Titel: 24Days
Autor: Silentthunder
Inhalt: Buffy bekommt jeden Tag im Dezember seltsame und doch wunderschöne Geschenke. Wer wohl der edle Spender ist?
Altersfreigabe: keine
Teile: 5
Beta: Lorias
Storypic: Silentthunder
Hauptcharakter(e): Willow, Xander, Buffy/Spike

 

24 Days

„Sunnydale! Schon der Name spottet jeder Beschreibung!", murmelte Buffy Summers unwirsch, zog die Bettdecke bis an die Nasenspitze und löschte das Licht. „Schlimmer hatte es kaum kommen können." Dieses kleine Nest, kaum eine Autostunde von Los Angeles entfernt, war langweilig, öde und spießig. Hätte sie die Wahl gehabt, hätte sie diesem Ort sofort den Rücken gekehrt. Doch nach ihrer Meinung wurde im Moment nicht gefragt.

Früher, ja früher war alles anders gewesen. Auch wenn dieses „Früher" kaum ein paar Monate zurücklag. Jedenfalls hatte sie damals noch ein Leben gehabt. Ein Leben, das unterhaltsam, spaßig und interessant für ein junges Mädchen wie sie gewesen war. Ganz im Gegensatz zu jetzt!

Dann jedoch hatten ihre Eltern beschlossen, sich zu trennen und seitdem war sie auf dem absteigenden Ast. Ihre Mutter hatte den verrückten Entschluss gefasst, in diesem langweiligen Kaff eine Kunstgalerie zu eröffnen und da ihr Vater beschlossen hatte, sich sämtlicher Verantwortung zu entziehen, war ihr gar nichts anderes übrig geblieben, als mit in dieses verfluchte Nest zu ziehen.

Doch eigentlich war es müßig, wieder und wieder darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn…. Sie war gerade mal sechzehn Jahre alt und hatte dementsprechend keine andere Möglichkeit, als hier zu bleiben. Jedenfalls solange, bis sie die Highschool hinter sich hatte und eine Collegeausbildung begann.

Leise seufzend drehte Buffy sich auf die Seite und starrte aus dem Fenster, hinter dem nichts weiter als Dunkelheit zu erkennen war. Ihrer Meinung nach hatte sie das Schicksal schwer gebeutelt. Viel zu schwer! Noch vor wenigen Monaten hatte sie nur die sonnigen Seiten des Lebens genossen, nun war sie auf dem besten Weg, im gesellschaftlichen Aus zu landen. Schon, weil sie es gewagt hatte, sich mit Willow und Xander anzufreunden, die beide zwar herzensgute, stets hilfsbereite Menschen, doch gleichzeitig nicht besonders angesehen waren.

Nur Scott rettet mich noch vor dem totalen Absturz’, dachte sie betrübt und seufzte lautlos. Ihr war es gelungen, sich einen der begehrtesten Jungen auf der Schule als Freund zu angeln, doch sollte diese Beziehung je ein Ende finden… sie mochte gar nicht darüber nachdenken. Noch hing sie in einer Art Schwebe, war weder beliebt noch ein Loser, doch wenn Scott sich von ihr trennen würde, war der Abstieg gewiss.

Wieder seufzte sie, diesmal schwerer. Es war nicht sonderlich nett, den jungen Mann zu benutzen, doch auf seine Art machte er das Gleiche. Sie war nur ein weiterer Strich auf seiner Liste und er konnte damit angeben, als erster die „Neue" erobert zu haben.

Unruhig wälzte sie sich hin und her. „Ich hasse mein Leben", grummelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart. „Und morgen beginnt ein neuer Horrormonat! Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was der Dezember „Nettes" für mich parat hat!"

Doch dann schob sie alle schlechten Gedanken beiseite. Bald war Weihnachten und vielleicht schaffte sogar ihr Vater, mal einen kurzen Abstecher hierher zu machen. Doch das würde sich erst zeigen müssen, denn bisher schien er das Leben als Single sehr zu genießen.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Gute Morgen, mein Schatz", begrüßte Joyce Summers ihre Tochter, die gerade mit hängenden Schultern die Küche betrat. „Was möchtest du essen?" Ihr fiel es schwer, ihre Tochter so traurig und bekümmert zu sehen, doch sie hoffte darauf, dass sie sich früher oder später einfach mit dem Gedanken abfand, hier in Sunnydale zu wohnen. Sie hatten Los Angeles hinter sich lassen müssen, um mit der Vergangenheit abzuschließen, doch das wollte ihre Tochter nicht einsehen. Vielleicht war sie auch einfach noch zu jung, um den Entschluss ihrer Mutter verstehen. Doch noch bestand die Möglichkeit, dass sich alles zum Guten wendete.

„Gar nichts", hätte Buffy am liebsten gesagt, doch sie zuckte mit den Schultern. „Einen Joghurt vielleicht." Sie hatte noch immer schlechte Laune, doch ihre Mom dafür verantwortlich zu machen, war nicht gerade angebracht. Immerhin versuchte sie nichts weiter, als ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. „Nein, ich möchte lieber eine Orange", entschied sie sich um und langte in die Obstschale.

„Ich habe hier noch etwas für dich", meinte Joyce und lächelte undurchsichtig. „Besser gesagt, es lag vor der Haustür und ich habe es gefunden, als ich die Zeitung holen wollte. Und da dein Name darauf steht, habe ich es hereingeholt und aufbewahrt."

Sie streckte Buffy ein kleines Päckchen entgegen und musste lachen, als sie den verdutzten Gesichtsausdruck ihrer Tochter auffing. „Du weißt also auch nicht, von wem das sein könnte?"

„Ich habe nicht die geringste Ahnung", murmelte Buffy und nahm das Paket genauer in Augenschein. Es war wunderschön und sehr aufwendig in rotem Geschenkpapier verpackt, doch eine Karte gab es offensichtlich nicht.

„Nun mach es schon auf", forderte ihre Mom sie auf und setzte sich mit einer Kaffeetasse zu ihr an den Küchentisch. „Oder bist du gar nicht neugierig?"

„Doch, schon", murmelte Buffy und zog an dem Schleifenband. Wenige Sekunden später hatte sie einen kleinen Schmuckkasten vor sich liegen und mit spitzen Fingern nahm sie den Deckel ab.

„Oh, wie schön", entfuhr es Joyce, als sie das silberne Armband sah, das als Anhänger einen kleinen, süßen Schutzengel hatte. „Schau mal, da liegt noch eine Karte drin."

Buffy legte das prächtige Schmuckstück vorsichtig auf den Tisch, nahm dann die kleine Karte in die Hand und runzelte die Stirn. „Was soll das?", sagte sie und überreichte sie ihrer Mom. „Weißt du, was das bedeuten soll?"

„Seltsam", murmelte Joyce, nachdem sie einen Blick auf die Karte geworfen hatte. Doch dann lachte sie. „Wer weiß, wer dich damit überraschen will. Vielleicht findest du ja noch heraus, was das Wort „und" und die Nummer Neun zu bedeuten haben."

„Möglich", nickte Buffy und besah sich die kleine Karte einmal genauer. Doch außer dem kurzen Wort und der Nummer Neun war nichts darauf zu entdecken und so zuckte sie mit den Schultern. „Ich werde Scott einmal fragen."

„Mach das", sagte Joyce und erhob sich. „Ich muss gleich los. Soll ich dich mit in die Stadt nehmen?"

„Ja, gerne", nickte Buffy und stand ebenfalls auf. „Ich beeil mich", sagte sie und lief auch schon aus der Küche. Sie musste einfach wissen, ob Scott ihr das Armband geschenkt hatte, und wenn ja, warum? Immerhin hatte sie nicht Geburtstag und es gab auch sonst keinen Grund für ein solch wunderschönes Geschenk. ‚Ich werde es herausfinden’, nahm sie sich vor und eilte die Treppe herauf. ‚Ganz sicher!’

 

                                                                                                   *~*~*

 

„Oh, das ist aber hübsch", lächelte Willow und sah ihre neue Freundin mit großen Augen an. „Da muss dich aber jemand sehr mögen." Sie selbst hätte gern ein solches Geschenk bekommen, am liebsten von Xander. Doch der große, schlaksige Dunkelhaarige schien einfach nicht bemerken zu wollen, dass sie mehr als bloße Freundschaft empfand. Und sie selbst war einfach zu schüchtern, um den ersten Schritt zu wagen. Sie seufzte innerlich, doch dann musste sie wieder lachen, weil Buffy offenbar sehr aufgeregt und nervös wegen des Geschenks war.

Auch Xander warf einen Blick auf das Schmuckstück und zuckte mit den Schultern. „Auf so was stehen Mädchen, ähm… junge Frauen?", verbesserte er sich nach einem giftigen Blick von Buffy.

„Jepp, auf so was stehen junge Frauen", verdrehte sie die Augen.

„Und du weißt nicht, von wem das ist?", bohrte er weiter und seine Augenbrauen zogen sich herab. Er spielte gerne den großen Beschützer und im Moment war er sich noch nicht sicher, was er davon halten sollte. Gleichzeitig machte er sich jedoch gedanklich eine Notiz. Er musste unbedingt mehr darüber herausfinden, auf was die jungen Mädchen von heute standen. Vielleicht würde das ein wenig Wind in sein nicht vorhandenes Liebesleben bringen.

