
Broken Twilight
Dunkelheit hatte sich wie ein schwarzer Schleier über die Stadt gelegt. Selbst die bunte, weihnachtliche Beleuchtung der Geschäfte schien an diesem Abend dumpfer als sonst. Doch Buffy störte das nicht. Sie grinste still vor sich hin und dachte an die Begegnung mit den Kindern, die sie vor dem Drugstore angetroffen hatten.
„Ich weiß wirklich nicht, was daran so lustig ist", maulte der Vampir neben ihr und verzog böse das Gesicht.
„Mein Gott, Spike", erwiderte Buffy kopfschüttelnd, blieb stehen und sah ihn möglichst ernst an. „Das waren kleine Kinder. Ich fasse es einfach nicht", sagte sie dann und seufzte. „Du bist über hundertzwanzig Jahre alt. Dir sollte es egal sein, was Kinder von maximal acht Jahren über deinen blöden Mantel sagen."
„Pffft", machte Spike beleidigt. „Dir hat ja auch keiner gesagt, dass du
heute Abend aussiehst wie eine Schlam…"
„Wag es nicht, das auszusprechen", zischte Buffy und ihre Augenbrauen zogen sich
zornig zusammen.
„Ach, das willst du wohl nicht hören!", erwiderte der Vampir hinterlistig und grinste fies.
„Verdammt, Spike. Das waren Kinder. Die haben nicht einmal eine Ahnung, was ein Grufti überhaupt ist", schimpfte Buffy. „Das kommt halt davon, wenn man nur schwarze Klamotten trägt." Sie lächelte falsch. „Und außerdem hatten sie nicht einmal so Unrecht", feixte sie dann. „Immerhin wohnst du in einer Gruft."
Bevor der Vampir etwas erwidern konnte, ging sie weiter. Sie bog um die nächste Straßenecke, sah von weitem schon das Werbeschild der Magic Box und seufzte lautlos. Wenn Giles heute wieder nicht sagen würde, was ihm auf dem Herzen lag, dann, dann… Zumindest würde sie verflucht sauer werden.
Seit Tagen grübelte der Wächter nun schon und es wurde immer schwerer, überhaupt ein vernünftiges Wort aus ihm herauszubekommen. Sie hatte ihn mehrfach gefragt, nur nie eine vernünftige Antwort bekommen. Heute würde sie sich nicht so leicht abspeisen lassen.
„Kommst du", rief sie dem Vampir zu, der leise vor sich hin grummelte.
Zusammen überquerten sie die Straße und beinahe erleichtert öffnete sie schließlich die Tür. Wie nicht anders erwartet, saß ihr Wächter am Tisch und war in ein Buch vertieft, das älter zu sein schien, als die Menschheit selbst.
Anya, die hinter dem Verkaufstresen stand, seufzte nach einer kurzen Begrüßung, zuckte mit den Schultern und machte dann eine Geste, die zeigte, dass sie den Wächter am liebsten aus dem Laden werfen würde.
„Hey, Giles", sagte Spike in normaler Lautstärke, doch der Angesprochene reagierte nicht.
„Erde an Giles", rief Buffy, die mittlerweile dicht neben ihrem Mentor stand. „Hallo!" Sie fuchtelte mit den Armen vor seinem Gesicht hin und her und er sah erschreckt auf.
„Oh, ähm… Hallo", murmelte er leise, richtete seine Brille und blickte sie dann verwirrt an. „Gibt es etwas Besonderes?"
„Ja, allerdings", brummte Buffy. „Sie!"
„Ich verstehe nicht", erwiderte der Wächter, nahm verstört seine Brille ab und polierte sie.
„Die Jägerin will wissen, in welchen Sphären Sie momentan schweben", brummte der Vampir missmutig.
„Meine Güte, Giles", schimpfte Buffy, weil ihr Mentor nach wie vor verständnislos um sich blickte. „Es reicht langsam. Mein Bauchgefühl sagt, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn Sie so lange grübeln."
„Ja, nein…Ich weiß nicht. Vielleicht irre ich mich… Vielleicht sollten wir
uns da auch gar nicht einmischen und überhaupt… Wahrscheinlich jage ich
Gespenstern hinterher… Ein Incubus… nein. Könnte das sein?", nuschelte er
undeutlich.
„Okay, das reicht jetzt", meinte Buffy ernst. Sie nahm sich einen Stuhl und
setzte sich neben ihn. „Wie wäre es, wenn Sie uns erst mal erzählen, um was es
überhaupt geht."
