
A time to remember
Charles Dexter? Charles Dexter! Der Name klang genauso langweilig, wie der fade schnöde Kerl auch war. Buffy zog den Schal enger um den Hals und ihre mit Handschuhen bestückten Hände versuchten die dicke Strickmütze noch tiefer in die Stirn zu ziehen, was allerdings gründlich misslang und so endete, dass sie schließlich gar nichts mehr sah. Mürrisch vor sich hinmurmelnd zog sie die warmen Handschuhe aus und rückte die Mütze wieder gerade.
Dann sah sie auf und seufzte vernehmlich. Wie hatte sie sich auf diesen Quatsch nur einlassen können? Ihr Gastgeber stand, gutgelaunt und selig lächelnd wie ein kleines Kind, das einen Dauerlutscher gefunden hatte, am Ruder des dämlichen Segelboots und schien sich sichtlich wohlzufühlen. Hin und wieder winkte er ihr begeistert zu, doch mehr als ein müdes Lächeln brachte Buffy einfach nicht zustande.
Ihr behagte die Fahrt auf einem Boot gar nicht, was hauptsächlich am Gastgeber und dem miserablen, eiskalten Wetter lag, das in Cleveland so kurz vor Weihnachten sicher Standard war. Vielleicht wäre es im Sommer interessant gewesen, einen ausgedehnten Segeltörn auf dem Eriesee zu machen, mit viel Sonne, angenehmen Temperaturen, netter Begleitung und einer Menge Alkohol, damit man sich das Leben schön saufen konnte.
So jedoch? Seit Stunden saß sie auf einer harten Box und klapperte mit den Zähnen. Der Wind war mörderisch und Buffy war sich nicht sicher, wie lange ihre Nase noch durchhalten würde, ohne einzufrieren und wie ein überflüssiges Stück Haut einfach abzufallen.
‚Wie doof muss man eigentlich sein?’, fragte sich Buffy und zitterte vor Kälte. ‚Manchmal bist du selten naiv, wie ein kleines Schulmädchen! Das hast du nun davon!’
*~*~*
„Komm doch mit", hatte Charles sie nach einer besonders langweiligen Vorlesung am letzten Tag vor den Ferien aufgefordert. „Das wird bestimmt lustig. Mein Dad leiht mir sein Boot und wir fahren mit ein paar Freunden raus." Locker und lässig hatte er am Türrahmen gelehnt und sie vorfreudig lächelnd angesehen.
Und Buffy, dämlich wie sie eben hin und wieder war, hatte sich Willows Rat zu Herzen genommen und zugesagt.
„Du musst unbedingt mal wieder raus", hatte die rothaarige Hexe erst am Morgen beim Frühstück gemeint und ihr gutmütig in die Seite geknufft. „Und ich rede nicht davon Monster zu jagen oder mit uns mal in einen Club zu gehen. Sunnydale haben wir hinter uns gelassen und du solltest endlich damit abschließen. Außerdem kannst du mir nicht erzählen, dass dir das ewige Alleinsein gefällt. Und da du nicht in Los Angeles anrufen willst…"
*~*~*
Buffy konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie Willow schnell unterbrochen hatte. Das Thema hatte sie durch. Eigentlich. So dachte sie zumindest meistens. Sie würde Spike nicht anrufen, auch wenn es ihr hin und wieder extrem schwer fiel und alleine der daran Gedanke reichte, um ihr ein sattes Seufzen zu entlocken.
Spike hatte sich entschieden. Er hatte ein neues Leben, oder wie immer man das nennen wollte, begonnen und da er sich nach seiner Wiederkehr nicht gemeldet hatte, musste sie wohl oder übel davon ausgehen, dass er nichts mehr von ihr wissen wollte. Warum nur wollte das nicht in ihr Gehirn durchsickern, sodass sie sich endgültig lösen und eine neue Beziehung eingehen konnte?
Sie wischte den Gedanken beiseite und warf Charles einen genervten Blick zu, der jeder Möwe entgegenlachte und jedem Verrückten, der sich bei diesem Wetter noch mit einem Boot auf den See gewagt hatte, wie bekloppt zuwinkte. Er war so gar nicht ihr Typ. Man konnte ihm auf Meilen ansehen, dass er von Beruf Sohn war, dem alles in den Hals gesteckt wurde. Zudem war er nicht sonderlich helle und seine Laufbahn verdiente er wohl eher durch die regelmäßigen Spenden seiner Familie an das College, als wegen tatsächlichen Leistungen. Charles fuhr, wie es Menschen aus seinem Stand seiner Meinung nach anscheinend zukam, ein schnittiges Cabriolet, warf mit Geld nur so um sich und feierte ausschweifende Parties. Allerdings hatte Buffy bisher jede Einladung dazu abgelehnt und jetzt war sie heilfroh darüber.
Höchstwahrscheinlich hätte sie ihn auch an diesem Morgen stehen gelassen… wäre nicht Willows weise Rede gewesen. Eigentlich wusste Buffy, dass ihre beste Freundin Recht hatte. Immerhin waren sie nun schon fast ein halbes Jahr in Cleveland und bisher hatte sie jeden jungen Mann, der Interesse bekundet hatte, einfach und sachlich in die Flucht geschlagen. Doch irgendwann musste sie ihr altes Leben hinter sich lassen und einen wirklichen Neuanfang wagen.
*~*~*
„Was meinst du? Drehen wir noch eine Runde oder fahren wir zurück zum Hafen?", rief Charles ihr nun begeistert zu und Buffy sprang eilends auf.
„Zurück zum Hafen", schoss es aus ihr heraus und sie flitzte zu ihm, um ihm notfalls das verdammte Steuerrad aus der Hand zu reißen. Falls es nicht anders ging, würde sie ihn ausknocken und das verdammte Segelboot selbst in den Hafen steuern.
„Bist du dir sicher?", fragte er mit einem Grinsen und wollte wahrscheinlich schelmisch dabei aussehen. Doch Buffy fand, er wirkte einfach nur dämlich und sie nickte so schnell, wie ihre halb gefrorenen Muskeln es zuließen.