„Scott ist noch nicht da", sagte Buffy und begutachtete das Schmuckstück, das bereits seinen Platz an ihrem Handgelenk gefunden hatte. „Aber ich werde ihn fragen. Außer ihm wüsste ich nämlich niemanden, der mir ein Geschenk machen würde. Höchstens noch mein Dad, aber ich glaube kaum, dass er es einfach vor die Haustür gelegt hätte."

„Sicher nicht", murmelte Willow. „Dein Dad würde bestimmt auch nicht eine Nummer auf die Karte schreiben." Sie runzelte die Stirn, dann lächelte sie vage. „Es ist ein Rätsel und ich mag Rätsel."

„Ich auch, manchmal", murrte Buffy und schulterte ihren Rucksack. „Aber jetzt gibt es ein anderes Rätsel, um das ich mich kümmern muss. „Mathematik! Und ich glaube, das wird für immer ein Mysterium für mich bleiben!"

 

                                                                                             *~*~*

 

Die Stunden schlichen nur so vor sich hin und Buffy beobachtete heimlich jedes männliche Wesen, das an ihr vorüberging. Scott hatte sie nur mit großen Augen angesehen und den Kopf geschüttelt, als sie ihn nach dem Armband gefragt hatte. Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als hätte ihn die Eifersucht gepackt, doch schlussendlich hatte er die Schultern gezuckt und gemeint, es wäre doch eine nette Überraschung.

Und er hatte Recht. Es war eine nette Überraschung. Doch Buffy wollte wissen, wer ihr ein solch wunderhübsches und wertvolles Geschenk gemacht hatte. Und sie wollte das Geheimnis des Wortes „Und" und der Zahl Neun lösen.

Willow, die sich wie üblich jede Pause bei ihr aufhielt, seufzte schließlich laut. „Ich finde das hundsgemein", murmelte sie schließlich. „Die Hinweise sind einfach nicht aussagekräftig genug, um sich darauf einen Reim zu machen." Sie war gut darin, Geheimnisse und Rätsel zu lösen, doch diesmal musste sie passen und das wurmte sie sehr. „Ich finde das wirklich unfair."

„Es ist unfair", nickte Buffy. „Mehr als das", meinte sie und sah einem weiteren Jungen hinterher, der ihr kurz zugenickt hatte. „Ich kann ja wohl kaum einen Aufruf starten."

„Hast du denn wirklich keine Ahnung, wer dich … ähm… mögen könnte?" Willow druckste leise herum, denn eine solche Frage stellte sie nicht oft. „Hat dir nie jemand zu verstehen gegeben, dass er ver… verliebt in dich ist?"

„Nein, ich habe nicht die blasseste Ahnung." Buffy reckte sich, nur um gleich wieder in sich zusammenzusacken. „Interesse haben eine Menge der männlichen Wesen hier bekundet, aber ich wüsste keinen, der mir ein Armband schenken wollte." Sie wusste, sie war nicht hässlich und wie es so üblich war, hatten sich alle Jungen für sie interessiert, kaum dass sie einen Fuß auf den Schulhof gesetzt hatte. Doch das würde sie nicht vor Willow ausbreiten, die zwar nicht weniger hübsch, dafür aber längst nicht so selbstbewusst wie sie selbst war und deswegen einfach nur lieb, brav und schüchtern wirkte.

„Was hat Scott dazu gesagt?" Willow kannte Scott Hope schon ein paar Jahre länger. Er war nicht unbedingt ihr Typ, vor allem, da er sich selten für etwas außer sich selbst begeistern konnte. Doch da er Buffys Freund war, würde sie sich mit Kritik zurückhalten. Und doch meinte sie zu glauben, dass ihrer neuen Freundin schon längst ein Licht aufgegangen war und es nicht mehr lange dauerte, bis Scott Hope endgültig Vergangenheit war.

„Er war es nicht und er weiß auch nicht, von wem das Geschenk kommen könnte." Buffy verdrehte die Augen. „Du hättest ihn sehen müssen. Erst schien ihm die Eifersucht aus den Ohren zu quellen, dann war sie wie weggeblasen und er hat sich gleich wieder auf sein Lieblingsthema geworfen. Scott Hope!"

„War es ihm egal?" Willow konnte die Fassungslosigkeit nicht aus ihrer Stimme verdrängen und grinste verlegen. „Naja, du weißt schon…" Sie wurde rot und blickte schnell in die andere Richtung.

„Ja", gab Buffy zu und zuckte mit den Schultern. „Ich denke, es war ihm egal." Sie seufzte schwer. „Ich denke, es ist an der Zeit, diese Farce zu beenden."

Es würde bestimmt nicht einfach werden, ohne ihn als Freund an ihrer Seite, doch noch länger konnte sie nicht mit einem jungen Mann befreundet sein, dessen Interessen völlig von den ihren abwichen und der zudem so gar nicht ihr Typ war. Und eigentlich war es ihr auch vollkommen egal, was die anderen Schüler von ihr dachten. Sunnydale war nicht Los Angeles und egal, was auch immer passierte, sie würde damit leben können. Sie warf einen flüchtigen Blick auf Willow und musste lächeln. Ein solches Mädchen wie sie hatte sie nie zuvor kennengelernt. Unglaublich clever und schlau, gleichzeitig aber furchtbar schüchtern und zurückhaltend.

„Du bist ohne ihn besser dran", nickte Willow und sah schnell wieder zur Seite, denn sie war ein bisschen überfordert. „Immerhin gibt es hier irgendwo einen Mann, dem sehr viel an dir liegt." Bisher hatte sie nie eine Freundin gehabt. Und schon gar keine, mit der sie über solche Themen gesprochen hatte.

„Vielleicht hast du Recht", seufzte Buffy, die eigentlich schon mit dem Thema abgeschlossen hatte. „Ich hoffe wirklich, dass du Recht hast."

 

Teil 2

„Jetzt erzählt mir nicht, ihr Zwei sucht immer noch nach dem Kerl, der Buffy dieses Armband geschenkt hat!" Mit gespielt ernster Miene schüttelte Xander den Kopf. „Ladies, wir sind hier im Bronze, um ein wenig Spaß zu haben, den Schrecken der Schule zu vergessen und einfach abzuhängen!" Er deute einen recht seltsam anmutenden Tanz zu der dröhnenden Musik an und grinste breit, denn er hatte sein Ziel erreicht. Beide Mädchen lachten.

„Vielleicht hat er Recht", sagte Willow über den Lärm der Musik hinweg. „Es sind einfach viel zu wenige Hinweise." Sie zuckte andeutungsweise mit den Schultern. „Entweder derjenige meldet sich oder…"

„Höchstwahrscheinlich hast du Recht", nickte Buffy und ihre blonde Mähne wiegte sich im Takt der Musik. Sie hatte sowieso genug davon, jedes männliche Wesen in ihrer Nähe zu begutachten. Hin und wieder war es schon peinlich geworden, denn die beobachteten Objekte hatten ihre Aufmerksamkeit durchaus wahrgenommen. Zudem hatte sich längst herumgesprochen, dass sie Scott Hope den Laufpass gegeben hatte und ein oder zwei übermütige Jungs hatten sofort ihr Interesse bekundet.

„Die Typen da sind echt ätzend", riss Xander sie aus ihren Gedanken. Er zeigte in die Ecke, in der der Billardtisch stand, und schüttelte den Kopf. Einige Studenten, die offensichtlich zuviel Alkohol intus hatten, pöbelten jeden an, der sich in ihre Nähe wagte.

Gerade im Moment fielen sie im Rudel über ein Mädchen her, das Buffy noch nie gesehen hatte. Die arme Kleine wusste sich kaum zu wehren und als die Männer dann noch begannen sie überall anzugrapschen, wurde die Lage brennzlich.

„Warum hilft ihr denn niemand?", rief Willow neben Buffy nervös und knetete aufgeregt ihre Hände.

Buffy wusste darauf keine Antwort, doch sie war weder feige noch auf den Mund gefallen und rutschte langsam von ihrem Barhocker. Wenn sonst niemand mutig genug war, dann musste sie eben eingreifen.

Doch die gefährliche Situation löste sich schneller, als sie erwartet hatte. Einer ihrer Mitschüler, der ein Jahrgang höher war als sie selbst, stellte sich den Betrunkenen in den Weg und augenblicklich herrschte Ruhe.

Buffy konnte es den alkoholisierten Studenten nicht einmal verdenken, denn der junge Mann wirkte durchaus furchteinflößend. Er war ganz in Schwarz gekleidet, trug ein zerrissenes Shirt, wuchtige Metallketten um den Hals, schwere Springerstiefel und sein Haar, das zu allen Seiten wild abstand, war weißblond gefärbt.

„Spike", murmelte Xander neben ihr, doch Buffy ließ die Szene am Billardtisch nicht aus den Augen. Eigentlich rechnete sie mit einer Schlägerei, doch offenbar reichte allein sein Auftreten und die bitterbösen Blicke, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Er nahm die Hand des Mädchens, zog sie aus der Gefahrenzone und warf einen letzten grimmigen Blick auf die Studenten, bevor er mit dem Mädchen in der Menge verschwand.

„Wow", murmelte Buffy beeindruckt. „Dem möchte ich auch nicht im Dunkeln begegnen."

