Titel: After the rain has fallen
Autor: Silentthunder
Inhalt: Isabelle ist unglücklich. Sie soll heiraten, verspürt aber keinerlei Lust dazu einen älteren Mann zu ehelichen, den sie als
langweilig und fade empfindet. Findet sie trotzdem ihr Glück oder bleibt ihr nur die Pflicht, die Frauen ihrer Zeit erfüllen müssen?
Altersfreigabe: keine
Teile: ?
Beta: Silentthunder
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Isabelle Stafford, Brandon Williams und viele andere.

 

 

After the rain has fallen

 

„Ich befürchte, ich werde krank. Ich fühle mich gar nicht wohl."

Olivia Stafford, Herrin auf Stafford-Manor, unterbrach sofort ihre filigrane Arbeit, noch mehr silbrig glänzende Perlen in das ebenholzfarbene Haar ihrer Tochter einzuarbeiten. Obwohl der Winter kaum begonnen hatte, war es eisig kalt und sie hoffte, ihre Tochter hätte sich nicht erkältet bei dem feuchtkalten Wetter. Sie beugte sich vor, blickte ihr in die strahlend grünen Augen und fühlte ihre Stirn. „Heiß bist du nicht", stellte sie fest. Dann runzelte sie die Stirn und hob mahnend den Zeigefinger. „Das war doch nicht etwa ein schwacher Versuch, dich vor der heutigen Festivität zu drücken? Das wäre weit unter deiner Würde und ich wäre sehr enttäuscht."

Beschämt senkt Isabelle ihren Blick und starrte auf ihre Knie. „Ich möchte nicht undankbar erscheinen, keineswegs, doch ich… ich…." Sie stockte, unfähig auszusprechen, was sie empfand und welche Gedanken gerade durch ihren Kopf huschten.

Olivia Stafford schnaufte und griff sich theatralisch ans Herz. „Welch eine Enttäuschung. Ich kann dir gar nicht sagen, wie unzufrieden ich mit dir bin." Sie machte sich wieder an der komplizierten Hochsteckfrisur zu schaffen, doch dieses Mal weitaus weniger vorsichtig. Grob zupfte sie an den einzelnen Strähnen und stoppte auch nicht, als ihre Tochter leise aufschrie. „Ich werde Mr. Williams nicht erklären, warum du nicht in der Lage bist, seinen alljährlichen Weihnachtsball zu besuchen. Und das nur aus Trotz und blankem Unwillen. Schämen müsstest du dich. Ich zumindest bin beschämt. Meine Tochter… undankbar bis ins Mark!"

„Ich wollte…", versuchte Isabelle etwas zu erwidern, doch ihre Mutter gebot ihr zu schweigen.

„Brandon Williams gibt sich wahrlich die größte Mühe", schimpfte sie und zerrte an einer weiteren Haarsträhne. „Gerade dir gegenüber! Man muss sich schon wundern, dass er es nicht längst aufgegeben hat."

Hätte er es doch nur aufgegeben, dann wäre mir wohler’, dachte Isabelle und verzog schmerzhaft das Gesicht. Ihre Mutter ließ ihre Wut an ihrer Frisur und somit ihren Haaren aus, doch sie wagte es sich nicht, sie zu unterbrechen.

„Du hast den armen Mann so oft zurückgewiesen… dabei ist er eine gute Partie. Du solltest dich geehrt fühlen, dass ein solcher Mann sich um dich bemüht. Aber nein, meine Tochter ist sich zu fein dafür. Du bist ganz schrecklich. Furchtbar. Ich kann kaum glauben, dass ich dich aufgezogen habe!"

„Um Gottes Willen, was geht denn hier schon wieder vor sich?" Arthur Reuben Stafford kam in das Zimmer seiner Tochter und machte ein finsteres Gesicht. Er nestelte unentwegt an seiner Schleife, brauchte aber die Unterstützung seiner Frau, um dem verhassten Kleidungsstück den letzten Schliff zu geben.

„Deine Tochter wollte sich vor dem Weihnachtsball drücken, indem sie Unwohlsein vorschob", murrte Oliva Stafford, ließ von Isabelle ab und half rasch ihrem Mann.

„Meine Güte, Isabelle", seufzte er schließlich und stellte sich hinter seine am Frisiertisch sitzende Tochter. Er blickte in den Spiegel, stur in ihre Augen und schüttelte enttäuscht den Kopf. Im Grunde war er eine Seele von Mensch, jederzeit bereit, jedem, der seine Unterstützung brauchte, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, doch so langsam hatte selbst er die Nase voll von dem immer gleichen Thema. „Das ist das letzte Mal, dass ich mich dazu äußern werde, also hör mir gut zu. Brandon Williams ist ein feiner Mann, der dich gut zu versorgen wüsste."

Er unterbrach einen drohenden Einwand mit einer simplen Handbewegung. „Ich habe ihn abgewiesen, als er sich das erste Mal um dich bemühte. Damals warst du gerade erst achtzehn Jahre alt und ich habe deine Einwände gelten lassen, du wärst zu jung, oder er mit seinen knapp dreißig Jahren zu alt. Ich habe ihn ebenso abgewiesen, als er sich ein ganzes Jahr später wieder vorwagte. Noch immer hattest du die gleichen Einwände und wir können schon von Glück sagen, dass deine Mutter zu der Zeit krank daniederlag. Ich habe sie als Grund für die Absage vorgeschoben und Williams hat es hingenommen. Doch…" Arthur Stafford fuhr sich müde durch die Haare und seufzte schwer. „Ein weiteres Mal werde ich ihn nicht zurückweisen."

„Es ist überhaupt nur dem Verhandlungsgeschick deines Vaters zu verdanken, dass Mr. Williams sich nicht vollends von uns abgewandt hat", schimpfte Olivia Stafford. „Kein anderer Mann hätte zwei solch herbe Rückschläge einfach weggesteckt, denn, mein liebes Kind, du bist wahrlich nicht die einzige junge Dame hier in der Gegend, die nach einer passenden Verbindung sucht. Und schon das sollte dir zeigen, wie ernst es ihm mit dir ist und welch standfesten Charakter er hat."

Mrs. Stafford ließ sich auf die Kante des Bettes nieder und fächelte sich mit ihrem aufwendig bestickten Fächer so dringend benötigte Luft zu. Derlei Aufregungen waren Gift für sie und ihre Migräne machte sich bereits bemerkbar. „Undankbares Ding!"

Arthur Stafford achtete nicht weiter auf sie. Er machte einen Schritt auf seine Tochter zu und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. „Ich kann deine Ablehnung Williams gegenüber wahrhaftig nicht nachvollziehen. Er ist ein Ehrenmann mit guten Eigenschaften und…. Und dennoch… du weißt, uns fehlen die Mittel, um dich nach London oder sonst wohin zu schicken, damit du dir einen passablen Kandidaten auswählen kannst. Entweder also du hast das große Glück, dass sich ein passender junger Mann in unsere Gegend verirrt, oder aber du wirst Williams heiraten. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er dir bis zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag Zeit gibt… danach gibt es kein Zurück mehr."

„Aber er ist ein alter Mann", schoss es aus Isabelle heraus, doch sie stockte schnell, als sie die finstere Miene ihres sonst so gutmütigen Vaters sah.

„Ein alter Mann? Mit gerade mal einunddreißig Jahren?", fragte er und schüttelte den Kopf. „Sollte es mich dereinst nicht mehr geben, und das weißt du genau, junge Dame, dann fällt dieser Besitz an meinen Neffen, da es uns leider nicht vergönnt war, einen Sohn zu bekommen. Deine Mutter ist versorgt, bei dir sieht die Sache vollkommen anders aus und das weißt du genau."

Isabelle nickte sachte, und versuchte die Tränen aufzuhalten, die mit Macht in ihre Augen drängten. „Ja, Vater." Sie erhob sich mühsam und wandte sich ihm zu. „Wenn du mich entschuldigen würdest, ich wäre vor der Abfahrt gerne noch einen Moment alleine." Sie knickste rasch vor ihm und ihrer Mutter und flüchtete aus dem eigenen Schlafzimmer. Auf dem Flur angekommen, rann eine einzelne Träne über ihre Wange und sie hörte ihre Mutter seufzen.

„Versteh einer dieses Kind. Eine solche Verbindung überhaupt in Frage zu stellen!", schimpfte Olivia Stafford. „Gott sei Dank ist jedenfalls Katie schon verheiratet. Sie hat sich nicht so dumm und arrogant angestellt und nun ist sie glücklich und zufrieden."

„Auch Isabelle wird ihren Weg gehen. Da bin ich ganz sicher", erwiderte Arthur Stafford und es war ihm anzuhören, wie sehr ihm dieses scheinbar endlose Thema verhasst war. „Sie braucht einfach nur mehr Zeit."

Oliva Stafford lachte auf und Gehässigkeit schwang in ihrer Stimme mit. „Mehr Zeit. Das ich nicht lache. Aber die bekommt sie ja jetzt. Ein gutes halbes Jahr, dann ist diese leidige Sache beendet und ich kann endlich Frieden finden. Unverschämt, dieses Kind. Einfach nur unverschämt. Ich wünschte fast, Williams würde sein Versprechen brechen und dich noch heute Abend ein weiteres Mal um ihre Hand bitten. Dann hätte diese unselige Angelegenheit endlich ein Ende."

 

                                                                                             *~*~*

 

Witley Court wirkte düster und finster auf Isabelle, beinahe bedrohlich. Da konnten auch all die hell erleuchteten Fenster und die heitere Musik nicht helfen, die ihnen schon von weitem entgegenhallte. Es war das prachtvollste Bauwerk in der gesamten Gegend, das wusste sie genau. Es hatte einen wunderschönen Park mit ausgedehnten Anlagen und unzähligen Wasserspielen, die im Sommer ihre wahre Pracht zeigten, doch auch das konnte Isabelle nicht von dem Besitzer des großen Hauses überzeugen. Möglicherweise hatten sowohl ihr Vater und auch ihre Mutter recht und Brandon Williams besaß einen außergewöhnlich feinen Charakter, und natürlich war er die beste Partie im ganzen Land, ehelichen wollte sie ihn dennoch nicht.

Er war so viel älter, zu gefestigt in seinem Leben, dass Isabelle als fade und langweilig empfand. Er lebte meist recht zurückgezogen, liebte nur seine Hunde und die Jagd, machte aber niemals durch etwas Außergewöhnliches auf sich aufmerksam. Isabelle konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie sie in dem riesigen Gebäude dahinvegetierte, langsam verwelkte und alt wurde. Ihr jetziges Leben war schon recht trist, nur aufgelockert durch ein paar Besuche von Verwandten und Freunden, noch weniger konnte und wollte sie nicht hinnehmen. Sie wollte etwas von der Welt sehen, vielleicht reisen, zumindest aber hin und wieder nach London fahren, um ein wenig Zerstreuung zu finden.

„Isabelle?", riss ihr Vater sie aus ihren Gedanken und sie versuchte ein Lächeln. „Du zitterst wie Espenlaub. Geht es dir gut?"

„Das ist nur die Kälte", murmelte Olivia Stafford, der in der zugigen Kutsche auch nicht warm wurde. Da half auch die dicke Decke auf ihren Beinen nicht. „Aber wir sind ja gleich da."

„Ist es wirklich nur die Kälte?", fragte ihr Vater leise, als er Isabelle weniger später die Hand hinhielt, um seiner Tochter beim Aussteigen behilflich zu sein.

„Nein", sagte sie so leise, dass er sie kaum verstand. „Aber was macht das schon für einen Unterschied?" Sie wartete, bis auch ihre Mutter die Kutsche verlassen hatte und zusammen machten sie sich auf den Weg, Witley Court zu betreten.

Schon am Eingang wurden sie von Brandon Williams in Empfang genommen, der Isabelles Hand zur Begrüßung vielleicht ein wenig zu lange festhielt. „Wie schön, dass Sie trotz des unwirtlichen Wetters den Weg zu mir herauf gefunden haben", sagte er an ihren Vater gewandt und Isabelle blieb Zeit, ihn ein wenig eingehender zu betrachten.

Im Grunde war Brandon Williams ein gut aussehender Mann. Er war hoch gewachsen, hatte strahlend blaue Augen und in seinen dunkelblonden Haaren zeigte sich noch kein graues Härchen. Isabelle schüttelte sich unbewusst, was gleich mit einem finsteren Blick ihrer Mutter quittiert wurde. „Entschuldigung", raunte sie und blickte verschämt auf den Boden. „Aber in der Kutsche war es kalt und…"

„Aber, aber", sagte Brandon Williams wohlwollend und nickte ihr zu. „Das bedarf keiner Entschuldigung. Gehen Sie nur rasch hinein und wärmen sich auf." Ein weiteres Mal nickte er ihr zu, dann wandte er sich an ihren Vater. „Ich wollte bei Gelegenheit etwas mit Ihnen besprechen. Doch heute wollen wir feiern. Ich werde in den nächsten Tagen einmal bei Ihnen vorstellig werden, wenn es Ihnen recht ist."

„Sie sind jederzeit willkommen", sagte Oliva Stafford und bedachte ihre Tochter mit einem wissenden Blick.

Isabelle schwante Böses. Hatte ihr Vater ihr nicht gerade heute versichert, Williams und er hätten eine Vereinbarung, die sie bis zu ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr schützen sollte? Doch sie kam nicht dazu, sich weiter Gedanken darum zu machen. Zwei lachende, schwatzende Mädchen eilten auf sie zu und begrüßten sie stürmisch. „Scarlett, Georgia", freute sie sich und ließ sich beschwingt im Kreise drehen. „Was macht ihr beide hier? Ich dachte, ihr würdet erst nach Neujahr wieder zurückkehren."

Georgia Codrington lachte und knickste vor Brandon Williams. „Wir dürfen doch den Weihnachtsball nicht verpassen, den Mr. Brandon in jedem Jahr so vorzüglich ausrichtet. Papa war ganz unserer Meinung und so sind wir früher abgereist."

„Komm mit, wir haben dir so viel zu erzählen", lachte nun Scarlett und alle drei Mädchen verabschiedeten sich mit einem Knicks.

„Ich bin so froh, dass ihr mich dort losgeeist habt", seufzte Isabelle, als sie mit ihren beiden besten Freundinnen in den etwas ruhigeren Salon eintrat.

„Und ich wünschte, ich hätte deine Probleme", murrte Georgia. „Wenn Brandon mich doch nur ein einziges Mal so ansehen, wie er dich immer ansieht… ich würde im Himmel schweben." Sie sah ihre Freundin finster an, dann seufzte sie. „Aber ich darf dir wohl keinen Vorwurf dafür machen, dass er nur Augen für dich hat. Mich sieht er an, als wäre ich irgendein Wurm. Nein. Schlimmer noch. Er sieht durch mich hindurch, so als wäre ich Luft."

„Ich wünschte, ich könnte ihn dir schenken", entkam es Isabelle, dann blickte sie verlegen auf, doch die beiden Mädchen nahmen keinen Anstoß an ihrer recht heftigen Aussage. „Erzählt mir von eurer Reise nach Brighton", verlangte sie schnell. „Und ihr müsst mir alles berichten. Jede noch so kleine Kleinigkeit."

„Machen wir", versprach Scarlett. „Denn es gibt eine Menge zu berichten." Sie lächelte undurchsichtig, dann riss sie Isabelle beinahe in die Arme. „Ich bin verlobt! Kannst du dir das vorstellen? Verlobt!" Sie tanzte mit ihr im Kreis. „Im Frühjahr werde ich heiraten!"

„Und es ist so ein feiner Mann, der um sie angehalten hat", fügte Georgia neidisch hinzu. Ihr selbst war nicht das Glück vergönnt, schlank und an den richtigen Stellen wohlgeformt zu sein wie Isabelle und Scarlett. Sie selbst war klein und um einiges zu rundlich. „Mr. Finley Fletcher aus Brighton. Achtundzwanzig Jahre ist er alt und ein stattliches Vermögen hat er außerdem."

Isabelle war viel zu geschockt, um zu antworten. „Heiraten?", wiederholte sie verwirrt. „Im Frühjahr schon?"

„Warum sollten wir länger warten? Immerhin bin ich bereits zweiundzwanzig Jahre alt", erwiderte Scarlett und da sie sich offensichtlich sehr freute, brachte Isabelle es nicht über sich, noch weiter finster dreinzublicken. Sie setzte ein falsches Lächeln auf und hoffte, der Freundin würde nicht auffallen, wie entsetzt sie war.

„Das müssen wir feiern", sagte sie überschwänglich. Sie hakte beide Schwestern unter und zusammen eilten sie in den Ballsaal, der wunderschön weihnachtlich geschmückt war. Brandon Williams hatte wie jedes Jahr weder Kosten noch Mühe gescheut und den großen Ballsaal herrichten lassen. Perfekt geschmückte Weihnachtsbäume standen in den freien Nischen, Girlanden waren um alles gewickelt, was sich einwickeln ließ und überall leuchteten Kerzen und spendeten ein warmes goldenes Licht.

„Endlich", murmelte Georgia und nahm dankbar ein Glas Punsch entgegen. „Ich dachte schon, ich müsste verdursten. Aber Scarlett musste ja unbedingt auf dich warten." Dann sah sie auf und ihr Blick verschleierte sich.

Auch ohne aufzusehen wusste Isabelle, wen Georgia Codrington erblickt hatte. Ganz im Gegensatz zu sich selbst war ihre Freundin geradezu vernarrt in Brandon Williams, doch er hatte, wie Georgia es selbst schon gesagt hatte, keinen Blick für sie übrig. Dabei wäre sie gewiss die perfekte Frau für ihn, so wie sie ihn anhimmelte. Und es wäre eine perfekte Lösung. Georgia würde bekommen was sie wollte, und sie selbst… wäre frei.

„Ich hoffe, der Abend gestaltet sich nach ihren Wünschen", sagte Brandon Williams nun und wie es sich gehörte, knicksten die drei jungen Frauen vor ihm.

Doch zu Isabelles Verwunderung war er nicht alleine. Er hatte einen jungen Mann in Ausgehuniform bei sich, den er auch sogleich vorstellte. „Ladies, darf ich Ihnen Scott Webster vorstellen. Er ist der Sohn einer entfernten Cousine und stattet uns dieses Jahr zu Weihnachten einen Besuch ab."

Wieder knicksten die drei jungen Mädchen und Isabelle blickte rasch zur Seite. Scott Webster war ein wahrlich gut aussehender junger Bursche, ganz so, wie sie ihn sich immer erträumt hatte. Groß, kräftig und mit den schönsten braunen Augen, die sie je gesehen hatte. Auch sein Interesse schien bereits geweckt, denn seine gesamte Aufmerksamkeit lag bei ihr. Scarlett und auch die arme Georgia schienen bereits vergessen und Scott Webster versprühte all seinen Charme nur auf sie.

„Wären Sie so freundlich, mit mir zu tanzen", forderte er sie auch sogleich auf. „Es wäre mir eine außerordentliche Freude."

Leicht verschüchtert nickte Isabelle und sah aus den Augenwinkeln, dass Brandon Williams seinen Fehler offenbar sofort bemerkt hatte. Er wirkte bestürzt, als sie die Hand des jungen Mannes nahm und sich lächelnd zur Tanzfläche führen ließ. ‚Soll er doch. Vielleicht begreift er jetzt endlich, dass ich ihn niemals lieben könnte!’, dachte sie und ließ sich von ihrer neuen Bekanntschaft zur Musik über die Tanzfläche führen.

Teil 2

Die Tage waren herrlich, selten beschwingt, wie nie zuvor in Isabelles noch jungen Jahren. Einladung folgte auf Einladung, wie immer zur Weihnachtszeit, doch diesmal waren es nicht die üblichen, langweiligen Feste, wie sie sonst überall stattfanden. Zumindest kamen sie ihr dieses Jahr nicht so vor. Die prächtig geschmückten Häuser und Ballsäle strahlten heller als je zuvor und die Köstlichkeiten, die angeboten wurden, entlockten ihr wahre Begeisterungsstürme. Alles in allem war ihre gute Laune nicht zu übersehen.

Was allerdings wohl hauptsächlich an Scott Webster lag, der durch die Einführung seines entfernten Verwandten gleich in die Gemeinschaft eingegliedert worden war. Zu allen Einladungen, die eigentlich nur Brandon Williams gegolten hatten, gehörte nun auch Scott Webster und Isabelle freute sich, denn wann immer sie auf ihn traf, überschüttete der junge Mann sie mit Aufmerksamkeit.

Selbst Georgia Codrington war das nicht entgangen. Wie eigentlich immer hatte sie erst abweisend, ja fast böse reagiert und eine tiefe Eifersucht hatte aus ihr gesprochen. Doch dann hatte sich ihre Laune bedeutend verbessert, denn ihre Schwester, Scarlett, hatte sanft darauf hingewiesen, dass, sollte Isabelle jemals eine Verbindung mit Scott Webster eingehen, Brandon Williams wieder auf dem Markt war.

„Und ich verstehe trotzdem nicht, wie man sich für einen jungen Burschen wie Scott Webster interessieren kann, wenn einem ein perfekter Mann so gut wie gehört." Sie hatte Isabelle angesehen und mit dem Kopf geschüttelt. „Brandon Williams könnte dir alles bieten, er würde dir die Welt zu Füßen legen. Hast du ihn heute auch nur einmal angesehen? Hast du die Blicke gesehen, die er die heimlich zuwirft? Immer dann wenn er glaubt, niemand sähe es?" Sie hatte Mitleid erregend geseufzt. „Wenn er mich doch nur ein einziges Mal so ansehen würde. Ich würde dahin schmelzen wie Butter in der Sonne."

Isabelle jedoch hatte Georgia versichert, und das gleich mehrfach, dass sie sich bestimmt nicht darüber ärgern würde, wenn sich das dickliche Mädchen um Williams bemühte. Im Grunde wusste sie, dass Georgias Bemühungen wahrscheinlich unnütz waren und sie schämte sich für diesen Gedanken. Ihre Freundin hatte ein goldenes Herz, doch hatte Mutter Natur ihr nicht gut mitgespielt. Nicht nur, dass sie einige Pfunde zu viel auf den Rippen mit sich trug, sie war klein, ihr Haar strotzte jeglichen Bemühungen, sich in eine ordentliche Frisur zu verwandeln und zu allem Überfluss war ihre Nase lang und krumm. Eine kleine Warze am Kinn vollendete das Gesamtbild und auch wenn Isabelle sie sehr mochte und ihre oft klugen Aussagen schätzte, so verglich sie sie oft mit einer Hexe.

Einmal hatte sie sogar mit Scarlett darüber in aller Heimlichkeit gesprochen und die beiden jungen Frauen hatten gelacht. Was nicht sonderlich nett war, doch Scarlett hatte gemeint, sollte sie jetzt noch ein Leiden am Bein bekommen und auf die Hilfe eines Gehstocks angewiesen sein, glich sie den Hexen aus den Märchen bis aufs Haar.

Isabelle sah zu Georgia Codrington, die sich ein wenig zurückgezogen hatte, um den Mann ihrer Begierde unauffällig beobachten zu können. Noch immer schämte sie sich über ihre Gedanken, doch sie wurde abgelenkt, als ihre Mutter auf sie zustrebte, sie fast grob am Arm nahm und zur Seite führte.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Was für seltsame Spielchen spielst du eigentlich?", fauchte Olivia Stafford, kaum dass sie ihre Tochter auf die Terrasse geschleift hatte. „Du hast noch nicht einmal mit Williams getanzt. Verstehst du denn nicht, dass das seinen Blick für andere Frauen öffnet? Du bist nicht die einzige junge hübsche Frau hier und du solltest aufpassen, dass er dir nicht von der Fahne geht."

„Kannst du die Sache nicht jedenfalls einen Abend ruhen lassen?", erwiderte Isabelle heftig, schüttelte den Kopf und senkte die Stimme. „Ich dachte immer, dein einziges Bestreben sei es, mich unter die Haube zu bringen. Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen, denn welchen Mann ich heirate, sollte Scott Webster sich überhaupt als Kandidat erweisen, dürfte doch egal sein. Solange ich dir dann nicht mehr auf das Gemüt schlage, ist doch alles bestens."

„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen?", herrschte Olivia Stafford ihre Tochter an und da sie Angst hatte, die anderen Anwesenden könnten sie hören, schleifte sie sie hinaus in den Garten. „Ich habe immer schon gesagt, dass du ein unverschämtes junges Ding bist, aber dein Vater will ja nicht auf mich hören. Und gleich weiter im Text: Brandon Williams ist ein steinreicher Mann, gesittet, wohlerzogen und uns vor allen Dingen bekannt. Dein… junger Mann ist allenfalls ein billiger Abklatsch und ich glaube nicht, dass jemals etwas aus ihm wird. Was auch? Ein Offizier? Und dann?"

„Wo liegt der feine Unterschied?", brachte Isabelle nur unter größter Mühe beherrscht heraus. „Immerhin hast du Katie mit einem Geistlichen verheiratet. Es ist nicht so, als wäre Jamie nicht ein feiner und gottgläubiger Mann, aber seine Aufstiegsmöglichkeiten sind mehr als nur begrenzt."

„Natürlich", schimpfte Olivia Stafford und ignorierte, dass ihre Tochter offensichtlich fror. „Aber Jamie verdient nicht nur durch seinen Beruf der gleichzeitig seine Berufung ist, seine Eltern haben ihm ein kleines aber feines Vermögen vermacht und es ist sicher, dass er deine Schwester nicht nur vergöttert, sondern auch stets gut für sie sorgen wird."

„Und du denkst, Scott Webster könnte niemals für mich sorgen? Was bringt dich auf den Gedanken? Immerhin setzt sich dein heiß geliebter Williams für ihn ein und schon das sollte dich beruhigen."

„Du bist so ein ungezogenes, vorlautes und unmögliches Wesen", zischte Olivia Stafford. „Warum solltest du dich mit einem Niemand abgeben, wenn ein Mann wie Williams sich für dich interessiert? Ich sage dir das schon seit Jahren!"

„Ja, seitdem ich zwölf bin", schoss es aus Isabelle heraus. „Und seitdem jeden Tag! Jeden einzelnen Tag! Denkst du ernsthaft, dass ich bei all deinem Gezeter und Gemecker auch nur einmal daran gedacht habe, Williams auch nur in Erwähnung zu ziehen? Je mehr du auf mir herumgehakt hast, desto sicherer war ich mir stets, dass ich ihn niemals heiraten würde. Und ja, Mutter, es ist deine Schuld. Denn du hast ihn mir nicht schmackhaft gemacht, sondern ganz im Gegenteil, mit jedem Tag wurde er mir mehr und mehr verhasst!"

Niemals zuvor hatte sie auf eine solch barsche Weise mit ihrer Mutter gesprochen, doch Isabelle fühlte keine Schuld. Vielleicht war es längst überfällig, ihr einmal die Augen für die Wirklichkeit zu öffnen. „Wenn du nichts dagegen hast, dann werde ich jetzt wieder herein gehen und Scott Webster schöne Augen zu machen. Und sei es auch nur, um dich zu ärgern." Sie riss ihren Arm los, den Olivia Stafford noch immer fest im Griff hatte, wandte sich auf dem Absatz um und ließ sie stehen.

 

                                                                                               *~*~*

 

Weit kam sie allerdings nicht. Auf der Terrasse lief sie ihrem Vater in die Arme, der sie besorgt ansah. „Ich habe dich und deine Mutter den Ballsaal verlassen sehen und wusste gleich, dass das nichts Gutes bedeutet. Wo ist sie jetzt?", fragte er und sah sich verwundert um. „Isabelle, du hast sie doch nicht…"

Die Schuld, die sich noch vor Sekunden nicht gespürt hatte, holte sie nun mit Macht ein. „Ich habe sie… stehen lassen", gestand sie und senkte den Kopf. Was ihr vor Sekunden noch gut getan hatte, nämlich der Mutter endlich einmal die volle Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, wandelte sich in die Gewissheit, nun endgültig verloren zu haben. Ihre Mutter würde ihr dieses Verhalten niemals verzeihen, nicht einmal, wenn sie noch an diesem Abend Brandon Williams ehelichen würde. Ihr Leben Zuhause würde nun die Hölle auf Erden werden.

„Ach du meine Güte, Isabelle", tadelte ihr Vater auch sogleich. „Du weißt doch, wie sie ist. Hättest du dir das nicht besser ersparen können? Sie ist so oder so wie der Teufel hinter dir her. Jetzt wird dein Umgang mit ihr nicht einfacher."

„Ich weiß", nickte Isabelle und seufzte leise. „Aber ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Nicht einen Tag kann sie mich in Ruhe lassen. Nicht eine Sekunde. Ständig ist sie hinter mir hinterher und…"

„Das verstehe ich nur zu gut", nickte Arthur Stafford, der selbst oft und viel unter den Marotten seiner Frau zu leiden hatte. „Ich werde zu ihr gehen und ein Machtwort sprechen. So langsam ist Schluss. Aber geh du hinein. Es ist viel zu kalt für dich in deinem dünnen Kleid." Er gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange und wandte sich gerade rechtzeitig um, um seine Frau in Empfang zu nehmen, die wutentbrannt die Treppe zur Terrasse hinauf kam. „Frau", sagte er, „wir sollten noch einen kurzen Spaziergang im Garten machen. Ich muss mit dir sprechen und das duldet keinen Aufschub mehr."

