Titel: An Ice Cold Grave
Autor: Silentthunder
Inhalt: Angel und Spike haben einen ganz besonderen Auftrag und der blonde Vampir hat so gar keine Lust dazu. Immerhin ist Weihnachten und er würde jetzt lieber ganz andere Dinge tun!
Altersfreigabe: keine
Teile: 5
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Angel/Spike

 

An Ice Cold Grave

„Warum sind wir noch mal hier?"

Angel verdrehte die Augen, hütete sich aber davor seinen Unmut zu zeigen, denn das wäre nur neues Wasser für Spikes Mühlen gewesen. Er begnügte sich deshalb mit einem Stirnrunzeln und einem leisen, unhörbaren Gemurmel.

„Ich hab dich was gefragt!", knurrte der blonde Vampir und warf seinem Gegenüber das an den Kopf, was er gerade in der Hand gehalten hatte. Ein dickes Paar Socken. Er war nicht bereit, sich mit Schweigen abspeisen zu lassen und stemmte die Hände in die Hüften.

„Herrgott, Spike! Du weißt es doch!", schimpfte Angel und warf das Paar Socken zurück.

„Sicher weiß ich es", brummte der Blonde, „aber vielleicht will ich es wieder und wieder von dir hören, damit ich es auch endlich begreife. Ich kann nämlich nicht fassen, auf was ich mich jetzt schon wieder eingelassen habe!"

„Also gut", seufzte Angel, klappte einen Campingstuhl auf und setzte sich. „Wir sollten das ausdiskutieren, damit endlich Ruhe herrscht." Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah den jüngeren Vampir an. „Fang an", forderte er ihn auf. „Was genau hast du nicht verstanden, oder besser, was genau kannst du an der Tatsache nicht fassen, das wir hier sind?"

Spike lachte gehässig auf. „Das ist nicht dein Ernst, oder? Wir sind hier irgendwo im Nirgendwo! Es ist Weihnachten, verdammt! Ich will einen Weihnachtsbaum! Ich will Geschenke! Ich will Kakao mit Marshmallows! Ich will mit dir im Bett liegen und endlich einmal Zeit haben, einfach nur zu kuscheln! Ich will… ich will eine ganze Menge, aber garantiert nicht hier sein!" Er schüttelte den Kopf und warf seinen Seesack, den er gerade ausgepackt hatte, auf den Boden und warf die Arme theatralisch in die Luft. „Weihnachten! Weißt du eigentlich, was das heißt?"

„Du bist tot", stellte Angel sachlich fest. „Du bist ein Vampir! Was hast du mit Weihnachten zu tun?"

„Ach, Scheiße", knurrte Spike. „Das hat doch nichts mit dem verdammten kirchlichen Fest zu tun! Weihnachten ist… die einzige Zeit im Jahr, in der es auf dieser verfluchten Welt ein wenig gemütlich zugeht. Ich weiß, dass ich ein Vampir bin, und ja, ich bin tot, verflucht! Trotzdem liebe ich den Duft von gerösteten Maronen, ich mag die blöde Dudelei von Weihnachtsmusik, die einem überall in die Ohren strömt und ich mag sogar die bescheuerten bunten Lichter. Ich mag Weihnachten! Verdammt! Vielleicht schlage ich aus der Art, aber das ist auch nichts Neues!" Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Und wo bin ich? Nur drei Tage vor Heiligabend? Am verdammten Nordpol! Am Arsch der Welt!"

„Du hättest ja nicht mitkommen müssen", erwiderte Angel leise. Manchmal fragte er sich, warum Spike überhaupt noch bei ihm war. Viel gemeinsame Zeit hatten sie nicht unbedingt und auch das gesamte Leben war nicht gerade einfach zu nennen.

„Und du weißt genau, dass ich dich nie im Leben alleine ziehen lassen hätte", brummte Spike, riss Angel damit aus seinen trüben Gedanken und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf. „Was ich nicht verstehe… du hast so viele verdammte Mitarbeiter…. Warum hast du nicht einfach eine Horde von deinen Idioten hierher geschickt? Sie hätten das auch erledigen können."

„Ich kann niemanden schicken. Es ist bald Weihnachten."

„Ganz toll!", beklagte der jüngere Vampir sich. „Die dürfen also Weihnachten feiern und ich darf es nicht."

„Es sind Menschen, Spike. Die meisten haben Familie, vielleicht sogar Kinder", sagte Angel behutsam und stand auf. „Ich kann kaum erwarten…"

„Warum erwartest du das dann von uns? Von dir und mir? Und warum zur Hölle soll das jetzt so wichtig sein, dass es nicht ein paar Tage Zeit gehabt hätte?" Er war weit davon entfernt, sich von den rehbraunen Augen seines Gegenübers besänftigen zu lassen und ging einen Schritt zurück. „Warum gerade jetzt?"

„Du weißt, was die Berechnungen gesagt haben", versuchte Angel es mit Vernunft. „Zum ersten Mal seit Jahrhunderten ist es möglich, an das Grab heranzukommen. Die Platten im Erdinneren haben sich verschoben und das Eis ist so dünn wie in den letzten achthundert Jahren nicht mehr."

„Mag ja sein", knurrte Spike unwirsch und zog die dicken Handschuhe wieder über seine klammen Finger. „Das erklärt aber immer noch nicht, warum wir unbedingt jetzt losziehen mussten. Ein paar Tage später und die Welt wäre auch nicht untergegangen."

„Wir sind gewiss nicht die einzigen, die die tektonischen Veränderungen bemerkt haben. Laut Wes gibt es einige Gruppen und Organisationen, die …"

„Ja, ja", unterbrach Spike genervt. Er hatte die sehr ausführlichen Erklärungen des ehemaligen Wächters ebenfalls verfolgt und wusste somit, was Angel ihm sagen wollte. Dann streckte er sich und sah sein Gegenüber knallhart an. „Du kannst dir schon mal überlegen, wie du das wieder gutmachen kannst. Und ich schwöre dir, das wird dich einiges kosten!" Dann wurde sein Gemurmel unverständlich und Angel hörte immer nur wieder das Wort Weihnachten heraus.

 

                                                                                                *~*~*

 

Mitten in der Nacht war ein kleines Flugzeug auf dem ewigen Eis gelandet und hatte die gesamte Ausrüstung für das Unterfangen und die beiden Vampire abgesetzt, bevor es zurück nach Anchorage, Alaska geflogen war. Eine Menge Kisten waren ausgeladen worden und warteten noch immer darauf, ausgepackt zu werden. Doch die beiden Vampire hatten Besseres zu tun gehabt. Sie mussten zuerst die Zelte aufbauen, die ihnen Schutz vor der Witterung und der Sonne bieten sollten.

Das größte der Zelte sollte die Stelle überdecken, an der sie mit der Grabung beginnen wollten. Zudem hatten sie zwei kleinere Zelte im Gepäck, die ineinander gestellt werden konnten, sodass sichergestellt war, dass auch nicht ein einziger Sonnenstrahl zu ihnen durchdringen konnte, sobald der goldene Lebensspender einmal aufgegangen war.

Spike hasste die Kälte. Trotz der übereinandergeschichteten Kleidung fühlte er sich klamm und wie festgefroren. Sein Körper war tot und konnte keine Wärme speichern, und der eisige Wind, der hier ständig über das Eis wehte, verbesserte nicht gerade sein Wohlbefinden.

 

                                                                                                *~*~*

 

„Hast du irgendwo die batteriebetriebenen beheizbaren Socken gesehen?", fragte er nun und zog seine Augenbrauen dabei in die Höhe. „Ich habe keine Lust, mir die Zehen abzufrieren." Er grinste schief. „Du weißt, ab ist ab und wächst auch nicht mehr nach. Und es gibt so einige Dinge an meinem Körper, die ich gewiss nicht verlieren möchte."

Angel blickte von dem Lageplan auf und zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie nicht gesehen", murmelte er und blickte wieder auf den Plan. „Sie sind bestimmt noch in einer von den Kisten, die draußen stehen."

„Ganz toll", murrte der blonde Vampir. „Wie sollte es auch anders sein." Er sah sich um. „Haben wir sonst irgendwas hier, dass ein bisschen Wärme ausstrahlt?"