„Das ist alles sehr kompliziert", seufzte der Wächter, drehte sich um und sah
Anya dann fragend an. „Wo ist denn Willow?"
„Willow und Tara sind vor Stunden gegangen. Sie wollten doch auf die
Weihnachtsparty von…ich hab vergessen, von wem", sagte sie und zuckte mit den
Schultern. „Jedenfalls sind sie schon seit Stunden weg und Sie…, Sie vergraulen
uns die Kundschaft."
„Warum?", fragte der Wächter verblüfft.
„Weil Sie seit Tagen mit einem Gesicht zum Weglaufen über ihren Büchern sitzen und die ganze Zeit wirre Sätze vor sich hinmurmeln."
„Oh, das tut mir leid. Ich… Warum?" Giles kratzte sich über das mittlerweile stoppelige Kinn und runzelte dabei die Stirn.
„Jetzt reicht es mir aber endgültig", schimpfte die Jägerin zornig und klatschte mit der flachen Hand donnernd auf den Tisch. „Das ist ja nicht auszuhalten! Ich will, verdammt noch mal, jetzt wissen, was zur Hölle hier los ist."
Spike grinste bei ihrer Wortwahl verhalten, schüttelte dann den Kopf und lehnte sich über den Tisch. „Jedenfalls der Welpe macht seinen Job", sagte er und nahm sich einen Donut aus dem Karton. „Er hat für Nachschub gesorgt."
„Noch einen Kakao mit Marshmallows dazu?", erkundigte Buffy sich sarkastisch und wandte sich dann wieder an ihren Wächter. „Es ist keinerlei Kundschaft im Laden, Sie können also frei sprechen. Und! Ich will jetzt eine vernünftige Antwort!"
„Also gut", seufzte Giles. Er reckte sich, ließ seinen Kopf kreisen und Buffy
konnte die Wirbel in seinem verspannten Nacken leise knacken hören. „Wir haben
vor…ich glaube, zwei Wochen einmal kurz über Jonathan Strikes gesprochen."
„Dieser durchgeknallte Irre, der in New York zwanzig Menschen abgeschlachtet
hat?", erkundigte Buffy sich verblüfft. Damit hatte sie nun nicht gerechnet.
„Ja, genau der", nickte der Wächter. „Er hat mehrere Menschen mit einer
Machete…", er machte eine Pause und schüttelte leicht den Kopf. „Das ist jetzt
unwichtig! Wie ich jetzt herausgefunden habe, war er bedeutend verrückter, als
wir gedacht haben. Obwohl das nicht unbedingt der richtige Ausdruck dafür ist."
„Und was soll daran interessant sein?", brummte der Vampir. „Amerika ist berühmt
für seine Massenmörder. Man denke nur an Charles Manson oder Ted Bundy."
„Charles Manson hat niemals einen Mord begangen. Er hat andere seine Gräueltaten ausführen lassen", warf Giles berichtigend ein und schüttelte wieder den Kopf. „Das ist jetzt auch vollkommen unwichtig", brummte er dann. „Wisst ihr, wo Jonathan Strikes aufgewachsen ist?", fragte er unvermittelt und sah neugierig von einem zum anderen. „Hier in Sunnydale", sagte er und nickte, als Buffy die Augenbrauen hochzog. „Er ist hier geboren und aufgewachsen. Erst zwei Wochen vor der Tat ist er überhaupt nach New York gefahren."
Die Türglocke der Magic Box klingelte und ein gut gelaunter Xander stürmte herein. „Wusste ich es doch", rief er, warf zwei Kartons mit Pizza auf den Tisch und eilte dann zu seiner Freundin, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu drücken.
„Was wusstest du?", fragte Buffy.
„Das am Abend alle wieder hier eintrudeln", grinste der Dunkelhaarige. „Deswegen habe ich auch gleich was zu Futtern mitgebracht."
„Ist eine davon mit Sardellen?", erkundigte Giles sich, öffnete neugierig einen Karton und guckte interessiert hinein.
„Aber sicher", lachte Xander. „Ich kenne ja meine Pappenheimer."
„Wie auch immer", meinte Spike und sah Xander abfällig an. „Können wir jetzt
bitte weitermachen?"
„Womit denn?", erkundigte sich Xander wissbegierig, zog seine Jacke aus und warf sie lässig über eine Stuhllehne.
„Halt einfach die Klappe, dann wirst du es erfahren", zischte Spike.
„Pffft", machte der Dunkelhaarige. „Hat Mister Vampir heute schlechte Laune?!"