 

                                                                                        *~*~*

 

Isabelle wurde, kaum im Ballsaal angekommen, gleich von ihren beiden Freundinnen in Empfang genommen. Sowohl Scarlett als auch Georgia bemerkten ihre Veränderung, doch sie sagten nichts dazu. Sie nickten ihr nur kurz zu und drückten so ihr Mitleid aus, denn die beiden jungen Frauen wussten nur zu gut, was Isabelle mit ihrer Mutter zu erleiden hatte. Dann lächelten beide und zogen sie hinter sich her.

„Scott Webster sucht schon das ganze Haus nach dir ab. Er will unbedingt mit dir tanzen, wie er uns gerade gesagt hat." Scarlett lächelte. „Und er sieht fantastisch aus in seiner Ausgehuniform. Beinahe so gut wie mein Zukünftiger."

„Mir ist gerade nicht nach tanzen", erwiderte Isabelle, deren schlechtes Gewissen nun mit Macht zuschlug. Ihr Vater hatte sie mit nur wenigen Worten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und sie fragte sich, ob es wirklich etwas wert gewesen war, sich einmal Luft zu verschaffen und der Mutter Worte ins Gesicht zu schleudern, die diese dringend einmal hatte hören müssen? ‚Ich hätte es Papa überlassen sollen. Er ist der einzige, der den Launen dieser Frau Einhalt gebieten kann und er hätte mich bestimmt unterstützt.’

„Da ist er ja", unterbrach Georgia ihre Gedanken und es dauerte nicht lange, bis Scott Webster vor ihr stand.

„Miss Stafford", sagte er und verbeugte sich kurz. „Ich hatte schon Angst, Sie hätten die Veranstaltung verlassen, ohne mir jedenfalls einen Tanz zu schenken."

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Ich war nur ein wenig erhitzt und habe Abkühlung auf der Terrasse gesucht", sagte sie, knickste und ließ sich anstandslos zur Tanzfläche führen.

 

                                                                                              *~*~*

 

Brandon Williams stand etwas abseits und unterhielt sich mit einigen Männern aus der Gesellschaft. Jedenfalls tat er sein Möglichstes, dem Gespräch zu folgen, dass recht hitzig über die Wirtschaftslage und die Politik geführt wurde. Doch sein Blick schweifte immer wieder ab, über die Menge der Tanzenden hinweg, und er ließ Isabelle Stafford nicht aus den Augen. Und es versetzte ihm jedes Mal wieder einen Stich, wenn er in ihr erhitztes, strahlendes Gesicht sah.

„Meinen Sie nicht auch?", fragte Mason Corbett, riss ihn zurück in die Wirklichkeit und sah ihn an.

„Nun", erwiderte er vage und hoffte, ihm würde noch einfallen, worum es gerade in dem Gespräch gegangen war. „Das kommt ganz darauf an."

„Ganz der gute Williams", sagte John Starr, klopfte ihm auf die Schulter und rettete ihn so unbewusst. „Immer bereit, sich den Gegebenheiten anzupassen. Aber auch Sie müssen zugeben, dass die Politik mehr und mehr versagt, wenn es um die Kolonien geht. Denken Sie nur an Indien. Waren sie nicht selbst eine Zeit dort stationiert?"

„Gewiss", nickte Brandon Williams. „Allerdings ist das eine Zeit, an die ich nicht gerne erinnert werde."

„Ah, ja", mischte sich nun der alte Callum Hawley ein. „Ich entsinne mich. Sie waren zu der Zeit des großen Aufstandes dort und es gab ein blutiges Gemetzel, dem sie selbst nur knapp entkommen sind. Sie sind übel verletzt worden, wenn ich mich recht erinnere, und die Feldärzte hatten Sie schon fast aufgegeben. Doch Sie haben Sich doch ins Leben zurückgekämpft. Guter Mann!", sagte er und nickte seinem Gesprächspartner wohlwollend zu. „Aber haben Sie nicht damals auch Ihren Bruder verloren?"

Genau deswegen werde ich nicht gerne daran erinnert’, dachte Brandon Williams bitter und seufzte lautlos. Er nickte sachte und sah den alten Recken an, der selbst in den Diensten der königlichen Armee gestanden und ebenfalls lange gekämpft hatte. „Ja, bedauerlicherweise. Adam hatte nicht so viel Glück."

„Aber Sie stimmen mir doch zu, wenn ich sage, dass Indien ein großer Wirtschaftsfaktor ist", meinte Mason Corbett, der sich lieber über weltlichere Dinge unterhalten wollte. „Unser Vorrecht sollte bestehen bleiben und ich verstehe die harten Kämpfe um jede noch so kleine Region. Auch wenn ich die vielen Verwundeten und Gefallenen natürlich missbillige."

Brandon Williams warf noch einen letzten Blick auf die Tanzfläche und auf Isabelle, dann tauchte er tiefer in die Gespräche ein, die immer hitziger wurden. Doch immerhin lenkten sie ihn von seinem Kummer ab und für ein paar Augenblicke vergaß er Isabelle Stafford und vor allen Dingen Scott Webster.

 

                                                                                             *~*~*

 

„Hast du gar keine Angst?", fragte Isabelle Scarlett in einer stillen Minute.

„Wovor soll ich Angst haben?", erkundigte sie die junge Frau sofort. Sie konnte den Gedanken ihrer Freundin nicht folgen und runzelte die Stirn.

„Vor deiner Vermählung", sagte Isabelle und seufzte leise. „Von Zuhause fortgehen, in eine völlig fremde Welt eintauchen und… du kennst deinen Zukünftigen doch kaum. Fürchtest du nicht, es könnte sich alles ganz anders entwickeln, als du es dir erhoffst? Vielleicht ist auch deine Schwiegermutter ein Drachen oder…"

„Hörst du auf", schimpfte Scarlett und gab Isabelle einen Klaps auf den Arm. „Bisher hatte ein keine Furcht, aber du schaffst es noch, dass ich vor Angst vergehe." Dann holte sie tief Luft. „Isabelle, ich glaube fest daran, dass alles gut wird. Finley Fletcher ist ein wahrlich feiner Mann und Vater hat ihn doppelt und dreifach überprüft. Aber eine Versicherung bekommt niemand. Man kann immer und überall auf Probleme und Schwierigkeiten stoßen, aber ich bin guter Dinge, sie alle in den Griff zu bekommen. Außerdem bleibt uns Mädchen doch so oder so keine Wahl. Wir müssen für unser Auskommen sorgen und wenn man nicht gerade eine erträgliche Leibrente bekommt, ist die Heirat die einfachste Möglichkeit."

„Als wenn ich das nicht zu gut wüsste", murmelte Isabelle. „Immerhin predigt Mutter mir das tagein tagaus."

„Ach, mach dir nicht zu viele Gedanken", sagte Scarlett und lächelte aufmunternd. „Auch für dich wird alles gut. Und wer weiß, vielleicht hast du den richtigen Mann ja schon gefunden, mit dem du dein Leben verbringen willst."

„Wer weiß", sagte Isabelle, dann lächelte auch sie und die finsteren Gedanken lösten sich in Luft auf.

Teil 3

Isabelle schwebte wie auf Wolken und auch das triste Dezemberwetter vermochte ihre gute Laune nicht zu vertreiben. Sollte es doch Bindfäden regnen. Sie war viel zu aufgeregt, um es überhaupt zu bemerken.

„Du scheinst äußerst guter Laune in den letzten Tagen", sagte ihr Vater und lächelte milde. Seine Frau war gerade wegen einer unwichtigen Lappalie hinter einem der Dienstmädchen her und so hatte er die Zeit, sich einmal ungestört mit seiner Tochter zu unterhalten.

„Ist es so offensichtlich?", fragte Isabelle und fühlte sich seltsam ertappt.

Lachend setzte sich Arthur Stafford in seinen Lieblingssessel dicht am Kamin. Die Kälte steckte ihm in den Knochen, seine Gelenke schmerzten und das lodernde Feuer verschaffte ein wenig Linderung. „Du meine Güte, ja", sagte er und deutete ihr an, sich zu ihm zu setzen. „Williams hat ihn mir vorgestellt. Ein offenbar recht anständiger junger Mann, dieser Webster. Im Januar wird sein Offizierspatent ausgestellt, das sogar vordatiert werden soll. Weißt du, was das zu bedeuten hat?", fragte er, und da seine Tochter den Kopf schüttelte, sprach er weiter. „Das bedeutet, dass seine Karriere dadurch beschleunigt wird und er rasch in höhere Positionen aufsteigen kann. Ganz augenscheinlich wird dem jungen Mann eine außergewöhnliche Laufbahn zugetraut."

„Ich kenne ihn kaum", versuchte Isabelle ihrem Vater ihre gute Laune zu erklären, „doch er weiß so ungeheuer viele interessante Geschichten zu erzählen. Trotz seiner jungen Jahre scheint er weit gereist und er hat so viele Dinge gesehen und erlebt."

„Und das ist es, was du auch möchtest, richtig?", fragte er leise und sah sie schüchtern nicken. „Aber Isabelle, Geschichten zu hören, heißt nicht, sie auch zu erleben."

„Das weiß ich doch, Papa. Aber… natürlich ist diese Aussicht vollkommen verfrüht und… aber verstehst du denn nicht. Mit Brandon Williams würde ich ein Leben wie auf einem Abstellgleis führen. Nur bestehend aus Monotonie und Langeweile. Mit Scott Webster wäre es gewiss ereignisreicher. Zudem ist er kaum zwei Jahre älter als ich und ich fühle mich ihm jetzt schon mehr verbunden, als es mit Williams je der Fall sein könnte."

„Hoffentlich verrennst du dich da nicht", seufzte Arthur Stafford und schüttelte sanft den Kopf. „Aber wenn es dein Wille ist und der junge Mann ernsthaftes Interesse an dir zeigen sollte, werde ich deinem Glück nicht im Wege stehen. Und deine Mutter natürlich auch nicht. Auch wenn sie nicht zufrieden sein wird. Allerdings werde ich noch weitere Erkundigungen über ihn einholen müssen. Immerhin ist er mit Williams verwandt, wenn auch nur um einige Ecken. Doch wäre es kaum anzunehmen, dass gerade Brandon Williams schlecht von seiner Familie sprechen wird. Damit wäre dann auch deine Mutter zufrieden."

„Gewiss nicht. Sie wäre erst zufrieden, wenn ich mit einer Horde Kinder in einem alten Gemäuer verrotte", entfuhr es Isabelle, doch sie entschuldigte sich nicht dafür. Ihrem Vater gegenüber konnte sie eine derartige Offenheit an den Tag legen.

„So schlimm ist deine Mutter nun auch nicht", sagte ihr Vater, doch er winkte mit der Hand ab. Seine Frau wirkte oft kaltherzig, doch dahinter verbarg sich eine tiefe Sorge. Nur konnte sie Gefühle nicht zeigen und wirkte stets ruppig, wenn sie es eigentlich gut meinte. Jedenfalls redete er sich das gerne ein. „Wie auch immer. Wir werden sehen, was die Zeit bringt. Williams erklärte mir, dass sein Verwandter zumindest bis nach Neujahr bleiben wird. Das ist nicht besonders viel Zeit, um einen Mann kennen zu lernen, doch wir werden unser Möglichstes tun." Er zwinkerte seiner Tochter zu und ließ sich nur zu gern stürmisch umarmen.

 

                                                                                              *~*~*

 

Brandon Williams hatte schlechte Laune, die er nur mit Mühe verbergen konnte. Er mochte seinen jungen Verwandten nicht. Er hatte ihn schon lange aus wachsamen Augen beobachtet, kaum dass er ihn näher kennen gelernt hatte, doch nachdem er auch noch Interesse für Isabelle Stafford gezeigt hatte, war er kurz davor, Hass für den stets gut gelaunten jungen Mann zu empfinden. Wann immer die beiden jungen Leute aufeinander trafen, war es mehr als offensichtlich, dass sie sich gut verstanden. Zu gut. Das beidseitige Interesse war Brandon ein Dorn im Auge, doch er konnte nichts dagegen unternehmen. Die Absprache mit Isabelles Vater war eindeutig. Bis zu ihrer Volljährigkeit würde Stafford keine Entscheidung treffen, also konnte er nicht einmal auf sein Vorrecht pochen. Auch wenn das sicherlich so oder so sinnlos gewesen wäre.

Am liebsten hätte Brandon seinen Besucher kurzerhand aus dem Haus geworfen, doch eine solche Blöße würde er sich nicht geben. Er wusste sich zu benehmen, auch wenn es ihm noch so schwer fiel. Brandon Williams seufzte und versuchte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Papiere auf seinem Schreibtisch zu lenken, doch kaum hatte er einen Brief in die Hand genommen, klopfte es an der Tür und ausgerechnet Scott Webster steckte den Kopf hinein.

„Hier bist du. Ich habe dich schon gesucht", sagte er wie immer bester Laune und schob sich vollends in den Raum. „Ich hatte schon das Gefühl, du versteckst dich vor mir, aber wie ich sehe, arbeitest du nur. Schon wieder. Dein ganzes Leben scheint nur aus Arbeit und Pflichten zu bestehen. Dabei könntest du es ruhig angehen lassen."

„Im Gegensatz zu dir habe ich für ein großes Haus zu sorgen und habe noch weitaus mehr Pflichten, als du sie dir vorstellen könntest", murrte Brandon, dann rief er sich zur Ordnung. „Was möchtest du?", fragte er weitaus freundlicher.

„Ich wollte fragen, ob ich mir eins deiner Pferde ausleihen kann? Ich würde den Staffords gerne einen Besuch abstatten. Oder ist es hier auf dem Land nicht schicklich, seine Nachbarn zu besuchen?" Er lächelte noch immer und kam näher an den großen Schreibtisch heran.

„Selbstverständlich ist es schicklich", sagte Brandon Williams, auch wenn ihm die Aussicht, dass Scott Isabelle treffen würde, gar nicht gefiel. „Immerhin habe ich dich auf dem Weihnachtsball offiziell vorgestellt. Allerdings", meinte er dann, „solltest du dir das gut überlegen. Du kannst einem jungen Mädchen wie Isabelle keine Flausen in den Kopf setzen. Sie ist…."

„Das hört sich fast so an, als hättest du ein persönliches Interesse an ihr", unterbrach Scott Webster mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Er warf sich in einen Sessel und sah seinen Verwandten lauernd an.

„Und wenn dem so wäre?", fragte Brandon Williams und reckte den Kopf.

Scott Webster lachte. „Was für ein dummer Gedanke. Du könntest fast ihr Vater sein. Wie alt ist sie denn? Gerade achtzehn?"

„Sie wird Ende des Sommers die Volljährigkeit erreichen", schimpfte Brandon und wusste, dass es falsch war, so heftig zu reagieren. Die Quittung bekam er prompt. Scott Webster lachte wieder.

„Ich hatte also Recht. Du hast tatsächlich ein persönliches Interesse an ihr." Er stand auf, kam nah an Brandons Schreibtisch heran und beugte sich leicht vor. „Sie ist eine recht außergewöhnliche kleine Person, oder? Nicht nur besonders hübsch mit diesen wundeschönen grünen Augen, sie ist auch… nun ja, du bist nicht zu alt um zu wissen, worauf ich anspiele."

„Wage es dich nicht, so von ihr zu sprechen", fauchte Brandon Williams und sprang auf. In Windeseile war er um den Schreibtisch herum gegangen und funkelte sein Gegenüber finster an. „Ich habe genug von deinen Frauengeschichten gehört, um dich hier und jetzt zu warnen. Sie ist keins der Mädchen, die sich dir sonst so gerne an den Hals werfen. Und ich schwöre dir, solltest du…"

„Was willst du dagegen unternehmen?", fragte Scott Webster wenig beeindruckt. Brandon Williams war ihm herzlich egal. Er war nur auf den Wunsch seiner Mutter hier, da Williams ein gutes Wort beim Regiment und einigen wichtigen Offizieren für ihn eingelegt hatte. Er würde niemals hierher zurückkehren, das stand schon fest. Sein Patent hatte er so gut wie in der Tasche und Williams konnte nichts gegen ihn ausrichten. „Denkst du ernsthaft, dass du auch nur die geringste Chance bei ihr hast? Du bist ein alter Mann und sie wird sich niemals für dich entscheiden. Zudem werde ich ihr, sollte es je überhaupt dazu kommen, dass sie zwischen uns wählen muss, dabei helfen, die richtige Wahl zu treffen."

„Verschwinde von hier. Verlass mein Haus. Auf der Stelle", zischte Brandon Williams außer sich, doch Scott lachte nur.

„Du kannst mich nicht aus dem Haus werfen, werter… nun Onkel … ist wohl falsch. Aber im Grunde auch egal. Du bist nicht der Mensch, der es auf einen Skandal ankommen lässt. Dazu ist dir dein Ruf viel zu wichtig." Scott Webster hob die Hand und schüttelte beinahe gelangweilt den Kopf. „Es tut mir leid, wenn ich deine werte Ruhe störe, doch wie du schon bemerkt hast, ist Isabelle ein ganz außergewöhnliches junges Ding und mir ist fast egal, dass ihre Mitgift nicht sonderlich groß ausfallen wird. Sie hat andere Talente, die das sicherlich auffangen." Er grinste hinterhältig, wandte sich zur Tür und stoppte erst, als er unmittelbar davor stand. „Ich werde deine Gastfreundschaft nicht mehr allzu lange in Anspruch nehmen. Morgen Abend ist diese seltsame Sylvesterparty, die ihr hier wohl alljährlich feiert. Wie auch immer, danach muss ich so oder so zurück. Meine Mutter will ihren liebenden Sohn doch auch noch in die Arme schließen. Und danach… werde ich zurückkehren zu meinem Regiment, um das Offizierspatent in Empfang zu nehmen, dass du mir praktisch in die Hände gespielt hast. Danke dafür." Er warf seinem Gastgeber einen letzten gehässigen Blick zu, dann verließ er das Arbeitszimmer und Brandon konnte ihn gut gelaunt pfeifen hören.

Sprachlos und voller Wut starrte er eine Weile die Tür an, dann merkte er, dass er seine Hände zu Fäusten geballt hatte und seine Fingernägel sich schmerzlich in seine Handflächen bohrten. Einen solchen Hass hatte er niemals zuvor empfunden und stünde Scott Webster jetzt noch vor ihm, würde er ihm höchstwahrscheinlich den Hals umdrehen. Zumindest aber würde er ihm einen deftigen Faustschlag auf die Nase verpassen.

Das Schlimme daran war nur, dass Scott nichts als die Wahrheit gesagt hatte. Es war offensichtlich, dass Isabelle Gefallen an ihm gefunden hatte und sollte er auch nur den Versuch unternehmen, sie von dem wahren Wesen des jungen Mannes zu überzeugen, so würde Isabelle ihm dennoch kein einziges Wort glauben. Vielleicht würde er ihren Vater für sich gewinnen können, doch auch das würde Isabelle ihm niemals verzeihen. Er hatte verloren. Und das auf ganzer Linie. Und das Schlimmste war, er hatte sich das Unheil selbst ins Haus geholt!

Müde und kraftlos setzte es sich zurück an seinen Schreibtisch, starrte aus dem Fenster und beobachtete eine lange Zeit die Regentropfen, die an der Scheibe hinab liefen. Vielleicht war es falsch von ihm, auch nur zu hoffen, dass Isabelle ihn irgendwann doch lieben könnte. Möglicherweise war es fatal gewesen zu glauben, sie könne über den großen Altersunterschied hinwegsehen, doch gegen seine Gefühle konnte er nichts unternehmen. Er liebte sie von ganzem Herzen, so, wie er nie zuvor geliebt hatte. Ihr Lachen, ihre Art zu reden, das schüchterne Lächeln, wenn sie glaubte, über das Ziel hinausgeschossen zu sein, ihre wunderschönen grünen Augen, die leider das Strahlen verloren, wenn sie ihm gegenüberstand.

„Hör endlich auf, dir etwas vorzumachen", schimpfte er mit sich selbst. „Wenn überhaupt, dann wäre ich nur zweite Wahl. Sie hätte mich nur geheiratet, wenn sie keinerlei andere Wahl mehr gehabt hätte!" Doch ob er es wahrhaben wollte oder nicht, nicht einmal das hätte ihn wirklich gestört. Er brauchte sie in seiner Nähe, vermisste sie, wenn er auf Geschäftsreisen war…. „Brandon Williams, du bist ein solcher Narr!"

 

                                                                                               *~*~*

 

„Oh, Mr. Webster, wie schön Sie zu sehen. Eine solche Freude, dass sie uns einen Besuch abstatten." Olivia Stafford überschlug sich fast. Sie hatte eine intensive Unterredung mit ihrem Mann geführt und mittlerweile war ihr fast egal, wen ihre Tochter heiratete. Solange sie bald unter der Haube war, war ihr alles recht. „Sie müssen unbedingt mit uns zu Abend essen", sagte sie und wuselte auch schon aus dem Salon, ohne auf eine Antwort zu warten. Jetzt hieß es die Köchin anzuheizen, ebenso wie die beiden Dienstmädchen.

„Mr. Webster", wandte sich Arthur Stafford an seinen Gast. „Setzen Sie sich doch und erzählen uns ein bisschen von sich." Er warf einen Blick auf seine Tochter, die sich den verhassten Stickrahmen griff und sich bemühte, ihre Freude nicht zu sehr zu zeigen. „Wie ich hörte, erhalten sie in wenigen Tagen ihr Offizierspatent. Haben Sie schon weiterführende Pläne?"

Scott Webster nickte lächelnd und setzte sich neben Stafford an den Kamin. „Ich werde wohl in London bleiben und meine eigene Einheit übernehmen. Allerdings ist momentan auch noch die königliche Marine im Gespräch, denn dort hätte ich weitaus größer Möglichkeiten, in die höheren Dienstgrade aufzusteigen."

„Sie haben also vor, auch weiterhin ein Offizier zu bleiben?", erkundigte sich Arthur Stafford höflich.

„Durchaus, Sir. Mein älterer Bruder wird das Landgut und die Ländereien erben, deswegen muss ich für mein und das Auskommen meiner zukünftigen Frau selbst sorgen. Und ich glaube, das Heer ist die beste Möglichkeit, Sir."

„Da stimme ich Ihnen zu", sagte Arthur und nickte wieder. „Wussten Sie eigentlich, dass Brandon Williams es ebenfalls bis zum Rang eines Colonels geschafft hat? Er war lange Zeit in Indien, spricht aber nicht besonders gerne darüber und mag es auch nicht, mit seinem Rang angesprochen zu werden. Es müssen furchtbare Dinge passiert sein, als er in den Kolonien war."

„Vielleicht ist Brandon Williams auch nur nicht dafür geschaffen." Scott Webster ruderte schnell zurück. „Oh, nicht das wir uns missverstehen", log er ohne rot zu werden. „Ich halte ihn für einen absolut ehrbaren Mann und an Mut fehlt es ihm gewiss auch nicht. Nur sind einige Männer eben nicht für die Armee geschaffen."

„Werden Sie auch nach Indien gehen müssen?", meldete sich Isabelle aus dem Hintergrund zu Wort. „Es heißt, dort würden sich die Aufstände mehren und es würde immer gefährlicher."

„Nein", lächelte Scott Webster. „Laut Absprache verlasse ich dieses Land höchstens auf eigenen Wunsch. Und ich kann Ihnen versichern, dass mir nicht danach ist, in ein Land zu gehen, das so unsicher ist wie Indien derzeit."

„Das ist gut", nickte Isabelle, wurde rot und beugte sich schnell wieder über ihre Stickarbeit. „Ich meine nur, es ist sehr besonnen von Ihnen, sich nicht unnütz in Gefahr zu begeben."

Arthur Stafford hatte zu diesem Thema eine ganz andere Meinung. Auch er hatte einst in den Diensten der Armee gestanden und er hatte nicht gefragt, als es hieß, das Land bräuchte seine Kämpfer. Er hielt Scott Webster für einen feigen Aufschneider. Doch wie er eben selbst bemerkt hatte, konnte nicht jeder Mann ein Held sein. „Wann gedenken Sie abzureisen?", fragte er, um die Stille zu füllen. „Williams erwähnte, dass Sie vor Dienstantritt noch ihre Mutter in Devonshire besuchen wollen."

„Allerdings, Sir. Sie wartet schon sehnsüchtig auf mich." Er wandte sich Isabelle zu. „Zu meinem großen Bedauern muss ich sagen, dass ich direkt am Neujahrstag abreisen werde."

„Sobald schon?", entfuhr es Isabelle und wieder versuchte sie, ihren Fehler wettzumachen. „Aber wie Sie schon erwähnten, erwartet ihre Familie sie. Sie haben Sie sicherlich schon eine lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen." Sie sah schüchtern auf, sah dass Scott sie anlächelte und lächelte zurück. Dann wandte sie sich wieder ihrer Handarbeit zu und versuchte ihre nächste Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen. „Aber zu unserem Fest werden Sie kommen?"

„Selbstverständlich", nickte Scott Webster. „Es gibt nichts, was mich davon abhalten könnte."

Teil 4

Die Scheune, in der die alljährliche Sylvesterparty stattfand, barst aus allen Nähten. Die ganze Umgebung feierte an diesem Abend ausgelassen und wie es auf dem Land üblich war, achtete man nicht gar so sehr auf die Etikette, die an solchen Tagen eher nebensächlich war. Standesunterschiede existierten an diesem Abend ebenso wenig und alle Gäste feierten ausgelassen miteinander.

Isabelle, Scarlett und Georgia tanzten mit den jungen Männern aus ihrer Nachbarschaft und lachten viel, doch alle drei warteten auf die Ankunft eines Mannes, wenn auch auf verschiedene. Georgia natürlich auf Brandon Williams, Scarlett und Isabelle auf Scott Webster. Die beiden Freundinnen hatten sich ausführlich über den jungen Mann unterhalten, den Isabelle so faszinierend fand und auch Scarlett meinte, er wäre womöglich der passende Ehekandidat. Doch da sie nur ein einziges Mal kurz mit ihm gesprochen hatte, wollte sie ihm noch auf den Zahn fühlen, wie sie es nannte.

„Mich wundert wirklich, dass Williams und sein Besucher noch nicht hier sind. Das Fest hat vor einer Stunde begonnen und Brandon ist sonst immer sehr pünktlich", beschwerte sich Georgia. „Hoffentlich kommt er bald, denn vielleicht bin ich ja dieses Jahr die Glückliche und ergatterte einen Kuss vom begehrtesten Junggesellen der Gegend."

Es war ein kleines dummes Spiel, auf das die meisten Mädchen sich besonders freuten. Denn Schlag Mitternacht würde das Los entscheiden, welche der jungen Damen eben diesen Junggesellen küssen durfte. Und dieser Junggeselle war stets Brandon Williams. Niemand konnte ihm auch nur annähernd das Wasser reichen. Zudem rechnete sich Georgia nun größere Chancen aus, dem so heiß geliebten Mann aufzufallen. Immerhin redete Isabelle nur noch von Webster und das müsste doch reichen, um Williams Augen auch für andere Frauen der Gegend zu öffnen. „Ah, da ist er ja endlich", sie seufzte herzzerreißend. „Schaut doch nur, wie stattlich er heute wieder aussieht."

Die drei jungen Frauen drückten sich in die hintere Reihe der Schaulustigen und konnten in Ruhe beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. „Ich glaube, es sucht nach dir", sagte Scarlett nach einem Moment. Es war offensichtlich, dass Scott Webster die Menge nach einem bekannten Gesicht absuchte. „Du solltest ihm wie zufällig begegnen", sagte sie und grinste hinterhältig. Und gerade als Webster in ihre Nähe kam, gab sie Isabelle einen Schubs, der sie durch die Menge von Menschen direkt vor seine Füße beförderte.

„Ach du meine Güte", sagte er lachend und fing die strauchelnde junge Frau auf. „Welch stürmische Begrüßung."

„Entschuldigen Sie bitte", mühte sie sich, ihre Fassung zurückzuerlangen. Ihr Gesicht war hoch rot und am liebsten wäre sie im Boden versunken. „Manchmal bin ich geradezu ungeschickt. Ich bin in der Menge gestolpert und…"

„Da muss ich der Menge ja dankbar sein, dass sie Sie direkt zu mir gebracht hat", unterbrach Scott Webster galant. „Und wo wir nun schon so dicht an der Tanzfläche sind… hätten Sie die Ehre, mit mir zu tanzen?" Es war so einfach. Fast zu einfach und er hätte gerne in Brandon Williams Gesicht gesehen, der sicherlich in der Nähe stand und ihn nicht aus den Augen ließ. Doch das Beste war, er schlug praktisch zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen umgarnte er eine wunderschöne junge Frau, die sicherlich eine gute Gemahlin abgeben würde, zum anderen reizte er einen verhassten Mann bis aufs Blut. Und das nur, weil er es konnte.

