand und vor dem Kamin breitete er eine kuschelige Decke aus. Dann stellte er noch langstielige Gläser, einen Sektkühler und ein Schale Erdbeeren daneben, die er noch rasch im Minimarkt besorgt hatte, und warf eilig ein paar Kissen dazu.
Das Wasser unter der Dusche rauschte noch immer und da war es egal, ob die Kissen gerade oder ordentlich gestapelt dalagen. Er lächelte und eilte in ihr Schlafzimmer. Schon auf dem Weg dahin zog er sich den Pullover vom Kopf. Doch dann überlegte er es sich noch einmal anders. Er ging zurück ins Wohnzimmer, kontrollierte den Riegel vor der Tür und überlegte dann, ob er noch einen Stuhl unter die Klinke klemmen sollte. Gerade jetzt konnte er keine Überraschung oder unangemeldeten Besuch gebrauchen und so eilte er los, einen passenden Stuhl mit hoher Rückenlehne zu holen. Dann überprüfte er noch einmal, ob sein Laptop komplett ausgeschaltet war und auch sein Telefon, denn er wollte diesen Abend ganz ohne seine Kollegen verbringen. Als er sicher war, an alles gedacht zu haben, rannte er fast und eilte ins Badezimmer.
*~*~*
Stunden später hielt er Buffy fest in seinen Armen und starrte gedankenverloren ins Kaminfeuer. Die vergangenen Stunden waren unbeschreiblich gewesen und obwohl er die Situation nicht zerstören wollte, musste er eine Frage stellen, die ihm seit dem Nachmittag auf der Zunge brannte.
Küssend bahnte er sich einen Weg über ihre Schultern bis hinauf zum Hals und hielt dann einen Moment still. „Buffy", flüsterte er leise und spürte fast so etwas wie Angst, die sich in ihm aufbäumte. Schon lange hatte er keine so starken Gefühle mehr für eine Frau entwickelt und es machte ihn fast sprachlos, in welch einer kurzen Zeit es ihn gepackt hatte. „Heute Nachmittag…", murmelte er leise. „Ich habe … nun ja, eine versteckte Frage fallen lassen."
„Hm", murmelte Buffy und räkelte sich gemütlich. Eigentlich fühlte sie sich viel zu wohl, um in die Wirklichkeit zurückkommen zu müssen und doch hörte sie die Dringlichkeit in seiner leisen Stimme. „Du möchtest wissen, ob ich… ob ich mit dir gehen werde, wenn diese Sache überstanden ist." Sie drehte sich in seinen Armen, sodass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. Für einen Moment war sie erstaunt darüber, wie viel Gefühl er ausdrückte und sie musste schlucken. „Ich war mir lange nicht sicher", sagte sie leise und ihre Finger fuhren federleicht über sein Gesicht. „Du musst das verstehen", fuhr sie leise fort. „Ich habe Monate lang die Hölle durchgemacht und habe nicht geglaubt, dass ich jemals wieder einem Mann vertrauen könnte. Und dann kamst du und … es war alles so anders und auch seltsam, denn ich hatte gleich Vertrauen zu dir." Sie beugte sich vor und küsste seine Nasenspitze. „Und dennoch…"
„… kannst du mir keine Antwort geben", führte er den Satz weiter und sah dabei so traurig aus, dass Buffy sich aus seiner Umarmung löste.
„Doch, das kann ich", sagte sie leise, setzte sich auf und zog ihn an seinen Händen zu sich hoch. „Ich kann dir eine Antwort geben", raunte sie und näherte sich ihm langsam. „Nach diesen letzten Stunden ist mir endgültig klar, dass ich mein Herz längst verschenkt habe und es für mich keinen Weg zurück mehr gibt. Ich habe zwar keine Ahnung, wohin es uns führen wird, aber Washington ist ebenso gut wie jede andere Stadt, um einen Neuanfang zu wagen. Zurück nach Los Angeles möchte ich nämlich auf keinen Fall und…"
William bremste jedes weitere Wort aus. Er schlang seine Arme um sie, zog sie nah heran und küsste sie stürmisch. „Ich werde dafür sorgen, dass du es nicht bereuen wirst", versprach er. „Du wirst es nicht eine Minute bereuen!"
Teil 17
„Das gefällt mir überhaupt nicht", brummte William unwirsch. „Was sagt
Hopkins dazu? Ist er da? Kann ich ihn sprechen?" Er rieb sich die Stirn und
schaute kopfschüttelnd aus dem Fenster. „Wann kommt er zurück? Gut. Ich will mit
Andrew sprechen. Gib ihn mir."
Buffy beobachtete nun schon eine ganze Weile, wie William sich mit seinem
Mobiltelefon am Ohr mehr und mehr aufregte, doch die ständige Herumrennerei
hatte er einstellen müssen, denn sein Akku war leer und das bedeutete, dass er
sich nicht weit von der Steckdose entfernen konnte. Auch ihre Sorgen wuchsen
langsam aber stetig und das Buch in ihrer Hand blieb völlig unbeachtet. Bisher
hatte William sich selten so aufgeregt verhalten, war im Gegenteil immer die
Ruhe selbst gewesen und hatte damit auch sie überzeugt. Nun aber…
Laut seufzend warf er sein Telefon einige Minuten später auf den Küchentresen und starrte einen Moment ins Leere. „Ich muss dich einen Moment alleine lassen", sagte er langsam und wandte sich ihr zu. „Es ist dringend. Für mich. Ich muss unbedingt mit meinem Boss sprechen und das geht am Telefon nicht. Allerdings kommt Andrew an meiner Stelle. Du bist also nicht ganz alleine hier im Haus. Ich werde dich nicht ohne Schutz lassen."
„Andrew?", fragte Buffy, wenig begeistert von der Idee. William mochte ja große Stücke auf seinen Freund halten. Sie jedoch empfand ihn immer noch als … merkwürdig war wohl das Netteste, was man ihrer Meinung nach sagen konnte. „Warum…? Warte!", meinte sie dann und stand von ihrem Platz auf dem Sofa auf. „Nicht, dass du mich falsch verstehst", ruderte sie schnell zurück. „Ich will nicht den Klammeraffen spielen, auch wenn ich mich bei dem Gedanken natürlich nicht sonderlich wohlfühle", sagte sie langsam. „Ich möchte nur gerne wissen, was vor sich geht und warum du dich so aufregst, dass du nur persönlich mit ihm sprechen willst oder kannst? Ich kann sehen, dass du dir Sorgen machst und das… nun, es macht mich nervös."
„Es geht um den Plan, den das Team entwickelt hat. Ich … mir gefällt das so nicht. Mach dir keine Sorgen", sagte er schnell und zog sie in die Arme. „Es ist nicht der Plan an sich, sondern die Rolle, die mir dabei zufällt. Aber das werde ich dir später alles noch ganz genau erklären. Im Moment brennt es mir unter den Fingern, Hopkins anzuschreien und…", er bremste sich und lächelte schief. „Andrew und ich tauschen die Plätze, doch dazu müssten wir eben raus. Es ist hell und einfach hereinspazieren kann er wohl schlecht. Zudem ist ein unbemerkter Wechsel am helllichten Tag zwischen zwei Personen nicht ganz so einfach wie in der Dunkelheit", meinte er und zeigte mit dem Kopf auf die Tür. „Und ich bin mir sicher, dass Livingston ein wachsames Auge auf uns hat. Deswegen sollten wir vielleicht zum Minimarkt gehen … einkaufen oder so was."
„Wenn es sein muss", murmelte Buffy und verzog das Gesicht. Ihr war immer noch nicht wohl dabei, dass ausgerechnet Andrew William ersetzen sollte, doch es war auch offensichtlich, wie dringlich William mit seinem Vorgesetzten sprechen wollte und sie wollte ihm nicht zur Last fallen und ihn wegen ihrer dummen Angst bremsen.
„Andrew ist okay", sagte er sachte und führte sie zur Garderobe. „Außerdem ist er der Einzige, der meine Größe und Statur hat." Er lachte leise. „Er wird dich überraschen. Glaub mir."
*~*~*
Eine gute halbe Stunde später verließen Buffy und William den Minimarkt schwer bepackt wieder, doch von Andrew hatte sie noch nicht viel gesehen. Genauer gesagt hatte sie den trotteligen Mann überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen, doch da William schwieg, verlor auch sie kein Wort darüber. Vielleicht hatte Andrew andere Anweisungen von Hopkins bekommen, oder vielleicht sogar ein Verbot…
Schwer beladen und hinter drei schweren Tüten versteckt, ging William neben Buffy den von Büschen und Bäumen gesäumten Weg entlang und passte den genauen Moment ab. Dann riss wie durch ein Wunder eine der Tüten und Orangen und Äpfel kullerten wild und in alle Richtungen rollend über den Weg auf die verschneiten Büsche zu. Buffy stellte vorsichtig ihre Tragetaschen ab und lachte, während sie hinter einer Orange herjagte. „Wir hätten vielleicht nicht ganz so viel kaufen sollen", meinte sie und sah William zu, der eine Orange aus den Büschen angelte. „Oder wir sollten es liefern lassen."
Doch William antwortete nicht, er packte nur seine Tüten um, hob sie wieder hoch und wartete dann, dass sie zu ihm aufschloss. „Hi", sagte Andrew leise, der blitzschnell den Platz mit William getauscht hatte. Er trug die gleiche Jeans, die gleiche dicke Winterjacke und auch die gleiche Mütze wie William, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte.
Nicht einmal Buffy hatte den Austausch bemerkt. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, dass verlorene Obst wieder einzusammeln. „Hi", erwiderte sie verschreckt, doch dann fing sie sich wieder und sie gingen zusammen zur Blockhütte zurück. Sie öffnete die Tür und beide gingen hinein.
„Entschuldige", sagte Andrew, schloss die Tür mit dem Fuß und stellte seine drei Tüten sonderbarer Weise ganz ohne Unfälle auf dem Küchentresen ab. „Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr erschreckt. Nur meinte William, es wäre besser, dich vorher nicht einzuweihen, damit du nicht zu verkrampft wirkst."
„Schon okay", winkte Buffy ab und schälte sich aus ihrer Daunenjacke. Dann trug sie ihre eigenen Tüten in die Küche und begann den Einkauf auszuräumen. „Möchtest du vielleicht einen Kaffee? Oder ein Glas Saft?" Sie fühlte sich ein wenig unwohl in seiner Gesellschaft und versuchte, es bestmöglich zu überspielen.
Andrew sagte eine Weile nichts, sondern sah dabei zu, wie sie die Nahrungsmittel in den Kühlschrank ordnete. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht", sagte er und grinste verwegen. „Aber ich hab bei der ganzen Aufregung immer einen Riesenhunger. Was hältst du davon, wenn ich uns was koche? Ich mache ganz hervorragende Omelettes", sagte er und warf seine Jacke auf einen der Hocker am Küchentresen. „Und dabei ist hervorragend untertrieben", grinste er, da sie nicht antwortete. „Wenn ich jemals meinen Job schmeiße, dann mache ich ein eigenes Restaurant auf. Omelettes werden schwer unterschätzt… eine riesige Marktlücke, wenn du mich fragst, die dringend …"
Buffy lachte und Andrew grinste. „Hah! Erwischt. Plan erfüllt, du hast gelacht. Das Eis ist gebrochen. Oder zumindest angebrochen", er trat zu ihr und nahm ihr den Eierkarton aus der Hand. „Wie wäre es? Ich mach uns ein Bauernomelette und erzähl dir dabei ein paar Geheimnisse über Spike. Darauf hab ich immer schon gewartet. Einmal all die fiesen kleinen Heimlichkeiten auszuplaudern. Nein, war nur ein Scherz. Meine Lippen sind versiegelt. Außerdem hat Spike keine Geheimnisse."
