Titel: Tango Infernale II
Autor: Silentthunder
Inhalt: Angel und Spike geraten ungewollt in eine Situation, die dem älteren Vampir gar nicht geheuer ist. Flucht wäre das Einfachste, nur ist die leider nicht möglich.
Altersfreigabe: keine
Teile: 1
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Angel/Spike

 

Tango Infernale II

 

Die Nacht war wolkenverhangen und für diesen Landstrich völlig unpassend, roch es nach Schnee. Aber immerhin war bald Weihnachten und sogar Südkalifornien versank hin und wieder in einer weißen Pracht. Wenn auch nie für sehr lange. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatten sie einen freien Abend, den sie ausnahmsweise nicht mit dem Lösen irgendwelcher verzwickter Rätsel verschwendeten. Spike hatte so lange genörgelt, bis Angel sich schließlich dazu bereit erklärte, endlich einmal auszugehen.

„Ach, komm schon, du trübe Tasse", hatte Spike ihn angemotzt und dabei über beide Ohren gegrinst. „Heute haben wir Spaß! Und wenn wir dabei draufgehen!"

Gunn hatte schallend gelacht und Wes hatte spielerisch die Augen aufgerissen. „Sag das nicht zu laut. Wenn du dabei bist, ist das durchaus möglich. Jeder kennt deinen Hang zur Dramatik und es passieren die ungeheuerlichsten Sachen, wenn du in der Nähe bist."

Daraufhin musste Fred schmunzeln. „Vielleicht solltet ihr einfach ins Kino gehen", schlug sie vor. „Da kann ja nicht zu viel passieren."

„Hast du ´ne Ahnung", hatte Gunn gegrinst. „Wenn Spike dabei ist, steht das Kino hinterher in Flammen oder eine Katastrophe folgt der nächsten. Es ist halt seine Art. Es bleibt selten ein Stein über dem anderen, wenn er erstmal loslegt."

„Siehst du", hatte Angel daraufhin geantwortet und seinen Schatz herausfordernd angesehen. „Mir dir auszugehen bedeutet immer Ärger. Das weiß hier jeder. Man hat dich längst durchschaut."

„Pffffft", hatte Spike gemacht und beleidigt den Kopf geschüttelt. „Du weißt nur einfach nicht mehr, was Spaß macht. Aber das kommt dabei raus, wenn man seine Gesichtsmuskulatur so verkümmern lässt, dass man immer wie ein zerknautschter, miesgelaunter Wischmop aussieht, der zu lange in schwabbeligem Dreckwasser gelegen hat." Spike hatte den Kopf auf die Seite gelegt und ihn hinterhältig angeguckt. „Gut, dass du kein Spiegelbild mehr hast. Du würdest dich vor Schreck glatt in eine Salzsäule verwandeln. Oder aber in einen Haufen klebrigen, ekligen Matsch. Je nachdem, was einfacher ist."

Zuerst hatte Angel noch versucht, sich mit seiner vielen Arbeit herauszureden, aber der blonde Vampir hatte einfach nicht aufgegeben.

„Och, verdammt! Nun mach schon! Heute verlangt auch kein Schwein von dir, dass du den Tanzbären raushängen lässt. Du darfst dich still in eine Ecke setzen und alles anknurren, was uns über den Weg läuft. Und wenn du willst, hänge ich dir auch ein Schild um den Hals. Achtung! Großer böser Vampir. Beißt bei Berührung!"


Die Aufforderung war nicht wirklich nett gewesen, aber wenn er seinen Geliebten jetzt so betrachtete, dann war es richtig gewesen, seinem Drängen nachzugeben. Beinahe gelöst lief Spike durch die dunkeln Straßen, bestaunte hin und wieder die weihnachtliche Dekoration und redete fast ununterbrochen.

Er hatte eine Menge Fragen und auch, wenn sie nicht alle unbedingt zueinander passten, so mussten sie dennoch gestellt werden. „Wo möchtest du hin? Was wollen wir überhaupt machen? Hast du den Spinner da drüben gesehen? Der, der vor dem Schaufenster der Boutique steht? Er spielt recht ungeniert mit seinen Murmeln." Er lachte. „Ganz schön mutig, das Männlein." Dann besann er sich wieder auf sein vorheriges Thema. „Gehen wir uns besaufen und machen so richtig einen drauf? Wie früher? In den guten alten, total verrückten Zeiten?" Er grinste und wackelte mit den Augenbrauen. „Die wilde Sau mal wieder loslassen?" Doch dann blieb er stehen und sein Gesicht wurde wieder ernst. „Oder ist das doch nur wieder eine Mission, wo wir uns am Ende wieder mit irgendwelchen Dämonen prügeln?" Er blickte seinen Geliebten misstrauisch an. „Du verbindest diesen Abend nicht wieder mit irgendeinem Auftrag, oder? Ich bade hinterher nicht in giftig grünem Schlabber oder werde in eine Nacktschnecke verwandelt?"

„Ich dachte, wir gehen in eine Bar, trinken etwas und versuchen uns über etwas anderes zu unterhalten, als das Geschäft", meinte Angel und zuckte mit den Schultern. Es war unglaublich, wie viel Energie Spike aufbringen konnte, wenn er wirklich motiviert war. Es wunderte ihn fast, dass er nicht wie ein Gummiball auf und ab hüpfte und er musste bei dem Gedanken daran ein Lächeln unterdrücken.

„Klingt nicht schlecht", nickte Spike, blieb stehen und verzog das Gesicht, als er die quietschbunte Dekoration eines Zeitungshändlers sah. „Hast du jemals so etwas abgrundtief Hässliches gesehen?", fragte er mit großen Augen und zeigte auf die kleinen Fee-Figuren, die kopfüber vom Dach herabbaumelten. „Es sieht aus, als wären diese ganzen kleinen Elfen explodiert und ihre Gedärme hängen raus." Er zupfte an den zerzausten roten Flügelchen und grinste breit. „Eigentlich ganz lecker, wenn ich länger darüber nachdenke."