 

                                                                                                *~*~*

 

Isabelle lachte und tanzte so viel wie nie zuvor in ihrem Leben und nicht einmal ihre Mutter hatte etwas daran auszusetzen. Im Gegenteil, sie stachelte sie geradezu an. „Denk daran, schon morgen reist der junge Mann ab. Du solltest ihm einen guten Grund geben, bald wieder hierher zu kommen."

Es war schon fast peinlich, wie sehr sich ihre Mutter eine Vermählung wünschte, doch heute war es egal. Scott Webster gefiel Isabelle mit jeder Sekunde besser. Er war höflich und zuvorkommend, wusste immer neue Geschichten zu erzählen und brachte sie zum Lachen.

„Wo sind denn Ihr werter Herr Vater und Williams?", fragte nun Scott Webster, der selbst von der vielen Tanzerei erhitzt war. „Die beiden haben den ganzen Abend wie Schießhunde über uns gewacht, doch jetzt sind sie nirgends zu sehen."

„Mr. Williams hatte noch irgendetwas Geschäftliches mit meinem Vater zu bereden. Vielleicht nutzen sie die Möglichkeit", lächelte Isabelle und klatschte begeistert im Takt der Musik. Augenblicklich war sie nur Zuschauer, denn ihr fehlte der Atem. In ihrem Kopf drehte sich ein Karussell und wollte nicht wieder stoppen. Dabei hatte sie keinerlei Alkohol getrunken. Alleine Scott Websters Anwesenheit reichte, um sie derart zu berauschen.

„Das ist wieder typisch für Williams", frotzelte Scott Webster. „Immer sieht er irgendwo gewinnbringende Geschäfte." Doch dann begriff er, welche Möglichkeit sich ihm gerade bot. „Ich hätte nicht gedacht, dass es mir im Winter in einer zugingen Scheune einmal zu warm sein wird", begann er und rückte ein Stück zu Isabelle auf. „Doch gerade im Moment habe ich das Gefühl zu ersticken. Wären Sie vielleicht bereit, mich nach draußen zu begleiten? Wir könnten ein paar Schritte gehen, damit wir ein wenig zu Atem kommen."

Isabelle sah sich unauffällig zu ihrer Mutter um, denn so ganz geheuer war es ihr nicht, mit einem jungen Mann alleine zu sein. Doch Olivia Stafford wedelte nur mit den Händen, ganz so, als wolle sie ihre Tochter zurück auf die Tanzfläche schicken. ‚Gut, wenn sie es so will’, dachte Isabelle, die Absicht ihrer Mutter vorsätzlich falsch verstehend. Immerhin konnte man die Geste auch so verstehen, dass ihre Mutter ihr die Erlaubnis zum Gehen gab. „Ein wenig frische Luft würde mir gut tun."

„Wie wunderbar", nickte Scott Webster und nahm sanft ihren Arm. Er geleitete sie durch die Menge der Tanzenden und es dauerte nicht lange, bis sie das große Scheunentor erreichten. Nur wenige Menschen tummelten sich vor dem alten Gemäuer, denn am frühen Abend hatte es zu schneien begonnen. Galant zog er rasch seine Jacke aus und legte sie über Isabelles Schultern. Dann hakte er sie erneut unter und führte sie den Weg hinab.

„Es ist wirklich furchtbar schade, dass Sie uns morgen bereits verlassen", sagte die junge Frau und lächelte schüchtern.

„Ich muss gestehen, ich gehe auch nur ungern. Doch diesmal muss ich Williams Pflichtbewusstsein folgen und selbst in den ach so sauren Apfel beißen." Er stockte und drehte sich unauffällig um. Niemand schien ihnen zu folgen und er frohlockte innerlich. „Allerdings hoffe ich, bald wieder hierher kommen zu dürfen. Solange ich nur erwünscht bin."

„Welch eine Frage. Meine Eltern würden sich freuen, Williams bestimmt ebenso und all die Menschen, die Sie hier noch kennengelernt haben", sagte Isabelle und wurde immer leiser. Sie hatten sich weit von der Scheune entfernt und ihr war nicht wohl dabei.

„All diese Menschen… sind mir recht egal", sagte Scott Webster und fasste ihren Arm fester. „Mich würde interessieren, ob auch Sie Sich über meine Rückkehr freuen würden?" Er drängte an Isabelle heran und sah ihr fest ins Gesicht. „Willst du mich wiedersehen?", fragte er direkt.

Doch so einfach war dieses Spiel dann doch nicht zu gewinnen. Isabelle rückte von ihm ab. „Lassen Sie mich los", forderte sie ihn auf, doch Scott Webster lachte nur.

„Um Gottes Willen, nun stell dich doch nicht so an. Ich weiß doch längst, wie es um deine Gefühle bestellt ist. Du hast dich Hals über Kopf in mich verliebt." Er lachte wieder. „Wer sollte es dir auch verübeln. Immerhin gibt es hier kaum junge Männer, die auch nur annähernd das zu bieten haben, was ich dir bieten kann."

„Lassen Sie mich los", forderte Isabelle ein weiteres Mal. Sie versuchte sich aus seiner Umklammerung zu befreien und bekam Angst, als er sie nicht gehen lassen wollte. „Bis vor wenigen Minuten habe ich Sie tatsächlich gemocht", sagte sie fest und hoffte, er würde ihre aufsteigende Panik nicht bemerken.

„Selbstverständlich lasse ich los", lächelte Scott Webster. „Dann, wenn ich bekommen habe, was ich möchte. Einen Kuss und das Versprechen, hier auf mich zu warten."

„Ganz sicher nicht", schimpfte Isabelle und zerrte an ihrem Arm. „Und jetzt lassen Sie mich gehen!"

„Ich habe doch klargemacht, unter welchen Umständen ich dich loslasse", grinste Scott Webster, packte auch mit der zweiten Hand zu und zog sie Stück für Stück näher. Mittlerweile war ihm recht egal, was sie von ihm dachte. Es gab unendlich viele junge Frauen, wer brauchte schon eine vom Lande? Es war nur noch wichtig, seinem so sehr verhassten Onkel eins auszuwischen. „Ich bekomme meinen Kuss. So oder so!"

Isabelle war kurz davor laut loszuschreien, doch dann straffte sie sich und ihr Blick wanderte an Scott Webster vorbei. „Auf den Trick falle ich nicht herein", grinste er, dann spürte er einen Finger, der ihm hart auf die Schulter tippte. Das nächste was er sah, war eine Faust, die geradewegs auf sein Gesicht zueilte und ihn böse am Kinn traf. Er sackte zusammen wie ein nasser Sack.

„Gehen Sie", sagte Brandon Williams zu Isabelle. „Nun laufen Sie schon", forderte er sie erneut auf, als sie sich nicht von der Stelle rührte. „Ich werde mich schon um ihn kümmern."

Verwirrt nickte sie, dann warf sie die Jacke ihres ehemaligen Verehrers auf den Boden, raffte ihr langes Kleid und lief den Weg zurück zur Scheune. Ihr Vater stand am Eingang und fing sie auf. „Was ist passiert?", fragte er, doch Isabelle weinte hemmungslos. „Ist dir etwas geschehen? Hat der Mistkerl dir Leid angetan?" Brandon Williams hatte ihn vor wenigen Minuten über den wahren Charakter seines entfernten Verwandten in Kenntnis gesetzt und die beiden Männer hatten sich die größten Sorgen gemacht, als sie Isabelle in der Scheune nicht unter den feiernden Menschen finden konnten.

„Nein, Mister Williams kam gerade zur rechten Zeit", weinte Isabelle. „Bitte bring mich nach Hause. Ich möchte sofort gehen!"

 

                                                                                           *~*~*

 

Eine lange Zeit verbracht Isabelle in ihrem Zimmer. Sie hatte sich zurückgezogen, beinahe versteckt, und sie wollte keine Menschenseele sehen. Sie war erschreckt und auch gleichermaßen enttäuscht, wie wenig Menschenkenntnis sie besaß. Niemals hatte sie erwartet, dass sich ein so freundlicher Mann binnen weniger Sekunden so wandeln konnte. Wäre Brandon Williams nicht rechtzeitig gekommen… sie mochte gar nicht darüber nachdenken.

„Isabelle?", Olivia Stafford pochte an die Tür. „Kind, bist du vorzeigbar?"

Isabelle verdrehte die Augen. Das klang wieder ganz nach der Frau, die sich ihre Mutter schimpfte. „Ich möchte niemanden sehen", erwiderte sie leise. „Bitte lasst mich doch einfach in Ruhe."

„Mr. Brandon Williams möchte dich sprechen", sagte Olivia Stafford durch die Tür. „Und wenn du weißt, was sich gehört, dann wirst du dich rasch frischmachen und ihn empfangen."

‚Um Gottes Willen, er wird doch jetzt nicht…’, dachte Isabelle und schüttelte seufzend den Kopf. ‚Nein, das würde er niemals tun. Bestimmt will er sich nur nach meinem Befinden erkundigen.’ Sie schälte sich unter der Bettdecke hervor. „Ich komme gleich", sagte sie und hörte, wie ihre Mutter die Treppe kurze Zeit später wieder hinabstieg.

 

                                                                                             *~*~*

 

Brandon Williams wartete im Salon auf sie und etwas verwundert stellte sie fest, dass weder ihr Vater noch ihre Mutter anwesend waren.

„Miss Stafford", sagte Brandon Williams, verbeugte sich und nahm ihre Hand zur Begrüßung. „Es freut mich außerordentlich, Sie wohlauf zu sehen. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen, doch offenbar haben Sie den Schock weitaus besser überstanden als erwartet."

„Dank Ihrer Hilfe ist ja nichts Schlimmes passiert", sagte sie und knickste ein. „Wären Sie allerdings nicht zur rechten Zeit zur Stelle gewesen…", sie schüttelte sich. „Wollen Sie Sich nicht setzen?"

„Nein, danke. Zu freundlich. Doch ich wollte nicht lange bleiben. Es waren Schuldgefühle und wahre Sorge, die mich hierher führten…"

„Schuldgefühle?", unterbrach Isabelle verwirrt. „Warum in Gottes Namen nehmen Sie die Schuld dieses widerlichen Mannes auf sich?"

„Eben weil ich von der Widerlichkeit dieses Mannes wusste", sagte Brandon Williams leise. Verlegen drehte er seinen Hut in seinen Händen. „Nun, ich weiß nicht, wie ich erklären soll…", er sah sie an und das Herz wurde ihm schwer. Seine Aufgabe würde nicht leicht werden, denn trotz seiner Entscheidung hatten sich seine Gefühle keinen Deut gewandelt. „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, Isabelle, doch es war recht offensichtlich, dass Sie Webster recht schnell in Ihr Herz schlossen. Und wenn ich auch nur den kleinsten Einwand gegen ihn eingebracht hätte, hätten Sie mich einen eifersüchtigen Neidhammel geschimpft. Und sie hätten nicht einmal Unrecht gehabt." Brandon Williams blickte beschämt zu Boden. „Umso mehr freue ich mich, Sie wohlauf zu sehen."

„Ich danke Ihnen sehr und ich werde es bis ans Lebensende nicht vergessen", sagte Isabelle leicht verwirrt. Sonst war Brandon Williams stets selbstbewusst und sehr ernst, doch gerade im Augenblick wirkte er wie ein verschüchtertet kleiner Junge.

„Nun, wie auch immer, ich wollte Sie nicht lange aufhalten. Ihr Wohlbefinden stand im Vordergrund, allerdings habe ich noch etwas zu sagen", er holte tief Luft und sah sie fest an. „Wie ich vermute, wissen Sie von der Absprache mit Ihrem werten Herrn Vater…"

Durcheinander starrte sie ihr Gegenüber an. Wollte er jetzt wirklich…. Doch Brandon Williams unterbrach ihre Gedanken, in dem er schnell weitersprach. „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ich Sie aus dieser Pflicht entlasse. Ich werde kein weiteres Mal vorstellig werden. Scott Webster mag ein Schuft sein. Doch durch ihn habe ich begriffen, wie sinnlos es ist, weiterhin zu hoffen…." Er schluckte schwer. „Dennoch muss ich Ihnen zum Abschluss sagen, dass meine Gefühle stets im Vordergrund standen, nicht etwa Berechnung oder… nun, was auch immer." Er straffte sich und nickte ihr zu. „Auf Wiedersehen, Miss Stafford." Und damit drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand.

Teil 5

Bereits seit vier Tagen lag Olivia Stafford krank in ihrem Bett und wollte niemanden sehen. Eine böse, nicht enden wollende Migräne hatte sie fest in ihren Krallen und sie weinte bitterlich, wann immer der Schmerz und der Kummer sie übermannten.

„Hast du mit ihr gesprochen?", fragte Arthur Stafford seine Tochter, die sich mit bekümmerter Miene zu ihm an den Esstisch setzte. Das Mittagessen war längst kalt, doch niemand konnte dem Personal die Schuld dafür geben. Seit Tagen stand das Haus Kopf und es wollte und wollte nicht aufwärts gehen. Williams Rückzug hatte Vater und Mutter hart getroffen und beide wussten im Moment nicht weiter.

„Sie will mich nicht sehen", erwiderte Isabelle leise und tat sich Kartoffeln auf. „Sie schimpft, sobald sie meine Stimme hört." Eigentlich hatte sie gar keinen Appetit, denn sie fühlte sich seltsamerweise, als hätte sie doppelt verloren. Doch diese seltsamen Empfindungen schob sie gerne auf das Verhalten ihrer Mutter, die seit dem Tage von Brandon Williams Besuch nicht ein freundliches Wort mehr mit ihr gewechselt hatte. Geschweige denn, sie überhaupt empfangen hätte.

Arthur Stafford brummte etwas Undeutliches und tat sich dann selbst etwas auf den noch leeren Teller. „Hast du ihr von dem Brief deiner Schwester und deren Einladung erzählt?" Er hasste es, wenn seine Frau dermaßen übertrieb, doch er hatte schon vor Jahren begriffen, dass es keine Absicht war. Es lag in ihrem Wesen und sie war tatsächlich todkrank. Zumindest ein paar Tage. Auch er selbst machte sich genügend Gedanken. Brandon Williams Rückzug machte auch ihm schwer zu schaffen. Nicht nur, weil der den Mann sehr schätzte, sondern auch, weil es seiner Tochter nun zumindest hier schier unmöglich sein würde, eine passende Verbindung einzugehen. Es gab weit und breit keinen Junggesellen, der auch nur in Erwägung gezogen werden konnte.

„Ich glaube, nicht einmal Katie persönlich könnte sie aus ihrem Leid erlösen", sagte Isabelle, deren schlechtes Gewissen nicht ruhen wollte. Sie hatte all die Hoffnungen ihrer Mutter an nur einem Tag zerstört und sie fühlte sich schrecklich deswegen. Auch wenn sie Brandon Williams Entscheidung nicht wirklich bedauerte. Er hatte ihr damit eine schwere Last von der Seele genommen, sie gleichzeitig aber durch eine andere ersetzt und Isabelle war ratlos. Erst die Zeit würde zeigen, wie es weitergehen würde.

„Vielleicht solltest du fahren", sagte Arthur Stafford ganz unvermutet. „Du kannst hier so oder so nichts tun und die Abwechslung wäre gut für dich. Zumindest du würdest auf andere Gedanken kommen. Katie würde schon dafür sorgen."

Katherine Walker, kurz Katie, war die älteste Tochter des Hauses und hatte vor gut einem Jahr einen Geistlichen in Devonshire geehelicht. Zusammen lebten sie in einer kleinen Pfarrei auf dem Land und laut Katie musste sie ihren Mann oft bremsen, der es mit der Barmherzigkeit zu genau nahm und selbst sein letztes Hemd an Bedürftige verschenkt hätte. Vor zwei Tagen, kurz nach Neujahr, war ein Brief von ihr angekommen und sie hatte Isabelle eingeladen, sie zu besuchen. Zumal sie Hilfe gebrauchen könnte, da sie sehr in ein neues Projekt ihres Mannes eingebunden war. Eine neue Kapelle sollte ganz in der Nähe errichtet werden und ihr Ehegatte, Jamie, würde natürlich die Aufsicht über die Planung und den Bau übernehmen.

„Ich würde schon gern fahren", gab Isabelle zu und dachte an ihre große Schwester. Zudem würde es ihr wahrlich gut tun, all ihre Probleme und Sorgen ein paar Tage hinter sich lassen zu können. Und was noch wichtiger war, sie konnte all ihre Sorgen und Zweifel mit Katie besprechen, die immer Rat wusste. „Doch ich weiß nicht, was Mama dazu sagen würde."

Ihr Vater lachte leise. „Hast du etwa das Gefühl, sie würde dich gerade im Moment sehr vermissen?" Er schüttelte den Kopf. „Sie liebt dich, das weißt du, aber gerade jetzt wäre es einfacher, ihr aus dem Weg zu gehen. Vielleicht kehrt dann endlich Ruhe ein." Er lachte schwach. „Ob du es glaubst oder nicht, seit zwei Tagen lähmen mich so starke Kopfschmerzen, wie ich sie nie zuvor gekannt habe. Also fahr in aller Ruhe und vor allem, lass dir und deiner Mutter Zeit, das Geschehene zu verdauen."

„Einverstanden", nickte Isabelle und schob ihren kaum berührten Teller von sich. „Ich werde Harriet bitten, mir beim Packen zu helfen." Sie stand auf, küsste ihren Vater flüchtig auf die Wange und eilte in ihr Zimmer. Wenn sie noch heute Mittag abfahren könnte, wäre sie gegen Abend in Devonshire und sie könnte endlich einmal ausgiebig mit ihrer großen Schwester über alles sprechen, was vorgefallen war.

Schon jetzt wusste sie, dass Katie ihr gewiss gehörig den Kopf waschen würde, denn obwohl sie von Kindesbeinen an ein Herz und eine Seele gewesen waren, hatte die ältere Schwester eine völlig andere Sicht auf die Dinge. Isabelle vermisste sie schrecklich. Der Tag der Hochzeit war einer der fürchterlichsten gewesen, den sie je erlebt hatte. Nur der Sylvesterabend vor ein paar Tagen war noch schlimmer gewesen. Doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Lieber darüber, was sie alles einpacken musste.

 

                                                                                              *~*~*

 

„Isabelle, oh Isabelle, ich freue mich so unendlich, dass du da bist", rief Katie schon von weitem. Sie stürzte praktisch durch das kleine Gartentor und riss ihre Schwester in ihre Arme. „Dünn bist du geworden. Dünn und blass." Sie hielt ihre Schwester von sich und besah sie von oben bis unten. „Was ist geschehen? Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass dich etwas bedrückt."

„Später", sagte Isabelle, denn nun kam auch Jamie dazu. Auch er begrüßte seine Schwägerin und führte die beiden jungen Frauen dann zurück ins Haus. „Setzt euch doch in den Salon. Ich lasse euch Tee bringen und werde dafür sorgen, dass das Gepäck ins Haus kommt."

„Ich danke dir", sagte Katie, nahm Isabelle den Mantel ab und warf ihn achtlos über die Rücklehne des wenig bequemen alten Sofas. Dann lachte sie. „Ja, ich weiß. Mutter würde mich dafür tadeln, aber sie ist nicht hier und… das hier ist mein Haus."

„Sie hat Migräne, liegt seit Tagen im Bett", murmelte Isabelle, löste die Schleife ihrer Haube und wusste, ihre Schwester würde sofort begreifen.

„Ach du meine Güte", sagte Katie und ließ sich auf das Sofa fallen. „Was hast du angestellt?"

Isabelle begann prompt zu weinen und wusste nicht einmal, warum. Doch es tat unglaublich gut, die Selbstbeherrschung jedenfalls kurzfristig aufzugeben. Sie erzählte und erzählte und stürzte schließlich in die Arme der geliebten Schwester. „Es ist alles so furchtbar. Auch Papa ist böse auf mich, auch wenn er es nicht sagt. Und er macht sich große Sorgen", sie schluchzte. „Ich habe Angst. Ich weiß nicht, ob ich nur Mutters Sorgen übernommen habe, doch so langsam bekomme ich Panik. Was, wenn sich wirklich kein Mann mehr für mich interessieren wird?"

„Nun ist aber gut", schimpfte Katie und klopfte den Rücken ihrer Schwester. „Du bist gerade einmal zwanzig Jahre alt und zudem bildhübsch. Es wäre doch gelacht, wenn wir keinen Mann für dich finden könnten."

Jamie kam lächelnd ins Zimmer, stockte, als er Isabelle sah und zog sich rasch zurück. Katie lachte. „Nun haben wir ihn erschreckt."

„Das tut mir leid", sagte Isabelle und wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen fort. „Es scheint, als könnte ich derzeit wirklich nichts richtig machen."

„Um Gottes Willen", sagte Katie und schüttelte den Kopf. „Wenn ich dich erinnern darf… mein Mann ist Geistlicher. Er kennt sich besser mit Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit aus, als wir beide zusammen. Er ist nur klug genug, sich zurückzuziehen, wenn er weiß, dass ich mich kümmere." Sie stand auf und strich Ihr Kleid glatt. „Am besten ist es, ich bringe dich erst einmal hinauf in dein Zimmer. Und dann lasse ich dir von Mrs. Jenkins etwas zu essen bringen. Die letzten Tage waren wohl auch so anstrengend genug für dich. Du wirst dich erst einmal ausruhen. Morgen ist noch genug Zeit, alles eingehender zu besprechen."

„Ich danke dir", sagte Isabelle, stand ebenfalls auf und umarmte die Schwester. „Ich bin so unglaublich froh hier zu sein."

„Und ich freue mich sehr über deinen Besuch", lachte Katie. „Und nun husch, husch…. Es ist schon spät und wie ich bereits sagte, kannst du ein wenig Erholung gut gebrauchen."

 

                                                                                                *~*~*

 

„Dein Plan läuft nicht sonderlich gut, oder?", fragte Jamie Walker, kletterte ins Bett und setzte sich zu seiner jungen Frau, die gerade aufgeregt erzählte, welche Neuigkeiten Isabelle mitgebracht hatte.

„Nein, gar nicht", seufzte sie und nahm Jamies Hand. „Aber wie hätte ich wissen sollen…?"

„Niemand konnte das ahnen", beruhigte er sie und nickte ihr aufmunternd zu. „Zudem wird bestimmt alles gut. Auf die ein oder andere Weise. Wir müssen nur auf Gott vertrauen. Wie ich immer sage, folgt er seinen eigenen Plänen und er wird schon wissen, was richtig ist."

Katie nickte still. Sie war sich nicht ganz so sicher wie ihr Mann und es war ihr bewusst, dass die nächste Unterhaltung mit ihrer Schwester kein leichtes Unterfangen werden würde. „Ich hoffe nur, sie wird nicht zu böse auf mich sein und meine Absichten missverstehen."

„Bestimmt nicht", lächelte Jamie tröstlich. „Ich kenne deine Schwester nicht annähernd so gut wie du, doch sie kam mir im Grunde immer recht besonnen vor und ich bin mir sicher, dass sie dein Vorhaben, wenn schon nicht gutheißen, so aber doch verstehen kann."

„Ich hoffe es. Ich hoffe es wirklich", seufzte Katie und ließ sich nur zu gerne von ihrem Mann in eine heilsame Umarmung ziehen.

 

                                                                                                 *~*~*

 

Isabelle erwachte erst, als es beinahe Mittag war. Sie sprang hektisch aus dem Bett, wusch sich und eilte die Treppe hinab in das Erdgeschoss der Pfarrei. Das Haus war alt und auch nicht sonderlich groß, doch ihre Schwester hatte es dennoch geschafft, es gemütlich und behaglich einzurichten.

„Guten Morgen, Schlafmütze", nahm Katie sie am Fuße der Treppe in Empfang. „Erspar dir jegliche Entschuldigung, denn sie wäre unnötig. Ich habe dich extra nicht wecken lassen, damit du zur Ruhe kommst."

„Danke", lächelte Isabelle und hakte sich bei ihrer großen Schwester unter. „Ich habe ganz wunderbar geschlafen. So gut wie schon lange nicht mehr."

„Das freut mich zu hören", nickte Katie und führte sie in das kleine Esszimmer. „Setz dich, ich sage nur Mrs. Jenkins kurz bescheid, dass sie uns das Mittagessen bringen kann."

„Wo ist dein Mann?", fragte Isabelle, denn der Tisch war nur für zwei Personen eingedeckt.

„Unterwegs", sagte Katie kurz angebunden. „Aber setz dich doch, ich bin sofort wieder da."

Isabelle nutzte die Zeit, um sich eingehend umzusehen. Wie auch in den anderen Zimmern waren die Möbel alt, doch sie wirkten gut gepflegt und das dunkle Holz glänzte dank der guten Politur darauf. Erst dann sah sie aus dem Fenster und bemerkte erstaunt, dass es zu schneien begonnen hatte. Über Nacht war die Welt in flauschige weiße Watte getaucht worden und sie stand auf, um einen Blick in den Garten werfen zu können.

„Was machst du denn schon wieder?", fragte Katie, warf selbst einen Blick aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. „Mrs. Jenkins wird uns sofort etwas Gutes bringen, also setz dich gefälligst."

Etwas verwundert setzte sich Isabelle zu ihrer Schwester an den Tisch und es dauerte wirklich nur Sekunden, bis Mrs. Jenkins eine köstlich duftende Zwiebelsuppe servierte. Sie bedankte sich bei der alten Köchin und nahm ihren Löffel in die Hand. „Es wird also eine neue Kapelle gebaut. Wer hätte das gedacht. Ich glaubte immer, Charles Bowman besäße nicht die Mittel, um solche Kosten zu tragen. Hattest du nicht in fast all deinen Briefen geschrieben, wie wenig Verlass auf ihn ist und das er hin und wieder Jamie nicht einmal entlohnen kann?"

„Charles Bowman besitzt, oder besaß diese Mittel auch nicht. Er musste sein kleines Anwesen und die Ländereien verkaufen. Somit natürlich auch die Pfarrei. Und der neue Besitzer ist ein… sehr fortschrittlich denkender Mann. Er hat begriffen, dass diese Gegend beständig wächst und die Menschen einen Ort brauchen, an dem sie ihrem Glauben nachgehen können." Katie lächelte undurchsichtig. „Es wird auch wahrlich Zeit. Jamie ist ein guter Prediger und es kommen mehr und mehr Menschen zu den Gottesdiensten. Die alte baufällige Kirche platzt aus allen Nähten."

„Und was macht Jamie gerade?", erkundigte sich Isabelle, die es etwas merkwürdig fand, dass ihr Schwager zur Mittagszeit nicht anwesend war.

„Jamie hat Besuch", sagte Katie seufzend und legte ihren Löffel beiseite. „Er ist mit dem neuen Besitzer unterwegs, um den besten Standort für die schöne neue Kapelle zu finden. Obwohl es Wahnsinn ist, bei diesem Wetter. Sie werden sich höchstens erkälten. Aber Jamie ist so Feuer und Flamme, er ist kaum zu bremsen."

„Das glaube ich nur zu gerne", lächelte Isabelle. „Kenne ich den neuen Besitzer?", fragte sie dann. „Bisher hast du seinen Namen nicht erwähnt."

„Brandon Williams ist der neue Besitzer", sagte Katie leise und verzog das Gesicht.

„Williams ist hier?" Isabelle ließ vor Schreck ihren Löffel fallen, sprang auf und sah ihre Schwester fassungslos an. „Wie konntest du mir das verschweigen? Oh mein Gott, Katie. Was hast du mir angetan?"

„Ich wusste doch nicht… Isabelle, bitte, setz dich doch wieder. Ich werde dir ja alles erklären." Katie rang nervös die Hände und sah so schuldbewusst aus, dass Isabelle nur noch seufzen konnte.

„Ich muss noch heute abreisen", sagte Isabelle tonlos und ließ sich fassungslos auf ihren Stuhl fallen. „Williams, ausgerechnet Williams. Wenn Mutter das wüsste, würde sie dir und mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen."

„Es tut mir so leid", sagte Katie eindringlich. „Ehrlich. Hätte ich vorher erfahren, was dir in den vergangenen Wochen geschehen ist, dann hätte ich niemals ein Zusammentreffen hier geplant. Bestimmt nicht. Du musst mir glauben, ich meinte es nur gut mit dir."

„Du klingst fast wie Mutter", seufzte Isabelle entsetzt. „Sie meint es auch gut. Ich will nicht die Schuld auf sie abwälzen, doch du hättest sehen sollen, wie sie mich anstachelte. Sie hat mich praktisch in Scott Websters Arme getrieben. Nun, nicht wirklich, denn ich mochte ihn anfangs sehr", gestand sie leise. „Und doch. Ich glaube, hätte er mich auf der Stelle heiraten wollen, hätte sie höchstens begeistert mit den Händen geklatscht."