„Also, ich würde jetzt auch gerne erfahren, was bitte an diesem Verrückten so interessant ist", sagte Buffy und sah Giles ernst an. „Können Sie uns bitte aufklären?"
„Also gut", nickte er, wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und sprach weiter. „Wie gesagt, Jonathan Strikes ist hier geboren und aufgewachsen. Ich habe Einsicht in alle Verhöre, alle Schriftstücke und Prozessakten. Er hat wiederholt erwähnt, dass ein Dämon ihm das Morden befohlen hat. Er war besessen, oder glaubte es zumindest zu sein."
„Hat der sich nicht umgebracht? Ich meine Jonathan und nicht den Dämon", mischte sich Anya in das Gespräch ein und verließ ihren Platz an der Kasse. „Er ist doch tot, oder?"
„Umgebracht? Eigentlich eher nicht. Aber tot ist er", meinte Giles. „Man hat ihn tot in seiner Zelle aufgefunden, aber mit tiefen Verletzungen am ganzen Körper, die er sich keinesfalls selbst beigebracht haben kann."
„Sie meinen, irgendein Wärter oder ein Mitgefangener hat ihn…?", fragte Xander und machte eine Geste, als würde er sich selbst den Hals durchschneiden.
„Eher nicht", erwiderte der Wächter und schüttelte den Kopf. „Wenn ihr mich fragt, dann war ein Dämon dafür zuständig."
„Okay", meinte Buffy und zog dabei die Buchstaben in die Länge. „Kann mir jetzt mal jemand erklären, was wir damit zu tun haben? Jonathan Strikes ist tot. In New York in irgendeinem Knast verreckt. Was interessiert uns das?"
„Also gut. Dann versuche ich es anders zu erklären", seufzte der Wächter. „Er stammt aus Sunnydale. Er ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und hat auch das College hier besucht. Er hat Football gespielt, hatte sogar ein Stipendium und war allseits beliebt. Seine Noten lagen über dem Durchschnitt, er hatte seit langem eine feste Freundin und seine Eltern sind das, was man Vorzeigeeltern nennen kann. Es gab nie Probleme mit ihm. In keiner Beziehung."
„Warum ist er dann so durchgedreht?", fragte Spike und zog die Augenbrauen zusammen. „Mal davon abgesehen, dass ich nicht an das perfekte Leben glaube, dass er scheinbar hatte", sagte er dann mit einem gehässigen Grinsen im Gesicht. „Zumindest war er niemand, der so ohne weiteres zum Massenmörder wird."
„Genau das ist es, was mich stutzig macht", meinte Giles und nickte bedächtig.
„Soll das heißen, ich muss jetzt losziehen und den Dämon suchen, von dem er möglicherweise besessen war?", fragte Buffy und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Dann habe ich aber eine Menge zu tun. Es ist Weihnachten, verdammt. Ich habe keinerlei Lust, meine ganze freie Zeit damit zu verschwenden, nach irgendeinem blöden Monster zu suchen!"
„Nein", meinte Giles. „Das musst du auch nicht." Er machte eine Pause. „Hm, es ist schwer zu erklären", sagte er dann und runzelte die Stirn. „Er ist tot. Darüber sind wir uns einig. Das Ganze ist jetzt vier Wochen her, sein Leichnam ist nach Sunnydale transportiert worden und eigentlich sollte er längst beerdigt sein..."
„Er liegt noch in der Leichenhalle?", grinste Spike. „Nett. Der stinkt bestimmt schon gewaltig."
„Genau das ist das Problem", sagte Giles, ohne weiter auf die Aussage des Vampirs einzugehen. „Er verwest nicht. Er zeigt keinerlei Anzeichen davon. Seine Haut, das Fleisch… alles ist makellos. Er sieht aus, als ob er schläft."
„Jetzt machen Sie es mal nicht so spannend", seufzte Buffy. So langsam wurde ihr das Gerede zu viel. Das war nichts für sie. Diese endlosen Diskussionen… Sie ging lieber raus und tat, was immer getan werden musste.
„Der Dämon ist noch immer in dem Körper", sagte Anya leichthin, nahm sich ein Stück Pizza aus einem der Kartons und biss herzhaft hinein. „Jonathan Strikes hat das scheinbar Unmögliche bewerkstelligt und dieses Monster in sich festgehalten, als er starb. Wie auch immer er das geschafft hat."