Sie liefen weiter, aber Spike blieb nach ein paar Metern wieder stehen. „Zeigen wir in dieser Bar auch, dass wir zusammengehören?", erkundigte er sich. „So mit Händchen halten, knutschen und allem, was sonst noch dazu gehört? Oder tun wir wieder so, als wären wir zwei miesgelaunte Kerle, die jeden zusammenschlagen, der sich auch nur auf zwei Meter nähert?"

Angel lachte, wenn auch leise. „Du bist echt unmöglich", meinte er und schüttelte den Kopf. ‚Ich muss mir unbedingt merken, welche Blutgruppe sein Abendessen hatte. Das bekommt er garantiert nie wieder. Ist ja schlimmer als jedes Sabbelwasser!’

„Das ist ja nichts Neues", grinste Spike und griff nach seiner Hand. „Also sind wir heute ein Paar?", versicherte er sich noch mal. „Es wäre zur Abwechslung mal ganz nett, wenn ich auch anderen gegenüber zeigen könnte, wie sehr ich auf dich stehe."

„Wenn es denn sein muss", murrte Angel. Es war ihm nicht peinlich. Er stand dazu. Er liebte Spike und innerhalb ihrer sonstigen Umgebung wusste auch jeder, dass sie zusammengehörten. Aber er blieb nun mal gerne im Hintergrund und das war kaum möglich, wenn Spike mit ihm Hand in Hand ging. Angel liebte die Dunkelheit, liebte die Schatten, aber mit dem jüngeren Vampir stand er ständig im Rampenlicht und es gab auch keine Möglichkeit, das zu verhindern. Spike war eben so. Ganz oder gar nicht!

„Also gut", nickte der blonde Vampir zufrieden. „Dann sollten wir heute ins Planet Zero gehen. Die haben dort nette gemütliche Nischen, in denen man allein sein kann. Aber man ist trotzdem mitten im Trubel. Außerdem haben die zu Weihnachten immer diese leckeren Schokonüsse."

„Vor mir aus", murmelte Angel, dem die blöden Nüsse völlig egal waren. Er wusste jetzt schon, dass der Abend nicht so enden würde, wie er es gerne hätte. Es war immer so! Jedes Mal, wenn er mit Spike ausging! Entweder es endete in einer Schlägerei oder einem Desaster. Nein! Es war noch viel schlimmer! Denn er wusste jetzt schon, dass er im Endeffekt wieder der Dumme war. Und er hasste es! Innerlich seufzte er, doch er versuchte gute Miene zu dem bösen Spiel zu machen. Immerhin war Spike meistens nicht einmal Schuld. Es war einfach so. Als wäre es ein Fluch!

 

                                                                                      *~*~*~*

 

Das Planet Zero war ein angesagter Club in L.A., der jeden Abend bis zum Bersten mit Gästen angefüllt war. Seltsamerweise aber war es für beide kein Problem hineingelassen zu werden. Angel musste den Türsteher nicht einmal bestechen, das hatte bereits ein Anderer für ihn erledigt, wie er verwundert feststellte. Er wusste, er kannte das Gesicht des Mannes, der jetzt nur wenige Meter entfernt stand, konnte es aber nicht einordnen. Aber nach einem Blick auf den hellgrünen Anzug, des nun freudig winkenden Mannes, entgleisten Angels Gesichtszüge. Schreckliche, grausliche Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf und er war nah dran, laut loszuschreien. Panik machte sich in ihm breit und er atmete unnötigerweise tief ein.

Ach, du Scheiße’, dachte er geschockt, machte sich so lang wie möglich und versuchte Spike aufzuhalten. Aber der Blonde hatte nichts bemerkt und schob sich durch die wartende Menschenmenge. „Spike", zischte er. „Nicht!" Der wahre Horror stand in Angels Augen, aber da war es schon zu spät. Spike hatte den schmierig wirkenden Mann erreicht und zuckte zusammen, als dieser seine Hand nahm und ihn aus der Menge heraus in den Eingang zog.

Als Angel ihn endlich wiederfand, war er bereits in ein Gespräch mit mehreren Männern verwickelt, die anscheinend alle auf ihn einredeten. Spike blickte verwirrt von einem zum anderen und schien sich nicht sicher zu sein, wie er reagieren sollte. Dann sah er zu Angel, hob die Schultern und sein Gesicht sagte deutlich: „Ich habe keinen blassen Schimmer, was diese Witzbolde von mir wollen!"

„Ah, da ist der Mann der Stunde", rief der Mann im hellgrünen Anzug und stellte sich auch sofort vor. „Ich schätze, Sie haben mich vergessen. Aber ich Sie dafür nicht." Er lächelte und tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Mein Name ist Maurice. Ich durfte für einen Abend ihr Tanzlehrer sein."

„Wie könnte ich das je vergessen", erwiderte Angel und seine Schultern sackten herab. Mit Schaudern dachte an den Abend vor gut einem Jahr. Den schrecklichen Ballsaal, angefüllt mit schwitzenden, keuchenden Männern, die krampfhaft versuchten, Tango zu lernen. Und dann Spike, der sich mehr als nur schrecklich aufgeführt hatte und nicht zu vergessen diesen affigen Tango, den sie auf das Parkett gelegt hatten, um doch noch an die Studioaufnahmen der Sex Pistols zu gelangen.

Er sah zu Spike, doch der schien gerade erst zu verstehen, was vor sich ging, denn er lachte laut los. „Verdammt! Da geht man einen Abend aus und begegnet gleich seinem Tanzlehrer!" Er grinste Angel an. „Was für eine Überraschung!", sagte er völlig überzogen und seine Augen versprühten Funken der Belustigung.