„Wird er wirklich so genannt?", fragte sie und befüllte die Kaffeemaschine mit Wasser. „Ich dachte, nur Sarah hätte ihn so genannt."
„Nein", lachte Andrew und kramte im Kühlschrank. „Der Name klebt an ihm wie das Pech bei Frauen an mir." Er beförderte Zwiebeln, Kartoffeln und Frühstücksspeck auf den Küchentresen und ging dann, zu Buffys großer Überraschungen, zum Waschbecken und wusch sich gründlich die Hände. „Hast du eine Ahnung, wo ich ein Schneidebrett finde?", fragte er und suchte in den Schubladen nach einem vernünftigen Messer.
Rasch kramte sie es aus dem Schrank, denn mittlerweile fand sie die Dinge in der fremden Küche fast blind. Dann sah sie mit großen Augen dabei zu, wie er behände die Kartoffeln schälte und würfelte und lachte, als er den Speck in Windeseile ebenso klein zerlegte. „Ich hatte wirklich Sorge, dass der Verbandskasten das nächste ist, was ich herausholen müsste. Aber du…", sie stockte, suchte nach Worten, doch Andrew führte den Satz zu Ende.
„… bist gar nicht so trottelig, wie ich erwartet hatte?", meinte er und sah sie neugierig an. „Meist legt sich das nach ein paar Stunden. Und glaub mir, ich würde es gerne ganz ablegen, aber das ist wohl eine Macke, mit der ich leben muss."
Buffy ließ ihn arbeiten und setzte sich mit ihrem Kaffee auf einen Hocker am Küchentresen. „Das steht mir wahrscheinlich nicht zu und wenn es zu persönlich ist, dann antworte einfach gar nicht darauf. Aber warum… warum bist du so, wenn du…?"
Er schlug Eier in eine Schüssel und zuckte mit den Schultern. „Das wüsste ich selbst gerne. Vielleicht sollte ich das mal einen Psychologen fragen. Obwohl… hinterher erzählt er mir dann, das läge daran, dass ich in meine Vorschullehrerin verliebt war, die mir nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hat." Er schüttelte sich. „Und dabei war sie ein Besen. Schauderhaft!"
Wieder musste Buffy lachen und offensichtlich behielt William auch diesmal Recht. Andrew schien ein ausgesprochen netter Mann zu sein, der durchaus in der Lage war, sein Leben ohne große Unfälle zu meistern und das Vertrauen in ihn wuchs langsam. „Mach dir nichts daraus", sagte sie. „Irgendwann begegnest du einer Frau, die sich nicht darum kümmert. Die meisten Männer sind eher auf den zweiten Blick interessant. Hast du darüber schon einmal nachgedacht?"
„Zweiter Blick?", lachte Andrew schallend. „Ich glaube, die meisten wollen mich schon nach dem ersten Mal nicht wiedersehen." Er gab die Kartoffeln in einen Kochtopf, füllte Wasser auf und stellte ihn auf den Herd. Dann sah er Buffy an. „Was hast du beim ersten Blick auf Spike gedacht?"
Einen Moment überlegte Buffy und dachte zurück. „Ich hatte eine Heidenangst vor ihm und wäre am liebsten schreiend geflüchtet!" Der Unfall schoss durch ihre Gedanken, und sie schauderte.
Nun war es Andrew, der verstört aufsah. „Du hattest tatsächlich Angst vor ihm?", fragte er und runzelte die Stirn. „Oh", beeilte er sich, „nicht, dass du meinst, er wäre ein Aufreißer oder so, der am laufenden Meter Frauen anbaggert und abschleppt. Aber William hat eher ein einnehmendes Wesen und wenn es darum geht, ein paar Details mehr aus verschreckten Zeugen zu kitzeln, dann ist keiner besser als er. Er hat einfach… einen Draht zu Menschen. Kann sich in sie hineinversetzen und so."
„Das glaube ich sofort", nickte Elisabeth und sah Andrew zu, wie er eine Pfanne aus dem Schrank holte. „Hat er dir nie erzählt… nie erzählt, dass ich ihn angefahren habe?" Nun war sie verblüfft. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass William ihm jede noch so winzige Kleinigkeit erzählt hatte.
„Angefahren?", er ließ vor Schreck fast die Pfanne fallen. „Nein, davon hat er nichts erzählt. Er hat nur gesagt, dass sein Leihwagen verreckt ist und du ihn auf dieser wenig befahrenen Straße aufgesammelt hast." Für einen Moment blitzte der Agent in seinen Augen auf. „Ihr kanntet euch wirklich nicht, oder?"
„Nein", versicherte Buffy und erzählte von dem Unfall. „Bei dem ganzen Schneegestöber und diesem blöden Knopf, der im Fahrraum herunmgerollt ist, hab ich ihn vollkommen übersehen. Ich war ja nicht wirklich schnell unterwegs und es hat nicht einmal sehr laut geknallt, als ich seinen Leihwagen gerammt habe." Sie wurde rot und zuckte verlegen die Schultern. „Aber ganz offensichtlich hat er mich gesehen, denn er ist rechtzeitig über die Motorhaube in Sicherheit gesprungen. Oder auch nicht in Sicherheit. Sein Bein hat sich in einem Stacheldrahtzaun verfangen und er hat böse geschimpft und geflucht. Deswegen hatte ich auch Angst, als ich ihn fand." Sie machte eine Pause und holte tief Luft. „Nach der ganzen schweren Zeit war… und bin ich wohl immer noch… ein nervliches Wrack und hatte echt Panik."
„Das glaub ich dir gerne", sagte Andrew und piekste mit der Messerspitze in die kochenden Kartoffelwürfel. „Jetzt dauert es nicht mehr lange", versprach er und goss sie in ein Sieb. Er kramte munter weiter in der Küche und es dauerte nicht lange, bis ein verführerischer Duft durch die Blockhütte zog. „Weißt du", sagte er und schob ihr einen Teller zu. „Vielleicht lehne ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster, aber Spike ist ein echt guter Kumpel und ich… ich will dir eigentlich nur sagen, dass er ein wirklich feiner Mensch ist. Er würde dir niemals… so etwas antun wie dieser verfluchte Anwalt."
„Das weiß ich schon", lächelte Buffy vorsichtig, denn sie vermutete mehr hinter dieser so offensichtlich einfachen Aussage. „Andrew", meinte sie deswegen, „was willst du mir damit sagen? Hast du Angst, ich könnte…"
„Ich will eigentlich gar nichts damit sagen", meinte er schnell. „Ich kenne dich viel zu wenig, um mir überhaupt eine Meinung bilden zu können. Und doch. William ist mein bester Freund und… verdammt, sag ihm bloß nicht, dass ich das erwähnt habe! Er hatte… hatte eine Freundin, vor langer, langer Zeit wohlgemerkt. Ich hab sie nie leiden können, diese dumme Schnepfe, doch er war…. Jedenfalls hat sie ihn auf nicht sehr feine Art und Weise abserviert und er war echt fertig deswegen. War kaum wiederzuerkennen." Er warf die Hände in die Luft. „Er bringt mich um, wenn er hört, dass ich dir das erzählt habe!"
„Dein Geheimnis ist bei mir sicher", sagte Buffy und lächelte ihn an. „Es ist doch gut, dass du dir Sorgen um ihn machst. Das machen Freunde gewöhnlich." Sie nahm die Gabel, die er ihr entgegenstreckte und legte sie neben ihren Teller. „Weißt du", meinte sie dann. „Ich konnte … und kann zum Teil immer noch nicht glauben, dass mir ein solcher Mann begegnet ist. Verstehst du das? Nach den Monaten mit Tom Livingston habe ich gedacht, der Männerwelt für immer abgeschworen zu haben."
Andrew legte ein großes Stück Omelette auf ihren Teller und nickte. „Auch das kann ich verstehen." Dann grinste er schelmisch. „Dann haben sich die Richtigen getroffen. Du achtest auf ihn, er passt auf dich auf und ich behalte den Überblick über euch beide!"
Lachend rückte Buffy ein Stück mit dem Hocker auf und machte ihm Platz neben sich. „Einverstanden. Jedenfalls weitestgehend. Es kommt darauf an, wie du diesen Überblick verstehst." Sie seufzte. „Es wäre zur Abwechselung mal ganz nett, sich nicht so viel Sorgen machen zu müssen und einfach… diese neue Chance genießen zu können. Ohne irgendwelche Beobachter."
„Die Zeit wird kommen", versicherte Andrew und setzte sich. „Aber jetzt lassen wir es uns erst einmal schmecken und dann warten wir auf William. Er wird bestimmt einige Neuigkeiten haben und vielleicht hat sich noch etwas getan, von dem ich gar nichts weiß. Immerhin sollten wir alles zwei Mal überdenken, bevor wir morgen zum finalen Schlag ausholen."
„Morgen schon?", Buffy verschluckte sich an einem Stück Omelette und hustete. „Morgen?" Krächzte sie und sah Andrew mit großen Augen an, der ihr gerade den Rücken herzhaft klopfte.
„Ähm… ja morgen", sagte Andrew. „Ich dachte, William hätte es dir schon gesagt. Wir sind eigentlich soweit. Nun", sagte er und wandte sich schnell wieder seinem Essen zu. „Möglicherweise wollte er einfach noch abwarten, bis er mit Hopkins gesprochen hat und…"
Teil 18
Der Nachmittag war schon zur Hälfte vergangen, doch Buffy hatte noch immer keine Nachricht von William bekommen. Langsam machte sie sich Sorgen, doch Andrew schien diese endlos lange Wartezeit nicht im Geringsten zu wundern. Er bemühte sich aus Leibeskräften sie abzulenken und hatte im hintersten Winkel eines Schrankes sogar ein paar Gesellschaftsspiele gefunden, die er auf den Couchtisch geschleppt hatte. Eine ganze Reihe davon hatten sie mittlerweile durchgespielt und nun schüttelte er fröhlich grinsend zwei Kartons.
„Wir haben noch Scrabble und Monopoly. Welches möchtest du als nächstes spielen?"
Sie sah ihn über den Tisch hinweg an und schüttelte dann ablehnend den Kopf. „Keins mehr. Und wenn du mich fragst, brauch ich bis ans Lebensende keins dieser Spiele wieder." Wieder warf sie einen Blick auf die Uhr. „Ich hab mir geschworen, mich nicht wie eine Klette aufzuführen… Aber was macht er denn nur so lange? Ein Gespräch kann doch nicht so lange dauern." Dann seufzte sie und zuckte die Schultern. „Bestimmt ist er einfach nur heilfroh, dass er etwas ohne mich unternehmen kann." Sie sah Andrew an. „Keine Sorge. War nicht so bitterböse gemeint, wie es vielleicht geklungen hat. Aber ich könnte es verstehen. Seit beinahe zehn Tagen klebe ich an ihm und da wäre es nur verständlich, wenn er…"
„Du kennst Spike nicht so gut, wie du wahrscheinlich meinst", sagte Andrew und räumte die Spiele zusammen. Er stapelte sie auf dem Tisch und setzte sich auf dem Sofa zurück. „Glaub mir, er hat einen triftigen Grund, wenn er so lange unterwegs ist. Und Hopkins ist nicht einfach, schon gar nicht, wenn man nicht seiner Meinung ist."