„Wir haben einen Gaskocher", meinte Angel und deutete hinter sich. „Der steht irgendwo in der Ecke." Er hob den Kopf. „Was willst du damit?"

„Was soll ich damit schon wollen?", maulte Spike. „Meine Eisfinger wärmen." Er schnaufte ungehalten. „Was soll ich damit schon wollen? Tse! Als würde ich mir eine Dose Bohnen aufwärmen! Pah!" Er schob sich an Angel vorbei und schimpfte weiter. „Freu dich lieber, dass ich kein Lagerfeuer anheize. Denn das ist, was ich am liebsten machen würde!"

„Tja", seufzte Angel. „Ob das in einem Zelt eine so gute Idee ist?", erkundigte er sich genervt und verdrehte die Augen. „Atmen müssen wir nicht…, nur wer garantiert dir, dass das Zelt nicht mit in Flammen aufgeht und wir noch ein letztes Mal zur Sonne heraufwinken können, bevor wir uns in ein Häufchen Asche verwandeln?"

„Ich habe gesagt, ich würde es am liebsten tun. Ich habe nicht gesagt, dass ich das auch mache", schimpfte Spike wieder. Er hatte das gesuchte Objekt gefunden, schob sich wieder an seinem Schatz vorbei und setzte sich auf seinen dick gefütterten Schlafsack. „Für wie dämlich hältst du mich eigentlich?"

Angel überging die Frage und wartete einen Moment. „Also gut", meinte er dann. „Wenn du den Kocher schon in Gang bringst, dann stell jedenfalls einen Wasserkessel drauf. Ein heißer Kaffee oder Tee wäre jetzt nicht die schlechteste Idee."

 

Für eine lange Zeit herrschte Stille im Zelt. Nur das Blubbern des kochenden Wassers war zu hören, doch dann sah Spike auf. „Wann fangen wir an zu buddeln?"

„Sobald die Sonne untergegangen ist", erwiderte Angel und sah auf seine Uhr. „In ungefähr einer Stunde ist es soweit." Vorsichtig, um sich nicht zu verbrühen, trank er einen Schluck Tee. „Zuerst müssen wir aber die restlichen Kisten auspacken. Ich habe nur wenig Lust, mit einer Eisaxt und einem Spaten durch eine mindestens sechs Meter dicke Eisschicht zu graben."

„Warum hat sich der Mistkerl von Salomon überhaupt hier bestatten lassen? Am Arsch der Welt! Gibt es keine schöneren Orte?"

„Er heißt Koloman, war ein keltischer Stammesfürst, außerdem Druide und hat …"

„Ich weiß, wie er heißt", brummte Spike unwirsch. „Und ich weiß auch, dass er eine Art Schlüssel hatte, der sämtliche Dimensionstore gleichzeitig öffnen konnte." Er seufzte und goss sich eine neue Tasse Tee ein. „Die Frage war rhetorischer Art." Er überlegte einen Moment. „Nein, sie war nicht nur rhetorisch. Ich will wissen, warum der Drecksack seinen Männern eine fast unlösbare Aufgabe gestellt hat? Warum mussten sie ihn hunderte von Kilometern von ihrer Heimat entfernt in einem Eisloch begraben? Und überhaupt… woher hatte Koloman überhaupt diesen Schlüssel? Den gibt es wohl kaum an jeder Ecke zu kaufen!"

„Die Überlieferung ist da nur sehr vage", sagte Angel. „Wes glaubt, dass er von Vater zu Sohn weitergegeben wurde, aber erst Koloman herausfand, was für eine Kraft oder Macht dieser Schlüssel hatte. Die Mythologie der antiken Kelten ist weitestgehend verschollen, wie du sicher gehört hast. Es gibt nur eine unvollständige Gründungslegende. Lugdunums heißt sie, oder wird sie genannt. Der keltische Lichtgott Atepomaros, der auch…"

„Schon klar", unterbrach Spike und rollte die Augen. „Und dieser Atepomaros soll einer der „großen Alten" gewesen sein. Irgendein dämlicher Urzeitdämon, den es längst dahingerafft hat." Er schüttelte den Kopf. „Ich hab Wes auch zugehört! Aber warum hat dieser Koloman sich nicht einfach in Irland vergraben lassen? Immerhin kam er dort doch her! Warum also hier?"

„Meiner Meinung nach hat er herausgefunden, wie gefährlich dieser Schlüssel ist und er hat ihn bis an den Rand der ihm bekannten Welt gebracht, um ihn für immer zu verbergen. Es muss eine wahnsinnige Anstrengung für seine Männer gewesen sein. Immerhin ist es fast zweitausend Jahre her und…"

Wieder einmal unterbrach Spike. „Glaubst du, dass wir überhaupt noch was finden? Ich weiß, dass Wesley und seine blöden Experten herausgefunden haben, dass es seit achthundert Jahren überhaupt das erste Mal ist, dass man an das Grab herankommt, aber… Glaubst du auch, dass es überhaupt noch zu finden ist? In zweitausend Jahren kann viel geschehen sein. Vielleicht war die Stelle hier mal eisfrei. Vielleicht haben sich auch diese Erddingens so verschoben, dass das Grab praktisch zermalmt wurde oder aber jetzt zwei Kilometer weiter südlich liegt. Oder östlich, oder nördlich, oder was weiß ich!"

„Ich kann es dir nicht sagen", gestand Angel. „Ich weiß nur, dass es zu gefährlich ist, nichts zu unternehmen. Dieser Schlüssel könnte die gesamte Welt zerstören und darauf können wir es nicht ankommen lassen!"

„Also buddeln", seufzte Spike und klammerte sich an die warme Tasse.

„Ja", nickte Angel. „Buddeln. Und zwar so lange, bis wir das Grab gefunden haben oder sicher sind, dass davon keine Gefahr mehr ausgeht."

 

Teil 2

Eisig blies der Wind über die unebene und reinweiße Landschaft, wirbelte Eiskristalle auf, die auch durch die kleinsten Ritzen des Zeltes drangen, dass die Ausgrabungsstelle überdeckte, und legten sich auf alles nieder, sodass alles wie mit Puderzucker bedeckt aussah.

Angel hatte längst das schwere Gerät ausgepackt und benutzt, und so bereits eine große Menge Eis abgetragen. Spike hingegen, der ihn nun ablöste, wollte von all dem modernen Schnickschnack nichts wissen und benutzte die große Eisaxt. Immerhin, so meinte er, käme er damit genauso schnell voran.

Bis zur Hüfte stand er in dem Loch, das einen Umfang von annähernd zwei Metern hatte, und schlug wie besessen mit dem schweren Werkzeug zu. Allerdings wurde jeder dieser Schläge von Gemurmel und wilden Flüchen begleitet, die Angel wortlos über sich ergehen ließ.

Zuerst hatte er ihn stoppen wollen, hatte ihn aufhalten und zur Räson bringen wollen, doch dann hatte er begriffen, dass Spike es diesmal nicht darauf abgesehen hatte, ihn zur Weißglut zu treiben, sondern dass er seine Wut in Kraft umwandelte und sie somit ein wenig abmilderte.

„Das hat man nun davon, ein großer böser Vampir zu sein", schnaufte der Blonde nun in seinem Eisloch. „Man gräbt den verdammten Nordpol um!"

„Wir sind nicht wirklich am Nordpol", warf Angel vorsichtig ein und Spike unterbrach sofort seine Arbeit.

„Ach ja! Wollen wir wieder kleinlich werden? Pah!", nörgelte er. „Wir sind in der Arktis, oder? Und auf ein paar Kilometer mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht an!"

„Ich wollte ja nur darauf hinweisen", murmelte Angel und verdrehte die Augen.

„Ja, ja", motzte Spike. „Erklär mir lieber, warum du dir so sicher bist, an der richtigen Stelle zu buddeln", forderte er sein Gegenüber auf, lehnte sich an die Eiswand und zog für einen kurzen Moment die dicken Handschuhe aus. Blitzschnell kramte er eine Zigarette heraus und zündete sie an. „Warum gerade hier?", erkundigte er sich und zog eilig den schützenden Handschuh wieder über. „Immerhin war hier kein großes rotes Kreuz in den Schnee gepinselt."