„Sehr wahrscheinlich", bejahte der Wächter und nickte erleichtert, da zumindest die Ex-Dämonin verstand, worauf er hinaus wollte. „Und wenn ich mich auf meine Recherche verlassen kann, dann handelt es sich bei dem Dämon um einen Incubus."
„Ein was?", fragte der Dunkelhaarige und grinste breit. „Das hört sich an wie
ein Würfelspiel."
„Ein Incubus", wiederholte Giles und sah Xander missmutig an. „Besser bekannt
als Nachtalb. Er verursacht schlechte Träume." Er machte eine bedeutungsschwere
Pause. „Nur dieser spezielle Dämon ist wohl seiner Art voraus. Er benutzt
Menschen, um an sein Ziel zu kommen. Einfache Träume reichen ihm nicht, um sich
zu ernähren."
Die Jägerin runzelte die Stirn. Dann erhellte sich ihr Gesicht und sie sprang
auf. „Dieser Strikes liegt hier in der Leichenhalle?" Und als der Wächter
nickte, grinste sie. „Kein Problem. Spike und ich erledigen das."
„So einfach ist das leider nicht", bremste Giles seine Jägerin. „Der Dämon ist
zwar in dem Körper des Toten, aber er hat keinerlei Gewalt über ihn. Er kann
nicht aufstehen und einfach verschwinden oder sonst was in der Art. Er ist in
einer Art Zwischenwelt gefangen. Wenn du Jonathan Strikes einen Pflock ins Herz
jagst, dann verstümmelst du nur den Körper des Jungen. Du erwischst den Dämon
nicht. Und ich befürchte, dass er früher oder später einen Weg findet, seinem
momentanen Gefängnis zu entkommen."
„Und was bitte soll ich dagegen unternehmen?", fragte Buffy und ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Ihr Blick sprach Bände und Spike konnte sich ein erneutes fieses Grinsen nicht verkneifen.
„Gute Frage", meinte Spike und sah den Wächter fragend an. „Welche Idee schwebt Ihnen durch den Kopf?"
„Es gibt eine Möglichkeit…", murmelte Giles und senkte den Kopf. Er atmete heftig ein, sah dann seiner Jägerin fest in die Augen und verzog das Gesicht. „Willow…und ich, zusammen könnten wir einen Zauber ausführen, der dich in die Gedankenwelt des Jungen bringt."
„Das ist doch total irre", schimpfte Spike böse. „Erstens ist er tot und zweitens…was sollte das bringen? Finden Sie einen anderen Weg!"
„Meiner Meinung nach ist es die einzige Möglichkeit, ihn zu vernichten", meinte Giles leise und musterte sein Gegenüber vorsichtig.
„Bescheuerte Idee", meckerte der Vampir. „So was von selten dämlich! Der Mistkerl ist tot, der denkt nicht mehr!"
„Er ist tot, aber der Zauber könnte…"
„Bloody Hell!", schrie der Vampir und sprang auf. „Sie haben eine Menge idiotische Ideen, aber diese hier… das ist wohl das allerletzte."
„Warum regst du dich eigentlich so auf?", erkundigte sich Buffy, die sich
über das merkwürdige Verhalten des Vampirs sehr wunderte. „Bisher diskutieren
wir doch nur."
„Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie es in dem Kopf eines Mörders
aussieht?", meckerte Spike und schüttelte den Kopf. „Macht, was ihr wollt! Ich
bin weg." Er sprang auf, warf seinen Stuhl vor den Tisch und rauschte aus dem
Zauberladen.
„Wow. Das war mal ein Abgang", grinste Xander.
„Ist es wirklich so schlimm?", fragte Buffy ihren Mentor leise.
„Ich befürchte, ja", erwiderte dieser ebenso leise. „Ja, ich befürchte schon!"
Teil 2
Der Vampir eilte durch die Straßen, fauchte jeden an, der es wagte, ihm nahe zu kommen und trat schließlich aufgebracht eine Mülltonne auf die Straße. ‚Wie dämlich sind die eigentlich? Verfluchte Scheiße! Buffy hat keine Ahnung, auf was sie sich da einlässt und Giles…der bekloppte Wächter noch viel weniger’.
Er selbst hatte über hundert Jahre mit einer Vampirin verbracht, die wusste, was es hieß, in die Gedankenwelt anderer abzutauchen. Gut, Drusilla war komplett durchgeknallt, aber er hatte oft genug gesehen, dass sie unter der schrecklichen Last beinahe zusammenbrach. Er hatte sie leiden sehen, obwohl sie selbst kein Gewissen hatte und es ihr eigentlich nichts ausmachen sollte.