Erst hatte sie wirklich und ernsthaft gedacht, er wollte sich an sie ranschmeißen, denn aus den angekündigten Freunden war nichts geworden. Nur Charles und sie hatten am Anleger gewartet und sich die Beine in den Bauch gestanden. Doch wahrscheinlich waren die anderen, die er eingeladen hatte, nur bedeutend schlauer und saßen bei dem Wetter vor einem mollig warmen Kamin, anstatt den Nachmittag in der Schweinekälte auf einem Boot zu verbringen.
„Du hast wohl Recht", holte Charles sie aus ihren Gedanken. „Außerdem wird es schon langsam dunkel. Aber vielleicht können wir ja morgen wieder rausfahren", meinte er dann und zwinkerte ihr zu. „Ich hätte jedenfalls Zeit und mein Dad hat sicher nichts dagegen, wenn ich ihm sage, dass meine Freundin das Segeln mag."
„Morgen… habe ich… ähm… keine Zeit", murmelte Buffy leicht angewidert und schaffte es gerade noch, nicht auch noch mitleidig den Kopf zu schütteln. Wie blind konnte ein Mann denn sein? Hatte er tatsächlich nicht bemerkt, dass sie sich seit Stunden langweilte und sich dazu noch den Hintern abfror? Und sie bei seinem Dad als Freundin anzupreisen, war ja wohl der Hammer! Was dachte sich dieser Idiot eigentlich?
„Aber essen gehen wir gleich noch, oder?", fragte er scheinheilig und diesmal schaffte Buffy es nicht, sich das Seufzen zu verkneifen.
„Nein, leider nicht", sagte sie dann und sah dem Hafen entgegen, der langsam näher und näher rückte. „Ich habe meiner Schwester versprochen, heute Abend mit ihr ins Kino zu gehen." Das war natürlich eine faustdicke Lüge, aber Charles nickte nur und schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben. Ihren Seufzer verstand er wohl eher so, dass sie selbst traurig darüber war, gleich los zu müssen. Im Grunde genommen war es Buffy aber auch egal, was er dachte. Ganz sicher wusste sie allerdings, dass sie freiwillig nie wieder eine freie Minute mit ihm verbringen würde. Charles Dexter? Das bedeutete mehr als nur langweilig und öde. Es war eine Strafe und sie bedauerte die Frau jetzt schon, die irgendwann so dusselig war und seinem unbeholfenen Werben nachgab.
*~*~*
„Hey, Buffster", grinste Xander, kaum, dass sie die Haustür aufgeschlossen hatte. „Wie war der Ausflug in die normale Welt?" Er stand da, warm eingemummelt in eine dicke Winterjacke, einen Seesack über der Schulter und grinste sie gutgelaunt an.
„Reden wir nicht drüber", grummelte sie, zog ihren Mantel aus und hängte ihn
an die Garderobe. „Erzähl mir lieber, was du vorhast?", meinte sie und zeigte
auf den Seesack. „Entweder willst du noch vor den Feiertagen deine ganzen
Klamotten waschen oder du hast deinen Weihnachtsgeschenk-Kauf ein kleines
Bisschen übertrieben."
„Weder das eine noch das andere", sagte Xander und sein Gesicht wurde ernst.
„Ich, beziehungsweise wir, sind über die Feiertage eingeladen", erzählte er
dann. „Sylvies Eltern haben ganz kurzfristig ein Appartement in Aspen mieten
können und sie wollen uns dabei haben." Er seufzte. „Du weißt schon… Skifahren
und so…" Er zuckte mit den Schultern und guckte wie ein kleiner hilfloser Junge.
„Ich seh es schon kommen. Sylvies Dad wird mir wohl ordentlich auf den Zahn
fühlen. Sie hat mich schon vorgewarnt. Bisher hat er jeden Freund ausgequetscht
wie eine Zitrone."
„Du wirst es schon überleben", sagte Buffy ein wenig wehmütig. Sie mochte Xanders neue Freundin. Vor allem deswegen, weil sie ein ganz normaler Mensch war und kein Dämon. Aber traurig war sie schon. Ihre kleine Schwester war schon heute Morgen nach England abgereist, um Giles bei irgendwas zu helfen, das mit den neuen Jägerinnen zu tun hatte und nun würde auch noch Xander zu Weihnachten fehlen. Übrig blieben nur noch Kennedy und Willow und die Weihnachtsparty würde eher klein ausfallen.
„Das sagst du so", murmelte Xander, doch dann lachte er wieder. „Zur Not kann ich mir immer noch ein Bein brechen. Wenn ich dann erstmal im Krankenhaus liege, lässt er mich bestimmt in Ruhe und ich lasse mich von Sylvie ein bisschen verwöhnen."
„Das lass lieber", lächelte Buffy und nahm dann ihren Freund in den Arm. „Ich wünsche euch ein wunderschönes Weihnachtsfest. Ruf an, wenn es nicht mehr geht, dann lassen Willow und ich uns was einfallen und wir holen dich da raus."
„Auf euch ist Verlass, ich weiß", meinte Xander zwinkernd. „Mach dir keine Sorgen. Ich bin schon ein großer Junge und kann damit umgehen." Er lachte. „Ich hoffe es jedenfalls." Er hob winkend die Hand und verschwand.
„Na toll", murmelte Buffy. „Noch so eine tolle Nachricht und ich fall um", murmelte sie. Giles, Dawn und Xander nicht da. Das konnte nur ein grauenhaftes Weihnachtsfest werden. Sie seufzte und drehte sich herum. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ein ausgedehntes Vollbad zu genießen, doch die Laune dazu war ihr vergangen und so ging sie lieber in die Küche. Denn von dort hallten leise Stimmen zu ihr durch. Kennedy und Willow schienen guter Laune zu sein und vielleicht gelang es den Beiden ja, sie ein wenig aufzuheitern.
*~*~*
„Hallo Buffy", lächelte Willow auch sogleich und klappte ihr Laptop zu. „Ich
hab dich gar nicht kommen hören. Xander war gerade da und…"
„Ich weiß schon", nickte sie, „ich hab ihn noch kurz gesprochen." Sie sah erst
Willow, dann Kennedy an. „Kann Xander überhaupt Skifahren?", fragte sie und
kramte sich in ihrem Kopf durch die Erinnerungen. Xander war nie sonderlich
sportlich gewesen, doch das besagte nicht unbedingt, dass er es nicht konnte,
sondern eher, dass er dazu keine Lust gehabt hatte.