„Das hier", erklärte der Dunkelhaarige geduldig und deutete auf das Loch, „ist genau die Mitte eines von Felsblöcken errichteten Kreises. Er umfasst ungefähr vierhundert Meter und wenn das Zelt nicht wäre, könntest du einige davon sehen." Er zuckte mit den Schultern. „Auf den Satellitenbildern ist es jedenfalls gut zu erkennen und mit Hilfe von GPS-Daten hat Wesley die genaue Lage des Grabes lokalisieren können."

„Sag mal", grinste Spike plötzlich. „Du hast nicht zufällig irgendwelchen Sprengstoff in einer der Kisten gefunden? C4 oder vielleicht Dynamit?" Er lachte gehässig. „Das würde die Sache bedeutend erleichtern."

„Nein", sagte Angel und schüttelte den Kopf. „Vermutlich würden wir damit auch nur das gesamte Grab in Schutt und Asche legen."

„Schon klar, dass du einem jeden noch so kleinen Spaß missgönnst", brummte der blonde Vampir und schnipste den Zigarettenstummel weg. „Gib mir jedenfalls die Schippe, damit ich den ganzen losen Scheiß rausschaufeln kann."

Angel überreichte mit finsterem Blick das Gewünschte und Spike begann sofort wieder mit seiner Arbeit. Aber auch wieder mit seinen Flüchen!

„Und das zu Weihnachten!", schnaubte er und pfefferte das abgebröckelte Eis in hohem Bogen in eine Zeltecke. „Eigentlich sollte ich jetzt vor dem Fernseher sitzen und mir einen dieser alten langweiligen Schinken reinziehen. Und dabei Kakao trinken. Jawohl!"

Angel beobachtete ihn eine Weile und man sah seinem Gesicht an, dass ihn schwere Gedanken plagten. Doch er wurde schnell wieder von seinem Geliebten abgelenkt.

„Scheiße, verfluchte! Ich will jetzt Kekse essen, ich will einen dieser dämlichen bunten Tannenbäume und ich will stinklangweilige Weihnachtsmusik!" Er grunzte. „Und was mache ich stattdessen? Ich grabe einen Tunnel wie ein dahergelaufener Maulwurf! Scheiße! Dreck! Mist, verdammter!"

„Ich geh kurz ans Funkgerät", sagte Angel einer plötzlichen Eingebung folgend. „Ich muss mit Wesley reden." Er überlegte einen Moment. „Wenn ich wiederkomme, löse ich dich ab."

„Von mir aus", schnaufte Spike ohne aufzusehen. „Mir ist eh alles schnurz", nörgelte er und warf die Schaufel aus dem Loch. Er schnappte sich wieder die Eisaxt und lächelte Angel falsch an. „Und sag dem Spinner, er soll einen Glühwein für mich trinken. Damit jedenfalls einer Spaß hat!" Dann schlug er wieder zu.

 

                                                                                            *~*~*

 

Kaum zwanzig Minuten später schob Angel sich wieder durch die Zeltöffnung. „Wir sollten für heute Schluss machen. Es dauert zwar noch etwas, bis es hell wird, aber wir haben genug…." Er starrte in ein leeres Loch, dessen Tiefe nicht zu erkennen war.

„Spike!", schrie er, warf sich auf den Boden nahe der Öffnung und starrte in die Finsternis. „Spike!"

„Schrei nicht so, verdammt!", kam auch sogleich von unten die Antwort, „Hier hallt es wie verrückt und mir bluten schon die Ohren!"

„Alles okay mit dir?", erkundigte sich Angel gleich weniger laut.

„Alles bestens", knurrte Spike. „Ich hab mir nur den Fuß verstaucht, die Lippe blutig geschlagen und … ach… es gibt hier eine lustige Eisformation, die wunderschöne Löcher in Rippen schlägt!"

„Hast du schon irgendwas gefunden?"

„Wie denn?", kam von unten die übellaunige Antwort. „Hier unten ist es finster wie in einem Bärenarsch!"

„Okay! Ich werde jetzt die lange Strickleiter holen und befestigen", rief der dunkelhaarige Vampir in das Loch. „Wenn alles gesichert ist, komm ich zu dir runter!"

„Von mir aus", brummte Spike aus der Tiefe herauf. „Aber wirf erstmal eine von den Taschenlampen runter. Dann kann ich mich schon etwas umsehen."

 

                                                                                          *~*~*

 

„Warum passiert so was immer dir?", fragte Angel, als er schließlich bei seinem Childe angekommen war. Er drehte ihn hin und her und begutachtete jeden noch so kleinen Kratzer eingehend.

„Verdammt", schimpfte Spike und entzog sich der Untersuchung. „Ich bin doch kein Brummkreisel." Dann zeigte er nach oben. „Ich habe mit der Eisaxt zugeschlagen, dann hat es laut geknackt und ich stand zwölf Meter tiefer wie vorher." Es tat gut, dass Angel sich Sorgen machte, aber so offensichtlich wollte er es ihm nun doch nicht zeigen und so nahm er kurz seine Hand. „Eine Treppe wäre mir allerdings lieber gewesen", meinte er und lächelte flüchtig.

„Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Eingang so tief angelegt haben", überlegte Angel laut und schaltete seine Taschenlampe ein.

„Wäre besser gewesen", murmelte Spike und streckte sich vorsichtig. Seine Rippen schienen nicht gebrochen, schmerzten aber wie die Hölle und er stöhnte leise. „Dann wäre ich bestimmt nur elf Meter tief gesegelt." Er versuchte ein Lachen, verstummte aber schnell und als er den besorgten Blick seines Sires auffing, sprach er schnell weiter. „Übrigens gibt es hier nicht unbedingt viel zu sehen. Außer einer ziemlich hässlichen Leiche, die in einem offenen Grab liegt, das mit Eis verschlossen ist. Also, man kann den Typen sehen, aber nicht ohne weiteres anfassen."

„Der „Typ" liegt seit zweitausend Jahren hier und kann nicht mehr gutaussehen", erwiderte Angel und sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Dann beleuchtete er mit seiner Taschenlampe die Umgebung und Spike tat es ihm nach.

„Ich hätte gedacht, dass ein Fürstengrab weitaus pompöser ist", murmelte der Blonde. Doch außer alten Fellen, die halbvermodert auf dem Eis lagen, und einigen simplen Waffen war nichts Außergewöhnliches zu finden.

„Ich finde schon das Grab an sich ist eine wahre Meisterleistung", murmelte Angel. „Die Eissicht war damals nicht viel dünner als heute und mit den einfachen Werkzeugen war es eine Schufterei, ein solches Grab auszuheben."

„Wie auch immer", murmelte Spike und verzog das Gesicht. Im Stillen hatte er auf etwas gehofft, dass man gut auf dem Schwarzmarkt verhökern konnte. Ein wenig zusätzliches Geld hatte noch niemandem geschadet. „Und was jetzt?"

„Jetzt? Jetzt suchen wir den Schlüssel."

 

                                                                                             *~*~*

 

„Okay, und was nun?", fragte Spike genervt. Seine Wunden brannten in der Kälte wie die Hölle und er hatte keine Lust, die Höhle noch länger zu untersuchen. Gefunden hatten sie so oder so nichts und Angel lenkte seine Aufmerksamkeit gerade auf den aus dem Eis gehauenen Sarkophag. „Wie sieht der Schlüssel überhaupt aus?", sagte er laut, was ihm gerade durch den Kopf schoss. Denn er kannte einen Schlüssel, oder ehemaligen Schlüssel. Dawn! Doch einen lebenden Menschen konnte die alten Kelten wohl nicht begraben haben, oder?

„Ich weiß es nicht", gestand Angel leise und zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, die wenigen Überlieferungen sind da sehr vage und Wesley konnte nicht herausfinden, wie er aussieht."

„Ganz toll", knurrte Spike und hielt seine Rippen. „Also wird uns wohl nichts anders übrig bleiben, als unseren toten Kumpel aus seinem Grab zu holen." Er leuchtete mit der Taschenlampe direkt in das Gesicht des uralten Leichnams. „Eine Eisaxt wäre nicht das Richtige, oder?" Er lachte leise, als er Angels erschreckten Gesichtsausdruck auffing. „War nur Spaß."