„Verflucht!", zischte er wütend, stürmte in einen Drugstore und kaufte sich eine Flasche Whiskey, die er direkt vor dem Geschäft leer trank. „Sollen diese Idioten doch sehen, was sie da anstellen!"
************
„Und Sie sind sich sicher, dass das funktioniert?", fragte Willow besorgt. Sie sah zu Buffy, doch die zuckte nur mit den Schultern.
Xander hatte Tara und Willow abgeholt und zusammen mit den anderen standen sie nun vor der Leichenhalle.
„Ich weiß keinen anderen Weg", gestand der Wächter und seufzte. „Es wird
bestimmt nicht leicht, und wahrscheinlich kann ich mir nicht mal im
Entferntesten vorstellen, was Buffy in dem Kopf des Jungen findet. Aber wir
können nicht zulassen, dass der Dämon ein weiteres Opfer findet, dass in seinem
Namen neue Morde begeht."
„Mag sein", sagte Tara leise. „Aber gibt es denn keine Möglichkeit, ihn durch
ein Ritual oder einen Zauber aus dem Körper des… Jungen zu bekommen?"
„Das war es, was mich seit Tagen so beschäftigt hat", meinte Giles leise. „Ich habe wirklich alle Bücher durchgesehen, die sich irgendwie mit diesem Thema beschäftigen." Er seufzte. „Ich habe keine Möglichkeit gefunden. Mir gefällt es ganz und gar nicht, was Buffy da vor sich hat. Glaubt mir, ganz und gar nicht!"
„Mag ja sein", erwiderte Buffy. „Aber ganz verstanden habe ich das alles sowieso nicht", sagte sie dann und verzog das Gesicht. „Was hilft es mir, wenn ich durch die Gedankenwelt des Toten geistere? Selbst, wenn ich diesen Incubus finde... vernichten kann ich ihn dort nicht." Sie sah ihren Wächter ernst an. „Ich kann es mir nicht leisten, zu sterben. Das wissen Sie!"
„Du kannst ihn vernichten", nickte Giles ihr aufmunternd zu. „Du bist die Jägerin und somit eine Kämpferin für das Gute, gespickt mit positiver Energie. Du müsstest ihn zerstören können. Er ist bereits in einem geschwächten Zustand und bräuchte dunkle Emotionen, um sich wieder aufzuladen. Du kannst dich ihm entgegenstellen."
„Na dann los", brummte Buffy und stieß die Tür weit auf. Ganz sicher war sie sich nicht und wenn es nicht funktionierte… ‚Giles und Willow holen mich da schon wieder raus!’
***********
„Verdammt! Sie haben es tatsächlich gemacht", zischte Spike, der durch ein kleines Fenster in den Raum der Leichenhalle sah, in dem Jonathan Strikes aufgebahrt war. Zuerst war er in Richtung seiner Gruft gelaufen, doch dann hatte er es sich anders überlegt. Er war zur Magic Box zurückgekehrt, aber da die Tür verschlossen war, hatte er sofort gewusst, wo Buffy, Giles und die Anderen zu finden waren.
Anscheinend war die Jägerin bereits in die Gedankenwelt gewechselt und Spike schüttelte aufgebracht den Kopf. Sie hatten die mittlerweile bewusstlose Buffy auf eine Bahre gelegt und Willow und Giles standen so dicht neben ihr, dass er ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Aber er sah den Jungen, der seit etwas über vier Wochen tot war. Er lag auf einer Bahre und war von den Füßen bis zur Hüfte mit einem Laken zugedeckt.
Wie Giles gesagt hatte, zeigte der Körper keinerlei Anzeichen von Verwesung. Ganz im Gegenteil. Sogar die schrecklichen Wunden, die auf den Autopsiefotos zu sehen gewesen waren, hatten sich geschlossen und nicht einmal eine Narbe hinterlassen. Einzig der grausliche Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte nie enden wollende Panik.
„Was machen wir denn jetzt?", hörte er Willow und in ihrer Stimme lag eine Verzweiflung, die ihn aufhorchen ließ.
„Ich weiß es nicht", antwortete der Wächter und polierte nervös seine Brille. „Ich dachte, wir könnten sie einfach zurückholen…"
„Verdammt! Wir müssen sie da rausholen", schrie Xander aufgeregt. „Das schafft sie nicht. Lasst euch etwas einfallen! Sie zittert am ganzen Körper! Scheiße!"