„Keine Ahnung", meinte Willow und zuckte mit den Schultern. „Surfen kann er. Früher, noch bevor du nach Sunnydale kamst, waren wir die Sommer über fast durchgehend am Strand und er kam kaum aus dem Wasser heraus. Deswegen soll er das auf zwei Brettern wohl auch hinbekommen." Sie sah ihre beste Freundin lächelnd an. „Erzähl mir lieber, wie es mit Charles war. Waren viele Leute auf dem Boot? Hast du dich gut amüsiert?"
„Hör mir bloß damit auf", schnaubte Buffy und verzog das Gesicht. „Es war eine Katastrophe. Rattenkalt, windig und einfach nur stinklangweilig. Und nein, ich werde ihn nicht wiedersehen. Charles ist ein Idiot. Ich hab es zwar schon vorher gewusst, aber jetzt hat er den letzten noch so kleinen Zweifel endgültig beseitigt." Sie seufzte, angelte sich eine Banane aus dem Obstkorb und ließ die Schultern hängen. „Was für ein Blödmann."
„Dann ist der Tag nicht gerade gut gelaufen", sagte Kennedy, nahm sich eine Tasse Kaffee und setzte sich mit an den Tisch. Sie sah ihre Freundin an, zuckte seufzend mit den Schultern und blickte Buffy beinahe mitleidig an. „Und wir haben auch noch schlechte Nachrichten."
„Warum?", fragte Buffy und ihr Magen zog sich zusammen. Hatte sich denn nun die ganze Welt gegen sie verschworen? Ihr ganzes Leben war eine einzige Katastrophe. Konnte das Schicksal nicht einmal eine Pause machen und sie zu Atem kommen lassen?
„Meine Mom hat angerufen und mir die Hölle heiß gemacht", erzählte die dunkelhaarige Jägerin und verzog das Gesicht. Sie findet, es ist langsam Zeit, dass ich Willow endlich offiziell vorstelle. Und sie meint, Weihnachten wäre die perfekte Zeit dafür."
„Wir haben versucht, sie davon abzubringen", seufzte Willow traurig und es war ihr anzusehen, dass sie hin- und hergerissen war. „Aber es hat nicht so ganz funktioniert. Du weißt schon, sie hat voll auf die Tränendrüse gedrückt und uns blieb gar nichts anderes übrig, als zuzusagen." Sie seufzte, beugte sich über den Tisch und tätschelte hilflos Buffys Hand. „Es tut mir so leid. Das erste Weihnachten in Cleveland und wir sind über die ganze Welt verstreut."
„Nicht so ganz", krächzte Buffy und räusperte sich schnell. „Ich bin und bleibe ja hier. Ganz alleine." Sie legte die Banane ungeöffnet wieder zurück in die Schale und stand auf. „Ist schon gut. Ich versteh das. Manchmal geht es eben nicht anders." Sie versuchte ein tapferes Lächeln, doch es verkam zu einer Grimasse. „Ich geh dann mal nach oben. Der Tag war anstrengend. Ich leg mich ein bisschen hin."
„Wir haben aber noch eine Überraschung für dich", rief Willow und sprang auf.
Doch Buffy ging einfach weiter. Sie hatte genug von Überraschungen und eine weitere konnte sie beim besten Willen nicht mehr verdauen.
Die rothaarige Hexe seufzte schwer. „Gott, ich hasse es. Es ist so gemein,
sie zurückzulassen." Sie wandte sich ihrer Freundin zu und verzog traurig das
Gesicht. „Oh, Mann. Das ist nicht gerade gut gelaufen. Eigentlich hatte ich
gedacht, dass wir…"
„Sie weiß, dass es nicht anders ging und sie nimmt uns das bestimmt nicht übel",
unterbrach Kennedy und strich ihr zärtlich eine verirrte Haarsträhne aus dem
Gesicht. „Es ist nur ein bisschen viel. Immerhin sind Dawn und Xander auch nicht
da." Tröstend legte Kennedy die Arme um ihre Freundin und zog sie nah an sich
heran. „Wenn sie ihre Überraschung erstmal… sieht, dann sind alle anderen Sorgen
eh vergessen."
„Ich hoffe es", seufzte Willow schwer. „Ich hoffe es wirklich."
Teil 2
Seltsame, doch sehr bekannte Düfte wehten Buffy um die Nase und sie sah sich entspannt um. Hier herrschte so viel Trubel, dass sie fast den Grund für ihr Kommen vergessen hatte. Die Weihnachtsdekoration in der Mall war berauschend. Überall funkelten Lichter, Weihnachtsmusik dudelte aus unzähligen Lautsprechern, kleine Buden boten gebrannte Mandeln, Zuckerwatte und allerlei andere Süßigkeiten an und überall herrschte ein reger Betrieb. Mütter schleiften genervt ihre trotzigen Kinder durch die Gänge, stets bemüht den Spielwarengeschäften aus dem Weg zu gehen und Männer hetzten in Boutiquen und Parfümerien, um möglichst doch noch ein passendes Geschenk für ihre Frauen oder Freundinnen zu ergattern.
Vorsichtig nippte sie an dem brühendheißen Espresso, den ihr eine als Weihnachtselfe verkleidete Kellnerin serviert hatte, und lehnte sich zurück. Zuhause hatte sie es nicht aushalten können. Das Haus, so laut und stressig es manchmal auch war, wirkte jetzt verlassen, leer und merkwürdig beängstigend. Sooft sie sich auch gewünscht hatte, einmal dort alleine zu sein und machen zu können, was sie wollte, desto mehr ging ihr die Stille dort jetzt auf den Sender.
Kurz nach dem Frühstück war sie mehr oder weniger von dort geflohen. Willow und Kennedy waren schon beim ersten Morgengrauen von einem Taxi zum Flughafen gebracht worden und Buffy hatte es alleine einfach nicht länger ausgehalten. Sie hatte sich in ihr Auto gesetzt und war in das große Shopping-Center gefahren, das erst im November seine Eröffnung gefeiert hatte.