„Ich bin nicht wie unsere Mutter", beschwerte sich Katie. „Ich wollte dich nicht mit Macht verheiraten", sagte sie leise. „Ich wusste nur von der Verabredung mit Vater, nachdem du nach deinem nächsten Geburtstag…. Ich wollte dir doch nur die Chance geben, Brandon Williams einmal so kennenzulernen, wie es mir vergönnt war. Nicht nur, wenn Vater oder Mutter neben dir stehen. Du solltest sehen, welch ein feiner Mann er ist, was er alles leistet und wie sehr er…"

„Er ist alt, fade und langweilig", erwiderte Isabelle hitzig und sie hielt es nur mit Mühe auf dem Stuhl. „Mehr gibt es nicht über ihn zu erfahren!" Alles in ihr schrie nach Flucht und nur Katies bedrücktes Gesicht hielt sich noch zurück.

„Du kennst den Mann kein bisschen", sagte Katie aufgebracht. „Du glaubst nur, alles über ihn zu wissen. Aber das ist im Grunde jetzt egal. Es ist eh unwichtig geworden, da er dich aus deiner Pflicht entlassen hat. Aber jetzt verstehe ich auch endlich, warum er so bedrückt und unglücklich wirkt. Er versucht sich nichts anmerken zu lassen, dazu ist er zu stolz, doch Jamie und ich haben es trotzdem gesehen." Sie sackte ein Stück in sich zusammen. „Gut, dass er nicht hier schläft. Er renoviert gerade das alte Herrenhaus und hat sich dort einquartiert."

„Ich kann nicht mit ihm zusammentreffen, dass sollte dir bewusst sein", sagte Isabelle und sprang endgültig auf. „Auf gar keinen Fall. Außerdem wird er mich nach den schrecklichen Vorfällen gewiss genauso wenig sehen wollen, wie ich ihn. Ich werde auf der Stelle meine sieben Sachen packen und auf dem schnellsten Weg abreisen."

„Jetzt reicht es aber", sagte Katie und sprang ebenfalls auf. „Sicher, eure letzte Begegnung war nicht gerade… erfreulich. Und dennoch lebt ihr in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Es wird sich also gar nicht vermeiden lassen, dass ihr aufeinander trefft."

„Das ist mir durchaus bewusst", erwiderte Isabelle böse. „Doch noch mehr Aufregung kann auch ich nicht vertragen!"

Teil 6

Isabelle stand am Fenster des kleinen Salons und blickte hinaus in den Garten. Mehr und mehr Schnee war gefallen und die Wege waren so vereist, dass eine weite Reise zumindest nur unter schwersten Bedingungen möglich gewesen wäre. Zudem hatte sie sich von ihrer großen Schwester überreden lassen, doch zu bleiben. Immerhin musste sie nicht zwangsläufig auf Brandon Williams treffen. Er war zwar demnächst zum Abendessen eingeladen, doch wenn sie es wünschte, könnte sie auch einfach auf ihrem Zimmer bleiben.

Allerdings waren Katie und sie mittlerweile einer Meinung. Früher oder später würde sie Brandon Williams unter die Augen treten müssen. Und hier, mit Unterstützung ihrer Schwester, war es gewiss bedeutend leichter, als wenn ihre Mutter zugegen wäre. Isabelle mochte über das Gezeter und übertriebene Gehabe der Mutter gar nicht nachdenken, aber sie wusste, ihr Vater würde einigermaßen zufrieden sein, wenn sie sich mit Williams aussöhnte. Arthur Stafford mochte Brandon Williams, betrachtete ihn sogar als Freund und es würde ihn hart treffen, sollte Williams sich nun vollends zurückziehen.

Doch noch blieben ihr ein paar Tage, in denen sie sich reiflich überlegen könnte, was genau sie ihm sagen würde. Es würde kein leichtes Unterfangen werden. Isabelle rechnete zwar nicht damit, dass Williams aus der Rolle fallen würde, doch geschehen konnte eine Menge und sie war froh darüber, Katie und auch Jamie bei sich zu haben, die ihr jedenfalls ein wenig Rückendeckung bieten konnten.

„Mrs. Walker?", die Tür zum kleinen Salon öffnete sich und ausgerechnet Brandon Williams trat ein. Er stockte, als er Isabelle erkannte. „Entschuldigung… ich wusste nicht… nicht damit gerechnet, dass Sie…. Eigentlich suche ich Ihre Schwester", stammelte er, doch dann straffte er sich. Er begrüßte sie mit höflicher Verbeugung und deutete dann mit der Hand hinter sich. „Mrs. Jenkins sagte mir, ich könne Ihre Schwester hier finden."

„Bis vor wenigen Augenblicken war sie auch noch hier", sagte Isabelle erschreckt. „Jamie und sie sind rüber in eins der Nachbarhäuser. Irgendein Notfall mit einer alten Dame die gestürzt ist", sagte sie leise und versuchte es mit einem kleinen Lächeln, dass ihre wachsende Panik überspielen sollte. Sie fühlte sich ebenso unwohl wie ihr Gegenüber, das war offensichtlich, doch wenn er schon einmal hier war, dann konnte sie vielleicht auch versuchen, ihm auf neutraler Ebene zu begegnen. „Kommen Sie herein und setzen Sie Sich. Die beiden kommen bestimmt rasch zurück. Ich kann uns Tee bringen lassen."

„Nein. Ich meine, so eilig ist es wirklich nicht. Ich kann durchaus…", Brandon Williams nickte, wandte sich dann um und wollte den Raum verlassen. „Entschuldigung, wo bleiben denn meine Manieren", sagte er, tat einen tiefen Atemzug und kam wieder ins Zimmer. „Miss Stafford, ich freue mich, Sie wohlauf zu sehen und hoffe, Sie haben eine schöne Zeit zusammen mit Ihrer Schwester. Auf Wiedersehen." Er verbeugte sich und ging.

Einen Augenblick sah Isabelle ihm nach, dann eilte sie ihm hinterher. „Mr. Williams, dürfte ich Sie einen Moment sprechen?", fragte sie und sah, dass er nur sehr widerwillig stehen blieb.

„Durchaus", erwiderte er nach einer kleinen Weile und wandte sich um. „Wie kann ich Ihnen dienlich sein?"

„Eigentlich", sagte Isabelle sanft, „möchte Ich mich bei Ihnen entschuldigen." Sie sah ihn leicht zusammenzucken und dann beschämt zu Boden blicken. Deswegen wagte sie sich nur vorsichtig einen Schritt näher. Ihre Stimme zitterte und sie rang die Hände, doch er hatte diese offenen Worte mehr als nur verdient. „Mr. Williams, Sie müssen mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass es niemals in meiner Absicht lag, Ihnen Schmerz zuzufügen. Ich glaube, ich habe in den letzten Tagen erst wirklich begriffen, was geschehen ist und was ich Ihnen zugemutet habe. Und bitte glauben Sie mir, ich bin Ihnen unendlich dankbar, für alles was Sie für mich getan haben."

Er sah auf und nickte langsam, deswegen wurde Isabelle mutiger und trat dichter an ihn heran. „Ich werde Ihnen niemals gutmachen können, welch große Last ich auf Ihre Schultern gelegt habe, und wie bereits gesagt, habe ich in den vergangen Tagen erst verstanden, wie schwer ich Ihnen das Leben gemacht habe. Und ich kann mich nur aus tiefstem Herzen dafür entschuldigen. Doch muss ich sagen, dass ich es sehr bedauern würde, sollten Sie mir deswegen auch Ihre Freundschaft entziehen."

„Ich…", begann Brandon Williams zu sprechen, stockte dann aber und zuckte andeutungsweise mit den Schultern.

„Ich jedenfalls würde mich sehr darüber freuen, wenn es uns möglich wäre, aufeinander zutreffen, ohne dass wir uns unbehaglich fühlen." Isabelle wusste, es war richtig was sie machte, und doch war der Schmerz in seinen Augen nur hart zu ertragen. „Bestimmt ist noch zu wenig Zeit vergangen, um mir verzeihen zu können, doch ich kann meinen Wunsch nur noch einmal bekräftigen. Es würde mir viel bedeuten."

Tief Luft holend nickte Brandon Williams ein weiteres Mal. „Ich danke Ihnen für Ihre offenen Worte", sagte er und sah sie fast traurig an. „Auch mir würde es viel bedeuten, wenn wir weiterhin… Freunde sein können."

„Ich danke Ihnen", seufzte Isabelle und nahm seine Hand. „Danke schön", sagte sie und knickste tief vor ihm ein.

„Auf Wiedersehen", sagte Brandon Williams, setzte sich seinen Hut auf und eilte hinaus ins einsetzende Schneegestöber.

Noch eine ganze Weile sah sie ihm nach, erst dann spürte sie die Tränen, die über ihre Wange liefen. Tränen der Erleichterung, wie Isabelle meinte, denn die Last war von ihrer Seele gewichen. Jedenfalls solange, wie sie nicht an ihre Mutter dachte. Kurz überlegte sie, einen Brief zu schreiben und die Begegnung mit Williams zu erwähnen, doch dann schob sie den Gedanken schnell zur Seite. Noch wusste sie nicht, wie das Verhältnis zu ihm werden würde. Doch er hatte ihre Entschuldigung akzeptiert und da er ein Ehrenmann war, würde er sein Möglichstes geben, sich ihr gegenüber normal zu verhalten, sollte es ihm auch noch so schwer fallen.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Was machst du denn da?", fragte Katie, die durch die Hintertür das Haus betreten hatte. Sie sah ihre Schwester reglos im Flur stehen und auf die Haustür starren.

„Brandon Williams war gerade hier", sagte Isabelle und wischte sich rasch die Feuchtigkeit von den Wangen. „Er hat nach dir gesucht, aber nur mich angetroffen."

„Ach du meine Güte. Da ist man mal ein paar Minuten nicht zuhause, und sofort geschehen die seltsamsten Dinge", erwiderte die ältere Schwester und machte ein Gesicht, als wäre sie in ein Fass mit Essig gefallen. Sie zog ihren Mantel aus und hängte ihn rasch an die Garderobe. „Geht es dir gut? Was hat er gesagt? Was wollte er überhaupt von mir?"

Lachend hakte Isabelle ihre Schwester unter. „Das waren aber eine Menge Fragen auf einmal", sagte sie und zusammen gingen sie zurück in den Salon. „Warum er hier war, weiß ich nicht. Das hat er nicht gesagt. Er war zu überrascht, ausgerechnet mich anzutreffen."

„Nicht schlimm, ich kann es mir schon denken. Ich habe ein paar alte Möbelstücke, Stühle und ein Kanapee, aufpolstern lassen. Natürlich sind sie weitaus nicht so wertvoll, wie die aus Williams Herrenhaus, aber die Arbeit ist gut gemacht und er wollte bestimmt die Adresse des Polsterers ", meinte Katie und wärmte sich die kalten Finger am Kamin. „Doch was ist mit dir? Was hat er zu dir gesagt? War er wütend?"

„Er hat gar nicht viel gesagt", erklärte Isabelle und zuckte mit den Schultern. „Zuerst war er sehr erschrocken und ich hatte das Gefühl, er wäre am liebsten sofort wieder hinausgelaufen. Und wütend war er auch nicht, eher traurig", sagte sie leise. Wieder zuckte sie mit den Schultern und machte ein betrübtes Gesicht. „Jedenfalls habe ich die Gelegenheit genutzt, mich bei ihm zu bedanken und vor allem zu entschuldigen. Er wirkte nicht glücklich, doch er hat meine Entschuldigung angenommen."

„Oh, Gott sei Dank", entkam es Katie und sie atmete erleichtert ein. „Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen, denn Williams ist ein sehr stolzer Mann. Doch offenbar habe sogar ich ihn unterschätzt, denn er hat es geschafft, seinen Stolz zu überwinden."

„Warum denkst du eigentlich, ihn so gut zu kennen?", fragte Isabelle und setzte sich ans Fenster. „Du tust fast so, als wärt ihr Freunde."

„Ob Jamie sein Freund ist, weiß ich nicht", sagte Katie und zog sich einen Stuhl heran. „Doch er kommt oft hierher. Der Verkauf der Ländereien ist schon Mitte des Sommers über die Bühne gegangen und seitdem kommt er eigentlich regelmäßig. Er interessiert sich sehr für alles, was auf seinem Land vorgeht, er kümmert sich um alles, was der alte Bowman so lange hat schleifen lassen und gerade im Moment ist er in Verhandlungen mit einigen Bauunternehmern, die die Gehöfte seiner neuen Pächter auf Vordermann bringen sollen." Katie lachte. „Er hat begriffen, dass er erst Geld ausgeben muss, wenn er selber etwas verdienen will."

Doch Isabelle interessierte das weniger. Viel spannender fand sie die Aussage, Brandon Williams käme öfter hierher. „Wie oft ist er hier?", fragte sie deswegen. Die Buschtrommeln zuhause arbeiteten gewöhnlich schnell und zuverlässig und bisher hatte sie nicht einmal davon gehört, dass Williams sein Haus verlassen hatte. Geschweige denn, dass er nach Devonshire gereist wäre.

„So genau kann ich es dir nicht sagen. Alle zwei Wochen für ein paar Tage", erzählte Katie leichthin. „Warum fragst du danach?"

„Weil ich es seltsam finde", nickte Isabelle. „Überhaupt… du kennst doch unsere Gegend und vor allem die Menschen dort. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird breitgetreten, über alles wird spekuliert und getratscht. Mittlerweile soll es wohl bis in die kleinste Hütte gedrungen sein, dass ich dich besuche." Sie runzelte die Stirn. „Ich wundere mich wirklich, dass ich nichts darüber gehört habe. Die Leute hätten doch davon gesprochen, wenn Brandon Williams viel Geld dafür ausgibt, sich neue Ländereien anzuschaffen. Zumindest Vater hätte es erwähnt, wenn er es denn wüsste."

Lachend streckte Katie die müden Glieder. „Etwas Ähnliches ist mir selbst einmal durch den Kopf gegangen. Ich habe mich auch stets gefragt, wie er außer Haus sein könnte und gleichzeitig auch nicht? Wie du habe ich geglaubt, er säße den ganzen Tag in seinem großen Haus und drehe Däumchen. Weit gefehlt, kann ich dir nur sagen." Wieder lachte sie. „Du weißt doch, dass sein Grundstück am äußersten Ende die Straße nach Dorrington kreuzt…"

„Du meinst, er verschwindet einfach unauffällig durch seinen Park?", fragte Isabelle und riss die Augen auf. Das konnte sie nicht glauben. Derlei Heimlichkeiten traute sie ihm nicht zu und sie verstand sie auch nicht. Er war so sehr auf seinen guten Ruf bedacht, dass er gewiss nicht….

„Ob es nun heimlich ist, das sei einmal dahingestellt. Immerhin kann er sein eigenes Grundstück zu allen Seiten hin verlassen, wenn er es denn will. Und wenn er es so lieber mag, dann, um Gottes Willen, lass ihn doch", unterbrach Katie ihre Gedanken. „Brandon Williams ist nun einmal der Meinung, dass nicht alles öffentlich werden muss und deswegen benutzt er gerne diese Abkürzung. Außerdem hat er recht verschwiegenes Personal, auf das er sich offenbar verlassen kann, denn sonst wüsste man längst im Dorf, dass er diesen Ausweg gerne nutzt."

Sie beugte sich vor und sah ihre Schwester hinterhältig an. „An dem guten Brandon ist bedeutend mehr dran, als du auch nur erahnen könntest, nicht wahr? Oder hast du gewusst, dass er regelmäßig in London ist, wo er ein ansehnliches Stadthaus hat? Er liebt die Oper, besucht Konzerte und Ausstellungen…. Ach, eigentlich ist es schade, dass du das alles erst jetzt erfährst. Jetzt, wo es zu spät ist. Denn ich bin mir sicher, du würdest sein Leben als sehr aufregend empfinden, wenn du erst alles über ihn wüsstest."

 

                                                                                              *~*~*

 

Es war Ende Januar, als ein gut gelaunter Scott Webster die Schreibstube seines Vorgesetzten betrat. Er hatte eine wunderbare Zeit hinter sich. Seine Mutter hatte ihn geradezu vergöttert und dermaßen verwöhnt, wie er es kaum von ihr kannte. Und zu seiner großen Freude waren auch ein paar hübsche und vor allem willige Mädchen nicht weit gewesen. Nun fehlt nur noch eins zu seinem perfekten Glück: Sein Offizierspatent.

„Ah, Webster", sagte Colonel Brightman und sah auf. „Ich habe Sie schon erwartet. Hatten Sie einen schönen Urlaub?"

„Ja, danke, Sir. Ich kann wahrlich nicht klagen."

„Das freut mich zu hören. Setzen Sie Sich doch. Wir haben da noch ein paar Kleinigkeiten zu klären", sagte Brightman und setzte sich selbst wieder hinter seinen massiven Schreibtisch. „Eine Tasse Tee? Er ist gerade frisch aufgebrüht."

„Nein, danke, Sir", sagte Scott Webster und fragte sich, was sein Vorgesetzter von ihm wollte. Eigentlich war doch bereits alles geklärt. Doch dann lächelte er. Vielleicht hatte sich zu seiner Anfrage bei der königlichen Marine etwas ergeben. „Werde ich versetzt, Sir?"

„Eins nach dem anderen", lächelte Colonel Brightman und trank vorsichtig einen Schluck der brühendheißen Flüssigkeit. Dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und machte es sich gemütlich. „Also gut, beginnen wir. Erst einmal zu ihrem Offizierspatent", sagte er und kramte in ein paar Papieren auf dem Tisch. „Die Vordatierung ist hinfällig", sagte er eiskalt und überreichte Webster die passende Urkunde.

„Warum… weswegen?", stotterte Scott Webster, doch Colonel Brightman hörte gar nicht hin. Er sprach einfach weiter.

„Sie werden Sich, wie alle anderen guten Männer, ihre Sporen selbst verdienen müssen. Zum anderen vermuten Sie richtig. Sie werden versetzt. Ihr neues Regiment erwartet Sie bereits am Hafen. Heute. Sie besteigen noch an diesem Nachmittag ein Schiff, das Sie direkt nach Indien bringen wird. Dort kämpfen Sie an vorderster Front, wie ich freudig hinzufügen darf."

„Niemals", schrie Scott Webster und sprang auf. „Das ist so gut wie ein Todesurteil und das wissen Sie verdammt genau."

„Sie wollen also den Befehl verweigern?", fragte Colonel Brightman ungerührt. „Darf ich Sie daran erinnern, welche Strafe zu Kriegszeiten darauf steht?" Er lachte fies und weidete sich an der Angst, die er in den Augen des arroganten jungen Mannes sah. „In Indien haben Sie zumindest eine gewisse Chance." Er stand auf. „Es steht Ihnen frei, Sich zu entscheiden", sagte er eisig. „Entweder Sie packen ihren Krempel oder ich lasse Sie auf der Stelle verhaften und in den Kerker werfen."

„Ich weiß, wem ich das zu verdanken habe", schrie Scott Webster und das Offizierspatent zitterte in seinen Händen.

„Das kann ich mir vorstellen", schmunzelte Colonel Brightman und konnte nur mit Mühe ein lautes Gelächter unterdrücken. „Demnächst… sollte es denn ein demnächst für Sie geben, sollten Sie es Sich vorher überlegen, einen altgedienten und kampferprobten Recken so zu brüskieren, wie Sie es offenbar als nötig erachteten." Er blickte ihn finster an. „Einen letzten guten Rat gebe ich Ihnen mit auf den Weg: Unterschätzen Sie niemals wieder, welch hervorragende Beziehungen und Freundschaften ein solcher Mann pflegt. Ach so, und bevor ich es vergesse… ich soll Ihnen von Ihrem Verwandten, Colonel Brandon Williams, noch die herzlichsten Glückwünsche offerieren. Und nun verschwinden Sie und hoffen Sie, mir nie wieder unter die Augen treten zu müssen!"

Teil 7

Die Wochen vergingen wie im Flug, doch noch immer verspürte Isabelle nicht die geringste Lust, die Heimreise anzutreten. Das Leben mit ihrer Schwester und deren Ehemann war so einfach und leicht, wie sie es kaum kannte. Zur Abwechslung war es einmal ganz nett, nicht auf die Eigenarten einer neurotischen Mutter achten zu müssen, auch wenn sie ihren Vater sehr vermisste. Selbst die fast regelmäßigen Besuche Brandon Williams empfand sie nicht als störend. Eher im Gegenteil, sie lernte ihn von einer ganz anderen Seite kennen, ganz so, wie ihre Schwester es im Sinn gehabt hatte. Auch wenn es nun im Grunde unwichtig war, so begriff sie doch, dass sie ihn unterschätzt hatte. Und das in vielerlei Belangen. Er war unglaublich belesen, unterhaltsam und, was sie nie geglaubt hätte, ungeheuert interessant.

„Schau an", sagte Jamie nun, der am Schreibtisch saß und seine Korrespondenz durchging. „Eine Nachricht von Williams."

Die beiden Frauen, die mit Handarbeiten beschäftigt auf dem Sofa saßen, sahen zeitgleich auf. Isabelle lächelte ihre Schwester an, die auch gleich fragte: „Was will er? Die letzte Zeit hat er sich sehr rar gemacht. Offenbar ist er mit etwas anderem beschäftigt."

„Er schreibt, es täte ihm leid, nur so wenig Zeit für uns erübrigen zu können, doch die Renovierungsarbeiten auf Old Hall nähmen ihn mehr in Beschlag, als er je erwartet hatte." Jamie lachte seine Frau an. „Wie immer hattest du den richtigen Gedanken." Dann wandte er sich wieder dem Schreiben zu und las stumm weiter. „Oh, er lädt uns ein, das alte Herrenhaus einmal zu besichtigen", meinte er dann. „Er schreibt, die Arbeiten liefen hervorragend und es wären schon eine Menge neuer Möbel angekommen." Dann lächelte Jamie. „Er hat es nicht vergessen."

„Was hat er nicht vergessen?", fragte Isabelle einigermaßen interessiert. Das alte Herrenhaus war nicht unbedingt etwas, worüber sie etwas erfahren wollten, auch wenn Jamie und Katie deswegen schier aus dem Häuschen waren. Doch das lag eher daran, dass es ihnen wichtig war, dass ihre Gegend aufgewertet und geachtet war. Und das konnte nur ein Gutsherr, dem die Schulden nicht die Kehle zudrückten und der sich kümmerte.

„Nun, wie soll ich das erklären?", sagte Jamie und sah seine Frau an. „Also… in anglikanischen Kirchen herrscht mittlerweile eine solche Schlichtheit, die mich immer wieder erschaudern lässt. Ihr beiden wisst es selbst nur zu gut. Jede Farbe scheint verbannt, selbst die Messgewänder verblassen mehr und mehr oder sind gleich schlicht schwarz. Ich hatte Williams gegenüber einmal erwähnt, wie schön doch die alten Buntglasfenster waren, die im rechten Licht ein herrliches Farbenspiel bilden. Und was soll ich euch sagen? Er hat doch tatsächlich einen Handwerker aufgetrieben, der das alte und fast vergessene Handwerk noch beherrscht."

„Hoffentlich handelst du dir damit nicht den Groll deiner Schäfchen ein", sagte Katie mit einem Augenaufschlag, der ihrem Mann einen tiefen Seufzer entlockte. Hin und wieder schwebte er in ganz anderen Sphären und er konnte kaum begreifen, dass nicht jeder seine Meinung teilte. „Wir wollen doch nicht, dass sie dich in Schimpf und Schande vom Hof, sprich der Pfarrei, verjagen."

Jamie schluckte schwer. „Ach was, nein", sagte er und schüttelte fest den Kopf. „Wir werden es ja nicht übertreiben. Nur ein einziges, nicht zu großes Fenster… das wird schon niemanden aufregen." Er sah wieder auf das Schreiben. „Der Mann ist wirklich großartig. Er hat es nicht vergessen und dabei habe ich es nur ein einziges Mal kurz erwähnt. Wir haben kaum fünf Minuten darüber gesprochen."

„Wann will er uns sehen?", fragte Katie und legte ihrer Stricksachen zur Seite.

„Wie bitte?", fragte Jamie erst nach einer Weile. Dann blickte er beschämt drein. „Entschuldige, ich habe dir nicht richtig zugehört. Ich bin noch immer viel zu begeistert. Ich male mir schon aus, wie dieses Fenster bunte Schatten in den Altarraum wirft, alles erstrahlen lässt und…. Aber was war es gleich, was du sagtest?"

Lachend gesellte sich Katie zu ihrem Ehemann und schaute ihm über die Schulter. „Ich wollte wissen, an welchem Tag er uns zu sehen wünscht. Ah ja, ich seh schon. Er schreibt, er wäre das ganze Wochenende hier und würde sich freuen, uns am Samstag am späten Vormittag zu sehen." Sie strich ihrem Mann sachte über das Haar. „Hoffentlich sind die Wege bis dahin befahrbar. Ich würde nur ungern einen solch weiten Weg zu Fuß zurücklegen müssen."

„Bestimmt", nickte Jamie. „Und wir können ja genug Zeit einplanen." Er wandte sich seiner Schwägerin zu. „Kennst du Old Hall?"

„Nein", antwortete Isabelle wahrheitsgemäß und schüttelte leicht den Kopf. „Nur vom Hörensagen."

„Oh, es ist ein großartiges Gebäude. Nur leider hat Bowman es etwas verkommen lassen. Ihm fehlte wohl schlicht das nötige Kleingeld, um Haus und Garten in Schuss zu halten. Doch ich bin mir absolut sicher, dass es in all seiner Pracht wieder aufersteht, sobald Brandon Williams alle Renovierungen hat machen lassen."

„Manchmal frage ich mich, woher Williams all das viele Geld hat", überlegte Isabelle laut und entschuldigte sich schnell. „Oh, ich weiß, dass er begütert, wenn nicht gar reich ist. Aber ein solches Anwesen mitsamt seiner Ländereien zu kaufen, das Haus von Grund auf modernisieren zu lassen und dann auch noch eine neue Kirche zu bauen." Sie sah auf. „Habe ich etwas vergessen?" Sie lachte. „Ich gönne es ihm von Herzen, doch verstehen kann ich es nicht." Sie dachte an ihren eigenen Vater und dessen ständige Sorgen um das liebe Geld.

Jamie kratzte sich die Stirn. „Genau kann ich es dir nicht sagen. Er ist nicht so dumm, all seine Finanzen gerade vor mir auszubreiten, doch ich weiß sicher, dass er ein enormes Vermögen geerbt hat. Außerdem hat er seine Finger in allerlei lukrativen Geschäften und wenn man vom Kauf von Old Hall absieht, lebt er nicht gerade auf großem Fuß. Er gönnt sich jeglichen Luxus, das bestreite ich nicht. Aber er übertreibt es nicht. Er kauft keine protzigen Kutschen, feiert keine extremen Feste… du verstehst schon, was ich sagen will."

„Eigentlich schade, dass du dir den Mann durch die Lappen gehen lassen hast", sagte Katie zu Isabelle, wirkte dabei jedoch so unschuldig, dass die jüngere Schwester nichts darauf erwiderte. „Ich habe schon wieder Hunger", meinte sie dann und lächelte. „Ich werde mal in die Küche gehen und nachsehen, ob Mrs. Jenkins noch irgendwo ein Stück von ihrem herrlichen Kuchen versteckt hat."

Jamie lächelte und auch Isabelle sah der älteren Schwester eine Weile hinterher. Ein wenig hatte der Satz sie doch verletzt, ob sie wollte oder nicht. Noch schlimmer jedoch war zugeben zu müssen, dass sie Brandon Williams wahrlich unterschätzt hatte. Sie hatte so daneben gelegen, als sie ihn als fade und langweilig beschrieben hatte, doch das musste sie Gott sei Dank niemandem sagen. Das Schlimme war nur, das Katie in ihr lesen konnte wie in einem offenen Buch und manchmal Dinge eher wusste, als Isabelle sie selbst verstand. Doch vielleicht, dachte Isabelle, hatte sie wirklich nur ihr Bedauern ausdrücken wollen und es war kein Seitenhieb gewesen.

„Ich werde es herausfinden", murmelte sie lautlos und gestand sich dann noch ein, dass sie wirklich gespannt war, Old Hall zu besuchen. Und Brandon Williams gleich dazu.

 

                                                                                                *~*~*

 

Brandon Williams stocherte mit einem langen Schürhaken im Kamin herum. Das Feuer wollte und wollte nicht richtig brennen und in der Halle seines neuen Hauses war es noch immer kalt. Er war nervös, wie er nur ungern vor sich selbst zugab, doch er konnte es kaum erwarten, Isabelle Stafford zu sehen.

Obwohl es gewiss sinnlos war, waren seine Hoffnungen in Bezug auf eine Vermählung mit ihr wieder angewachsen. Sie hatte zwar nicht die kleinste Andeutung in diese Richtung gemacht, doch er hatte eine Veränderung in ihrem Verhalten ihm gegenüber wohl bemerkt und er freute sich sehr darüber.

Es war nicht so, als hätte er nie zuvor lachen sehen, doch sie hatte niemals auch nur über einen einzigen Satz von ihm geschmunzelt. Bisher jedenfalls. Seitdem sie bei ihrer Schwester und ihrem Schwager zu Besuch war, schien sie ausgeglichener und zufriedener, als er sie je gesehen hatte. Doch er ahnte den Grund dafür.