Spike hatte genug gehört. Er stieß sich von der Wand ab und stürmte in die Leichenhalle. Vielleicht konnten diese Idioten Buffy nicht helfen. Er konnte es!
***********
Buffy lief durch immer schmaler werdende, bedrückend enge Tunnel und ein roter Schleier hatte sich über ihre Augen gelegt. Egal, wohin sie sich auch wandte, überall war ein undurchdringlicher roter Nebel, der Furchtbares zu verbergen schien. Jegliches Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen und sie hatte das Empfinden, schon seit Stunden durch dieses grässliche Labyrinth zu irren. Sie war nicht alleine. Das fühlte sie genau und manchmal meinte sie, eine leise irre Stimme murmeln zu hören.
„Ah, Buffy", krächzte plötzlich eine grausam heisere Stimme und diese Stimme schien aus allen Richtungen gleichzeitig auf sie einzuströmen. „Schön, dass du da bist", lachte das Wesen gehässig. „Ich habe eine kleine Überraschung für dich. Schau dir an, was ich mit deinem Freund gemacht habe!"
Die Jägerin schluckte schwer. Direkt vor ihr tauchte Xander auf. Seine Augen bluteten und die Haut in seinem Gesicht schlug Wellen. Dicke Blasen erschienen, platzten schließlich auf und grünlich weißer Eiter lief in Strömen aus den Wunden. „Buffy", flüsterte Xander leise, streckte ihr Hilfe suchend eine Hand entgegen und brach Sekunden später tot zusammen.
Erschrocken und angewidert schloss Buffy die Augen. ‚Das war nur eine
Illusion! Das war nicht die Wirklichkeit. Nur ein böser furchtbarer Traum.
Xander geht es gut.’
„Bist du dir da absolut sicher?", lachte die furchtbare Stimme wieder.
‚Er ist in meinem Kopf!’ Sie holte tief Luft. ‚Nein, ich bin in seinem! Oh, verdammt! Reiß dich zusammen!’
„Buffy", krächzte die Stimme wieder und eine grausame, freudige Erwartung schwang in ihr mit. „Es wird mir eine wahre Freude sein, dich leiden zu sehen!"
***********
„Verdammt! Jetzt macht doch was", schrie Xander in dem Moment, als Spike durch die Tür stürmte.
„Ihr verdammten Idioten", zischte der Vampir sofort. „Was zum Teufel habt ihr euch eigentlich dabei gedacht?" Er drängte den verdutzt guckenden Xander an die Seite, baute sich neben Buffy auf und rüttelte sie leicht an der Schulter. „Ihr könnt sie nicht zurückholen, richtig?" Er sprach leise, doch seine Augen verrieten seine Wut.
„Nein…ich… wir haben alles versucht", stammelte Willow und Tränen sammelten sich in ihren Augen.
„Der Dämon hält sie fest", murmelte der Wächter leise. Seine Schultern sackten herab und er seufzte leise.
„Wirklich toll gemacht", schnaubte der Vampir und trat drohend einen Schritt auf den Wächter zu. „Ihr könnt sie nicht befreien, also schickt mich hinterher!"
„Das geht nicht", erwiderte Giles und hob beschwichtigend die Arme, als Spike weiter auf ihn zuging.
„Und ob das geht! Verflucht!"
„Aber was ist, wenn wir dich darin auch verlieren?", warf Willow zögerlich ein.
Sie warf einen flüchtigen Blick auf Tara, die mit Anya zusammen wortlos neben
der Bahre des Jungen stand und seufzte schwer.
„Das wird schon nicht passieren", erwiderte Spike wütend. „Keiner von euch kann mich aufhalten. Also, schickt mich hinterher! Jetzt! Sofort!"
***********
Buffy fühlte sich gefangen, vollkommen hilflos und so langsam war sie am Ende ihrer Kraft. Dieses Wesen zerrüttete ihre Nerven, indem es ihr wieder und wieder die abscheulichsten Dinge zeigte. Sie hatte Willow sterben sehen, Giles und all die anderen. Jeder von ihnen auf furchtbare, bestialische Art und Weise. Und das Einzige, was sie konnte, war, dabei zuzusehen! Und als schließlich Dawn vor ihren Augen auftauchte, knickten Buffy die Beine ein und sie sackte auf den unebenen Boden dieser furchtbaren Tunnel.
Hass und Tod lagen in den Augen ihrer kleinen Schwester, deren Fleisch verrottete, während sie noch vor der Jägerin stand und unablässig heiser „Buffy" flüsterte.