„Wir sollten ein wenig vorsichtiger vorgehen", meinte der Ältere auch sogleich. „Warte hier, ich hole uns Werkzeug."


Eine Viertelstunde später öffneten Angel und Spike langsam und Stück für Stück die eisige Abdeckung des Grabes. Jeder nur mit einem Hammer und einem dünnen Meißel bewaffnet.

„Das wird Stunden dauern", maulte der blonde Vampir auch sogleich.

„Und wenn schon", brummte Angel grimmig. „Wir sind bisher viel schneller vorwärts gekommen, als wir gedacht hatten. Also, wenn es weiter so gut läuft, sind wir zu Weihnachten wieder in L.A., und das ist doch genau das, was du wolltest."

„Sei still", zischte Spike urplötzlich und Angel sah beleidigt auf. „Psst", raunte Spike ihm zu und lauschte. „Haben wir irgendwelche Maschinen laufen? Irgendwelche Gerätschaften, die einen Motor haben?"

Angel überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Das Einzige, das läuft, ist das Funkgerät. Warum?"

„Hörst du es nicht?", fragte Spike mit hochgezogenen Augenbrauen.

Angel erhob sich, ging auf das Loch zu und lauschte seinerseits. „Motoren. Jetzt höre ich sie auch."

„Ich denke, wir bekommen Gesellschaft", brummte Spike grimmig und baute sich neben Angel auf. „Das kann nichts Gutes bedeuten." Er grunzte und fluchte dann. „Und was jetzt?"

 

Teil 3

„Das sieht nicht gut für uns aus", murmelte Spike. Zusammen mit Angel guckte er durch den schmalen Spalt des Zelteingangs.

Drei schwere Pistenraupen bahnten sich langsam einen Weg auf sie zu, flankiert wurden sie von mehreren Schneemobilen, die jeweils mit zwei Personen besetzt waren. Eine kleine Armada, gegen die sie nichts ausrichten konnten, und das ärgerte beide Vampire.

„Mir macht vor allen Dingen die Sonne Sorgen", flüsterte Angel und drückte die schwere Stoffbahn ein wenig weiter zur Seite, um einen besseren Überblick zu haben. „Es sind alles Menschen", meinte er dann. „Jedenfalls, soweit ich das von hier überblicken kann. Es wäre also kein großes Problem, sie auszuschalten, wenn… ja, wenn die Sonne nicht wäre. Wir können kaum erwarten, dass sie alle fein säuberlich nacheinander das Zelt betreten und nur darauf warten, von uns niedergeschlagen zu werden."

„Unser Problem ist noch viel größer", raunte der Blonde. „Selbst, wenn wir es schaffen, die Hälfte von den Idioten in das Zelt zu locken, so bleibt gewiss die andere Hälfte draußen und schiebt Wache. Und wenn dann auch nur einer von ihnen die glorreiche Idee hat, unser Zelt mit einer der Raupen niederzumähen…"

„Das weiß ich selbst", brummte Angel unwirsch. „Hast du auch irgendwelche brauchbaren Vorschläge?"

„Hast du brauchbare Vorschläge?", konterte Spike mit finsterem Blick. „Als hätten wir irgendeine Wahl! Wir müssen runter in das verdammte Eisgrab und uns dort verbarrikadieren, bis es dunkel wird."

„Es sind nur noch drei Stunden, bis die Sonne untergeht", nickte Angel und zog seinen Kopf zurück, da die ersten Schneemobile das Lager fast erreicht hatten. „Das sollte zu schaffen sein."

Wie ein Wirbelwind stürmte er durch das Zelt und sammelte Werkzeuge, Taschenlampen und alles, was er für brauchbar hielt, ein und warf es in die Öffnung der unterirdischen Grabkammer. „Die Schaufel und die Axt", raunte er Spike zu. „Und dann nichts wie runter!"

 

                                                                                              *~*~*


Zusammen schleppten sie alles, was sie in die Kammer geworfen hatten, in eine der hintersten Ecken, wo Angel es kurz überblickte und nach Wichtigkeit sortierte. Dann legten sie einige der Taschenlampen so ab, dass sie praktisch die gesamte Höhle ausleuchteten und warteten gespannt.

„Was denkst du", flüsterte Spike, „sind sie so mutig und kommen gleich runter? Oder stellt sich ihr Anführer an den Rand des Eislochs und schwingt tolle Reden?" Er grinste spitzbübisch. „Ich würde es jedenfalls so machen. Und der arme Tropf da oben hat ja keinen blassen Schimmer, mit wem oder was er es zu tun hat."

„Wir werden es sehen", murmelte Angel und lockerte seine verspannte Nackenmuskulatur. „Und ich hoffe mal, dass sie keine Ahnung haben, dass wir Vampire sind. Ansonsten verlieren wir den Überraschungsmoment."

 

Lange warten mussten sie nicht, dann meldete sich von oben eine laute, dunkle Männerstimme. „Hallo! Ist dort jemand?"

Und bevor Angel reagieren konnte, war sein Childe schon losgestürmt und baute sich mit trotzig verschränkten Armen unterhalb des Eislochs auf.

„Du kannst dir dein dämliches „Hallo" sparen", schnaubte er giftig. „Das hier ist unsere verdammte Grabungsstelle! Also pack deine Männer zusammen und verschwinde von hier!"

Ein kehliges Lachen drang zu ihnen herunter, während Angel Spike mit finsterem Blick maß. „Toll gemacht! Wirklich sehr diplomatisch", brummte er sarkastisch. „Du hast deine Berufung verfehlt und solltest Unterhändler werden und nur Geiselnahmen verhandeln. Es würde garantiert niemand überleben!"

„Was denn?", erwiderte der blonde Vampir scheinheilig und konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. „Hätte ich ihn lieber einladen sollen, mit uns eine Tasse Kaffee zu trinken?"

Er ärgerte seinen Sire einfach zu gerne und auch solch ungünstige Konstellationen konnten ihn nicht davon abhalten, über die Strenge zu schlagen. Außerdem war er nun einmal so, wie er war, und das konnte keine noch so üble Situation der Welt ändern.

„Wir wissen, dass ihr nur zu zweit seid", rief der Fremde von oben und ersparte Angel somit die passende Antwort. „Wir beobachten euch, seitdem ihr angekommen seid! An eurer Stelle würde ich gleich aufgeben und mir eine Menge Schwierigkeiten ersparen. Ihr habt gegen uns keine Chance!"

„Was noch auszuprobieren wäre", murmelte Spike, allerdings so leise, dass nur Angel ihn hören konnte. Dann klopfte er seinem Sire auf die Schulter und grinste breit. „Dein Part! Du spielst doch sonst auch immer den Boss!"

„Ich spiele nicht den Boss, ich bin der Boss", stellte Angel eisig klar, dann hob er den Kopf und blickte nach oben. „Uns beiden gefällt es hier unten sehr gut", stellte er schlicht fest, doch dann nahm seine Stimme einen drohenden Unterton an. „Euch kann ich nur raten, oben zu bleiben. Ansonsten garantiere ich für nichts!"

Wieder ertönte das herbe Lachen. „Ihr habt Mut", gackerte der Fremde. „Wir werden ja sehen, wie lange dieser Mut anhält, wenn ich ein paar meiner Männer herunterschicke!"

Im Zelt über der Grabungsstelle wurden rasche Befehle gegeben, dann fielen zwei Seile von der Decke herab und Spike hatte nur die Zeit für eine Frage, bevor die ersten schwer bewaffneten Männer in der Eisgruft ankamen.

„Töten oder nicht töten?", raunte er Angel zu, der sich bereits den ersten Angreifer zur Brust genommen hatte.

„Nicht töten", entschied der ältere Vampir und streckte den Mann mit einem gezielten Schlag nieder. „Jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss."

 

                                                                                               *~*~*

 

Der Kampf, der daraufhin entbrannte, war kurz und heftig und Spike musste ein paar schwere Schläge und Tritte einstecken, bevor er den letzten noch stehenden Gegner ausknockte.

„Scheiße, verfluchte! Das hat wehgetan!", zischte er und gab dem Bewusstlosen einen kräftigen Tritt in die Eingeweide.

„Alles okay?", erkundigte sich Angel ein wenig beunruhigt. Er kannte sein Childe zu gut und konnte dessen Schmerzen förmlich spüren. „Was ist mit dir?"