Arthur Stafford war ein feiner Mann und er betrachtete ihn als einen Freund. Mit seiner Frau allerdings konnte er beim besten Willen nicht warm werden. Sie war furchtbar anstrengend, jammerte und beklagte sich viel und er wunderte sich, dass Arthur es aushielt. Bestimmt war es auch für Isabelle nicht leicht, mit ihrer Mutter auszukommen. Sie besaß zwar ein tadelloses Benehmen, doch es war offensichtlich, dass sie ihrer Mutter aus dem Wege ging, wann immer es ihm möglich war.

Zuerst war es ihm extrem schwer gefallen, ihr überhaupt wieder in die Augen zu sehen, doch ihre Entschuldigung hatte ihm unendlich viel bedeutet. Und sie hatte es ernst gemeint, dass war deutlich zu sehen gewesen. Es war kein unwichtiges Geschwafel gewesen, das nur der Etikette entsprach. Doch etwas setzte ihm schrecklich zu. Und zwar die Gefühle, die sie Scott Webster entgegengebracht hatte. Ihre Augen hatten gestrahlt, wann immer sie ihn angesehen hatte und allein die Erinnerung daran versetzte ihm einen herben Stich.

Grimmig dachte er an seinen entfernten Verwandten, der nun gerade in Indien angekommen sein musste. Colonel Brightman hatte ihm eine kurze Nachricht übermittelt und aufgrund dessen wusste er, wie schwer er Webster getroffen hatte. Doch das war ihm nur recht. Der junge Mann hatte sich verschätzt, schwer verschätzt. Niemals würde er es hinnehmen, dass…

„Vergiss den Mann. Er ist Geschichte", murmelte er, ließ Feuer Feuer sein und ging hinüber zu dem Fenster, von dem aus er einen wunderbaren Blick auf den Weg zum Haus hatte. Doch bisher war noch keine Kutsche auszumachen. Wieder dachte er an Isabelle und er schämte sich ein wenig, weil er in Gedanken einfach nicht von ihr lassen konnte. Warum nur wollte sein Verstand nicht aufnehmen, dass ihre Veränderungen nichts mit ihm zu tun haben mussten? Es konnte alles Mögliche bedeuten.

Dann endlich erblickte er in der Ferne die alte Kutsche, die sich langsam und vorsichtig einen Weg über die rutschige Straße bahnte. Aufgeregt bemerkte er, dass er noch den Schürhaken in der Hand hielt und eilte hinüber zum Kamin, um ihn dort abzustellen. Dann rief er sich zur Ordnung und er streckte sich zu seiner vollen Größe auf. „Beherrsche dich, Brandon. Du machst dich lächerlich!"

 

                                                                                        *~*~*

 

Wenige Minuten später betraten Jamie und Katie Walker Old Hall. Ihnen folgte Isabelle, die sich etwas zurückhielt und sich schüchtern umsah.

„Ich freue mich sehr, Sie in meinem neuen Haus willkommen zu heißen", sagte Brandon Williams förmlich und es folgte die übliche Begrüßung, die aus Verbeugungen und Knicksen bestand.

„Unglaublich, was Sie in so kurzer Zeit zustande gebracht haben", meinte Jamie und sah sich begeistert um. „Es ist kaum mehr wiederzuerkennen. So hell und freundlich."

Hell?’ dachte Isabelle. Ihr kam es eher so vor, als sei es auf Schlag Abend geworden. Old Hall war ein uraltes Gebäude mit nur kleinen und zudem spärlich gesäten Fenstern, die nur wenig Tageslicht hereinließen. Doch sie wollte nicht unfreundlich erscheinen und da sie nichts zu sagen wusste, wandte sie sich einem Gemälde zu. Es zeigte eine recht blutige Jagdszene und sie verzog das Gesicht.

„Gefällt Ihnen das Bild?", erkundigte sich Brandon Williams, der ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Sie sah ihn an und wusste nicht, was sie antworten sollte. Williams war ein begeisterter Jäger, doch sie konnte dem blutigen Spektakel nichts abgewinnen. Doch sollte sie ihm da frei heraus ins Gesicht sagen? „Es tut mir leid, doch ich mag es nicht besonders. Es ist…", sie stockte und sah hilfesuchend zu ihrer Schwester.

„Sie dürfen Ihrer Meinung freien Lauf lassen", forderte Brandon Williams sie auf und Isabelle seufzte lautlos.

Sie sah ihren Gastgeber an und nickte dann. „Gut, wenn Sie die Wahrheit wissen möchten… ich finde es grauslich. Bluttriefend und abschreckend, einfach nur abscheulich."

Leises Gelächter ertönte und Brandon Williams nickte. „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist noch eins der Relikte, die ich noch nicht ersetzen konnte. Aber lange wird es an dieser Wand nicht mehr verweilen. Schon beim nächsten Besuch in London habe ich einen Besuch in der Galerie eingeplant."

„Ich dachte, sie finden Gefallen an der Jagd", konnte Isabelle sich nicht verkneifen zu sagen. „Gewöhnlich sieht man Sie fast täglich mit Ihren Hunden und einem Gewehr über der Schulter durch ihre Ländereien streifen."

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ihr Gegenüber sie an. „Nun", sagte er gedehnt, „das stimmt durchaus. Aber gewöhnlich mache ich keinen Gebrauch von dem Gewehr. Höchstens, wenn meine Hunde ein krankes und schwaches Tier aufscheuchen."

Isabelle nickte, durchaus zufrieden mit dieser Antwort. „Das finde ich sehr rücksichtsvoll von Ihnen." Sie wandte sich an Katie, die vorsichtig näher gekommen war. Sicher nur, um sich bei einem Streit sofort dazwischen zuwerfen. „Geht es dir gut?", erkundigte sie sich besorgt. „Du bist furchtbar blass."

Sofort lenkte sich all die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die junge Frau, die den Kopf schüttelte. „Es ist alles bestens", sagte sie kläglich, ließ sich dann aber doch zu einem Stuhl führen.

„Soll ich einen Arzt rufen lassen?", fragte Brandon Williams besorgt und rief nach einem Dienstboten, der ein Glas Brandy bringen sollte.

„Nein, danke. Es geht gleich wieder", sagte Katie und atmete tief ein. „Mir ist nur ein wenig unwohl."

Isabelle, die sich große Sorgen machte, wunderte sich über das breite Grinsen, dass auf Jamies Gesicht lag. Doch bevor sie diesbezüglich etwas sagen konnte, sah Jamie seine Frau an. „Darf ich es ihnen sagen? Ich zerberste sonst noch."

„Also schön", nickte Katie und lächelte matt. Ihr war viel zu schlecht, um sich zu beklagen oder ihren aufgeregten Mann aufzuhalten.

„Ich werde Vater", entkam es Jamie Walker prompt und er klatschte begeistert in die Hände. Er strahlte und nahm die Hand seiner Frau. „Und ich kann es kaum mehr abwarten es endlich jedem zu erzählen, der mir unter die Augen kommt."

„Meinen herzlichsten Glückwunsch", sagte Brandon Williams und auf seinem Gesicht lag wahre Freude. „Das sind fantastische Neuigkeiten. Darauf müssen wir unbedingt anstoßen", sagte er und orderte bei dem Dienstboten, der eilends in die Halle geeilt war, gleich eine Flasche Brandy. „Wirklich wunderbare Neuigkeiten."

Auch Isabelle freute sich und umarmte ihre Schwester. „Ich hab es schon geahnt", flüsterte sie ihr ins Ohr. „Fantastisch!" Das erklärte zumindest, warum Katie immer Hunger zu haben schien, jedoch keinen Deut rundlicher geworden war. Doch dafür war es gewiss noch zu früh. „Ich freue mich so für euch beide."

Doch bevor Katie etwas erwidern konnte, hallte eine hohe Frauenstimme durch das Gebäude.

„Brandon, Darling! Das Haus ist ganz wunderbar. Ich habe wirklich jeden Raum durchstöbert und…" Sie zeigte sich oben am äußersten Ende der Treppe und stockte, als sie den Besuch bemerkte. Dann lächelte sie und schritt, wie Isabelle missgünstig bemerkte, elfengleich die Treppe hinab.

„Darf ich Ihnen Emilia Conelly vorstellen?", fragte Brandon Williams, als er die wunderschöne Frau am Fuße der Treppe in Empfang nahm.

Emilia Conelly begrüßte die Gäste angemessen, doch dann wandte sie sich sofort wieder Williams zu. „Oh ich liebe dieses Haus jetzt schon und kann kaum abwarten, hierher zu ziehen." Sie zog ihn an sich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich liebe es und ich liebe dich dafür, mehr als ich sagen kann!"

Teil 8

Die Zeit verstrich, der Februar war bereits bis zur Mitte vergangen und das Wetter war allenfalls als schäbig zu bezeichnen. Nach dem vielen Schnee, der für die Gegend schon recht ungewöhnlich war, kam nun eine Unmenge Regen, der bei niedrigen Temperaturen fiel und sich auf dem noch gefrorenen Boden sofort in Eis verwandelte. Straßen und Wege waren kaum befahrbar und wenn, dann waren es Schlammpfützen, in denen es fast kein Vorankommen gab. Kaum jemand verließ freiwillig sein trockenes und warmes Zuhause, doch Isabelle drängte es mit jedem Tag mehr und mehr, endlich die Heimfahrt anzutreten.

Schon beim Frühstück am nächsten Morgen besprach sie ihre Gedanken mit ihrer Schwester und Katie reagierte wie erwartet. „Bei diesen Witterungsverhältnissen? Du meine Güte. Du weißt, du kannst gerne noch bleiben. Auf ein paar Wochen kommt es doch auch gar nicht an. Du fällst uns nicht zur Last, Schwesterchen. Ganz im Gegenteil. Ich bin so froh, dich um mich zu haben. Es ist fast wie in alten Zeiten. Nur ohne Mutter, die ständig hinter uns her ist und etwas auszusetzen hat."

Isabelle lächelte. „Es ist auch nicht so, als würde ich meine Zeit hier nicht genießen. Ich unterschätze beleibe die Ruhe nicht, die hier herrscht", gab sie zu, denn mit der Ruhe war es gewiss vorbei, sobald sie ihr Zuhause betrat. „Aber früher oder später muss ich so oder so zurück. Und ich kann Vater doch nicht ganz alleine lassen mit all seinen Sorgen." Es war eine nette Umschreibung dafür, Olivia Staffords Launen alleine ausgesetzt zu sein, doch wie nicht anders erwartet, verstand Katie es sofort.

Bedächtig nickte sie, dann wandelte sich ihre Miene und sie schüttelte den Kopf. „Dennoch. Nicht jetzt. Deine Kutsche könnte stecken bleiben oder schlimmer noch, ihr könntet in einem unachtsamen Moment von der Straße abkommen. Ich mag gar nicht darüber nachdenken. Es ist viel zu gefährlich." Sie deutete mit der Hand hinter sich. „Es bleiben doch ständig Kutschen und Wagen stecken, wie du nur zu gut weißt. Gerade jetzt hilft Jamie wieder dabei, eins dieser Fuhrwerke aus dem gefrorenen Schlamm zu befreien."

Wortlos verzog Isabelle das Gesicht. „Mach dir doch nicht zu viele Sorgen. Es wird schon nichts geschehen. Und wenn ich gleich nach dem Frühstück abreise, bin ich spätestens abends zuhause. Ich muss mich… dem Drachen stellen. Und je früher ich es hinter mir habe, desto besser ist es."

Eine lange Weile erwiderte Katie nichts darauf. Bedächtig trank sie ihren Kaffee und warf Isabelle immer wieder Blicke zu. Doch dann stellte sie die Tasse weg und räusperte sich. „Du flüchtest aber nicht, oder?" Sie hatte Isabelles Veränderung in den letzten Tagen durchaus bemerkt und hatte eine Vorstellung davon, was diese Veränderung ausgelöst hatte.

„Flüchten?", wiederholte Isabelle auch sogleich und schüttelte den Kopf. „Vor wem sollte ich denn weglaufen?"

„Vor Emilia Conelly", erwiderte Katie und senkte die Stimme. „Vielleicht irre ich mich ja auch, aber ich glaube, du bist ein wenig… eifersüchtig."

Isabelle sprang auf und schüttelte entsetzt den Kopf. Dann seufzte sie tief und setzte sich wieder. „Vor dir kann ich es sowieso nicht verbergen. Obwohl ich es nicht Eifersucht nennen möchte. Es ist nur… ach du meine Güte", entfuhr es ihr. „Hast du sie dir angesehen? Zuerst, oben auf dem Treppenabsatz… sie schwebte wie eine Nymphe die Stufen hinab. Wunderschön anzusehen, akkurat und wunderhübsch gekleidet und frisiert…. Aber von Nahem? Sie ist viel zu alt für Brandon Williams. Sicherlich schon über vierzig."

Katie mühte sich, kein wissendes Lächeln über ihr Gesicht huschen zu lassen. „Bestimmt. Wenn nicht gar noch älter. Fünfundvierzig vielleicht." Sie zwinkerte Isabelle verschwörerisch zu. Dann lehnte sie sich vor und nahm die Hand ihrer jüngeren Schwester. „Hast du vielleicht doch… Gefühle für ihn entwickelt?" Sie ruderte rasch zurück. „Vielleicht ein bisschen? Immerhin hat er dich bisher mit Aufmerksamkeit überschüttet. Da wäre es nur natürlich und … na ja, auf einmal eine andere Frau in seinem Leben zu sehen ist bestimmt nicht einfach."

„Ich weiß es nicht", sagte Isabelle leise und zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Es ist nur… ach herrje, ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll. Es ist nur alles so anders seitdem ich hier bin. Ich sehe ihn aus vollkommen anderen Augen." Sie seufzte wieder. „Aber das war wohl ursprünglich dein Plan."

„Ja, das war er", nickte Katie bedächtig. „Allerdings wusste ich da ja auch noch nicht, was alles vorgefallen war."

„Ich verstehe", nickte Isabelle und seufzte wieder. „Ich kann dir nicht einmal sagen, was genau sich verändert hat. Ich denke, es ist meine ganze Sicht der Dinge und jetzt, wo Mutter nicht ständig hinter mir her war, war es einfach, einmal auf den Menschen Williams zu schauen und nicht nur im Hinterkopf zu haben, wie reich er ist, was er mir bieten könnte und…." Sie lachte freudlos. „Ich bin ganz schön verrückt, oder? Denn ich weiß immer noch nicht, ob ich mehr als… Freundschaft für ihn empfinde. Ist es wirklich Eifersucht oder nur die Angst, niemanden zu finden, der mich…. Aber ich kann dir mit Gewissheit sagen, dass ich Emilia Conelly nicht ausstehen kann!"

„Eine verzwickte Situation", nickte Katie. „Allerdings solltest du deswegen nicht Hals über Kopf abreisen. Ich glaube kaum, dass sie uns hier aufsuchen wird. Bei all den Fuhrwerken mit ihren Möbeln, die sich durch das furchtbare Wetter schlagen, hat sie gewiss keine Zeit für gesellschaftliche Verpflichtungen. Sie wird ihr neues Heim einrichten und…." Sie wurde immer leiser und verstummte dann ganz, denn ihre Schwester war mit jedem Wort ein kleines Stückchen weiter in sich zusammengesackt. „Wir wissen doch gar, warum sie in Old Hall einzieht oder in welcher Beziehung sie zu Williams steht. Ich meine, selbst wenn er vorhätte sie zu heiraten, wäre es doch sehr außergewöhnlich, dass sie vorher schon sein Haus bezieht. Das verstöße gegen jede Etikette und du weißt, Williams würde das niemals…."

„Wie auch immer", sagte Isabelle und stand auf. „Es ändert nichts an meiner Situation."

„Natürlich tut es das", erwiderte Katie und stand ebenfalls auf. „Immerhin hat Brandon Williams nicht mehr auf Old Hall übernachtet, seitdem … diese Frau das alte Gemäuer bezogen hat. Vielleicht ist sie auch nur eine Verwandte in Nöten. Du solltest hier bleiben und es herausfinden."

Langsam schüttelte Isabelle den Kopf, dann lächelte sie traurig. „Ich möchte dennoch abreisen. Und nein, es ist keine Flucht. Immerhin werde ich ihr auch Zuhause sicherlich begegnen, denn Williams wird sie früher oder später in unsere Gesellschaft einführen."

„Ich kann dich nicht zurückhalten? Mit keinem noch so guten Argument?"

„Nein", sagte Isabelle und zog die Schwester in eine Umarmung. „Aber ich genieße deine Bemühungen um mich. Sie sind recht ungewohnt und es ist schön, wenn man jemand an der Seite hat, der nicht nur an allem etwas abzusetzen hat." Dann runzelte sie die Stirn. „Woher weißt du eigentlich, dass Brandon Williams nicht mehr auf Old Hall übernachtet hat? Ah, verstehe. Die Buschtrommeln arbeiten auch hier perfekt. Klatsch verbreitet sich wohl überall in rasanter Geschwindigkeit."

„Isabelle", sagte Katie plötzlich, „hast du dir je überlegt, dass Williams dich zwar aus der Pflicht entlassen hat, dass aber nicht automatisch bedeutet, dass er keine Verbindung mit dir mehr wünscht? Möglicherweise war er nur enttäuscht, oder er hat begriffen, dass du…."

„Ach, Katie", lächelte Isabelle freudlos. „Du bist hoffnungslos romantisch. Du kennst ihn und weißt, wie stolz er ist. Ich habe ihn bereits zwei Mal abgewiesen und danach habe ich ihm demonstriert, wie wenig mir seine Gefühle bedeuten. Ich habe ihn deutlich spüren lassen, dass jeder junge Mann mich sofort um den Finger wickeln kann. Denkst du ernsthaft, er hätte einen solchen Gedanken nicht längst verbannt? Er wäre nahezu verrückt, wenn er immer noch…. Nein. Ganz gewiss nicht. Vielleicht… nun, wir werden sehen, wie er zu Emilia Conelly steht, aber über seine Gefühle zu mir brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen."

Seufzend nickte Katie. „Ganz wie du meinst. Und wenn ich dich sowieso nicht mehr umstimmen kann, dann helfe ich dir zumindest beim Packen. Na komm, Kleines", sagte sie und zog Isabelle an sich.

 

                                                                                            *~*~*

 

„Ach du meine Güte", entfuhr es Arthur Stafford, als am späten Abend jemand dick vermummt in die Halle seines Hauses stürmte. Dann erkannte er seine Tochter und atmete erleichtert ein. „Isabelle", rief er und eilte auf sie zu. „Warum hast du dein Kommen nicht angekündigt?"

Isabelle riss die dicke und durchnässte Decke von sich und zitterte am ganzen Leib. Sie hatte sich bereits mehrfach für ihren Dickkopf verflucht, der sie nicht auf die guten Ratschläge ihrer Schwester hatte hören lassen. Die Reise hierher hatte sich als abscheulich gezeigt. Sie war nass bis auf die Knochen und sie fror erbärmlich. Denn was sie nicht bedacht hatte, war, dass jedes Mal wenn die Kutsche feststeckte, auch sie aussteigen musste, um das Gefährt so leicht wie möglich zu machen.

Und sie hatte oft aussteigen müssen. Nach dem zehnten Mal hatte sie das Zählen aufgegeben und sich dem Schicksal ergeben. Doch nun war sie heilfroh, endlich angekommen zu sein. „Mir ist so kalt", brachte sie statt einer Begrüßung bibbernd über die Lippen.

„Du bist wahrlich ein verrücktes junges Ding", schimpfte ihr Vater und rief nach einem Dienstboten. „Ich lasse deinen Kamin einheizen", sagte er und zeigte die Treppe hinauf. „Aber lass dir erst einmal ein heißes Bad von Harriet vorbereiten. Und keine Widerrede, junge Dame. Eine Erkältung kannst du brauchen wie einen Klotz am Bein."

Lächelnd nickte Isabelle, unterließ es aber ihren Vater an sich zu drücken. „Wo ist Mutter?"

„Sie hat sich bereits zur Ruhe begeben", sagte Arthur Stafford. „Und genau das wirst du nach dem Bad machen. Unterhalten können wir uns auch morgen noch."

„Danke", sagte Isabelle und eilte die Treppe hinauf. Nach einer Unterhaltung war ihr sowieso nicht zumute und sie freute sich auf das warme Wasser, dass sicherlich ihre kalten Glieder wieder wecken würde.

 

                                                                                           *~*~*

 

„Was ist denn nun schon wieder los?", fragte Arthur Stafford. Wie am Abend zuvor stand er in der Halle, als seine Tochter auf ihn zustürmte. Diesmal jedoch die Treppe hinab. „Isabelle!", rief er, als sie einfach an ihm vorbei auf die Haustür zulief. „Bleibst du wohl stehen!" Sein Geduldsfaden war kurz vorm zerreißen und er bedachte seine jüngste Tochter mit einem finsteren Blick.

„Ich brauche dringend frische Luft", erwiderte die junge Frau und versuchte mit Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten.

„Du bekommst so viel frische Luft wie du willst. Aber erst erklärst du mir dein sonderliches Verhalten", schimpfte er. War er nicht schon genug mit einer überdrehten Frau gestraft? Bisher war er stets stolz darauf gewesen, dass seine Töchter ihrer Mutter in dieser Beziehung nicht nacheiferten. Nun sah die Sache anders aus. „Eigentlich hatte ich erwartet, dass du mir ganz begeistert von deiner Reise und deiner Schwester berichtest. Nicht aber damit, dass du dich in eine Furie verwandelt hast."

„Ich war bei Mutter", brachte Isabelle über ihre Lippen. „Sie hat mir… hat mir von der Geburtstagsfeier berichtet, die sie für mich zur Feier meiner Volljährigkeit ausrichten will."

„Was doch wohl ein Grund zur Freude wäre", meinte Arthur, packte seine Tochter an der Hand und zog sie hinter sich her. Er hatte die Nase voll von verrückten Frauenzimmern und beschloss, seine Tochter erst wieder gehen zu lassen, wenn er zumindest eine gute Erklärung für ihr absonderliches Verhalten bekommen hatte. „Wir gehen in den Salon und dort werden wir uns unterhalten."

„Ja, Sir", schluckte Isabelle. Sie konnte nicht fassen, dass es ihrer Mutter offenbar gelungen war, auch ihren Vater gegen sie aufzubringen. Doch sie sagte nichts und ließ sich widerstandslos von ihm durch das Haus schleifen. Im Salon angekommen setzte sie sich auf die Bank neben dem Kamin und starrte auf ihre Füße.

„Also verstehe einer die Frauen", murrte Arthur Stafford und warf die Hände in die Luft. „Ich fand die Idee deiner Mutter ausgesprochen nett und hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden, als sie mir davon erzählte. Und du… du warst immer schon ein besonderes Kind, aber was kannst du gegen eine Party haben? All deine Freunde werden kommen, deine Verwandten und Bekannten…"

„Ja", schnaufte Isabelle. „Und all die jungen Männer, die Mutter eingeladen hat."

„Was für junge Männer?", fragte ihr Vater mit gerunzelter Stirn. Im Moment verstand er überhaupt nichts mehr. Natürlich würden auch Männer und den Gästen sein, aber das gehört doch dazu.

„Hat Mutter es dir nicht erzählt?", schniefte Isabelle und wischte sich eine Träne weg, die sich trotz aller Bemühungen auf ihre Wange geschlichen hatte. „Sie hat all ihre Freundinnen angeschrieben und deutlich gemacht, wie dringlich ich nach einem Ehemann suche. Diese Party, wie du sie nennst, wird so etwas wie ein Viehmarkt. Allerdings gibt es nur ein dummes Schaf zu verkaufen, mich!"

„Das… das kann nicht wahr sein", murmelte Arthur und schüttelte den Kopf. Er hatte wochenlang auf seine Frau eingeredet und ihre Idee für eine Geburtstagsfeier für eine Art Entschuldigung ihrer Tochter gegenüber gesehen. „Sie hat mir… davon hat sie mit keinem Wort gesprochen und ich hätte es gewiss nicht erlaubt. Ich werde das unterbinden! Wir machen uns ja lächerlich! Was denkt sie sich bloß dabei? Ich werde sofort zu ihr gehen und es verbieten!"

„Dazu ist es bereits zu spät", seufzte Isabelle. „Sie hat mir gerade die Antwortschreiben gezeigt und ich kann dir sagen, dass ihre Freundinnen nicht zimperlich waren und sie dabei unterstützen. Sie bringen ihre unverheirateten Söhne und Neffen mit, und der Himmel alleine weiß, wen noch alles." Wieder traten die Tränen in ihre Augen und sie erhob sich rasch und lief, diesmal ungehindert, aus dem Haus.

Teil 9

Der April verabschiedete sich mit großartigem Wetter. Die Sonne strahlte vom Himmel und es war tagsüber bereits angenehm warm. Nach dem endlos langen und furchtbar kalten Winter hätte er eine Erlösung sein können, doch Isabelle wünschte sie beinahe das trübe Wetter zurück. Es passte eher zu ihrer düsteren Stimmung und sie verwünschte jeden Tag der verstrich, denn er brachte sie Stück für Stück näher an ein scheinbar unabänderliches Ende.

Viel zu schnell verflog die Zeit und sie hatte sich zu allem Übel auch von Scarlett verabschieden müssen, die kurz vor Ostern abgereist war, um in Brighton ihr Glück zu finden. Scarlett war ihr einziger Halt gewesen, denn sie hatte immer ein offenes Ohr für ihre Nöte gehabt. Nun war sie abgereist, nicht ohne Isabelle einzuladen, doch Isabelle blieb nichts anderes, als ihr für ihr neues Leben die Daumen zu drücken. Scarlett war kaum ein paar Wochen verheiratet und sie musste sich selbst erst einmal in ihrem neuen Leben einfinden. Da brauchte sie keine Freundin, deren Perspektiven immer geringer wurden und die dauernd deswegen jammerte. Isabelle sah ihre Zukunft grau in grau. Egal, welchen Mann ihr das Schicksal, auch bekannt als ihre Mutter, an die Seite stellen würde, es würde gewiss in einer Katastrophe enden.

Für einen Augenblick hatte sie tatsächlich überlegt, einfach ein paar Habseligkeiten zu packen und in einer Nacht und Nebel Aktion zu verschwinden. Doch das schaffte sie nicht. Was blieben einer jungen Frau auch für Möglichkeiten, wenn sie ihre Familie verlassen hatte? Die einzige Option war, in eine größere Stadt zu gehen und zu hoffen, sich als Näherin durchschlagen zu können. Doch die Aussicht auf Erfolg war eher gering, schon lange, wenn man nicht mit ausreichendem Talent gesegnet war.

Isabelle konnte durchaus nähen, ebenso wie sie sämtliche anderen Handarbeiten beherrschte, denn das wurde von einer jungen Frau erwartet. Doch eine Begabung besaß sie nicht dafür und ohne etwas wirklich Neues zu schaffen, waren ihre Aussichten gleich null. Ansonsten gab es keine andere Chance, oder zumindest wollte ihr keine einfallen.

Sie zog sich mehr und mehr zurück und nichts und niemand brachte sie freiwillig in die Nähe ihrer Mutter, die doch nur schlechte Neuigkeiten verbreitete. Wie gestern nach dem Abendessen und natürlich erst, nachdem ihr Vater das Esszimmer bereits verlassen hatte. Olivia Stafford wedelte mit ein paar Briefen und trompetete praktisch heraus, wie viele junge Männer noch ihr Interesse bekundet hatten. Da war es doch verständlich, dass Isabelle lieber in der Einsamkeit ihres Zimmers blieb. Sicher, sie benahm sich ihrer Erziehung entsprechend, denn mit ihrem Vater wollte sie es sich nicht zusätzlich verderben, doch wann immer sich die Gelegenheit bot, verschwand sie entweder in ihre Räumlichkeiten oder sie machte endlos lange Spaziergänge.

Genau wie jetzt gerade. Wieder einmal verschlug es sie in die Einsamkeit der Natur, der sie sich mittlerweile sehr verbunden fühlte. Nur hier hatte sie Ruhe, nur hier konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen, auch wenn diese Gedanken selten positiver Natur waren. Und gewöhnlich fand sie sich nach Stunden an Orten wieder, die sie nicht bewusst aufgesucht hatte. Wie blind lief sie durch das Dorf und die angrenzenden Ländereien, tief in bitteren Erinnerungen und Hirngespinsten versunken.

„Miss Stafford?"

Isabelle erschrak furchtbar und fuhr herum. Brandon Williams, hoch zu Ross, sah mit fragendem Blick auf sie herunter. Offenbar war er in der Stadt gewesen, um die wöchentlichen Einkäufe zu erledigen, denn hinter ihm hielt gerade ein Fuhrwerk, dessen Ladefläche mit allerlei Waren voll gepackt war. Der Kutscher hieß die kurze Pause augenscheinlich willkommen, denn er nahm sofort seinen Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lehnte sich zurück.