Es war zuviel. Die Jägerin brach endgültig zusammen. Tränen flossen aus ihren Augen, als wieder „Buffy" Rufe durch das schier undurchdringliche rote Gewaber hallten.
„Buffy! Verdammt, wo bist du?"
‚Ich werde nicht hinsehen’, schwor sie sich. ‚Nein. Ich werde nicht hinsehen!’
Starke Arme legten sich um sie, zogen sie wieder auf die Füße. „Verflucht! Ich bringe den bekloppten Wächter um!" Spike hatte alle Mühe, Buffy überhaupt festzuhalten. „Buffy? Sag doch was!"
„Langsam wird es eng hier", lachte die heisere Stimme des Incubus wieder. „Ein Vampir! Mit deiner Hilfe wird es ein Leichtes sein, hier herauszukommen!"
„Wenn du meinst", brummte Spike. Er warf einen kurzen Blick auf Drusilla, die halb verwest vor seinen Augen auftauchte und zuckte mit den Schultern. „Wenn das alles ist, was du zu bieten hast, dann hast du echt keine Ahnung", grummelte er leise und versuchte die Jägerin in seinen Armen zu drehen, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.
„Hey, Slayer", zischte er und schüttelte sie hin und her. „Mach die Augen auf! Verdammt, Slayer!"
Widerwillig öffnete Buffy ihre Augen. Das Wort Slayer passte nicht hierher. Der Incubus hatte sie niemals so genannt und sie hoffte, sie würde nicht enttäuscht werden.
„Hi", murmelte der Vampir sanft, als die grünen Augen sich langsam öffneten. „Es wird Zeit, dass wir hier verschwinden."
„Spike?" Buffy konnte es nicht glauben. War er es wirklich? Sie starrte ihn an und erkannte mit Schrecken, dass sich das Fleisch in seinem Gesicht auflöste. Die Knochen lagen frei und dicke schwarze Käfer kamen aus den dunklen Höhlen.
Sie schrie auf, versuchte sich aus seiner Umklammerung zu lösen, doch er hielt sie eisern fest. „Buffy. Glaub doch nicht alles, was dieser mistige Dämon dir vorgaukelt. Komm schon!"
„Ich kann nicht mehr", schrie sie. „Das ist zu viel! Ich will…"
„Hier raus?", fragte Spike. „Dann mach deine Augen auf und sieh mich an!"
Nur sehr vorsichtig öffnete sie ihre Augen, blickte in die stahlblauen des
Vampirs und seufzte erleichtert. Er sah aus wie immer und selbst sein
verschmitztes Grinsen zierte sein Gesicht. „Warum bist du hier?"
„Weil deine idiotischen Freunde dich nicht zurückholen können. Also…"
„Bist du echt?", fragte sie zweifelnd und kniff im gleichen Moment heftig in seinen Oberarm.
„Au. Verdammt! Was soll das?", meckerte Spike und schüttelte den Kopf. „Wir sind in den Gedanken eines Toten und du kneifst mich?"
„Du bist auch tot", erwiderte Buffy und wischte sich energisch die Tränen aus den Augen.
„Ehrlich?", grinste Spike und die Jägerin musste lachen. „Das hab ich ja noch gar nicht bemerkt."
„Idiot", brummte sie und löste sich endgültig von ihm. Dann machte sie ein verlegenes Gesicht. „Ich weiß auch nicht, warum ich so…so… Ich wollte nicht zusammenbrechen. Ich…"
„Vergiss es", meinte Spike mit einer wegwerfenden Geste. „Das ist ein Incubus. Er ist nicht umsonst für schlechte Träume zuständig. Er beherrscht sein Handwerk."
„Aber eigentlich hätte ich wissen müssen, dass es nur Illusionen sind, dir er mir zeigt", sagte sie leise. „Aber sie waren so echt und…"
„Wie gesagt, vergiss es. Jetzt sollten wir zusehen, dass wir hier wieder herauskommen." Spike sah sich um. „Hast du dieses Miststück schon gesehen?"
„Nein. Bisher nicht."
„Seid ihr sicher, dass ihr mich finden wollt?", krächzte die Stimme des Dämons. Er lachte fies. „Ich werde euch beide dazu benutzen, hier herauszukommen."
Widerliche Monster tauchten vor ihren Augen auf, halb verwestes Fleisch auf morschen Knochen. Brennende dunkle Augen starrten ihnen entgegen und Buffy trat vorsichtig einen Schritt zurück.