„So ist er nicht", meinte Willow, die wie Xander auch, in Sunnydale aufgewachsen war und dementsprechend fast jeden kannte. „Er ist nicht gefährlich oder so", fügte sie hinzu. „Auch wenn er so aussieht."

„Er ist durchaus gefährlich", widersprach Xander. „Wenn er erstmal richtig wütend ist…"

„Wie oft hast du ihn schon wütend gesehen?", fragte Willow und Buffy beobachtete gespannt das Gespräch der Beiden. Es kam wahrhaftig nur selten vor, dass Willow ausgerechnet Xander widersprach und sie war neugierig, was der Grund dafür war.

„Ich habe ihn nie wütend gesehen", grummelte der Dunkelhaarige. „Aber jeder hat davon gehört! Immerhin hat er drei Typen krankenhausreif geschlagen!" Er konnte es einfach nicht fassen. Jedermann in Sunnydale achtete diesen Verrückten und er selbst, stets darauf bedacht, nur das Richtige zu tun, wurde wie ein Aussätziger behandelt. Die Welt war und blieb ungerecht!

„Und warum hat er das getan?", fragte Willow und lächelte sachte.

„Darum geht es hier doch gar nicht", beschwerte sich Xander. „Ich habe nur gesagt, dass er durchaus gefährlich ist. Und das kannst du nicht abstreiten!" Er verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Außerdem verstehe ich gar nicht, was ihr Mädels alle an ihm findet. Er ist ein Punk! Nichts weiter als ein Punk!"

„Was hat er getan?", klinkte Buffy sich in das Gespräch ein. Jetzt war sie erst richtig neugierig und wollte unbedingt wissen, was dieser Spike Schlimmes angestellt hatte und warum Xander so reagierte, wie er es gerade tat.

„Es war ähnlich wie hier", klärte Willow sie bereitwillig auf. „Nur… ähm, noch viel schlimmer. Drei Männer haben versucht, ein junges Mädchen zu vergewaltigen. Damals, als die Kirmes das letzte Mal in der Stadt war. Und naja, Spike kam dazu und hat sie … ähm… aufgehalten."

„Und wie er das hat", grunzte Xander. „Und seitdem hat er bei den jungen Frauen der Stadt eine Sonderstellung!" Er klang beleidigt, beinahe eifersüchtig. „Und dass, obwohl er wie ein Obdachloser aussieht!"

Tatsächlich hatte Buffy diese Art Sonderstellung auch schon bemerkt, obwohl sie Spike nicht einmal persönlich kannte. Niemand in der Schule warf ihm auch nur einen schrägen Blick zu und das, obwohl er allein durch seine Auftreten geradezu dazu aufrief. Bisher hatte sie immer angenommen, dass es Angst war, die ihre Mitschüler davon abhielt. Jetzt war klar, dass es eher Respekt war, vielleicht gepaart mit Furcht.

„Wie hättest du an seiner Stelle reagiert?", fragte Buffy Xander.

„Wahrscheinlich ähnlich", seufzte Xander. „Naja, … ähnlich halt. Vielleicht…." Er warf die Arme in die Luft. „Wie soll man so eine Frage beantworten? Das kann man nicht! Aber ich hätte sicherlich auch nicht zugelassen, dass das Mädchen vergewaltigt wird!"

„Ist ja schon gut", sagte Willow, stets auf Harmonie bedacht. „Wir wissen, dass du das auch nicht hättest geschehen lassen." Sie hasste es, Xander zu verärgern und lächelte lieb. Und, um die Situation weiter zu entschärfen, hüpfte sie von ihrem Barhocker. „Möchte noch jemand außer mir was Neues zu trinken?"

„Ich geh schon", grummelte Xander und schob sich durch die Besuchermenge des Bronze auf die Theke zu.

„Warum reagiert er so sauer?", fragte Buffy ihre neue Freundin mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich weiß es nicht genau." Ihre Wangen verfärbten sich leicht rot und sie verzog das Gesicht. Es fiel ihr offenbar schwer, das auszusprechen, was auf ihrer Zunge lag. Doch dann nahm sie sich ein Herz. „Ich glaube, Xander ist ein bisschen eifersüchtig. Spike könnte so gut wie jedes Mädchen haben, sie reißen sich praktisch um ihn. Trotz seiner etwas … ähm … seltsamen Aufmachung. Und Xanders Liebesleben ist … praktisch nicht vorhanden." Sie schluckte schwer und setzte eine heitere Miene auf. „Du weißt schon, worauf ich hinaus will."

„Jepp", nickte Buffy. „Ich verstehe." Doch dann wuchs ihre Neugier auf diesen Punk, wie Xander ihn nannte, noch ein kleines bisschen mehr. „Und? Hat er jedes Mädchen?"

„Wer? Xander?", fragte Willow überrascht, doch dann begriff sie und lachte abgehackt. „Ach, Spike! Nein", sie schüttelte den Kopf. „Er war mal mit einem Mädchen zusammen, eine lange Zeit sogar. Aber das ist wohl vorbei. Hin und wieder werden ihm irgendwelche Geschichten angedichtet, aber die meisten davon sind wohl frei erfunden." Sie erkannte Xander in der Menge, der mit sich mit Getränken bewaffnet einen Weg durch die Menge bahnte. „Lass uns das Thema wechseln, okay?"

Buffy nickte, doch eigentlich hatte sie noch eine Menge mehr Fragen. Nur musste das wohl warten, bis sie mit Willow einmal alleine war.

 

                                                                                           *~*~*

 

„Buffy! Es lag schon wieder ein Geschenk für dich vor der Haustür!" Joyce Summers rief durch das ganze Haus, damit ihre Tochter, die sich seit Ewigkeiten im Badezimmer aufhielt, sie auch hörte.

„Ischt nischt dein Ernscht", rief Buffy zurück. Anscheinend hatte sie noch immer eine Zahnbürste im Mund und Joyce lächelte. Nach dieser Ankündigung sollte es wohl nicht lange dauern, bis sie in die Küche stürmte.

Und sie sollte Recht behalten. Kaum eine Minute später brauste Buffy in die Küche. Mit großen Augen und einem Blick wie ein Fragezeichen. „War das dein Ernst?"

„Aber sicher", lächelte Joyce und deutete auf den Tisch, auf dem ein Päckchen lag, das genauso aufwendig und wunderschön eingepackt war wie das gestrige. „Du hast offenbar einen heimlichen Verehrer."

Fassungslos starrte Buffy auf das neue Geschenk. „Wenn da heute wieder keine Karte bei ist, werde ich wirklich sauer."

„Vielleicht solltest du es erst einmal auspacken", schlug ihre Mom vor und setzte sich wieder mit an den Tisch. Sie war beinahe genauso aufgeregt wie ihre Tochter. Immerhin war die ganze Situation schon ein wenig ungewöhnlich und wie es sich für eine Mutter gehörte, machte sie sich Sorgen. Freilich konnte auch ein Verrückter dafür verantwortlich sein und ihre Tochter hatte genug Probleme. Schon wegen der Scheidung und des Umzugs in diese kleine Stadt. „Was da wohl drin ist?", lächelte sie, da Buffy unschlüssig war, ob sie es überhaupt öffnen sollte.

„Mom", beschwerte sich Buffy auch sogleich und zog das kurze Wort gewaltig in die Länge. Sie verdrehte die Augen, seufzte herzergreifend und löste die Schleife, die das Papier zusammenhielt. „Ach, wie süß", entfuhr es ihr, als sie den kleinen Elch-Teddy entdeckte, der als Weihnachtsmann verkleidet war. „Gott, der ist ja zu knuffig!"

„Und eine Karte liegt auch dabei", meinte Joyce und griff sogleich danach. „Hm", meinte sie, „ich denke, du wirst jetzt schlechte Laune bekommen."

„Warum?", fragte Buffy, die über das kuschelige Fell des Teddys gestrichen hatte.

„Naja, deswegen", meinte ihre Mutter vorsichtig und überreichte die Karte.

„Na, ganz toll", maulte Buffy auch gleich los. „Ich dreh noch durch. Was soll man denn mit solchen Hinweisen? Das Wort „Wunsch" und die Nummer siebzehn." Sie grummelte leise vor sich hin. „Also ehrlich! Ich finde das wirklich und absolut gemein! Man muss doch wissen, von wem man so… schöne Geschenke bekommt."

„Und du hast wirklich nicht die kleinste Ahnung, wer…"

„Nein, Mom!", schimpfte Buffy. „Ich würde es dir doch sagen, wenn ich es wüsste!" Sie seufzte schwer und nahm dann wieder den Elch auf, der vor ihr auf dem Tisch saß. „Das kann ja heiter werden", murmelte sie leise und strich über seine rote Mütze. „Wie soll ich denn so jemals herausfinden, wer mich mag?"

Es dauerte einen Moment, bis Joyce sprach, doch dann zuckte sie mit den Schultern. „Ich weiß, du bist kein kleines Mädchen mehr, aber ich möchte dich trotzdem bitten, ganz besonders auf dich aufzupassen. Vielleicht ist dein Verehrer irgendein abgedrehter Irrer und…"

„Das glaube ich nicht", unterbrach Buffy. „Ein Irrer würde mir irgendwelche toten Tiere vor die Haustür legen. Aber bestimmt nicht einen so süßen Weihnachtsteddy." Sie träumte vor sich hin. „Es ist bestimmt irgendein sehr schüchterner junger Mann, der es sich nicht traut, mich anzusprechen."