Spikes Gedanken wanderten ebenfalls zurück und er schmunzelte. Sie hatten herrlich gestritten an dem Abend und er hatte einmal so richtig die Sau raus gelassen. Was wirklich selten war. Vor allem mit dem großen brummigen Vampir, der immer guckte wie ein trauriges, verschmähtes Meerschweinchen, dem man die Schwanzhaare abgeschnitten hatte. ‚Was war das noch gewesen, dass ihn so auf die Palme gebracht hatte?’, überlegte er. ‚Ach ja.’ Er grinste hinterhältig. ‚Die rosa Plüschhandschellen hat er mir noch Wochen später nicht verziehen. Vor allem, als ich ein paar Tage später tatsächlich welche gekauft habe." Er musste sich das Lachen verkneifen. ‚Und dann war der Spruch mit dem eingetrockneten Haufen Mist.’ Spike grinste. ‚Ein unvergesslicher Abend!’

„Ja, ganz toll", murrte der Dunkelhaarige und er schauderte, als Maurice seinen widerlich schwitzigen Arm um ihn legte. Angel versuchte sich, so schnell es ging, aus der Affäre zu ziehen, doch da klopfte ihm ein Mann auf die Schulter, der sich als einer der besten Mandanten von Wolfram & Hart entpuppte.

„Mr. Angel", rief der Mann verwundert. „Ich wusste gar nicht, dass Sie Sich auch für die Jugendarbeit in dieser Gemeinde interessieren."

„Ähm, also… ja sicher", nickte er und versuchte, sein völliges Unverständnis zu verbergen. „Wir helfen, wo wir können." Er überlegte krampfhaft, dann endlich fiel ihm der Name des Mandanten ein. ‚Mitchell Preston! Genau so heißt der Scheißkerl.’

„Stimmt ja", nickte Mr. Preston. „Ich habe ganz vergessen, dass sich einiges verändert hat, seitdem Sie die Kanzlei führen." Wieder nickte er, diesmal beifällig. „Und wie genau beteiligen Sie Sich an dem Spendenaufruf? Nur eine Geldspende, oder darf man auf Ihre rege Unterstützung hoffen? Vielleicht ein Tänzchen? Oder Gesang? Sie haben doch bestimmt irgendein Hobby, das Sie einbringen könnten."

„Aus was genau besteht denn diese Unterstützung?", mischte sich Spike in die Unterhaltung ein. Er hatte zwar keine Ahnung, um was es ging, aber seine Neugierde war zu groß, um einfach sprachlos daneben zu stehen. Da konnten auch Angels warnende Blicke ihn nicht aufhalten.

„Wir veranstalten einen Spendenball", meldete sich Maurice lächelnd zurück und tupfte sich wieder mit seinem Tüchlein den Schweiß ab. „Sie wissen schon… in dem Saal, in dem auch die Tanzstunden abgehalten werden." Er wedelte sich Luft zu. „Eine große Show... Tanzeinlagen, Leute, die unbedingt einmal auf einer großen Bühne singen wollen und eine Tombola mit jeder Menge Gewinnen. Mit den Einnahmen richten wir ein altes Jugendzentrum wieder her, das wirklich schrecklich heruntergekommen ist." Er atmete tief ein. „Sponsoren haben wir genug… aber uns fehlt noch der ein oder andere Showakt." Er lächelte Spike an und wartete scheinbar darauf, dass dieser sich anbieten würde. „Das letzte Mal, als wir uns begegnet sind, waren Sie beide die Stars auf dem Parkett."

Doch der blonde Vampir war weit davon entfernt, sich freiwillig zu melden, auch wenn er für einen kurzen Moment darüber nachdachte. Er machte jeden Spaß mit. Naja, fast jeden. Aber für Angel war das definitiv keiner! Und er wusste sicher, dass der große, knurrige Vampir garantiert nicht begeistert wäre, wenn er jetzt den Mund aufriss und sie für irgendeinen Scheiß anmelden würde. Wahrscheinlich würde er sich eher vor einen fahrenden Zug schmeißen! „Nein", verbesserte er sich lautlos. „Er würde mich vor einen Zug schmeißen! Und das mehrfach! Immer und immer wieder!"

Natürlich hatte er auch nicht vergessen, wie böse Angel damals auf ihn gewesen war und er hatte sich an dem Abend verdammt angestrengt, das Ganze noch zu bedeutend zu verschlimmern. Aber das war jetzt etwas anderes. Damals hatte Angel diesen dummen Tanzkurs gebucht, um ihm ein Geburtstagsgeschenk der besonderen Art zu machen und er hörte die Aufnahmen der Sex Pistols noch immer fast ununterbrochen. Aber das hatte er zuerst nicht gewusst und sich deswegen arg daneben benommen. Jedenfalls zuckte sein Schatz heute noch zusammen, wenn Musik in sein Ohr drang, die auch nur im Entferntesten nach Tango klang.

Hier und jetzt ging es um einen Spendenball und wahrscheinlich würden jede Menge Klienten von Wolfram & Hart anwesend sein. Das konnte er Angel einfach nicht antun. Oder vielleicht doch? Er hatte nicht vergessen, dass Angel mit der roten Rose zwischen den Lippen einfach zum Anbeißen ausgesehen hatte. Aber wenn er es jetzt wagen würde, sie beide für diesen Mist anzumelden… nein, er wollte lieber gar nicht erst darüber nachdenken, wie sein Schatz darauf reagieren würde. Wahrscheinlich würde er ihm die Haut abziehen, ihn vierteilen, rädern, teeren, federn, aufschlitzen und vielleicht sogar aufhängen. Naja, zumindest wäre er stocksauer!

„Maurice erzählte mir eben, als er Sie sah, dass Sie beide so wundervoll Tango tanzen können", sagte nun Mr. Preston und nagelte Angel mit seinen Blicken fest. „Es wäre doch auch gleichfalls eine wunderbare Werbung für Wolfram & Hart."