„Kann schon sein", erwiderte Buffy und stand auf. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie Williams Boss einschätzen sollte und es konnte gut sein, dass er nicht einfach war. Doch das schmälerte ihre Sorgen auch nicht. „Wie auch immer. Ich würde es ihm jedenfalls nicht verübeln." Sie hob ihre Kaffeetasse und wackelte damit hin und her. „Möchtest du auch noch?"
„Nein, danke", erwiderte Andrew und lachte. „Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, kann ich vermutlich die komplette nächste Woche kein Auge mehr zu machen." Dann klingelte sein Mobiltelefon und er angelte es aus der Hosentasche. „Hey, Kumpel. Wie schaut es aus? Ohh… Okay… Wir … ja, einverstanden. In einer halben Stunde sind wir da." Er steckte das Telefon wieder weg und sah zu Buffy, die wartend stehengeblieben war. „Das war William. Wir sollen in einer halben Stunde beim Motorschlittenverleih sein." Er lachte. „Dann bist du mich wieder los."
„Hat er… hat er etwas gesagt?" Williams Verhalten war schon am Morgen seltsam gewesen und das Telefongespräch mit seinem besten Freund hatte nicht besonders viel erklärt. Andrew war kaum zu Wort gekommen und zudem waren ihm dabei die Augenbrauen in die Höhe gerutscht und er hatte seine Verwunderung nicht verbergen können.
„Er ist ein bisschen angespannt", sagte er vorsichtig und erhob sich. „Aber
eigentlich sollte ich lieber die Klappe halten und es ihm überlassen, dich
aufzuklären."
Doch eine solche Antwort konnte Buffy nicht gebrauchen. Sie stemmte die Hände
wütend in die Hüften und starrte ihren Bewacher finster an. „Vielleicht habt ihr
beide es vergessen, aber ich bin durchaus in diesen Fall involviert. Ich bin
keine bloße Zuschauerin, die darauf wartet, dass ihr irgendwelche Brocken vor
die Füße geworfen werden. Ich möchte wissen, was vor sich geht!"
„Da hast du Recht", versuchte Andrew sie zu beruhigen und hob beschwichtigend
die Hände. „Aber glaubst du nicht, ich sollte ihm lieber die Erklärungen
überlassen?" Er stand auf und zuckte mit den Schultern. „Er wird dir Rede und
Antwort stehen, da bin ich mir sicher. Und auf eine halbe Stunde mehr oder
weniger kommt es nun auch nicht mehr an. Außerdem", fügte er atemlos an, „weiß
ich doch selbst gar nicht, was nun Sache ist. Möglicherweise haben sich die
Begebenheiten geändert und alles, was ich dir sage, ist längst überholt."
Buffy erwiderte nichts darauf. Sie stellte wortlos ihre Kaffeetasse in die Spüle und schüttelte genervt den Kopf. „Mich macht dieses … Warten einfach verrückt. Und dabei geht es nicht nur um William. Ich drehe langsam aber sehr sicher durch", fuhr sie hoch und wandte sich um. „Etwas Ähnliches habe ich auch schon einmal zu ihm gesagt, aber… ich habe einfach das Gefühl, dass ich nichts anderes mehr tue als warten. Warten darauf, dass Livingston ausrastet, wieder eins seiner netten Geschenke hinterlässt. Warten darauf, dass sich die Situation verändert. Warten darauf, dass es wieder einmal Zeit für dieses bescheuerte Abendessen im Restaurant ist, wo ich mich wieder fühle, als müsste ich … Gott, verflucht!", schimpfte sie. „Ich warte sogar darauf, dass ich irgendwann wieder leben kann! Ich warte darauf, dass endlich alles vorbei ist und ich mir keine Sorgen mehr machen muss, keine Angst mehr haben muss…!"
Diesmal war es Andrew, der für eine lange Weile nicht wusste, wie er reagieren sollte. „Hör mal", meinte er dann leise. „Ich bin in so was nicht wirklich gut, aber ich verstehe deine Sicht der Dinge durchaus. Und wir… das ganze Team, bemüht sich wirklich nach Leibeskräften, diese furchtbare Sache zu beenden. Aber wir müssen Tom Livingston auch dingfest machen können. Wir brauchen Beweise und…"
„Es tut mir leid", unterbrach Buffy und winkte ab. „Das alles hat überhaupt nichts mit dir, eurem Team oder auch William zu tun. Es ist… mir nur einfach alles zu viel und ich…" Sie seufzte tief und verzog das Gesicht. „Ich bin nicht immer so hysterisch wie jetzt. Du musst ja wirklich Schlimmes von mir denken."
„Nein, gar nicht", lächelte Andrew. „Wäre Spike nicht mein bester Kumpel, würde ich mich wirklich darum bemühen…" Er stockte und lächelte verlegen. „Am besten du vergisst, was ich gerade so dämlich vor mich hingestottert habe." Dann deutete er mit dem Kopf hinter sich auf die Eingangstür. „Komm. Wir sollten gehen, damit wir den Austausch so schnell es geht hinter uns bringen."
*~*~*
Der Motorschlittenverleih war schnell erreicht und es wunderte Buffy kein bisschen, dass Andrew sie losschickte, den Angestellten abzulenken. „Such dir einfach einen Schlitten aus oder lass dir etwas anderes einfallen. Es wird nicht lange dauern."
Und Buffy tat, wie ihr geheißen. Sie redete auf den jungen Mann ein, der auch sogleich anfing zu fachsimpeln. Er führte sie herum, zeigte auf diesen oder jenen Motorschlitten und erklärte seine Vorzüge. „Suchen Sie etwas Bestimmtes, Miss?", fragte er dann und Buffy, die Andrew ins Innere des Verleihs gehen sah, überlegte fieberhaft, was für eine Frage sie ihm als nächstes stellen sollte.
„Ich glaube, mein Mann möchte gerne mal etwas mit mehr Power, wenn Sie verstehen, was ich meine. Bisher musste er immer auf mich achten und ich bin etwas ängstlich, wenn es um Fahrzeuge aller Art geht. Und darum… möchte ich ihm heute einmal etwas Gutes gönnen. Zeigen Sie mir einfach die schnellste Maschine. Ich denke, er wird damit zufrieden sein." Sie lächelte. Zum einen erleichtert darüber, nicht völligen Blödsinn geredet zu haben, zum anderen, weil nun ganz offensichtlich der richtige William den Verleih wieder verließ.
Er ging auch ohne Umschweife auf sie zu und zog sie in die Arme. Auch er lächelte, doch sein Lächeln wirkte aufgesetzt, unecht. „Hast du einen Schlitten gefunden, der dir zusagt?"
„Allerdings", nickte Buffy und obwohl sie am liebsten sofort eine Erklärung von ihm eingefordert hätte, behielt sie ihre gespielt fröhliche Miene bei, und tat ihr Bestes, um nicht anders als sonst zu wirken. „Es ist alles schon geklärt. Ich muss nur noch unterschreiben, dann können wir los."
„Nur einen Schlitten?", fragte William nun und zog die Augenbrauen hoch.
„Ja, heute nur einen. Ich habe keine Lust zu fahren und kuschele mich lieber
an dich", sagte sie und sah dabei zu, wie der Angestellte des Verleihs ging, den
Schlüssel zu holen. „Du siehst nicht gerade glücklich aus", sagte sie schnell,
als sie alleine waren. „Ist es nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt
hast?"
„Erzähl ich dir gleich", sagte William und nahm den Schlüssel in Empfang, den
der junge Mann rasch geholt hatte.
„Seien Sie vorsichtig damit, Mister. Dieser Motorschlitten hat gewaltig Dampf unter der Haube", warnte der Mann und grinste dabei ungeniert. „Aber Sie haben Glück. Heute Nachmittag sind nicht viele Fahrzeuge ausgeliehen worden und Sie sollten eine fast freie Piste vorfinden." Dann grinste er über das ganze Gesicht. „Ich wünsche Ihnen viel Spaß damit!
*~*~*
Buffy wartete, bis William die Maschine gestartet hatte und setzte sich dann hinter ihn. Wie schon beim ersten Mal rutschte sie nah an ihn heran und umklammerte mit den Armen seinen Bauch. Dann ging die Fahrt los und sobald er den Parcours für die Schneemobile erreicht hatte, drehte er den Gashahn voll auf und heizte über die unebene Strecke.
Etwas mulmig klammerte sich Buffy noch fester an ihn und sie verfluchte sich dafür, ausgerechnet den schnellsten Schlitten ausgesucht zu haben. Doch dann zügelte William das schwere Gerät und steuerte es schließlich in eine Nische neben dem Fahrweg. Er drehte den Schlüssel, zog ihn ab und stieg vorsichtig herunter. Dann ging er ein paar Schritte, blieb stehen und sein Blick wanderte über die verschneiten Berggipfel, die langsam in der Dunkelheit verschwanden.
Eine Weile ließ sie ihn in Ruhe seine Gedanken sortieren, dann stieg sie ebenfalls ab und ging langsam auf ihn zu. „Hey", meinte sie vorsichtig und leise. „Möchtest du… möchtest du mir erzählen, was dich so bedrückt?"
William seufzte, zuckte mit den Schultern und wandte sich ihr zu. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir das erklären soll, ohne dass du mich falsch verstehst", meinte er dann und sein Blick wanderte wieder in die Ferne.
„Versuch es doch einfach mal", meinte sie und nahm seine Hand.
William überlegte einen Augenblick und nickte dann. „Es geht um den Plan, den das Team ausgearbeitet hat… Wir sollen heute Abend im Restaurant einigermaßen laut verkünden, dass wir morgen einen Ausflug unternehmen wollen. So weit – so gut. Livingston und Barett sollen sich vorbereiten können, damit unser Team sie praktisch dabei erwischen kann, wie sie unser Ableben planen und theoretisch auch ausführen. Es reicht, wenn sie das Knöpfchen auf der Fernbedienung drücken…" Er sah Buffy an und zuckte wieder mit den Schultern. „Auch das stellt nicht wirklich ein Problem dar. Denke ich zumindest. Der Leihwagen ist noch immer präpariert und wartet nur darauf, dass ihm die Bremsleitung zerfetzt wird. Wir sollen Richtung Castle Rock fahren, denn die Strecke hat eine lange Kurve, in der du… ungesehen und möglichst gefahrlos abspringen kannst." Er hob die Hände, als sie ihn ängstlich ansah und verschreckt einen Meter zurückging. „Es ist nicht schwer, denn ich werde höchstens im Schritttempo fahren und du landest im Schnee am Seitenrand."