„Das ist alles?", lachte Spike gehässig. „Bloody Hell! Und ich dachte, du wärst gut." Er blickte auf seine Hand, konzentrierte sich einen Moment und grinste breit, als eine schwere Streitaxt darin Form annahm. Ohne ein weiteres Wort holte er aus, spaltete das erste Monster in der Mitte und machte sich gleich über den Rest her.
„Wie hast du das gemacht?", fragte Buffy verblüfft und starrte ihm ungläubig ins Gesicht.
Er grinste breit. „Nun, wir sind in irgendeiner bescheuerten Gedankenwelt. Er schickt Illusionen", meinte er und deutete mit dem Kopf nach hinten. „Dann kann ich das auch."
„Oh. Du meinst… Du meinst, ich kann mir das einfach vorstellen?"
„Jedenfalls hat es bei mir so funktioniert."
„Okay", knurrte Buffy. „Das kann ich auch." Sie tat es Spike nach, konzentrierte sich einen Moment und lachte, als ein Dolch in ihrer Hand materialisierte. „Das war es dann", knurrte sie und warf giftige Blicke in den roten Nebel. „Jetzt räume ich hier erst einmal auf."
Durch bloße Vorstellung wischte sie den Dunst beiseite und stellte sich einen großen weiten und hellen Raum vor. „Keine Chance mehr, dich zu verstecken", rief sie böse.
Spike neben ihr grinste. „Die Jägerin ist wieder da."
„Ja, allerdings", knurrte sie und warf bitterböse Blicke auf den Dämon, der in einer Ecke des Raums hockte. „Der Winzling hat mich so geärgert?", fauchte sie. „Das kann jawohl nicht wahr sein!"
„Klein, aber eklig", lachte Spike. „Und schau doch mal, wie mitleidig er gucken kann."
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie egal mir das ist", schimpfte sie und lief los.
***********
„Hast du das gesehen?", fragte Xander aufgeregt und deutete auf Buffys Gesicht. „Sie lacht."
„Dann hat Spike sie wohl gefunden", sagte Giles leise und er seufzte
erleichtert. „Und ich dachte schon…"
„Wir hätten sie für immer verloren?", führte Willow den Satz weiter. „Das dachte
ich auch."
Tara trat hinter sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Spike amüsiert sich auch königlich", raunte sie leise. „Er grinst auch ununterbrochen."
„Dann schaffen sie es also", nickte Anya. „Wird ja auch Zeit. Immerhin ist
Weihnachten und eigentlich wollte ich…"
„An, lass gut sein", unterbrach Xander sie. „Jetzt ist alles vorbei und wenn
Buffy und Spike zurück sind, dann gehen wir."
„Dann sollen sie sich beeilen", nörgelte die Ex-Dämonin. „Wir haben hier lange genug herumgestanden."
************
„Spike!", rief Buffy, als der Vampir in der Dunkelheit verschwinden wollte.
Sie hatten das Abenteuer überstanden und waren auf dem Weg zu Giles altem Wagen. Der Vampir hatte sich gleich ein wenig abgesondert und Buffy ließ sich zurückfallen, um einen Moment mit ihm alleine reden zu können.
„Danke", sagte sie und blickte ihm ernst in die Augen. „Ohne dich hätte ich das nie geschafft. Ich wäre da niemals wieder herausgekommen."
„Schon okay", murmelte er und verzog das Gesicht. „Keine große Sache." Es war noch nicht oft vorgekommen, dass die Jägerin sich bei ihm bedankte und er wusste nicht ganz, wie er reagieren sollte.
„Doch", meinte sie und nickte ernst. „Du hättest es ja nicht…", sie stockte und überlegte einen Moment. „Morgen ist Heiligabend und wir feiern ein bisschen", sagte sie und deutete auf den Rest der Gruppe. „Und ich möchte, dass du auch kommst.
Überrascht blickte er sie an und zog die Augenbrauen hoch. „Bist du dir sicher? Was werden deine Freunde dazu sagen?"
„Das weiß ich nicht und es ist mir auch egal. Dawn würde sich freuen und… ich mich auch."
Wieder wirkte der Vampir überrascht, doch er nickte. „Dann sehen wir uns morgen."
„Okay", meinte die Jägerin und lächelte. „Frohe Weihnachten", sagte sie, drehte sich um und lief zu den anderen.
„Ja. Frohe Weihnachten", murmelte Spike und warf ihr neugierige Blicke hinterher. ‚Was war jetzt das?’, überlegte er verblüfft. „Wir werden es ja sehen", brummte er, dann und verschwand in der Nacht.
Ende