Joyce schüttelte den Kopf über soviel Blauäugigkeit, aber sie sagte nichts. Buffy würde schon auf sich aufpassen und sie war ja auch noch da, um sie zu schützen. Und vielleicht behielt ihre Tochter sogar recht damit, dass es einfach ein zurückhaltender junger Mann war. Dann hätte sie am liebsten gelacht. So romantisch wie der Gedanke auch war. Mit einem solchen Jungen konnte ihrer Tochter nichts anfangen. Sie war offen, direkt, ständig auf Achse und ganz gewiss nicht scheu. Doch sie war zu sehr Mutter, um irgendwelche Illusionen zu zerstören und so hielt sie sich zurück und nahm sich nur vor, ihre Antennen auszufahren und ganz besonders Acht zu geben.

 

Teil 3

Die erste Woche im Dezember würde Buffy wohl für immer im Gedächtnis bleiben. Zum einen, weil es wunderschön, aufregend und spannend war, jeden Morgen ein neues Präsent vorzufinden. Der geheimnisvolle Schenker gab sich größte Mühe; entweder kannte er sie gut, oder aber er konnte gut raten. Jedes einzelne Geschenk war offensichtlich gut durchdacht und traf zu hundert Prozent ihren Geschmack. Sei es das Armband mit dem Schutzengel, die kleine Schmuckschatulle oder auch die drei gläsernen Sternchenteelichter, die im Dunkeln herrlich funkelten.

Zum anderen glich diese Woche jedoch auch einem Spießrutenlauf. Scott Hope konnte sich offenbar nicht damit abfinden, abserviert worden zu sein und setzte die wildesten Gerüchte in Umlauf. Buffy hatte schon geahnt, dass sie seine Eitelkeit verletzt hatte, nicht aber damit, dass die Situation zu ausufern würde.

Überall wurden wissende Blicke getauscht, kaum dass sie einen Raum betreten hatte, doch das war nicht halb so schlimm wie die höhnenden Stimmen einiger Mitschüler, die mit Freuden jede von Scotts Lügen in der ganzen Schule herumposaunten.

Gestern jedoch hatte ihr Ex das Fass zum Überlaufen gebracht. Er hatte behauptet, Buffy mit drei fremden Männern gleichzeitig im Bett überrascht zu haben und obwohl kaum jemand diese Geschichte für bare Münze hielt, so wurde sie dennoch mehr oder weniger heimlich weitererzählt.

Für heute hatte sich Buffy vorgenommen, sich diesen Idioten einmal zur Brust zu nehmen und ihm gehörig die Meinung zu geigen. Das würde zwar an ihrer Situation nichts ändern, dafür aber eine Menge Frust ihrerseits abbauen.

 

                                                                                          *~*~*

 

„Willst du mir nicht lieber von deinem heutigen Geschenk erzählen?", versuchte Willow sie davon abzuhalten. „Ein Windspiel ist doch wirklich ungemein interessant und ich bin schon gespannt, wie es aussieht. Überhaupt finde ich es spannend..."

„Später", stoppte Buffy sie und kniff zornig die Augen zusammen. Sie hatte Scott entdeckt. Ohne Begleitung stolzierte er gerade durch die Halle und war offensichtlich auf dem Weg zur Sporthalle. Beste Voraussetzungen also, um ihn alleine zu erwischen. „Kannst du bitte meinen Rucksack mitnehmen?", fragte sie Willow und überreichte ihn auch sofort. „Ich bin bald wieder da."

„Buffy!", rief Willow ihr noch hinterher, doch ihre neue Freundin ließ sich nicht aufhalten. „Wenn das mal gut geht", seufzte sie mit hängenden Schultern. Einerseits bewunderte sie Buffy für ihren Mut, sich nicht einfach unterkriegen zu lassen, andererseits war es ihrer Meinung nach nutzlos und gefährlich, sich gegen diese böse Gerüchteküche aufzulehnen. Scott Hope war und blieb ein Mistkerl und wenn sie ihn jetzt noch weiter gegen sich aufbrachte, würde er nur noch mehr Lügen erfinden und in Umlauf bringen.

 

                                                                                          *~*~*

 

Buffys Puls raste und sie meinte, ihren eigenen Herzschlag hören zu können, so wütend war sie. Sie beschleunigte ihre Schritte, um Scott ja nicht aus den Augen zu verlieren, bog um die nächste Korridorecke und drückte sich Sekundenbruchteile später flach an die Wand. Von einem Wandschrank verdeckt beobachtete sie gespannt die Szene, die sich nur wenige Meter von ihr entfernt abspielte.

Scott war im Flur, doch er war nicht alleine. Spike, wie immer ganz in Schwarz gekleidet, hatte ihn gegen die Spindreihe gedrückt, den linken Arm angewickelt neben seinem Kopf an der Wand, den rechten drohend erhoben. Buffy war zu weit weg, um jedes Wort zu verstehen, denn Spike sprach sehr leise. Doch, was sie hörte, machte sie fassungslos.

„Du hast mich verstanden, oder?", zischte Spike gerade und seine Stimme warf sogar Buffy eine Gänsehaut auf den Rücken. „Du hörst damit auf, die verfluchten Lügen zu verbreiten! Und das auf der Stelle!" Und da Scott nicht antwortete, näherte sich Spike ihm soweit, dass sich fast ihre Nasen berührten. „DU biegst das wieder gerade! Mir egal, wie du das anstellst! Aber wehe dir, mir kommt auch nur noch eins deiner schauderhaften Märchen zu Ohren…" Er stieß sich von der Wand ab, warf einen letzten gehässigen Blick auf Scott und ging dann hoch erhobenen Hauptes davon.

Vollkommen sprachlos vergaß Buffy kurz das Atmen, doch dann lächelte sie. Sie hatte zwar keine Ahnung, warum ausgerechnet Spike für sie Partei ergriffen hatte, doch es schien Wirkung zu zeigen. Scott, offenbar schwer geschockt, kam nur langsam wieder zu sich und seine ersten Schritte verrieten seine wackeligen Knie. Mit Genugtuung und einem fiesen Grinsen im Gesicht sah sie ihm hinterher, bis er sich durch die Tür der Sporthalle schob, erst dann verließ sie ihr Versteck. „Wow", murmelte sie, dann lachte sie leise. „Nicht schlecht!" Doch dann sah sie den jetzt leeren Gang entlang, indem Spike verschwunden war. Und ob sie es zugeben wollte oder nicht, der junge Mann gefiel ihr mit jeder Minute besser.

 

                                                                                               *~*~*

 

„Spike hat was…?" Zum dritten Mal stellte Willow nun diese Frage. Zusammen mit Buffy und Xander saß sie auf ihrer Lieblingsbank auf dem Schulhof, um die Pause zu genießen. Doch sie kam nicht einmal dazu, ihr mitgebrachtes Frühstück zu verspeisen. Viel zu gebannt war sie von den Neuigkeiten, die Buffy berichtete. „Wow", murmelte sie. „Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet Spike…"

Einen Moment herrschte Schweigen, dann reckte Buffy sich. „Es ist vielleicht eine blöde Idee", meinte sie, „aber glaubt ihr, dass die vielen Geschenke von ihm sein könnten?"

Sofort fuhr Xander hoch. Bisher hatte er die ganze Lobhudelei über Spike mehr oder weniger gut gelaunt über sich ergehen lassen, doch jetzt reichte es ihm. „Jetzt hör aber auf", schimpfte er. „Kann ja sein, dass sich Mister Blondschopf zum Rächer der Witwen und Waisen aufgeschwungen hat, aber wir reden hier immer noch von Spike!" Er schüttelte den Kopf und schnaufte. „Er ist immer noch ein Punk, verdammt noch mal! Er hört abgedrehte Musik, raucht, wahrscheinlich nicht einmal nur normalen Tabak, und säuft sich vermutlich jeden Abend die Birne weg! Genau wie sein versoffener Vater! Er ist garantiert nicht zum Weichei mutiert, das seine Freizeit in Schmuck- und Süßwarengeschäften verbringt!"

„Das kannst du doch gar nicht wissen", ging Willow sofort in die Verteidigung. Sie schüttelte den Kopf, doch ihr Blick war noch immer sanft. „Also das mit dem Alkohol und den Drogen meine ich." Dann sah sie Buffy an. „Aber das mit dem Schmuckgeschäft … das kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen."

„Wahrscheinlich habt ihr Beide recht", nickte Buffy und zuckte mit den Schultern. Einerseits wäre es schön gewesen, endlich zu wissen, von wem all die schönen Geschenke kamen, andererseits… Spike?

Xander benutzte das Wort Punk immer wie ein Schimpfwort, und doch war es genau das Richtige, um den jungen Mann in den stets schwarzen Klamotten zu beschreiben. Schon allein der Name… Spike…! Sogar seine Lehrer nannten ihn so. Wusste eigentlich überhaupt jemand, wie er mit richtigem Namen hieß? Leise seufzend warf sie einen Blick über den Schulhof. Seit dem Vorfall im Flur vor der Sporthalle hatte sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen und doch war sie mehr als nur neugierig.

Buffy fing Xanders grimmigen Blick auf und schluckte die Frage herunter, die sie gerade hatte stellen wollen. Doch Spike konnte kaum sein richtiger Name sein und sie nahm sich vor, Willow bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.