„Das sagst du so", murmelte sie verschreckt. Doch dann überlegte sie einen Moment und nickte schließlich. „Wahrscheinlich hast du Recht. Ich schaffe das. Vor allem wenn es hilft, Tom Livingston und seinen dreckigen Partner ins Gefängnis zu verfrachten." Dann sah sie ihn an und versuchte ein tapferes Lächeln. „Aber das ist alles nicht das Problem", stellte sie fest, als er ihr Lächeln nicht erwiderte und sie runzelte die Stirn. „Doch was ist es dann?"
„Hopkins meint, ich soll den Wagen dann die Straße weiter herunterfahren, bis
dieser steile Abhang kommt und sobald Barett die Leitung sprengt, soll ich
ebenfalls abspringen." Er schüttelte den Kopf, als sie etwas darauf erwidern
wollte. „Aber auch das ist nicht das Problem. Es wäre eine Kleinigkeit. Vor
allem bei den Schneemengen. Ich würde immer weich landen."
„Warum spuckst du nicht einfach aus, was dich so bedrückt?", fragte sie, denn er
verlor sich offenbar in belanglosem Gerede über den Plan, der für sie gerade
vollkommen belanglos war. „Was ist es, was dir nicht passt? Ich versteh es
nicht. Der Plan klingt nicht sonderlich schwer. Wir fahren los, mehr oder
weniger jedenfalls. Aber es reicht ja, wenn Livingston und Barett es glauben und
sich an ihren Plan halten, uns in die ewigen Jagdgründe zu schicken."
„Ich wollte nicht… will den Wagen nicht fahren", sagte William und warf die Arme
in die Luft. „Ich wollte, dass Andrew das übernimmt."
Einen Augenblick war Buffy fassungslos, doch dann begriff sie rasend schnell,
warum er nicht bei ihr sein wollte. „Verstehe", murmelte sie und nickte, als sie
begriff, warum er den Platz mit Andrew tauschen wollte. „Du willst dabei sein,
wenn sie Livingston stellen. Wegen Sarah."
„Dann bist du nicht sauer?", fragte er leise und riss die Augenbrauen hoch.
„Damit hatte ich nicht gerechnet", gestand er leise. „Ich wusste nicht, wie ich
dir verständlich machen sollte, warum ich den Wagen nicht fahren wollte und
dann... machst du es mir so leicht."
„Für einen Augenblick war ich enttäuscht, doch dann habe ich deine Beweggründe verstanden", sagte sie, näherte sich langsam und schlang die Arme um ihn. „Und außerdem hattest du Recht. Andrew hat mich überrascht. Er scheint ein wirklich netter Kerl zu sein und ich denke, er weiß auch, wie er seinen Job zu machen hat. Du musst dir deswegen keine Sorgen machen. Tausch ruhig deinen Platz mit ihm. Sarah hat es verdient, dass ihr Bruder ihren Mörder schnappt. Und zudem wirst du nicht wirklich weit weg sein…"
William schnaufte nur und sah sie entschuldigend an. „Genau das ist mein Problem", meinte er und seufzte. „Hopkins will nicht, dass ich dabei bin. Ich habe keinen Schimmer, ob er mir das nicht zutraut oder glaubt, ich würde es versauen… aber ich habe strikte Anweisungen, dich nicht aus den Augen zu lassen, bis du aus dem Wagen springst. Und das bedeutet… Scheiße!", fluchte er und schlang die Arme um sie. „Es tut mir leid. Ich sollte dir diesen… Mist nicht auch noch aufbürden, doch seit Sarahs Tod... Ich hab ihr geschworen, diesen Drecksack höchstpersönlich zu schnappen und Hopkins hört mir nicht einmal zu."
Einen Augenblick sagte Buffy gar nichts, sondern schmiegte sich nur an ihn. „Aber ich glaube nicht, dass dein Boss kein Vertrauen zu dir hat", meinte sie dann leise. „Es hat bestimmt andere Gründe, warum er dich nicht…" Sie sah zu ihm auf. „Vielleicht befürchtet er, dass es später vor Gericht Schwierigkeiten gibt, wenn der Bruder der Toten der Mann ist, der Livingston verhaftet hat." Sie dachte an die vielen Fälle zurück, von denen sie während ihrer Zeit in der Kanzlei gehört hatte. Es gab genügend gerissene Anwälte, die winzige Kleinigkeiten fanden, um den Fall ihrer Mandanten zu kippen und ihn in Grund und Boden zu stampfen. Und Livingston war selbst Anwalt. Er würde jede noch so kleine Chance nutzen, um sich und sein Leben zu schützen.
„Du hast bestimmt Recht", sagte William nach einer Weile, doch das verbesserte seine Laune nicht unbedingt. „Wir sollten zurückfahren", sagte er dann. „Es wird bald dunkel und wir müssen uns für das Abendessen umziehen."
„Gleich", sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sachte. „Lass uns noch einen kleinen Augenblick die Stille hier genießen. Zurück müssen wir früh genug!"
Teil 19
„Was machst du da?" Neugierig trat Buffy näher und sah mit großen Augen dabei zu, wie William seinen neu gekauften Rucksack aus-, um- und wieder bepackte. „Müssen wir… ich dachte…", sie stockte und schüttelte den Kopf. „Planst du immer noch einen Ausflug in die Wildnis oder gibt es einen Teil an dem Plan, von dem ich noch nichts weiß?"
William sah einen flüchtigen Moment auf und lächelte. „Nein, nicht wirklich", meinte er dann. „Aber es kann schon sein, dass wir einige Zeit in der Kälte stehen müssen, bis wir abgeholt werden. Es kommt ganz darauf an, wie die Aktion verläuft." Er beugte sich vor, gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze und wandte sich wieder seinem Rucksack zu. „Aber du weißt, ich bin gerne vorbereitet. Ein paar Dinge, die vielleicht sinnvoll sind…"
Nun war es Buffy, die sich vorbeugte. Sie zog die Seiten des Rucksacks auseinander und warf einen Blick auf den Inhalt. „Deine Waffe?", entfuhr es ihr und nachdem sie einen Blick in die Tiefen des sonst fast leeren Rucksacks gewagt hatte, nahm sie die Hände rasch zurück. „Warum… warum nimmst du…?"
„Weil ich gerne auf jede Eventualität vorbereitet bin, Liebes. Und du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ein Agent ohne seine Waffe in einen Einsatz geht? Zudem ist das meine Zweitwaffe, die andere trage ich bei mir. Dazu Munition, mein Messer und…", er zuckte mit den Schultern, als er ihren entsetzten Blick auffing. „Buffy, Liebes, das ist kein Kinderspiel. Auch wenn unser Part am Ganzen eher harmlos wirkt und wohl nicht wirklich viel Zeit beanspruchen wird. Wir jagen noch immer einen Mörder. Besser gesagt gleich zwei und da möchte ich vorbereitet sein."
Sie rückte ein Stück von ihm ab. Seitdem er von seinem Gespräch mit seinem Boss zurückgekehrt war, war er grimmig und verschlossen und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie konnte seine Enttäuschung durchaus verstehen, doch gerade im Moment wirkte er so kalt und leer, dass sie Angst bekam. Außerdem hatte sie, auch wenn sie sich mutig und tapfer gegeben hatte, eine Heidenangst aus einem fahrenden Wagen abzuspringen, doch laut äußern wollte sie diese Furcht nicht. Wahrscheinlich hätte er ihr nicht einmal zugehört und ihr fiel Andrews Ausspruch ein. „Du kennst Spike nicht so gut, wie du wahrscheinlich meinst", hatte er gesagt und genau das bereitete ihr nun Sorgen.
Doch wieder einmal schien es, als habe William ihre Gedanken gelesen, denn er stellte den Rucksack an die Seite, erhob sich und nahm vorsichtig ihre Hand. „Es tut mir leid. Ich habe mich furchtbar benommen, seit…. Ich hatte nur noch meine eigenen Probleme im Kopf, habe aber ganz vergessen, dass dies hier für dich kein normaler Einsatz ist, wie für mich. Ich hätte viel mehr auf den Plan des Teams eingehen müssen und…"
„Du bist so anders", unterbrach sie ihn und schüttelte traurig den Kopf. „So…
professionell und ganz gefühlskalt. So habe ich dich die ganzen Tage über nicht
erlebt. Nicht ein einziges Mal."
„Nein, nicht gefühlskalt", beeilte er sich zu sagen. „Das ist es nicht … nein,
ich bin nur in meine übliche Routine abgerutscht. Ich brauche einen kühlen Kopf,
wenn ich in einen Einsatz gehe, habe dabei aber vergessen, dass…" Er ließ ihre
Hand los, seufzte schulterzuckend und ließ sich zurück auf den Sessel fallen.
„Ich war mit meinen Gedanken nur vollkommen woanders und das ist unentschuldbar.
Du hast sicherlich schreckliche Angst und ich habe… meinen Ärger auch noch an
dir ausgelassen. Das hätte mir nicht passieren dürfen."
„Ich versteh dich. Ehrlich", sagte sie schnell, denn er wirkte ernstlich enttäuscht von sich selbst zu sein. „Natürlich willst du dabei sein, wenn sie Livingston schnappen und wenn es nach mir ginge, dann wärst du derjenige, der ihm die Handschellen verpasst. Aber Hopkins hat bestimmt nicht ohne Grund entschieden, dass du dich heraushalten sollst. Und auch, wenn es dir nicht gefällt… du wirst damit zurechtkommen müssen." Sie stockte einen Moment, um sich selbst wieder unter Kontrolle zu bringen, doch es half nicht viel und ihre Gefühle spielten nicht mehr mit. „Ich brauch dich jetzt", gab sie leise zu. „Noch mehr, als in all den vergangenen Tagen zuvor. Ich kann das nicht ohne dich", murmelte sie so leise, dass es kaum zu verstehen war. „Du bist der Einzige, auf den ich mich wirklich verlassen kann."
William sagte nichts, sondern zog sie nur rasch in die Arme. „Wir schaffen das. Zusammen. Und spätestens morgen Mittag ist alles vorbei und wir beide können damit abschließen."
Eine lange Weile standen sie da und niemand sagte ein Wort. Dann löste sich
Buffy aus der Umarmung und wischte schnell eine Träne weg. „Warum willst du dein
ganzes Waffenarsenal mitnehmen?", fragte sie, um sich abzulenken, und zeigte auf
den Rucksack. „Der Rucksack wird dich nur stören, wenn du aus dem Wagen springen
musst. Vor allem, weil du dann gewiss nicht mehr im Schritttempo fährst."
„Nenne es eine Marotte, von mir aus auch Erfahrung. Ich glaube fest, dass der
Plan ohne jeden Fehler über die Bühne geht, aber ich habe oft genug erlebt, dass
es eben nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt. Da hilft auch
tagelanges Planen nicht." Er sah sie an und zum ersten Mal lächelte er wieder.