Sie hatte die Zeit genutzt, um letzte, noch fehlende Geschenke zu besorgen. Eilig war es ja nun eigentlich nicht mehr, da Weihnachten mehr oder weniger ins Wasser fiel, aber es bedeutete auch nicht das Ende der Welt. Früher oder später würden all ihre Freunde und auch ihre kleine Schwester wieder eintrudeln und sie würden den Geschenketausch einfach nachholen. Besonders stolz war sie auf die niedliche Strickjacke, die sie für Dawn ergattert hatte. So etwas Ähnliches hatte ihre Schwester nämlich erst vor einer Woche in einem Katalog entdeckt und Buffy war sich ihres Erfolgs sicher.
Vorsichtig trank sie einen Schluck des starken Kaffees und sah sich weiter um. Ewig würde sie hier in dem kleinen, zentral gelegenen Cafe wohl nicht sitzen bleiben können und sie brauchte einen Plan. Zuhause erwartete sie nur Stille und eigentlich hatte sie keinerlei Lust, sich das wieder anzutun. Denn Stille war gleichbedeutend mit schlechten oder schweren Gedanken und eigentlich war doch jetzt die Zeit im Jahr, um alles positiv und gutgelaunt zu betrachten.
Hier im Shopping Center war alles laut und bunt und das ganze wilde Treiben verjagte sämtliche Hirngespinste, die sich eventuell einnisten konnten. Es gab viel zu sehen. Jede Menge Menschen mit verschiedensten Emotionen. Junge Paare, die Händchen haltend durch die Gänge liefen, Grüppchen älterer Menschen, die gemeinsam einen ausgedehnten Einkaufsbummel machten und ganze Busladungen kaufwilliger Familien.
Buffy lächelte und erinnerte sich an einen Ausspruch, den Ihr Wächter einmal von sich gegeben hatte. „Kein Fest der Welt ist so gefährlich wie Weihnachten. Jede Menge Menschen sehen sich, die über das Jahr kaum etwas miteinander zutun, geschweige denn irgendetwas gemeinsam haben. Das kann nur Ärger geben!"
Giles war schon ein Unikum und Buffy lächelte sachte bei dem Gedanken an ihn. Er hatte natürlich schon von ihrem Dilemma gehört und sie angerufen, kaum dass die Sonne aufgegangen war. Wie nicht anders erwartet, hatte er ihr angeboten, doch auch nach England zu kommen, aber Buffy hatte schnell abgelehnt. Ein Teil von ihr wollte nicht zeigen, dass sie sich alleingelassen und einsam fühlte und ein anderer Teil, der weitaus größer war, hatte sich das nicht antun wollen. Sie konnte sich beinahe bildlich vorstellen, wie Dawn und er in einer verstaubten Bibliothek saßen, mit Tee anstießen und einen Haufen uralter schrecklicher Bücher durchwühlten.
„Nein, ehrlich", hatte sie am Telefon zuerst wohl wenig glaubhaft versichert. „Mir geht es prima und ich kann endlich einmal ausspannen und die Ruhe genießen." Wie es so seine Art war, hatte sich Giles damit nicht so leicht abspeisen lassen und so hatte sie nachgelegt. „Endlich gehört mir das Badezimmer einmal alleine. Unterschätzen Sie das nicht! Außerdem habe ich so genügend Ruhe, um mich auf die Prüfungen vorzubereiten." Es hatte noch einige Mühe gekostet, dann hatte ihr ehemaliger Wächter nachgegeben und ihr ein frohes Weihnachtsfest gewünscht.
„Natürlich nicht, ohne mich vorher noch einmal daran zu erinnern, dass ich ihn jederzeit anrufen kann", murmelte Buffy in ihren nicht vorhandenen Bart und nippte wieder an ihrem Espresso.
Doch eine Unterhaltung konnte sie auch bedeutend einfacher führen. Sie brauchte nur an Willow zu denken und den Namen in Gedanken einmal laut aussprechen, dann war die Hexe da und sie kommunizierten mittels Gedankenaustausch. Es war schon fast einfacher als telefonieren und sie hatten sich angewöhnt, so kurze Mitteilungen oder Erinnerungen weiterzugeben. Überhaupt war Willow unglaublich mächtig geworden, doch inzwischen so in sich gefestigt, dass sie ihre Macht nur noch nutzte, wenn es wirklich angebracht war.
Gewöhnliche, alltägliche Aufgaben löste sie wieder wie jeder normale Mensch es auch tat und Buffy war froh darüber. Sie besuchten zusammen das College, wenn auch nicht im gleichen Jahrgang und über diese Art von Normalität waren wohl beide gleichermaßen froh. Das Jagen an sich war auch wesentlich leichter geworden. Anscheinend hatte sich in Cleveland schnell herumgesprochen, dass gleich zwei Jägerinnen unterwegs waren, die außerdem noch von einer der mächtigsten Hexe der Welt begleitet wurden.
Es gab wenig zu tun und Buffy hatte nun viel Zeit, sich auf ihre Ausbildung zu konzentrieren. Laut Giles hatten sich die Mächte des Bösen über den ganzen Erdball verteilt und traten nicht mehr so gebündelt wie in Sunnydale auf. Doch das kümmerte sie eigentlich wenig. Mittlerweile gab es genügend Jägerinnen und das erste Mal seit ihrer Berufung hatte sie das Gefühl, dass die Guten die Oberhand behalten würden. Was auch endlich einmal Zeit wurde!
Buffy dachte wieder daran, dass ein kaltes leeres Haus sie erwartete und sie seufzte leise. Eine Woche war eine lange Zeit und für sie war es besonders schlimm, da sie seit Jahren nicht mehr alleine gewesen war und gar nicht mehr wusste, was man mit soviel Freizeit anfangen konnte. Doch noch war Buffy nicht verzweifelt genug, um Willow oder gar Giles zu rufen. Noch lange nicht! Immerhin war sie bisher nicht mal einen Tag alleine. Tatsächlich hatte sie sich fest vorgenommen, sie überhaupt nicht zu kontaktieren. Eine kleine Pause tat allen gut und solange sie nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte, würde sie jedem seine freien Tage gönnen. Und auch, wenn ihre eigenen freien Tage mehr oder weniger erzwungen waren, so war Buffy doch nicht bereit die Waffen zu strecken und aufzugeben. Sie würde das Beste draus machen und gut!