 

                                                                                                  *~*~*

 

Schon am nächsten Tag war es weitaus weniger schlimm die Schulstunden durchzustehen. Zwar lachten und tuschelten immer noch einige Mitschüler, doch die breite Masse schien die ganze Sache vergessen zu haben. Was schon daran lag, dass keine neuen, reißerischen Geschichten dazu erfunden wurden.

Buffys gute Laune war wieder hergestellt, auch wenn es gerade im Moment schwer war, sie aufrechtzuerhalten. Gerade jetzt saß sie mit ihren beiden Freunden in der Cafeteria der Schule und versuchte den Fraß runterzuwürgen, der als ausgewogene Vollwertkost angepriesen wurde, tatsächlich jedoch gepresster Karton war.

„Jetzt erzähl schon!", forderte Willow sie auf. „Was hast du heute Morgen Schönes bekommen?" Sie waren zwar schon seit Stunden in der Schule, doch da sie keine gemeinsamen Fächer gehabt hatten, platzte sie schier vor Neugier.

„Das hier", grinste Buffy und zog sogleich den funkelnden Schlüsselanhänger aus der Tasche.

„Den Engel hab ich schon mal irgendwo gesehen", brummte Xander und stocherte missmutig in seinem Nudelauflauf. Die ganze Sache mit dem heimlichen Verehrer ging ihm dermaßen auf den Sender…. Er konnte die schwärmerischen Blicke seiner beiden Mädels einfach nicht mehr sehen und da er selbst ein Auge auf Buffy geworfen hatte, konnte er einen weiteren Anwärter nicht brauchen.

Das Schlimme an der ganzen vertrackten Situation war eigentlich, dass Buffy durchaus bemerkt hatte, was er empfand. Doch sie überging die ganze Angelegenheit einfach, so, als wäre nie etwas passiert. Entweder also war es ihr vollkommen egal, was auch bedeutete, dass er, Xander, ihr vollkommen egal war, oder sie machte gute Miene zum bösen Spiel und wollte ihre Freundschaft nicht gefährden. Was auch immer der Grund war, Xander ärgerte sich.

„Natürlich kennst du den Engel", rief Willow und klatschte begeistert in die Hände. „Genau so einen hat sie auch an ihrem neuen Armband." Sie lächelte. „Also der Engel am Armband ist kleiner, aber von der gleichen Art!" Mit Eifer machte sie sich über ihren Tofu-Burger her und Buffy fragte sich, wie Willow das schaffte. Schon beim bloßen Anblick der seltsamen Speise klappten sich ihre Fußnägel um.

„Wie auch immer", brummte der Dunkelhaarige und guckte verdrießlich in die Runde.

Willow warf ihm einen fragenden Blick zu, doch dann schüttelte sie fast unmerklich den Kopf und wandte sich wieder ihrer Freundin zu. „Hast du mittlerweile herausgefunden, was die Wörter und Nummern auf den Karten zu bedeuten haben?"

Buffy zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, die Nummern zeigen mir die Reihenfolge an, in der die Wörter gelesen werden müssen. Bisher ist es allerdings noch ein undurchdringliches Kauderwelsch." Sie schob ihr Tablett endgültig von sich. Sie würde lieber bis heute Nachmittag hungern, als sich diesen Fraß anzutun.

„Daran hatte ich auch schon gedacht. Früher oder später kommt heraus, was gemeint ist." Verträumt spielte Willow mit dem Strohhalm ihres Apfelsafts. „Ich finde das Ganze sehr romantisch", sagte sie dann leise. „Und sehr aufregend."

„Ich auch", grinste Buffy. „Aber ich möchte doch wissen, wie lange ich noch warten muss."

Xander grunzte und mischte sich wieder in das Gespräch ein. „Jeden Tag ein kleines Geschenk… an was erinnert euch das?" Er schüttelte den Kopf, denn eine Antwort bekam er nicht. „Mädels, manchmal kann ich euch einfach nicht verstehen. Und dabei ist es so einfach! Es ist wie ein Adventskalender. Ihr wisst schon… jeden Tag ein Türchen…. Nur dass es diesmal keine Türchen sind, sondern kleine Geschenke."

„Ein Adventskalender", wiederholte Buffy verblüfft und strich eine verirrte blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Natürlich!" Doch dann wurde sie blass. „Das bedeutet dann auch, dass es noch fast zwei Wochen dauert, bis ich endlich weiß, wer mir die Geschenke macht!"

„Wenn er sich überhaupt zu erkennen gibt", sinnierte Willow, dann fing sie Buffys Blick auf. „Oh, ähm natürlich wird er das. Ganz bestimmt!", beeilte sie sich zu versichern. „Er wird sich schon zeigen."

„Weißt du, wann die Geschenke geliefert werden?", erkundigte Xander sich und versuchte dabei vollkommen harmlos und gelassen zu klingen. Tatsächlich überlegte er jedoch gerade, sich irgendwo in Buffys Garten auf die Lauer zu legen und den Überbringer so zu fassen.

„Nein, keinen Schimmer", seufzte die Blonde und lachte dann. „Eine Nacht habe ich versucht wachzubleiben. Ich habe mich mit meinem Schreibtischstuhl und einer Decke ans Fenster gesetzt und gewartet. Doch irgendwann bin ich einfach eingeschlafen." Wieder lachte sie leise. „Mit dem Kopf an der Scheibe." Sie schüttelte den Kopf. „Leute, ich sage euch, macht das nur nie nach! Nach dem Aufwachen war ich mörderisch verspannt und habe gedacht, die Druckstelle auf der Stirn würde nie wieder verschwinden!"

 

Teil 4

Längst hatten die Weihnachtsferien angefangen, die Tage glitten langsam dahin und da sie nicht mehr mit Schule und Hausaufgaben angefüllt waren, kam es Buffy so vor, als hätte jede dieser endlosen Tage achtundvierzig Stunden. Mindestens!

Es war unglaublich schwierig, einfach abzuwarten und jeden Morgen eins dieser prächtigen Geschenke auszupacken, dessen Absender ein großes Mysterium war. All die Präsente waren wirklich und wahrhaftig wunderschön, doch sie brannte darauf, endlich denjenigen kennenzulernen, der sie so liebevoll aussuchte und verpackte.

Buffy verlangsamte ihre Schritte und dachte an die rätselhaften Worte auf den Karten, die langsam aber sicher einen Satz bildeten. Sie hatte all die kleinen Karten auf ihrer Fensterbank aneinandergereiht und auch, wenn sich der Verfasser die wichtigsten Worte für den Schluss aufbewahrte, so kristallisierte sich doch langsam heraus, was gemeint war. Und schon das, was man bisher lesen konnte, ließ einem den Atem stocken!

Leise ächzend stellte Buffy ihre schweren Einkaufstaschen auf dem Gehweg ab und reckte sich. Weit war der Weg bis nach Hause nicht mehr und sie würde die letzten Meter schon schaffen. „Du musst dir eben vorher überlegen, wie viel Krempel du einkaufen willst", schimpfte sie leise mit sich selbst und betrachtete die Unmenge an Einkaufstüten. „Oder dich abholen lassen!"

Doch eigentlich hatte sie sich ganz bewusst für den langen Fußmarsch entschieden. Immerhin verbummelte sie so eine Menge von der Zeit, die sie sonst nicht zu füllen gewusst hätte. Der einzige Nachteil daran war, dass sie so noch mehr Zeit zum Nachdenken fand.

Vier Tage waren es nur noch bis Heiligabend. Das Haus war längst herausgeputzt und festlich geschmückt, ein Tannenbaum strahlte im Wohnzimmer und ihre Mom wollte schon heute die letzten Einkäufe erledigen. Es drohten also Tage voller Ruhe, die sie sonst so herbeisehnte, nun aber nicht gebrauchen konnte.

Es gab schlicht und ergreifend nichts zu tun! All ihre neuen Freunde schienen schwer im Weihnachtsstress zu sein und hatten kaum Zeit; alle Hausaufgaben waren erledigt, selbst ihren Kleiderschrank hatte sie ausgemistet. Aus purer Langeweile heraus wohlgemerkt! Und lernen? Nein! Immerhin waren Ferien und sie würde lieber zum hundertsten Mal den Grinch im Fernsehen angucken, als ihre Schulbücher auch nur anzufassen.

„Geschafft", murmelte sie wenige Minuten später außer Atem und schob sich, schwer beladen wie sie war, durch die Haustür. „Mom? Ich bin wieder zu Hause!"

„Hallo, Schatz", eilte ihr auch sofort die Stimme ihrer Mutter entgegen. „Wir sind in der Küche!"

„Wir?", murmelte Buffy und runzelte die Stirn. Es hatte sich doch gar kein Besuch angemeldet. ‚Wer ist wir?’, dachte sie, stellte die schweren Taschen auf die Treppe, hängte ihre Jacke auf und machte sich neugierig auf den Weg in die Küche. Doch kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, stockte sie auch schon mitten in der Bewegung. Am runden Küchentisch saßen ihre Mom und Spike!

„Da bist du ja", lächelte ihre Mom. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil du viel länger unterwegs warst, als ich gedacht habe." Sie hielt ihre Tasse hoch. „Möchtest du auch einen heißen Kakao?"