„Ging mir schon mal besser", knurrte der blonde Vampir mit zusammengepressten Lippen. Dann wurde sein Gesichtsausdruck grimmig und er wandte sich dem Eisloch zu.

„Wenn das alles war, dann solltet ihr lieber schnell von hier verschwinden", schrie er der Decke entgegen. „Und wenn nicht, dann schick schnell den Rest deiner Männer runter und wir beenden die Sache, bevor sie richtig angefangen hat."

Auf eine Antwort warteten Angel und Spike vergeblich und so sackten irgendwann die Schultern des Jüngeren herab und er seufzte, bevor er in die Knie ging und sich mit einer Hand auf dem Eis abstützte.

„Du bist verletzt!" Es war eine Feststellung und keine Frage. Angel zog seinen Geliebten auf die Füße und sah ihn an. „Sag mir auf der Stelle, was mit dir los ist!", forderte er ihn auf, doch sein Blick war bedeutend milder als seine Stimme.

„Der Mistkerl hat mir einen Tritt in die Rippen verpasst", sagte er und zeigte auf den bewusstlosen Mann, der unweit flach auf der Erde lag. „Vergiss es einfach", sagte Spike und hob trotzig den Kopf. „Das wird schon wieder."

„Sind sie gebrochen?" Angel ließ sich gar nicht beirren, ließ aber auch gleichzeitig keinen der Kämpfer aus den Augen. Doch noch regte sich keiner und so konnte er seine volle Aufmerksamkeit auf sein Childe legen. „Die Stelle, die du beim Sturz schon verletzt hast?"

„Jepp", brummte Spike und verdrehte die Augen. „Lass gut sein. Das heilt wieder."

„Sicher wird es das", erwiderte Angel sanft. „Trotzdem solltest du dich ausruhen."

„Werde ich", nickte Spike genervt. „Später!" Er streckte sich, verzog das Gesicht und zuckte dann mit den Schultern. „Du hast nicht zufällig daran gedacht, auch die Ration Blut mitzunehmen, die oben im Zelt lag? Im Moment könnte ich eine Mahlzeit gut vertragen."

„Hab ich", nickte Angel. „Nur dürfte die mittlerweile durchgefroren sein." Er lächelte sachte. „Du müsstest sie lutschen."

„Ganz sicher nicht", knurrte Spike und nahm den dargebotenen Blutbeutel entgegen. „Wofür haben wir den Menschen hier?", fragte er, schnappte sich einen der bewusstlosen Männer und riss dessen dick gefütterte Jacke auf.

„Spike!", wollte Angel ihn aufhalten, doch dann sah er, dass der jüngere Vampir lediglich den Beutel mit der gefrorenen Köstlichkeit unter den Pullover des Mannes steckte.

„Ein natürlicher Backofen", grinste Spike falsch und setzte sich einfach auf den eiskalten Boden. „Okay. Ich gebe es nicht gerne zu, aber ich brauche eine Pause", sagte er und verdrehte die Augen. „Scheiße, verfluchte! Ich denke, der Mistsack hat mir mehr als nur eine Rippe gebrochen!"

 

                                                                                              *~*~*


Angel ließ Spike natürlich nicht einfach auf dem Eis sitzen. Er schleppte ihn in eine Ecke, und positionierte ihn auf einem eilig ausgeschütteten Werkzeugbeutel, bevor er anfing, die Bewusstlosen in eine andere Ecke zu schleifen, mit der eigenen Kleidung zu knebeln und mit Kabelbindern zu fesseln.

„Was glaubst du, wie lange wird die Pause dauern?", fragte Spike und suchte mit verzerrtem Gesicht eine bessere Sitzposition. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr. Wichtig sich das lange gefallen lässt."

„Da wirst du recht haben", nickte Angel und drückte ihm den mittlerweile aufgetauten Blutbeutel in die Hand. „Es ist nicht sonderlich warm, aber immerhin in einem trinkbaren Zustand", sagte er, bevor er sich neben seinen Geliebten setzte und ihn vorsichtig stützte. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er schweres Gerät auffährt. Also keine Granaten, oder Blendgranaten. Jedenfalls nicht, wenn er sich auch nur einen Deut um seine Männer schert."

„Und er würde das zerstören, weswegen er hier ist", nickte Spike. Dann lachte er leise. „Allerdings wäre ich ganz froh, wenn er uns noch eine Stunde eine Verschnaufpause gönnt."

„Du bleibst hier sitzen. Egal, was passiert", sagte Angel bestimmt und nagelte Spike mit einem finsteren Blick fest.

Nun, zumindest versuchte er es, aber Spike war nun einmal Spike und so grinste der Blonde nur. „Wir werden ja sehen."

„Du bist unverbesserlich", schimpfte Angel böse und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß", lachte sein Childe. „Und genau deswegen liebst du mich!"

 

Teil 4

Die Pause dauerte an und Angel schwante nichts Gutes. Wer immer dieser Mann dort oben in dem Zelt auch war, davon ganz abgesehen hielt Angel die Männer für bezahlte Söldner, würde nichts unversucht lassen, um das zu bekommen, weswegen er gekommen war. Doch es lag nicht in Angels Art, einfach abzuwarten. Er nutzte die Zeit, um weiter die Eisabdeckung auf Kolomans Sarg zu lösen. Zwischendurch kontrollierte er die Gefangenen, doch die waren so gut verschnürt, dass von ihnen keine Gefahr ausging.

Spike, der immer noch auf dem Werkzeugbeutel saß, beobachtete alles und grummelte hin und wieder leise vor sich hin. Seltsamerweise hielt er sich recht bedeckt und Angel wusste, dass sein Childe schweren Herzens begriffen hatte, dass er seine Kräfte schonen musste. Diese Pause war nötig, da oben auf dem Eis noch mindestens fünfzehn Männer auf sie warteten und auch wenn es nur Menschen waren, würde es kein leichter Kampf werden.

„Es wird bald dunkel", murmelte der blonde Vampir nun und drehte sich ein wenig auf seinem Platz. Er wartete auf einen heftigen Schmerz, doch da der ausblieb, grinste er breit. „Hast du einen Plan?", erkundigte er sich und untersuchte mit der Hand seine Rippen.

„Wenn uns die Zeit bleibt", meinte Angel leise und wischte mit den dicken Handschuhen das abgetragene Eis vom Sarkophag, „dann würde ich gerne zuerst den Schlüssel finden, bevor wir uns in den Kampf stürzen." Er stockte und sah auf. „Wenn es soweit ist, möchte ich, dass du dich zurückhältst. Du bist verletzt genug und musst deine Kräfte einteilen." Eindringlich sah er sein Childe an, doch Spike erwiderte den Blick, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

„Soll ich dir helfen?", erkundigte er sich dann.

„Nein", erwiderte Angel bestimmt. „Bleib sitzen! Ich brauche dich nachher voll einsatzbereit." Dann ruderte er zurück. „Jedenfalls weitestgehend einsatzbereit."

Der Blonde murmelte leise in seinen nicht vorhandenen Bart und stand dann doch mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Er bugsierte seinen Werkzeugbeutel mit dem Fuß zum Sarkophag und setzte sich wieder. „Wo ich sitze, dürfte ziemlich egal sein", brummte er. „Und ein wenig hämmern kann ich auch."

Beinahe trotzig schaute er seinen Geliebten an und Angel, der aufgehört hatte, sich über die Starrköpfigkeit seines Childes zu wundern, schüttelte resignierend den Kopf und überreichte ihm Hammer und Meißel.

„Sei vorsichtig", meinte der Dunkelhaarige dann. „Ich habe das meiste Eis vom Körper runter."

„Und warum soll ich deswegen vorsichtig sein?", flachste Spike. „Unser Freund ist tot und es dürfte ihm ziemlich egal sein, sollte ich ihm ein drittes Nasenloch verpassen."

Angel seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich will aber nicht, dass du versehentlich den Schlüssel triffst und uns womöglich in eine andere Dimension transportierst."

„Wir müssen erst einmal herausfinden, ob es diesen Schlüssel überhaupt gibt", murrte Spike und arbeitete dann doch vorsichtig. „Vielleicht ist die ganze Geschichte nichts weiter als ein Ammenmärchen."