Die Kellnerin kam vorbei und Buffy orderte einen weiteren Espresso. Der würde zwar ihrem Nervenkostüm nicht gerade zugute kommen, sie hibbelig und nervös machen, doch noch war sie nicht bereit, den Platz, den sie sich so mühsam in dem ganzen Gedränge ergattert hatte, wieder freizugeben.
‚Was Willow wohl für eine Überraschung geplant hat?’, überlegte sie nun fieberhaft. Heute Morgen hatte es die Rothaarige noch einmal erwähnt und dabei erst schelmisch gelacht, doch dann war sie ganz ernst geworden. „Ich hoffe, du nimmst mir das nicht krumm!"
„Was das wohl ist?", überlegte Buffy und runzelte die Stirn. Seltsam sonderbar hatte das Ganze geklungen und sie konnte sich so gar keinen Reim darauf machen. Dann riss sie die Augen auf. „Ach du meine Güte! Sie wird doch wohl nicht in meinem Namen Charles eingeladen haben?" Erschreckt sah sie auf. Sie hatte laut gesprochen, doch die anderen Gäste hatten anscheinend nichts davon mitbekommen und sie seufzte erleichtert. Es reichte, dass man sie in Sunnydale für seltsam gehalten hatte, das brauchte sie in Cleveland nicht wieder.
Lächelnd nahm sie ihren zweiten Espresso in Empfang, streute Zucker hinein und rührte gedankenverloren um. Nein. Willow würde ohne ihre Zustimmung nicht so weit gehen. Oder vielleicht doch? In der letzten Zeit hatte sie öfter mit ihr geschimpft. „Du kannst dich nicht immer hinter deinen neuen Schulbüchern verstecken. Buffy, die Welt läuft weiter und du musst deine Vergangenheit hinter dir lassen!"
Aber hatte sie deswegen selbst dafür gesorgt, dass Buffy sich mit Männern traf? Das konnte sie ihr doch nicht antun! Für einen Moment verfiel Buffy in Gedanken, dann schüttelte sie den Kopf. Nein! Das würde Willow nicht tun. Schon in Sunnydale war jeder Verkupplungsversuch fehlgeschlagen. Und zwar ordentlich! Das hatten sie hinter sich gelassen. Genau wie die ganze verdammte Stadt, die jetzt unter Tonnen von Schutt begraben in der Wüste lag!
Doch was konnte Willow sonst für eine Überraschung geplant haben? Vielleicht war es etwas ganz anderes. Etwas viel einfacheres. Ein Fünf-Gänge-Menü, das ihr Heiligabend, also heute, ins Haus geliefert wurde? Möglicherweise auch… . Dann wischte Buffy die Überlegungen aus ihrem Kopf. Es hatte wenig Sinn darüber nachzudenken. Willow folgte schon immer einer ganz anderen Melodie als sie selbst und deswegen war es schier unmöglich, darauf zu kommen, was die Rothaarige im Sinn hatte.
Buffy trank ihren Espresso leer, zahlte und erhob sich seufzend. Noch länger konnte sie den Platz im Kaffee nicht besetzen. Eine lange Schlange hatte sich bereits am Eingang gebildet und ihr waren die genervten Blicke der Wartenden nicht entgangen, die nicht verstanden, wie eine einzelne Person einen Tisch für vier in Beschlag nehmen konnte. Also schnappte sie sich ihre Einkaufstüten und marschierte los.
Einen wirklichen Plan hatte sie noch immer nicht im Kopf, doch sie wusste eins ganz sicher! Nach Hause wollte sie noch nicht. Und so nahm sie sich vor, einfach so lange durch die Gänge zu wandern, wie die Läden offen hatten, oder ihre Füße das Spiel mitmachten.
Jede Weihnachtsdekoration wurde eingehend begutachtet, jedes Schaufenster ausführlich betrachtet, doch nur eins war so schockierend, dass ihr beinahe das Herz stehen blieb. In der Auslage eines ausgeflippten Herrenausstatters hing ein schwarzer Ledermantel, der dem von Spike äußerst ähnlich sah. Buffy schluckte schwer und ging weiter. Doch nach wenigen Metern drehte sie wieder um, ging zurück und stand wie angewurzelt vor dem Schaukasten.
„Ach du meine Güte", dachte sie laut und schüttelte den Kopf. Willow hatte wirklich Recht. Es wurde Zeit, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Doch warum schaffte sie es dann nicht, den Blick von dem Mantel zu lösen? Irritiert schüttelte Buffy den Kopf. „Jetzt krieg dich wieder ein", schimpfte sie leise mit sich selbst und zwang sich weiterzugehen.
Diesmal kam sie glatt drei Geschäfte weiter. Dann war es, als würden Fäden sie lenken und sie drehte wieder um. Doch nun ging sie sogar noch weiter, als nur mit großen Augen in das Fenster zu starren. Sie betrat den Laden und steuerte sofort auf das gute Stück zu. Natürlich konnte man sehen, dass es sich um Neuware handelte und nicht wie Spikes abgetragen und an vielen Stellen defekt war, doch es war der gleiche Schnitt, das gleiche weiche Leder.
„Ein schönes Stück", sagte eine Stimme hinter ihr und sie drehte sich erschrocken herum.
Ein schmieriger Verkäufer mit einem albernen Elchgeweih auf dem Kopf strahlte sie an. „Der Mantel ist wirklich wunderschön. Haben Sie das Leder gefühlt? Samtweiches Nappaleder, handgenäht und gefärbt."
„Ich wollte… wollte ihn mir nur einmal ansehen", stotterte sie und schüttelte über sich selbst erstaunt den Kopf. „Ein Freund von mir hat so einen ähnlichen", versuchte sie zu erklären und lächelte dann undurchsichtig. „Ich hab ihn von draußen gesehen und…"
Dann kniffen sich ihre Lippen zusammen und tat etwas, was vollkommen verrückt war. Sie nahm den Mantel vom Haken, drückte ihn dem verdutzt dreinschauenden Verkäufer in die Hand und grinste breit. „Ich nehme ihn jetzt gleich mit! Packen Sie ihn bitte ein." Sie zückte ihre Kreditkarte und nickte ihm zu. „Eine Tüte reicht. Es ist kein Weihnachtsgeschenk."