„Nein", erwiderte Buffy vollkommen perplex und schüttelte den Kopf. „Ich habe im Einkaufscenter viel zu viel Cappuccino getrunken", sagte sie und nickte Spike kurz zu. „Hi!"

Der blonde junge Mann erwiderte ihre knappe Begrüßung und noch bevor Buffy nach dem Grund seines Hierseins fragen konnte, plapperte ihre Mom auch schon los.

„Du glaubst nicht, was mir heute passiert ist", rief sie und deutete auf den freien Platz neben sich. „Aber setz dich doch. Es ist sonst so ungemütlich."

Und Buffy setzte sich. Mit einigem Unbehagen zwar, denn da sich die beiden gegenübersaßen, blieb ihr nur die Mitte. „Erzähl schon", forderte sie ihre Mom auf, denn es war bedeutend leichter, sich auf ihre Mutter zu konzentrieren, als auf den jungen Mann, dessen klare blaue Augen gerade auf ihr ruhten.

„Also", begann Joyce. „Du weißt ja, dass ich heute all unsere letzten Weihnachtseinkäufe erledigen wollte. Ich hasse den Stress und die Aufgeregtheit der letzten Tage vor Weihnachten", murmelte sie dann. „Jedenfalls hab ich den ganzen Einkauf im Wagen verstaut, fahr los und dann… also ich sitze im Auto und plötzlich knallt es!" Sie machte eine ausholende Bewegung. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie laut es war und wie heftig ich mich erschrocken habe. Einen Moment habe ich gedacht, irgendwo wäre eine Bombe hochgegangen!"

„Du hattest einen Unfall?" fuhr Buffy aufgeregt hoch.

„Nein. Nicht direkt. Mir ist ein Reifen geplatzt", sagte Joyce und schüttelte wütend den Kopf. „Und glaub ja nicht, dass mir jemand geholfen hat, so verdattert und erschrocken, wie ich auf dem Parkplatz gestanden habe. Wäre William nicht gewesen… ich stünde immer noch mit meinem platten Reifen auf dem Parkplatz."

William’, dachte Buffy und sah den jungen Mann an, der jetzt vage lächelte. Immerhin kannte sie nun seinen Vornamen. „Das war wirklich sehr nett", sagte sie, doch dann runzelte sie die Stirn. „Aber warum", sie sah ihm direkt in die Augen, „entschuldige bitte, aber warum ist er hier? Einen Reifen wechseln…"

„Oh, das ist meine Schuld", gestand Joyce. „Weißt du, ich habe mich wirklich furchtbar erschreckt und noch zehn Minuten später zitterten meine Hände. Darum habe ich ihn gebeten, mich mit unserem Wagen nach Hause zu fahren."

„Verstehe", nickte Buffy und warf wieder einen flüchtigen Blick auf den jungen Mann neben sich. Wie immer war er ganz in Schwarz gekleidet, auch wenn er heute auf ein zerrissenes Shirt verzichtet hatte. Trotzdem war es sehr außergewöhnlich, dass ihre Mom ihm Vertrauen geschenkt hatte, und sie würde zu gerne wissen, warum sie ihn nicht nur um Hilfe gebeten, sondern ihn auch noch eingeladen hatte.

„Kennt ihr beide euch eigentlich?", erkundigte sich Joyce plötzlich und riss Buffy wieder in die Gegenwart.

„Flüchtig. Wir sehen uns hin und wieder in der Schule", sagte William und seine warme Stimme verwunderte das blonde nervöse Mädchen neben sich. Nie zuvor hatte sie ihn so sanft sprechen hören.

„Er ist ein Jahrgang über mir", bestätigte Buffy und da sie nicht wusste, was sie sonst noch sagen sollte, verstummte sie.

„Wie war dein Tag?", erkundigte sich Joyce, um die Stille zu füllen. „Hast du alles bekommen, was du wolltest?"

„Viel mehr als das", seufzte Buffy und zuckte mit den Schultern. „Ich war beladen wie ein Packesel." Doch dann lächelte sie und nahm einen Keks aus der Gebäckdose, die mit herrlichen Weihnachtskeksen befüllt, mitten auf dem Tisch stand. „Aber ich habe… nein! Es ist bald Weihnachten und es soll eine Überraschung bleiben!"

„Haben Sie schon alle Weihnachtseinkäufe erledigt?", wandte Joyce sich an ihren Retter.

„In unserer Familie nimmt Weihnachten keinen so hohen Stellenwert ein", sagte er und sein Blick klebte an Buffys Arm. Genauer gesagt an dem funkelnden neuen Armband. „Ich sollte jetzt gehen", meinte er, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Es ist wirklich schon spät!"

„Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?", fragte Joyce, von seinem übereilten Aufbruch überrascht. Sie sprang auf und warf Buffy einen fragenden Blick zu.

„Nein, danke", erwiderte Spike, nickte beiden Frauen kurz zu und war auch schon durch die Terrassentür verschwunden.

„Was war jetzt das?", fragte Buffy mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie hatte seinen Blick durchaus bemerkt, aber nicht damit gerechnet, dass er so reagierte. Sie hatte sogar das Gefühl, dass das Armband der Grund für seine Flucht war. Doch was konnte das bedeuten? Kannte er vielleicht denjenigen, der es ihr geschenkt hatte?

„Ich habe keine Ahnung", sagte ihre Mom und zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du könntest es mir sagen."

„Nein, Mom. Das kann ich nicht." Aber sie machte sich Gedanken und empfand es als sehr schade, dass er einfach gegangen war. Eine solche Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen, bekam sie gewiss so schnell nicht wieder und sie zuckte traurig mit den Schultern.

 

                                                                                                 *~*~*

 

Einige Stunden später, die Nacht hatte bereits begonnen, lag Buffy auf ihrem Bett und telefonierte mit Willow. Schon seit ein paar Tagen hatten sie sich nicht gesehen und dementsprechend gab es so einiges zu bereden.

„Oh", fiel es Buffy siedendheiß wieder ein. „Du glaubst nicht, wer heute Nachmittag hier war." Sie machte eine erwartungsvolle Pause. „Spike!"

Die Erklärung, die sie daraufhin abgab, verschlang ein paar Minuten und Willow hörte sprachlos zu. „Wer hätte das gedacht", meinte sie schließlich. „Wenn Xander das wüsste, er würde durchdrehen", sagte sie und schluckte schwer. Willow wusste, dass er sich in Buffy verguckt hatte, aber sie wusste auch, dass Buffy diese Gefühle nicht erwiderte.

„Was ich viel außergewöhnlicher fand, war, dass meine Mom sich einem Punk anvertraut hat. Wenn wir schon bei Xander sind, kann ich auch seine Wortwahl übernehmen." Buffy lächelte bei dem Gedanken an ihren dunkelhaarigen Freund. Er würde sich gewiss die Haare raufen, sobald er von Spikes neuen Heldentaten hörte. „Aber weißt du, was wirklich seltsam war? Das er hier seelenruhig saß und mit meiner Mom Kakao trinkt." Sie lachte leise. „Er streut sich übrigens diese kleinen Marshmallows hinein."

„Ich glaube eh, sein ganzes Äußeres ist mehr… hm, ein Schutz würde ich mal sagen." Willows Stimme konnte man anhören, dass sie schwer in Gedanken war.

„Warum?", fragte Buffy und runzelte die Stirn. „Wovor braucht er Schutz?" Sie konnte sich kaum vorstellen, dass es irgendwen gab, der sich ihm freiwillig in den Weg stellte.

„Oh, ähm… nicht diese Art von Schutz. Vielleicht könnte man sagen, es ist eine Tarnung", murmelte Willow am anderen Ende der Leitung. „Wie soll ich das erklären? Weißt du, ich kenne ihn ja persönlich gar nicht, aber man hört halt viel." Sie schluckte hörbar. „Aber ich will nicht, dass du glaubst, ich bin eine Plaudertasche. Ich erzähl dir einfach mal, was ich so alles über ihn gehört habe."

„Okay", sagte Buffy mit gerunzelter Stirn. Willow war eigentlich ein Mensch offener Worte und hielt sich nur zurück, wenn sie die Gefühle ihre Freunde und Bekannten nicht verletzen wollte. Doch, warum das auch für Spike galt, konnte sie nicht verstehen.

„Wo fange ich an?", überlegte Willow. „Also… ich habe gehört, dass Williams Vater ein wirklich übler Kerl war." Sie stockte und Buffy lächelte. Es war typisch für ihre beste Freundin, dass sie durcheinander war und sie wusste, ihre Wangen hatten nun die Farbe von reifen Tomaten.

„Jedenfalls erzählt man sich in der Stadt, dass er seine Familie tyrannisiert und ähm… wohl auch körperliche Gewalt angewendet hat. Spike hat sich ihm dann irgendwann entgegengestellt und … landete daraufhin im Krankenhaus." Willow räusperte sich. „Wie gesagt, das Meiste weiß ich nur vom Hörensagen." Sie machte eine Pause. „Spikes Mom muss wohl, …wie sagt man das nur? Sie lebt in ihrer eigenen Welt und hat nur wenig wirklich wache Momente."

„Ach du Sch…", murmelte Buffy und setzte sich auf. „Und er kümmert sich um sie?" Sie konnte sich kaum vorstellen, wie das für ihn sein musste. „Und wo ist sein Dad?"

