
A new lesson to learn
Warm schien die Sonne auf seinen Rücken und das laue Lüftchen sorgte dafür, dass es nicht zu unangenehm heiß wurde. Iofiel saß auf einer flauschigen Wolke, mit einem dicken Buch auf den Knien und schien völlig in der Lektüre versunken zu sein.
Er musste noch so viel lernen. Er hatte so viele Fragen, hunderte von Fragen und Iofiel hoffte, dass dieses alte Buch über das Wissen und die Weisheit ihm dabei behilflich sein würde.
„Hier bist du", erklang hinter ihm eine sehr bekannte Stimme und er seufzte leise. Damael hatte eigentlich nicht sehen sollen, was er gerade machte. Aber er hätte auch wissen müssen, dass der große Engel ihn finden würde.
„Ja", erwiderte Iofiel schlicht. „Wir haben zurzeit ja keinen neuen Auftrag
und deswegen habe ich…"
„Was liest du denn da?", unterbrach der große Engel. „Oh, das Buch kenne ich.
Hilft es dir?"
„Woher weißt du, dass ich mir daraus Hilfe erhoffe?" Iofiel sah auf und
schüttelte den Kopf. „Schon gut. War eine blöde Frage." Damael wusste es
einfach. Damael wusste alles und zu jeder Zeit.
„Warum fragst du nicht einfach, wenn du etwas wissen willst?", fragte der ältere Engel.
„Weil…weil…ich mir manchmal klein und dumm vorkomme", seufzte Iofiel leise.
„Es ist nicht immer einfach, mit einem so erfahrenen Engel wie dir
zusammenzuarbeiten."
„Iofiel", sagte der ältere Engel sanft. „Wenn du wachsen willst, dann musst du
lernen und dazu gehört nun mal auch, eine Menge Fragen zu stellen."
„Ich weiß", murmelte der Kleine. „Aber es ist trotzdem schwer."
„Was möchtest du wissen?", fragte Damael einfach und ließ sich neben ihm auf der
Wolke nieder.
„Ich habe so viele Fragen", antwortete Iofiel und verfiel einen Augenblick in nachdenkliches Schweigen. „Was ich gar nicht verstehe, ist die Sache mit den Menschen und dem Himmel. Immerhin gibt es so etwas wie den Himmel gar nicht."
„Das ist gar nicht so kompliziert, wie du vielleicht annimmst", erwiderte der Große. „Jeder Mensch, egal ob gut oder böse, hat eine gewisse Vorstellung über das Leben nach dem Tod. Einige erwarten, ihre Freunde und Verwandten wieder zu sehen, andere glauben, sie landen in einem hellen Licht und sind nur noch von Wärme umgeben und wieder andere, deren Leben nicht ganz so verlaufen ist, wie es vielleicht sollte, erwarten, in der Hölle zu schmoren und genau das wird auch geschehen." Er machte eine kurze Pause. „Seelen sind etwas sehr Kompliziertes", fügte er dann nickend hinzu. „Jeder erlebt genau das, was er erwartet."
„Dann ist es wie ein nie endender Traum?", fragte Iofiel verblüfft.
„Einfach ausgedrückt", lächelte der große Engel. „Die Seele ruht nach dem Tod
eines Menschen in sich selbst und erzeugt das, was der betreffende Mensch sich
erhofft, erträumt oder gar erwartet hat."
„Ja, na gut. Das habe ich einigermaßen verstanden", sagte der kleine Engel.
„Aber Seelen scheinen sehr komplex zu sein."
„Das stimmt allerdings", erwiderte Damael ernst. „Und wir werden sie niemals
völlig entschlüsseln oder verstehen. Warte, ich will dir was zeigen." Er
breitete seine Arme aus und erzeugte Bilder, die wie ein Film vor ihren Augen
abliefen.
„Oh. Das ist ein Vampir", stellte Iofiel wenige Augenblicke später betroffen fest.
„Ja, das ist einer", lachte Damael. „Hör mal genau hin."
Iofiel spitzte die Ohren und lauschte angestrengt. Seine Wangen verfärbten sich
rot, als er den größeren Engel ansah. „Der kann vielleicht fluchen", murmelte er
leise. „Warum zeigst du ihn mir? Er ist ein Vampir, er hat keine Seele und er
tötet Menschen. Er ist ein furchtbares Wesen und verdient deine Aufmerksamkeit
nicht."