„Nein, absolut nicht", schüttelte Angel vehement den Kopf und hob abwehrend die Arme. Ich kann nicht tanzen. Überhaupt nicht! Ich… nein, bestimmt nicht. Ich glaube, auf eine solche Unterstützung müssen Sie verzichten. Wir sind wirklich sehr beschäftigt und…"

„Aber, aber", unterbrach Preston ihn. „Denken Sie an die vielen Kinder, die mit Ihrer Unterstützung einem Leben auf der Straße entkommen könnten. Zudem dürfen Sie nicht vergessen, dass dieses neu aufgebaute Jugendzentrum dann auch rechtliche Unterstützung braucht. Ihre Kanzlei wäre meine erste Wahl, was das betrifft." Er streckte sich und zeigte seine ganze, recht imposante Figur. „Immerhin vertreten Sie so einige meiner Unternehmungen."

Das war es. Angel stand mit dem Rücken an der Wand und er wusste es. Ginge es nur um ihn, dann hätte er diesem Preston mit einem kalten Lächeln abgesagt, aber so… Mitchell Preston war mehrfacher Millionär, besaß zig Firmen und alle ließen sich von Wolfram & Hart vertreten. Er konnte es sich nicht leisten, einen solchen Kunden zu verlieren. „Ich werde sehen, was ich tun kann", brummte er, griff Spikes Hand und zog ihn aus der Menge hinaus ins Freie.

„Was wird das?", fragte Spike, als sie in eine ruhigere Seitengasse einbogen. „Du willst doch nicht freiwillig Tango tanzen?" Er lachte lauthals. „Das kann nicht dein Ernst sein! Ausgerechnet wieder Tango? Kannst du dich nicht an das Debakel vom letzten Mal erinnern? Du warst über eine Woche sauer auf mich. Und ich war es nicht einmal, der dich da hineingeschleppt hat. Das warst du!"

„Natürlich habe ich das nicht vergessen", schnauzte der Dunkelhaarige und er hatte Mühe, seinen Dämon unter Kontrolle zu halten. „Allerdings wird mir nichts anderes übrig bleiben", knurrte er. „Und jetzt will ich nach Hause! Sofort! Und nein", bremste er Spike aus, „ich will nicht darüber reden! Auf gar keinen Fall!"

Teil 2

Zwei Wochen für den Weg auf das Schafott! Wobei das Schafott der verdammte Tanzsaal war, in dem er und Spike schon einmal eine grauenerregende Nacht verbracht hatten. Und er hatte jede einzelne Minute gespürt und sich ständig so gefühlt, als würde er unter Strom stehen. Vierzehn verdammte Tage und die Zeit lief schneller ab, als er sich in seinen schlimmsten Träumen vorgestellt hatte. Sie hatten geübt. Jede, Gott verdammte, freie Minute! Er hasste die Musik, hasste es, wenn Spike ihn an die Hand nahm und seine Hand auf seine Hüfte legte und ihn angrinste. Mittlerweile war er soweit, dass er schon zusammenzuckte, wenn nur jemand in seiner Gegenwart summte.

Erst heute Morgen hatte er einen kleinen Büroboten an die Wand gedrückt, hochgehievt und bitterböse angeknurrt. Und der arme junge Mann hatte nichts getan. Naja, er hatte ‚I´m singing in the rain’, gesummt und das hatte Angel gereicht, um völlig durchzudrehen.

„Krieg dich mal wieder ein", hatte Spike ihn zurückgerissen. „Der arme Kerl kann auch nichts dafür, dass du dich in einen wimmernden Waschlappen verwandelt hast."

Natürlich hatte er sich das nicht gefallen lassen, aber Spike hatte nur abgewinkt und war seiner Wege gegangen. Er hatte ihn einfach in dem Flur stehen lassen und Angel konnte es nicht fassen. Seine ganze Autorität war wie weggeblasen und derzeit schaffte er es einfach nicht, sie zurückzuerlangen. Aber es war alles noch viel schlimmer, als es auf den ersten Blick schien.

Sogar seine Crew machte einen großen Bogen um ihn. Schon seit über einer Woche! Wesley fiel jedes Mal etwas Dringendes ein, sobald er Angel erblickte. Er sah ihn an, schluckte und lief, irgendeine dumme Entschuldigung murmelnd, schleunigst in die entgegengesetzte Richtung davon. Gunn blieb wie angewurzelt stehen, verstummte vollkommen und hoffte scheinbar darauf, einfach mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Sogar Fred beteiligte sich an dem Aufstand. Sie trug nur noch Turnschuhe mit Gummisohlen und hätte jede Meisterschaft im Schleichen gewonnen. Es hätte etwas Lustiges gehabt, wenn es dabei nicht um ihn gegangen wäre. Sie trippelte auf Zehenspitzen von Raum zu Raum, holte jedes Mal tief Luft, wenn sie ein Zimmer betrat und atmete erleichtert auf, wenn er sich nicht darin aufhielt.

„Ehrlich, Angel", hatte sie ihm am Morgen versichert. „Ich verstecke mich nicht vor dir. Ich gehe dir nur aus dem Weg." Sie machte eine Pause und lächelte vorsichtig. „Du weißt, für gewöhnlich vertraue ich dir jederzeit mein Leben an … Aber im Moment siehst du so aus, als würdest du jeden auffressen, der in deine Nähe kommt."

„Das sieht nur so aus", hatte er versucht sie zu beruhigen. Doch, ob er wollte oder nicht. In seiner Stimme grollte jedes Mal ein drohender Unterton mit und sie hatte schwer geschluckt.

„Ähm… ja, sicher", hatte sie gemeint und sich schleunigst aus dem Staub gemacht.

 

Laut seufzend warf er seine Hände in die Luft. Gab es in diesem bescheuerten riesigen Gebäude nicht irgendwo einen schalldichten Raum, in dem man schreien konnte, bis einem das Trommelfell platzte? Kein Büro, dass dringend eine neue Einrichtung brauchte und dessen alte Möbel man kurz und klein schlagen konnte?