*~*~*
Viele Stunden später lag Buffy in ihrem Bett und starrte auf den Mantel, den sie aus der Tüte geholt und sogar mit auf ihre Schlafstatt genommen hatte. „Was zum Teufel hat mich denn da geritten?", überlegte sie fieberhaft. Das war doch total töricht. „Was soll ich denn damit anfangen?" Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Manchmal drehst du echt durch!", schimpfte sie und seufzte wieder, diesmal schwerer.
Der Mantel änderte auch nichts an ihrer Situation. Es war nur ein Zeichen dafür,
dass sie noch immer nicht mit der Vergangenheit abschließen konnte und
offensichtlich darauf wartete, dass Spike eines Tages zur Tür hereinspazierte.
Ihr logischer Verstand sagte ihr, dass das niemals passieren würde. Er hatte ihr
offenbar nicht geglaubt, als sie ihm schlussendlich doch ihre Liebe gestanden
hatte. Aber das war nur verständlich, nach all dem, was er mit ihr durchgemacht
hatte. Sie hätte es an seiner Stelle auch nicht ernst genommen.
Seufzend packte sie das teure Stück wieder in die Tüte und schob sie an den untersten Rand des Bettes. „Wenn die Geschäfte wieder auf sind, dann gehst du und bringst das verdammte Teil zurück. Und danach, Buffy Summers, kriegst du dein Leben endlich wieder in den Griff! So kann das nicht weitergehen."
Sie kuschelte sich in ihr Kissen, zog die wärmende Decke bis zur Nase hoch und schloss demonstrativ die Augen. Doch einschlafen konnte sie nicht. Ihre Gedanken wanderten wieder und wieder zu dem Mantel und zu Spike zurück und so zwang sie sich, an etwas anderes zu denken. „Oh", murmelte sie, als ihr etwas einfiel. „Willows Überraschung ist wohl irgendwie in die Hose gegangen."
Heiligabend war vorüber, der erste Weihnachtstag längst angebrochen, wie ihr Wecker deutlich machte und sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte sie doch Charles eingeladen und es sich dann doch anders überlegt", murmelte sie und gähnte herzhaft. „Gott sei Dank! Das hätte mir echt zu meinem Glück gefehlt." Ein letztes Mal sah sie auf ihren Wecker, dann fielen ihre Augen zu und sie schlief tief und fest ein.
Teil 3
„Guten Morgen, Sonnenschein", begrüßte eine offensichtlich blendend gutgelaunte Willow die noch immer tief schlafende Buffy. „Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest, du Schlafmütze!"
„Wa… wa… was?", murmelte die Jägerin und versuchte die Augen zu öffnen. „Oh", brummte sie, als sie begriff, dass ihre Freundin nur in Gedanken zu ihr sprach und sie einfach liegen bleiben konnte. „Dir auch frohe Weihnachten!" Buffy gähnte herzhaft. „Aber warum weckst du mich so früh?"
„Es ist fast Mittag", lachte Willow beschwingt. „Ich habe schon so lange gewartet, wie es mir möglich war. Aber jetzt muss ich gleich runter. Kennedys Mom tischt ein Wahnsinns Weihnachtsessen auf und ich darf mich nicht verspäten. Sie ist etwas pingelig, wenn du verstehst, was ich meine."
„Okay", murmelte Buffy, ohne auch nur die Lippen zu bewegen. Eine rein gedankliche Kommunikation hatte weiß Gott was für sich. „Willow?", fiel es Buffy plötzlich ein. „Warum ist es so kalt?"
Es dauerte einen Moment, bis die rothaarige Hexe antwortete. „Es hat die ganze Nacht über geschneit. Über einen Meter Neuschnee in nur einer Nacht. Die Stromverbindung ist gekappt, deswegen ist auch die Heizung ausgefallen. Vielleicht solltest du lieber aufstehen und den Kamin anmachen."
„Okay", gähnte Buffy und verabschiedete sich. „Bis bald und hab viel Spaß." Sie wartete, bis Willow ihre Gedanken verließ und kuschelte sich dann wieder in ihr Kissen. Sie hatte alle Zeit der Welt und das Aufstehen eilte nicht. Doch dann runzelte sie die Stirn. Kamin? Was für einen Kamin? Sie hatte doch gar keinen. Im ganzen Haus war keiner!
„Was das wohl sollte?", überlegte sie laut und gähnte herzhaft.
„Das ist eine gute Frage, Slayer. Eine verdammt gute", kam als Antwort und sie riss die Augen auf.
Buffy fuhr hoch, erkannte Spike, der sich mit grimmigem Gesichtsausdruck vor ihrem Bett aufgebaut hatte und sie beinahe wütend anfunkelte. „Auch schon ausgeschlafen?"
„Was machst du hier? Wie kommst du in mein Zim…", schoss es aus ihr heraus, dann stockte ihr der Atem. Sie saß zweifellos auf ihrem Bett, aber ihr Zimmer war das definitiv nicht. Eher eine Art Blockhütte, in der nur ein sehr schwammiges Licht herrschte. Vollkommen verwirrt sprang sie auf und lief auf ein halb zugefrorenes Butzenfenster zu, legte ihre Hand darauf, um den Frost anzutauen und wischte dann wie wild daran herum. Dann schaute sie mit großen Augen nach draußen. „Schnee. Jede Menge Schnee, ein paar eingeschneite Bäume und wieder Schnee!" Zuhause in Cleveland war sie sicherlich nicht!
„Ist mir auch schon aufgefallen", brummte Spike, der sich mittlerweile auf dem Rand des Bettes niedergelassen hatte. „Allerdings habe ich mir das leichter gemacht und hab einfach die verdammte Tür da aufgemacht. Kilometerweit nur eine Farbe! Weiß!"
Vollkommen perplex starrte Buffy in die angegebene Richtung und schüttelte de
Kopf. „Wie komme ich hierher?"
„Auch das ist eine gute Frage und eigentlich wollte ich die stellen", murrte der
Vampir und kramte eine Packung Zigaretten aus den Tiefen seiner Hosentasche. Er
warf einen langen Blick darauf, verdrehte die Augen und steckte sie wieder weg.