„Und du hast wieder einmal vergessen, dass wir nicht über irgendwelche Wesen
richten", erinnerte Damael ihn. „Schau hin. Ich zeige dir einige Szenen aus
seinem Leben."
„Ich will aber nicht sehen, wie er Menschen tötet", murmelte Iofiel und wollte sich abwenden.
„Du wolltest lernen, also solltest du es dir ansehen."
Der kleine Engel seufzte und schaute dann gebannt auf die Bilder, die der große
Engel ihm zeigte. „Das ist also Spike", raunte er wenige Minuten später. „Von
dem habe ich schon gehört. Dann ist es also die Vergangenheit, die du mir
zeigst."
„Ja, das ist es", nickte Damael. „Aber du musst alles über ihn wissen, um ihn
verstehen zu können."
„Oh, Himmel", murmelte Iofiel einige Minuten später. „Er hat versucht, die Jägerin zu vergewaltigen."
„Ja, versucht hat er es", lächelte Damael.
„Warum lachst du denn? Ich fasse es nicht. Du bist ein Engel", schimpfte der Kleine. „Darüber kann und darf man nicht lachen", brüskierte er sich. „Also wirklich, dass hatte ich gerade von dir nicht erwartet."
„Jetzt beruhige dich mal wieder", stoppte der große Engel ihn. „Immerhin hat
er es nur versucht. Und das nicht mal ernsthaft. Es war mehr ein Versuch, seine
Wut und seinen Frust abzubauen. Schau lieber hin, was er jetzt macht."
„Ich… ich will aber nicht", nörgelte Iofiel und sah doch gebannt auf die Bilder,
die sich vor ihm abspielten. „Was macht er denn jetzt?", fragte er Minuten
später perplex.
„Er versucht, seine Seele zurückzubekommen."
„Er kämpft tatsächlich um seine Seele", stellte der kleine Engel verblüfft fest. „Aber warum? Er ist ein Vampir und er kann damit doch gar nichts… damit anfangen. Seine Seele wird ihm Schmerzen und wahre Höllenqualen bereiten, wenn er sie zurückerhält. Warum macht er denn das? Und dann auch noch aus freiem Willen?"
„Liebe", antwortete Damael mit einem Wort.
„Er ist ein Dämon. Ein Vampir. Er kann keine Liebe empfinden."
„Genau das ist es, was ihn von allen anderen Vampiren unterscheidet",
erklärte Damael. „Spike ist außergewöhnlich und er verdient es, dass wir seinen
Lebensweg beobachten."
Der kleine Engel schaute weiter gebannt auf das Leben des Vampirs und schüttelte
zwischendurch ungläubig den Kopf. „Er ist unglaublich stark, aber ich glaube,
ohne Hilfe wird er seine Seele nicht zurückerhalten."
„Schau einfach hin", lächelte der große Engel wieder. Er würde es nur ungern
zugeben, aber er war sehr stolz auf seinen jungen Schüler. Sicher, eigentlich
waren sie Kollegen, aber man brachte nicht umsonst erfahrene Engel mit Neulingen
zusammen.
„Du hast ihm geholfen", rief Iofiel und sprang auf. Er drehte sich zu seinem Partner um und schaute ihm ins Gesicht. „Du hast ihn bei seiner letzten Prüfung unterstützt."
„Ja, allerdings", schmunzelte Damael. „Er hatte sich meine Unterstützung
redlich verdient."
„Nun ja", murmelte der kleine Engel. „Ich weiß nicht, ob das so ist. Er ist
immer noch ein Vampir und er hat hunderte von Menschen getötet. Meiner Meinung
nach hätte er vernichtet werden sollen, anstatt seine Seele zurückzuerhalten."
Langsam setzte er sich wieder, schlug die Beine übereinander und kuschelte sich
in die Wolke.
„Muss ich dich wieder daran erinnern, dass wir nicht über Menschen oder Vampire richten?", erwiderte Damael. „Du musst einfach weiter hinsehen, dann erkennst du vielleicht, warum ich ihm geholfen habe." Er lächelte, als der kleine Engel wieder begeistert dem Leben des Vampirs folgte.