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe sie nicht kommen hören", sagte sie schnell und mied seinen Blick.

‚Das habe ich gemerkt’, dachte Williams und sah sie aufmerksam an. Sie war dünn geworden in letzter Zeit, dünn und furchtbar blass. Er stieg ab und hielt sein Pferd an den Zügeln fest. „Geht es Ihnen gut, Isabelle?", fragte er leise und sah sie flüchtig nicken.

„Ja, danke. Ich war nur in Gedanken versunken, wie ich zugeben muss. Es tut mir außerordentlich leid, dass ich sie unterbrochen habe", sie deutete auf den Fuhrwagen. „Bestimmt möchten Sie Ihren Einkauf schnell nach Hause bringen."

„Das eilt nicht", erwiderte Brandon Williams und betrachtete sie noch immer mit forschendem Blick. Am liebsten hätte er gefragt, welche Lasten auf ihren schmalen Schultern ruhten, denn er machte sich Sorgen. In den letzten Wochen hatte sie, wann immer er sie überhaupt zu Gesicht bekommen hatte, einen abwesenden Ausdruck in den Augen gehabt. Doch es schickte sich nicht, einem jungen Mädchen solche Fragen zu stellen. Schon gar nicht, wenn sie ohne Begleitung war wie jetzt.

Überhaupt konnte er nur mit ihr sprechen, weil sie sich auf einem öffentlichen Platz befanden und zudem sein Knecht auf dem Wagen hinter ihnen saß. „Miss Stafford", begann er mit festem Plan, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, doch er schaffte es nicht. „Ich war kürzlich bei Ihrer Schwester zu Besuch", sagte er stattdessen. „Sie und Jamie freuen sich schon sehr darauf, im Sommer hierher zu kommen und Ihren Geburtstag zu feiern."

Isabelle wurde schlagartig schlecht. Sie versuchte jeden Gedanken an den bevorstehenden Geburtstag zu verdrängen. „Das ist… wirklich schön", erwiderte sie und konnte seinem Blick nicht mehr standhalten. „Es wird… bestimmt ein rauschendes Fest."

„Das wird es bestimmt", nickte Williams, der ihre Veränderung sofort bemerkte. Allerdings konnte er sich keinen Reim darauf machen. „Sie müssen Sich bereits sehr darauf freuen."

„Oh ja, und wie", entfuhr es Isabelle grimmig und sie sah flüchtig zu ihm auf. „Entschuldigung, doch mein bevorstehender Geburtstag ist… kein Thema, über das ich besonders gerne spreche." Sie schluckte und räusperte sich. „Wird Miss Conelly Sie begleiten?", fragte sie, denn ihre Mutter hatte natürlich auch alle Bekannten aus der Gegend eingeladen. Und dazu gehörte auch Brandon Williams. „Sie haben sie bisher noch gar nicht vorgestellt."

„Mrs. Conelly?", wiederholte Brandon Williams mit gerunzelter Stirn. „Warum… oh… oh, ich verstehe. Sie dachten, Emilia wäre…" Er lachte leise und schüttelte verwundert den Kopf. „Mrs. Conelly, Emilia, ist die jüngste Schwester meiner viel zu früh verstorbenen Mutter. Ein absolutes Nesthäkchen. Besondere Umstände haben… dafür gesorgt, dass sie auf meine Hilfe angewiesen ist. Und da ich Old Hall nicht bewohnen möchte, war es die beste Idee, sie dort einzuquartieren. Somit ist das Haus bewohnt und ich muss mir keine Sorgen darum machen."

„Und wieder muss ich mich entschuldigen", sagte Isabelle leise und fühlte eine sonderbare Erleichterung durch ihren Körper strömen. „Aber ich dachte…"

„Es ist keine Entschuldigung von Nöten", erwiderte Brandon und nickte ihr aufmunternd zu, „denn es ist meine Schuld. Ich hätte Ihnen gleich sagen sollen, dass sie meine Tante ist." Wieder runzelte er die Stirn. Das erklärte einiges, auch das seltsame Verhalten von Jamie Walker und seiner Frau, Isabelles Schwester. Offensichtlich hatten sie mit einer Vermählung, zumindest mit einer Verlobung gerechnet, doch da die ausgeblieben war, waren sie verstört. „Emilia ist …, nun, Sie haben sie erlebt. Sie ist überschwänglich und ausgelassen und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch es ist unverzeihlich, ich hätte sie besser vorstellen müssen."

„Sie ist eine wunderschöne Frau", sagte Isabelle und spürte ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen. Am liebsten wäre sie mit ihren Fingern über ihren Mund und die Kinnpartie gefahren, denn es fühlte sich seltsam an. Sie hatte seit Monaten nicht mehr gelächelt oder gar gelacht.

„Das ist sie", nickte Brandon Williams. „Und sie ähnelt sehr meiner Mutter." Zu seiner großen Verwunderung sah er, dass Isabelle sich bei dem Wort Mutter augenblicklich versteifte und er nahm sich wider besseres Wissen vor, sie doch nach ihrem Kummer zu fragen. „Wie geht es Ihrer werten Familie? Ich habe gehört, dass Ihre Mutter ein Gartenfest zu Ihrer Volljährigkeit plant. Sie hat gewiss allerhand zu tun deswegen."

Einen Moment blieb Isabelle stumm, dann platzte all die über Wochen und Monate angesammelte Wut in nur einem Satz aus ihr heraus. „Das wird kein Gartenfest sondern ein Viehmarkt!"

Dann seufzte sie und sah beschämt zu Boden. „Das hätte ich lieber nicht sagen sollen", murmelte sie hilflos, sah auf und bemerkte an dem verstörten Gesichtsausdruck ihres Gegenübers, dass er sie nicht verstanden hatte. „Meine Mutter plant meine Vermählung. Mit wem auch immer. Das Fest dient eher der Brautschau, als dass es sich mit meiner bevorstehenden Volljährigkeit beschäftigt. Meiner Mutter ist mittlerweile wohl jeder Mann recht und das Fest wird eine Art Versteigerung, bei der der Höchstbietende gewinnt."

Erst nach dieser Aussage begriff Isabelle, wie groß ihre Entgleisung war und sie knickste rasch vor Brandon Williams. Das hätte ihr niemals passieren dürfen, denn Williams gingen ihre privaten Probleme nichts an. Gerade ihm gegenüber hätte sie dieses Thema niemals anschneiden dürfen. „Nun habe ich sie wirklich lange genug aufgehalten. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag und… vergessen Sie am besten, was ich Ihnen gerade anvertraut habe. Es soll nicht Ihre Sorge sein." Sie knickste ein weiteres Mal und Brandon konnte gerade noch ein „Auf Wiedersehen", rufen, dann bog sie rasch in einen schmalen Feldweg ein und verschwand hinter einer Reihe Büsche.

 

                                                                                              *~*~*

 

Der Abend graute bereits als Brandon Williams seinen Salon aufsuchte und sich an das Fenster stellte, um in aller Ruhe den Tag zu überdenken. Die vergangenen Stunden hatte er eine Menge Aufgaben bewältigen müssen. Hauptsächlich ging es um sein neues Anwesen in Devonshire, dass er für einen Spottpreis erworben hatte, nun aber doch mehr Kosten verursachte, als er erwartet hatte.

Das Haus selbst war nicht das Schlimmste, auch wenn Emilia ständig neue Verbesserungsvorschläge machte, die zum Teil haarsträubend und lächerlich waren. Doch so war Emilia eben. Immer ein wenig überdreht und sie brauchte jemand, der sie auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

Ärgerlicher waren die Gehöfte der Pächter, die der alte Besitzer vollkommen vernachlässigt hatte. Verschiedene Bauunternehmen hatten ihm versichert, dass es günstiger war, sie komplett abzureißen und neu aufzubauen und er hatte sich entschieden, ihren Vorschlägen zu vertrauen. Gerade im Moment wurde mit den Bauarbeiten begonnen und er fragte sich, ob es das war, was ihm Sorgen bereitete? Scheute er die Mühen oder die Kosten, die zwar immens waren, ihn aber keineswegs in Bedrängnis brachten?

Mit gerunzelter Stirn beobachtete er eine Drossel, die in einem Baum vor dem Fenster saß und den Tag mit einem letzten Lied verabschiedete. Nein, die Neubauten waren es nicht die ihn bedrückten. War es vielleicht Emilia? Seine Tante hatte das trügerische Talent, sich mit den falschen Männern zu verheiraten. Oh, geliebt hatten sie beide Männer abgöttisch, doch versorgen konnten sie sie nicht. Und nach dem Tod ihres zweiten Gatten war sie kurz davor gewesen, im Armenhaus zu landen. Emilias Leben bestand aus Tanzfesten und Bällen. Sie war beliebt in der Londoner Gesellschaft, doch sie hatte es nie geschafft, sich und ihr Dasein abzusichern.

Nach einer weiteren Minute des Nachdenkens wusste er, dass auch das ihm nicht auf der Seele lag. Emilia war nun gut versorgt. Bis an das Lebensende konnte sie kostenfrei in seinem Haus in Devonshire wohnen und zudem hatte er sich mit einer kleinen Leibrente abgesichert. Er wandte sich vom Fenster ab und stellte sich an den Kamin, der des Nachts noch angeheizt wurde, denn die Nächte waren noch kalt. „Isabelle", murmelte er plötzlich und das Herz wurde ihm schwer. Er hatte den Grund für seinen Kummer gefunden.

Sie sah krank aus und war mager geworden. Und nun kannte er auf die Ursache dafür. Wieder einmal war ihre schreckliche Mutter weit über das Ziel hinausgeschossen. Brandon Williams schüttelte den Kopf und überlegte erneut, wie sein Freund Arthur das all die Jahre aushalten konnte. Doch vielleicht hatte sein Freund einfach stärkere Nerven, denn Brandon war sich sicher, es niemals so lange ertragen zu können. Aber vielleicht hatte sich Arthur Stafford auch einfach mit der Situation abgefunden. Was blieb ihm auch sonst für eine Wahl?

Seine Gedanken wanderten zurück zu der jungen Frau, die noch immer sein Herz beherrschte. Ihre geplante Geburtstagsfeier wäre ein Viehmarkt hatte Isabelle gesagt und auch wenn ihr Ausbruch nicht angebracht gewesen war, so war er durchaus nachvollziehbar und sie hatte den wohl treffendsten Ausdruck dafür benutzt. Er nahm es ihr nicht übel. Sie hatte einfach einmal aussprechen müssen, was sie so sehr bedrückte.

Nur zu gern wäre er ihr Retter gewesen, wäre sofort losgestürmt, um bei Arthur Stafford ein drittes Mal vorstellig zu werden. Doch erstens hatte er nicht das Gefühl, sonderlich viel Boden bei ihr gut gemacht zu haben, und zweitens stand sein Stolz im Wege. Immerhin hatte er sich nicht ohne Grund zurückgezogen.

Eine Gänsehaut wanderte über seinen Rücken, als er an Scott Webster dachte. Wäre der schreckliche junge Mann nicht gewesen, würde sein und Isabelles Leben nun vielleicht ganz anders verlaufen. Jedoch erinnerte Webster ihn auch wieder daran, dass er selbst nicht einmal zweite Wahl für Isabelle gewesen war und das traf ihn wieder einmal unvermindert hart. Härter sogar, als er es vor sich selbst zugeben wollte.

Unbehaglich schüttelte Brandon sich. Er sollte diese Gedanken endlich aus seinem Hirn vertreiben, denn sie brachten ihn nicht weiter, führten ihn nicht an ein glückliches Ende. Denn alles was geschehen war, zeigte ihm nur deutlich, dass er sich kein drittes Mal überwinden würde. Jedenfalls nicht ohne sicher zu wissen, dass Isabelles Meinung sich diesbezüglich geändert hatte. Doch das würde kaum geschehen.

„Ich weiß zwar nicht, was sie von ihrem Leben erwartet oder wen genau sie sich erwünscht, aber ich bin es nicht", murmelte er tonlos. Mit hängenden Schultern setzte er sich auf einen Sessel und starrte ins Leere. Nein, egal wie er es drehte und wendete, er würde sich damit abfinden müssen, niemals ein Teil ihres Lebens zu sein.

 

                                                                                            *~*~*

 

Arthur Reuben Stafford hatte die Nase gestrichen voll. Ständig beschwerte seine Frau sich, ihre Tochter würde sich nicht angemessen ihr gegenüber verhalten. „Sie geht mir aus dem Weg und wenn ich sie doch erwische, dann schaut sie mich mit einem Ausdruck an, als wäre ich Luft. Als guter Ehemann ist es deine Pflicht, sie zur Ordnung zu rufen und ihr gehörig die Leviten zu lesen!"

Aber seine Pflicht war es auch, seine Tochter vor den Marotten seiner ihm angetrauten Ehefrau zu schützen und er konnte in dem Verhalten seiner Tochter keinen Fehler entdecken. Isabelle war nach wie vor ausgesprochen höflich wenn sie mit ihrer Mutter sprach. Jedenfalls in seiner Gegenwart. Zudem konnte er ihr nur allzu gut nachfühlen. Wie bei eigentlich jeder Gelegenheit hatte Olivia den Bogen überspannt, es zu weit getrieben. Doch diese ganze unselige Angelegenheit ging ihm auf die Nerven und so langsam glaubte er, selbst eine furchtbare Migräne zu entwickeln, denn das Hämmern in seinem Schädel wollte und wollte nicht nachlassen.

Er konnte und wollte von diesem Thema nichts mehr hören und die Frauen seiner Familie konnten ihm gestohlen bleiben. Im Stillen bezog er sogar seine ältere Tochter, Katie, mit ein, auch wenn sie beim besten Willen keinerlei Schuld trug. Und doch wäre er erleichtert gewesen, keine von ihnen sehen zu müssen. Jedenfalls für eine Woche!

Gerade im Moment versteckte er sich förmlich in seinem Arbeitszimmer, denn das war der einzige Ort an dem er seine Ruhe hatte. Weder seine jüngere Tochter noch seine Frau wagten es sich, ihn hier ungefragt aufzusuchen und sein Blick wanderte zu dem kleinen Kanapee, dass sich neben dem Kamin an die Wand schmiegte. Nur leider war es viel zu kurz, um als Schlafstätte zu dienen. „Man kann halt nicht alles haben", murmelte er und entschied, lieber nach draußen in die Dunkelheit zu blicken.

Vielleicht brachte die Ruhe draußen auch seinen Kopf zur Räson. Arthur lehnte sich vor, stellte die Handflächen auf der Fensterbank ab und lehnte seine Stirn gegen das kühle Glas. Einen Moment sah er nichts, denn seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit draußen gewöhnen. Dann erkannte er seine Tochter, die unweit seines Arbeitszimmers auf einer Gartenbank saß. Das Mondlicht erhellte ihr Gesicht und er sah, dass sie lächelte.

Einen langen Augenblick überlegte er, was er an diesem Anblick so verwunderlich fand. Dann fiel es ihm ein. „Sie hat seit Wochen nicht gelächelt. Was wohl geschehen ist?" Und weil er vor Neugierde fast platzte, verließ er die Sicherheit seines Arbeitszimmers und beeilte sich, in den Garten zu gelangen.

Teil 10

Der Schlaf wollte nicht kommen, wie allzu oft in der vergangenen Zeit. Isabelles Kopf arbeitete unermüdlich, ließ sich nicht abstellen und wieder und wieder drehten sich ihre Gedanken um immer das gleiche Thema. Nur in dieser Nacht nicht. Brandon Williams huschte oft vor ihr geistiges Auge, ebenso wie ihr Vater und sein erschrecktes Gesicht. Ein flüchtiges, fast trauriges Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und sie erinnerte sich wieder daran, dass es ein Lächeln gewesen war, das ihren Vater am Abend in den Garten getrieben hatte.

Ganz aufgeregt war er zu ihr in den kleinen Park gelaufen, hatte sie förmlich angestrahlt und sich zu ihr auf die Bank gesetzt. Vielleicht hatte er gehofft, dass seine Tochter sich nun mit der Angelegenheit abgefunden hatte, doch da Isabelle das verneint hatte, hatte er die Stirn gerunzelt und sie ausgefragt. Eigentlich war es nicht seine Art jemanden zu bedrängen, doch an seiner Stimme war zu hören gewesen, wie sehr er sich sorgte.

Bis weit nach Mitternacht hatten sie miteinander gesprochen und obwohl Arthur Stafford eigentlich kein Wort mehr über die lästige Angelegenheit hören wollte, hatte er doch stumm zugehört. Als Isabelle jedoch von Brandon Williams und seiner Tante erzählte, hatte er sich aufgesetzt und sie angesehen. „Du hast mir bisher nichts darüber gesagt", murmelte er entsetzt. „Überhaupt hast du nicht viel davon erzählt, was alles geschehen ist, als du bei deiner Schwester warst."

Entschuldigend hatte Isabelle ihn angesehen und ein Schulterzucken angedeutet. „Irgendwie ist das alles untergegangen." Dann hatte sie zum Mond hinaufgesehen und geseufzt. „Vielleicht hätte ich länger bei Katie bleiben sollen. Doch das hätte das Unvermeidliche nur hinausgezögert." Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu. „Hast du eigentlich gewusst, dass Williams sein Haus des Öfteren durch seinen Park verlässt? Ich habe mich sehr darüber gewundert. Gerade, wo er doch so großen Wert auf die öffentliche Meinung hält."

„Sicher", hatte ihr Vater genickt. „Brandon mag kein großes Aufheben um seine Person. Ihm ist das ganze Gerede zuwider und deswegen hält er sich bedeckt, was seine Angelegenheiten oder Reisen anbelangt."

Fassungslos hatte sie ihn angesehen. „Warum hast du mir das nie erzählt?"

„Warum hätte ich sollen?", hatte ihr Vater mit einer Gegenfrage gekontert.

„Weil ich ihn dann vielleicht nicht für ganz so langweilig und öde gehalten hätte", hatte Isabelle gemurmelt.

„Hätte das was geändert?"

Nach einer Weile hatte Isabelle den Kopf geschüttelt. „Vermutlich nicht."

Beide waren in Schweigen verfallen, hatten die Ruhe und die Stille des Gartens genossen. Doch dann hatte Arthur Stafford sich vorgelehnt. „Warum interessiert dich Brandon plötzlich so brennend?" Und da seine Tochter nicht geantwortet hatte, hatte er spekuliert. „Nun erzähl mir nicht, du findest jetzt doch Gefallen an ihm!"

Isabelle hatte die Röte auf ihrem Gesicht gespürt, verschämt auf ihre Füße geblickt und mit den Schuhen im Sandboden gescharrt. „Er ist ein sehr… netter und interessanter Mann. Ich hatte Dank Katie die Gelegenheit ihn etwas näher kennenzulernen und Dinge an ihm entdeckt, die ich nie vermutet hatte."

Arthur Reuben Stafford hatte herzergreifend geseufzt und sich zurückfallen lassen. „Das darf ja wohl nicht wahr sein", hatte er geschimpft. „Verflixt, Isabelle. Dieses ganze Theater hätten wir uns ersparen können. Ich hoffe, das ist dir bewusst!" Ein weiterer, tiefer Seufzer war seinen Lippen entkommen, als er sich wieder aufsetzte und seiner Tochter die Hand auf die Schulter legte. „Dir ist sicher bewusst, dass ich nicht einfach zu ihm gehen kann. Wie auch? Was sollte ich sagen? Er würde es für einen Versuch halten, ihn an die Leine zu legen. Das kann ich beim besten Willen nicht machen. Außerdem hat er das nicht verdient. Nicht nach Scott Webster."

Wieder war Isabelle rot geworden. „Ich weiß", hatte sie so leise gemurmelt, dass ihr Vater sie kaum verstehen konnte.

„Liebst du… hast du dich in ihn verliebt?", hatte ihr Vater unerbittlich weiter gebohrt. „Hast du ernsthafte Gefühle für ihn entwickelt oder ist es nur ein Versuch, dich vor der unsäglichen Geburtstagsfeier und ihren Folgen zu drücken? Ist Williams für dich nur das kleinere Übel?"

Peinlich berührt hatte Isabelle wieder auf den Boden gesehen. Es war gar nicht so einfach, dieses Thema mit ihrem Vater zu erörtern. Vor allem, da sie selbst erst heute begriffen hatte, was in ihrem Gefühlschaos im Vordergrund stand. „Was, wenn ich mich wirklich verliebt hätte?", hatte sie schließlich gefragt und ihren Vater unsicher angesehen. „Was, wenn ich mich getäuscht habe und Brandon Williams…"

„Liebst du ihn?", hatte ihr Vater sie fast rüde unterbrochen. Er war das ewige Palaver satt und wollte Klartext reden.

„Ja", hatte Isabelle gehaucht und sich rasch abgewandt. „Ich denke schon." Was sollte sie auch sagen, wo sie es doch heute erst wirklich begriffen hatte? Die ganze vergangene Zeit hatte sie gedacht, Emilia Conelly und er wären verlobt und der Gedanke hatte ihr nicht gefallen. Doch nachdem sie von Brandon erfahren hatte, dass sie seine Tante war, hatte ihr Herz gehüpft und schon aus dem Grund war sie praktisch vor ihm geflüchtet. Er hatte es ihr nicht ansehen sollen.

„Oh mein Gott", hatte Arthur Stafford fassungslos gemeint und war aufgestanden. Unruhig war er ein paar Schritte hin und her gelaufen. „Dann mein liebes Kind… kann ich dir nicht helfen. Ich wüsste auch nicht wie." Er war sich über die Stirn gefahren und hatte den Kopf geschüttelt. „Das Problem wirst du alleine lösen müssen, obwohl mir auch da nicht einfällt, wie das funktionieren soll. Entweder also, du schaffst es irgendwie, Brandon Williams von deiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, oder du musst in den sauren Apfel beißen, den deine Mutter dir anbietet." Eine lange Weile hatte er sie stumm angesehen. „Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück dabei."

Und Glück, dachte Isabelle nun in der Stille ihres Zimmers, konnte sie gebrauchen. Wieder einmal drehte sie sich in ihrem bereits zerwühlten Bett herum, lehnte den Kopf auf ihren Oberarm und starrte aus dem Fenster nach draußen in den sternenklaren Nachthimmel. Wie bitte sollte sie das anstellen? Wie sollte sie Brandon Williams mitteilen, dass sie sich schrecklich geirrt hatte? Das er genau der Mann war, den sie sich in ihrem Leben wünschte? Wie sollte sie überhaupt mit ihm reden, wenn die Etikette es nicht zuließ? Auf einem Ball bei einem Tanz? Nebenbei? Als gäbe es nichts Belangloseres?

„Ein Ding der Unmöglichkeit", murmelte sie traurig. „Aber das kannst du nur dir selbst anlasten." Ein leises Seufzen entkam ihren Lippen und sie warf sich zurück auf den Rücken und starrte an die Decke ihres Zimmers. Ihr Vater hatte absolut Recht. Es gab kein Zurück mehr, denn Williams würde, egal was sie ihm nun auch sagen würde, denken, sie würde nun doch lieber ihn wählen anstatt einen der jungen Männer, die ihre Mutter zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Isabelle. Isabelle! Kommst du jetzt endlich? Wir warten bereits geschlagene zehn Minuten auf dich!" Ungehalten stampfte Olivia Stafford mit dem Fuß auf. Sie stand am unteren Ende der Treppe in der Halle ihres Hauses und warf wieder und wieder ungeduldige Blicke nach oben. „Isabelle!"

Eine weitere Minute verstrich, dann eilte Isabelle mit gerafften Röcken die Treppe hinab. Unten angekommen knickste sie tief vor ihrer Mutter ein. „Entschuldige vielmals. Ich wollte dich nicht verärgern." Dann lief sie auf ihren Vater zu und ließ sich bereitwillig von ihm zur schon bereitstehenden Kutsch führen.

„Du strahlst über das ganze Gesicht", flüsterte er ihr zu und sein Gesicht zierte ebenfalls ein breites Grinsen. „Liegt es daran, dass Williams sein Kommen zum Tanz zugesagt hat?"

„Möglicherweise", erwiderte Isabelle leise und verstummte sicherheitshalber, als auch ihre Mutter in den offenen Wagen stieg. Isabelle hatte sich extra besonders hübsch ausstaffiert und konnte nur hoffen, dass es Brandon Williams auffiel. Doch ihre Gedanken wanderten in eine andere Richtung, als ihre Mutter sich neben sie setzte und mit einem finsteren Blick bedachte.

„Ich hatte in Erinnerung, wir hätten abgesprochen, dass das neue Kleid für deine Geburtstagsfeier sein soll", murrte sie und verzog das Gesicht. „Dein Schrank platzt aus allen Nähten. Du hättest sicherlich auch ein anderes finden können."

„Nun lass sie doch", mischte sich ihr Vater ein und Isabelle warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Mit den verschiedenen Bändern, Bommeln, Schleifen, Spitzen und sonstigem Schnickschnack, von dem ich Gott sei Dank keine Ahnung habe, wird es an ihrem Geburtstag wie ein neues aussehen."

„Wenn du meinst", moserte Olivia Stafford weiter. Es war ihr ein Dorn im Auge, das ihr Mann immer seine Tochter in Schutz nahm. Doch das hatte sie bereits sooft bemängelt, dass es keiner Wiederholung mehr bedurfte. „Aber ich hatte mehrfach betont, dass das Kleid…." Sie verstummte und ein missmutiger Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht. „Warum versuche ich es eigentlich? Ihr beide haltet doch wie Pech und Schwefel zusammen."

„Aber nicht doch, Liebste", sagte Arthur Stafford schnell und lehnte sich vor, um die Hand seiner Frau zu nehmen. Derlei Aussprüche kannte er nur zu gut und sie konnten rasch in einem vollkommenen Debakel enden. Oder mit einer Migräne seiner Frau, die dann wieder für Tage in ihrem Bett liegen und jammern würde. „Ich kenne nur deine hervorragenden Fähigkeiten, selbst getragene Kleider wie neu erscheinen zu lassen. Du bist eine wahre Meisterin darin!"

Etwas unsicher sah Olivia ihren Mann an. Dann schüttelte sie den Kopf und seufzte. „Ganz wie du meinst", meinte sie. Doch am Klang ihrer Stimme war abzulesen, dass sie nicht mehr ganz so verstimmt war. „Ich werde mir einfach etwas einfallen lassen. Vielleicht eine neue Spitze am Kragen und an den Ärmeln. Sie zupfte an Isabelle herum und Isabelle war klug genug, nichts darauf zu erwidern.

„Ob die Cuthberts auch kommen?", versuchte es Arthur Stafford mit einer weiteren Ablenkung. „Sie haben ja gerade erst das Haus ihres Onkels übernommen. Der arme Jonathan. Es hätte wohl niemand damit gerechnet, dass er einfach tot vom Pferd kippt." Er köderte seine Frau und lächelte verhalten, als sie darauf einging.

„Hätte er eben nicht so viel trinken müssen." Abschätzig schüttelte sie den Kopf. „Hollingsworth hat ständig einen über den Durst getrunken, das weißt du nur zu genau, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es ein böses Ende mit ihm nahm. Und doch, die Cuthberts können sich glücklich schätzen, ein solch gutes Haus geerbt zu haben. Ich habe gehört, ihr eigenes sei mehr als bescheiden gewesen. Kaum platz genug für die sieben Kinder." Sie verscheuchte eine Fliege, die es gewagt hatte, es sich auf ihrem Knie gemütlich zu machen. „Ob sie sich allerdings hier einfinden werden, wage ich zu bezweifeln. Sie kommen ja aus der Stadt und finden das Landleben bestimmt fade."

„Wer weiß, wer weiß", meinte Arthur und lächelte milde. „Hin und wieder ist es auch hier ganz interessant." Er sah seine Tochter an und der Schalk leuchtete in seinen Augen auf. „Oder was sagst du dazu? Hier geschehen doch hin und wieder recht eigentümliche Dinge und man muss sich wundern."

„Nun…", murmelte Isabelle verlegen und blickte rasch zur Seite. Sie wusste sehr genau, worauf ihr Vater anspielte, doch eine Antwort blieb ihr erspart, denn die Kutsche langte an der Wiese an, auf der die alljährliche Maifeier stattfinden sollte.

In der Mitte des recht großen Areals stand bereits der Maibaum, ein fünf Meter langer, dicker, weiß gestrichener Stab, von dessen aufwendig geschmückter Krone bunte Bänder herabhingen. Tische und Stühle waren aufgebaut worden, ebenso wie ein reichliches Buffet, das allerdings im Schatten unter den Bäumen stand. Reges Treiben herrschte und Isabelle nahm die Hand des Kutschers, die er ihr hilfreich entgegenstreckte. Sie stieg aus und sah sich aufmerksam um.

„Nun lauf schon", raunte ihr Vater ihr zu und half dann seinerseits seiner Frau beim Aussteigen.