„Soweit ich weiß, hat er die Stadt verlassen. Spike hatte ihn angezeigt und er ist lieber verschwunden, als sich dem zu stellen, was er verbockt hatte." Buffy konnte praktisch sehen, wie Willow mit den Schultern zuckte. „Seine Mutter lebt in einem Wohnheim", sie stockte wieder. „Buffy, das, was ich jetzt sage, weiß ich nicht wirklich. Ich gebe nur weiter, was ich gehört habe. Okay?"

„Sicher", nickte Buffy. „Was hast du gehört?"

„Also an dem Befinden der Mutter soll angeblich auch Spikes Vater die Schuld tragen. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber er soll sie so furchtbar geschlagen haben, dass sie schwere Kopfverletzungen davon getragen hat. Und seitdem ist sie… naja, nicht mehr die Alte." Wieder machte sie eine Pause. „Das muss an dem Tag gewesen sein, als Spike sich gegen seinen Vater gewandt hat und selbst übel verletzt wurde. Und Buffy… damals war er erst elf Jahre alt."

„Oh, mein Gott", murmelte Buffy fassungslos. „Jetzt kann ich begreifen, warum…" Und sie glaubte wirklich zu verstehen, warum Spike sich so kleidete, wie er es tat und sich stets für Frauen einsetzte, die dringend Hilfe brauchten. Er hatte Schlimmes erlebt und auch seine abweisende Aufmachung war nachvollziehbar. „Aber wo und wovon lebt er?"

„Vor ein paar Monaten ist er achtzehn geworden und bis dahin hat er wohl bei einem Onkel gewohnt. Aber er ist direkt an seinem Geburtstag ausgezogen", sagte Willow. „Und das muss wohl stimmen, denn ich habe schon öfter gehört, dass er eine eigene Wohnung hat."

„Und wie bezahlt er die?" Buffy staunte nicht schlecht. Sie wäre bestimmt nicht so selbstständig, schon gar nicht, wenn sie soviel durchmachen hätte müssen, wie er.

„Seine Mom muss wohl Geld besessen haben, an das der Vater nicht heran konnte. Offenbar hat ihre Familie schon viel früher gewusst, auf was für einen Mann sie sich da eingelassen hat, und hat dafür gesorgt, dass er nicht an ihr Vermögen gelangen konnte. Außerdem soll Spike computertechnisch einiges los haben. Ich habe gehört, er verdiene eine Menge Geld mit Programmierungen und so etwas."

 

Das Gespräch dauerte noch einige Minuten und erst etwas später fiel Buffy ein, dass sie etwas Wichtiges vergessen hatte zu fragen. Nämlich, ob Willow sich einen Grund für Spikes seltsames Verhalten denken konnte. Sie hatte anfragen wollen, ob nicht vielleicht doch er für ihre täglichen Geschenke verantwortlich sein konnte, oder aber denjenigen kannte, der die aufwändigen Präsente jede Nacht vor ihre Haustür legte.

Doch dann seufzte sie. „Es sind nur noch vier Tage. Und dann werde ich es wohl endgültig erfahren!"

 

Teil 5

Kaum war Buffy wach, da setzte sie sich auch schon auf und sprang nur Sekunden später aus dem Bett. Solange hatte es gedauert, bis in ihr noch träges Hirn durchgesickert war, welcher Tag heute war. Endlich war Heiligabend! Endlich war der Tag gekommen, an dem sich ihr heimlicher Verehrer offenbaren musste!

„Und wehe nicht", drohte sie mit verschlafener Stimme. „Dann werde ich erst richtig böse!"

Die Treppe in die untere Etage hatte sie noch nie so schnell hinter sich gebracht, dann rannte sie praktisch in die Küche und wurde dort von ihrer Mutter gestoppt, die in einen Morgenmantel gehüllt am Tisch saß und sich die erste Tasse Kaffee des Tages gönnte.

„Du bist schon auf?", nuschelte Buffy und warf einen Blick auf die Wanduhr. „Es ist gerade mal fünf Uhr und das ist sogar für einen Frühaufsteher wie dich zu früh."

Joyce lächelte verschmitzt. „Du denkst doch nicht etwa, ich würde mir das entgehen lassen!" Sie stand auf, strich ihrer Tochter die vom Schlaf wirren Haare aus dem Gesicht und gab ihr dann einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Für nichts in der Welt, würde ich das verpassen. Ich muss doch wissen, wie es ausgeht."

„War heute kein Päckchen da?", erkundigte sich Buffy, denn es stand kein Geschenk auf dem Tisch, wie sonst jeden Morgen in diesem Monat. „Oder hast du noch nicht nachgesehen?" Ein dicker Kloß breitete sich in ihrem Hals aus und eine leichte Panik durchflutete sie. Was, wenn ihr aufmerksamer Verehrer kalte Füße bekommen hatte und sich gar nicht mehr meldete?

„Heute gab es kein Paket", lächelte Joyce undurchsichtig, zog einen Briefumschlag aus der Morgenmanteltasche und wedelte damit vor dem Gesicht ihrer Tochter hin und her. Doch bevor sie ihn endgültig überreichte, sah sie sie scharf an. „Du solltest dich vielleicht lieber hinsetzen. Dein Teint hat gerade die Farbe von grünen Oliven angenommen und ich will nicht, dass du mir gleich umkippst!"

Buffy schnappte sich den Brief, folgte dann aber dem Rat ihrer Mutter und setzte sich. Eine lange Zeit starrte sie stumm auf den Umschlag, auf dem in großen Lettern ihr Name stand, und war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob sie ihn öffnen wollte. Vergessen waren all die Tage, an denen sie leise vor sich hin geflucht hatte, weil der Monat einfach nicht vergehen wollte. Jetzt kam Panik in ihr hoch. Sie hatte einen Wunschkandidaten, jemanden, den sie gern als Verfasser hätte. Doch was wäre, wenn ein vollkommen anderer junger Mann ihr all die wunderbaren Geschenke geschickt hatte? Könnte sie mit der Enttäuschung umgehen und was noch viel wichtiger war… was sollte sie dann tun?

Eine lange Zeit hatte Joyce ihre Tochter beobachtet und das Wechselbad der Gefühle in ihrem Gesicht gelesen. Sie konnte ihr gut nachfühlen, goss sich schnell Kaffee nach und setzte sich neben sie an den Tisch. „Du musst das nicht tun", sagte sie und legte ihren Arm um das verstört wirkende junge Mädchen. „Niemand zwingt dich dazu. Wir können ihn auch einfach verbrennen oder… ihn weglegen, bis du bereit bist, ihn zu lesen."

Seufzend sah Buffy auf. „Nein. Ich muss wissen, wer…"

„Trau dich ruhig", lächelte sie ihrer Tochter aufmunternd zu. „Nur weil du vielleicht gleich einen Namen liest, musst du dich nicht verpflichtet fühlen. Du hast nicht um all die Aufmerksamkeiten gebeten, die dein Verehrer dir geschickt hat. Und das weiß er sicherlich auch."

„Ich weiß", murmelte Buffy, nahm sich ein Herz und riss den Briefumschlag auf. Mit fahrigen Fingern angelte sie das Blatt Papier heraus und faltete es auseinander.

Besteht nur die geringste Chance, dich für immer und ewig auf Händen tragen-, und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen zu dürfen? Spike!

Es war genau der gleiche Satz, der sich auch auf den aneinandergereihten Karten auf ihrer Fensterbank abzeichnete und ihr seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging und ihr jedes Mal, wenn sie ihn las, einen dicken Knoten in den Bauch zauberte. Nur diesmal war er unterschrieben und Buffy lachte erleichtert auf. „Es ist Spike! Er ist es doch!"

„Ich weiß", lächelte Joyce.

„Du weißt es? Aber woher?", fragte Buffy vollkommen perplex.

„Er hat es mir erzählt." Joyce lächelte noch immer, während sie in das entsetzte Gesicht ihrer Tochter sah. „An dem Tag, als mir auf dem Supermarktparkplatz der Reifen geplatzt ist. Er sagte mir, er hätte so oder so vorgehabt, sich bei mir zu melden und sich zu erklären. Er wollte nicht, dass ich ihn für einen durchgeknallten Irren halte, der meiner Tochter etwas Böses will."

„Mom!" Buffy hatte ihre Stimme wieder gefunden und schimpfte auch gleich los. „Und das sagst du mir erst jetzt? Das ist so gemein von dir! Du wusstest doch ganz genau, wie aufgeregt ich all die Tage war. Seit Wochen renne ich wie ein aufgeschrecktes Huhn herum, und du hast es nicht nötig, mich aufzuklären." Beleidigt schob sie das Kinn vor. „Das hätte ich nicht gedacht! Ausgerechnet meine Mutter fällt mir in den Rücken!"

„Ach, Schatz", sagte Joyce besänftigend und nahm die vor Aufregung kalte Hand ihrer Tochter. „Ich hätte dir die ganze Spannung, und ihm das fulminante Ende genommen. Und das konnte ich euch beiden nicht antun!"