Angel ertappte sich dabei, wie er die Weihnachtsdekoration auf der anderen Seite seines Büros biestig anknurrte und atmete unnötigerweise tief ein. Furchtbare Schimpfworte rauschten durch seinen Kopf, warteten darauf, herausgeschrieen zu werden, aber er beherrschte sich krampfhaft. Sein Schreibtisch knackte, als er die Muskeln anspannte und mit den Ellbogen auf die Tischplatte drückte.

„Hey, alles klar?" Spike kam gutgelaunt um die Ecke und warf sich in einen Sessel. „Unsere Smokings sind gerade geliefert worden", meinte er und zog die Augenbrauen hoch, als er Angels Blick auffing. „Ach, nö! Nicht schon wieder ein Weltuntergang!", schimpfte er. „ Ausgerechnet heute! Wer oder was versucht es diesmal? Monster? Dämonen? Hexenmeister? Oder noch schlimmer? Irgendwelche mutierten Zwerge mit roten Zipfelmützen?"

„Kein Weltuntergang. Nur Tango", grunze Angel mit einer Stimme, die nicht ihm gehörte. „Und du bist schuld daran!"

„Wieso bin ich schon wieder der Schuldige?", erwiderte Spike und hob abwehrend die Arme. Er wirkte beleidigt und verzog schmollend das Gesicht.

„Weil du unbedingt in diesen dämlichen Club wolltest! Es gibt tausende von Nachtclubs in L.A.! Warum musste es gerade dieser sein? Wegen dieser doofen Schokonüsse?" Er sprang fauchend auf, blieb stehen und fixierte Spike mit seinem Blick. „Du", knurrte er. Dann stapfte er durch sein Büro, blieb wieder stehen, knurrte lauter und lief weiter. „Ausgerechnet Tango!"

„Moment mal", beschwerte sich Spike. „Wer von uns war es denn, der seinem Schlappschwanz von Mandanten nicht absagen konnte?" Er war es ja gewohnt, dass man ihm die Schuld aufbrummte, aber dieses Mal konnte er nun wirklich nichts dafür. „Du warst doch der Warmduscher, der vor diesem Kerl gekuscht hat! Weichei!"

„Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie viel Geld Preston dieser Kanzlei jeden Monat einbringt? Wie viele Gehälter davon bezahlt werden?", schnappte Angel und machte sich nicht die Mühe, seinen Dämon zurückzuhalten. Seine Stirn wölbte sich und er knurrte Spike böse an. „Du hast ja keine Vorstellung davon, wie…"

„Nein! Habe ich nicht", unterbrach Spike fauchend. „Und es ist mir ehrlich gesagt auch scheißegal! Allerdings sehe ich nicht ein, für jeden Gott verdammten Mist zuständig zu sein!" Er sprang auf und stellte sich seinem Geliebten in den Weg. „Für dieses Fiasko bist du selbst zuständig. Du ganz alleine!", schrie er und piekste Angel bei jedem Wort mit dem spitzen Finger in die Brust. „Pappnase!"

Eine Pause entstand. Beide Vampire funkelten sich wütend an und Angel gab schließlich nach und seufzte. „Du hast ja Recht", murmelte er leise. „Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort." Er sah ihn an. „Aber es gefällt mir nicht. Ich bin ein Vampir. Ein Wesen der Nacht! Kein Tanzbär!"

„Mag ja sein", grinste Spike. „Aber heute Abend werden wir den Herrschaften einmal zeigen, was ein sexy Tango ist." Er grinste diabolisch. „Aber mal was anders. Hast du zwischendurch mal auf die Uhr gesehen? Wir müssen uns nämlich fertigmachen. Wir wollen doch nicht zu spät zu dem Auftritt unseres Unlebens kommen."

„Wirklich ganz toll! Du machst es mir nicht gerade leichter", brummte der Dunkelhaarige und seine Augenbrauen zogen sich wieder zornig zusammen. „Wenn du wieder mit einer roten Rose ankommst, dann… dann…!"

„Werde ich nicht", schwor Spike und lächelte falsch. „Keine rote Rose. Fest versprochen!"

 

                                                                                           *~*~*~*

 

„Komm jetzt", flüsterte Spike und zupfte an Angels Ärmel. „Oder willst du noch länger wie eine gammelige Glubschschnecke nach unten starren?" Er seufzte laut und schüttelte den Kopf. „Du kannst gucken, solange du willst! Der Saal verwandelt sich nicht in einen Folterkeller, in dem wir wilde Sau spielen können. Er löst sich auch nicht in Luft auf! Es wird nicht besser, also lass uns den Scheiß durchziehen."

Seit fast einer Stunde standen sie jetzt auf der Balustrade, die einen hervorragenden Ausblick auf den Ballsaal bot. Aber Spike langweilte sich furchtbar. Es war nicht gerade die Gesellschaft, die er sich ausgesucht hätte, aber er hatte noch nicht einmal etwas zu Trinken bekommen. Und sich einen ansaufen, war nicht unbedingt das Verkehrteste. Vor allem hätte es Angel gut getan. Vielleicht würde er dann nicht mehr ganz so erbärmlich aussehen und wie ein eingestaubter Haufen Mist wirken.

Spike sah wieder in den Saal hinab. Hunderte von Menschen tummelten sich in dem riesigen Raum, livrierte Kellner verteilten Champagner und er starrte jedem Tablett sehnsüchtig hinterher. Aber Angel bewegte sich keinen Millimeter. Er wirkte wie festgefroren und nicht einmal seine Augen zuckten, egal mit welch widerlichen Grimassen er ihn aus seiner Starre holen wollte. Er kam sich langsam wie ein Idiot vor und er seufzte laut. Langsam fiel ihm nichts mehr ein. Er hatte ihm die übelsten Beschimpfungen um die Ohren geschlagen, hatte frech mit jedem geflirtet, der in seiner Nähe war, aber der brummige große Vampir hatte auf nichts reagiert. Spike hatte ihn sogar ein paar Mal heftig angestupst, aber Angel hatte sich wie ein Stehaufmännchen einfach wieder ausbalanciert und war irgendwann wackelig zum Stehen gekommen.