 

                                                                                              *~*~*

 

Eine ganze Weile sprachen sie kein Wort und die Stille wurde nur von den Geräuschen unterbrochen, die ihre Werkzeuge hinterließen.

„Vielleicht will Mr. Wichtig uns aushungern", mutmaßte Spike plötzlich. Auch wenn er es nicht sonderlich erwähnt hatte, so hatte er doch ständig auf irgendwelche Geräusche oder die leisen Stimmen geachtet, die von oben zu ihnen herunter drangen.

„Vielleicht", erwiderte Angel, „hat er aber auch nur gehört, was wir hier machen und wartet ab, da wir ihm die Arbeit ersparen. Jedenfalls denkt er das."

„Auch vorstellbar", nickte Spike. Er machte eine Pause und drehte den Meißel in seiner Hand. „Wie genau hast du dir eigentlich unser weiteres Vorgehen gedacht? Wir finden den Schlüssel und dann...? Warten wir auf die Reaktion von dem Söldner da oben, oder versuchen wir einen Überraschungsangriff?" Er lachte abgehakt. „Oder planst du gar, den Schlüssel zu benutzen?"

„Ganz sicher nicht", brummte der Dunkelhaarige. „Das ist viel zu unsicher. Wir würden nicht wissen, welche Dimension wir öffnen oder, ob wir von dort zurückkönnen." Einen Moment dachte er mit angestrengtem Gesichtsausdruck nach. „Ein Überraschungsangriff ist schwer durchführbar", überlegte Angel laut. „Immerhin gibt es nur den einen Zugang und das Eisloch wird mit Sicherheit schwer bewacht." Er verstummte wieder und wischte wieder das lose Eis von dem toten Körper Kolomans. „Guck dir das an", meinte er dann. „Ein altes Schild."

Ein Holzschild, das von rostigem Metall eingefasst war, lag auf der Brust des Toten und war bisher nicht erkennbar gewesen. Die ehedem rote Farbe des Schildes hatte sich in ein schmutziges Braun verwandelt und man sah ihm an, dass es oft in Gebrauch gewesen war.

„Ist das der Schlüssel?", fragte Spike mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich denke, eher nicht", murmelte Angel. „Aber vielleicht schützt es das, was wir suchen."

 

                                                                                                *~*~*

 

„Es sieht aus wie eine Flöte", murmelte Spike wenig beeindruckt, nachdem sie den Schild entfernt hatten. Ein gelblich weißer Gegenstand, der ungefähr zwölf Zentimeter lang war, und nur einen sehr geringen Durchmesser hatte, lag in der Hand des uralten Toten. Offensichtlich hatte er sich noch im Tod daran geklammert und für Spike hatte sich das Ganze nun erledigt. Sie hatten gefunden, weswegen sie gekommen waren und er streckte die Hand aus, um die Flöte an sich zu nehmen.

Angel schlug seine Hand weg und schüttelte den Kopf. „Sei vorsichtig. Du weißt nicht, wie er benutzt wird, wenn das Ding denn der Schlüssel ist."

„Sicher ist das der Schlüssel", brummte Spike beleidigt. „Warum sollte er das Teil sonst so verkrampft festhalten?" Er murrte leise vor sich hin. „Es ist eine Flöte. Und wie du weißt, muss man hineinblasen, um irgendetwas auszulösen! Also entweder nimmst du das blöde Ding nun an dich, oder ich nehme es. Ich verliere so langsam die Lust an diesem Scheiß!"

„Schon gut", knurrte Angel, nahm dann seinen Meißel und löste das festgefrorene kleine Musikinstrument. „Sieht aus wie aus Knochen oder Elfenbein gemacht", raunte er mehr zu sich selbst als zu Spike, doch der Blonde hatte wie immer eine Antwort.

„Woher sollten die alten Kelten denn Elfenbein haben? Als wäre ihnen jemals ein Elefant unter die Augen gekommen!"

„Elfenbein wird auch aus Walrosszähnen gewonnen", belehrte ihn der Ältere. „Und davon schwimmen genug herum." So vorsichtig er auch zu Wege ging, die Flöte wollte sich nicht aus der Hand Kolomans lösen und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die morschen Finger des Toten zu brechen. „Na also", murmelte er leise und nahm die Flöte vorsichtig in die Hand.

Spike sah ihn beinahe gelangweilt an. „War es das jetzt, oder willst du noch weitersuchen?" Wie eigentlich immer, verlor er das Interesse an dem Gefundenen schnell und ihm fielen tausend Dinge ein, die er nun lieber tun würde. Doch zuerst mussten sie sich wohl oder übel noch mit ihren Besuchern oben auf dem Eis beschäftigen und in Gedanken war er schon dabei, einen Plan zu entwerfen, wie sie die Männer am schnellsten erledigen konnten.

„Nein", schüttelte Angel den Kopf. „Aber die Flöte ist ganz sicher der gesuchte Schlüssel."

„Und woher weißt du das auf einmal so genau?" Seine Stimme klang desinteressiert und er gab sich auch keine Mühe, das zu verbergen.

„Nimm sie", forderte der Ältere kopfschüttelnd auf und überreichte das Gefundene. Manchmal konnte er sein Childe einfach nicht verstehen. Immerhin verlief die ganze Angelegenheit weitaus besser als je gedacht; von dem oberirdischen Problem einmal abgesehen! Aber Angel hatte nicht damit gerechnet, schon am ersten Tag die Gruft zu finden. Er hatte es zwar nie laut ausgesprochen, doch er hatte die Befürchtung gehabt, Wochen in der Arktis zu verbringen.

„Wow", brummte Spike beeindruckt. „Sie vibriert. Dabei sieht man keinerlei Bewegung."

„Und man kann fühlen, wie viel Macht von ihr ausgeht", nickte Angel. „Spürst du das nicht?"

„Doch, sicher", schnauzte Spike sofort wieder beleidigt und schüttelte den Kopf. „Hier", meinte er und gab das Instrument zurück. „Und was jetzt?"

„Wir verpacken die Flöte und dann werden wir uns überlegen, wie wir hier rauskommen!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Wesley hatte eine Menge verschieden große Verpackungen mitgeschickt und es dauerte eine ganze Weile, bis Angel das Passende gefunden hatte. Er begutachtete noch einmal die schmale Hülse, in der die Flöte nun ruhte und schüttelte sie vorsichtig.

„Es scheint sicher zu sein", meinte er und verstaute das schmale Päckchen gut im Inneren seiner dicken Daunenjacke. Dann sah er zu Spike, denn merkwürdige Geräusche hatten seine Aufmerksamkeit geweckt. „Was zum Henker machst du da?"

„Ich lasse die kleinen Luftpolster platzen", brummte Spike und knetete die Luftpolsterfolie in den Händen, so dass viele kleine Explosionen zu hören waren. Er grinste breit. „Jetzt sag nicht, das hättest du noch nie gemacht."

„Ich habe für gewöhnlich was Besseres zu tun", seufzte Angel kopfschüttelnd.

„Ich habe aber gerade nun mal nichts Besseres zu tun", grummelte Spike und verdrehte die Augen. „Oder glaubst du, es war interessant, dir beim Einpacken dieser verdammten Flöte zuzugucken?"

„Vergiss es", seufzte Angel. Er hatte keine Lust, sich über sein Childe aufzuregen. Es machte eh keinen Sinn und so unterließ er jede bissige Bemerkung. „Wir sollten uns jetzt überlegen, wie wir vorgehen sollten." Er runzelte die Stirn. „Am besten wäre wohl ein Überraschungsangriff."

„Jepp", nickte Spike. „Aber du hast selbst schon festgestellt, dass das kaum möglich ist. Immerhin sind wir im „Keller" und es gibt nur den einen Weg nach oben." Während er munter vor sich hinplapperte, lief er langsam auf das Loch zu und hängte sich dort angekommen an die Strickleiter. „Wirklich schwer machen sie es uns nicht", murmelte er leise, da die Leiter noch immer fest verankert war.

„Das bedeutet aber auch, dass sie oben auf uns warten."