„Du scheinst nicht gerade viel Plan davon zu haben, was passiert ist", meinte er
dann und sah sie abwägend an. „Oder irre ich mich?" Es war schwer, ihr mit einer
Eiseskälte zu begegnen, doch die Erinnerungen an eine frühere Zeit ließ ihn
durchhalten und er verzog keine Miene. „Ich bin in dem Sessel da wach geworden
und bisher stand das verfluchte Ding in Los Angeles. In meinem verdammten
Zimmer!", erklärte er kaltschnäuzig und zeigte über seine Schulter. Allerdings
erwähnte er nicht, dass er bereits vor Stunden aufgewacht war und er seitdem
nichts weiter unternommen hatte, als ihr beim Schlafen zuzusehen.
„Ich habe eine Überraschung für dich", murmelte Buffy lautlos. „Hoffentlich nimmst du mir das nicht krumm." Das waren Willows Worte gewesen und so langsam sickerte in ihr Hirn, was passiert war.
Dann erst registrierte sie, dass sie mit vom Schlaf zerzausten Haaren und nur einem dünnen Hemdchen bekleidet vor Spike stand und sie zitterte. Ob allerdings vor Kälte oder aus anderen Gründen vermochte sie nicht zu sagen. Schnell hüpfte sie an ihm vorbei, riss ihm die Decke unter dem Hintern weg und vergrub sich darin. Wohl tausendmal hatte sie sich das Wiedersehen mit Spike ausgemalt, doch so beschämend war es nicht ein einziges Mal gewesen.
„Also", riss der Vampir sie aus ihren Gedanken. „Irgendeine Ahnung, warum ausgerechnet wir beide in dieser saukalten Einöde hocken?" Er hatte eine vage Vermutung, wollte jedoch ganz sicher sein, bevor er loszog und einer rothaarigen Hexe den Kopf abriss.
„Das war Willow", brummte Buffy, halb von der Decke verdeckt. Im Moment fühlte sie sich verlegen wie nie zuvor im Leben und am liebsten wäre sie nie wieder unter der Decke hervorgekommen. Doch irgendwann würde sie Wohl oder Übel müssen.
„Hab ich es mir doch gedacht", schnaubte Spike, dann lachte er gehässig. „Warum versteckt du dich vor mir? Es wäre nicht das erste Mal, dass du nur spärlich bekleidet vor mir hin- und herhüpfst!"
Seine Stimme klang alles andere als freundlich und ein dicker Kloß breitete
sich in Buffys Kehle aus. Doch dann wurde sie wütend, zog den Kopf unter der
Decke weg und funkelte ihn böse an. „Und du bist immer noch ein Idiot! Ich weiß
gar nicht, warum ich dich unbedingt wiedersehen wollte!"
Sie verdrehte die Augen. Nur zwei Sätze und schon hatte sie mehr ausgeplappert,
als sie eigentlich vorgehabt hatte. „Warum verschwindest du nicht einfach?",
schnaubte sie mit einem bis zum Himmel klopfendem Herzen und zeigte auf die Tür.
„Es zwingt dich niemand hierzubleiben!"
Spike, von dem gerade Gehörten komplett verwirrt, reagierte sauer. „Es schneit, ist rattenkalt und ich habe nicht mal eine verdammte Jacke mit", schimpfte er mit zusammengekniffenen Augen. „Mal ganz abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer habe, in welchem bekloppten Land ich mich gerade befinde…. Außerdem habe ich nicht darum gebeten, nachts im Schlaf verschleppt zu werden!"
„Ich auch nicht", fauchte Buffy, krabbelte von blanker Wut erfüllt über das Bett und warf ihm die Tüte an den Kopf, die noch immer am Fußende lag. „Nimm das und verschwinde!"
„Wofür?", knurrte Spike, riss die Plastiktüte zur Seite und verstummte, als ein schwarzer Ledermantel heraus kullerte. „Du hast… hast mir einen Mantel gekauft? Warum zur Hölle hast du das gemacht?" Er konnte ein verräterisches Krächzen in seiner Stimme nicht verhindern und sah Buffy fragend an.
Aber die Jägerin war alles andere als positiv gestimmt. Eher im Gegenteil; sie kam gerade erst richtig in Fahrt! Mit einem Satz sprang sie vom Bett und rannte durch die Hütte. „Gibt es hier auch irgendwelche Klamotten für mich? Scheiße! Gott, Willow! Das war vielleicht eine blöde Idee!"
Sie durchsuchte die spärlich aufgestellten Schränke und raufte sich die Haare, als sie keine Anziehsachen für sich fand. „Willow?", rief sie, erst leise, dann lauter. „Willow!" Doch die Hexe antwortete nicht. Entweder konnte sie nicht, oder sie wollte nicht und Buffys Laune wurde noch mieser.
„Runter von meinem Bett", motzte sie deswegen den einzig Anwesenden an. Spike. „Los! Runter von meinem Bett!", donnerte sie und stemmte die Hände wütend in die Hüfte. „Verdammt, hörst du schlecht oder was? Verschwinde endlich!"
Dann sah Spike auf. Mit gelblich aufblitzenden Augen funkelte er sie an, bevor er aufstand und wie ein Raubtier auf sie zuging. „Was zur Hölle ist hier los?", fauchte er und baute sich drohend vor ihr auf. „Und wie wäre es zur Abwechslung mal mit der Wahrheit? Mit der ganzen verdammten Wahrheit", knurrte er und kniff die Augen zusammen. „Also! Was zur Hölle ist hier los?"
„Was hier los ist?", wiederholte sie, sah ihm fest in die Augen und lachte bitter auf. „Was hier los ist? Ich bin dämlich! Das ist hier los!", platzte es aus ihr heraus. „Ich konnte die Vergangenheit nicht hinter mir lassen! Konnte dich nicht hinter mir lassen!", schimpfte sie und verpasste ihm einen Faustschlag auf den Oberarm. „Jede verdammte Nacht träume ich von dir! Jedes Mal sage ich dir, dass ich dich liebe und jede verdammte Nacht gehst du in Flammen auf!"
Wieder schlug sie zu, diesmal härter. „Warum konntest du mir nicht glauben? Warum hast du mich allein gelassen?" Ihre Stimme überschlug sich und eine Träne bahnte sich einen Weg über ihre Wange. „Warum hast du mich allein gelassen?"