Doch Isabelle blieb wo sie war. Es war keine gute Idee, ihre Mutter jetzt schon zu verärgern, denn eine weitere Szene konnte sie nicht gebrauchen. Also wartete sie. Doch das Glück stand auf ihrer Seite. Zumindest kurzfristig. Denn wie ihr Vater schon spekuliert hatte, waren die Cuthberts mit samt ihren Kindern anwesend und Olivia steuerte direkt auf das Grüppchen zu, das sich um die hilflos wirkende Familie gebildet hatte. Neue Mitbewohner wurden besonders eingehend unter die Lupe genommen, doch jedenfalls blieb es ihnen erspart, ihre Herkunft nachzuweisen. Dank des ständig betrunkenen Onkels, der sie in sein Testament eingetragen hatte.

„Deine Mutter ist erst einmal beschäftig", sagte Arthur Stafford und lächelte Isabelle wohlwollend zu. „Du hast also freie Hand."

„Ich bin ehrlich gesagt ein wenig überfordert", gestand sie leise, denn ihr Vater schien Wunder von ihr zu verlangen. „Ich weiß nicht, was du von mir erwartest. Doch scheint Williams noch nicht da zu sein und…"

„Isabelle", unterbrach ihr Vater sie leise. „Ich erwarte gar nichts von dir. Schon gar keine fast aussichtslosen Dinge. Ich bin im Grunde nur froh, dass du wieder ein wenig mehr wie du bist, wenn du verstehst, worauf ich hinaus will. Du scheinst deiner alten Form wieder nahe zu kommen. Du vergräbst dich nicht mehr und kämpfst auf deine Art gegen das Schicksal an. Und das ist es, was mich freut. Alles andere… wird die Zeit zeigen. Aber nun lauf. Georgia scheint dich schon zu erwarten."

 

                                                                                             *~*~*

 

Leicht erhitzt tanzte Isabelle mit einem der bunten Bänder um den Maibaum herum, bester Laune und mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und zum ersten Mal seit langer Zeit vergaß sie all ihre Sorgen.

Das verdankte sie allen Anwesenden, denn alle schienen bester Laune zu sein und das wunderschöne Wetter zu genießen, auf das sie in diesem Jahr so lange hatten warten müssen. Auch Georgia Codrington hatte auf ihre Weise dazu beigetragen. Zum einen wusste sie zu berichten, dass es Scarlett gut erging und sie sich gut eingelebt hatte, zum anderen hatte sie mit Neuigkeiten aufgewartet. Auch sie würde bald in den Stand der Ehe treten. Ein junger Vikar aus dem Nachbarort war auf einer Veranstaltung auf sie aufmerksam geworden und hatte ihr den Hof gemacht.

„Er ist zwar nicht wie Brandon Williams und sieht lange nicht so gut aus", hatte Georgia geseufzt, „aber er ist ein anständiger Mann und ich kann mich glücklich schätzen."

Isabelle hatte die junge Frau in die Arme gezogen und ihr gratuliert, auch wenn ihre Freundin nicht wirklich glücklich ausgesehen hatte. Doch vielleicht war es gut, dass sie sich Brandon Williams aus dem Kopf geschlagen hatte, denn der hätte niemals Gefallen an der armen Georgia gefunden.

Doch selbst das hatte Isabelle vergessen, als der wilde und ausgelassene Tanz um den Baum begann. Im Grunde war es kaum ein Tanz, eher ein wirrer Lauf, und doch schien er all ihre Lebensgeister wieder zu wecken. Beschwingt ließ sie sich von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft im Kreis drehen und landete nur Sekunden später ausgerechnet in Brandon Williams Armen.

„Oh", entfuhr es ihr, doch sie strahlte ihn an. „Ich habe Ihr Kommen gar nicht bemerkt."

„Ich bin auch noch nicht lange da", erwiderte er und schaute sie verwirrt an. „Allerdings war ich dumm genug, mich gleich zu diesem Spektakel hier überreden zu lassen", sagte er, während er und Isabelle weiter um den Baum tanzten.

„Ich finde es großartig, dass Sie Sich dazu haben hinreißen lassen", erwiderte sie außer Atem und warf ihm einen Blick zu, den er nicht deuten konnte. Doch dann war die Runde vollendet und er musste sie an den nächsten jungen Mann abgeben.

Brandon Williams verließ den Reigen der Tanzenden so schnell es ihm möglich war. Er eilte auf den Stand zu, an dem Punsch angeboten wurde, schnappte sich einen und stellte sich etwas abseits, um in Ruhe alles beobachten zu können. Er hatte zwar erwartet, Isabelle und ihre Familie hier anzutreffen, nicht aber damit, sie bester Laune zu sehen. Verwundert und ein wenig unsicher betrachtete er sie von Ferne. Hatte sich etwa in so kurzer Zeit ein Bewerber gefunden, dem sie offensichtlich zugetan war?

Eifersucht brodelte in ihm auf, bäumte sich in seinem Inneren auf, doch dann fing er einen Blick von ihr auf, der ganz eindeutig ihm gegolten hatte. Und sie hatte ihn angelächelt, mehr noch, ihr strahlendstes, umwerfendes Lächeln auf den Lippen gehabt. Sein Herz machte einen Sprung, doch dann rief er sich rasch zur Ordnung. ‚Du meine Güte, beherrsche dich, Brandon. Bloß weil sie einmal lächelt, heißt das nicht…. Es bedeutet gar nichts. Sehr wahrscheinlich bist nicht du der Grund dafür!’

Aber ob er nun wollte oder nicht, ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus und er ließ seine Blicke weiter über die Menge schweifen, bis er fand, wonach er suchte. Arthur Stafford stand etwas abseits und unterhielt sich mit dem Neuankömmling Thomas Cuthbert, der ganz offensichtlich erleichtert war, dem Trubel um seine Person entkommen zu sein.

„Gut", murmelte Brandon Williams tonlos. „Dann brauche ich jedenfalls keinen Grund, um mit ihm ins Gespräch zu kommen." Er verließ seinen Platz und steuerte auf seinen Freund zu. Er musste einfach wissen, warum Isabelles Laune eine Kehrtwende gemacht hatte. Auch wenn ihm die Antwort darauf gewiss nicht gefallen würde.

Teil 11

Die Flasche Whiskey auf seinem Schreibtisch leerte sich mehr und mehr, wie Brandon Williams bekümmert feststellte, und zudem bemerkte er, dass sein Kopf sich langsam zu drehen begann. Unwirsch brummte er ein paar unverständliche Worte und ärgerte sich über sich selbst. Gewöhnlich trank er, wenn überhaupt, nur sehr wenig Alkohol. Er hasste es, nicht mehr der Herr seines Denkens, seines Seins zu sein. Doch in dieser Nacht konnte nicht einmal das ihn abhalten und so goss er sich ein weiteres Glas der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ein.

„Isabelle", murmelte er leise, hob das Glas an seine Lippen und trank es in einem Zug leer. Dann stellte er es mit unsicherer Hand zurück auf seinen Schreibtisch und stand auf. Mit leicht wackeligen Beinen lief er hinüber zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus.

Das Gespräch mit ihrem Vater hatte sich als schwieriger erwiesen, als er vermutet hatte. Doch was hatte er tun sollen? Arthur direkt darauf ansprechen, warum seine Tochter gute Laune hatte? Da es ihn im Grunde nichts anging und es so gar nicht der Etikette entsprach, hatte er sich zurückhalten müssen. Trotz der stetig wachsenden Unruhe, die ihn wie Feuer durchströmt hatte. Und Arthur Stafford hatte nichts getan, um ihn zu beruhigen.

Doch das konnte er seinem Freund nicht anlasten, denn Arthur wusste nichts von seinem Kummer. Brandon Williams schwankte leicht und beeilte sich, schwankenden Schrittes zurück zu seinem Schreibtisch zu tapsen. Er setzte sich und schob die Flasche weit von sich. Mehr würde er nicht trinken, es war auch so bereits mehr als genug. Wieder wanderten seine Gedanken zurück zu dem Fest am heutigen Nachmittag.

„Warum kann ich mich nicht einfach damit abfinden?", murmelte er und warf der Flasche einen raschen Blick zu. Dann schüttelte er missmutig den Kopf. Nein, es war genug und wenn er nur noch einen Schluck mehr trinken würde, würde sein Denken vollkommen aussetzen und das wollte er nicht. „Warum will ich nicht verstehen, dass Isabelle niemals an mir interessiert sein wird?", überlegte er laut.

Dabei war ihr Lächeln das Schönste gewesen, was er je in seinem Leben gesehen hatte. Und sie hatte es ihm geschenkt, dessen war er sich mittlerweile absolut sicher. Nun, im Grunde hoffte er es einfach, doch es war angenehmer, es sich als Geschenk vorzustellen. Ihr ebenholzfarbenes Haar hatte im Sonnenlicht gefunkelt, als würden Sterne darin tanzen und ihre Augen… ihre wunderschönen grünen Augen hatten die seinen getroffen und….

„Sie wird niemals mir gehören", schimpfte er müde. „Wie auch? Ich habe mir geschworen, ihr nicht weiterhin den Hof zu machen und ganz sicher werde ich mich nicht zum Affen machen und noch einmal bei Arthur vorstellig werden."

Und Isabelle? Selbst wenn sie es denn wollte… was schon mehr als unglaubwürdig war, könnte sich nicht an ihn wenden. Dazu hatte sie eine zu gute Erziehung genossen. „Eine Frau ihres Standes kann nicht einfach… einfach…." Müde fiel sein Kopf nach vorne, doch Brandon Williams bemerkte es nicht einmal, denn er schlief schon tief und fest, als seine Stirn die Tischplatte traf.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Die Cuthberts laden zur Gartenparty ein", entrüstete sich Olivia Stafford wenige Tage nach dem Maifest beim Frühstück.

Arthur, der ihr am gedeckten Tisch gegenüber saß, sah seine Frau an und wusste, dass nur ein empörtes „Wie können Sie Sich das wagen!" fehlte. Seine Frau plante seit Monaten ein perfektes Fest und sie wollte, dass es etwas Besonderes wurde. Kein billiger Abklatsch einer vorherigen Feier.

„Bestimmt haben sie sich nichts Böses dabei gedacht", versuchte er sie zu beruhigen. „Sie versuchen nur, sich in unsere Gemeinschaft einzugliedern. Und das können wir ihnen kaum verwehren." Er machte eine Pause und überlegte, ob und wie er weitersprechen sollte. „Soweit ich mich erinnere, waren deine Einladungen längst vor ihrem Einzug verschickt und sie wissen vermutlich gar nicht, dass du ebenfalls ein Gartenfest zum Geburtstag unserer Tochter planst. Oder hattest du daran gedacht, sie nachträglich einzuladen?"

Unwirsch sah sie auf und verzog das Gesicht. Sie hatte tatsächlich nicht daran gedacht, ihre neuen Nachbarn einzuladen, war aber nicht bereit, sich deswegen die Schuld an diesem Dilemma geben zu lassen. „Dennoch", schimpfte sie. „Ich bin mir sich, dass diese schreckliche Frau beim Maifest davon gehört hat. Immerhin bin ich des Öfteren darauf angesprochen worden und sie stand in unmittelbarer Nähe zu mir."

Schweigend nahm Arthur sich eine weitere Scheibe Toast und bestrich sie mit Marmelade. Er würde bestimmt nicht weiter darauf herumreiten, auch wenn alles in ihm danach rief, die ihm unbekannte Frau Cuthbert zu schützen. Das ganze Dorf, alles was Rang und Namen hatte, war an diesem Nachmittag auf sie losgestürmt und hatte sie bedrängt. Gewiss konnte die arme Frau sich glücklich schätzen, wenn sie sich auch nur an einen der Namen ihrer neuen Nachbarn erinnerte. „Mach dir nichts daraus, Liebes. Ich bin mir absolut sicher, dass kein Fest deine Planung übertreffen kann. Es wird perfekt werden. Wie alles, was du anfasst."

„Wenn es nur so wäre", sagte Olivia Stafford, ließ das Schreiben sinken und fasste sich mit der anderen Hand an die Stirn. „Ich kann schon die Kopfschmerzen spüren. Sie werden mich um Tage zurückwerfen, dabei kann ich mir keine Verzögerung mehr leisten."

Wieder schwieg Arthur Stafford. In den langen Jahren seiner Ehe hatte er gelernt, wann er sich lieber zurückhalten sollte. Erst nach einer Weile sah er auf. „Du hast mir gar nicht erzählt, wer alles seine Zusage geschickt hat. Im Grunde weiß ich nicht einmal, wie viele Gäste überhaupt ihr Kommen angekündigt haben und vor allem, was der Spaß mich endeffektlich kosten wird."

„Hier aus unserer Gegend alle", sagte sie mit einer weit ausholenden Bewegung und ignorierte die versteckte Frage nach den Kosten. „Selbst Brandon Williams hat mir seine Zusage geschickt und das hat mich ein wenig verwundert. Vor allem, wo Isabelle ihm so vor den Kopf gestoßen hat. Ich hatte erwartet, er würde andere, früher getroffene Verabredungen vorschieben. Doch er bleibt ein Ehrenmann" Sie seufzte schwer. „Er ist zu gut erzogen, um sich etwas anmerken zu lassen. Außerdem sieht er dich als seinen Freund an." Sie runzelte die Stirn. „Isabelle hätte wirklich…"

„Lassen wir dieses Thema, es regt dich nur auf", unterbrach Arthur Stafford schnell und versuchte es mit einem versöhnlichen Lächeln. „So weit ich weiß, hast du doch auch deine alten Freundinnen eingeladen. Und eine Menge mehr mir unbekannter Menschen. Mich würde schon interessieren, wer sich noch unter den Gästen befindet. Wie ich euch Frauen kenne, habt ihr zwar längst alle passablen jungen Männer ausgiebig erörtert. Doch mir wäre es sehr recht, selbst ein Wort dazu sagen zu können."

„Ich weiß sehr wohl, worauf das hinaus läuft", erwiderte seine Frau heftig. „Aber du kannst wahrlich froh sein, dass ich in dieser Richtung etwas unternehme. Unsere Tochter wird in wenigen Wochen volljährig und es wird dringend Zeit, dass wir einen guten Ehemann für sie finden."

„Das bestreite ich auch nicht", beruhigte er seine Frau. „Dennoch wäre mir lieb, ich wüsste, wer genau diese jungen Männer sind. Immerhin kannst du es mir nicht verwehren, Auskünfte über sie einholen zu wollen. Denn auch du kannst nicht wollen, dass Isabelle an einen Mann gerät, der zwar große Reden schwingen, sie aber nicht versorgen kann."

Olivia Stafford stand auf und sah ihren Mann wütend an. „Natürlich nicht. Ich werde dir eine Liste machen und sie dir schon heute Mittag überreichen. Bist du dann zufrieden?"

„Sicher", nickte Arthur Stafford und konnte es sich nicht verkneifen seiner davon rauschenden Frau noch ein „ich danke dir" hinterher zu werfen. Dann lehnte er sich zurück und rührte in seinem Kaffee. „Ich hasse dieses Spektakel jetzt schon", murrte er und wünschte, er könnte seinen Frust einmal mit einem Mann besprechen. Nicht nur mit hysterischen Frauen, die alle sich alle im Recht fühlten. „Dabei ist keiner der bewussten Damen eingefallen, dass ein simples nein alles über den Haufen wirft!"

Denn offenbar waren bisher weder seiner Frau noch seine Tochter auf den Gedanken gekommen, dass Isabelle einfach jeden möglichen Bewerber ablehnen konnte. Und das ohne jede Begründung. Sicher, Olivia würde vor Wut schier platzen und auch Isabelle musste sich früher oder später damit abfinden, vielleicht einen Mann zu heiraten, der nicht ganz ihren Wünschen entsprach. „Aber Himmel Herrgott noch eins! Sie wird erst einundzwanzig. Sie hat doch noch alle Zeit der Welt und vielleicht schafft sie doch das Unmögliche, und kann Williams von ihrer Aufrichtigkeit überzeugen!"

Einen Augenblick überlegte er, ob er eine weitere Tasse Kaffee trinken soll, dann entschied er sich dagegen und stand auf. Womöglich sollte er einmal mit seiner Tochter sprechen, die heute schon so zeitig aufgestanden, dass er sie nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte. An der Tür angekommen blieb er unvermittelt stehen und starrte Sekunden lang ins Leere. Dann erhellte sich sein Gesicht und plötzlich wusste er, was er zu tun hatte.

 

                                                                                            *~*~*

 

„Ah, Williams", sagte Arthur, nachdem sein Freund einige Abende später zu ihm ins Arbeitszimmer geführt wurde, eilte auf ihn zu und schüttelte ihm herzhaft die Hand. „Wie gut, dass Sie ein wenig Zeit für mich erübrigen können. Setzen Sie Sich", meinte er und deutete auf einen der bequemen Sessel vor seinem massiven Schreibtisch, hinter dem er sich sogleich niederließ. „Ich war mir nicht sicher, ob Sie meine Nachricht erhalten, denn Sie hatten mir ja mitgeteilt, dass Sie für ein paar Tage verreisen wollten."

„Ich bin bereits gestern zurückgekommen", sagte Brandon und setzte sich seinem Freund gegenüber. „Meine Angelegenheiten ließen sich schneller regeln, als ich erwartet hatte. Doch genug von mir. Wie laufen die Geschäfte?"

„Gut, sehr gut, dank Ihrer Unterstützung. Ich kann Ihnen gar nicht oft genug dafür danken, dass Sie mich bei dieser Angelegenheit mit ins Boot geholt haben. Ich habe ein paar recht anständige Gewinne erwirtschaftet. Doch", er verzog das Gesicht, „die kann ich momentan auch gut gebrauchen." Arthur Stafford seufzte vernehmlich und sein Blick verschwamm einen Augenblick.

„Ist alles in Ordnung?", erkundigte sich Brandon Williams vorsichtig. Er wusste, sein Freund war nicht unbedingt in finanziellen Nöten, doch als wohlhabend konnte man die Familie auch nicht betrachten. Nicht mehr jedenfalls, denn sowohl Arthurs Vater als auch Großvater hatten nicht mit Geld umgehen können und viel von dem einstigen Vermögen verloren.

„Wie? Oh, ja, selbstverständlich. Entschuldigen Sie meine geistige Abwesenheit, mein Freund. Ich musste nur gerade an dieses… Gartenfest denken, dass meine Frau seit Monaten plant. Ganz offensichtlich wird es jeglichen Rahmen sprengen und… nun, das soll nicht Ihre Sorge sein."

„Gewiss wird es ganz außergewöhnlich", beeilte sich Brandon Williams zu sagen, denn ihm war bewusst, sein Freund wollte nicht klagen. Nur spukten offenbar eine Menge Sorgen in seinem Kopf herum und er konnte ihm nicht verübeln, dass er sie vielleicht einmal aussprechen musste. „Isabelles Volljährigkeit ist auch ein guter Grund, um ausgiebig zu feiern."

Arthur lehnte sich zurück und sein Gesicht zeigte einen ernsten Ausdruck. „Ich muss mich entschuldigen, aber ich weiß, dass Ihnen durchaus bewusst ist, worum es bei dieser Party wirklich geht. Isabelle hat mir erzählt, dass sie Sie vor einiger Zeit getroffen hat und es sie schämt sich sehr dafür, Sie in eine Situation gebracht zu haben, die nicht angemessen war. Sie bedauert es sehr und hofft, Sie nicht zu sehr brüskiert zu haben."

„Nein, nein", wiegelte Brandon ab und schüttelte den Kopf. „Nun, ich muss gestehen, ich war etwas überrascht, denn gewöhnlich hat sie sich und ihre Gefühle gut unter Kontrolle. Doch ich habe es ihr nicht eine Sekunde übel genommen. Sie scheint es nicht besonders leicht mit … ihrer Mutter zu haben." Olivia Stafford war berühmt berüchtigt in der Gegend und sollte nur die Hälfte der Gerüchte über sie stimmen, dann waren Arthur und Isabelle wahrhaftig zu bedauern.

„Olivia… tja, was soll ich groß dazu sagen, dass Sie nicht längst wüssten. Sie meint es nicht böse." Er stockte, zuckte andeutungsweise mit den Schultern und öffnete rasch ein Schränkchen neben seinem Schreibtisch. „Ich könnte jetzt einen anständigen Brandy gebrauchen. Wie schaut es mit Ihnen aus?"

„Nur einen kleinen", erwiderte Brandon und dachte an den Abend zurück, an dem er sich sinnlos betrunken hatte. Das wollte er keinesfalls zur Gewohnheit werden lassen. „Können Sie denn kein Machtwort sprechen?", fragte er dann. „Ich kann ja durchaus verstehen, dass es für ein junges Mädchen wichtig ist, eine passende Verbindung zu finden, doch Isabelle wird doch erst einundzwanzig. Sie hat doch noch viel Zeit."

„Ganz meine Meinung", murmelte Arthur, setzte das Glas an die Lippen und trank. „Ja, das ist ganz meine Meinung. Sollte ich es mich jedoch wagen, sie in diesem Hause laut auszusprechen, so kann ich Ihnen versichern, hätte ich die Hölle auf Erden. Und das bis zu meinem sicherlich verfrühten Tod." Er deutete ein Lächeln an, schüttelte sich und goss rasch die beiden leeren Gläser wieder voll. „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen je erzählt habe, doch meine Frau hat gute Gründe für ihr Handeln. Oder zumindest erklärt es sich damit ein wenig."

Neugierig geworden setzte Brandon Williams sich auf und schüttelte sachte den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie jemals…."

„Nun", meinte Arthur und senkte die Stimme, „eine entfernte Kusine meiner Frau hat… jedenfalls ließ sich kein passender Verehrer finden und sie… traf irgendwann auf den Falschen." Er hustete, trank sein Glas Brandy leer und zuckte die Schultern. „Viele falsche Männer, wenn Sie verstehen, worauf ich hinaus will. Irgendwann ist sie ganz jämmerlich zu Grunde gegangen."

Leicht überrascht nickte Brandon Williams. „Nun, das erklärt natürlich einiges. Und doch kann man diese…. bedauerliche Geschichte nicht mit Isabelles Situation vergleichen. Ihre Tochter ist nicht nur wunderschön, sie ist dazu noch sehr jung und zudem blitzgescheit, wie ich bemerken durfte."

„Das ist sie allerdings", seufzte Arthur Stafford herzergreifend und wollte ein weiteres Mal einschenken. Doch da Williams entschieden ablehnte, zuckte er mit den Schultern und goss sich selbst ein weiteres Glas ein. „Und doch macht sie mir Kummer. Ja, sie bereitet mir gerade große Sorgen."

„Aus welchem Grund?", fragte Williams und spürte, dass seine Hände kribbelten. Er war nervös, denn jedes Gespräch, das sich um Isabelle drehte, berührte ihn ganz besonders und es war schwer genug, sich seinem Freund gegenüber nichts anmerken zu lassen.

„Ich sollte es Ihnen eigentlich nicht erzählen", meinte Arthur und seufzte ein weiteres Mal. „Gerade Ihnen wohl nicht, denn ich weiß, wie sehr sie meine Tochter schätzen. Aber es brennt mir auf der Seele."

„Nur heraus damit", forderte Brandon Williams bis aufs Äußerste gespannt.

Arthur Stafford überlegte einen Moment, dann nickte er, lehnte sich vor und sprach so leise, dass sein Gegenüber ihn kaum verstehen konnte. „Sie hat mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit gebeichtet, dass sie sich verliebt hat. Hals über Kopf. Und das Schlimme ist, ich kann nichts tun, um ihr zu helfen." Er nahm sein Glas vom Schreibtisch, lehnte sich zurück und drehte es in den Händen. „Es scheint gerade so, als stürze uns der Himmel auf den Kopf. Dieses Haus gleicht seit Wochen einem Tollhaus und so langsam halte ich es nicht mehr aus."

Wie vor den Kopf geschlagen saß Brandon Williams auf seinem Sessel und starrte seinen Freund fassungslos an. Dann deutete er wortlos auf sein Glas und Arthur goss es ordentlich voll. „Danke", murmelte Brandon tonlos, setzte es an seine Lippen und trank es in einem Zug leer.

Teil 12

Der Tag ihres Geburtstags rückte immer näher, doch Isabelle war noch immer nicht bereit, sich ihrem Schicksal kampflos zu ergeben. Wieder und wieder hatte sie stundenlang darüber nachgegrübelt, wie sie Brandon erklären konnte, dass ihre Gefühle sich ihm gegenüber verändert hatten, doch ihr fiel einfach nichts ein. In den letzten Wochen hatte sie ihn hin und wieder flüchtig gesehen, nie aber die Gelegenheit gehabt, auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln.

„Aber heute wird es gehen", sagte sie und warf ihrem Spiegelbild ein hoffnungsvolles Lächeln zu. Seit über einer Stunde frisierte sie nun schon ihr Haar, das sich heute als besonders widerspenstig erwies. Einigermaßen zufrieden erhob sie sich und stand gleich darauf vor dem nächsten Problem. Drei Kleider hatte sie zur Auswahl aus ihrem wahrlich großen Schrank genommen, doch keines sagte ihr wirklich zu. Seufzend nahm sie eins nach dem anderen hoch, entschied sich dann ganz um und eilte wieder zum Schrank. „So, und nun Schluss", meinte sie und nahm ein silbrigweiß glänzendes Kleid vom Bügel, das unter der Brust geschnürt und ansonsten recht schlicht war.

Bestimmt standen Mutter und Vater schon wieder wartend in der Halle, denn heute würde das Gartenfest der Cuthberts stattfinden. Und genau so war es. Kaum hatte sie die endlos vielen Knöpfe geschlossen, hörte sie auch schon wieder die schrille Stimme ihrer Mutter, die nach ihr rief. „Ich komme sofort", rief sie zurück, warf einen letzten Blick in den Spiegel und lief nach unten in die Halle.

 

                                                                                              *~*~*

 

Da das Haus der Cuthberts nicht sehr weit entfernt war und zudem bestes Wetter herrschte, verzichteten sie auf eine Kutsche und spazierten den kurzen Weg gemächlich entlang. Olivia Stafford war besonders aufgeregt und angespannt, doch als sie am Tor des Hauses anlangten, seufzte sie vernehmlich und ihr Gesicht hellte sich auf.

„Ein simples Essen, das in den Garten verlegt wurde", raunte sie nach den ersten Blicken erleichtert ihrem Mann zu, dem das jedoch herzlich egal war. „Kein Schmuck, kein Tand, nicht einmal Blumenschmuck haben sie aufgestellt. Man könnte fast sagen, es ist ein einfaches Picknick. Nicht mit dem spektakulären Fest vergleichbar, wie es bei uns in wenigen Tagen stattfinden wird."

„Dann kannst du dich ja nun entspannen", sagte Arthur Stafford lächelnd und schob seine Frau durch das Tor. Zumindest darum musste er sich nicht mehr sorgen, denn seine Frau konnte recht ungehalten werden, wenn nicht alles nach ihren Wünschen ablief. Als er sich jedoch zu Isabelle umdrehte, sah er, dass sie stocksteif stehengeblieben war und ihr Gesicht wahren Schrecken zeigte. „Isabelle? Was?" fragte er alarmiert und folgte ihrem Blick, der in den Garten der Cuthberts gerichtet war.

Auch Arthur sog scharf die Luft ein, dann entspannte er sich. „Es ist nicht Webster", sagte er und ließ erleichtert die angestaute Luft aus seinen Lungen entweichen. Ebenso wie seine Tochter hatte er einen jungen Mann in Militärkleidung entdeckt, jedoch sofort erkannt, dass es sich dabei nicht um den Mann handelte, der sein eigenes Leben so furchtbar auf den Kopf gestellt hatte und den er dafür noch immer jeden Tag verfluchte. „Es ist nur die gleiche Ausgehuniform, nicht der gleiche Mann. Siehst du?"

Isabelle nickte erleichtert. „Kennst du ihn?"

„Nein, bisher nicht. Aber ich weiß, dass Thomas Cuthbert einen jüngeren Bruder auf der Akademie hat. Na, komm, mein Kleines. Deswegen brauchst du dir keine Sorgen machen. Und schau, es sind jede Menge andere Gäste da, mit denen du dich unterhalten kannst." Er lächelte vage. „Auch Brandon Williams tummelte sich unter den Gästen und vielleicht…"

Nickend nahm Isabelle den angebotenen Arm und ließ sich von ihrem Vater durch das Gartentor führen. Ihre Mutter hatte nichts bemerkt, war einfach weitergegangen und begrüßte schon die Gastgeber und die anderen Gäste. Isabelle warf ihrem Vater einen letzten Blick zu, dann beeilten sie sich, ihr zu folgen.

Eine gute Stunde später erfuhr Isabelle dann auch, wer der junge Mann in Uniform war, der ihr immer wieder neugierige Blicke zuwarf. Thomas Cuthbert erhörte offenbar das Drängen seines jüngeren Bruders und stellte ihn ihr vor. „Miss Stafford, darf ich Ihnen meinen Bruder Robert vorstellen? Er ist gerade ein paar Tage zu Besuch."