„Schon klar", nickte Spike und streckte sich vorsichtig, um seine Verletzung auszutesten. „Wenn nicht ausgerechnet einer wieder die gleiche Stelle trifft, dürfte es kein Problem sein, die Idioten da oben so richtig zu vermöbeln."

Leicht besorgt runzelte der dunkelhaarige Vampir die Stirn. „Vielleicht sollte ich alleine gehen."

„Das kannst du dir abschminken", fauchte der Blonde sogleich und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ich weiß nämlich schon genau, was wir jetzt machen."

„Und wie genau willst du vorgehen?", fragte Angel leise und zog seinerseits an den beiden Seilen, die von oben herabgefallen waren.

„Wir gehen gleichzeitig", erklärte Spike. „Du, da du ja keinerlei Einschränkungen hast, benutzt die Seile und ich die Strickleiter." Er grinste. „Da, wo ich durch das Eis gebrochen bin, ist doch ein kleiner Absatz, von wo es leicht schräg nach oben geht. Ich kann dank der Leiter fast gerade hoch, du musst dich nur um die Ecke schwingen und bist Sekunden später auch oben. Tja", meinte er und grinste noch breiter. „Und dann tun wir das, was wir am besten können…"

„Das gefällt mir immer noch nicht. Schon, weil du Verletzungen hast, sollte ich derjenige sein, der als erster geht.", beschwerte sich Angel. „Du bist nicht ganz einsatzbereit, also wäre es einfacher, ich würde die Vorhut bilden und du kommst nach."

„Meine Klamotten sind schwarz", stellte Spike wenig sachlich fest. „Du siehst aus wie ein dickes weißes Michelin-Männchen in deinen bleichen Klamotten. Sie würden dich sofort sehen, denn sie beobachten den Einstieg bestimmt. Mich sieht keiner, immerhin ist es hier dunkel. Und was Dunkles, das aus dem Dunklen kommt…"

„Nein! Das gefällt mir gar nicht", schüttelte der Ältere den Kopf und Spike seufzte sofort laut.

„Jetzt stell dich nicht so bescheuert an, immerhin ist es kaum eine Sekunde, die du später da bist." Und noch bevor sein Schatz auch nur ein Wort erwidern konnte, setzte er den Fuß in die erste Sprosse und begann mit dem Aufstieg. „Los jetzt! Wir machen sie nieder!", grinste er und Angel schwang sich an die Seile, um ihm zu folgen.

 

Teil 5

Die Kälte war kräfteraubend; das musste Spike, gleichwohl sein untoter Körper dick eingemummt war, wieder einmal feststellen. Kurz vor dem Eisdurchbruch, den er selbst ins Eis geschlagen hatte, hielt er an und drehte sich zu Angel um, der an zwei Seilen gleichzeitig hangelnd, nur einen knappen Meter unter ihm war.

„Bereit?", fragte er so leise, dass nur ein anderer Vampir ihn hören konnte, und da der Dunkelhaarige zur Bestätigung nickte, sprach er weiter. „Auf sie mit Gebrüll!"

Allerdings ließ er seinen Worten keine Taten folgen, sondern er schwang sich so leise und so schnell das letzte Stück des Wegs herauf, dass sogar Angel ihn einen Moment aus den Augen verlor.

Als er endlich oben anlangte, hatte Spike schon einen der Söldner niedergestreckt und steckte nun inmitten einer Traube Angreifer, auf die Angel sich ohne jede Überlegung stürzte. Er schlug, trat und boxte sich einen Weg frei und versuchte sein Childe zu schützen, der offensichtlich Probleme hatte, sich gegen die große Menge Widersacher durchzusetzen.

 

                                                                                             *~*~*

 

Wie viele Männer Spike schon erledigt hatte, vermochte er nicht zu sagen, aber zu seinem Leidwesen musste er gestehen, dass seine Kräfte schwanden. Die Wunde war, wie bereits vorher befürchtet, wieder aufgebrochen und schmerzte schlimmer als je zuvor.

Das Ausgrabungszelt hatten sie längst verlassen, doch wann oder wie, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es immer schwieriger wurde, sich die Gegner vom Hals zu halten und er war Angel dankbar, der dicht neben ihm kämpfte und augenscheinlich versuchte, das Schlimmste von ihm abzuhalten.

Alles in allem war es eine wüste Schlägerei. Tritte folgten auf harten Schlägen, es wurde geschubst, gestoßen und einer der Söldner hatte sogar versucht ihn zu beißen. Für einen kurzen Augenblick war Spike fassungslos gewesen, doch dann hatte er den Feind mit einem gezielten Schlag außer Gefecht gesetzt.

„Das reicht jetzt!", schrie der Anführer der Söldnertruppe plötzlich, zog seine Waffe und gab einen Schuss in die Luft ab.

Alle Anwesenden stockten und die beiden Vampire bauten sich nebeneinander auf, um einen besseren Überblick zu haben. Offenbar waren die Kämpfer froh über die Verschnaufpause, denn sie zogen sich etwas zurück und überließen ihrem Boss nur zu gerne das Kampffeld.

„Bisher ist niemand tot oder ernsthaft verletzt", begann der Chefsöldner und fixierte Angel mit finsterem Blick. Er richtete die Waffe auf Spike und lachte leise sein kehliges Lachen. „Gib mir, weswegen ich hier bin und ich lasse euch beide unbehelligt eures Weges ziehen. Wenn nicht, dann…."

„Sicher doch", brummte Spike und kniff vor Schmerzen die Augen zusammen. „Als würdest du uns einfach so laufen lassen." Auch er war dankbar über die Pause, ließ jedoch keinen seiner Gegner aus den Augen und vergaß auch nicht, ihre Anzahl zu überprüfen. Acht der Männer standen noch mehr oder weniger aufrecht und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Angel und er den endgültigen Sieg davontragen würden. Doch nun war ein anderer am Zug und er wartete gespannt auf die Reaktion seines Sires.

„Ihr habt mein Wort", versprach der Chef der Söldner gerade und Spike lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann, der nur zwei Meter von ihm entfernt stand und mit einer Waffe auf seine Stirn zielte.

„Das Wort eines Söldners ist nicht unbedingt viel wert", erwiderte Angel kalt. „Außerdem… woher wollt ihr wissen, dass wir haben, wonach ihr sucht?"

„Ihr wärt kaum hier oben, wenn dem nicht so wäre", erwiderte der Feind eisig. „Wir haben gehört, wie ihr unten gearbeitet habt. Es gibt nur einen Grund, warum ihr die Arbeit eingestellt habt. Ihr habt gefunden, was ihr suchtet. Und da ich das gleiche will… . Gib es mir einfach, dann kann jeder seines Weges ziehen."

„Pah!", machte Spike und reckte seine Hand, um ihm den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen. „Du glaubst doch nicht, dass wir kampflos aufgeben!", spuckte er ihm entgegen. „Guck dich mal um, du Held. Die meisten deiner Männer sind ausgeschaltet und den Rest erledigen wir auch noch!"

„Das werde ich zu verhindern wissen", knurrte der Chefsöldner und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. „Eine letzte Chance gebe ich euch noch", sagte er und spannte den Abzug der Waffe.

„Mistkerl, verfluchter!", zischte Spike und Angel, wenig beeindruckt von dem Gebaren seines Gegenübers, stemmte trotzig die Hände in seine Hüften.

„Ihr habt es ja nicht anders gewollt", schnaubte der Söldner und drückte ab. Der Schuss gellte durch die Luft und für einen Moment war nichts anders zu hören als das dumpfe Grollen, das noch in der Ferne nachhallte.

Spike bekam die Kugel genau zwischen die Augen und kippte wie ein nasser Sack um und landete auf dem Rücken.

„Das hättest du besser gelassen", knurrte Angel und konnte sich ein gehässiges Lächeln nicht verkneifen. Er wusste, dass sein Childe jetzt erst richtig böse werden würde, denn Schusswunden waren lästig und Spike hatte sich schon immer furchtbar deswegen aufgeregt.

Und noch bevor der Kämpfer auf diese seltsame Reaktion seines Gegenübers antworten konnte, setzte der Blonde sich wieder auf und fuhr mit der Hand über seine Wunde.

„Das hat WEHGETAN!", schimpfte der Vampir auch sofort los, sprang auf und ging einen drohenden Schritt auf den Söldner zu. „Du verdammter Drecksack! Hast du auch nur den blassesten Schimmer, was für Schmerzen eine solche Waffe hinterlässt?"