Die umstehenden Zuschauer hatten diese ganze verrückte Aktion als lustig empfunden. Vielleicht dachten sie auch, sie beide probten für ihren Auftritt. Aber Spike war der Verzweiflung nahe. Er kannte Angel schon so lange, aber so hatte er ihn noch nie gesehen. Mit der Wut des Älteren konnte er umgehen, nicht aber mit dieser Apathie.

Ihre Gastgeber hingegen schienen bester Laune zu sein und waren nicht zu übersehen. Maurice tippelte in seinem grässlich hellblauen Smoking hin und her und schwenkte ununterbrochen sein Spitzentaschentuch, während Mr. Preston jedem feierlich die Hand schüttelte, der ihm über den Weg lief und er bemerkte dabei scheinbar auch nicht, dass er einige Gäste schon mehrfach begrüßt hatte und schon über ihn getuschelt wurde.

„Angel", versuchte es Spike wieder und verdrehte die Augen, als er den abwesenden Blick seines Geliebten sah. „In zehn Minuten wird unser Tango angekündigt. Entweder wir verpissen uns jetzt wie feige Schweine, oder wir gehen da runter und zeigen den schwachsinnigen Vollidioten mal, wie man wirklich Tango tanzt." Mit einem Grinsen im Gesicht klaute er einer vorbeigehenden Frau eine lange Haarnadel aus der Turmfrisur und rammte sie Angel ins Bein.

„Au", murmelte Angel und seine Augenlider zuckten für den Bruchteil einer Sekunde.

Es war schwer für Spike, ein Lachen zu unterdrücken. Vor allem nach einem Blick auf den sonst so selbstsicheren Vampir. Angel war gewöhnlich hart im Nehmen. Er scheute weder Mühe noch Schmerz, wenn es um den Kampf gegen das Böse ging. Aber ein simpler Tanz brachte ihn völlig aus seiner Fassung. „Nun komm schon, mein Tanzbärchen", flüsterte er sanft. „Nur diesen einen Tango. Danach verschwinden wir und du kannst deinen Frust zu Hause ablassen. Wenn du willst, kaufe ich auch ein neues Paar Handschellen. Vielleicht diesmal in pink."

 

Nur äußerst widerwillig folgte Angel Spike die große Freitreppe hinunter und nicht einmal der Anblick seines Geliebten konnte ihn auf andere Gedanken bringen. Und das, obwohl Spike in dem schwarzen Smoking einfach nur scharf aussah. Angel kämpfte mit sich selbst und für einen Moment überlegte er, ob es jemals so schwer gewesen war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Granit und es half auch nicht, dass Spike ununterbrochen an seiner Hand zupfte. ‚Gab es jemals etwas Grauenhafteres?’, überlegte er, aber da erreichten sich schon das Ende der Treppe.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Der blonde Vampir kam sich vor, als wäre er im falschen Film und so langsam machte sich schlechte Laune in ihm breit. Für gewöhnlich war es Angel, der das Wort übernahm, den Chef raushängen ließ. Jetzt bekam er kaum die Zähne auseinander und sein biestiger Blick ließ jeden zurückschrecken, der ihm zur Begrüßung die Hand reichen wollte. Er wunderte sich, dass Angel nicht knurrte, als Preston es wagte, sich neben ihn zu stellen und dann auch noch in aller Öffentlichkeit zu umarmen.

„Was ist denn mit Mr. Angel?", nahm Preston ihn wenig später zur Seite. „Ist er krank? Er sieht aus, als hätte er Gallenprobleme. Oder sind es gar Nierensteine? Eine wirklich ungesunde Gesichtsfarbe. Er ist furchtbar blass. Es ist doch nichts Ansteckendes, oder? Nicht, dass er noch einen Herzinfarkt bekommt."

„Nein. Bestimmt nicht", erwiderte Spike und musste sich das Lachen verkneifen. Angel stand wieder stocksteif auf einer Stelle, aber so voll der Ballsaal auch war, er hatte genügend Platz. Niemand wagte sich in seine Nähe und alle Gäste machten einen großen Bogen um ihn.

„Sehr pflichtbewusst", murmelte Preston. „Aber es ist kaum anders zu erwarten. Immerhin ist er der Chef einer der besten Anwaltskanzleien der Welt." Er klopfte Spike auf die Schulter. „Und solange er diesen Tanz durchsteht…"

„Das wird er", prophezeite Spike. „Und zwar mit bedeutend mehr Haltung, als es jetzt den Anschein hat." Er grinste hinterhältig, fischte eine schwarze Rose aus seiner Innentasche und steuerte auf seinen Geliebten zu. Dunkelbraune Augen verfolgten jeden seiner Schritte und wurden zu schmalen Schlitzen, als er näher kam.

„Du hast es versprochen", zischte Angel grantig, als er bei ihm anlangte und Spike wunderte sich, dass noch kein Rauch aus seinen Ohren quoll. Der Dunkelhaarige kochte innerlich, aber das hatte ihn ja noch nie aufhalten können.

„Soweit ich mich erinnern kann, haben wir nur über eine rote Rose gesprochen", feixte Spike. „Diese hier ist schwarz. Und außerdem wollen wir diesen Spinnern doch zeigen, was mein Tanzbärchen alles drauf hat. Nun komm schon! Kopf hoch, Augen zu und durch!"

„Vergiss es! Das werde ich mit Sicherheit nicht…"

„Aber natürlich wirst du!"

„Nein!"

„Doch!"

„Nein!"

„Doch, mein kleines brummiges Tanzmäuschen!"

„Spike", drohte Angel und seiner Augen schossen Blitze ab. „Willst du es wirklich darauf anlegen, mich ausgerechnet jetzt wütend zu machen?"