Und dieses Lächeln spiegelte sich auch in seinen Augen. „Sieh es einfach als
Versicherung an." Dann wurde sein Gesicht ernst, denn er hatte noch gar nicht
die Waffe geholt, die er unbedingt mitnehmen wollte. Einen Augenblick überlegte
er, ob er damit warten sollte, bis sie tief und fest schlief, doch dann schob er
den Gedanken beiseite. Er wollte keine Geheimnisse vor ihr haben. „Erschreck
dich nicht", sagte er vorsichtshalber und ging dann in die Mitte des Raums. Er
bückte sich, schob seine Finger in eine Ritze zwischen den Bodendielen und hob
eins der Bretter an. Er legte es zur Seite und nahm dann eine längliche
Holzkiste heraus, die Buffy schon einmal gesehen hatte. „Das habe ich hier
versteckt. Am ersten Abend, als du… als du…"
Buffy wollte nicht unbedingt an diesen Abend erinnert werden, doch sie konnte sich gut entsinnen, wie William nach dem Unfall seine Sachen in ihrem Kofferraum verstaut hatte. Darunter auch eine längliche, auf Hochglanz polierte Kiste. Und nun wusste sie auch, wo sie eine solche Kiste schon einmal gesehen hatte. Ihr Großvater war ein sehr stolzer Soldat gewesen, der sein Scharfschützengewehr wie seinen Augapfel gehütet hatte. Und eben jenes Gewehr war in einer ähnlichen Kiste aufbewahrt worden. „Ach, du meine Güte", entfuhr es ihr, als William die Bodendiele wieder an ihren Platz zurücklegte. „Hast du vielleicht noch irgendwo einen Panzer versteckt?"
„Nein, keinen Panzer", versicherte er und musste lachen. „Du weißt, was das ist?", fragte er erstaunt und stellte den Kasten auf den Tisch.
„Der Vater meiner Mutter war ein Seal", sagte sie gedehnt. „Ja, ich weiß, was das ist. Und das willst du auch noch mitnehmen?" Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Du wirst auf keinen Fall die Zeit haben, es zusammenzusetzen und zu justieren."
„Zusammensetzen muss man dieses nicht", sagte William überrascht über ihre abgeklärte Aussage. „Es ist kürzer als die damals üblichen Präzisionsschützengewehre, ganz auf den heutigen Polizeieinsatz ausgerichtet und viel einzustellen gibt es auch nicht mehr, wenn es einmal auf seinen Schützen eingestellt wurde. Ich muss … müsste nur die Entfernung … Aber du hast natürlich Recht. Ich werde es sicherlich nicht brauchen", meinte er und brachte es zurück in sein Versteck. „Ich werde es trotzdem Morgen mitnehmen. Wer weiß. Zudem kann ich in aller Ruhe Gepäck mitnehmen, sogar wenn Barett oder Livingston uns dabei zusehen, wie wir den Wagen besteigen. Immerhin wollen wir einen Ausflug unternehmen."
„Ganz wie du meinst", sagte Buffy, die unbedingt das Thema wechseln wollte. William fühlte sich wahrscheinlich sicherer, wenn er bewaffnet und auf jede Situation vorbereitet war. Ihr machte es nur noch mehr Angst und sie lief schnurstracks auf die Eingangstür zu. „Wir sollten jetzt gehen. Im Restaurant warten sicherlich schon all deine Kollegen, dass wir die übliche Show abziehen."
William beeilte sich zu ihr zu gehen, sah jedoch sehr erstaunt aus. „Buffy,
Liebes. Ist alles in Ordnung?"
„Nein", sagte sie wahrheitsgetreu und nahm ihre Jacke vom Haken. „Eigentlich ist überhaupt gar nichts in Ordnung und das wird es auch erst wieder sein, wenn dieser… Mist hier zu Ende ist!" Sie öffnete die Tür und stürmte ins Freie.
*~*~*
„Lass uns durch die Haupthalle hineingehen", sagte William, als sie
schließlich am Eingangsbereich des Resorts angelangt waren. „Das Internet hat
mich zwar schon informiert, aber ich habe letztens Prospekte über andere Städte
und Gemeinden herumliegen sehen und da unser Freund, der Portier, eh auf
Livingstons Gehaltsliste steht, ist es vielleicht die leichteste Art, wie wir
ihn auf die richtige Spur bringen."
Buffy nickte nur und trat durch die von William aufgehaltene Tür. In ihrem Kopf
spukte eine Unmenge von Erinnerungen und die waren nicht gerade der positiven
Natur. Vielleicht lag es gar nicht an William, dass sie sich so unwohl fühlte,
überlegte sie. Es war einfach die Angst vor dem noch unbekannten Ende der
leidlichen Geschichte. Denn noch konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass es
wirklich ein Ende geben würde. Seit Monaten hatte sie Tag und Nacht Angst gehabt
und vielleicht hatte sie diese Angst mürbe gemacht. Möglicherweise lag es auch
daran, dass sie als einzige Tom Livingston wirklich kannte. Sie wusste, wie
clever er war und auch wenn das FBI-Team sicherlich einen guten Job gemacht
hatte, rechnete sie mit einer Überraschung. Tom Livingston war nicht der Mensch,
der sich still und leise verabschiedete. Er würde mit einem Knall abtreten, oder
eben gar nicht.
Doch William riss sie aus ihren Gedanken. Er nahm ihren Arm und führte sie auf ein kleines Regal zu, in dem sich Prospekte stapelten. Andere Urlaubsgebiete priesen ihre Vorzüge an, warben mit Skigebieten oder Wanderwegen und lustlos nahm sie das ein oder andere in die Hand. „Warte hier", raunte William ihr zu, denn er hatte schon gemerkt, dass er heute ohne ihre gespielte Freude auskommen musste.
Er eilte auf die Rezeption zu, wartete, bis der Angestellte einen anderen Gast abgefertigt hatte und hielt ihm dann eins der Prospekte unter die Nase. „Meine Frau und ich haben uns überlegt, dass wir morgen nach Castle Rock fahren wollen. Stimmt es, dass dort morgen dieser Schneeskulpturenwettbewerb beginnt? Wir haben in diesem Katalog gelesen, dass jeder dort mitmachen kann, wenn er sich früh genug anmeldet und es klingt wirklich interessant. Wir haben so etwas nie zuvor gemacht, aber es hört sich lustig an und Ideen haben wir in Hülle und Fülle."
Der Mann am Empfang nahm ihm den Prospekt ab, blätterte flüchtig darin herum und nickte dann. „Castle Rock ist berühmt für diesen Wettbewerb. Das wird seit mehr als zehn Jahren jeden Winter zelebriert", meinte er ohne jegliches Interesse. „Und Sie und Ihre Frau wollen dabei mitwirken?", erkundigte er sich dann und sah William neugierig an. „Denken Sie bitte daran, dass der Wetterbericht eine Tieffront vorhergesagt hat, die sicherlich eine Menge Neuschnee bringen wird."
William lächelte nur. „Sollte es wieder so viel Schnee geben, läge es im Bereich des Möglichen, dass wir uns dort ein Zimmer nehmen. Vielleicht können Sie mir ja ein Hotel empfehlen, dass noch freie Zimmer hat."
„Ich glaube nicht, Sir. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen", erwiderte der Rezeptionist und schüttelte den Kopf. „Im Januar und Februar ist eigentlich so gut wie nichts mehr frei. Alles ausgebucht. Sie werden sich durchfragen müssen." Dann nickte er aufmunternd. „Aber wer weiß. Vielleicht fällt gar nicht so viel Schnee und Sie können nach Ende des Schneemannbauens ohne Schwierigkeiten wieder zu uns herauf."
„Wir werden ja sehen", sagte William und lächelte, als er daran dachte, dass auch dieser verlogene, geldgierige Mistkerl vor ihm morgen seine Quittung für seinen Verrat bekommen würde. „Wir werden ja sehen." Dann verabschiedete er sich, eilte auf Buffy zu, die noch immer vor dem Regal mit den Prospekten stand, und führte sie in das Restaurant.
„Oh, schau an", raunte er in ihr Ohr, als der Kellner sie an einen Tisch führte. „Andrew hat ein Glas Rotwein umgeworfen. Offenbar hat er wieder eine hübsche Frau entdeckt."
Buffy sah auf und musste lachen. „Ich hab ihn gar nicht gesehen", sagte sie leise und setzte sich.
„Er ist auch gar nicht hier", lächelte William und nahm ihre Hand. „Aber du
sahst aus, als könntest du eine Aufmunterung gut gebrauchen. Und Lachen hilft
immer."’
„Das war unfair", murmelte Buffy grimmig, musste dann aber doch wieder lachen,
weil William wie verrückt blinzelte und sie über den Tisch hinweg anstrahlte.
„Lass das", schimpfte sie. „Man könnte meinen, dich habe der Hafer gestochen!"
Sie nahm ihre Hand zurück, vertiefte sich in der Speisekarte und war froh
darüber, dass ihr Gesicht somit verborgen war und William nicht sah, wie sie
krampfhaft ein Kichern niederkämpfte. „Hast du schon etwas gefunden?", fragte
sie nach einer Weile. Sie hatte die Speisekarte schon so oft in Händen gehalten
und auch, wenn es reichlich Auswahl gab, so konnte sie heute doch nichts finden,
worauf sie nur ansatzweise Hunger hatte.
„Der Rehrücken klingt gut", sagte William und machte große Augen, als Buffy ihn finster ansah. „Was denn?", fragte er.
„Rehrücken? Du kannst doch nicht Bambi essen! Nein, das geht gar nicht!", sagte sie und schüttelte strikt den Kopf. Dann lachte sie leise. „Reingefallen", sagte sie, als er sie verwirrt ansah und lachte. „Du ärgerst mich, ich ärgere dich. Wie du mir, so ich dir… könnte man auch sagen."
„Hey", beschwerte er sich. „Ich wollte dich nur auf andere Gedanken bringen. Du hast mir meinen Rehrücken für alle Ewigkeiten verdorben. Bambi… der Film war so traurig, als Mama Reh…." Dann grinste er, denn nun war sie es, die ein betrübtes Gesicht machte. „Reingefallen!", sagte er und legte die Speisekarte zur Seite. „Hast du auch schon was gefunden?"
Buffy sah ihn an und für einen Moment fühlte sie sich, als habe die Realität sie gänzlich verlassen. Vor nicht einmal zehn Minuten war sie praktisch in trüben Gedanken versunken, jetzt machte sie Späße und alles fühlte sich vollkommen normal an. Das Restaurant… William, der sie über den Tisch hinweg anlächelte….Sie hatte sich nicht einmal vergewissert, wer noch anwesend war. Waren Livingston und Barett hier? Irgendwer aus Williams Team, den sie kannte? Sie wusste es nicht und hatte nicht die geringste Lust, ihren Blick schweifen zu lassen. ‚Ob ich jemals wieder „normal" werde und nicht mehr darüber nachdenke, vor wem oder was ich nun Angst haben muss?’, fragte sie sich und legte ihre Speisekarte ebenfalls beiseite. „Ich habe gar keinen Hunger", sagte sie, denn ihr war jeglicher Appetit abhanden gekommen. „Ich werde nur einen Salat nehmen."
Teil 20
„Und jetzt?", fragte Buffy, räusperte sich, denn ihre Stimme wollte ihr nicht so ganz gehorchen. Je näher die dem Zeitpunkt für die Umsetzung des Planes rückte, desto nervöser wurde sie. „Setzen wir uns einfach ins Auto und fahren los?" Sie war schrecklich zappelig und sie hatte kaum geschlafen. William hatte sie zwar die ganze Nacht über im Arm gehalten, aber auch das hatte ihr nicht die innere Ruhe geben, um abschalten zu können. Ganz im Gegensatz zu ihm, denn sie könnte schwören, er habe wie ein Baby geschlafen.