Iofiel hatte ein gutes Herz, aber er hatte noch nicht gelernt, es auf alle Lebewesen auszudehnen. Für ihn gab es nur schwarz und weiß und Damael schmunzelte wieder. ‚Irgendwann wird er lernen, dass alles grau ist. Nichts ist nur gut oder nur böse. Alles ist grau!’
„Er hat einen Weltuntergang verhindert", murmelte Iofiel wenige Minuten später fassungslos. „Er hat einen Weltuntergang verhindert und hat sein Leben gelassen. Ich verstehe das nicht. Wie? Warum hat er…? Das kann…"
„Ja, er ist verbrannt. Er hat sein Leben für das der Jägerin gegeben."
„Aber warum? Lag es an der Seele, die er sich zurückgeholt hatte?", bohrte der
Kleine weiter.
„Nein. Und genau das ist das Bewundernswerte an ihm. Er hätte dasselbe auch
ohne seine Seele getan."
„Aber dann verstehe ich es überhaupt nicht", gestand Iofiel.
„Ich habe dir gesagt, dass Spike ein ganz außergewöhnlicher Vampir ist", sagte Damael.
„Wohl eher war", warf der kleine Engel ein.
„Nein", lächelte Damael. „Er ist es noch immer. Er ist zurück auf die Erde geschickt worden und hat einen weiteren Endkampf überlebt. Allerdings nur durch die Unterstützung vieler kleiner geschickter Helfer. Die Vorsehung hat noch große Dinge mit ihm vor und wird jetzt auch wieder für den richtigen Partner an seiner Seite sorgen."
„Aber was macht ihn so außergewöhnlich?", fragte der kleine Engel.
„Hast du denn nicht zugesehen?", tadelte Damael sanft. „Aus dem Grund habe ich dir doch sein Leben gezeigt."
„Sicher, ich habe es gesehen", meinte Iofiel beleidigt. „Aber es kann doch
nicht nur die Liebe dafür verantwortlich sein."
„Nein, aber das war der Anfang. Spike war von jeher anders als andere Vampire.
Keiner weiß genau, warum", versuchte der große Engel zu erklären. Meiner Meinung
nach hat er sein Schicksal selbst gewählt. Er allein war für seinen Weg
verantwortlich und die Vorsehung hat ihn unterstützt."
„Ja, das hast du eben schon einmal erwähnt. Also das mit der Vorsehung. Was genau macht er denn jetzt?", fragte Iofiel neugierig.
„Er ist genau da, wo er sein sollte", lachte der große Engel. „Schau."
„London? Er ist in London?", wunderte sich der kleine Engel, nachdem Damael ihm die Bilder gezeigt hatte.
„Ja, genau dort. Dort, wo alles für ihn begann."
„Aber was macht er denn dort ganz alleine?"
„Er ist nicht alleine. Schau mal genau hin", erwiderte Damael. „Siehst du? Die Jägerin ist bei ihm."
„Aber das ist ja die Jägerin, die er in Sunnydale versucht hat, zu…"
„Ja, die ist es!", lachte Damael. „Sie haben sich wieder gefunden und dieses
Mal ändert sich vielleicht alles."
„Was genau meinst du damit?", fragte Iofiel neugierig.
„Alles zu seiner Zeit", lächelte Damael. „Alles zu seiner Zeit."
Der kleine Engel seufzte. „Das ist gerade ziemlich gemein, aber ich weiß, ich soll mich in Geduld üben."
Damael nickte. „Iofiel, ich bin sehr stolz auf dich. Du bist gerade ein ganzes Stück gewachsen."
„Danke", murmelte der Jüngere verschämt. „Werde ich denn erfahren, was genau
jetzt mit dem Vampir geschieht?"
„Das wirst du. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. Und jetzt komm.
Wir haben einen neuen Auftrag."
Der kleine Engel klappte das schwere Buch zu. „Danke", murmelte er, nickte dem großen Engel zu und erhob sich in die Lüfte. „Wer als letztes da ist, hat verloren!", rief er und verschwand lachend.
Damael sah ihm milde lächelnd nach. „Du weißt doch gar nicht, wo es hin geht", schmunzelte er und flog dem jüngeren Engel langsam hinterher. „Aber du wirst es erfahren!"