„Aber sicher will ich das", erwiderte Spike und grinste ihn unverfroren an. „Und daran bist du selbst schuld! Ich kann mich noch gut an die Strafe vom letzten Mal erinnern", er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. „Und das können wir jederzeit wiederholen!"

Angel kam nicht dazu, etwas zu erwidern. Maurice hüpfte unbeholfen auf ein kleines Podest, verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen. Dann kippte er um und fiel wie eine Schildkröte auf den Rücken. Seine Beine zappelten in der Luft und die versammelte Gesellschaft verstummte und sah seinem merkwürdigen Gebaren zu. Irgendwann erbarmte sich einer der Gäste und half dem Tanzlehrer auf.

Blass stand er auf, tupfte sich den Schweiß von der Stirn und räusperte sich. „Das war mal was", meinte er entschuldigend. „Dann wedelte er mit seinem Taschentuch und bat um Ruhe. Er bedankte sich bei den Gästen für ihr zahlreiches Erscheinen, prahlte mit dem Geld, dass sie bisher für das Jugendzentrum eingenommen und kündigte dann zwei seiner besten Freunde an, die den grandiosesten Tango tanzen würden, den man sich vorstellen konnte.

Ein kleiner Tusch ertönte und Spike war klar, dass das ihr Aufruf war. Angel hingegen sah das etwas anders. Er stand breitbeinig da, wie ein Fels in der Brandung und starrte ins Leere. Leise seufzend sackten Spikes Schultern herab. Er wusste, dass jetzt ein hartes Stück Arbeit auf ihn zukam und er fragte sich, wie er Angel überreden sollte, ohne das der ganze Saal es mitbekam?

So hatte er den älteren Vampir noch nie gesehen und wusste nicht, ob er lachen oder sich Sorgen machen sollte. ‚Nimm es mit Humor’, dachte er. ‚Du weißt ja, dass es ihm gut geht und er nur so tut, als wäre er ein vertrockneter Fliegenpilz, dem die Ameisen den Fuß angefressen haben.’

Die Menge bahnte ihnen einen Weg bis zur Tanzfläche, doch Angel reagierte noch immer nicht. Er ignorierte Spikes leises aufforderndes Flüstern und bewegte sich auch nicht, als der jüngere Vampir seine Hand nahm und sanft daran zog.

Er ist wie eine Betonwand’, dachte Spike. ‚Und genauso stur wie hart.’ „Angel", zischte er. „Nun komm endlich! Benimm dich nicht wie ein versteinertes, maulendes Gummimännchen und beweg dich endlich!"

Doch alles Bitten und Meckern half nicht. Es sah aus, als hätte sich der Dunkelhaarige in eine andere Dimension abgeseilt. Spike schüttelte den Kopf und war sich bewusst, dass jeder Gast im Raum sie anstarrte. ‚Okay’, dachte er. ‚Mach aus der Not eine Tugend!’ Er postierte sich hinter ihm und kniff gleichzeitig heftig in beide Pobacken des Größeren. Der kleine Ruck, der durch Angels Körper ging, wurde von ihm sofort ausgenutzt. Er drückte, schob und presste den älteren Vampir durch den Saal und ächzte dabei auffallend laut. „Man sieht es ihm nicht an", sagte er zu einem der Zuschauer. „Aber der Mann ist schwerer als eine Dampflokomotive!"

Die umstehende Menge lachte und feuerte ihn lauthals an. Und Spike tat ihnen den Gefallen. Er drehte sich herum, lehnte sich mit dem Rücken an Angel und stemmte ihn dann sanft weiter in Richtung der Tanzfläche. Es war, als würde er einen Panzer schieben und er konnte sich nicht daran erinnern, ob er sich jemals so dämlich vorgekommen war. „Wie kann man nur so widerspenstig sein", meinte er laut, und wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn. „Vielleicht hätte ich einen Gabelstapler mitbringen sollen! Kaum vorstellbar, dass dieser Mann Beine hat und sie für gewöhnlich auch nutzt."

Wieder lachten die Umstehenden und er grinste breit und nickte in die Menge. „Schon mal einen Elefanten geschoben?", fragte er laut und ächzte wieder.

Einigermaßen erleichtert blieb Spike vor dem glatten Parkettboden stehen und baute sich vor Angel auf. „Jetzt komm mal wieder runter", raunte er ihm zu. „Du bist doch der, der nie auffallen will! Was glaubst du, was das hier wird? Eine Zirkusnummer? Jeder begafft uns und das ist mir langsam echt zu blöd! Wir sollen Tango tanzen und keine Clownsnummer aufführen!"

„Ich bringe ihn um!", hörte er Angel leise flüstern.

„Wen?", raunte er zurück und warf einen vorsichtigen Blick auf die männlichen Gäste, die dicht neben ihnen standen.

„Maurice", knurrte der Dunkelhaarige.

„Mach das", erwiderte Spike leise. „Aber erst, nachdem wir diesen beschissenen Tango hinter uns haben!" Er zog wieder an Angels Hand, doch der Dunkelhaarige stellte auf stur. „Wenn du willst, dann helfe ich dir sogar dabei. Ich halte ihn fest, während du ihm die Haut abziehst! Und jetzt komm!"

„Nein!"

„Doch!"

„Nein!!!"

„Halt die Klappe", murmelte Spike und presste ihm die schwarze Rose zwischen seine Lippen. „Tango! Jetzt! Danach kannst du den Idioten grillen! Und denk immer dran, du machst den Mist nur für Wolfram & Hart und die vielen kleinen Angestellten, die auf ihren Lohnscheck angewiesen sind. Außerdem findet dich Mr. Preston mit dem Blümchen bestimmt genauso lecker wie ich!"

„Dich töte ich auch", quetschte Angel durch seine zusammengepressten Lippen und seine Augen schossen Blitze ab.