„Herzlich willkommen", sagte sie und knickste, wie es die Etikette gebot. „Ich hoffe, Sie fühlen Sich wohl in der vollkommen fremden Umgebung." Sie spürte Brandon Williams brennende Blicke in ihrem Rücken und konnte es ihm nicht einmal übel nehmen. Doch was sollte sie tun? Robert Cuthbert einfach ignorieren? Das konnte sie schon ihrer Mutter wegen nicht, die ihr sogleich wohlwollende Blicke zuwarf. Offenbar konnte sie es nicht lassen und Isabelle musste an sich halten, um nicht laut zu seufzen.

„Fremd? In einer solch wunderbaren Umgebung?", ihr neuer Bekannter nickte ihr wohlwollend zu. „Vielleicht, ein wenig", sagte Robert Cuthbert und lächelte. „Doch ich muss gestehen, ich fühle mich sehr willkommen hier. Eine nette kleine Gesellschaft."

„Das stimmt allerdings", nickte Isabelle und überlegte, wie sie den Mann wieder loswerden konnte. Sie wollte unbedingt mit Brandon sprechen, doch der zeigte sich heute besonders abweisend. Er hatte sie nur kurz begrüßt und mit einem seltsam harten Blick bedacht. Danach war er ihr aus dem Weg gegangen und Isabelle kannte den Grund dafür nicht. Doch sie kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Ihre neue Bekanntschaft forderte ihre Aufmerksamkeit.

„Soweit ich weiß, haben meine werte Schwägerin und mein Bruder sich für den Nachmittag ein paar unterhaltsame kleine Spielchen ausgedacht. Vielleicht bringt uns das Schicksal zusammen." Robert Cuthbert zeigte eine Reihe weißer Zähne, als er Isabelle anlächelte und sie nickte nur sachte.

„Vielleicht wird es das. Doch jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich wollte mir gerade etwas zu Trinken holen."

„Oh, entschuldigen Sie vielmals. Wo hatte ich denn nur mein Kopf", Robert Cuthbert verbeugte sich tief. „ Verzeihen Sie mir. Selbstverständlich werde ich Ihnen auf der Stelle etwas Punsch holen."

„Danke schön", lächelte Isabelle und warf Brandon Williams einen schnellen Blick zu. Sie sah gerade noch, dass er sich rasch von seinem Gesprächspartner verabschiedete, aufstand und ging.

Leicht niedergeschlagen setzte sie sich an einen der aufgestellten Gartentische und seufzte lautlos. ‚Musste denn dieser verdammte Offizier ausgerechnet heute auftauchen’, dachte sie bitter und schämte sich kein bisschen für ihre harten Gedanken. Sicherlich war nicht nur sie durch sein Auftauchen überrascht worden, auch Brandon Williams wurde an ein Kapitel ihrer Geschichte erinnert, dass sie beide nur zu gerne vergessen hätten.

 

                                                                                        *~*~*

 

Der Kaffee wurde gereicht und wie zufällig hatte Isabelle einen Platz neben Brandon Williams ergattert, der sich allerdings heute nicht als angenehmer Gesellschafter erwies. Er sprach nur recht widerwillig mit ihr und so sehr sie sich bemühte, sie konnte ihm nicht das kleinste Lächeln abgewinnen.

Zu allem Überfluss steuerte eine halbe Stunde später auch noch Robert Cuthbert auf sie zu. Er lächelte gewinnend, verbeugte sich rasch und nickte auch Williams kurz zu. „Wie ich bereits vermutet habe, werden wir gleich eine Partie Krocket spielen und ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht meine Partnerin sein wollen."

„Oh, das tut mir nun wirklich außerordentlich Leid", erwiderte Isabelle und betete, Brandon Williams würde mitspielen und ihre Lüge decken. „Doch ich habe gerade mit Mr. Williams darüber gesprochen und er hat mir zugesagt, mich zu unterstützen. Er ist ein ganz hervorragender Spieler und ich selbst… nun, ich beherrsche dieses Spiel nicht sonderlich gut und wäre gewiss keine Hilfe."

„Oh, verstehe", sagte Robert Cuthbert und die Enttäuschung war ihm anzusehen. Er warf Brandon Williams einen seltsamen Blick zu. „Nun ja, vielleicht habe ich ja später mehr Glück." Er verabschiedete sich, allerdings nicht, ohne Isabelle ein letztes Mal anzulächeln.

„Ich hoffe Sie entschuldigen mir meine Notlüge", wandte Isabelle sich Brandon zu, der einen recht verwirrten Eindruck machte. „Ich hoffe, ich habe Sie dadurch nicht in Bedrängnis gebracht."

Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. „Nun, ich dachte, Sie würden die Gesellschaft eines jungen Mannes der meinen vorziehen", sagte er bitter. „Aber selbstverständlich gebietet mir der Anstand, eine junge Lady in Nöten nicht zurückzuweisen."

„Danke schön", murmelte Isabelle und wusste, sie hatte verloren. Er würde ihr niemals zuhören und schon gar nicht verzeihen. Robert Cuthbert hatte zu viele Erinnerungen geweckt, da war sie sich sicher. Denn welchen Grund gäbe es sonst, dass Brandon Williams sich heute so anders benahm?

„Allerdings", meinte Williams dann, stand auf und reichte ihr die Hand, „würde mich schon interessieren, warum sie einen gut aussehenden jungen Mann abweisen. Er scheint recht nett zu sein." Pure Gehässigkeit spiegelte sich in seinen Worten, doch er konnte es nicht verhindern. Nachdem Arthur ihm verraten hatte, das Isabelle einem ihm unbekannten Mann ihr Herz geschenkt hatte, konnte er kaum mehr ihre Nähe ertragen und er hasste es, wieder einmal als Notnagel einspringen zu müssen.

„Nein, danke. Ein gut aussehender Mann in Ausgehuniform reicht bis an mein Lebensende", sagte sie traurig und ließ sich dann von Williams zu dem vorbereiteten Spielfeld führen.

 

                                                                                           *~*~*

 


Etwas später, Isabelle hatte die Hoffnung längst aufgegeben, auf irgendeine Art und Weise vernünftig mit Brandon Williams sprechen zu können, sonderte sie sich ein wenig von der Gesellschaft ab und spazierte in Ruhe durch den verwinkelten Garten. Sie hatte keine Lust auf all die Heiterkeit und den Spaß, wo sie selbst nur noch Verzweiflung spürte. Gedankenverloren umrundete sie die Beete, lief durch den verwilderten Küchengarten und erschrak furchtbar, als plötzlich Robert Cuthbert vor ihr stand.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung", murmelte der junge Mann und auf seinem Gesicht war abzulesen, dass er die Wahrheit sagte. „Ich hatte nur bemerkt, dass Sie ganz alleine durch den Garten spazieren und wollte gewiss nicht…. Ich muss sie wahrlich erschreckt haben", unterbrach er sich selbst und hüstelte nervös. „Doch das lag wirklich nicht in meiner Absicht."

„Schon gut", lächelte Isabelle tapfer. „Ich war nur in Gedanken versunken."

„Verstehe", nickte Robert Cuthbert und lächelte wieder. „Eigentlich wollte ich nur ein zweites Mal mein Glück herausfordern und Sie erneut bitten, bei dem nächsten Spiel meine Partnerin zu sein." Und da Isabelle nicht sofort antwortete, sprach er schnell weiter. „Oder habe ich bereits wieder gegen Brandon Williams verloren?"

„Und wenn dem so wäre?", fragte Isabelle und hörte selbst, wie eisig ihre Stimme dabei klang.

„Nun", sagte Robert Cuthbert ein wenig verwirrt, „ich kenne den guten Mann nicht. Doch es scheint mir, als wäre er ein wenig zu alt für Sie und…"

„Brandon Williams ist keineswegs alt", schoss es aus ihr heraus und sie funkelte den Mann in Ausgehuniform böse an. „Er ist ein wahrhaft anständiger, überaus liebenswerter Mann und ich kann für Sie nur hoffen, dass Sie jemals auch nur entfernt so edel und großherzig werden, wie er es ist."

„Verstehe", nickte Robert Cuthbert nun endgültig verstört, doch er begriff, dass er bei Isabelle nicht die geringste Chance hatte und war dementsprechend wütend. „Allerdings hätte ein schlichtes „Nein" Ihrerseits auch gereicht. Sie hätten mir nicht gleich den Kopf abreißen müssen. Wie Sie wissen, bin ich erst seit ein paar Tagen hier und ich konnte nicht ahnen, dass Sie Ihr Herz bereits verschenkt haben!" Er nickte ihr militärisch zackig zu, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand.

Eine lange Weile sah Isabelle ihm hinterher, dann seufzte sie schwer und nahm ihre Wanderung durch den Garten wieder auf. Natürlich hatte der junge Cuthbert Recht und sie hatte vollkommen falsch reagiert. Er konnte weder etwas dafür, dass er sie an die schlimmste Zeit ihres Lebens erinnerte, noch etwas daran ändern, das er womöglich ihre letzte Chance bei Brandon Williams zunichte gemacht hatte.

Jetzt blieb nur zu hoffen, dass sie nicht gleich das Gesprächsthema Nummer eins sein war, weil er sich ganz offen über ihr Betragen beschwerte. Doch im Grunde änderte auch das nichts mehr an ihrer ausweglosen Situation. In nicht einmal zwei Wochen würde sie volljährig werden und daran gab es nichts mehr zu ändern.

 

                                                                                        *~*~*

 

Brandon Williams zog sich diskret aus dem Gebüsch zurück, in dem er vor wenigen Augenblicken ein Versteck gesucht hatte. Er war ebenso verwirrt wie berauscht und er konnte kaum glauben, was er gerade von Isabelle gehört hatte.

Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, ihr zu folgen, auch wenn er natürlich bemerkt hatte, dass sie sich von den anderen Besuchern der Gartenparty entfernte. Als dann jedoch der junge Offizier hinter ihr hergeeilt war, hatte er sich nicht länger zurückhalten können. Viel zu sehr hatte ihn die Szene an die schreckliche Begebenheit vor gut einem halben Jahr erinnert. Der Drang sie zu beschützen, war noch immer unglaublich stark und vielleicht war es gut gewesen, denn er hatte mehr gehört, als er erwartet hatte.

Nun allerdings war er unsicher wie selten zu vor in seinem Leben und schon nach wenigen Sekunden war er sich nicht mehr gewiss, ob er Isabelles Aussage über ihn richtig verstanden hatte. Hatte sie ihn wirklich so heftig verteidigt? Hatte mehr als Abwehr in ihrer Stimme mitgeklungen? Oder bildete er sich das nur ein?

Möglichst unauffällig schloss er sich wieder der Gesellschaft an, erblickte dann Arthur Stafford, der sich mit dem Gastgeber unterhielt und steuerte direkt auf ihn zu. „Mr. Cuthbert", nickte er seinem neuen Nachbarn zu, „bitte entschuldigen Sie Mr. Stafford einen Augenblick, aber ich muss dringend mit ihm sprechen."

Teil 13

Brandon Williams wollte die Wahrheit wissen. Die ganze Wahrheit! Und so führte er seinen Freund ein wenig abseits, sodass sie ungestört reden konnten. „Arthur", sagte er eindringlich, extra den Vornamen benutzend, um gleich klarzustellen, wie wichtig ihm die Angelegenheit war. „Ich bitte darum, dass Sie mir jetzt reinen Wein einschenken. Ohne Ausflüchte und ohne jegliche Schnörkel."

„Was ist geschehen?", erwiderte Arthur Stafford und runzelte die Stirn. So aufgeregt hatte er seinen Freund niemals zuvor gesehen und es war offensichtlich, dass ihn etwas sehr aufgewühlt hatte. „Geht es Ihnen gut?"

„Ja, nein. Unwichtig!", seufzte Brandon herzergreifend. „Ich erbitte die volle Wahrheit", wiederholte er ein weiteres Mal und holte tief Luft. „Ist Isabelle… ist sie… mir zugetan? Ist es das, was Sie mir vor ein paar Tagen auf seltsame Art und Weise mitteilen wollten?"

„Oh", schluckte Arthur Stafford und verstummte schlagartig. Dann packte er seinen Freund beim Arm und bugsierte ihn aus dem Garten heraus auf den Feldweg. „Nun ist es wohl soweit", sagte er dort angekommen. Er blieb stehen, fuhr sich nervös mit der Hand über das Kinn und nickte dann. „Isabelle… ist Ihnen sehr zugetan", sagte er, die Worte seines Freundes wiederholend.

Das war der Zeitpunkt, an dem Brandon Williams wütend wurde. „Warum haben Sie mich im Dunkeln stehen lassen? Erst vor ein paar Tagen haben Sie mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit berichtet, Isabelle hätte sich verliebt! Warum haben Sie mir an dem Abend nicht die ganze Wahrheit gesagt?"

Er schnaufte, warf die Hände in die Luft und startete eine aufgeregte Wanderung den Feldweg auf und ab. „Wissen Sie eigentlich, was Sie mir damit zugemutet haben? Wie ich mich in den vergangenen Tagen gefühlt habe?" Er funkelte seinen Gesprächspartner böse an. „Wollten Sie mich an der Nase herumführen? Ist das alles nur ein dummes Spiel für Sie und ihre Tochter?" Er blieb vor Arthur Stafford stehen und seine Kiefermuskeln mahlten vor Wut. „Sie wussten… wussten haargenau, wie heftig meine Gefühle für ihrer Tochter sind. Wie konnten Sie mir das nur antun? Ich dachte, wir wären Freunde!"

„Bitte", versuchte Arthur ihn zu beruhigen. „Hören Sie mir nur einen Moment zu, dann dürfen Sie all ihre Wut auf mich niedersausen lassen. Denn ich habe es verdient. Aber vorher… hören Sie mir bitte einfach zu." Er holte tief Luft. „Ich brauche nicht erwähnen, wie verwirrend diese ganze leidige Angelegenheit ist, das wissen Sie ebenso gut wie ich. Und doch muss ich ein wenig ausholen, damit Sie alles verstehen. Wirklich alles." Er sah sein Gegenüber an, sah noch immer Wut in Brandons Augen und sprach schnell weiter.

„Isabelle hat Sie stets abgelehnt, wie Sie sicherlich nur zu gut wissen, doch… doch das hatte im Grunde nie etwas mit Ihnen oder Ihrer Person zu tun. Es war eine reine Trotzreaktion. Olivia…. Je mehr meine Frau versuchte, unsere Tochter in Ihre Richtung zu drängen, desto mehr strebte Isabelle in die andere. Sie kennen meine Frau und wissen, wie furchteinflößend sie sein kann. Ich habe stets mein Möglichstes getan, um dem entgegen zu wirken, doch ich habe jämmerlich versagt." Er hob die Schultern und begann seinerseits mit einer unruhigen Wanderung.

„Meine Tochter Katie hatte den richtigen Gedanken. Sie schätzt Sie sehr, müssen Sie wissen, und deswegen hat sie ihre Schwester zu einem Zeitpunkt eingeladen, zu dem auch Sie dort zugegen waren. Katie wollte, das Isabelle einmal den Menschen Brandon Williams kennen lernt und Sie nicht mehr nur als den Mann sieht, in dessen Arme ihre Mutter sie mit Gewalt pressen wollte. Und das ist ganz offensichtlich auch gelungen. Isabelle sah Sie auf einmal aus einem vollkommen anderen Blickwinkel und begriff, welch großen Fehler sie gemacht hatte. Nur war es da bereits zu spät und sie konnte nichts tun, um es Ihnen mitzuteilen. Sie hatten Sich verständlicherweise nach der unleidlichen Angelegenheit mit Webster zurückgezogen und…" Wieder holte er tief Luft, sah seinen Freund an und erkannte das Leid, dass er gerade durchlebte. Deswegen beeilte er sich, mit seinen Erklärungen fortzufahren.

„Kaum Zuhause, musste Isabelle dann erfahren, dass Ihre Mutter einen… Viehmarkt…, wie meine Tochter es so treffend genannt hatte, plante. Meine Tochter hat mir schließlich in all ihrer Hoffnungslosigkeit verraten, dass Sie tiefe Gefühle für Sie entwickelt hatte." Nun war es Arthur, der hilflos die Hände in die Luft warf. „Doch was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen? Hätte ich mich mit diesem Thema an Sie gewandt, Sie hätten mir niemals geglaubt. Niemals! Sie hätten, und das nehme ich Ihnen nicht krumm, gedacht, Sie wären nur das kleine Übel für meine Tochter und dass sie alles tun würde, um nicht weiter den Tollheiten ihrer Mutter ausgesetzt zu sein."

Brandon Williams starrte auf den Boden und ließ die gehörten Worte in sein Bewusstsein sickern. Schließlich hob er den Kopf und seine Wut war verraucht. Zurück blieb Unsicherheit und eine trügerische Hoffnung, die mit nur einem Wort zerstört werden konnte. „Ich verstehe", sagte er heiser und räusperte sich. „Ich kann dieses Spiel mit meinen Gefühlen zwar nicht gutheißen, doch ich verstehe, dass Sie nicht anders handeln konnten. Wahrscheinlich haben Sie Recht, ich hätte gewiss kein Wort geglaubt." Er schüttelte müde den Kopf, sah dann auf und seufzte wieder. „Dann kann ich also davon ausgehen, dass es Ihrer Tochter ernst damit ist? Ich kann mich darauf verlassen, dass es kein Spiel ist. Das Isabelle weiß, was Sie will, und das Ihre Empfindungen mir gegenüber echt sind."

„Eigentlich kennen Sie die Antwort darauf bereits", murmelte Arthur Stafford leise. „Ich weiß, dass meine Tochter Ihre Gefühle schwer verletzt hat", sagte er dann und rang nervös die Hände, „aber… es geschah nicht aus Bosheit oder mit Absicht." Arthur Stafford fühlte sich plötzlich genauso müde, wie sein Freund aussah. „Sie hat stets nur versucht, sich gegen ihre Mutter aufzulehnen."

„Und was nun?", fragte Brandon Williams nach einer kurzen Pause. Sein Kopf dröhnte, tausende verschiedener Gefühle rauschten durch seinen Körper und er war unfähig, eine Entscheidung zu treffen.

Arthur Stafford sah ihn halb ernst, halb traurig an. „Das liegt nun bei Ihnen. Das müssen Sie ganz alleine entscheiden. Und ich versichere Ihnen, mein Freund, ganz egal wie auch immer Sie Sich entscheiden… niemand wird Ihnen deswegen böse sein. Sie haben eine harte Zeit hinter sich und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gerne ich Ihnen das erspart hätte."

 

                                                                                                    *~*~*

 

„Isabelle", schimpfte Arthur Stafford und klopfte wieder einmal an die Tür seiner Tochter. „Du hast Besuch und du solltest ihn nicht zu lange warten lassen."

Doch das wusste sie längst. Der Garten platzte aus allen Nähten und schon ein Blick aus ihrem Fenster ließ sie erschauern. Eine Menge ihr unbekannter Gäste tummelte sich bei bestem Wetter im bunt geschmückten Garten. Ihre Mutter lief behände und beschäftigt auf und ab, begrüßte die Neuankömmlinge und jagte der Dienerschaft hinterher, damit auch alles reibungslos funktionierte. Und sie selbst schaffte es nicht einmal, aufzustehen. Ihr war schlecht, sie fror und erbärmlich.

„Isabelle", donnerte Artur Reuben Stafford mit all seiner väterlichen Autorität. „Du machst jetzt die verflixte Tür auf oder ich verspreche dir, ich lasse sie aufbrechen!"

Mit vor Angst schlotternden Beinen stand Isabelle auf und ging langsam zur Tür. Jeder Schritt kostete sie extreme Mühe und sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Schon seit Tagen fühlte sie sich miserabel und jeder Blick auf die geschäftigen Dienstboten, die den Garten für die Party schmückten, verschlimmerten ihre Gefühle um das Hundertfache. Da hatte auch Katie nicht helfen können, die vor ein paar Tagen hochschwanger mit ihrem Mann angereist war. Isabelle seufzte ein letztes Mal, dann drehte sie den Schlüssel und nur eine Sekunde später stieß ihr Vater die Tür weit auf und stürmte ins Zimmer seiner Tochter.

„Herr im Himmel, Kind. Mach das nie wieder. Lass mich nie wieder stundenlang vor deiner Tür stehen!" Doch als er in ihr Gesicht blickte, beruhigte sich Arthur Stafford rasch wieder. „Ach, Liebes. Verstecken hat doch keinen Zweck. Und sei froh, dass ich vor der Tür gestanden bin, nicht deine Mutter. Sie hätte ein Gezeter veranstaltet, das bis London hörbar gewesen wäre."

„Kann ich… kann ich nicht einfach fortlaufen?" Alles in ihr sträubte sich, hinunter in den Garten zu gehen. Selbstverständlich würden sich alle Blicke auf sie richten, doch nicht, weil sie das Geburtstagskind war, sondern die einzige Ware auf einer verrückten Auktion. „Ich glaube, ich schaff das nicht. Meine Beine wackeln und ich spüre eine Furcht in mir, die mich lähmt. Sogar das Atmen fällt mir schwer."

„Selbstverständlich schaffst du das", versicherte ihr Vater und nickte ihr aufmunternd zu. „Immerhin bist du meine Tochter. Aber nun komm, ich habe dir bereits gesagt, dass du Besuch hast." Er packte seine Tochter sanft am Arm und zog sie in Richtung Treppe.

„Ich habe eine ganze Menge Besuch", stellte sie leise richtig. „Aber eigentlich möchte ich keinen Menschen sehen."

„Nicht den Besuch", meinte Arthur grummelnd und zerrte sie die Stufen hinab. Dann bugsierte er sie in Richtung seines Arbeitszimmers, öffnete die Tür und schob sie recht unsanft hinein. ‚Und wehe du bleibst nicht da drin’, dachte er grimmig. ‚Dann bin ich es, der eine Tür verschließt!’ Doch dann lächelte er. Wenn jetzt alles glatt lief, dann hatte er gleich eine Überraschung parat, die selbst seine Frau an den Rand eines Herzinfarktes brachte.

Vollkommen verdutzt starrte Isabelle in das Arbeitszimmer ihres Vaters, doch noch bevor sie sich wieder zur Tür umdrehen konnte, trat eine Person aus dem Schatten heraus. „Mr. Williams", hauchte sie und schnappte nach Luft.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag", sagte er und kam nur langsam und mit sehr ernstem Gesicht näher.

„Was machen Sie hier?", fragte sie verwirrt, dann wurden ihre Beine weich und sie stürzte auf einen der Sessel vor dem Schreibtisch zu. „Entschuldigung, mein Kreislauf spielt heute nicht nach meinen Regeln."

„Das macht sehr wahrscheinlich die Aufregung", sagte Brandon Williams leise. Er war nah dran gewesen, zu ihr zu laufen und ihr zu helfen. Doch noch stand ihm sein Stolz im Wege und so blieb er einige Schritte vor ihr stocksteif stehen.

„Warum sind Sie hier im Arbeitszimmer meines Vaters? Sie sollten bei den Gästen draußen sein und Sich amüsieren." Isabelle war schlecht und sie wedelte sich Luft zu, dann versuchte sie wieder aufzustehen, denn auch Williams stand nach wie vor. Sie hielt sich an der Lehne des Sessels fest und atmete ein letztes Mal tief ein. Erst dann sah sie ihm wieder ins Gesicht. „Doch ich kann verstehen, wenn Sie dem Treiben nicht beiwohnen wollen. Ich möchte es ja selbst nicht."

„Ihr Vater dachte, es wäre eine gute Idee, wenn wir beide uns einmal eingehend unterhalten", sagte Williams und konnte den harten Ausdruck in seiner Stimme nicht verbergen. „Und so langsam glaube ich, ich habe ein Recht darauf einmal die Wahrheit aus ihrem Mund zu hören."

Isabelles Beine wackelten noch immer bedenklich, doch das vergaß sie nach diesen harten Worten schnell. „Ich weiß nicht genau, worauf Sie hinaus wollen", sagte sie beinahe trotzig und fühlte sich elend. Musste das ausgerechnet heute sein? Der Tag war furchtbar, sie fürchtete sich tüchtig und nun stand auch noch der Mann vor ihr, dem sie so viel sagen wollten und nicht konnte. Dann schüttelte sie den Kopf und senkte den Blick. „Es gäbe wohl eine Menge zu sagen. Doch dazu ist es zu spät und ich werde bereits draußen im Garten erwartet. Meine Mutter wird mir den Kopf zu recht rücken, wenn ich nicht bald erscheine."

Doch so leicht wollte Williams sie nicht davon kommen lassen. „Isabelle, ihr Vater hat mir erzählt, sie hätten sich in einen Mann verliebt."

Sie schwankte, warf ihrem Gegenüber einen verwirrten Blick zu und setzte sich wieder. Wieder musste sie ein paar Mal tief Luft holen, bevor die flackernden Sternchen vor ihren Augen verschwanden. „Ich habe Scott Webster nie geliebt", sagte sie leise. „Wenn es das ist, worauf Sie hinaus wollen. Es war nur meine Art mich zu widersetzen,… ach, das ist jetzt unwichtig. Ich hoffe, er schmort in der Hölle! Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich ihm nicht eine Träne nachgeweint habe."

Das war nicht unbedingt das, was Williams hatte hören wollen. Doch war es gut zu wissen und dank der Erklärungen ihres Vaters, konnte er es sogar nachvollziehen. „Sie haben mir nichts zu sagen, bevor Sie… bevor Sie hinaus in den Garten gehen?" Er forderte gerade etwas Unmögliches, das wusste er nur zu gut, und er rechnet auch nicht wirklich mit einer Antwort.

„Oh, bitte", seufzte Isabelle herzerweichend, „der Tag ist bereits schlimm genug für mich und Sie erleichtern ihn mir nicht unbedingt." Sie sah niedergeschlagen zu ihm auf. „Ich kann es nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, was…" Sie seufzte und überlegte, wie sie aus dieser Situation herauskam. Doch das war draußen im Garten auf sie wartete, war nicht unbedingt besser. „Brandon, bitte. Ich kann nicht. Nicht heute."

„Diese Situation ist auch für mich nicht gerade leicht", sagte Brandon hart und kam näher heran. „Wissen Sie eigentlich, in welches Gefühlschaos Sie mich gestürzt haben? Wie schwer die Zeit für mich war? Wie sehr ich Sie und Ihre Familie verflucht habe?" Er wandte sich ab und sah aus dem Fenster. „Isabelle", sagte er nach einer Weile, „vielleicht war es falsch von mir, mich in eine um so viele Jahre jünger Frau zu verlieben, doch… Sie wissen, dass ich Sie immer geliebt habe. Ich habe mich nie aus niederen Beweggründen um Sie bemüht. Ich… ich…, meine Gefühle standen stets im Vordergrund." Er machte eine Pause, verzog das Gesicht und wandte sich ihr wieder zu. „Ihr Vater und ich hatten vor ein paar Tagen ein recht aufschlussreiches Gespräch und er hat mir erzählt, was Sie Ihm anvertraut haben."

„Er hat… er hat…." Erneut wurde Isabelle schlecht und sie musste einen Augenblick warten, ehe sie weitersprechen konnte. „Das hätte er nicht dürfen. Er hat mir geschworen, es für sich zu behalten." Sie war den Tränen nahe, doch die aufkommende Wut verlieh ihr ein wenig Stärke und sie stemmte sich aus dem Sessel.

„Wenn es der Wahrheit entspricht, dann bin ich Ihm überaus dankbar dafür, dass Er diesen Schwur gebrochen hat", sagte Williams leise. „Und aus eben diesem Grund bin ich hier. Ich muss wissen, ob es die Wahrheit ist. Und ich will es aus Ihrem Mund hören."

„Mr. Williams", Isabelle kämpfte sich ein paar Schritte vor und aktivierte all ihre verbliebenen Kräfte. „Brandon, bitte", sagte sie sanft. „Nach allem was geschehen ist, kann ich nicht glauben, dass Sie immer noch…. Das kann ich nicht von Ihnen erwarten."

„Isabelle, lassen Sie mich entscheiden, was von mir zu erwarten ist." Brandon Williams kam noch einen Schritt näher. „Bitte sagen Sie mir einfach, worum ich Sie gebeten habe. Ist es die Wahrheit?"

„Ja, es ist die Wahrheit", hauchte sie mehr als sie es sagte und konnte seinem Blick nicht länger standhalten.

„Gott, Isabelle, endlich", murmelte Brandon Williams von all seinem Kummer erlöst, überwand auch die letzten Schritte und nahm sanft ihre Hand. „Mehr brauche ich nicht zu wissen." Er zog sie in seine Arme und wollte sie nie wieder loslassen. „Nein, mehr brauche ich wahrlich nicht wissen."

 

                                                                                             *~*~*

 

„Und mehr brauche ich nicht zu hören", murmelte Artur Stafford erleichtert und löste sich von der Tür, an der er bis vor wenigen Sekunden gelauscht hatte. Es war zwar nicht sonderlich schicklich, Gespräche zu mit anzuhören, aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Rasch eilte er durch die Halle und klatschte vor Freude in die Hände. Statt eine Geburtstagsfeier zu zelebrieren, konnte er nun die Verlobung seiner Tochter bekannt geben. Und das Schönste dabei war, dass er seiner Frau den Schock ihres Lebens verpassen würde!