Den ganzen Morgen hindurch hatte William bereits ein um das andere Mal zu seinem Mobiltelefon gegriffen und auch sein Laptop war arg beansprucht worden. Jeder einzelne aus seinem Team hatte sich gemeldet und durchgegeben, wo er sich zu welcher Zeit aufhalten würde und als schließlich jedes Detail geklärt war, hatte er ihr aufmunternd zugenickt. „Es geht los", hatte er gemeint. „Barett und Livingston liegen bereits auf der Lauer und nun hängt es von uns ab."
Doch genau diesen Satz hatte sie nicht hören wollen. Wie versteinert hatte sie ihn nur angesehen und kein Wort war über ihre Lippen gekommen. Ein „ich kann das nicht" hatte auf ihrer Zunge gebrannt, doch sie wusste selbst nur zu gut, dass es kein Zurück mehr gab. Eine Menge Personen warteten darauf, dass sie ihren kleinen Teil zum Ganzen hinzu gab und doch brach ihre Welt nun zusammen. „Ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme", sagte sie stattdessen und ihre Schultern sackten kraftlos herab. „Ich weiß nicht, ob ich auch nur einen Schritt aus der Hütte machen kann, ohne einen hysterischen Anfall zu bekommen."
„Du schaffst das", sagte William und zog sie in die Arme. „Du bist stark und mutig und…. Buffy, Liebes, es ist fast vorbei. Du hast nur noch eine Hürde zu nehmen. Nein zwei", verbesserte er sich und nickte ihr aufmunternd zu. „Du musst aus dieser Hütte herausgehen und ins Auto steigen. Und dabei musst dich nicht einmal verstellen, denn Livingston und Barett warten bereits in ihrem Auto auf dem Parkplatz des Restaurants. Du darfst deine Angst also zulassen und jeder darf sie sehen." Mit den Fingern hob er sanft ihr Kinn, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. „Dann kommt nur noch der kleine Sprung aus dem Wagen und ich werde bestimmt, und das verspreche ich, so langsam wie nur irgend möglich fahren. Aber wenn du wirklich zu große Angst hast oder sagst, du möchtest das nicht… dann blase ich die ganze Aktion ab. Ich will dir nichts zumuten, was du nicht schaffen kannst. Und wenn du Zweifel hast, egal aus welchem Grund, dann verschieben wir es oder machen einen ganz neuen Plan, der ohne dich auskommt."
Einen Moment sah sie ihn fassungslos an. War das jetzt wieder eine Art der versteckten Herausforderung? Doch sein Blick war offen und seine Augen blickten ohne jeden Argwohn auf sie herab. „Ich habe Angst. Und ich kann nicht einmal sagen, wovor genau", murmelte sie und sah rasch auf den Fußboden. „Eigentlich müsste ich vor Freude hüpfen und doch…"
„Bitte glaub nicht, dass du das für mich oder das Team machen musst", sagte er, umschlang sie mit den Armen und küsste sie. „Deine Entscheidung wird zwischen uns nichts ändern und früher oder später kriegen wir Livingston", sagte er fest und schmiegte sich an sie. „Auf die eine oder andere Art. Er hängt fest am Haken und irgendwann geht er uns in Netz. Sag einfach, wenn ich … wenn ich absagen soll. Ich werde dich nicht zwingen und keiner wird dir deswegen böse sein."
„Nein", sagte sie entschlossen. „Du wirst nicht absagen, denn ich steh das irgendwie durch." Sie sah ihn an und verzog das Gesicht. „Du hast mir schon so oft gezeigt, dass ich über meine eigenen Grenzen hinausgehen kann und ich werde… werde es auch diesmal schaffen. Es muss ein Ende haben. Jetzt!" Sie befreite sich aus seiner Umarmung und eilte auf die Garderobe zu. „Aber lass uns jetzt sofort gehen. Sonst überlege ich es mir möglicherweise noch anders."
William nickte grinsend, eilte dann auf seinen Laptop zu und gab eine letzte kurze Nachricht weiter. Dann lief er, schnappte sich seine Jacke und den nun vollends gepackten Rucksack und schwang ihn über die Schulter. „Du bist einfach unglaublich. Das stelle ich jeden Tag wieder erneut fest", sagte er und strahlte sie an. „Ich hab ja immer schon gewusst, dass in dir eine unglaubliche Kraft schlummert und ich bin unglaublich froh, dass du dich niemals unterkriegen lässt." Er beugte sich vor und gab ihr einen flüchtigen Kuss. „Das ist einer der Gründe, warum ich dich so liebe", sagte er, riss die Tür auf und lief die Stufen herab.
„Wow", murmelte Buffy, die noch immer in der offenen Tür stand. Ob nun gewollt oder nicht, er hatte sie komplett aus dem Konzept gebracht. Mit nur einem einzigen Satz hatte er ihre Welt wieder einmal aus den Fugen gehoben und sie sah ihm fassungslos dabei zu, wie er seinen Rucksack zwischen den beiden Vordersitzen einklemmte. Dann lächelte sie und zog die Tür hinter sich zu. „Der Mann ist unbeschreiblich", murmelte sie, während sie die Treppe hinunter stieg, und sie fühlte plötzlich, wie alle Angst von ihr wich. Sie würde auch diese Hürde nehmen, da war sie sich ganz sicher!
*~*~*
„Also gut", sagte William und sah sie aufmunternd an. Sie hatten die Ausfahrt des Resorts erreicht und er setzte den Blinker. „Die Straße führt jetzt ungefähr zwei Kilometer geradeaus. Dann kommt diese lang gezogene Kurve, in der du abspringen musst. Und hab keine Angst davor, auch wenn du auf der Seite mit dem Abgrund bist. Ich werde ganz auf der linken Seite fahren, sodass du platz genug hast und nicht Gefahr läufst, zu nah an den Straßenrand zu geraten."
„Okay", murmelte Buffy und sah schnell aus dem Fenster. Sie musste nun Kräfte sammeln, konnte sich dann die Frage doch nicht verkneifen, die ihr auf der Zunge lag. „Und dieser steile Straßenabschnitt? Der, wo Barett voraussichtlich die Bremsleitung sprengen wird, kommt er direkt nach dieser Kurve?" Sie sah ihn an und die Nervosität stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Ja", nickte er und nahm kurz ihre Hand. „Aber bitte, komm nicht auf die Idee, nach mir zu schauen. Bleib wo du bist. Versprich es mir! Besser wäre sogar, wenn du dich in den Büschen am Straßenrand versteckst. Sicher ist sicher. Ich will nicht, dass dich irgendwer sieht. Ich gehe zwar davon aus, dass Hopkins irgendwo dort Männer postiert hat, die ein Auge auf die Lage haben, aber es kann immer etwas schief gehen."
„Versprochen", sagte Buffy und hatte keine Gelegenheit mehr, weiter darüber nachzudenken. Die Kurve kam und William drosselte die Geschwindigkeit so weit herunter, sodass der schwere Geländewagen nur sehr langsam vorwärts kam. Wie versprochen lenkte er ihn links an den Straßenrand und nickte ihr zu. „Du schaffst das."
Die Zähne zusammenbeißend öffnete sie die Tür und sah ängstlich hinaus. Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. Die Kurve war nicht endlos und auf dem steilen Teil der Straße wollte sie keinesfalls herausspringen müssen. Schnell warf sie einen letzten unsicheren Blick auf William und hüpfte mutig hinaus. Es war überraschend einfach. Auch die Landung. Ihr Kampftraining hatte ihr das richtige Fallen gelehrt und sie landete schlussendlich sanft in einer Schneewehe. Sie sprang auf und rannte in die Straßenmitte, um dem davon fahrenden Wagen hinterher zusehen. Der Landrover nahm schnell Fahrt auf und gerade, als er auf dem Abhang außer Sicht kam, hörte sie eine kleine Explosion. „Oh Gott! Wenn das mal gut geht!"
„Sicher wird es das", sagte eine wohlbekannte Stimme in ihrem Rücken und sie schoss herum. Tom Livingston stand nur zwei Schritte hinter ihr und grinste sie gehässig an.
„Hast du wirklich gedacht, dass ich auf diese kindischen Spiele hereinfalle?" Er lachte fies. „Ich habe keinen Schimmer, was für einen kleinen Freund du dir da zugelegt hast, aber ich kann dir versichern, dass du ihn nicht mehr wiedersehen wirst." Er kam langsam näher. „Ich wusste, dass ihr die Sprengladung unter dem Wagen gefunden habt und dann gestern die Scharade an der Rezeption, damit wir auch ja wissen, wann und wohin ihr fahrt. Lächerlich und so durchschaubar! Haltet ihr mich tatsächlich für so dämlich? Mir war sofort vollkommen klar, warum er diese Strecke gewählt hat und ich wusste, dass ich dich hier in Empfang nehmen können würde." Wieder lachte er und schüttelte wild den Kopf dabei. „Was ihr beiden allerdings nicht wusstet, ist, … dass wir eine zusätzliche Überraschung für deinen Liebhaber eingebaut haben. Also warte gar nicht erst auf eine Hilfe, die nie kommen wird."
„Was hast du Mistkerl gemacht?", fauchte Buffy, die den ersten Schock überwunden hatte und so voll Adrenalin steckte, dass sie keine Angst spürte. „Was hast du getan?"
„Vollkommen unwichtig", sagte Livingston und lächelte hoch zufrieden. „Du hättest von Anfang an einfach tun sollen, was ich von dir wollte. Dann wäre das alles hier…", sagte er und machte eine ausholende Bewegung, „vollkommen unnötig gewesen. Und dabei ist es für euch Frauen doch so einfach. Ein bisschen Zuneigung heucheln… fällt euch doch sonst nicht schwer. Aber du… hast mich vor der ganzen Kanzlei lächerlich gemacht, mich gedemütigt und blamiert." Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, wurde finster und er ging drohend einen weiteren Schritt auf sie zu. „Tom Livingston wird nicht von irgendeiner dahergelaufenen Schlampe verunglimpft!" Dann lachte er wieder und etwas wie Wahnsinn blitzte in seinen Augen auf. „Du hast es mir verdammt schwer gemacht. Gleichzeitig aber auch sehr interessant und es wird mir ein wahres Vergnügen sein, dir höchstpersönlich den Hals umzudrehen und dich für immer und ewig zum Schweigen zu bringen!"
*~*~*
William wusste schon kurz nach der Explosion, dass irgendetwas furchtbar schiefgelaufen war. Er hatte versucht die Fahrertür zu öffnen, doch so oft er es auch versuchte, es passierte einfach nichts. Die Straße wurde immer steiler und trotz des vielen Schnees wurde der Landrover immer schneller. „Mist", fluchte er und versuchte einen kleineren Gang einzulegen. Aber die Schaltung blockierte völlig, es ließ sich überhaupt kein Gang mehr einlegen und der Wagen schoss im Leerlauf die steile Straße hinab. Seine Gedanken rasten. „Scheiße, verdammte! Lass dir was einfallen", schimpfte er und brauchte beide Hände, um den Wagen um die nächste Kurve zu lenken. Mit fahrigen Fingern versuchte er es mit der Handbremse, aber auch die brachte nicht den nötigen Erfolg. Den Zündschlüssel zu ziehen, würde auch nicht weiterhelfen, denn dann fehlte ihm zusätzlich noch die Servolenkung, die er nun doch so dringend zum Lenken brauchte.