„Ich bin völlig unschuldig", lächelte er falsch. Er nahm die Hand des Älteren und nickte Maurice zu, der seinerseits der Kapelle zunickte. „Dann wollen wir mal", meinte er, als die Musik einsetzte. „Jetzt oder nie! Leben oder Tod! Tango oder Katastrophe!"

Angels erste Tanzschritte waren noch unsicher gesetzt, aber er hatte genug geübt und bald fand er seinen Rhythmus. Doch genau darauf hatte Spike nur gewartet. Sie hatten in diesem Ballsaal schon einmal einen unvergesslichen Tanz abgeliefert… dieser würde alles Bisherige übertreffen. Dafür würde er schon sorgen!

Mit großen Schritten führte er Angel über die Tanzfläche und wie geprobt, warfen beide ihre Köpfe herum, als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes getan. Weite, ausholende Schritte brachten sie schnell an den Rand der Tanzfläche und die Drehung, die beide ablieferten, wurde mit einem lauten Raunen quittiert. Spike, von der klatschenden Menge angefacht, wirbelte seinen Partner über die Tanzfläche und rutschte auf Knien hinter ihm her. Dann drehte er ihn so ungestüm, dass ihm schon vom Zusehen schlecht wurde und stolzierte dann wieder hoch erhobenen Hauptes mit ihm über die ganze Weite des Parketts.

„Lass das", grunzte Angel mit zusammengekniffenen Augen. „Es ist schon schlimm genug, so begafft zu werden. Du brauchst mich nicht vorführen wie ein Zirkuspferd!"

„Aber genau das wollen wir doch", lachte Spike hämisch. „Ich muss doch jedem zeigen, was du für ein Partytiger bist. Ich habe doch so selten die Gelegenheit dazu! Für gewöhnlich sitzt du ja nur grübelnd in einer Ecke und ähnelst eher einem Frosch, der seine Zunge verschluckt hat."

Die Menge wisperte, als er Angel eine mörderische Pirouette aufzwang und klatschte begeistert, als sie beide fast im Spagat über den Boden glitten.

„Du bist so was von tot", hörte er Angels gepressten Worte, aber es war ihm egal. Das Publikum wollte eine Show, und er würde sie abliefern. ‚There's no business like show business’, dachte er vergnügt und holte mit weiten Schritten für seinen krönenden Abschluss aus. Als die Musik langsam verklang, gab er seinem Schatz soviel Schwung mit, dass die zuschauende Menge zur Seite springen musste, da Angel an ihnen vorbeischlitterte und erst kurz vor der Wand zum Stehen kam. Spike hingegen landete rutschend auf den Knien und badete im Applaus des Publikums.

Nur langsam wachte Angel aus seinem Albtraum auf und das erste, was er machte, war, die Rose in seinem Mund in kleine Stücke zu zerbeißen. Dann verwandelte sich seine Versteinerung in Wut und er knurrte leise in Spikes Richtung. Er würde ihm den Kopf abreißen! Hier! Vor versammelter Mannschaft! Dann erst bemerkte er, dass das Publikum johlte und applaudierte. Einige verlangten sogar nach einer Zugabe und sofort wendeten sich seine Mordgelüste gegen jeden, der das Wort Zugabe auch nur auszusprechen wagte.

„Du warst spitzenklasse", grinste Spike, als er auf ihn zuging. „Absolut erste Sahne!" Er ignorierte Angels biestige Blicke, griff nach seiner Hand und zog ihn zurück auf die Tanzfläche. „Das ist dein Applaus", sagte er leise, als die Zuschauer wieder begeistert klatschten. Er verbeugte sich tief, und da er die Hand seines Geliebten nicht losließ, blieb Angel nichts anderes übrig, als es ihm gleichzutun.

 

                                                                                          *~*~*~*

 

Viele Stunden später lagen beide abgekämpft und doch zufrieden im Bett. „Hast du Maurice gesehen?", fragte Spike in die aufkommende Stille und strich federleicht über Angels Brust. „Er war völlig aus dem Häuschen. So einen Tango sieht der sein Lebtag nie wieder! Er hat im Eifer des Gefechts sogar sein Tüchlein verloren und wusste gar nicht, wo er mit seinen Händen bleiben sollte."

„Ich habe gar nichts gesehen", erwiderte Angel knurrig. „Am liebsten würde ich diesen grauenhaft, furchtbaren, abscheulichen, schrecklichen, entsetzlichen, unseligen, fürchterlichen, katastrophalen und widerlichen Abend ein für alle Male vergessen! Und ich wäre dir dankbar, wenn du ihn nie wieder erwähnen würdest!"

„Warum?", erwiderte Spike gespielt erstaunt. „Dein Mr. Preston war genauso beeindruckt und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann wird er Wolfram & Hart demnächst wieder mit einem lukrativen Auftrag betrauen."

„Mir egal", motzte Angel und drehte sich beleidigt auf die Seite. „Ich will davon nichts mehr hören!"

„Und dabei hast du mit der schwarzen Rose im Mund rattenscharf ausgesehen", lächelte der blonde Vampir.

„Verdammt, Spike", schimpfte Angel und fuhr herum. Dann stutzte er. Aus dem Nichts hatte Spike eine weitere schwarze Rose hervorgezaubert und strich mit den Blütenblättern nun sanft über seine Brust.

„Nur noch ein Mal", schnurrte der blonde Vampir und biss sich lasziv auf die Lippen. „Für mich." Seine freie Hand wanderte über Angels Bauch bis hinab unter die Bettdecke und er beugte sich über ihn, um ihn zu küssen. „Nur dieses eine Mal", hauchte er, während seine Hand weiter auf Wanderschaft ging. „Ich liebe dich."

Und Angel blieb bei dem Ausblick keine andere Wahl. Er versank in Spikes blauen Augen und nahm die Rose in die Hand, die sein Schatz ihm darbot. Dann zog er ihn auf sich. „Ich liebe dich auch", murmelte er leise und sie versanken in einem leidenschaftlichen Kuss.

 

Ende