Erst wollte sie widersprechen, doch dann sackte Buffy in sich zusammen. „Glaubst du… denkst du… das könnte funktionieren? Er ist so ganz anders als ich und ich habe die letzte Zeit viel über ihn nachgedacht. Sein Leben war nicht wie meins, einfach und wohlbehütet." Sie schluckte schwer und zuckte mit den Schultern. „Ich habe so einige Dinge über ihn und seine Familie gehört…"

„An dem Nachmittag, als er hier war, hat er mir eine Menge von sich erzählt", meinte Joyce leise. „Er wollte wohl, dass ich weiß, wer er ist, und deswegen hat er mir auch von seiner Familie erzählt." Diesmal war es an Joyce, mit den Schultern zu zucken. „Wenn ich all die Dinge von anderer Seite gehört hätte, wäre ich möglicherweise voreingenommen gewesen, schon wegen seines Aussehens." Sie lächelte. „Ich denke, genau das hat er auch befürchtet und war deswegen bereit, sich und seine Absichten vorzustellen. Und ich muss ehrlich zugeben, ich hatte Angst, als er auf dem Parkplatz auf mich zukam und mir seine Hilfe anbot. Er sah… naja, schon gefährlich aus, aber schon fünf Minuten später wusste ich, dass viel mehr in ihm steckte, als es den Anschein hatte."

Buffy nickte verstehend. So ähnlich hatte sie auch reagiert, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Doch je mehr sie erfahren hatte, desto mehr hatte sie über ihn wissen wollen und sie war glücklich darüber, dass er sich als ihr heimlicher Verehrer entpuppt hatte. „Mom", begann sie und suchte nach den richtigen Worten. „Ich weiß einfach nicht…"

„Schatz", unterbrach Joyce. „Niemand zwingt dich, aber ich glaube, dass du ihn magst. Und schon deswegen solltest du ihm eine Chance geben. Mehr erwartet er nicht. Das hat er mir gesagt." Sie nahm ihrer Tochter den Brief aus der Hand, las ihn und seufzte schwer. „Ich wünschte, ein Mann würde mir solche Zeilen schreiben. Ich würde dahin schmelzen, noch bevor ich ihn gesehen habe!"

 

                                                                                            *~*~*

 

„Gott, ich bin ja so aufgeregt", murmelte Buffy ihrem Spiegelbild entgegen. Wie oft sie sich schon umgezogen hatte, vermochte sie nicht mehr zu sagen, doch der Stapel auf ihrem Bett türmte sich einen halben Meter hoch. Jetzt aber war sie zufrieden. Die schwarze enge Hose stand ihr ausgezeichnet, die hohen Stiefel ebenso und der wollweiße, kuschelig weiche Pullover passte wie angegossen.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihren Wecker und sofort zog sich ihr Magen wieder zusammen. Langsam aber sich war es an der Zeit, sich auf den Weg zu machen. Auf der Rückseite der Nachricht hatten eine Uhrzeit und ein Treffpunkt gestanden und obwohl heute Heiligabend war, hatte ihre Mom nichts dagegen, dass sie ausging.

„Solche Dinge geschehen nicht oft im Leben", hatte sie gesagt und ihr zugezwinkert und Buffy hatte ihr im Stillen Recht gegeben. Nie zuvor hatte sie von jemanden gehört, der sich soviel Mühe gegeben hatte, nur um ein Date zu bekommen.

„Können wir los?" Joyce steckte den Kopf durch die Tür und sah ihre Tochter fragend an.

„Ja", die jüngere der Summers seufzte theatralisch, doch dann gab sie sich einen Ruck und zusammen verließen die beiden Frauen das Haus.

 

                                                                                            *~*~*

 

„Mom", sagte Buffy und krächzte dabei. Sie starrte auf den Eingang in den Park und seufzte schwer. „Findest du diesen Treffpunkt nicht ein wenig… sonderbar?"

„Ganz und gar nicht", erwiderte die Angesprochene. „Meiner Meinung nach hat er gut gewählt. Das Bronze oder ein anderer Club wären erstens zu voll und zweitens wäre es viel zu laut, um sich zu unterhalten und kennenzulernen. Und ganz ehrlich? Bei ihm Zuhause hättest du dich schnell gefangen fühlen können, wenn es nicht so läuft, wie du dir das vorstellst."

Buffy nickte, öffnete die Beifahrertür, aber noch bevor sie einen Schritt auf den Gehweg gemacht hatte, drehte sie sich wieder um. „Wenn es gut läuft… also wenn… ach, du weißt schon, was ich meine", seufzte sie und verdrehte die Augen. „Kann ich ihn dann für Morgen zu uns einladen? Immerhin ist Weihnachten und auch, wenn es unser erstes gemeinsames hier in Sunnydale ist… ich möchte nicht, dass er die Feiertage ganz alleine verbringen muss."

„Lade ihn einfach ein", nickte Joyce und scheuchte ihre Tochter aus dem Wagen. „Hab einen schönen Abend, mein Schatz." Sie lächelte. „Und erinnere ihn daran, dass er versprochen hat, dich rechtzeitig nach Hause zu bringen!"

Eine halbe Ewigkeit starrte das nervöse blonde Mädchen dem davonfahrenden Wagen der Mutter nach, dann seufzte es tief und blickte auf das Tor, das ihm Einlass in den in Dunkelheit getauchten Park gewähren würde. „Oh je", murmelte sie leise, doch dann marschierte sie mutig los.

Kaum hatte sie den Park betreten, da wusste sie auch schon, wo sie hinmusste. Einer der Pavillons, der ganz in der Nähe unter den nun blattlosen Bäumen stand, war hell erleuchtet. Von hunderten von Kerzen, wie es den Anschein hatte.

Mit weichen Knien ging sie darauf zu, erklomm die zwei Stufen und staunte über die unzähligen Teelichter, die rings um den Pavillon herum auf dem Geländer standen. In der Mitte des offenen Raumes lag eine ausgebreitete Decke und darauf lag eins der Päckchen, die sie schon an der Verpackung erkannte. Daneben stand ein Picknickkorb und zwei Gläser, doch von Spike war weit und breit nichts zu sehen.

Leicht enttäuscht ließ sie die Schultern hängen, doch dann vernahm sie leise Schritte hinter sich und wirbelte herum.

„Ich war mir nicht sicher, ob du kommst." Da stand er und wirkte genauso unsicher, wie sie sich fühlte. Anders als gewöhnlich hatte er diesmal auf ein komplett schwarzes Outfit verzichtet und trug nun einen blauen Pullover, der die Farbe seiner Augen widerspiegelte.

„Ich war mir auch nicht ganz sicher", sagte sie leise und versuchte ein Lächeln. Eine Pause entstand, die Buffy schließlich durchbrach. „Ich möchte mich bei dir bedanken. Für all die Geschenke und für das Gefühl … etwas ganz Besonderes zu sein." Sie spürte, wie sie rot wurde und verstummte.

„Du bist etwas Besonderes", erwiderte er ebenso leise. „Das wusste ich schon, als ich dich das erste Mal gesehen habe."

Wieder breitete sich Schweigen aus und jeder Satz, der Buffy durch den Kopf schoss, schien viel zu belanglos, um ihn laut auszusprechen. Schließlich seufzte sie. „Ich habe nicht gewusst, dass das so schwer sein kann." Sie sah ihn verlegen an. „Eine Unterhaltung zu beginnen, meine ich."

Spike lachte. „Geht mir genauso. Außerdem", fügte er fast flüsternd hinzu, „habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass du meiner Einladung folgen würdest."

„Warum?" Die Frage war schneller über ihre Lippen, als sie denken konnte und Buffy ärgerte sich. Doch nun war die Frage gestellt und sie wartete gespannt auf die Antwort.

„Weil ich, wie dein Freund Xander es stets so treffend formuliert, ein Punk bin!"

„Du hast deine Ohren wohl überall!" Buffy musste lachen, doch da sein Gesicht ernst blieb, schüttelte sie schnell den Kopf. „Mir ist ehrlich gesagt egal, was andere von dir halten oder ob sie denken, dass du ein Punk bist." Sie lächelte sachte. „Wer solche Dinge macht wie du, wer sich soviel Mühe gibt…" Sie stockte und tat das, was sie für angebracht hielt. Sie ging auf ihn zu und nahm seine Hand. „Alles was mir einfällt, sagt nicht das aus, was ich gerne sagen möchte." Sie lachte wieder. „Ich bin schrecklich nervös."

„Was möchtest du denn gerne sagen?" Seine Stimme war sanft und er ließ sie keine Sekunde aus den Augen.

„Danke", murmelte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und näherte sich langsam und vorsichtig seinem Gesicht. „Und das hier", flüsterte sie und küsste ihn Sekundenbruchteile später.

Es dauerte einen Moment, bis Spike antwortete. Seine Stimme klang dabei rau und heiser und seine Augen strahlten. „Würdest du das bitte noch einmal sagen? Ich glaube, ich habe dich nicht richtig verstanden."

„Aber sicher", lächelte Buffy mit rot glühenden Wangen und küsste ihn ein weiteres Mal. „Und ich wiederhole es gerne so oft, bis du mich auch ganz sicher verstanden hast."

„Ich verlass mich darauf", murmelte Spike, nahm ihre Hände und zog sie ganz nah an sich heran. „Manchmal", lächelte er, „kann ich nämlich furchtbar begriffsstutzig sein."

„Und ich habe alle Zeit der Welt, es dir wieder und wieder zu erklären", hauchte Buffy, doch dann lag sie auch schon in seinen Armen und die Welt um sie herum hörte auf zu existieren.