„Das Fenster! Raus aus dem Fenster!", schrie er sich selbst an und versuchte den Wagen auf der Straße zu halten. Doch auch dafür hatten Livingston und Barett sich etwas einfallen lassen, denn es ließ sich trotz seiner Bemühungen nicht herunterfahren. „Jetzt reicht es!", zischte er, hielt das Steuer nur noch mit der linken Hand und griff rasch in seine Jacke. Die Waffe war schnell gegriffen und noch schneller war sie entsichert. Er schoss und im gleichen Moment kam der Wagen endgültig von der Straße ab. Er schlingerte wild hin und her und auch die Schneeberge am Rand der Straße konnten ihn nicht länger davon abhalten, den Weg in die Tiefe zu finden.
*~*~*
Ein fruchtbar lauter Knall ließ Buffy herumfahren und das Geräusch warf ihr eine Gänsehaut über den Rücken, denn es hallte an den Wänden der Berge wider und verebbte nur schleppend.
„Das war es dann mit deinem kleinen Freund", riss Livingston sie zurück in die Wirklichkeit. „Er hatte nicht die geringste Chance und die letzten Minuten deines jämmerlichen Lebens kannst du damit verbringen, dir die Schuld an seinem Tot zu geben." Er packte Buffy und als er sie herumwirbelte, starrte sie geradewegs in seinen Revolver. „Aber noch nicht. Ich will noch ein paar Minuten deine Angst genießen."
Buffy spuckte ihn an und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. Allerdings lachte er nur und hielt die Waffe direkt an seine Stirn. „Du wärst bestimmt ein wahres Vergnügen im Bett gewesen. So viel Feuer wie in dir steckt."
„Du verfluchtes Dreckschwein", zischte Buffy, wagte es sich jedoch nicht, sich zu bewegen. „Du wirst deine Rechnung bekommen. Ob du mich tötest oder nicht." Sie lachte plötzlich. „Du hast ja keine Ahnung, wer William war. Du wirst dich noch wundern. Sei dir dessen gewiss!"
„Wer soll er denn schon gewesen sein?", lachte Livingston siegessicher. „Niemand, wirklich niemand kann stellt sich gegen mich. Niemand!"
Doch dann war er es, der zurückschreckte. Zwei Männer in weißen Jacken und Hosen stürmten aus den verschneiten Büschen auf ihn zu. Beide mit der Waffe im Anschlag und beide schrieen zeitgleich. „FBI! Lassen Sie die Frau los und die Waffe fallen. AUF DER STELLE!"
Buffy erkannte Andrew, doch den anderen Agenten hatte sie nie zuvor gesehen. Sie sah Andrew hilflos an und für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Er schüttelte sachte den Kopf und signalisierte ihr, dass sie sich ruhig verhalten und auf keinen Fall versuchen sollte, sich alleine zu befreien. Und für einen kurzen Augenblick sah es aus, als würde Tom Livingston sich geschlagen geben. Doch dieser winzige Augenblick verflog. Er wirbelte Buffy herum, sodass ihr Rücken hart gegen seine Brust prallte und richtete die Waffe in seiner Hand auf die Agenten. Dann lachte er. „FBI. Nein, so was aber auch! Dann habe ich also einen eurer Kollegen getötet? Wer hätte das gedacht?" Er lachte höhnisch. „Nun, darauf kommt es auch nicht mehr an."
„Das Spiel ist aus", rief Andrew mit eiskalter Stimme und ging einen Schritt auf ihn zu. Seine Waffe war noch immer auf Livingstons Kopf gerichtet, doch er warf Buffy wieder einen warnenden Blick zu. „Dein Kumpel Barett plaudert schon aus eurem gemeinsamen Leben und er ist kaum mehr zu stoppen. Nicht besonders helle, das Kerlchen. Schon gar nicht ohne seinen gerissenen Partner."
Doch wieder lachte Tom Livingston nur. „Ja, Barett war noch nie einer der Hellsten. Aber was du und dein Freund", meinte er und seine Waffe wanderte von einem zum anderen, „noch nicht begriffen habt, ist, dass das vollkommen unwichtig ist. Das Spiel ist gelaufen, doch ich werde es so beenden, wie ich es für richtig halte." Erst ging er nur einen Schritt rückwärts, dann einen zweiten, ohne dass er Buffy losließ.
„Bleiben Sie stehen, Mann", schrie Andrew, als er verstand was Livingston
vorhatte. „Lassen Sie die Frau gehen. SOFORT!." Er hatte kein freies Schussfeld,
denn Livingston machte nicht den Fehler, seinen Kopf zu weit hervorzustrecken.
Auch sein Kollege signalisierte, dass es ihm ebenso erging und Andrew wusste,
dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.
Livingston schüttelte nur wild den Kopf und versteckte sich rasch wieder hinter
seiner Geisel. „Im Leben wollte sie nicht mir gehören", sagte er und ging wieder
einen Schritt rückwärts auf den steilen Abgrund zu. „Aber im Tod werde ich sie
für immer an mich binden."
Erst jetzt erwachte Buffy aus ihrer Starre. Sie ruderte mit den Armen und kämpfte gegen seine Rückwärtsbewegung an, doch er war viel größer und kräftiger als sie und hatte keine Schwierigkeiten, ihre Bewegungen abzufangen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sie nur noch wenige Schritte vor dem sicheren Tot trennten und sie schrie aus Leibeskräften. Doch auch davon ließ der Anwalt sich nicht beeindrucken. Er hielt sie so eisern fest, dass sie kaum mehr atmen konnte und schleifte sie Schritt für Schritt hinter sich her. Dann gellte ein Schuss durch die Luft, dröhnte in ihren Ohren und alles um sie herum wurde schwarz.
Teil 21
Ihr war warm, sie fühlte sich sicher und geborgen und nur ganz langsam erwachte Buffy aus einer trüben Nebelsuppe, die jeden ihrer Gedanken zu verschlingen schien. Doch dann kehrten sie mit Macht zurück und sie schoss voller Panik hoch. „Hey, Kleines", sagte eine wohlbekannte Stimme und stoppte ihre Bewegung sofort. „Da bist du ja wieder. Ich habe mir schon Sorgen gemacht!"
Fassungslos starrte sie in Williams wunderbar blaue Augen und ihre Arme schossen um ihn, bevor sie auch nur wusste, was sie tat. „Oh mein Gott. Ich dachte, ich dachte, … du wärst tot." Sie klammerte sich an ihn und erst langsam wurde ihre Umgebung klarer. Sie lag auf der mit Schnee bedeckten Straße, obgleich Willliam offenbar eine wärmende Decke über sie ausgebreitet hatte, was auch die Wärme erklärte. Überall liefen Männer herum, einige in weißen Tarnjacken, andere in normaler Straßenkleidung, doch offenbar gehörten sie alle zu seinem Team und da ihre Wahrnehmung noch etwas vernebelt war, dauerte es einen Moment, bis ihre Erinnerung vollkommen zurückkehrte. „Wo ist er?", keuchte sie und bäumte sich auf.
Doch William hielt sie fest und schüttelte den Kopf. „Er ist tot. Es ist vorbei!" Er sah sich um, erkannte das Lichtsignal eines der auf der Straße stehenden Wagen und packte sie einfach. Er hob sie mit samt der Decke hoch und trug sie die Straße entlang auf das Auto zu.
„Ich kann alleine laufen", brummte sie unwirsch und versuchte, von seinen Armen zu hüpfen. Doch er ließ nicht locker, packte sie fester und hielt sie eisern fest.
„Und ich trage dich für mein Leben gern. Lass mich doch", sagte er und grinste sie kess an. „Andere Frauen würden sich freuen, wenn ihre Männer sie auf Händen tragen würden."
„Spinner", murmelte sie und musste lachen. Doch dann erinnerte sie sich wieder an ihre Situation und versuchte auf ihn einzureden. „Ich will nicht, dass du mich … wegbringst. Ich will wissen, was passiert ist. Lass mich runter." Und da er einfach weiterging, fing sie an zu schimpfen. „Spike", donnerte sie. „Lass mich runter. Ich will wissen, was passiert ist und warum du… oh Gott, habe ich dir eigentlich gesagt, wie froh ich bin, dass dir nichts geschehen ist?", fragte sie und einen Moment klammerte sie sich an ihn. Doch eben nur einen Moment. „Und jetzt lass mich runter. Ich will … und wo bringst du mich überhaupt hin?"
Doch die Frage erübrigte sich. Neben ihnen tauchte ein Wagen auf, die Hecktür öffnete sich wie von Geisterhand und William hob sie ohne viel Federlesens hinein. Noch bevor sie protestieren konnte, schwang er sich selbst neben sie und der Wagen setzte sich in Bewegung. „Was…", entfuhr es ihr und sie streifte die Decke ab und sah hinten aus dem Fenster heraus. Männer liefen herum, telefonierten oder sprachen untereinander, sie erkannte Andrew, der einen Schritt zur Seite trat und sie erblickte Tom Livingston. Er lag leblos im Schnee, der sich um seinen Kopf herum blutrot verfärbt hatte.
„Ein ganz hervorragender Schuss, Grey", sagte die tiefe Stimme von Anthony Hopkins und Buffy schoss herum. Sie hatte bisher nicht auf den Fahrer geachtet und war verwirrt und erstaunt zugleich.
„Danke, Sir", sagte William und warf Buffy einen liebevollen Blick zu. „Ich hatte nur die eine Chance und die konnte ich kaum ungenutzt verstreichen lassen."
William hatte also geschossen. Das war, was sie zuletzt gehört hatte, bevor sie… Buffy seufzte innerlich. Sie war ohnmächtig geworden und sie schämte sich deswegen furchtbar. Sie sackte ein Stück in sich zusammen und ließ sich bereitwillig von William in die Arme ziehen. „Es ist vorbei", sagte sie leise. „Endgültig vorbei."
*~*~*
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Buffy sämtliche Einzelheiten erfahren sollte und sie übte sich mehr oder weniger in Geduld. Hopkins brachte sie ohne Umwege direkt zu seiner Hütte und William hatte nicht einmal etwas dagegen, dass sie auf wackeligen Beinen selbst die Stufen bis dort hinauf erklomm. Im Wohnbereich angekommen nahm er ihr die Jacke ab und begleitete sie zum Sofa, wo er sie sogleich in warme Decken verpackte.
„Nun ist aber gut", schimpfte sie, als er die Kissen in ihrem Rücken wieder und wieder zurechtrückte. „Ich bin nicht krank, also lass das!"
„Nun lass mich doch", meinte er und lächelte sie unwiderstehlich an. „Außerdem darf ich das jetzt", sagte er, beugte sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Peinlich wurde Buffy bewusst, dass sein Boss zusah und sie schob ihn
entschieden von sich. „Nicht hier und nicht jetzt", schimpfte sie und fing dabei
einen Blick von Anthony Hopkins auf. Doch der stattliche Mann wirkte keineswegs
brüskiert, sondern eher belustigt. Sie warf die Decken von sich und setzte sich
auf. „Kann mir bitte jetzt jemand erklären, was passiert ist?", forderte sie und
sah von einem Mann zum anderen.