„Was… was… was zum Teufel seid ihr?", stotterte der einst so stolze Kämpfer und ging eilends ein paar Schritte rückwärts. Vollkommen fassungslos starrte er auf Spike, die blutende Wunde auf seiner Stirn, dann auf seine Waffe. „Was seid ihr?", brüllte er und strauchelte weiter rückwärts.

Auch die anderen Kämpfer, die sich bisher stumm im Hintergrund gehalten hatten, waren vollkommen aus der Fassung und wie Angel feststellte, zogen sie sich immer weiter zurück. Sie waren genauso verwirrt wie ihr Anführer und unruhiges Gemurmel wurde laut.

„Was zum Teufel seid ihr?", brüllte der Chefsöldner ein weiteres Mal und schoss, mutig, oder auch verzweifelt wie er war, drei weitere Male auf Spike, der jedoch die Einschläge der Kugeln einfach hinnahm und nicht sonderlich darauf reagierte.

„Freu dich, wenn du das nie erfährst", knurrte der blonde Vampir, so langsam mächtig böse. Er tauschte mit Angel einen kurzen Blick und wie auf ein Stichwort entfesselten beide ihren Dämon.

 

                                                                                                 *~*~*

 

„Was…? Was…? Was…?", äffte Spike die Stimme des Söldners nach und grinste dann breit. „Ich glaube, er hat es bis zum Schluss nicht begriffen." Er lehnte mit dem Rücken an der Beifahrertür der Pistenraupe, die sie sich von der Söldnertruppe ausgeliehen hatten, und machte es sich so bequem wie möglich. „Die Frage hat der Mistkerl garantiert sein Lebtag noch nicht so oft gestellt, wie heute in fünf Minuten."

„Naja", lächelte Angel und lenkte das schwere Gerät über den unebenen Boden. „Den nichts ahnenden Ausdruck hatte er noch auf dem Gesicht, nachdem du ihn ausgeknockt hast."

Wie nicht anders zu erwarten, hatten sie den Rest der Männer ohne größere Schwierigkeiten überwältigt. Allerdings hatten sie sich nicht die Mühe gemacht, die Angreifer zu fesseln, sondern sie hatten sich einfach das schwere Schneemobil geschnappt und waren losgefahren. Es war nicht ihre Aufgabe, sich um die Männer zu kümmern oder sie gar einzusperren. Das sollten andere übernehmen und Angel hatte über das Funkgerät alle wichtigen Informationen an Wesley weitergegeben, der sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte.

„Ja", lachte Spike grimmig. „Das war echt spaßig." Dann seufzte er und sein Gesichtsausdruck wurde dämonisch. „Wehe, Wesley hat irgendwelche blöden neuen Aufträge für uns, bevor das neue Jahr beginnt. Dann werde ich echt stocksauer! Nach dem Scheiß hier haben wir uns eine Pause mehr als verdient. Außerdem ist immer noch Weihnachten und das werde ich mir nicht noch mehr kaputtmachen lassen!"

„Er wird dir die Pause schon gönnen", erwiderte Angel, der ganz andere Pläne hatte, als sein Childe sich das vorstellen konnte. „Du brauchst so oder so eine Pause. Deine Verletzungen müssen in Ruhe heilen."

„Vier Kugeln und ein paar gebrochene Rippen", zuckte Spike lässig mit den Schultern. „Ein oder zwei Tage Ruhe, ein oder zwei Liter leckeres Blut… das wird schon wieder."

„Wir werden es ja sehen", nickte Angel, doch er sprach mit sich selbst. Seinem Childe waren die Augen zugefallen und er schlief den todesähnlichen Schlaf, den nur ein Vampir schlafen konnte.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Wo sind wir?" Spike wurde nur langsam wieder wach, doch er bemerkte schnell, dass er nicht mehr in der Pistenraupe saß, sondern anscheinend in einem normalen Wagen, der außerdem gut beheizt war.

„Anchorage", meldete Angel sich vom Fahrersitz des Leihwagens.

„Und was zur Hölle wollen wir hier?", fragte Spike und setzte sich mühsam auf der Rückbank auf. Die Schusswunden störten ihn kaum, doch seine Rippen machten ihm arge Schwierigkeiten und er hatte keinen blassen Schimmer, wo sein Sire ihn hinbrachte. In Anchorage waren sie nur gewesen, um in ein kleineres Flugzeug umzusteigen, das sie in die Arktis geflogen hatte.

„Das Wetter hat sich verschlechtert", log Angel ohne rot zu werden. Er hatte gehofft, sein Ziel zu erreichen, bevor sein Childe wieder wach wurde. Doch jetzt musste er improvisieren. „Ein gewaltiger Schneesturm. Es gehen keine Flüge."

„Ganz toll", knurrte Spike, der sich schon auf sein Bett gefreut hatte. Ganz zu schweigen davon, endlich in Ruhe die Feiertage genießen zu können. „Und was jetzt?"

„Ich habe uns ein Zimmer gemietet", sagte der Dunkelhaarige leichthin. Doch das stimmte nicht so ganz. Wesley hatte diese Aufgabe für ihn erledigt. Das und noch einiges mehr. Angel lenkte den Wagen auf einen großen Parkplatz, und stoppte direkt vor einem Eingang des Hotels. „Wir müssen uns ein bisschen beeilen", meinte er, während er den Schlüssel aus dem Schloss zog. „Es wird bald hell!"

„Ja, ja", brummte Spike und nahm das Gebäude in Augenschein. Es hatte schon bessere Zeiten gesehen, war aus Holz gebaut und in dem Fenster der Lobby leuchtete ein kleiner bunter Weihnachtsbaum.

Müde und geschafft trottete er hinter Angel her, der offensichtlich genau wusste, wohin er wollte und erst, als sein Sire ihm einen Zimmerschlüssel überreichte, wurde Spike wieder munter. „Was soll das?", brummte er schlecht gelaunt. „Kannst du die Tür nicht selbst aufschließen?" Er wollte nicht in das doofe Hotelzimmer. Er wollte zurück nach L.A., wollte sich dort auf sein Bett werfen, den Fernseher anstellen und irgendwelchen weihnachtlichen Blödsinn angucken. Er wollte Kakao, Marshmallows und Kekse. Aber garantiert nicht in Anchorage eingeschneit sein!

„Nein, kann ich nicht", lächelte Angel undurchsichtig und ging ein Stück zur Seite.

Seufzend drehte Spike den Schlüssel, stieß die Tür auf und stockte fassungslos. Vor ihm tat sich ein gemütliches Zimmer auf, in dem ein Kamin brannte, einen großer Tannenbaum strahlte und eine Menge Geschenke gestapelt auf einem Tisch lagen. „Was…?", murmelte er, doch da war Angel schon bei ihm.

„Frohe Weihnachten", flüsterte der Dunkelhaarige und küsste ihn flüchtig. Und da Spike ihn verwirrt ansah, lachte er leise. „Deswegen musste ich gestern unbedingt mit Wes sprechen", erklärte er lächelnd. „Du warst so böse und enttäuscht, kein Weihnachten feiern zu können, dass ich…"

„Das alles hast du für mich gemacht?" Spikes Stimme war brüchig und er musste sich räuspern. „Für mich?"

„Sicher", lachte Angel und schob sein Childe sanft in den Raum. „Das und die Woche Urlaub, die wir hier machen werden." Er lachte, weil Spike immer noch fassungslos dreinschaute. „Ich habe Wesley und allen anderen verboten, uns zu stören", erklärte er dann. „Und wenn sie sich nicht daran halten, darfst du ihnen eigenhändig den Kopf abreißen!"

Nun war es Spike, der lachte. „Und genau das werde ich dann auch sicherlich machen." Er küsste Angel stürmisch und vergass dabei sogar seine Schmerzen. „Wahnsinn", murmelte er, als er auch die leise Weihnachtsmusik wahrnahm, die aus irgendeiner Ecke zu ihm herüberdudelte. „Frohe Weihnachten", grinste er und stieß die Tür zu, die er erst in einer Woche wieder öffnen würde. „Frohe Weihnachten!"

 

Ende