Es war beschämend und Buffy fühlte sich bis ins Innerste gedemütigt. „Lass mich", forderte sie ihn auf und versuchte sich an ihm vorbeizudrücken.
Doch Spike hielt sie auf, hielt sie an beiden Oberarmen und drehte sie so, dass er ihr in die Augen blicken konnte. „Was…", begann er, stockte dann und holte unnötigerweise tief Luft. „Was zur Hölle hat das zu bedeuten?"
„Hast du es noch nicht begriffen?", motzte Buffy unglücklich und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Hab ich mich gerade nicht genug zum Affen gemacht? Da war doch wohl nicht viel falsch zu verstehen."
„Aber ich will es hören", forderte er sie auf und ließ sie los. „Ich will, dass du mir in die Augen siehst und es sagst." Eine Welt um ihn herum stürzte gerade ein und eine andere, mit der er nie im Leben gerechnet hatte, baute sich wieder auf. „Sag es mir!" Seine Stimme klang beinahe flehentlich und er hasste sich dafür.
Es war beschämend und Buffy drehte sich aus seinen Armen und seufzte. Sie starrte den Holzfußboden an und sackte ein Stück in sich zusammen. „Du weißt es doch schon. Ich liebe dich! Hab dich immer geliebt, war nur zu blöde, um das zu begreifen."
„Buffy", stammelte Spike, dann hatte er sich wieder gefangen und zog sie ein kleines Stückchen näher an sich heran. „Ich möchte, dass du mich dabei ansiehst. Sag es mir", forderte er sie wieder auf.
„Gott, Spike!", schimpfte sie und sah ihn böse an. „War das noch nicht genug?" Sie reckte ihr Kinn und machte ein trotziges Gesicht. „Ich liebe dich! Ist das jetzt genug? Reicht das je…?"
Weiter kam sie nicht, dann Spike hatte sie ganz dicht an sich herangezogen und ihre Nasen berührten sich fast. „Das reicht", sagte er in einer Stimmlage, die ihr einen Schauer über den Rücken warf. „Mehr brauche ich nicht zu hören", flüsterte er, dann eroberten seine Lippen die ihren im Sturm.
Eine ganze Weile standen sie da, eng umschlungen, und erst, als ein vernehmliches Räuspern zu hören war, ließen sie voneinander ab. „Geht doch", lächelte Willow, die leicht durchscheinend ein paar Schritte von ihnen entfernt stand. „Und ich dachte schon, ich schaff es wirklich nicht mehr rechtzeitig zum Mittagessen." Sie lächelte erst Buffy, dann Spike zu. „Und weil heute Weihnachten ist, machen wir das Ganze nun ein wenig theatralisch." Sie klatschte in die Hände und viele Dinge passierten gleichzeitig. Im Kamin erwachte ein prasselndes Feuer zum Leben, hunderte von Kerzen flammten auf und auch ein kleiner Kühlschrank brummte freudig los. Die ganze Blockhütte schien auf einen Schlag warm und behaglich und, als dann auch noch ein kleiner Weihnachtsbaum aufleuchtete, schien ihre Arbeit getan.
„Willow", murmelte Buffy, wurde jedoch sogleich von der Hexe unterbrochen. „Es ist genauso, wie es zu Weihnachten sein sollte", lächelte sie. „Das Fest der Liebe." Sie nickte und eine kleine Reisetasche erschien aus dem Nichts in ihrer Hand. „Ich habe euch beiden ein paar Sachen eingepackt", meinte sie und zeigte dann nach draußen. „Aber in dieser Kälte wollt ihr bestimmt nicht sehr viel unternehmen." Sie lächelte schelmisch und zuckte mit den Schultern. „Könnte ich mir zumindest vorstellen."
Sie warf dem Vampir die Tasche zu und dieser fing sie locker mit einer Hand
auf. „Wo sind wir eigentlich?", fragte er, warf die Reisetasche vor das Bett und
zog dann wieder Buffy an sich. „Obwohl das eigentlich auch unwichtig ist."
„Im hintersten Winkel von Norwegen", meinte Willow und wandte sich um. „Ich
komme sofort", sagte sie zu einer unsichtbaren Person und Buffy war klar, dass
sie mit Kennedy sprach. „Ich muss jetzt wirklich los", sagte Willow zur Jägerin.
„Ich habe leider nicht die Zeit, euch alles haarklein zu erklären. Aber
vielleicht muss ich das auch gar nicht." Sie lächelte wieder. „Ich denke mal, in
ungefähr einer Woche komme ich wieder, um euch abzuholen."
„Okay", murmelte Buffy, noch immer nicht ganz sicher, ob sie sich freuen oder
doch lieber weglaufen sollte. Dann entschied sie sich fürs Bleiben. Sie
kuschelte sich an Spike und winkte ihrer besten Freundin zwinkernd zu. „Wir
wollen dich nicht länger aufhalten."
Lachend hob Willow eine Hand und winkte zurück. „Frohe Weihnachten euch beiden", rief sie. „Und nutzt die freie Zeit gut!" Dann verschwand sie lautlos.
„Eine Woche?", sagte Spike und schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Das ist viel zu kurz", er zwinkerte und küsste Buffy auf die Nasenspitze. Dann lächelte er spitzbübisch und hob sie in seine Arme. „Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine einzige Sekunde zu verschwenden", meinte er, während er sie zum Bett trug. „Wir haben so einiges nachzuholen! Und glaub ja nicht, dass du auch nur eins der Kleidungsstücke brauchst, die Willow dir eingepackt hat. Das kannst du gleich wieder vergessen."
„Okay", murmelte Buffy und zog ihn zu sich herunter. „Damit habe ich keinerlei Probleme." Sie küsste ihn stürmisch und sah ihn dann verliebt an. „Und glaub du ja nicht, dass ich dich jemals wieder gehen lasse!"
„Okay", wiederholte er ihre Worte. „Damit habe ich keinerlei Probleme!" Er zwinkerte ihr zu, dann zog er sie in seine Arme und in einen leidenschaftlichen Kuss. „Nein, damit habe ich keinerlei Probleme."