„Gleich", sagte Hopkins. „Andrew wird bald hier sein. Chris kümmert sich mit
Anderson und Eve zusammen um Barett und der Rest der Männer sperrt den Bereich
auf der Straße ab, bis der Coroner unseren Freund Livingston abgeholt hat und
sie den Tatort wieder freigeben können." Er nickte Buffy und William zu, ging
dann in seine wahrhaft luxuriöse Küche und stellte eine Kaffeemaschine an, die
binnen weniger Sekunden zu blubbern anfing und einen herrlichen Duft verströmte.
„Wie bist du aus dem Wagen herausgekommen?", fragte Buffy leise und sah William an, der entspannt neben ihr auf dem Sofa saß. „Livingston meinte, du hättest keine Chance und ich… hatte schreckliche Angst, dass du…"
Doch auf eine Antwort musste sie warten. Die Tür öffnete sich und Andrew kam
herein. Auch er sah hoch zufrieden aus und nickte Buffy wohlwollend zu. Sie
sackte ein Stück in sich zusammen, denn ihr war es immens peinlich, dass sie
einfach ohnmächtig geworden war und augenscheinlich jeder davon wusste.
„Ich sehe, dir geht es wieder gut", sagte Andrew, zog seine Jacke aus und warf sie achtlos auf den Boden. „Ich dachte schon, du erstickst mir. Du warst schon ganz blau angelaufen, als … William seinen rettenden Schuss abgab."
„Blau?", fragte sie verwirrt und sah William an. „Warum war ich blau angelaufen?"
Nun war es William, der sie verwirrt ansah. „Livingston hat dir mit seinem Arm die Luft abgedrückt, als er dich hinter sich herschleifte. Das konnte ich sogar durch das Zielfernrohr sehen", sagte er und nahm ihre Hand. „Hast du… das nicht bemerkt?"
„Nein", sagte sie und runzelte die Stirn. „Aber jetzt weiß ich jedenfalls, warum… warum ich ohnmächtig wurde." Sie stockte und versuchte sich die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. Nur widerwillig erinnerte sie sich an die Panik, die sie erfasst hatte, als Livingston sie näher und näher an den Abgrund gezogen hatte. Sie hatte versucht zu kämpfen, doch er war so viel stärker gewesen und…
„Es war wirklich verdammt knapp", riss Andrew sie zurück in die Unterhaltung. „Und dabei war der Mistkerl noch so verdammt schlau. Ich konnte nicht schießen, ohne dich zu gefährden." Er klopfte William auf die Schulter. „Achthundert Meter, Mann. Und das bei dem Wind! Alle Achtung!"
„Wollen wir Miss Summers nicht einen Überblick über das ganze Geschehen geben?", fragte nun Anthony Hopkins, der Kaffeetassen und Kekse anschleppte. „Ich denke, dass hat sie sich verdient, vor allem, weil die Aktion nicht so gelaufen ist, wie sie geplant war."
Das Team setzte sich rund um den Couchtisch und nachdem jeder eine gefüllte Tasse vor sich stehen hatte, wanderten alle Blicke automatisch zu Anthony Hopkins, der nickte und auch sogleich zu erzählen begann. „Wir haben erst gemerkt, dass der Plan nicht wie gewünscht funktionierte, als Barett seinen Wagen nicht wie geplant nach Castle Rock lenkte, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Offenbar hat Livingston einen unbeobachteten Moment genutzt, um in seinen eigenen Wagen zu steigen. Der Agent, der für die Überwachung zuständig war, hat Baretts Wagen auf dem Parkplatz für einen Atemzug aus den Augen verloren, als der Lieferwagen einer Reinigungsfirma ins Gelände des Resort abbog. Mit unserem derzeitigen Wissen gehen wir davon aus, dass es wirklich Zufall war, dass Livingston gerade diesen Moment wählte, um in sein eigenes Auto umzusteigen, denn er hat offensichtlich nicht gewusst, dass ihm ein ganzes Team von Agenten auf der Spur war."
Er lehnte sich über den Tisch, goss Milch in seinen Kaffee und rührte bedächtig um. „Ein Teil des Teams ist Barett gefolgt und hat ihn natürlich sofort gestellt. Und, als klar war, dass Livingston nicht mit im Auto saß, brach die Hölle los und alle verließen ihren vorgesehenen Posten, um sofort in die entgegengesetzte Richtung zu stürmen." Er sah Andrew an. „Andrew und Parker Anderson", fuhr er an Buffy gewandt fort, „hatten sowieso einen Beobachtungsposten über der Kurve, in der Sie abspringen sollten. Sie haben Livingston ankommen sehen und sind sofort losgestürmt."
„Wir mussten allerdings ein ganzes Stück durchs Gelände", warf Andrew nun ein und sah zu William, der bedächtig nickte. Rasch fuhr der Agent fort: „Als wir endlich unten ankamen, hatte sich Livingston Miss Summers schon gegriffen und machte keine Anstalten, ohne Gegenwehr aufzugeben. Ich hatte zudem kein freies Schussfeld. Anderson ebenso wenig und die Situation wurde brandgefährlich, als Livingston begriff, dass es für ihn kein Zurück mehr gab. Er war aufgeflogen und all seine Verbrechen würden ans Licht kommen. Er sah nur den einen Ausweg…"
Buffy hatte natürlich aufmerksam zugehört, doch etwas wirklich Wichtiges war nicht dabei gewesen. Das alles hatte sie bereits gewusst, oder zumindest erahnt und deswegen sah sie zu William, der genüsslich einen Schluck Kaffee trank. „Wie bist du aus dem Wagen herausgekommen?", stellte sie wieder die Frage, auf die sie unbedingt eine Antwort wissen wollte. „Livingston sagte mir… er sagte, dass sie ein paar zusätzliche Überraschungen eingebaut hätten und es für dich keine Möglichkeit geben würde…"
„Es muss erst noch ein Auto gebaut werden, aus dem ich nicht herauskomme", lächelte er und nahm ihre Hand. „Zugegeben, es war nicht gerade einfach, denn alles, was an der Kiste noch funktionierte, war die Lenkung. Ich habe das Seitenfenster auf der Fahrerseite zerschossen, hab mir meinen Rucksack geschnappt und bin in dem Moment abgesprungen, als der Rover über die Klippe segelte." Er zuckte mit den Schultern, ganz so, als wäre es die normalste Sache der Welt. „Dann bin ich wie ein Irrer den Weg heraufgelaufen, hab dich, Livingston und Andrew gesehen und wusste, dass ich niemals genug Zeit haben würde, um rechtzeitig zu euch zu gelangen. Ich hab mir rasend schnell einen günstigen Platz gesucht, mein Gewehr aus dem Rucksack geholt und … den Rest kennst du."
Einen Moment sah Buffy ihn stumm an, dann wandte sie sich an Hopkins. „Und was jetzt? Was ist mit Barett?"
„Barett redet ohne Punkt und Komma. Er spuckt jedes Verbrechen aus, dass er und Livingston zusammen geplant und durchgeführt haben. Er ist wirklich nicht gerade sehr helle", lächelte der große Mann bedächtig. „Aber es scheint, als wäre er selbst froh darüber, dass nun alles vorbei ist und er es sich von der Seele reden kann. Offensichtlich ist er ohne einen starken Partner im Hintergrund nicht zu gebrauchen."
„Du bist eigentlich ganz raus aus der Sache", sagte William, der wieder
einmal ihre Gedanken zu lesen schien. „Wir haben drei Aussagen von dir. Das
reicht, um dich vollkommen außen vorzulassen."
„Drei?", fragte Buffy verwirrt, die sich nicht mal an eine erinnern konnte.
Außer vielleicht… die Unterhaltung mit Williams Boss an dem Morgen, als er so
unerwarteter Weise in ihrer Hütte aufgetaucht war.
„Ja, drei", lächelte William. „Eine bei mir, die natürlich ausführlich in meinen Bericht stehen wird. Eine bei unserem Boss und auch Andrew wird in seinen Bericht aufnehmen, was du ihm erzählt hast."
„Oh", murmelte Buffy. „Gut. Aber was bedeutet das jetzt für mich?"
„Für Sie", sagte Anthony Hopkins und erhob sich, „bedeutet das, dass Sie in Ihr früheres Leben zurückkehren können. Sobald die Kanzlei von uns hören wird, werden Sie auch sicherlich ohne Schwierigkeiten Ihre alte Stelle zurückbekommen. Vielleicht steigen Sie sogar ein wenig in der Hierarchie auf, denn Menschen, die unter Lebenseinsatz dem FBI zur Seite stehen, werden immer gerne als Aushängeschild gezeigt." Er nickte und deutete Andrew an, aufzustehen. „Unser Auftrag ist erledigt. Wir packen nur noch unsere Sachen und in weniger als zehn Minuten sind wir verschwunden." Dann lächelte er, griff in die Innentasche seiner Anzugjacke und holte einen Briefumschlag heraus. „Ihr Antrag auf Urlaub wurde bewilligt, Mr. Grey. Allerdings nur zwei Wochen, länger kann das Team nicht auf Sie verzichten." Er nickte Buffy und William zu und ein breites Lächeln zierte sein Gesicht. „Übrigens habe ich veranlasst, dass all Ihre Sachen in diese Hütte gebracht werden. Sie ist bereits bezahlt und… nun ja… wir sehen uns in zwei Wochen!"
*~*~*
Es dauerte eine ganze Stunde, bis Buffy und William endlich alleine waren. Buffy fühlte sich hundemüde und ließ sich seufzend auf das Sofa niedersinken, William wartete einen Augenblick, setzte sich dann neben sie und nahm vorsichtig ihre Hand. „Ich will doch wirklich nicht überfordern", sagte er leise, „und vielleicht ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich muss gestehen, Hopkins Vorschlag, deine alte Stelle wieder anzutreten, hat mich ein wenig… aus dem Konzept gebracht."
Einigermaßen verwirrt sah sie ihn an und es dauerte einen Moment bis sie wusste, worauf er hinaus wollte. „Ach du meine Güte", sagte sie ehrlich. „Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Mein ganzer Kopf ist voll mit den Geschehnissen des Tages, dass ich nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet habe." Sie sah ihn an und seine Enttäuschung war beinahe greifbar.
„Verstehe", murmelte er geknickt, denn erhofft hatte er sich eine ganz andere Antwort. Eine, die ihn glücklich gemacht hätte. Er hatte ein klares „Nein" hören wollen. „Nein, ich gehe nicht zurück nach L.A." Doch offenbar war sie sich nicht sicher deswegen. Er hätte es wissen müssen. Hätte nicht…
„Wie ist eigentlich das Wetter so in Washington?", fragte Buffy und lächelte sachte. Sie stand auf und setzte sich auf seine Oberschenkel. „Ich habe gehört, dass es vor allem im Winter wirklich kalt sein soll."
Er lächelte überrascht und auch glücklich und zog sie nah an sich. „Ich habe einen Kamin, der nur darauf wartet, angefacht zu werden", sagte er und küsste sie. Erst sehr vorsichtig, dann immer stürmischer. „Allerdings werden wir zusammen noch einen Teppich aussuchen müssen", meinte er nach einer Weile schwer atmend. „Einen besonders kuscheligen!"